Friedenstaube für das Habsburger-Heer

Heute, am 21. September, ist der Internationale Tag des Friedens. Eigentlich sollte ja jeder Tag ein solcher Friedenstag sein. Formell haben ihn die Vereinten Nationen 1981 ausgerufen. Der heutige Tag ist jedenfalls die Gelegenheit, einmal eine böhmische Friedenstaube vorzustellen.

Diese in lokalem Sandstein gemeißelte Taube befindet sich auch dem Denkmal für Gefallenen des Ersten Weltkriegs (Pomník Obětem 1. světové války) in dem kleinen Ort Hořín, der rund 25-30 Kilometer nördlich von Prag gelegen ist. Die Taube mit Ölzweig als Friedenssymbol kann auf eine lange Geschichte zurückschauen. In der Bibel findet man die Taube im 1.Buch Mose 8:11. Sie gehört zur Geschichte von der Sintflut, mit der Gott die sündigen und gewalttätigen Menschen bestrafen und vernichten will, also ihnen geradezu den Krieg erklärt. Nur der fromme Noah und seine Familie nebst allerlei Getier überleben. Als Zeichen, dass die Flut endet, schickt Gott ihnen die Taube mit dem Ölzweig. Sie stand damit für den Frieden, den Gott am Ende dann doch mit den Menschen schließt.

Als politisches Friedensymbol setzte sich der Vogel aus der Spezies der Columbidae 1949 durch, als kein Geringerer als Pablo Picasso aus ihr das Symbol – heute würde man sagen „Logo“ – des Weltfriedenskongresses in der französischen Hauptstadt Paris machte. Seither konnte sich die Taube manchmal vor politischem Missbrauch (häufig seitens der Kommunisten, die sich sonst eher nicht christlicher Symbolik bedienten) nicht wehren, was aber ihren Siegeszug in der politischen Ikonographie nicht verhinderte.

Davon war man aber um 1920, als vermutlich das Denkmal in Hořín errichtet wurde, noch weit entfernt. Hier dürfte die Taube mit Zweig noch als traditionelles und rein christliches Symbol des Friedens zu sehen sein. Nicht nur das lässt das Denkmal in einem recht wenig religiös gestimmten Land auffällig erscheinen. Die tschechische Denkmalskultur nach dem Ersten Weltkrieg war im Kern durch und durch vom Nationalismus eines neu entstandenen Landes, der Tschechoslowakei, geprägt, hatte aber dabei noch andere Erwägungen einzubeziehen. Das soldatische Leittbild der Ersten Republik prägten im wesentlichen die Tschechoslowakischen Legionen, die nicht für die Armee der Habsburgerreiches (zu dem die Tschechen ja gehörten), sondern auf Seiten der Alliierten gegen Kakanien kämpften (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier, hier und hier), um so die Unabhängigkeit des Landes zu erlangen. Man sieht daher in Tschechien durchaus etliche Denkmäler mit Statuen von Legionären in russischen, französischen oder italienischen Uniformen. Aber natürlich wusste man, dass die Legionäre nur eine Minderheit waren, und dass die allermeisten Tschechen in Wirklichkeit brav in der Habsburger Armee dienten und enorme Opfer erbrachten. Es wäre gegenüber den Angehörigen ein beispielloser und unverdienter Affront gewesen, hätte die Gedenkkultur sie bei Gefallenendenkmälern „unter den Tisch“ fallen lassen. Um dem so entstehenden Wirrwarr zu entgehen, vermied man bei der Begrifflichkeit oft möglicherweise diskriminierende Unterschiede wie „Soldat“ oder „Legionär“ Man schrieb von Opfern oder Gefallenen und die bildliche Darstellung blieb oft recht abstrahierend (Beispiel hier).

Umso ungewöhnlicher, dass auf dem Kriegerdenkmal hier in Hořín auf dem Relief direkt unter der Friedentaube ein sich von Frau und Kind verabschiedender Soldat abgebildet ist, der ganz eindeutig die Uniform des Österreichischen Heeres trägt. Das war in der Gedenkkultur der neuen Tschechoslowakei äußerst ungewöhnlich, dass die Opfer, die für die Habsburger-Armee (die damals von Jaroslav Hašek in seinem Schelmenroman über den Soldaten Švejk auf die Schippe genommen wurde) erbracht wurden, so in den Mittelpunkt gerückt wurde. Ich kenne in Tschechien kein anderes Beispiel dafür. War man in Hořín damals noch dem Kaiser treu? Möglicherweise hatte auch niemand von dort für die Legionen gekämpft. 10 Namen von Gefallenen (alle bis auf einen tschechisch, nicht etwa österreichisch/deutsch) stehen dem Denkmal. Der Ort, der heute so eine Art Vorort von Mělník ist, muss damals noch sehr klein gewesen sein. Er musste anscheinend einen recht hohen Blutzoll zahlen. Vielleicht wollte man gerade mit der österreichischen Uniform ausdrücken, dass auch diese Opfer im Namen Österreich-Ungarns ebenso zu betrauernde Opfer waren, derer man gedenken solte, wie es die Opfer unter denen waren, die für die unabhängige Tschechoslowakei kämpften. Den Bildhauer des Denkmals konnte ich nicht eruieren. Auf der Rückeite steht wohl der Namenszug „Novotný-Libich“. Wer sich dahinter verbirgt, weiß ich nicht. Die Inschrift auf der Bronzetafel unter dem Relief des Soldaten lautet: „1914-1918. Na paměť utrpení prolité krve a hořkých slz!“ (1914-1918. In Erinnerung an das Leiden vergossenen Blutes und bitterer Tränen!). Und datrunter steht: „Věnují místní spoluvojíni a spoluobčané“ (Gestiftet von den örtlichen Mitsoldaten und Mitbürgern). Und über allem thront die Friedenstaube mit ihrem Ölzweig. (DD)

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