Spital ohne Salieri

Ein düsterer Gang. Schritte ertönen. Irgendwo hinter einer dieser Zellentüren sitzt er. Manchmal grimmig grinsend und vom Wahn umfechelt, erzählt er seinen Besuchern, wie er dereinst den verhassten Erzrivalen Wolfgang Amadeus Mozart umbrachte, der doch so viel mehr Talent hatte als er selbst.

Nein, Antonio Salieri hat Mozart nicht umgebracht. Und er endete auch nicht wahnsinnig in Prag, sondern geistig gesund in Wien. Aber hier in einem der düsteren Zellentrakte fristete Salieri in dem berühmten und phantasievollen Film Amadeus (1984) des tschechisch-amerikanischen Regisseurs Miloš Forman sein schauriges Lebensende.

Wäre Salieri aber in Prag gestorben, dann hätte es durchaus dieser Ort sein können, denn es handelt sich hier tatsächlich um ein altes Spital, das zu seinen Zeiten auch als ebensolches in Betrieb war. Drehort für die Szenen war nämlich die alte Invalidenanstalt (Invalidovna) im Stadtteil Karlín (Prag 8). Bei der Invalidovna handelt es sich um eines der imposantesten und größten Barockgebäude in ganz Prag – möglicherweise sogar das größte in Tschechien. Erbaut wurde es in den Jahren 1731 bis 1737 von dem Architekten Kilian Ignaz Dientzenhofer, der wohl bedeutendste Barockbaumeister seiner Zeit in Prag (frühere Beiträge u.a. hier und hier).

Finanziert wurde die Anstalt (mit einiger Verspätung) aus dem Erbe von Peter Strozzi, Graf zu Schrattenthal, einem kaiserlichen Feldmarschall des Dreissigjährigen Krieges, der sein späteres Leben größtenteils der Wohltätigkeit widmete und die Verwendung seines Erbes für invalide Veteranen verfügte. 1728 ordnete Kaiser Karl VI. an, dass das Geld der Veteranenstiftung, die der schon 1694 verstorbene Strozzi gestiftet hatte, in Prag angelegt werden solle. Als Vorbild schwebte ihm dabei das bereits seit 1676 bestehende Hôtel des Invalides in Paris vor. Vor dem Gebäude ehrt ein Denkmal mit seiner Büste, geschaffen 1898 im Stil des Neobarock von dem Bildhauer Mořic Černil, den edlen Spender.

Die von stilisierten dorischen Pilastern (die dorische Säulenordnung ist typisch für militärische Gebäude) strukturierte und zwei Risaliten unterbrochene Hauptfassade ist mit über 120 Metern Länge geradezu erschlagend. Nun ja, immerhin war das Gebäude anfänglich für 4000 meist kriegsversehrte Veteranen (teilweise mit Familien) vorgesehen, was aber nicht realisiert werden konnte. Die Fläche hätte das neunfache des heutigen Areals betragen – wahrhaft gigantisch! Der Komplex, so wie er dann gebaut wurde, fasste immerhin 1000 Veteranen. Und auch das setzte ein Gebäude von enorm riesigen Ausmaßen voraus. Offiziere und Familien bekamen eigene kleine Wohnungen zugeteilt, alleinstehende arme Veteranen wurden in Schlafsälen untergebracht.

Über den Risaliten befinden sich Skulpturen des Barockbildhauers Matthias Bernard Braun. Sie zeigen klassische Kriegstrophäen, die den militärischen Charakter des Gebäudes unterstreichen. Trotzdem gehörte das Gebäude übrigens nicht dem Militär selbst, sondern wurde auf Wunsch Strozzis vom Erzbistum Prag betrieben. 1814 wurde es dann einem eigens eingerichteten Indivalidenfonds übertragen.

Nach dem Ende des Habsburgerreichs wurde die Invalidovna dem Verteidigungsministerium der neuen Tschechoslowakischen Republik übertragen, das es zunächst weiter als Spital betrieb. 1920 erfolgte eine umfassende Modernisierung, die vor allem eine Elektrifizierung herbeiführte. 1935 wurde das Spital aufgelöst und das Militärhistorische Archiv zog hier. Dem wurde 2002 das Große Hochwasser zum Verhängnis, das im niedriggelegenen Karlín besonders heftig wütete. Die Archivalien wurden mehr oder minder völlig vernichtet und das Gebäude nahm schweren Schaden, der bis heute nicht völlig behoben ist.

Deshalb kann man das Gebäude an den meisten Tagen nur von außen besichtigen (was sich lohnt, zumal die Fassaden an jeder Seite unterschiedlich strukturiert sind – im Bild rechts sieht man die m.E. wesentlich mit ihren roten Halbsäulen wesentlich pittoresker als die Hauptfassade gestaltete östliche Seite. Es ist geplant, hier ein Kulturzentrum mit einem Museum des alten Habsburgischen Militärs in Böhmen einzurichten. Der tschechische Staat hat Geld für ein umfangreiches Sanierungsprogramm zur Verfügung gestellt.

Zwischen April und Oktober kann man an Freitagen und Wochenenden (oder zu speziellen Anlässen) das Innere gegen Eintrittsgeld während einer (tschechischen) Führung besichtigen. Durch einen mit phantasievollen Skulpturen versehenen Ganz kommt man in einen schönen, mit Bäumen bewachsenen Innenhof.

Drinnen kann man den Nachholbedarf an Renovierung beklagen, aber auch Erstaunliches besichtigen. Etwas spukig, aber dem Status als Hospital und Alterswohnsitz für Kriegsveteranen thematisch sehr angemessen, sind die barocken Statuen in den unteren Wandelgängen und Treppenhäusern. Sie stellen Soldaten in Ritterrüstungen dar, denen aber stets Gliedmaßen – meist ein oder zwei Arme – fehlen. Es ist eine Erinnerung daran, wie hart und gefahrenreich das Soldatenleben in der Habsburgerarmee war. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie es erst gewesen wäre, wenn Strozzi dieses Hospital nicht gespendet hätte und die verkrüppelten Veteranen auf der Straße ihr Leben durch Betteln hätten fristen müssen (was vorher wohl die Regel war)….

Und dann ist da noch die Kapelle zum Heiligen Kreuz (Kaple svatého Kříže), die im Erdgeschoss – ebenfalls von Dientzenhofer – erbaut wurde. Die Veteranen brauchten sicher geistlichen Beistand und hier wurde für ihn gesorgt. Das Innere der Kapelle, die ebenfalls stark renovierungsbedürftig ist, befindet sich aber nicht mehr im barocken Originalzustand. Mehrfach wurde sie inzwischen grundlegend umgestaltet.

Schon 1892 wurden sämtliche barocken Wandmalereien übertüncht. Neuere kunsthistorische Forschungen konnten ihre Existenz nachweisen. Einige Reste der nunmehr neuen Malerei im historistischen Stil kann man heute stattdessen vor allem an der Decke bewundern. Es handelt sich meist um recht zurückhaltende Ornamentik. Wirklich auffallend sind jedoch die Glasfenster, die noch 1935 – kurz vor der Schließung des Hospitals – eingefügt wurden. Es handelt sich um geradezu herrlich kitschige Engels- und Heiligenbilder. Sie waren vermutlich schon damals stilistisch irgendwie aus der Zeit gefallen, wirken aber letztlich schon recht charmant.

Ach ja, Amadeus mit dem verrückten Salieri war nicht der einzige berühmte Film, der hier gedreht wurde. Das Areal bietet einfach unzählige Möglichkeiten für Filmkunst und unzählige Filme wurden auch hier gemacht. 2004 filmte man u.a. hier zum Beispiel Szenen für den amerikanischen Grusel-Fantasy-Film Hellboy. Zwei Jahre zuvor lief das Remake von Doktor Schiwago (nicht der tolle Film mit Omar Sharif!), für den auch einige Szenen hier gedreht wurden. Und wer denkt, die deutsche Krankenhaus-Fernsehserie Charité (2017) wurde tatsächlich in der Charité gedreht, liegt falsch. Auch hier war der Drehort die Invalidovna. Von einem Filmdreh findet man sogar noch Spuren. Einige Szenen der US-Fernsehserie Genius (2017ff), die von Albert Einstein handeln, wurden hier gefilmt. In seinem Film-Apartment hier sieht man noch an die Wand gekritzelte und in Türglas gekratzte Formeln, mit denen sich das Genie hier befasste.

Dies und vieles mehr mach die Invalidovna zu einem spannenden Ausflugsziel – nicht nur für Mozart- und Salierifans! Jetzt muss nur mit dem Renovieren begonnen werden. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Man sieht aber immerhin, was für ein Potential dieses Gebäude für ein Museums- und Kulturzentrum hat. Aber man sieht auch, wieviel Geld und Mühe es kosten wird, bis es damit soweit ist. (DD)

Erste Nobelpreisträgerin – geboren in Prag

Sie ist die historische Ikone der deutschsprachigen Friedensbewegung: Bertha von Suttner. Nicht jedermann weiß, dass sie eigentlich in Prag geboren wurde und das sogar in einem der Prachtpaläste der Altstadt.

Als Bertha Sophia Felicita Gräfin Kinsky von Wchinitz und Tettau wurde sie nämlich 1843 im Palais Kinský (palác Kinských) am Staroměstské nám. 1/12 (Altstädter Ring) geboren – die Rolle der Sozialrebellin und Friedenskämpferin war ihr so nicht in die Wiege gelegt worden.

Aber sehr schnell wurde ihre enorme Willenskraft sichtbar, sich über tradierte Konventionen hinwegzusetzen, etwa als sie 1876 den an Jahren jüngeren Arthur von Suttner gegen den Willen von dessen Familie heiratete (er wurde darob enterbt!), mit ihm eine Zeit lang im Kaukasus lebte, wo sie 1877 die Gräuel des Russisch-Türkischen Krieges sah und ihre publizistische Tätigkeit für den Weltfrieden begann. Sie wollte nun „dem Krieg den Krieg erklären“. Ihr 1889 veröffentlichter Friedensroman Die Waffen nieder wurde in unzählige Sprachen übersetzter Weltbestseller – und verschaffte ihr Ruhm, aber auch nicht wenige politische Gegner, vor allem im deutschnationalen Lager. „Friedens-Bertha“ nannte man sie dort abfällig.

Ihren Ruhm nutzte sie nun, um zahlreiche internationale Friedensorganisationen, etwa die Österreichische Gesellschaft der Friedensfreunde (1891) und die Deutsche Friedensgesellschaft (1892) ins Leben zu rufen und zu unterstützen. Sie organisierte Friedenskonferenzen, darunter die wichtige Erste Haager Friedenskonferenz. Die Ideen der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit und der Abrüstung standen dabei im Mittelpunkt. Immer wieder warnte sie vor der Konflikteskalation zwischen den europäischen Großmächten. Sie starb 1914 – kurz bevor jener Erste Weltkrieg begann, vor dem sie immer gewarnt hatte.

An ihrem Geburtsort, dem Palais Kinský (wir berichteten hier), hat man sich erst 2006 ihrer angenommen, als die Gedenktafel mit Büste im Eingangsbereich des Kinský Palastes in Gegenwart Prominenter aus der Politik enthüllt wurde. Sie ist das Werk des Malers und Bildhauers Jan Hendrych, der übrigens in den Zeiten des Kommunismus einen Suttner fast ebenbürtigen Grad an Widerständigkeit gezeigt hatte und wegen seiner Proteste gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 nur noch als Restaurator, nicht aber als Künstler arbeiten durfte – bis ihm 1989 die Samtene Revolution wieder die Freiheit schenkte.

Die Tafel erinnert in Tschechisch und in Englisch daran, dass mit Bertha von Suttner hier im Kinský Palast die erste Frau geboren wurde, die einen Nobelpreis erhielt. 1904 sprach man ihr den Friedensnobelpreis zu – jenen Preis, dessen Stiftung sie selbst mit angeregt hatte als sie 1876 für kurze Zeit bei Alfred Nobel als Privatsekretärin arbeitete. Für viele Bewunderer war sie die Erfinderin und Nobel „nur“ der Finanzier des Preises. (DD)

Maria als Zankapfel

Dass eine Mariendarstellung über ein Jahrhundert lang ein politischer Zankapfel sein kann, der die Gemüter zur Wallung bringt, kommt nicht oft vor – ist doch die konfessionelle Spaltung Europas früherer Jahrhunderte durch den Geist der Ökumene gebändigt worden. Aber die Prager Mariensäule (Mariánský sloup) auf dem Altstädter Ring (Staroměstské náměstí) hat sich ihren Status als Zankapfel bewahren können. Nach langen und heftigen Streitereien darf sie seit diesem Sommer wieder den Platz schmücken.

An diesem Fall kann man das Auf und Ab der Geschichte des Landes hautnah studieren. Ursprünglich wurde sie am 22. Juni 1650 auf Geheiß von Kaiser Ferdinand III., einem Habsburger, hier aufgestellt. Einer der berühmtesten böhmischen Bildhauer der Zeit, Johann Georg Bendl, hatte sie entworfen und künstlerisch sehr gelungen gestaltet. Zwei Jahre zuvor wurde der Dreissigjährige Krieg, der ja 1618 von Prag ausgegangen war, beendet. Noch ganz zum Schluss, 1648, hatten die Schweden erfolglos versucht, die Stadt einzunehmen und wurden zurückgeschlagen. Die Statue auf der Säule sollte dies feiern. Soweit, so gut, und auch nicht ungewöhnlich.

Aber irgendetwas war schon anders. Um es zu verstehen, beginne man mit der lateinischen Inschrift auf dem Sockel, der auf Deutsch etwa lautet: „Der ohne Makel der Erbsünde empfangenen jungfräulichen Gottesmutter errichtete der Kaiser aus frommem und gerechtem Dank für die Verteidigung und Befreiung der Stadt dieses Standbild.“ Ja, die Verteidigung gegen die Schweden war etwas, dass man durchaus ungeteilt feiern konnte. Aber die Befreiung? Jetzt kommt die Position der Säule ins Spiel. Die Maria, die eine geflügelte Drachengestalt als Symbol des Bösen niedertritt, schaut genau auf jene Stelle des Platzes, die heute mit 27 Kreuzen markiert ist – den Ort der brutalen Hinrichtung der Anführer des Böhmischen Ständeaufstandes von 1618, die im Juni 1621 stattfand. Mit diesem Aufstand wollten die Repräsentanten Böhmens die Freiheit des Landes vor den absolutistischen Bestrebungen des Habsburgers Ferdinand II. schützen. Das leitete zunächst den Dreissigjährigen Krieg und danach eine Periode der religiösen Unfreiheit und den Verlust der staatlichen Eigenständigkeit Böhmens ein, die durch das blutige Spektakel der Hinrichtungen eingeleitet wurde..

Als „Temno“ – die Finsternis – bezeichnete die nationale Geschichtsschreibung später diese Zeit. Man nahm – wohl nicht ganz ohne Grund – an, dass Maria hier die zuvor freien Böhmen und die Protestanten als „Monster“ niedertritt und sich an dem Anblick des Hinrichtungsortes die Augen weidet. Und noch lange Zeit wurden auch andernorts in Böhmen Mariensäulen errichtet, die dem Muster der Säule auf dem Altstädter Ring im wesentlichen folgten, und die immer auch als Loyalitätsbezeugung zum Herrscherhaus galten – wie etwa diese hübsche, im Jahr 1813 entstandene Mariensäule (kleines Bild oberhalb) vor dem Rathaus im Stadttteil Dolní Počernice.

Diese Sicht, die Säule als bloße Herrschaftslegitimierung zu betrachten, greift insgesamt natürlich zu kurz und mag überzogen sein. Säulen dieses an für sich „unpolitischen“ Typus gab es ja auch außerhalb des Habsburgerreichs. Und tatsächlich war später die Säule eher ein Ort der genuinen Volksfrömmigkeit statt der triumphalistischen Rachsucht. Wie hoch die Emotionen aber trotzdem gingen, zeigte sich noch im Juni 2019 – am Jahrestag der Hinrichtungen der Aufständischen – bei einer Demonstration, bei der die Teilnehmer Schilder mit Namen der Hingerichteten hochhielten und statt der Wiedererrichtung der Mariensäule ein Denkmal für die Opfer forderten.

Die Mariensäule war ja schon am 31. Oktober 1918 vom Platz verschwunden. Drei Tage zuvor hatte die Tschechoslowakei ihre Unabhängigkeit vom Habsburgerreich erklärt. Auf dem Altstädter Ring fanden riesige Freudendemonstrationen statt. Jetzt marschierten sozialistische Aktivisten unter der Führung des Arbeiterschriftstellers František „Franta“ Sauer (der angeblich, inzwischen wohl fromm geworden, seine Tat 1947 auf dem Totenbett bereute) zur Mariensäule und zerstörten sie nach einigen kleineren Rangeleien mit katholischen Gläubigen. Nur Fragmente (kleines Bild links) konnten noch gerettet werden, die dann im Lapidarium, der Steinskulptursammlung des Nationalmuseums, landeten. Den Kopf der Maria fand man noch 1957 in einem Prager Antiquitätenladen. Bürgerliche Politiker der jungen Republik unterstützten den Abbruch offziell nicht, äußerten aber im Nachhinein Verständnis. Präsident Tomáš Garrigue Masaryk fasste die Reaktion zusammen, als er meinte, eigentlich sei es gut, dass die Mariensäule verschwunden sei, weil „die Statue für uns eine politische Demütigung war.“

Und niemand dachte später daran, die Säule wieder aufzurichten – weder die Republik, noch die Nazis und schon gar nicht die staatsatheistischen Kommunisten. Die Diskussion darüber wurde erst wieder möglich, als 1989 der Kommunismus fiel und Demokratie samt Meinungsfreiheit Einzug hielten. Im April 1990 wurde in Prag die Gesellschaft für die Wiedererrichtung der Mariensäule (Společnost pro obnovu Mariánského sloupu na Staroměstském náměstí v Praze) mit immerhin rund 500 Mitgliedern gegründet, die emsig und beharrlich für den Wiederaufbau agitierte. Sie konnte darauf hinweisen, dass die religiösen Grabenkämpfe, die zur Zerstörung führten, überwunden sei, die Säule aber aus stadt- und denkmalpflegerischen Gründen einfach an ihren Platz auf dem Altstädter Ring gehörte.

Und dafür gab es gute Gründe. Einer war eher unpolitisch. Auf dem Platz befindet sich eine berühmte Sehenswürdigkeit, nämlich der Prager Meridian (wir berichteten hier), der eigentlich als Zeitmesser die Mittagsstunde anzeigen sollte, und zwar wenn der Schatten der Spitze der Säule genau darauf fiel. Kurz: Seit 1918 war der Meridian zwar die ganze Zeit da, aber in Sachen Zeitbestimmung doch irgendwie nutzlos. Auf dem Bild links, das während der Aufbauarbeiten für die Säule im April 2020 entstanden ist, sieht man, wie sich das gerade ändert. Der bronzene Meridian läuft zentral auf den Sockel der Säule hin.

Aber es gibt auch einen geschichtspolitisch relevanteren Grund, den man anführen kann, und der vielleicht sogar diejenigen überzeugen konnte, die die Mariensäule als ein Symbol von Unterdrückung und Schande sahen. Denn es hatte schon einmal eine subtile Art des Protestes gegen die Säule gegeben, als diese noch stand, nämlich das Denkmal für Jan Hus, dem Frühreformator der Tschechen, der 1415 auf dem Konzil von Konstanz den Märtyrertod starb (wir berichteten hier). Zu seinem 500. Todestag wurde 1915 das gigantische, ja überdimensionierte (Gegen-) Denkmal des Bildhauers Ladislav Šaloun von tschechischen Nationalisten und unter dem Missmut der Obrigkeit errichtet. Der überlebensgroße Hus blickte damals grimmig die Säule mit der Maria an, die wiederum triumphierend die Hinrichtungsstätte von 1621 anschaute. Nach der Zerstörung der Mariensäule schaute Hus ins Leere und im Grunde war damit auch ein historisches Geflecht von Aktion, Reaktion und Gegenreaktion zerstört. Mit dem Wiederaufbau de Säule konnten nun historische Sinnzusammenhänge wieder sichtbar werden. Und Jan Hus hat, wie man oberhalb rechts sieht, wieder etwas, das er böse anschauen kann. Hus und Maria bedingen irgendwie einander…

Treibende Kraft der Bewegung zur Wiederaufstellung wurde der Bildhauer Petr Váňa, der 1997 damit begann, in Eigeninitiative eine genaue Replik der Mariensäule herzustellen, die dann am Originalort aufgestellt werden sollte. Anträge für eine Genehmigung zur Aufstellung lehnte der Rat wegen massiver Protest lange Zeit ab. Váňa blieb hartnäckig und machte mit großen PR-Aktionen – er ließ unter anderem die fertige Säule auf einem Boot die Moldau hinauffahren – sein Anliegen publik. 2013 genehmigte der Rat die Aufstellung zwar aus Gründen der Stadtbildpflege, aber das Ordnungsamt weigerte sich lange, die zum Aufbau des bereits fertigen Denkmals nötige Absperrung zu genehmigen. 2017 kippte eine neue Ratmehrheit die Genehmigung. 2019 versuchte darob Váňa, die Säule illegal in einer Art „Guerilla-Aktion“ aufzustellen, woran ihn die Polizei aber hinderte. Schließlich kam im Januar 2020 wieder eine Genehmigung (weil sonst das Ganze endgültig zur Posse geworden wäre), die dann auch durchgesetzt wurde.

Dem war übrigens ein versöhnliches und sehr ökumenisch gedachtes Signal vorausgegangen. Die nach den Hinrichtungen von 1621 zwangskatholisierte (und heute immer noch kaltholische) Teynkirche, die neben dem Denkmal steht, und die zuvor den Hussiten gehörte, wurde 2018 wieder mit dem hussitischen Symbol des Kelchs an der Fassade versehen – ein Akt der Versöhnung und vielleicht auch der Abbitte seitens der katholischen Kirche. So wurde endlich ein Klima vorbereitet, in dem nicht mehr ererbte nationale oder religiöse Konflikte, sondern denkmalpflegerische und städtebauliche Aspekte die Oberhand behielten. Kurz: Am 4. Juni 2020 konnten Váňa und seine Mitstreiter den Abschluss der Aufstellung der Mariensäule vermelden.

Noch einige Worte zur Gestaltung der Säule selbst: Die Säule steht auf einem Sockel, der wiederum auf einem fast tischförmigen Podest ruht. In dem freien Raum darunter befand sich ursprünglich die Kopie eines Marienbildes aus Stará Boleslav, das einst dem böhmischen Nationalheiligen Wenzel gehörte und als Palladium Böhmens bekannt ist – als Schutzheiligtum des Landes. Dadurch wurde eine geschickte Verbindung des durch die Säule symbolisierten Herrschaftsanspruchs der Habsburger und der politisch-religiösen Traditionen der Tschechen erreicht. Tatsächlich trug das Marienbild dazu bei, viele Prager mit der Säule zu versöhnen und zum Gegenstand von Völksfrömmigkeit zu machen. Man hat nun keine genaue Kopie, aber doch eine Marienikone hier wieder eingefügt – geschützt durch ein vergoldetes Gitter.

Was zur Zeit noch nicht wieder aufgebaut ist, sind die vier überlebensgroßen Statuen, die auf den Pfeilern des unteren Podests standen, und die die vier Kardinaltugenden repräsentierten, die mit Schwert oder Lanze das Böse bekämpfen (ein Fragment sieht man bei dem Bild vor dem Lapidarium weiter oben). Eine von ihnen wurde 1757 bei der Belagerung Prags durch die Preußen durch eine Kanonkugel zerstört und erst 1858 durch den Bildhauer Josef Edgar Böhm wiederhergestellt. Se harren noch der Aufstellung. (DD)

Hier wohnte Einstein

Es ist nicht jedermann bekannt, aber auch Albert Einstein fühlte sich Prag immer sehr verbunden. Immerhin hatte er hier vom Januar 1911 bis zum Oktober 1912 erstmals eine reguläre Professur inne. Und im übrigen fand der Erfinder der Relativitätstheorie die Stadt nicht nur relativ, sondern ganz und gar großartig: „Die Stadt Prag ist übrigens wundervoll, so schön, dass sie allein schon eine grössere Reise lohnen würde.“ Recht hatte er – und ebenfalls nicht nur relativ.

Der Physiker, der schon um 1908 erste Forschungen in Richtung Relativitätstheorie begonnen hatte, wurde nunmehr ordentlicher Universitätsprofessor für theoretische Physik an der deutschen Universität in Prag. Diese war der deutsche Zweig der altehrwürdigen Karlsuniversität, die 1882 in einen tschechische und eine deutsche Universität aufgeteilt worden war, um die Spannungen zwischen beiden Volksgruppen zu mindern. Zwischen beiden herrschte eine arge Rivalität und nicht zuletzt erhoffte sich die deutsche Universität mit der Berufung eines innovativen Geistes wie Einstein, einen Vorsprung zu gewinnen.

Einstein stand über diesen Zankereien. Er genoss Prag sehr, nicht nur die schöne Stadt, sondern er fand Kontakt zu bedeutenden Wissenschaftlern wie Ernst Mach, verfasste etliche brillante Aufsätze und pflegte die Bekanntschaft mit großen Literaten wie Max Brod und Franz Kafka. Dafür war er sogar bereit, die österreichische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Während dieser glücklichen Zeit lebte er mit seiner Familie in einer Wohnung in einem schönen Mietshaus im Spätjugendstil im Stadtteil Smíchov in der Lesnická 1215/7. Das Haus war damals brandneu, denn es wurde erst 1910 erbaut. Erst im Jahre 1979 raffte man sich auf, Einstein auch hier zu ehren. Über dem ersten Stock wurde eine Büste des Physikers angebracht – ein Werk der Bildhauer Milan Benda und Ivan Hněvkovský. Auf der dazu gehörenden Plakette steht, dass Einstein hier 1911/12 wohnte und arbeitete. (DD)

Der Mäzen im Innenhof

Man entdeckt ihn in der Regel nur durch Zufall, etwa wenn man einen Weg abkürzen will und dann den Weg durch einen Hinterhof nimmt. Da steht er dann plötzlich vor einem mit seinem eindrucksvollen Gabelbart: Josef Hlávka – Architekt, Staatsmann und Mäzen.

Er ist es, da er 1908 starb, natürlich nicht selbst in Person, sondern als bronzenes Denkmal. Nach Hlávka ist sogar eine der Prager Brücken benannt, als so bedeutetend wird er gemeinhein erachtet. Dass sein Denkmal nun hier so versteckt sein Dasein fristet, verwundert. Es erklärt sich halt nur dadurch, dass der Hinterhof in der Vodičkova 15-17 in der Neustadt (der hintere Hofausgang führt auf die Jungmannova 12-14) historisch eng mit seinem bleibendem Werk verbunden ist. Er steht zwar abgelegen, aber doch am richtigen Platz.

Hlávka trat vor allem in den 1860er Jahren als Architekt und Baumeister auf. Er realisierte in Wien zum Beispiel die Hofoper (heute Staatsoper). Der Denkmalschutz lag ihm besonders am Herzen und so wurde er 1864 zum Konservator der österreichischen Centralkommission für die Denkmalpflege. In Prag unterhielt er einen Salon, in dem sich die Großen der Großen der tschechischen Kultur, darunter Antonín Dvořák, trafen. Er förderte die Künste, wo er konnte und gehörte zu den Gründern der Akademie der Wissenschaft und Künste. Das machte ihn so populär, dass er 1883 in das österreichissche Parlament, dem Reichsrat gewählt wurde. Die Wahl in den Böhmischen Landtag erfolgte 1886. Und 1891 machte ihn der Kaiser sogar zum lebenslangen Mitglied des Herrenhauses (dem damaligen österreichischen Oberhaus).

Sowohl seine erste Ehe mit der 1882 verstorbenen Anna Stach als auch seine zweite Ehe mit Zdeňka Havelková blieben kinderlos, sodass er 1904 beschloss, sein beträchtliches Vermögen der von ihm gegründeten Stiftung von Josef, Marie und Zdeňka Hlávka (Nadání Josefa, Marie a Zdenky Hlávkových) zu vermachen. Es handelte sich um ein Förderwerk für arme, aber talentierte Studenten und Nachwuchswissenschaftler. Sie kann auf eine stolze Geschichte zurückschauen, denn sie überlebte die Monarchie der Habsburger, die Erste Republik, die Nazibesetzung und den Kommunismus (wenn auch nur formal unabhängig) unbeschadet. Und sie vollbringt immer noch ihr segensreiches Werk. Hlávka kann stolz von seinem Sockel auf sein Erbe schauen.

Auf dem steht er erst eine erstaunlich kurze Zeit. Das Denkmal wurde zwar schon 1912 bis 1914 von dem Bildhauer Josef Mařatka entworfen und ein Modell wurde 1920 im Gemeindehaus aufgestellt. Aber erst 1994 goß man die nunmehr hier im Hinterhof stehende etwas überlebensgroße Statue Hlávkas, die auf einem steinernen Sockel steht.

Das ist natürlich nicht irgendein Hinterhof, es ist vielmehr der Innenhof des von Hlávka noch selbst im Neorenaissancestil erbauten Hauses der Hlávka-Stiftung (Hlávkův dům), dort wo die Stiftung auch ihren Sitz hat. Im Durchgang, der von der Vodičkova zum Hof führt, hängen an beiden Seiten je eine Gedenktafel aus Marmor, die seinen Leistungen als Architekt und Gründer der Wissenschaftsakademie (kleines Bild links) und als Gründer seiner Stiftung für bedürftige Studenten (kleines Bild rechts) erinnern. Hlávka lebt also in seinen Werken noch immer fort. (DD)

Auf den Spuren Jaroslav Hašeks IV: Geburtsort in der Gendarmeriewache

Er war ein böhmischer Bohémien (ja, dieser Kalauer würde sich auf Französisch – „bohémien bohémien“ – natürlich besser machen!), der gute Jaroslav Hašek. Ein verkorkstes Genie, das sich an keine konventionellen Normen hielt. Und er war der Autor der berühmten Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války (Die Erlebnisse des guten Soldaten Schwejk im Weltkrieg), die ihn unsterblich machten. Und er war vor allem ein waschechter Prager…

Und hier in Prag findet sich auch sein Geburtshaus, das sogenannte Haus der Familie Jaroslav Hašeks (rodný dům Jaroslava Haška) in der Školská 1325/16 (Neustadt). Der wohl berühmteste und möglicherweise anarchischste Schriftsteller des Landes sah hier als Sohn eines (wie später sein Sohn zur Trunksucht neigenden) Oberschulhilfslehrers am 30. April 1883 erstmals das Licht der Welt. Kurz: Hier begann das sehr unstete Leben eines Menschen, der feste Anstellungen und feste Bindungen nie liebte, als Hundedieb, Bigamist und zeitweiser Bolschewist (wenn nicht gar Landesverräter), als Trinker und Angeber, aber vor allem als das große literarische Genie bekannt wurde, dem man dafür gerne alles andere vergab.

Auch das Haus, in dem er geboren wurde, hat so seine Geschichte. Es wurde 1842 anstelle eines früheren Hauses im spätklassizistischen Stil erbaut (und seitdem durch mehrere Umbauten leicht verändert). Schon kurz nach Fertigstellung diente es lange als Gendarmeriewache. Das ein solcherart zweckbestimmtes Gebäude dereinst das Geburtshaus Hašeks werden konnte, erstaunt jedermann, der weiß, wie sehr der Schriftsteller jedwede Obrigkeit ablehnte und mit Hohn überzog. Aber man kann sich ja seinen Geburtsort nicht aussuchen.

Heute ist man hier sicher stolz auf den berühmten Sohn des Hauses. Eine mit einer Portraitbüste versehene metallene Gedenktafel, deren Aufschrift besagt, dass der Schriftsteller hier geboren wurde, brachte man 1958 über dem Eingang an. Sie ist das Werk des akademischen Bildhauers Václav Vokálek, einem Schüler des ungleich berühmteren Bildhauers Jan Štursa.

2002 wollte der Eigner das architektonisch nicht allzu bedeutende Gebäude abreißen und durch ein neues Gebäude ersetzen lassen. Eine švejkianisch inspirierte Bürgerinitiative schaffte es aber noch gerade rechtzeitig, bei der Statdverwaltung einen Antrag auf Anerkennung als Kulturdenkmal durchzupeitschen. Und so steht Hašeks Geburtshaus hier immer noch. (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

Und auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks II: Im U Kalicha

Ebenso: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Denkmal mit gebrochener Geschichte

Die Würdigung der Gründung ihrer Ersten Republik wollte sich die Tschechoslowakei etwas kosten lassen. Und so begann man 1928, also 10 Jahre nach der Gründung, mit dem Bau des Nationaldenkmals auf dem Vítkovberg.

Jedenfalls sind schon alleine die Maße des Bauwerks – ganz zu schweigen von der hier schon öfters erwähnten gigantischen Reiterstatue des Hussitenfeldherrn Jan Žižka – geradezu kolossal: 143 Meter lang ist das Gebäude, 31,6 Meter hoch (man kann dort oben eine Aussichtsplattform besuchen!) und 27,5 Meter breit. Unter dem Keller befinden eine Unzahl von Räumen. Das Photo mit einem Querschnittsmodell des Gebäudes, das sich im zweiten Stock davon befindet, gibt einen kleinen Eindruck davon wieder. Pläne zur architektonischen Zelebration der Nation hatte es schon Ende des 19. Jahrhunderts gegeben, als das Land noch zum Habsburgerreich gehörte. Die Gründung der Republik 1918 gab aber erst den richtigen Impetus. Und so legte im November 1928 der erste Präsident der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, den Grundstein.

Hier sollten gefallene Helden des Unabhängigkeits in einem Mausoleum begraben werden, womit vor allem besonders heldenhafte Kämpfer der Tschechoslowakischen Legion gemeint waren, die im Ersten Weltkrieg nicht für die Habsburger gekämpft hatten, sondern für die Entente-Mächte, die dem Land die Unabhängigkeit versprochen hatten. Auch Masaryk selbst hätte nach seinem Tode gemäß dem Willen der Erbauer dort seinen Platz bekommen können, aber der zog bescheiden einen Platz bei seinem Landsitz in Lány u Rakovníka vor.

Aber soweit kam es sowieso nie. Denn die Bauarbeiten zogen sich unendlich hin und wurden 1938 wegen des Münchner Abkommens und der anschließenden Besetzung des Landes durch die Nazis abgebrochen. Nach dem Ende der Nazi-Tyrannei 1945 baute man weiter, aber kam ebenfalls nicht viel weiter, den schon 1948 kam die nächste Tyrannei, die kommunistische. Und das bedeutete eine Konzeptänderung.

Ursprünglich sollte das Ganze ja eine etwas gigantoman geratene „Kultstätte“ einer neuen Demokratie werden. Deshalb sollte die Architektur auch ganz modernistisch sein. Funktionalismus war angesagt. Und Funktionalismus mit strengen Formen und nur wenigen klassizistischen Anspielungen lieferte der Architekt Jan Zázvorka mit seinem Entwurf. Besonders gut sieht man das bei der Betrachtung der Seitenfassade.

Auch drinnen herrschte stenger Art Dèco-Stil vor. Etliche große Künstler der Zeit gestalteten die Innenräume. Besonders in der Kapelle kann man Mosaiken des Malers Max Švabinský bewundern. Es dominierend dort patriotische Motive, wie etwa diese Allegorie der Bohemia mit einem Rock in tschechischen Farben und einer roten Freiheitsmütze als Symbol der republikanischen Ordnung.

Kernstück der Kapelle ist die überlebensgroße Plastik „Der Verwundete“ des Bildhauers Jan Štursa. Und rundherum finden sich bronzene Reliefs des Art-Dèco-Bildhauers Jaroslav Horejc, dessen Bild eines gefallenen Legionärs man im kleinen Bild links sieht. Beide Künstler stellten das Leiden, das für den Kampf im die nationale Selbstbestimmung erbracht wurde, in den Mittelpunkt.

Der ästhetische Kurswechsel mit der Machtübernahme der Kommunisten kam abrupt und man sieht das daran, dass die Horejcschen Reliefe aus den 1930ern zwar blieben, aber 1950 neue hinzugefügt wurden. Man kann nur erahnen, was Horejc empfand, als er statt der empfindsamen Darstellung des Leidens der Kriegsopfer nun platte Propaganda in Form von Hammer und Sichel produzieren musste.

Das Aneinanderreihen von Unpassendem ging weiter. Das geplante Mausoleum, in dem schwarze Marmorsärge ursprünglich gefallenen Legionären als würdige Ruhestätte dienen sollten, wurde nun für führende Kommunisten (die 1990 wieder entfernt wurden, was die Särge seither leer belässt). Die kurzlebige demokratische Regierung nach 1945 hatte noch die Fertigstellung des ursprünglich als letzte Ruhestätte für Masaryk vorgesehenen Mausoleums in einer nun anzubauenden Apsis geplant. Masaryk hatte sich entschieden, lieber be seinem Landsitz in Lány beerdigt zu wrden. Stattdessen sollte das Mausoleum nun den bürgerlichen Widerstandskämpfern gegen die Nazis gedenken. Das mochten die Kommunisten überhaupt nicht. Nach dem Coup der Kommunisten wurde die Halle zu einer Gedenkhalle für die Rotarmisten, die das Land „befreit“ hatten, umfunktioniert. Mosaike mit sowjetischen Soldaten, erstellt von dem Maler Vladimír Sychra, blicken seither von den Wänden – so wie es in der Kapelle republikanische Legionäre tun. 1953 wurde die Halle als Mausoleum für den gerade verstorbenen Kommunistenführer Klement Gottwald eingerichtet, der hier einbalsamiert in einem Glassarg die posthumen Huldigungen seiner Untertanen entgegennehmen konnte – bis er im Zuge der Entstalinierung 1962 wieder entfernt wurde.

Und im ersten Stock befindet sich die ursprünglich für den demokratischen Präsidenten Masaryk in einem sehr bürgerlichen Stil eingerichtete Präsidentensuite ebenfalls neben Mosaiken im realistisch-sozialistischen Stil.

Die künden von der Freude der Bürger über die Ankunft der Roten Armee und etlichen militärgeschichtlichen Themen aus der Geschichte des Landes aus ideologisch klar fixierter Sicht. Ja, man bekommt hier in Architektur und Kunst gegossene Geschichte mit großen Brüchen zu sehen. Aber gerade das macht den Ort so faszinierend.

Nach der Samtenen Revolution von 1989 ließ man diese Brüche bestehen, dass heißt, man versuchte erst garnicht, die Skulpturen und Mosaike aus der kommunistischen Zeit zu zerstören. Man restaurierte allenfalls einige damals verschwundene Artefakte wieder an ihren alten Ort. So zum Beispiel in der großen Haupthalle im zweiten Stock, deren nüchterner, aber kolossaler Funktionalismus schlicht atemberaubend ist (großes Bild oben), wo die alte Flagge der Tschechoslowakischen Republik (noch mit den Wappensymbolen von Slowakei und Transkarpatien!) wieder aufgehängt wurde.

Seither ist das Nationaldenkmal kein Mausoleum mehr, sondern eher ein Nationalmuseum. Die Dauerausstellung zeigt ausgewählte Artefakte, die Meilensteine in der demokratischen Entwicklung des Landes – und auch die Rückschläge – mustergültig repräsentieren. Das Original des Abschiedsbriefs von Milada Horáková, geschrieben vor ihrer Hinrichtung durch die Kommunisten 1950 (früherer Beitrag u.a. hier) oder das Original der Charta 77, dem von Václav Havel verfassten Dokument des Widerstandes sind Beispiele dafür. Auch einige gesellschaftliche Trends werden aufgegriffen, wie etwa die in der Ersten Republik aufkommende Pfadfinderbewegung, in eine wichtige Rolle im Widerstand gegen die Nazis spielte und 1948 von den Kommunisten verboten wurde. Das kleine Bild oberhalb rechts, zeigt eine Sammlung mit Memorabilia.

Umgeben ist die Ausstellung (die bisweilen durch wechselnde Ausstellungen ergänzt wird) immer noch von den riesigen Reliefen des Bildhauers Karel Pokorný (früherer Beitrag hier), die das Motiv gefallener Legionäre aus dem Ersten Weltkrieg und den Wirren danach wieder aufgreifen. Das Bild links zeigt einen Legionär, der in Russland kämpfte. Diese Bildwerke geben am ehesten die ursprüngliche Idee wieder, die hinter dem Nationaldenkmal stand. (DD)

Humanist ohne Sektiererei

Der europäische Humanismus – hatte der nicht seine Wiege in Italien? Oder zumindest in Westeuropa? Dass ausgerechnet das heutige Weißrussland einen frühen der großen Vertreter des Humanismus hervorgebracht hat, wissen nur die wenigsten Menschen im Westen.

Auf Francysk Skaryna (bisweilen auch Skoryna geschrieben) kommt man nur, wenn man die Straßenbahn im Burgbezirk kurz nach der Burg verlässt und den kleinen Park bei der Jelení 196/15 (Prag 1, Hradčany) aufsucht, wo etwas verloren und einsam sein Denkmal steht.

Der war Pionier der Druckkunst und veröffentlichte im Jahre 1517 – also in dem Jahr, als Martin Luther mit den 95 Thesen die Reformation startete – die erste Bibel in der Region, die nicht im offiziellen Kirchenslawisch geschrieben war, sondern sich der ortsüblichen aktuellen Sprache, des Altweißrussischen bediente. Das war revolutionäre Volkstheologie. Sein Nachruhm lebt hauptsächlich aus ebendieser Übersetzung der Bibel in eine moderne Sprache weiter, aber darin erschöpfte sich sein Talent bei weitem nicht.

Er war viel in der Welt herumgekommen, hatte in Polen an der Krakauer Universität studiert und machte 1512 sogar in Padua sein Diplom. Irgendwann war er als Orthodoxer zum Katholizismus konvertiert, publizierte aber weiterhin für ein orthodoxes Publikum. Enge Sektiererei lag ihm fern. Tatsächlich reklamieren beide Konfessionen ihn heutzutage für sich und die Experten streiten immer noch, was er denn in Wirklichkeit eigentlich so religiös vertreten habe.

1522 gründete er in Vilnius (heute Litauen) seine erste Druckerei, deren Bücher als ästhetisch besonders sorgfältig gemacht galten und heute gesuchte bibliophile Raritäten sind. Darunter waren vor allem viele Schriften zur religiösen Erbauung, aber auch Reiseberichte und ähnliches. In den 1530er Jahren versuchte er, sein Geschäft nach Moskau zu erweitern, was aber zum Misserfolg wurde. 1532 arbeite er wieder in Vilnius, diesmal als Arzt und als Berater des örtlichen Bischofs.

Und dann, um 1534, verschlug es ihn nach Prag, weshalb wir hier auch sein Denkmal sehen. In den Königlichen Gärten bei der Burg bewies er sein Talent als Chefbotaniker für Kaiser Ferdinand I.. Es heißt, er habe auch als Professor an der Karlsuniversität gelehrt. Und in Prag starb er auch um 1552.

Im Oktober 1996 stellte man hier am Jelení (Hirschgraben) bei den Königlichen Gärten eine Statue zu seinen Ehren auf. Die rund 2.30 Meter große Figur wurde von dem weißrussischen Bildhauer Eduard Astafiev erstellt. Die Beschriftung ist in Kyrillisch gehalten – inklusive der aufgeschlagenen Bibel, die der Gelehrte in den Händen hält. Deshalb steht am Wegesrand eine kleine Tafel, die auf Tschechisch besagt: „An diesen Orten arbeitete er als königlicher Botaniker, ein bedeutender weißrussischer Humanist, Gründer des ostslawischen Buchdrucks Francisk Skorina (Francišak Skaryna)“ (DD)

Vor 70 Jahren: Milada Horákovás Hinrichtung

Heute vor genau 70 Jahren, am 27. Juni 1950, wurde im Gefängnis von Pancrác Milada Horáková nach einen perfiden stalinistischen Schauprozess hingerichtet. Die mutige Kämpferin für Freiheit und Frauenrechte war in der Zeit der Ersten Republik einer der Stützen der Demokratie im Lande gewesen. Von den Nazis wurde sie als Widerständlerin ins Konzentrationslager gesteckt. Nach ihrer Befreiung bekämpfte sie die Kommunisten, die mit ihrer Machtübernahme 1948 die die Demokratie abermals zerstören wollten. Die rächten sich an ihr, indem sie sie mit gefälschten Indizien für „Landesverrat“ an den Galgen brachten. Trotz Folter ließ sie sich beim Prozess – im Gegensatz zu vielen Mitangeklagten – nicht zu einer Selbstbezichtigung mit Huldigung der Kommunistenherrschaft bewegen, sondern beharrte auf ihren demokratischen Grundsätzen.

Milada Horáková ist für die Tschechen das Symbol für die Opfer des Kommunismus und den Heldenmut des Widerstands geworden. Nach kaum einer historischen Persönlichkeit sind so viele Straßen und Plätze benannt worden, für keine anti-kommunistische Widerstandskämpferin gibt es in Prag so viele Denkmäler (siehe u.a. frühere Beiträge hier und hier). Eines davon steht auf dem Heldenplatz (náměstí Hrdinů) im Stadtteil Pancrác – unweit des Gefängnisses, in dem sie ermordet wurde.

Das Denkmal wurde im Oktober 2009 enthüllt. Für die Aufstellung hatten viele Organisationen ehemaliger politischer Gefangener, Geschichts- und Gedenkvereine, darunter der Milada Horáková-Klub (Klub dr. Milady Horákové), gesammelt. Es wurde ein Künstlerwettbewerb ausgeschrieben und am Ende wurde das Denkmal für Milada Horáková und die Opfer des Kommunismus (so der ganze Titel des Werks) von den Bildhauern Ctibor Havelka, Milan Knobloch und Jan Bartoš und der Sockel vom Architekten Jiří Kantůrek realisiert.

Wie der Titel des Denkmals schon besagt, wird hier zwar Milada Horáková hervorgehoben, aber auch zugleich aller von den Kommunisten in der Tschechoslowakei hingerichteten politischen Gefangenen gedacht. Auf einer Tafel unterhalb des Sockels sind 234 Namen von Ermordeten verzeichnet. Schon bei der Einweihung wurde darauf hingewiesen, dass sich diese Liste wohl noch verlängern werde und die Entdeckung vergessener Opfer auch in Zukunft auf dem Denkmal Berücksichtigung finden werde.

Das ist ein Hinweis, dass die historische Erfassung der Opfer nicht immer so eindeutig erfolgen kann wie im Falle Horákovás selbst. Es gibt viele Grenzfälle. Sollen frühere Mittäter, die sich aber später gegen die Kommunisten wandten und ihr Opfer wurden, ebenbürtig neben Horáková geehrt werden? Das ist nur eine von vielen schwierigen Fragen.

Eine zusätzliche politische Wirrnis ergab sich kurz vor der Einweihung. Ausgerechnet die Kommunistische Partei Böhmens und Mährens (Komunistická strana Čech a MoravyKSČM) wollte mit einer Geldspende für das Denkmal den Anschein erwecken, für die Schandtaten der Kommunisten von damals Abbitte leisten zu wollen. Da sich die tschechischen Kommunisten auch nach 1989 nie wirklich demokratisch reformiert hatten und bis heute noch über einen veritablen stalinistischen Flügel verfügen, erhob sich dagegen erheblicher Protest von Verfolgtenverbänden.

Aufgstellt wurde das Denkmal trotzdem. In der von soziaistischer Plattenarchitektur aus den 1970er Jahren geprägten Umgebung wirkt der Platz wie eine idyllische Friedensoase, in deren Mittelpunkt nun im Schatten großer Bäume auf einem leichten Hügel stehend das Denkmal steht. Auf einem schräg nach vorne ragenden kantigen Granitsockel befindet sich die bronzene Büste von Milada Horáková, die so den Platz überschauen kann. (DD)


Denkmal einer Idealistensprache

In Prag gibt es eigentlich kaum etwas, das nicht mit einem Denkmal geehrt wird. Warum nicht auch die Sprache Esperanto? Das ist jene universale Kunst-Sprache, von der ihr Erfinder, ein polnischer Augenarzt namens Dr. Lejzer Ludwik Zamenhof, sich erhoffte, dass sie als universelles Verständigungsmittel die Völkerfreundschaft und den Frieden in der Welt sichern würde (hier noch einmal sachgerecht in Esperanto). Er nannte sich bisweilen auch „Dr. Esperanto“ (der Hoffende), was der Sprache den Namen gab. Als Universalsprache hat sich das Ganze noch nicht so recht durchgesetzt, aber die Anhänger arbeiten immer noch hart an ihrem sehr idealistischen Projekt.

Man verlässt in Prag die Metrostation Vyšehrad in Richtung Kongresszentrum und sieht es davor schon – idyllisch unter einem Baum – einer eigens dafür gepflanzten Linde – in einer kleinen Grünanlage stehen, die sich von der umgebenden Betonarchitektur angenehm abhebt. Dr. Esperanto hätte an dem friedlichen Bild seine Freude gehabt.

Das kleine Denkmal stand übrigens ursprünglich ganz woanders, nämlich auf der anderen Moldauseite im Heroldovy sady (Herold Garten) im Stadtteil Vršovice (Prag 10).

Der Grund für seine Errichtung war das Datum. 1987 jährte sich die Erfindung der Sprache zum 100. Male. Aber da blieb das kleine und schlichte Steindenkmal nur bis zum Juli 1996 als eben im Kongresszentrum auf der anderen Seite der 81. Esperanto-Weltkongress stattfand. Möglicherweise war es die Freude über den Anblick des Denkmals, der die Delegierte aus aller Welt zu einer kraftvollen Bestätigung ihrer friedliebenden und erzieherischen Ziele inspirierte: dem berühmten Prager Manifest.

Bei dem Denkmal handelt es sich um einen dreiseitigen Granitblock mit kleinen Inschriften. Sowohl in Tschechisch als auch in Esperanto steht dort knapp und präzise geschrieben: „Dieses Denkmal wurde anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Gründung von Esperanto errichtet.“ (DD)