Havel im Stil von Havel

Heute vor 10 Jahren starb Václav Havel. Der Schriftsteller, Dramaturg, Bürgerrechtler, Dissident und der erste frei gewählte Präsident nach dem Ende der kommunistischen Tyrannei nimmt immer noch einen besonderen Platz im Herzen der Tschechen ein.

Unzählige kleine und große Gedenkorte erinnern an ihn und es gibt sogar spezielle Touren für Touristen. Ein solcher Ort ist sein Geburtshaus, ein fünfstöckiges Jugendstilwohnhaus direkt am Rašín-Ufer (genauer: Rašínovo nábřeží 2000/78) in der Neustadt – mit Blick auf Moldau und Burg, wie es dem Spross einer bekannten großbürgerlichen Familie entsprach.

Hier lebte er von seiner Geburt im Jahre 1936 bis zum Jahr 1971 als er in den Stadtteil Dejvice auf der anderen Seite des Flusses zog. Zwischen 1986 und 1993 lebte er dann zusammen mit seiner ersten Frau Olga wieder im diesem Hause – ständig observiert von der Staatssicherheit, die sich im nebenan gelegenen barocken Šítkov Wasserturm (Šítkovská vodárenská věž) eingenistet hatte (unser Bericht hier). Die Agenten beobachteten 24 Stunden um die Uhr, wer denn so alles im Hause Havels einkehrte, der als Begründer der gegen das kommunistische Regime gerichteten Bewegung Charta 77 zu den bekanntesten Dissidenten im Lande gehörte. Erst 1993 zog er in den Präsidententrakt der Burg ein. Das hätte er womöglich schon 1989 tun können, aber er war halt kein Mann der Paläste und Staatskarossen (darüber berichteten wir hier).

Die kleine Gedenkktafel, die man am 18. Dezember 2019 in Gegenwart von Havels Bruder Ivan, anderen Verwandten und Prager politischer Prominenz einegweiht wurde, kann man glatt übersehen. Sie entspricht aber der bescheidenen und unprätenziösen Art Havels, der den heroischen Pomp anderer Gedenktafeln kaum zu schätzen wußte. Eigentlich ist neben dem Eingang des Gebäudes nur eine kleine Akrylplatte zu sehen, in die ein Papier eingegossen ist mit dem Text: „zde jsem taky žil“ – auf Deutsch: Hier habe ich auch gelebt!

Gestaltet hat das Ganze der Architekt und Designer Petr Hájek. Der Schriftzug ist in dem Schrifttyp von Havels Schreibmachine nachempfunden, mit der er seine ersten Stücke, etwa Das Gartenfest (Zahradni slavnost, 1963), geschrieben hatte. Überhaupt soll hier wohl mehr an den Schriftsteller erinnert werden, der über dem Dissidenten und Politiker oft vergessen wird. Wer meint, dass diese Tafel doch ein wenig absurd wirke mit ihrem seltsamen Text, hat recht. Havel, das sollten wir nicht vergessen, war vor allem ein Meister des absurden Theaters, das ihm am besten geeignet schien, die Absurdität des kommunistischen Regimes bloßzustellen. Man gedenkt hier also Havel im Stile von Havel. Havel hätte es gefallen. (DD)

Frühstück mit Mitterand

Es war ein weiterer Nagel im Sarg des kommunistischen Regimes: Das berühmte Frühstück mit Präsident François Mitterrand in der französischen Botschaft in Prag. Mit einer Denkmalsbüste haben es ihm die Prager gedankt. Die findet man fast überraschend am Eingang zu den idyllischen Palastgärten unterhalb der Burg an der Valdštejnská 158/14 auf der Kleinseite

Es erinnert an den denkwürdigen 9. Dezember 1988 (also heute vor 33 Jahren!). Am Vortag war mit Mitterand zum ersten Mal seit der Gründung der Tschechoslowakei 1918 ein französisches Staatsoberhaupt zum Staatsbesuch nach Prag gekommen. Treffen mit Präsident Gustáv Husák und allen wichtigen Granden des Landes waren angesagt. Und dann kam es: Am Morgen des 9. Dezember hatte Mitterand zu einem opulenten Arbeitsfrühstück in die französische Botschaft eingeladen – allerdings nicht die Repräsentanten der kommunistischen Obrigkeit, sondern eine Gruppe von acht Dissidenten aus dem Umfeld der Bürgerrechtsorganisation Charta 77 unter der Führung des Dramatikers Václav Havel. Einer der Teilnehmer, Karel Srp, Chef der 1984 verboteten und seither im Untergrund operierenden Jazz Sektion (die Kommunisten hielten Jazz für westlich-bourgeois-dekadent) sollte später resümieren: „Für mich war das besonders überraschend, weil ich ein halbes Jahr vorher noch Gefangener im Pilsener Gefängnis Bory war. Und plötzlich werde ich vom französischen Staatspräsidenten empfangen. Das war irgendwie ein irreales Erlebnis.“

Aber nicht nur irreal, sondern auch potentiell gefährlich. Denn jedem teilnehmer drohten schwee Repressalien durch das Regime. Das hatte sich mit der Unterzeichnung der Helsinki Schlussakte im Jahr 1975 zwar international rechtlich zur Einhaltung von Menschenrechten verpflichtet, meinte aber, dass der Westen schon nicht zu arg darauf drängen werde. Mitterand hingegen sandte mit dem Frühstück, das von langer Hand geplant war, ein für die Kommunisten schmerzhaftes Signal aus. Diese Art von Staatbesuchen, die nicht nur der kommunistischen Führung galten, sondern stets auch mehr oder minder geheime Treffen mit demokratisch und freiheitlich gesonnenen Dissidenten beinhalteten, nannte man „Doppeldiplomatie“. Begonnen hatte damit der niederländische Außenminister Max van der Stoel (wir berichteten), der sich 1977 mit dem Vizevorsitzenden der neu gegründeten Charta 77, dem Philosophen Jan Patočka, hatte. Und das hatten viele der Teilnehmer des Frühstück mit Mitterand noch in trauriger Erinnerung. Präsident Husák lud nicht nur umgehend van der Stoel von einem vorgesehenen Treffen aus, sondern er ließ den herzkranken Patočka ins Gefängnis stecken, wo er so brutal gefoltert wurde, dass er kurz darauf starb. Eine Welle von Repression gegen Dissidenten folgte. Das nutzte zwar auch langfristig der Charta 77, weil der wahre Charakter des Regimes nun einer großen Weltöffentlichkeit vor Augen gehalten wurde, aber der Preis dafür war hoch.

Nur: Diesmal passierte nichts. Oder noch weniger als nichts. Mitterand konnte es sich leisten, das Gespräch so in die Länge zu ziehen, dass er deutlich zu spät zu dem danach vorgesehenen Empfang bei Präsident Husák kam. Mehr noch: Am nächsten Tag, dem 10. Dezember, stand ausgerechnet Tag der Menschenrechte (dem Jahrestag der 1948 von den UN verabschiedeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) auf dem Kalenderblatt. Und Charta 77 und andere oppositionelle Gruppen hatten – noch während Mitterand in Prag weilte – zu großen Demonstrationen eingeladen, an denen tatsächlich Tausende Menschen teilnahmen. Es war ein mediales Debakel für das Regime. Wie knnte es dazu kommen? Nun, Mitterand war Staatspräsident eines mächtigen Landes, und man konnte mit ihm nicht umspringen wie man es sich anscheinend gerade noch mit einem Außenminister eines kleinen Landes, vie van der Stoel, erlauben konnte. Aber es gab eine tiefere Ursache. Mit der Unterzeichnung der Helsinki Akte hatten sich die kommunistischen Herrscher erhofft, für rein nominelle Zugeständnisse bei den Menschenrechte westliche Wirtschaftsunterstützung zu bekommen, um ihre marode Planwirtschaft aufrechtzuerhalten. Aber 1988 merkte man, dass die durch kein Geld der Welt gerettet werden konnte. Und die Unterstützung der des sozialistischen Mutterlandes, der Sowjetunion, für verschärfte Repression, war auch nicht mehr das, was sie früher einmal war. Dort regierte Michail Gorbatschow, der auf vorsichtige Liberalisierung abzielende Reformen lancierte, so dass Hardliner wie Husák auch in der kommunistischen Welt immer mehr in die Defensive gerieten. Kurz: Der 1989 erfolgende Zusammenbruch des Kommunismus zeichnete sich ab, und fast wehrlos ertrugen die Prager Kommunisten, wie Mitterand einen weiteren Nagel in den Sarg trieb.

Schon im nächsten Jahr sollten die Dissidenten, die sich angst-, aber hoffnungsvoll mit Mitterand trafen, Vertreter eines erneuerten demokratischen Landes werden. Václav Havel war Präsident. Ein anderer Teilnehmer, Jiří Dienstbier, war Außenminister. Und einige jahre später war zum Beispiel Petr Uhl Menschenrechtsbeauftragter der Regierung des Landes. Er sollte später über das Frühstück mit Mitterand später sagen: „Für uns war das eine großartige Unterstützung, denn er war das erste Staatsoberhaupt, das sich mit uns getroffen hat.“ Für alle damaligen Dissidenten und aller Freiheitsliebenden in Tschechien überhaupt, hat der 9. Dezember einen hohen historischen Symbolwert. Seit langem gibt es an jedem 9. Dezember ein tschechisch-französisches Frühstück, bei dem sich nunmehr Repräsentanten zweier Demokratien treffen. Aber natürlich bedurfte es einer permanenteren und öffentlicheren Form des Andenkens. Ein Denkmal musste her. Und das initiierte nun Karel Srp, dessen immer noch aktive Jazz Sektion rund 300.000 Kronen sammelte.

Als Künstler wählten man den Maler und Bildhauer Jan Zelenka, der eine Bronzebüste mit dem lebensnahen Portrait Mitterands auf einem Steinsockel schuf. Die Büste wurde am 13. Juli 2015 in Gegenwart des tschechischen Präsidenten Miloš Zeman enthüllt, der in seiner Rede die „Tapferkeit von François Mitterrand“ lobte ihn dafür, dass er Gustáv Husák für dieses Frühstück oben auf der Burg habe warten lassen – womit der die Ironie der Geschichte und auch die Demütigung, die die Kommunisten dabei gefühlt haben mussten, fein beschrieb. Der ehemalige Außenminister Tomáš Petříček fasste zum 30. Jahrestag im Jahre 2018 die Bedeutung von Mitterands Geste treffend zusammen: „Das Frühstück in der Botschaft war gewiss auch einer der Schritte, die uns bis hin zur Samtenen Revolution geführt haben.“ (DD)

Bulgarischer Aufklärer beim Roten Adler?

Aus den schönen Hausschildern, die man vor allem auf den Fassade von Barockhäusern findet, kann man häufig auf den Namen des Hauses schließen. Das Haus zum Roten Adler (dům U Červeného orla) und sein in Stuck gerahmtes Schild in der Nerudova 207/6 auf der Kleinseite belegen das trefflich.

Das Haus wurde 1403 erstmals in Dokumenten erwähnten. Im 15. Jahrhundert gab es wohl einige Modifikationen, bis es dann beim Großen Feuer von 1541, das die Kleinseite verwüstete, zerstört wurde. Es folgte ein schrittweiser Wiederaufbau im Renaissancestil und 17. Jahrhundert setzte die Barockisierung ein. Ihr verdankt man den gemalten Adler, der 1633 als Hausschild hier über dem ersten Stock angebracht wurde. Die schönen Stuckornamente, die ihn umgeben, wurden im dritten Viertel des 18. Jahrhunderts gestaltet, und zwar bei einem Umbau, bei dem noch ein Stockwerk hinzugefügt wurde. Dadurch passt sich das Haus heute auch besser in des architektonische Umfeld ein.

Interessant ist auch, was man hier nicht mehr hier sieht. 1964 wurde hier eine von der Bildhauerin Taťána Konstantinová gestaltete Gedenkplatte für Petar Beron angebracht, der in diesem Haus das Jahr 1864 in Prag verbracht haben soll. Der vielseitig gebildete Universalwissenschaftler (er schrieb Bücher über Physik, Astronomie, Geschichte, Sprache, Pädogogik) versuchte in seiner bulgarischen Heimat die Ideale der Aufklärung zu verbreiten.

Das stieß bei den damaligen türkisch-osmanischen Machthabern, die schon seit Jahrhunderten Bulgarien unter ihrer Herrschaft hatten, nicht auf Gegenliebe. Beron verbrachte Jahrzehnte seines Lebens im Exil. Schon 1848 war er in Prag gewesen, um beim dort stattfindenden Slawenkongress für die Freiheit der unterdrückten Bulgaren zu werben. In Prag erschienen auch zahlreiche seiner Werke, die in seiner Heimat nicht hätten erscheinen dürfen.

Die Tafel ist allerdings in den 1990er Jahren abgenommen worden, weil man tatsächlich keinen Beweis erbringen konnte, ob Beron tatsächlich 1864 in genau diesem Haus, in dessen Erdgeschoss heute ein Geschenkeladen residiert, gewohnt hatte. Da zählte auch nicht, dass es keinen Beweis gibt, dass er hier nicht gewohnt haben könnte. Man ging auf Nummer sicher und brachte die Tafel mit Büste in einer Passage des Gebäudes der Tschechischen Nationalbank in der Na Příkopě 860/24 (Prager Neustadt) an, wo sich dereinst ein Hotel befand, in dem er sich 1864 tatsächlich und nachweislich aufgehalten hatte. Und hier befindet er sich auch heute noch, wie man rechts sieht. Denn sein Andenken hat er sich mit seinem Lebenswerk verdient – ganz gleich, ob er je im Haus zum Roten Adler gewohnt hatte oder nicht. (DD)

Talsperre, wo Kaiser Ferdinand einst die Fluten bändigte

Als der Steinmetz Zacharias de Bussi Campione im Jahre 1643 zu Ehren von Kaiser Ferdinand III. am Moldauufer die Ferdinandssäule (Ferdinandův sloup) errichtete, ahnte er nicht, dass die dereinst nicht nur malerisch an einem Felsen ihre Pracht entfalten, sondern auch einen atemberaubenden Kontrast zu einem technischen Großbauwerk bilden würde, das seine Vorstellungskraft mit Sicherheit gesprengt hätte. Die Rede ist von der Talsperre Slapy (Přehrada Slapy).

Die Staumauer befindet sich an der Grenze zwischen den Ortschaften Třebenice und Slapy gehört (daher der Name) in Mittelböhmen – rund 35 Kilometer vom Prager Zentrum entfernt. Prag bezieht von hier einen großen Teil seines Stroms. Die Talsperre wurde in den Jahren 1949 bis 1955 errichtet und 1956 feierlich eröffnet. Sie ist 67,5 Meter hoch und 260 Meter breit. Die Mauer verfügt über vier je 15 Meter breite Überlauffelder, durch die 3000 qm pro Sekunde fließen können. Das Wasserkraftwerk verfügt über drei sogenannte Kaplan-Turbinen mit einer Leistung von jeweils 48 Megawatt bei 108 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Neben der Stromproduktion dient er der Trink- und Nutzwasserversorgung und der Regulierung des Hochwasser darunter, was auch die Schifffahrt dort ermöglicht.

Mit dem Thema der Schiffahrt kommen wir wieder zurück zur Ferdinandssäule. Die Moldau war früher ein ungebändigter Fluss, der für normale große Schiffe unbefahrbar war. Moldauschifffahrt, das waren in der Hauptsache Flößer (wir berichteten u.a. hier und hier). Dort, wo heute der Stausee beginnt, war im frühen 17. Jahrhundert eine der gefährlichsten Stromschnellen. Reißende Strömungen und tückische Untiefen und Felsen führten immer wieder zu schrecklichen Unfällen, bei denen Menschen umkamen und großer wirtschaftlicher Schaden entstand. In den 1630er Jahren ordnete daher besagter Kaiser Ferdinand III. an, die Moldau im Bannkreis von Prag sicherer und teilweise schiffbar zu machen. Die Stromschnelle wurde „entschärft“ und Felsen im Wasser entfernt. Das rettete viele Menschenleben und belebte die vom Dreissigjährigen Krieg geschädigte Wirtschaft. Deshalb setzte man im nach Abschluss der Arbeiten 1643 mit der Säule ein Denkmal.

Damals befand sich oben auf der Säule neben der gemeißelten Darstellung eines symbolischen Korb mit Steinen (siehe großes Bild oben) auch ein gusseiserner Habsburger Adler mit Krone, das Werk eines Schmiedes namens Hans Kugler aus Prag. Als die Tschechoslowakei 1918 unabhängig wurde und sich vom Habsburgerreich löste, brachen nationalistische Vandalen im Eifer ihrer Begeisterung die Krone ab und warfen sie anscheinend irgendwo (unauffindbar!) in Wasser.

Die immer noch stattliche „Restsäule“ (auf der sich heute eine Metallspitze befindet, die an einen Blitzableiter erinnert) steht übrigens nicht mehr an ihrem ursprünglichen Ort. Sie befand sich nur wenig weit entfernt stromaufwärts ebenfalls auf einem pittorsken Felsen wie heute. Da wäre sie aber Dank des Dammes heute unter Wasser. Aus irgendwelchen Gründen waren aber die Kommunisten 1949 gnädiger gegenüber dem guten Ferdinand III. als es die Republikaner 1918 waren. Man gab sich Mühe, sie fachgerecht und an einen imposanten Ort zu versetzen.

Die Stelle, wo früher die Flößer so arg in Gefahr gerieten, ist als Svatojanské proudy (Johannisströme) bekannt. Den Namen bekam der Ort aber erst, nachdem Ferdinand ihn einigermaßen gebändigt hatte. 1722 stellte man nur wenige Meter unterhalb der Ferdinandssäule eine barocke Statue des böhmischen Heiligen Nepomuk auf, die man hier immer noch bewundern kann (bzw. eine Kopie, die man 1908 anfertigte, da das Original bei Wind und Wetter langsam aber sicher erodiert war).

Die Statue betete man wohl gerne an, denn auch ohne die Felsen und Untiefen war das Wasser im sehr engen Flusstal immer noch recht reißend. So reißend, dass sie romatisch veranlagten Musikern gerne und oft zur Inspiration diente. Der Nationalkomponist Bedřich Smetana wurde 1874 durch die Schnellen zu seinem weltberühmten Ohrwurm Die Moldau (Vltava) angeregt. Der weitaus weniger bekannte Komponist Josef Richard Rozkošný schrieb 1871 sogar eine ganze – heute kaum mehr bekannte – Oper mit dem Titel Svatojánské proudy.

Kein Wunder, dass das Areal um den Stausee schon im 19. ajhrundert zum Ausflüglerparadies für die Prager wurde, die sich gerne hierher schippern ließen, um das felsige und malerische Flussufer zu erwandern. Den Freizeitwert hat die Talsperre duchausgehoben.Der Stausee ist ganze 44 Kilometer lang und hat eine Fläche von 1392 Hektar. Restaurants und Freiluftschwimmbäder laden ein. Paddler und Segler finden hier ein wahres Paradies. Sogar etliche Ausflugsdampfer fahren hier. Desgleichen kann man auch im Fluss unterhalb sehen, so die Wasserregulierung durch den Damm den Bootsverkehr noch sicherer gemacht hat als es schon die Arbeiten unter Kaiser Ferdinand getan hatten. Ein Problem für Bootstouristen gibt es doch. Aller die kleineren Stauwerke zur Flussrgeulierung und Stromgewinnung, die sich unterhalb befinden, verfügen über Schleusen, durch die Schiffe mühelos hindurch kommen. Das ging hier nicht. Um das Problem zu lösen, wollte man in der Dammmauer ein kleine Schiffshebewerk einbauen, das Boote mit einer Wasserverdrängung von bis zu 300 Tonnen passieren lassen sollte. Die tunnelförmige Einfahrt unterhalb des Dammes kann man heute noch sehen. Weiter kam man nicht. Das Projekt blieb bis heute unvollendet.

Für kleine Bötchen gibt es jedoch eine Zuganlage, die von einem Traktor betrieben wird. Theoretisch kann man also doch noch weit über den Stausee hinaus paddeln oder rudern. Auf jeden Fall ist eine Flußreise heute erheblich sicherer als vor den Zeiten Kaiser Ferdinands, und zwar nicht nur, weil es keine wirklichen Stromschnellen mehr gibt. Auf dem touristisch erschlossenen Stausee ist man auch vor Räubern und anderen Gefahren sicher. Wie man im Bild rechts im Vordergrund sieht. patrouilliert hier auch ein Schnellboot der Wasserpolizei, wenn es die Lage erfordert. (DD)

Vor 100 Jahren geboren: Alexander Dubček

Er war die große Leitfigur des Prager Frühlings von 1968. Vor genau 100 Jahren, am 27. November 1921, wurde Alexander Dubček in der slowakischen Stadt Uhrovec geboren. Der Sohn eines Tischlers hatte sich schon in den späten 1930er Jahren den Kommunisten angeschlossen. Aber schon bald nach der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei 1948 wurde klar, dass seine Auffassung von sozialistischer Entwicklung sich von denen seiner zu dieser Zeit strikt stalinistischen Parteigenossen deutlich unterschied.

Obwohl schon Parteisekretär in Bratislava, äußerte er offen Kritik an der Verfassungsrefom von 1958, die das Monopol der Kommunistischen Partei verankerte. Immer wieder setzte er sich für Opfer interner Säuberungen der Kommunistischen Partei ein und erreichte deren Rehabilitierung – ironischerweise galt das auch ausgerechnet für Gustáv Husák, der 1954 in einem Schauprozess als „bourgeoiser Nationalist“ zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, und der dann nach der Niederschlagung des Prager Frühlings Dubček absetzen und dessen Reformen rückgängig machen sollte.

Und in den frühen 1960er Jahren erreichte Dubček im slowakischen Landesteil tatsächlich einige Lockerungen in Sachen Meinungsfreiheit. Seine große Stunde kam, als er im Januar 1968 den Hardliner Antonín Novotný als Ersten Sekretär der KP ablöste und nun ein nationales Reformprogramm initiieren konnte. Die Abschaffung der Zensur, eine vorsichtige Dezentralisierung des Staates und sehr behutsame Anpassungen des Wirtschaftssystems an marktwirtschaftliche Prinzipien standen auf der Tagesordnung.

Im August war alles vorbei. Die Sowjetunion wollte derartige „liberale“ Alleingänge nicht tolerieren und 500.000 Soldaten des Warschauer Pakts marschierten ins Land ein. Dubček wurde schrittweise entmachtet und durch Husák ersetzt, der das Land einer „Normalisierung“ unterzog, wie die Machthaber damals die Rückkehr zur harten Diktatur euphemistisch nannten. Dubček wurde 1970 aus der KP ausgeschlossen und musste sich als Beschaffungsinspektor der Forstverwaltung von Bratislava verdingen.

Im November 1989 gehörte er mit Václav Havel zu den Anführern der großen Demonstrationen in Prag, die die Samtene Revolution einleiteten. Noch im Dezember des Jahres wurde er Präsident des Parlaments und konnte wesentliche Beiträge leisten, den Kommunismus zu beenden und eine neue Ära der Demokratie einzuleiten. Er hatte gerade den Vorsitz der slowakischen Sektion der neu gegründeten Sozialdemokratischen Partei übernommen, als er am 7. November 1992 bei einem Verkehrsunfall auf der Autobahn nahe der Stadt Humpolec ums Leben kam.

Im November 2009 wurde am heutigen Gebäude des Neuen Nationalmuseums in der Wilsonova 52/2 (Prag 1), das ab 1972 unter den Kommunisten als tschechoslowakisches Parlament (siehe unseren früheren Beitrag hier) fungierte, eine Gedenktafel mit einer Büste Dubčeks eingeweiht. Sie ist ein Werk des Bildhauers Teodor Baník. Das Gebäude diente noch nach dem Sturz des Kommunismus bis zur Auflösung der Tschechoslowakei als Parlament und es war Dubčeks letzte politische Wirkungsstätte als Parlamentspräsident.

Dubček zu ehren, war ein Anliegen, das tschechische und slowakische Repräsentanten gleichermaßen bewegte, und so nahmen bei der Einweihung des Denkmals der Präsident des Slowakischen Nationalrats Pavol Paška, der slowakische Kulturminister Marek Maďarič, die Präsidenten der Abgeordnetenkammer und des Senats des Parlaments der Tschechischen Republik Miloslav Vlček und Přemysl Sobotka teil. Die Inschrift auf dem Marmortafel ist sowohl in Tschechisch als auch Slowakisch gehalten und lautet übersetzt: „In diesem Gebäude arbeitete 1989-1992 als Präsident der Bundesversammlung der ČSFR Alexander Dubček.“ (DD)

Ironie der Geschichte: Das Denkmal für die Studentenkolonie

Der heutige 17. November ist bekanntlich Nationalfeiertag in Tschechien, der Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (Den boje za svobodu a demokracii). Für die Kommunisten bedeutete er im Jahre 1989 etwas, das sie anscheinend nicht einmal ansatzweise verstehen oder vorhersehen konnten. Das kleine Denkmal auf der Letnáhöhe ist jedenfalls zugleich ein würdiger Gedenkort für die kleinen Helden der Freiheit als auch ein Dokument von falscher Selbsteinschätzung der Mächtigen.

Man findet es an einem etwas abgelegenen Ort auf einer Grünanlage bei der Tramhaltestelle Špejchar an der großen ul. Milady Horákové in Prag 7 Bubeneč. Es wurde buchstäblich an dem Tag errichtet, an dem die Samtene Revolution das Schicksal derer politisch besiegelte, die es errichteten. Worum ging es? Am 17. November 1939 hatten Studenten in Prag massiv gegen die Nazibesetzung demonstriert. Die Demonstration wurde blutig niedergeschlagen (siehe früheren Beitrag hier), blieb aber im Gedächtnis der Menschen als Freiheitsfanal bestehen. Obwohl es den meisten Demonstranten damals um Freiheit und Demokratie ging, versuchten die sich „antifaschistisch“ gerierenden Kommunisten nach ihrer Machtergreifung 1948, die Heldentat der Studenten für sich plakativ zu vereinnahmen. Der Ort hier schien genau der richtige zu sein.

Auf der Freifläche, wo heute das Denkmal steht, befand sich ab 1921 die Studentenkolonie Kolonka. Anfang der 1920er Jahre wuchs die Bevölkerung Prags und die Wohnungen wurden knapp. Das betraf vor allem auch die wachsende Zahl von Studenten, die zunehmend von Armut und Not betroffen war. Eine sehr engagierte Gruppe von Studenten gründete daraufhin eine Genossenschaft (die eine Art Vorläufer heutiger Studentenwerke war), die spezielle Wohnheime für Studenten bauen und betreiben wollte. Die Idee funktionierte. Es gab viele Spender, von denen Präsident Tomáš Garrigue Masaryk der prominenteste war. Schließlich gab es auch einen staatlichen Zuschuss für das Projekt. Der Architekt Miloš Vaněček entwarf eine Wohnanlage im kubistischen Stil, die von den Studenten größtenteils in Eigenarbeit errichtet wurde. Der Komplex wurde von den Studenten selbst verwaltet. Natürlich nahmen viele der Studenten am 17. November 1939 an den Demonstrationen gegen die Nazis teil. Die gnadenlose Antwort blieb nicht aus. SS-Einheiten stürmten das Areal, lösten die Kolonie gewaltsam auf, legten die Gebäude in Schutt und Asche und brachten vor allem die führenden Studenten in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Nach dem Ende der Nazizeit wurde die Kolonie wieder aufgebaut und betrieben, aber sie war nur noch ein Teil des (sozialistischen) staatlichen Studentenwohnheimbetriebs. 1979 wich sie der Straßenbahnschleife, die sich jetzt hier befindet.

Mit dem Denkmal sollte seitens der regierenden Kommunisten der 50. Jahrestag der Proteste von 1939 gebührend gefeiert werden. Es handelt sich um eine Steinstele, deren Umrisse vage einer menschlichen Figur entsprechen. Darauf befindet sich die Inschrift: „1921 – 1939 . Zde stála studentská kolonie Kolonka. Bašta pokrokové inteligence. 17. listopad 1989“ (auf Deutsch: 1921 – 1939. Hier stand die Studentenkolonie Kolonka. Bastion der fortschrittlichen Intelligenz. 17. November 1989). Unter der Inschrift befindet sich eine Skizze des Grundrisses der Kolonie. Entworfen wurde das Denkmal von der Malerin Marie Hlobilová – Mrkvičková. Es ist im Stil der Gründungszeit der Kolonie gehalten und enthält immerhin keinerlei kommunistische Symbolik, die heute irgendwie störend wirken könnte. Es strahlt angemessene Würde aus.

Trotzdem war die damalige Intention die einer Vereinnahmung. Sie funktionierte aber nicht mehr. Wenn sich Totalitäre (Kommunisten) als Gegenspieler zu anderen Totalitären (Nazis) und als Verteidiger der Demokratie (wie es die Studenten waren) aufspielen, ist das in der Tat schon unglaubwürdig. Parallel zu der Errichtung des Denkmals erlaubten die Kommunisten auch noch Gedenkdemonstrationen zu den Ereignissen vom 17. November 1939, an denen dann aber auffallend viele recht aufmüpfige Studenten teilnahmen. Sie schlugen in eine große Protestaktion gegen die Kommunisten und ihr Unterdrückungsregime um und markierten den Beginn der Samtenen Revolution. Ganz im Geist der Studenten von 1939 kämpfte man nun für die Freiheit – während die Kommunisten ihnen zur gleichen Stunde noch auf dem Letná dieses Denkmal setzten. Das nennt man Ironie der Geschichte. (DD)

Ehre dem Schachmeister

Die Geschichte des Schachspiels lässt sich mindestens bis in das Indien des 5. Jahrhunderts zurückverfolgen. Trotzdem musste man bis 1886 warten, bis es die erste reguläre Weltmeisterschaft zu sehen gab. Und der erste Weltmeister war ein gebürtiger Prager!

Wilhelm Steinitz wurde 1836 als Kind einer jüdischen Familie in eher bescheidene Verhältnisse hineingeboren. Leicht gehbehindert, entwickelte er früh seine Neigung zu intensiver geistiger Betätigung und fiel schon als Kind als guter Schachspieler auf. 1858 begann er mit dem Studium der Mathematik und fing an, bei Schachwettbewerben mitzuspielen und durch seine erfolgreichen Strategien viel Geld dabei zu gewinnen.

Früher galt Schach als ein ritterliches Spiel, bei dem man vor allem überschwenglichen Angriffsgeist zeigen musste, wie das Ritter nun mal so tun. Kern aller strategischen Überlegungen war der direkte Angriff auf den König. Steinitz ging es aber um Eröffnungszüge und frühen Positionsaufbau, der strategischen und logischen Gesetzen gehorchte. Kurz: Steinitz entwarf eine moderne und mathematisch begründete Schachtheorie. Mit Erfolg. Heute steckt in jedem erfolgreichen Schachspieler ein wenig von Steinitz. Ohne Theorie geht es nicht. Und schon bald war die Welt des Habsburgerreichs viel zu klein für Steinitz. 1862 zog er nach London um, wo das damalige Zentrum des Schachspiels lag, und wo man mehr Geld damit verdienen konnte. Er gewann und gewann…

21 Jahre später fand man ihn in den Vereinigten Staaten, wo er mit seinem Spiel Schach zu einer regelrechten Popularität verhalf. Und hier fanden auch die ersten Weltmeisterschaften statt. Über 20 Spiele mussten in New York, St. Loius und Chicago absolviert werden, dann hatte sich Steinitz gegen aus Polen stammenden und in England lebenden Hermann Zukertort durchgesetzt, mit dem ihm eine schon lange bestehende Rivalität verband. Das Preisgeld von 1000 Dollar war für damalige Verhältnisse eine Riesensumme. Steinitz hatte den Höhepunkt seines Wirkens erreicht!

Steinitz hielt sich bis 1894 ungebrochen an der Spitze. Dann verlor er gegen den Deutschen Emanuel Lasker, ein Schlag, von dem er sich nicht mehr erholte. Mehrere Comebacks misslangen. Er entwickelte seltsame Ideen, etwas, dass er eine Maschine entwickelt hätte, mit der er drahtlos stumme Gedanken in die Welt schicken konnte und auch ebensolche empfangen konnte. Es saß ab und an da und sprach ins Leere und wartete vergebens auf die Antwort. Mehrfach kam er in psychatrische Kliniken. Irgendwann schien er zu glauben, dass er Schachfiguren nur durch Gedanken bewegen könne. Das Ende war dementsprechend traurig. Im Jahr 1900 starb er veramt und geistig umnachtet in einer New Yorker Irrenanstalt.

Sein Ruhm als großer Pionier des Schachs überlebte ihn und sein tragisches Ende. In Prag hat man ihn jedenfalls ordentlich geehrt. Als im Jahre 2004 an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität an der Široká 1/2 nahe des ehemaligen jüdischen Ghettos eine Gedenkplakette mit Portraitrelief für ihn eingeweiht wurde, war sogar der damalige Präsident Václav Klaus mit anwesend. Die Plakette wurde von dem Medailleur und Bildhauer Vladimír Oppl gestaltet. Sie zeigt das Portrait von Steinitz. Eine Inschrift vermerkt kurz die Lebensdaten (natürlich mit Hinweis auf den Prager Geburtsort) und die Fläche ist mit den Quadraten eines Schachbretts überzogen. Eine Krone symbolisiert das königliche Spiel, das der erste Weltmeister so meisterlich beherrschte. (DD)

Vielseitiger Physiker

Unter den großen Physikern, die in Prag wirkten, steht er in Sachen Bekanntheit ein wenig im Schatten des zur Pop-Ikone gewordenen Albert Einstein, aber ganz sicher ist auch er ein weiterer Beleg dafür, was für ein bedeutender Wissenschaftsstandort Prag immer war. Die Rede ist von Ernst Mach, dem man natürlich hier in der Stadt auch ein Denkmal gesetzt hat.

Mach ist den meisten Menschen dadurch bekannt, dass er der Maßeinheit für die Schallgeschwindigkeit (Mach-Zahl) den Namen gab, die er erforscht hatte. Daneben wurde Mach, der 1867 seine Professur in Prag antrat, 1872 Dekan der Philosophischen Fakultät und 1879 und 1883 sogar Rektor der Universität, durch vielseitige Impulse für die Wissenschaft bekannt. Sie erstreckten sich von der empiristischen Erkenntnistheorie über die Sinnespsychologie und der Erforschung der Dynamik fliegender Projektile hin zur Kritik der Newtonschen Mechanik. Mit letzterem inspirierte er wohl in einem nicht zu unterschätzenden Maße die Einsteinsche Relativitätstheorie. Kurz: Der Mann hat sich seine Gedenkplakette verdient.

Die findet man auch an der Fassade am Erdgeschoss des Gebäudes am Ovocný trh 562/7 (Obstmarkt) in der Prager Altstadt. Erst 2016 – zum 100. Todestag Machs – wurde die Tafel mit Büste hier angebracht. Sie ist ein Werk des Bildhauers Jakub Vlček. Die Büste ist von einer abstrakten Darstellung der konischne Druckwelle eines Projektils eingerahmt – ein Anspielung auch Machs Forschungen zur Schallgeschwindigkeit. Auf der Plakette darunter steht: „Ernst Mach 1838-1916. Der Physiker und Philosoph Ernst Mach arbeitete von 1867 bis 1879 in diesem Haus. Hier begann er als Leiter des Instituts für Physik der Universität seine bahnbrechenden Untersuchungen von Stoßwellen (Mach-Zahl). Seine Kritik an der Newtonschen Mechanik beeinflusste Albert Einstein (Machs Prinzip) tief.“

Bei dem Gebäude, an dem sich die Gedenktafel befindet, handelt es sich um den Buquoy Palast, ein klassizistische Bauwerk mit mittelalterlichen Wurzeln, das 1762 in den Besitz der Karlsuniversität (wir berichteten hier) überging. 1882 zog hier auch die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften Böhmens ein. Jiří Drahoš, ebenfalls ein Physiker und damaliger Präsident der Nachfolgeorganisation, der tschechischen Akademie der Wissenschaften, weihte die Gedenkplakette ein. (DD)

Reine Rechtslehre am Einkaufszentrum

Er gilt als der Vater der modernen österreichischen Verfassung. Bei seinem Namen denkt man eigentlich gleich an Österreich: Hans Kelsen. Da staunt man doch, wenn man plötzlich entdeckt, dass der Rechtsgelehrte in Wirklichkeit vor genau 140 Jahren, am 11. Oktober 1881 hier in Prag geboren wurde.

Nun gut, als er geboren wurde, gehörte Prag ja irgendwie zur österreichischen Reichshälfte der Doppelmonarchie. Trotzdem gilt: Mit drei Jahren verließen er und seine Familie Böhmen und die eigentliche akademische Karriere Kelsens nahm dann in Wien ihren Anfang. Kelsen gilt als der führende Vertreter des modernen Rechtspositivismus. Er nannte seine juristische und rechtsphilosophische Theorie Reine Rechtslehre, die die Autonomie des Rechts gegenüber Moral oder vorstaatlichen Werten (Naturrecht) postulierte. Liberale Kritiker wie Friedrich August von Hayek haben ihm vorgeworfen, eine solch moralfreie Theorie des Rechts leiste leicht Unrechtsregimen Vorschub. Das hätte er von sich gewiesen, denn für ihn war wissenschaftliche Jurisprudenz die Ableitung einer Rechtssystematik von einer Grundnorm. Die war für ihn nicht Gegenstand der Wissenschaft, wohl aber von moralischen Überzeugungen. Er betonte stets, dass für ihn demokratische Grundnormen vorzuziehen seien. Die Verfassung Österreichs verdankt ihm bis heute wesentliche Impulse, etwa die Etablierung des unabhängigen Verfassungsgerichts.

Für die Demokratie setzte er sich so sehr ein, dass er 1933 seinen Lehrstuhl in Köln verlassen musste, weil ihn die Nazis verfolgten. Er floh nach Wien, dann 1936 in seine Geburtsstadt Prag, wo ihn die Nazis bald einholten. 1940 landete er in den USA, wo er bis zu seinem Tod 1974 als hochgeachteter Jurist wirkte. Hier in Prag, wo er geboren wurde, wollte man seiner dann auch gedenken und so wurde 2014 in Gegenwart des Bürgermeister von Prag 1, Oldřich Lomecký, eine Gedenktafel zu seinen Ehren eingeweiht. Um es vorsichtig zu sagen: Die Tafel (großes Bild oben) und die Lokation wirken leider ein wenig lieblos. Es handelt sich um eine bloße Blechtafel mit der Aufschrift, dass der große Rechtsgelehrte hier dereinst geboren wurde. Das Ganze befindet sich in der unansehnlichen Ecke eines Nebeneingangsbereichs eines Kaufhauses. Nur wenigen Menschen, die hier vorbeikommen, dürfte die Plakette überhaupt auffallen.

Dass das Umfeld so aussieht, wie es aussieht, dafür können die Initiatoren der Plakette allerdings nichts. Denn das eigentliche Geburtshaus wurde schon lange zuvor abgerissen. Heute steht hier eben das Einkaufszentrum Máj (Obchodní dům Máj) in der Národní 63/26, Ecke Spalená, am Rande der Altstadt (Prag 1), das in den Jahren von 1972 bis 1975 von den Architekten John Eisler, Miroslav Masák und Martin Rajniš erbaut wurde. Der Koloss aus Stahl, Beton und Glas gilt als ein typisches Werk des sozialistischen Brutalismus und wurde als solches gefeiert. Das war damals verständlich, da es im kommunistischen Ostblock überhaupt nur sehr wenige große Einkaufszentren gab. Um dieses hier aufzubauen, musste man auch schwedische Baufirmen anheuern. Heute ist hier immer noch ein recht hochwertiges Einkaufzentrum, das einer britischen Lebensmittelkette gehört, die den tschechischen Namen Máj (dt.: Mai) in My umnannte, wohl um ein internationaleres Publikum anzulocken. (DD)

Friedenstaube für das Habsburger-Heer

Heute, am 21. September, ist der Internationale Tag des Friedens. Eigentlich sollte ja jeder Tag ein solcher Friedenstag sein. Formell haben ihn die Vereinten Nationen 1981 ausgerufen. Der heutige Tag ist jedenfalls die Gelegenheit, einmal eine böhmische Friedenstaube vorzustellen.

Diese in lokalem Sandstein gemeißelte Taube befindet sich auch dem Denkmal für Gefallenen des Ersten Weltkriegs (Pomník Obětem 1. světové války) in dem kleinen Ort Hořín, der rund 25-30 Kilometer nördlich von Prag gelegen ist. Die Taube mit Ölzweig als Friedenssymbol kann auf eine lange Geschichte zurückschauen. In der Bibel findet man die Taube im 1.Buch Mose 8:11. Sie gehört zur Geschichte von der Sintflut, mit der Gott die sündigen und gewalttätigen Menschen bestrafen und vernichten will, also ihnen geradezu den Krieg erklärt. Nur der fromme Noah und seine Familie nebst allerlei Getier überleben. Als Zeichen, dass die Flut endet, schickt Gott ihnen die Taube mit dem Ölzweig. Sie stand damit für den Frieden, den Gott am Ende dann doch mit den Menschen schließt.

Als politisches Friedensymbol setzte sich der Vogel aus der Spezies der Columbidae 1949 durch, als kein Geringerer als Pablo Picasso aus ihr das Symbol – heute würde man sagen „Logo“ – des Weltfriedenskongresses in der französischen Hauptstadt Paris machte. Seither konnte sich die Taube manchmal vor politischem Missbrauch (häufig seitens der Kommunisten, die sich sonst eher nicht christlicher Symbolik bedienten) nicht wehren, was aber ihren Siegeszug in der politischen Ikonographie nicht verhinderte.

Davon war man aber um 1920, als vermutlich das Denkmal in Hořín errichtet wurde, noch weit entfernt. Hier dürfte die Taube mit Zweig noch als traditionelles und rein christliches Symbol des Friedens zu sehen sein. Nicht nur das lässt das Denkmal in einem recht wenig religiös gestimmten Land auffällig erscheinen. Die tschechische Denkmalskultur nach dem Ersten Weltkrieg war im Kern durch und durch vom Nationalismus eines neu entstandenen Landes, der Tschechoslowakei, geprägt, hatte aber dabei noch andere Erwägungen einzubeziehen. Das soldatische Leittbild der Ersten Republik prägten im wesentlichen die Tschechoslowakischen Legionen, die nicht für die Armee der Habsburgerreiches (zu dem die Tschechen ja gehörten), sondern auf Seiten der Alliierten gegen Kakanien kämpften (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier, hier und hier), um so die Unabhängigkeit des Landes zu erlangen. Man sieht daher in Tschechien durchaus etliche Denkmäler mit Statuen von Legionären in russischen, französischen oder italienischen Uniformen. Aber natürlich wusste man, dass die Legionäre nur eine Minderheit waren, und dass die allermeisten Tschechen in Wirklichkeit brav in der Habsburger Armee dienten und enorme Opfer erbrachten. Es wäre gegenüber den Angehörigen ein beispielloser und unverdienter Affront gewesen, hätte die Gedenkkultur sie bei Gefallenendenkmälern „unter den Tisch“ fallen lassen. Um dem so entstehenden Wirrwarr zu entgehen, vermied man bei der Begrifflichkeit oft möglicherweise diskriminierende Unterschiede wie „Soldat“ oder „Legionär“ Man schrieb von Opfern oder Gefallenen und die bildliche Darstellung blieb oft recht abstrahierend (Beispiel hier).

Umso ungewöhnlicher, dass auf dem Kriegerdenkmal hier in Hořín auf dem Relief direkt unter der Friedentaube ein sich von Frau und Kind verabschiedender Soldat abgebildet ist, der ganz eindeutig die Uniform des Österreichischen Heeres trägt. Das war in der Gedenkkultur der neuen Tschechoslowakei äußerst ungewöhnlich, dass die Opfer, die für die Habsburger-Armee (die damals von Jaroslav Hašek in seinem Schelmenroman über den Soldaten Švejk auf die Schippe genommen wurde) erbracht wurden, so in den Mittelpunkt gerückt wurde. Ich kenne in Tschechien kein anderes Beispiel dafür. War man in Hořín damals noch dem Kaiser treu? Möglicherweise hatte auch niemand von dort für die Legionen gekämpft. 10 Namen von Gefallenen (alle bis auf einen tschechisch, nicht etwa österreichisch/deutsch) stehen dem Denkmal. Der Ort, der heute so eine Art Vorort von Mělník ist, muss damals noch sehr klein gewesen sein. Er musste anscheinend einen recht hohen Blutzoll zahlen. Vielleicht wollte man gerade mit der österreichischen Uniform ausdrücken, dass auch diese Opfer im Namen Österreich-Ungarns ebenso zu betrauernde Opfer waren, derer man gedenken solte, wie es die Opfer unter denen waren, die für die unabhängige Tschechoslowakei kämpften. Den Bildhauer des Denkmals konnte ich nicht eruieren. Auf der Rückeite steht wohl der Namenszug „Novotný-Libich“. Wer sich dahinter verbirgt, weiß ich nicht. Die Inschrift auf der Bronzetafel unter dem Relief des Soldaten lautet: „1914-1918. Na paměť utrpení prolité krve a hořkých slz!“ (1914-1918. In Erinnerung an das Leiden vergossenen Blutes und bitterer Tränen!). Und datrunter steht: „Věnují místní spoluvojíni a spoluobčané“ (Gestiftet von den örtlichen Mitsoldaten und Mitbürgern). Und über allem thront die Friedenstaube mit ihrem Ölzweig. (DD)