Friedenstaube für das Habsburger-Heer

Heute, am 21. September, ist der Internationale Tag des Friedens. Eigentlich sollte ja jeder Tag ein solcher Friedenstag sein. Formell haben ihn die Vereinten Nationen 1981 ausgerufen. Der heutige Tag ist jedenfalls die Gelegenheit, einmal eine böhmische Friedenstaube vorzustellen.

Diese in lokalem Sandstein gemeißelte Taube befindet sich auch dem Denkmal für Gefallenen des Ersten Weltkriegs (Pomník Obětem 1. světové války) in dem kleinen Ort Hořín, der rund 25-30 Kilometer nördlich von Prag gelegen ist. Die Taube mit Ölzweig als Friedenssymbol kann auf eine lange Geschichte zurückschauen. In der Bibel findet man die Taube im 1.Buch Mose 8:11. Sie gehört zur Geschichte von der Sintflut, mit der Gott die sündigen und gewalttätigen Menschen bestrafen und vernichten will, also ihnen geradezu den Krieg erklärt. Nur der fromme Noah und seine Familie nebst allerlei Getier überleben. Als Zeichen, dass die Flut endet, schickt Gott ihnen die Taube mit dem Ölzweig. Sie stand damit für den Frieden, den Gott am Ende dann doch mit den Menschen schließt.

Als politisches Friedensymbol setzte sich der Vogel aus der Spezies der Columbidae 1949 durch, als kein Geringerer als Pablo Picasso aus ihr das Symbol – heute würde man sagen „Logo“ – des Weltfriedenskongresses in der französischen Hauptstadt Paris machte. Seither konnte sich die Taube manchmal vor politischem Missbrauch (häufig seitens der Kommunisten, die sich sonst eher nicht christlicher Symbolik bedienten) nicht wehren, was aber ihren Siegeszug in der politischen Ikonographie nicht verhinderte.

Davon war man aber um 1920, als vermutlich das Denkmal in Hořín errichtet wurde, noch weit entfernt. Hier dürfte die Taube mit Zweig noch als traditionelles und rein christliches Symbol des Friedens zu sehen sein. Nicht nur das lässt das Denkmal in einem recht wenig religiös gestimmten Land auffällig erscheinen. Die tschechische Denkmalskultur nach dem Ersten Weltkrieg war im Kern durch und durch vom Nationalismus eines neu entstandenen Landes, der Tschechoslowakei, geprägt, hatte aber dabei noch andere Erwägungen einzubeziehen. Das soldatische Leittbild der Ersten Republik prägten im wesentlichen die Tschechoslowakischen Legionen, die nicht für die Armee der Habsburgerreiches (zu dem die Tschechen ja gehörten), sondern auf Seiten der Alliierten gegen Kakanien kämpften (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier, hier und hier), um so die Unabhängigkeit des Landes zu erlangen. Man sieht daher in Tschechien durchaus etliche Denkmäler mit Statuen von Legionären in russischen, französischen oder italienischen Uniformen. Aber natürlich wusste man, dass die Legionäre nur eine Minderheit waren, und dass die allermeisten Tschechen in Wirklichkeit brav in der Habsburger Armee dienten und enorme Opfer erbrachten. Es wäre gegenüber den Angehörigen ein beispielloser und unverdienter Affront gewesen, hätte die Gedenkkultur sie bei Gefallenendenkmälern „unter den Tisch“ fallen lassen. Um dem so entstehenden Wirrwarr zu entgehen, vermied man bei der Begrifflichkeit oft möglicherweise diskriminierende Unterschiede wie „Soldat“ oder „Legionär“ Man schrieb von Opfern oder Gefallenen und die bildliche Darstellung blieb oft recht abstrahierend (Beispiel hier).

Umso ungewöhnlicher, dass auf dem Kriegerdenkmal hier in Hořín auf dem Relief direkt unter der Friedentaube ein sich von Frau und Kind verabschiedender Soldat abgebildet ist, der ganz eindeutig die Uniform des Österreichischen Heeres trägt. Das war in der Gedenkkultur der neuen Tschechoslowakei äußerst ungewöhnlich, dass die Opfer, die für die Habsburger-Armee (die damals von Jaroslav Hašek in seinem Schelmenroman über den Soldaten Švejk auf die Schippe genommen wurde) erbracht wurden, so in den Mittelpunkt gerückt wurde. Ich kenne in Tschechien kein anderes Beispiel dafür. War man in Hořín damals noch dem Kaiser treu? Möglicherweise hatte auch niemand von dort für die Legionen gekämpft. 10 Namen von Gefallenen (alle bis auf einen tschechisch, nicht etwa österreichisch/deutsch) stehen dem Denkmal. Der Ort, der heute so eine Art Vorort von Mělník ist, muss damals noch sehr klein gewesen sein. Er musste anscheinend einen recht hohen Blutzoll zahlen. Vielleicht wollte man gerade mit der österreichischen Uniform ausdrücken, dass auch diese Opfer im Namen Österreich-Ungarns ebenso zu betrauernde Opfer waren, derer man gedenken solte, wie es die Opfer unter denen waren, die für die unabhängige Tschechoslowakei kämpften. Den Bildhauer des Denkmals konnte ich nicht eruieren. Auf der Rückeite steht wohl der Namenszug „Novotný-Libich“. Wer sich dahinter verbirgt, weiß ich nicht. Die Inschrift auf der Bronzetafel unter dem Relief des Soldaten lautet: „1914-1918. Na paměť utrpení prolité krve a hořkých slz!“ (1914-1918. In Erinnerung an das Leiden vergossenen Blutes und bitterer Tränen!). Und datrunter steht: „Věnují místní spoluvojíni a spoluobčané“ (Gestiftet von den örtlichen Mitsoldaten und Mitbürgern). Und über allem thront die Friedenstaube mit ihrem Ölzweig. (DD)

Wo der rosa Panzer stand, fällt nun die Zeit

Für mich kann er den rosa Panzer nicht vollwertig ersetzen. Aber bemerkenswert ist er schon, der Falltür der Zeit (Propadliště času) genannte Brunnen auf dem Kinský-Platz in Smíchov (Prag 5).

Beginnen wir doch erst einmal mit der Geschichte. Der Brunnen, der von dem prominenten Architekten Jan Lauda gestaltet wurde, befindet sich hier seit dem Oktober 2002. Als der Platz 1894 hier ausgebaut wurde, stellte man den aus einem nahegelegenen Park verpflanzten barocken Bärenbrunnen (Medvědí kašna) auf, der mittlerweile wieder an seinem originalen Standort steht (wir berichteten). Warum verschwanden die Bären? Nun, 1948 gelangten die Kommunisten an die Macht. Die stellten hier ein Denkmal für die sowjetischen Panzertruppen, bei dem ein echter Sowjetpanzer auf einem Steinsockel stand. Die Rote Armee hatte angeblich am 9. Mai 1945 Prag von den Nazis befreit . Das stimmte nicht ganz, weil sich die deutsche Truppen schon am Vortag vor den tschechischen (und nicht-kommunistischen) Truppen des Prager Aufstandes (siehe auch hier, hier und hier) ergeben hatten. Aber das nahm man nicht ganz krumm, weil bei den Kämpfen um Prag schließlich doch viele Sowjetsoldaten ihr Leben verloren hatten und man ihrer durchaus gedenken durfte. Aber nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 wurden Sowjetpanzer generell in einem anderen Licht gesehen, nämlich als Instrument kommunistischer Unterdrückung.

Es kam das Ende des Kommunismus von 1989. Das Panzerdenkmal blieb erst einmal stehen. Aus Protest bemalte jedoch 1991 der Künstler David Černý, das anarchische enfant terrible der Prager Kunstszene, über dessen Werke wir schon unter anderem hier, hier, hier und hier berichteten, den Panzer rosa, womit er erst eigentliche Berühmtheit erlangte. Die Stadt bemalte ihn wieder in den Originalfarben und brummten Černý eine Strafe auf, dann malten ihn antikommunististische Abgeordnete (die Immunität genossen) wieder an. Nach einigem Hin und Her – worüber wir berichteten – kam der Panzer in das in das 20 Kilometer entfernte Militär Museum Lešany, wo man ihn heute noch (in rosa!) bewundern kann.

Was blieb, war die Lücke, die der Abriss des Denkmals für die sowjetischen Panzer hinterließ. Und die füllt eben seit der 2002 dieser Brunnen. Der runde Brunnen besteht hauptsächlich aus zwei großen halbrunden, grob behauenen Steinplatten. Sie stammen übrigens aus einem Granit-Steinbruch nahe der nordböhmischen Stadt Liberec . Die Botschaft dahinter ist eine eher versöhnliche: Das zwischen den Steinen hinwegfließende Wasser verschlingt die Taten der Menschen und führt zu sanftem Vergessen. Die Fontäne wird durch 64 Düsen bewirkt.

Nachts wird das Ganze von Lampen (40 Stück) erhellt. Rundum den Brunnen gibt es kleine Fontänen und in der „Schlucht“ zwischen den beiden Steinen schießt ab und an eine 8 Meter Hohe Fontäne hinauf in die Luft. Das macht sich vor der Fassade des dahinter befindlichen Justizpalastes recht beeindruckend. Ganz zum Vergessen führt der Fluss des Wassers nicht. Man kann nämlich am Rande noch Teile der alten Mauereinfassung und Sockel des früheren Sowjet-Panzerdenkmals sehen. Irgendwie muss man – der Schönheit des neuen Brunnens zum Trotz – dann doch wieder an den rosafarbenen Panzer denken, der einfach zu witzig war. (DD)

Der älteste jüdische Friedhof

Erst seit 2016 wird der vorbeikommende Passant wieder daran erinnert, dass sich hier in der Neustadt bei den Straßen Purkyňova und Vladislavova der Judengarten (Hortus Judaeorum) befand bzw. teilweise noch befindet. Der älteste jüdische Friedhof Prags wurde wohl schon im frühen 13. Jahrhundert angelegt.

Damals nahmen die die böhmischen Könige ihre Schutzpflicht gegenüber den Juden sehr ernst. Deshalb ist eine Erwähnung des Friedhofs durch König Otakar II. aus dem Jahr 1255 erhalten, der ein Gesetz erließ, dass jede Form von Vandalismus gegenüber den jüdischen Gräbern drakonisch bestraft werde. König Wenzel IV. garantierte 1410 den Juden den – gemäß ihrer Religion verpflichtenden – Ewigkeitsstatus. Der Friedhof wuchs auf stattliche 48.000 qm an und es wurden Juden aus der ganzen Umgebung Prags hier beerdigt. Die Ewigkeitsgarantie währte leider nicht ewig. 1478 ließ König Vladislav II. im Zuge einer Stadterweiterung der Neustadt en Friedhof. Einiges wurde anschließend durch den Stadtaufbau zerstört, viele Gräber aber auch einfach überbaut. Von nun an sollte der wesentlich kleinere neue jüdische Friedhof im Judenghetto Josefov (Josefstadt) in der Altstadt die Funktion des Judengartens übernehmen.

1866 fand man bei Bauarbeiten einige der Gräber wieder. Sie wurden exhumiert und in einem Denkmal beim Friedhof in Josefov eingemauert, was klar gegen den jüdischen Totenritus verstieß. 1998 fand man beim Bau einer Tiefgarage gleich ein archäologisch wertvolles zusammenhängendes Gräberfeld mit über 400 Gräbern. Diesmal wollte man sensibler agieren. Es folgten Verhandlungen mit der jüdischen Gemeinde Prags. Einige bereits beschädigte Gräber wurden auf den Neuen Jüdischen Friedhof (Nový židovský hřbitov), über den wir bereits hier berichtet haben, nach Žižkov umgebettet.

Insgesamt rund 160 Behältnisse mit menschlichen Überresten wurden dafür unter einem der erhaltenen Schreine (der dafür gesondert dorthin transportiert wurde) an zentraler Stelle des neuen Friedhofs begraben, was aber allenfalls als traurige Notlösung galt. Aber der Schrein ist eines der wenigen noch sichtbaren Relikte des ältesten jüdischen Friedhofs (Bild links). Für die intakt gebliebenen Gräber verhandelte im Jahr 2000 man eine Lösung, die dem jüdischen Gebot der ewigen Unantastbarkeit von Gräbern Rechnung trug. Baupläne wurden geändert und die verblieben Gräber unzugänglich mit einer großen Betonumhüllung versehen.

Davon sieht der Passant draußen auch der Straße nichts. Wo ein Erinnerungsort sein sollte, war lange Zeit schlichtweg keiner. Deshalb wurde 2016 auf der kleinen Purkyňova Straße ein von dem Architekten Richard Sidej gestaltetes Denkmal aufgestellt und unter großer Beteiligung der jüdischen Gemeinde und der Prager Kommunalpolitik würdig eingeweiht. Auf vier, an Grabsteine erinnernden Tafeln wird in Hebräisch, Tschechisch und Englisch an den geweihten Ort erinnert. Es wird auch gesagt, das laut einer Schriftquelle, dem Seder HaDoroth, einem aus dem frühen 18. Jahrhundert stammenden Buch der Generationen, Shlomo Yitzchaki Rashi, ein im 11. Jahrhundert lebender Gelehrte, der bedeutende Kommentare zur Torah und Talmud schrieb, hier begraben sein soll. Das ist eher ungesichert, starb der doch in der französischen Stadt Troyes und lebte lange vor der Entstehung des Prager Friedhofs. An der historischen Bedeutung des Ortes ändert das nichts. (DD)

Der polnische Palach

Am 8. September 1968 – heute vor 53 Jahren – feierten die polnischen Kommunisten im damaligen Stadion Dziesięciolecia in Warschau das Erntedankfest. Tage zuvor, am 20. August, hatten Truppen des Warschauer Paktes (auch polnische) begonnen, den Prager Frühling niederzuschlagen. Unter den 100.000 Besuchern im Stadion befand sich auch Ryszard Siwiec. Kaum hatte Parteichef Władysław Gomułka seine Rede gehalten, warf Siwiec Flugblätter gegen das Regime ins Publikum, begoss sich mit Benzin und zündete sich mit dem Ruf „Ich protestiere“ (Protestuję!) an.

Sanitäter und Polizisten stürmten herbei und versuchten, das Feuer zu löschen, doch Siwiec wehrte sich heftig. Schließlich brach er zusammen, man löschte das Feuer und er wurde weggetragen. Im Krankenhaus starb er am 12. September an den Folgen seiner schweren Verbrennungen. Die Öffentlichkeit erfuhr davon nichts. Die von den Kommunisten kontrollierte Presse schwieg den Vorfall tot. Den Zeugen im Stadion, die die Selbstverbrennung beobachtet hatten, wurde später erzählt, Siwiec sei halt geistesgestört gewesen. Inwieweit sich die Nachricht trotzdem in Untergrundmedien, den Samisdat, verbreitete, lässt sich heute schwer nachverfolgen. Man weiß daher nicht, ob man damals in der Tschechoslowakei von dieser solidarischen Selbstaufopferung erfuhr, insbesondere, ob Siwiecs Tat als Inspiration für die ungleich berühmtere Selbstverbrennung von Jan Palach (wir berichteten u.a. hier) am 16. Januar 1969 diente, die allerdings schnell ihren Weg in die westlichen Medien fand. Von Siwiecs Tod erfuhr die Weltöffentlichkeit in größerem Umfang erst im April 1969 durch Radio Free Europe (über das wir hier berichteten) – also erst nach Palachs Fanal in Prag.

Wer war Ryszard Siwiec? Siwiec kam aus dem heutigen Lviv (Lemberg) in der Ukraine, das vor dem Zweiten Weltkrieg aber noch zu Polen gehörte, und wo er Philosophie studierte. Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 kämpfte er im Untergrund für die Polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa), die der legitimen Exilregierung in London unterstand. Er musste ansehen, wie die Sowjets nach der „Befreiung“ 1945 die Heimatarmee vernichteten, um so die Macht zu ergreifen. Seinen Beruf als Lehrer gab Siwiec, der von den kommunistischen Verbrechen angeekelt war, auf, weil er dort gezwungen worden wäre, Kinder im Sinne des Regimes zu indoktrinieren. Stattdessen schlug er sich als Buchhalter durchs Leben. Nebenbei schrieb und verteilte er (illegal) kleine Handzettel gegen die roten Herrscher, die er mit dem Pseudonym „Jan Polak“ unterzeichnete. Als 1968 der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in der Tschechoslowakei den Prager Frühling beendete, fand er, dass jetzt den Worten eine entschiedene Tat folgen müsse. Und so kam es zur Selbstverbrennung im Warschauer Stadion.

Erst nach dem Sturz des Kommunismus wurde Siwiecs Tat die Anerkennung zuteil, die sie verdiente. Schon 1991 machte in Polen und der Tschechoslowakei der preisgekrönte Film Hört meinen Schrei (Usłyszcie mój krzyk) des polnischen Regisseurs Maciej Drygas Furore, der viele Menschen erstmals auf den in Tschechien oft „der polnische Palach“ genannten Siwiec aufmerksam machte. Ehrungen folgten: Im Jahr 2001 verlieh der Präsident der Tschechischen Republik, Václav Havel, Ryszard Siwiec posthum den Tomáš-Garrigue-Masaryk-Orden 1. Klasse – die höchste Auszeichnung des Landes. 2003 kam es in Polen zum Eklat, als Präsident Alexander Kwasniewski ihm ebenfalls postum einen hohen Orden verleihen wollte. Die Familie Siwiecs lehnte die Annahme ab, weil Kwasniewski ehemaliger (wenngleich geläuterter) Kommunist war und von der postkommunistischen Partei, der Bund der Demokratischen Linken (Sojusz Lewicy Demokratycznej), als Kandidat aufgestellt worden war. 2006 wurde Siwiec dann noch einmal vom slowakischen Präsidenten Ivan Gašparovič mit dem Orden des Weißen Doppelkreuzes ausgezeichnet.

Seit dem August 2010 gibt es in Prag ganz in der Nähe der Wirtschaftsuniversität (Vysoká škola ekonomická v Praze) ein Denkmal für Siwiec aufgestellt und in Gegenwart von prominenten Persönlichkeiten aus Tschechien und Polen – etwa der tschechische Innenminister Radek John, der Vizepräsident des polnischen Senats Zbigniew Romaszewski und der polnische Botschafter Jan Pastwa – feierlich eingeweiht. Betrieben wurde die Aufstellung vom Institut für das Studium für totalitärer Regime (Ústav pro studium totalitních režimů, ÚSTR), das sich mit der historischen Aufarbeitung nationalsozialistischer und kommunistischer Verbrechen und der Erinenrungs daran befasst, und dessen Büro sich in der Nähe befindet. Schon im Jahr zuvor hatte man die Straße in Žižkov (Prag 3), wo das Denkmal heute steht, nach ihm Siwiecova benannnt. Leider handelt es sich um einen städteplanerisch eher unattraktiven Platz, der dem Andenken vielleicht nicht ganz würdig wird. Trotz der abgelegenen Lage kommen immer wieder Menschen, um eine Kerze zu seinem Gedenken vor dem Stein aufzustellen.

Das Denkmal hat die Form eines Obelisken, der nach oben hin aufgespalten ist. Die rote Namensinschrift für Siwiec deutet an, dass hier Flammen symbolisiert sind, die einen Riss in den monolithischen Stein (steht er für das System?) treiben. Auf den Seiten sind in Polnisch, Tschechisch und Englisch die Lebensdaten, sein Dienst bei der Heimatarmee, seine Selbstverbrennung in Solidarität mit der Tschechoslowakei als größtmögliches Opfer im Dienste der Wahrheit aufgezählt. Erschaffen wurde das Denkmal von dem polnischen Bildhauer Marek Moderau, der in Polen durch etliche Denkmäler zur Erinnerung an totalitäre Gräuel bekannt wurde. Es handelt sich bei dem Denkmal um eine exakte Kopie des Gedenksteins für Siwiec, der heute vor dem Warschauer Nationalstadion (Stadion Narodowy) steht, das hier 2012 anstelle des 2008 wegen Baufälligkeit abgerissenen Stadion Dziesięciolecia, wo Siwiec sich 1968 selbst verbrannt hatte, errichtet wurde. (DD)

Auf den Spuren Jaroslav Hašeks V: Švejk mit Hundeköttel

Ein wenig schwer tun sich die Tschechen manchmal schon damit, dass der gute Soldat Švejk ihr unangefochtener literarischer Nationalheld ist. Zugegeben, er ist eine urkomische Figur, aber auch Trinker, dubioser Hundehändler und schlaumeiernd-raffinierter Drückeberger. Keiner wird offen zugegeben, dass so einer sein Vorbild sein könne. Nun ja, alle außer den Bürgern von Kralupy.

Zudem hatte sich Autor Jaroslav Hašek, der sich die berühmten Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války (Die Erlebnisse des guten Soldaten Schwejk im Weltkrieg) ausgedacht hatte, deren erster Band 1921 erschien, ausgedacht hatte, im Weltkrieg den Bolschewisten angeschlossen, weshalb ihn die Kommunisten stets als den ihren feierten. Mit denen wäre er als anarchischer Geist eigentlich nicht lange gut ausgekommen, aber er war ja 1923 am Suff gestorben und konnte sich gegen seine Vereinnahmung nicht wehren.

Was immer die Tschechen im allgemeinen von ihm auch halten mögen, die Bürger von Kralupy lieben ihren guten Soldaten Švejk und bekennen sich mit Vehemenz dazu. Die direkt hinter der nördlichen Stadtgrenze Prags liegende Kleinstadt an der Moldau hat ihm fröhlich-feierlich ein Denkmal gesetzt, das trefflicher nicht gestaltet hätte werden können. Bei der Einweihung im Mai 2017 versammelten sich hunderte Bürger, von denen viele in k.u.k.-Uniformen à la Švejk steckten. Die Einweihung erfolgte – anders geht es ja gar nicht! – durch Begießen der Statue mit Bier.

Schon 2012 hatten sich in den Kneipen und Straßen Kralupys Anzeichen einer Švejk-Manie bemerkbar gemacht, wie man diesem Video entnehmen kann. 2014 formierte sich ein Verein zur Förderung eines Švejk-Denkmals. Man sammelte ordentlich Geld und beauftragte den Bildhauer Albert Králiček mit der Ausfertigung der lebendgroßen Bronzefigur. Der portraitierte den guten Soldaten auf einer Bank sitzend mit einem kleinen Hund auf dem Schoß – was daran erinnert, dass Švejk im Zivilleben mit Hunden handelte, über deren Herkunft man besser schweigt. Das Gesicht des Švejk ist dem des Schauspielers Rudolf Hrušínský nachempfunden, der durch die Romanverfilmung von 1957 die wohl bekannteste Verkörperung des guten Soldaten im Lande wurde. Jedenfalls ist das hier ein Švejk, wie er sein sollte. Und die Bank, auf der er sitzt, ist so groß, dass man sich – so wie im Bild links meine Tochter und Lady Edith – gemütlich zu ihm setzen kann.

Die Bürger von Kralupy, die das Denkmal wohl zurecht die größte Kulturattraktion der Stadt halten, wollten den Švejk auch nicht würdevoller erscheinen lassen, als er war. Deshalb ist das wichtigste Detail der Statue der kleine Hundeköttel, den der kleine Hund wohl hinterließ, und zwar neben dem linken Fuß des Švejk. Und auf dem Häufchen sitzt eine dicke Fliege, die sich dort gemütlich niedergelassen hat. Das ist derber Humor! Das ist was für Fans von Hašek und des guten Soldaten Švejk!

Aber wieso Kralupy? Nun, irgendwer, der das Buch genau gelesen hatte, stellte fest, dass Kralupy dort siebenmal beiläufig erwähnt wird und zwar in Zusammenhang mit einem von Švejks Kumpanen im Regiment. Am bekanntesten ist die Stelle, wo sich dem Švejk sein neuer Regimentskamerad Jan Vaněk mit den Worten vorstellt: “Já jsem takto drogista Vaněk z Kralup.“ Auf Deutsch: „Ich bin der Drogist Vaněk aus Kralupy.“ Vaněk gab es úbrigens wirklich und er hat auch mit Hašek im Regiment gedient. Er war wohl nicht der Drückeberger, wie es im Roman geschildert wird. Und die Apotheke in Kralupy, wo er tats§chlich arbeitete, gibt es sogar heute noch an jenem Palacký-Platz (Palackého náměstí), auf dem sich heute das Denkmal befindet. Deshalb ist die Selbstvorstellung des Rechnungsfeldwebels Vaněk auch auf der Plakette zu finden, die neben dem Denkmal im Boden eingelassen ist. (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

Und auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks II: Im U Kalicha

Ebenso: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Und natürlich: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks IV: Geburtsort in der Gendarmeriewache

Artilleristengräber an der Bastion

Man muss ein wenig suchen, bis man sie findet. Die Grabsteine befinden sich fast versteckt am Fuße der Bastion X der barocken Stadtbefestigung des Burgbezirks (Hradčany) – im unteren Teil des von Schnellstraßen umgebenen, aber dann doch recht großen und grünen Max van der Stoel Parks. Man muss schon wissen, wonach man sucht, um sie zu finden.

Prag ist vor allem im 18. Jahrhundert oft belagert worden und es gab daher viele Garnisonen zu seiner Verteidigung. Folglich gab es auch viele, über die Stadt verteilte Soldatenfriedhöfe. Nur von wenigen findet man noch sichtbare Spuren, seitdem sie Anfang des 20. Jahrhunderts samt und sonders aufgelöst wurden und militärische Begräbnisse aller Arten (Beispiel hier) seither nur noch auf den Olšany Friedhöfen (Olšanské hřbitovy; wir berichteten hier) oder außerhalb der Stadt stattfinden.

Die Rede ist vom Soldatenfriedhof von Střešovice (Střešovický Vojenský Hřbitov). Der wurde 1786 unter Kaiser Joseph II. für die Garnison des Artillerieregiments des damals ummauerten und befestigten Burgbezirks eingerichtet. Die Lage des Areals für den Friedhof war ideal, erfüllte sie doch des Kaisers Vorgabe, dass Friedhöfe (ganz gleich, ob militärisch oder zivil) aus den Innenstädten zu verschwinden hätten, war aber gleichzeitig so dicht von außen an den Bastionsmauern angelegt, dass die Angehörigen nicht weit laufen mussten, um den Toten Ehre zu erweisen. Da Prag 1757 während der Belagerung der Stadt im Siebenjährigen Kriegs das letzte Mal real militärisch bedroht worden war, dürften die meisten dort damals Begrabenen nicht Kriegsgefallene gewesen sein. Auch friedlich in einer Garnison untergebracht, sterben Soldaten ja irgendwann und müssen begraben werden. Die meisten tatsächlichen Kriegsopfer wurden hier während der Napoleonischen Kriege und dem Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 begraben, bei dem die Artilleristen außerhalb der Heimat Prag eingesetzt wurden, aber meist doch hier ihre letzte Ruhestätte fanden.

Bis 1906 fanden auf dem recht großen Areal noch Beerdigungen (zu diesem Zeitpunkt teilweise auch zivile) statt. In diesem Jahr wurden etliche Soldatenfriedhöfe aufgelöst und desekriert, etwa der große ehemalige Soldatenfriedhof von Karlín, von dem nur die Kapelle, aber seit seiner Auflösung kein Grabstein überlebte (wir berichteten hier). Das war im Falle des ebenfalls desekrierten Friedhofs Střešovice nicht in diesem Umfang der Fall. Etliche Soldaten wurden auf den weit außerhalb gelegenen Soldatenfriedhof in Štěrboholy (wir berichteten hier) umgebettet. Einige Gräber blieben und wurden noch bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg und in der Ersten Republik von Hinterbliebenen gepflegt. Vor allem blieb eine größere Menge Grabsteine erhalten. Die Situation verschlechterte sich allerdings markant, als in den 1930er Jahren der Park in eine Sportanlage umgewandelt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten sich Gartenkolonien hier breit, die weiteren Schaden anrichteten. 1987 erbarmten sich die Behörden und das Areal wurde unter Denkmalschutz gestellt.

Es begannen Restaurationsarbeiten. Die meisten der Grabdenkmäler und -platten wurden sehr einfühlsam und sorgfältig an den Mauern der Bastion angebracht, die man nun nachdenklich und interessiert entlang spazieren kann. Da findet man zum Beispiel das prächtige Grabmal von General Wenzel Schipka von Blumenfeld, der 1866 starb. Als Kuriosum bemerkt man, dass das oben eingemeißelte Familienwappen schräg auf dem Kopf steht (Bild rechts, aber auch großes Bild oben). Das soll symbolisieren, das mit dem dort Beerdigten der letzte seines Geschlechts, einer alten Ritterfamilie, gestorben war.

Ein anderer Prominenter, dessen Grabstein man noch sehen kann, war Josef Jüttner, Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften und Kommandant der Prager Artilleriebrigade, der als Kartograph 1811 bis 1816 den ersten auf geodätischer Basis erstellten Stadtplan Prags anfertigte. Allerdings fehlen bei vielen Grabsteinen die Inschriften, wie man am Bild links erkennen kann – eine traurige Folge von Vandalismus. DIe Denkmalpfleger arbeiten emsig daran, dass möglichst viele Inschriften wieder restauriert und rekonstruiert werden.

Weiter im Süden des Parks steht man dann vor einem großen Denkmal, einem Kreuz, das in einer sternförmigen Umbauung steht, die dem Grudriss der Bastion ähnelt. Es markiert die Stelle, wo einst 28 preußische Soldaten beerdigt worden waren. Preußen? Aber Prag war doch österreichisch und wurde auch nicht von Preußen erobert, oder? Nun, das war eine Folge des Preußisch-Österreichsichen Krieges von 1866. Nachdem Österreich die Schlacht von Königgrätz (Hradec Králové) verloren hatte, kam es zu Friedensverhandlungen. Die endeten mit dem Frieden von Prag am 23. August 1866. Kapituliert hatten die Österreicher aber schon im Juli, als der Vorfrieden von Nikolsburg die Kampfhandlungen beendete, was wiederum die Friedensverhandlungen in Prag erst möglich machte. Während der Verhandlungen konnte ein kleineres preußisches Truppenkontingent – darunter auch Artillerie – in Prag stationiert werden. So waren sie hierher gekommen und die 28 hier Begrabenen gehörten zu ihnen. Sie hatten am 25. August 1866 aus Versehen eine Munitionsexplosion ausgelöst und waren dabei ums Leben kamen. Sie wurden nun Seite an Seite ihrer früheren Gegner, den österreichischen Artilleristen begraben.

Am Anfang gab es hier nur ein einfaches Schachtgrab, Das Denkmal in der heutigen Form wurde erst 1890 mit Hilfe von Spenden des Hilfsvereins Deutscher Reichsangehöriger zu Prag (heute würde man von deutschen „Ex-Pats“ reden) . „Hier ruhen in Gott 28 Preußische Soldaten“, besagt die Inschrift auf dem Sockel des Kreuzes. Und darunter steht das Bibelzitat: Jesus Christus sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben (Johannes 11,25). Nach einer aufwändigen Renovierung im Jahre 2018 sieht das Grabdenkmal wieder blitzblank und gut in Schuss aus. Das ist schön. Immerhin scheinen die Wunden, die der Krieg von 1866 aufgerissen hat, verheilt zu sein. (DD)

Radetzky im Exil

Mit Johann Joseph Wenzel Graf Radetzky von Radetz tut man sich in Prag schwer. Seit über einem Jahrhundert ist sein Denkmal, das dereinst 1858 auf dem Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí) in Gegenwart von Kaiser Franz Josef eingeweiht wurde, ein politischer Zankapfel.

Weshalb? Nun, zunächst einmal war der gute Radetzky ja ein gebürtiger Böhme, denn er gebar sich 1767 auf Schloss Trebnitz (Třebenice) bei Sedlčany in Mittelböhmen. Trotzdem gilt er vielen Tschechen heute noch als der archetypische Österreicher und Repräsentant der Fremdherrschaft, die man erst 1918 abschüttelte. Als Militär, darin ist man sich einig, war er einer der großen Reorganisatoren des österreichischen Heeres in den Zeiten der Napoleonischen Kriege und ohne ihn, hätte das Land militärisch kaum bestanden. Er gilt heute als einer der maßgeblichen strategischen Architekten des Sieges bei der Völkerschlacht bei Leipzig 1813. Bei seinen Truppen war der General außerordentlich beliebt. Sein Nachruhm wurde nicht nur musikalisch durch den berühmten Radetzky-Marsch von Johann Strauß sr. gesichert. Josef Roth setzte mit dem Titel seines Schlüsselromans Radetzkymarsch der alten Habsburgermonarchie, aber auch Radetzky ein literarisches Denkmal.

Alles das hätte ihm bei den Tschechen vielleicht nicht geschadet. Aber nach den napoleonischen Kriegen war er vor allem damit beschäftigt, das Habsburgerreich gegen alle Bewegungen zur Selbstbestimmung der einzelnen Völker im Reich zu verteidigen. In Italien siegte er in unzähligen Schlachten gegen die Unabhängigkeitsbewegung des Risorgimento. Als die ununterbrochene österreichische Siegesserie 1859 mit der verlorenen Schlacht von Solferino abriss, war Radetzky schon zwei Jahre im verdienten Ruhestand und ein Jahr tot und somit nicht verantwortlich für die Niederlage.

Man weiß also, warum ihm 1858 kurz nach seinem Tode ein Denkmal in Prag errichtet wurde. Das gußeiserne Denkmal war das Werk der Bildhauer-Brüder Josef und Emanuel Max, die mit der Planung schon 1851 (zu Lebzeiten des Generals) begonnen hatten, um dessen Sieg in der Schlacht bei Novara (1849) zu feiern . Zur Herstellung sollen erbeutete Kanonen der Gegner aus Radetzkys siegreichen Schlachten verwendet worden sein. Die sieht man auch am Fuß des Denkmal als Trophäen nachempfunden. Sicher, der Kampf gegen Napoleon war etwas, dessen Notwendigkeit jedermann in Böhmen einsah. Aber Radetzky war zur österreichischen Symbolfigur geworden und hatte sich als arger Feind von Autonomiebestrebungen ge-outet. Deshalb fand man in der Ersten Republik, dass er nicht in die Kulturlandschaft passte. Anfang 1919 montierte man das Denkmal von seinem Platz vor dem Kaiserstein Palast (früherer Beitrag hier), wo er einen Teil seiner Kindheit verbracht hatte, ab und schaffte es in das Lapidarium, der Skulpturensammlung des Nationalmuseums.

Derartiges passierte damals nicht nur mit Radetzks Denkmal (von dem das Lapidarium – siehe Bild rechts – das kleine Ur-Modell der Künstler besitzt). So wurde zum Beispiel die Reiterstatue von Kaiser Franz I. aus dem berühmten Krannerbrunnen (früherer Beitrag hier) entfernt und ebenfalls ins Lapidarium verfrachtet. Aber dort wurde immerhin 2003 eine Replik wieder einegsetzt, denn inzwischen legt man in Prag viel wert auf die Herstellung des alten Stadtbildes. Immer wieder, so etwa 2008 und 2014, gab es Versuche, das Denkmal (oder eine Kopie) wieder auf dem Kleinseitner Ring zu postieren. Der Rat lehnte jedes Mal nach heftiger Debatte ab. 2015 gründete sich sogar ein Radetzky-Verein Prag (Spolek Radecký Praha), dessen Vorstandsmitglieder samt und sonders Tschechen sind, und der die Wiedererrichtung zu einem seiner Zwecke hat. Erfolg hatte man noch nicht. Irgendwie löst Radetzky immer noch mehr negative Feindbild-Emotionen aus als Kaiser Franz. Aber abgeschlossen ist der Fall noch nicht. Der Rat hat immerhin beschlossen, den Platz neu zu gestalten und dabei ist von einer Neu-Errichtung die Rede, aber entsprechende Entwürfe werden von den Baubehörden bisher immer wieder abgelehnt. Aber wenn es mit dem Ratsbeschluss einmal konkret wird, ist wieder mit harten verbalen Schlagabtauschen zu rechnen.

Ein schönes Denkmal hätte man jedenfalls, wenn man Radetzky wieder aufstellte. Die Max-Brüder hatten die Statue auf einen großen Steinsockel des Architekten Bernhard Grueber gestellt, der 1922 zerstört wurde. So bleibt ein zweistufiges Denkmal im Lapidarium. Die Statue des Geneerals und Marschalls mit einer österreichischen Fahne in der Hand befindet sich oben. Dieser Teil wurde übrigens von Emanuel Max entworfen. Darunter stehen im Kreis Soldaten aus Radetzkys Feldzügen als Schildträger (der General steht auf einem Schild wie Majestix, der von seinen Krieger getragen wird). Die haben zum Teil exotische Uniformen, die zeigen, dass die Armee Österreichs damals sich aus eien Vielvölkerstaat speiste. Putzig wirkt der Freiheitskämpfer der Tiroler Aufstandsbewegung von 1809 mit seinem Trachtenanzug und breiten Hut. Ob und wann er wieder auf den Kleinseitner Ringe gelassen wird, steht in den Sternen. Vorerst bleibt General Radetzky in seinem Exil im Lapidarium. (DD)

Der Abgewiesene

Leoš Janáček (1854-1928) ist bis heute der am meisten aufgeführte tschechische Opernkomponist. Insbesondere seine Oper Das schlaue Füchslein (1924) fehlt in keinem renommierten Opernhaus im Repertoire.

Trotzdem findet man nur wenige Erinnerungen an den großen Komponisten in Prag. Denn der im mährischen Ort Hukvaldy (das, wie der Kundige am Namen erraten wird, im Mittelalter zu den Besitztümern des bedeutenden Geschlechts der Grafen von Hückeswagen gehörte) Geborenene lebte auch die meiste Zeit in Mähren. Mit Prag verband ihn ein eher gespanntes Verhältnis. Mähren ist für den Prager sowieso eher „Provinz“. Das Musikestablishment der Stadt war zudem konservativ und glaubte, dass mit dem großen Nationalkomponisten Bedřich Smetana der endgültige Standard für Musikschaffen erreicht worden sei, und dass ein musikalischer Neuerer und Modernist wie Janáček eher Verwirrung stifte. Es dauerte lange, bis überhaupt Werke des Komponisten in Prag im Nationaltheater aufgeführt wurden.

Das ist heute vergessen und Janáčeks Werke werden hier mit Begeisterung aufgeführt. Dennoch musste der Komponist bis 1984 warten, bis im hier eine Gedenktafel gewidmet wurde. Sie befindet sich über dem Haupteingang des Mietshauses am Karlovo náměstí (Karlsplatz) 319/3 und ist das Werk des Bildhauers Zdeněk Krybus. Der damals durch seine Musiksendungen im Fernsehen bekannte Pianist und Komponist Václav Holzknecht hielt bei der Einweihung eine feierliche Lobrede auf Janáček. Warum hängt die Plakette mit der Portraitbüste ausgerechnet an diesem Haus? Nun, hier verbrachte der junge Komponist seinen einzigen längeren Lebensabschnitt in Prag. 1874 bis 1876 studierte er zunächst zwei Jahre an der Prager Orgelschule und war dann für kurze Zeit Chorleiter des Philharmonischen Vereins Umělecká beseda. Dank dieser Tatsache kann nun heute ein wenig von Janáčeks Ruhm auch auf jenes Prag abfallen, das ihn einst stets abgewiesen hatte. (DD)

Rotarmist mit Blumenstrauß

Im Mai 1945 schüttelte Prag das Nazi-Joch ab. Seit dem 5. Mai tobte der Prager Aufstand, an dem sich tschechische Bürger beteiligten, von denen viele nicht unbedingt von der braunen Nazityrannei in die rote Sowjetdiktatur überwechseln wollten. Und seit dem 6. Mai kämpfte sich die Rote Armee verlustreich den Weg in die Stadt. Die Wehrmacht kapitulierte am 8. Mai vor den heimischen Aufständischen. Einen Tag später marschierte die Rote Armee in der Innenstadtein. Heute ist verständlicherweise der 8. Mai der Feiertag, mit dem man hierzulande das Kriegsende begeht. In den Zeiten des Kommunismus war es der 9. Mai und die Kommunisten setzten alle Mittel ein, um die Menschen davon zu überzeugen, dass erst die Rote Armee die wahre Befreiung brachte.

Viele Prager wären wohl lieber von den Amerikaner befreit worden, wie etwa der Westteil Böhmens um Pilsen. Wie dem auch sei: Zu den Mitteln, mit denen man Sympathien für Stalins Truppen gewinnen wollte, gehörte auch die künstlerische Gestaltung der Denkmalskultur. Die hatte den Vorgaben des Sozialistischen Realismus zu folgen und sollten die „wahre“ Gesinnung stärken. Viele Kriegsdenkmäler stellen daher die Rotarmisten ausgesprochen unmartialisch, ja geradezu pazifistisch als Bringer von Freundschaft und Solidarität dar.

Kernstück der Ikonographie war dabei der Blumenstrauß, die die Rotarmisten in der Hand tragen (frühere Beispiele hier und hier). Das erinnert irgendwie an Reden vor großen kommunistischen Parteitagen, wo nicht nur die Zuhörer dem Redner, sondern der Redner den Zuhörern applaudierte. Man sieht eigentlich nie, dass begeisterte Tschechen oder Tschechinnen den „Befreiern“ Blumen reichen, sondern nur umgekehrt.

Ein Beispiel dafür steht vor dem Friedhof des nördlichen Stadtteils Vinoř (Prag 9).Vor dem Haupteingang des Friedhofs (Vinořský hřbitov) an der Prachovická steht der einsame Rotarmist, etwas überlebensgroß, auf dem Sockel. Er hält den obligatorischen Blumenstrauß in der Hand und kein Gewehr. Auch scheint niemand da zu sein, der den Strauß entgegen nimmt. Die schlichte Skulptur, die geradezu archetypisch den damals ideologisch gewollten Stil repräsentiert, wurde 1949 aufgestellt und ist das Werk der Bildhauerin Taťána Konstantinová, die in Prag etliche systemkonforme Werke hinterlassen hat.

Vor dem Denkmal steht eine kleine Tafel mit den Namen fünf sowjetischer Soldaten, die hier entweder am letzten Kriegstag fielen oder einige Zeit später ihren Verletzungen erlagen. Kriegsopfer waren sie allemal. Deshalb mag man zu Recht über den Agitprop-Kitsch mit den Blumen schmunzeln, aber abreißen wollte man das Denkmal dann doch nicht. (DD)

Der General des Aufstandes

Zum heutigen Jahrestag: Am 8. Mai 1945 – vor 76 Jahren – kapitulierte die deutsche Wehrmacht in Prag. Sie kapitulierte nicht vor der bereits einmarschierenden Roten Armee, sondern vor den Bürgern, die drei Tage zuvor den großangelegten Prager Aufstand (siehe auch hier, hier und hier) gegen die Nazityrannei gestartet hatten. Es war ihr nicht gelungen, den tapferen Widerstand der Tschechen zu brechen.

Das lag nicht zuletzt an dem militärischen Geschick des Befehlshabers der Auständischen, General Karel Kutlvašr, dessen Denkmal in Prag wir hier vorstellen. Wie für die meisten Aufständischen war es für ihn nicht nur eine Frage des nationalen Stolzes, die Nazis militärisch zu besiegen, sondern auch ein (letztlich vergeblicher) Versuch die Tschechoslowakei in der Nachkriegszeit irgendwie aus dem Bann der kommunistischen Sowjetunion zu ziehen und wieder zu einem demokratischen Staat werden zu lassen.

Kutlvašr hatte im Ersten Weltkrieg bis 1920 tapfer in der Tschechoslowakischen Legion in Russland (frühere Beiträge u.a. hier, hier und hier) gekämpft und es dort zum Regiments-Kommandanten gebracht. Er half der jungen Tschechoslowakischen Republik beim Aufbau ihres Militärs und wurde 1928 Brigadegeneral. Wäre es nach ihm gegangen, hätte die Republik 1939 gegen den Einmarsch der Nazitruppen militärisch vorgegangen, eine Idee, die die Regierung aber als aussichtslos verwarf. Konsequent schloss sich Kutlvašr daraufhin der Widerstandsgruppe Obrana národa (Verteidigung der Nation) an. Nur knapp entging er immer wieder der Verhaftung. Als sich das Ende des Krieges näherte, wurde er durch das vom Dachverband der bürgerlichen Widerstandsgruppen, dem Tschechischen Nationalrat (Česká národní rada), einberufene Nationalkomittee zum militärischen Befehlhaber des geplanten Aufstandes im Mai ernannt.

Für seine Tapferkeit und sein Geschick bei der Führung des Aufstandes bekam er keinen Dank. Als die Kommunisten 1948 die Macht ergriffen, waren sie zunächst daran interessiert das Erbe des als „bürgerlich“ eingestuften Aufstandes zu verdrängen oder zu verunglimpfen. In einem Schauprozess wurde Kutlvašr mit fabrizierten Beweisen wegen Hochverrats und Umsturzplänen zu lebenslanger Haft verurteilt. 1960 wurde er zwar vorzeitig freigelassen, war aber durch die Haftbedingungen so sehr gesundheitlich angeschlagen, dass er im Jahr darauf starb.

Während des Prager Frühlings von 1968 wurde er zwar postum vom Vorwurf des Hochverrats freigesprochen, aber nicht völlig rehabilitiert. Das geschah erst nach der Samtenen Revolution von 1989, die den kommunistischen Spuk beendete. Deshalb wurde sein Prager Denkmal – eine Plakette mit Büste – erst im Jahre 2000 eingeweiht. Es befindet sich am Rathaus (Táborská 500/30) des Stadtteils Nusle (Prag 4) mit Blick auf den náměstí Generála Kutlvašra (General Kutlvašr Platz), der schon1997 so benannt wurde. Unter den Kommunisten hieß er noch Platz der Pariser Kommune (náměstí Pařížské komuny). Während des Prager Aufstands fanden hier blutige Kämpfe statt. Gestaltet wurde das Denkmal von dem Bildhauer František Bartoš. Unter der Büste, die ihn in Uniform zeigt, steht ein Text, der Kutlvašrs Werdegang nun endlich gebührend würdigt. (DD)