Havel: Die Sechste Kopie

Zum heutigen Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie: Es war eine Meldung, die am 17. November 2021, also genau vor einem Jahr, hohe mediale Wellen schlug: Die Enthüllung einer Büste Václav Havels im berühmten Café Slavia (Kavárna Slavia). Und das, obwohl es sich um eine Kopie handelte. Oder vielleicht machte gerade das den Reiz des Ganzen aus?

Das am noblen Smetanovo nábřeží 1012/2 (Smetana Ufer) gelegene Café Slavia, über das wir bereits hier berichtet haben, war in den 1980er Jahren ein Treffpunkt von Dissidenten und Kulturschaffenden (zwei Gruppen, die sich damals stark überlappten), in dem auch Václav Havel gerne verkehrte. Hier, in diesem günstig nahe beim Nationaltheater und dem avantgardistischen Nová scéna, mit dem er besonders verbunden war, fand er Gleichgesinnte, die der grauen Diktatur der Kommunisten überdrüssig waren, und mehr Freiheit einforderten. Außerdem traf er hier Anfang der 1960er Jahre angeblich seine spätere erste Frau Olga (+1996), die er unter anderem in seinen berühmten Briefen an Olga (Dopisy Olze) aus dem Gefängnis verewigte. Und, last but not least, hier zogen 1989, am 17. November, heute ein Staatsfeiertag, die Demonstranten vorbei, die damit den Beginn der Samtenen Revolution einläuteten. Und schon am 29. Dezember sollte Havel – der Schriftsteller, Dissident, Initiator der Charta 77 und Symbol des Widerstands – der erste nicht-kommunistische Präsident des Landes werden.

Ort und Zeit stimmten also: Das Slavia als der Ort und der 17. November 2021 als der geeignete Jahrestag. Zur Einweihung kamen auch noch Havels zweite Frau und Witwe Dagmar Havlová sowie etliche alte Mitstreiter Havels aus der Dissidentenszene und etliche aktuelle Politikgrößen. Veranstaltet wurde die Enthüllung von der Akademie der Bildenden Künste Prag, der Václav Havel Bibliothek und der tschechischen Sektion von Amnesty International organisiert. Die Büste selbst ist ein Werk der bekannten und preisgekönten Bildhauerin Marie Šeborová. Aber: Im Slavia steht eine Kopie des Originals. Gerade das ist der Witz an der Sache. Die ganze Welt mit Büsten von Havel zu bereichern, das ist seit etlichen Jahren der Plan von Bill Shipsey. Der ist für die internationale Menschenrechtsorganisation Amnesty International Chef Initiative Art for Amnesty, die durch die Einbindung und Förderung von Künstlern und Kulturschaffenden für die Sache kultureller Freiheit kämpft. Und für ihn steht fest, dass es kaum je eine Person von solcher Strahlkraft im Dienste der Sache gegeben hat wie Václav Havel.

Und deshalb bemüht er sich seit einigen Jahren rund um die Welt Šeborovás Büste Havels in den Gebäuden wichtiger Institutione naufzustellen. 2015 waren das je eine im irischen Parlament in Dublin und in der Tlatelolco Universität in Mexiko City, 2016 in der Universität von Manitoba in Kanada, 2017 im Europäischen Parlament in Straßburg (wo zugleich das Gebäude, in dem sie nun steht, nach Havel benannt wurde) und 2018 in der Columbia University in New York. Jetzt war endlich Prag und das Café Slavia dran, weil, so Shipsey: „Ich erinnere mich, dass nach der Samtenen Revolution 1989 der Slogan lautete: Havel na hrad – Havel zur Burg. Und ich dachte, jetzt hätten wir vielleicht Havel do kavárny – Havel zum Café.“

Prag war die sechste Kopie, aber eine will Shipsey noch aufstellen lassen. Schon hat Bildhauerin gewarnt, dass die Gussform irgendwann die Belastungen nicht mehr aushalte und kaputtgehen werde. Deshalb wird jetzt nur noch ein Ort ins Auge gefasst. Die Samtene Revolution passierte 1989 schließlich noch in der alten Tschechoslowakei. Und die Slowaken hatten auch ihren gewichtigen Anteil am Erfolg der Samtenen Revolution von 1989. Jetzt sucht man nach einem geeigneten Platz in Bratislava. Ob man da ebenfalls so etwas wie das Café Slavia finden wird? Schließlich, so erinnerte Havels Witwe Dagmar bei der Enthüllung der Büste, sei Václav Havel immer sehr gerne ins Café gegangen. (DD)

Legionär und Opfer zweier Diktaturen

Der Tschechoslowakischen Legionen des Ersten Weltkriegs – als jener tschechischen Soldaten, die statt für das Habsburgerreich (zu dem Böhmen ja gehörte) in autonomen Einheiten auf Seiten der Alliierten für die Unabhängigkeit ihres Land kämpften – wird bis heute in Tschechien nachhaltig mit Inbrunst gedacht. Das gilt besonders, wenn einer von ihnen später sowohl Opfer der Naziherrschaft als auch des Kommunismus wurde. So wie Otakar Husák, zu dessen Gedenken noch im Juli 2021 eine Tafel in Prag-Vinohrady angebracht wurde.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war Husák gerade Direktor einer Chemiefabrik in Warschau geworden, das damals noch Teil Russlands war. Als tschechisch-slawisch-national Begeisterter meldet er sich bei der russischen Armee, von der er sich wohl versprach, dass sie im Falle eines Sieges Böhmen von den Habsburgern befreien würde. Das lief irgendwie nicht so, Russland musste enorme Verluste hinnehmen und wurde schließlich reif für die Revolution. Die Kerenski-Offensive im Sommer 1917 war der letzte Versuch, mit aller Macht das Ruder herumzureißen. Die desaströse Niederlage, die folgte, beförderte am Ende die bolschewistische Machergreifung. Immer war die erste Schlacht der Offensive ein siegreich bestanden worden, nämlich die Schlacht von Zborov. Dazu trug bei, das sich hier hauptsächlich aus Tschechen bestehende Einheiten beteiligten, die aus unterlegener Position heraus die Österreicher (darunter viele Tschechen). Und besagter Otakar Husák, der inzwischen zum Batallionskommandanten aufgestiegen war, wurde dabei schwer verwundet .

Von da an wurden in Russland, aber auch in Frankreich und Italien autonome Tschechoslowakische Legionen (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier hier und hier) aufgebaut. Die westlichen Allierten versuchten zunächst, Teile der im zerfallenden Russland stationierten Legionäre über den im Norden am Weißen Meer gelegenen Hafen Archangelsk zur Verstärkung an der Westfront zu verschiffen. Im Jahr darauf sollten sogar britische und amerikanische Truppen die Stadt besetzen. Husák gehörte zu den wenigen, die im Oktober 1917 über diese Route nach Frankreich kamen. Als die Bolschewiki im nächsten Jahr den Sonderfrieden von Brest-Litowsk mit den Deutschen abschlossen, waren die verbliebenen Legionäre im roten Feindesland eingeschlossen, und mussten sich ihren Weg (unter Beteiligung am blutigen Russischen Bürgerkrieg) durch Sibirien nach Wladiwostok kämpfen, von wo aus sie zurück nach Böhmen verschifft wurden. Für viele dauerte die Odyssee bis Ende 1920.

Husák kam jedoch rechtzeitig noch in Frankreich an, um dort sein militärisches Talent zu beweisen. Als Kommandant kämpfte er im Oktober 1918 erfolgreich bei der Schlacht von Terron, wo die Tschechoslowakische Legion einen Sieg über die Deutschen errang. Kurz darauf endete der Krieg, das Habsburgerreich zerfiel und es entstand die Erste Tschechoslowakische Republik. Husák (inzwischen General) kehrte mit dem ersten Präsidenten der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, zurück nach Prag und wurde dessen Leiter des Militärischen Büros. Und im September 1920 brachte er es sogar zum Verteidigungsminister im Kabinett von Ministerpräsident Jan Černý. Damit war er aber irgendwie als bürgerlicher Demokrat gekennzeichnet. Damit war leider sein Leidensweg vorgezeichnet. Als die Nazis im März 1939 das Land besetzten, verhafteten sie Husák – inzwischen wieder Fabrikdirektor – umgehend. Unter fürchterlichen Bedingungen überlebte er die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald. Aber auch nach der Befreiung wendete sich das Blatt nicht zum Guten. Die Kommunisten, die 1948 an die Macht kamen, verhafteten den nunmehr nochmals als Fabrikdirektor tätigen Husák 1950 abermals und steckten ihn bis 1956 schuldlos ins Gefängnis. Als er mit 71 Jahren aus dem Gefängnis kam, erkannte man seine Rentenansprüche nicht am. Er musste arbeiten bis er 75 Jahre alt war. 1960 ging er in den Ruhestand, um vier Jahre später in Vinohrady zu sterben.

1968 wurde er zwar während des Prager Frühlings rehabilitiert, aber seine Verdienste um sein Land wurden erst nach der Samtenen Revolution anerkannt, die 1989 den Kommunismus beendete. Schon im gleichen Jahr bekam er postum den Falken-Orden verliehen. Seine Geburtsstadt Nymburk ernannte ihn 1998 zum Ehrenbürger. Und zwischen 2017 und 2021 wurde eine dreiteilige Biographie auf Tschechisch veröffentlicht, die sein Leben nachzeichnet. Und ebenfalls 2021 ehrte ihn auch die Stadtregierung von Vinohrady zusammen mit der Tschechoslowakischen Legionärsvereinigung (Československá obec legionářská, ČSOL) mit einer großen Gedenkplakette aus Bronze an der Fassade des vierstöckigen Mietshauses in der U Havlíčkových sadů 422/1/Ecke Koperníkova mit Blick über den Park der Villa Gröbe, wo er wenigsten die letzten Lebensjahre in Ruhe verbringen konnte. Die recht groß dimensionierte Bronzetafel wirkt stilistisch sehr „retro“ – so als ob sie zu Zeiten seines Einsatzes als Legionär gestaltet worden wäre. In kurzen Zeilen werden unter dem Profilporträit die Karrierestationen und die Leiden unter Nazis und Kommunisten erwähnt. Das Ganze ist das Werk des Bildhauers und Medailleurs Martin Dašek. Auf jeden Fall passt die Tafel gut zu dem recht stattlichen Jugendstilhauses, das in den Jahren 1910 bis 1912 nach Plänen des Architekten František Stárek erbaut wurde, und in dem Husák sich 1928 im ersten Stock seine Wohnung einrichten ließ. (DD)

Haus zweier bedeutender Frauen

Es ist schwer, im Schatten eines großen Vaters zu stehen. Tomáš Garrigue Masaryk, der Gründungspräsident der 1918 gegründeten Ersten Tschechoslowakischen Republik nimmt in der Geschichte des Landes einen Platz ein, der an geradezu mythischer Größe allenfalls mit dem des ersten nach-kommunistischen Präsidenten Václav Havel vergleichbar ist. Doch seine Tochter Alice Garrigue Masaryková brachte es in der Tat zu eigenständigem Ruhm und gilt als eine der prägenden Frauengestalten ihrer Zeit.

Vater Masaryk war ein für damalige Verhältnisse sehr moderner Vater. Mit der emanzipierten Amerikanerin Charlotte Garrigue Masaryková (wir berichteten bereits hier) verheiratet, tat er alles, um seinen Kindern Chancen zu eröffnen. Alices Bruder Jan Masaryk (wir berichteten hier) wurde etwa Außenminister, bevor er 1948 wahrscheinlich von den Kommunisten ermordet wurde. Die Förderung, die Alice zuteil wurde, war ungewöhnlich. Sie studierte an der Prager Karlsuniversität und wurde als eine der ersten Frauen überhaupt zur Promotion zugelassen. 1903 erhielt die Soziologin und Philosophin den Doktortitel. 1911 sollte sie die Soziologische Fakultät der Universität aufbauen. Zwischendurch hatte sie 1904/05 in Chicago studiert. Ihre Studien, die sich mit der Lager der Arbeiter, mit Alkoholismus und Geschlechtskrankheiten befassten, sollten stets lebensnah sein und praktischen Nutzen für Sozialreform abwerfen.

Und sie unterstützte die Politik ihres Vaters, die Tschechen vom Habsburgerreich zu befreien und eine eigene Republik zu gründen. Das tat sie auch während des Ersten Weltkriegs als der Vater im amerikanischen Exil war. 1915 wurde sie sogar für einige Zeit von den österreichischen Behörden ins Gefängnis gesteckt. Dabei drohte ihr die Todesstrafe, was aber durch die Intervention amerikanischer Diplomaten abgewendet werden konnte. Als die tschechoslowakische Unabhängigkeit kam, wurde sie 1919 die erste Vorsitzende des tschechoslowakischen Roten Kreuzes. Aber sie wurde nicht nur karitativ aktiv, sondern auch politisch. Sie gehörte unter anderem zu den Mitglieder der Nationalversammlung der Tschechoslowakischen Republik (Národní shromáždění republiky Československé), die den Aufbau der Republik einleitete. Besonders intensiv setzte sie sich in der Folge für die Frauenrechte ein. Als ihre Mutter Charlotte 1923 starb, trat sie an der Seite ihres Vaters als First Lady auf. Es heißt, ihr politischer Einfluß auf ihren Vater sei groß gewesen. Vor den Nazis, die 1939 einmarschierten, floh sie rechtzeitig in die USA, wo sie wieder in Chicago lehrte, aber sich vor allem für die Befreiung ihrer Heimat einsetzte. 1945 kehrte sie wieder nach Prag zurück, um sich für den Wiederaufbau der Demokratie zu engagieren, aber schon drei Jahre später kam die nächste Diktatur, diesmal die der Kommunisten. Die mutmaßliche Ermordung ihres Bruders 1948 war das Signal, wieder in die USA zurückzukehren, von wo aus sie in Ansprachen über Radio Free Europe den Freiheitskampf in der Tschechoslowakei unterstützte. Sie starb 1966 im US-Exil.

Während des Kommunismus war alles, was mit der Demokratie und dem Namen Masaryk zusammenhing, aus der Öffentlichkeit verbannt. Erst in den 1990er Jahren wurde eine schlichte bronzene Gedenktafel an dem Doppelhaus in der Loretánská 179/15 und 13 angebracht, in dem sie in den Jahren 1937 bis 1939 und dann noch einmal 1945 bis 1948 lebte. Das barocke Haus war im 17. Jahrhundert vom kaiserlichen Vizekanzler bewohnt worden.

Nur ein wenig neben der Tafel befindet sich eine andere Gedenktafel, die zweisprachig (englisch/tschechisch) daran erinnert , dass von 1945 bis 1948 hier auch Marcia Davenport lebte. Man könnte deshalb auch von einem Haus zweier bedeutender Frauen sprechen. Die amerikanische Schriftstellerin und Musikkritikerin (sie hatte neben zahlreichen Romanen u.a. 1932 eine Standardbiographie Mozarts veröffentlicht) hatte während des Weltkrieges tschechoslowakische Emigranten unterstützt und war mit Alices Bruder Jan liiert. Der wurde 1945 Außenminister und sie zog mit ihm nach Prag. Das Haus in der Loretánská befindet sich in Sichtweite des Palais Czernin (Černínský palác), wo das Außenminsterium residiert. Als die Kommunisten 1948 die Macht ergriffen, zog Davenport nach London. Jan Masaryk wollte nach einer Weile folgen, um sie zu heiraten. Doch am 10. März fand man ihn tot unter einem hoch liegenden Fenster des Ministeriums. Die Kommunisten behaupteten, es sei Selbstmord gewesen, aber daran regen sich zurecht immer wieder Zweifel (wir berichteten hier). Darauf zog sie zurück nach Amerika, wo sie 1996 starb. (DD)

Ein Denkmal, auf dem ein Fluch lastet?

Hinter Denkmälern verdienter Politiker der Ersten Republik verbirgt sich fast immer eine interessante Geschichte. Das gilt auch im Fall von Antonín Švehla, dessen Denkmal im heutigen Stadtteil Hostivař (Prag 15) man hier sieht.

Immerhin drei Kabinetten stand Švehla zwischen 1922 und 1929 als Ministerpräsident vor, bis er aus Gesundheitsgründen auf eine weitere Amtszeit verzichtete. Neben Präsident Tomáš Garrigue Masaryk war er einer der Stabilitätsanker der Republik. Der in Hostivař geborene Gutsbesitzerssohn hatte sich schon den Zeiten des Habsburgerreichs als Abgeordneter des Böhmischen Landtags politisch engagiert und war führender Repräsentant der böhmischen Agrarpartei (Bauernpartei). Die vertrat die Interessen der Landbevölkerung und war im Kern eher konservativ. Allzu demokratischen Experimenten stand man damals in den Reiehn der Partei noch skeptisch gegenüber.

Schon während des Ersten Weltkriegs (an dessen Ende die tschechoslowakische Unabhängigkeit stand) arbeitete Švehla im Untergrund (z.B. im Tschechischen Nationalausschusses) mit Politikern anderer Strömungen an Plänen zur Gründung der Republik, was nun die einzig sinnvolle Option wurde. Und er war es, der die Nachfolgepartei der Agrarier, die Republikanische Partei der Landwirte und Kleinbauern (Republikánská strana zemědělského a malorolnického lidu) auf einen zwar konservativen (insbesondere was einen irrlichternden Agrarprotektionismus anging), aber dezidiert demokratischen Kurs brachte. In den Wahlen von 1925 (13,66%) und 1929 (15%) machte er die Partei als Vorsitzender zur stärksten Partei des Landes überhaupt. Er war als „Meister des politischen Kompromisses“ in der Lage, die divergierenden Kräfte der Republik zusammenzuhalten. 1927 drängte man ihn, gegen Masaryk für das Präsidentenamt zu kandidieren, aber er lehnte ab und unterstützte Masaryk stattdessen. Beide trugen dazu bei, das die Tschechoslowakische Republik als einzige der nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Demokratien überlebte.

Zurück um Thema „Denkmal“. Dass er sich nach seinem Tod im Jahre eines verdient hatte, leuchtet ein. Das erste Denkmal, von dem Bildhauer Alois Bučánek gestaltet, wurde schon 1936 im nahen Říčany aufgestellt, allerdings von den Nazis nach der Besetzung abmontiert und in einem Lager deponiert. Nach der Wiederkehr der Demokratie wurde es 1946 wieder aufgestellt, nur um 1948 von den Kommunisten wieder demontiert zu werden. Die wollten Nägel mit Köpfen machen und Švehla gleich einschmelzen. Kurz bevor das geschehen konnte, stahlen einige heldenhafte Jungbauern die Statue aus dem Zwischenlager im Feuerwehrhaus und versteckten sie in einem Brunnen. Die Kommunisten fanden nie heraus, wo sie sich nun befand. 1989 war der Kommunismus passé und das Denkmal wurde aus dem Brunnen gefischt und flugs wieder aufgestellt (wofür ein inzwischen dort errichtetes Denkmal für die Rote Armee weichen musste).

Hier in Švehlas Geburtsort Hostivař war man in den Zeiten der Ersten Republik allerdings noch nicht zur Errichtung eines Denkmals gekommen. Folglich musste man bis zum Ende des Kommunismus damit warten. Im Jahre 2000 wurden die Bildhauer Jan Bartoš und Vít Zdrůbecký beauftragt, ein Denkmal zu entwerfen. Die Bronzebüste, die auf einem Marmorsockel (Gesamthöhe: 2,50 m) ruht, wurde im Juni 2001 feierlich eingweiht. Auf dem Sockel kann man eine Inschrift mit einem Zitat Švehlas aus dem Jahr 1932 lesen: „Demokracie nebyla ještě plně pochopena, zvláště její základní příkaz: vědomí odpovědnosti.“ (Demokratie ist nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht. Wähle deine Anführer sorgfältig aus, denen du dein Schicksal anvertraust.).

Aber, wie gesagt: Denkmäler der Repräsentanten der Ersten Republik sind manchmal von einem Fluch verfolgt. Im August 2006 wurde das Denkmal Opfer eines Anschlags durch einen (oder mehrere?) Vandalen. Schon im Dezember konnte das nun kostspielig restaurierte Denkmal wieder aufgestellt werden. Das Ganze wiederholte sich wieder im Sommer 2018. Die Büste wurde abgeschlagen und der Sockel mit ihr zusammen in einen Graben geworfen. Politiker aller Parteien und sogar der Präsident äußerten öffentlich ihre Bestürzung. Seit dem Oktober steht das abermals aufwendig reparierte Denkmal wieder vor Ort. Die oder der Täter wurden nicht gefasst. Warum Leute meinen, ausgerechnet das Andenken an Švehla so mit Hass zu verfolgen müssen, bleibt unerklärlich. Gibt es vielleicht wirklich einen Fluch? (DD)

Partizipatives Denkmal für Václav Havel

So wie Václav Havel, der heute 86 Jahre alt geworden wäre, stets die Provokation liebte, so löst auch der nach ihm benannte Václav Havel Platz (Náměstí Václava Havla) in der Neustadt ab und an Kontroversen aus. Ist er zu klein, zu realsozialistisch und ist das Denkmal Kitsch? Vielleicht ist das der Grund, warum er eigentlich recht gut zum Andenken an Havel passt…

Früher war das hier ein Teil der Piazzetta des Národni divadlo (Nationaltheater), über das wir hier berichteten. Die Dinge änderten sich als in den Jahren 1977 bis 1983 daneben nach Entwürfen des Architekten Karel Prager das grandios brutalistische Gebäude der Nová scéna (Neue Szene) erbaut wurde, über das wir hier berichteten. Der Alte Platz wurde dadurch zu einer Art Innenhof, der auf drei Seiten von dem neuen Gebäude umrahmt, das zwar durchaus künstlerisch originell war, aber doch arg nach realsozialistischer Architektur der Zeit aussah.

Zum Abschluss stellte man 1983 noch die große, auf einem Marmorsockel schwebende Statue Die Wiedergeburt (Znovuzrození) auf dem Platz auf. Sie war ein Werk des überaus regimetreuen Bildhauers Josef Malejovský, der unter den Kommunisten zum Nationalkünstler und mehrfachen Träger des Klement Gottwald Staatspreises erhoben wurde, und der dem Regime zwischen 1976 und 1986 als Parlamentsabgeordneter diente. Er war ein typischer Verfechter der Normalisierung, wie man das reaktionäre Zurückschrauben der liberalisierenden Reformen des Prager Frühlings unter dem Regime von Gustáv Husák nach 1968 nannte.

Man kann also verstehen, warum manch Beobachter ein wenig perplex war, als im September 2016 die Stadtregierung dem Ansinnen des Direktors des Nationaltheaters (zu dem die Nová Scená auch gehört), Jan Burian, Rechnung getragen wurde, und ausgerechnet dieser Platz nach Václav Havel benannt wurde.

Es eilte auch: Denn es stand der 80. Jahrestag der Geburt Havels, der fünf Jahre zuvor verstorben war, an und man wollte das Ereignis mit einer Platzbenennung und einer Denkmalseinweihung feiern. An 4. Oktober 2016 – ein Tag vor dem Geburtstag – wurde dem Platz der Name des großen Schriftstellers, Dissidenten und Präsidenten Václav Havel gegeben. Nun ja, da erinnerten sich auch viele Menschen daran, dass gerade das Nová Scéna ein Hort des Dissidententums war und viele Schauspieler dort mit Havel sich trafen und die Samtene Revolution vorangetrieben hatten.

Bei der Feier, an der (neben vielen anderen) Havels Witwe Dagmar Havlová, der damalige Kulturminister Daniel Herman und die damalige Bürgermeisterin Prags Adriana Krnáčová teilnahmen, wurde auch das Denkmal eingeweiht. Erschaffen wurde es von dem Bildhauer Kurt Gebauer, der sich als Kämpfer für die verbesserte kulturelle Ausgestaltung des öffentlichen Raums und als Provokateur in der Kunstszene einen Namen gemacht hatte. Unter einem in die Wand gravierten Autogramm Havels liegt ein run 160 hohes (aus Laminatguss angefertigtes) rotes Herz, um dass die Gitter drapiert sind, die es anscheinend einst eingefangen gehalten hatten, die aber nun gesprengt sind. Und dann leuchtet das Herz noch von innen, wenn es dunkel wird, wie man im großen Bild oben sehen kann. Großartig! Das ist eine so dick aufgetragene Allegoriesprache (Liebe/Freiheit), dass man zurecht ein wenig Ironie und Provokation dahinter vermuten kann.

Beim näheren Hinschauen ist das Ganze auch recht clever gedacht. Die Herzsymbolik passt zu einem Staatsmann, der (zumindest posthum) wirklich die Liebe der Menschen als Hoffnungsbringer gewonnen hat. Eigentlich liegen immer vor dem Denkmal Blumen oder Kerzen zu seinem Gedenken. An Feiertagen (hier kurz nach dem 10. Todestag 2021) ist das ganze Umfeld geradezu überschwemmt davon.

Besser als mit einem Herz kann man diese Zuneigung kaum ausdrücken. Zudem enthält das ganze auch ein partizipatives Element. Es wurden nämlich innerhalb von drei Tagen Botschaften gesammelt, die Menschen – darunter viele normale Bürger – an und über Václav Havel geschrieben hatten. Die wurden in das Herz eingraviert und wirken sehr authentisch wie spontane Graffiti (Bild oberhalb rechts). Oder, wie der Kurt Gebauer mit Blick auf Havel es damals sagte: „Was uns stört, was uns gefällt, was Havel für uns bedeutet. Es wird möglich sein, auf ein weiches Herz zu schreiben und zu gravieren, und dann wird das Ergebnis in ein rotes Laminat gegossen, das im Dunkeln leuchtet. Es wird uns daran erinnern, dass es notwendig ist, dass jemand mit einem großen Herzen hier und da kommt.“

Die ersten Menschen, die sich dabei auf dem Herzen verewigen durften, waren allerdings Havels Witwe Dagmar und die Schauspielerin Vlasta Chramostová, die als eine der Erstunterzeichnerinnen der berühmten Charta 77 zu den frühen und aktiven Mitstreiterinnen Havels als Dissident gegen das kommunistische Regime gehörte. Das Ganze ist schon anrührend. (DD)

Großer Geiger

Er gehörte zu den größten Violinisten Tschechiens und der Welt: Josef Suk, auch Josef Suk der Jüngere genannt. Das lag an den Genen. Sein Großvater, Josef Suk der Ältere, war schon ein bedeutender Komponist, der mit der Symphonie Nr. 2 Asrael 1898 seiner Trauer über den Tod seines Schwiegervaters würdig Ausdruck verlieh. Der wiederum war kein geringerer als Antonín Dvořák – einer der großen Nationalkomponisten des Landes. Mithin war Suk junior also der Urenkel Dvoráks. Ihm blieb gar nichts anderes übrig, als ein großer Musiker zu werden.

Das wurde er auch und gottlob sind viele Beispiele dafür als Schallplatte, CD oder Download noch erhältlich. Er tat sich nicht nur als genialer Interpret seines Urgroßvaters hervor, sondern als Kenner und Könner der Werke so unterschiedlicher Komponisten wie Beethoven oder Alban Berg. Berühmt wurde seine mit dem Cellisten André Navarra eingespielte Fassung von Brahms‘ Doppelkonzert. Sogar einen Ausflug in die Filmmusik wagte er 1974, als er bei der Titelmusik des von Luchino Visconti gedrehten Films Gewalt und Leidenschaft (Gruppo di famiglia in un interno) mitwirkte.

Unvergessen war er, unvergessen sollte er bleiben. Schon kurz nach Suks Tod im Jahre 2011 brachte die Stadtteilregierung von Prag 2 an dem Haus am Karlovo náměstí 317/5 (Karlsplatz) eine Plakette zum Gedenken an den großen Musiker an. Sie befindet sich unter einem Fenster auf dem ersten Stock des in den späten 1920er Jahren gebauten Hauses. Der Bildhauer und Medailleur Zdeněk Kolářský entwarf eine bronzene Plakette mit einem Profilportrait Suks, das daran erinnert, dass der Violinist in diesem Hause von 1962 bis zu seinem Tode 2011 gelebt hat. (DD)

Slawisches Götter-Original im Zoo

Er ist kein Tier, sondern ein Gott, obwohl er plötzlich im Prager Zoo vor einem steht: Radegast – als Gott des Lichts, des Feuers, aber auch des Lebens galt er den vorgeschichtlichen Slawen. Je nach Stamm oder Gegend hieß er auch Svarožić, Dažbog oder im Tschechischen oft auch Radhošt. Vielen Menschen, die schon ein wenig in Tschechien herumgekommen sind, kommt diese Statue irgendwie bekannt vor. Steht die nicht eigentlich ganz woanders?

In der Tat ist eine völlig identisch aussehende Figur eine der zentralen Touristenattraktionen auf dem Kamm des 1129 Meter hohen Berg Radhošť in den Mährischen Beskiden im Nordosten des Landes. Oben auf dem Berg sollen die Slawen der vorchristlichen Zeit den Sitz des Gottes vermutet haben, weshalb sie dort anscheinend gerne zur Götterverhrung hinaufpilgerten. Heute tummeln sich hier immer noch unzählige Menschen, um dem Radegastkult zu huldigen, der sich allerdings mehr um die bekannteste und sehr süffige Lokal-Biermarke gleichen Namens dreht, die in der mährisch-schlesischen Region um den Berg herum sehr populär ist. Direkt neben der Statue gibt es einen Souvenirladen mit Trinkbude, wo dem müden Wanderer dieses Hopfengetränkt zur rituellen Erfrischung offeriert wird. Wie man im Bild links sieht, wird das Angebot gerne angenommen.

Zurück in den Zoo: Obwohl die Statue auf dem Radhošt bekannter ist, ist doch die Statue im Prager Zoo (Bild rechts), der eigentlich kein traditioneller Kultort für Radegast ist, genauso ein Original wie die auf dem mährischen Berg, ja sogar im Grunde noch originaler – was selbst in Prag niemand weiß und in den Beskiden niemand zugeben würde. Der Künstler kam sogar aus der mährisch-schlesischen Region. Allerdings war Albín Polášek schon 1901 von Böhmen in die USA ausgewandert, wo er eine große Künstlerkarriere machte. An seinem letzten Wohnort in Winter Park in Florida, wo er 1965 starb, ist ihm heute sogar ein eigenes großes Museum gewidmet. An den Geschehnissen in seiner alten Heimat hatte er aber immer noch Interesse. Gerne schenkte er seine Werke in die ferne Tschechoslowakei (ein Beispiel stellten wir hier vor). 1930 beschloss er, seinem Land einen Radegast zu schenken. Einen? Nein, zwei! Denn – möglicherweise um Transportkosten zu sparen – wählte Polášek die Beton-Gusstechnik für die geplante Statue. So konnte er seinen Entwurf in den USA machen und die Herstellung in einer Prager Gießerei vornehmen lassen. Dort ließ er aus der Form gleichzeitig zwei Statuen des Radegast gießen. Eine war für den Bergkamm des Radhošt, wo sie Teil eines slawischen Götterhains hätte werden sollen. Da wurde sie auch aufgestellt und stand dort bis 1998 unverändert – bis sie durch Wind und Wetter so erodiert war, dass sie durch eine exakte Kopie ersetzt wurde. Die andere, gleichzeitig gegossene Statue, die ja ebenso ein Original war, sollte in dem Garten eines kleinen Hauses in den Beskiden aufgestellt werden, dass sich Polášek als Altersruhesitz ausgeguckt hat, denn seinen Lebensabend wollte er in seiner alten Heimat verbringen.

Daraus wurde nichts. Weder in der Nazizeit, noch nach der Machtübernahme durch die Kommunisten hatte er Lust auf eine Rückkehr. Er kehrte nie mehr in sein Heimatland zurück. Die Idee des Götterhains auf dem Berg wurde aufgegeben. Dass er die Kommunisten nicht mochte, machte er noch einmal 1956 in den USA klar, als er die Statue Victory of Moral Law (Sieg des moralischen Gesetzes) entwarf, die ein wütender Protest gegen die sowjetische Niederschlagung des Aufstands in Ungarn war. Und so blieb der Künstler in Amerika, während eine Originalstatue auf dem Berg stand und die andere Originalstatue… Äh, nun, wo war die?

Das wusste man lange Zeit nicht. Anfang 1960 fanden Arbeiter bei Aushubarbeiten auf dem Gelände der Prager Gießerei, wo die beiden Statuen gegossen worden waren, dann überraschend genau diese Statue unversehrt und gruben sie aus. In den Wirren der Zeit war sie vergraben und vergessen worden. Die zuständige Denkmalbehörde machte sich kurz Gedanken darüber, was man mit dem Fund nun so tun sollte. Sie fand, dass der alte Slawengott eine leicht tierische (zoomorphe) Gestalt habe und auch allerlei Tiersymbolik bei sich trug. Sie beschloss, das Radegast im Prager Zoo aufgestellt werden müsse. Gesagt, getan: 1961 wurde er auf einer Anhöhe im Zoo, etwas über dem heutigen Wolfsgehege, aufgestellt. Und da steht er noch heute.

Die gut erhaltene 3,20 Meter hohe und 1400 Kilogramm schwere Betonstatue stellt Radegast so dar, wie man ihn sich wohl zu Zeiten Polášeks wildromantisch vorstellte. Detaillierte Kunstwerke mit Radegasts Abbild aus der Zeit der vorchristlichen Slawen im heutigen Mähren gibt es nicht. Genauere Beschreibungen tauchen erst in späteren (christlichen) Chroniken auf, etwa der um 1076 entstandenen Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum (Taten der Bischöfe von Hamburg) des  Adam von Bremen, deren Schilderungen man aber nicht immer wörtlich nehmen sollte, da sie aus einem parteiischen Standpunkt heraus und mit geringer Ortskenntnis verfasst wurden. Spätere Darstellungen folgten solchen Beschreibungen. So hat Polášek in eine sehr Phantasievorstellung von der Gestalt des Slawengottes (mich erinnert sie eher an indonesische Skulpturen) mit überlieferten Insignien kombiniert. Zu denen gehört natürlich zuvörderst das auf dem Brustpanzer befindliche Sonnensymbol, ohne das wohl kein echter Gott des Lichtes und des Feuers auskommen kann. Man kann das schön auf dem großen Bild oben erkennen.

Und dann ist da die reiche Tiersymbolik, die die Behörden am Ende dazu verleitete, Radegast im Zoo aufzustellen. Dazu gehört der ebenfalls im Bild oben erkennbare Helm aus einem Stierkopf. Und dann ist das noch die seltsame Ente, die er in der Hand hält, und die auf einem Füllhorn sitzt.

Was die Tiersymbolik genau bedeuten soll, erklärt sich schwer (insbesondere bei der Füllhornente, obwohl die Verehrung von Enten bekanntermaßen ein vollendeter Ausdruck hochkultureller Entwicklung ist), aber die Attribute von Radegast sind Teil eines Kanons, den man unter patriotischen Panslawisten seit Ende des 19. Jahrhunderts generell verwendete. Für seine Popularisierung sorgte unter anderem Josef Růžička, ein tschechischer Professor für Mediävistik mit Hang zum Mystischen, dessen Bücher Slovanské bájesloví von 1906 oder das populärwissenschaftliche Werk Slovanská mythologie: pro lid českoslovanský (Slawische Mythologie für die tschechoslowakischen Menschen) von 1924 einen großen Einfluss auf die Darstellung der slawischen Götterwelt ausübte. Auch der damals ungeheuer bekannte Historienmaler Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier und hier) sorgte mit seinem Bilderzyklus Život starých Slovanů (Das Leben der alten Slawen) von 1891 für ein feststehendes Bild des alten Gottes, das dann den Bildhauer Polášek inspirierte.

Zu dem Attributekanon der Radegast-Darstellung gehörte auch meist eine Axt. Das hat Polášek bei der Ausführung zu der Idee verleitet, ein wenig echtes Lokalkolorit hinzuzufügen. Radegast stützt sich bei seiner Statue auf eine Art Wanderstock mit einem Beil, das auch als Griff dient. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Valaška, eine für die Gegenden der Tatra und der Beskiden typische Hirtenaxt, die man bei den Bewohnern der Gegend um den Radhošť-Berg oft fand.

Wie gesagt: Die Statue auf dem Berg wurde 1998 gegen eine Kopie ausgetauscht. Dabei war sie schon einmal im Jahre 1982 gründlich restauriert worden, wobei die Ente, die schon 1931 durch einen Blitzschlag zerstört worden war, nach einer Photographie wiederhergestellt wurde. Deshalb ist man in Prag stolz, noch ein echtes Original zu haben, wie es echter nicht sein kann. Ganz richtig ist das aber nicht. Möglicherweise ist auch die dortige Infotafel (Bild rechts), die das behauptet, nicht aktualisiert worden. Denn die erodierte und ausgetauschte Reststatue vom Berg Radhošt wurde in die nahegelegene Stadt Frenštát pod Radhoštěm (dem Geburtsort von Polášek) transportiert. Da hörte man lange Zeit nichts mehr von ihr. Aber sie wurde dort so gut es ging restauriert und dann erst im Jahre 2014 im örtlichen Rathaus-Foyer aufgestellt. Sollte man also mal irgendeine bürokratisch relevante Angelegenheit dort zu erledigen haben, kann man also doch noch ein Original besichtigen. Aber das sollte man nicht den Leuten vom Prager Zoo erzählen, die doch so stolz verkünden, der Welt das einzig wahre zugängliche Original zu zeigen. (DD)

Gaston – tschechischer Nationalheld

Heute vor 20 Jahren starb Gaston. Sein Kampf ums Überleben und sein heldenhaftes Ende machten Schlagzeilen in der Weltpresse. Aber vor allem trauerten die tierlieben Prager um den tapferen Seebären ihres Zoos, der in der Ferne den Tod fand.

Die beim Publikum beliebte Robbe war am 13. August 2002 – auf dem Höhepunkt des schrecklichen Moldauhochwassers von 2002 – zusammen mit Seebärin Julinka aus seinem Becken geschwemmt worden. Während eilig auf Booten ausschwärmende Retter Julinka schnell retten konnten, entzog sich Gaston jedem Versuch, ihn wieder einzufangen. Er schwamm und schwamm und schwamm wagemutig durch die reißenden und zerstörerischen Fluten – die Moldau hinunter und immer weiter in die Elbe. Die Freiheit liebend und den Tod nicht fürchtend.

Am 19. August fanden Katastrophenhelfer an der Elbe in der Lutherstadt Wittenberg, über 250 Kilometer von Prag entfernt, zu ihrer Überraschung eine erschöpft am Ufer liegende Robbe. Keiner wusste, wie sie hierher gekommen war. Die örtliche Tierärztin Manuela Schwede, die von dem aus Prag verschollenen Seebären gehört hatte, setzte sich mit dem Zoo in Verbindung. Dem Tier wurde alle erdenkliche Betreuung zuteil. Zwei von Gastons Pflegern machten sich mit einem Transportlaster auf den Weg.

Die Weltpresse jubelte, dass Gaston den Höllenritt durch die Fluten lebend überstanden hatte. Doch man hatte sich zu früh gefreut. Die Pfleger fanden das Tier völlig apathisch vor und es ließ sich kaum in die Transportkiste bewegen. Zu der Erschöpfung und dem Stress waren offenbar vergiftete Nahrung (das Hochwasser hatte alle möglichen Giftstoffe mit ins Wasser gerissen und man weiß nicht, wovon sich Gaston in der ganzen Zeit ernährt hatte) und eine Lungenentzündung gekommen. Am Morgen des 20. Augusts starb Gaston auf dem Weg nach Prag. Die Helfer konnten nichts mehr für ihn tun.

Immerhin hatte Gaston zu diesem Zeitpunkt schon für das Weiterleben seines Erbes gesorgt. Am 5. Juni 2003 feierten die Prager die Geburt von Abeba, die posthume Tochter Gastons mit der 2021 im Alter von 31 Jahren verstorbenen Seebärin Bára (was – siehe Bild rechts – auch immer noch am Seebärenbassin vermerkt wird). Es war übrigens Gastons zweite Kind nach dem 2002 geborenen Sohn Meloun , der mit der Flut Halbwaise geworden war (er starb im Juni 2022 im hohen Alter von 20 Jahren). Aber zu diesem Zeitpunkt war Gaston bereits eine Art tschechischer Nationalheld geworden. Es ging gar nicht anders: Man musste ihm ein Denkmal setzen – auch stellvertretend für die 134 anderen Zootiere, die trotz energischer Rettungsmaßnahmen bei dem Hochwasser ihr Leben verloren hatten.

Dafür zog der Zoo die Bildhauerin Veronika Richterová heran. Die ist eine bis heute dem Zoo sehr verbundene Künstlerin und hatte bereits 2003 die beliebte Skulptur Sieben Erdmännchen (Sedm Surikat) und im Jahre 2002 den ebenso berühmten Walk of Fame (chodník slávy) für den Tierpark geschaffen (wir berichteten hier). 2005 wurde dann ihre bronzene Statue von Gaston eingeweiht. Nun kann man den Seebären in Originalgröße in seinem Element, dem Wasser eines hübsch angelegten Teiches, bewundern. Der Teich liegt vor einem der größten Restaurants im Zoo, das natürlich auch nach Gaston benannt ist und sein Portrait als Logo trägt. Gaston bleibt eben unvergessen. (DD)

Große Schauspielerin mit Anliegen

Von ihrem Sockel aus könnte die Statue eine traumhafte Aussicht genießen, wäre sie lebendig. Auf jeden Fall hat man dem Gedenken an die ausgesprochen emanzipierte Schauspielerin Hana Kvapilová einen prominenten Platz eingeräumt. Direkt neben dem hübschen Sommerpalast (letohrádek Kinských) der Fürsten Kinský, in dem sich heute das Volkskundemuseum (wir berichteten hier) befindet – mit Blick auf die Auen des parkhaften Kinský Gartens (Zahrada Kinských) und die steilen Höhen des Petřínbergs.

Die 1860 als Johanna Kubesch (was sie später in Kubešová tschechisierte) Geborene hatte von Anfgang an viel Bildung und einen Drang zur persönlichen Freiheit und Selbstbestimmung mitbekommen. So war sie 1871-75 auf die Prager Höhere Schule für Mädchen (Vyšší dívčí škola) gegangen, die zu den ersten höheren Bildungseinrichtungen für Mädchen in Böhmen überhaupt zählte. Klavierunterricht nahm sie bei keinem Geringeren als Antonín Dvořák. Als 1873 die Firma ihres Vaters pleite ging und die Familie in Armut verfiel, arbeitete sie in mehreren Jobs, um zu helfen. 1884 stieß sie dabei auf ein Kleintheater, wo sie ihr Debut feierte. Ihr Talent wurde bereits erkannt und sie bekam ungehend mehrere Rollen in verschiedenen Theatern angeboten, so dass sie 1886 beschloss, die Schauspielerei voll beruflich zu betreiben. Sie heuerte bei dem in Prag-Smíchov ansässigen Švanda Theater (Švandovo divadlo) an, das Tourneen durch ganz Böhmen organisierte. Während der Tourneen verliebte sie sich in ihren damals ungleich bekannteren Kollegen Eduard Vojan (wir erwähnten ihn hier) und verlobte sich mit ihm 1887.

Sie war solch ein Erfolg, dass sie schon 1888 nicht mehr auf Tour musste. Sie stieg in den tschechischen Theater-Olymp auf und wurde beim prestigeträchtigen Nationaltheater (Národni divadlo) in Prag angestellt, wo sie in der zeitgenössischen, von Jaroslav Vrchlický verfassten Komödie Noc na Karlštejně (Eine Nacht in Karlstejn, 1884; heute in der Filmmusicalversion der 1970er Jahre bekannt) debütierte. Jetzt ging es nur noch aufwärts. Privat fand sie – Vojan war inzwischen „abgehäkelt“ – neues Glück, als sie 1890 bei den Proben zu dem Stück Die Sieben Raben (Sedm havranů) den Regisseur Jaroslav Kvapil kennen- und lieben lernte. Den damals schon berühmten Dichter, Schrifsteller, Librettisten (er schrieb 1901 das Libretto zu Antonín Dvořáks Oper Rusalka), Freimaurer und Regisseur heiratete sie 1894 und nahm fortan den Namen Kvapilová an.

Es kamen immer größere und anspruchsvollere Rollen, etwa die der Ophelia in Shakespeares Hamlet. Aber es waren nicht nur die bewährten Klassiker, die sie berühmt machten. Mit ihrem Mann teilte sie vor allem ausgesprochen fortschrittliche Überzeugungen. Das schlug sich auch Rollen nieder. Sie nahm immer mehr Rollen in zeitgenössischen sozialkritischen an, die sich mit der Selbstbestimmung (bzw. negativ mit der Fremdbestimmung) der Frau auseinandersetzten. Dazu gehörten Auftritte in Anton Tschechows Stück Drei Schwestern oder auch Henrik Ibsens Stück Nora oder ein Puppenheim (sie war die erste Nora-Darstellerin in Böhmen überhaupt). Wegen ihrer offen geäußerten Ansichten und ihrer darauf fußenden realistischen Schauspielkunst wurde sie unter konservativen Kritikern zur Zielscheibe, wie zum Beispiel der Dramatiker und Schriftsteller Jaroslav Hilbert (wir erwähnten ihn bereits hier), der sie 1903 in einem Beitrag heftig angriff. Dem standen aber unzählige begeistere Anhänger gegenüber und immer mehr Kritiker sahen in ihr eine große Pionierin der modernen Schauspielerei. Sowohl als Schauspielerin als auch als durchaus politische Person kam ihr letztlich allenfalls noch die berühmte Otýlie Sklenářová-Malá an Bedeutung nahe (wir berichteten hier). Sie war eine große Schauspielerin mit Anliegen.

Auch ihr internationaler Ruhm wuchs und wuchs. Sie ging auf internationale Kurz-Tourneen, von denen die nach Zagreb und Belgrad in den Jahren 1902 und 1906 besonders große Erfolge waren. In Belgrad bekam sie sogar den vom König gestifteten Sankt-Sava-Orden verliehen – eine der höchsten Auszeichnungen des Königreichs Serbien.

1907 verstarb sie plötzlich im Alter von nur 46 Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Eine in der Familie wohl als Erbkrankheit vorkommende Diabetes ließ sich nicht kurieren (das Insulin als Medizin wurde erst in den 1920er Jahren entdeckt). Ihr Mann wurde von dem Verlust schwer getroffen, und verschwand danach weitgehend aus der Öffentlichkeit (nur 1917 tauchte er noch einmal als Unterzeichner eines Manifests für die Unabhängigkeit des Landes von der Habsburger Monarchie prominent auf).

Die Asche seiner Frau ließ Kvapil im Kinský Garten begraben, in dessen Nähe sich bis heute das Švanda Theater befindet, wo Hana Kvapilová einst ihre Schauspielkarriere begann. Im Jahre 1914 wurde an ebendieser Stelle ein Denkmal für Hana Kvapilová errichtet. Die etwas überlebensgroße, auf einem Sockel sitzende Statue ist das Werk des bekannten Bildhauers Jan Štursa, den wir in diesem Blog u.a. schon hier und hier erwähnten. Štursa galt damals als einer der großen modernen Bildhauer, der zu den Hauptvertretern des Kubismus gehörte. Das Denkmal für Hana Kvapilová ist jedoch in hohem Maße dem traditionellen Klassizismus verpflichtet, was vielleicht nicht so ganz mit der Modernität der Ideenwelt der Schauspielerin im Einklang stehen mag. Aber umso mehr passt es sich ästhetisch in das architektonische Umfeld des Sommerpalastes ein. Es ist ein schöner Ort, der dem Denkmal, so wie es ist, viel Würde verleiht. (DD)

Gedenken an den Matrosenaufstand

Bisweilen wird Shakespeares Satz, Böhmen sei ein Land an der Küste (Wintermärchen, Akt 3, Szene 3), in Zweifel gezogen, worüber ich mich bereits hier ausgelassen habe. Denn, sollte er sich geirrt haben, wieso gibt es dann in Prag ein Denkmal der Opfer des Matrosenrates (Pamětní deska Obětem z řad námořníků), das explizit tschechischer Seeleute gedenkt?

Scherz beiseite, denn hinter dem Denkmal auf dem großen Olšany Friedhof verbirgt sich eine tragische und erschütternde Episode aus der Endphase des Ersten Weltkrieges. Böhmen lag auch damals zwar tatsächlich nicht am Meer, gehörte aber zum Habsburgerreich, das über eine lange Meeresküste an der Adria verfügte. Dort hatte auch die durchaus nicht unbeträchtliche Österreichische Marine ihre Stützpunkte, von denen Pula der zentrale und größte war. Das bedeutete, dass auch zahlreiche tschechische Matrosen und Seeleute in der k.u.k. Kriegsmarine dienten. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs waren rund 10,6% der Marineangehörigen aus Böhmen. Da Böhmen das bei weitem industrialisierteste und technisch fortgeschrittendste Land des Habsburgerreichs war, fand man Tschechen überproportional bei den technisch modernen Waffentypen, insbesondere bei der U-Bootflotte. Von den Kriegsgegnern im Mittelmeerraum hatte die Flotte kaum größere Gefahren seitens einer feindlichen Marine zu fürchten. Ein Großteil der Einsätze bestand auch der Beschießung feindlicher Hafenstädte und -befestigungen. Dort wurden zunehmend Wasserminen zur Gefahr für die Schiffe.

Die Marine hielt sich dabei wacker, aber als 1918 das Ende dies Kriegs sich nahte, wurde die Lage immer prekärer. Ein Sieg wurde immer unwahrscheinlicher. Es herrschte nicht nur Material- sondern auch Versorgungsmangel. Sowohl in der Armee als auch in der Zivilbevölkerung kam es immer wieder zu kleineren Protesten, Streiks und Unruhen. In der Marine versuchten die höheren Offiziere solchen Vorgängen durch die Verschärfung von Drill und Exerzieren vorab beizukommen. Petitionen von Mannschaften auf Milderung des Disziplinarregimes wurden brüsk zurückgewiesen. Das heizte eher die Stimmung unter den Mannschaften auf, die immer weniger den Sinn des Ganzen erkennen konnten, aber die Härte der Disziplinierung spürten.

Am 1. Februar 1918 war das Fass zum Überlaufen gekommen. Auf dem damaligen Flaggschiff der Flotte, dem Panzerkreuzer SMS St. Georg, das gerade in der Bucht von Kotor (heute Montenegro) lagerte, übernahm die Mannschaft das Kommando und setzte Kapitän, Offiziere und vor allem den Ranghöchsten an Bord, Konteradmiral Anton Alexander Ignaz Friedrich Hansa, unter Arrest. Es begann, der Matrosenaufstand von Cattaro (Kotor trug damals den italienischen Namen Cattaro). Unter dem Kommando des aus einer deutsch-tschechischen Familie stammenden František Rasch (manchmal auch Franz Rasch) bildete sich ein Matrosenrat, der Kontakt zu den anderen Schiffen der Flotte aufnahm. Rund 6000 Marineangehörige auf 40 Schiffen (bei weitem der größte Teil der österreichischen Marine) schlossen sich der Aktion umgehend an. Vor allem der Kroate Anton Grabar mit Rasch übernahm die ideologische Führung. Nachdem die Aufständischen fast die ganze Marine unter Kontrolle hatten, stellten sie ihre politischen Forderungen.

Die bestanden aus zwei Teilen. Obwohl die Aufständischen stark von sozialistischen Ideen geprägt waren und auf den Schiffen der k.u.k. Marine nun rote Fahnen wehten, waren die Forderungen durchaus moderat. Man wollte einfach Verbesserungen bei den Lebensbedingungen – Nahrung, Rauchtabak, keine sinnlosen Disziplinierungen. Das sprach naturgemäß die meisten Matrosen an, aber eben nicht alle. Die Besatzungen der wenigen Schiffe, die gerade im Kampfeinsatz waren, bekamen bessere Rationen als die, die schon seit Wochen im untätig im Hafen lagen. Und sie fühlten sich (menschlich verständlich) düpiert, dass die „Etappe“ meuterte, während sie gerade an der Front kämpften. Das sorgte dafür, dass es doch noch etliche Schiffe gab, die sich nur widerwillig unter Druck oder gar nicht dem Unternehmen anschlossen. Und dann waren da die politischen Forderungen: Die drehten sich um einen sofortigen Friedensschluss, wie er zwischen den Mittelmächten und Russland sich gerade abzuzeichnen begann. Das sollte auf Grundlage der 14 Punkte geschehen, die gerade im Januar der amerikanische Präsident Woodrow Wilson verkündet hatte, und die vorsahen, dass es keinen Siegfrieden geben, dass die Demokratie ihren Siegeszug antreten, und dass allen Völkern das Selbstbestimmungsrecht zukommen solle. Gerade letzteres fand unter den Matrosen, die in der Mehrheit keine Deutsch-Österreicher waren, sondern Kroaten, Tschechen usw., viel Anklang. Für die österreichische Marineführung galt dergleichen jedoch Landesverrat und als subversive Forderung mit dem Ziel der Zerstörung der Doppelmonarchie.

Es mag sein, dass den Aufständischen nicht bewusst war, wie absolut unannehmbar die politischen Forderungen für die Marineführung waren. Naiverweise traute man dem Ehrenwort der Offiziere, die sich weiter frei auf den Schiffen bewegen konnten, sich selbst aber an kein Ehrenwort gegenüber „Meuterern“ gebunden fühlten. Konteradmiral Hansa beließ man sogar seinen Telegrafenapparat in der Kabine, was der dazu nutzte die loyalen Schiffe zu kontaktieren und mit dem Marinekommando in Kotor das weitere Vorgehen zu koordinieren. Inzwischen, am zweiten Tag des Matrosenaufstands, waren die Schiffe um die St. Georg mehr oder minder im Hafen eingeschlossen. Den Vorschlag mit Gewalt auszubrechen, lehnte Rasch ab, weil er hoffte, immer noch verhandeln zu können. Die Einbindung des Parlaments in Wien gehörte nun zu den zusätzlich aufgestellten Forderungen, weil es dort sozialdemokratische Sympathisanten gab. Es gab ersten Beschuss von der Hafenfestung. Deutsche U-Bootfahrer, die zuvor eingelaufen waren, boten der Marineführung an, bei der Niederschlagung zu helfen. Immer mehr, teilweise nur widerwillig in den Aufstand involvierte Schiffsmannschaften sprangen ab. Am dritten Tag liefen die ersten Kriegesschiffe in die äußere Bucht von Kotor ein, um ebenfalls bei einer möglichen Niederschlagung einzugreifen. Rasch fand auch bei der eigenen Mannschaft mehr genügend Unterstützung zur Weiterführung der Aktion. Er ließ die rote Fahne auf der St. Georg streichen und ergab sich Konteradmiral Hansa.

Am nächsten Tag folgte das grausame Blutgericht. Über 800 Matrosen wurden verhaftet, während der Hafenkommandant das Standrecht verhängte. 40 Angeklagte wurden vor das Standgericht gestellt, das am 7, Februar zusammentrat und bis zum 10. Februar den Fall erledigen sollte. Das Verfahren lief fehlerhaft und parteiisch ab. Der Zivilverteidiger der Angeklagten kam erst einen Tag vor dem Urteil am Ort an, und legten vergeblich Protest ein, das die Präklusivfrist überschritten worden sei und ein fairer Prozess unmöglich sei. Das ließ das Gericht nur für 18 Angeklagte gelten. Auch wurden etliche Zeugen nicht mehr gehört, weil das Gericht sich unter Zeitdruck befand. Am Ende wurden am 10. Februar die meisten Fälle vertagt, aber sechs Angeklagte drakonisch bestraft, zwei zu langen Zuchthausstafen und vier – Rasch, Gabar und zwei weitere – zum Tode verurteilt. Eine eilig von der Verteidigung verfasste Gnadenpetition an den Kaiser blieb unbeantwortet, schon weil sie zu spät kam. Denn das Urteil wurde schon am nächsten Morgen, dem 11. Februar, an der Friedhofmauer von Kotor vollstreckt. Zweimal gehorchten die Soldaten, die als Erschießungskommando abkommandiert worden waren, dem Schießbefehl ihres Offiziers nicht. Einer der Soldaten fiel sogar in Ohnmacht. Erst beim dritten Kommando fielen schließlich die Schüsse. Gabar war nicht sofort tot und bekam zwei „Gnadenschüsse“ bis auch er nicht mehr lebte.

Für die übrigen Angeklagten, deren Verfahren noch nicht abgeschlossen, waren Prozesse für einen späteren Zeitraum anberaumt. Zu Schuldsprüchen kam es in den Wirren der Endphase des Kriegs nicht mehr, aber auch nicht mehr zu Freisprüchen. Das hatte auch etwas damit zu tun, dass die Opposition im Österreichischen Parlament in Wien inzwischen von der Sache erfahren hatte. Der Anführer der Sozialdemokraten, der gebürtige Prager Viktor Adler, sprach beim Kriegsminister vor und protestierte gegen die rechtlich wacklige und übereilte Hinrichtung. Er bekam das Versprechen, dass es keine Todesurteile und Vollstreckungen in Sachen Matrosenaufstand mehr geben sollte – ein Versprechen, dass auch tatsächlich gehalten wurde. Und die vertagten Prozesse fanden aufgrund des Kriegsendes nicht mehr statt. Als nach der Niederlage im Krieg das Habsburgerreich auseinanderfiel und zahlreiche neue „Nationalstaaten“ entstanden, wie Polen, Jugoslawien oder die Tschechoslowakei, wurde dort jeweils der Matrosenaufstand als eine Heldentat im Namen der Selbstbestimmung der Völker wahrgenommen.

Womit wir bei dem Denkmal für die tschechoslowakischen Seeleute auf dem Prager Olšany Friedhof sind. Das wurde im Jahre 1936 an der Mauer des Areals des Friedhofs eingerichtet, in dem sich die Gräber der Opfer des Ersten Weltkriegs befinden (Bild links). Man sieht dort einen Anker, der vor einer Wand liegt, auf der eine große Bronzetafel angebracht ist. Deren Text lautet auf Deutsch übersetzt: „In Erinnerung an die hingerichteten, ertrunkenen und gefallenen toten tschechischen Seeleute, gespendet von der Gemeinschaft ehemaliger Matrosen und den Teilnehmern des nationalen Widerstands an der Adria in Prag – 1936.“ Damit wurde das gängige Geschichtsbild der Ersten Tschechoslowakischen Republik bestätigt, die das Ganze als eine hauptsächliche von Tschechen inspirierte und geführte Aktion im nationalen Geiste interpretierte. Das griff möglicherweise doch ein wenig zu kurz . Allerdings hatte immerhin Konteradmiral Hansa (der unmittelbar nach dem Aufstand von der Marine in den Ruhestand versetzt wurde) vor Gericht attestiert, dass ohne die Führung des Tschechen Rasch der Aufstand kaum so organisiert abgelaufen wäre. Dass Rasch die Hauptperson im Geschehen war, ist auch kaum zu bestreiten. Dass Tschechen insgesamt die Avantgarde der nationalen Befreiung waren, ist wohl trotzdem eine Überhöhung der eigenen Bedeutung, die man sich damals aber gerne erlaubte.

Immerhin hatte der Aufstand eine indirekte Verbindung zur Verkündung der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei am 28. Oktober 1918. Da ja rund 6000 Marineangehörige daran teilgenommen hatte, versuchte die Marineführung die bestehenden Einheiten, in denen man noch „revolutionäre Seilschaften“ vermutete, auseinanderzutrennen, zu deaktivieren oder gar zum Sonderurlaub an Land zu schicken. Auf diese Weise versammelte sich in Prag bald eine Gruppe von rund 80 bis 120 Seeleuten der Marine, die am Aufstand von Cattaro teilgenommen hatten, und die teilweise Beurlaubte, teilweise Deserteure waren. Als am 28. Oktober die provisorische Regierung, der sogenannte Tschechoslowakische Nationalausschuss, die bisher zum Habsburgerreich gehörenden staatlichen Institutionen übernahm, gehörte dazu auch die Entwaffnung und Entlassung der k.u.k.-Garnison in Prag. Ganz ohne militärischen Schutz wollte die Regierung in diesen revolutionären und unruhigen Zeiten aber doch nicht sein, und so wurden die in Prag befindlichen Matrosen des Aufstandes die erste Militäreinheit, die der Ausschuss direkt befehligte. Und auf deren Initiative dürfte dann 1936 das Denkmal errichtet worden sein.

Die nationalpatriotische Deutung der Ereignisse, wie sie sich in dem Denkmal widerspiegelt, war aber längerfristig nicht die dominierende Interpretation im Geschichtsdiskurs. Die roten Fahnen über kakanischen Schiffen, das war ein zu schönes Bild, als dass die marxistische Geschichtsschreibung darauf verzichten konnte, es ideologisch zu instrumentalisieren – selbst wenn es trotz der eindeutig sozialistischen Sympathien von Rasch und vielen seinen Mitstreitern keinen Hinweis darauf gibt, dass sich die Aufständischen (die eher Kontakt zu den österreichischen Sozialdemokraten pflegte) in großem Maße kommunistisch radikalisiert hatten. Den Anfang machte der Journalist und Schrifsteller Bruno Frei, ein Mitglied der KPÖ, im Jahre 1927 mit seinem im Stil einer Reportage geschriebenen Buch Die roten Matrosen von Cattaro. Das Buch wurde dann 1930 wiederum die Vorlage für das recht erfolgreiche Drama Die Matrosen von Cattaro des kommunistischen Schriftstellers und Politikers Friedrich Wolf (übrigens der Vater von Markus Wolf, dem langjährigen Chef der Auslandsspionage der „DDR“). 1957 veröffentlichte der österreichische „Arbeiterschriftsteller“ und Kommunist Franz Xaver Fleischhacker einen Roman zum Thema unter dem Titel „Cattaro. Roman aus den letzten Tagen der k.u.k. Kriegsmarine“. Fleischhackers Buch wirkte einigermaßen authentisch, da er als junger Seemann noch selbst auf einem Torpedoboot bei dem Aufstand dabei gewesen war. Und die Liste kommunistisch geprägter Autoren, die sich mit dem Thema befassten, ließe sich beliebig verlängern. Inzwischen wird das Thema nicht mehr so ideologisch behandelt und die seriöse Geschichtsschreibung hat Einzug gehalten. Zum 100. Jahrestag erschienen einige gute Monographien, wie etwa Peter Fitls Buch „Meuterei und Standgericht“ (2018), die mithin darauf hinwiesen, dass dem Aufstand ja gerade eine größere revolutionäre Perspektive fehlte, weshalb er als isoliertes Ereignis auch nicht einen generellen Umsturz bewirkte. Er sei nicht vergleichbar mit dem Kieler Matrosenaufstand in Deutschland im November 1918, der tatsächlich das Ende des wilhelminischen Reiches bedeutete. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine sehr bittere Episode aus dem Ersten Weltkrieg, die uns durch das Denkmal in Prag wieder ins Gedächtnis gerufen wird. (DD)

PS: Unter der Gedenktafel für die Matrosen von 1918 wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eine kleine Zusatztafel (Text übersetzt: „Wir werden die gestorbenen Brüder nicht vergessen, 1939-1945“) angebracht (Bild oberhalb rechts), die daran erinnert, dass es auch in diesem Krieg tschechoslowakische Seeleute gab, nämlich freiwillig bei der britischen und später bei der amerikanischen Marine dienende Exilanten, die auf hoher See ihren Beitrag leisten wollten, Hitler zu besiegen.