Liebe und Wahrheit in Košíře

Heute ist der 6. Juli. Das ist der Tag der Verbrennung des Jan Hus (Den upálení mistra Jana Husa) und ein Staatsfeiertag (arbeitsfrei!) in Tschechien. Einer, bei dem man des der Frühreformators Jan Hus gedenkt, der am 6. Juli 1415 auf dem Konzil von Konstanz trotz Zusicherung freien Geleites als „Ketzer“auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Hus kämpfte gegen die weltliche Macht und den weltlichen Reichtum der Kirche und predigte in Tschechisch, damit auch das Volk ihn verstand. Damit wurde er für die Nachwelt nicht nur ein Glaubensmärtyrer, sondern auch so etwas wie ein politischer Nationalheld. So ist der heutige Feiertag (da unterscheiden die Tschechen fein) auch kein religiöser Feiertag, sondern ein Staatsfeiertag. Und fast jede politische Strömung im Lande versuchte Hus als einen der „ihren“ zu reklamieren – von der antihabsburgischen/liberalen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts (Beispiel hier) bis zu den Kommunisten (hier).

Aus der Ferne könnte man das Denkmal des Jan Hus in Košíře (Pomník Jana Husa Košíře) für ein Werk aus der Zeit der Kommunismus halten. Auf einer nüchtern gehaltenen quaderförmigen Säule erkennt man ein im realistischen, d.h. nicht-abstakten Stil gehaltenes ein Kopfportrait. Erst, wenn man näher kommt, verraten die sehr expressionistischen Gesichtszüge, die sich deutlich von dem starren und leblosen Heldenkult des sozialistischen Realismus unterscheiden, dass es sich definitiv um ein vorkommunistisches Werk der Moderne handeln muss. Und tatsächlich stammt das Kunstwerk aus den Zeiten der Ersten Republik, genauer: aus dem Jahr 1927. Die Skulptur stammt von dem bekannten Bildhauer Karel Pokorný (wir erwähnten ihn u.a. hier und hier), eine Schüler von Josef Václav Myslbek, dem wir die große Reiterstatue des Heiligen Wenzel (früherer Beitrag hier) auf dem Wenzelsplatz verdanken. Der steinerene Sockel wurde von dem Maler, Bühnenbildner und Architekten Alois Wachsman entworfen.

Pokorný stellte dabei Hus so dar, dass Leiden und Erschöpfung sich mit seinem Grundverständnis verbanden, dass Wahrheit und Liebe aus Gott heraus kommen. Die religiöse Botschaft, die hier unterschwellig vermittelt wird, wäre den Kommunisten später gewiss fremd gewesen, so wie Hus die (atheistischen) Kommunisten fremd gewesen wären – aber er konnte sich ja nicht mehr gegen den Missbrauch seines Namens wehren. Die Botschaft, die Hus hier bereit hält, steht in bronzenen Lettern auf dem Sockel, nämlich die Inschrift: „Pravdy každému přejte“. Das ist eine verkürzte Fassung eines Zitats aus einem Brief, den Hus am 10. August 1415 noch kurz vor seiner Hinrichtung aus dem Konstanzer Gefängnis schrieb: „Milujte se, pravdy každému přejte“ (Liebet einander, wünscht allen die Wahrheit).

Das Denkmal – eines von unzähligen im ganzen Stadtgebiet von Prag – befindet sich im Hus Garten (Husovy sady) im Stadtteil Košíře (Prag 5). Der Park ist recht klein und sicher nicht der ansehnlichste in der Stadt. Er gewinnt dadurch, dass er recht hübsch vor einem bewaldeten Hügel gelegen ist, der hinauf nach Smíchov führt. Er entstand um die Zeit, da auch das Denkmal hier aufgestellt wurde. Cineasten mögen ihn vielleicht kennen, weil er einer der Hauptdrehorte für den Kinder-Detektivfilm  Případ Lupínek (Der Fall Lupínek) von 1960 war. Heute gehört der Park aber wieder dem Namensgeber alleine, dem tschechischen Nationalmärtyrer Magister Jan Hus. (DD)

Hier wurde Prag vor den Preußen gerettet

Ja, wir befinden uns über 50 Kilometer östlich von Prag. Aber dieser Ort ist wichtiger als manch anderer und näher gelegene für die Stadt. Denn heute vor 265 Jahren wurde Prag genau hier das Schicksal erspart, unter die Herrschaft der Preußen zu fallen – eine Vorstellung, die man sich eigentlich gar nicht vorstellen kann. Hier fand am 18. Juni 1757 die Schlacht bei Kolín statt.

Die Schlacht war Teil des Siebenjährigen Krieges, der von 1756 bis 1763 tobte. Bei dem ging es zunächst hauptsächlich nicht um Prag. Großbritannien und Frankreich kämpften dabei um kolonialen Interessen in Indien und Nordamerika. Die österreichische regierende Erzherzogin Maria Theresia verband sich mit den Franzosen, weil sie sich dadurch Unterstützung versprach, die in den 1740er Jahren an Preußen verlorenen Territorien in Schlesien zruückzugewinnen. Dabei hatte sich Maria Theresia, die zugleich böhmische Königin war, zunächst verkalkuliert, denn den preußischen Truppen unter Friedrich II. gelang es schnell, tief ins böhmische Territorium einzudringen. Anfang Mai 1757 standen sie bereits vor den Toren Prags. Nach einer blutigen Schlacht (über die wir hier berichteten) gelang es ihnen, die Stadt völlig einzukreisen und und einen engen Belagerungsgürtel um die Stadt zu ziehen, die nun heftig von Artillerie beschossen wurde. Es war nur eine Frage der Zeit, dass Prag aufgeben würde und in Friedrichs Hände fiele.

Aber: Es sollte nicht sein. Maria Theresia – und damit dem Haus Habsburg – war andernorts das Kriegsglück hold. Nämlich auf den Feldern vor Kolín. Um den belagerten österreichischen Truppen in Prag zu helfen, schickte Maria Theresia Truppen unter dem Kommando von Feldmarschall Leopold Joseph Maria Reichsgraf von und zu Daun, einem der fähigsten Strategen der Armee, zum Entsatz. Um zu kontern, zog Friedrich II. einen großen Teil seiner Belagerungstruppen ab, um Daun abzufangen. Vor Kolín trafen darob 35.000 preußische Soldaten (davon 21.000 Infanterie und 14.000 Kavallerie) auf 54.000 österreichische Soldaten (35.000 Infanterie, 19.000 Kavallerie) aufeinander. Der „Alte Fritz“ zog also bereits mit zahlenmäßig unterlegenen Truppen in die Schlacht. Zudem hatten ihn seiner Aufklärer nur mit unzureichenden Informationen versorgt. Seine Truppen ließen sich durch Scheinangriffe am Morgen zu verfrühten Angriffen verführen. Auch sonst ging taktisch bei den Preußen alles schief und am Ende gab gegen 17.30 Uhr Friedrich die Schlacht verloren. Angeblich soll Friedrich seinen fliehenden Soldaten den bekannten Spruch, „Hunde wollt ihr ewig leben?“, nachgerufen haben, aber das ist wohl nur eine erfundene Anekdote.

Am Ende lagen 13.733 preußische und 8.114 österreichische Gefallene tot auf den Feldern. Da Daun nun ungehindert losmarschieren lassen konnte, mussten nun auch die restlichen preußischen Belagerer von Prag abziehen. Die Schlacht um Prag war gewonnen – hier in Kolín. Insbesondere im 19. Jahrhundert wurde die Schlacht auf beiden Seiten immer mehr zu einem Mythos. Die Gedenkkultur wuchs. Das kann man heute auf einem 15 Kilometer langen Lehrpfad bewundern, der (gut mit weiß-gelben Markierungen versehen) von der kleinen Ortschaft Nová Ves bis ins Zentrum von Kolín führt, studieren. Wie üblich bei Schlachtfeldbesichtigungen, gibt es an sich keine Spuren der Schlacht mehr zu sehen. Aber man gewinnt einen Überblick über das Terrain und kann sich nun etwas mehr vorstellen, was hier damals geschah. Es gibt nur wenige Infotafeln. Die konzentrieren sich hauptsächlich um die beiden Feldherrnhügel, die sich in Sichtweite gegenüber stehen, der österreichische nahe des Dorfes Křečhoř und der preußische auf dem vrch Bedřichov, dessen Name nichts anders als „Friedrichshöhe“ in Tschechisch bedeutet.

Und auf beiden Feldherrnhügeln findet man große Denkmäler, die den jeweiligen Protagonisten gewidmet sind. Das Denkmal auf dem vrch Bedřichov wurde 1841 auf Initiative eines in Nová Ves ansässigen Gutsbeistzers namens Václav Veith erbaut und sollte anlässlich eines gemeinsamen preußisch-österreichischen Manövers eingeweiht werden. Es handelt sich um einen hohen, aus grobem Stein gemauerten Obelisk an der Stelle, wo Friedrich seiner Niederlage zugeschaut hatte. Zur Ausschmückung hatte der bekannte bayerische Bildhauer Ludwig Michael Schwanthaler schon einige Reliefs angefertigt, die Preußens Niederlage darstellten. Offiziöse Stellen überzeugten Veith aber, dass man das aus Rücksicht gegenüber den nunmehr befreundeten preußischen Manövergästen besser nicht tun sollte. Und so blieb das Denkmal schlicht und ungeschmückt.

Das änderte sich – wenngleich nicht so, wie es ursprünglich gedacht war – im Jahre 1866. Da war wieder einmal Krieg zwischen Österreich und Preußen und die Preußen siegten auf der ganzen Linie. Etliche der siegreichen preußischen Offiziere machten nun eine kleine Bummeltour zum einstigen Ort der Niederlage und hackten die Namen der gerade absolvierten Schlachtfelder ein, auf denen sie gesiegt hatten, allen voran das in Königgrätz. Als der Frieden da und die Preußen wieder weg waren, reparierte man das natürlich nach einiger Zeit hier im österreichischen Böhmen. 1889 wurde eine Tafel in Deutsch und Tschechisch angebracht mit dem Text: „Zur Erinnerung an den Sieg über die Preußen im Siebenjährigen Krieg am 18. Juni 1757“. Die verschwand aber irgendwann auf unbekannte Weise. Erst 2005 wurde eine Bronzetafel mit einem Portraitrelief Friedrichs II. angebracht, ein Werk des Bildhauers Miloslav Smrkovský. In Deutsch, Tschechisch und Engisch wird daran erinnert, dass hier der Kommandostand des Königs während der Schlacht war.

Seit 1965 ist das Denkmal unter der Nummer 34469/2-879 als staatliches geschütztes Denkmal registriert. Und im Jahr 2018 hat man neben dem Denkmal auf dem Hügel, der immer mehr Touristenmagnet wurde, einen 14 Meter hohen stählernen Aussichtsturm (Bild rechts) aufgestellt. Von oben aus wirkt das Denkmal schon recht klein. Und außerdem kann man von hier das gesamte Schlachtfeld überschauen, das sich über ein sehr großes Areal erstreckte. Mit der Friedrichshöhe hat man im Prinzip den höchsten Punkt des Schlachtwanderwegs erreicht (vor allem, wenn man auch noch den Aussichtsturm hinaufgestiegen ist). Von hier aus kann man nun (ein Stück lang leider an einem recht verkehrsintensiven Straßenrand entlang) zur anderen, der österreichischen Seite wechseln.

Wie zu erwarten, ist das Denkmal auf dem ehemaligen österreichischen Feldherrnhügel mit einem kakanischen Heimvorteil versehen und somit erheblich größer und prachtvoller als das auf der Friedrichhöhe. Geradezu protzig, könnte man sagen. Es wurde allerdings später, im Jahre 1898, errichtet. Gestaltet wurde es von Václav Weinzettel, der günstigerweise zugleich ausgebildeter Architekt und Fachmann für Steinbearbeitung war. Unterstützt wurde er von dem Bildhauer Mořic Černil, der für die skulpturalen Elemente, insbesondere die Bronzetafeln, zuständig war. Der war ein damals sehr bekannter Vertreter des Klassizismus, dem wir u.a. das Denkmal für Bedřich Smetana in Hořice verdanken. Schon von weitem ist hier bei Kolín der Habsburgische Doppeladler zu bewundern, den er für das Denkmal schuf (Bild links).

Mit 15 Metern ist der Pylon des Denkmals auch deutlich höher als der 12 Meter hohe Obelisk für Friedrich II.. Das war für den Förderverein, der das Denkmal bauen ließ (unter der Schirmherrschaft von Kaiser Franz Joseph, zu dessen 50. Regierungsjubiläum es dann eingeweiht wurde!) natürlich eine Ehrensache. Zudem ist es auf einer Höhe auf freiem Feld platziert, sodass man von weitem schon erkennen kann, während das den Preußen zugewiesene Denkmal ein wenig zwischen Bäumen versteckt ist. Und das Denkmal ist selbstredend reicher skulptural ausgestattet als das vom „alten Fritz“ – ebenfalls Ehrensache. Dazu gehören natürlich klassische Siegesallegorien, wie etwa die Trophäen, die man auf der Bronzetafel oben sehen kann.

In dem Maße, wie man in den Habsburgerzeiten den Sieg von Kolín in Ehren hielt, fiel das Denkmal wiederum stark in Ungnade, als 1918 das Reich fiel und die Erste Tschechoslowakische Republik ausgerufen wurde. Tschechische Nationalisten fanden, dass in Kolín arme tschechische Soldaten sich für die verhassten Österreicher hätten opfern müssen, wie ein Aufruf 1925 verdeutlichte, der den Abriss forderte: „So oft starben Tschechen für fremde Interessen! Verstehen wir die Größe der Tage, in denen wir leben?“ Die Debatte, an der sich auch Bildhauer Weinzettl (ein Tscheche, der natürlich für den Erhalt kämpfte) beteiligte, muss wohl heftig gewesen sein. Eine zeitlang war sogar der Doppeladler demontiert, wurde aber später wieder aufgesetzt. Am Ende aber bewahrten die Kolíner Stadtväter kühlen Kopf und so steht das Denkmal noch heute – allerdings mit einigen Beschädigungen, die nationalistische Aktivisten oder auch nur Randalierer hinterließen. Die Reiterfigur des österreichischen Armeeführers Graf von Daun auf dem großen Schlachtenrelief auf der Vorderseite des Denkmals wurde bedauerlicherweise enthauptet. Das ist unschön!

Die Besucher heute, denen die nationalistische Wut der vergangenen Zeit immer ferner zu liegen scheint, wissen sicher zu schätzen, dass man dieses pompöse Kunstwerk erhalten hat. Sie können heute vom österreichischen Denkmal aus über die Weiten des ehemaligen Schlachtfelds hinüber zu Friedrich Feldherrenhügel schauen, wie man es auf dem Bild rechts erkennen kann. Bis auf den Kopf des berittenen Grafen fehlt nur wenig. Da die Nazis (Graf Daun und der alte Fritz wären möglicherweise gleichermaßen befremdet gewesen) die Schlacht irgendwie in ihre Geschichtsmythologie eingebaut hatten, wurde die Bronzetafeln 1941 auch von dem Gebot ausgenommen, als Altmetall für die Rüstungsindustrie demontiert zu werden.

Unter den Kommunisten nach 1948 beachteten man das Denkmal nur wenig und ließ es ungepflegt verfallen. Erst nachdem Ende der 1960er Jahre ein Adlerflügel abgefallen war, führte man eine 1970 abgeschlossene Renovierung durch. 2009 gab es eine neuerliche Renovierung, denn leider gibt es immer noch Vandalen, die sich Teile der Bronzen einstecken. Die Denkmalskultur hat sich seither gewandelt. Anti-Habsburg-Nationalismus und Glorifizierung von Kriegserfolgen stehen hintan. Man gedenkt primär der Opfer. 2010 wurde genau das getan, als man eine steinerne Gedenkplatte neben dem Denkmal für die Österreicher platzierte, die in Deutsch und Tschechisch schlicht „den unbekannten in der Schlacht bei Kolín gefallenen Soldaten“ gedenkt (Bild links). Es soll daran erinnern, dass hier an dieser Stelle noch unzählige Gebeine von Soldaten der preußischen und der österreichischen Armee von 1757 in einem Massengrab unter der Erde liegen.

Eine kleine Fußnote verdient übrigens auch die Tatsache, dass das Areal um das Denkmal nicht nur deshalb historisch geweihter Boden ist, weil hier Daun während der Schlacht bei Kolín seinen Feldherrenhügel hatte. Nähert man sich von unten, sieht man, dass das Denkmal auf der Erdaufschüttung einer frühmittelalterlichen Burgwallanlage, der sogenannten hradiště Křečhoř, steht. Die kann man (Bild links) immer noch gut erkennen. Sie ist noch nicht sehr intensiv erforscht, sodass man allenfalls spekulieren kann, was für ein Stück Geschichte sich hier abspielte. Sicher sind wir jedenfalls, dass an diesem Ort 1757 Prag vor den Preußen gerettet wurde. (DD)

Lokaler verbundener Künstler

František Jakub war ein damals selbst im Ausland, wo er viele Ausstellungen gewidmet bekam, ein sehr bekannter tschechischer Maler, dessen Nachruhm nicht zuletzt durch eine Gedenktafel mit Büste in der Slezská 1313/66 in Prag-Vinohrady aufrecht erhalten wird.

Jakub gehörte zu den böhmischen/tschechischen Vertretern des Intimismus, einer in Richtung Symbolismus tendierenden Stilrichtung des Post-Impressionismus. Er war hierin ein Gefolgsmann und Bewunderer des französischen Zeitgenossen Henri Le Sidaner. Sein Malerhandwerk hatte er als Schüler der in Prag lehrenden akademischen Malers Vojtěch Antonín Hynais und Maxillián Pirner erlernt. Er fühlte sich wohl immer dem Stadtteil Vinohrady (bis 1922 eine eigenständige Stadt) verbunden. Wenn man will kann man seine schönen Wandmalereien in der dortigen Sparkasse (wir berichteten hier) bewundern. Deshalb hat man ihn hier wohl auch besonders geehrt.

Unweit des und mit Blick auf den schönen Gartens der Brüder Čapek (Sady bratří Čapků), über den wir hier berichteten, hatte Jakub sein Domizil und Atelier in ebenjenem Gebäude, dessen Fassade nun mit seiner Gedenktafel geschmückt wird.Es handelt sich bei dem Gebäude um ein vierstöckiges Wohn- und Mietshaus, das um 1905 im Stil der Neorenaissance erbaut wurde. „Zde žil a tvořil český malíř František Jakub, 1875-1940“ (Hier lebte und wirkte der tschechische Maler František Jakub, 1875-1940), lautet der Text unter der Büste auf der Tafel.

Geschaffen wurde die Plakette/Büste einige Jahre nach Jakubs Tod im Jahr 1940 von dem Bildhauer und Medailleur Rudolf Březa. Angebracht wurde sie jedoch erst lange nach dem Tod Březas 1955, nämlich im Jahr 1968. Man kann nur spekulieren, warum das so war. Vielleicht war es in der 1968 stattfindenden kurzen Liberalisierungsphase des Prager Frühlings auch unter dem Kommunismus erstmals möglich, einen bürgerlichen Maler zu ehren, der keine entsprechenden ideologischen Referenzen aufwies – und dann noch angefertigt von einem Künstler wie Březa, der als aktiver Anhänger und Unterstützer der demokratischen Ersten Republik bekannt war.

Jakub ist als lokal verbundener Künstler natürlich auch ganz in der Nähe beerdigt, nämlich im Kolumbarium (auch Urnenwand genannt; d.h. Aufbewahrungsort für Urnen Verstorbener), der berühmten funktionalistischen Kirche des Hus Haus (Husův sbor) von Vinohrady, über das wir bereits hier berichteten. (DD)

Denkmal im ständigen Wandel

Der Strom der Geschichte nimmt oft unerwartete Verläufe und mit ihnen ist auch die Denkmalskultur ebenso unerwarteten Veränderungen ausgesetzt. Richtig anschaulich kann man das am Fall des Denkmals für die drei Widerstände (Památník Tří odbojů) am náměstí Generála Kutlvašra (General Kutlvašr Platz) im Stadtteil Nusle (Prag 4) studieren.

Es fängt schon damit an, dass der Platz, der den Namen des Generals trägt, der im Mai 1945 den Prager Aufstand (siehe u.a. auch hier und hier) gegen die Nazis organisiert hatte, noch bis 1997 Platz der Pariser Kommune (náměstí Pařížské komuny) hieß, weil die bis 1989 regierenden Kommunisten den mutigen General zu bürgerlich fanden. Wie dem auch sei: Das Denkmal wurde eigentlich 1927 errichtet, um den Gefallenen des Ersten Weltkriegs zu gedenken – vor allem den Legionären, die mit den Alliierten gegen die Habsburger und für die Unabhängigkeit gekämpft hatten. Damals hieß der Platz noch Jiráskovy sady (Jirásek Platz, nach dem Nationalhistoriker Alois Jirásek benannt).

In den 1980er Jahren fanden die Kommunisten, den Gefallenen des Ersten Weltkrieg und vor allem den – ebenfalls zu bürgerlichen – Legionären sei nun genug Gedenken zuteil geworden. Die dazugehörige Statue war bereits in den 1950er Jahren zerstört worden und nun wurde das Denkmal in eines zum Jubel über die „Befreiung“ durch die Rote Armee 1945 umgewandelt, ein Ereignis, dass viele Bürger eher ungut in Erinnerung hatten, weil es schließlich eine neuerliche, Jahrzehnte währende kommunistische Diktatur einläutete. Kurz: Man entfernte die Inschriften und nun standen dort Rotarmisten in Bronze, die Maschinenpistolen in den Händen hielten. Rundum war das Ganze mit Zitaten von Lenin gespickt.

1989 kam die Samtene Revolution und damit das Ende des Kommunismus. Schon Anfang 1990 waren die Rotarmisten und die Leninsprüche verschwunden. Aber es dauerte noch bis 1997, um eine Alternative zu schaffen. Die Architekten František Novotný und Jaroslav Suchan modifizierten das Denkmal noch einmal. Die Grundstruktur mit einem an den Hang gelehnten Brunnen blieb erhalten. Dafür prangt nun eine Inschrift mit den historischen Daten 1914 – 1918, 1939 – 1945, 1948 – 1989 daran. Die sollen daran erinnern, dass man sich zuerst gegen die Habsburgerherrschaft, dann gegen die Nazis, dann (besonders lange) gegen die Kommunisten auflehnen musste.

Möglicherweise, weil der Widerstand von 1914-18 etwas später (erste Verhaftungen erfolgten 1915; die Unabhängigkeit von Habsburg wurde als Thema erst 1917 einigermaßen aktuell) einsetzte, wird das Denkmal ab und zu auch nur Denkmal für drei Perioden der Unterdrückung der tschechischen Nation (Pomník tří období útlaku národa českého) genannt. Um entscheidende Epochen der Geschichte des Landes handelt es sich allemal. Da es über dem Platz thront und eine hübsche Aussicht erlaubt, kann man sich auf dem Denkmal mit seinen Bänken am plätschernden Wasser an Sonnentagen auch einmal ein wenig Ruhe gönnen, um über die ungeraden Verläufe der Geschichte nachzudenken. (DD)

Gefallen als der Krieg eigentlich vorbei war

Er fiel am 9. Mai 1945: Iwan Grigoriewitsch Gontscharenko. Eigentlich hatte Nazideutschland am Tag zuvor kapituliert. Auch in Prag hatte sich die Wehrmacht bereits formell den Kommandeuren des Prager Aufstands ergeben. Aber ein immer sinnloseres Weiterkämpfen führte zu immer sinnloseren Opfern – auch als eigentlich alles hätte vorbei sein sollen.

Parallel zu den tschechischen Aufständischen hatte seit dem 6. März die Prager Operation der Roten Armee eingesetzt. Als erste Truppen, des unter dem Kommando von Marschall Iwan Stepanowitsch Konew Heeres, das nun in Prag eintrat, gelangten Teile der 4. Panzerarmee unter Panzergeneral Dmitri Danilowitsch Leljuschenko als erste auf das Stadtgebiet. Es heißt, der Kommandant des ersten Panzer, der über die Statdtgrenze rollte, war ebenjener Iwan Grigoriewitsch Gontscharenko. Sein Panzer wurde später auf einem Denkmal postiert, das nach dem Fall des Kommunismus, den er leider hier zu etablieren half, abgerissen wurde. Gontscharenko, der 1920 in dem ukrainischen Ort Susilino geboren wurde, und seit dem März 1944 Panzerkommandant war, sollte seine Heldentat nicht lange überleben.

Teile der Heeresgruppe Mitte der Nazitruppen waren aber noch intakt. Große Teile versuchten sich aus der sowjetischen Umklammerung zu befreien, um sich zu den amerikanischen Truppen durchzuschlagen, die bereits am 6. Mai Pilsen befreit hatten, und von denen man sich eine weniger grausame Kriegsgefangenschaft erwartete. Sie ahnten nicht, dass es ein Abkommen zwischen den USA und der UdSSR gab, dass die gefangenen deutschen Soldaten in der Zone festgehalten werden sollten, in der sie sich am Tag der Kapitulation befanden. Das heißt, die Amerikaner hätten selbst Soldaten, die sich zu ihnen durchgeschlagen hätten, wieder an die Rote Armee übergeben. Die ganze Metzelei war sinnlos und die Rote Armee schaffte es nach einigen harten Kämpfen, die Wehrmachtstruppen auf ihrem Marsch nach Westen aufzuhalten. Im Verlauf dieses traurigen Nachspiels des Krieges fiel auch Gontscharenko am 9. Mai einem Treffer eines deutschen Panzerabwehrgeschosses zum Opfer.

Schon im November 1947 wurde ihm zu Ehren eine Gedenktafel eingeweiht, dort im Ortsteil Klárov, diekt neben der Kleinseite, wo es hinauf zur Burgstadt geht, gegenüber dem Haus in der U Bruských kasáren 132/3: Der Text (zweisprachig in Tschechisch und Russisch) lautet: „Hier fiel am 9.V.1945 einer der Helden der Roten Armee, Iwan Grigoriewitsch Gontscharenko, Gardeleutnant der Panzerarmee von General Leljuschenko, im Alter von 25 Jahren.“ 1947, das war noch vor der Machtübernahme der Kommunisten 1948, nach der den Rotarmisten unzählige Denkmäler gesetzt wurden, während die eigenen Prager Aufständigen vergessen wurden. Damals dürfte man auch unter vielen Tschechen eine gewisse Dankbarkeit für den Soldaten empfunden haben, dessen Panzer als erster der Roten Armee in die Stadt eingerollt war, um die Nazis zu vertreiben.

Auch heute noch legen Menschen hier anscheinend nochab und an kleine Blumensträuße zum Gedenken hin, was in der Regel in Prag eher selten ist, wenn es um Rotarmisten geht. Die Prager haben da doch recht unangenehme Erinnerungen im Lauf der Gescichte gesammelt, was man auch heute noch an der sehr löblich geschlossenen Haltung zu Putins Überfall auf die Ukraine erkennt. Irgendjemand hat ein verwittertes Photo vor der Tafel aufgestellt, das Gontscharenko zusammen mit der Besatzung seines legendären Panzers zeigt. Der Moment eines Triumphs wird hier festgehalten, der für Gontscharenko allerdings nicht lange währen sollte.

Bei dem Denkmal selbst handelt es sich um eine einfach beschriftete steinerne Gedenktafel, die in einer von Betonplatten umrahmten Nische angebracht wurde. Die Nische befindet sich in einem Felsen, der durch die viel befahrene Straße U Bruských kasáren ein wenig abgeschnitten von normalem Besucherverkehr wirkt.

Die Felswand verdient vielleicht auch eine Erwähnung. Es handelt sich um keine natürliche Wand, sondern vielmehr um den senkrechten Durchstich den man für die Straße vorgenommen hatte. Die Schnittstelle legt allerdings eine interessante geologische Schichtformation frei. Und wie es der Zufall so will, befindet sich zwei Gebäude weiter der Sitz der Forschungseinrichtung für Geologische Untersuchungen (Česká geologická služba). Die Forscher dort haben es sich nehmen lassen, nur wenige Meter neben Gontscharenkos Gedenkort eine Tafel anzubringen, die über die Geologie hier zu informieren. Was man hier sieht ist nämlich die Felsformation, aus der Burgberg und Letná-Höhe (deshalb Letná Profil/Letenský Profil) bestehen. Sie hört auf den Namen Sandbium und ist etwa 458,4 bis 453 Millionen Jahre alt. Es ist schön, dass sich neuere Tafeln nicht mehr Krieg und Tod befassen müssen, sondern mit nüchterner Wissenschaft. (DD)

Ein Grab, das lächeln lässt

Jemand, der die Menschen zum Lachen brachte, verdient auch einen Grabstein, der lächeln macht. So wie Jiří Červený, der große Gründervater des tschechischen literarischen Kabaretts, der heute vor 60 Jahren, am 6. Mai 1962 starb. Und wer die Menschen zum Lachen bringt, hat sich obendrein auch noch seine Ruhestätte auf dem großen Nationalfriedhof auf dem Vyšehrad mehr als verdient (über den wir hier berichteten).

Jiří Červený, der Sohn des berühmten böhmischen Musikinstrumentenbauers Václav František Červený und Vater der noch berühmteren Opernsängerin Soňa Červená, gründete 1909 die Kabarettgruppe Červená sedma, zu Deutsch: Die Rote Sieben (das war nicht politisch gemeint, vielmehr ist Červený das tschechische Wort für rot). Die trat zunächt eher nebenberuflich organisiert auf, aber 1916 erlaubte der Erfolg eine Professionalisierung. Full-time trat man zunächst einmal im Rokoko-Theater am Wenzelsplatz als Stammhaus auf. 1918 verlegte man den Aufführungsort in das kleine Theater im Hotel Central (Bild oberhalb links) in der Hybernska (Neustadt), wo auch schon Kulturgrößen wie Franz Kafka und Karl Kraus aufgetreten waren.

Der Erfolg war so gigantisch, dass man 1919 sogar eine Filiale in Brünn aufmachte, die irgendwann wegen des übermäßigen Andrangs geschlossen werden musste. In Prag zog man 1921 in eine Bar des Gemeindehauses (Obecní dům; Bild rechts) – eine Location, die sich als eher ungünstig erwies, weil es dem Betreiber mehr darum ging, dass die Leute aßen und tranken, als dass sie dem Kabarett zuhörten. Auch ebbte das Publikumsinteresse allmählich ab. Im Frühjahr 1922 trat man zum letzten Mal auf.

Was blieb, war das Erbe von Jiří Červený und seinen Červená sedma. Die waren die Pioniere des tschechischen Kabaretts. Bühnenhumor sollte nicht mehr nur derb, sondern auch künstlerisch und intellektuell anspruchsvoll sein. Szenische Aufführungen wechselten mit Liedern oder Opernparodien ab. Das Zeitgeschehen wurde in cleveren Kommentaren einbezogen. Červený komponierte dabei viele Lieder und einige davon wurden zu Hits (hier Červenýs Komposition Písnička z mládí in der Fassung von Oldřich Kovář) im Lande. Nach dem Ende der Roten Sieben widmete sich Červený mehr dem Film, und zwar hauptsächlich als Filmkomponist und Schauspieler, etwa in Kinoerfolgen wie Hříchy lásky (Die Sünde der Liebe) von 1929, Černý plamen (Schwarze Flamme) von 1930 oder Srdce v celofánu (Herz in Zellophan) von 1939.

Seit 1930 engagierte er sich auch für eine Autoren- und Komponistenorganisation, die die Urheberrechte von Kunstschaffenden gewahrt sehen wollte. Dann erfolgte eine Zwangspause als die Nazis im Land einmarschierten, unter denen er sogar eine zeitlang inhaftiert war. Nach dem Krieg knüpfte er nur gelegentlich an seine Kabarettistenkarriere an. Die Zeit des Kommunismus war dafür bekanntlich kein sonderlich fruchtbarer Boden. Hauptsächlich arbeitet er für die staatliche Vereinigung zum Schutz des Urheberrechts (Ochranný svaz autorský).

Das oben abgebildete Grab, das man ihm dann 1962 setzte, wurde mit einer Karikatur versehen, die der Schauspieler, Kabarettist, Sänger und Maler Emil Artur Longen in den 1920er Jahren angefertigt hatte, als er zusammen mit Jiří Červený bei den Červená sedma mitwirkte. (DD)

Komplizierte Geschichte einer Verbrüderung

Prominent vor dem Prager Hauptbahnhof auf dem Vrchlický Garten steht diese Skulptur zweier sich inniglich umarmender und küssender Männer, in die heutige Betrachter anscheinend gerne eine homoerotische Note hineininterpretieren. Aber darum geht es bei dem Denkmal der Verbrüderung (Sbratření) definitiv nicht.

Denn schon die Tatsache, dass beide Männer offenkundig schwer bewaffnet sind und einer sogar eine Militäruniform trägt, zeigt, dass hier primär doch einem besonderen historischen Ereignis gedacht wird: dem Prager Aufstand (siehe auch hier), der heute vor 77 Jahren am 5. Mai 1945 begann. Während die Rote Armee schon auf Prag hin marschierte, begannen an diesem Tag vor allem auf Geheiß der bürgerlich-demokratischen Kräfte der Tschechoslowakei die Prager Bürger mit einem Aufstand gegen die Nazibesetzer. Ein Ziel des Aufstands war auch, den Lohn für den Sieg über Hitlers Armeen nicht alleine den Armeen Stalins zu überlassen. Tatsächlich kapitulierten die Deutschen am 8. Mai (heute ein Nationalfeiertag) vor General Karel Kutlvašr, dem Anführer des Aufstandes. Erst am 9. Mai zog die Rote Armee (nach verlustreichen Kämpfen) in Prag ein. Unter den Kommunisten wurde dieser Tag zum Nationalfeiertag des Siegs und man versuchte in den 1950er und 60er Jahren, das Andenken an den Aufstand zu verschweigen und zu unterdrücken.

Erst in den 1970er änderten die Kommunisten ihre Taktik. Von jetzt an vereinahmten (Beispiel hier) sie die Aufständischen für sich und interpretierten den Aufstand als ein freundschaftliches oder brüderliches Zusammenspiel von Prager Bürgern und Roter Armee. Aber wie passt das Denkmal vor dem Bahnhof in diesen geschichtlichen Ablauf? Der Künstler, der damals sehr bekannte Bildhauer Karel Pokorný, hatte den Auftrag für dieses Denkmal von 1947 bekommen – bevor die Kommunisten an die Macht kamen. Auftraggeber war ein Bürger der ostböhmischen Stadt Česká Třebová (früher auch: Böhmisch Trübau), wo auch das weit weniger bekannte Original der in Prag stehenden Skulptur steht, die – wie kaum jemand weiß – eine Kopie ist. Er war gerade von der Roten Armee aus einem deutschen Konzentrationslager befreit worden und hatte gesehen, wie Aufständische und Rote Armee die Nazis besiegten. Der Skulptur lag eine Photographie zugrunde, die der Photograph Karel Ludwig im Mai 1945 in Prag gemacht hatte, die einen aufständischen Arbeiter festhielt, der gerade vor Freude einen der einmarschierenden Offiziere der Roten Armee umarmte – im Sinne des Auftragsgebers eigentlich ein geeignetes Motiv, dass Pokorný dann künstlerlich verfremdet umsetzte.

Die Gestaltung des Denkmals vollendete Pokorný 1950 und im Jahr darauf wurde es aufgestellt. Da waren die Kommunisten schon längst an der Macht. Das Denkmal übernahm daher auch bereits Teile der sowjetischen Ikonographie, zum Beispiel, dass in Prag einmarschierende Soldaten immer einen Blumenstrauß als Friedenszeichen mit sich trugen. Auch sonst ließ sich Pokorný auf den sozialistischen Realismus ein, zu dessen Bannerträger er nun wurde. Man muss ihm aber zu Gute halten, dass er zuvor in der kurzen Zeit der demokratischen Regierung von 1946 bis 1948 deren Gedenkkultur für die demokratisches Seite des Prager Aufstandes wegweisend geprägt hatte – mit seinem Motiv der Schwurhand und dem Spruch „Věrni zůstaneme“ (Wir bleiben treu), worüber bereits hier berichtet wurde. Auch gehörte der Realismus in einer bürgerlichen Ausprägung als Zivilismus bereits in der (definitiv nicht-kommunistischen) Ersten Republik zu den prägenden Kunstströmungen (früherer Beitrag hier). Und schon damals war Pokorný einer der führenden Vertreter dieses Stils gewesen. Und er war nicht der einzige Künstler, der diesen Weg ging. Seine künstlerische Entwicklung war in gewisser Weise bereits vorgezeichnet und daher weniger mit Brüchen versehen, als man denken könnte. Das macht das Denkmal der Verbrüderung zu einem durchaus geschichts- und gedenkpolitisch komplexen Fall. (DD)

Patriotische Schriftsteller und der Großvater des Präsidenten

Ende des 19. Jahrhunderts war es im tschechischen Bürgertum Böhmens en vogue, Hausfassaden mit patriotischen historischen Motiven zu dekorieren, die ein neues Selbstbewusstsein gegenüber dem österreichischen Habsburgertum zur Schau stellten. Selbst in diesem Kontext ist das vierstöckige Wohn- und Mietshaus in der Na Zderaze 1947/3 herausragend.

Es fängt schon mit der Wenzelskrone, dem wichtigsten Stück der böhmischen Kronjuwelen im Veitsdom, die gleich zweimal an den Erkern auf Höhe des ersten Stocks über einer Stuckkartusche prangt (großes Bild oben). So wie sie hier dargestellt wird, wurde sie vom Nationalheiligen Wenzel nie getragen. Vielmehr entstand sie in dieser Form als phantasiereiche Nachempfindung in der Zeit Karls IV. im 14. Jahrhundert. Ihre patriotische Symbolkraft schmälerte das nicht. In der Kartusche befinden sich die Wappen der drei Länder der böhmischen Krome – der zweischwänzige Löwe Böhmens (wir berichteten hier), der rot-weiß karierte mährische und der mit Silbermond versehene schlesische Adler. Über den Fenstern neben den Erkern befinden sich nochmals Nachbildungen der gesamten Kronjuwelen (Krone, Schwert und Szepter auf einem Kissen umrahmt von einem Lorbeerkranz; Bild oberhalb links).

Und als ob es nicht genug wäre, finden sich ebenfalls auf Höhe des ersten Stocks die Büsten zweier Schriftsteller, die so direkt nichts miteinander zu tun haben, aber beide für tschechisch-nationalistische Ideen standen. Karel Havlíček Borovský (Bild rechts; wir berichteten u.a. hier) ist von beiden in Tschechien zweifellos der bekanntere. Der von den habsburgischen Behörden mehrfach ins Exil verbannte Schriftsteller war Teilnehmer der Revolution von 1848 in Prag. Er profilierte sich als Begründer des modernen Journalismus in Böhmen, eckte mit satirischen Schriften bei der Obrigkeit an und galt bis zu seinem frühen Tode 1856 als der Wortführer des radikalen demokratischen Nationalismus der Tschechen.

Der Dichter Josef Václav Sládek gehörte der folgenden Generation an, die keine Revolution mehr betrieb, aber einem tschechischen Kulturnationalismus frönte, der den Tschechen einen besseren Platz innerhalb des Gefüges des Habsburgerreichs sichern sollte. Sládek hatte sich 1868 bis 1870 einige Zeit als Lehrer und Eisenbahn- und Landarbeiter in Amerika verdingt und schrieb nach seiner Rückkehr einige Stücke und zahlreiche Gedichte, die meist das ländliche Tschechentum verherrlichten, aber ab und an auch eine direkte politische und sozialkritische Botschaft vermittelten, wie etwa die 1892 erschienenen, sehr populären České písně (Tschechische Lieder). Im Gegensatz zu dem ständig verfolgten Karel Havlíček Borovský konnte Sádek jedoch dabei ganz friedlich seinem Beruf als Englischlehrer ander Handelsschule nachgehen.

Das neobarocke Haus, an dem sich beide Büsten befinden, wurde übrigens 1897 nach Plänen des Architekten Václav Vítězslav Chytrý auf Geheiß des recht vielseitigen Bauunternehmers, Industriellen, Okkultisten (der unter em Pseudonym Atom spiritistische Bücher verfasste) und Kulturmäzens Vácslav Havel gebaut. Der Nachname kommt einem ja irgendwie recht bekannt vor, oder? Und richtig: Es handelt sich tatsächlich um den Großvater des späteren Schriftstellers, Dissidenten und Präsidenten Václav Havel! An dem Zderaz genannten Ortsteil der Prager Neustadt, wo sich das Gebäude befindet, war dereinst das Gelände einer kleinen Burg aus der Zeit König Wenzels IV. im 14. Jahrhundert, deren letzte Reste 1892 bei der Erneuerung des Stadtteils entgültig verschwanden, nachdem sie schon Anfang des 17. Jahrhunderts nur noch als eine Ruine beschrieben worden war.

Auf Höhe des Erdgeschosses befindet sich neben dem Eingang eine bronzene, mit dem tschechoslowakischen Staatswappen geschmückte Gedenkplakette. Sie gedenkt des Publizisten und Journalisten Václav Vích, der zusammen mit seiner Frau Josefa aktiv am Widerstand gegen die Nazis teilnahm und, genau wie sie, einige Monate nach seiner Verhaftung im September 1942 in Berlin-Plötzensee in den sogenannten Blutnächten hingerichtet wurde. Das Schicksal der beiden wurde von später Zdeňka Víchová in dem Buch Za světlem svobody (Zum Licht der Freiheit) verewigt. (DD)

Der spät Geehrte

Bohuslav Martinů gehört zweifellos neben Leoš Janáček zu den ganz großen tschechischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Darüber war die die ganze Welt schnell einig. In seinem Heimatland war er jedoch in den Zeiten des Kommunismus lang mit einem Bannfluch belegt. Denkmäler und Gedenktafeln zu seinen Ehren gibt es deswegen hierzulande erst seit dem Ende der Tyrannei 1989 – so auch diese Gedenkbüste in der Na Kampě 512/11 auf der Kleinseite nahe der Karlsbrücke.

In diesem Haus wohnte Martinů nach 1906, als er aus Mähren kommend am Prager Konservatorium sein Studium begann. „In diesem Haus lebte während seiner Studienzeit der tschechische Komponist Bohuslav Martinů 1890-1959“, besagt die Inschrift unter der Büste. Das Studiium engte ihn arg ein, wie er fand, und er schaffte das Diplom am Ende nur knapp. Aber sein Talent war groß; bald spielte er die zweite Violine bei der Tschechischen Philharmonie (Česká filharmonie). Bei großen Lehrern bildete er sich aus, etwa bei Josef Suk oder ab 1923 in Paris bei Albert Roussel. Als 1939 die Nazis in seine Heimat einmarschierten, blieb er in Frankreich. Als die Deutschen hier auch einfielen, floh er im letzten Moment in die USA. Dort lehrte er bis 1953 Komposition, unter anderem an der renommierten Princeton University. Obwohl 1955 in die prestigereiche American Academy of Arts and Letters gewählt, zog es ihn nach Europa zurück, zunächst nach Nizza und Rom, dann – ab 1956 – endgültig in die Schweiz, wo er schließlich, hoch geehrt seinen Lebensabend verbrachte.

In die inzwischen kommunistisch regierte Tschechoslowakei konnte er nicht zurück, obwohl er mit dem Gedanken gespielt hatte. Denn dort galt der Anhänger der Ersten Republik und der westlichen Demokratie als politisch „unzuverlässig“. Insbesondere der Bildungs- und Kulturminister Zdeněk Nejedlý machte aus seiner Abneigung keinen Hehl, weil er die Musik Martinůs nicht verstand und sie ihm nicht genügend „proletarisch“ war. Der Minister ließ sich bisweil nicht nur von ideologischem Eifer, sondern auch von persönlichen Abneigungen leiten ließ. Es heißt, er habe ein Denkmal für den eiegntlich völlig unumstrittenen Antonin Dvořák nur deshalb nicht in Prag genehmigt, weil dessen Tochter vor urlanger Zeit seinen Heiratsantrag abgelehnt hatte (wir berichteten hier). Wie dem auch sei, Martinů war offiziell als bourgeoiser Formalist verpönt und wurde weder aufgeführt noch irgendwo positiv rezensiert. Und wer als Kulturschaffender Nejedlýs Missfallen erregte, konnte schnell im Gefängnis landen, wie etwa der spektakuläre Fall des anerkannten Musikwissenschaftlers Josef Hutter zeigte, der als schon von den Nazis verfolgt worden war, und 1950 Opfer eines stalinistischen Schauprozesses wurde.

Und so kam es, dass einer der ganz großen Komponisten der Tschechen seine größten Werke meist im Ausland schrieb. Darunter finden sich zahlreiche Symphonien (hier die sechste) oder die heitere Sinfonietta Giocosa von 1940, die er angeblich während einer Straßenbahnfahrt komponiert hatte. Das Orchesterwerk Memorial to Lidice von 1943 ist eines seiner politischen Stücke zum Gedenken an die Ermordung der Menschen des Dorfes Lidice ein Jahr zuvor durch die Nazis aus Rache für das Attentat auf Reinhard Heydrich. Nennenswert sind auch seine zahlreichen Balette, wie etwa Špalíček (1932/33). Auch insgesamt 16 Opern gehören dazu, insbesondere die spektakuläre und dramatische Oper The Greek Passion (1961). Seine Werke wiesen ihn (ähnlich wie Igor Strawinski) als einen Meister des musikalischen Neoklassizismus aus, der die Emotionalität des vorher allesbeherrschenden Romantizismus überwand, und formalere und tonalere Kompositionen, die auf die Wiener Klassik zurückgriffen, bevorzugte.

Nach dem Ende des Kommunismus 1989 beeilte man sich, die Ehrung nachzuholen. Schon 1990 entstand ein Denkmal für ihn in seiner Geburtsstadt Polička. Im mährischen Brno folgte ein Denkmal für Martinů im Jahr 2007. Wiederum in Polička wurde 2009 ein eigenes Museum und Forschungszentrum (Centrum Bohuslava Martinů) gewidmet, das sein Andenken pflegt. Und das sind nur einige Beispiele für Ehrungen des Komponisten.

In Prag wurde nicht nur an der Manes-Brücke (Mánesův most) eine Plakette in den Boden eingelassen, sondern im Jahre 1998 auch eben jene Büste mit Plakette an dem Haus angebracht, in dem er seine Studienzeit hier verbracht hatte. Es handelt sich übrigens um ein ursprünglich barockes Gebäude mit dem Namen Haus zur Gelben Rose (U zlaté růže), das 1835 durch den Architekten Karel Pollak im neoklassizistischen Stil umgebaut wurde – was eigentlich recht gut zu Martinů neoklassischer Musik und auch zu dem formstrengen Sockel und der (recht konventionellen) Gestaltung der Büste passt.

Ach ja, ehe man es übersieht. Unter der Büste mit der großen Plakette für Martinů befindet sich eine kleinere Plakette aus Bronze. Sie erinnert daran, dass in dem Haus von 1930 bis zu seinem Tode 1976 der bekannte Filmschauspieler Eduard Kohout wohnte, und der durch Filme wie Kouzelný dům (Magisches Haus, 1939), Jan Hus (1954) oder Spalovač mrtvol (Der Kremator, 1969) sich eine lange und erfolgreiche Karriere im Lande sicherte. Der Text lautet übersetzt: „In diesem Haus lebte, schuf und starb von 1930 – 1976 der tschechische Nationalkünstler Eduard Kohout, ein tschechischer Schauspieler.“ (DD)

Havel im Stil von Havel

Heute vor 10 Jahren starb Václav Havel. Der Schriftsteller, Dramaturg, Bürgerrechtler, Dissident und der erste frei gewählte Präsident nach dem Ende der kommunistischen Tyrannei nimmt immer noch einen besonderen Platz im Herzen der Tschechen ein.

Unzählige kleine und große Gedenkorte erinnern an ihn und es gibt sogar spezielle Touren für Touristen. Ein solcher Ort ist sein Geburtshaus, ein fünfstöckiges Jugendstilwohnhaus direkt am Rašín-Ufer (genauer: Rašínovo nábřeží 2000/78) in der Neustadt – mit Blick auf Moldau und Burg, wie es dem Spross einer bekannten großbürgerlichen Familie entsprach.

Hier lebte er von seiner Geburt im Jahre 1936 bis zum Jahr 1971 als er in den Stadtteil Dejvice auf der anderen Seite des Flusses zog. Zwischen 1986 und 1993 lebte er dann zusammen mit seiner ersten Frau Olga wieder im diesem Hause – ständig observiert von der Staatssicherheit, die sich im nebenan gelegenen barocken Šítkov Wasserturm (Šítkovská vodárenská věž) eingenistet hatte (unser Bericht hier). Die Agenten beobachteten 24 Stunden um die Uhr, wer denn so alles im Hause Havels einkehrte, der als Begründer der gegen das kommunistische Regime gerichteten Bewegung Charta 77 zu den bekanntesten Dissidenten im Lande gehörte. Erst 1993 zog er in den Präsidententrakt der Burg ein. Das hätte er womöglich schon 1989 tun können, aber er war halt kein Mann der Paläste und Staatskarossen (darüber berichteten wir hier).

Die kleine Gedenkktafel, die man am 18. Dezember 2019 in Gegenwart von Havels Bruder Ivan, anderen Verwandten und Prager politischer Prominenz einegweiht wurde, kann man glatt übersehen. Sie entspricht aber der bescheidenen und unprätenziösen Art Havels, der den heroischen Pomp anderer Gedenktafeln kaum zu schätzen wußte. Eigentlich ist neben dem Eingang des Gebäudes nur eine kleine Akrylplatte zu sehen, in die ein Papier eingegossen ist mit dem Text: „zde jsem taky žil“ – auf Deutsch: Hier habe ich auch gelebt!

Gestaltet hat das Ganze der Architekt und Designer Petr Hájek. Der Schriftzug ist in dem Schrifttyp von Havels Schreibmachine nachempfunden, mit der er seine ersten Stücke, etwa Das Gartenfest (Zahradni slavnost, 1963), geschrieben hatte. Überhaupt soll hier wohl mehr an den Schriftsteller erinnert werden, der über dem Dissidenten und Politiker oft vergessen wird. Wer meint, dass diese Tafel doch ein wenig absurd wirke mit ihrem seltsamen Text, hat recht. Havel, das sollten wir nicht vergessen, war vor allem ein Meister des absurden Theaters, das ihm am besten geeignet schien, die Absurdität des kommunistischen Regimes bloßzustellen. Man gedenkt hier also Havel im Stile von Havel. Havel hätte es gefallen. (DD)