Rotarmist mit Blumenstrauß

Im Mai 1945 schüttelte Prag das Nazi-Joch ab. Seit dem 5. Mai tobte der Prager Aufstand, an dem sich tschechische Bürger beteiligten, von denen viele nicht unbedingt von der braunen Nazityrannei in die rote Sowjetdiktatur überwechseln wollten. Und seit dem 6. Mai kämpfte sich die Rote Armee verlustreich den Weg in die Stadt. Die Wehrmacht kapitulierte am 8. Mai vor den heimischen Aufständischen. Einen Tag später marschierte die Rote Armee in der Innenstadtein. Heute ist verständlicherweise der 8. Mai der Feiertag, mit dem man hierzulande das Kriegsende begeht. In den Zeiten des Kommunismus war es der 9. Mai und die Kommunisten setzten alle Mittel ein, um die Menschen davon zu überzeugen, dass erst die Rote Armee die wahre Befreiung brachte.

Viele Prager wären wohl lieber von den Amerikaner befreit worden, wie etwa der Westteil Böhmens um Pilsen. Wie dem auch sei: Zu den Mitteln, mit denen man Sympathien für Stalins Truppen gewinnen wollte, gehörte auch die künstlerische Gestaltung der Denkmalskultur. Die hatte den Vorgaben des Sozialistischen Realismus zu folgen und sollten die „wahre“ Gesinnung stärken. Viele Kriegsdenkmäler stellen daher die Rotarmisten ausgesprochen unmartialisch, ja geradezu pazifistisch als Bringer von Freundschaft und Solidarität dar.

Kernstück der Ikonographie war dabei der Blumenstrauß, die die Rotarmisten in der Hand tragen (frühere Beispiele hier und hier). Das erinnert irgendwie an Reden vor großen kommunistischen Parteitagen, wo nicht nur die Zuhörer dem Redner, sondern der Redner den Zuhörern applaudierte. Man sieht eigentlich nie, dass begeisterte Tschechen oder Tschechinnen den „Befreiern“ Blumen reichen, sondern nur umgekehrt.

Ein Beispiel dafür steht vor dem Friedhof des nördlichen Stadtteils Vinoř (Prag 9).Vor dem Haupteingang des Friedhofs (Vinořský hřbitov) an der Prachovická steht der einsame Rotarmist, etwas überlebensgroß, auf dem Sockel. Er hält den obligatorischen Blumenstrauß in der Hand und kein Gewehr. Auch scheint niemand da zu sein, der den Strauß entgegen nimmt. Die schlichte Skulptur, die geradezu archetypisch den damals ideologisch gewollten Stil repräsentiert, wurde 1949 aufgestellt und ist das Werk der Bildhauerin Taťána Konstantinová, die in Prag etliche systemkonforme Werke hinterlassen hat.

Vor dem Denkmal steht eine kleine Tafel mit den Namen fünf sowjetischer Soldaten, die hier entweder am letzten Kriegstag fielen oder einige Zeit später ihren Verletzungen erlagen. Kriegsopfer waren sie allemal. Deshalb mag man zu Recht über den Agitprop-Kitsch mit den Blumen schmunzeln, aber abreißen wollte man das Denkmal dann doch nicht. (DD)

Der General des Aufstandes

Zum heutigen Jahrestag: Am 8. Mai 1945 – vor 76 Jahren – kapitulierte die deutsche Wehrmacht in Prag. Sie kapitulierte nicht vor der bereits einmarschierenden Roten Armee, sondern vor den Bürgern, die drei Tage zuvor den großangelegten Prager Aufstand (siehe auch hier, hier und hier) gegen die Nazityrannei gestartet hatten. Es war ihr nicht gelungen, den tapferen Widerstand der Tschechen zu brechen.

Das lag nicht zuletzt an dem militärischen Geschick des Befehlshabers der Auständischen, General Karel Kutlvašr, dessen Denkmal in Prag wir hier vorstellen. Wie für die meisten Aufständischen war es für ihn nicht nur eine Frage des nationalen Stolzes, die Nazis militärisch zu besiegen, sondern auch ein (letztlich vergeblicher) Versuch die Tschechoslowakei in der Nachkriegszeit irgendwie aus dem Bann der kommunistischen Sowjetunion zu ziehen und wieder zu einem demokratischen Staat werden zu lassen.

Kutlvašr hatte im Ersten Weltkrieg bis 1920 tapfer in der Tschechoslowakischen Legion in Russland (frühere Beiträge u.a. hier, hier und hier) gekämpft und es dort zum Regiments-Kommandanten gebracht. Er half der jungen Tschechoslowakischen Republik beim Aufbau ihres Militärs und wurde 1928 Brigadegeneral. Wäre es nach ihm gegangen, hätte die Republik 1939 gegen den Einmarsch der Nazitruppen militärisch vorgegangen, eine Idee, die die Regierung aber als aussichtslos verwarf. Konsequent schloss sich Kutlvašr daraufhin der Widerstandsgruppe Obrana národa (Verteidigung der Nation) an. Nur knapp entging er immer wieder der Verhaftung. Als sich das Ende des Krieges näherte, wurde er durch das vom Dachverband der bürgerlichen Widerstandsgruppen, dem Tschechischen Nationalrat (Česká národní rada), einberufene Nationalkomittee zum militärischen Befehlhaber des geplanten Aufstandes im Mai ernannt.

Für seine Tapferkeit und sein Geschick bei der Führung des Aufstandes bekam er keinen Dank. Als die Kommunisten 1948 die Macht ergriffen, waren sie zunächst daran interessiert das Erbe des als „bürgerlich“ eingestuften Aufstandes zu verdrängen oder zu verunglimpfen. In einem Schauprozess wurde Kutlvašr mit fabrizierten Beweisen wegen Hochverrats und Umsturzplänen zu lebenslanger Haft verurteilt. 1960 wurde er zwar vorzeitig freigelassen, war aber durch die Haftbedingungen so sehr gesundheitlich angeschlagen, dass er im Jahr darauf starb.

Während des Prager Frühlings von 1968 wurde er zwar postum vom Vorwurf des Hochverrats freigesprochen, aber nicht völlig rehabilitiert. Das geschah erst nach der Samtenen Revolution von 1989, die den kommunistischen Spuk beendete. Deshalb wurde sein Prager Denkmal – eine Plakette mit Büste – erst im Jahre 2000 eingeweiht. Es befindet sich am Rathaus (Táborská 500/30) des Stadtteils Nusle (Prag 4) mit Blick auf den náměstí Generála Kutlvašra (General Kutlvašr Platz), der schon1997 so benannt wurde. Unter den Kommunisten hieß er noch Platz der Pariser Kommune (náměstí Pařížské komuny). Während des Prager Aufstands fanden hier blutige Kämpfe statt. Gestaltet wurde das Denkmal von dem Bildhauer František Bartoš. Unter der Büste, die ihn in Uniform zeigt, steht ein Text, der Kutlvašrs Werdegang nun endlich gebührend würdigt. (DD)

Gedenken unter der Brücke

Als am 5. Mai 1945 – heute vor 76 Jahren – der Prager Aufstand (siehe auch hier und hier) ausbrach, um die Nazis endgültig aus der Stadt zu vertreiben, spielte die damals noch Troja-Brücke (Trojský most) genannte Brücke eine strategisch wichtige Rolle im Geschehen. Deshalb wurde sie schon 1947 in Brücke der Barrikaden (Most Barikádníků) umbenannt und damit zu einem Gedenkort für die hier gefallenen Aufständischen.

Unter ihrem alten Namen war die Brücke in den Jahren 1924 bis 1928 von den Architekten František Mencl und Josef Chochol im kubistischen Stil erbaut worden. Der damals immer reger werdende Autoverkehr fuhr dabei noch über einen Fahrweg mit Holzbelag, was zwar damals nicht unüblich war, aber sich als recht laut und lärmig erwies – und auch nicht als ganz verkehrssicher (Rutschgefahr bei Nässe!). Ansonsten war lange Zeit das tragischste Ereignis, das man mit der Brücke verband, der Selbstmord des bekannten Architekten Bedřich Feuerstein (dem Erbauer des berühmten Krematoriums in Nymburk), der sich hier im Mai 1936 hinunterstürzte. Eifrige Retter konnten ihn zwar nach kurzer Zeit aus den Moldaufluten fischen, aber er verstarb dennoch im Krankenhaus, ohne je das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

Aber das wirklich blutigste Kapitel der Geschichte wurde hier eben während des Prager Aufstandes geschrieben. Die Brücke wurde damals von den deutschen SS-Truppen unter dem Oberkommando von Obersturmbannführer Otto Weidinger (ein Nazi-Überzeugungstäter, der auch später noch in allerlei Büchern die Untaten der SS verherrlichen sollte) als strategisches Einfallstor für den gegenüberliegenden Stadtteil Holešovice verbissen verteidigt. Als die deutschen Truppen am 8. Mai kapitulierten, wurde hier von ihnen noch am Tag darauf ein Durchbruchversuch unternommen. Die Verteidigung durch die Aufständischen, die hier Barrikaden errichteten, forderte von ihnen 41 Todesopfer ein. Nach dem Misslingen ihres Angriffs und in Erwartung eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs der zur Hilfe eilenden Roten Armee, ergaben sich die deutschen Truppen, nachdem ihnen freies Geleit zugesichert worden war. Der Versuch, sich zu den amerikanischen Truppen, die am 6. Mai schon Pilsen befreit hatten, durchzuschlagen und so der Gefangennahme durch die Rote Armee zu entrinnen, scheiterte aber.

Zwar wurde die Brücke unter der ersten (noch) demokratischen Regierung 1947 zum Gedenken in Brücke der Barrikaden umbenannt, aber das blieb zunächst nur eine Episode. Schon im Jahr darauf ergriffen die Kommunisten die Macht. Sie verschwiegen in ihrer Geschichtspropaganda für lange Zeit die Aufständischen, die ihnen zu „bürgerlich“ waren und für Freiheit und Demokratie kämpften, sondern gedachten nur der „Befreiung“ durch die Rote Armee. Immerhin dreht man hier noch 1949 einen Spielfilm mit dem Titel Němá barikadá (Stumme Barrikade), der den tapferen Aufstand und die Geschehnisse an der Brücke zum Gegenstand hatte. Aber dann verschwand das Thema unter den Kommunisten. Das änderte sich erst in den 1970er Jahren. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 begannen die Kommunisten, die Aufständischen für sich zu reklamieren. Das war – angesichts der Tatsache, dass sie viele von ihnen nach ihrer Machtergreifung als Antikommunisten in Gefängnis warfen – faktisch absurd. Aber es schien ihnen so etwas wie eine Aura nationaler Identität zu sichern.

Kurz: In den 1970er und 1980er Jahren wurden unter kommunistischer Ägide unzählige recht stattliche Denkmäler zu Ehren des Aufstandes errichtet. In dieser Zeit war die alte Brücke baufällig geworden und zudem war sie schon längst zu klein und schmal für das wachsende Verkehrsaufkommen. Um das schlimmste zu verhindern, baute man einen provisorischen Steg für Fußgänger neben die Brücke, aber das war eine bloße Notlösung. Die alte Brücke musste durch eine neue Brücke ersetzt werden. Die wurde nun von den Architekten Jiří Trnka und Petr Dobrovský in den Jahren 1972 bis 1980 in einem einfachen funktionalistisch-brutalistischen Stil (wie er damals üblich war) erbaut. Sie war breit und groß genug und große Auffahrten sorgten für den guten Verkehrsabfluss – bis heute. Vor allem am Nordufer haben sich dafür viele von Beton überwölbte Stellen gebildet, die heute etwas verkommen sind und scheinbar vielen Obdachlosen Asyl gewähren.

Es ist also möglicherweise nicht der schönste und gepflegteste Ort Prags, den man nun unter der Brücke historisch bedingt als Platz für ein neues Denkmal für die an der (alten, möglicherweise schöneren) Brücke gefallenen Opfer der Kämpfe auswählte. Dafür hat man sich bei den Ausmaßen nicht lumpen lassen. Was im Jahre 1983 der Bildhauer Jan Hendrych (hauptverantwortlich) in Zusammenarbeit mit Petr Neumann (Architekt des Sockels), nebst seinen Kollegen Otakar Příhoda und Marcela Kačerová hier aufbaute, dürfte zu den größten Denkmälern für die Opfer des Aufstandes in ganz Prag gehören. Es handelt ich um einen größer angelegten Platz mit zwei breiten Treppen. In die zweite Treppe ist ein großer, aus Stein- und Betonplatten zusammengesetzter Quader eingelassen. Auf der Vorderseite befindet sich eine große Steinplatte, auf der der Kämpfe im Mai 1945 gedacht wird, und die die Namen aller dort gefallenen Aufständischen auflistet. Das Ganze ist sehr schlicht und würdig gestaltet – ohne falschen Pathos uns auch ohne vereinnahmende kommunistische Symbolik.

Trotzdem fand man anlässlich des 60. Jahrestages des Beginns des Aufstandes, am 5. Mai 2005, er für notwendig, ein Stück post- oder nichtkommunistischer Erinnerungskultur in Ergänzung zu der alten Gedenkstätte anzubringen. Auf den grauen steinernen Platten, die sich vor dem Hauptkorpus des alten Denkmals befinden, wurde in einer Zeremonie eine kleine Tafel angebracht, die an den Jahrestag und die Opfer des Krieges im allgemeinen und der des Aufstandes im speziellen erinnert. Über der Inschrift befindet sich das Stadtwappen des Stadtteils Holešovice (Prag 7), der am gegenüber liegenden Ufer des Flusses liegt, aus dem aber die meisten gefallenen Aufständischen stammten. (DD)

Drachentöter vor der Präsidentenresidenz

Heute ist der 23. April und somit der Gedenktag für den Heiligen Georg. Das ist der, der Drachen tötet, um Jungfrauen zu retten, die selbigen geopfert werden sollen. Außerdem hat er so etwas wie einen Status als böhmischer Nationalheiliger, aber von niedrigeren Rang als es etwa bei den Heiligen Wenzel oder Nepomuk der Fall ist. Schließlich wurde das Land Böhmen in grauer Vorzeit von einem Georgsberg aus besiedelt, wenn man alten Sagen glauben darf.

Wie dem auch sei: Der Heilige Georg schmückt den dritten Hof der Prager Burg, und zwar direkt vor der Residenz des Präsidenten der Republik! Dort steht auf hohem Sockel die Reiterstatue des Heiligen. Das, man da sieht, ist allerdings eine Kopie aus den 1970er Jahren. Denn das Original aus dem Mittelalter hatte soviele Drangsale durchmacht, dass man es besser in Sicherheit brachte. Dieses Original lässt sich auf das Jahr 1373 zurückverfolgen, als die Statue von den Brüdern Georg und Martin von Klausenburg gegossen wurden (der Ort liegt heute in Rumänien). Es handelt sich um eine Georgsdarstellung, die alle klassischen Attribute erfüllt, Reiter in Rüstung auf einem Pferd, mit einer Lanze einen sich auf dem Boden windenden Drachen erstechend (kleines Bild links).

Die künstlerische Besonderheit ist die Klippenlandschaft, über die das Pferd galoppiert – schroffe Felsen mit viel Gewürm und wuchernden Pflanzen. Das hinterlässt einen pittoresken Eindruck. Wo die Statue ursprünglich stand, weiß man nicht genau. Erst im 15. Jahrhundert wird erstmals der Platz des Heiligen Georg (náměstí U Svatého Jiří) vor der ebenfalls in der Burg gelegenen Basilika des Heiligen Georgs (Bazilika sv. Jiří) als Standort erwähnt, über die wir bereits hier berichteten. Das war ganz nahe am Alten Königspalast (früherer Beitrag hier), vor dem oft Turniere abgehalten wurden. Dabei flogen wohl so die Fetzen, dass es damals wohl zu ersten leichten Beschädigungen kam. Es folgte das Große Feuer von 1541 auf der Kleinseite, dass eine Hand des Heiligen so beschädigte, dass sie erneuert werden musste. 1562 gab es wieder ein Turnier und Zuschauer kletterten auf die Skulptur. Der Kopf des Pferdes brach ab und musste neu angeschweißt werden. Im 18. Jahrhundert schützte man sie ein wenig, indem man sie auf einen Brunnen stellte, den der Tessiner Architekt Francesco Caratti entworfen hatte. Das war mit dem Umzug in den dritten Hof verbunden.

Dieser Teil des Burgareals wurde mit der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei 1918 gründlich umgestaltet und modernisiert, um ihm ein eher republikanisches und präsidentielles Gepränge zu verleihen. Schließlich wurde hier der neue Präsidentenpalast eingerichtet. Die Planung unterstand dabei dem Leib- und Magen-Architekten des ersten Staatspräsidenten der Tschechoslowakei, Tomáš Garrigue Masaryk, dem aus Slowenien stammenden Architekten Josip Plečnik. Der gestaltete 1928 auch die Georgsstatue um, indem er sie auf eine hohe Granitsäule mit Bronzeeinfassungen stellte, die wiederum in einem flachen rechteckigen Brunnen steht. Dadurch sieht das Ganze definitiv recht modern aus.

Wer das alte, geschundene und vielfach beschädigte (und wieder reparierte) Original sehen möchte, der muss allerdings nicht lange laufen. Es steht heute in der Ausstellung Die Geschichte der Prager Burg, die seit 2004 ihren dauerhaften Platz unter dem Königspalast hat. Und die wachsamen Museumwärter schauen permanent darauf, das dem wertvollen Stück auch bloß nichts zustößt. (DD)

Pferd mit Eimer

Der schöne Klamovka Park im Stadtteil Košíře (Prag 5), der im 18. Jahrhundert von der Adelsfamilie Clam-Gallas angelegt wurde, war Gegenstand des letzten Beitrags dieses Blogs.

Dort steht auch das Denkmal von Cassel. Ein ganz besonderes Denkmal! Bei Cassel handelt es sich nicht um einen Kriegshelden oder unsterblichen Dichter oder wer sonst so auf Denkmalssockeln steht. Nein, es handelt sich einfach um ein Pferd. Nicht um ein Pferd mit Reiterhelden, sondern nur um ein Pferd als solches. Und zwar um ein Pferd, das ein selbst für Pferde doch recht ungewöhnliches Denkmal gesetzt bekam.

Cassel gehörte einem prominenten Mitglied einer großen Adelsfamilie, nämlich Eduard Graf Clam-Gallas. Der veranlasste die Aufstellung des Denkmals um das Jahr 1838. Der Künstler lässt sich heute nicht mehr feststellen. Graf Eduard war vor allem als Militär bekannt. Er kommandierte ab 1850 das I. Böhmische Armeekorps, das er 1859 in den für die Habsburger Seite verlorenen Sardinischen Krieg (der die österreichische Herrschaft über viele italienische Länder beendete) führte. Er nahm dabei auch führend an den für die österreichische Seite verlorenen Schlachten von Magenta und Solferino teil, von den die letztere so blutig war, dass sie zur Gründung des Roten Kreuzes Anlass gab.

Sein Pferd Cassel dürfte daran aber schon nicht mehr teilgenommen haben. Das galt wohl auch für den nächsten großen Krieg, an dem der Graf leitend teilnahm. Im Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 nahm er – inzwischen General der Kavallerie – an der Schlacht von Jičín (damals Gitschin) teil. Die ging für Österreich so verloren, dass der gute General darob sogar vor dem Kriegsgericht landete. Er wurde freigesprochen – ob aufgrund seines hohen Adelstitels oder tatsächlicher Unschuld, scheint irgendwie ungeklärt und eine Frage von bloßer Meinung zu sein. Auf jeden Fall zog er sich danach ins Privatleben zurück – möglicherweise, um sich der Pferdeliebhaberei zu widmen.

Zurück zu Cassel: Wenn das Denkmal tatsächlich um 1838 entstand, war der Graf zu diesem Zeitpunkt noch ein junger Major. Zudem erbte er zu dieser Zeit das Anwesen bei Prag. Der Graf dürfte im Leben viele Pferde besessen haben, von denen etliche gefährlichen Situationen ausgesetzt waren. Dieses Pferd, über das wir sonst wenig wissen, war wohl eher eine Jugendliebe. Entsprechend putzig ließ er es darstellen. Nicht in Heldenpose und voller Größe, sondern als Kopf, der aus dem Sockel schaut. Auf der Säule steht ein Eimer – im Kontext von Denkmälern ein eher ungewöhnliches Accessoire. Es ist die Sorte von Holzeimer, die der Graf in diesem Fall (Lieblingspferd!) vielleicht sogar persönlich ab und an nutzte, um sein Pferd zu tränken. (DD)

Ältester Park

Franz Kafka liebte ihn und suchte hier ab und an seine Inspiration, heißt es. Die Rede ist vom Chotek Park (Chotkovy sady), dem ersten öffentlichen Park in ganz Prag, der zugleich grandiose Aussichten auf Stadt und Burg bietet.

Seine Lage hoch über der Stadt, ganze nahe beim Burgberg und direkt unter dem vielleicht schönsten Renaissancepalast Prags, dem berühmten Lustschlösschen der Königin Anna (Letohrádek královny Anny), macht es dem Besucher leicht zu verstehen, wieso dies ein Ort der Inspiration sein kann. Und dann kommt noch der schöne alte Baumbestand hinzu! Dass der so alt ist, liegt eben daran, dass der Chotek Park eben schon so lange hier existiert.

Im Jahre 1832 wurde er noch als „Volksgarten“ angelegt und eröffnet, aber schon im Jahr 1841 nach dem Mann umbenannt, der seinen Aufbau veranlasst hatte: Graf Karl Chotek von Chotkow, der als königlicher Oberstburggraf zwar eigentlich für die Festungsanlagen der Stadt zuständig war, aber darüber hinaus als großer Förderer und Mäzen der Prager Infrastruktur auftrat. Den Park ließ er von dem Gartenarchitekten Josef Fuchs entwerfen, dessen Pläne dann vom Landschaftsgärtner Jiří Baul umgesetzt wurden.

Der Park wurde als englischer Garten (also ein Landschaftsgarten, der nicht dem barocken Modell des formalen Gartens folgt) konzipiert und sollte zugleich als eine Art botanischer Park fungieren. Heute gibt es hier 55 verschiedene Baumarten! Der Gartenarchitekt František Thomayer fügte um 1887 bis 1890 im Zentrum des Parks eine neoromantische Felsenlandschaft mit kleinem künstliche Wasserlauf, die besonders malerisch aussieht. Ihren optischen Abschluss erreichte sie aber 1913 durch die Errichtung des Denkmals für den Schriftsteller Julius Zeyer seit 1913, über das wir bereits hier berichteten, und das das Aussehen eines großen Felsens mit Höhle hat.

Und wenn man gerade beim Thema Skulpturen ist: Am Rande des zentralen Rasens steht die Stahlkonstruktion Nike 89. Nike war die griechische Göttin des Sieges und hier geht es natürlich um den Sieg der Demokratie über den Kommunismus, wie sie 1989 geschaft. Die Skulptur ist ein Werk des Bildhauers und Malers Pavel Krbálek, der nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 in die Schweiz floh. Aus Freude über die neugewonnene Freiheit stellte er das Original der Nike 89 im Open Air Museum im japanischen Hakone aus, wo sie sogar einen Wettbwerb für abstrakte Statuen gewann. 2002 enthüllte er eine Replik in seiner neuen Heimat Luzern und 2003 diese hier im Chotek Park, wo sie die Tschechen daran erinnert, was sie 1989 an Großartigem gewonnen haben – ihre Freiheit!

Zu erwähnen ist noch die hübsche kleine Brücke, die über die nahe Autostraße zum nächsten Park führt, dem Letná Park (Letenské sady) . Sie wurde 1998 gebaut anstelle einer früheren Brücke aus den 1960er Jahren. Wichtiger ist jedoch die schöne Aussicht, die man am südöstlichen Rand des Parks genießen kann, der über einem steilen Abhang angelegt wurde. Schaut man geradeaus hinunter sieht man die Kleinseite und die Altstadt mit dem Flusslauf der Moldau dazwischen – samt den schönen Brücken der Stadt. Dreht man den Kopf dann etwas rechts, sieht (großes Bild oben) man die Burg auf gleicher Höher in all ihrer Pracht. (DD)

Kein Gallier, sondern tschechische Harmonie

Auf den ersten Blick könnte man an einen Gallier aus Asterix mit seinem Helm und seinen Zöpfen denken. Irgendwie scheint sich die künstlerische Phantasie darüber, wie die vorzeitlichen Vorfahren aussahen, in Europa überall zu ähneln. Das hier soll jedenfalls ein alter Tscheche bzw. Slawe sein.

Die bronzene Skulptur hört auf den Namen Souzvuk (Harmonie) und ist das Werk von Ladislav Šaloun, dem man das Denkmal für Hus auf dem Altstädter Ring verdankt und zahlreiche andere Werke im Stil des Symbolismus (siehe u.a. früheren Beitrag hier) Der Künstler schuf das Werk im Jahre 1927. Aufgestellt wurde es allerdings erst hier auf der Slawischen Insel (Slovanský ostrov) beim Sophienpalast (Palác Žofín) im Jahre 1946. In der kleinen grünen Parkanlage steht ein archaisch aussehender und muskulöser Urtscheche, der ein ebenso archaisches dudelsackähnliches Musikinstrument verzückt (es geht ja schließlich um Harmonie) in seinen Armen hält.

Zwar steht auf dem Sockel ausschließlich die Aufschrift „Souzvuk“, aber die Statue wird trotzdem manchmal auch Česká píseň (Tschechisches Lied) genannt, was an ein gleichnamiges Chorwerk von Bedřich Smetana aus dem Jahr 1878 erinnert. Smetana war 1863-65 Chorleiter des Gesangsvereins Hlahol (siehe gestriger Beitrag), dessen großes Vereinshaus man hinter dem Rücken des Urtschechen am anderen Moldauufer bewundern kann. Und wie es der Zufall will, wurde Smetana bekanntestes Werk, die Moldau (Vltava) 1875 nur wenige Meter entfernt im Sophienpalast uraufgeführt. Irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass der alte Tscheche auch eine Hommage an Smetana darstellen soll. (DD)

Panzer hin, Panzer her, mal rosa, mal nicht…

Da ragt doch tatsächlich ein Teil eines Panzers aus der Erde! Wir befinden uns am westlichen Teil des Kinský Platzes (Náměstí Kinských) im Stadtteil Smíchov (Prag 5), wo Kunst und Panzer schon öfters eine Symbiose eingegangen waren.

Dieses Stück Panzer hat David Černý, der zu anarchischen Provokationen neigende Bildhauer (wir berichteten schon unter anderem hierhier, hier und hier) im schönen Rasen des Platzes versenkt, so dass nur noch ein Stück hinausschaut. Das tat er mit Billigung der Smíchover Stadtregierung, denn es gab einen aktuellen Anlass. Der Tag, an dem der Künstler sein Werk hier installierte, war der 21. August 2018. Es war der 50. Jahrestag der Niederschlagung des Prager Frühlings, bei dem Panzer der Sowjetunion und ihrer Verbündeten in die Stadt rollten, um die politische Liberalisierung, die sich das Regime in der Tschechoslowakei erlaubt hatte, zu unterdrücken. Dies und die Tatsache, dass Russland wieder eine expansive Politik – etwa die Annexion der Krim 2014 – betrieb, war für Černý der gegebene Anlass, dass Panzerkunstwerk hier aufzustellen bzw. einzugraben.

Nicht immer waren die Stadtoberen mit David Černýs Panzerkunst so einverstanden. Am Ostteil des Platzes stand nämlich zur Zeit des Kommunismus ein pompöses Denkmal für die Rote Armee, die 1945 die Stadt „befreit“ hatte, was aber realiter die stalinistische Diktatur im Lande einläuten sollte. Im April 1991, zwei Jahre nach dem Ende des Kommunismus und rechtzeitig zum Abzug der letzten Sowjettruppen stand das Denkmal, auf dem sich ein großer Sowjetpanzer befand, immer noch da. David Černý – noch immer über die Tyrannei der Kommunisten empört – malte darob in einer Nachtaktion den Panzer rosa an. Die Prager Behörden reagierten unpassend und humorlos und ließen den Panzer wieder in seinen Originalzustand zurückversetzen. Es gab Strafandrohungen, am Ende sogar mit einer kurzfristigen Verhaftung des Künstlers. Schließlich nutzte eine Gruppe von 15 Parlamentariern ihre Immunität und malte am hellen Tage aus Solidarität mit dem Künstler den Panzer wieder rosa an. Er wechselte noch etliche Male die Farbe. Das Parlament strich schließlich am Ende den Status des Denkmals als nationales (schützenswertes) Monument. Ende Mai wurde der Panzer – in rosa! – ins  Militär Museum Lešany, rund 20 Kilometer südlich von Prag umversetzt.

Zu diesem Zeitpunkt war er bereits für alle Humorvollen und Freiheitsliebenden zum Kultgegenstand geworden und Černý wurde eine Art Robin Hood im Künstlergewand. Ab und an wurde der rosa Panzer aus dem Museum geholt, um auf Tour zu gehen. 2011 durfte er auf einem Ponton (um den Asphalt zu schützen) zum 20. Jahrestag des Abzugs der Sowjettruppen über den Wenzelsplatz kurven. 2019 wurde er sogar in Stockholms Straßen vorgestellt. Selbst frühere Skeptiker waren nun mit Černý versöhnt.

Im August 2008 befand sich eines Morgens wieder ein Stück rosa Panzer auf dem Kinský Platz. So wie heute und am selben Ort ragte der Vorderteil (es wurde wohl kein ganzer Panzer eingegraben) aus dem Boden heraus. In rosa, aber kein Panzer der Sorte, die 1945 hier einfuhr, sondern einer mit dem charakteristischen weißen Streifen, der ihn als Panzer der Invasionstruppen von 1968 auszeichnete (man beging ja auch gerade den 40. Gedenktag). Nach Protesten des russischen Botschafters und des im Verdacht von starken Sympathien für die Politik von Putins Russland stehenden Ministerpräsidenten Miloš Zeman, wurde der Panzertorso anfang 2009 unter Protesten des Künstlers und Teilen der Bevölkerung wieder entfernt.

Pünktlich zum 50. Jahrestag der Invasion stellte Černý 2018 den Torso wieder auf, diesmal im originalen grün. Die bürgerliche Stadtregierung schien sich nun aber mit mehr Offenheit dem Ganzen zu nähern. Wegen des Jahrestages wurde für die Monate August und September eine Sondergenehmigung erteilt. Erstmals befand sich ein Panzerkunstwerk des Künstlers legal auf dem Kinský Platz. Am Ende gab sich der Stadtteilbürgermeister Pavel Richter einen Ruck und verlängerte die Genehmigung bis auf weiteres. Nun kann man zu jeder Tag- und Nachtzeit mit Černý der kommunistischen Tyrannei und ihrem Ende gedenken Auf seine Weise. (DD)

Schule unter Denkmalschutz – leerstehend…

Jan Amos Komenský, den meisten Nicht-Tschechen als Johann Amos Comenius bekannt, war der große Vordenker der Pädagogik, dessen moderne Konzepte bis heute als bahnbrechend gelten (wir berichteten u.a. hier). Kein Wunder, dass der Theologe aus dem 17. Jahrhundert gerne als eine Art Schutzpatron von Bildungseinrichtungen verewigt wurde. Und so sieht man hier Comenius in Stuck auf der Fassade der Neuen Strašnicer Schule (Nová strašnická škola), wie er einem lesenden Schüler geistige Inspiration zukommen lässt.

Das im Stadtteil Strašnice an der Hauptstraße V Olšinách 200/69 gelegene Schulgebäude gehört zu den schönsten in Prag überhaupt. Die Freude über den Anblick wäre ungetrübter, wenn die Schule nicht öde und verlassen wäre und elendig vor sich hin verfallen würde. Dabei hatte alles gut begonnen, als sie im Jahre 1909 von dem Bauunternehmer Antonín Belada nach den Plänen des lokalen Architekten Josef Domek, dem Strašnice unter anderem auch die schöne Villa Miramare verdankt, erbaut wurde. Das Gebäude, das in einem historisierenden Jugendstil dekoriert ist, fungierte zunächst als Grundschule von Strašnice, das damals noch eine selbständige Stadt war und erst 1922 von Prag eingemeindet wurde.

Das auf dem großen Bild oben gezeigte Relief von Comenius ist nicht das einzige, das man jeweils unterhalb der Dachkante des Gebäudes findet. Ein anderes zeigt ebenfalls Comenius, und zwar seinen Tod. Als Protestant war er nach dem Sieg der katholischen Seite im Dreissigjährigen Krieg ins Exil geflohen, um dort seine pädagogischen Ideen zu verbreiten. Als sich 1670 der Tod nahte, bat er, am Ufer sitzend, das Meer beobachten zu dürfen, um so sein Leben friedvoll zu beenden. Das Bild ging tief in die tschechische Nationalmythologie ein.. Und so sieht man ihn auf dem rechts abgebildeten Relief mit segnender Gebärde zusammen mit einem trauernden Begleiter an der Nordsee sitzen.

Aber in Sachen Bildung dreht sich in Böhmen ja historisch gesehen nicht alles nur um Comenius. An der seitlichen Fassade findet man einen anderen Bildungshelden des Landes: Kaiser Karl IV. Der hat ja bekanntlich 1348 die erste Universität im Lande, die nach ihm benannte Karlsuniversität, gegründet, worüber wir u.a. hier berichteten. Das links abgebildete Relief zeigt ihn in der Mitte des Bildes neben einem Studenten beim Gründungsakt mit Urkunde. Es begleitet ihn dabei der erste Erzbischof Prags, Ernst von Pardubitz (rechts im Bild). Der umtriebige Erzbischof, der auch als Gründer des  Veitsdoms (auch hier) in die Geschichte einging, wurde als Vertrauter des Kaisers auch zugleich der erste Kanzler der Universität.

Beim vierten der Reliefs, das sich ebenfalls an der Seitenfassade befindet, zeigt kein Kapitel der Bildungsgeschichte, sondern ein Sück Nationalmythologie, dass damals im Jahre 1909 fester Bestandteil des tschechischen Bildungskanons war. Wir dehen drei Gestalten aus der vorgeschichtlichen Legendenwelt. Man sieht Fürstin  Libuše, die Stammmutter des Herrschergeschlechts der Přemysliden, das Böhmen zu historischer Größe verhalf. Man sieht sie hier in der Mitte ihrer Schwestern, der Heilerin Kazi und der Priesterin Teta.) siehe u.a. unseren Beitrag hier) bei einer ihrer berühmten Weissagung auf der alten Burg des Vyšehrad, das Prag dereinst eine große und bedeutende Stadt werde – da lag sie richtig. Hellseherei ist eben nicht immer Aberglaube…

Über Jahre fungierte das Gebäude als Grundschule von Strašnice. Den Zweck des Gebäudes zelebrierte man schon über dem Haupteingang mit der Inschrift Našim dětem (Unseren Kindern) – über einer pastoralen Szene platziert.

Zu Ende des Zweiten Weltkriegs rückte das Gebäude kurz in den Mittelpunkt der Stadtgeschichte. Während des Prager Aufstandes gegen die Nazibesetzer im Mai 1945 (siehe auch hier, hier und hier), waren hier kurz Truppen der Aufständischen untergebracht. Dessen gedenkt man mit einer (für tschechische Verhältnisse recht unauffälligen) Gedenktafel neben dem Eingang.

Anderer Helden gedachte man auch dem Schulgelände mit größerem Aufwand. Auf der Grünfläche davor steht seit 1921 ein großes Denkmal für die Tschechoslowakischen Legionäre im Ersten Weltkrieg. Bei den Legionen (wir berichteten u.a. hier und hier), die der zentrale Nationalmythos der Ersten Republik waren, handelte es sich um Kampftruppen von Tschechen, die nicht auf Seiten des Habsburgerreichs (dessen Bürger sie ja waren), die auf Seiten der gegnerischen Entente (Russland, Italien und Frankreich) in autonomen Einheiten kämpften, um ihr Land (d.h. Böhmen und später auch die slowakischen Gebiete Ungarns) in die Unabhängigkeit zu führen. Das stattliche Denkmal wurde von dem Bildhauer Josef Jílek gestaltet. Es zeigt eine etwa lebensgroße, muskulöse Männergestalt auf einem Sockel, die einen Kranz über einen Helm legt. Als Modell für den Soldaten hatte Jílek sein Bildhauer-Kollege František Duchač-Vyskočil gestanden, der selbst in Italien bei der Legion gedient hatte. Das Denkmal aus Kunststein war über die Jahre ein wenig verfallen und wurde 2020 wieder sorgfältig restauriert.

2009 endete jeglicher Schulbetrieb. In einem etwas undurchsichtigen Verfahren schloss die Stadtregierung von Prag 10 die Schule, um das Gebäude angeblich für sinnvollere Projekte zu nutzen, aus denen aber nie etwas wurde. Dazu gehörte irgendwann, dass es Sitz eines neuen Rathauses werden sollte. Stattdessen wählte man aber die teurere Lösung, ein Neues Rathaus zu bauen. Alles scheint dubios zu sein. Auf jeden Fall steht die Schule seither leer. Eine Bürgerinitiative hatt sich gegründet, um die Stadt zu einer sinnvollen Nutzung des überaus schönen Gebäudes zu drängen. Ab und an wird es für Kulturveranstaltungen genutzt. Ende 2016 wurden hier zum Beispiel Szenen der amerikanischen Serie Genius über Albert Einstein (einen anderen Drehort der Serie stellten wir hier vor) gedreht.

Die ungewöhnlich langen und vielen Jahre des Leerstands beginnen sich langsam in katastrophaler Weise bemerkbar zu machen. Als „Warnschuss“ an die Stadtregierung hat die Denkmalschutzbehörde das Gebäude 2014 zu erhaltenswerten Denkmal erklärt. Bewirkt hat das noch wenig. Besonders beim Anblick der langsam überwucherten Rück- und Schulhofseite (die insgesamt weniger schön gestaltet wurde als die Vorderseite) könnte man ins Heulen geraten. Das muss nicht sein, was da geschieht. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die Verantwortlichen bald einmal einen Ruck geben, und das Gebäude fesch renoviert einer sinnvollen Nutzung zuführen. (DD)

Ukrainischer Nationaldichter, auch in Prag beliebt

Am südlichen Rand des Kinský Platzes (Náměstí Kinských) im Stadtteil Smíchov (Prag 5) steht sein Denkmal: Taras Hryhorowytsch Schewtschenko. Der wird in der Ukraine als der große Nationaldichter schlechthin gefeiert.

Ein Denkmal hat er sich schon deshalb verdient, weil seine künstlerische Entfaltung als Maler und Literat unter den schweren Bedingungen der russischen Zarenherrschaft stattfinden musste. Er wurde 1814 noch in Leibeigenschaft geboren und konnte nur deshalb die Künste erlernen, weil sein Herr und Gebieter zufällig sein Talent erkannte (nachdem er ihn erst wegen seiner heimlich betriebenen Malerei auspeitschen ließ) und irgendwann die Idee gut fand, einen echten Künstler als Leibeigenen zu besitzen. Immerhin durfte Schewtschenko ab 1831 in St. Petersburg recht frei bei den dort lebenden Künstlern lernen, die schließlich eine Kunstauktion veranstalteten, um ihn zu einem maßlos hohen Preis freizukaufen, was nur mit Hilfe einer Spende der Zarenfamilie im Jahre 1838 gelang. Ab 1840 wandte er sich neben der Malerei auch der Dichtung zu, u.a. mit dem Gedichtband Kobsar, der ihn berühmt machte. Es war das erste größere literarische Werk der neueren ukrainischen Sprache, die im Zarenreich nicht als Sprache, sondern als primitiver Dialekt galt, und deren Verbreitung man zu unterdrücken trachtete. Es folgten andere erfolgreiche Werke, etwa das Gedicht Hajdamaken von 1841 (das später Modest Mussorgsky vertont wurde).

1846 trat er der Kyrill-und-Method-Bruderschaft bei, einer liberalen Vereinigung von Intellektuellen, die sich um die Reifung eines ukrainischen Nationalbewusstsein bemühte und für die Abschaffung der Leibeigenschaft (mit friedlichen Mitteln) kämpfte – die er erst 1861, eine Woche vor seinem Tode, erleben durfte. 1847 wurde er deshalb verhaftet und verurteilt, lebenslang zwangsweise als einfacher Soldat in der Zarenarmee zu dienen. Zar Nikolaus I. fügte dem Urteil noch handschriftlich zu, dass ihm die Malerei und das Schreiben fortan verboten seien. Er hatte Glück im Unglück, denn einige Offiziere waren von ihm und seinem Talent so angetan, dass er als Begleitsoldat für Forschungsexpeditionen, etwa zum Aralsee, eingesetzt wurde und das Malverbot als „wissenschaftlicher Skizzenzeichner“ umgangen werden konnte, was zu einigen seiner schönsten Landschaftsdarstellungen führte.

Als Nikolaus I. 1857 starb, erreichten Freunde seine Freilassung. Er wollte sich in der Ukraine niederlassen und suchte wieder Kontakt zu regimekritischen Intellektuellen und polnischen Unabhängigkeitskämpfern. 1859 wurde er darob wieder verhaftet, aber schon kurz darauf Dank des Wohlwollens des Gouverneurs wieder entlassen. 1861 starb er in Sankt Petersburg und wurde dort unter Teilnahme vieler Schriftstellerkollegen, darunter Fjodor Dostojewski, beerdigt. Nur wenige Wochen später wurde das Grab geöffnet und der Sarg nach Kaniw, einer ukrainischen Stadt am Dnjepr überführt, wobei tausende von Ukrainern die Straße in Ehrfurcht säumten. Wie er es sich in seinem Gedicht Sapowit (Das Vermächtnis, 1845) gewünscht hatte, wurde er am Ufer des Flusses begraben.

Aber warum steht sein Denkmal ausgerechnet in Prag? Nun, in Prag wurden 1876 zum ersten Mal seine Werke unzensiert veröffentlicht, was im Zarenreich nicht möglich war. Deshalb war es auch ein ukrainischer Bildhauer, Valentyn Znoba, der das Werk für die Prager in dankbarer Erinnerung an die damalige Prager Toleranz schuf. Die Skulptur wurde in Anlehnung an ein frühes Selbstportrait Schewtschenkos aus dem Jahr 1840 entworfen und gestaltet.

Kein Geringerer als der damalige ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko weihte das Denkmal im März 2009 ein. Die Prager begleiteten dies mit viel Sympathie, denn Juschtschenko galt damals als ein Garant der Demokratie in der Ukraine und für die Unabhängigkeit des Landes. Ein Giftanschlag auf ihn im Jahre 2004, so vermutet man, ging auf das Moskauer Konto. Da war Solidarität der Tschechen gefragt. Zudem leben viele Ukrainer im Lande. Sie stellen 30% der hier lebenden Ausländer und sind somit die größte Gruppe unter ihnen. In Prag rechnet man mit einem satt zweistelligen Anteil an der Bevölkerung. Auch historisch fühlt man sich mit der Ukraine verbunden, gehörte doch die Karpatenukraine in der Zwischenkriegszeit zut Tschechoslowakischen Republik. Jedenfalls steht Schewtschenko hier am Kinský Platz nicht so unerwartet, wie man es zunächst annehmen müssen. Und die hiesigen Ukrainer lieben ihn sowieso und überhäufen das Denkmal mit Blumen und Schmuckbändern in den Landesfarben blau und gelb. (DD)