Kommunistische Symbolik im Überfluss

429 Soldaten der Roten Armee liegen hier begraben. Die Sowjets waren am 9. Mai 1945 – heute vor 75 Jahren – in Prag einmarschiert. Der 9. Mai war deshalb während der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei der offizielle Tag der Befreiung. Dabei hatten die deutschen Militärs schon am Tag zuvor vor den Anführern des Prager Aufstands kapituliert, der am 5. Mai begonnen hatte, und den die Bürger der Stadt mit Todesmut unternommen hatten, um sich Unabhängigkeit und Demokratie zu erkämpfen (früherer Beitrag hier).

Deshalb ist heute auch der 8. Mai, der Tag des Sieges, offizieller Feiertag in der Tschechischen Republik. Dennoch bleibt unbestritten, dass die Rote Armee im Vorfeld des Kriegsende vor Prag schwere Verluste im Kampf gegen SS und Wehrmacht hinnehmen musste. Und deshalb wurde schon bald nach dem Krieg ein Teil des großen Olšany Friedhofs (auch hier) zu einem Ehrenfriedhof (vojenské pohřebiště) der gefallenen Rotarmisten umgewandelt. Man betritt ihn am leichtesten über den Eingang in der U Nákladového nádraží 1949/2 (Prag 3).

Das Areal ist völlig im Sinne stalinistischer Ästhetik gestaltet. In Reih und Glied stehen die Gräber der Soldaten. Alle sind bauidentisch als Obelisken gestaltet, auf denen in kyrillisch der jeweilige Name des gefallenen Soldaten steht über dem wiederum ein standardisiertes Ornament mit Siegesflaggen, Kalaschnikows und Rotem Stern angebracht ist (Bild rechts).

Zentral in der Mitte steht ein Denkmal (großes Bild oben), bestehend aus einem großen Steinsockel mit Sowjetstern, Hammer und Sichel, eingerahmt von zwei bronzenen Rotarmisten, die heldhaft ihre Kalaschnikow bzw. ein Gewehr mit Bajonett in den Händen tragen. Unweit davon ist ein riesiger Roter Stern in den Boden eingelassen.

Auch drumherum fehlt es nicht an kommunistischer Symbolik und Erinnerungskultur. Ringsum finden sich zusätzliche Denkmäler, so unter anderem (Bild rechts) eines für die tschechischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg mit der Habsburger Armee brachen, um 1917-22 auf Seiten der Bolschewiki im Russischen Bürgerkrieg zu kämpfen. Mit der Herausstellung dieser relativ kleinen militärischen Einheit wollte man ein ideologisches Gegengewicht zu der in der Tschechoslowakei verbreiteten Heldenverehrung aufbauen, die der sogenannten Tschechischen Legion (frühere Beiträge hier und hier) bis dato entgegengebracht wurde. Die Legionen hatten auf Seite der Entente, d.h. der Westmächte, für eine unabhängige und westlich-demokratische Tschechoslowakei und im Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki gekämpft. Für die Kommunisten waren die Legionen und ihr Mythos naturgemäß ein rotes Tuch. Deshalb dieses Denkmal (Bild oberhalb rechts). Allerdings schafften es die pro-bolschewistischen Tschechen von 1917ff nie wirklich, die Herzen der Tschechen so zu erobern wie es die Legionäre taten.

Daneben gibt es noch monumentale Denkmäler für Julius Fučík, einem populären kommunistischen Schriftsteller, der 1944 von den Nazis hingerichtet worden war und darob in den Heldenkult der Kommunisten einbezogen wurde, oder für Jan Šverma (Bild links), einem kommunistischen Politiker, der 1944 beim slowakischen Nationalaufstand sein Leben verlor und ebenfalls zur Märtyrergestalt wurde. Und es gibt noch etliche Beispiele mehr. Man schaut um sich und denkt man habe eine Zeitreise in die finstere Vergangenheit vor 1989 gemacht.

Kurzum: Soviel Sowjet- und Kommunismuskult kann in einem Land, das sich dereinst mit soviel Freude aus den Fängen dieser Ideologie und ihrer Schreckensherrschaft befreit hatte, nicht ganz unumstritten sein. Aber der Friedhof ist durch einen tschechisch-russischen Vertrag geschützt, der beide Länder verpflichtet, Soldatengräber mit den Toten der jeweiligen Länder zu sichern und in Stand zu halten. Angesichts der Tatsache, dass die hier beerdigten Rotarmisten als Opfer eines grauenvollen Krieges die Respektierung ihrer Totenruhe und den Respekt vor dem Leid, das sie einst erlitten hatten, verdient haben, ist das auch völlig recht und billig.

In diesem Sinne ist es traurig, dass ihr Schicksal bisweilen politisch missbraucht wird. 2014 musste die örtliche Friedhofsverwaltung ein neues Denkmal entfernen, das russische Veteranen des Krieges in Afghanistan auf dem Areal hatten aufstellen lassen. Darauf befand sich eine zweisprachige Plakette, die auf Tschechisch dem Gedenken von russischen Soldaten gewidmet war, die bei Friedensmissionen gefallen waren. Der Haken war nur, dass beim russischen Text nicht nur von Friedensmissionaren, sondern auch von „Internationalisten“ die Rede war, was bei der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 oft der Terminus war, mit dem die Sowjets die Invasion gerechtfertigt hatten. Es hagelte Proteste und die Plakette musste verschwinden.

Auch heute nutzen Teile der offiziösen oder nicht offiziösen russischen Community in Prag den Ehrenfriedhof, um politische Zeichen zu setzen. Zum Jahrestag des Kriegsendes ist das Denkmal mit Blumen und Kränzen in den russischen Nationalfarben (vereinzelt auch die der tschechischen Kommunisten) geradezu überschüttet – aber natürlich ist das dann nicht der 8., sondern der 9. Mai (die Photos entstanden 2019 einen Tag später). Das Verdienst der Befreiung will man wohl weiterhin für sich und die Rote Armee reklamieren. (DD)

Vereinnahmte Aufständische bei der Metro

Heute vor 75 Jahren, am 5. Mai 1945, begann in der Stadt der Prager Aufstand (Pražské povstání) gegen die deutschen Besetzer. Unter den Kommunisten war es Teil der offiziellen Geschichtsschreibung, Prag sei von der Roten Armee am 9. Mai befreit worden, aber tatsächlich erfolgte die Kapitulation nach heftigen Kämpfen schon einen Tag zuvor gegenüber Anführer der aufständigen Prager Bürger, General Karel Kutlvašr. Da den meisten Aufständischen der Stalinismus nicht die beste Alternative zu Hitlers Gewaltherrschaft zu sein schien, und es auch ein Ziel des Aufstands war, den Sowjets zuvorzukommen, unterdrückten die Kommunisten nach ihrer Machtübernahme 1948 zunächst das Andenken an die mutigen Freiheitskämpfer.

Das funktionierte nie so recht und der Aufstand behielt seinen Platz im Herzen der Prager. Deshalb versuchten es die Kommunisten in den 1970er Jahren mit einer anderen Taktik. Sie vereinnahmten den Aufstand für sich – sozusagen als Hilfsmaßnahme der Prager für die anrückenden Rotarmisten.

Es entstanden etliche Denkmäler (siehe z.B. früherer Beitrag hier), aber vor allem wurde einer der Bahnhöfe der neuen Metro nach dem Ereignis benannt – die Station Pražského povstání im Stadtteil Pankrác (Prag 4). Die liegt sicher nicht in der schönsten Ecke von Prag, aber immerhin. Hier in der Nähe hatten blutige Barrikadenkämpfe zwischen den Aufständischen und Teilen der SS-Division „Wallenstein“ stattgefunden. Die Station, die nach den Entwürfen des Architekten Vladimír Uhlíř gebaut wurde, wurde 1974 eröffnet, und zwar gemäß den ideologischen Vorgaben am 9. Mai, der nach offizieller Lesart der Tag der Befreiung und des Endes des Aufstands, aber realiter der Tag des Einmarsches der Roten Armee war.

Vor der Metro-Station wurde im Jahre 1977 ein relief-förmiges Denkmal angebracht, das dem Gedenken an den Aufstandes dient. Das Werk stammt von dem Bildhauer Stanislav Hanzík. Das Denkmal am Ausgang an der Děkanská Vinice I zeigt eine aus Steinquadern bestehende Barrikade – ganz im Stil der brutalistischen Variante des Sozialistischen Realismus, so wie er sich in den 1970er/1980er Jahren gerne in grauem Stahl und Beton präsentierte. Das passt sich harmonisch in die ebenfalls etwas brutalistische Architektur der Station und ihrer Umgebung (siehe kleines Bild oberhalb links). Über die Barrikade ist ein großes Tuch ausgebreitet, das an eine Fahne erinnert. Hierbei wurde auf jede Vereinnahmung durch kommunistische Symbolik verzichtet. Es könnte sich durchaus um die tschechoslowakische Fahne handeln.

Ebenfalls auf kommunistische Agitation verzichtet hat man bei den Inschriften für das Denkmal, die sich auf …. befinden. Dort werden auf einer Bronzetafel die folgenden Zeilen des Dichters František Halas zitiert: „Jen dedička května barikáda Praha strmět bude do bezčasí“ (in Deutsch etwa: Das Erbe der Mai-Barrikade von Prag wird zeitlos sein)

Man muss in diesem Zusammenhang wissen, dass Halas während der Nazi-Besetzung ein Mitglied des bürgerlichen Widerstandes war und nach der Machtübernahme der Kommunisten 1948 keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber dem Regime machte, indem er sich zum Beispiel weigerte, dem kommunistisch gesteuerten nationalen Schriftstellerverband beizutreten.

In den 1970er Jahren scheuten sich die Kommunisten also nicht, auch Teilnehmer des Aufstandes für sich zu einzuvernehmen, die sich das wahrscheinlich deutlich verbeten hätten, aber sich nicht mehr wehren konnten – wie etwa František Halas, der bereits 1949 gestorben war. Die positive Kehrseite des Ganzen war jedoch, dass man dieses Denkmal nach der Samtenen Revolution und dem Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft nicht entfernen brauchte wie andere politische Denkmäler der Zeit. Im Kern hat Hanzlik hier ein Mahnmal für die gefallenen Freiheitskämpfer des Mais 1945 geschaffen, das zeitlos bleiben sollte. (DD)

PS: Da das ganze Areal um die heutige Metrostation im Mai 1945 war heftig umkämpft. Deshalb gibt es neben dem Park gegenüber der Station noch ein kleines Denkmal aus den 1970er Jahren, und zwar am Gebäude des Hohen Gerichts am Heldenpark (náměstí Hrdinů) 1300/11 (siehe kleines Bild unten rechts).

Dort wird der Satz über die Zeitlosigkeit des Erbes der Mai-Barrikade des Aufstands fortgesetzt: „Za ní její mrtví a mrtví z koncentráků a mrtví z káznic rozestaví hlídky k střežení budoucnosti“ (dt.: Hinter ihr werden ihre Toten und die Toten der Konzentrationslager und die Toten der der Gefängnisse Wache halten, um die Zukunft zu schützen). (DD)

Der Franzose für die Republik

Die Niederlage des Habsburgerreichs im Ersten Weltkrieg machte die tschechoslowakische Unabhängigkeit 1918 erst möglich. Zu ihrem Gelingen trug auch bei, dass seitens der westlichen Entente-Mächte ein hohes Maß an Solidarität mit den Tschechen und Slowaken bestand. Im Falle Frankreichs war dies vor allem auch einem Mann zu verdanken: Ernest Denis. Seine Büste schaut auf uns von der Fassade des Hauses Malostranské náměstí 27/4 (Kleinseitner Ring) herab.

Denis war ein in Nimes geborener Historiker, der zunächst ab 1878 in Bordeaux, dann ab 1896 an der Sorbonne in Paris slawische Geschichte lehrte. Zwischen 1885 und 1898 unternahm er umfängliche Reisen in verschiedene slawische Länder, von denen damals viele entweder unter zaristischer oder habsburgischer Herrschaft standen. Als überzeugter Republikaner glaubte er, dass es geradezu das historisch vorgegebene Schicksal dieser Länder sein werde, dass sie dereinst sich frei und selbstbestimmt regieren würden.

Als der Weltkrieg begann, engagierte er sich als Akademiker politisch für die Freiheit der Tschechen in Böhmen. Er gründete schon 1916 das Comité national d’études, das Lobbying bei der französischen Regierung betrieb, sich für die Unabhängigkeit der Tschechen einzusetzen. Es folgte die Zeitschrift La Nation Tchèque, die dem gleichen Zweck diente. Vor allem aber knüpfte er Kontakte zwischen der eigenen Regierung und den wichtigsten tschechischen Exilpolitikern wie Tomáš Garrigue Masaryk oder Edvard Beneš.

Am Ende half er mit, dass Frankreich die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei ab Mitte 1918 zum Kriegesziel erhob. Und er sorgte dafür, dass Frankreich nach dem Krieg für den neuen Staat Aufbauhilfe leistete. Als er 1920 Prag besuchte, unter anderem, um dort das neue Französische Institut zu gründen, wurde er von den Massen wie ein Volksheld empfangen.

Denis starb 1921 und schon sieben Jahre später, zum 10. Jubiläum der Unabhängigkeit (28. Oktober 1928), wurde am Kleinseitner Ring die Gedenkbüste in Gegenwart von Masaryk, Beneš und einer riesigen Menschenansammlung eingeweiht. Geschaffen wurde die Büste von dem Bildhauer Karel Dvořák (früherer Beitrag hier). Im April 1941 demolierten die Nazis die Skulptur und entfernten sie. Ein französischer Republikaner, der für die tschechische Unabhängigkeit war – das stand im krassen Widerspruch zu ihrer totalitären, deutschnationalen Ideologie. 2003 wurde dann die heutige Büste – eine Nachempfindung des Dvořákschen Werkes – angebracht. Die Schöpfer des neuen Denkmals waren der Bildhauer Petr Roztočil und der Architekt Mikoláš Vavřín.

Das barocke Haus mit der klassizistisch aufgearbeiteten Fassade, an der die Gedenktafel mit der Büste angebracht ist, diente Denis 1872 bis 1874 als Wohnort während eines frühen Aufenthaltes in Böhmen. (DD)

Emanzipierte Schauspielerin

Das Denkmal von Otýlie Sklenářová-Malá ist schon etwas Besonderes. Denn Frauen spielten in der Denkmalskultur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts eher eine untergeordnete Rolle. Dass sich das langsam änderte, war auch das Verdienst von Frauenorganisationen, die eifrig für die Gleichberechtigung kämpften. Böhmen war hier innerhalb des Habsburgerreiches führend.

Es gab bereits früh Vereinigungen wie den Böhmischen Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český) von 1871 – ein Bildungsverein für junge Frauen aus armen Elternhäusern – und den 1865 gegründeten Americký klub dam (Klub amerikanischer Damen), der schon im Namen das Anliegen enthielt, den Stand an Gleichberechtigung zu erkämpfen, den Frauen im bereits weit liberaleren und fortgeschritteneren Amerika erreicht hatten.

Letzterer förderte auch besonders die Errichtung von Denkmälern, die die Verdienste von Frauen in der Geschichte und Kultur des Landes befördert hatten (siehe früheren Beitrag hier). Die Schauspielerin Otýlie Sklenářová-Malá hatte dies mit Sicherheit verdient. Schon als junge Frau hatte die Tochter eines Militärarztgehilfen 1862 erstmals in einer Laiengruppe in Wien auf der Bühne gestanden. Nach dem Umzug nach Prag wollte sie erst Opernsängerin werden, entschied sich aber dann doch für das Schauspiel. 1897 heiratete sie Josef Sklenář ,den Direktor des späteren Nationaltheaters, der sie förderte. Sie entwickelte einen neuen Schauspielstil, der den überzogenen Pathos früherer Bühnenpraxis ablegte, und streng realistisch war. Das war bis heute „trend-settend“. Sie beeinflusste Generationen tschechischer Schauspieler und Schauspielerinnen – vor allem, weil sie eine der ersten Schauspielrinnen war, die eine akademische Lehrtätigkeit ausübte. Von 1873 bis 1874 unterrichtete sie an der vom Komponisten Bedřich Smetana gegründeten Opernschule, von 1892 bis 1894 lehrte sie als Professorin an der Schauspielschule des Nationaltheaters und später am Prager Konservatorium.

Das mit Hilfe vonSpenden der „Amerikanischen Damen“ 1933 errichtete Denkmal wurde von dem damals wohl berühmtesten Bildhauer, dem Symbolisten Ladislav Šaloun (siehe u.a. früheren Beitrag hier) gestaltet. Es steht ganz prominent im kleinen, 1882 eingerichteten Čelakovský Park (Čelakovského sady) direkt neben dem großen Nationalmuseum (siehe auch hier) oberhalb des Wenzelsplatzes. Das ist kein Zufall. Sklenářová-Malá engagierte sich gerne für fortschrittliche und patriotische Anliegen, die für eine größere Selbständigkeit und Freiheit Böhmens standen. Das galt auch für den Bau des Nationalmuseums. 1873 hatte sie die vollständigen Einnahmen von 22 ihrer gefragten Gastspiele für das Projekt gespendet. (DD)

Schriftsteller und Lehrer

Vinohrady (Prag 2) war vor allem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts so etwas wie ein Literatenviertel. Jaroslav Hašek oder die Brüder Karel und Josef Čapek sind nur einige der großen Namen, die man mit diesem Stadtteil verbindet. Einer der heute weniger bekannten, aber damals sehr angesehenen Schriftsteller, der hier wohnte, war Karel Václav Rais.

An zwei Orten erinnert man sich bis heute seiner. In der Čermákova 1154/3 befindet sich das Haus, in dem er im Juli 1926 starb. Eine Plakette mit Büste, die von dem Maler und Bildhauer Antonín Bílek, dem Bruder des ungleich bekannteren Bildhauers František Bílek, über den wir bereits hier berichtet haben, im November 1928 geschaffen wurde, befindet sich auf Höhe des ersten Stocks. Das Haus selbst, in dem Rais seine letzten Jahre verbrachte, wurde 1901/02 von dem Architekten Antonín Polívka im Neo-Barockstil erbaut und wird Dům U Matky Boží (Haus der Gottesmutter) genannt.

Eine Marienstatue mit Jesuskind in einer mit einem Baldachin überdeckten Nische ist auf Höhe des 2. Stocks über der Büste von Rais angebracht. Sie hat dem Haus wohl den Namen eingebracht. Sie ist passend zum neobarocken Stil des Hauses gehalten. Der Bildhauer ist nicht bekannt.

Und noch ein Gebäude erinnert an Rais, nämlich eine Schule. Rais gehörte nämlich zur literarischen Schule des Realismus. Seine manchmal hoch dramatischen Romane und Geschichten, drehten sich oft um familiäre und und soziale Spannungen. Viele spielen im böhmischen Bergland. Gleichzeitig hatte er eine Ader für das Didaktische, das sich in einigen lehrreichen Jugendbüchern niederschlug.

Das verwundert nicht, denn Rais war auch Lehrer in Vinohrady. Von 1887 bis 1899 arbeitete er am Mädchen-Gymnasium an der Šumavská 920/37, das heute ein Kindergarten ist. Das Gebäude wurde 1896/97 von dem Architekten  Antonín Turek (siehe auch hier) im Stil der Neorenaissance erbaut. Die Plakette, die den Schriftsteller im Seitenprofil zeigt, wurde dort 1929 angebracht. Sie wurde vom Bildhauer Karel Pokorný gestaltet (siehe auch hier) und trägt den seinem realistischen Anliegen entsprechenden Wahlspruch Rais‘: Já vždycky s lidem – Ich bin immer mit den Menschen. (DD)

Das Heldenhaus des Akkordeonfabrikanten

Kühn und ungebeugt schaut er dem grausamen Schicksal entgegen, das seiner harret. Die lebensgroße Statue in der Ecknische am ersten Stock kündet davon: Hier lebte dereinst Václav Budovec z Budova (auf Deutsch Wenzel Wilhelm Freiherr Budowecz von Budowa genannt). Das Haus, auch als palác Budovců z Budova bekannt, steht in der Altstadt direkt hinter der Teynkirche in der Týnská 627/7.

An dieser Stelle stand zuvor ein gotisches Gebäude, erbaut in den Jahren der Herrschaft Karls IV. im 14. Jahrhundert. In dieser Form kaufte es im Jahre 1617 besagter Václav Budovec z Budova, ein Angehöriger des böhmischen Adels und erklärter Protestant, der sich für die Freiheit der Glaubensausübung einsetzte, die seit der Beendigung der Hussitenkriege durch die Kompaktate von 1433 geschützt war. Er hatte auch daran mitgewirkt, dass Kaiser Rudolf II. 1609 durch seinen Majestätsbrief die Glaubensfreiheit noch einmal bekräftigte, die dann auch unter dessen Nachfolger Matthias unangetastet blieb. Als 1617 der umstrittene Ferdinand II., der eine absolutistisch geprägte gewaltsame Rekatholisierung Böhmens einleitete, den Thron bestieg, gehörte er zu dessen radikalen Gegnern. Er war zwar nicht direkt am zweiten Prager Fenstersturz beteiligt, unterstützte aber den böhmischen Ständeaufstand (er war Autor einer der Apologien des Aufstands), wurde Mitglied des provisorisch regierenden Direktoriums des Aufstands und schlug sich auf Seite des Gegenkönigs Friedrich von der Pfalz (der sogenannte „Winterkönig“).

Das ging nicht gut und er ahnte das wohl auch. Seine Familie schickte er kurz vor der Schlacht  am Weißen Berg 1620 ins sichere Ausland. Die Schlacht ging für die Sache des freien Böhmens verloren und die siegreichen Habsbuger nahmen blutige Rache. Nicht viele Meter von seinem Haus entfernt kam es am 21. Juni 1621 zur blutigen Hinrichtung der 27 Anführer des Aufstands (siehe früheren Beitrag hier) und er war einer der drei Hochadligen, die da ihr Leben ließen. Dass eine solche öffentliche Hinrichtung einer solch hochrangigen Person möglich war, galt als Skandal. Es sicherte aber Budovec z Budova einen postumen Helden- und Märtyrerruhm unter den Tschechen, der bis heute anhält. Besonders die nationale Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert feierte ihn als Nationalheroen.

Seine Familie hatte nach der Hinrichtung Glück, denn die Sieger verzichteten ausnahmsweise darauf, das Haus an der Týnská zu konfiszieren. Und so konnte die Witwe darin noch eine Weile leben bis sie es 1628 an die Familie der Grafen von Nageroll verkaufte. Im 18. Jahrhundert bauten die das Haus um und so sieht man dort heute gar nicht wirklich das alte Haus, das Budovec z Budova bewohnt hatte, sondern ein zweistöckiges Barockhaus mit hübschen Dachgauben und einem Innenhof mit Galerie. Im Erdgeschoss hat man mittlerweile immerhin die Ummauerung eines Spitzbogens freigelegt, der noch an das originale gotische Haus erinnert.

1918 kaufte ein gewisser Antonín Hlaváček das Anwesen. Der war Inhaber der Firma Heligon, die hochwertige Akkordeons produzierte, die heute noch unter Kennern als Sammlerstücke gefragt sind. Auf eigene Kosten setzte sich der patriotisch gesonnene Unternehmer dafür ein, dass das Andenken an jenen heldenhaften Vorbesitzer, der 1621 den Henkerstod fand, lebendig blieb. Er heuerte 1927 den Bildhauer Antonín Bílek an, den Bruder des wesentlich berühmteren Bildhauers František Bílek, über den wir bereits hier berichteten.

Der schuf die symbolistische Statue des der Tyrannei trotzend in die Ferne schauenden Budovec z Budova, der auf einem Sockel (mit symbolträchtigen Kerkerketten) über dem Familienwappen steht, und auf sein Schicksal wartet . Darunter befindet sich die vom selben Künstler gestaltete rechteckige Plakette, die – neben dem protestantischen Symbol des Kelchs – die gefallenen Banner und Waffen des Helden auf dem Schlachtfeld zeigt und die Inschrift trägt: „Der Eigentümer dieses Hauses war Václav Budovec vom Herrenhaus in Mnichovo Hradiště, Klášterec und Zásadec. Er wurde 1547 geboren und war der zweite unter den 27 hingerichteten tschechischen Herren, die am 21. Juni 1621 für die Freiheit ihres Glaubens und für die Rechte des Landes auf dem Gerüst bluteten. Ant.Bílek 1927″( DD)

Freiheitskämpfer der Nation

Eine Büste mit einer Gedenkplakette erinnert daran, dass er hier in diesem Haus in der Francouzská 436/36/Ecke Masaryka im Jahre 1890 geboren wurde: Alois Eliáš – ein Kriegsheld der Tschechoslowakischen Legion im Ersten Weltkrieg, ein während der Nazibesetzung zur Kollaboration Gezwungener, der seine Position nutzte, heimlich den Widerstand zu unterstützen, und der einzige Regierungschef, den Hitler hinrichten ließ.

Nominell war die „Rest-Tschechei“, die Hitler 1939 unter Tolerierung der westlichen Alliierten besetzt hatte, kein erobertes Land, sondern ein eigener Staat mit eigener Regierung, der unter deutschem „Schutz“ stand, als Protektorat Böhmen und Mähren. In Wirklichkeit ließen die Nazis den demokratisch gesinnten Politikern, die die Regierungsämter bekleideten, kaum Spielräume. Es verlangte ihnen grausige Kompromisse ab, um vielleicht die Chance zu bekommen, Schlimmeres zu verhindern, aber das schien ihnen immer noch besser als das Land vollständig den Deutschen zu überlassen.

Alois Eliáš hatte im Ersten Weltkrieg in tschechischen Einheiten in der französischen Armee gekämpft, um seine böhmische Heimat von der Habsburgerherrschaft zu befreien. Er wurde danach einer der ersten Generäle in der neuen Tschechoslowakischen Republik. Es war also ein überzeugter tschechischer Patriot und Demokrat, der im April 1939 die entsetzliche Bürde auf sich nehmen musste, unter den Nazis Ministerpräsident zu werden. An echte Kollaboration dachte er dabei nie, eher an Wege, wie er das Amt nutzen konnte, um die Spielräume des Widerstands zu erweitern. Er und seine Regierung versuchten, Obstruktion zu betreiben, wo man konnte. Heimlich hielt er Kontakt zur Londoner Tschechoslowakischen Exilregierung  unter Präsident Beneš. Enge Verbindungen zur Widerstandsrganisation ÚVOD wurden geknüpft, was deren Effektivität stärkte. An einem Plan, nazi-treue Journalisten zu beseitigen, schien er ebenfalls beteiligt gewesen zu sein.

Die Gestapo kam der Sache jedoch schnell auf die Schliche und Eliáš wurde im September 1941 verhaftet, vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Vor einer Vollstreckung schreckten die Nazis jedoch zunächst zurück. Erst als am 4. Juni 1942 der stellvertretende Reichsprotekor  Reinhard Heydrich an den Folgen des Attentats gestorben war, ließen sie alle Hemmungen fallen. Summarische Massenhinrichtungen standen nun auf der Tagesordnung. Am 19. Juni wurde er auf dem berüchtigten Schießplatz von Kobylisy (früherer Beitrag hier) hingerichtet.

Als nach dem Krieg die Demokratie wieder hergestellt wurde, galt Eliáš zurecht als einer der großen Helden des Widerstandes, der unglaublichen Mut und das größtmögliche Opfer für seine Überzeugungen aufgebracht hatte. Deshalb wurde 1947 an seinem Geburtshaus im Stadtteil Vinohrady (Prag 2) die Plakette angebracht, die ihn als Freiheitskämpfer der Nation anpreist. Die Büste war ein Werk des Bildhauers Jan Kavan.

Ein Jahr später war es mit der Verehrung schon wieder vorbei, denn da hatten die Kommunisten bereits die nächste Runde des Totalitarismus eingeläutet. Die konnten mit einem bürgerlich-demokratischen Widerstandskämpfer wenig anfangen, zumal Eliáš mit der ÚVOD eine bewusst nicht-kommunistische Widerstandsgruppe unterstützt hatte. Die Büste blieb zwar, wo sie war, aber sonst verschwand das Andenken an ihn. Erst nach dem Ende der kommunistischen Schreckenszeit 1989 würdigte man ihn wieder angemessen. 1996 wurde er postum mit dem Orden des Weißen Löwen ausgezeichnet und 10 Jahre später wurde seine Urne auf dem Nationaldenkmal von Žižkov in allen Ehren mit einem Staatsbegräbnis beerdigt. (DD)