Talsperre, wo Kaiser Ferdinand einst die Fluten bändigte

Als der Steinmetz Zacharias de Bussi Campione im Jahre 1643 zu Ehren von Kaiser Ferdinand III. am Moldauufer die Ferdinandssäule (Ferdinandův sloup) errichtete, ahnte er nicht, dass die dereinst nicht nur malerisch an einem Felsen ihre Pracht entfalten, sondern auch einen atemberaubenden Kontrast zu einem technischen Großbauwerk bilden würde, das seine Vorstellungskraft mit Sicherheit gesprengt hätte. Die Rede ist von der Talsperre Slapy (Přehrada Slapy).

Die Staumauer befindet sich an der Grenze zwischen den Ortschaften Třebenice und Slapy gehört (daher der Name) in Mittelböhmen – rund 35 Kilometer vom Prager Zentrum entfernt. Prag bezieht von hier einen großen Teil seines Stroms. Die Talsperre wurde in den Jahren 1949 bis 1955 errichtet und 1956 feierlich eröffnet. Sie ist 67,5 Meter hoch und 260 Meter breit. Die Mauer verfügt über vier je 15 Meter breite Überlauffelder, durch die 3000 qm pro Sekunde fließen können. Das Wasserkraftwerk verfügt über drei sogenannte Kaplan-Turbinen mit einer Leistung von jeweils 48 Megawatt bei 108 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Neben der Stromproduktion dient er der Trink- und Nutzwasserversorgung und der Regulierung des Hochwasser darunter, was auch die Schifffahrt dort ermöglicht.

Mit dem Thema der Schiffahrt kommen wir wieder zurück zur Ferdinandssäule. Die Moldau war früher ein ungebändigter Fluss, der für normale große Schiffe unbefahrbar war. Moldauschifffahrt, das waren in der Hauptsache Flößer (wir berichteten u.a. hier und hier). Dort, wo heute der Stausee beginnt, war im frühen 17. Jahrhundert eine der gefährlichsten Stromschnellen. Reißende Strömungen und tückische Untiefen und Felsen führten immer wieder zu schrecklichen Unfällen, bei denen Menschen umkamen und großer wirtschaftlicher Schaden entstand. In den 1630er Jahren ordnete daher besagter Kaiser Ferdinand III. an, die Moldau im Bannkreis von Prag sicherer und teilweise schiffbar zu machen. Die Stromschnelle wurde „entschärft“ und Felsen im Wasser entfernt. Das rettete viele Menschenleben und belebte die vom Dreissigjährigen Krieg geschädigte Wirtschaft. Deshalb setzte man im nach Abschluss der Arbeiten 1643 mit der Säule ein Denkmal.

Damals befand sich oben auf der Säule neben der gemeißelten Darstellung eines symbolischen Korb mit Steinen (siehe großes Bild oben) auch ein gusseiserner Habsburger Adler mit Krone, das Werk eines Schmiedes namens Hans Kugler aus Prag. Als die Tschechoslowakei 1918 unabhängig wurde und sich vom Habsburgerreich löste, brachen nationalistische Vandalen im Eifer ihrer Begeisterung die Krone ab und warfen sie anscheinend irgendwo (unauffindbar!) in Wasser.

Die immer noch stattliche „Restsäule“ (auf der sich heute eine Metallspitze befindet, die an einen Blitzableiter erinnert) steht übrigens nicht mehr an ihrem ursprünglichen Ort. Sie befand sich nur wenig weit entfernt stromaufwärts ebenfalls auf einem pittorsken Felsen wie heute. Da wäre sie aber Dank des Dammes heute unter Wasser. Aus irgendwelchen Gründen waren aber die Kommunisten 1949 gnädiger gegenüber dem guten Ferdinand III. als es die Republikaner 1918 waren. Man gab sich Mühe, sie fachgerecht und an einen imposanten Ort zu versetzen.

Die Stelle, wo früher die Flößer so arg in Gefahr gerieten, ist als Svatojanské proudy (Johannisströme) bekannt. Den Namen bekam der Ort aber erst, nachdem Ferdinand ihn einigermaßen gebändigt hatte. 1722 stellte man nur wenige Meter unterhalb der Ferdinandssäule eine barocke Statue des böhmischen Heiligen Nepomuk auf, die man hier immer noch bewundern kann (bzw. eine Kopie, die man 1908 anfertigte, da das Original bei Wind und Wetter langsam aber sicher erodiert war).

Die Statue betete man wohl gerne an, denn auch ohne die Felsen und Untiefen war das Wasser im sehr engen Flusstal immer noch recht reißend. So reißend, dass sie romatisch veranlagten Musikern gerne und oft zur Inspiration diente. Der Nationalkomponist Bedřich Smetana wurde 1874 durch die Schnellen zu seinem weltberühmten Ohrwurm Die Moldau (Vltava) angeregt. Der weitaus weniger bekannte Komponist Josef Richard Rozkošný schrieb 1871 sogar eine ganze – heute kaum mehr bekannte – Oper mit dem Titel Svatojánské proudy.

Kein Wunder, dass das Areal um den Stausee schon im 19. ajhrundert zum Ausflüglerparadies für die Prager wurde, die sich gerne hierher schippern ließen, um das felsige und malerische Flussufer zu erwandern. Den Freizeitwert hat die Talsperre duchausgehoben.Der Stausee ist ganze 44 Kilometer lang und hat eine Fläche von 1392 Hektar. Restaurants und Freiluftschwimmbäder laden ein. Paddler und Segler finden hier ein wahres Paradies. Sogar etliche Ausflugsdampfer fahren hier. Desgleichen kann man auch im Fluss unterhalb sehen, so die Wasserregulierung durch den Damm den Bootsverkehr noch sicherer gemacht hat als es schon die Arbeiten unter Kaiser Ferdinand getan hatten. Ein Problem für Bootstouristen gibt es doch. Aller die kleineren Stauwerke zur Flussrgeulierung und Stromgewinnung, die sich unterhalb befinden, verfügen über Schleusen, durch die Schiffe mühelos hindurch kommen. Das ging hier nicht. Um das Problem zu lösen, wollte man in der Dammmauer ein kleine Schiffshebewerk einbauen, das Boote mit einer Wasserverdrängung von bis zu 300 Tonnen passieren lassen sollte. Die tunnelförmige Einfahrt unterhalb des Dammes kann man heute noch sehen. Weiter kam man nicht. Das Projekt blieb bis heute unvollendet.

Für kleine Bötchen gibt es jedoch eine Zuganlage, die von einem Traktor betrieben wird. Theoretisch kann man also doch noch weit über den Stausee hinaus paddeln oder rudern. Auf jeden Fall ist eine Flußreise heute erheblich sicherer als vor den Zeiten Kaiser Ferdinands, und zwar nicht nur, weil es keine wirklichen Stromschnellen mehr gibt. Auf dem touristisch erschlossenen Stausee ist man auch vor Räubern und anderen Gefahren sicher. Wie man im Bild rechts im Vordergrund sieht. patrouilliert hier auch ein Schnellboot der Wasserpolizei, wenn es die Lage erfordert. (DD)

Vor 100 Jahren geboren: Alexander Dubček

Er war die große Leitfigur des Prager Frühlings von 1968. Vor genau 100 Jahren, am 27. November 1921, wurde Alexander Dubček in der slowakischen Stadt Uhrovec geboren. Der Sohn eines Tischlers hatte sich schon in den späten 1930er Jahren den Kommunisten angeschlossen. Aber schon bald nach der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei 1948 wurde klar, dass seine Auffassung von sozialistischer Entwicklung sich von denen seiner zu dieser Zeit strikt stalinistischen Parteigenossen deutlich unterschied.

Obwohl schon Parteisekretär in Bratislava, äußerte er offen Kritik an der Verfassungsrefom von 1958, die das Monopol der Kommunistischen Partei verankerte. Immer wieder setzte er sich für Opfer interner Säuberungen der Kommunistischen Partei ein und erreichte deren Rehabilitierung – ironischerweise galt das auch ausgerechnet für Gustáv Husák, der 1954 in einem Schauprozess als „bourgeoiser Nationalist“ zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, und der dann nach der Niederschlagung des Prager Frühlings Dubček absetzen und dessen Reformen rückgängig machen sollte.

Und in den frühen 1960er Jahren erreichte Dubček im slowakischen Landesteil tatsächlich einige Lockerungen in Sachen Meinungsfreiheit. Seine große Stunde kam, als er im Januar 1968 den Hardliner Antonín Novotný als Ersten Sekretär der KP ablöste und nun ein nationales Reformprogramm initiieren konnte. Die Abschaffung der Zensur, eine vorsichtige Dezentralisierung des Staates und sehr behutsame Anpassungen des Wirtschaftssystems an marktwirtschaftliche Prinzipien standen auf der Tagesordnung.

Im August war alles vorbei. Die Sowjetunion wollte derartige „liberale“ Alleingänge nicht tolerieren und 500.000 Soldaten des Warschauer Pakts marschierten ins Land ein. Dubček wurde schrittweise entmachtet und durch Husák ersetzt, der das Land einer „Normalisierung“ unterzog, wie die Machthaber damals die Rückkehr zur harten Diktatur euphemistisch nannten. Dubček wurde 1970 aus der KP ausgeschlossen und musste sich als Beschaffungsinspektor der Forstverwaltung von Bratislava verdingen.

Im November 1989 gehörte er mit Václav Havel zu den Anführern der großen Demonstrationen in Prag, die die Samtene Revolution einleiteten. Noch im Dezember des Jahres wurde er Präsident des Parlaments und konnte wesentliche Beiträge leisten, den Kommunismus zu beenden und eine neue Ära der Demokratie einzuleiten. Er hatte gerade den Vorsitz der slowakischen Sektion der neu gegründeten Sozialdemokratischen Partei übernommen, als er am 7. November 1992 bei einem Verkehrsunfall auf der Autobahn nahe der Stadt Humpolec ums Leben kam.

Im November 2009 wurde am heutigen Gebäude des Neuen Nationalmuseums in der Wilsonova 52/2 (Prag 1), das ab 1972 unter den Kommunisten als tschechoslowakisches Parlament (siehe unseren früheren Beitrag hier) fungierte, eine Gedenktafel mit einer Büste Dubčeks eingeweiht. Sie ist ein Werk des Bildhauers Teodor Baník. Das Gebäude diente noch nach dem Sturz des Kommunismus bis zur Auflösung der Tschechoslowakei als Parlament und es war Dubčeks letzte politische Wirkungsstätte als Parlamentspräsident.

Dubček zu ehren, war ein Anliegen, das tschechische und slowakische Repräsentanten gleichermaßen bewegte, und so nahmen bei der Einweihung des Denkmals der Präsident des Slowakischen Nationalrats Pavol Paška, der slowakische Kulturminister Marek Maďarič, die Präsidenten der Abgeordnetenkammer und des Senats des Parlaments der Tschechischen Republik Miloslav Vlček und Přemysl Sobotka teil. Die Inschrift auf dem Marmortafel ist sowohl in Tschechisch als auch Slowakisch gehalten und lautet übersetzt: „In diesem Gebäude arbeitete 1989-1992 als Präsident der Bundesversammlung der ČSFR Alexander Dubček.“ (DD)

Trauben – hoch, nicht sauer

Das Problem dieser Trauben ist wohl wirklich, dass sie zu hoch wachsen – und nicht, dass sie zu sauer sind. Man kommt ja gar nicht an sie ran, um den Geschmack herauszufinden. So wie beim Fuchs in Aesops Fabel….

Auf den Namen U Modrého Hroznu (Zur Blauen Traube) hört dieses Haus am Ovocný trh 580/2 (Ecke Havířská) in der Altstadt. Das erst im Jahr 1900 vollendete Gebäude des Architekten František Schlaffer (der sich manchmal tschechisch Šlafer schreiben ließ) unterstreicht auf archetypische Weise, was in dieser Zeit – kurz bevor der Jugendstil eine Neuerungswelle auslöste – in Sachen Architektur angesagt war: Der Rückgriff auf alte Zeiten; auch Historismus genannt. Zu den Häusern früherer Zeiten gehörten auch Hauszeichen aus Stuck, die als Erkennungsmerkmal von Häusern diente als es noch keine amtlichen Hausnummern gab.

Hausnummern gab es aber schon als dieses Gebäude entstand. Und das Haus ist lediglich Neobarock und bedient sich nur äußerlich barocker Formelemente. Drinnen ist ein modernes zweistöckiges Büro- und Mietshaus. Und ein Winzer wohnt hier auch nicht, was das nachempfundene Hauszeichen oben auf dem Giebel des Eckerkers mit den Trauben ja suggerieren könnte. Es ist hier mehr oder weniger hübsche Staffage. Stilistisch jedoch hat der Architekt sein Bauwerk gut in die zum Teil echt barocke Umgebung des benachbarten Ständetheater (wir berichteten hier) in der Altstadt eingepasst. (DD)

Kleiner Flugplatz, große Geschichte

Als 1939 die Tschechoslowakei von den Nazis besetzt und zum „Protektorat“ umgewandelt wurde, war das allgemeine Verbot von Sport- und Hobbyfliegerei eine der vielen Schikanen für die Bürger des Landes. 1946, als der Spuk vorüber war, konnte man wieder losfliegen, was das Zeug hielt. Und so gründete man im südlichen Ortsteil Točná (Prag 12) noch in diesem Jahr einen Segelflugklub, der Teil des Tschechischen Nationalen Aeroclubs (Český Národní Aeroklub) wurde. Und man begann mit dem Bau eines kleinen Flugplatzes.

Schon in den 1930er Jahren hatte man die hügelige Umgebung wegen ihrer günstigen Aufwinde gerne für Segelfliegerei genutzt, aber jetzt ging man systematisch zu Werke. Und bereits 1947 kaufte man für das Flugfeld drei Motorflugzeuge, einen sowjetischen Doppeldecker vom Typ Polikarpov Po-2 und einen tschechischen vom Typ Aero C-104. Der Clou war ein Eindecker der amerikanischen Marke Piper J-3 Cub, den man aus ausgemusterten Beständen der US-Army erwarb. Und Anfang der 1950er Jahre gab es schon rund 20 Segelflugzeuge hier. Segelflugzeuge dominierten das Feld in Točná, denn zu diesem Zeitpunkt existierte noch ein Flugplatz im gegenüber an der Moldau liegenden Zbraslav, der häufiger für Motorflugzeuge genutzt wurde. Aber nicht nur dessen Auflösung im Jahr 1955 sorgte für einen weiteren Aufschwung in Točná.

Der Grund war eigentlich unerfreulich. Das unabhängige und freie Fliegerklubleben war den Kommunisten, die 1948 die Macht im Lande übernommen hatten, nicht geheuer. 1951 wurde die vom Regime gesteuerte Freiwillige Volksvereinigung für Aviatik (DOSLET) gegründet, die schon die 1953 der Union für die Zusammenarbeit mit der Armee (Svazarm) unterstellt wurde. Die war eine paramilitärische Organisation, die vor allem flugbegeisterte Jugendliche für den Dienst in Armee und Luftwaffe im Dienste des Weltkommunismus vorbereiten sollte. Das Vorbild dafür war die 1951 in der UdSSR gegründete Organisation DOSAAF.

Gottlob musste niemand, der hier unter quasi-militärischen Vorzeichen das Fliegen lernte, in irgendeinen Krieg. Im Kern war das wohl weiterhin so etwas wie Sportfliegerei, die hier betrieben wurde. Aber der Anschein, hier werde unermüdlich der proletarischen Revolution gedient, erhöhte die staatliche Unterstützung für den Flughafen. Eine 800 Meter lange und 100 Meter breite Landebahn wurde gebaut. Die Motorflugaktivitäten nahmen heftig zu und in den 1970er Jahren konnte man hier sogar Nachtlandungen und das Fliegen mit einem Hubschrauber lernen.

Das ging so bis zum Ende des Kommunismus 1989. Der Aeroclub Svazarmu Točná wurde aufgelöst und der ein freier Initiative entstandene neue Aeroclub Točná, wo man ohne kommunistische Indoktrination aus Spaß fliegen konnte, und nicht ständig den westlichen Klassenfeind in Visier nehmen musste. Der Aeroclub erwarb denn auch den Flugplatz als er 2008 privatisiert wurde. Es herrscht nicht nur ein reger Sportflugbetrieb…

Denn es gibt zum Beispiel auch Flugshows bei denen zuvörderst gerne eine alte Spitfire vorgeführt wird. Denn man ist hier auch sehr bewusst in Sachen Geschichte. Im Mai 1945 fanden in der unmittelbaren Umgebung besonders heftige Kämpfe während des Prager Aufstands gegen die Deutschen statt. Spaziergänger können einen Freiheitsweg 1938-1945 (Stezka svobody 1938-1945) erwandern, der auf Infotafeln die Geschichte schildert. Auch vor dem Flughafen befindet sich solch eine Tafel. Sie erzählt von der erstaunlichen Zahl derer, die noch vor dem Bau des Platzes hier vor Ort Segelflieger waren, dann beruflich Fliegen lernten und sich 1939 nach Großbritannien absetzten, um bei der Luftschlacht um England auf Seiten der Briten für die Freiheit zu kämpfen.

Einer von ihnen war Jan Šerhant. Der war 1939 Werkspilot der Schuhfirma Baťa und gerade mit der werkseigenen Lockheed Electra im noch freien Polen als die Deutschen in der Heimat einmarschierten. Er flog mit dem Flugzeug gleich weiter nachEngland und dient bis Kriegsende hochdekoriert bei der RAF. Die Electra, mit der er floh, steht seit 2015 restauriert auf dem Gelände des Flughafens Točná. Womit wir schon beim nächsten Thema sind: Dem Luftfahrtmuseum (Letecké Muzeum). Nur wenige Flughäfen dieser Größe haben so etwas. Immerhin kann man neben der Electra rund 10 alte Flugzeuge sehen, deren Ursprünge zum Teil bis zum Anfang der Ersten Rublik zurückreichen. Die größten Flugzeuge, zwei sowjetische Antonov An-2 (gebaut ab 1947), sieht man auf dem großen Bild oben. Ein Kinderspielplatz auf dem Museumsgelände rundet die Sache ab und macht den Flugplatz zum idealen Ort für Familienausflüge. (DD)

Fiktive Ersatzgeschichte

Vor tausenden von Jahren opferten an diesem schaurigen Ort altslawische Druiden in nächtlichen Zeremonien Jungfrauen nach Riten, die vom Lauf der Sterne bestimmt waren, den sie mit Hilfe der heiligen Megalithblöcke genau berechnet hatten… Keine Sorge, das habe ich mir jetzt selbst ausgedacht. In Wirklichkeit gibt es das Stonehenge von Úvaly erst seit 2015.

Und zu dieser Zeit waren blutige Menschenopfer in Tschechien möglicherweise bereits illegal. Und den Gang der Gestirne kann man wohl durch diese Steine auch nicht so recht präzise bemessen. Die einzige höhere Macht, die hier eindeutig sichtbar wird, ist die Europäische Union, die aus einem ihrer Fonds diese Nachempfindung des echten Stonehenge (das sich ja in England befindet) mitfinanziert hat und auf diese Tatsache offensiv durch kleine (kultische?) Infotafeln hinweist.

Die Steine befinden sich in einem schönen und waldigen Wanderareal nahe der kleinen Stadt Úvaly, die rund 15 Kilometer östlich von der Stadtmitte Prags liegt und bei Ausflüglern sehr beliebt ist. Nun ja, eigentlich sind es Kunststeine, die nach dem Entwurf des Prager Architekturbüros MR|&|S hier aufgestellt wurden und keine echten Menhire (gemeinhin auch als Hinkelsteine bekannt). Die beiden Steinkreise, von denen man den kleineren oben im großen Bild sehen kann, und den größeren oberhalb rechts, dienen als Spielplätze für Jugendliche.

Die spielen da bei kleinen Rastaufenthalten vom Wandern tatsächlich gerne, wie wir beobachten können. Man kann hier prima Klettern üben, ohne zu tief zu fallen, wenn mal was schief geht. Das tschechische Stonehenge steht übrigens tatsächlich auf historischem Boden, wenngleich nicht in die Zeiten der Menhire und Megalithen zurückreichend. Hier stand dereinst ein befestigter Landsitz, der einem Adligen namens Albrecht Jan Smiřický von Smiřice, gehörte. Der gehörte zu den Initiatoren des Zweiten Prager Fenstersturzes, der 1618 den Dreissigjährigen Krieg auslöste (wir berichteten hier). Er erlebte die Niederlage nicht mehr, aber seine Familie wurde enteignet. Von dem Gebäude sieht man aber rein gar nichts mehr. Dafür hat man hier heute mit dem neuen Stonehenge ein Stück fiktiver Ersatzgeschichte. (DD)

Funktionalistischer Pelikan

Geht man die Kleinseite hinaus zur Burg, wird man kaum je ein Gebäude zu Gesicht bekommen, das nicht mittelalterlichem oder barocken Ursprungs ist. Erst ein kleiner Pelikan macht einen darauf aufmerksam, dass es in der Úvoz 229/3 eine Ausnahme gibt.

Dass dem Vorbeigehenden die Modernität des Gebäudes zunächst nicht besonders auffällt, zeigt, dass es möglich ist, Ultramodernes und Historisches harmonisch miteinander zu verbinden – wenn man es nur will. Mit den ersten Planungen, hier anstelle eines älteren Hauses ein neues funktionalistisches zu errichten, hatte man 1928 angefangen. 1936 begannen nach den Plänen des Architekten František Šimáček die Bauarbeiten, die 1937 abgeschlossen waren. Im unmittelbaren Umfeld betrachtet, kann man sehen, wie geschickt der Architekt die modernen geometrischen Fassadenstrukturen (aus modernem Kunststein) und das damals geradezu avantgardistische Treppenhausfenster in die Fassadengestaltung des daneben stehenden barocken Hauses eingepasst hat. auf diese Weise blieb sich der Architekt als Neuerer treu, ohne das gewachsene Stadtbild zu schädigen.

Das Gebäude wird manchmal aus Haus zum Weißen Pelikan (U Bílého pelikána) genannt. Den Grund kann man leicht erraten: Die kleine und putzige Steinfigur eines Pelikans über dem Eingang. Als Motiv ist der Pelikan natürlich recht ungewöhnlich, aber er passt sich damit an die Tradition der umliegenden Barockhäuser an, die häufig Hausschilder mit Tiermotiven aufwiesen – Beispiele findet man in früheren Beiträgen hier, hier oder hier. Warum der Architekt ausgerechnet den Pelikan zum Hauszeichen gemacht hat, bleibt vorläufig ein Rätsel und mag einer persönlichen Neigung entsprungen sein. (DD)

Ironie der Geschichte: Das Denkmal für die Studentenkolonie

Der heutige 17. November ist bekanntlich Nationalfeiertag in Tschechien, der Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (Den boje za svobodu a demokracii). Für die Kommunisten bedeutete er im Jahre 1989 etwas, das sie anscheinend nicht einmal ansatzweise verstehen oder vorhersehen konnten. Das kleine Denkmal auf der Letnáhöhe ist jedenfalls zugleich ein würdiger Gedenkort für die kleinen Helden der Freiheit als auch ein Dokument von falscher Selbsteinschätzung der Mächtigen.

Man findet es an einem etwas abgelegenen Ort auf einer Grünanlage bei der Tramhaltestelle Špejchar an der großen ul. Milady Horákové in Prag 7 Bubeneč. Es wurde buchstäblich an dem Tag errichtet, an dem die Samtene Revolution das Schicksal derer politisch besiegelte, die es errichteten. Worum ging es? Am 17. November 1939 hatten Studenten in Prag massiv gegen die Nazibesetzung demonstriert. Die Demonstration wurde blutig niedergeschlagen (siehe früheren Beitrag hier), blieb aber im Gedächtnis der Menschen als Freiheitsfanal bestehen. Obwohl es den meisten Demonstranten damals um Freiheit und Demokratie ging, versuchten die sich „antifaschistisch“ gerierenden Kommunisten nach ihrer Machtergreifung 1948, die Heldentat der Studenten für sich plakativ zu vereinnahmen. Der Ort hier schien genau der richtige zu sein.

Auf der Freifläche, wo heute das Denkmal steht, befand sich ab 1921 die Studentenkolonie Kolonka. Anfang der 1920er Jahre wuchs die Bevölkerung Prags und die Wohnungen wurden knapp. Das betraf vor allem auch die wachsende Zahl von Studenten, die zunehmend von Armut und Not betroffen war. Eine sehr engagierte Gruppe von Studenten gründete daraufhin eine Genossenschaft (die eine Art Vorläufer heutiger Studentenwerke war), die spezielle Wohnheime für Studenten bauen und betreiben wollte. Die Idee funktionierte. Es gab viele Spender, von denen Präsident Tomáš Garrigue Masaryk der prominenteste war. Schließlich gab es auch einen staatlichen Zuschuss für das Projekt. Der Architekt Miloš Vaněček entwarf eine Wohnanlage im kubistischen Stil, die von den Studenten größtenteils in Eigenarbeit errichtet wurde. Der Komplex wurde von den Studenten selbst verwaltet. Natürlich nahmen viele der Studenten am 17. November 1939 an den Demonstrationen gegen die Nazis teil. Die gnadenlose Antwort blieb nicht aus. SS-Einheiten stürmten das Areal, lösten die Kolonie gewaltsam auf, legten die Gebäude in Schutt und Asche und brachten vor allem die führenden Studenten in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Nach dem Ende der Nazizeit wurde die Kolonie wieder aufgebaut und betrieben, aber sie war nur noch ein Teil des (sozialistischen) staatlichen Studentenwohnheimbetriebs. 1979 wich sie der Straßenbahnschleife, die sich jetzt hier befindet.

Mit dem Denkmal sollte seitens der regierenden Kommunisten der 50. Jahrestag der Proteste von 1939 gebührend gefeiert werden. Es handelt sich um eine Steinstele, deren Umrisse vage einer menschlichen Figur entsprechen. Darauf befindet sich die Inschrift: „1921 – 1939 . Zde stála studentská kolonie Kolonka. Bašta pokrokové inteligence. 17. listopad 1989“ (auf Deutsch: 1921 – 1939. Hier stand die Studentenkolonie Kolonka. Bastion der fortschrittlichen Intelligenz. 17. November 1989). Unter der Inschrift befindet sich eine Skizze des Grundrisses der Kolonie. Entworfen wurde das Denkmal von der Malerin Marie Hlobilová – Mrkvičková. Es ist im Stil der Gründungszeit der Kolonie gehalten und enthält immerhin keinerlei kommunistische Symbolik, die heute irgendwie störend wirken könnte. Es strahlt angemessene Würde aus.

Trotzdem war die damalige Intention die einer Vereinnahmung. Sie funktionierte aber nicht mehr. Wenn sich Totalitäre (Kommunisten) als Gegenspieler zu anderen Totalitären (Nazis) und als Verteidiger der Demokratie (wie es die Studenten waren) aufspielen, ist das in der Tat schon unglaubwürdig. Parallel zu der Errichtung des Denkmals erlaubten die Kommunisten auch noch Gedenkdemonstrationen zu den Ereignissen vom 17. November 1939, an denen dann aber auffallend viele recht aufmüpfige Studenten teilnahmen. Sie schlugen in eine große Protestaktion gegen die Kommunisten und ihr Unterdrückungsregime um und markierten den Beginn der Samtenen Revolution. Ganz im Geist der Studenten von 1939 kämpfte man nun für die Freiheit – während die Kommunisten ihnen zur gleichen Stunde noch auf dem Letná dieses Denkmal setzten. Das nennt man Ironie der Geschichte. (DD)

Keltenfestung (auch später benutzt)

Nirgendwo sonst blühte dereinst die Kultur der Kelten so sehr wie im Süden Prags. So liegt am Ostufer der Moldau gegenüber des Stadtteils Zbraslav die Keltenstadt und -festung Závist (wir berichteten bereits hier), die die größte ihrer Art in Europa war. Weniger bekannt, aber die Größe des Ganzen noch einmal unterstreichend, ist die Festungswallanlage Šance (Schanze), über deren imposante Wälle heute teilweise ein Wanderweg führt.

Sie liegt oben auf dem Berg, der sich direkt hinter (östlich) des Berges von Závist befindet. Getrennt werden die beiden Oppidae (so der Archäologen-Fachbegriff) durch das tiefe und felsig-malerische Tal des Břežanský Baches (Břežanský potok). Das Tal war offenbar eine wichtige Weg- und Handelsroute, die nun kurz vor der Mündung des Baches in die Moldau von zwei Seiten durch je eine befestigte Siedlung verteidigt werden konnte.

Die Befestigungen der Siedlung Šance wurde wohl im 1. Jahrhundert vor Christus von Kelten der Eisenzeit (Latènekultur) erbaut. Es handelte sich primär um Erdwälle, auf denen sich (nicht mehr erhaltene) Holzpalisaden befanden und die an einigen Stellen durch (sichtbare) Gräben (Bild rechts) ergänzt wurden. Besiedelt war der Berg wohl schon lange vorher. Systematische Ausgrabungen gab es noch nicht, aber diejenigen kleineren Ausgrabungen, die stattfanden, förderten Artefakte aus der Bronzezeit (ca. 600 v. Chr.) zu Tage. Der Platz lud offenbar früh zur Besiedlung ein.

Es ist zu vermuten, dass die späteren Wallanlagen von Šance und Závist gleichzeitig und zu einem gemeinsamen strategischen Zweck erbaut wurden. Rund 15 Hektar (das sind 150.000 Quadratmeter) umfasst die Gesamtanlage. Die Wälle und teilweise auch die alten Wassergräben hoch oben auf dem Berg sind über Kilometer hinweg gut erhalten und gut zu besichtigen. Die örtlichen Behörden haben einen Keltenlehrpfad (Keltská stezka) eingerichtet, der über die Festung und die Natur des Areals informieren.

Ja, und die Natur ist tatsächlich beeindrucken. Nicht zuletzt ist das Ganze daher nicht nur ein geschütztes Kulturdenkmal, sondern auch ein Naturschutzgebiet. So nahe an der Stadt kann man atemberaubende Aussichten über riesige Waldlandschaften genießen. Der Wald im Gebiet der Šance zeichnet sich durch seinen hohen Reichtum an verschiedenen Baumarten aus.

Jedenfalls lädt das Areal die Prager Stadtbewohner zu herrlichen Ausflügen ein. Man kann und sollte sich auch die Zeit nehmen, die gegenüber liegende Wallanlage von Závist zu erwandern, auch wenn man beim Aufstieg sich ganz schön abrackern muss. Wer das nicht will kann von einigen Aussichtspunken am Wall der Šance dem gegenüberliegenden Gipfel sehen, auf dem Závist liegt.

Die keltische Besiedlung endete in der Zeit des Einfalls der germanischen Markomannen in das Gebiet des heutigen Tschechiens im 1. Jahrhundert nach Christus. Die Germanen ließen das Gelände offenbar brachliegen. Aber die immer noch imposanten Wallanlagen und die bis zu drei Meter tiefen und 15 Meter breiten Gräben bildeten immer noch im Notfall eine Verteidigungsanlage, die nutzbar war. Das scheint etwa während der Hussitenkriege im Spätmittelalter nach 1420 der Fall gewesen zu sein.

Auch im Dreissigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert und während der Angriffe Friedrichs II. auf Prag (1741 und 1757) wurden die Wallanlagen immer wieder kurzfristig als Verteidigungsanlagen reaktiviert. Das letzte Mal passierte das während des Prager Aufstandes (siehe auch hier und hier) vom 5. bis 8. Mai 1945 als tschechische Aufständische hier gegen deutsche Truppen kämpften, die sich vor der Roten Armee zurückziehen wollten – ein Kampf der in den letzten Kriegstagen noch zahlreiche Menschenleben kostete.

Heute könnte es nirgendwo friedlicher sein. Während man bei den Archäologen, die hier in den 1970er Jahren und Anfang dieses Jahrtausend nur geringfügige Ausgrabungen unternahmen, noch ein wenig warten zu müssen scheint, bis die Erschließung im großen Stil erfolgt, hat die lokale Politik uns hier jedenfalls ein schönes Lehr- und Erholungsgebiet beschert. Es lohnt sich jedenfalls, einen kleinen Ausflug hierhin zu machen. (DD)

Im Lada-Land

Ladův kraj – pohádkový region (auf Deutsch: Lada-Land – die Märchenregion) nennt man die romantisch bewaldete Gegend um die Ortschaften Hrusice, Mnichovice Velké Popovice und 21 anderen Gemeinden, die sich freiwillig zusammengeschlossen haben, um ihn zu feiern: Josef Lada. In Deutschland ist er primär als der grandiose Original-Illustrator von Jaroslav Hašeks Roman vom guten Soldaten Švejk bekannt. In Tschechien liebt ihn Jung und Alt auch, weil er sie um eine wahre Märchenwelt bereichert hat. In diese Welt kann man direkt vor den Toren Prags – etwa 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt – bei schönen Wanderungen eintauchen.

Geboren wurde er 1887 im Dorf Hrusice, wo man ihm 1951 ein von dem Bildhauer Zdeněk Šejnost entworfenes Denkmal setzte. Mit 14 zog es den Schusterjungen nach Prag, wo er sich als Autodidakt zum Maler, Illustrator, politischen Karikutaristen, Schriftsteller, Biographen, Theater-Szenographen, Dichter und Saufkumpan von Hašek, mit dem er sich eine zeitlang aus Geldmangel eine kleine Wohnung teilte (und später darüber humorig lesenswerte Erinnerungen schrieb), weiterentwickelte. 121 Bücher für Kinder 197 Bücher für Erwachsene verfasste er. Ein Weihnachten ohne Karten oder Kalender nach seinen Motiven ist in Tschechien undenkbar. Aber seine große Liebe schien dem Genre des Märchens zu gehören, wie er nicht nur in seinen Pohádky naruby (Verdrehte Märchen) von 1938 zeigte. Ob Nachempfindungen tradtioneller Märchen, selbst erfundene oder parodierte Märchen – hier lief er zu Hochform auf. Ein Grund dafür, dass das in Deutschland nicht so bekannt ist, ist die Tatsache, dass viele seiner Märchen nur in indirekter Form hierhin kamen. Denn eigentlich kennt in Deutschland fast jedermann einige von Ladas Kreationen. So zum Beispiel den berühmten Vodník von 1939, eine alte Legende, die man in Deutschland durch Otfried Preußler als Der kleine Wassermann kennt.

Und wer kennt ihn nicht, den Kocour Mikeš, den Lada im Jahre 1936 veröffentlichte? In Deutschland heißt er Kater Mikesch und wurde dort ebenfalls zunächst nur durch die gelungene Nachempfindung Otfried Preußlers (1962) berühmt – und dann noch viel berühmter durch die putzige Fernsehadaption der Augsburger Puppenkiste (1964; in Farbe 1976), durch die ich ihn zum Beispiel kennen lernte. Durch diese – zugegebenermaßen recht genialen – Adaptionen geriet Lada in Deutschland als Originalautor ein wenig ins unverdiente Abseits. Aber nicht in Tschechien, wo man vor allem die lokale Gebundenheit der Ladaschen Geschichten viel deutlicher vor Augen hat. Das sieht man hier im oben erwähnten Lada-Land in der Umgebung seines Geburtsortes Hrusice. Dort wurde vor einigen Jahren zwischen Hrusice und Mnichovice ein Kater-Mikesch-Wanderweg (Cesta kocoura Mikeše) angelegt. Denn in Ladas Buch lebt der sprechende Kater in tatsächlich Hrusice. Nachdem er aus Versehen den Rahmtopf der Großmutter kaputtgemacht hat, zieht er aus Angst in die Welt hinaus. Der rechts abgebildeten Tafel auf dem Wanderweg entnimmt man, dass er genau an dieser Stelle, der Lederhöhe (Kožený vrch), noch einmal sehnsüchtig hinunter auf das Dorf schaute, bevor er weiter ging. Man sieht, das Lada den Kater in eine reale Welt eingebettet hat.

Und davon findet man überall Spuren im Lada-Land. Und der Wanderweg bzw. Lehrpfad ist nur ein Beispiel, wie die lokale Tourismusbehörde die Berühmtheit Ladas für ihr Marketing nutzt. Aber nicht nur die Behörde. Der Name Lada wirkt hier so inspirierend für jedermann, dass die Privatinitiative blüht. Kaum aus Mnichovice in den Wald gekommen, kommt man zum Beipiel an der links abgebildeten Gartenfront eines Hauses vorbei, dessen Besitzer wohl ein wahrer Lada-Enthusiast ist, und handgemachte überlebensgroße Figuren aus Ladas Märchenwelt. Man ist beeindruckt, ob der Kreativität und des Einsatzes!

Lada-Garten (Ladova zahrádka) hat der Besitzer das Ganze getauft, was mittlerweile zur lokalen Sensation geworden ist. Und so trifft man hier alte Bekannte aus verschiedenen Märchen. Neben den Charakteren aus dem Kater Mikesch etwa auch den kleinen Wassermann (Vodnik), den man hier seine Pfeife rauchend beim Angeln zusehen kann. Das Gesamtkunstwerk steht nicht in den Reiseführern, gehört aber zu den großartigsten Sehenswürdigkeiten der Gegend, weshalb es hier ausführlich erwähnt werden muss.

Weiter geht es nach Hrusice selbst. Da steht das Geburtshaus Ladas (/Bild links), das ein wenig so aussieht, als ob es seit Ladas Zeiten mehrfach renoviert, ausgebaut und stark verändert wurde. Aber man kann trotzdem erahnen, dass Lada nicht aus sehr reichem Elternhaus kam. Hier ein von Lada gemaltes Bild des Hauses im Ursprungszustand. Als arrivierter Künstler, der dann etwas wohlhabender war, kaufte er sich ein Sommerhaus im Orte, in dem sich heute ein kleines Museum befindet. Gestorben ist er allerdings 1957 in Prag, wo er seine Karriere begonnen hatte und berühmt wurde. Aber weder Geburtshaus noch Museum sind für die meisten Ausflügler, die sich meist zum Wochenende hier einfinden, die Hausptattraktion des Ortes.

Das ist ohne Zweifel die Hrusická Hospoda (Hrusicer Gasthaus). Die ist – wie das meiste an Gebäuden im Orte – zunächst einmal architektonisch recht unscheinbar. Es ist ein einstöckiges Gebäude schlichter Bauart, dass er möglicherweise hier 1943 zeichnerisch verewigte. Lada ist hier zu Lebzeiten oft eingekehrt und kannte den Wirt und die Gäste, die ihn vielleicht zu seinen Zeichnungen inspirierten.

Nicht nur das verbindet das Gebäude mit dem großen Künstler, sondern vor allem die üppige Bermalung mit Lada-Themen im Lada-Stil. Außen sind das vor allem Motive aus den Ladaschen Märchen – allen voran der Mikeš als die populärste Figur, die hier gerade einzukehren scheint. Nach ein paar Schluck Bier wird er weiter in die Welt ziehen, und – wie uns die Geschichte lehrt – Geld als sprechender Kater beim Zirkus verdienen, um nach der Rückkehr den Rahmtopf der Oma zu ersetzen. Happy End.

Und natürlich sind auf die tierischen Freunde des Katers dabei, denen er auch das Sprechen beigebracht hat, wie die Geiß Bobeš (bei Preußler: Bobesch) und der junge Kater Nácíček (dt.: Maunzerle), der die Menschensprache noch nicht ganz so gut beherrscht wie Mikeš. Die wichtigste Figur ist jedoch Mikeš‘ bester Freund Pašík (Paschik), ein Schwein, das nicht nur sprechen, sondern auch auf der Ziehharmonika lustig musizieren kann. Möglicherweise ist er sogar der beliebteste Charakter der Ladaschen Märchenerzählung. Entsprechend findet man das Schwein an prominenter Stelle auf die Außenwand der Hrusická Hospoda gemalt.

Im Inneren der Gaststätte half bei der Ausgestaltung die Tatsache, dass Lada neben Märchenmotiven auch liebend gerne raue Kneipen- und Gaststättenszenen festhielt. Aus einer davon entstammt im großen Bild oben sichtbare herrlich in die Holzeinrichtung eingepasste Blaskapelle, die in einer Gaststätte zum Tanz aufspielt. Es handelt sich um die vergrößerte Kopie eines Ausschnitts aus dem 1929 von Lada gemalten Bild Tancovačka (Tanzvergnügen). Die ganze Gaststätte ist drinnen mit überlebensgroßen Kopien dieser Kneipenbilder Ladas bedeckt. Verantwortlich zeichnete sich der Miloslav Milostný, der sie im Jahre 2008 (mit späteren Ergänzungen) liebevoll anfertigte. Milostný war kein Berufsmaler, sondern eigentlich Wirtschaftsingenieur. Aber die Hobbymalereien sind einfach kongenial!

Im Mittelpunkt der Milostnýschen Malereien gemäß Lada steht wohl dessen bekannteste Wirtshausszene, die Rvačka v hospodě (Schlägerei in der Kneipe) aus dem Jahr 1943. Das war für die Tschechen eine traurige Zeit und nichts in der Szenerie, in der die Obrigkeit in Form eines Nachtwächters mit Hellebarde erscheint, an die Nazibesetzung. Es ist die gute alte Habsburgerzeit, die man hier fast schon putzig verklärt sieht (und für die Lada wohl früher nicht viel übrig hatte). Hier sieht man die lustigste Szene, in der ein Hund sein Herrchen verteidigt, während der Nachtwächter dabei ist, jemandem möglicherweise mit der Hellebarde die Hose herunterzuziehen.

Schlägereien waren in früheren Zeit, die Lada noch mit erlebt hat, in Wirtshäusern auf dem Lande anscheinend noch sehr verbreitet. Das kann man jedenfalls mutmaßen, wenn man sich vor Augen führt, wie oft der Künstler das Thema (mit sichtbar verschiedenen Lokalitäten) in seinen Bildern verarbeitet hat. Auch in den Geschichten seines Freundes Hašek wird ja häufig darauf rekurriert. Die Wirte schienen das ob der hohen Reparaturrechnungen, die dabei anfielen, nicht so recht goutiert habe.Deshalb gehört zu meinen Lieblingsszenen hier der in den Gastraum eintretende und wutentbrannte Wirt, der mit aufgekrämpelten Armen und einem Knüppel in der Hand jetzt für Ruhe sorgen will.

Der Fairness halb sollten an dieser Stelle nicht nur die genialen Lada-Bilder von Milostný, sondern auch das Wirtshaus Hrusická Hospoda an sich gewürdigt werden, dass seit langem erfolgreich von Wirt Pavel Mach geführt wird. Es ist, wie gesagt, kongenial im Lada-Stil für alle Lada-Fans, die das Lada-Land erwandern, eingerichtet. Man könnte vom eigentlichen Herz des Lada-Landes reden. Es scheint gleichermaßen die Dorfkneipe der einheimischen und der Anlaufort für Ausflügler zu sein, die aber meist aus der Umgebung Prags kommen (Ausländer verirren sich hier eher selten hin). Es gibt gutes Markenbier und klassisch deftiges tschechisches Wirtshausessen (manchmal sogar heute rare Traditionsgerichte wie die Prdelačka, eine Schweineblutsuppe). Alles in allem: Man wird reell und preisgünstig bewirtet und das Essen passt wie maßgeschneidert zu Lada-Land und Lada-Ambiente.

Aber die Hospoda mag in Hrusice ein Höhepunkt-Erlebnis für alle lada-Fans sein, aber keineswegs die einzige Attraktion, die der Geburtsort bietet. Jeder macht hier mit beim Lada-Kult. Läden und Bauernhöfe mit Verkauf werben überall mit Mikeš und Co.. Und es gibt überall an den Wanderwegen innerhalb des Ortes kleine Statuen mit den Lada-Märchenhelden wie Vodnik, Pašik oder eben Mikeš. Im Bild links sieht man einen seltenen Schnappschuss, wie die bronzene Figur des kleinen örtlichen Mikeš-Denkmals auf eine echte Katze zu schauen scheint – vielleicht ein Nachfahre von Nácíček/Maunzele?

Kurz: Es gibt noch viel zu sehen im Lada-Land, und das, worüber an dieser Stelle berichtet wurde, ist nur die Spitze des Eisbergs. In der ganzen Umgebung wird auf Lehrpfade und auch andernorts (in Velké Popvice ist sogar eine Schule nach Lada benannt) wimmelt es nur so von Lada -Memorabilia und -Attraktionen, die auch noch in eine so schöne Landchaft eingebettet ist, dass sich gleich mehrere Ausflüge hierhin lohnen.

Die traumhafte bewaldete Landschaft mit ihren sanften Hügeln, erklärt vielleicht auch, warum bei der örtlichen Präsentation des Lada-Landes die Märchengeschichte so sehr das Bild bestimmen. Und nicht der in Deutscland bekanntere Soldat Švejk. Aber ganz unter den Tisch fällt er dennoch nicht. In der Hrusická findet er sich als Gipsrelief im Lada-Stil (von unbekannter Hand) versteckt in einer Ecke neben dem Gang zur Toilette. Immerhin: Besser als nichts. Und Josef lada selbst, der volkstümlichste aller tschechischen Künstler hätte diese Art volkstümlichen Humors sicher auch zu schätzen gewusst. (DD)

Vom Wal verschluckt in Mnichovice

Es geht das Gerücht umher, dass hier auf der Kanzel predigende Priester einfach spurlos verschwunden seien. Wie vom Walfisch verschluckt. Scherz beiseite: Nur 27 Kilometer vom Prager Stadtzentrum entfernt liegt am passend so genannten Flüsschen Mnichovka die kleine Ortschaft Mnichovice u Říčan. Das ist ein kleiner Ort mit einer beeindruckenden Barockkirche, der Kirche Mariä Geburt (Kostel Narození Panny Marie). Und drinnen findet man die ebenso beeindruckende Kanzel mit einem recht pittoresken Wal.

Wir dürfen annehmen, dass der Schnitzer und Bildhauer Lazar Widmann niemals einen echten Wal in der Moldau oder sonstwo hat schwimmen gesehen, als er um 1754 uns die alttestamentarische Geschichte des Propheten Jona (Bibel: Jona 2,1-11) in vergoldetem Stuck erzählen wollte. Dabei geht es um Jonas Weigerung, bei einer Reise einen göttlichen Auftrag auszuführen, was Gott damit bestraft, dass Jona von einem Wal verschluckt wird, was – wie mir ein Walkenner versicherte – anatomisch in der Regel nicht möglich ist. Drei Tage schmachtete Jona im Walbauch, bevor Gott in erlöst und vom Wal ausspucken lässt. Um die Dramatik der Szene zu erhöhen, hat Widmann dem Wal ein eher drachenähnliches Äußeres gegeben. Er ist schuppig, während echte Wale eine glatte Haut haben, kann sich schlängeln und verfügt über stichelige Flossen. Geschickt stülpt er sein scharf bezahntes Maul so über die Kanzel, dass die Besucher von Gottesdiensten Angst um ihren Priester haben müssen, wenn sich er es wagt, dort drinnen zu predigen. Unterhalb kann man dann Jona beobachten, wie er kopfüber aus dem Wal purzelt. Eine sehr originelle Darstellung!

Und nun aber auch ein paar Worte zur Kirche selbst.Ursprünglich stand hier eine romanische Kirche, die im Jahre 1134 von den Mönchen des nahen Klosters Sázava erbaut wurde, und die sogar in der berühmten böhmischen Chronik des Kosmas aus dem 12. Jahrhundert Erwähnung fand. Um 1330 war Mnichovice größer und die Kirche zu klein geworden. Eine neue gotische Kirche wurde gebaut. Die überlebte mehr oder minder unverändert bis zum 23. August 1746, als ein großes Feuer Teile der Stadt und die Kirche zerstörte. Man begann sogleich mit dem Wiederaufbau im Barockstil und schon 1754 konnte der Stellvertetende Bischof von Prag, Antonín Jan Václav Vokoun, die neue Kirche einweihen. Im wesentlichen hat die Kirche seither die Gestalt, die wir heute kennen. Über den Architekten des imposanten Bauwerks, mit seinen schönen, von großen Voluten verzierten Giebeln, konnte ich nichts herausfinden.

Auf jeden Fall dürften die Kosten das überstiegen haben, was sich die die Dörfler von Mnichovice damals leisten konnten, aber bei so etwas gab es ja sowieso meist adlige Spender. In diesem Fall war es Johann Joseph Fürst von Khevenhüller-Metsch, ein enger Vertrauter von Kaiserin Maria Theresia und Wahlgesandter des Kurfürstentums Böhmen bei der Kaiserwahl. Der Mann war mächtig, reich und auch großzügig. Und deshalb brachte man damals auch – in Dankbarkeit und rotem Stein gemeißelt – das Wappen der Familie Khevenhüller-Metsch über dem Eingang der Kirche. Leider ist es aufgrund der Zeitläufe seither so verwaschen, dass man das Motiv der Eichel und Eichenblätter nicht mehr so recht erkennen kann.

Das Innere korrespondiert fast durchgängig und sehr harmonisch mit dem barocken Äußeren. Nicht nur die Kanzel mit Jona und dem Wal – das mit Sicherheit interessanteste Kuriosum unter en Kustwerken der Kirche -, sondern die gesamte skulpturale Ausstattung ist künstlerisch auf einem sehr hohem Niveau. Neben einigen Engelsdarstellungen, einer Pieta, einer Statue des Heiligen Antonius von Padua ist es vor allem die Darstellung der Taufe Jesu Christus durch Johannes den Täufer (Bibel: Markus 1,9–11) mit dem Heiligen Geist, der als von Sonnenstrahlen umgebene Taube herabkommt, die eine besonders intensive Bildwirkung ausstrahlt (siehe Bild rechts).

Daneben gibt es noch einige kleinere barocke Heiligengemälde (etwas des Heiligen Nepomuk und des Heiligen Franz Xaver). Aber darüber darf man natürlich nicht den großen Hauptaltar in der Apsis der Kirchevergessen – auch ein Werk des Barock, allerdings mit einem Altargemälde aus dem Jahre 1838 versehen. Das Gemälde mit der Darstellung der Geburt der Jungfrau Maria (das namensgebende Motiv der Kirche) stammt vom Prager Maler Václav Ignác Markovský, dessen Spezialität normalerweise patriotische Historienbilder waren. Markovský war übrigens Schüler des ungleich bekannteren Joseph Bergler, dem Direktor der Akademie der Bildenden Künste in Prag.

Bei dem Feuer von 1746 brannte übrigens auch das gotische Pfarrhaus hinter der Kirche ab. Aber auch das wurde natürlich wieder (und zwar selbstredend im Barockstil) aufgebaut. Im 19. Jahrhundert wurde es wohl klassizistisch überarbeitet. Aber so vorsichtig, dass das Pfarrhaus immer noch harmonisch zur Kirche passt. Darüber hinaus muss der Haupt- und Kirchplatz im Zentrum Mnichovices, über dem das Ganze thront, früher die Grandiosität des Ganzen ästhetisch unterstrichen haben.

Leider haben die Stadtplaner der 1970er Jahre vieles von den alten Häuseresembles abreißen lassen, um sie durch recht eintönige sozialistische Einheitsarchitektur zu ersetzen. Das mindert den (trotzdem immer noch recht stattlichen) Gesamteindruck der Kirche im Stadtbild ein wenig. Einen Ausflug am Wochenende ist Mnichovice trotzdem und allemal wert, denn die Umgebung ist sehr schön und lädt zu angenehmen Wanderungen ein. Und dabei sollte man es nicht verabsäumen, die Kirche im Dorfe zu besuchen, wo der Wal gerade den Jona ausspuckt. (DD)