Auf den Spuren von Bohumil Hrabal IV: Die Papierpresse

Als einer der ganz großen tschechischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts war Bohumil Hrabal immer auch ein akurater Beobachter der seelischen Narben, die die Schrecken des doppelten Totalitarismus – Nationalsozialismus und Kommunismus – bei den Menschen hinterließen.

Die Gedenktafel an dem eher unscheinbaren vierstöckigen Gebäude in der Spálená 79/10 (Neustadt) erinnert daran, dass dabei sehr viel eigene und leidvolle Erfahrungen einflossen. Einer von Hrabals bedeutendsten Romanen, Allzu laute Einsamkeit (Příliš hlučná samota) von 1976, verdankt wohl seine Existenz der Tatsache, dass er hier in der Spálena vin den Zeiten des Kommunismus in einem großen Betrieb für Materialverschrottung (sběrné suroviny) abrbeiten musste. Dank der Nazis hatte er sein 1935 begonnenes Studium erst 1946 abschließen können. Und unter den Kommunisten, die letztlich nur real-sozialistische Propaganda gelten ließen, wurde der Einstieg in die lange geplante Schriftstellerkarriere für einen originellen und widerspenstigen Geist wie ihm schwierig. Erst 1963 setzte er seinen Beschluss um, von der Schriftstellerei zu leben. Vorher übte er etliche Jobs aus, um zu überleben. Unter anderem wurde er Fahrdienstleiter bei der Bahn, was ihn 1966 zu der grotesk-düsteren Geschichte Reise nach Sondervorschrift, Zuglauf überwacht (Ostře sledované vlaky) anregte.

Und dann folgte die Episode, an die die Gedenktafel in der Spálena (großes Bild oben) erinnert. Die Inschrift lautet übersetzt: „In diesem Haus des ehemaligen Geländes der Firma für Altmaterialsammlung fand der Schriftsteller Bohumil Hrabal, der hier 1954-1959 als Altpapierpacker arbeitete, die Inspiration für das Buch Allzu laute Einsamkeit.“ Mit ihrem Regierungserlass vom 8. März 1949 Nr. 88/1949 hatten die Kommunsiten in Prag die Altmaterialsammlung und -wiederverwertung systematisiert und (staatlich) zentralisiert, weshalb in mehreren Stadtteilen solche Sammelzentren entstanden. Der angehende Schriftsteller musste hier nun Bücher und Zeitschriften mit einer Papierpresse zu transportierbaren Ballen zusammendrücken. Das machte Hrabal fünf Jahre lang, aber es inspirierte ihn zu dem erst 1976 erschienen Roman Allzu laute Einsamkeit (Příliš hlučná samota). Dort geht es um den einsam im Keller arbeitenden Papierpresser Haňťa, der allerdings schon 35 Jahre dabei ist. Dieser erzählerische Trick ermöglicht es Hrabal, einen längeren Geschichtsabschnitt aus der Perspektive eines einsamen und abgeschirmten Menschen zu schildern. Von der Geschichte einer Roma-Frau, die unter den Nazis im KZ verschwindet bis zur Buchzensur der Kommunisten erreichen den Protagonisten die Geschehnisse, die ihn immer pessimistischer und grübelnder hinterlassen. Die Figur des Hanta soll Hrabals Kollegen in der Papierpresse (er arbeitete also nicht so alleine wie die Romanfigur) namens Jindřich Peukert (auch Pojkrt) nachempfunden sein, den man wohl oft Heinrich Hajný oder eben auch Haňťa nannte. Aber eigentlich ist es der Schriftsteller Hrabal selbst, der hier seine meist dunklen Gedanken teilt. Der (möglicherweise) echte Peukert schien wesentlich extrovertierter zu sein, wenn man Hrabals Geschichte Baron Prášil von 1963 glauben darf, wo Peukert als Protagonist Zeitschriften aus der Presse mitgehen lässt, die er in der Tram den darob irritierten Passanten laut vorliest, und der heimlich Bücher vor der Presse rettet, um sie Antiquariaten zu verhökern.

Hrabal wendet in Allzu laute Einsamkeit eine Erzähltechnik an, die er im Tschechischen „pabít“ nennt, was in Deutsch oft „bafeln“ genannt wird. Alles ist nur der unendliche Gedankenfluss, der Geschichten in Sätzen verbindet, die sich manchmal über ganze Seiten erstrecken. Dabei spielt die Literatur, die er mit der Presse vernichtet eine zentrale Rolle, die alles verbindet. Im wesentlichen scheint es sich um Literatur zu handeln, die von den Kommunisten als unerwünscht betrachtet wurde. Haňťa macht es sich zur Gewohnheit. die Ballen zu zu arrangieren, dass außen auf dem Ballen immer besonders schöne oder widerständige Bücher aufgeschlagen sichtbar sind. Obwohl er sich nie am offenen Widerstand beteiligte (er unterzeichnete zum Beispiel nicht die Charta 77), war bei allen seinen Büchern klar, dass er unter der kommunistschen Herrschaft litt. 1975 erhielt er sogar zeitweilig ein Publikationsverbot, das erst teilweise gelockert wurde, nachdem er auf Druck des Regimes eine erniedrigende Selbstbezichtigung und Loyalitätsadresse veröffentlichte.

Deshalb schrieb Hrabal sein Buch wahrscheinlich schon 1976, traute sich aber erst 1989 (nach dem Ende des Kommunismus) es zu veröffentlichen. Obwohl gerade Allzu laute Einsamkeit ein besonders introspektiv geschriebenen Buch ist, zeigt sich gerade hier die ungeheure Beobachtungsgabe und Realitätswahrnehmung Hrabals. Die Orte der Handlung sind real und werden detailreich beschrieben. Und so muss man sich nicht wundern, dass das Gebäude der ehemaligen Altmaterialsammelstelle tatsächlich noch existiert, wenngleich es heute nicht mehr diesem Zweck dient. Derartige Betriebe sind heutzutage aus naheliegenden Gründen der Wahrung der Umweltqualität der Stadt eher am Stadtrand angesiedelt. In kommunistischen Zeiten (und auch davor) kannte man solche Bedenken noch nicht. In der Spálena 79/10 befinden sich heute Läden und Büros.

Man erkennt den ursprünglichen Zweck nicht mehr, zumal schon damals die Zufahrt von Lastwagen über den Innenhof eines Nebengebäudes erfolgte, und die Fassade zur Spálena schon immer wie die eines normalen Büroblocks wirkte. Erst wenn man durch die unscheinbare Haustüre und den dahinter liegenden Flur geht, kommt man in den Bereich, den man heute noch ansieht, dass er dereinst einem gewerblichen Zweck diente. Man kann unter den Glaskacheln des Gewölbe dieses Vorraums noch die Athmospäre der alten, längst aufgegebenen Müllsammelstelle erahnen. Einige Jahre nach Hrabals Tod im Jahre 1997, der wahrscheinlich ein Selbstmord war, brachte man außen am Gebäude die metallene Gedenkplakette an, die an seine Tätigkeit als Papierpacker und an das Werk, das dadurch seine Entstehung verdankt, erinnert. (DD)

Siehe auch:

Auf den Spuren von Bohumil Hrabal I: Rätselhafter Tod

Auf den Spuren von Bohumil Hrabal II: Palast mit Automatenrestaurant

Auf den Spuren von Bohumil Hrabal III: Die Mauer, wo das Haus stand

Der Gasthausbesitzer als frommer Spender

Sie ist ein schönes Exemplar einer typischen böhmischen Dorfkirche im Stile des Barock: Die Kirche der Verkündigung des Herrn (Kostel Zvěstování Páně) im kleinen Ort Úvaly – etwa 15 Kilometer von der Innenstadt Prags entfernt.

Sie liegt direkt am schönen grünen Ufer des kleinen Flusses Výmola, der von hier träge zur Elbe fließt. Dahinter liegt der Ortskern von Úvaly. Die erste urkundliche Erwähnung, dass der Ort eine Pfarre hatte, findet man für das Jahr 1359. Erstmals direkt erwähnt wird sie dann 1385. Es dürfte sich dabei um ein gotisches Gebäude gehandelt haben. Anfang des 15. Jahrhunderts diente sie wohl gemäßigten Hussiten, den Utraquisten, als Gotteshaus. Mit der Niederlage der Protestanten bei der Schlacht am Weißen Berg gegen die katholischen Habsburger im Jahre 1620 wurde die Kirche allerdings wieder das, was sie seither ist: eine katholische Gemeindekirche.

Und zu dieser Zeit begann das, was man Gegenreformation nennt, und was sich in der Architektur bei Kirchen meist in üppigem Barock niederschlug. Und so wurde die gotische Kirche in eine barocke umgewandelt, was 1724 abgeschlossen war. Auch spätere Renovierungen – etwa in den 1920er und in den 1970er Jahren – haben daran nichts geändert.

Auf dem Rasen vor der Kirche steht eine auf einem Sockel befindliche Statue des Heiligen Nepomuk, dessen Kult als „Nationalheiliger“ in Böhmen auch eng mit der Gegenreformation verbunden ist. Nepomuk ist, weil er 1393 den Märtyrertod fand als er die Karlsbrücke hinuntergeworfen wurde, der Parton der Brücken. Möglicherweise entstand die Statue schon im Jahr 1701 und war wohl das Werk des berühmten Bildhauers Johann Brokoff, der schon 1683 die Nepomukstatue auf der Prager Karlsbrücke erschaffen hatte. Beide Statuen wurden somit vor der Heiligsprechung des als Patron der Brücken im Jahre 1729 aufgestellt – ein Indiz dafür, dass damals der Nepomuk-Kult bereits erkennbar in der Luft lag.

Brokoff war nicht der einzige prominente Bildhauer aus Prag, der hier wirkte. Úvaly liegt eben doch schon im Einzugsbereich von Prag. Das erkennt man am Inneren, das von einem wunderschönen hölzernen Hauptaltar geprägt ist. An den Seiten des Altarbildes stehen die Statuen des Heiligen Joachim und des Heiligen Josef. Sie stammen beide als der Schule des Bildhauers Matthias Bernhard Braun, der – wie Brokoff – ebenfalls zahlreiche Statuen auf der Karlsbrücke geschaffen hatte, etwa von der Heiligen Ludmilla. Entstanden sind die beiden Skulpturen um 1720.

Das Altarbild selbst, das sich zwischen zwei typisch barocken gedrehten Säulen befindet, zeigt die Verkündigung des Herrn (Annuntio) nach dem Lukas-Evangelium 1,26ff. Die biblische Szene gab der Kirche den namen und ist deshalb hier an so prominenter Stelle. Auf der Rückseite des Altars soll sich eine Inschrift befinden, die besagt, dass der Altar mit Gemälde 1720 vom damaligen Gemeindevorsteher Úvalys, Jiří Doubrava, gespendet worden war. Der war nicht nur ein frommer Spender, sondern betrieb damals auch die örtliche Gaststätte U Bílého lva (Zum Weißen Löwen), in der sich heute noch ein Hotel befindet. (DD)

Neorenaissance und Werbung

Für das erste Kaufhaus in Prag war nichts zu teuer. Selbst in der Luxusmeile, in der sich das Gebäude befindet, ragt es heraus, was die Opulenz der Fassadengestaltung angeht. Die Rede ist vom Kaufhaus Haas (obchodní dům Haas) in der Na příkopě 847/4 nahe des Wenzelsplatzes.

Die Fassade ist auch immer ein Stück Werbung für das Kaufhaus, dachte sich wohl der dänisch-österreichische Architekt Theofil Hansen, als er die Entwürfe für das Gebäude anfertigte, das dann in den Jahren 1869 bis 1871 von den Architekten und Bauunternehmern Alfred Kirpal und Aleš Linsbauer fertiggestellt wurde. Auftraggeber war die 1810 gegründete und auf die Produktion von Teppichen und Möbelbezügen spezialisierte Firma Philipp Haas & Söhne, die Anfang der 1860er Jahre Filialen in ganz Mitteleuropa neue Filialen eröffnete, so in Preßburg (heute Bratislava) und in Budapest und so auch in Prag.

Hansens Entwurf gliederte, wie man oben im großen Bild sieht, die Werbung für die Firma geschickt in die dem Stil der italienischen Spätrenaissance nachempfundene Architektur des Hauses. In dieser Weise war man übrigensauch schon 1866 beim Haupthaus in Wien verfahren. Die in einem Wappen präsentierten Buchstaben des Firmennamens (H-A-S) sind wundervoll historisierend von zwei Greifen aus der antiken Fabelwelt eingerahmt. Anspielungen auf den Namen finden sich auch auf den Sockeln unterhalb der großen Säulen auf Höhe des ersten Stocks. Die antikisierende Ästhetik darf einen aber nicht vergessen lassen, dass es sich bei dem Haus um eine moderne Stahlkonstruktion handelte und die Räumlichkeiten innen den Ansprüchen moderner Kaufhausarchitektur genügten.

Die sehr üppige skulpturale Ausstattung ist das Werk des Prager Bildhauers und Steinmetzes Josef Freund, dem man u.a. den hübschen Brunnen auf dem Karlsplatz in der westlich von Prag gelegenen Stadt Kolín verdankt. Besonders beeindruckend sind die vier allegorischen Statuen über den Säulen, die Wissenschaft, Handel, Industrie (kleines Bild rechts) und Kunst (links) darstellen. Hier verbindet sich Kommerz nicht beachtlicher Kultur.

Durch die hohen Säulen, die oben mit Rundbögen abgeschlossen sind, konnte der Architekt die Fassade sehr klassisch und traditionell strukturieren, während drinnen der Verkaufsraum mit genügend natürlichem Licht ausgestattet war. Eine sehr geschickte architektonische Leistung, die dem ästhetischen Geschmack der Zeit ebenso entsprach wie dem damals vorherrschenden wirtschaftlichen Fortschrittsgedanken.

Die Idee, in die Architektur Werbung einfließen zu lassen, war auch ein wenig typisch für die Firma Haas & Söhne, die 1880 zur Aktiengesellschaft umgewandelt wurde (und seit 1982 nicht mehr existiert). Sie galt als Pionierfirma, was die damals recht neuartige und hypermoderne Idee flächendeckender Werbung anging, und fuhr damit lange Zeit wirtschaftlich sehr gut (s. hier ab S.43). Der historistische Baustil – auch ein „werbendes“ Markenzeichen – mag damals zu einer seriösen Außenwirkung für das Unternehmen beigetragen haben (die heute etwas unter der schrilleren Werbung des dort heute residierenden Modeunternehmens leidet). Wir, die Heutigen, sollten froh darum sein, weil das Bleibende des Ganzen ein kunsthistorisch sehr interessantes Gebäude ist. (DD)

Nicht Josef, sondern der Kegel ist Namensgeber

Die Statue des Heiligen Josef mit dem kleinen Jesuskind, dessen (Zieh-) Vater er ist, fällt als erstes auf. Die barocke Statue thront erhaben in einer Ecknische auf Höhe des des ersten Stocks. Zum Namensgeber des Gebäudes hat es der gute Josef trotzdem nicht gebracht.

Denn das ist als Haus zu den Weißen Kegeln (dům U Bílé kuželky) bekannt. Und das kommt nicht von ungefähr. Das zweistöckige Haus in der Míšeňská 66/12 auf der Kleinseite nahe der Karlsbrücke wurde nämlich in den Jahren 1708 bis 1710 als eine Kneipe errichtet, die mit einer großen Kegelbahn ausgestattet war. Das war schon seit dem Mittelalter in Prag so etwas wie ein Volkssport. Erbaut wurde es nach den Plänen des bekannten Architekten Christoph Dientzenhofer, den wir schon u.a. hier und hier erwähnten für einen gewissen Franz Josef Scheiner, einem Gastwirt, der das Grundstück gekauft hatte. Der Architekt war berühmt und daher möglicherweise teuer. Scheiner zahlte für das Haus rund 4000 Goldmünzen, was so viel war, dass er 1714 das Haus wieder verkaufen musste. Eine Gaststätte (lange Zeit mit Kegelbetrieb) blieb es aber – bis heute. Sie ist bei Touristen in diesem besonders schönen Teil Prags sehr beliebt.

Der Heilige Josef an der Ecke ist ein Werk des berühmten Bildhauers und Schnitzers Ferdinand Geiger (wir erwähnten ihn bereits hier) und war möglicherwesie auch ein kostentreibender Faktor. Aber den Josef musste man wohl deutlich herausstellen, wenn man ausgerechnet an diesem Ort eine Kneipe bauen wollte. Schließlich hatte sich hier zuvor das Gebäude eines aufgelösten Klosters der Kapuziner befunden, das St. Josef hieß. Schaut man sich aber die Rocaille am Fuß des Josefs an, stößt man dort schnell auf den eigentlichen Kern der Sache – einen weißen Kegel. Der ist wohl das eigentliche Hausschild oder Markenzeichen des Gebäudes. Zumindest aber der Namensgeber.

Nicht nur der Josef plus Kegel machen das Haus zu einem Schmückstück des Barock. Man sollte andere Details, wie das hübsche Sandsteinportal, nicht übersehen. Die Fassade ist noch original erhalten. Im Innenbereich – vor allem beim Innenhof – wurden 1864 allerdings einige Renovierungs- und Umbaumaßnahmen im Stil des Klassizismus durchgeführt, die aber gut in den Ursprungsbau eingepasst wurden. 1994 kam es abermals zu kleineren Modernisierungen und einer umfangreicheren Renovierung. Eine Kegelbahn gab es da anscheinend schon seit langem nicht mehr. Am Ende hat vielleicht doch der Heilige Josef über das Kegeln gesiegt. (DD)

Tunnelverwaltung und Geheimtipp für die Freunde des Brutalismus

Direkt vor dem großen Stadion Strahov (Velký strahovský stadion) im Stadtteil Břevnov findet man eines der Meisterwerke der Architektur des Brutalismus in Prag. Es ist das Gebäude der Tunnelverwaltung TSK (Budova správy tunelů TSK) in der Šermířská 2335/11.

Den Tunnel, über den es wacht, sieht man natürlich und naturgemäß nicht, weil er sich tief unter der Erde im Inneren des Berges befindet, auf dem das Gebäude steht. Das kühn mit Rohbeton, emaillierten Kacheln, Aluminiumrahlen und blau/grau getöntem Glas konstruierte Gebäude wurde in den Jahren 1980 bis 1981 nach den Entwürfen des Architekten Jiří Trnka, dem Sohn des ungleich bekannteren gleichnamigen, Malers, Bildhauers und Trickfilmregisseurs, erbaut. Der wiederum ist unter anderem durch den Bau der Metro-Station am Prager Hauptbahnhof bekannt geworden, die im Jahr 1974 eröffnet wurde.

Zu dieser Zeit hatte man mit der Umsetzung des Plans für den Bau des Strahov Tunnels (Strahovský tunel) begonnen, der als schnelle Umfahrungsmöglichkeit die enge Innenstadt vom Autoverkehr entlasten sollte. 1979 hatte man mit einem ersten Erkundungsstollen begonnen und 1985 fingen die eigentlichen Bauarbeiten am Tunnel an. Die dauerten dann bis zum Jahr 1997.

Im Bild links sieht man die Einfahrten des Tunnels für die beiden Fahrtrichtungen von der Smíchover Seite aus. Mit seinen 2004 Meter Länge ist er immer noch der längste seiner Art in ganz Tschechien. Als er geplant wurde, herrschte noch der Kalte Krieg und die Menschen hatten Angst vor dem Atomkrieg. Deshalb bekam der Tunnel so dicke beweglich schließbare Stahltüren für den Notfall, dass er zum Atombunker umfunktioniert werden konnte, der Platz für 15.000 Menschen mit einer maximalen Aufenthaltsdauer von 72 Stunden samt Nahrungs- und Wasserversorgung bietet.

Der atomare Notfall trat gottlob nie ein. Stattdessen wurde der Tunnelverkehr mit immer moderner Videotechnik ordentlich überwacht, die Anlage gut instandgehalten, der Abgasgehalt gemessen und kontrolliert und sowieso alles gut und ordentlich verwaltet. Und das tat man eben in dem schönen brutalistischen Verwaltungsgebäude vor dem Stadion. Hier zog 1980 bereits die Technische Straßenverwaltung (Technická správa komunikací, TSK) der Stadt Prag ein, die damals (genauer: ab 1977) den Prager Verkehrsbetrieben unterstand und heute immer noch hier, aber als stadteigene Aktiengesellschaft (ab 2014) residiert.

Das Verwaltungsgebäude, das von Brutalismus-Kennern manchmal liebevoll Raumschiff (kosmická loď) bezeichnet wird, ist aus vielschichtigen geometrischen Elementen komplex zusammengesetzt. Verschachtelt angesetzte Treppenaufgänge und Ummauerungen tun das Übrige, das Ganze optisch sehr abwechslungsreich erscheinen zu lassen. Da es noch vollumfänglich genutzt wird, bestehen auch keine Pläne, es abzureißen, wie es mit dem recht ähnlich und bedeutsamen Transgas-Gebäude in Vinohrady geschah (wir berichteten hier). Es scheint hier nicht einmal ein Streit darüber zu bestehen, ob man es entweder unter Denkmalschutz stellen oder abreißen soll. Es bleibt einfach, wie es ist.

Das ist gut so, denn letztlich ist das Gebäude ein Teil eines Ensembles, das man nicht zerstören darf. Zu diesem gehören noch zwei kleinere Nebengebäude und vor allem der Ventilationsturm des Tunnels, der neben einigen kleineren Luftschächten für die Belüftung des Tunnels sorgt. Der steht auf dem Vorplatz, den sich das Gebäude und das Stadion teilen. Ganze 48 Meter hoch ist er und drinnen sorgen 11 große Turbinen für die propere Entlüftung des von Abgas geschwängerten Tunnels. Vollendet wurde er schon 1990 und ist in seiner Eleganz seither so etwas wie ein Architekturdenkmal eigener Art geworden. Zusammen mit dem Stadion, das an dieser Seite ebenfalls in den 1970er Jahren brutalistisch umgestaltet wurde, hat man hier an diesem Ort ein Ensemble von Bauten, das als großer Geheimtipp für die wachsende Zahl der Brutalismus-Fans empfohlen werden darf. (DD)

Zwei Spitzenmuseen auf der Burg

Es gibt zwei Museen auf der Prager Burg, die man unbedingt gesehen haben muss: Erstens: Die Schatzkammer des Doms (Svatovítský poklad, was eigentlich so viel bedeutet wie: Der Schatz des Heiligen Veit). Zweitens: Die Dauerausstellung Die Geschichte der Prager Burg (Příběh Pražského hradu).

Nur schade für denjenigen, der darüber einen Beitrag schreiben will, dass drinnen das Photographieren strikt verboten ist. Aber die Tatsache, dass das Photoangebot dieses Beitrags suboptimal ist, sollte vielleicht gerade den Leser animieren, die beiden Museen zu besuchen. Beginnen wir mit der Schatzkammer. Die befindet sich auf dem zweiten Burghof in der barocken Kapelle des Heiligen Kreuzes (Kaple svatého Kříže), die in den Jahren 1756 bis 1767 vom Architekten Anselmo Lurago (über den wir u.a. hier und hier berichteten) an der Stelle gebaut, wo sich im Mittelalter die Krönungsküche Karls IV. befand. In den Jahren 1852 bis 1856 wurde sie im Stil des Klassizismus umgebaut, der das Äußere noch heute prägt. Dabei wurden 1854 die im Bild links zu sehenden Statuen des Heiligen Nepomuk (links) und des Heiligen Petrus (rechts) in Nischen der Fassade angebracht, die ein Werk des Bildhauers Emanuel Max sind. Zwischen 1918 und 1924 gestaltete der Dombaumeister Kamil Hilbert (den wir hier erwähnten) das Innere im historistischen (neo-barocken) Stil um.

Als Kapelle fungiert das Gebäude schon länger nicht mehr. Zwischen 1961 und 1989 diente es als Ausstellungsort für den Domschatz – wie heute. 1990 änderte man dies, indem man hier ein Informationszentrum für Besucher einrichtete. Aber seit 2012 befindet sich hier wieder die Domschatzkammer, die für die Öffentlichkeit besichtigt werden kann. Nun ja, der Veitsdom (Katedrála sv. Víta ), über den wir schon hier berichteten, steht schon irgendwie seit dem 10. Jahrhundert hier und bildete stets als Krönungskirche das klerikale Zentrum Böhmens. Ungeheuere Reichtümer wurden hier angehäuft, die selbst durch kleinere Plünderungen – etwa während der Hussitenkriege im 15. Jahrhundert – kaum gravierend gemindert wurden. Die ganze Ausstellung ist eine Studie in kirchlicher Prachtentfaltung. Vom bischöflichen Gewand bis zur goildenen Monstranz – alles, was man in einem solchen Museum erwarten kann, ist hier in Hülle und Fülle. Und auch die Reliquien (die besonders Karl IV. mit Begeisterung sammelte) dürften nicht fehlen. So kann man denn auch den Arm des für den Dom namengebenden Heiligen Veit (auch: Vitus) bewundern. Nur der Arm, aber immerhin… Der restliche Heilige wurde im Mittelalter stückweise auf dem Markt für Reliquien verteilt, so dass man auch außerhalb Prags in vielen Orten Europas Körperteile von ihm bewundern kann (wir bericheten hier). Ein beeindruckendes Stück Geschichte ist es, das man hier sehen kann.

Das gilt genauso, wenn nicht noch mehr für die Dauerausstellung über die Geschichte der Burg. Sie befindet sich in den Kellergewölben unterhalb des Alten Königspalasts in der Burg (unser Bericht hier). Sie wurde im Jahr 2004 hier eröffnet und ist somit museumsdidaktisch auf neuem Stand. Die Tatsache, dass man sich in mittelalterlichen Gewölben befindet, und dass man darunter (heute sichtbar freigelegt!) archäologische Reste der ersten steineren Burg aus dem 10. Jahrhundert sehen und bewundern kann, trägt zu einer authentischen Atmosphäre bei.

Unterstützt von multimedialer Technik erfährt man hier alles über Entstehung und Entwicklung der Burg, aber auch über Einzelaspekte der Geschichte. Dazu gehört die Baugeschichte bis ins 20. Jahrhundert. Wer weiß zum Beispiel, dass der erste Präsident der Tschechoslowakischen Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, auf dem Burggelände eine Tankstelle für seinen Dienstwagen bauen ließ, die aber zur Freude der Denkmalschützer inzwischen wieder verschwunden ist. Andere Aspekte beziehen sich auf Heilige Patrone, Wohnkultur oder Tafelfreuden in der Burg. Der sensationellste Teil hat etwas mit den Königsgräbern des Veitsdoms zu tun, die inzwischen exhumiert und erforscht sind. Dabei hat man die Grabgewänder der böhmischen Königinnen und Könige gebirgen. Und so kann man in der Ausstellung eine der weltweit wohl großartigsten Sammlungen originaler mittelalterlicher Textilien bewundern! Sensationell! Daneben fand man in den Gräbern noch andere Preziosen. Etwa die Grabkrone von König König Otakar II., der beinahe deutscher Kaiser geworden wäre, und später (genauer: 1278) im Kampf gegen seinen Rivalen Rudolf von Habsburg in der Schlacht auf dem Marchfeld fiel. Wie die aussieht, kann man gottlob photographisch erfassen, da sie die Fenster neben dem Eingang als Bild schmückt (Bild oberhalb rechts).

Wichtig – gerade bei diesem Museum: Man sollte sich viel Zeit nehmen für den Besuch! Und sich ein vorher ein wenig in die böhmische Geschichte einlesen, da man hier schon mit recht viel Information konfrontiert wird, die nicht jedermann in den richtigen historischen Kontext stellen kann. Man kann die Ausstellung aber auch bei einem ersten Besuch ein wenig auf sich wirken lassen, um dann den ausgezeichneten und ausführlichen Katalog zur Ausstellung zu studieren. Und dann noch einmal die Ausstellung besuchern. Kann man sowieso nicht oft genug tun. Denn zusammen mit dem Domschatz handelt es sich um das beste Geschichtsmuseum, das man in Prag finden kann. (DD)

Jugendstil im Dienst der Gesundheit

Etwas verloren neben einer Baulücke und einem nicht sonderlich schön ausgestalteten kleinen Park befindet es sich: Das Haus in der Moskevská 77/4 (Ecke Krymská) im Stadtteil Vršovice.

Dabei handelt es sich durchaus um ein kleines architektonisches Juwel. Das dreistöckige Gebäude mit seinem keilförmigen Grundriss wurde in den Jahren 1909/10 gebaut. Der Entwurf für das Haus stammt nämlich von dem berühmten Architekten Osvald Polívka (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier und hier), der zu den Großmeistern des Jugendstil in Prag gehört. Das Gebäude ist ein typisches Beispiel für die Spätphase des Jugendstils, dem geometrischen Jugendstil. Es wirkt weniger opulent und überbordend gestaltet als es beim Frühwerk Polívkas (das man meist dem üppigeren floralen Jugenstil zurechnete) der Fall war.

Trotzdem ist das Haus, dessen obere Stockwerke Mietwohnungen enthalten, mit sehr ansprechender Ornamentik ausgeschmückt. Die kommt gut zum Tragen, weil das Haus im Jahr 2016 gründlich renoviert wurde, was man der Fassade aniseht. Frühere Renovierungen und Umbauten, die aber den Grundcharakter des Gebäudes nicht veränderten, gab es übrigens schon 1935 und in noch einmal den 1980er Jahren.

Die Fassaden-Ornamentik greift vor allem Motive aus der klassischen griechischen Mythologie auf. Dabei ragen zwei, sich auf Höhe des ersten Stockwerks befindliche Medaillons aus Stuck hervor. Eines davon zeigt keinen geringeren als Asklepios (oft auch: Äskulap), den griechischen Gott der Heilkunst mit seinem schlangenumwobenen Äskulapstab. Dass sich die Schlange durchHäutung verjüngen kann und ihrem Fleisch damals Heilkräfte nachgesagt wurden, machte sie bis heute zum Symbol für Heilkunde (und zum Logo der Apotheker weltweit). Man sieht Gott Asklepios auf dem kleinen Bild links, wie er gerade hockend einige nützliche Heilkräuter von einem Strauch pflückt.

Ein zweites Medaillon zeigt uns Hygieia (wir sehen sie im großen Bild oben), die Tochter des Asklepios und Göttin der Gesundheit, die als Schutzpatronin der Apotheker gilt. Unser Wort „Hygiene“ leitet sich übrigens von ihrem Namen ab. Ein wenig erinnert einen die Darstellung an das alte bundesdeutsche Fünfzig-Pfennig-Stück. Aber das ist Zufall. Kurz: Irgendwie dreht sich hier bei den Stuckornamenten alles um Medizin oder Pharmazie. Man hat richtig getippt, wenn man deshalb vermutet, dass sich im Erdgeschoss ursprünglich eine Apotheke befand. Tatsächlich wurde das Gebäude damals von Polívka im Auftrag eines gewissen K. Fried (mehr war über ihn nicht zu erfahren) gebaut, der hier seine Apotheke betrieb. Das Haus ist seither dem Dienst an der Gesundheit treu geblieben, denn heute residiert im Erdgeschoss ein Optikergeschäft. (DD)

Die Gifthütte – ein Ort der Legenden

Das 1932/33 im damals hochaktuellen Stil des Funktionalismus von Architekt Josef Kalous – immerhin der Erbauer der berühmten Messehalle in Brno – erbaute dreistöckige Wohnhaus in der Apolinářská 445/6 (Prag 2) mag nicht besonders spektakulär aussehen. Aber Geschichte dahinter ist es schon.

Denn hier stand dereinst die Jedová Chýše – die Gifthütte! Das war ein Ort, um den sich schaurige Mythen rankten. Die Gifthütte, das war eine Taverne mit üblem Ruf, deren Ursprünge sich in den Untiefen des Mittelalters verlieren. Beten macht Durst und so wurde die Kneipe wohl schon um 1362 eröffnet, als direkt in der Nachbarschaft die Kirche St. Apollinaris (Kostel svatého Apolináře) erbaut wurde. Und schon damals verbreiteten sich Geschichten um sie, dass in der Umgebung auffallend viele Morde und Überfälle stattfanden. Noch im 16. Jahrhundert soll der berühmte Golem des Rabbi Löw hier Bösewichte bestraft haben.

Eine von den vielen Sagen und Mythen der Zeit mag der Gifthütte den Namen gegeben haben. Wenn es denn stimmt. Jedenfalls besagt eine Legende, dass Anfang des 15. Jahrhunderts König Wenzel IV. als „normaler“ Bürger verkleidet in dieser Taverne einkehrte, die damals noch ganz unschuldig Na vinici (Zum Weinberg) hieß. Dort erkannte er zwei Übeltäter, die ihn vor einiger Zeit mit einem Gift umbringen wollten. Während die beiden bei einem Tanz abgelenkt waren, befahl der König seinem Henker, ihnen Gift in den Wein zu geben. Die beiden tranken den Wein und verendeten qualvoll. Seither, so heißt es, habe die Taverne Gifthütte geheißen. Es gibt aber auch andere (glaubwürdigere) Mutmaßungen über den Ursprung des Namens. Im 19. Jahrhundert wurden in der unmittelbaren Umgebung etliche Gebäude der Medizinischen Fakultät der Karlsuniversität erbaut. Danach kehrten hier gerne Medizinstudenten ein, die im Ruf standen, mit allerlei Giften zu hantieren. Aber das ist natürlich keine so schöne Legende, wie die mit dem alten König Wenzel.

Auf jeden Fall war zu diesem Zeitpunkt die Jedová Chýse eine wüste Kneipe. Im späten 19. Jahrhundert kam es immer wieder zu Schlägereien zwischen tschechischen und deutschen Studenten – ein böses Omen für die kommenden Übel des Nationalismus. Es heißt, der Wirt habe Angst gehabt, dass ihm ständig Besteck gestohlen werde. Deshalb aßen die Gäste gemeinsam Suppe aus einer im Holztisch eingekerbten Mulde und die billigen Holzlöffel waren am Tisch angekettet. Nach heutigen Standards eine etwas unhygienische Angelegenheit… In diesen Zeiten war aber die Gifthütte bereits die älteste Kneipe Prags und eine Legende, die immer neue Legenden gebahr. Etwa die, dass sich hier Mathieu Dreyfuss versteckt hielt, der Bruder des berühmten französischen Offiziers Alfred Dreyfus, der in Frankreich aufgrund von gefälschten Beweisen und einer großen Dosis Antisemitismus zu Unrecht wegen Landesverrat in den Kerker gesteckt worden war (Dreyfuss Affaire). Dass Mathieu Dreyfuss, der in Frankreich eine energische Kampagne zur Freilassung seines Bruders lancierte, tatsächlich zu dieser Zeit in Prag war, kann allerdings herzhaft bezweifelt werden.

Der Status, ein wahrer Mythos unter den Prager Schänken zu sein, erwies sich aber am Ende als geringer Schutz für die Gifthütte. Im Jahre 1926 erlebte sie noch einmal einen neuen Höhepunkt, als etliche Szenen der ersten Verfilmung des berühmten Romans vom guten Soldaten Schwejk (Dobrý voják Švejk), die sogar noch ein Stummfilm war (Filmausschnitt hier), hier gedreht wurden. Noch in den 1970er Jahren tauchte die Gifthütte in den Kriminalgeschichten von Jiří Marek, die in den 1920er Jahren spielen, immer wieder als Ganoventreff auf (etwa in der Sammlung Panoptikum sündiger Leute, 1974). Aber da war die Gifthütte bereits Vergangenheit. Im Jahre 1927 kaufte der Mediziner Professor Antonín Heveroch, ein berühmter Psychater und Neurologe, das Gebäude, um hier ein zusätzliches Klinikgebäude zu erbauen. Kurz vor Kaufabschluss warnte man ihn, dass das Haus verflucht sei. Er schlug die Warnung in den Wind und kurz darauf verstarb er plötzlich und unerwartet. Nun ja. Aus dem Klinikplan wurde nichts. Stattdessen entstand das von Kalous gebaute funktionalistische Mietshaus. Das sieht, wie gesagt, unspektakulär aus. Das passt. Denn die Umgebung gilt heute wegen ihrer ruhigen Lage eine der besseren und teuereren Wohngegenden Prags. Damit zog eine gewisse gepflegte Langeweile im Umfeld ein. Die turbulente Welt der Gifthütte ist unwiderbringlich passé. (DD)

Kafkas Wohnung und amerikanische Botschaft

Monarchie und Republik in seltener Eintracht: Die Flagge der USA unter dem Wappenlöwen des Königreiches Böhmen samt Krone obendrauf! Dieser Widerspruch, mit dem man hier offensichtlich gut leben kann, ist der Preis dafür, wenn man sich in Prag für eine wichtige Botschaft ein angemessenes Gebäude sucht.

Denn bei der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in Prag handelt es sich um den bedeutenden Schönborn Palast (Schönbornský Palác) in der Tržiště 365/15 auf der Kleinseite. Der Palast, der zu den größeren der an Palästen reichen Umgebung gehört, wurde um 1643 bis 1653 für Rudolf Hieronymus Eusebius Reichsgraf von Colloredo-Waldsee gebaut, und zwar durch den eher als Festungsbauer bekannten Architekten Giovanni Pieroni da Galiano. Der Graf hatte 1648 sich als kaiserlicher Gouverneur von Prag um die Verteidigung der Stadt bei der Belagerung Prags durch die Schweden im Dreissigjährigen Krieg verdient gemacht.

Auf dem Grundstück hatten sich zuvor fünf größere Renaissance-Häuser (von denen man bei einer Renovierung 2000/2001 etliche Fragmente fand) befunden. Das erklärt gleichermaßen, warum der neue Palast so groß angelegt werden konnte, und warum der Grundriss des Gebäudes so unregelmäßig ist. Das alles kann man übrigens sehr schön vom Petřín-Berg aus sehen, an dessen Hang sich das Grundstück befindet. Auch erkennt man das große ummauerte Gartengelände, das sich auf dem Areal eines ehemaligen Weinberg befindet.

Ein Nachfahre von Reichsgraf Rudolf, Hieronymus Graf von Colloredo-Waldsee, ließ in den Jahren 1715 bis 1718 den Palast modernisieren und umbauen. Er heuerte dafür mit Giovanni Battista Alliprandi und Johann Blasius Santini-Aichl zwei der bedeutendsten Architekten des Hochbarock an. Das (heute leider nicht zugängliche) Innere wurde durch reiche Stuckaturen, die teilweise noch existieren, ausgeschmückt, und die Fassade zur Straße bekam jene prachtvolle Ausstattung, die wir heute bewundern können. Der palast wechselt bald darauf in schneller Folge die Besitzer, bis er im Jahre 1794 zum Eigentum der Adelsfamile Schönborn wurde, wodurch er seinen heutigen Namen erhielt. Der Erhalt eines so großen Palastes verschlingt bekanntlich viel Geld. Im Jahre 1910 beschloss die Familie, dass man zum Erhalt auch Geld verdienen müsse, und deshalb ein Großteil der Räume als Wohnraum vermietet werden solle.

Dadurch wurde das Wohnen im Palast auch für Menschen mit kleinem Geldbeutel erschwinglich. Und genau deshalb kann sich der Palast heute rühmen, dass kein Geringerer als der Schriftsteller Franz Kafka hier eine zeitlang lebte. Der fand ja normalerweise die meisten Orte, in denen er wohnte, deprimierend. Aber hier geriet er in ungewöhnlicher Weise ins Schwelgen. So schrieb er 1917 in einem Brief an seine Verlobte Felice Bauer: „Ich betrat die Immobilienagentur, wo man mir fast sofort von einer Wohnung in einem der schönsten Paläste erzählte. Zwei Zimmer, ein Flur, von dem die eine Hälfte zu einem Badezimmer umgebaut wurde. Sechshundert Kronen im Jahr. Es war wie ein wahr gewordener Traum. Ich bin dort hingegangen. Zimmer groß und schön, rot und gold, fast wie in Versailles. Vier Fenster zu einem ruhigen, versteckten Innenhof, ein Fenster zum Garten. Was für Gärten!“ Aber am Ende erwies sich Ort doch nicht als ein echtes Glücksomen. Hier, in den ungeheizten Räumen, bekam er erstmals einen Blutsturz, der den Beginn einer schweren (und damals unheilbaren) Tuberkulose markierte. Nach kurzer Zeit zog er wieder aus und verbrachte danach die meiste Zeit in Sanatorien. Zu allem Überdruß zog er sich im Herbst 1918 die Spanischen Grippe zu. 1924 starb er in einem österreichischen Sanatorium.

Aber: Der kurze Aufenthalt hier macht seither den Palast zu einem der Pilgerorte, die zu sehen kein Kafka-Verehrer verabsäumen darf. Schon zwei Jahre nach dem Aufenthalt Kafkas im Palast verkaufte im Jahr 1919 Karl Johann Graf von Schönborn Palast und Anwesen an den amerikanischen Millionärssohn Richard Teller Crane, der zu dieser Zeit zum ersten US-Botschafter in der neu gegründeten Tschechoslowakei wurde.

Seine Zeit als Botschafter endete 1921 und 1924 bot er der US-Regierung den Palast als Gebäude für eine repräsentative Botschaft und Botschafter-Residenz zugleich an. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude nominell von der neutralen Schweiz verwaltet, aber 1945 kehrte mit Laurence Adolph Steinhardt wieder ein US-Botschafter ein (dem man später vorwarf, diplomatisch zu wenig gegen die kommunistische Machtergreifung 1948 getan zu haben). Der beschloss eine Trennung von Botschaft und Residenz. Für letzteren Zweck ließ er weiter außerhalb 1948 die Villa Otto Petschek (Vila Otto Petschka) kaufen, die seither Residenz ist. Der Schönborn Palast blieb – auch in kommunistischen Zeiten – Botschaft; bis heute. Ein Kuriosum: Während die Stadt Prag es verabsäumt, an den meisten Häusern (mit Ausnahme des Geburtshauses), in denen Kafka gelebt hat, eine Gedenkplakette anzubringen, hat am Schönborn Palast die US-Botschaft auf eigene Initiative (man sieht es am amerikanischen Amtssiegel) eine solche an der Wand zur Straße befestigt!

Die US-Flagge blieb in den finsteren Zeiten des roten Terrors ein Freiheitssymbol für viele Bürger der Tschechoslowakei. Um sie weithin sichtbar wehen zu lassen, hisste die Botschaft sie (und tut es bis heute) auf der sogenannten Gloriette. Dieser Gartenpavillon gehörte von Anfang an zum Palast und wurde daher auch nach den Plänen von Giovanni Pieroni da Galiano erbaut. Die Flagge auf dem Bauwerk an der Außenmauer des Grundstücks ist weithin über die riesige Parkanlage am Petřín-Berg. Da sie ja unter diplomatischem Schutz stand, mussten die Regierenden tolerieren, dass die Untertanen sich hier an einem Freiheitssymbol delektieren konnten.

Die Freiheit kam 1989 mit dem Ende des Kommunismus. Dafür wurden die Botschaft und ihr Gebäude immer mehr in ihrer Freiheit beschränkt. Da US-Botschaften leider oft das Ziel terroristischer Angriffe sind, ist es nicht möglich, das Innere im Rahmen einer Führung zu besichtigen. Die Botschaft bedauert das zutiefst. Gerade die Kafka-Zimmer wären sicher eine beliebte Destination für Besucher. Und vor der Botschaft wird die Straße Tržiště ständig bewacht. Es gibt ausfahrbare Poller und jedes Auto, das das Gebäude passieren will, wird von Polizisten kontrolliert.So geht der Öffentlichkeit ein kulturelles Juwel verloren. Hoffen wir, dass irgendwann bessere Zeiten kommen. (DD)

Rilke: Umstritten, doch geehrt

Unter den deutschsprachigen Schriftstellern und Dichtern, die in Prag wirkten, gehört neben Franz Kafka sicherlich Rainer Maria Rilke zu den bedeutendsten. Mit seinen Neuen Gedichten (1907/08), den Duineser Elegien (1922) und zahlreichen andere Werken schuf er eine neue, impressionistische Dichtung, die weit über den engen Bereich der Lyrik das Kulturleben des 20. Jahrhunderts inspirierte, etwa in der Musik (Leonard Bernstein, Paul Hindemith u.v.a. )

Seit dem Juni 2015 gibt es in Prag ein Denkmal für den Dichter, und zwar auf dem Řezáčovo náměstí (Řezáč Platz) im Stadtteil Holešovice. Treibende Kraft war dabei die Europäische R.M. Rilke Stiftung (die ihren Sitz in Tschechien hat) und die dafür den Bildhauer Stanislav Kolíbal gewann. Es handelt sich um einen schlichten mannshohen Steinquader, der mit einem Portrait und Inschriften versehen ist. Es ist kein Zufall, dass dieses Rilke-Denkmal dem ebenfalls quaderförmigen Rilke-Denkmal in Berlin-Wilmersdorf von 2007 zumindest recht vage ähnelt. Das wurde nämlich auch von der Rilke-Stiftung gespendet. Realisiert hat es der tschechische Bildhauer und Architekt Miroslav Vochta.

Aber zurück zum Prager Denkmal: Auf der östlichen dem Platz zugewandten Seite des Quaders findet man ein in rot gehaltenes Bildportrait Rilkes nebst einer kurzen Vita des Dichters in Deutsch und Tschechisch (siehe großes Bild oben). Auf den drei anderen Seiten finden sich aufgeteilt die Schlusszeilen des letzten Verses aus der Neunte Elegie der Duineser Elgien – ebenfalls in Deutsch und Tschechisch:

„Siehe, ich lebe. Woraus? Weder Kindheit noch Zukunft
werden weniger….. Überzähliges Dasein
entspringt mir im Herzen.“

Ursprünglich war als wesentlich prominenterer Standort für das Prager Rilke-Denkmal ein Platz auf dem nahen Letná Park (Letenské sady) vorgesehen, wogegen sich aber etliche national-empörte Anwohner wehrten, weil Rilke ja kein tschechischer, sondern ein deutsch-sprachiger Dichter gewesen sei. Dass Rilke bis zu seinem Tod in einem Schweizer Sanatorium 1926 loyaler tschechoslowakischer Bürger gewesen war, zählte wohl anscheinend nicht. Auch in diesem Land gibt es immer noch viele historische Geisterdebatten.

Am anscheinend liberaleren Řezáčovo náměstí (die Erklärung dafür findet sich hier) fand man einen neuen Standort, wobei man allerdings mit der Idee scheiterte, den Platz gleich auch in Rilke-Platz umzubenennen. Die Ressentiments, die noch aus der Zwischenkriegszeit zu stammen scheinen, waren so stark, dass man vergaß, dass man schon lange mit dem heutigen Namen des Platzes unzufrieden ist, und dass es etliche Anläufe im Stadttrat gab, ihn umzubenennen, wozu die Aufstellung des Rilke-Monuments in der Tat eine gute Gelegenheit gewesen wäre.

Denn der heutige Namensgeber Václav Řezáč war ein kommunistischer Schrifsteller und Journalist, der zunächst im der Partei nahestehenden Syndikat Tschechischer Schriftsteller (Syndikát českých spisovatelů) „Abweichler“ von der stalinistischen reinen Lehre denunzierte und später – nach der Machtergreifung der Kommunisten im Jahre 1948 – den Ausschluss von Nicht-Kommunisten aus den großen, nunmehr gleichgeschalteten Schriftstellerverbänden betrieben hatte. Nicht gerade ein echter Sympathieträger. Er ist am Ende mehr wegen seiner Beteiligung an „Säuberungen“ im Gedächtnis haften geblieben als wegen seiner schriftstellerischen Qualitäten. Obwohl er wohl in den 1920 Jahren kurz für Mussolini schwärmte (was man nicht verschweigen darf), scheint der im Kern unpolitische Rilke doch ein ganzes Stück weniger bedenklich zu sein. Und literarisch bedeutsamer sowieso.

Wer jetzt darob Kulturpessimist wird und meint, die Tschechen wären nicht in der Lage, ihre großen deutschsprachigen Dichter zu preisen, der kann sich vor der Fassade des Gebäudes in der Na Příkopě 856/16 (Neustadt) wieder beruhigen und eines besseren belehren lassen. Dort hängt nämlich schon seit 2011 eine Denkmalstafel mit einer Büste des Dichters – geschaffen von der Bildhauerin Vlasta Prachatická. In dem Gebäude befand sich die vom Orden der Piaristen betriebene Volksschule in der Neustadt, die zur  Kirche zum Heiligen Kreuz (Kostel Svatého Kříže) gehörte (wir berichteten), die Rilke ab 1881 bis 1886 besuchte.

Überhaupt: Die deutschsprachige Vergangenheit wird in letzter Zeit mit doch immer mehr gewürdigt und der Widerstand allmählich schwindet dahin. Vor 20 Jahren wären eine solche Ehrungen für Rilke völlig undenkbar gewesen. Das ist – trotz allen Murrens – nicht mehr so. Die Diskussion wird entspannter. Die Zeit heilt die Narben. Langsam, aber sicher. (DD)