Auf den Spuren der Brüder Čapek I: Das Denkmal in Vinohrady

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Es ist klein, aber auffällig, ihr Denkmal auf dem Náměstí Míru (Friedensplatz) im Stadtteil Vinohrady. Dort, wo sie auch wohnten und wirkten. Und es ist verdient! Denn: Die Brüder Čapek waren die kulturellen Repäsentanten der liberalen Ersten Tschechoslowakischen Republik schlechthin. Deshalb findet man in Prag unzählige Spuren von Karel und Josef – so wie ihre Werke immer noch allgegenwärtig sind im Kulturleben der Stadt und des ganzen Landes.

Karel Čapek ist heutzutage wohl der bekanntere der beiden. Sein Werk war ausgesprochen vielschichtig. Als Regisseur und Dramaturg machte er das Theater von Vinohrady (früherer Beitrag hier) groß. In seinem Theaterstück R.U.R. von 1924 hatte er nebenbei den Begriff „Roboter“ in die Welt gesetzt. 1925 wurde er der erste Vorsitzende des tschechoslowakischen Pen-Clubs. Seine von ihm sehr putzig illustrierte Geschichte Dášeňka, gilt als der Weltklassiker der Hundeliteratur schlechthin. Seine bissige Dystopie Válka s mloky (Der Krieg mit den Molchen) aus dem Jahr 1936 – möglicherweise sein größtes Werk – spiegelt die Stimmung vor der Katastrophe von Krieg und Totalitarismus wieder. Überhaupt waren er und sein Bruder überzeugte Demokraten und äußerten sich dazu auch schriftstellerisch in zahlreichen Essays. Karel war ein Unterstützer von Präsident Masaryk, den er als Garanten einer liberalen Demokratie sah. Das tat er nicht nur als Journalist. Aus langen Gesprächen mit Masaryk destillierte er ein 1928-35 erschienenes dreibändiges Buch unter dem Titel Hovory s T. G. Masarykem (Gespräche mit T.G. Masaryk), eine Art IMG_3656„Autobiographie“ und Lebensphilosophie des intellektuellen Präsidenten – eine beeindruckend packende Art der Darstellung, bei der man manchmal nicht weiß, ob hier nun Masaryk oder Čapek spricht.

Josef Čapek, sein älterer Bruder, gehörte als Maler zu den bedeutendsten Vertretern des Kubismus. Als solcher arbeitete er an den Inszenierungen der Theaterstücke seines Bruders mit und lieferte auch viele Illustrationen zu seinen Büchern. Darüber hinaus schrieb er selbst auch Theaterstücke, Romane und und Kinderbücher. Auch er war ein großer Verfechter der demokratischen Wertte der Ersten Republik und hielt damit auch nicht hinter dem Berg. Das wurde ihm zum Verhängnis. Sein Bruder Karel war 1938 gestorben und musste daher die Besetzung des Landes durch die Nazis im Frühjahr nicht mehr miterleben. Josef wurde als einer der ersten tschechischen Intellektuellen überhaupt von der Gestapo verhaftet. Es begann eine grausame Odyssee durch verschiedene Konzentrationslager bis er Anfang 1945 in Bergen-Belsen starb. Posthum erschien im Jahre 1946 seine unter gefährlichsten Bedingungen geschriebene Gedichtsammlung Básně z koncentračního tabora (Gedichte aus dem Konzentrationslager), in dem er die entwürdigenden Grausamkeiten des KZ-Alltags festhielt.

In kommunistischen Zeiten waren die Werke der Brüder Čapek keine verbannten Werke, aber ihren freiheitlichen republikanischen Geist stellte man nicht allzu sehr heraus. Auch mit Denkmälern hielt man sich zurück. So beschloss die Stadt Prag erst nach dem kommunistischen Spuk im Jahre 1990, den beiden großen Künstlern ein Denkmal genau vor einer ihrer Hauptwirkungsorte aufzustellen, dem Vinohrady Theater. Beauftragt wurde der Zeichner und Bildhauer Pavel Opočensky, der es 1993 fertigstellte. Aufgestellt wurde es 1995. Er sei besessen von der Geometrie, hat der Künstler einmal gesagt, und entsprechend handelt es sich bei dem Denkmal um einen einen hochkant aufgestellten IMG_3657Granitquader, der grob behauen ist, aber seine klare geometrische Gestalt erkennen lässt. Auf den beiden gegenüberliegenden großen Seitenflächen hat der Künstler jeweils die Namen der beiden Brüdern mit großen Bohrlöchern geschrieben wurden. Einige der Bohrlöcher gehen durch den ganzen Stein, sodass man bei einigen, die dann Bestandteil beider Namen sind, hindurchsehen kann (auf dem großen Bild oben sieht man beide Seiten nebeneinander). Dahinter mag die Idee stecken, dass die beiden Brüder so viel gemeinsam hatten und gemeinsam wirkten, aber auch unterschiedlich waren. Das ist recht geschickt gemacht. Auf einer der Kantenseiten sind die Lebensdaten der beiden Brüder in kleiner Schrift – ebenfalls mit kleinen Bohrlöchern – angebracht.  Der Platz mit der schönen Aussicht auf das Theater hätte ihnen gefallen. (DD)

Krippenvielfalt

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Kleiner Tipp für die Adventszeit: Wer sich die Zeit nimmt, Karlštejn zu besuchen, sollte nicht nur die Burg selbst besichtigen. Unten im Dorf gibt es eine der schönsten Weihnachtssehenswürdigkeiten überhaupt zu sehen: Das Krippenmuseum! Auf IMG_9401kleinstem Raum findet sich in Hülle und Fülle alles, was die Krippenkunst im Lande so hervorgebracht hat.

1995 wurde das Privatmuseum von der Sammlerin Romana Trešlová in einem der kleinen alten mittelalterlichen Häuser am Fuße der Burg eröffnet. Drinnen findet man rare Stücke aus ganz Tschechien und vielen Jahrhunderten – vom Barock (großes Bild oben) bis zur Jetztzeit (links). Und eins ist entzückender als das andere!

Auffallend ist auch die Liebe zum Detail. Manche Krippen muten wie Wimmelbilder an – so viele verschiedene Figuren sind dort untergebracht, wovon definitiv nicht alle so ganz exakt der biblischen IMG_9403Überlieferung entstammen. Besonders putzig fanden wir das eilig gen Betlehem und zum Jesuskind laufende kleine Osterhasenpaar (rechts) in einer der moderneren Krippen. Zumindest bei Krippen besteht zwischen Frömmigkeit und Humor kein Widerspruch.

Jedenfalls gibt es hier Krippen, bei denen man eigentlich Stunden verbringen könnte, um jede der liebevollen Einzelheiten zu entdecken.

IMG_9399Ja, und dann ist da noch die Vielfalt der verwendeten Materialien. Es gibt nicht nur Holz und Gips, sondern auch ganz traditionelles böhmisches Glas.

Ein ganz besonders typische tschechische Spezialität sind aber die Krippen aus einem sehr vergänglichen Material. Im Museum wird nämlich auch noch selbst gebacken, und zwar Lebkuchen nach Pardubicer Art (die Stadt ist die Hochburg der tschechischen Weihnachtsbäckerei). Und aus dem Lebkuchen werden im Museum nun wiederum Krippen gebastelt. Nicht irgendwelche Kleinkonstruktionen, sondern IMG_9380große Ensembles. Wirklich beeindruckend war etwa eine Krippenlandschaft mit einem Modell von Burg Karlštejn, vor dessen Mauern Josef, Maria und das Christkind in ihrer Krippe die Hirten und die Drei Könige empfangen (rechts).

Wer neben dem Kunstempfinden fürs Auge nun auch Appetitgefühle entwickelt, der kann übrigens im Museumsshop kleine Kostproben der Lebkuchen erwerben …

Nun aber zur größten Attraktion des Museums: Die größte bewegliche Krippe Tschechiens. Sie füllt mit rund 80 Quadratmetern den gesamten Dachstuhl aus. Auch hier steht die Krippe wieder unter Burg Karlštejn – wie die Krippenkünstler überhaupt suggerieren, dass die Geburt des Herren wohl eher hierzulande stattgefunden haben muss. Nicht mehr die Drei Könige aus dem Morgenland marschieren hier (mit Hilfe eines Laufbandes) mit Gaben vor IMG_9392dem Christkind auf, sondern berühmte böhmische/tschechische Regierende von Karl IV. über Masaryk hin zu Václav Havel.

Und über der Szenerie und vor der Burg fechten zwei immer wieder krachend ineinander reitende Ritter ein Turnier aus (links).

Beindruckt schaut man sich noch das kleine Weinmuseum im Keller an (schon Karl IV. ließ bei Karlštejn Weinberge anlegen) und verlässt das Gebäude (mit Umweg über den Souvenirshop) in dem Gefühl, etwas ganz besonders IMG_9378gesehen zu haben. Weil es soviele liebevoll und ideenreich gestaltete Dinge in diesem kleinen Museum zu sehen gibt, haben wir uns auf jeden Fall vorgenommen, es uns beim nächsten Besuch in Karlštejn noch einmal genauer anzuschauen.

Prag ist schließlich nicht weit entfernt und man muss auch nicht bis zum Advent warten. Das Krippenmuseum ist – wie es sich gehört – in der Adventszeit (also im Dezember) und der Hochsaison (Juli/August) jeden Tag geöffnet. Während des Rests des des Jahres ist es aber nicht geschlossen, pflegt aber den traditionellen Montag als Ruhetag. Von Januar bis März ist es leider nur am Wochenende geöffnet. Immerhin: Weihnachtsstimmung kann man hier also das ganze Jahr genießen. (DD)

Havlíček – vor den Nazis versteckt

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Karel Havlíček, der sich nach seinem Geburtsort Borová später Karel Havlíček Borovský nannte, war so etwas wie der große Star-Publizist der Tschechen im 19. Jahrhundert. Als Rebell gegen das Habsburgertum und für die Freiheit Böhmens genießt er bis heute Kultstatus. In jeder tschechischen Stadt gibt es Denkmäler oder Gedenkplaketten zu seinen Ehren – in Prag sind es geradezu unzählige. Das größte Denkmal steht auf dem nach ihm benannten náměstí (Havlíček Platz) im Stadtteil Žižkov. Dort weist er mit erhobenem Finger und wildem Haarstil der Nation den Weg.

IMG_4208Havlíček Borovský war in vieler Hinsicht der Repräsentant des liberalen Nationalismus in Böhmen der Zeit der 1848er Revolution schlechthin. Sein Panslawismus hatte Grenzen, wenn er liberale Werte gefährdete. Deshalb kam ein Bündnis mit dem autoritären russischen Zarenreich (für viele Panslawisten die naheliegende Lösung) nicht in Frage, lieber hoffte er auf Veränderungen im Habsburgerreich, die den Tschechen weitgehende Autonomie ermöglichten. Seine patriotische Gesinnung würzte er noch mit klaren und für die damalige Zeit recht radikalen liberalen und demokratischen Botschaften. Sein Tätigkeitsfeld war dabei primär der Journalismus. 1846 wurde er Chefredakteur der Pražské noviny (Prager Zeitung) bis er 1848 seine eigene Zeitung Národní noviny (Nationale Zeitung) gründete. Gleichzeitig engagierte er sich politisch und wurde während der Revolution österreichischer Reichstagsabgordneter. Die Revoltion wurde niedergeschlagen und die heftige und oft bissige Kritik an den Verhältnissen, die Borovský äußerte, wurde von den Machthabern zunehmend als gefährlich erachtet. Dazu kam der enorme Erfolg zahlreicher Bücher, die  – manchmal als Märchen getarnt – dem Habsburgertum den satirischen Spiegel vorhielten, wie z.B. die immer noch beliebte Geschichte von Král Lávra (Der König mit den Eselsohren) von 1854, die 1950 entzückend von Karel Zeman (siehe hier) verfilmt wurde.

Irgendwann hatten die Behörden genug und Borovský wurde 1850 aus Prag verbannt, was ihn aber nicht hinderte, vom nahen Kutná Hora aus weiter wider den Stachel zu IMG_3580löcken. 1851 verbannte man ihn darob in ein deutlich weiter entferntes Exil, nämlich nach Brixen in Südtirol. Dort wurde er zwar einigermaßen menschlich behandelt, aber die Ferne von seinem angestammt Aktionsfeld machte ihm zu schaffen und er litt an Depressionen. Dann erkrankte er an Tuberkulose (damals ein Todesurteil). Die Behörden hatten ein Erbarmen und ließen den Erkrankten 1855 wieder nach Prag zurückkehren, wo er im Sommer 1856 im Hause seines Schwagers František Jaroš starb. Dort  wurde schon bald nach seinem Tode eine hübsche Plakette zu seinem Gedenken angebracht. Es steht in der Havlíčkova 1029/3 direkt gegenüber dem Masaryk Bahnhof (früherer Beitrag hier)

Zurück zu der Statue auf dem Havlíček Platz in Žižkov: Die ist ein Werk des Bildhauers Josef Strachovský. und wurde im Mai 1911 eingeweiht. Es ist nicht das Original im eigentlichen Sinne, denn schon 1883 hatte IMG_4206Strachovský das gleiche Denkmal in Kutná Hora aufgestellt. Überhaupt erfreute sich dieses Werk ungeheurer Beliebtheit, denn neben Prag stellte man auch auch in Havlíčkův BrodVysoké nad Jizerou und sogar in Chicago (wo sehr viele Exiltschechen lebten) Kopien dieses Denkmals auf.

Auch wenn es, so gesehen, kein Original ist, was man nun in Prag bestaunen kann, so liegt es den Menschen dort trotzdem am Herzen, denn sie wissen, was ihnen der große Karel Havlíček Borovský bedeutet. Deswegen haben sie auch alles getan, um das Denkmal zu schützen als die Nazis 1939 einmarschierten. Die schmolzen nämlich mit Vorliebe Denkmäler von tschechischen Freiheitshelden ein. Deshalb trugen Mitglieder des tschechoslowakischen Untergrunds in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Statue ab und versteckten sie sorgfältig in einem Schuppen in Holešovice. Nachdem die Nazis geschlagen und abgezogen waren, holte man sie wieder aus dem Versteck. Im Juli 1946 wurde sie feierlich wiedererrichtet. Und so kann man sie heute auch weiterhin besichtigen. (DD)

Turm nach Mocker-Art

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Keine Frage: Der Pulverturm (Prašná brána) ist das eindrucksvollste Stadttor Prags und zugleich eines der schönsten Meisterwerke der Spätgotik in der Stadt. Durch sein Tor führten dereinst im Mittelalter die Krönungsprozessionen der böhmischen Könige. IMG_3563Erbaut wurde er 1475 anstelle eines kleineren Wehrturms aus dem frühen 13. Jahrhundert, der zu diesem Zeitpunkt völlig verfallen war. Mit dem Bau des deshalb zunächst Neuer Turm (Nová věž) genannten Gebäudes beauftragte König Vladislav II. Jagiello den Baumeister und Steinmetz Matěj Rejsek. Er markiert die Grenze der Altstadt zur Neustadt und liegt (von der Altstadt gesehen) am Ende der Celetná.

IMG_3565Zum Namen Pulverturm kam er erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Da wurde er zu einem Pulverlager umfunktioniert. Für die Preußen, die im Zuge des Siebenjährigen Kriegs 1757 Prag unter Artilleriebeschuss nahmen, mag er dadurch zum strategischen Ziel geworden zu sein. Jedenfalls wurde der Turm arg beschädigt und dem Verfall überlassen. 1799 entfernte man, um „Steinschlag“ zu verhindern, die meisten Ornamente und Skulpturen an der Außenseite.

Der Jammer hatte ein Ende als man den Neogotik-Spezialisten unter den Prager Architekten, Josef Mocker (siehe  u.a. diesen früheren Beitrag) damit beauftragte, den Bau gründlich zu renovieren, was dieser in den Jahren 1875–1886 auch tat. Mocker IMG_3567war ein Bewunderer der Architektur der Zeit Karls IV., weshalb seine Turmkonstruktionen grundsätzlich immer ein wenig aussahen wie der Altstädter Turm an der Karlsbrücke. Das erkennt man an dem großen Walmdachaufsatz mit den vier kleinen Ecktürmchen. Durch die Dachkonstruktion wurde der Turm viel höher als er es ursprünglich gewesen waren. Ob diese Veränderung heute den Test des Denkmalschutzes bestanden hätte? Die Frage ist heute müßig. Auf jeden Fall ist der Turm dank Mocker richtig bombastisch geworden. Satte 65 Meter ist er nun hoch. Der Wandelgang für die eine atemberaubende Aussicht suchenden Touristen liegt immerhin in 44 Meter Höhe, wofür immerhin 186 Stufen bewältigt werden müssen (nach Zahlung eines kleinen Eintrittsgeldes). IMG_3566Josef Mocker hat sich und der Neogotik jedenfalls mit diesem Turm ein großes Denkmal gesetzt.

Mocker sorgte auch dafür, dass die gotische Ornamentik und ihr Skulpturenreichtum durch Renovation und vor allem durch eigene Nachempfindung wieder zu ihrem Recht kam. Unzählige Heiligenfiguren und (golden) beflügelte Engel schmücken die Fassaden ebenso wie das Stadtwappen Prags (rechts).

Es lohnt sich, sich die opulente Außengestaltung einfach einmal länger und näher anzuschauen, IMG_3568weil man auch (ganz im Sinne der Gotik) viele skurrile Details findet, meist Darstellungen der mittelalterlichen Baumeister. Und an der zum Gemeindehaus gerichteten Seit sieht man ebenfalls noch den kleinen Erker, der im Mittelalter als Toilette genutzt wurde. Keine Angst, von dort aus drohen aber heute keine unangenehmen Überraschungen mehr.

Und dann sind da noch oberhalb des Torbogens die Statuen vier historisch besonders bedeutender Könige Böhmen des Mittelalters – jeweils zwei auf jeder Seite. Auf der Neustadtseite sind dies die Könige Ottokar II. aus dem Haus der Přemysliden (1253–1278) und Karl IV. (1345–1378), der als der größte und „Vater des Vaterlands“ unter ihnen IMG_3562gilt (kleines Bild unten links).  Auf der Altstadtseite sindIMG_3564 es Georg von Podiebrad (1458–1471), der einzige Hussitenkönig (unten rechts), und der Erbauer des Tors, Vladislav II. Jagiello (1471–1516.

In den Jahren 1905 bis 1911 verband man durch einen im Jugendstil gehaltenen Übergang den Turm mit dem gerade neu erbauten Gemeindehaus Obecní dům (früherer Beitrag hier) angebaut.

Der Turm wurde selbst in kommunistischen Zeiten gut in Schuss gehalten. 1961 bis 1963 erfolgte eine gründliche Renovierung der Gebäudestruktur. Nach der Samtenen Revolution restaurierte man 1992 auch die Bildhauerarbeiten, Skulpturen und Ornamente außen an der Fassade. (DD)

Barock, klassisch, kubistisch

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In der Hybernská 1036/3 und 1036/5 nahe der Altstadt sieht man gleich zwei Paläste in einem. Das Palais Swéerts-Sporck (palác Sweerts–Sporckův) besteht tatsächlich aus zwei – wenn nicht sogar drei! –  Teilen. Wenn man davor steht, sieht man links (Hausnr. 3) ein barockes und rechts ein klassizistisches Gebäude, das aber einem kubistischen vorgelagert (Hausnr. 5) ist.

Auf dem Areal standen ursprünglich zahlreiche kleinere Häuser aus dem 14. Jahrhundert. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde hier bereits ein Barockpalast gebaut, der dann im Jahre 1694 an den Kunstmäzen, Verleger und Freimaurer IMG_3577Franz Anton Reichsgraf von Sporck verkauft wurde, der ihn bis 1699 durch den Architekten Jean Baptiste Mathey, der durch den Bau von Schloss Troja (früherer Beitrag hier) Berühmtheit erlangte, vollkommen neu gestalten ließ. Das großzügig dimensionierte Palais entwickelte sich unter dem kulturbeflissenen Sporck zu einem Zentrum der Musik, wo neue Opern uraufgeführt wurden. Nach seinem Tod erbte sein Schwiegerenkel Johann Franz Swéerts das Areal samt Palais. Dadurch, dass beide – Sporck und Swéerts – den Gebäudekomplex maßgeblich gestalteten, erklärt sich auch der heutige Namen des Palais. Swéerts hatte aber einen etwas anderen Kunstgeschmack als Sporck und baute 1783 den Palais behutsam um. Mit Hilfe des IMG_3570Architekten Anton Haffenecker gab er der Fassade einen etwas strengeren Anstrich, behielt aber den barocken Charakter des Gebäudes im wesentlichen bei. Das klassizistische Element wurde dabei vor allem durch die neu hinzugefügten Skulpturen von Ignaz Franz Platzer betont – klassische Gottheiten, die über den beiden Portalen thronen.

1790 entschloss sich Sweerts dann, an den alten Barockpalast einen neuen Palast anzubauen, der dann konsequent klassizistisch gestaltet wurde. Architekt des einstöckigen Baus (der damit kleiner als der zweistöckige Barockpalast ausfiel) war Johann Ignaz Palliardi und ausgeschmückt wurde das Ganze wieder mit Skulpturen und Stuckarbeiten (insbesondere die Jagdszene am IMG_3579Giebel) von Swéerts Leib- und Magenbildhauer Platzer.

Da der Klassizismus in Prag wesentlich weniger präsent ist als der Barock, könnte man den neuen Gebäudeteil schon deswegen bereits als den interessanteren bezeichnen. Aber es steckt noch mehr drin. Steht man etwas entfernter von der klassizistischen Fassade, erkennt man, das das Gebäude quasi mit einem anderen Gebäude verschmolzen ist, das definitiv modern kubistisch ist. 1923 war der klassizistische Teil nämlich bereits an die Anglo-Tschechoslowakische Bank übergegangen und der kubistische Architekt Josef Gočár (führere Beiträge u.a. hier, hier und hier) war beauftragt worden, das Gebäude an den neuen Zweck anzupassen. Im Prinzip ist nunmehr nur noch die Fassade klassizistisch, während innen die Moderne vorherrscht. Der dahinter angebaute Neubau IMG_3573Gočárs überragt den alten Bau und ahmt mit kubistischer Formstrenge und abstrakten Formelementen ein wenig den Rhythmus die klassizistische Fassade mit ihren Pilastern im ersten Stock nach. Das Dach des alten, niedrigeren Gebäudes wurde geschickt als Terrasse in das neue Gebäude integriert (großes Bild oben). Das ist schon eine einzigartige und interessante Symbiose von alt und neu, die man hier beobachten kann. Barock, Klassizismus und Kubismus auf einen Schlag!

Der Barockteil des nunmehr eigentumsrechtlich zerteilten Swéerts-Sporck-Palais gehört heute übrigens der Karlsuniversität, die hier einige Abteilungen der Philosophischen Fakultät untergebracht hat; der klassizistisch-kubistische Teil wurde vor kurzem an einen Investor verkauft und wird derzeit renoviert. (DD)

Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

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Sie halten mit ihrem absurden Auftritt oft der „großen“ Politik den Spiegel vor das (manchmal nicht so schöne) Gesicht. In vielen Ländern gehören sie irgendwie fest zur politischen Kultur: die sogenannten Spassparteien. In Deutschland ist es seit 2004 Die Partei. In Großbritannien beglückt uns schon seit 1983 die Official Monster Raving Loony Party des inzwischen verstorbenen Lord Sutch. Und in Ungarn gibt es seit einiger Zeit die Magyar Kétfarkú Kutya Párt (Ungarische Partei des zweischwänzigen Hundes). Aber wer weiß schon, dass die Urmutter aller Spaßparteien schon 1904 in Prag – genauer: im Stadtteil Vinohrady – entstand? Gründet wurde sie von keinem Geringeren als Jaroslav Hašek, dem Autoren des berühmten Braven Soldaten Schwejk: die Partei des gemäßigten IMG_3346Fortschritts im Rahmen des Gesetzes – auf Tschechisch: Strana mírného pokroku v mezích zákona (griffig abgekürzt: SMPVMZ).

Richtig in Erscheinung trat die Partei erst 1911 bei den österreichischen Reichstagswahlen. Da kandidierte Hašek als Wahlkreiskandidat der Partei fúr den Wahlkreis in Vinohrady. Um ihn hatte sich der eher anarchische Teil der Bohème des Stadtteils geschart und sicher ist, dass alle dabei wirklich Spaß hatten. Der Name der Partei spielte dabei auf eine Rede Kaiser Franz Josefs an, in der er betont hatte, er sei ja nicht gegen Fortschritt, aber er müsse in den geordneten Bahnen der Habsburgermonarchie stattfinden. In ihren Reden und Pamphleten parodierten oder verhöhnten die Mitglieder – allen voran Hašek – Politiker jeglicher Coleur und arbeiten an ihrer eigenen parodistischen Selbstüberhöhung: „Als Anführer der Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes und als ihr Kandidat“, tönte er, “ muss ich mein Tun und Lassen auf das Objektivste und zugleich übersichtlich beurteilen, damit niemandem auch nur ein glänzender Punkt meines Charakters entgeht. Es gibt Augenblicke in meinem Leben, da ich, von meiner eigenen Tat begeistert, vor mich hinflüstere: ‚Mein Gott, bin ich ein Mordskerl!'“

Man stellte Forderungen auf, wie die Verstaatlichung der Hausmeister oder, dass jeder Bürger ein Taschenaquarium besitzen solle. Am Ende kamen 36 Stimmen dabei heraus. Man ist sich nicht einmal sicher, ob die Partei wirklich registriert war. Aber das war egal. Denn die Partei hatte die Lacher auf ihrer Seite und blieb bis heute Teil der politischen Folklore Tschechiens. Kurz nach der Samtenen Revolution, die den Kommunismus (der solchen Spässen abgeneigt war) im Jahre 1989 beendete, gab es sogar den Versuch einer Neugründung unter gleichem Namen.

Dieser Versuch selbst hinterließ jedoch keinen tiefen Eindruck. Die Idee der Spaßpartei lebt in Tschechien aber weiter. Das merkt man, wenn man heute in Vinohrady auf den Spuren von Hašeks Partei wandelt. Von denen gibt es wenige, die noch sichtbar sind, denn seit 1911 hat sich auch in Vinohrady viel verändert. Aber in der Balbínova 323/6 (zu Hašeks Zeiten noch als 323/15 nummeriert) findet man dann doch an der Wand eines Gebäudes eine kleine Tafel. Man sieht sie oben im großen Bild. Die Inschrift lautet auf Deutsch: „In diesem Haus, in der ehemaligen Kneipe in U Zlatého Litru (Zum Goldenen Liter), wurde die Partei des gemäßigten Fortschritts innerhalb der Grenzen des Gesetzes von Jaroslav Hašek und seinen Kumpanen gegründet.“

In dem Gebäude befindet sich eine schon von außen leicht skurril wirkende Kneipe, die zugleich ein politisches Kabarett beherbergt, IMG_3546die Balbínova poetická hospůdka (Die poetische Balbínova-Kneipe). In der Kabarettkneipe wurde 2002 die Balbínova poetická strana (Die poetische Balbínova-Partei) gegründet – eine würdige Nachfolgepartei der SMPVMZ. Kneipenbesitzer und Parteigründer Jiří Hrdina, der sich bei seinen Kandidaturen gerne als „geniální guvernér“ (genialer Gouverneur) bezeichnet, hat bei seiner Kampagne zu den nationalen Parlamentswahlen 2006 sich nach Kräften über die undurchsichtige Politik des Landes lustig gemacht und dabei am Ende landesweit 6896 Stimmen oder, anders gesagt, 0,12 Prozent geholt. Zum Parlamentseinzug reichte das nicht, hinterließ aber das segensreiche Gefühl, dass es doch noch viele Tschechen mit Humor geben muss. Das Markenzeichen Hrdinas ist übrigens der von ihm ständig getragene Bowlerhut, der dann auch in vergrößerter Form das Portal seiner Kneipe schmückt.

Aber der Ort, den der Leser der wilden Schilderungen Hašeks, die er später als Buch (das in einer sehr schönen Edition auch in Deutsch erhältlich ist)  veröffentlichte, am ehesten mit seiner Partei verbindet, ist zweifellos der Kravín (Kuhstall). Wer am Náměstí Míru, IMG_3559dem Hauptplatz von Vinohrady, entlangschlendert, der wird schnell ein Restaurant dieses Namens entdecken. Das ist zwar ein nettes und preiswertes Restaurant, ist aber nicht mit dem Kravín identisch, das als der zentrale Versammlungsort der Partei des gemäßigten Fortschritts in die Geschichte einging und liegt auch nicht an der selben Stelle.

Um die zu finden, muss man vom Náměstí Míru einige hundert Meter die Korunní hochgehen. Von dem originalen Kravín sieht man dort heute nichts mehr. Der Ort, wo sich das Wirtshaus befand, war am Ende des 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch ein wenig außerhalb der Stadt gelegen, quasi im Grünen. Auf vielen alten Bildern sieht man das Gebäude direkt neben einem hölzernen IMG_3548Theaterbau, der 1893 erbauten Pištěkova Arena (Pištěksches Arena Theater), stehen, der aber 1932 abgerissen wurde. Theater und Kravín befanden sich in der Budečska nur wenige Meter südlich der Kreuzung zur Korunní. Heute sind dort nur noch große Wohnhäuser und man kann nur ahnen, wo sie sich dereinst befanden. Auf dem Bild rechts könnte das vordere Gebäude der Standort des Theaters gesehen sein, dahinter der des Kravín.

Der ursprüngliche Kravín an diesem Ort war aber nicht die Gaststätte, in der die Wahlversammlungen der SMPVMZ stattfanden, denn dieses alte Gebäude, das noch einem richtigen Landgasthaus glich, wurde schon 1896 abgerissen. Es entstand danach neu und IMG_3547zwar nur wenige Meter entfernt an der nördlichen Ecke der Kreuzung; genauer: Budečska 781/25. Hier müssen also die recht turbulenten Versammlungen stattgefunden haben. Dieses neue Gebäude existiert auch noch (Bild links), ist aber schon seit ewig langen Zeiten keine Kneipe mehr. Zur Zeit residiert im Erdgeschoss ein Yogastudio. Genaueres kann man über die Geschichte des Wirtshauses hier (auf den Absatz über den Kravín herunterscrollen!) nachlesen. Auf der Seite findet man übrigens sämtliche nachgewiesenen (!) Kneipen und Wirtshäuser, die Jaroslav Hašek im Laufe seines Lebens frequentiert haben soll. Da der Mann so trinkfest war wie sein berühmter Soldat Schwejk, kam da ganz schön was zusammen. (DD)

Nikolaus mit viel Musik

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Heute ist der Tag des Heiligen Nikolaus! Ihm ist sie geweiht, jene Kirche, die jeder Besucher der Prager Altstadt zumindest schon einmal von außen gesehen hat, die St.-Nikolaus-Kirche IMG_3293(Kostel svatého Mikuláše) am Altstädter Ring .

Es handelt sich um ein barockes Meisterwerk des großen Architekten Kilian Ignaz Dientzenhofer, der die Kirche in den Jahren 1732-35 erbaute. Angemerkt sei hier, dass er nur wenige Jahre später auf dem anderen Moldauufer (der Kleinseite) noch eine barocke Nikolauskirche erbaute (die wir schon hier beschrieben haben).

IMG_3292Im 13. Jahrhundert wurde an Stelle der heutigen Kirche am Altstädter Ring eine gotische Kirche erbaut, die ebenfalls nach dem Heiligen Nikolaus benannt wurde; das barocke Gebäude ersetzte sie, nachdem ein Feuer Ende des 17. Jahrhunderts die alte Kirche zerstört hatte. Der Heilige Nikolaus begrüßt uns schon von außen an mehreren Stellen als Barockstatue, etwa oberhalb des Nebeneingangs (großes Bild oben) – komplett mit seinen klassischen ikonographischen Attributen wie Bischofsmontur und drei Äpfeln.

An der Gestaltung wirkten bedeutende Künstler der Zeit mit. Der italienische Bildhauer Bernardo Spinetti schuf die umfangreichen Skulpturen und Stuckarbeiten, der berühmte bayerische Großmeister der Barockmalerei, Cosmas Damian Asam, malte die Deckenfresken.

IMG_3287Den barocken Überschwang, den die Kirche mit ihrer großen Kuppel ausstrahlt, verbindet man üblicherweise mit der Gegenreformation, also mit der erstarkten katholischen Kirche nach dem Dreissigjährigen Krieg. Die Geschichte der Kirche ist aber vielschichtiger. Die mittelalterliche Kirche war im 15. Jahrhundert noch eine Hochburg der Hussiten gewesen. Erst die Niederlage der böhmischen Stände bei der Schlacht am Weißen Berg 1620 brachte die Kirche wieder unter IMG_3294katholische Kontrolle. Sie wurde Teil eines Benediktinerklosters. Als ebensolche wurde sie auch in ihre heutige barocke Gestalt gebracht. Das Glück, dieses Prachtbau zu besitzen, blieb den Benediktinern aber nicht lange hold. 1787 wurde es im Zuge der großen Klosterenteignungen durch Kaiser Josef II. säkularisiert. Sie diente fortan abwechselnd als Lagerhaus oder als Militärkapelle. Die dazugehörenden Klosterbauten verschwanden Ende IMG_3286des 19. Jahrhunderts.

Als die Kirche 1871 wieder zum Gotteshaus wurde, geschah es wiederum nicht mehr im Zeichen des Katholizismus, sondern sie wurde die erste offizielle Russisch-Orthodoxe Kirche im Lande. Zar Nikolaus II., der 1894 den Thron bestieg, spendierte später für das inzwischen renovierte Bauwerk einen großen Kronleuchter (Bild links).

Nach dem Ersten Weltkrieg, genauer: 1920, übereignete der Staat die Kirche der Tschechoslowakischen Kirche (Církev československá), die sich seit 1971 mit dem Zusatz „hussitisch“ versieht, obwohl es sich um eine reformistische Abspaltung IMG_3289der katholischen Kirche handelt. Wie dem auch sei, dieser Gemeinde gehört St. Nikolaus noch immer, ja sie ist sogar ihr Hauptsitz. Den üppig barocken Charakter des Gebäudes haben die Neohussiten nicht verändert, obwohl man ihn eher mit der anti-reformistischen Gegenreformation verbindet.

Im Gegenteil: Es handelt sich um ein recht lebensfrohes Gebäude, denn berühmt ist die Kirche heute vor allem durch ihr reges Musikleben. In kaum einem Gotteshaus Prags finden so viele klassische Konzerte statt – mindestens (!) eines pro Tag! (DD)