Neobarock für den Nuntius

Die Botschaft des Vatikans heißt nicht Botschaft, sondern Apostolische Nuntiatur (Nuntiatura Apostolica). Die hat in der Voršilská 140/12 mitten in der Neustadt (Prag 1) ihren Sitz. Die ruhig gelegene Straße befindet sich ganz in der Nähe des Nationaltheaters. Und auch das Gebäude kann sich sehen lassen.

Auf den ersten Blick sieht der Dietrichsteinský palác (Dietrichstein Palais) so aus, wie man es von einer katholischen Repräsenz in Prag erwartet, nämlich wie ein Gebäude aus der Zeit der Gegenreformation im Stil des Barock. Allerdings sieht es nur so aus, denn es wurde erst im Jahre 1891 gebaut und das auch nicht, um eine religiöse Botschaft zu verkörpern. Schon die Atlanten am Eingang erinnern eher an antik-heidnische und nicht an christliche Mythologie.

An der Stelle eines schon im Mittelalter errichteten Gebäudes im Besitz des Adelsgeschlechtes Dietrichstein errichtete hier der bekannte Architekt Friedrich Ohmann (wir berichteten u.a. hier) eine große Villa für den Zuckerindustriellen Matěj Valtera. Deshalb wird das Gebäude manchmal auch Valterův palác genannt. Valtera hatte 1907 eine konkurs gegangene Zuckerfabrik, bei der er zuvor gearbeitet hatte, aufgekauft und erfolgreich wieder groß auf Vordermann gebracht – was ihn zu einem reichen Mann machte, der sich solch einen Palast als Villa leisten konnte.

Ohmann war einer der Hauptvertreter des Historismus und Neobarocks in Böhmen zu Ende des 19. Jahrhunderts und orientierte sich bei dem Entwurf von Valteras Villa bewusst an den Werken des böhmischen Barockarchitekten Kilian Ignaz Dientzenhofer (wir erwähnten ihn u.a. hier, hier, hier und hier). Valtera lebte hier aber nur bis 1919. Dann verkaufte er Teile seiner Firma und zog in eine neue Villa im Statdtteil Bubeneč. Gerade war auch das alte Habsburgerreich durch den Ersten Weltkrieg zerstört worden und es hatte sich 1918 die Erste Tschechoslowakische Republik gegründet. Das hatte Konsequenzen für den Palais.

Mit dem Dreissigjährigen Krieg hatte Böhmen im Prinzip seine staatliche Unabhängigkeit verloren und wurde praktisch von Wien aus regiert. Das hatte zur Folge, dass im 17. Jahrhundert sich die Nuntiatur als diplomatische Vertretung des Vatikans aus Prag zurückzog. Die Aufgaben derselben erledigte man nun in Wien. Mit der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei brauchte der Vatikan aber wieder eine Botschaft. 1919 erwarb die Kirche den Valterův palác und die Nuntiatur zog im Jahr darauf ein. Mit Ausnahme der Nazizeit 1939 bis 1945, in der man die Tschechen von slowakischen Bratislava aus betreute, blieb sie dort auch – bis heute. So weht heute über dem Portal die Fahne mit dem Wappen des Vatikanstaates, bestehend aus der Tiara und den Schlüsseln Petri, das sich auch auf einer Bronzetafel neben dem Eingang befindet.

Das Gebäude wurde 2001 renoviert und modernisiert. Der hier residierende Nuntius ist seit 2018 der amerikanische Erzbischof Charles Daniel Balvo. Die Arbeit der Nuntiatur verläuft friktionslos und professionell. Nur einmal machte sie eine Negativschlagzeite. 2018 flog auf, dass ein prominenter Arzt, der akkreditiert war und freien Zugang zum Gebäude hatte, 2011 heimlich nachts in den Räumlichkeiten einen Porno gedreht (mit ihm selbst als Darsteller im Kardinalsgewand) hatte. Es stellte sich auch heraus, dass er sich bereits vorher gewalttätig an Frauen vergangen hatte. Da die Kirche unwissend und unbeteiligt war, und das Ganze nach dem Auffliegen auch scharf verurteilte, erwuchsen ihr dadurch aber kein Skandal und keine moralische Vertrauenkrise. (DD)

Klassisch böhmisch und total hip

Wenn man eintritt, sollten die Augen nach oben gerichtet sein. Die Decke ist einzigartig. Von oben hängen Schweine in Stuck herab, so als ob die Schwerkraft für sie nicht gelte. Auch Hühner, grasende Kühe, Forellen, Enten, Hirsche und anderes Getier sieht man. Ja, im Grunde sieht man schon, was man gleich zum Essen bekommt (es sei denn, man ist Veganer)..

Wir befinden uns im Restaurant Vinohradsky Parlament in der Korunni 820/1, direkt am Náměstí Míru (Friedensplatz) im Stadtteil Vinohrady (Prag 2). Warum das Restaurant behauptet, das Parlament des Stadtteils Vinohrady zu sein, konnte ich noch nicht herausfinden. Das große Národní dům (Nationalhaus) von 1894, in dem das Restaurant residiert, ist zwar ein kommunales Kulturzentrum, aber keine Volksvertretung.

Auf jeden Fall ist das Vinohradsky Parlament eines der originellsten Restaurants in Prag, was die Innenarchitektur und -ausstattung angeht. Das gilt nicht nur für den Hauptraum, sondern auch für die Nebenräume, wenngleich auch ohne den animalischen Stuck. Jedenfalls trägt es dazu bei, dass das Restaurant zurzeit bei jung und alt total angesagt und hip ist.

Das Vinohradsky Parlament gibt es eigentlich schon seit 2014, aber erst nach einem größeren Umbau in der ersten Hälfte des Jahres 2019 bekam es den modernen Schliff, der es jetzt so einzigartig macht. Dafür sorgte das Architekturbüro Atelier PH5 unter der Leitung des bekannten Architekten und Designers Václav Červenka, der sich in Prag schon öfters der Gestaltung von Restaurants angenommen hatte (Beispiel: das Bistro Sisters), aber sich selten so wild austoben konnte wie hier im Vinohradsky Parlament.

Dabei ist das eigentliche kulinarische Angebot durchaus eher konservativ. Den umtriebigen Besitzern Viktor Kaplan und David Petřík, die übriges ein ganzes Netzwerk unterschiedlicher Restaurants unter dem Namen Together betreiben, ging es darum, traditionelle böhmische Küche ein wenig zu modernisieren (das macht Chefkoch Jan Pipal) und einem jüngeren Publikum, das mehr auf hippe Sachen steht, imagemäßig schmackhaft zu machen. Im Bild sieht man den Klassiker Tatarák s topinkou a česnekem in hauseigener Weise zubereitet. Das Konzept scheint voll auzugehen.

Der Grund mag sein, dass es halt ein alleinstellendes Merkmal als böhmisch-hip hat und daher nicht mit dem anderen Restaurant einen existenziellen Wettbewerb führt, das Kaplan und Petřík unmittelbar angrenzend im selben Gebäude betreiben, nämlich das Bruxx (wir berichteten bereits hier), das beweist, das Tschechen immer noch die besten Belgier sind und daher auch das beste belgische Restaurant überhaupt betreiben können. (DD)

Friedenstaube für das Habsburger-Heer

Heute, am 21. September, ist der Internationale Tag des Friedens. Eigentlich sollte ja jeder Tag ein solcher Friedenstag sein. Formell haben ihn die Vereinten Nationen 1981 ausgerufen. Der heutige Tag ist jedenfalls die Gelegenheit, einmal eine böhmische Friedenstaube vorzustellen.

Diese in lokalem Sandstein gemeißelte Taube befindet sich auch dem Denkmal für Gefallenen des Ersten Weltkriegs (Pomník Obětem 1. světové války) in dem kleinen Ort Hořín, der rund 25-30 Kilometer nördlich von Prag gelegen ist. Die Taube mit Ölzweig als Friedenssymbol kann auf eine lange Geschichte zurückschauen. In der Bibel findet man die Taube im 1.Buch Mose 8:11. Sie gehört zur Geschichte von der Sintflut, mit der Gott die sündigen und gewalttätigen Menschen bestrafen und vernichten will, also ihnen geradezu den Krieg erklärt. Nur der fromme Noah und seine Familie nebst allerlei Getier überleben. Als Zeichen, dass die Flut endet, schickt Gott ihnen die Taube mit dem Ölzweig. Sie stand damit für den Frieden, den Gott am Ende dann doch mit den Menschen schließt.

Als politisches Friedensymbol setzte sich der Vogel aus der Spezies der Columbidae 1949 durch, als kein Geringerer als Pablo Picasso aus ihr das Symbol – heute würde man sagen „Logo“ – des Weltfriedenskongresses in der französischen Hauptstadt Paris machte. Seither konnte sich die Taube manchmal vor politischem Missbrauch (häufig seitens der Kommunisten, die sich sonst eher nicht christlicher Symbolik bedienten) nicht wehren, was aber ihren Siegeszug in der politischen Ikonographie nicht verhinderte.

Davon war man aber um 1920, als vermutlich das Denkmal in Hořín errichtet wurde, noch weit entfernt. Hier dürfte die Taube mit Zweig noch als traditionelles und rein christliches Symbol des Friedens zu sehen sein. Nicht nur das lässt das Denkmal in einem recht wenig religiös gestimmten Land auffällig erscheinen. Die tschechische Denkmalskultur nach dem Ersten Weltkrieg war im Kern durch und durch vom Nationalismus eines neu entstandenen Landes, der Tschechoslowakei, geprägt, hatte aber dabei noch andere Erwägungen einzubeziehen. Das soldatische Leittbild der Ersten Republik prägten im wesentlichen die Tschechoslowakischen Legionen, die nicht für die Armee der Habsburgerreiches (zu dem die Tschechen ja gehörten), sondern auf Seiten der Alliierten gegen Kakanien kämpften (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier, hier und hier), um so die Unabhängigkeit des Landes zu erlangen. Man sieht daher in Tschechien durchaus etliche Denkmäler mit Statuen von Legionären in russischen, französischen oder italienischen Uniformen. Aber natürlich wusste man, dass die Legionäre nur eine Minderheit waren, und dass die allermeisten Tschechen in Wirklichkeit brav in der Habsburger Armee dienten und enorme Opfer erbrachten. Es wäre gegenüber den Angehörigen ein beispielloser und unverdienter Affront gewesen, hätte die Gedenkkultur sie bei Gefallenendenkmälern „unter den Tisch“ fallen lassen. Um dem so entstehenden Wirrwarr zu entgehen, vermied man bei der Begrifflichkeit oft möglicherweise diskriminierende Unterschiede wie „Soldat“ oder „Legionär“ Man schrieb von Opfern oder Gefallenen und die bildliche Darstellung blieb oft recht abstrahierend (Beispiel hier).

Umso ungewöhnlicher, dass auf dem Kriegerdenkmal hier in Hořín auf dem Relief direkt unter der Friedentaube ein sich von Frau und Kind verabschiedender Soldat abgebildet ist, der ganz eindeutig die Uniform des Österreichischen Heeres trägt. Das war in der Gedenkkultur der neuen Tschechoslowakei äußerst ungewöhnlich, dass die Opfer, die für die Habsburger-Armee (die damals von Jaroslav Hašek in seinem Schelmenroman über den Soldaten Švejk auf die Schippe genommen wurde) erbracht wurden, so in den Mittelpunkt gerückt wurde. Ich kenne in Tschechien kein anderes Beispiel dafür. War man in Hořín damals noch dem Kaiser treu? Möglicherweise hatte auch niemand von dort für die Legionen gekämpft. 10 Namen von Gefallenen (alle bis auf einen tschechisch, nicht etwa österreichisch/deutsch) stehen dem Denkmal. Der Ort, der heute so eine Art Vorort von Mělník ist, muss damals noch sehr klein gewesen sein. Er musste anscheinend einen recht hohen Blutzoll zahlen. Vielleicht wollte man gerade mit der österreichischen Uniform ausdrücken, dass auch diese Opfer im Namen Österreich-Ungarns ebenso zu betrauernde Opfer waren, derer man gedenken solte, wie es die Opfer unter denen waren, die für die unabhängige Tschechoslowakei kämpften. Den Bildhauer des Denkmals konnte ich nicht eruieren. Auf der Rückeite steht wohl der Namenszug „Novotný-Libich“. Wer sich dahinter verbirgt, weiß ich nicht. Die Inschrift auf der Bronzetafel unter dem Relief des Soldaten lautet: „1914-1918. Na paměť utrpení prolité krve a hořkých slz!“ (1914-1918. In Erinnerung an das Leiden vergossenen Blutes und bitterer Tränen!). Und datrunter steht: „Věnují místní spoluvojíni a spoluobčané“ (Gestiftet von den örtlichen Mitsoldaten und Mitbürgern). Und über allem thront die Friedenstaube mit ihrem Ölzweig. (DD)

Bestes Bier im alten Bahnhof

Draußen vor den Toren der Stadt findet man nicht selten Kleinbrauereien, die wahre Perlen der Braukunst hervorbringen. Es wäre eine schmähliche Unterlassung, in diesem Zusammenhang die Brauerei von Řevnice (Pivovar Řevnice) nicht zu erwähnen.

Etwas südwestlich Prags fließt der kleine Fluss Berounka in die Moldau. Er ist in eine wunderschöne felsige Landschaft eingebettet, die zurecht bei Pragern als Naherholungs- und Wochenendausflugsgebiet populär ist. Eine Wanderung durch das Flusstal kann einen auch durch den malerischen Ort Řevnice führen, und dann sollte man unbedingt in der Brauereigaststätte halt machen. Wenn man dann ob des guten Trunkes und der guten Speisen des Wanderns müde ist, kann man bequem mit dem Regionalzug nach Prag zurück fahren, denn der kleine Bahnhof des Ortes liegt ganz nahe. Offenbar wurde er in den 1990er Jahren einige hundert Meter verlegt, denn ursprünglich befand sich der Bahnhof in ebenjenem Gebäude, in dem sich heute die Braugaststätte befindet. Das hübsche Gebäude aus dem Jahr 1862 stand eine Weile ungenutzt als der Bahnbetrieb hier aufhörte. 2018 gründete der Unternehmer und Investor Petr Kozák, der ein besonderes Faible für die Wiedernutzbarmachung historischer Gebäude hat, eine Aktiengesellschaft für die Brauerei, deren Vorsitzender er wurde. Dann begann man nach den Plänen des Architekten Tomáš Šantavý mit dem Umbau des Gebäudes, das nunmehr auf gelungene Weise den ursprünglichen Charakter eines Bahnhofs mit den Bedürfnissen eines modernen Gastbetriebs vereinte.

Und 2020 konnte man in dem neu gestalteten Gebäude (Adresse: Pod Lipami 71/0) die Eröffnung feiern. Die Leitung des Betrieb übernahm der aufstrebende junge Brauer Roman Řezáč, der neben seinem Talent für die Braukunst auch eine Managementausbildung mitbrachte. Ihm stellte man noch den erfahrenen lokalen Braumeister Ladislav Chládek zur Seite. Das professionell agierende Team machte die Gaststsätte und Brauerei umgehend zum Erfolg. Im ersten Jahr gingen immerhin 900 Hektoliter über die Theke – nicht schlecht für eine Brauerei, die nur ihre eigene Gaststätte bedient. Die örtliche Bevölkerung der Umgebung und die vorbeipassierenden Wanderer und Radler bilden das ökonomische Rückgrat der Brauerei – was aber nur funktioniert, wenn sich der gute Ruf hoher Qualität hinreichend herumspricht.

Und über die Qualität kann man sich nicht beschweren. Da ist natürlich an erster Stelle das hervorragende Bier zu nennen, das höchsten Standards entspricht. Es gibt eine Art „Grundangebot“ von drei Sorten. Dazu gehört das leichte helle Bier mit 10° Stammwürze (Desítka) mit seienm milden Geschmack, das wir im Bild weiter oberhalb bewundern können. Dazu gibt es etwas herbere und rötlichere Bier mit 12° Stammwürze (Bild links) und ein Pale Ale (Golden Ale) mit ebenfalls 12° Stammwürze. Pale Ales sind – obwohl keine traditionell heimische Biersorte – in den letzten Jahren vor allem unter jüngeren Menschen sehr populär geworden. Aber eigentlich stehen nie nur drei Sorten Bier auf der Getränkekarte. Denn die Pivovar Řevnice legt wert auf schnell wechselnde Tagesangebote. man kann in relativ schneller Folge hier einkehren und bekommt wieder etwas neues. Rund sechs Sorten sind es fast immer. Ab und an wird auch ein Bier einer nahegelegenen Kleinbrauerei auf die Liste gesetzt. Variatio delectat! Das könnte das Motto der Brauerei sein. Und man erlebt bei keinem der Biere eine Enttäuschung.

Man scheut sich auch nicht, geradezu ulrta-leichte Biere mit geringer Stammwürze von 7 oder 8° zu brauen, die Tschechen normalerweise etwas belächeln, weil das das Marktsegment der fitness-bewussten Radfahrer das zu schätzen weiß, für die das Berounkatal ein wahres Ausflugsparadies ist. die Vielseitigkeit im Genuss zeigt sich nicht nur in der Bierauswahl, sondern auch bei der Speisekarte. Die präsentiert nicht nur die tschechischen Klassiker wie eigelegten Käse oder Gulasch mit Knödeln, sondern auch Gerichte internationaler Provenienz. Und das auch in ständigem Wechsel des vielseitigen Angebots. Das ist weder Bier noch Essen von der Stange, sondern frisch zubereitete Cuisine – deftig, aber gut!

Der Hefeknödel mit Pflaumenmus und geriebenen Quark (eine tschechische Spezialität), den wir beim letzten Besuch aßen (Bild links) war dann noch der krönende Abschluss. Zugegebenrmaßen recht reichhaltig und somit nur bedingt für den Beginn einer Wanderung zu empfehlen. Aber schöner kann man sich den Abschluss eines Ausflugs dafür kaum vorstellen. Der Bahnhof mit den Regionalzug nach Prag ist ja in unmittelbarer Nähe.

Und der alte Bahnhofsbau hat eine mehr als würdige Nutzung bekommen Dank Roman Řezáč und seinem Team in der Pivovar Řevnice. Die kann man übrigens auch bei schlechtem Wetter besuchen, denn sie verfügt nicht nur über den großen und einladenden Außenbereich, den wir oben im großen Bild sehen können. Auch innen wird die Braugaststätte ihrem Anspruch gerecht. Die hohe Bahnhofshalle wurde zu einer sehr modernen, aber auch sehr gemütlichen Gaststätte umgestaltet, die jederzeit zum Besuch einlädt. Alles in allem: Der Besuch wird empfohlen! (DD)

Wo der rosa Panzer stand, fällt nun die Zeit

Für mich kann er den rosa Panzer nicht vollwertig ersetzen. Aber bemerkenswert ist er schon, der Falltür der Zeit (Propadliště času) genannte Brunnen auf dem Kinský-Platz in Smíchov (Prag 5).

Beginnen wir doch erst einmal mit der Geschichte. Der Brunnen, der von dem prominenten Architekten Jan Lauda gestaltet wurde, befindet sich hier seit dem Oktober 2002. Als der Platz 1894 hier ausgebaut wurde, stellte man den aus einem nahegelegenen Park verpflanzten barocken Bärenbrunnen (Medvědí kašna) auf, der mittlerweile wieder an seinem originalen Standort steht (wir berichteten). Warum verschwanden die Bären? Nun, 1948 gelangten die Kommunisten an die Macht. Die stellten hier ein Denkmal für die sowjetischen Panzertruppen, bei dem ein echter Sowjetpanzer auf einem Steinsockel stand. Die Rote Armee hatte angeblich am 9. Mai 1945 Prag von den Nazis befreit . Das stimmte nicht ganz, weil sich die deutsche Truppen schon am Vortag vor den tschechischen (und nicht-kommunistischen) Truppen des Prager Aufstandes (siehe auch hier, hier und hier) ergeben hatten. Aber das nahm man nicht ganz krumm, weil bei den Kämpfen um Prag schließlich doch viele Sowjetsoldaten ihr Leben verloren hatten und man ihrer durchaus gedenken durfte. Aber nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 wurden Sowjetpanzer generell in einem anderen Licht gesehen, nämlich als Instrument kommunistischer Unterdrückung.

Es kam das Ende des Kommunismus von 1989. Das Panzerdenkmal blieb erst einmal stehen. Aus Protest bemalte jedoch 1991 der Künstler David Černý, das anarchische enfant terrible der Prager Kunstszene, über dessen Werke wir schon unter anderem hier, hier, hier und hier berichteten, den Panzer rosa, womit er erst eigentliche Berühmtheit erlangte. Die Stadt bemalte ihn wieder in den Originalfarben und brummten Černý eine Strafe auf, dann malten ihn antikommunististische Abgeordnete (die Immunität genossen) wieder an. Nach einigem Hin und Her – worüber wir berichteten – kam der Panzer in das in das 20 Kilometer entfernte Militär Museum Lešany, wo man ihn heute noch (in rosa!) bewundern kann.

Was blieb, war die Lücke, die der Abriss des Denkmals für die sowjetischen Panzer hinterließ. Und die füllt eben seit der 2002 dieser Brunnen. Der runde Brunnen besteht hauptsächlich aus zwei großen halbrunden, grob behauenen Steinplatten. Sie stammen übrigens aus einem Granit-Steinbruch nahe der nordböhmischen Stadt Liberec . Die Botschaft dahinter ist eine eher versöhnliche: Das zwischen den Steinen hinwegfließende Wasser verschlingt die Taten der Menschen und führt zu sanftem Vergessen. Die Fontäne wird durch 64 Düsen bewirkt.

Nachts wird das Ganze von Lampen (40 Stück) erhellt. Rundum den Brunnen gibt es kleine Fontänen und in der „Schlucht“ zwischen den beiden Steinen schießt ab und an eine 8 Meter Hohe Fontäne hinauf in die Luft. Das macht sich vor der Fassade des dahinter befindlichen Justizpalastes recht beeindruckend. Ganz zum Vergessen führt der Fluss des Wassers nicht. Man kann nämlich am Rande noch Teile der alten Mauereinfassung und Sockel des früheren Sowjet-Panzerdenkmals sehen. Irgendwie muss man – der Schönheit des neuen Brunnens zum Trotz – dann doch wieder an den rosafarbenen Panzer denken, der einfach zu witzig war. (DD)

Imposant über der Moldau

Über 190 Meter erstreckt sich die imposante Front von Schloss Chvatěruby (Zámek Chvatěruby) hoch über dem Ufer der Moldau. Für die Spaziergänger auf dem schönen Uferwanderweg einige Kilometer flussabwärts von Prag ist sie eine echte Sehenwürdigkeit.

Die Ursprünge des Schlosses, das oberhalb des gleichnamigen kleinen Dorfes thront, liegen ein wenig im Dunklen. Man findet für das 13. Jahrhundert in Urkunden die Erwähnung eines befestigten Hofes mit Turm, der einem gewissen Rüdiger von Chvatěruby gehörte. Erst 1366 wird sie als richtige Burgbefestigung wieder erwähnt, die im Besitz eines Prager Patriziers war.

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts ging sie in den Besitz der Familie Zajíc von Hasenburg über, die sich aber unklugerweise einem katholischen Aufstand gegen König Jiří z Poděbrad (Georg von Podiebrad) anschloss, dem einzigen Hussiten auf dem böhmischen Königsthron (wir berichteten u.a. hier). Der ließ die Burg 1467 stürmen und übereignete sie dem befreundeten Staatsmann und humanistischen Schriftsteller Georg von Heimburg. Als der König starb 1471 starb, musste Heimburg allerdings Burg und Land verlassen, da er vom katholischen Nachfolger als ein wegen papstkritischer Pamphlete Exkommunizierter in Böhmen keinen Schutz mehr genoss.

Es folgten in recht rascher Abfolge etliche Besitzerwechsel. Einer der Besitzer war der Landrichter Johann von Waldstein (Wallenstein), der es 1567 erwarb. Er baute die stattliche Vorderfront, die noch mittelalterlichen Ursprungs war, im Stil der Renaissance um – so, wie wir es heute (allerdings als Ruine) noch sehen. Johann von Waldstein war noch ein gemäßigter Hussit. Später schlug sich die Familie auf die katholische Seite und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die kaiserlich-katholischen Truppen des durch Schillers Drama Wallenstein berühmt gewordenen Heerführers Albrecht von Wallenstein (wir berichteten u.a. hier) die Burg im Dreissigjährigen Krieg eroberten und ausplünderten.

Nach dem Krieg kam das Gebäude in die Hände des adligen Geschlechts Voračičtí z Paběnic. Unter der Familie wurde aus der Burg ein barockes Schloss, das den veränderten Wohnbedürfnissen des Adels der Zeit entsprach. Oder genauer ausgedrückt: An die alte Vorderfont wurde im rechten Winkel ein neues Barockschloss gesetzt, sodass der heute noch bestehende Eindruck zweier aneinandergefügter Bauwerke entstand.

Offensichtlich hätte die Familie gerne das ganze Schloss konsequent barockisiert, aber wahrscheinlich ging das Geld aus. Jedenfalls blieb das Projekt halb vollendet. Das war kein gutes Omen. Das Schloss verfiel allmählich. 1752 wurde das Dach des alten Teils bei einem Sturm zerstört. Ein neuer Besitzer montierte 1816 die schönen Außenverkleidungen von Türen und Fenstern ab, um sie einem anderen seiner Anwesen einzuverleiben. Darob nutzte auch dei Bevölkerung im Ort das Schloss zunehmen als eine Art Steinbruch. 1817 stürzte der noch erhaltene Teil des Daches im östlichen Bauteil ein.

Und schließlich ließ man 1891 einen Teil des Gebäudes abreißen, weil er einsturzgefährdet war. Nur der barocke Teil blieb einigermaßen erhalten – allem voran das schöne Eingangstor. Wieder folgten etliche Wechsel der Eigentümer. 1918 erwarb der damals bekannte Schaupieler František Matějovský das Schloss. 1947 fiel es dann in Staatsbesitz. Nach dem Ende des Kommunismus wurde Schloss Chvatěruby 1991 privatisiert. Die neue Besitzerfamilie renoviert zurzeit den bewohnbaren Teil sehr sorgfältig – eine geradezu titanische Aufgabe.

Es lohnt sich, vom Uferweg aus, einmal hoch zum Schloss zu wandern und es zu umrunden. Man kann dann das Gebäude in seinem schönen Umfeld bewundern. Das Dorf ist nämlich recht hübsch und direkt neben dem Schloss liegt die Kirche der Heiligen Peter und Paul (kostel sv. Petra a Pavla), deren Ursprünge sich auf das Jahr 1222 zurückdatieren lassen, und die um 1715 im Zuge des Schlossumbaus ordentlich barockisiert wurde.

Wer beim Anblick der Vorderfront vom anderen anderen Moldauufer bereits von der Imposanz der Anlage beeindruckt ist, wird bei der Perspektive vom Dorfinneren her noch mehr überwältigt sein. Über die Jahrhunderte hat sich das Dorf in die unter der Burg gelegenen zusätzlichen Bastion integriert. Die Häuser des Ortes sind zum Teil regelrecht eingebaut. Trotzdem erkennt man die Bastion noch deutlich und sie zeigt, dass die Gesamtanlage der Burg dereinst viel größer war als man es von der Ferne sieht. (DD)

1100 Jahre Mord an Ludmilla

Es ist statistisch belegt, dass die Mehrzahl aller Morde in der eigenen Familie stattfinden. Die Heilige Ludmilla (Svatá Ludmila) hätte als Mitglied der großen, von Machtinteressen durchsetzten Herrscherfamilie der Přemysliden gewarnt sein müssen. Dass sie dann tatsächlich wohl im Auftrage ihrer Schwiegertochter ermordet wurde, sicherte ihr aber immerhin den Märtyrerinnen- und Nationalheiligenstatus in Böhmen. Der Mord am 15. September jährt sich heuer zum 1100sten Male. Und des Ereignisses wird in Tschechien dieses Jahr ordentlich gedacht.

Auf der Karlsbrücke nimmt ihre Statue eine prominente Stelle in der Mitte ein. Sie durfte da auch nicht in der Galerie der dort befindlichen Heiligen fehlen, denn sie ist die böhmische „Ur-Christin“ schlechthin. Ludmilla war die Ehefrau des böhmischen Přemysliden-Herrschers Bořivoj I., der der erste wirklich historisch belegte Vertreter des Geschlechts ist. Die Christianslegende, eine im 10. Jahrhundert entstandene Geschichtschronik, überliefert, dass er sich um das Jahr 883 am mährischen Hof taufen ließ, um somit der erste christliche Herrscher in Böhmen zu werden. Und seine Frau Ludmilla, die ihn wohl um 874 im Alter von 14 Jahren geheiratet hatte, ließ sich bei dieser Gelegenheit oder möglicherweise kurze Zeit darauf in Böhmen ebenfalls taufen.

Aber es ging dabei nicht nur um das persönliche Seelenheil zweier Menschen. Bei alledem spielte natürlich auch die große Politik ihre Rolle. Die Taufe des Herrscherpaars warf Fragen auf. Irgendwie ging es dabei auch um die Frage der Zukunft Böhmens, das noch am Anfang seines Aufstieges als staatliches Machtzentrum stand. Das Christentum mag hier unter den einzelnen Stammesfürsten umstritten gewesen sein, wenngleich wohl weniger als später überliefert. Dann war da die Frage, ob man sich an die byzantinische Ostkirche, möglicherweise mit einer slawischen Liturgie verbunden, band, oder an die fränkische (deutsche) Kirche, die auf Latein bestand, und bei der Kirchenfürsten eine höhere politische Funktion ausübten. Letzteres kam den Macht- und Zentralisierungsbestrebungen der Přemysliden-Herrscher mehr entgegen.

Das alles braute sich über Ludmilla zusammen. Sie wurde um 889 Witwe. Zunächst regierte danach ihr ältester Sohn Spytihněv und nach dessen Tod 915 sein Bruder Vratislav I., der Böhmen durch den Bau zahlreicher Burgen und Kirchen weiterentwickelte. Nach dessen Tod wurde seine Frau Drahomíra, eine Westslawin, von den Stammesfürsten zur Regentin für den gemeinsamen minderjährigen Sohn Václav (Wenzel), dem späteren Heiligen Wenzel gewählt. Allerdings sollte ihre Schwiegermutter Ludmilla für die Erziehung des jungen Wenzels und dessen jüngeren Bruders Boleslav zuständig sein. Streit war damit geradezu vorprogrammiert. Die Hagiographie um Ludmilla behauptete später, dass Drahomíra eine Heidin gewesen sei, was möglicherweise nicht stimmte, aber als Behauptung später die Heiligsprechung Ludmillas beförderte. Eher schien sie den sächsisch/ostfränkischen (Stichwort: Heinrich I.) Einfluss in Böhmen zurückdrängen zu wollen, während Ludmilla eine engere Verbindung befürwortete. Es ging also primär um Politik. Und da besaß Drahomíra als Regentin kurzfristig mehr unmittelbare Machtmittel. An besagtem 15. September 2015 ließ sie Ludmilla kurzerhand von zwei gedungenen Mördern auf Burg Tetín südlich von Prag mit ihrem eigenen Halstuch erdrosseln. Und so wird die gute Ludmilla auch in der christlichen Ikonographie seither gerne dargestellt: Mit ihrem Halstuch in der Hand. So sehen wir sie oben im großen Bild als Statue auf der Karlsbrücke.

Drahomíra begann nach vollbrachter Tat sofort damit, hauptsächlich deutsche Mönche und Missionare aus dem Land zu vertreiben. Doch ihre Macht ging immer mehr dem Ende zu als der junge Wenzel irgendwann zwischen 922 und 925 volljährig wurde. Da zeigte sich, dass wohl die langfristigen pädagogischen Impulse der Großmutter wirksamer waren als die kurzfristigen Gewaltmethoden der Mutter. Wenzel fuhr einen deutschfreundlichen Kurs und verbannte Drahomíra aus dem Lande. Als er sie einige Jahre später wieder am Hofe aufnahm, war ihre Macht aber gebrochen. Die Geschichte war damit nicht zu Ende, denn bei dem jüngeren Bruder Boleslav hatte die Erziehung durch Großmutter Ludmilla nicht so recht gefruchtet. Oder vielleicht fühlte er sich als Zweitgeborener sowieso immer frustriert und zu kurz gekommen. Auf jeden Fall ließ der um das Jahr 929 oder 935 (weiß man leider nicht so genau) seinen Bruder Wenzel in Mladá Boleslav umbringen – nicht mit einem damenhaften Halstuch, sondern mit Hieb- und Stichwaffen. Auch diese Szene befindet sich auf dem Sockel der Ludmilla-Statue auf der Karlsbrücke, weil sie dorch eng mit der Geschichte der Heiligen verwoben ist. Bruder Boleslav, nun Herzog der Böhmen, ging nun im Geiste seiner Mutter gegen fränkische Gesitliche und auch mit Erfolg gegen sächsische Heere vor – bis er seinen Meister im deutschen Kaiser Otto I. (dem Großen) fand, dem er 950 die Treue schwur. Die hielt er auch und kämpfte 955 sogar tapfer an des Kaisers Seite bei der Schlacht auf dem Lechfeld gegen die ungarischen Invasoren. Er soll sogar persönlich deren Anführer Lehel besiegt haben. Und die Verbindung zwischen dem Deutschen/Römischen Reich gedieh von nun an fruchtbringend.

Jedenfalls durch ihren in den selben historischen Kontext gehörenden gewaltsamen Tod, haben es Ludmilla und ihr Zögling Wenzel zum Heiligenstatus gebracht – beide wohl schom im 10. Jahrhundert. Ironischerweise wurden gerade sie, die sie ihren deutschfreundlichen politischen Kurs mit dem Leben bezahlten, für die Tschechen immer mehr zu den eigentlichen großen Nationalheiligen. Deshalb durfte Ludmilla auf der Heiligengalerie der Karlsbrücke selbstredend nicht fehlen. Verlieren wir doch ein paar Worte zu dieser Statue: Die wurde im Jahre 1730 durch den Bildhauer Matthias Bernhard Braun gestaltet. Von dem findet man auf der Brücke noch Statue des Heiligen Ivo und der Heiligen Luitgard. Zu dieser Zeit war die Ikonographie der Heiligen Ludmilla bereits gefestigt und verbindlich. Neben dem Halstuch musste immer der eine (gute) ihrer Zöglinge, der Heilige Wenzel, mit dabei sein. Der böse Bruder hat seine Schande nicht wiedergutmachen können, und gehört nicht dazu. Und so sieht man den kleinen Wenzel liebevoll zu Füßen der Großmutter – wie üblich ein frommes Buch lesend. Beide – Großmutter und Enkel – tragen einen sogenannten Herzogshut auf dem Haupte. Das ist so eine Art Krone für Herzöge. Wenzel trägt ihn als tatsächlicher späterer Herzog, Ludmilla als Herzogswitwe. Könige mit richtiger Krone wurden die Přemysliden erst 1158 unter Vladislav II., der den Titel aber noch nicht vererben durfte.

Wie dem auch sei: Ludmilla war in Böhmen immer eine populäre Heilige. Unzählige Kirchen sind nach ihr benannt – ein Beispiel präsentierten wir hier. Schon im Mittelalter wuchs ein Kult um sie. In der Zeit der Gegenreformation nach 1620 brauchte man sie nicht propagandistsich aufzubauen, wie den Heiligen Nepomuk (das erwähnten wir u.a. hier), der erst über 400 Jahre nach seinem Tod zum Heiligen wurde. Und im 19. Jahrhundert, der Zeit des wachsenden tschechischen Patriotismus im Habsburgerreich, kam noch eine leicht nationalistische Komponente hinzu.

Ludmilla war und blieb immer allgegenwärtig – allenfalls übetroffen von ihrem Enkel Wenzel. Kein Wunder, dass dieses Jahr in Prag und ganz Tschechien zum Ludmilla-Jahr erklärt wurde. Es gibt Veranstaltungen, Festkonzerte, Sondergottesdienste, wissenschaftliche Kolloquien, Kunstaktionen und große Ausstellungen – im Bild oberhalb links sieht man an der Wand der Akademie der Wissenschaften ein Plakat, das für die Ausstellung drinnen wirkt. Aber das ist nur einer von vielen Events. Denn natürlich sind auch dieKirchen in der Stadt überall mit Bildern der Heiligen geschmückt und machen auf das Festjahr aufmerksam – allen voran an der rechts abgebildeten Ludmilla Kirche in Vinohrady. Die Heilige, so mag man sich erhoffen, lockt mit ihrer immerwährenden Popularität die Menschen in die Kirchen. (DD)

Robuste Schleuse, robustes Kraftwerk

Für große Frachtschiffe ist die Moldau (Vltava) auch heute nicht geeignet – zumindest nicht durchgängig. Aber etwas kleinere Boote, Ausflugsdampfer, Fähren und Yachten können sich heute bequem durch die milden Wogen des Flusses bewegen. Das war nicht immer so. Früher waren Untiefen und wilde Strömungen eine Herausforderung für die Flößer und Bootsmänner der Frachtkähne (wir berichteten). Mitte des 19. Jahrhunderts begann man in Prag mit der Eindämmung des Flusses durch hohe und feste Uferkais.

Dann, am Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Flusslauf begradigt und bis zur Elbe mit Stauwerken und Schleusen gebändigt. Eines davon ist die Schleuse Dolany (Zdymadlo Dolany). Die Anlage befindet sich nahe der kleinen, nur wenige Kilometer nördlich (=flußabwärts) von Prag gelegenen Ortschaft Dolany nad Vltavou (Dolan an der Moldau) und ist eine von satten 13 Stau- und Schleusenwerken auf der etwas über 60 Kilometer langen Strecke von der Prager Altstadt bis zur Elbe bei Mělník. An beiden Uferseiten führt jeweils ein schöner Uferwanderweg daran vorbei.

Die ersten konkreten Pläne für die Schiffbarmachung der Moldau außerhalb Prags wurden im Jahr 1894 geschmiedet und zwar unter der Federführung des Industriellen und Eisenbahnmagnaten Karl Adalbert, Freiherr von Lanna (über dessen Stadtpalast in Prag wir bereits hier berichteten). Der bekam auch 1896 von der neu gegründeten staatlichen Commision für die Canalisierung des Moldau- und Elbe-Flusses in Böhmen (Komise pro kanalisování Vltavy a Labe v Čechách), die das Gesamtprojekt der Schiffbarmachung betrieb, den Auftrag für das Stauwerk in Dolany – eines von 11 Stauwerken, mit dem er beauftragt wurde. Lannas Firma vollendete das Bauwerk hier in Dolany im Jahre 1901.

Die Arbeit, die dabei geleistet, war solide. Bis 1986 blieb die Stauanlage im Kern unverändert. An einigen Stellen kann man die originale Architektur noch gut erkennen. Dann machten sich doch einige Verschleißerscheinungen bemerkbar und auch technisch war das Ganze dann doch nicht mehr auf dem neuesten Stand. Bis 1989 dauerten die Renovierungs- und Umbaumaßnahmen. Es wurden u.a. neue Stahlklappen, eine leichte Erhöhung der Barriere auf 3,3 Meter und ein neues Kontrollzentrum mit viele Elektronik neu aufgebaut. Am linken Ufer befindet sich nun die Staumauer und rechten Ufer führt nun an einer Insel die Durchfahrt mit zwei hintereinander geordneten Schleusenkammern vorbei. Der Navigationskanal ist rund 670 Meter lang.

Die Schleuse wird heute tagsüber hauptsächlich von der Freizeitschifferei – kleine Touristenschiffe, Kanuten, Ruderern, Yachten und ähnliches – genutzt. Mit 11 Metern Breite entspricht die Schleuse (sie wurde noch in kommunistischen Zeiten gebaut) nicht mehr den internationalen Standards. eine Verbreiterung auf 12 oder 13 Metern ist für die Zukunft geplant, wovon sich die umliegenden Ortschaften ein Wachstum der Tourismusbranche versprechen. So wie sie nun ist, ist die Anlage durchaus aber auch so ein kleiner Hingucker für die Wanderer und Radfahrer auf den Uferwegen hier im romantisch-felsigen Moldautal.

Das liegt auf daran, dass man 1995 bis 1998 die Stauanlage noch zusätzlich wirtschaftlich nutzen wollte und ein kleines Wasserwerk auf dem linken Ufer hinzufügte. Die hydroelektrische Einrichtung (Generatorleistung 2390 kW) hat sich als leistungsstark und robust erwiesen. Beim großen Moldauhochwasser von August 2002 verkraftete sie problemlos einen Durchlauf von 5300 Kubikmeter pro Sekunde. Hochwasser übersteht sie auch, weil sie auf einem Stahlbetonsockel erhöht steht, der etwas brutalistisch herkommt. Nur daran erkennt man, dass es sich um ein doch recht modernes Gebäude handelt.

Das Kraftwerk ist nämlich ansonsten ein wenig in einem Retro-Baustil gehalten. Die beiden im 90-Grad-Winkel zueinander stehenden Hauptgebäude sind mit Tunnelgewölben ausgestattet, die an die Proportionen der funktionalistischen Architektur, wie sie während der Ersten Republik en vogue war. Erst auf den zweiten (und genaueren) Blick merkt man, dass sie nicht aus den spätern 1920er Jahren stammen.

Mit ihrem geschmackvollen weiß-roten Anstrich passen sie sich harmonisch in die umgebende Landschaft ein. Jedenfals überlegt man sich glatt, ob man nicht irgendwann einmal sich ein kleines Boot mieten sollte, um die die Moldau entlang und durch die Schleuse von Dolany zu paddeln – was zweifellos ein ganz besonderes Erlebnis wäre. (DD)

Brutalismus neben Jugendstil

Wer vom Prager Hauptbahnhof (hlavní nádraží) als einem Meisterwerk des Jugendstils schwärmt, darf über den Brutalismus der späteren Bauphase nicht schweigen. Der hat sicher auch seine Fans, aber möglicherweise nicht ganz so viele.

In den 1970er musste man große Verkehrsprobleme lösen. Auch in den Zeiten des Kommunismus nahm der Autoverkehr zu. Den konnte man nicht durch die engen Altstadtgassen jagen. So verband man die Vergrößerung des Bahnhofs mit dem Bau einer neuen Verkehrsachse und eines Metro-Systems (U-Bahn). Mit dem Bau der Metrostation am Bahnhof begann man 1967 nach den Entwürfen des Architekten Jiří Trnka. Nun zunächst plante man eigentlich eine Straßenbahnverbindung zum Bahnhof, die eigentlich unter demselben kurz mal untertauchen sollte. Deshalb ist die heutige Metrostation ungewöhnlich wenig tief gelegen. Zudem gehört sie zu den wenigen Stationen, die keinen einzigen mittleren Bahnsteig, sondern zwei äußeren neben den Gleisen haben (andere Ausnahme hier). Wie dem auch sei: Irgendwann im Laufe der Planung beschloss man doch eine regelrechte U-Bahn und die Station wurde, obwohl sie 1972 bereits fertiggebaut war, erst 1974 – nun als erste Metrostation – eröffnet.

Über der Metrostation baute man zwischen 1972 und 1979 nach den Entwürfen des Architektenteams Josef Danda, Jan Bočan, Zdeněk Rothbauer, Julie Trnková, Alena und Jan Šrámek eine neue große Bahnhofsvorhalle für den Hauptbahnhof. Das flache, im Stil des sozialistischen Brutalismus mit viel rohem Beton, Stahl und Glas gebaute Gebäude fraß sich nun vom alten Bahnhofbau in den davor gelegenen Park (dem Vrchlického sady) hinein und verkleinerte ihn. Der alte Bahnhof war nun optisch ein wenig von der Innenstadt abgeschnitten. Und auch verkehrstechnisch, denn nun gab es keine direkte Straßenbahnverbindung mehr, sondern nur die Metro unter dem neuen Gebäude.

Den flachen Vorbau nutzte man gleich, um das Problem der Umführung des Autoverkehrs zu lösen. Über dem Gebäude verläuft seither die sogenannte Nord-Süd-Magistrale. Die breite Straße führt den Verkehr an der Altstadt vorbei (was grundsätzlich sinnvoll ist). Im Süden verläuft sie zu der 1973 eröffneten Nusle-Brücke und den dahinter liegenden Autobahnverbindungen; nach Norden setzt sie sich auf Betonpfeilern etliche Kilometer fort. Das ist in der Tat eine städteplanerische Scheußlichkeit. Für Fußgänger ist das Areal kaum sicher begehbar. Die Staatsoper ist fast abgeschnitten. Die beiden hübschen Stadtteile Altstadt und Vinohrady wurden brutal voneinander getrennt. Überall verschlimmern Betonauffahrten und auf dem Gebäude befindliche Parkplätze das Stadttbild.

Natürlich hatten sich die Architekten, die ja unter bestimmten Sachzwängen standen, bemüht, der neuen Halle auch einige ästhetisch interessante Komponenten hinzuzufügen. Die Deckenlampen im (nur in den 1970ern) schön empfundenen Orange, die man noch innen bewundern kann, waren stilistisch der letzte Schrei als sie anmontiert wurden – nicht nur in der kommunistischen Welt.

Auch war galt der Beton-Brutalismus, den man auch innen überall sieht, damals durchaus Avantgarde. Nach der Samtenen Revolution 1989 und dem Ende des Kommunismus wurden auch die Geschäfts- und Ladenbereiche behutsam umgestaltet, um sie ästhetisch ansprechender zu machen. Trotzdem wird die Bahnhofshalle der 1970er insgesamt von den meisten Besuchern nicht gerade als als ästhetische Augenweide empfunden. Der Brutalismus hat gerade in Prag durchaus einige äußerst interessante Gebäude hervorgebracht (Beispiele hier und hier). Die Sachzwänge – insbesondere die Integration der Magistrale – haben aber den Bahnhofsvorbau zu einem problematischeren Fall werden lassen.

Auch außen hat man sich – etwa bei den Luft- und Aufzugschächten mit ihren Stahl- und Glaskuppeln (siehe großes Bild oben) – schon Gedanken über eine ästhetischere Gestaltung gemacht. Das konnte am Ende aber nicht verhindern, dass das städteplanerische Dilemma zwischen der Notwendigkeit einer Magistrale und der dadurch aber entstandenen Zerschneidung der Stadt und der optischen Zurücksetzung des schönen alten Jugendstil-Bahnhofs nicht aufgelöst wurde.

Ab und zu diskutiert die Prager Lokalpolitik darüber, wie man das Problem lösen könnte. Die sicherlich ansprechendste Lösung wäre es, die Magistrale in einen Tunnel zu verlegen, den Vorbau abzureißen und den Park wieder zu vergrößern. Das würde aber nicht nur viel, sondern sehr viel Geld kosten und möglicherweise für lange Zeit schwere Verkehrsprobleme durch Sperrungen hervorrufen. Davor schreckt man zurück. So wird uns die brutalistische Bahnhofshalle noch eine Zeit erhalten bleiben. (DD)

Der älteste jüdische Friedhof

Erst seit 2016 wird der vorbeikommende Passant wieder daran erinnert, dass sich hier in der Neustadt bei den Straßen Purkyňova und Vladislavova der Judengarten (Hortus Judaeorum) befand bzw. teilweise noch befindet. Der älteste jüdische Friedhof Prags wurde wohl schon im frühen 13. Jahrhundert angelegt.

Damals nahmen die die böhmischen Könige ihre Schutzpflicht gegenüber den Juden sehr ernst. Deshalb ist eine Erwähnung des Friedhofs durch König Otakar II. aus dem Jahr 1255 erhalten, der ein Gesetz erließ, dass jede Form von Vandalismus gegenüber den jüdischen Gräbern drakonisch bestraft werde. König Wenzel IV. garantierte 1410 den Juden den – gemäß ihrer Religion verpflichtenden – Ewigkeitsstatus. Der Friedhof wuchs auf stattliche 48.000 qm an und es wurden Juden aus der ganzen Umgebung Prags hier beerdigt. Die Ewigkeitsgarantie währte leider nicht ewig. 1478 ließ König Vladislav II. im Zuge einer Stadterweiterung der Neustadt en Friedhof. Einiges wurde anschließend durch den Stadtaufbau zerstört, viele Gräber aber auch einfach überbaut. Von nun an sollte der wesentlich kleinere neue jüdische Friedhof im Judenghetto Josefov (Josefstadt) in der Altstadt die Funktion des Judengartens übernehmen.

1866 fand man bei Bauarbeiten einige der Gräber wieder. Sie wurden exhumiert und in einem Denkmal beim Friedhof in Josefov eingemauert, was klar gegen den jüdischen Totenritus verstieß. 1998 fand man beim Bau einer Tiefgarage gleich ein archäologisch wertvolles zusammenhängendes Gräberfeld mit über 400 Gräbern. Diesmal wollte man sensibler agieren. Es folgten Verhandlungen mit der jüdischen Gemeinde Prags. Einige bereits beschädigte Gräber wurden auf den Neuen Jüdischen Friedhof (Nový židovský hřbitov), über den wir bereits hier berichtet haben, nach Žižkov umgebettet.

Insgesamt rund 160 Behältnisse mit menschlichen Überresten wurden dafür unter einem der erhaltenen Schreine (der dafür gesondert dorthin transportiert wurde) an zentraler Stelle des neuen Friedhofs begraben, was aber allenfalls als traurige Notlösung galt. Aber der Schrein ist eines der wenigen noch sichtbaren Relikte des ältesten jüdischen Friedhofs (Bild links). Für die intakt gebliebenen Gräber verhandelte im Jahr 2000 man eine Lösung, die dem jüdischen Gebot der ewigen Unantastbarkeit von Gräbern Rechnung trug. Baupläne wurden geändert und die verblieben Gräber unzugänglich mit einer großen Betonumhüllung versehen.

Davon sieht der Passant draußen auch der Straße nichts. Wo ein Erinnerungsort sein sollte, war lange Zeit schlichtweg keiner. Deshalb wurde 2016 auf der kleinen Purkyňova Straße ein von dem Architekten Richard Sidej gestaltetes Denkmal aufgestellt und unter großer Beteiligung der jüdischen Gemeinde und der Prager Kommunalpolitik würdig eingeweiht. Auf vier, an Grabsteine erinnernden Tafeln wird in Hebräisch, Tschechisch und Englisch an den geweihten Ort erinnert. Es wird auch gesagt, das laut einer Schriftquelle, dem Seder HaDoroth, einem aus dem frühen 18. Jahrhundert stammenden Buch der Generationen, Shlomo Yitzchaki Rashi, ein im 11. Jahrhundert lebender Gelehrte, der bedeutende Kommentare zur Torah und Talmud schrieb, hier begraben sein soll. Das ist eher ungesichert, starb der doch in der französischen Stadt Troyes und lebte lange vor der Entstehung des Prager Friedhofs. An der historischen Bedeutung des Ortes ändert das nichts. (DD)