Ringhoffers Schlösschen

Wie sehr der Stadtteil Smíchov dereinst im 19. und 20. Jahrhundert von den Ringhoffer Werken geprägt wurde, war Gegenstand unseres letzten Beitrags. Die Waggonfabrik war einer der größten Arbeitgeber im ganzen Habsburgerreich und eine der Grundlagen für den Reichtum Prags zur Jahrhundertwende.

Aber eine Fabrik war in diesen Zeiten nicht nur eine Fabrik. Wie viele der recht paternalistisch eingestellten Industriellen der Zeit sorgte auch der Gründer des Industriekomplexes, Franz III. Freiherr von Ringhoffer, 1870 dafür, dass zum Fabrikgelände auch Arbeiterwohnungen (Arbeiterkolonie) gehörten. Und auch sein eigener Wohnort sollte möglichst nahe bei der Fabrik sein, damit er jederzeit nachschauen konnte, ob seine Leute auch anständig arbeiteten. Heutige Unternehmer würden sich wohl eher weiter entfernt im Grünen ansiedeln, nicht aber Ringhoffer.

Und so finden wir die Villa in der Kartouzská 20/7, in Prag 5 dort, wo früher (bis zur Einstellung der Waggonproduktion 1996) der Lärm der Industriearbeit unüberhörbar gewesen sein muss. Nun ja, und seit dem die meisten Fabrikhallen der 2001 eröffneten Shopping Mall Nový Smíchov zum Opfer fielen, wurde die Lage des Hauses nicht besser. Es ist heute eng bedrängt von modernen Büroblöcken und führt direkt neben einer lärmigen Hochstraße (Zubringer) ein wahres Schattendasein. Man muss sich den Blickwinkel für ein schönes Photo (wie oben im großen Bild) sorgfältig aussuchen, damit es nicht ein wenig arg grauselig ausschaut (wie im Bild oberhalb rechts).

Man kann sich kaum vorstellen, dass ein Industrieller, der etwas auf sich hält, hier noch wohnen möchte. Aber damals, als es erbaut wurde, war es sozuagen der­ni­er cri. Anstelle eines klassizistischen Gebäude, das um 1870 erbaut worden war, wurde auf Geheiß der Ehefrau des Besitzers, Freiin Franziska (genannt: Fanny) Elizabetha Karolina von Ringhoffer, geborene Freiin Klein von Wisenberg, im Jahre 1900 eine Villa erbaut, die fortan an als das Schlösschen der Baronin Ringhoffer (Zámeček Baronky Ringhofferové) in die Geschichte einging. Und wegen des hübschen Türmchens an der Nordseite sieht die Villa, die im Übrigen durchaus bescheiden und wohnlich dimensioniert ist, tatsächlich wie ein kleines Schloss aus.

Aber das ist nicht das Besondere daran. Es handelt sich nämlich um eines der allerersten Gebäude im Jugendstil, die überhaupt in gebaut wurden. Und entworfen wurde es von keinem geringeren als Osvald Polívka (über den wir u.a. hier, hier und hier berichteten), dem vermutlich bedeutendsten Architekten des Jugendstils in Prag. Typisch für die Frühphase des Jugendstils war die asymmetrische Struktur des Gebäudes, die immer noch besticht. Polívka wirkte wohl auch bei der Planung einiger der umgebenden Fabrikhallen mit, so dass zwischen Villa und Fabrik eine gewisse Stileinheit herrschte, die heute leider nicht mehr erkennbar ist.

Als die Ringhoffer Werke 1946 verstaatlicht wurden (unter anderem weil Hans, der Enkel von Franz III., sich unter den Nazis an jüdischem Eigentum bereichert hatte), begann der Niedergang des Schlösschens. Eine zeitlang existierte hier ein medizinisches Zentrum. Ansonsten vergfiel es langsam – so wie viele historische Denkmäler in den Zeiten des Kommunismus. In den Jahren 2005/06 wurde das inzwischen wieder privatisierte Gebäude grundlegend renoviert. Als Villa zum Wohnen für die Reichen und Schönen kann es aufgrund der lärmigen Lage wohl nicht mehr dienen, weshalb sich heute nur noch Büros darin befinden. Und als Arbeitsplatz kann man sich das Ganze schon gut vorstellen. (DD)

Ringhoffers Fabrikhalle (mit Gedenktafel)

Im 19. Jahrhundert wurde Böhmen das Kernland der Industriellen Revolution im Habsburgereich. Und Prag wurde einer der Motoren der Entwicklung. Mit kaum einem Namen verbindet man den Wirtschaftsaufschwung so sehr wie mit dem von Franz II. Ringhoffer.

Der transformierte die von seinem Großvater gegründete Kupferschmiede 1852 in eine große Maschinen- und Wagonbaufabrik um. Die Werkanlagen der Ringhoffer Werke befanden sich nun in Smíchov, wo riesige Produktionshallen entstanden. In den 1870er Jahren wurden hier bis zu 3500 Wagons pro Jahr gebaut. Über 2000 Arbeitern ermöglichte er hier den Broterwerb. 1861 wurde er gar zum Bürgermeister von Smíchov (das erst 1909 Stadtteil von Prag wurde) und 1864 in den Böhmischen Landtag gewählt. Als er 1873 starb, kam posthum noch der erbliche Adelstitel eines Freiherrn dazu.

Von dem profitierte sein Sohn Franz III. Freiherr von Ringhoffer, der die Firma in dem Moment erbte, als die große Wirtschaftskrise von 1873 ausbrach. Mit einer Kombination von Einsparungen und strategischer Expansion schaffte es die Firma unter ihm, am Ende sogar größer als vorher zu werden. Und unter ihm entstand auch die einzige sichtbare Erinnerung an die Industrieanlagen, die einst in Smíchov standen. Zunächst einmal ging alles gut. Franz IV. Freiherr von Ringhoffer wandelte die Firma 1909 in eine Aktiengesellschaft um; 1935 fusionierte man mit den Tatra Autowerken und hieß nun Ringhoffer-Tatra-Werke. Aber dann beging sein Nachfolger Hans Freiherr von Ringhoffer die Schandtat, sich die von den Nazis 1939 zwangsenteignete Agrarmaschinen-Firma Bächer, die jüdischen Besitzern gehört hatte, anzueignen. Seine Verhaftung (er starb 1946 in einem sowjetischen Lager) und die Verstaatlichung der Firma waren die Folge. Unter dem Namen Tatra produzierte man in Smichov unter dem Kommunismus noch Straßenbahnen – wie etwa den oben im großen Bild gezeigten Typ Tatra T3, der ab den 1960er Jahren gebaut wurde. Nach dem Ende des Kommunismus und der Privatisierung (heute als Teil von Siemens) wurde die Produktion aus Prag wegverlegt. Die Gegend, wo die Fabrikhallen standen, verkam langsam aber sicher.

In den Jahren 1999-2001 begann das Areal wieder aufzublühen, weil es zum Einkaufzentrum wurde. Die Shopping Mall Nový Smíchov (mit 4D-Kino und allem Drum und Dran) gehört zu den größten in ganz Tschechien. Fast alle Werkgebäude wurden dafür abgerissen. Immerhin ließ man ein Gebäude stehen und integrierte es in den neuen Shopping-Komplex als Modegeschäft. Es macht sich dabei ganz schmuck.

Diese überlebende Halle entstand um 1906, als Franz III. Freiherr von Ringhoffer noch die Firma führte. Man erkennt genau, dass damals der Jugendstil dominierender Modetrend in der Architektur war. Möglicherweise wurde das Gebäude sogar von einem der ganz großen unter den Prager Architekten dieses Stils mit entworfen, nämlich Osvald Polívka (über den wir u.a. hier, hier und hier berichteten). Gesichert ist das aber nicht, aber Polívka war so etwas wie der Leib-und-Magen-Architekt der Ringhoffers, der auch den privaten Familiensitz in Prag gestaltet hatte. An vielen Plänen für Fabrikhallen war er zumindest beteiligt. Das Gebäude ist nur noch von außen so erhalten, wie es 1906 aussah. Innen wurde es entkernt, um dem Bedarf des Ladengeschäfts zu entsprechen, der nun einmal keine Eisenbahnen mehr baut. Immerhin hat sich der Innenarchitekt bemüht, ein wenig Industriehallenathmosphäre aufkommen zu lassen.

Und der Rat des Stadtteils von Smíchov hat die Gelegenheit,die dieses Gebäude bietet, immerhin genutzt, um den Firmengründer Franz II. Ringhofer zu ehren. Seit dem Mai 2018 befindet sich nämlich auf der Fassade der Halle eine Gedenktafel, die feierlich vom Stadtteil-Bürgermeister eingeweiht wurde.

Deren Text fasst (hier in Übersetzung) zusammen, warum man den großen Unternehmer heute noch als einen Gründervater der Prosperität Prags im allgemeinen und Smíchovs im speziellen feiert: „Franz II. Ringhoffer, 18.4.1817 -23.3.1873 Bürgermeister von Smíchov (1861-1865) und Mitglied des Tschechischen Landrates. In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts gründete und erbaute er an diesem Ort ein weltbekanntes Fabrikgelände für die Herstellung von Eisenbahnwagons.“

Der Künstler, der die Tafel entworfen hat, ist der Maler und Bildhauer Jakub Grec. Das Design lässt die Technik, deren Pionier Ringhoffer war, wieder optisch aufleben, sieht das Ganze doch aus wie eine Werkbeschriftung aus dem 19. Jahrhundert, die sich zwischen zwei Eisenbahnpuffern befindet. (DD)

Kafkas Domizil in Vinohrady

Franz Kafka ist mit Sicherheit der international bekannteste Schriftsteller Prags. Sein Museum, sein Geburtshaus, seine Denkmäler (hier und hier) sind Touristenmagneten und überall kann man Kafka-Souvenirs kaufen.

Um so mehr verwundert es, dass an seinem Wohndomizil in der Polská 1532/48 im damals noch nicht zu Prag gehörenden Vinohrady (das erst 1922 eingemeindet wurde) keine Plakette daran erinnert, dass der Schriftsteller hier vom September 1914 bis zum Februar 1915 lebte. Hier in diesem Haus schrieb er den größten Teil seines postum veröffentlichten und unvollendet geblieben Romans Der Process, in dem er wohl die Trennung von seiner ersten Verlobten Felice Bauer verarbeitete. Die Verlobung war kurz zuvor, im August 1914, nach fast zwei Jahren beendet worden.

In das Haus in der Polská, die erst seit 1948 so benannt ist und damals noch Nerudagasse hieß, zog er zusammen mit seiner ältesten Schwester Gabriele, genannt Elli, ein, die – genau wie die beiden jüngeren Schwestern Valli und Ottla – 1942 von den Nazis ermordet werden sollte. Während der Zeit, in der er hier wohnte, musste Kafka sich widerwillig um die Geschäfte der Firma Prager Asbestwerke Hermann und Co. kümmern, bei der er ebenso widerwillig auf Wunsch seines Vater stiller Teilhaber geworden war. Seine literarische Produktivität schien darunter kaum zu leiden, schrieb er hier doch neben Der Process unter anderem die Erzählung In der Strafkolonie.

Das Haus in der Polská ist ein für die Umgebung in Vinohrady typisches vierstöckiges Mietshaus im Stil der Neorenaissance. Es liegt in einer sehr angenehmen Gegend direkt in der Nähe des Rieger Parks (Riegrovy sady) Heute befindet sich im Erdgeschoss eine kleine Kneipe. Ob Kafka hier eingekehrt wäre, hätte es die schon damals gegeben? Wiedem auch sei: Im März 1915 zog Kafka hier aus und zog in das Haus zum Goldenen Hecht in der Altstadt ein (früherer Beitrag hier), wo er bis 1917 lebte. (DD)

Giraffe mit Duschkopf

Vor kurzem machte noch die Aufstellung einer Statue Maria Theresias Schlagzeilen (wir berichteten), jetzt ist es eine Giraffe. Prag erlebt zur Zeit einen Boom beim Aufstellen von Skulpturen.

Seit dem 10. November steht die Žirafa (so heißt „Giraffe“ auf Tschechisch) in der Pikrtova im eher sehr modern und gewerblich bebauten Stadttteil Pankrác. Und so steht sie nun wie ein bunter Farbklecks inmitten großer Bürokomplexe. Trotz ihrer stolzen 10 Meter an Höhe nimmt sie sich fast schon ein wenig verloren aus, wenn man sich ihr von der Ferne nähert – was sich ändert, wenn man direkt davorsteht.

Von der Größe kann auch der Schöpfer der Giraffe ein Lied singen: Jaroslav Róna. Von ihm hatten wir hier bereits sein Franz-Kafka-Denkmal neben der Spanischen Synagoge vorgestellt, das bereits zeigte, was man auch bei der Giraffe sieht: Mut zum Unorthodoxen und ein wenig Schrägen. Die Giraffe hat zum Beispiel keinen Giraffenkopf, sondern stattdessen eine Duschkopf. Zurück zur Größe: Róna hatte hier gelernt. 2015 hatte er in seinem Atelier seine berühmte, lediglich 8 Meter hohe Reiterstatue von Markgraf Jobst von Mähren für die Innenstadt von Brno (Brünn) gestaltet. Dafür musste er zeitweise das Dach des abbauen. Das musste er bei der Giraffe nicht mehr tun. Obwohl man es nicht sieht, besteht die nämlich aus mehren Teilen zusammengesetzt, die erst vor Ort in Pankrác zusammengesetzt wurden.

Die Skulptur wurde in der Tat aus 180 Kupferteilen und etlichen Stücken anderen Metalls zusammengefügt. Und warum der Duschkopf? „Es ist eine fiktive Kreatur. Es wurde von einer Giraffe inspiriert, aber als ich es entwarf, sahen meine Tochter und ich Pokémon-Filme und ich wollte, dass die Statue so verspielt ist wie diese seltsamen Charaktere “, sagte Róna nach der Aufstellung vor der Presse. Das erklärt den Duschkopf- und auch, warum die Giraffe rot ist und so einen putzigen Schwanz hat.

Finanziert wurde die Giraffe nicht von den Stadtvätern bzw. -müttern im Rat, wie das so oft bei Skulpturen im öffentlichen Raum der Fall ist, sondern von einem kunstsinnigen privaten Investor, der anscheinend in der Nähe ein Büro hat. Der ließ Róna künstlerisch freie Hand, um das an dieser Stelle nicht so übermäßig attraktive Umfeld zu verschönern. Und so meinte der Künstler, es sei seine „Absicht, Skulpturen herzustellen, die in dem Raum funktionieren, in dem sie vorgesehen sind.“ Die Skulptur lockt bereits in dieser sonst eher besucherfreien Zone etliche Besucher an. Besonders bei keinen Kindern scheint sie ausgesprochen beliebt zu sein. Das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass Rónas rote Giraffe tatsächlich hier „funktioniert“.

Legionärsbüsten

Die Erinnerung an die Tschechoslowakischen Legionen des Ersten Weltkriegs hat tiefe Spuren im Stadtbild Prags hinterlassen. Die Legionen waren autonome Truppeneinheiten, die die Alliierten der Entente aus Exiltschechen, Kriegsgefangenen und Überläufern aus der kakanischen Armee zusammengestellt hatten, die nicht mehr für das Habsburgerreich, sondern für die Unabhängigkeit und Freiheit der Tschechoslowakei kämpfen wollten (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier und hier). In Italien, Frankreich und vor allem in Russland entstanden solche Einheiten. Sie waren im Kern die erste funktionierende Institution des neuen Staates und wurden in der Folge ein konstituierender Nationalmythos der Republik.

Und so sieht man sie auch hoch oben auf der Fassade des großen fünfstöckigen Gebäudekomplexes in der Myslíkova 258/8 in der Neustadt. Aufgereiht nebeneinander sieht man im Bild oberhalb links (v.l.n.r.) Büsten von Legionären in den Uniformen der Länder, in denen sie dienten – Frankreich, Russland und Italien – und bisweilen sogar gegen ihre Landsleute in österreichischen Uniformen kämpften.

Das Gebäude sah nicht immer so aus. Weder die Legionärsbüsten, noch die kubistische Fassadengestaltung, noch die Statue eder Siegesallegorie auf dem Mittelerker waren zu sehen als das Haus 1868 fertiggestellt wurde. Da war es nämlich ein Gebäude im Stil der Neorenaissance, gebaut von dem Architekten  Josef Schulz, der ein Spezialist für diesen Stil war und dem wir u.a. das Gebäude des Nationalmuseums verdanken. Er hatte es im Auftrag des Holzhändlers Vincenc Bubeníček entworfen, der im Erdgeschoss das heute noch existierende Restaurant U Bubeníčků betreiben ließ.

In den Jahren 1923–1924 renovierte der Architekt František Tichna, der Prag unter anderem 1909-11 durch den Bau des Neuen Rathauses bekannt geworden war. In dieser Zeit war Neorenaissance-Architektur bereits völlig unmodern. Der Kubismus mit seinem avantgardistisch-modernen Anspruch war inzwischen so etwas wie der Nationalstil der Tschechen geworden. Deshalb sieht man links den Legionär in russischer Fellmütze in ein typisch kubistisches gestaltungselement mit geometrischer Formgebung eingebettet. Dass der Legionär recht grimmig dreinschaut, hat wahrscheinlich etwas damit zu tun, dass er viel Arges mitgemacht hat, weil die Legionäre dort in die Wirren des Russischen Bürgerkrieges gerieten. Die Bolschewiken hatten 1918 einen Sonderfrieden mit dem deutsch-österreichischen Feind geschlossen. Wechselweise versuchten die Legionäre mit alliierter Unterstützung, Russland durch „regime change“ wieder auf Seite der Entente zu bringen oder sie versuchten, den kommunistischen Terror einzudämmen. Erst 1920 wurden die letzten von ihnen nach einer gewaltigen Anabasis durch Sibirien von Wladiwostok aus zurück nach Böhmen verschifft.

Und dann ist da der Legionär in französischer Uniform, der den typischen Adrian-Stahlhelm trägt. Die Legionäre taten sich hier in den Gräben der Westfront hervor, insbesondere bei der Schlacht bei Vouziers und Terron 1918. Einer von ihnen, der Slowake und Legionsgeneral Milan Rastislav Štefánik wurde sogar der erste Verteidigungsminister der Ersten Tschechoslowakischen Republik (siehe auch früheren Beitrag hier). Stéfanik fand 1919 den Tod. Der flugbegeisterte Pilot stürzte bei Bratislava ab als er auf dem Weg zu Front war, denn die Tschechen waren gerade dabei, Ungarn die Slowakei militärisch abzutrotzen. Das Flugzeug, das er steuerte, gehörte der italienischen Luftwaffe.

Womit man bei der Legion in Italien ist, deren Repräsentanten man rechts in dem für die dortigen Gebirgstruppen typischen Trenker-Hut (mit Federschmuck) sieht. Die Legionäre kämpften hier unter hohen Verlusten an der Piave-Front. Und sie kämpften danach weiter. Der Krieg gegen Ungarn, bei dem Stéfanik ums Leben kam, war einer von mehreren, durch die die Tschechoslowakei erst ihre Grenzen erkämpfte – etwa der Siebentagekrieg gegen Polen. Die meisten Truppen standen dabei formell unter italienischen Kommando, was heute kaum mehr jemand weiß.

Über dem Portal befinden sich auch noch Skulpturen mit Szenen des Arbeits- und Familienlebens – das, wofür die Legionäre kämpften. Aber die auffällige Hauptattraktion sind die Büsten, die das Haus umrahmen. Und warum tummeln sich so viele Legionäre hier auf der Fassade des Hauses in der Myslíkova? Nun, das Haus gehörte in den 1920er Jahren der Legiobank, auch Bank der Tschechoslowakischen Legion genannt. Die wurde 1919 von und für Legionäre als Mittel sozialer Absicherung (was man den Helden auch schuldig war!) errichtet. Schon das Haupthaus in Prag (früherer Beitrag hier) war kubistisch gestaltet worden, weil dieser Stil gleichermaßen für Modernität und nationale Identität zu stehen schien. Diesem Beispiel folgte man bei der Filiale anscheinend.

Ach ja: Und das Erdgeschoss besteht aus weißem Stein, während der Rest aus rot bemaltem Putz besteht. Rot und Weiß – das sind die Farben, unter denen die Legionäre – vor allem in Russland – kämpften. 1918/19 war sie auch die Farben der Staatsflagge. Die heutige dreifarbige Fahne mit blauem Dreieck wurde erst nach 1920 offizielle Fahne der Tschechoslowakei (und seit 1993 Tschechiens). Die zweifarbige Variante ähnelte zu sehr der polnischen Fahne, was einer der Gründe für die Änderung war. Außerdem sollte das blaue Dreieck den slowakischen Teil des Landes symbolisieren. Die Farben der Legionäre waren aber Rot und Weiß. Und das hat das Gebäude in der Myslíkova architektonisch verewigt. Den vorbeigehenden Passanten wird das aber kaum auffallen. (DD)

Nationaldichter in Jugendstil

Zumindest in Tschechien kennt man ihn als den Dichter, dessen 1884 uraufgeführtes Stück Noc na Karlštejně (Eine Nacht in Karlstein) im Jahre 1974 die Grundlage für ein ungeheuer populäres gleichnamiges (Kino-) Musical unter der Regie von Zdeněk Podskalský lieferte.

Aber Jaroslav Vrchlický war mehr. Der tschechische Übersetzer von Goethe, Dante und Poe, der eigentlich Emilius Jakob Frida hieß, schuf sich einen Ruhm unter Zeitgenossen durch nationalpatriotische Dichtungen, etwa die sozialkritischen Zlomky Epopeje (Landarbeiterballaden; 1886). Für Antonín Dvořák schrieb er unter anderem das Libretto zu dessen Oratorium über die böhmische Nationalheilige Ludmilla (Svatá Ludmila, 1886). An der Karlsuniversität lehrte er Philosophie. Sein patriotisches Engagement für Böhmen und die Rechte des Tschechen in Kakanien brachte ihm schließlich 1901 die Mitgliedschaft im Österreichischen Herrenhaus ein, was so etwas wie das Oberhaus im österreichischen Teil des Habsburgerreiches war.

Grund genug, ihn als Nationaldichter zu ehren. Das tat man zum Beispiel mit dem 1956 errichteten Denkmal auf der halben Höhe des Petřín-Berges; aber natürlich auch an jenem Haus, in dem er bis zu seinem Tode 1910 die letzten 12 Jahre seines Lebens mit schöner Aussicht auf Moldau und Burg verbrachte. Dort wurde 1929 auf Höhes des ersten Stocks des vierstöckigen Mietshauses am Rašínovo nábřeží 1897/72 (Rašín Ufer) eine bronzene Gedenkplakette mit Portraitrelief angebracht. Die Plakette wurde bereits 1911 von dem Bildhauer Ladislav Šaloun, einem der bedeutendsten Vertreter des Prager Jugendstils, dem wir unter anderem das große Hus-Denkmal auf dem Altstädter Ring (früherer Beitrag hier) verdanken, erschaffen. Die in einem sehr naturalistischen Jugendstil angefertigte Plakette ist jedenfalls schon für sich genommen ein kleines Kunstwerk. (DD)

Das Leiden der First Lady

Heute vor 170 Jahren, am 20. November 1850, wurde sie geboren. Man sieht es ihr an, wieviel sie an diesem Ort durchmachen musste. Ihre Gedenkbüste zeigt sie als eine leidende Frau: Charlotte Garrigue Masaryková, die als erste „First Lady“ der 1918 ausgerufenen Ersten Tschechoslowakischen Republik bekannt wurde.

Dass sie das dereinst werden würde, war keineswegs vorgezeichnet, als sie in jenes Haus in der Mickiewiczova 239/13 (Prag 6) einzog, an dessen Fassade auf dem ersten Stock sich nun die Büste befindet. Die Büste ist das Werk des Bildhauers Vojtěch Sucharda, dem Bruder des etwas bekannteren Bildhauers Stanislav Sucharda, dem wir unter anderem das große Prager Denkmal des Nationalhistorikers František Palacký verdanken.

Charlotte Garrigue war eine emanzipierte Amerikanerin aus gutem New Yorker Hause. Die begabte Musikerin ging 1874 nach Leipzig, um dort am Konservatorium zu studieren. Dabei lernte sie den böhmischen Philosophen und Politiker Tomáš Masaryk kennen und lieben. Die beiden heirateten 1878 in Brooklyn. Wieder im damals noch habsburgischen Böhmen, engagierte sie sich an der Seite ihres Mannes in der Partei der Realisten, eine gemäßigt nationalische tschechische Refompartei mit liberalem Einschlag. Sie arbeitete nicht nur eifrig an seiner Kultur- und Politikzeitschrift Naše doba (Unsere Zeit) mit, sondern schuf sich einen eigenen Namen als Vorkämpferin für Frauenrechte. Der Respekt, den Masaryk für seine Frau empfand, zeigte sich auch daran, dass er ihren Familiennamen zu seinem Zweitnachnamen machte. Er nannte sich nun Tomáš Garrigue Masaryk, meist liebevoll abgekürzt als TGM.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, begannen die österreichischen Behörden damit, nationalistische Bewegungen im Reich zu unterdrücken, wozu auch gemäßigte Gruppen, die eigentlich loyal waren, gehörten. Masaryk musste 1915 Hals über Kopf ins westliche Ausland fliehen, wo er vor allem in den USA (nunmehr politisch radikalisiert) für die Unabhängigkeit des Landes warb. Seine Frau blieb in Prag in jenem Haus in der heutigen Mickiewiczova zurück, an dem sich die Büste befindet. Hier wurde sie von den Behörden drangsaliert und schikaniert, die in ihr eine potentielle Verräterin sahen. Nur durch die heimliche Unterstützung politischer Freunde ihres Mannes konnte sie mit ihren fünf Kindern wirtschaftlich überleben.

Dann kam ein persönlicher Schlag, als einer ihrer Söhne, Herbert Masaryk, plötzlich verstarb. Bald darauf wurde Tochter Alice aus politischen Gründen eine zeitlang ins Gefängnis gesteckt. Und eben an diese Leiden erinnert Suchardas Büste und die Inschrift, die übersetzt lautet: „Hier lebte und litt Ch. Garrigue Masaryková. Eine Amerikanerin von Geburt, eine Tschechin im Geiste, eine engagierte Mitarbeiterin unseres Befreiers. 1914-1918.“ Die Leiden hatten erst ein Ende, als 1918 die Tschechoslowakei unabhängig und ihr zurückgekehrter Mann der erste Präsident und sie die erste First Lady wurden. Einge Zeit später wechselten sie den Wohnsitz in den neuen Präsidentenpalast in der Burg. Auch hier engagierte sie sich weiter, vor allem in Sachen Frauenrechte. Sie starb schon 1923 – nicht zuletzt an den Spätfolgen der schrecklichen Zeit, die sie in diesem Haus erlebt hatte. Den Tod ihres ersten Sohnes Jan im Jahr 1948, der später Außenminister wurde und wohl einem Mordkomplott der Kommunisten anheimfiel, musste sie nicht mehr erleben.

Das Haus, an dem bald nach Charlotte Garrigue Masarykovás Tod ihre Büste angebracht wurde, ist übrigens für sich genommen schon interessant. Es war damals frisch gebaut worden. In den Jahren baute der Meisterarchitekt Jan Kotěra (über den wir u.a. schon hier und hier berichtet haben) für private Auftraggeber zwei Doppelhaushälften für Familien. Kotěra war einer der Pioniere der modernen Architektur in Böhmen, der die Konventionen des Historismus und des Jugendstils überwand. Als das Ehepaar Garrigue Masaryk hier kurz darauf einzog, mussten neue Stabilisierungsstützen in das Gebäude eingezogen werden. Der Philosophieprofessor und seine Frau hatten eine so große Privatbibliothek, dass das Gewicht der Bücher sonst die Statik des Hauses gefährdet hätte. (DD)

Wo die Staatsicherheit Havel bespitzelte

Er ist heute in das Gebäude der Galerie Mánes, einem modern-funktionalistischen Kulturzentrum aus dem Jahre 1930, integriert. Aber der Šítkov Wasserturm (Šítkovská vodárenská věž) am Masarykovo nábřeží 250/1 (Masaryk Ufer) in der Neustadt hat auch seine eigene, höchst spannende Geschichte, die in den Jahren des Kalten Krieges einen Höhepunkt erreichte, als er zu einem Agentennest der tschechoslowakischen Staatsicherheit (Státní bezpečnost, StB) wurde.

Aber zurück zum Anfang: Im Spätmittelalter wurden erstmals in Prag Wassertürme gebaut (frühere Beiträge hier und hier), um die Versorgung der Bürger mit sauberem Wasser zu erreichen. Zwischen 1488 und 1495 wurde an der Stelle des heutigen Turms ein Holzturm errichtet, der diesen Zweck erfüllte. Er war in eine große Mühlenanlage integriert, die einem gewissen Jan Šítka gehörte, der zum Namensgeber des Ganzen wurde. Die Wassermühle betrieb auch die Pumpe, die das Wasser hinaus beförderte, das dann hydraulisch durch die Wirkung der Schwerkrat wieder nach unten in die Röhren floß.

Ende des 16. Jahrhundert fielen Mühle und Turm einem Feuer zum Opfer und zwischen 1588 und 1591 baute man ihn wieder auf. Man hatte inzwischen durch das Feuer gelernt und so wich der Holzturm einem Steinturm, weil Stein nun einmal nicht so leicht brennt. Rund 3/4 des Wasserbedarfs der Neustadt wurden nun von diesem Turm gedeckt. Vor Schaden gefeit war er aber trotzdem nicht, denn als die Schweden zu Ende des Dreissigjährigen Krieges 1648 erfolglos Prag erobern wollten, richteten sie durch Artilleriefeuer größere Schäden am Bauwerk an. 1651 reparierte man die Schäden und setzte das nunmehr so typische Kuppeldach auf, das im 18. Jahrhundert mit Kupferblech überzogen wurde.

Im 19. Jahrhundert wurden immer mehr Stauseen außerhalb der Stadt und moderne Türme mit Dampfpumpen errichtet (früherer Beitrag hier). Der alte Turm war nicht mehr state-of-the-art. 1847 stellte er seine Funktion ein. Das Wasserwerk mit seinen Pumpen wurde 1882 abgerissen, nur der Turm blieb erhalten. 1930 wurde er in die neue Galerie Mánes (früherer Beitrag hier) baulich integriert und bietet einen wunderschönen optischen Kontrast zum kühlen Funktionalismus des neuen Gebäudes. Dabei musste man zunächst einmal das Fundament des Turmes mit einer Betonkonstruktion stabilisieren. Der 47 Meter hohe Turm stand nämlich immer schon auf sumpfigem Boden. Im Grunde ist er das, was der Schiefe Turm von Pisa für Pisa ist, nur eben für Prag. Man kann es ein wenig auf dem Photo oberhalb links erkennen: ganze 1,15 Meter weicht er Richtung Ufer von der vertikalen Achse ab. Das ist eine Menge und er ist definitiv der schiefste Turm von Prag. Einsturzgefahr besteht allerdings Dank des Fundaments von 1930 nicht mehr.

Doch nun zur Staatssicherheit: Die zog in den 1980er Jahren in die oberste Etage und die Kuppel ein. Gegenüber, am Rašínovo nábřeží 2000/78 (Rašín Ufer), direkt neben dem Ort, wo heute das berühmte Tanzende Haus (früherer Beitrag hier) steht, wohnte kein geringerer als der berühmte Dramaturg und Dissident Václav Havel. Es handelte sich um sein Geburtshaus, das er zunächst von 1936 bis 1971 bewohnte. 1986 zog er wieder ein, diesmal mit seiner Frau Olga. Von den oberen Fenstern des Turmes war der Eingang des Hauses perfekt zu erkennen. Die StB-Agenten machten es sich dort gemütlich mit Heizkörpern, Kochgelegenheit, Geschirr, Betten, Schreibmaschine und Telefon. Niemand sonst hatte Zugang zum Turm. 24 Stunden am Tag wurde Havels Haus beobachtet. Immer durch zwei Agenten gleichzeitig.

Keiner, der mit Havel dort Kontakt hatte, blieb unbemerkt, was wiederum selbst unbemerkt blieb. Nun ja, bis zum magischen Glücksjahr 1989 als die Samtene Revolution – auch mit Hilfe Havels – die Kommunisten wegfegte. Kurz darauf wurde aus dem Dissidenten der frei gewählte Präsident und die Mitarbeiter der Staatssicherheit musste still und leise gehen. Und ihre Machenschaften wurden publik. (DD)

Studentenmord

Am heutigen Tag begeht man hier in Tschechien den Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (Den boje za svobodu a demokracii), der im Jahre 2000 zum Nationalfeiertag erklärt worden ist. Mit dem 17. November verbindet man in der Regel den Beginn der Samtenen Revolution von 1989, die die Schreckensherrschaft des Kommunismus beendete. Zweifellos ein Grund zum feiern!

Die Demonstranten von 1989 knüpften dabei aber zunächst an ein anderes Kapitel der Geschichte des Landes an, dem heute ebenfalls gedacht wird. 50 Jahre zuvor waren in Prag die Studentendemonstrationen gegen die Nazibesetzung brutal niedergeschlagen worden. Das sich antifaschistisch gebärdende kommunistische Regime konnte 1989 gegen eine nominell antifaschistische Demonstration, die an dieses Ereignis erinnerte, wenig einwenden, es war aber vorhersehbar, das sich die Freiheitsbotschaft gegen das totalitäre System der Nazis von 1939 sich bald auch gegen das totalitäre System der Kommunisten richten würde.

Im Februar 1939 hatte Hitler die Resttschechei zerschlagen und deutsche Truppen besetzten daraufhin auch Prag. Formell blieb das Land (ohne die Slowakei, die von Hitlers Gnaden selbständig erklärt worden war) uabhängig. Tatsächlich stand das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren aber völlig unter Hitlers Kontrolle.

Die Tschechen wollten sich das nicht gefallen lassen. Immer wieder erhoben sich Proteste, vor allem seitens der Studentenschaft. Am 28. Oktober, dem 21. Jahrestag der Gründung der Tschechoslowakischen Republik, fanden große Protestmärsche statt, die von Arbeiterstreiks begleitet waren. Die von den deutschen Machthabern zur Niederschlagung der Demonstrationen aufgeforderte tschechische Polizei griff gar nicht oder nur halbherzig ein. Die Nazis setzten daher von nun an deutsche Polizisten ein, die hunderte von Menschen verhafteten und ohne Gnade das Feuer eröffneten.

Auf der Höhe der Žitná 569/24 (im heutigen Prag 2) wurden der Medizinstudent Jan Opletal und der Arbeiter und Sokol-Aktvist Václav Sedláček von Kugeln getroffen. Sedláček starb noch am selben Abend. Opletal starb am 11. November an den Folgen des Bauchschusses. Seine Aufbahrung an der Universität wurde zu einer politischen Demonstration, an der über 3000 Menschen teilnahmen. Als der Sarg am 15. November zum Bahnhof gebracht wurde, um den Toten zur Beerdigung in seine mährische Heimatstadt Náklo zu überführen, schwoll der Protest noch einmal an. Diesmal versammelten sich über hunderttausend Menschen. Als die Teilnehmer anfingen, die tschechoslowakische Nationalhymne zu singen, zerschlug die Polizei den Protest, der dann in verschiedenen Stadtteilen wieder aufflammte.

Die Nazis entschieden sich nun zu noch härterem Durchgreifen. Am 17. November – jenem Tag, an den dann die Demonstranten von 1989 erinnern wollten – setzte die sogenannte Sonderaktion Prag ein. Die Nazis schlossen an diesem Tag alle tschechischen Universitäten, verschleppten rund 1200 Studenten ohne Gerichtsverhandlung ins Konzentrationslager und erschossen neun der Studentenführer, die die Demonstrationen organisiert hatten – eine gnadenlose Mordaktion.

Noch im Herbst 1989 – kurz vor den Demonstrationen der Samtenen Revolution – brachte man an einer Gartenwand in der Žitná , dort wo Opletal und Sedláček erschossen worden waren, eine Gedenktafel mit einer abstrakt-geometrischen Skulptur aus Granit und Marmor an. Neben dem Datum der tödlichen Schüsse und den Namen der beiden Freiheitshelden befindet sich darauf der Spruch des römischen Dichters Horaz aus seinen Oden: Non omnis moriar (Ich werde nicht ganz sterben). An jeden Jahrestag wird der Erinnerungsort mit Blumen und Kränzen überschüttet.

Das gilt auch die kleine einfache Gedenkplakette, die man gar nicht weit davon entfernt findet. Auch sie ist an Nationalfeiertagen – insbesondere dem 17. November – mit Blumen und Kränzen in den tschechischen Landesfarben rot-weiß-blau förmlich überschüttet. Opletal genießt so etwas wie einen studentischen Nationalheldenstatus im Lande – übertroffen allenfalls von Jan Palach (früherer Beitrag hier), der sich 1969 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings in Protest selbst verbrannt hatte und damit ein Signal gegen die Unterdrückung setzte.

Die Plakette befindet sich an einem großen Mietshaus in der Jenštejnská 1966/1 (Prager Neustadt), wo Jan Opletal seit der Aufnahme seines Medizinstudiums im Jahre 1939 gelebt hatte und erinnert an diesen Umstand. Ein Kuriosum ist dabei das Geburtsdatum, das als Geburtsdatum der 31. Dezember 1915 angegeben ist, während Opletal in Wirklichkeit am 1. Januar 1915 geboren wurde. Die Eltern hatten damals bei der Universitätseinschreibung den 31. Dezember 1914 angegeben, damit er früher als erlaubt immatrikulieren konnte. Die Schöpfer der Gedenkplakette waren darob wohl so verwirrt, dass sie noch ein drittes Geburtsdatum erfanden.

Ach ja, während in Tschechien selbst der 17. November primär mit dem Beginn der Samtenen Revolution von 1989 verbunden wird, verbindet ihn die internationale Gedenkkultur tatsächlich eher mit den Ereignissen von 1939. Weil die Organisatoren der damaligen Proteste gegen die Naziherrschaft nicht nur, aber hauptsächlich Studenten waren, rief das International Students‘ Council in London 1941 diesen Tag erstmals zum Gedenktag aus. Heute ist der Weltstudententag ein internationaler Feiertag. (DD)

Comenius und die Bildung

Am 15. November 1670, also genau vor 350 Jahren, starb in seinem Amsterdamer Exil Jan Amos Komenský, der den meisten Nicht-Tschechen als Johann Amos Comenius bekannt ist. Dessen historische Verdienste um die Entwicklung der modernen europäischen Pädagogik sind so enorm, dass es in keiner Weise verwundert, dass das Nationale Pädagogische Museum und Bibliothek (voller Name: Národní pedagogické muzeum a knihovna J. A. Komenského) in Prag nach ihm benannt ist.

Das Museum (zur Zeit ein Corona-Opfer) befindet sich in der Valdštejnská 18/20 auf der Kleinseite in einem um 1541 entstanden Renaissancehaus, genannt Haus zur Goldenen Sonne (dům U Zlatého slunce). Es präsentiert die geschichtliche Entwicklung der Erziehungswissenschaft in den böhmischen Ländern von den Anfängen bis heute. Und dem großen Comenius wird dabei ein besonderer Platz eingeräumt. Zu seinem Todesjahr wurde sogar eine Ausstellung mit seinem Leben als Comic eröffnet (Bild oberhalb links).

Das mit vielen Schautafeln in Tschechisch und Englisch, aber auch etlichen Ausstellungstücken ausgestattete Museum ist – wie man es bei dem Thema erwarten sollte – didaktisch sorgfältig gestaltet. Auf überbordende Digitalisierung wird noch nicht gesetzt, aber die Nachbildung originaler historischer Klassenräume (großes Bild oben) ist am Ende auch irgendwie interessanter als die virtuelle Nachbildung derselben.

Die Dauerausstellung folgt den Weg der Bildung und Bildungsideen durch die Jahrhunderte. Vom Mittelalter mit der Kirche als einziges Zentrum für Bildung über die Modernisierung im Zeitalter von Humanismus und Aufklärung bishin zur Moderne. Auch die Erziehung (oder besser: Indoktrination) in den Zeiten des Kommunismus wird detailliert einbezogen, wie dieses Plakat zeigt, dass die Schüler auffordert, den Jahrestag der „Befreiung“ durch die Sowjetarmee am 9. Mai 1945 zu feiern hätten (die Kapitulation der Nazis erfolgte realiter einen Tag zuvor vor den nicht-kommunistischen tschechischen Truppen des Prager Aufstands, siehe auch hier, was man unter den Kommunisten aber nicht beigebracht bekam).

Das Museum wurde schon 1892 gegründet, ist also weltweit eines der ältesten seiner Art. Es war als Quelle von Information (deshalb die große Bibliothek) und Inspiration für tschechische Lehrer in den Zeiten der österreichisch geprägten Habsburgerzeit gedacht. Es hatte daher eine stark nationale Komponente, die man dem Ganzen auch heute noch ein wenig anmerkt. Das Museum legt den thematischen Schwerpunkt immer noch stark auf Aspekte wie tschechische Sprachentwicklung oder Ausformung eines parallel zum deutschen entstehenden tschechischen Bildungswesens.

Und da kommt Comenius ins Spiel, der als Tscheche (genauer: Mähre) im 17. Jahrhundert der große Pädagoge der Tschechen schlechthin wurde, aber – und das ermöglicht eine Brücke zu post-nationalistischeren, europäischen Bildungsideen – schon damals die europäische Bildungswelt inspirierte. Das tat er möglicherweise nicht freiwillig. Als Pfarrer und Theologe der Unität der Böhmischen Brüder (Vorgänger der heutigen evangelischen Kirche im Lande) konzipierte er ein Bildungskonzept, das nicht bloßes Einpauken des tradieren Kanons, sondern Lebenstauglichkeit und Anpassung an die Fähigkeiten des Kindes in den Mittelpunkt stellte. Mit dem Orbis sensualium pictus schrieb er das erste Kinder- und Jugendbuch – ein lehrreiches, natürlich.

Seine Zeit in Mähren endete 1620 mit der Schlacht  am Weißen Berg (siehe auch hier), die die katholischen Habsburger an die Macht brachte, die der religiösen Freiheit ein Ende setzten. Comenius floh ins Exil – erst in Polen, dann nach Deutschland, Schweden und Holland. Überall hinterließ er Schüler und begeisterte Nachahmer. In England wollte Oliver Cromwell die universitäre Bildung mit Hilfe von Comenius‘ Schüler Samuel Hartlib ausweiten. Das, was heute in Europa als moderne Bildung gilt, hat größtenteils seine Wurzeln in den Ideen von Comenius.

Neben dem internationalen „Star“ der tschechischen Pädagogik, Comenius, bilden die national-tschechischen Bildungsreformer den wohl größten Schwerpunkt, etwa die Sprachforscher Josef Dobrovský (auch hier) oder Josef Jungmann (hier), die sich um die Kodifizierung der tschechischen Sprache bemühten. Auf jeden Fall lernt man viel Neues in diesem sehr ansprechenden Museum, dessen Rundgang mit dem Wiederaufbau des Bildungssystems nach dem Fall des Kommunismus endet. (DD)