Denkmal mit gebrochener Geschichte

Die Würdigung der Gründung ihrer Ersten Republik wollte sich die Tschechoslowakei etwas kosten lassen. Und so begann man 1928, also 10 Jahre nach der Gründung, mit dem Bau des Nationaldenkmals auf dem Vítkovberg.

Jedenfalls sind schon alleine die Maße des Bauwerks – ganz zu schweigen von der hier schon öfters erwähnten gigantischen Reiterstatue des Hussitenfeldherrn Jan Žižka – geradezu kolossal: 143 Meter lang ist das Gebäude, 31,6 Meter hoch (man kann dort oben eine Aussichtsplattform besuchen!) und 27,5 Meter breit. Unter dem Keller befinden eine Unzahl von Räumen. Das Photo mit einem Querschnittsmodell des Gebäudes, das sich im zweiten Stock davon befindet, gibt einen kleinen Eindruck davon wieder. Pläne zur architektonischen Zelebration der Nation hatte es schon Ende des 19. Jahrhunderts gegeben, als das Land noch zum Habsburgerreich gehörte. Die Gründung der Republik 1918 gab aber erst den richtigen Impetus. Und so legte im November 1928 der erste Präsident der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, den Grundstein.

Hier sollten gefallene Helden des Unabhängigkeits in einem Mausoleum begraben werden, womit vor allem besonders heldenhafte Kämpfer der Tschechoslowakischen Legion gemeint waren, die im Ersten Weltkrieg nicht für die Habsburger gekämpft hatten, sondern für die Entente-Mächte, die dem Land die Unabhängigkeit versprochen hatten. Auch Masaryk selbst hätte nach seinem Tode gemäß dem Willen der Erbauer dort seinen Platz bekommen können, aber der zog bescheiden einen Platz bei seinem Landsitz in Lány u Rakovníka vor.

Aber soweit kam es sowieso nie. Denn die Bauarbeiten zogen sich unendlich hin und wurden 1938 wegen des Münchner Abkommens und der anschließenden Besetzung des Landes durch die Nazis abgebrochen. Nach dem Ende der Nazi-Tyrannei 1945 baute man weiter, aber kam ebenfalls nicht viel weiter, den schon 1948 kam die nächste Tyrannei, die kommunistische. Und das bedeutete eine Konzeptänderung.

Ursprünglich sollte das Ganze ja eine etwas gigantoman geratene „Kultstätte“ einer neuen Demokratie werden. Deshalb sollte die Architektur auch ganz modernistisch sein. Funktionalismus war angesagt. Und Funktionalismus mit strengen Formen und nur wenigen klassizistischen Anspielungen lieferte der Architekt Jan Zázvorka mit seinem Entwurf. Besonders gut sieht man das bei der Betrachtung der Seitenfassade.

Auch drinnen herrschte stenger Art Dèco-Stil vor. Etliche große Künstler der Zeit gestalteten die Innenräume. Besonders in der Kapelle kann man Mosaiken des Malers Max Švabinský bewundern. Es dominierend dort patriotische Motive, wie etwa diese Allegorie der Bohemia mit einem Rock in tschechischen Farben und einer roten Freiheitsmütze als Symbol der republikanischen Ordnung.

Kernstück der Kapelle ist die überlebensgroße Plastik „Der Verwundete“ des Bildhauers Jan Štursa. Und rundherum finden sich bronzene Reliefs des Art-Dèco-Bildhauers Jaroslav Horejc, dessen Bild eines gefallenen Legionärs man im kleinen Bild links sieht. Beide Künstler stellten das Leiden, das für den Kampf im die nationale Selbstbestimmung erbracht wurde, in den Mittelpunkt.

Der ästhetische Kurswechsel mit der Machtübernahme der Kommunisten kam abrupt und man sieht das daran, dass die Horejcschen Reliefe aus den 1930ern zwar blieben, aber 1950 neue hinzugefügt wurden. Man kann nur erahnen, was Horejc empfand, als er statt der empfindsamen Darstellung des Leidens der Kriegsopfer nun platte Propaganda in Form von Hammer und Sichel produzieren musste.

Das Aneinanderreihen von Unpassendem ging weiter. Das geplante Mausoleum, in dem schwarze Marmorsärge ursprünglich gefallenen Legionären als würdige Ruhestätte dienen sollten, wurde nun für führende Kommunisten (die 1990 wieder entfernt wurden, was die Särge seither leer belässt). Die kurzlebige demokratische Regierung nach 1945 hatte noch die Fertigstellung des ursprünglich als letzte Ruhestätte für Masaryk vorgesehenen Mausoleums in einer nun anzubauenden Apsis geplant. Masaryk hatte sich entschieden, lieber be seinem Landsitz in Lány beerdigt zu wrden. Stattdessen sollte das Mausoleum nun den bürgerlichen Widerstandskämpfern gegen die Nazis gedenken. Das mochten die Kommunisten überhaupt nicht. Nach dem Coup der Kommunisten wurde die Halle zu einer Gedenkhalle für die Rotarmisten, die das Land „befreit“ hatten, umfunktioniert. Mosaike mit sowjetischen Soldaten, erstellt von dem Maler Vladimír Sychra, blicken seither von den Wänden – so wie es in der Kapelle republikanische Legionäre tun. 1953 wurde die Halle als Mausoleum für den gerade verstorbenen Kommunistenführer Klement Gottwald eingerichtet, der hier einbalsamiert in einem Glassarg die posthumen Huldigungen seiner Untertanen entgegennehmen konnte – bis er im Zuge der Entstalinierung 1962 wieder entfernt wurde.

Und im ersten Stock befindet sich die ursprünglich für den demokratischen Präsidenten Masaryk in einem sehr bürgerlichen Stil eingerichtete Präsidentensuite ebenfalls neben Mosaiken im realistisch-sozialistischen Stil.

Die künden von der Freude der Bürger über die Ankunft der Roten Armee und etlichen militärgeschichtlichen Themen aus der Geschichte des Landes aus ideologisch klar fixierter Sicht. Ja, man bekommt hier in Architektur und Kunst gegossene Geschichte mit großen Brüchen zu sehen. Aber gerade das macht den Ort so faszinierend.

Nach der Samtenen Revolution von 1989 ließ man diese Brüche bestehen, dass heißt, man versuchte erst garnicht, die Skulpturen und Mosaike aus der kommunistischen Zeit zu zerstören. Man restaurierte allenfalls einige damals verschwundene Artefakte wieder an ihren alten Ort. So zum Beispiel in der großen Haupthalle im zweiten Stock, deren nüchterner, aber kolossaler Funktionalismus schlicht atemberaubend ist (großes Bild oben), wo die alte Flagge der Tschechoslowakischen Republik (noch mit den Wappensymbolen von Slowakei und Transkarpatien!) wieder aufgehängt wurde.

Seither ist das Nationaldenkmal kein Mausoleum mehr, sondern eher ein Nationalmuseum. Die Dauerausstellung zeigt ausgewählte Artefakte, die Meilensteine in der demokratischen Entwicklung des Landes – und auch die Rückschläge – mustergültig repräsentieren. Das Original des Abschiedsbriefs von Milada Horáková, geschrieben vor ihrer Hinrichtung durch die Kommunisten 1950 (früherer Beitrag u.a. hier) oder das Original der Charta 77, dem von Václav Havel verfassten Dokument des Widerstandes sind Beispiele dafür. Auch einige gesellschaftliche Trends werden aufgegriffen, wie etwa die in der Ersten Republik aufkommende Pfadfinderbewegung, in eine wichtige Rolle im Widerstand gegen die Nazis spielte und 1948 von den Kommunisten verboten wurde. Das kleine Bild oberhalb rechts, zeigt eine Sammlung mit Memorabilia.

Umgeben ist die Ausstellung (die bisweilen durch wechselnde Ausstellungen ergänzt wird) immer noch von den riesigen Reliefen des Bildhauers Karel Pokorný (früherer Beitrag hier), die das Motiv gefallener Legionäre aus dem Ersten Weltkrieg und den Wirren danach wieder aufgreifen. Das Bild links zeigt einen Legionär, der in Russland kämpfte. Diese Bildwerke geben am ehesten die ursprüngliche Idee wieder, die hinter dem Nationaldenkmal stand. (DD)

Nachtleben am Ufer – auf höherem Niveau

Lange Zeit hatte man das Tourismus und Freizeit-Potential der Uferbefestigungen in Prag nicht erkannt. Diese Zeiten sind passé. Im Gegenteil: Mit der Eröffnung der ironisch Kobky (Gefängniszellen) genannten Bars und Galerien hat das Nacht- und Tagleben dort begonnen, eine höhere Niveaustufe zu erreichen.

Im Jahr 1839 hatte man mit der Planung einer echten Ufermauer begonnen, deren erster Abschnitt (das heutige Smetana-Ufer) in den Jahren 1841 bis 1845 fertiggestellt wurde. Es folgten weitere, insbesondere das sich bis zum Vyšehrad-Tunnel hinziehende Rašín-Ufer, das zwischen 1875 und 1904 entstand. Das ermöglichte den Aufstieg der boomenden Handelsschifffahrt und schützte die Stadt gegen die Fluten.

Ja, das Ganze wurde mit allerlei skulpturaler Ausschmückung und dem rustifizierten Mauerwerk so gestaltet, dass es optisch zu den teueren Wohnhäusern mit Burgblick passte, die jetzt am Ufer emporzusprießen begannen. Aber letztlich handelte es sich um Nutzarchitektur. Sie sollte nicht nur Schutz vor Hochwasser bieten. Hier wurden Schiffe ein- und ausgeladen. Mit viele Lärm und viel Dreck. Die heute pittoresk anmutenden gemauerten Halbbögen waren damals eher Lagerräume oder gar olfaktorisch unschöne Kanalisationsausflüsse, denn erst 1906 wurde das erste Klärwerk in Prag eröffnet.

Die Tage der Frachtschifffahrt sind lange vorbei. Und auch die Abwässer der Stadt finden heute andere, die Umwelt schonendere Wege. Nur Ausflugdampfer und Fähren legten noch an. Auf der breiten Promenade konnte man zweifellos seit langem schön wandern und die Aussicht auf Burg und Stadt genießen, aber irgendwie bot sie selbst nicht viel. Erst 2007 – als selbst in ansonsten eher zurückgebliebenen Orten wie Berlin schon jahrelang Strandbars an der Spree existierten -, begann man, die Uferbefestigung als echte Promenade auszubauen. Dann ging es Schlag auf Schlag: Boote mit Ausschank begannen zu ankern, schließlich sogar richtiggehende schwimmende Brauereien – wir berichteten hier und hier. Wein- und Bierfeste mit hochwertigen Angeboten verschönern seither manch schönen Sommerabend (Beispiele hier und hier). Daneben gibt es tagsüber Bauernmärkte mit heimischen landwirtschaftlichen Produkten.

Die Kobky, von denen hier die Rede ist, sind die neuste Entwicklung und ein halbes Dutzend von ihnen gibt es bereits am Rašín Ufer (Rašínovo nábřeží) und an der gegenüber liegenden Oberen Uferstraße (Hořejší nábřeží) existieren sogar ganze acht von ihnen. Mit ihrem Bau wurde 2019 begonnen; erst mit dem Abflauen der Corona-Panik wurden sie jetzt im Sommer eröffnet. Beim Publikum scheinen sie anzukommen.

Mit ihnen zieht nach den Ständen und Bootsbetrieben so etwas wie eine fest installierte und gebaute Gastronomie am Ufer ein. Dazu nützt man die oben erwähnten großen Tunnelgewölbe, die dereinst als Kanalausfluss oder Lager ihr Leben fristen mussten. Sie wurden nun in einem Guss umgestaltet. Der Eingang wurde jeweils mit Stahlbeton so verändert. das eine große, um eineVertikalachse drehbare Glastüre eingesetzt werden konnte. Das sieht nicht nur atemberaubend schick aus, sondern ermöglicht im Sommer den vollen Einzug von Frischluft, aber im Winter Schutz vor Wind und Kälte – ohne dabei die tolle Aussicht auf Fluss und Burg zu stören. Von außen sehen sie ein wenig wie überdimensionierte Augen aus (großes Bild oben).

Die riesigen drehbaren Glasscheiben wurden von der amerikanischen Firma Reynolds durch deren thailändischen Ableger hergestellt. Die gehört zu den weltweit führenden Unternehmen avantgardistischer Glasarchitektur. Die fertigen Gläser mit ihrer elliptischen Form messen an der breitesten Stelle 5,4 Meter und wiegen satte 2,5 Tonnen! Es war eine lange Reise bis zu diesem Ort! Sie mussten per Schiff über die Ozeane zum Hamburger Hafen gebracht und dann Elbe und Moldau hinauf nach Prag geschippert werden.

Und drinnen ist wiederum jedes Kobek anders gestaltet. Die Grundidee der Kobky ähnelt der früherer Künstler-Cafés. In der Tat sind viele von ihnen eine Kombination von Bar und Galerie – mit Ausstellungen und Soiréen. Einige von Ihnen bieten auch kleine Musikabende an, oft mit lokalen Jazzbands. Es sind noch weitere Kobky geplant.

Hinter dem ganzen steht ein wenig die Absicht der Prager Stadtregierung, dem Tourismus in Sachen Niveau auf die Sprünge zu helfen. Die bisherige Ufergastronomie lockte viele „Sauftouristen“ an, die sich schnell und billig volllaufen lassen wollten und es anschließend ein wenig an Haltung vermissen ließen. Wegen der vielen Glasscherben auf dem Kaiboden, die sich extrem unschön machten, schenkten die Gastronomen selbst ihre besten Bierprodukte in – horribile dictu! – Plastikbechern ein. In den Kobky gibt es gepflegte Cocktails und man hofft auf ein Publikum, dessen Alkoholpegel nicht zerstörerische Ausmaße annimmt. Mal sehen, ob die Rechnung aufgeht! Zumindest ergibt die Sache wohl wirtschaftlich Sinn, denn nun ist die Gastronomie am Ufer saisonunabhängiger und winterfester geworden. (DD)

Hilferuf aus Halle 19

Normalerweise freut man sich, wenn einem verzweifelten Hilferuf die Hilfe schnell folgt. Als am 30. Juli 1968 – heute vor 52 Jahren – in der Moskauer Prawda der „Hilferuf“ von 99 Arbeitern der Halle 19 der Maschinen- und Automobilbaufirma Praga im Stadtteil Vysočany (Prag 9) erschien, wünschten sich wohl nur wenige Bürger der Tschechoslowakei die „Hilfe“, die dann keine drei Wochen später tatsächlich kam. Am 20. August marschierten Truppen des Warschauer Paktes in das Land ein, um den Prager Frühling und die damit verbundene Liberalisierungspolitik im Lande zu beenden. Mit der gerade errungenen Freiheit war es Dank dieser „brüderlichen Hilfe“ erst einmal für viele Jahre vorbei.

Die neuen Machthaber feierten die 99 Arbeiter der Halle 19 (Hala č. 19) als Helden. Eine große Plakette zu ihren Ehren wurde am Firmentor angebracht – die allerdings 1989 zusammen mit dem Kommunismus verständlicherweise wieder verschwand. Den Brief umgeben viele Mythen. Die Initiatoren hatten ihn wohl gar nicht an die Prawda nach Moskau, sondern an das Zentralkommittee tschechoslowakischen Kommunistischen Partei schicken wollen, um ihre Ablehnung jedweder Aufweichung der bisherigen streng sowjetkommunistischen Linie auszudrücken. Insbesondere äußerten sie ihre Besorgnis, darüber dass die Reformer darüber diskutierten, ob man in der Tschechoslowakei noch sowjetische Truppen und den Warschauer Pakt brauche.

Aber der Brief war genau das, was man in Moskau hören wollte: Die Arbeiterklasse schien weiterhin vom großen Bruder in Moskau vor jeglicher bürgerlichen Tendenz beschützt werden wollen. Das war eindeutig Unsinn. Die 99 repräsentierten schon rein numerisch nicht einmal ansatzweise die 4500 Arbeiter der Firma, geschweige denn, die gesamte Arbeiterklasse. Meist waren es kleinere Kader der Partei. Aber in den gleichgeschalteten Sowjetmedien wurde es als der langersehnte Ruf des Volkes verbreitet, dass eine militärische Intervention von der arbeitenden Klasse in der Tschechoslowakei sehnlichst herbeigewünscht wurde. Der Vorwand war da, die Tat folgte.

Die Halle 19 und ihr Umfeld sehen heute recht verfallen aus. Die Praga-Werke wurden privatisiert und 2006 an eine britische Firma verkauft. Sie schrumpften sich erst einmal halbwegs gesund. Die Autoproduktion wurde vorläufig eingestellt, man fokussierte sich auf die Zulieferung von Flugzeugteilen. Immer mehr Hallen des riesigen Komplexes – darunter eben auch Halle 19 – standen leer und verfielen langsam. Wenige Menschen, die an die Zeit der Repression nach der Niederschlagung des Prager Frühlings zurückdenken, werden darüber allzu sehr trauern. Und die 99 Helden von damals stehen heute eher als Verräter da.

Trotzdem wurde Halle 19 im Jahre 2005 unter Denkmalschutz gestellt, denn das Gebäude hat neben dem zeithistorischen auch einen architektonischen Wert. Es wurde 1942 von den Architekten Franz Anton Dischinger und Ulrich Finsterwalder für die Flugzeugfirma Junkers erbaut. Beide waren die Pioniere der Spannbetonweise, die neue Formen von Tonnengewölben und Kuppelschalen ermöglichten und für die leichte Kombination von Glas, Stahl und Beton berühmt wurden. Das, was man bei Halle 19 als Oberlichtkonstruktion sieht (großes Bild oben), ist heute fast schon gewöhnlicher Standard, damals bedeutete es eine Innovation ersten Ranges. Dass das Gebäude so der deutschen Kriegswirtschaft diente, macht sein historisches Erbe nicht leichter – vor allem wenn man dann das des Briefes der 99 Arbeiter von 1968 dazurechnet. Aber es ist eben auch ein Denkmal der Industriearchitektur und als solches durchaus erhaltenswert. Öffentlich zugänglich ist das Innere zur Zeit nicht. Ab und zu finden dort Dreharbeiten für Filme statt. Eine Infotafel an dem am Gebäude vorbei führenden Wanderweg macht auf die am Ende doch zumindest spannende Geschichte der Halle 19 aufmerksam. (DD)

Mal mit, mal ohne Kreuzherren

Eine architektionische Besonderheit und vor allem eine sehr bewegte Geschichte zeichnen sie aus, die Kirche des Hl. Peter am Pořičí (Kostel sv. Petra) in der Neustadt.

Zu den Besonderheiten, die sie unter den gotischen Kirchen der Stadt eigentlich nur mit der nahegelegenen Kirche des Hl. Heinrich und der Hl. Kunigunde teilt, gehört der separat stehende Glockenturm. Als der im Jahre 1598 im Stile der Spätgotik errichtet wurde, hatte die Kirche selbst schon unzählige Metamorphosen durchlaufen.

Sie begann ihr Leben als eine deutlich kleinere romanische Kirche in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Damals lag sie noch ein wenig außerhalb der Mauern Prags in einer Ortschaft namens Poříčí, woher der Namen kommt. Die Kirche wurde bald dem Orden der Kreuzherren mit dem Roten Stern übertragen, der in der Nähe ein Spital betrieb.

Ab 1382 begann der gotische Umbau, der zunächst nur eines der beiden Kirchenschiffe betraf. 1406 wurde das alte Presbyterium abgerissen und und vergrößert im gotischen Stil erneuert. 1411 war dann auch das zweite Schiff gotisch gestaltet. Von der romanischen Urkirche sind nur noch wenige Spuren zu finden.

Aber auch im Kirchenbetrieb ergaben sich stets Neuerungen. Der Ordenspfarrer um 1414 war dem Hussitentum zunächst aufgeschlossen und führte sogar die Kelchkommunion für Laien durch – eine geradezu revolutionäre Tat. Das nutzte aber nichts, denn als 1419 die blutigen Hussitenkriege begannen, verjagten die Hussiten den Orden ganz. In der Hussitenzeit wurde als bedeutendste bauliche Änderung der Glockenturm erbaut. 1620 besiegten die katholischen Habsburger die bisher freien Böhmen und eine gewaltige Zwangskatholisierung setzte ein. Und so bekamen die Kreuzherren 1628 zunächst einmal ihre Kirche zurück. Nur 1631 verloren sie während der Besetzung Prags durch die Sachsen kurzfristig.

1648 versuchten die Schweden die Stadt einzunehmen, wobei die Kirche schwer beschädigt wurde. Die Bürgerschaft der Neustadt organisierte aber eine so effektive Verteidigung der Stadt, dass sich die Schweden nicht festsetzen konnten. Aus Dank nahm Kaiser Ferdinand II. die Kirche den Kreuzherren wieder ab und schenkte sie der Bürgerschaft als Gemeindekirche. Die hatte aber nur Pech damit. 1653, 1666, 1680 und 1689 gab es verheerende Brände, die jedes Mal kostspielige Wiederaufbaumaßnahmen nötig machten. Das war zu teuer und deshalb einigte man sich mit den Kreuzherren, dass diese doch die Kirche wieder in ihre Obhut nehmen mögen – was die auch taten. Zu den Reparaturen, die sie nun einleiteten, gehörte die Barockisierung des zerstörten alten Dachs des Glockenturms.

Als 1757 während des Siebenjährigen Krieges die Preußen Prag mit Artillerie beschießen und dabei die Kirche beschädigen, nahm der Orden die Reparaturen zum Anlass, das Gebäude so richtig fesch im Barockstil umzugestalten. Vieles davon sieht man heute noch, vor allem den Hauptaltar, der dem Heiligen Petrus gewidmet ist – mit einem passenden Gemälde von Václav Vavřinec Reiner.

Vor allem sieht man viele barocke Heiligenstatuen, wie die hier abgebildete Figur des Heiligen Laurentius, der noch seinen (bemerkenswert vergoldeten) Grill in den Händen hält, auf dem er den Märtyrertod erlitt. Und über 12 Altäre verfügte die Kirche nun – eine recht beträchtliche Zahl für eine so kleine Kirche.

Aber auch die kam in die Tage und Ende des 19. Jahrhunderts bestand Renovierungsbedarf. Der Rat der Neustadt stellte hierfür Mittel bereit und so konnte der Architekt und Neogotik-Spezialist  Josef Mocker in den Jahren 1874 bis 1879 die Kirche kräftig umgestalten, wobei er im Sinne des damaligen Zeitgeschmacks große Teile der Barockisierung zurücknahm und die Kirche re-gotisierte. Deshalb ist heute der Gesamteinduck der einer gotischen Kirche. Ach ja, und 1948 mussten die Kreuzherren wieder die Koffer packen, denn die gerade an die Macht gekommenen Kommunisten erwiesen sich als Verfolger und Enteigner. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 wurde das Gebäude den Kreuzherren restituiert. Neben dem Hauptaltar sieht man heute ihr Abzeichen deutlich.

Besichtigen kann man die Kirche nur während oder kurz vor den Gottesdiensten. Aber die durch die vielen Bauphasen etwas irreguläre Gestalt der Kirche und ihr Glockenturm machen auch ihr Äußeres zur Sehenswürdigkeit. Außerdem ist das Areal rundherum ein netter Ort der Ruhe. Der alte Kirchhof wurde im 18. jahrhundert aufgelöst und so hat man die Kirche nun mit einer kleinen Parkanlage umgeben, auch der Bänke zur rast einladen. Einen kleinen Eindruck vom alten Kirchhof gewinnt amn von einigen Grabmalen, die in einer Nische schön arrangiert erhalten wurden.

Und noch eine kleine Besonderheit aus der Geschichte von St. Peter findet man draußen, direkt rechts neben der Eingangstür. Hier wurde vor etlichen Jahren eine Gedenktafel angebracht, die daran erinnert, dass im Jahre 1873 in der Kirche der berühmte Komponist Antonín Dvořák seine Jugendliebe Anna Čermáková geheiratet hat – naja, eigentlich fand er erst deren ältere Schwester Josefina so richtig betörend, die ihn aber wohl nicht wollte. Aber mit Anna, die 13 Jahre jünger als er war, führte er dann doch bis zu seinem Lebensende eine sehr glückliche Ehe. (DD)

Mozarts Film-Haus

Durch diese Tür verlässt er gerade sein Haus, der geniale, aber moralisch etwas haltlose Wolfgang Amadeus Mozart. Vielleicht, um seinen Freund Antonio Salieri besuchen? Er ahnt ja nicht, dass der schon längst einen grausamen Mordplan ausgeheckt hat…

Nun, weder hat Salieri Mozart umgebracht, noch hat Mozart wirklich in diesem Haus gelebt. Das Haus spielte diese Rolle als Mozart-Domizil nur als Drehort in dem berühmten Film Amadeus, den der tschechisch-amerikanische Regisseur Miloš Forman 1984 drehte – einer von vielen Drehorten in Prag (siehe u.a. frühere Beiträge hier, hier, hier und hier). Mozart zieht hier im Film nach seiner Hochzeit mit Konstanze ein.

Die Idee, dass Salieri auf den talentierteren Mozart so neidisch gewesen sei, dass er Mordgelüsten freien Lauf ließ, entstammt einem (völlig fiktiven) Einakter-Stück von Alexander Puschkin (1832). In dem bereits „Amadeus“ titulierten Drama von Peter Shaffer (1979), das die Idee noch einmal kräftig phantasievoll ausbaute, fand Forman dann die Vorlage für seinen Film. Und der ist – ganz gleich, ob die Mordgeschichte stimmt oder nicht – schlichtweg großartig, nicht zuletzt wegen seiner schönen Szenerien. Und das wiederum liegt nicht zuletzt an den so zeithistorisch authentischen Drehorten in Prag – der Stadt, die Mozart so liebte und der er seine Prager Symphonie gewidmet hatte.

Womit wir wieder beim „Mozart-Haus“ am Hradčanské náměstí 68/7 mitten im Burgbezirk (Hradčany) sind. Es ist seitlich mit einer hohen Mauer verbunden, hinter der sich ein kleiner Garten befindet. Von außen erinnert wenig daran, dass hier schon im Mittelalter ein Haus stand, das in der Renaissance grundlegend umgebaut wurde. Denn seine heutige spätbarocke Form erhielt das zweistöckige Gebäude im wesentlichen bei einer umfassenden Erneuerung im Jahre 1776, die möglicherweise von dem bekannten Architekten Johann Ignaz Palliardi durchgeführt wurde.

Damit passt es gerade genau in die Zeit Mozarts und vielleicht ist der Komponist tatsächlich hier einmal vorbeigeschlendert, während er über die Overtüre des Don Giovanni sinnierte, und hat das gerade fertiggestellte Haus bewundert. Wer weiß?

Zu dieser Zeit nannte man das Gebäude Residenz des Kapitels (Kapitulní rezidence), womit das Domkapitel des nahegelegenen Veitsdoms gemeint war, oder auch Kanonisches Haus (Kanovnický dům). Das Domkapitel nutzt das Haus schon lange nicht mehr, aber das Aussehen ist immer noch davon geprägt. Oben auf dem Dach thront zum Beispiel der Heilige Nepomuk. Der hatte in Mozarts Zeiten gerade in Böhmen seinen Aufstieg zum Nationalheiligen konterreformatorischer Prägung hinter sich gebracht (siehe hier) und fehlte selten bei katholisch-kirchlichen Gebäuden.

Darunter – im Tympanon des Giebels – findet man das Wappen des Prager Bistums. schön in Stuck gearbeitet und vergoldet in eine Rokoko-Kartusche gerahmt. Das weist es als Haus des Domkapitels, also als Kirchenbesitz aus. Zur Zeit Mozarts und der barocken Umgestaltung des Hauses war Anton Peter Graf Příchowský von Příchowitz der Erzbischof von Prag. Er rüstete den Burgbezirk im großen Stil mit kirchlichen Administrativbauten auf, in dem er zum Beispiel das ebenfalls am Burgplatz befindliche Erzbischöfliche Palais (wo übrigens auch Szenen für „Amadeus“ gedreht wurden) bauen ließ. Der Ausbau des Domkapitels war ein Teil dieses Projekts.

Und über der Tür befindet sich eine kleine Kartusche, in denen sich gleich zwei christliche Symbole aus der Bibel finden. Das eine ist der Anker, der in Hebräer 6:19 als Symbol der Hoffnung („Hoffnungsanker“) verwendet wird. Darüber befindet sich die Taube, die in der Bibel u.a. in Johannes 1:32 als Symbol des Heiligen Geistes dient. In den Filmeinstellungen bei „Amadeus“ wird dieser klerikale Aspekt des Hauses nicht so recht deutlich gemacht – verständlich angesichts der freigeistigen und freimaurerischen Ansichten des großen Komponisten. (DD)

Humanist ohne Sektierei

Der europäische Humanismus – hatte der nicht seine Wiege in Italien? Oder zumindest in Westeuropa? Dass ausgerechnet das heutige Weißrussland einen frühen der großen Vertreter des Humanismus hervorgebracht hat, wissen nur die wenigsten Menschen im Westen.

Auf Francysk Skaryna (bisweilen auch Skoryna geschrieben) kommt man nur, wenn man die Straßenbahn im Burgbezirk kurz nach der Burg verlässt und den kleinen Park bei der Jelení 196/15 (Prag 1, Hradčany) aufsucht, wo etwas verloren und einsam sein Denkmal steht.

Der war Pionier der Druckkunst und veröffentlichte im Jahre 1517 – also in dem Jahr, als Martin Luther mit den 95 Thesen die Reformation startete – die erste Bibel in der Region, die nicht im offiziellen Kirchenslawisch geschrieben war, sondern sich der ortsüblichen aktuellen Sprache, des Altweißrussischen bediente. Das war revolutionäre Volkstheologie. Sein Nachruhm lebt hauptsächlich aus ebendieser Übersetzung der Bibel in eine moderne Sprache weiter, aber darin erschöpfte sich sein Talent bei weitem nicht.

Er war viel in der Welt herumgekommen, hatte in Polen an der Krakauer Universität studiert und machte 1512 sogar in Padua sein Diplom. Irgendwann war er als Orthodoxer zum Katholizismus konvertiert, publizierte aber weiterhin für ein orthodoxes Publikum. Enge Sektiererei lag ihm fern. Tatsächlich reklamieren beide Konfessionen ihn heutzutage für sich und die Experten streiten immer noch, was er denn in Wirklichkeit eigentlich so religiös vertreten habe.

1522 gründete er in Vilnius (heute Litauen) seine erste Druckerei, deren Bücher als ästhetisch besonders sorgfältig gemacht galten und heute gesuchte bibliophile Raritäten sind. Darunter waren vor allem viele Schriften zur religiösen Erbauung, aber auch Reiseberichte und ähnliches. In den 1530er Jahren versuchte er, sein Geschäft nach Moskau zu erweitern, was aber zum Misserfolg wurde. 1532 arbeite er wieder in Vilnius, diesmal als Arzt und als Berater des örtlichen Bischofs.

Und dann, um 1534, verschlug es ihn nach Prag, weshalb wir hier auch sein Denkmal sehen. In den Königlichen Gärten bei der Burg bewies er sein Talent als Chefbotaniker für Kaiser Ferdinand I.. Es heißt, er habe auch als Professor an der Karlsuniversität gelehrt. Und in Prag starb er auch um 1552.

Im Oktober 1996 stellte man hier am Jelení (Hirschgraben) bei den Königlichen Gärten eine Statue zu seinen Ehren auf. Die rund 2.30 Meter große Figur wurde von dem weißrussischen Bildhauer Eduard Astafiev erstellt. Die Beschriftung ist in Kyrillisch gehalten – inklusive der aufgeschlagenen Bibel, die der Gelehrte in den Händen hält. Deshalb steht am Wegesrand eine kleine Tafel, die auf Tschechisch besagt: „An diesen Orten arbeitete er als königlicher Botaniker, ein bedeutender weißrussischer Humanist, Gründer des ostslawischen Buchdrucks Francisk Skorina (Francišak Skaryna)“ (DD)

Durchgestylte Residenz für den Bürgermeister

Wenn man eine in Architektur und Interieur gegossene Zelebration der Unabhängigkeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik bewundern will, dann sollte man versuchen, sich vom Oberbügermeister in dessen Residenz (Rezidence primátora) – etwa zu einem Festakt – einladen zu lassen.

Die Prager Stadt-Versicherungs-Gesellschaft (Pražská městská pojišťovna) , über die wir bereits hier berichteten, schenkte die in das Gebäude der Großen Stadtbibliothek (Mariánské náměstí 1/98 in Prag 1) baulich von außen kaum unterscheidbar integrierte Residenz der Moldaumetropole, um damit das 60. Jubiläum ihrer Gründung gebührend wohltätig zu feiern. In den Jahren 1925 bis 1928 (gerade zurecht, um auch noch gleich den 10. Jahrestag der Republik zu feiern) erbaute der Architekt František Roith, dem wir unter anderem auch das Gebäude der Nationalbank verdanken, die Residenz direkt unmittelbar neben dem Neuen Rathaus.

Der Bürgermeister hatte also nicht weit zu gehen, wenn er von der Residenz ins Rathaus gehen wollte. Allerdings wurden die Räumlichkeiten überhaupt nur von dem 1919 bis 1937 amtierenden Oberbürgermeister Karel Baxa tatsächlich als Residenz im Sinne von Dienstwohnung genutzt. Ansonsten nutzt der Bürgermeister das Gebäude nur dienstlich bei Festakten, Empfängen, Kulturveranstaltungen oder Konferenzen zu denen er einlädt oder deren Schirmherr er ist – wobei er dann die Gäste meist in der Großen Empfangshalle (kleines Bild oberhalb rechts) begrüßt.

Das ganze Gebäude sollte die Modernität ausstrahlen, die die Republik verkörperte. Es handelt sich folglich um eines der frühesten öffentlichen Gebäude, die im Stil des Funktionalismus gebaut wurden, wobei man diese allerdings mit einer klassizistischen Formensprache kombinierte. DIe Vorderfront wird eigentlich von dem Haupteingang zur Stadtbibliothek dominiert und man betritt die Residenz nur über einen gesonderten Eingang an der Ostseite. Ab dem ersten Stock erstrecken sich die repräsentativen Räume der Residenz über die ganze Front. Von innen wirken daurch die acht klassizistischen Statuen des Bildhauers Ladislav Kofránek, die das Portal der Bibliothek schmücken, wie ein Teil der Residenz.

Innen in der Residenz herrscht ein gediegener und auf würdige Pracht bedachter Art Dèco-Stil vor. Das ganze ist konsequent „durchgestylt“ und wirkt auch heute noch so, denn gottlob ist das komplette Original-Interieur (selbst die Vorhänge!) erhalten geblieben. Angesichts der Zeitläufe – Naziherrschaft, Kommunismus seien genannt – ist das fast schon ein Wunder. Alleine die Möbel – meist aus zu den Wandpanelen passendem Holz hergestellt – könnten eine eigene Galerie füllen.

Schon, wenn man den Eingangsbereich betritt, beeindruckt einen das Treppenhaus, das mit einem noch im Original erhaltenen Aufzug im Innenkern verbunden ist. Vor den getönten Fenstern ergibt das einen enormen visulellen Effekt. Die Liftkultur war übrigens damals anscheinend viel luxuriöser als heute. Der Lift verfügt über ein kleines, mit dicken Lederpolstern gezogenes Sitzsofa. Das bereitet auf geradezu grandiose Art auf den Rest des Gebäudes vor. Die Erwartungen, die nun gehegt sind, werden nicht enttäuscht.

Es gibt natürlich für Gäste etliche Salons – übrigens damals noch strikt nach Damen und Herren getrennt. Besondere Gäste werden zum Diner eingeladen. Dafür gibt es einen Speisesaal, dessen Möbiliär mit der oben im großen Bild abgebildeten Porzellanfigur eines weiblichen Aktes mit blauem Band geschmückt ist. Sie stammt von der in ihrer Zeit als eifrige Republikanerin und Frauenrechtlerin bekannten Bildhauerin Helena Johnová. Und hoch über der Tafel hängt das Gemälde „Überfluss“ (Hojnost) des Malers Jaroslav Malínský, das nicht nur die Gäste auf die üppigen Tafelfreuden einstimmen soll, sondern auch auf das eigentliche Streben des öffentlichen Amtes hinweisen, den Wohlstand der Menschen zu mehren.

Womit wir bei den politischen Botschaften sind, die sich überall mal mehr, aber meist etwas weniger aufdringlich (aber stets stilistisch passend) überall verstreut finden. DIe drehen sich zum einen natürlich um die Stadt Prag selbst. Das in Stein gemeißelte Wappen Prags in der Empfangshalle ist nur ein Beipiel. Es wurde in einem recht vorsichtig angedeutet modernen, aber sehr repräsentativen Stil von dem Bildhauer und Architekten Karel Štipl erschaffen,

Ebenfalls Prag zum Thema hat der opulente Wandteppich im Herrensalon. Er ist das Werk des Malers, Textildesigners und Bildhauers František Kysela. Der damals überaus berühmte Künstler hat seine allegorische Darstellung „Prag – Mutter aller Städte“ (Praha matka měst) ein wenig dem Stil frühneuzeitlicher Gobelins nachempfunden. Der Teppich wurde hier um 1930 aufgehängt.

Im Empfangsaal kommt aber auch ein „überstädtisches“ Thema zum Tragen, das dem Stadtrepräsentanten gerade bei der Eröffnung am Jahrestag der Republikgründung besonders am Hwerzen liegen musste – die Unabhängigkeit und Freiheit der Republik!

Auf den Bronzegittern ,die die beiden Heizungen abdecken, sind jeweils vier kleine Statuen (ebenfalls aus Bronze) angebracht, die Bürger aus allen Schichten und Berufsgruppen fröhlich beim Erwirtschaften des gemeisamen Volkswohlstands zeigen – welch ein Fortschritt gegenüber den früheren Zeiten, als man noch vom Kaiser unterjocht wurde! Der Bauarbeiter, den wir etwas oberhalb links sehen, arbeitet jedenfalls mit Inbrunst für die Republik.

Nun ja, bei alledem muss der Prager Stadt-Versicherungsgesellschaft geradezu schwindlig geworden sein, wie sehr sie nun ihre Gemeinwohlorientierung über den Profit stellte, als sie die schöne Residenz des Oberbürgermeisters der Öffentlichkeit schenkte. Deswegen durfte ein wenig Schleichwerbung in eigener Sache sein. So darf auch ein Versicherungsangestellter frohgemut auftreten. Den Namen der Stadtversicherung ( městská pojišťovna) kann man als Reklamebeitrag über dem Türeingang, aus dem der hochmotivierte Mitarbeiter kommt, gut erkennen.

Nun aber zum Highlight republikanischen Freiheitspathos`, das man auf der Rückwand der Empfangshalle findet, dort wo meist das Rednerpult steht. Zentral auf einem Sockel steht die Büste des Gründungspräsidenten und der moralischen Autorität der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk. Die Büste, die wir heute sehen, wurde von dem Bildhauer Antonín Lhota erschaffen. Die ursprünglich hier platzierte Masaryk-Büste (urspr. Beutler, Nazis) war ein Werk des Medailleurs und Bildhauers Miroslav Beutler. Die wurde aber von den Nazis, die natürlich den liberalen und menschlichen Masaryk und sein Andenken nicht mochten, während der Protektoratszeit eingeschmolzen.

Übersehen haben die Nazis allerdings die beiden links und rechts darüber vor Fenstergittern positionierten bronzenen allegorischen Figurengruppen, die in zwei Bildern fast alles zusammenfassen, was man über das nationale Geschichtsverständnis der Ersten Republik wissen muss. Das Schwert für die Hinrichtung hält der Henker bereit, so sieht man es auf der ersten Gruppe. Die allegorisch dargestellte Bohemia – ihrer Krone beraubt, aber mutig gefasst – ist das kommende Opfer. Eine weibliche Trauerallegorie beweint sie und ihr Schicksal. Darunter die Lettern „1621“… Das bezieht sich auf die Hinrichtung der 27 Rädelsführer des Böhmischen Ständeaufstandes von 1618, dessen Scheitern die Unabhängigkeit und Freiheit Böhmens beseitigte und für Jahrhunderte die Habsburgerherrschaft festigte (früherer Beitrag hier). Die Bluttat leitete für alle patriotischen Tschechen die „Temno“ (Finsternis) genannte Zeit ein.

Und dann „1918“. Die Unabhängigkeit ist da. Ein mit einem Gewehr bewaffneter Legionär, der auf Seiten der Alliierten gegen Habsburg und die Mittelmächte gekämpft haben mag (früherer Beitrag hier), steht zum Schutz der Republik bereit. In der Mite ist Bohemia wiedererstanden und sie wird von einer Allegorie der Freiheit (mit phrygischer Freiheitsmütze) wieder gekrönt. Die Schmach der Geschichte ist getilgt, die Republik gegründet! Dieser an die Grenzen des Kitsches gehende Pathos geht letztlich doch unter die Haut. Möglicherweise – ich konnte es noch nicht verifizeren – sind die beiden Statuenbilder ebenfalls, wie die ursprüngliche Masaryk-Büste, ein Werk von Miroslav Beutler.

Wer von soviel Pathos geschafft ist, kann sich ein wenig Ruhe verschaffen im Wintergarten, der wunderschön hell und licht gestaltet ist. Ausgeschmückt ist er mit zwei geradezu klassisch im Stil des Art Dèco gehaltenen weiblichen Statuen bei einem plätschernden Brunnen (leider abgeschaltet, als ich zugegen war). Die Skulpturen sind ein Werk des Bildhauers Ladislav Beneš. Eine geschmackvoll eingerichtete Oase der Ruhe in einem beeindruckenden Gebäude. (DD)

Wo Bürokraten Paternoster fahren

Als Prag Ende des 19. Jahrhunderts zu einer veritablen modernen Großstadt wurde, reichte das bisherige Rathaus in der Altstadt, das im Kern immer noch aus dem Mittelalter stammte, nicht mehr aus.

Ein neues Gebäude musste her, in dem die vielen neuen Aufgaben der Verwaltung der Stadt von eifrigen Bürokraten erledigt werden konnten. Von 1909 bis 1911 erbaute man ganz in der Nähe, am Mariánské náměstí (Marienplatz) das Neue Rathaus, (Nová radnice). Die Entwürfe dazu stammten von dem berühmten Jugendstilarchitekten Osvald Polívka (frühere Beiträge u.a. hierhier und hier) und für die Ausführung sorgte der Baumeister František Tichna.

Bei der Ausstattung ließ man sich nicht lumpen. Das betraf schon einmal die Größe. 250 Büros auf 7.463 qm Fläche. Die Planer von damals haben das Wachstum der städtischen Bürokratie in den kommenden Zeiten bereits im Blick gehabt. War am Anfang mehr oder minder nur die Finanzverwaltung dort tätig, ist das Gebäude seit 1945 der Sitz der gesamten Hauptstadtverwaltung samt dem Amtsitz des Bürgermeisters. Eine zeitlang war das Neue Rathaus das größte Gebäuder Altstadt.

Und dann betraf das natürlich auch die Ausstattung. Neben dem berühmten Architekten Polívka heuerte man auch noch drei der prominentesten Bildhauer der Zeit an, damit sie die Fassade gestalteten: Stanislav Sucharda, Josef Mařatka und Ladislav Šaloun. Von letzterem stammen die wohl berühmtesten „Wahrzeichen“ des Rathauses, die Statue des Eisernen Ritters und und die des Rabbi Löw – über beide berichteten wir hier. Von Sucharda stammt wiederum die Allegorie auf die Arbeit neben dem Haupteingang (kleines Bild oberhalb links), die – wie die Statuen von Šaloun – im symbolistischen Stil gehalten sind.

Von Stanislav Sucharda stammt ebenfalls die kleine Allegorie auf die Stadt Prag – eine Mädchengestalt, die das Wappen der Stadt beschützend mit den Händen festhält. Sie befindet sich oberhalb des Balkoneingangs auf Höhe des zweiten Stockwerks. Auch sie ist ein Werk im Stile des Symbolismus, den man sehr häufig in Kombination mit Jugendstilhäusern findet.

Einen gewissen Gegenpol dazu bieten die großen Statuen von Josef Mařatka, die sich an barocke Vorbilder anlehnen, aber schon Spuren des in der Zeit aufkommenden primitivistischen Klassizismus aufweisen. Überhaupt hatte sich der Architekt bei dem Gebäude vorgenommen, Stilregeln bisweilen zu brechen, aber trotzdem Gegensätze wieder zu versöhnen. Jedenfalls verbinden sich beim Neuen Rathaus handwerkliches Können mit tiefer Kenntnisse von traditionellen Stilen, die man aus „Sezessionist“ und Jugendstilkünstler zugleich überwinden will.

Wiederum reinen Jugendstil findet man bei den großen Fenstern der Eingangshalle, deren Wirkung sich optisch natürlich erst entfalten, wenn man diese Eingangshalle betreten hat. Florale Themen – im Jugendstil sehr beliebt! – dominieren hier das Feld. Ansonsten sind (mit Ausnahme des Ratssaales, den ich noch nicht besichtigen konnte) die Bürobereiche stark modernisiert und der heutigen Bedürfnissen angepasst.

Darüber könnte man fast übersehen, dass das Gebäude damals auch technisch auf dem neuesten Stand war. Es ruht fast vollständig auf einer Stahlkonstruktion – heute eine Selbstverständlichkeit, aber damals eine technische Innovation.

Desgleichen gilt auch für die Beförderung von Personen in die oberen Stockwerke. Das neue Rathaus gehörte zu den ersten Gebäuden in Prag, das sich im Jahre 1911 statt eines klassischen Aufzuges einen Paternoster der heimischen Firma Jan Prokopec einbauen ließ, der für viele Besucher des Rathauses bis heute die eigentliche Sensation des Ganzen ist. Auch für die Bürokraten, die drinnen ihren sauren Pflichten nachgehen, dürfte die Fahrt mit dem Paternoster eine kleine Aufhellung ihres ansonsten grauen Alltags sein. (DD)

Hier komponierte Smetana die Verkaufte Braut

Bedřich Smetana war nicht nur ein begnadeter Komponist, dem wir die Moldau oder die Oper Die verkaufte Braut (Prodaná nevěsta) verdanken. Er war auch eine politische Persönlichkeit, die sich für die tschechische Nationalbewegung, an der Revolution von 1848 in Prag teilnahm und sich allgemein für Freiheitsrechte einsetzte.

Nach dem Scheitern der 1848er Revolution schlug er sich noch einige Zeit mehr schlecht als recht als Klavierlehrer herum, bis ihn 1856 die politische Repression im Habsburgerreich su sehr beengte, dass er nach Schweden auswanderte, um dort Karriere zu machen. Als sich die Lage wieder beruhigt hatte, kehrte er 1861 zurück. Inzwischen war er so vermögend, dass er sich 1863 ein großes Domizil mit schöner Aussicht auf die von ihm vertonte Moldau und den Burgdistrikt leisten konnte. Er zog in eine große Wohnung im Lažanský Palast (Palác Lažanských) ein, der am heutigen Smetana-Ufer (Smetanovo nábřeží 1012/2) liegt, das damals natürlich noch nicht so hieß.

Das Haus war brandneu. In den Jahren 1839/40 hatte man begonnen, das bisher recht „wilde“ Ufer des Flusses mit der prachtvollen Uferpromenade zu versehen, die wir heute kennen.

Im Kern handelt es sich bei der Hausnummer 1012/2 um ein Doppelhaus, das für die Familie der Grafen Lažany 1861-1863 von dem Architekten Vojtěch Ignác Ullmann entworfen wurde, den wir u.a. schon hier und hier kennengelernt hatten. Der Teil an der Ecke zur Nationalallee (Národní) ist neobarock gestaltet. Heute residiert hier die berühmte Kavárna Slavia (früherer Beitrag hier), die 1884 hier einzog. Aber da war Smetana nicht nur schon lange ausgezogen, es war auch ausgerechnet sein Todesjahr. Smetana wohnte hier nämlich in den Jahren 1863-1869 und komponierte dort Werke wie zum Beispiel die Verkaufte Braut (1866) oder die weniger bekannte Oper Dalibor (1868). Eigentlich verbrachte er hier die Blüte seiner musikalischen Schaffenskraft

Die schiere Größe des Anwesens ermöglichte der Grafenfamilie, das Haus zu einem Teil als eigenen Palast (daher der Name), zum anderen Teil als Mietshaus nutzen zu können. Über dem Eingang des „Smetana-Baus“ kann man noch das Wappen der Grafenfamilie Lažany bewundern.

Smetana, daran besteht kein Zweifel, ist nun einmal neben  Antonín Dvořák einer der großen Nationalkomponisten der Tschechen. Und folglich brachte man 1924 – pünktlich zum 100sten Jahrestag seines Geburtstags – eine hübsche rechteckige Plakette aus Stuck wurde über dem ersten Stock des Hauses an, die mit Goldlettern daran erinnert, dass der Komponist dereinst hier wohnte und Großes schuf (großes Bild oben). Sie ist ein Werk des bekannten Malers und Grafikers František Kysela, der sie in einem sehr würdigen und traditionellen klassizistischen Vorgaben folgenden Stil gestaltete.

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Da im Hause selbst – schon wegen der bloßen Existenz des legendären Cafe Slavia – dafür kein Platz mehr war, hat man vor kurzem in dem klassizistischen Haus daneben, dem Smetanovo nábř. 334/4, ein recht annehmbares Café und Bistro eröffnet, das den Komponisten namentlich ehrt. Es ist das das SmetanaQ, wo man unter anderem ein sehr gutes Frühstück zu sich nehmen kann, was viele Prager auch gerne tun – nicht zuletzt, weil man von hier einen wunderschönen Blick auf die Moldau genießen kann. (DD)

Im Türkenkerker

Verzweifelt schauen sie aus ihrem engen Kerker heraus. Ob sie jemals befreit werden von ihrem schrecklichen Los?

Der besondere Reiz der Karlsbrücke (Karlův most; früherer Beitrag hier) , die ja bekanntlich im 14. Jahrhundert erbaut wurde, liegt nicht zuletzt in den Heiligenfiguren, die vor allem seit dem frühen 18. Jahrhundert auf beiden Seiten aufgestellt wurden. Und diese Statuengruppe ganz nah bei den Altstädter Türmen ist unter ihnen wohl die eindrucksvollste. Die im Gefängnis leidenden Gefangenen sind unschuldige Christen, die in die Hände der Türken geraten sind, was 1714, als der Bildhauer Johann Brokoff die Skulptur anfertigte, so im wesentlichen der Sammelbegriff für alle Muslime – also auch die arabischen – war.

Aber die Rettung ist nahe, denn drei Heilige nehmen sich ihrer an. Und die sind das Thema der Skulptur. Einer von ihnen ist der Heilige Johannes von Matha, der tatsächlich um 1198 auszog, um in Marokko von den „Heiden“ (die gewiss keine Türken waren) christliche Gefangene freizukaufen. Dabei half ihm später der Heilige Felix von Valois, der deshalb auch seine wohlbegründete Präsenz auf dem Sockel zeigt. Zusammen begründeten die beiden Franzosen dann den Trinitarierorden.

Etwas aus der Reihe – möglicherweise als Proporz-Böhme – fällt der Heilige Iwan, ein Einsiedler, der unweit von Prag bei Burg Karlštejn (genauer gesagt: hier) in einer Höhle seinem Eremitendasein frönte. Dabei lebte er nur von Pflanzen, die er im Walde fand, und der Milch einer Hirschkuh, die ihn – auf göttliche Fügung – begleitete. Die Hirschkuh und die goldenen Insignien weltlichen Besitzes liegen ihm hier zu Füßen. Von Muslimen in Gefangenschaft gehaltene Christen hat er allerdings nicht befreit – wohl aus Mangel an günstigen Gelegenheiten in den böhmischen Wäldern. Aber seine Frömmigkeit rechtfertigt in jedem Falle die Präsenz auf einem der Denkmalssockel auf der Karlsbrücke. Und bei so einer großen Sache musste ja auch irgendwie ein Böhme mit dabei sein.

Aber sind es wirklich die Heiligen, die den Betrachtern am meisten auffallen? Natürlich nicht, denn dazu ist der Türke mit seinem großen Turban und dem Schwert vor dem Kerker zu beeindruckend. Das Krummschwert ist aus Metall und nicht aus Stein. Seit der Errichtung wurde der Säbel immer wieder gestohlen und danach auch immer wieder ersetzt. Als das Denkmal errichtet wurde, wurde es von aufgebrachten Pragern immer wieder mit Exkrementen und Dreck beworfen. Denn, dass der muslimische Wächter eben wie ein Türke aussieht, war eine politische Aussage. Der Große Türkenkrieg (1683-1699) lag ja noch nicht lange zurück als die Statuengruppe errichtet wurde. Der sehr zeitgenössische Türke mit Turban war daher das personifizierte Feindbild schlechthin.

Ganz authentisch ist er in einer Hinsicht nicht. Da gleicht er mehr einem Tschechen. Er scheint nämlich Hundebesitzer zu sein. Und Hunde gelten im Islam als unrein, weshalb das Ganze nicht so recht zu passen scheint. Allerdings, so meinen einige islamische Rechtsgelehrte, dürfen sie als Wachhunde eingesetzt werden und sich so nützlich machen. Das macht der Hund vor der kleinen Zelle der Gefangenen mit Verve, wie man auf dem großen Bild oben sehen kann. Wenn der Türke den Hund allerdings nach der Arbeit mit zu sich nach Hause nimmt und als Schoßtier behandelt, ist es mit seiner Glaubensfestigkeit nicht weit her. (DD)