Die Nähe zu Gott finden

An diesem Orte kann man die Nähe zu Gott finden. Nicht den, von dem Nietzsche behauptete, er sei tot, den man aber nirgendwo begraben findet. Nein, die Rede ist von Tschechiens bekanntestem Gott: Karel Gott. Und der liegt nachweislich auf dem Malvazinky Friedhof in Prag Smíchov. Vor genau drei Jahren, am 1. Oktober 2019, starb er.

Und er ist dort zweifellos der Publikumsmagnet. Obwohl mir keine offiziellen Statistiken bekannt sind, kann man getrost davon ausgehen, dass ein Großteil der Besucher dieses keineswegs zentral gelegenen Friedhofs seinetwegen hierhin kommt. Um das Grab befindet sich ein wahres Meer von Kränzen, Blumen (meist Rosen) und brennenden Grablichtern. Es ist eine echte Pilgerstätte geworden. Meist befinden sich kleinere Gruppen von Fans – in der Mehrzahl mittelalte Damen, deren Herzen er einst gewann – vor dem Grab, die andächtig vor dem Grab gedenken oder sich angeregt über Gott (und die Welt?) unterhalten. Aus Pietätsgründen habe ich die natürlich nicht photographiert. Ja, ob man seine Musik mag oder nicht: Karel Gott war der größte aller Gesangs-Stars im Lande. Er war eine Institution. Seine Fans gingen immer für ihn durch Dick und Dünn. Rund 30 Millionen Tonträger, so schätzt man, hat er zu Lebzeiten verkauft. Die Hälfte davon im eigenen Lande. Was bei so einem kleinen Land eine Menge ist. Und das sagt auch, dass er außerhalb ein Star der Mega-Dimension war. Das galt besonders für Deutschland (vor 1989 sowohl im Westen als auch im Osten), wo der sprachbegabte Gott schon früh als Deutsch sprechender und singender Schlagerstar reüssierte. Es begann 1967 mit Weißt Du wohin (eine Schnulzfassung des Schiwagoliedes). Und es folgte mehr. Man darf dabei auch nicht das Titellied der erfolgreichen Trickserie Biene Maja von 1975 vergessen. Aber eine Aufzählung der deutschen Riesenhits unterlassen wir hier lieber, da sie überhaupt nicht mehr enden würde. Gott war geradezu Stammgast in allen relevanten Showsendungen des Fernsehens. Schon 1975 wurde in Wuppertal der erste deutsche Fanclub gegründet, dem unzählige folgten.

Eigentlich hatte der in Pilsen Geborene Kunstmaler werden wollen, scheiterte aber an der Aufnahme in die Kunstakademie. Seine Eltern sahen mit Sorge, dass er wohl ein Leben führen wollte, dass der Kunst gewidmet sei, also brotlos werden würde. Auch wenn sich das nicht bewahrheiten sollte, gaben sie ihm den eigentlich klugen Tipp, erst einmal bei dem Prager Maschinenbaukonzern ČKD eine Lehre als Starkstromelektriker zu machen. Währenddessen trat er aber schon ab und an als Sänger in Bars und Tanzcafés auf und studierte sogar drei Jahre auf dem Prager Konservatorium Gesang. Er hatte Erfolg auf der Bühne, wurde entdeckt und brachte 1963 seine erste Single Měsíční řeka (eine tschechische Cover-Version von Moon River) heraus, die ein Hit wurde. Es folgten erfolgreiche Auftritte im Ausland. Beim Grand Prix Eurovision 1968 – heute nennt man den Eurovision Song Contest – trat er seltsamerweise sogar für Österreich an. Na ja, es blieb damit immerhin im alten Habsburgerreich.

Obwohl er seine größten Erfolge zweifellos in der Tschechoslowakei bzw.Tschechien und Deutschland feierte, gelangen ihm auch Verkaufserfolge in anderen Ländern. Er nahm Lieder in Englisch, Französisch, Japanisch, Serbokroatisch (gibt es nicht mehr), Russisch, Ungarisch, Romani, Hebräisch und etlichen anderen Sprachen auf. Er wurde damit auch zum netten und freundlichen Aushängeschild des damals von Kommunisten hart regierten Landes. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 spielte er anscheinend mit dem Gedanken, ins Ausland zu ziehen, aber er blieb und passte sich an, was zunächst leicht fiel, da er ja nie politische Lieder sang, sondern einfache Schlager. Aber am Ende passte er sich zu sehr an. Als 1977 der Kreis der Dissidenten um Václav Havel das weltweit Aufsehen erregende Manifest Charta 77 veröffentlichte, trommelte die kommunistische Führung Prominente zusammen, die mit vorgespielter Abscheu ein Dokument, das sie eigentlich gar nicht kennen durften, verdammten, um dann eine sogenannte Anti-Charta zu unterzeichnen. Der erste, der bei der großen Zeremonie im Nationaltheater in Prag am 28. Januar 1977 das loyalistische Dokument feierlich unterzeichnete, war kein Geringerer als Karel Gott. Natürlich hatte die Staatssicherheit Druck auf ihn ausgeübt. Und der war so groß, dass selbst recht offen kommunismuskritische Künstler, wie etwa der Schriftsteller Bohumil Hrabal (über ihn berichteten wir u.a. hier und hier), die Erklärung unterschrieben. Trotzdem: Für viele Dissidenten hatte er damit Würde und Anstand weit hinter sich gelassen. Zu denen gehörte lange Zeit seine Schlagerkollegin Marta Kubišová, die zu den Dissidenten und Erstunterzeichnern der Charta 77 gehört hatte. Hatten die beiden zuvor sogar noch Duette gesungen, blieb das Verhältnis danach für lange etwas gestört, denn während Gott nun weiterhin ein Luxusleben mit Auslandsreisen führen durfte, wurde Kubišová brutal verhört, öffentlich verleumdet, bekam Berufsverbot und musste als Hilfsarbeiterin ihr Brot verdienen und wurde ständig von der Staatspolizei überwacht und bedroht. Der Vergleich zu der mutigen Kubišová (die 1989 bei der Samtenen Revolution an vorderster Stelle mit dabei war) ließ Gott in der Tat nicht sonderlich heldenhaft erscheinen.

Die Masse der Fans störte das überhaupt nicht. Den deutschen Fans war es egal und er trat immer noch erfolgreich im Fernsehen auf und sammelte auch immer noch wie wild Goldene Schallplatten und andere Preise für hohe Verkaufszahlen. Die „Goldene Stimme aus Prag“ war er und blieb er für die Deutschen. Nun gut, Deutsche waren zumindest im Westen ja auch nicht von kommunistischer Repression betroffen. Und in der Tschechoslowakei war es – auf den ersten Blick überraschend, weil da doch die rote Diktatur herrschte – genauso. Der Erfolg blieb ungebrochen. Die Erklärung dürfte sein, dass nur die allerwenigsten Bürger des Landes aktive Widerständler und Dissidenten waren. Der Normalbürger mogelte sich irgendwie durch und musste auch unter widrigen Bedingungen sehen, wo er blieb und passte sich an. Für diese Mehrheit der Menschen war das Verhalten Karel Gotts eigentlich irgendwie durchaus verständlich. Es verfestigte möglicherweise sogar das sorgfältig gepflegte Image, er sei der normale nette Junge von nebenan; eben einer „von uns“. Anpassungsfähigkeit war wohl die Tugend der meisten Tschechoslowaken. Und Karel Gotts Stärke war ja anscheinend auch seine Anpassungsfähigkeit. Das galt nicht nur, wenn es um Politik ging, aber eben auch da. Er erkannte auch bei der Musik stets die Zeichen der Zeit und passte sich immer musikalisch an. Als die traditionelle Schlagerschnulze langsam von Rockmusik verdrängt wurde, sprang er auch auf diesen Zug, aber so, dass ihm die alten Fans noch folgen konnten. Die liebten es auch, wenn er 1968 Beatles-Lieder sang. Und ehrlich gesagt: Rocksongs, wie etwa das bekannte Paint it Black (1966) der Rolling Stones, gewannen durch seine im gleichen Jahr aufgenommene Interpretation (Schwarz und Rot) erst wirklich Tiefe. Später ging er noch weiter, als er 2008 sogar gemeinsam mit dem Brutal-Rapper Bushido das Lied Für immer jung aufnahm. Man glaubte es nicht.

Und politisch kriegte er auch wieder die Kurve als es mit dem Kommunsmus zu Ende ging. Auf dem Höhepunkt der Samtenen Revolution von 1989 sang er er auf einmal bei einer Demonstration gegen das Regime mit dem Dissidenten und Protestsänger Karel Kryl (der nach 1968 verfolgt und ins Exil getrieben worden war) im Duett die Nationalhymne – so als hätte er nie die Anticharta unterzeichnet. Und irgendwie war er danach so populär, dass es 2003 sogar hieß, er solle als Nachfolger des abtretenden Václav Havel der Präsident des Landes werden. Da blieb ein unrealisiertes Projekt, aber immerhin: Er blieb im Gespräch. Inzwischen hatte er die Unterzeichnung der Anti-Charta öffentlich als schweren Fehler bereut. Höchstwahrscheinlich sogar ernsthaft, denn ein im Inneren überzeugter Kommunist war er wohl tatsächlich nie – dagegen sprach schon sein oft recht amerikanisch orientiertes Repertoire. Er förderte mit seinem Vermögen Künstler – vorzugsweise welche, die unter kommunistischen Drangsalierereien gelitten hatten. Selbst der wichtigste aller Dissidenten, Präsident Václav Havel, bezeichnete ihn als „ein Phänomen, das einfach in die tschechische Kulturlandschaft gehört“. Alles war vergeben. Und: Die meisten Tschechen hatten ihn sowieso immer und ungebrochen geliebt.

2015 erkrankte Karel Gott an Krebs. Er hielt das geheim und galt bei den Ärzten schon kurz darauf als geheilt. Aber 2019 kam der Krebs zurück, in Form einer Leukämie. Er wusste, dass er nicht mehr lange leben werde, und er teilte es erstmals der bestürzten Öffentlichkeit mit. Am 1. Okober 2019 starb er. Die Tschechen ohne Karel Gott, das hatte man sich nicht vorstellen können. Jetzt war es passiert. Die Regierung ordnete an, im Lande die Fahnen auf Halbmast zu hängen. Ein Staatsbegräbnis im Veitsdom wurde beschlossen, aber wegen des Protests einiger früherer Dissidenten in ein Begräbnis mit staatlichen Ehren umgewandelt. Aber dieser Protest war ein isoliertes Phänomen. Wer sich bisher nicht mit Gott versöhnt hatte, tat es jetzt. Auch Marta Kubišová wollte – einem der letzten Wünsche des Sängers folgend – auf einem Gedenkkonzert für ihn singen, musste aber aufgrund schwerer Gesundheitsprobleme absagen. Ihr Bedauern darüber war aufrichtig, weil schließlich Gott auch immer stets sein Bedauern über seine damalige Schwäche kundtat. Und sie sah ein, dass jeder Menschen Schwächen habe und nicht jeder Held sein könne. Am Tag der Beerdigung herrschte offizielle Staatstrauer. Um überhaupt eine Begräbnismesse im Veitsdom, abgehalten vom Prager Erzbischof, zugesprochen zu bekommen, musste man zuvor entweder König (vor 1918) oder Präsident (danach) sein. Am 11. Oktober wurde der Leichnam im Žofín Palast aufgebahrt, damit die Bevölkerung Abschied von ihm nehmen konnte. Hunderttausende kamen. In der Innenstadt kam der Verkehr fast zu Erliegen. Tags darauf fand die Begräbnismesse im Dom unter Beteiligung aller wichtigen Potentaten aus Politik und Kultur statt und dann wurde er im heimischen Smíchov – eben hier im Malvazinky Friedhof, über den wir im letzten Beitrag berichteten – zur letzten Ruhe gebettet. Der Grabstein ist schlicht gestaltet. Eine doppelte schwarze Steinplatte mit einem Laser-Gravur-Portrait und den Lebensdaten. Es ragt etwas höher als die meisten Gräber in der Umgebung. So wie Karel Gott in den Herzen der Tschechen alles überragt. (DD)

Friedhof voller Überraschungen

Von den beiden schönen Friedhöfen im Stadtteil Smíchov (Prag 5) ist er der weniger bekannte. Im etwas außerhalb der Zentren Viertel Malvazinky gelegen, kommen sicher noch weniger Touristen zufällig hier vorbei, als es beim ein wenig bekannteren Kleinseitner Friedhof (Malostranský hřbitov) der Fall ist, der ebenfalls in Smíchov liegt. Dabei gehört er wirklich zu den schönsten der Stadt, der Malvazinky Friedhof (Hřbitov Malvazinky).

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Smíchov zu einem großen Industriestandort geworden, was ein enormes Bevölkerungswachstum zur Folge hatte. Dadurch entstand naturgemäß bald der Bedarf an einem großen öffentlichen Friedhof. Im jahre 1875 kaufte die Stadtregierung des damals noch nicht zu Prag gehörenden Smíchov (die Eingemeindung erfolgte erst 1922) ein größeres Grundstück, um dort einen städtischen Friedhof anzulegen. Das Grundstück befand sich auf dem Land eines ehemaligen Gehöftes, das 1628 von einem Kleinseitner Bürger namens Tomáš Malvazy gegründet worden war, und nach dem nunmehr das ganze Ortsviertel (čtvrť) Malvazinky benannt wurde. Die Planung des neuen Friedhofs wurde em bekannten Architekten Anton Viktor Barvitius (wir stellten ihn bereits u.a. hier und hier vor) übertragen. Und schon im Jahre 1876 wurde der Friedhof feierlich eröffnet.

Der nächste Schritt erfolgte am 13. September 1894. An diesem Tag wurde der Grundstein für eine neue große Friedhofskirche gelegt (normalerweise begnügen sich Friedhöfe mit dem kleineren Format einer Kapelle). Und schon am 28. Mai 1896 wurde das wiederum von Antonín Barvitius entworfene Bauwerk feierlich geweiht. Die neue Kirche der Heiligen Philippus und Jakobus (Kostel svatého Filipa a Jakuba) wurde mit Hilfe von Materialien erbaut, die noch von dem 1891 erfolgten Abriss der gleichnamigen Barockkirche weiter innerhalb von Smíchov, am heutigen Arbes Platz erhalten waren. Auch die Glocken der alten Kirche wurden übernommen. Allerdings war der Stil ein gänzlich anderer. Arbitius legte hier ein beachtliches Meisterwerk der Neoromanik in Prag vor, stilecht mit schönen Rundbögen bei Fenstern und Arkaden.

Die Kirche wurde – obwohl sie sich von ihrer Größe her dazu eignete – natürlich zunächst hauptsächlich für Beerdigungszeremonien genutzt und nur ab und an für reguläre Gottesdienste. Die fanden in der Regel für bei den kirchlichen Gedenktagen für die namengebenden Heiligen Philippus und Jakobus, sowie an Allerseelen statt. Nur ab 1928 wurden für einige Jahre regelmäßige Gemeindegottesdienste hier abgehalten. Die bisherige, recht karge Innenausstattung wurde 1913 grundlegend erneuert. Es kamen Fresken und ein großer Hauptaltar dazu. Einige der Figuren des Hauptaltars wurden in den 1980er Jahren bei einem Einbruch gestohlen. Das Innere kann man natürlich nur bei Beerdigungen sehen, d.h. es ist normalerweise nicht zugänglich. Aber die Freskenmalerei der damaligen Zeit kann man auch bei den Grabmalereien in den Arkaden (links) außen studieren. Das Ganze hinterlässt den Eindruck einer damals recht wohlhabenden Gemeinde hier in Smíchov.

Ja, und seit 1876 liegt auch genügend Zeit zurück, dass hier ein wunderschöner alter Baumbestand aufwuchs. Der Friedhof mutet wie ein kleiner Landschaftspark an und lädt gerade an warmen Sommertagen zu kleinen meditativen Spaziergängen im „Grünen“ ein. Hinzu kommt – vor allen in den älteren Teilen des Areals – ein reicher Schatz an prachtvoller Sepulkralkultur. Sie schlägt sich nicht nur in schönen Grabsteinen, sondern auch in vielen stattlichen Mausoleen nieder, wie wir sie hier im Bild rechts bewundern können. Wie es so oft auf alten Friedhöfen der Fall ist, bekommt man hier im Malvazinky Friedhof einen Eindruck von der Entwicklung von Kunst, Bildhauerei und Architektur der letzten anderthalb Jahrhunderte.

Und bei einem solchen Spaziergang durch die Gräberreihen findet man natürlich auch die Grabstätten berühmter Menschen. Zuvörderst wäre da der Schriftsteller Jakub Arbes zu nennen, einem der Begründer der tschechischen phantastischen Literatur, über den wir schon hier berichteten. (Bild links). Der war der literarische „Local Hero“ und viele seiner Geschichten spielen sogar in Smíchov, etwa die berühmte Geschichte Newtons Hirn (Newtonův mozek) von 1877. Auf dem Grabstein befindet sich ein hübsches Portrait-Medaillon.

Auch die Brüche und Widersprüche der tschechischen Geschichte spiegeln sich hier wieder. So findet man hier sowohl das Grab eines der kommunistischen Präsidenten der Tschechoslowakei, nämlich Antonín Novotný, als auch das Grab des wackeren „Untergrundbischofs Kajetán Matoušek, der tapfer gegen die Kommunisten Widerstand leistete. Nach der gewaltsamen Beendigung des Prager Frühlings wirkte er in einer Art Untergrundkirche, denn die kommunistische Führung verweigerte ihm jegliche Akkreditierung. Erst mit dem Ende des Kommunismus im Jahre 1989 durfte er wieder öffentlich auftreten.

Nicht vergessen darf man natürlich das Grabmal eines lokalen, recht göttlichen Sängers, der allerdings so bedeutend war, dass wir noch gesondert darüber berichten werden.

Aber es gibt auch viele überaus interessante Gräber, die nicht die letzte Ruhestätte eines besonder berühmten Menschen markieren, aber dennoch überaus beeindruckend sind. Unweit des Haupteingangs befindet sich zum Beispiel das Grab von Karel Smutný, der von 1871 bis 1933 lebte. Die bronzene Büste auf dem Grabstein wirkt kolossal und zeigt den Verstorbenen in einer Uniform mit einer riesigen Bärenfellmütze. Das weist ihn eindeutig als Angehörigen der damals in Russland kämpfenden Tschechoslowakischen Legion aus, worauf er wohl sehr stolz war – warum sonst dieser Grabschmuck? Sogar mit seinem Militärtitel Podplukovni, was soviel wie Oberstleutnant bedeutet? Die Legionen waren autonome Truppeneinheiten, die die Alliierten der Entente aus Exiltschechen, Kriegsgefangenen und Überläufern aus der kakanischen Armee zusammengestellt hatten, die nicht mehr für das Habsburgerreich, sondern für die Unabhängigkeit und Freiheit der Tschechoslowakei kämpfen wollten (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier und hier). Die in Russland operierenden Einheiten kämpften noch gegen die kommunistischen Bolschewiki als der tschechoslowakische Staat bereits gegründet worden war (1918). Die letzten Legionäre kehrten erst Ende 1920 zurück. Gerne häte ich gewusst, was für eine Geschichte hinter Karel Smutnýs Grab steht, aber leider ließ sich das nicht herausbekommen. Aber sein Grab hat ihn in der Tat verewigt. Und es wird der Rolle der Legion in der tschechischen Nationalmythologie voll gerecht.

Kurz: Das nach einer Erweiterung im Jahre 1897 nunmehr 7,58 Hektar (ursprünglich waren es 3,2 Hektar) umfassende Friedhofsareal von Malvazinky, das heute mit rund 13.400 Gräbern der viertgrößte unter den Prager Friedhöfen ist, hält viele Überraschungen bereit. Und die können sogar mehrere Besuche rechtfertigen. (DD)

Wenzel über der Räucherei

Der typische Adler auf dem Schildwappen ist vom Mantel überdeckt. Das Banner, das er sonst mit sich trägt, hat er wohl zu Hause bei seiner Frau, deren Namen nicht überliefert ist, liegen gelassen. Aber es handelt sich dennoch eindeutig um den Heiligen Wenzel. Und damit passt das Bild hier zum heutigen Wenzelstag.

Von seinen klassischen Attributen in der künstlerischen Darstellung ist im Prinzip nur der Herzogshut deutlich erkennbar, der für den Heiligen allerdings so erst im 14. Jahrhundert unter Kaiser Karl IV. in Form der sogenannten Wenzelskrone herbeiimaginiert wurde. So eine Kopfbedeckung hat er möglicherweise in Wirklichkeit nicht getragen. Aber der Herzogsrang, der mit dem Hut versinnbildlicht wird, stimmt bei Wenzel und entspricht der festgelegten Ikonographie. Und so thront der heilige Herzog nun in sehr würdiger Pose und mit ausgesprochen frommen Blick oben auf einer Säule an der Ecke des vierstöckigen Wohn- und Mietshauses in der Svobodova 138/5, Ecke Vinařického im Talbereich des Stadtteils Vyšehrad (Prag 2) stehend.

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Der Herzogshut wurde hier übrigens wesentlich schlichter und weniger mit Schmuck besetzt dargestellt als es bei der Wenzelskrone Karls IV. der Fall ist, womit man dem guten Wenzel eine Aura christlicher Bescheidenheit geben wollte. Sich den Heiligen Wenzel in die Hausfassade einzubauen, war damals durchaus nicht unüblich (einige Beispiele zeigten wir hier und hier). Da Wenzel der böhmische Nationalheilige schlechthin ist, diente sein Abbild um die Jahrhundert als ein Stück Zuschaustellung einer tschechisch-nationalistischen Gesinnung, die möglicherweise ein wenig Kritik am österreichischen Habsburgertum implizierte.

Das Haus, vor dem er hier nun steht, wurde in den Jahren 1902/03 von dem Architekten und Bauunternehmer Jan Klecanský erbaut, der am ehesten durch den Bau des Rathauses der mittelböhmischen Stadt Kolín bekannt geworden ist. 1906 erfolgte noch ein größerer Umbau, als der Architekt František Hodek im Souterrain eine Räucherei einbaute, die es aber nicht mehr gibt.

Es handelt sich bei dem Gebäude (das ein wenig Farbauffrischung gebrauchen könnte) im einem sehr zurückhaltend und geschmackvoll gestaltetes Beispiel für die Architektur des Jugendstil, der – vor allem durch die überlebensgroße Wenzelsstatue – mit einigen historistischen Elementen versetzt ist. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die sehr geometrischen Jugendstilfenster. Der Heilige Wenzel fällt allerdings (zumindest auf den ersten Blick) mehr auf. Er ist Nationalheiliger geblieben, weshalb heute auch sein Feiertag ist. Allerdings sind die Tschechen nicht mehr so fromm, wie sie es früher mal gewesen sein mögen. Deshalb heißt der Wenzelstag in seiner Eigenschaft als Nationalfeiertag „Tag der tschechischen Staatlichkeit“ (die der Heilige im 9. Jahrundert bekanntlich mitbegründet hat). (DD)

Großer Geiger

Er gehörte zu den größten Violinisten Tschechiens und der Welt: Josef Suk, auch Josef Suk der Jüngere genannt. Das lag an den Genen. Sein Großvater, Josef Suk der Ältere, war schon ein bedeutender Komponist, der mit der Symphonie Nr. 2 Asrael 1898 seiner Trauer über den Tod seines Schwiegervaters würdig Ausdruck verlieh. Der wiederum war kein geringerer als Antonín Dvořák – einer der großen Nationalkomponisten des Landes. Mithin war Suk junior also der Urenkel Dvoráks. Ihm blieb gar nichts anderes übrig, als ein großer Musiker zu werden.

Das wurde er auch und gottlob sind viele Beispiele dafür als Schallplatte, CD oder Download noch erhältlich. Er tat sich nicht nur als genialer Interpret seines Urgroßvaters hervor, sondern als Kenner und Könner der Werke so unterschiedlicher Komponisten wie Beethoven oder Alban Berg. Berühmt wurde seine mit dem Cellisten André Navarra eingespielte Fassung von Brahms‘ Doppelkonzert. Sogar einen Ausflug in die Filmmusik wagte er 1974, als er bei der Titelmusik des von Luchino Visconti gedrehten Films Gewalt und Leidenschaft (Gruppo di famiglia in un interno) mitwirkte.

Unvergessen war er, unvergessen sollte er bleiben. Schon kurz nach Suks Tod im Jahre 2011 brachte die Stadtteilregierung von Prag 2 an dem Haus am Karlovo náměstí 317/5 (Karlsplatz) eine Plakette zum Gedenken an den großen Musiker an. Sie befindet sich unter einem Fenster auf dem ersten Stock des in den späten 1920er Jahren gebauten Hauses. Der Bildhauer und Medailleur Zdeněk Kolářský entwarf eine bronzene Plakette mit einem Profilportrait Suks, das daran erinnert, dass der Violinist in diesem Hause von 1962 bis zu seinem Tode 2011 gelebt hat. (DD)

Ich habe den schwedischen König bekocht (und den norwegischen auch)

Das Haus zur blauen Ente (dům U Modré kachny) in der Nebovidská 460/6 auf der Kleinseite hat schon für sich genommen eine interessante Baugeschichte. Zu schätzen wissen es allerdings die meisten Kenner für die exzellente Kulinarik, die heute darinnen bei passendem Ambiente geboten wird.

Wo das heutige Gebäude steht, gab es früher zwei Renaissance-Häuser aus dem 16. Jahrhundert, von denen eines 1661 neu im barocken Stil errichtet wurde und wohl den markanten Entennamen trug. Das ganze stand am Rande des damaligen Lazarovgartens (Lazarovská zahrada), der zu einem Jesuitenpalast gehörte. Der Park ist aber seither so geschrumpft, dass sich das Gebäude in einiger Entfernung davon befindet. In den Jahren 1811 bis 1815 waren dann schließlich beide Häuser entgültig zusammengelegt und wurden zu Musterexemplaren des biedermeierlichen Klassizismus umgebaut, wobei innen im Erdgeschoss noch einiges von der barocken Struktur erhalten blieb. Umbauten in den (kommunistischen) 1970er Jahren, wie die Hinzufügen eines Dachgeschosses und der Abriss einiger Nebengebäude im Innenhof, veränderten außen den optischen Grundcharakter wenig.

Der Kommunismus ging 1989 unter und man überließ gottlob der Privatwirtschaft wieder die Initiative. 1993 baute man das Innere gründlich um, um da

raus ein Restaurant zu machen, für dessen Namen man den Diminutiv des alten Hausnamens, nämlich U Modré Kachničky – Zum Blauen Entchen – wählte. Dabei wollte Besitzer Otakar Metlička nicht irgendein Touristenlokal aufmachen, sondern qualitativ geradezu nach den Sternen greifen. Das fing schon bei der Innengestaltung an.

Die sollte künstllerisch kreativ, geschichtsbewusst, gemütlich und edel wirken. Die verschiedenen Gasträume sind daher opulent mit echten Antiquitäten und gut gestalteten antikisierenden Möbeln ausgestattet. Alles wirkt eng gedrängt. Dazu kommen Wandfresken, die einerseits sehr gute Nachempfindungen eines Barockinterieurs darstellen, andererseits schon modern de- und rekonstruiert, ja geradezu mit einem ironischen Augenzwinkern übertrieben neuformuliert wurden. Sind sind einerseits sehr akurat dem Barock nachempfunden, aber auch surreal (man sieht es im großen Bild oben). Das ist schon originell und witzig, aber trotzdem authentisch. Und jeder Raum ist stilistisch etwas anders gestaltet.

Dieses gediegen luxuriöse Ambiente (in dem sich auch überall Figurinen und Bilder von Enten befinden) wäre natürlich nichts ohne die passende Speisekarte. Obwohl es vereinzelte Stimmen unter Restaurantkritikern gibt, früher sei alles besser gewesen, wüsste ich kaum ein Restaurant, das mehr zu empfehlen ist, wenn man eine gepflegte Edelvariante tschechischer Küche mit internationalem Flair genießen will. Dafür sorgt Chefkoch Michael Váňa. Bei dem denkt man unwillkürlich an Bohumil Hrabals berühmten Roman Ich habe den englischen König bedient (Obsluhoval jsem anglického krále) von 1971, denn Váňa hatte vor dem „Entchen“ im Laufe seiner Karriere schon unter anderem den schwedischen und den norwegischen König bekocht. Die Speisekarte wechselt oft mit der Saison, denn, wie Váňa in einem Interview sagte, „ich versuche, auf Traditionen aufzubauen und der Logik lokaler Zutaten und Bedingungen zu folgen. Deshalb machen wir viele saisonale Angebote, die sich an der jeweiligen Jahreszeit orientieren.“

Sogar das Brot wird im Hause selbst gebacken (gutes Brot ist in Prag schwierig zu bekommen) und man räuchert selbst. Neben vielen feinen Wildgerichten (wie der links abgebildete Hirschrücken – ein Teil des Degustationsmenüs) und anderen Leckereien serviert man hier natürlich auch in verschiedenen Varianten das, was dem Restaurant (und dem ursprünglichen Haus) den Namen gab: Ente! Ob gebraten am Stück, als klassisch tschechische Brust oder als Foie Gras zur Vorspeise – der Freund von Entenmenüs kommt voll auf seine Kosten. Dazu gibt es eine reichhaltige Weinliste, die sowohl internationale als auch tschechische Weine führt. Gerade letztere sind von hoher Qualität. Da nur wenigen Ausländern überhaupt die tschechische Weinkkultur bekannt ist, kann man hier eine positiv stimmende Einführung erleben. Bier ist zwar im höheren Segment selten so geschätzt wie Wein, aber – so ein kleiner Kritikpunkt – man hätte sich hier ein wenig soviel Mühe geben können, wie beim Wein. Es gibt leider nur eine Sorte recht handelsüblichen Urquellbieres. Da könnte man noch ein paar der berühmten Prager Kleinbrauereien ins Repertoire aufnehmen. Dafür kann sich allerdings die Liste der härteren Drinks (Rum, Whisky, tschechische Obstbrände, etc.) wiederum sehen lassen!

Ob es ein wenig nachgelassen haben mag oder auch nicht (ich habe jedenfalls über die Jahre nichts davon bemerkt): Das U Modré Kachničky wurde schnell ein Lokal, das von der (feinschmeckerischen) Prominenz gerne und oft frequentiert wurde und wird: Größen wie Helmut Kohl, Tom Cruise, Karel Gott, Roger Federer, die Scorpions, Sean Connery und vor allem Václav Havel sind hier schon eingekehrt. Damit macht man auch schon am Eingang stolz Werbung! Kurzum: Das Restaurant indem so passenden historischen Haus ist ein voller Erfolg geworden. So erfolgreich übrigens, dass man auf dem gegenüberliegenden Moldauufer, genauer: In der Michalská 434/16 inmitten der Altstadt eine Filiale gegründet hat, das U Modré Kachničky II. Das ist noch nicht ganz so bekannt wie das Mutterhaus, folgt ihm aber, was Angebot und Einrichtungsstil angeht, weitgehend. Aber ein Besuch im alten Stammhaus auf der Kleinseite gehört immer noch zum Pflichtprogramm aller Feinschmecker unter den Prag-Besuchern. (DD)

Unter dem Doppeladler

Spätestens mit der Niederlage bei der Schlacht am Weißen Berg 1620 mussten sich die Böhmen damit abfinden, endgültig unter der Herrschaft der Habsburger zu stehen und damit ihre Unabhängigkeit zu verloren zu haben. Der in in Stuck modellierte Doppeladler der Habsburger über dem Eingang des passend Haus zum Schwarzen Adler (dům U Černého orla) genannten Gebäudes in der Mostecká 279/11 auf der Kleinseite, ganz nahe der Karlsbrücke, unterstreicht diesen Machtanspruch Habsburgs deutlich.

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass der Doppeladler der Gründung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie 1867 sein Leben verdankt – Doppeladler und Doppelmonarchie, das scheint ja auch irgendwie zu passen. Aber der hier abgebildete Doppeladler ist deutlich vor 1867 zu datieren. Also: Das Heilige Römische Reich verwendete ursprünglich den einköpfigen Adler als Wappentier (was seit dem Bismarck-Reich 1871 für Deutschland übernommen wurde). Unter Kaiser Sigismunds wurde jedoch 1433 der Doppeladler eingeführt, weil der Kaiser des Reiches zugleich deutscher König war. In diesem Sinne war bereits das alte Reich eine Art Doppelmonarchie. Ab dem 16. Jahrhundert hatten die Habsburger die Kaiserwürde quasi durchgängig inne, weshalb die Familie den Doppeladler bald übernahm, womit klar war, dass sie Reich und Dynastie als ein unteilbares Ganzes dachten. Ihre jeweiligen unterschiedlichen Ländereien wurden nun durch ein Wappen in der Mitte (im Herzschild) markiert. Genau das sieht man hier: den Doppeladler mit dem  Böhmischen Wappenlöwen (wir berichteten hier) in der Mitte. Als das alte Heilige Römische Reich 1806 zusammenbrach, behielten die Habsburger einfach den Doppeladler für ihr restliches Österreichisches Kaisertum, das dann 1867 in die k.u.k. Österreich-Ungarische Doppelmonarchie (auch Kakanien genannt) überging.

Und nun zum Haus selbst: Dort, wo sich heute dieses dreistöckige Wohngebäude befindet, stand ursprünglich ein gotisches Gebäude. Kaiser Karl IV. (zugleich böhmischer König) hatte es zum Hof des mit ihm verbündeten Mainzer Erzbischofs Ludwig gemacht, der dafür 1376 den Ausschlag bei der Wahl von Karls Sohn Wenzel zum deutschen König gab – für Karl ein Herzenanliegen. Das Haus wurde später – längst nicht mehr im erzbischöflichen Besitz! – immer wieder umgebaut, im Jahre 1583 und noch einmal 1610 im Renaissancestil, wobei es dabei seinen heutigen Grundriss bekam.

Im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts, um 1732, bekam es im Kern die heutige spätbarocke Fassade, die sich durch einen späteren klassizistischen Umbau, der mehr das Innere betraf, nur unwesentlich veränderte. Ein neuerlicher Umbau um 1930 betraf ebenfalls nur den hinteren Teil zum Innenhof.

Selbst in der zum Königsweg gehörenden Mostecká, in der es von schönen Häusern nur so wimmelt, ragt dieses Haus als besonders schön heraus. Die reich bestuckte Fassade mit dem Doppeladler, etlichen zierlichen Schmiedearbeiten, aber auch etlichen hübschen Medaillons wird oben durch ein prachtvolles Gesims abgeschlossen, das Kenner an ein Werk des berühmten Architekten Giovanni Battista Alliprandi erinnert, jenen großen Barockmeister, dem wir die Schönheit der heutigen deutschen Botschaft verdanken (worüber wir hier berichteten).

Hoch über dem dreieckigen Giebel steht eine etwas überlebensgroße barocke Sandsteinstatue des Heiligen Florian. Der scheint seinem Zweck als Patron des Brandschutzes wirkungsvoll zu dienen, denn abgebrannt ist das Gebäude tatsächlich noch nie.

Wer den Doppeladler an der Fassade veranlasst hat, habe ich noch nicht herausgefunden, aber er war offenkundig ein flammend begeisterter Parteigänger der Habsburgerdynastie. Der Adler ist mit seinen fein ziselierten Federn und seiner polychromen Gestaltung so kunstvoll gestaltet (es gibt kaum einen schöneren in Prag!), dass selbst der größte tschechische Patriot nicht umhin kann, ihm etwas abzugewinnen. Auch ist die Schmach vom Weißen Berg schon so lange Geschichte und es hätte den Böhmen auch Schlimmeres an dynastischer Herrschaft passieren können als die Habsburger, so dass schon längst der Schwamm ordentlich drüber gewischt ist. Schön ist es jedenfalls, das Haus zum Schwarzen (Doppel-) Adler. (DD)

Stephansdach aus Düsseldorf

Wenig erinnert daran, dass Prags Stadtteil Libeň dereinst eine der Wiegen der tschechischen Industrialisierung war. Unter dem Kommunismus zur Unwirtschaftlichkeit herabgesunken, wurden fast alle Fabrikareale am Moldauufer nach dem Ende der Planwirtschaft abgerissen. Seit einigen Jahren schießen moderne und schicke Büro- und Wohnkomplexe dort aus dem Boden. Nur wenige Erinnerungen an die große Zeit blieben als Kulturdenkmäler erhalten. Dazu gehört die Halle der früheren Firma Horák und Hlava (hala býv. firmy Horák a Hlava). Die war einmal so modern, dass sie selbst heute im Ensemble der Büroneubauten nicht als altes Kulturdenkmal auffällt.

Die Maschinenbau- und Reparaturwerkstatt Horák a Hlava wurde im Jahr 1920 von dem Automobilimporteur Karel Hlava und dem Ingenieur F. Horák gegründet. In diesem Jahr wurde wohl auch die große Industriehalle in der heutigen Voctářova 3651/1 bzw 3651/2 erbaut. Drumherum befanden sich andere Firmen in diesem Stadttteil, etwa die Textilfirma Brüder Perutz (erwähnten wir hier) und das unmittelbar benachbarte Sägewerk der Eisenbahnfirma des Großindustriellen Karl Adalbert von Lanna (wir berichteten u.a. über ihn hier). Die Firma Horák a Hlava wurde von 1938 und 1943 jeweils noch einmal um Zusatzbauten erweitert, was Archive im ersten Fall durch Luftaufnahmen und im zweiten Fall durch erhaltene Pläne herausgefunden haben. Davon ist aber heute nichts mehr erhalten. Während des Zweiten Weltkriegs zwangen die Nazis den zuvor völlig zivilen Betrieb in die Rüstungsproduktion. Und drei Jahre nach dem Krieg war Schluss. Die Kommunisten hatten die Macht ergriffen und die Verstaatlichungen setzten ein. Horák a Hlava wurde 1948 in den bereits verstaatlichten Maschinenbaugroßkonzern ČKD eingegliedert.

1964 plante man die Halle als Busreparaturwerkstatt für die Prager Verkehrsbetrieben zu nutzen, was aber am Ende nicht realisiert wurde. Das Gebäude verfiel und wurde nicht mehr als Produktionsstätte genutzt. Immerhin erklärte man es 1981 zum geschützten Denkmal. Viel änderte da aber auch nicht mehr. In der Zeit nach dem Ende des Kommunismus 1989 setzte in den nunmehr unrentablen Industriearealen weiterer Verfall ein. Das große Hochwasser von 2002 zerstörteoder beschädigte Teile der Fabriken und auch der Wohnhäuser. 2013 gab es einen Plan der Stadt, hier ein völlig neues Büro- und Wohnzentrum der Luxusklasse aufzubauen. Die alten Gebäude verschawanden alle? Nein, die Halle der Firma Horák a Hala wollte man verschonen. Es wurde das Architekturbüro Aulík Fišer architekti 2016 damit beauftragt einen Umbau- und Renovierungsplan für eine post-industielle Neunutzung zu entwickeln. Heute befinden sich hier Büros,Veranstaltungsräume und vor allem ein großes Bistro-Restaurant, das wohl viele Mitarbeiter der umliegenden neuen Büros zum Mittagessen nutzen.

Aber warum hielt man das im Grundriss 83 x 21 Meter große Gebäude für so schützenswert? Nun, es handelt sich um ein Stück Industriearchitektur, das sehr typisch ist für die Zeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik ist. Das betrifft vor allem die Dachkonstruktion, die dem Backsteingebäude aufgesetzt wurde. Es handelt sich um ein sogenanntes Stephandach, das von der 1905 in Düsseldorf gegründeten »Gesellschaft für Ausführung freitragender Dachkonstruktionen in Holz – System Stephan GmbH« entwickelt wurde, die seit 1914 auch eine Filiale in Prag betrieb. 1916 wurde diese Art von Dachkonstruktion (dazu hier S. 16), die zunächst für den Bau von Luftschiffhallen entwickelt worden war, in Kakanien mit einem Patent versehen, das in der Tschechoslowakei nach 1918 natürlich noch gültig war.

Hauptmerkmal der Konstruktion des Stephan-Daches waren bei der Halle von Horák a Hlava die dreizehn gewölbten Dachstühle aus Holz, die fachwerkartig aus Dreiecksmodulen zusammengesetzt wurden, die dann oben Glasfenster rahmten. Das Ganze war wesentlich preisgünstiger als die sonst üblichen Stahlträger, dabei leichter und war trotzdem statisch sehr stabil. Die jeweils spitze Dachstuhlkonstruktion erlaubte zudem optimalen Lichteinfall. Das war für die System Stephan GmbH ein Bombengeschäft und die Konstruktion verbreitete sich auch hier unter den Tschechen schnell überall. Es heißt, dass Konstruktionen der Stephansdach-GmbH, 1920 (als diese Halle hier gebaut wurde) über 2 Millionen Quadratmeter Grundfläche in Lande überdeckt haben sollen. Aber es ist der Holzbauweise geschuldet, dass es leider trotzdem fast nirgends mehr erhaltene Exemplare dieses Dachtyps gibt. Die Halle von Horák a Hlava ist eines der ganz wenigen Vorhandenen Exemplare in ganz Tschechien. Eines der letzten anderen Exemplare in Prag, die Halle eines Transportunternehmens in Holešovice wurde im Jahr 2000 abgerissen. Es existiert sonst nur noch eine Autobusgarage in Dejvice (Prag 6) mit einem solchen Dach. Das ursprüngliche Massenprodukt wurde also zur historischen Rarität. Deshalb wurde der Denkmalschutz für das Gebäude von Horák a Hlava während der Planungen für die Umgestaltung des Viertels 2013 noch einmal deutlich verschärft.

Natürlich hat im Lauf der Jahre der Vernachlässigung auch der Zahn der Zeit oder gar des Holzwurms an der alten Struktur genagt. Im Zuge der Neukonstruktion wurde fast jedes Teil durch ein neues ersetzt. Aber im Vergleich zu alten Photos erkennt man, dass die 2020 vollendete Rekonstruktion trotz der Zweckentfremdung doch sehr authentisch und einfühlsam erfolgte. Und heute findet man die recht raffiniert und subtil gestaltete Dachkonstruktion der Firma aus Düsseldorf, die ja eigentlich nur preiswert und funktional sein sollte, sogar ästhetisch ansprechend. Sie hat ihre Modernität bis heute bewahrt. Von außen (anders ging es in den Zeiten des Covid-Lockdowns nicht, als ich dies hier photographierte) sieht das Bistro jedenfalls erfrischend einladend aus. Irgendwann wird man mal darin sitzen und neben Speisen und Getränken ein mittlerweile rares Stück Industriekultur genmießen. (DD)

Erinnerung an den Aufbruch

Er ist eines der letzten sichtbaren Zeugnisse des großen Aufbruchs, den der heutige Prager Stadtteil Libeň im 19. Jahrhundert durchlebte: Der Schornstein der ehemaligen Fabrik der Brüder Perutz, der nunmehr einsam auf einer kleinen Grünfläche an der Libeňský most, Ecke Voctářova steht.

In Libeň, das erst 1901 Teil von Prag wurde (mehr dazu hier), hatte sich im 19. Jahrhundert eine große jüdische Gemeinde entwickelt, über deren Erbe wir hier berichteten. Im Laufe der Zeit entstanden hier deshalb auch viele Industriebetriebe mit jüdischen Besitzern, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts geradezu eine lokale Industrielle Revolution entfachten (eines von vielen Beispielen war die Leinwandfabrik Grab, worüber wir hier berichteten).

Vor allem in den Uferarealen nahe der Moldau gegenüber von Holešovice entstand ein regelrechtes Industrigebiet mit unzähligen Fabriken, die der Bevölkerung Lohn und Brot verschafften.

Der Schornstein, den wir hier sehen, gehörte zu der Firma Spinn- und Webwarenfabriken Brüder Perutz , die hier im Jahre 1875 errichtet wurde. Gegründet wurde sie von dem sehr säkularen jüdischen Unternehmer Benedikt Perutz, dem Vater des berühmten Schriftstellers Leo Perutz (dessen Roman Nachts unter der steinernen Brücke zur Pflichtlektüre für jeden Freund der Prager deutsch-jüdischen Literatur gehören sollte), zusammen mit seinem Bruder und Co-Chef Siegmund Perutz. Die Textilfirma expandierte schnell. Es gab bald mehrere Ableger der Fabrik in Böhmen (der größte in Varnsdorf) und später in Ungarn. 1899 verlegte die Familie ihren Wohnsitz von Libeň nach Wien, wo eine neue Firmenzentrale aufgebaut wurde. Die Fabrik in Libeň blieb aber in Betrieb.

Die Firma der Brüder Perutz überlebte die Wirren von Nationalsozialismus (der Teile der Erben ins Exil in die USA zwang) und des Kommunismus nicht. 1949 wurde die Anlage von der staatlichen Weberei Henap (ab 1958 Hedva) übernommen. Das ganze Industrieareal von Libeň war nach dem Ende des Kommunismus 1989 völlig heruntergekommen und die Produktionsstätten nicht mehr im entferntesten wettbewerbsfähig. Nach einer längeren Zeit der Brache wurde das Ganze Gebiet ab 2013 völlig neu für Büro- und Wohnblocks erschlossen. Alles wurde recht nobel und luxuriös. Gentrifizierung nennt man das wohl heute. Man könnte auch von einem zweiten Aufbruch des Stadtteils sprechen. Die alten Anlagen verschwanden. Aber der Schornstein der Firma Brüder Perutz blieb als Erinnerung an frühere Zeiten stehen. Seit dem Jahr 2020 ist er sogar offiziell zum Kulturdenkmal erklärt worden. Niemand hätte wohl 1875 den Schornstein für ein Kulturgut gehalten, aber im Kontrast zu den heutigen modernen Bürogebäuden strahlt er heute ein irgendwie fast schon behaglich altertümliches Flair aus.

Nun ist ein solcher Schornstein sicher nicht einzigartig. Aber er zeigt gerade dadurch, dass er jetzt als Solitär sein Dasein fristet, besonders anschaulich, dass man sich Ende des 19. Jahrhunderts selbst bei profanen Wirtschaftsgebäuden Mühe bei der ästhetischen Ausgestaltung gab. Der Kamin im Sockel ist achteckig gestaltet und schließt oben mit einer kreisförmigen Struktur ab. Aus dem verwendeten Ziegel wurden auch künstlerische Elemente eingebaut. Insgesamt erreicht der Schornstein eine Höhe von 57 Metern. Ursprünglich konnte man ihn zur Wartungszwecken mit an außen angebrachten kleinen Metallleiterstufen erklimmen. Das wäre für leichtsinnige Jugendliche oder potentielle Selbstmörder nun, da der Turm frei steht, eine zu große Verlockung. Deshalb hat man sie im unteren Bereich abgenommen. Auch der an einer Seite dereinst offene Kamineingang unten ist verschlossen. Es handelt sich ja um ein Kulturdenkmal und nicht um einen Spielplatz. (DD)

Burg mit Aussicht

Die Heilige Ludmilla wurde 921 auf „Burg Tetín“ ermordet, berichten die mittelalterlichen Chroniken, allen voran die berühmte Christianslegende, die einige Jahrzehnte später entstand. Wer den hoch auf einer Felslandschaft gelegenen Ort Tetín besucht (wir beschrieben ihn gestern hier) stößt auch tatsächlich auf eine alte Burgruine. Nur die hat nichts mit der heiligen Märtyrerin Ludmilla zu tun.

Denn der früheste historische Nachweis für die Existenz von Burg Tetín (hrad Tetín), die auch von archäologischer Forschung bestätigt wurde, geht auf das Jahr 1288 zurück. Damals wurde die Burg zum Sitz des königlichen Jägers. So besagt es die erste schriftliche Erwähnung der Burg aus dem Jahre 1321. Nun ja, Ludmilla war da schon Jahrhunderte tot. Bei der in den Legenden um ihren Tod erwähnten „Burg Tetín“ handelt es sich um die rund 20 Kilometer südwestlich von Prag am Fluss Berounka Ortschaft Tetín selbst, denn die war in der Zeit Ludmillas ein befestigtes Dorf, das man deshalb auch „Burg“ nannte. Die eigentliche und eben deutlich neuere Burg wurde am nördlichen Ende des Dorfes auf einem Felsvorsprung erbaut.

In die Herrschaftszeit von König Wenzel II. fällt damit also der Bau der Burg. 1321 war sie im Besitz des königlichen Schreibers Štěpán z Tetína (Stefan von Tetín). Dessen Nachfahren veräußerten Tetín samt Burg an den böhmischen König und deutschen Kaiser Karl IV., der das Ganze in die Ländereien seiner Burg Karlštejn (wir berichteten hier) eingliederte. 1422 ging es dann mit der Burg zu Ende. Die Hussitenkriege hatten zwei Jahre zuvor begonnen und in deren Verlauf wurde sie zerstört. Schon während des 15. Jahrhunderts wird sie in Urkunden als öd und verlassen beschrieben. Die Bewohner der Umbegebung benutzten sie als „Steinbruch“ – noch bis hinein ins 19. Jahrhundert.

Das ist natürlich vorbei. Die Burgruine wurde ein wenig stabilisiert und konserviert. Sie ist seit langem ein geschütztes Kulturdenkmal. Man kann an den Mauerresten erkennen, dass es sich um eine sehr kleine Anlage handelte, wohl im wesentlichen aus einem kleinen, dreizimmerigen Hauptbau und einem Tor mit Turm bestehend. Davor riegelte eine immer noch erkennbare Grabenanlage die Felszunge, auf der die Burg steht, ab. Eine kleine Infotafel wurde vor einigen Jahren hier aufgestellt, die über die Geschichte der Burg informiert. Der Besucher mag nach Lektüre des Textes etwas enttäuscht sein, dass das nicht der Ort ist, wo dereinst die Heilige Ludmilla ermordet wurde. Aber er wird dafür reichlich dadurch entschädigt, dass er von hier oben eine herrliche Aussicht über das Berounka-Tal genießen kann. (DD)

Wo Ludmilla zur Märtyrerkrone kam

Zumindest ist das ein schöner und imposanter Ort zum Sterben. Fast schon würdig einer künftigen Heiligen. Hoch über den Uferauen des idyllischen Flusses Berounka und rund 20 Kilometer südwestlich des Prager Stadtzentrums thront der kleine Ort Tetín, in dem heute vor 1101 Jahren – am 15. September 921 – Fürstin Ludmilla grausam ermordet wurde, was ihr posthum die Märtyrerkrone und einen Status als böhmische Nationalheilige einbrachte.

Den Ort umgibt seither eine Aura des Mystischen. Was nicht zuletzt von der pittoresken Landschaft und dem romantischen Ortskern unterstrichen wird, der seine entsprechende Wirkung kaum verfehlt. Es fängt schon damit an, dass Tetín nicht nur auf dem Rand der hohen Felsklippen des Böhmischen Karstes an der Berounka steht, sondern, dass hinter dieser „Fassade“, der Ort sich in einer Talmulde fortsetzt, die ebenfalls von Felsen und Wäldern umgeben ist – wie das Bild links zeigt.

Und außerdem: Der Blick von vom Fluss hinauf mag ja schon beeindruckend sein, aber der von oben auf den Fluss ist es nicht minder! So weit das Auge reicht – nichts als schöne Landschaft! Es gibt gute Gründe, warum Tetín und seine Umgebung ein äußerst beliebtes Nahausflugsziel für die Prager Stadtmenschen ist. Die Schönheit des Ortes stimmt den Betrachter schon auf die mythische Vergangenheit ein, die hier überall sicht- und fühlbar ist.

Es beginnt schon mit dem Namen Tetín. Der soll sich der mittelaterlichen Überlieferung zu Folge vom Namen Tetas ableiten. Teta war eine legendäre vorzeitliche Priesterin und Schwester von Libuše, der sagenhaften Stammmutter des (später tatsächlich historisch bedeutenden) böhmischen Herrschergeschlechts der Přemysliden, das bis zum 14. Jahrhundert das Land regierte. Die andere Schwester, die heilkundige Kazi, hatte angeblich ihre eigene Burg ganz in der Nähe (wir berichteten hier). Ob es Teta je gegeben hat und, ob sie den Ort wirklich gegründet hat, ist zweifelhaft. Was man Dank archäologische Forschung weiß, ist, dass der Ort schon in der Jungssteinzeit besiedelt war, und dass in der frühen Zeit der Přemysliden-Herrschaft hier tatsächlich ein befestigtes Dorf oder eine Dorffestung aufgebaut wurde.

Kommen wir zu Ludmilla, die hier irgendwie allgegenwärtig ist. Am sichtbarsten natürlich in Form einer großen Statue, die auf einer Säule ruht (Bild rechts). Auf „Burg Tetín“ soll sie ihr gewaltsames Ende gefunden haben. Tatsächlich gibt es am Rande des Ortes eine alte Burgruine (über die wir noch berichten werden). Die stammt aber aus dem späten 13. Jahrhundert und das war doch einige Jahrhunderte nach der Mordtat. Vielmehr muss man die zu Ludmillas zeiten existierende Siedlung als eine eigene Festung betrachten, in deren Mauern sie gemeuchelt wurde. Aber wie konnte es dazu kommen und wer war Ludmilla?

Sie war die Witwe des ersten überlieferten böhmischen Přemysliden-Herrschers Bořivoj I., der sich um das Jahr 883 als erster Fürst christlich taufen ließ. Nach dessen Tod 889 wurden nacheinander die Söhne Spytihněv und Vratislav I. Herrscher des Böhmen. Als letzter starb war Ärger vorprogrammiert, denn Vratislavs Frau Drahomíra wurde zwar Regentin für die minderjährigen Söhne, aber für deren Erziehung bis zur Volljährigkeit wurde Ludmilla eingesetzt. Ob Drahomira wirklich eine Heidin gewesen war, ist umstritten, aber zumindest ergab sich schnell eine unschöne Vermischung von religiösen Glaubens- und politischen Machtfragen. Wenn man sich an die Kirchenstrukturen des Westens anhängte bedeutete das eine enge politische Bindung an das deutsche Kaisertum, was Ludmilla favorisierte und ihrem Enkel, dem späteren Heiligen Wenzel einbläute. Oder sollte man andere kirchliche Wege – slawisch oder byzantinisch – gehen? Jedenfalls fand Drahomira, das Ludmilla ihre Kreise störte.

Sie ließ Ludmilla hierhin nach Tetín verbannen. Aber das war ja nicht weit weg gelegen und Drahomira wollte wohl auf Nummer sicher gehen, dass sich die ungeliebte Schwiegermutter nicht wieder in die Politik einmischt. Und auch Ludmilla soll der Legende nach geahnt haben, dass ihr gewaltsames Ende geplant sei. Sie versenkte sich in der kleinen Kirche zum Gebet und wartete auf die Mörder, zwei Wikinger aus dem Gefolge der Drahomira namens Tunna und Gommon. Ludmillas letzter Wunsch soll es gewesen sein, dass ganz stilecht ihr Märtyrerblut vergossen werden möge. Aus lauter Gemeinheit verweigerten ihr die Mörder das und erwürgten sie kurzerhand mit ihrem eigenen Halstuch. Die Bosheit machte sich nicht wirklich bezahlt, denn Ludmilla wurde trotzdem schon bald von der Kirche zur heiligen Märtyrerin eingestuft. So sieht man sie auch auf dem barocken Bild dargestellt, das man oberhalb rechts sieht, und das sich in der 1685 erbauten Gemeindekirche der Heiligen Ludmilla (Kostel sv. Ludmily) befindet, die wiederum an Stelle der Kirche errichtet wurde, wo sie ihre letzten Gebete getan hatte. Sie ist klassisch mit Märtyrerpalme, Herzoginnenkrone und dem Halstuck, mit dem sie erwürgt wurde, dargestellt.

Drahomira verjagte nun einige der deutschen Orden, die sich in Böhmen angesiedelt hatte, konnte aber ihre Macht nur so lange genießen bis Wenzel volljährig wurde. Der machte die Entscheidungen rückgängig und regierte im Geist der Großmutter, deren Erziehung anscheinend erfolgreich gewesen war. Und so wird Ludmilla ja auch durch die erwähnte (ebenfalls barocke) Statue vor der Kirche dargestellt: Als Erzieherin, die den kleinen Wenzel (der etwas pausbäckig erscheint) auf den Armen trägt – auch das Teil der klassischen Ludmilla-Ikonographie. Wenzel sollte übrigens später von seinem Bruder ermordet werden, was auch ihm die Märtyrerkrone einbrachte.

Zurück nach Tetín: Der kleine Ort hat – nicht zuletzt wegen seiner Heiligengeschichte – drei Kirchen. Die der Heiligen Ludmilla hatten wir erwähnt. Die steht auf mittelalterlichen Fundamenten. Der Grundriss folgt noch einem gotischen Bau, der tatsächlich anstelle der älteren Kirche gestanden haben mag, in der Ludmilla kurz vor ihrem Ende betete. Heute erkennt man aber nur den Barockbau des späten 17. Ajhrhundert. DIe Kirche war lange in Klosterbesitz, wurde aber nach den Klosterenteignungen unter Kaiser Joseph II. in den 1780er Jahren zur bloßen Gemeindekirche umfunktioniert. Bei den Bildern und Skulpturen im Innenraum dominieren böhmische Heilige – allen voran Ludmilla.

Direkt neben der Ludmilla-Kirche steht die Katherinen-Kirche (kostel sv. Kateřiny). Sie ist die kleinste der drei Kirchen im Orte. Der Bau wird wesentlich schlichter, nicht zuletzt weil er auch nicht im überbordenden Barockstil gehalten ist. Sie wurde um 1200 im romanischen Stil erbaut. 1858 erfolgten Renovierungs- und umbauarbeiten, die den schlichten Originalcharakter noch unterstrichen. Auch sie war ursprünglich Klosterbesitz und hatte bei der Enteignung mehr Pech als die Ludmilla-Kirche. Sie wurde als Lagerhalle verwendet bzw. misbraucht. Die Restauration von 1858 machte den Schaden, der dadurch entstand, ein wenig gut.

Die zweifellos am dekorativsten gelegene der drei Kirchen ist jene, die man unten vom Flussufer (großes Bild oben) erkennen kann: Die Kirche des Heiligen Nepomuk (kostel sv. Jana Nepomuckého). Die wurde bereits 1357 erbaut und zwar noch unter dem Namen Kirche des Heiligen Michael. Ging ja auch nicht anders, denn als die Kirche geweiht wurde, lebte Nepomuk noch und hatte sich seine Heiligkeit noch nicht durch Märtyrertod verdient (der erfolgte erst 1393). Wie die Ludmilla-Kirche wurde sie im späten 17. Jahrhundert barockisiert.

Die Säkularisierung im Zuge bekam ihr zunächst nicht gut, aber im 19. Jahrhundert fand sich ein Retter in Gestalt des Schlossbesitzers und Dichters Vácslav Vojáček (ein gebürtiger Tetíner), der in den 1870er Jahren die Instandsetzung betrieb, so dass die Kirche heute recht schmuck aussieht. Vojáček verdankt man übrigens auch ein 1843 verfasstes Drama über Ludmilla, die ja nun einmal die Ortheilige ist. Vojáček und seine Familie sind übrigens auf den kleinen Kirchhof begraben. Der ist übrigens recht hübsch und es gibt viele alte Grabmäler sehen. Der Blick über die Mauer offenbart zudem eine herrliche Aussicht auf die Umgebung.

Der Ortskern von Tetín ist in den letzten jahren recht schön aufgemöbelt worden. In der Mitte wird der Dorfplatz nun von einem großen rechteckigen Brunnen geschmückt. An dessen Rückseite brachte man eine große Gedenktafel für einen anderen Großen der Stadt an, nämlich dem berühmten frühneuzeitlichen Historiker Václav Hájek z Libočan, dem Autor einer bedeutenden und sehr anekdotenreichen Böhmischen Chronik von 1541 (eine Episode daraus erwähnten wir bereits hier). Der wirkte nämlich in den Jahren 1533 bis 1539 hier in Tetín als Pfarrer. Die Bronzetafel wurde hier im Jahre 2015 angebracht.

Und auch sonst lohnt sich der besuch des Ortes. Da ist zum Beispiel noch das barocke Schloss, das im 18. Jahrhundert für die oben erwähnte Familie Vojáček erbaut wurde und seither etliche bauliche Veränderungen durchmachte. Es befindet sich in Privatbesitz. Man kann es daher in der Regel nur von außen betrachten. Reingehen kann man allerdings in das interessante Museum und Infozentrum von Tetín, das direkt daneben liegt.

Man sieht: Tetín ist auf jeden Fall einen Ausflug wert. Es ist nicht nur der Mythos der ermordeten Ludmilla, der den Ort zum Anziehungspunkt macht. Selten sieht man auf so kleinem Ort soviel Geschichte, Kultur und malerische Natur konzentriert. Und von Prag ist es wirklich nicht weit! (DD)