Brutalismus mit Scheinkacheln

Der in geradezu surreale Form gegossene rohe Beton und die farblich dem Zeitgeschmack entsprechende blaue „Verkachelung“ erfreuen das Herz eines jeden Freundes brutalistischer Architektur.

Wir stehen vor dem Teplotechna-Gebäude in der Ječná 243/39a in der Prager Neustadt, das nicht jedem Vorübergehendem sofort als Besonderheit auffällt. Man schaue genau hin: Der rohe Beton ist echt, die Keramikkacheln sind es nicht. Die sehen nur so aus. In Wirklichkeit sind es eigens für das immerhin sechsstöckige Gebäude hergestellte Leichtmetallplatten, die mit einer damals neu entwickelten Emailletechnik beschichtet wurden. Die Täuschung ist gelungen! Diese Technik war ein Markenzeichen der darauf spezialisierten Firma Teplotechna, die auf feuerfeste Bautechnologien spezialisiert war. Auch im Kommunismus legten damals Firmen anscheinend auf ein wenig Eigenwerbung wert.

Hier in diesem Büro hatte die Firma nämlich auch ihr Prager Büro. Zusätzlich war (bzw. ist noch) im Erdgeschoss ein Restaurant und in den Obergeschossen ein Hostel untergebracht. Erbaut wurde das Ganze von 1974 bis 1984 von der Architektin Věra Machoninová, die zu den Star-Architektinnen des tschechoslowakischen Brutalismus gehörte, wie wir hier bereits berichteten. Die oben gezeigten feinen Betonstreben und zwei riesige Erker strukturieren dabei die Fassade.

Wirklich ungewöhnlich wird das Gebäude aber durch die scheinbare Verkachelung, deren Wirkung noch durch die surreal wirkenden Betonmuster (großes Bild oben) unterstrichen wird. Dazu hatte die Architektin den renommierten Bildhauer Miloslav Chlupáč herangezogen. Der Beton und die Kacheln geben dem Haus in Form und Farbe das richtige und authentische Feeling der 1970er Jahre – und zwar irgendwie systemübergreifend, denn so etwas wäre in dieser Zeit auch im Westen als avantgardistisch durchgegangen. Und ein wenig in die 1980er weist das Ganze ja auch. Denn wie es bei den Sonnenbrillen der Fall war, die in dieser Zeit Mode wurden, hat man die Glasfenster der oberen Stockwerke silbrig beschichtet. So kann man dann das historistische Gebäude der gegenüberliegenden Straßenseite sich in der Fassade spiegeln sehen. Der Kontrast könnte größer nicht sein. (DD)

Cooles Filmmuseum

Ob diese Ausdrucksweise meines Alters angemessen ist, weiß ich nicht, aber dieses Museum ist wirklich cool! Erst seit Anfang 2019 gibt es das Nationale Filmmuseum NaFilM (Národní filmové muzeum NaFilM) hier in Prag. Der Name klingt pompös, aber drinnen können Kinder und jung gebliebene Erwachsene ihren Spieltrieb austoben und dabei noch glatt etwas lernen.

Dazu muss man es allerdings erst einmal finden. Die offizielle Adresse, die Jungmannova 748/30 in der Neustadt, ist etwas irreführend, weil der Eingang die kleine gläserne Hintertür des Hauses ist und erst über den dahinter gelegenen Franziskanergarten (Františkánská zahrada) erreichbar – aber der ist ja auch sehenswert und muss als Zusatzbonus gesehen werden. Trotzdem muss man hoffen, dass die etwas versteckte Lage dem Museum nicht zu einem unverdientem Nachteil gereicht.

Nun hatte Prag, das ja eine Art Hollywood Mitteleuropas ist, schon vorher etliche Filmmuseen eingerichtet, von denen wir bereits zwei (hier und hier) vorgestellt haben. Die drehen sich aber meist um Aspekte der Geschichte der Filmkunst, also dem Wirken großer Schauspieler und Regisseure. Das NaFilM hingegen widmet sich mehr der Technik des Filmemachens und führt in dessen Geschichte ein. Und da bietet es einige Überraschungen, derer man gewahr wird, wenn man das Museum durch seine gemütliche kleine Cafeteria betritt.

Wer zum Beispiel weiß denn schon, dass die neurophysiologischen Grundlagen der Kinematographie (z.B. die Erklärung für den Trägheitseffekt) schon 1840 von einem Tschechen bzw. Böhmen erforscht wurden, nämlich von Jan Evangelista Purkyně, über den wir schon hier berichteten? Zugleich entwickelte er auch einen Apparat mit sich drehenden Scheiben, den Phorolyten (auch: Kinesiskop), der es ermöglichte Bewegliche Bilder an die Wand zu projezieren. Als Zoetrop weiterentwickelt fand es bald seinen Weg in Jahrmärkte. Das Photo links gibt einen vagen Eindruck wieder, wie das aussah.

Auch andere Vorläufertechnologien – etwa die Laterna Magica, die es schon seit dem 17. Jahrhundert gibt – lernt man kennen, bis hin zu jenem moderneren Filmprojektor, den man im großen Bild oben sehen kann. Und das Schöne daran: Der Besucher kann sie interaktiv nutzen und bedienen. Das ist ein Museum zum Anfassen. Deshalb scheint es auch gerne und oft von Schulklassen frequentiert zu werden. Und man kann sich vorstellen, dass die hier ihren Spaß haben – so wie wir unseren Spaß hatten, als wir in einem kleinen Studie selbst einen kleinen Kurzfilm mit Geräuscheffekten versehen konnten. (DD)

Beeindruckender Hauseingang, beeindruckender Jugendstil

Es mag in Prag noch beeindruckendere Hauseingänge geben, aber man muss schon sehr suchen. Und es mag auch beeindruckenderen Jugendstil geben, aber auch hier muss man den erst einmal finden.

Die Rede ist vom Mottl Haus (Mottlův dům), benannt nach dem Architekten Karel Mottl und dem Besitzer (und Bruder des Architekten), dem Textilunternehmer Vendelín Mottl. Es ist zentral in der Neustadt am Jungmann Platz (genauer: Jungmannovo náměstí 761/1) gelegen und bildet den optischen Abschluss der großen Nationallee (Národní Třída) – und verbindet sie mit dem Zugang zum Wenzelsplatz. Dieser optische Abschluss musste natürlich spektakulär ausfallen. Und Architekt Mottl hat die Chance genutzt, hier einen sogenannten „Hingucker“ zu schaffen.

In einer Umgebung, in dem 1905/06, als das Haus erbaut wurde, noch ein konservativer Historismus vorherrschte, war Mottls Entwurf so etwas wie eine sanfte Revolution, die heute nicht mehr so auffällt wie damals, weil es inzwischen zahlreiche deutlich modernere avantgardistische Bauten dort gibt – etwa der benachbarte Palác ARA (ARA Palast), ein Kaufhaus im Art Déco-Stil, das wir bereits hier besprachen. Aber damals war der Jugendstil revolutionär und repräsentierte die Moderne schlechthin. Mottl passte ihn aber harmonisch durch etliche neobarock anmutende Elemente in in das bisherige architektonische Umfeld ein.

In die strukturell barock anmutende Fassade des fünststöckigen Mietshauses, in dessen Erdgeschoss sich Läden befinden, hat der Architekt immer wieder typische Jugendstil-Motive eingebaut – etwa den Lebensbaum, ein von Jugendstilkünstlern gerne verwendetes Thema, das die enge Symbiose mit dem Symbolismus verdeutlichte. Diese Pflanzenthematik kehrt auch bei der Eingangspforte (großes Bild oben) immer wieder auf.

Dieser Eingang (großes Bild oben) fasst wiederum das Programm des Hauses geschickt zusammen, in dem die vertikalen Achsen ganz konventionell durch korinthische Säulen herbeigeführt werden, während die extrem ungewöhnliche, längliche Ovalform der Umrahmung eine seltsame horizontalere Dimension gibt und den konventionellen Charakter der Barocksäulen relativiert. Daneben gibt es noch Skurrilitäten, die klassische Motive zu parodieren scheinen. Auf der Fassade kriechen unter dem Flügelhelm des Hermes zwei putzige Schlangen hervor, die sich irgendwie von ihrem Hermesstab entfernt zu haben scheinen.

Karel Mottl war sich als Architekt wohl sehr bewusst, was für einen Prachtbau in bester Umgebung er da hingelegt hatten. Jedenfalls verewigte er sich selbst recht stolz dabei. Über dem Giebel der Gaube hin zum Jungmann Platz hat er seine Initialen MK zusammen mit dem Baudatum 1906 in einer Kartusche in Stuck platziert – ebenfalls von üppigen Lebensbäumen Karel flankiert.

Karel Mottl, der sich dann noch einmal auf einer Plakette neben dem schönen Plakette in abermalige Erinnerung brachte, leitete wohl 1908 und 1913 noch einige Umbauten durch, die aber vor allem wohl die Innenräume (z.B. die Einfügung von Wendeltreppen) betrafen. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 befand sich das einst so prachtvolle Haus in einem recht heruntergekommenen Zustand, aber vor einigen Jahren fand eine umfassende Renovierung statt. Es sieht nun so blitzblank aus wie zu jener Zeit als die beiden Mottls es einweihten. (DD)

Freimaurerstadt Prag

Prag steht ein wenig im Ruf, eine Stadt der Freimaurerei zu sein. Inwieweit das je so gestimmt hat oder stimmt, lässt sich schwer mit Zahlen belegen. Aber auffällig ist es schon, wieviele Freimaurersymbole sich auf den Fassaden älterer Häuser in der Stadt befinden – etwa das oben abgebildete in der Křižíkova 457/125 im Stadtteil Karlín.

Das im Jahre 1905 vom dem Achitekten Bohumil Štěrba gebaute Neorenaissance-Haus ist mit schönen Sgrafitti versehen, von denen das im großen Bild oben gezeigte schon einige der bekanntesten mit der Freimaurerei verbundenen Symbole präsentiert. Da sind zunächst einmal die klassischen Insignien eines Maurers im quasi wörtlichen Sinne – Hammer und Schaufel, ergänzt durch ein Winkelmaß. Das Freimaurertum zielt auf die Verbindung von Menschen ab, die im Sinne aufgeklärter Vernunft, Toleranz, Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit „an sich arbeiten“. Leben wird als beständige Arbeit aufgefasst und die beiden Werkzeuge sollen genau dies symbolisieren, wobei der Hammer meist für eine Führungsposition in einer Loge (Meister) und die Schaufel für Reinigungsrituale (Unrat wegschaufeln) steht. Das Winkelmaß steht für Recht und Rechtschaffenheit.

Ebenfalls auf dem Bild sieht man noch die Sonne als Symbol, die meist für das Licht des Geistes und die weltlenkende Vernunft steht. Optisch wird sie manchmal mit dem Symbol des Auges der Vorhersehung verbunden, das sich in einem Dreieck befindet – ein Anzeichen dafür, dass das Freimaurertum neben der aufklärerischen Vernunft noch eine mystische Grundströmung aufweist. Dazu eigenen sich in der architektonischen Darstellung oft Giebel, wie man oberhalb links beim Haus zur Goldenen Sonne (dům U Zlatého slunce), einem frühklassizistischen Gebäude (ca. 1804) in der Na poříčí 1045/22 in der Neustadt. Meist ist das Augensymbol aber eindeutiger identifizierbar, wenngleich es doch meist mit dem Dreieck und der Sonne kombiniert ist, wie man oberhalb rechts auf dem spätbarocken Giebel des Hauses zu den Goldenen Sternen (U Zlaté hvězdy) in der Nerudova 48/171 auf der Kleinseite sehen kann.

Selten fehlt allerdings neben Hammer, Schaufel und Winkelmaß auch der Zirkel. Man erkennt ihn zum Beispiel deutlich in der Stuck-Kartusche über dem Eingang des Neorenaissance-Hauses (ca. 1890) in der Uruguayská 380/17 in Prag-Vinohrady im kleinen Bild links.

Der Zirkel symbolisiert in der Ikonographie der Logen die geistige und emotionale Arbeit des Freimaurers an der Entwicklung seiner Persönlichkeit, und der Zirkel verbindet zudem auch den einzelnen Freimaurer mit allen anderen Brüdern, wenn nicht gar mit der Menschheit und dem Universum.

Die Fülle der Freimaurersymbole, die man an den Häusern der Stadt findet, legte nahe, dass Prag und alte Böhmen ein interessantes Kapitel in der Geschichte der Freimaurerei bilden. Erfunden wurde sie hier aber nicht. Die erste echte freimaurerische Loge, die Premier Grand Lodge of England, wurde 1717 in London gegründet. Ihr erster Großmeister war ein gewisser Anthony Sayer. Die Legende besagt, dass die erste Loge in Prag schon 1726 – also sehr, sehr früh – durch Franz Anton Reichsgraf von Sporck (über dessen Prager Palais wir hier berichteten) gegründet worden sein soll, und dass Sayer dabei anwesend gewesen war. Die englischen Archivbestände zu Sayer wissen von solch einer Böhmenreise aber nichts. Der Gedanke, dass Sporck, der zweifellos ein augeklärter Geist war, der Freimaurerei frönte, taucht tatsächlich erst 1888 in dem Roman Hrabě Sporck des Schriftstellers Josef Svátek auf. Der war kein Freimaurer und daher nicht sonderlich eingeweiht – was man daran sieht, dass das Haus in der Jánský vršek 325/9 (Kleinseite), wo er die letzten Jahre verbrachte und das seit 1927 eine Gedenktafel (oberhalb rechts) ziert, mit einer Darstellung des Johannes des Täufers geschmückt ist – ein urkatholisches und definitiv nicht freimaurerisches Symbol.

Möglicherweise kam Svátek auf die Idee, weil sich nur wenige Schritte von seinem Haus entfernt ein hübsches zweistöckiges Barockhaus befindet – der Sporck Palast (Šporkův palác) in der passend so benannten Šporkova 321/12 auf der Kleinseite. An dessen Fassade befindet sich (Bild links) das Sonnen- und Augensymbol der Freimaurer. Dieser Palast hat allerdings nichts mit Franz Anton Graf von Sporck zu tun. Er gehörte vielmehr seinem tatsächlich freimaurerischen Neffen Johann Karl von Sporck, der den Palast um 1783 im spätbarocken Stil umgestalten ließ. Da war der Onkel, mit dem man ihn Svátek wohl verwechselt hatte, schon lange tot.

Kommen wir zu dem ersten nachweislichen Großmeister der Freimauerer in Prag: Philipp Joseph Franz Graf Kinský . Der wurde 1731 zusammen mit dem Premierminister Sir Robert Walpole als Freimaurer in einer Loge in London initiiert, wo er zu dieser Zeit als Botschafter in England für Kaiser Karl VI. residierte. Zurückgekehrt, gründete er 1741 nachweislich dokumentiert die erste Prager Loge, Zu den Drei Sternen. Innerhalb von wenigen Jahren folgten andere Logen – auch in anderen Teilen Böhmens, wie etwa die Loge La Sincerité, die 1742 bei Pilsen hauptsächlich von Offizieren gegründet wurde. Auf dem Familiensitz der Kinskýs, dem großen Prager Palais Kinský (Palác Kinských) am Altstädter Ring, sucht man allerdings vergebens nach Freimaurersymbolen, was wohl seinen Grund darin hatte, dass er 1755ff zunächst als Domizil der definitv nicht freimaurerischen Familie von der Goltz erbaut worden war. Als Ersatz sei hier deshalb oberhalb rechts ein Beispiel für Freimaurersymbolik an einem Haus, das zwar gar nichts mit Graf Kinský selbst zu tun hat, aber am immerhin Kinský Platz (náměstí Kinských 76/7, Smíchov, Prag 5) liegt. Das von Baumeister Josef Bečka 1891 erbaute Neorenaissancehaus zeichnet sich durch viele schöne Wandfresken aus, die Freimaurersymbole mit floraler Jugendstilornamentik kombinieren.

Das Florieren des Prager Freimaurertums hatte auch seinen Grund in der Toleranz, die die damalige Herrscherin, Maria Theresia, dem Freimaurertum entgegenbrachte – nicht zuletzt, weil ihr Mann,  Franz I. Stephan von Lothringen, sich ebenfalls schon 1731 in der britischen Botschaft von Den Haag in die Freimaurerei initiieren ließ. Aber die Freimaurerei atmete auch den Geist der Aufklärung, dem sich Maria Theresia als aufgeklärte Absolutistin verpflichtet fühlte. Deshalb ließ auch ihr Sohn, Kaiser Joseph II., der sich ebenfalls als aufgeklärter Monarch verstand, aber persönlich keine Verbindung zum Freimaurertum pflegte, ein hohes Maß an Toleranz und Verständnis gegenüber den Logen – auch in Prag – walten. Folglich finden sich im späten 18. Jahrhundert auffallend viele Freimaurersymbole auf den Fassaden Prager Adelspaläste. Links oberhalb sieht man dies auf dem Giebel des Thun-Hohenstein Palast (Thun – Hohensteinský palác) in Karmelitská 379/18 auf der Kleinseite, dessen Fassade in den Jahren 1741-45 gestaltet wurde. Bei der Familie Thun und Hohenstein vererbte sich das Freimaurertum über Generationen. Franz Joseph von Thun-Hohenstein soll zum Beispiel Mozart in die Freimaurerei eingeführt haben.

Über dem Portal des Thun Hohenstein Palasts findet man übrigens noch ein interessantes Freimaurersymbol: Drei Hände, die ineinandergreifen. Damit wollte man wohl den verbindenden Humanitätsgedanken unterstreichen, aber es sollte Ende des 18. Jahrhunderts eine noch tiefere Bedeutung erfahren. Als die Französische Revolution ausbrach, brach auch die Allianz zwischen Freimaurern und der sich aufklärerisch gebenden Obrigkeit auseinander. Unter Aristokraten wurde das Ganze deutlich unpopulärer. Der radikalere Geist französischer Logen, die meist offen antiklerikal waren (während in den englisch inspirierten Logen oft sogar Geistliche Mitglied waren), befeuerten das Image einer geheimen Weltverschwörung gegen die bestehende Ordnung. In Böhmen tat sich vor allem der Publizist Leopold Alois Hoffmann mit hasserfüllten Anti-Freimaurerpamphleten hervor (Beispiel hier). Hoffmann war in seinen frühen Jahren ein Aufklärer und trat 1783 einer Loge bei. Die Revolution machte ihn zum Reaktionär und er bespitzelte ab 1792 viele seiner früheren Freunde. Er trug dazu bei, dass Kaiser Franz II. die Freimaurer 1795 schlichtweg verbot. Und verboten blieben sie in Böhmen bis zum Ende des Habsburgerreichs 1918.

Aber das war nicht das Ende. Außerhalb des Habsburgerreichs legte sich die Panik über die freimaurerische Weltrevolution nach dem Ende der Napoleonischen Kriege. Nach der Gründung der Doppelmonarchie 1867 hielt das offizielle Verbot nur in der cisleithanischen (österreichischen) Hälfte an, nicht im ungarischen Teil, dessen erster Ministerpräsident von 1867-71, Gyula Graf Andrássy von Csík-Szent-Király und Kraszna-Horka, sogar selbst Freimaurer war. Das nunmehr eher laxe Verhalten der Behörden führte dazu, dass das Freimaurertum in Böhmen – ein Teil der österreichischen Reichshälfte – ausgesprochen vital blieb, wenn auch im Halbgeheimen. Jedenfalls tauchten Freimaurersymbole bald wieder an den Fassaden der Prager Bürgerhäuser auf, wie etwas an einem Wohnhaus in der Pařížská 130/26, das um 1893 im ehemaligen Judenviertel entstand (Bild oberhalb links). Trotzdem erklärt die offizielle Illegalität einen Teil der Handsymbolik. Die Freimaurer kannten von Anbeginn ein ausdifferenziertes System von Handschlägen als geheime Erkennungszeichen (schließlich handelt es sich ja auch um Geheimbünde), das nun von besonderem Nutzen war. Denn natürlich gelang es nicht, das Freimaurertum wirklich zu eliminieren.

Dazu trugen vor allem die sogenannten Grenzlogen, bei, die – wie die Bezeichnung schon nahelegt – vor allen in Orten Deutschlands und Ungarns existierten, die grenznah zu Böhmen lagen. Dort herrschte dadurch eine bemerkenswerte Internationaliät, die dem Grundgedanken des Freimaurertums sehr entgegenkam. Geheime Brüderschaften aus Prag gründeten sogar selbst eigene Grenzlogen, von denen die 1909 in Bratislava (das damals noch zu Ungarn gehörte) gegründete Loge Hiram zu den Drei Sternen die erste und größte war. Das Handsymbol (nun meist zwei Hände) gewann durch die Grenzlogen noch ein Dimension internationaler Verständigung. An dem um 1897 entstanden Neobarockhaus in der Na Zderaze 1947/3 in der Prager Neustadt befindet sich solch ein völkerverbindend anmutendes Symbol (Bild oberhalb rechts).

Jedenfalls florierte Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Freimaurerei im Stadtbild. So findet man zum Beispiel bei dem vom Architekten Adolf Foehr 1912 neugestalteten ehemaligen Haus der Allianz Bank (náměstí Republiky 1081/7), das heute Bankhaus am Republikplatz genannt wird, im Giebel einen Bienenkorb – ein typisches Freimaurersymbol, das u.a. für Fleiß und die guten Wirkungen gemeinschaftlichen Handelns steht. Das passte ja auch zum Bankgeschäft, das hier drinnen betrieben wurde…

Zu dieser Zeit gehörte allerdings auch nicht mehr sehr viel Mut dazu, sein Haus doch recht offen mit Freimaurersymbolen zu schmücken. Zwar waren die Logen in Böhmen weiterhin formell verboten, doch auch hier war die Revolutionsangst der neuen bürgerlichen Biedermeierlichkeit gewichen. Praktisch verfolgte die Obrigkeit niemanden mehr wegen seiner Zugehörigkeit zu einer Loge – selbst, wenn dies nunmehr so offen zur Schau getragen wurde wie nie zuvor. Eine mutige Widerstandspose, die kam wirklichen Mut erforderte. Niemals vorher und nachher fand man so viele Freimaurersymbole auf Prager Hausfassaden. Sie wurden fast so etwas wie ein Statussymbol für böhmischen Gemeinsinn. Die Obrigkeit verfiel bei dem Anblick auch nicht mehr in Revolutionsangst, wie dereinst 1795.

Die meisten Freimaurer agierten in dieser Zeit tatsächlich auch recht eher unpolitisch (oder zumindest nicht radikal orientiert politisch) und machten sich eher als Förderer des Gemeinwohls und der Wohltätigkeit einen Namen. Nicht mehr Aristokraten war die wesentlichen Träger der Bewegung, sondern aufstrebende Bürgerliche und auch zunehmend viele Juden, die seit 1848 die vollen Bürgerrechte im Reich besaßen und sich von der oft recht liberalen und überkanfessionellen und religionsübergreifenden Grundausrichtung der Logen angezogen fühlten. Wenn auch recht selten, so findet man auf dem 1890 gegründeten Neuen Jüdischen Friedhof ab und an Freimaurersymbole auf den Gräbern. Ein originelles Beispiel ist das Grab von Benjamin Fröhlich. Originell deshalb, weil die klassischen Freimarersymbole Winkel und Zirkel hier mit dem Emblem der österreichschen Eisenbahnen, einem geflügelten Rad, kombiniert werden. Fröhlich war anscheinend nicht nur Freimaurer, sondern definitiv Inspektor bei der 1868 gergündeten k.u. k. privilegierten Österreichische Nordwestbahn gewesen.

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs endete auch das Habsburgerreich und damit das Verbot der Logen. Grenzlogen brauchte man nicht mehr, denn nun konnte es Logen im Lande selbst geben. Schon am 26. Oktober 1918 – also zwei Tage vor Ausrufung der Ersten Republik – wurde die erste tschechischsprachige Loge Jan Amos Komenský gegründet. Der Namensgeber Komenský (andernort als Comenius bekannt) war zwar als evangelischer Philosoph und Pädagoge des 17. Jahrhundert definitiv kein Freimaurer, aber durch die Namensgebung wollte man bewusst an die plurale und liberalere Glaubenswelt der Zeit vor der Zwangskatholisierung des Landes durch Habsburger im Gefolge der Schlacht am Weißen Berg von 1620 anknüpfen. Comenius war zu eine Chiffre für einen religiös toleranten und durchaus säkularen/republikanischen Nationalismus geworden. Diese Hinwendung hin zum historischen Erbe Böhmens vor der Zeit der Habsburger hatte sich schon vorher abgezeichnet. Freimaurersymbolik wurde zum Beispiel gerne mit der Prager Kulturblüte der Gotik in Verbindung gebracht, was man in dem putzigen kleinen Bild oberhalb links sehen kann, dass der Historienmaler Mikoláš Aleš 1903 an dem hyper-historistischen Wohnhaus in der Vinohradská 1233/22 (Ecke Italská) in Prag 2 (wir berichteten hier) anbrachte.

Wie dem auch sei: Die nunmehr etwas nationalere Positionierung entwickelte sich nicht in eine autoritäre, sondern eine republikanische oder reformliberale Richtung, wenngleich es zu einer langfristig unschönen Nationalitätenaufsplitterung der einst sehr internationalen Logen kam (etwa durch die deutschsprachige Loge Lessing zu den Drei Ringen). Etliche der führenden Figuren der neuen Republik waren Freimaurer, etwa Außenminister Edvard Beneš, Verteidigungsminister Milan Ratislav Stefanik und Finanzminister Alois Rašín. Entgegen vieler Gerüchte war Präsident Tomáš Garrigue Masaryk nie Freimaurer, wohl aber sein Sohn Jan Masaryk, der spätere Außenminister. Auch Prominente des Kulturlebens gehörten dazu, etwa der große Jugendstilmaler Alfons Mucha. Insgesamt sollte man sich aber davor hüten, die Zahl der Freimaurer im politischen Spitzenpersonal der Republik zu überschätzen. 1923 wurde die Nationale Großloge der Tschechoslowakei (Národní Veliká Lóže Československá) als Dachverband der Logen in Tschechien gegründet. Sie zählte 1928 rund 1600 Mitglieder – ein Bruchteil dessen, was andere einflussreiche Vereinigungen aufboten – etwa der nationale Turnerbund Sokol (früherer Beitrag hier), dem fast alle Führungskader in Politik, Kultur und Wirtschaft angehörten, und der in dieser Zeit rund 630.000 Mitglieder hatte. Obwohl trotzdem die Bedeutung des Freimaurertums in der Ersten Republik gewachsen war, schlug sich dies in den Fassaden der Stdt eher wenig nieder. Vermutlich waren Freimaurerinsignien im 19. Jahrhundert hier populärer, weil sie den Reiz des Widerständigen hatten, der ihnen nun fehlte. Man muss suchen, bis man entsprechendes findet – so wie bei diesem Haus in der Máchova 431/21 (Prag 2) aus den späten 1930er Jahren.

Aber sie haben überall sichtbare Spuren in der Stadt hinterlassen, die Freimaurer – etwa das Stuckrelief im Bild links auf dem Haus Široká 55/8 im Stadtteil Josefov (Prag 1). Daran ändeten auf die finsteren Zeiten im 20. Jahrhundert, dem Jahrhundert des Totalitarismus, wenig. Dass die Nationalsoziaisten (1939-45) und die Kommunisten (1948-89) die Freimaurerei und alle ihre Organsiationen verboten, dürfte kaum jemandem überraschen. Die Mitglieder mussten im Untergrund wirken oder ins Exil gehen. Dieser Spuk hatte mit der Samtenen Revolution von 1989 ein Ende. Glaubens-, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit wurden wieder geachtet und geschützt. Noch im selben Jahr gründete sich die Loge Jan Amos Komenský wieder und schon ein Jahr später die Nationale Großloge, die allerdings seit der Trennung von Tschechien und der Slowakei im Jahr 1993 nur noch eine Tschechische Nationalloge ist, während die Slowaken eine eigene haben. Heute gibt es jedenfalls eine vielfältige Freimaurer-Szene in Prag. 1990 wurde sogar die erste „gemischte“ Loge ins Leben gerufen, die Humanitas Bohemia, in der nicht nur Männer, sondern auch Frauen Mitglieder werden können. Einige kleinere neue Logen folgtem dem Beispiel. Denn trotz aller Betonung gesellschaftlicher Progressivität frönten die Logen bis dato einer puren Männerbündlerei – mit dem fadenscheinigen Hinweis, die mittelalterlichen Maurergilden, von denen sie ihren Namen ableiteten, hätten halt traditionell keine Frauen in ihren Reihen gehabt. Aber das ist nun – auch in Tschechien – vorbei. Schließlich sahen sich die Logen doch stets als Treiber gesellschaftlichen Forschritts. Um diesem anspruch gerecht zu werden, muss man auch den Mut zur Veränderung aufbringen, wenn es um einen selbst geht. (DD)

Die Klosterkapelle der Fürstäbtissin

Sie ist ein Schmuckstück des Barock, die Kapelle der Heiligen Anna (Kaple sv. Anny) in der Ortschaft Ort Panenské Břežany (dt: Jungfernbreschan) ganz im Norden Prags. Sie steht im Park des Oberen Schlosses des Ortes über das wir im letzten Beitrag berichteten. Ursprünglich war der ganze Komplex ein Kloster, genauer gesagt, eine „Nebenstelle“ des Benediktinerinnenklosters rund um die Basilika des Heiligen Georgs (Bazilika sv. Jiří) in der Prager Burg. Dessen Fürstäbtissin Franziska Helena Pieroni de Galliano Pieroni beauftragte 1705 einen der kommenden Stars der Barock-Architektenszene Böhmens, Johann Blasius Santini-Aichl, mit dem Bau der Kirche, der 1707 vollendet wurde.

Santini-Aichel legte sich mächtig ins Zeug. Vielleicht ein wenig inspiriert von der von Francesco Borromini erbauten Kirche Sant’Ivo alla Sapienza in Rom, die er während einer Studienreise in Italien kennengelernt hatte, schuf der Architekt in Bauwerk, das die dramatische räumliche Inszenierung, die für den böhmischen Barock so typisch werden sollte, auf die Spitze trieb. Von außen gibt sich die Kapelle als regelmäßiges Dreieck mit barock geschwungenen Seiten (ein Eindruck, der durch den späteren Anbau einer kleinen Sakristei etwas beeinträchtig wurde). Das Schiff wirkt innen jedoch radial in drei Richtungen verlängert. Die außen sechseckige Zentralkuppel (Tambour) erscheint innen kreisförmig. Das Gebäude ist voller optischer Spielereien.

Der Grund für den dreieckigen Grundriss liegt darin, dass die Kapelle der Heiligen Anna (der Mutter Marias) geweiht ist. Ikonographisch wird die Großmutter Jesus‘ meist mit Tochter und Enkel dargestellt, eine Kombination, die man gemeinhin Anna selbdritt nennt. Deshalb die zentrale Rolle der Zahl Drei. Und die Heilige Anna begegnet uns im Inneren gleich mit voller Wucht. Ihr Abbild ist das Zentrum des geradezu umwerfenden Hauptaltars, für dessen Entwurf und Ausführung sich die Fürstäbtissin auch einen damals hochprominenten Bildhauer leistete, nämlich Mathias Wenzel Jäckel, der uns u.a. schon hier begegnet ist. Das Portrait der Heiligen wird von zwei Engelsskulpturen getragen. An den Seiten stehen die beiden böhmischen Schutzheiligen Wenzel und Veit.

Daneben kann man eine kleine barocke Orgel und die beiden in Nebennischen befindlichen Seitenaltäre bewundern, die aber erst 1891 vom Maler Josef Mathauser geschaffen wurden und jeweils Gemälde des Heiligen Nepomuk (auch ein böhmischer Schutzpatron) und des Heiligen Isidor zeigen.

Die Kapelle ist nur im Zuge einer Führung zu besichtigen, die man sich aber nicht entgehen lassen sollte. Die Führung findet zwar in Tschechisch statt, aber es werden für Besucher, die der Sprache nicht kundig sind, gut gemachteAudio-Guides zur Verfügung gestellt. (DD)

Heydrichs und Franks Beuteschlösser

Die führenden Nazis nutzten ihre Verbrechen gerne zur Etablierung eines luxuriösen Lebenstils für sich selbst – einen, den sie mit redlichem Tun wohl kaum erreicht hätten. Einer von ihnen war Reinhard Heydrich, der am 4. Juni 1942 – heute vor 78 Jahren – den Folgen eines Attentats tschechoslowakischer Widerstandskämpfer erlag. Und nicht nur er. Reichsprotektor Karl-Hermann Frank, der nach dem Attentat das Land mit einer Mordwelle überzog, ließ es sich generell recht gut gehen.

Wer sich davon überzeugen will, der besichtige den kleinen Ort Panenské Břežany (damals auf Deutsch: Jungfernbreschan) im Norden Prags. Die beiden Nazi-Größen leisten sich hier je ein Schloss als Residenz – mit großem Landgut, das man sich von KZ-Insassen bewirtschaften ließ.

Die beiden kleinen Paläste des Ortes, das sind das Obere und das untere Schloss. Das Obere Schloss ist das wohl interessantere der beiden. Anscheinden hatte es hier schom im 13. Jahrhundert eine Burg gegeben, die 1441 noch einmal ausgebaut wurde. Von dieser Burg ist nichts mehr übrig geblieben. Denn in den Jahren 1705 bis 1707 wurde auf dieser Stelle der heute zu sehende Barockbau durch den Architekten Philipp Spannbrucker. Auftraggeberin war Franziska Helena Pieroni de Galliano Pieroni (die begabteTochter des berühmten Mathematikers Giovanni de Galliano Pieroni). Die war nicht nur Äbtissin eines Benediktinerinnenklosters, sondern die des böhmischen Benediktinerinnenklosters schlechthin – dem auf der Prager Burg rund um die Basilika des Heiligen Georgs (Bazilika sv. Jiří), über die wir bereits hier berichteten. Das war eine privilegierte Position mit Fürstenrang – etwas Ungewöhnliches für Frauen in dieser Zeit. Das Schloss in Panenské Břežany war somit die fürstliche Residenz in einem Kloster, das wiederum Außenstelle des Georgsklosters auf der Burg war. Wie es sich für ein Kloster gehört, gab es auch eine Kirche auf dem Grund, die Kapelle der Heiligen Anna (Kaple sv. Anny) – ein barockes Meisterwerk des Architekten Johann Blasius Santini-Aichl, über das wir in einem separaten Beitrag berichten werden.

Als solches überlebte es Ende der 1780er Jahre Kirchenreformen Kaiser Josephs II., die in der Auflösung vieler Klöster in Böhmen kulminierte. Als säkularisierte Gutsanlage verkam es zunächst ein wenig bis 1820 der Landwirtschaftsreformer Matthias Friedrich von Riese-Stallburg den Besitz erwarb. Der verwandelte ihn in eine Art Mustergut und baute ab 1828 unterhalb des alten – nunmehr: oberen – Schlosses ein neues Schloss. Das im klassizistischen Stil erbaute Gebäude wurde 1840 fertiggestellt. Man kann es vom Garten des alten Schlosses aus unterhalb schön sehen. Riese-Stallburgs Nachfahren gerieten in wirtschaftliche Schwierigkeiten und verkauften es 1909 an den Zuckerproduzenten Ferdinand Bloch-Bauer, dessen Ruhm als Unternehmer aber vom Ruhm seiner Frau Adele übertroffen wurde, die als Modell quasi die „Muse“ des berühmten Jugendstilmalers Gustav Klimt wurde und deren Portrait fast schon die Bekanntheit der Mona Lisa hat.

Das Obere Schloss wurde an den international bekannten Möbeldesigner und -fabrikanten Emil Gerstel verkauft. Sowohl Gerstel als auch Bloch-Bauer waren jüdischer Herkunft. Mit dem Einmarsch der Nazis und der Etablierung des Protektorats kam umgehend die Enteignung. Karl-Hermann Frank riss sich das obere, Heydrich später das untere Schloss unter die Nägel. Nach Heydrichs Ermordung durfte seine Witwe das Schloss weiter bewohnen. Nach dem Krieg wurde es in ein Forschungsinstitut für Metallurgie umgewandelt und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 als Privatvilla entstaatlicht. Heute ist das Gebäude nicht für die Öffentlichkeit zu besichtigen.

Zurück zum Oberen Schloss. Karl Hermann Frank wurde 1946 als schwere Kriegsverbrecher hingerichtet. Das Schloss wurde nunmehr in ein Altenheim verwandelt, was es bis zur Jahrtausendwende blieb. Dann begann ein langsamer Verfall, der Sorgen bereiten musste. Der Wunsch nach Restaurierung war groß, aber auch die Ungewissheit, was denn mit dem Gebäude nunmehr gemacht werden solle. Ein wenig Verwirrung entstand als 2011 in der Presse Gerüchte kursierten, Heydrichs Sohn, ein ansonsten politisch unverdächtiger Unternehmer, wolle für eine Renovierung viel Geld bereitstellen. Insbesondere Verbände der Opfer des Nationalsozialismus protestierten und der Sohn dementierte und die Sache verlief im Sande. 2012 beschloss die Kommunalvertretung des Bezirks Prag Ost, das der Ort eine Gedenkstätte mit Museum werden solle.

Und so kann man heute Franks Residenz besichtigen. Vom barocken Originalinterieur ist wegen der späteren Nutzung kaum etwas übrigen geblieben. Die Einrichtung im Stile der Firma Gerstel und einige Kunstwerke aus der Privatsammlung sind jedoch zu bewundern. Vor allem aber steht eine ständige Ausstellung über die Verbrechen der Nazis (insbesondere Heydrichs und Franks), den Widerstand, den sie hervorriefen und die Aburteilung der Verbrecher und Kollaborateure nach dem Krieg. Das Ganze ist didaktisch auf modernstem Stand. Beschriftungen gibt es in Tschechisch und Englisch. Dazu kommen auch deutsche Audioguides. Nicht nur gehaltvolle Infotafeln und viel Multimedia bietet das Museum, sondern auch Originalstücke. Dazu gehört der Ledermantel Franks, der ihn wohl damals so richtig naziverbrecherisch aussehen ließ.

Er wenn man nach dieser konzentrierten Dosis des Bösen wieder hinaus in den kunstvoll gestalteten Parkbereich vor dem Oberen Schloss geht, wird einem bewusst, welch einen doch wunderschönen Ort sich vor langer Zeit die große Fürstäbtissin hier im frühen 18. Jahrhundert eingerichtet hat. Es wäre schöner gewesen, wenn er später nicht in die falschen Hände geraten wäre.

Museum für geborene Musikanten

„Ihr braucht einen Lehrer. Einen Böhmen! Das sind geborene Musikanten“, sagt kein Geringerer als Donald Duck (WDC 85/1) als er bei seinen drei Neffen den Bedarf an einem qualifizierten Musikpädagogen feststellt, den er in dem genialen, aber übersensiblen Professor Poplischek auch für kurze Zeit findet. Bedřich Smetana, Antonín Dvořák, Karel Gott – die Liste der Großen der Tonkunst des Landes ist lang und ruhmreich. Kein Wunder, dass man sich in Prag deshalb auch ein beeindruckend großes Nationalmuseum der Musik (České muzeum hudby) leistet, das weltweit seinesgleichen sucht.

Schon das Gebäude an der Karmelitská 2/4 auf der Kleinseite ist etwas Besonderes. Betritt man es, wird man von der Größe des Zentralraums und dem es abschließenden Treppenhauses glatt überwältigt (großes Bild oben). Bis das erbaut wurde, hatte das Gebäude schon eine lange und abwechslungreiche Geschichte hinter sich. 1315 errichtete hier an Stelle einer früheren kleinen Kirche der Orden der Schwestern der Hl. Maria Magdalena von der Buße ein Kloster mit Gotteshaus. Das fiel im frühen 15. Jahrhundert den Hussitenkriegen zum Opfer und erlitt schwere Schäden. 1604 wurde die Anlage von den Dominikanern übernommen, die hier bis 1783 blieben. In diesem Jahr wurde das Kloster im Zuge der Kirchenreformen Kaiser Josephs II. aufgelöst und an die Zuckerfabrik im Besitz des Fürsten Oettingen-Wallerstein verkauft. Es fristete nun ein Dasein als Lager und Büroraum.

Dabei hatten die Dominikaner die Kirche (nach der langen „Durststrecke“ des Dreißigjährigen Krieges) zwischen 1677 und 1709 im großen Stil neugestaltet. Nach den Plänen des Architekten Francesco Caratti war ein wirklich imposantes Bauwerk im barocken Stil entstanden. Wie dem auch sei: Das Gebäude war nun schnöde säkularisiert. Der Zuckerfabrikant ließ die Glockentürme abreißen. Als dann 1792 das böhmische Postamt der Besitzer wurde, verschönerte immerhin der Architekt Johann Ignaz Palliardi die Fassade durch eine frühklassizistische Gestaltung. Der Eingang erinnert stilistisch an dieses Bauphase. 1848 zog hier zunächst ein Militärhospital und dann die Gendarmerie ein.

Letztere setzte Stockwerke auf und baute von 1853 bis 1854 unter der Leitung des Architekten Josef von Wentzel das riesige, spätklassizistische Treppenhaus (großes Bild oben) ein, das für die dort wimmelnden Bürokraten die Dienstwege zu verkürzen half. Auf die von vorbeigehenden Passanten kaum je wahrgenommene achteckige Kuppel auf dem Dach, die ein wenig daran erinnert, dass dies einmal ein Sakralbau war, wurde in dieser Form neugestaltet. Die Gründung der Ersten Republik 1918 sah auch die Abschaffung der alten Gendarmerie. Das Zentralarchiv des Innenministeriums und dann das Nationale Archiv fanden hier eine neue Herberge. Nach dem Ende des Kommunismus wurden für diesen Zweck neue Räumlichkeiten erschlossen und so kam es, dass nach einer dreijährigen Umbauzeit 2004 hier das Musikmuseum einziehen konnte.

Ja, und das hätte keine bessere Räumlichkeit finden können. Denn der Bau bietet nicht nur viel Platz für die beachtlich große Sammlung, die unter Einberechnung der Archivbestände rund 700.000 Items von Instrumenten über Tonträer bis zu Manuskripten umfasst. Und einige der Ausstellungsstücke, wie zum Beispiel jenes Kirmes-Orchestrion auf dem Bild rechts aus dem Jahre 1890, sind auch noch recht voluminös. Vor allem erlaubt aber die riesige Haupthalle noch einen kleinen Konzertbetrieb. Selbst kleine Openaufführungen (Beispiel hier) finden hier Platz. So wird der eigentliche Gegenstand des Museums, die Musik, dem Besucher noch eindringlicher nahe gebracht.

Und Platz für große Wechselausstellungen gibt es im Erdgeschoss. Sie wenden sich in der regel bestimmten Aspekten oder Zeitabschnitten der Musik im Lande zu. Die fesche E-Gitarre „made in ČSSR “ des Typs Galaxis aus den 1980er Jahren wurde zum Beispiel 2020 bei einer Ausstellung über den schweren Stand, den die moderne Rockmusik in den Zeiten des Kommunismus vor 1989 im Lande hatte, gezeigt.

Die Dauerausstellung im ersten Stock ist wiederum primär und im eigentlichen Sinne eine umfangreiche Instrumentenausstellung. Die zeigt allerdings auch ab und an kleine musikhistorische Highlights, die mit dem jeweiligen Instrument verbunden sind – etwa das rechts abgebildete Klavier, auf dem tatsächlich der große Wolfgang Amadeus Mozart in den 1780er Jahren in Prag gespielt hat. Hier in der Stadt war er bekanntlich beliebter war in Wien (früherer Beitrag hier), wo angeblich, aber nicht wirklich Antonio Salieri ihm nach dem Leben trachtete. Ehrfürchtig steht man vor dem Klavier und das Museum ist auch mächtig stolz darauf, es zu besitzen. Auf dem Deckel kann man eine im 19. Jahrhundert angebrachte Gedenkplakette aus Metall sehen.

Die Sammlung ist nach Instrumenten-Kategorien sortiert – jede von ihnen in einem separaten Raum. Man befindet sich, wenn man den Mozart-Flügel sieht, in der Abteilung für Tasteninstrumente. Dort sieht man aber nicht nur gewöhnlich Feld-Wald-und-Wiesen-Klaviere, sondern auch seltsame raritäten. So etwa das im Kern ja recht praktische und platzsparende Giraffenklavier auf dem Bild rechts. Es wurde von den Instrumentenbauer Johann Friedrich Reysz aus České Budějovice (uns bekannt als Budweis) Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt und gebaut. Durchgesetzt hat sich die Idee, den Klangkörper eines Flügel auf der Grundfläche eines einfachen Klaviers unterzubringen aber aus unbekannten Gründen nicht.

Auch in anderen Räumen und bei anderen Instrumentenkategorien findet man ausgesprochene Kuriosa. Inmitten der Sammlung für Hörner findet man zum Beispiel das Šedifon, das irgendwann zwischen 1885 und 1900 entstanden ist. Das durch seine zwei Schalltrichter schon sehr ungewöhnlich aussehende Instrument ist die Erfindung des mit seiner Firma in Odessa ansässigen, aber aus Böhmen stammenden Instrumentenbauers Josef Šediva. Die Konstruktion ermöglichte durch Umlegen eines kleinen Hebels die Umleitung der Luft in einen Trichter für härtere (z.B. wie eine Trompete) oder weichere (etwa Flöte) Töne. Auch das hört sich so praktisch an, dass man sich fragt, warum es sich nicht durchgesetzt hat. Die beiden Šedifone im Prager Musikmuseum gehören zu den wenigen überhaupt noch verbliebenen Exemplaren auf der Welt.

Aber auch für die traditioneller gebauten Musikinstrumente sollte man sich Zeit nehmen. Man erfährt viel darüber wie sich allmählich zum Beispiel der Form der Geige oder der Gitarre herausbildete. Leider sind die Beschriftungen sowohl im Englischen, als auch im Tschechischen ausgesprochen mager, was als einziger Kritikpunkt vielleicht doch angebracht wäre. Selbst bei Instrumenten, die sich länger durchgesetzt haben, wie etwa die oberhalb links gezeigte Glasorgel oder -harmonika. Das von Benjamin Franklin 1761 erfundene Instrument, bei dem rotierende Glasschallen, die mit einem nassen Finger berührt werden, sphärische Klänge produzieren, war bis Mitte des 19. Jahrhunderts weit verbreitet. Heute ist es kaum mehr bekannt. Für Sphärentöne hat man heute schließlich den Synthesizer

Kurz: Wenn es noch eines Beweises bedürfte, dass Donald Duck über die Musikalität der Böhmen recht hatte, dann würde der Besuch dieses Museums ihn spielend erbringen. (DD)

Der geköpfte Bürgermeister

Das Haus zum Schwarzen Kreuz (dům U Černého křížku) in der Martinská 419/5 ist einer jener vielen hübschen Bauten, die die Altstadt zur Altstadt machen, aber auf den ersten Blick meist nicht besonders auffallen. Das Eckhaus steht hier schon seit dem finsteren Mittelalter. Damals trug sich hier, so ist es überliefert, eine Schrecken erregende Begebenheit zu, die dem Haus aber dann doch zu trauriger Berühmtheit verhalf.

Der Historiker Václav Hájek z Libočan erwähnt sie in seiner berühmten Böhmischen Chronik von 1541: Die grausige Geschichte des Georg Schwerhammer. Es war im Jahre 1386. Schwerhammer war just zum Bürgermeister der Altstadt gewählt worden. Eines Tages verließ er der Geschäfte wegen sein Haus. Seine Frau blieb mit der neugeborenen Tochter zuhause und wollte diese baden. Beim Baden war das Kind unruhig, und weil kein Spielzeug zur Hand war, griff die Frau in die Tasche einer in der Nähe hängenden Jacke ihres Mannes. Dort fand sie das Amtsiegel des Bürgermeisters und gab es dem Kind zum Spielen. Nach dem Baden schüttete sie, wie das damals so üblich war, den Zuber aus dem Fenster aus. Sie bemerkte nicht, dass sich das Siegel im Wasser befand und mit aus dem Fenster geschüttet wurde.

Ein vorbeikommender Bürger fand das Siegel auf der Straße und brachte es ins Rathaus zum Ratsvorsitzenden Jakub Wölflin. Der zitierte Schwerhammer zu sich und fragte ihn nach dem Siegel. Ahnungslos wähnte er es bei sich zu Hause und wollte dort suchen. Aber die Ratsherren, die grinsend beobachteten, wie er suchte und suchte, wussten nun leider Bescheid und ordneten nach einer kurzen Weile die sofortige Hinrichtung wegen des sorglosen Umgangs mit heiligen Amtinsignien an. Vor seinem eigenen Haus wurde der Arme enthauptet. Am nächsten Tag wurde an der Stelle der Hinrichtung ein schwarzes Kreuz aufgestellt. Ob diese Geschichte wirklich so stattgefunden hat, ist ungewiss. Im 19. Jahrhundert war sie manchmal Gegenstand von politisierten Geschichtsdebatten, weil Schwerhammer ein deutscher Bürger der Stadt war, und man unterstellte, die schnelle und überzogene Hinrichtung sei ein Werk voreiliger tschechischer Ratsherren gewesen.

Wie dem auch sei: Das Haus, in dem er gewohnt und vor dem er den Tod gefunden haben soll, heißt immer noch nach dem schwarzen Kreuz. Ein gemaltes schwarzes Kreuz befindet sich auch auf der Wand. Schwerhammer soll auf dem im späten 18. Jahrhundert aufgelösten Kirchhof der gegenüber liegenden Kirche Sankt Martin in der Mauer (früherer Beitrag hier) begraben worden sein. Angeblich – ich konnte es bei Gottesdiensten allerdings bisher noch nicht bestätigt sehen – soll er dort ab und an noch mit dem Kopf unter dem Arm herumspuken und die Gläubigen zur mehr Ordentlichkeit im Hause gemahnen. Aber zurück zu dem, was gesichert ist: Das Haus zum Schwarzen Kreuz steht tatsächlich auf gotischen Grundmauern. Allerdings fiel der mittelalterliche Bau, in dem Schwerhammer gelebt haben mag, 1678 einem Feuer zum Opfer. Im Kern ist das heutige Erscheinungsbild daher barock. Barocken Ursprungs ist auch das in eine Kartusche gefasste Hausschild, das die Dreieinigkeit darstellt. Im Innenhof wurden wohl 1846 einige Umbauten im klassizistischen Stil durchgeführt, die man aber von außen nicht sieht. Jedenfalls dürfte Schwerhammers Geist, falls er dort noch spuken sollte, das Gebäude nicht unbedingt wiedererkennen. (DD)

Eklektik mit Hubertus

Heute ist der 30. Mai und damit der Tag des Heiligen Hubertus. Hier in der Na Švihance 1476/1 im Stadtteil Vinohrady kniet er reumütig vor dem Hirschen mit dem Kreuz im Geweih, den Gott ihm geschickt hat, damit er endlich seiner mordgierigen Jagdfreude abschwöre und zum frommen Menschen werde. Dem Rat folgte Hubertus bekanntlich, was ihm immerhin am Ende sogar den Bischofstitel von Lüttich einbrachte. Reue und Einkehr lohnen sich also.

Das dreistöckige Haus an dessen Fassade sich der Hubertus in Stuck auf Höhe des ersten Stockes unter einem kleinen Baldachin befindet, ist ein Meisterwerk des Historismus in seiner eklektischen Ausprägung. In anderen Worten: Es wurden in phantasiereicher Mischung verschiedene historische Stile miteinander kombiniert. Erbaut hat das Gebäude direkt neben dem Rieger Park (Riegrovy sady) in den Jahren 1907/08 der Architekt Alois Zima, dessen bekanntestes Gebäude in Prag wohl die ebenfalls historistische Hussitenkirche aus dem Jahr 1927 in Dejvice ist. Die Aussicht über den Park dürfte von den oberen Stockwerken aus umwerfend sein.

Müsste man es typisieren, wäre Zimas Haus hier ein Beispiel für Neogotik-Neorenaissance-Neobarock. Aber das wäre natürlich viel zu akademisch gedacht, denn es ging wohl nicht um die Reinheit des Stils, sondern um einen besonders einmaligen und überwältigenden optischen Gesamteindruck, um eine romantsiche Imagination von Vergangenheit. Und das ist Zima sicherlich gelungen.

Der knieende Hubertus mit dem Hirschen ist eindeutig im Barockstil gehalten und er kommt dem Prag-Kenner auch irgendwie doch schon recht bekannt vor. In etwas abgewandelter Form (z.B. spiegelverkehrt) scheint er nämlich dem wohl berühmtesten Hubertus-Abbild in Prag nachempfunden zu sein, der vom Bildhauer Ferdinand Maximilian Brokoff um 1723 geschaffenen Skulptur am Haus zum goldenen Hirschen (dum u zlatého jelena) auf der Kleinseite, die wir bereits in diesem früheren Beitrag hier vorgestellt haben.

Aber Barock ist eben nicht das Einzige, was Zima in die Gestaltung des Hauses gepackt hat. Die Turmaufbauten und die über dem Hubertus befindliches Sonnenuhr lehnen sich an an spätmittelalterliche Architektur an, sind also auf sehr romantische Art neogotisch gehalten. Der Giebel zur Na Švihance hin sowie zahlreiche Ornamente rund um die Erker zitieren wiederum die böhmische Renaissance.

Und überall kreuchen und fleuchen auf der Fassade ganz im Stil gotischer Kirchenausstattung seltsam groteske Tiere und Ungeheuer herum. Dazu zählt der Drache, den man oberhalb rechts sieht, aber auch eine Reihe putziger Krähen oder Raben, die sich überall verteilen. Kurz: Das ist mal wieder eines jener schönen Häuser in Prag, vor denen man lange verweilen kann, um immer wieder etwas Neues zu entdecken. (DD)

Brutalistische Urologie

Für die ständig wachsende Anzahl der Freunde der brutalistischen Architektur der 1970er Jahre hat Prag bekanntlich viel zu bieten. Dieser Gruppe von Mitmenschen, die Geschmack mit Mut kombinieren, könnte es im Falle einer Harnblasenruptur oder akuten Niereninsuffizienz viel Trost und Halt spenden, wenn sie wenigstens an diesem Sehnsuchtsort ihrer Behandlung unterzogen würden: Der Klinik für Urologie in der Ke Karlovu 459/6 in der Neustadt.

Der ästhetische Reiz des Gebäudes gewinnt noch einmal durch den Kontrast zum unmittelbar benachbarten, in den Jahren 1865 bis 1875 erbauten Landes-Entbindungsheims (Zemská porodnice) mit seiner besonders schnörkeligen neogotischen Architektur. Man sieht es oben im großen Bild mit einem gotischen Backsteintor und dem Krankenhaus dahinter – getrennt nur durch eine kühn über die Straße geführte Gasleitung. Ein Anblick, der bleibende Eindrücke hinterlässt. Der nackte und rohe Beton, den man schön im Eingangsbereich (Bild links) beobachten kann, und der durch viel Stahl und Glas ergänzt wird, kommt so voll zur Geltung – Brutalismus pur!

Der Bau der Urologischen Klinik war ein wenig der Abschluss einer langen Baugeschichte, die mit dem Entbindungsheim 1865 begann. Nach und nach – und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrunderts zunehmend – entwickelte sich das ganze Areal an der Grenze der Neustadt zu Vinohrady zu einem großen Klinikareal mit vielen fachlich spezialisierten Kliniken – Allgemeine Klink, Pathologie und Physiologie, Gechlechtskrankheiten und so weiter. Und eben die Urologie. Über die Zeit entstand so ein recht wildes stilistisches Mischmasch an Baustilen von der Neogotik über die Neorenaissance und Funktionalismus bis hin eben zum Brutalismus. Im Grunde kann man hier die historische Entwicklung der Krankenhausarchitektur seit dem vorletzten Jahrhundert studieren.

Passend dazu befinden sich Teile der medizinischen Fakultät der Karlsuniversität in der Nähe und die Gerichtsmedizin. Wir befinden uns in einem der großen Kompetenzzentren für Medizin in Tschechien. Und die Urologie gehört architektonisch zu den neueren Gebäuden des ganzen Areals.

Das Gebäude entstand im Jahre 1973. Schon 1970 hatte das bekannte Architekten-Ehepaar Eva Růžičková und Vratislav Růžička (die u.a. auch durch den gemeinsamen Entwurf für den Bürokomplex Merkuria in Prag-Holešovice bekannt wurden) mit den Entwürfen für das riesige Gebäude begonnen. Bei der Realisierung des Projekts stand ihnen noch der Architektenkollege Boris Rákosník beiseite. Das Ergebnis war ein monströs großes Konstrukt aus abwechselnd horizontalen und vertikalen Quadern. Trotz der Ausmaße beeinträchtigt es nicht die schöne Skyline der Umgebung. Die Fassade hin zum alten Entbindungsheim ist etwas aufgelockerter, insbesondere durch die einem Risalit ähnliche Struktur des zentralen Treppenhauses. Man muss Brutalismus nicht mögen müssen, aber aus der Nähe wirkt das Ganze schon recht beeindruckend. (DD)