Vančura in Zbraslav

Die Kommunisten schlossen ihn 1929 aus der Partei aus, weil er sich nicht von Moskau gängeln lassen wollte, die Nazis richteten ihn 1942 hin: Der Schriftsteller Vladislav Vančura gehört gleich zu den Opfern beider Totalitarismen des 20. Jahrhunderts.

Vančuras in Tschechien bekanntestes Werk ist das 1931 erschienene Kinderbuch Kubula a Kuba Kubikula, das in deutscher Übertragung 1963 erstmals unter dem Titel Peterpetz und Peter Petermichel in die Buchläden kam. Es handelt sich um eine kleine Groteske über die beiden Bären Kuba Kubikula und dem etwas aufmüpfigen Kubula, dem die ihn ängstigende Hexe Barbucha erscheint, die aber nur verschwindet, wenn auch seine Angst schwindet.

Unter seinen anderen, heute weit weniger bekannten Werken befinden sich sozialkritische, aber auch historische Romane. Eigentlich hatte er Medizin studiert und war 1921 in den Prager Stadtteil Zbraslav gezogen, um mit seiner Frau dort eine Praxis zu eröffnen. Im Jahr zuvor hatte er sich bereits einer kommunistischen Literatengruppe angeschlossen und begann sich politisch zu engagieren. Er mag sich erhofft haben, bei der (in der Tschechoslowakischen Republik legalen) Kommunistischen Partei (KSČ) gleichgesinnte Freigeister zu finden, aber ab 1925 wurde immer mehr klar, dass die Partei strikt von Moskau „auf Linie“ gebracht wurde – eine Entwicklung, die 1929 mit der Übernahme der Führung durch den Stalinisten und späteren Präsidenten Klement Gottwald ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Vančura protestierte zusammen mit sechs anderen Schriftstellern mit dem berühmten Manifest der Sieben gegen die Gleichschaltungspolitik und wurde darob von linientreuen Kollegen öffentlich geschmäht (von denen einige nach der Machtübernahme der Kommunisten von 1948 selbst Opfer von Schauprozessen wurden). Der Ausschluss folgte umgehend.

1939 marschierten die Nazis in der Republik ein. Nicht nur literarisch leistete er Widerstand. etwa mit seinem Buch Obrazy z dějin národa českého (Bilder aus der Geschichte des tschechischen Volkes), das im gleichen Jahr erschien. Er schloss sich einer den Kommunisten nahestehenden Widerstandsgruppe, dem Národní revoluční výbor inteligence (Nationales Revolutionäres Geheimkomitee) an. Nach dem Attentat auf den Reichsprotektor Reinhard Heydrich, an dem er nicht beteiligt war, wurde er in seinem 1942 in seinem Haus in Zbraslav verhaftet und kurz darauf ohne Verfahren hingerichtet.

Nach dem Krieg wurden ihm posthum höchste Ehrungen zuteil – von den Demokraten bis 1948, von den Kommunisten danach. Und auch heute lebt sein Ruhm, primär als Autor des Kubula, fort. Was ihm im Leben verwehrt blieb, kam nun: allgemeine Anerkennung.

Auch in seinem heimischen Zbraslav wird er bis heute eingehend und eindringlich gewürdigt. Am Ende der nach ihm benannten Straße Vladislava Vančury steht direkt neben seiner vom Architekten Jaromír Krejcar 1926 im streng funktionalistischen Stil erbauten Villa (Nr. 635, zu sehen im Bild Mitte rechts) das im Jahre 1959 errichtete Denkmal. Die auf eine Sockel befindliche Büste des Schriftstellers ist das Werk des Bildhauer Karel Lidický. Es steht am Ende der Sackgasse direkt an jenem Waldabhang, an dem Vančura gerne spazieren ging, um sich inspirieren zu lassen.

Weiter oben kann mann einen hübschen kleinen achteckigen Altan, den Karlův stánek (Karls Stand), besichtigen. Der Aussichtspunkt (kleines Bild unten) wurde um 1850 im Neobarockstil erbaut und soll daran erinnern, dass Kaiser Karl IV. hier 1330 verweilte, um unten im Kloster das Grab seiner Mutter zu besuchen. Hier machte Vančura, so vermelden die Stadthistoriker, auf seinen Spaziergängen oft Rast, um die Aussicht über die Moldau zu genießen. (DD)

Betonbriefmarke vor Biedermeierhaus

Diese putzige Briefmarke ist 1.50 Meter hoch und wurde 1978 von dem Bildhauer Ivan Jilemnický aus Beton gegossen. Auf einen Brief hat man sie selbstredend nie geklebt (die Postboten hätten ob des Gewichtes gestreikt!), aber dafür hat sie einen Ehrenplatz bekommen – genau vor dem Postmuseum (Poštovní muzeum) in der Nové Mlýny 1239/2 in Prag 1. Und da passt sie hin.

Das Postmuseum gibt es, seit es die Tschechoslowakei gab, nämlich seit dem Jahr 1918. Kern der Dauerausstellung ist die philatelistische Sammlung. Sie umfasst Originale aus aller Welt, Entwürfe, Fälschungen, Raritäten und den gesamten jemals herausgegebenen Bestand der Briefmarken der tschechoslowakischen bzw. seit 1993 der tschechischen Post.

Die Menge der ausgestellten Briefmarken, die in Ausziehregalen zum Anschauen aufbewahrt sind, ist schier unendlich. Wollte man sich alles angucken, würde das Wochen dauern. Aber auch die stichprobenartige und oberflächliche Besichtigung der Sammlung ist schon spannend und lehrreich genug. Briefmarken sind bekanntlich schon immer weitaus mehr gewesen als bloße Wertzeichen für den Transport von Paketen, Briefen oder oder auch Postkarten, sondern staatliche, kulturelle und politische Symbole ersten Ranges.

Zum einen lernt man durch Briefmarken auch viel über die Geschichte eines Landes. Man erahnt die Wirrnisse der Zeit als sich die Republik in der Endphase des Ersten Weltkriegs formierte, wenn man die ersten Marken sieht. Dem jungen Staat fehlte es in der Eile an den Möglichkeiten, Briefmarken als eines Hoheitssymbole zu drucken. Man musste sich helfen, indem man die Marken des Habsburgerreichs, von dem man sich gerade getrennt hatte, mit Stempelaufdrucken (quer über das Anlitz des alten Kaisers oder – siehe kleines Bild links – den k.u.k. Doppeladler) zu versehen, die klarmachten, dass dies nunmehr tschechoslowakische Marken seien.

Obwohl viele der Marken Sehenswürdigkeiten oder harmlose künstlerische Motive zeigen, kommt halt eben immer doch die große Politik zum Vorschein, ob es nun die Ersetzung des Schriftzugs „Tschechoslowakische Republik“ durch „Böhmen und Mähren“ unter den Nazis oder die permanent betriebene Verewigung von Lenin unter den Kommunisten geht. Aber nicht nur der politische Aspekt ist interessant.

Denn, zum anderen ist die Briefmarke (zumindest in hiesigen Gefilden) auch ein Spiegel der Kunstgeschichte. Kaum ein großer Künstler des Landes ließ es sich nehmen, sich auf auf den kleinen Portoaufkleberchen zu verewigen. Der Jugenstilmaler Alfons Mucha (früherer Beitrag hier), der Kubist Josef Čapek (hier) oder der Funktionalist František Hudeček (hier) sind nur einige Beispiele, die in der Ausstellung im ersten Stock durch Aufstelltafeln (in Tschechisch und Englisch) erläutert und erklärt werden. Man ist erstaunt über den künstlerischen Wert der hiesigen Briefmarke!

Eine Bibliothek mit Briefmarkenkatalogen, alte Photos und Amtsschilder, sowie allerlei postbezogene kunsthandwerkliche Produkte wie Preistrophäen runden das Museum ab und man verlässt auch als normalerweise nicht so sehr an Philatelie interessierter Mensch das Gebäude zutiefst beeindruckt – mit dem Vorsatz, irgendwann sich mehr Zeit für einen neuerlichen Besuch zu nehmen.

Wo wir beim Gebäude selbst sind: Das wäre schon für sich genommen eine Besichtigung wert. Ein wenig denkt man sich sogar am Ende, dass die sehr interessanten Aufstelltafeln des Museums manchmal den Blick auf die gesamte Raumgestaltung mindern. Schon im 14. Jahrhundert stand hier am Ufer der Moldau ein Gebäude, das einem Fischer gehörte. Beim Großen Feuer von 1689 brannte es ab und wurde als Mühle neu aufgebaut. Den barocken Kern des Gebäudes aus dieser Zeit erkennt man noch recht deutlich.

Im Jahre 1834 baute der sehr reiche Müller Václav Michalovic das Gebäude im damals modernen Stil des Biedermeier-Klassizismus um. 1847 ließ er sich von dem renommierten Dekorateur und Landschaftsmaler Josef
Navrátil
Wandmalereien mit pittoresken Landschaften malen. Der Maler kombinierte hier Biedermeierromantik mit Stilelementen des Rokoko, und zwar sehr stimmig und originell. Wie gesagt: Das sollte man über die Briefmarken nicht vergessen. Dazu passende Kachelöfen runden das Bild eines der entzückendsten Biedermeier-Häuser in ganz Prag ab.

Das Postmuseum ist in diesem Haus erst seit 1988 ansässig. In diesem Jahr fand in Prag eine Weltausstellung für Briefmarken statt. Vorher lag das Museum etwas außerhalb der Stadt. 2002 wurde es beim großen Moldauhochwasser beschädigt, aber es gelang die Sammlung zu retten und das Museum schon im nächsten Jahr wiederzueröffnen. (DD)

Kirche-Kornkammer-Kirche

Um das Jahr 993 wurde sie das erste Mal in einer Chronik erwähnt und sie ist wohl die zweitälteste Kirche überhaupt auf der rechten Uferseite der Moldau: die St.-Clemens-Kirche (Kostel svatého Klimenta). Sie liegt in einer verwinkelten Nebenstraße, der Klimentská, in der Neustadt. Der idyllische und ruhige kleine Platz, auf dem sie sich befindet, ist von hübschen alten Häusern umgeben – bis auf ein modernes Wohnhaus, in dessen Fensterfront sich die Kirche beeindruckend spiegelt, wie man auf dem großen Bild sehen kann.

Die ursprüngliche Kirche, die da in den Chroniken erwähnt wurde, existiert schon seit dem 12. Jahrhundert nicht mehr, denn in dieser Zeit wurde auf der Stelle ein neuer Bau im romanischen Stil errichtet. Zunächst als Pfarrkirche gedacht, wurde sie schon 1225 dem Domnikanerorden als Klosterkirche zugeschlagen, die mit der Vergrößerung der Kirche anfingen. Die Dominikaner zogen allerdings schon nach sieben Jahren wieder aus und residierten fortan in der Altstadt im Klementinum. Und St. Clemens wurde wieder Gemeindekirche.

Anfang des 15. Jahrhunderts – es war die Zeit der Hussitenkriege – wurde die Kirche nunmehr massiv gotisiert. Reparaturarbeiten waren sowieso notwendig, da die Kirche im Verlauf der Auseinandersetzungen schwer beschädigt worden war. In der Kirche hatte mit Jan Protiva einer der konservativ-katholischen Hauptgegner und Ankläger von Jan Hus seine Predigten gehalten, weshalb sein Gotteshaus Stein des Anstoßes unter den Hussiten wurde.

Nach den Kriegen wurde die Kirche das Gotteshaus gemäßigter Hussiten, der sogenannten Utraquisten, und blieb es bis zum Sieg der katholischen Habsburger im Jahre 1620. Gotische Wandmalereien aus der Utraquistenzeit wurden in den 1970er Jahren gefunden und restauriert. An diese hussitische Periode erinnert heute eine Plakette, die 1915 zum 500. Jahrestag der Verbrennung von Jan Hus angebracht wurde, und die als Aufschrift ein Zitat des Reformators trägt: „Finde die Wahrheit, höre die Wahrheit, lerne die Wahrheit, liebe die Wahrheit, sage die Wahrheit, halte die Wahrheit, halte die Wahrheit bis zum Tod.“ Die Plakette ist das Werk des Bildhauers J. Vladimír Astl.

Viel änderte sich an der Kirche nicht. Sie war nunmehr eine katholische Pfarrkirche. 1784 fiel sie jedoch dem Kirchenkampf Kaiser Josephs II. zum Opfer und wurde zwangssäkularisiert. 1793 wurde sie deshalb sogar zur Kornkammer eines Müller herabdegradiert. Diese recht profane Funktion, die das Gebäude jetzt innehatte, ging an die bauliche und künstlerische Substanz. Als die Kirche 1850 von einer evangelischen Gemeinde gekauft wurde, war sie in hohem Maße reparatur- und renovierungsbedürftig.

Das im Kern echt gotische Gebäude wurde nunmehr neogotisch aufbereitet. Das taten ab 1877 die Architekten František Mikš und Josef Blecha – beide ausgewiesene Neogotik-Spezialisten. Insbesondere durch die 1893 erfolgte Erhöhung des Schiffes und die damit verbundene Anbringung von Seitenstützen entspricht das Ergebnis nunmehr noch mehr unseren Vorstellungen von Gotik als es der Originalbau je getan hätte.

Im Innenraum hat die lange Nutzung als Kornlager naturgmäß besonders große Schäden hinterlassen. Von der Originaleinrichtung blieb nur wenig übrig. Deshalb wirkt sie von innen recht streng und zurückhaltend, was aber dazu passt, dass sie seit 1918 keine katholische, sondern eine protestantische Kirche ist. Durch die Zurückhaltung bei der Neugestaltung kommt sowohl die architektonische Struktur des gotischen Rippengewölbes als auch die Pracht der dann doch hinzugefügten neogotischen Kanzel voll zu Geltung.

Und immerhin hat man, wie gesagt, bei der Restaurierung unter dem Putz noch einige Fragmente der originalen spätgotischen Wandmalereien des 15. Jahrhunderts gefunden und, so gut es ging, wieder freigelegt. Sie befinden sich in der Apsis und zeigen verschiedene biblische Szenen. Sie sind für eine simple Gemeindekirche dieser Größe ausgesprochen kunstvoll gemalt.

Heute ist St.-Clemens übrigens das Gotteshaus der (englischen) anglikanischen Kirche in der Tschechischen Republik. (DD)

Auf dem Wasser schmeckt das Bier am besten!

Auf dem Wasser schmeckt Bier doch irgendwie ganz anders als unter Landratten. Deshalb macht der Trend Fortschritte, auf Schiffen nicht nur irgendein Bier zu servieren, das man auch zu Lande trinken könnte, sondern gleich dort sein eigenes hausgemachtes Bier zu brauen! Kurz: Auf der Moldau vor Prag sind Brauereischiffe mit angeschlossenem Bier- und Speiselokal im Kommen!

Wir berichteten bereits hier über eine solche Brauerei auf dem Fluss, aber die Sache wäre nicht rund, erwähnte man das Loď Pivovar nicht, das gut vertäut seit rund drei Jahren einige Meter oberhalb der Štefánikův most (Štefánik-Brücke; früherer Beitrag hier) am Dvořák-Ufer (Dvořákovo nábřeží) ankert. Das ist nicht ganz zentral gelegen, aber ein kleiner Fußgang am Ufer von der Altstadt aus schadet ja vor dem Biergenuss nicht.

Man glaubt ja nicht, wieviel Brauerei auf zwei Stockwerken in ein einziges Schiff passt! In diesem Falle jedenfalls genug, dass es stets mindestens (!) sechs verschiedene eigene Hausbiere frisch gezapft und noch etliche mehr aus der Flasche gibt. Der hoch professionelle Brauer Tomáš Tuchyňa kann aus satten vier Gärkesseln und 16 Lagerkesseln schöpfen, die im Schiffsrumpf in den Gasträumen stehen.

Das es trotzdem für Gäste und Personal nicht zu eng wird, hat etwas mit der Größe des Schiffes zu tun, das mit seinen 53 Metern Länge im Sommer, wenn die Terrasse geöffnet ist, Sitzplätze für rund 280 Gäste bietet. Die Terrasse ist, so fand meine Familie, etwas karg eingerichtet und zu sehr neon-beflutet, um richtig gemütlich zu sein. Aber man kann sich ja auch ins Restaurant ins Oberdeck oder in den Pub (kleines Bild links) ins Unterdeck begeben, wo richtige Schiffsromatik aufkommt.

Um auf die Biere zurückzukommen: Es gibt vereinzelte Kritiker, die meinen, es fehle den Bieren an bitterer Hopfigkeit, so wie man dass in Tschechien zu erwarten habe (wenn man das dortige Bier nur aus der urquelligen Industriebierperspektive kennt). In der Tat kommt selbst das nach eigenen Angaben bitterste Bier der Brauerei, das helle Legie (kleines Bild rechts), ausgesprochen samtig daher. Persönlich finde ich das Bierangebot eines der besten in Prag und es beeindruckt durch eseine eigene Note und seinen Sorten- und Geschmacksreichtum. Das gilt auch und vor allem für die dunklen Biere, wie etwa das oben im großen Bild sichtbare Monarchie, dass ungeheuer malzig, aber nicht zu süß schmeckt. Das sehen alles die professionellen Juroren in Sachen Bier auch so. Betritt man das Loď Pivovar, kann man im Engangsbereich eine Unzahl von Preisurkunden und Diplomen für die verschiedenen Biere bewundern.

Wer gut trinkt, sollte wenigstens nicht schlecht essen, heißt es ja so schön. Die Küche unter dem Kommando von Chefkoch Lukáš Nechyba übertrifft die Erwartungen, die man an ein Schifflokal stellen könnte, bei weitem. Das gilt für die kleinen Biersnacks, aber vor allem für die Hauptgerichte und auch die sensationellen Nachspeisen, von enen wir im kleinen Bild links die Schokoladentorte photographiert haben. Wenn es einem danach ein wenig voll um den Magen ist, hilft noch ein hauseigener Bierbrand (Pivovice) und ein Blick über den träge dahinfließenden Fluß. So fühlt man sich wohl! (DD).

Stadtgeschichte des Feuers

Das moderne Prag würde vielleicht nicht so aussehen, wie es aussieht, hätte nicht ab und zu im Lauf der Geschichte Feuer alte Stadtstrukturen zerstört und Platz für neue geschaffen. Ob der Verlust an Menschenleben und Eigentum vom Fortschrittsgewinn aufgewogen wurde? Das ist eine knifflige Frage für Ethiker und Ökonomen. Dass das Feuer in Prag (und vielen anderen Städten) eine wichtige Rolle in der Stadtgeschichte spielte, ist jedoch unbestreitbar. Seit 2017 widmet sich daher ein Museum dieses Themas.

Das Museum Prag brennt (Praha hoří) in der Nové mlýny 827/3a (Neustadt) ist eine der Nebenstellen des Stadtmuseums von Prag (früherer Beitrag hier). Es befindet sich in dem alten Wasserturm, der bis 1877 die Brunnen der Umgebung mit einem regelmäßigen Wasserzufluss versorgte. Dabei beförderten zunächst Wasserräder, später moderne Pumpen Wasser aus der nahegelegenen Moldau in die Höhe des Turms, von der es dann kontrolliert abgelassen wurde. Der Turm ist schon sehr alt. Im 15. Jahrhundert stand hier ein Wasserturm aus Holz, der aber (trotz des Wassers) öfters abbrannte und im 17. Jahrhundert durch den heutigen Steinturm ersetzt wurde, der 2013 vom Stadtmuseum gekauft und renoviert wurde.

Der Turm, dessen Wasser auch eine Rolle im Kampf gegen Feuer spielte, bildet nur einen Teil der Ausstellung drinnen. Geht man die Treppen, die sich innen an der Mauer heraufwinden, bekommt man in jedem Stockwerk einen kleinen Abschnitt oder Aspekt der Geschichte der Feuer und Feuersbrunsten geboten. Die Räume im Kern des Gebäude sind winzig. Das und wohl auch die Lust am kreativen Denken haben dazu geführt, dass hier kein traditionelles Museum mit großen Originalstücken wie Feuerwehrautos zu sehen ist, sondern in reines Multimediamuseum!

Im ersten Stock erzählen zum Beispiel fiktive Betroffene auf Bildschirmen aus verschiednene Zeitabschnitten der Geschichte, wie sehr das Feuer ihre Existenz bedrohte oder wie mühsam (aber mit der Verbesserung der Technik auch immer weniger mühsam) die Feuerbekämpfung früher war. Es folgen auf anderen Stockwerken zum Teil recht spektakuläre Brandimitationen oder die Schilderung einzelner Brände – insbesondere der Brand des gerade erbauten Nationaltheaters im Jahre 1881.

Obwohl der Brand des Nationaltheaters damals Böhmen erschütterte und tief im Nationalgefühl traf, konnte der Brand immerhin an einem größeren Ausgreifen gehindert werden. Es gab schon eine wohlorganisierte Feuerwehr. Das war vor dem späten 19. Jahrhundert ganz anders. Das Feuer von 1541 zerstörte große Teile der Kleinseite und griff sogar auf den Burgdistrikt über, wo der Veitsdom Schaden nahm. Gelöscht wurde mehr oder minder in Privatinitiative – jeder schnappte sich einen Eimer und holte irgendwo Wasser, oft in Nachbarschaftshilfe. Das andere Ufer – die Altstadt – fiel 1689 einem großen Feuer zum Opfer, weil vom französischen König Ludwig XIV. (der den verfeindeten Habsburgern eins auswischen wollte) bezahlte Brandstifter ihr Werk gründlich verrichtet hatten. Das war das Ende der von Holzhäusern beherrschten Altstadt. Von nun an wurde in Stein (weil nicht leicht brennbar) gebaut. Und das waren längst nicht alle großen Feuerkatastrophen aus Prags Geschichte.

Oben angelangt kann man entweder beim Blick aus den Fenstern ein wunderbares Stadtpanorama genießen oder einen computerierten Zeitstrahl verfolgen, der gleichzeitig alle Brände chronologisch und das Wachstum der Stadt zeigt. Das Erfreuliche an dem Zeitstrahl ist, dass die destruktive Wirkung der Feuer ab dem 19. Jahrhundert immer geringer und die Bekämpfung der Feuersbrünste immer effizienter wird. Das war gleichermaßen die Folge des technischen Fortschritts als auch einer immer professionalisierteren Stadtverwaltung.

Ach ja, oben kann man nicht nur real aus dem Fenster schauen und die Aussicht auf Prag genießen, sondern auch virtuell durch nicht echte, aber von außen echt wirkende Ferngläser. Guckt man hinein, sieht man die sich vor einem ausbreitende Aussicht virtuell und verändert – etwa in Form von Prag nach einem durch Atombomben verursachten Brand (es hausen nur noch Affen dort) oder die Brandlegung durch Riesenroboter in ferner Zukunft. Nicht minder beeindruckend ist das realistische Szenario (kleine Bilder unten), das ein einfaches Feuer in einem nebenan befindlichen Gebäude darstellt. Das führt einem vor Auge, dass wir das Feuer zwar heute besser beherrschen als wir es etwa 1541 oder 1689 taten, aber eben doch nicht vollständig. Die Gefahr lauert weiter! (DD)

Kloster, Zuckerfabrik, Schloss

Über dem träge dahinfließenden und kurz darauf in die Moldau einmündenden Lipanský-Bach sieht man das malerisch gelegene Schloss Zbraslav. Wir befinden uns ganz im Süden Prags.

Das Barockschloss sieht aus, als ob es nie etwas anderes gewesen sei. Tatsächlich handelte es sich aber ursprünglich um ein Zisterzienserkloster, das 1292 durch König Wenzel II. gegründet worden war. Das war nicht irgendein Kloster, sondern die Grablege für viele Herrscher des über viele Jahrhunderte Böhmen beherrschenden Geschlechts der Přemysliden und deren Ehefrauen.

Die fanden in dem spätromanischen Bau nur bedingt ihre letzte Ruhe, denn 1420 verwüsteten radikale Hussiten das Kloster und verstreuten die Knochen auf dem Gelände. Nach dem Ende der Hussitenkriege wurden die Knochen wieder eingesammelt und neu beerdigt. 1611 verwüsteten die Truppen des Bischofs von Passau das Kloster und 1639 im Dreissigjährigen Krieg die Schweden.

Im Jahr darauf begann man auf dem Gelände mit dem Bau der Stiftskirche zum Heiligen Jakob d.Ä. (Kostel svatého Jakuba Většího), wo die Gebeine (oder was davon übrig blieb) nach einer abermaligen Umbettung seit 1991 im Boden des Presbyteriums begraben sind. Vorher, d.h. 1973, untersuchten Forscher die Knochen und konnten teilweise ihre Echtheit verifizieren. Die Kirche selbst (Bild rechts) ist übrigens der erste Teil des Schlosses, der im frühbarocken Stil erbaut wurde. Aber damit ging es dann rapide weiter.

Im frühen 18. Jahrhundert tat man das, was man damals meistens mit alten Sakralbauten tat: Man baute das Kloster vollständig im Stil des Hochbarocks prachtvoll um. Die Architekten Johann Blasius Santini-Aichl und Franz Maximilian Kaňka gaben ihm im wesentlichen seine heutige Gestalt. Die Bauarbeiten wurde 1732 fertiggestellt. Das fröhlich-barocke Klosterleben neigte sich jedoch schon bald seinem Ende zu. Denn: 1785 kam die große Klosterenteignung unter Kaiser Joseph II., von der auch Zbraslav nicht verschont blieb.

Eine Zuckerfabrik im Besitz des Fürsten Oettingen-Wallerstein entstand in den Gebäuden, was einige nicht ganz sachgemäße bauliche Veränderungen mit sich brachte. Die Zuckerproduktion wurde 1875 eingestellt und 1910 kaufte das Gebäude der Textilfabrikant Cyril Bartoň-Dobenín, der es in den Jahren 1911 bis 1925 unter behutsamer Wahrung seines barocken Charakters zu dem umbaute, was es heute ist: Ein Schloss.

Die Kommunisten enteigneten 1948 die Familie Bartoň-Dobenín und übereigneten das Gebäude der Prager Nationalgalerie, die hier zunächst ein Museum für Bildhauerei, später die Sammlung asiatischer Kunst unterbrachten. Letztere blieb hier bis 2009, obwohl inzwischen die Familie das Schloss restituiert bekommen hatte. Jetzt ist es in Privatbesitz und man kann es innen nicht besichtigen. Aber die Familie erlaubt das Betreten des Außengeländes mit seinem schönen Innenhof. Und man sieht Sehenswertes, darunter auch zahlreiche Skulpturen aus der Barockzeit.

Eine Skulptur fällt aus der Reihe, weil sie einem irgendwie so bekannt vorkommt. Es ist eine Reiterstatue des Heiligen Wenzel, die zwar deutlich kleiner ist als die berühmte Statue auf dem Wenzelsplatz (früherer Beitrag hier), aber ihr doch recht ähnlich sieht. Das ist kein Zufall, denn wahrscheinlich handelt es um einen Vorentwurf des 1912 aufgestellten Reiterstandbilds auf dem Wenzelsplatz, angefertigt von dem Bildhauer Josef Václav Myslbek. Als solchen erwarb die Nationalgalerie jedenfalls 1923 die kleinere Fassung und stellte sie später in Zbraslav auf (wo ja eine zeitlang ein Bildhauereimuseum residierte). Nach der Reprivatisierung des des Schlosses ließen die Besitzer es erst abtragen, aber seit 2016 steht die kleine Version des großen Wenzelsdenkmals wieder hier im Schlosspark von Zbraslav. (DD)

Konservative Ästhetik für Neruda

Es gibt immer einen Grund, einen Blogbeitrag zu schreiben. Heute vor 185 Jahren – am 9. Juli 1834 – wurde zum Beispiel in Prag der Schriftsteller Jan Neruda geboren, dessen prominentestes Denkmal sich auf der Kleinseite am Fußes des Petřín-Berges befindet.

Neruda war so etwas wie der Chronist des alten Prags. Besonders die Povídky malostranské (Kleinseitner Geschichten) von 1878 schildern in kleinen Episoden um einzelne Schicksale das Leben und die sozialen Probleme der Menschen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – besonders in der damals noch recht armseligen Kleinseite unter der Burg, wo er (wie wir hier berichteten) aufgewachsen war. Seine Geschichten bewegten sich auf der Grenze zwischen Kurzgeschichte und Reportage, was ihn zu einem bedeutenden Pionier des literarischen Realismus machte, oder wie er später meinte: „Es ist vor allem notwendig, dass wir lernen, die Menschen zu verstehen, dass wir ihre Nöte, Ihre Freuden und Leiden studieren, wir brauchen also zum Beispiel in der Hauptsache getreue Erzählungen aus dem Leben, Bilder von Menschen aller Schichten, Sammlungen wahrhaftiger Beispiele einer nicht erdachten und wirklichen Erfahrung.“

Das Denkmal im Park wurde erst 1970 hier aufgestellt und ist das Werk der beiden Bildhauer Jan Simota and Karel Lapka. Im Jahre 1970 herrschte im Lande noch der Kommunismus. Mit dem hatte Neruda zwar direkt gar nichts am Hute, aber der sozialkritische Ton vieler seiner Schriften ließ sich von ihnen irgendwie instrumentalisieren. Und Neruda war ja bereits 1891 gestorben und konnte sich nicht wehren.

Was auffällt, ist die konservative Ästhetik des Denkmals. Es ist realistisch (was Neruda nicht prinzipiell abgelehnt hätte), aber so gefasst, dass es zu fast jedem Zeitpunkt seit dem späten 19. Jahrhundert hätte so gestaltet werden können. Keine Experimente schien das Motto zu sein, das in jenen Zeiten des intellektuell und politisch bereits völlig darniederliegenden Regimes in Sachen Kunstpolitik vorzuherrschen schien. Das wiederum hätte Neruda nicht gefallen. (DD)