Erste Nobelpreisträgerin – geboren in Prag

Sie ist die historische Ikone der deutschsprachigen Friedensbewegung: Bertha von Suttner. Nicht jedermann weiß, dass sie eigentlich in Prag geboren wurde und das sogar in einem der Prachtpaläste der Altstadt.

Als Bertha Sophia Felicita Gräfin Kinsky von Wchinitz und Tettau wurde sie nämlich 1843 im Palais Kinský (palác Kinských) am Staroměstské nám. 1/12 (Altstädter Ring) geboren – die Rolle der Sozialrebellin und Friedenskämpferin war ihr so nicht in die Wiege gelegt worden.

Aber sehr schnell wurde ihre enorme Willenskraft sichtbar, sich über tradierte Konventionen hinwegzusetzen, etwa als sie 1876 den an Jahren jüngeren Arthur von Suttner gegen den Willen von dessen Familie heiratete (er wurde darob enterbt!), mit ihm eine Zeit lang im Kaukasus lebte, wo sie 1877 die Gräuel des Russisch-Türkischen Krieges sah und ihre publizistische Tätigkeit für den Weltfrieden begann. Sie wollte nun „dem Krieg den Krieg erklären“. Ihr 1889 veröffentlichter Friedensroman Die Waffen nieder wurde in unzählige Sprachen übersetzter Weltbestseller – und verschaffte ihr Ruhm, aber auch nicht wenige politische Gegner, vor allem im deutschnationalen Lager. „Friedens-Bertha“ nannte man sie dort abfällig.

Ihren Ruhm nutzte sie nun, um zahlreiche internationale Friedensorganisationen, etwa die Österreichische Gesellschaft der Friedensfreunde (1891) und die Deutsche Friedensgesellschaft (1892) ins Leben zu rufen und zu unterstützen. Sie organisierte Friedenskonferenzen, darunter die wichtige Erste Haager Friedenskonferenz. Die Ideen der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit und der Abrüstung standen dabei im Mittelpunkt. Immer wieder warnte sie vor der Konflikteskalation zwischen den europäischen Großmächten. Sie starb 1914 – kurz bevor jener Erste Weltkrieg begann, vor dem sie immer gewarnt hatte.

An ihrem Geburtsort, dem Palais Kinský (wir berichteten hier), hat man sich erst 2006 ihrer angenommen, als die Gedenktafel mit Büste im Eingangsbereich des Kinský Palastes in Gegenwart Prominenter aus der Politik enthüllt wurde. Sie ist das Werk des Malers und Bildhauers Jan Hendrych, der übrigens in den Zeiten des Kommunismus einen Suttner fast ebenbürtigen Grad an Widerständigkeit gezeigt hatte und wegen seiner Proteste gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 nur noch als Restaurator, nicht aber als Künstler arbeiten durfte – bis ihm 1989 die Samtene Revolution wieder die Freiheit schenkte.

Die Tafel erinnert in Tschechisch und in Englisch daran, dass mit Bertha von Suttner hier im Kinský Palast die erste Frau geboren wurde, die einen Nobelpreis erhielt. 1904 sprach man ihr den Friedensnobelpreis zu – jenen Preis, dessen Stiftung sie selbst mit angeregt hatte als sie 1876 für kurze Zeit bei Alfred Nobel als Privatsekretärin arbeitete. Für viele Bewunderer war sie die Erfinderin und Nobel „nur“ der Finanzier des Preises. (DD)

Der Palast, in dem Kafka zur Schule ging

Der Altstädter Ring im Herzen der Stadt kennt keinen Mangel an schönen alten Gebäuden, weshalb er bei Touristen ja auch so außerordentlich beliebt ist. Das Palais Kinský (Palác Kinských) schafft es, selbst in diesem Umfeld als besonders stattlich aufzufallen.

Das Palais wurde in den Jahren 1755 bis 1765 von dem berühmten Architekten Anselmo Lurago (früherer Beitrag hier) im Auftrag von Johann Ernst Wenzel Graf von der Goltz erbaut- weshalb er auch bisweilen Palais Goltz-Kinský genannt wird. Zuvor standen hier mehrere Renaissancehäuser. Von der Goltz verstarb allerdings kurz nach der Fertigstellung des Gebäudes und Witwe verkaufte es an Franz de Paula Fürst Kinský , der sich im Siebenjährigen Krieg als Feldmarschall der österreichischen Armee ausgezeichnet hatte.

Im hinteren Gebäudeteil ließ Graf Kinský einige Erweiterungen anbauen, aber der Gesamteindruck entspricht von außen immer noch dem, was unter von der Goltz erbaut worden war. Es handelt sich im ein typisches Werk des späten Rokoko, das schon ein wenig formstrenger daherkommt als frühere Rokokobauten und bereits Elemente des Klassizismus vorwegnimmt. Die Fassade ist durch zwei Risalite mit zwei gleich großen Eingängen strukturiert. Darüber thronen auf Höhe des Daches einige recht kolossale Skulpturen, die von dem Bildhauer Ignaz Franz Platzer stammen. Sie stellen Themen aus der antiken Mythologie (hier Sänger Orpheus) und Allegorien auf die Kräfte der Natur dar.

Auf Platzers Konto gehen auch die Entwürfe der Stuckdekoration der Fassade zurück. Möglicherweise ließ er sie von dem italienisch-schweizerischen Künstler Santino Bussi ausführen, der es in Wien zum Hofstuckateur (dort z.B wegen seiner Arbeiten am Schloss Belvedere) gebracht hatte und damals zu den europäischen „Stars“ des Gewerbes gehörte. Sie nehmen sich jedenfalls prachtvoll aus. Zuvörderst sind hier die beiden großen Stuckverzierungen der Giebel der Risaltiten zu nennen. Beide Giebel sind mit Motiven der klassischen Mythologie verziert (links oben etwa die Entführung der Europa). Sie harmonieren thematisch mit Platzer Skulpturen weiter oben.

Während in den oberen Etagen die „heidnische“ Antike regiert, wird es weiter unten wird es wieder gehörig christlich. Über den seitlichen Fenstern findet man die Darstellung der Mutter Gottes Maria und des hier abgebildeten katholisch-böhmischen Nationalheiligen Johannes Nepomuk (früherer Beitrag hier) – beides typisch für die Zeit der Gegenreformation. Die polychrome Darstellung mit Goldfassung in sorgsam elaborierten Rokoko-Kartuschen der beiden Darstellungen deuten auf einen hohen künstlerischen und handwerklichen Standard mit Liebe zum Detail hin.

Die Stuckarbeiten wurden in der Zeit des Grafen Kinský nach dem Erwerb des Palais noch einmal überarbeitet und ergänzt. So findet sich nun in der Mitte des Gebäudes über einem Fenster im ersten Stock das Wappen der Grafenfamilie Kinský; drei silberne gekrümmte Wolfszähne auf rotem Grund. Damit wurde klar und deutlich, wem der Palais von nun an gehörte.

Außen und vor allem drinnen gibt es noch viele Erinnerungen an die Geschichtes des Palais‘. Eine Gedenkplatte im Eingangsbereich erinnert zum Beispiel daran, dass hier 1843 die berühmte Friedensaktivistin und Nobelpreisträgerin Bertha von Suttner geboren wurde, die eigentlich eine geborene Gräfin Kinský war (wir werden darüber berichten). 1882 eröffnete im Erdgeschoss Hermann Kafka, der Vater von Franz Kafka sein Galanteriewarengeschäft, das 1896 aber an einen anderen Ort zieht. Der Buchladen, der sich jetzt hier befindet, ehrt immer noch den Namen Kafka. Franz Kafka selbst blieb dem Ort verbunden, denn im Gebäude befand sich zu dieser Zeit auch das Staats-Gymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Prag Altstadt, das Kafka von 1893 bis 1901 (bis zum Abitur) besuchte. Von 1922 bis 1934 befand sich im Palais die Botschaft Polens. Und 1948 soll der stalinistische Gewaltherrscher Klement Gottwald auf dem Balkon des Palais dem Volk seine Machtübernahme verkündet haben, was aber inzwischen von Historikern bezweifelt wird, die meinen, er habe dies von der Ladefläche eine Lastwagen vor dem Palais getan (was irgendwie auch besser zu einem Kommunistenführer passt).

Nachdem man sich 1989 des Kommunismus wieder entledigt hatte, musste kräftig renoviert und restauriert werden, was in den Jahren 1995 bis 2000 geschah. Seither gehört das Gebäude der Nationalgalerie, die hier ihrer Verwaltung hat und Wechselausstellungen organisiert. besucht man eine der interessanten Ausstellung, so kann man nicht mehr viel, aber doch einiges von der einstigen Ausstattung des Palais erahnen, wozu des prachtvolle Treppenhaus (Bild oberhalb) gehört, aber auch vereinzelte Stuckaturen und vor allem noch einige schöne Kachelöfen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. (DD)

Erlebnismuseum

Dieses Museum macht nicht nur Erwachsene froh, sondern auch Kinder ebenso: Das Museum des städtischen öffentlichen Verkehrs – Depot Střešovice (Muzeum městské hromadné dopravy – Vozovna Střešovice) in Prag 6 in der Patočkova 460/4.

Seit 1993 gibt es dieses Museum. Es befindet sich ganz passend in einem alten (teilweise noch in Betrieb befindlichen) Straßenbahndepot. Das Depot selbst wurde bereits 1991 unter Denkmalschutz gestellt. Von hier aus fahren übrigens auch die bei Touristen beliebten Fahrten mit der berühmten historischen Nostalgie-Straßenbahn der Linie 41 los, die auch für Gruppenevents angemietet werden kann. Wenn sie nicht Touristen herumfährt, wird sie auch gerne für Filmaufnahmen verwendet.

Die Straßenbahn als ältestes öffentliches Verkehrsmittel nimmt in der großräumigen Dauerausstellung dann auch den größten Stellenwert ein. Den Verkehrsbetrieb der Hauptstadt Prag (Dopravní podnik hlavního města Prahy) gibt es seit 1875 und er begann sein Leben als Betreiber einer von Pferden gezogenen Straßenbahn. Die zunächst noch privat betriebene Bahn hatte bis Ende der 1880er Jahre ein Schienennetz von 19. Kilometern. Eine Pferdetram aus dieser Zeit, genauer: aus dem Jahre 1886, ist auch das erste, was den Besucher beim Betreten der Ausstellung begrüßt.

Mit der Elektrifizierung der Tram kam auch die Stunde der städtischen Verkehrssbetriebe, die 1897 (ein Jahr nach Einrichtung der ersten elektrifizierten Strecke) gegründet wurde. Von den unzähligen Schaustücken, die man im Museum aus dieser Blütezeit der Tram beäugen kann, sticht eines ganz besonders hervor: Der sogenannte Oberbürgermeisterwagen (Primátorská tramvaj) aus dem Jahre 1900. Für den Entwurf zu dieser Luxuslimousine auf Schienen hatte der Hersteller, die in Smíchov ansässige Firma des Industriellen Franz Freiherr von Ringhoffer einen der damaligen Stararchitekten und -designer angeheuert, nämlich keinen Geringeren als Jan Kotěra (früherer Beitrag hier), der wie man oben im großen Bild sieht, ein Prachtwerk im Jugendstil schuf. Drinnen gab es keine Bänke oder Stehplätze, sondern gemütliche Stühle/Sessel und Tischchen (kleines Bild oberhalb). Gedacht war sie für Dienstfahrten des Oberbürgermeisters oder Fahrten für sehr prominente Gäste der Stadt. Die Kommunisten werteten sie ein wenig ab. Zwischen 1951 und 1972 transportierte sie Kindergartenkinder und viele schöne Original-Dekorationen verkamen. Zwischen 1983 und 1992 wurde sie aber wieder völlig in den früheren Zustand zurückversetzt und gehört nun zu den Schmuckstücken des Museums.

Die ersten Busse wurden in Prag bereits 1908 versuchsweise auf die Straßen gelassen, aber erst 1925 wurde ein systematisch entwickeltes Busnetz eingeführt, das sich schon bald zu einer tragenden Säule des öffentlichen Verkehrswesens entwickelte. Die ausgestellten Busse spiegeln auch die Zeitläufe der Prager Geschichte wieder, so etwa der mit einem roten Sowjetstern (umrahmt von Flaggen in den Prager Stadtfarben) versehene Bus (Bild rechts) der mährischen Firma Tatra aus dem Jahr 1954, der deutlich an die kommunistische Zeit erinnert.

Viele Busse und Straßenbahn im Museum sind im Original zu sehen. In einige ausgesuchte Trams kann man sogar einsteigen. Die Fülle von Fahrzeugtypen, die seit dem 19. Jahrhundert durch die Straßen der Stadt rollten, würde jedoch das Fassungsvermögen selbst dieses riesengroßen Museums sprengen. Daher sind einige Fahrzeuge nur als Modelle zu sehen, wie etwa der Oberleitungsbus links. Die O-Busse (auch: Trolleybusse) wurden 1936 eingeführt, aber 1972 wieder abgeschafft. Sie galten als nicht mehr zeitgemäß. Heute werden sie in einigen Städten wieder als „ökologische“ Alternative um benzingetriebenen Bus eingeführt. In Prag ist dies aber in nächster Zeit nicht geplant.

Auch andere Dinge, die nicht mehr existieren, sieht man hier noch als Modell. Jeder Tourist kennt die legendäre Standseilbahn Petřín (früherer Beitrag hier), die 1891 eröffnet wurde und noch in Betrieb ist. Vergessen ist, das weiter flussabwärts eine zweite Bahn dieser Art gab, die Letná-Standseilbahn, die damals noch durch Gewichtstarierung angetrieben wurde. Die Letnábahn wurde im selben Jahr wie die Bahn auf den Petřín-Berg eröffnet, allerdings 1916 bereits wieder geschlossen. Anscheinend erwies sie sich nicht als profitabel. Hier im Museum ist sie wieder präsent.

Aspekte wie Verwaltung oder Ticketkontrolle fehlen nicht. Auch über die Technik lernt man viel – etwa über die Motorentechnik oder die Energieversorgung. Das Schienensystem der Straßenbahn der Prager Verkehrsbetriebe wird immer weiter ausgebaut und bedarf auch einer ständigen Ausbesserung, Auch das ist eine technische und logistische Herausforderung, derer sich das Museum ebenfalls widmet. Dieser bullige elektrisierte Zugmotor aus dem Jahre 1952 (Bild links) diente zum Beispiel dem Transport von Schienen zu den Baustellen, an denen sie verlegt werden sollten.

Leider sind alle Beschriftungen nur inTschechisch gehalten, aber eine an der Kasse kostenlos verteilte Broschüre gibt es in unzähligen Sprachen und sie ist in der Tat sehr hilfreich. Nebenbei erfährt man auch viele technische Details von Motorenbau bis Ticketkontrolle. Die Metro kommt ein wenig zu kurz, aber auch hier gibt es viele reizvolle Detailinformationen, etwa über archäologische Funde beim Bau in den 1970er und 80er Jahren. Und: Da Museum der Verkehrsbetriebe ist ein Erlebnismuseum. Nicht in alle Trams kann man voll einsteigen, aber doch zumindest in den Eingangsbereich klettern und hineinschauen. In anderen kann man sogar Platz nehmen. Aber es gibt auch andere (nicht-digitale, sondern handfest mechanische) interaktive „Spielmöglichkeiten“, die gerade von den Jungen genutzt werden (so wie hier von meiner inzwischen doch recht erwachsenen Tochter Charlotte). Jeder kann hier für eine kurze Zeit Tramfahrer werden! (DD)

Maria, Sonne und Mond

Die Wiederaufstellung der 1918 zerstörten Mariensäule auf dem Altstädter Ring war, wie wir zuletzt berichteten, seit langem ein historisch-politischer Zankapfel. Vielen Tschechen galt sie als ein Symbol der Fremdherrschaft der Habsburger und der gewaltsamen Rekatholisierung des Landes nach der verlorenen Schlacht  am Weißen Berg von 1620. So ganz falsch war das nicht, denn Anhänger der kaiserlich-katholische Seite nutzten die Säule tatsächlich recht häufig als Symbol ihres Triumphes über die Protestanten. Ein hübsches Beispiel dafür ist das Haus zur Steinernen Säule (dům U Kamenného sloupu) in der Úvoz 160/24 im Burgbezirk unterhalb des Klosters Strahov.

Ursprünglich stand hier etwas oberhalb der Kleinseite ein kleiners Gebäude im Renaissancestil aus dem Jahre 1562, das 1590 auf den heutigen Umfang erweitert wurde. Von diesen früheren Bauphase kann man heute von außen fast nichts mehr erahnen. Denn im Jahre 1697 erwarb der Maler und Architekt Christian Luna das Haus und baute es nach seinem Geschmack im Barockstil um – im Kern so, wie wir es heute sehen. Luna war ganz und gar Parteigänger der Habsburger und der katholischen Sache. Sein berühmtestes Werk war der Bau eines Wallfahrtsorts auf Bílá Hora (dem Schlachtfeld von 1620) mit der Kirche Maria vom Siege (Kostel Panny Marie Vítězné), die den Triumph über die böhmischen Aufständischen feierte und über die wir bereits hier berichteten.

Luna war es, der daher die Mariensäule auf der Mitte der Fassade seines Hauses anbrachte, die ja in Prag als das zentrale und umstrittendste Symbol des Triumphes galt. Das geschah im Zuge einer Bauerweiterung im Jahre 1706 bis 1708. Die Positionierung der von ihm selbst entworfnen Säule ist originell und macht das Haus erst so richtig auffällig. Die Marienstatue wurde übrigens nicht aus Stein gemeißelt, sondern aus Holz und Stuck angefertigt wurde. Die Säule selbst ist aber aus Stein, weshalb die Inschrift auf dem Sockel Lapidea Columna (Steinerne Säule) auch korrekt ist. Es handelt sich bei dem Ganzen nicht um eine exakte Kopie des Werks auf dem Altstädter Ring. Der das von Maria besiegte Böse (die Protestanten und Antihabsburger?) verkörpernde Drache, der hier von Maria niedergetreten wurde, ist meines Erachtens viel putziger und lebensechter gelungen als der auf der Säule auf dem Altstädter Ring (großes Bild oben). Auf jeden Fall ist klar, dass Luna hier ein politisch-religiöses Statement abgab.

Die Anspielung auf die Altstädter Mariensäule wird noch deutlicher, wenn man den kleinen eingelassenen Stuckrahmen unter der Säule sieht. In den Dimensionen entspricht er dem sogenannten Palladium Böhmens, einer Marienikone, die einst dem Heiligen Wenzel, dem Nationalpatron des Landes, gehört hatte. Eine Kopie des Palladiums war auch im Podest unter der Säule des Altstädter Rings deponiert. Leider ist die Malerei auf Lunas Haus in dem kleinen Rahmen seit langer Zeit verschwunden, aber sie stellte wohl eine Nachempfindung der Marienikone des Palladiums dar, was den Bezug zur Säule unten auf dem Altstädter Ring noch einmal vertieft.

Neben der Mariensäule sind es zwei andere skulpturale Elemente, die das Gebäude auffallen lassen, nämlich die an beiden Ecken auf Höhe des ersten Stocks angebrachten Büsten von Mond und Sonne (die entsprechenden lateinischen Beschriftungen lauten Luna und Sol). Beide Büsten wurden wahrscheinlich ungefähr zur gleichen Zeit wie die Mariensäule um 1708 von der Werkstatt des Bildhauers Johann Brokoff angefertigt, der wir auch viele der Statuen auf der Karlsbrücke verdanken. Die Gegenüberstellung der Allegorien von Sonne und Mond waren im Zeitalter des Barock sehr beliebt, wie das Beispiel hier zeigt.

Ob Luna bei der Anbringung der Luna an Luna gedacht hat – ein Wort-Bild-Witz, sozusagen? Das wissen wir nicht. Auf jeden Fall lebten seine Nachfahren hier noch bis 1846. Dann wurde das Haus an einen neuen Besitzer verkauft, der innen einige Änderungen verlasste. Im 20. Jahrhundert wurde im Haus ein Museum mit Bibliothek zu Ehren des berühmten Schriftstellers Jaroslav Vrchlický (wir berichteten über ihn hier) eingerichtet, das hier bis 1953 existierte. Heute wird das Haus auch museal genutzt. Die Josef Sudek Galerie hat hier heute ihren Sitz. Sie ist ein Ableger des Kunstgewerbemuseum (Uměleckoprůmyslové museum; siehe auch hier), der sich dem Werk des berühmten Photographen Josef Sudek widmet. (DD)

Maria als Zankapfel

Dass eine Mariendarstellung über ein Jahrhundert lang ein politischer Zankapfel sein kann, der die Gemüter zur Wallung bringt, kommt nicht oft vor – ist doch die konfessionelle Spaltung Europas früherer Jahrhunderte durch den Geist der Ökumene gebändigt worden. Aber die Prager Mariensäule (Mariánský sloup) auf dem Altstädter Ring (Staroměstské náměstí) hat sich ihren Status als Zankapfel bewahren können. Nach langen und heftigen Streitereien darf sie seit diesem Sommer wieder den Platz schmücken.

An diesem Fall kann man das Auf und Ab der Geschichte des Landes hautnah studieren. Ursprünglich wurde sie am 22. Juni 1650 auf Geheiß von Kaiser Ferdinand III., einem Habsburger, hier aufgestellt. Einer der berühmtesten böhmischen Bildhauer der Zeit, Johann Georg Bendl, hatte sie entworfen und künstlerisch sehr gelungen gestaltet. Zwei Jahre zuvor wurde der Dreissigjährige Krieg, der ja 1618 von Prag ausgegangen war, beendet. Noch ganz zum Schluss, 1648, hatten die Schweden erfolglos versucht, die Stadt einzunehmen und wurden zurückgeschlagen. Die Statue auf der Säule sollte dies feiern. Soweit, so gut, und auch nicht ungewöhnlich.

Aber irgendetwas war schon anders. Um es zu verstehen, beginne man mit der lateinischen Inschrift auf dem Sockel, der auf Deutsch etwa lautet: „Der ohne Makel der Erbsünde empfangenen jungfräulichen Gottesmutter errichtete der Kaiser aus frommem und gerechtem Dank für die Verteidigung und Befreiung der Stadt dieses Standbild.“ Ja, die Verteidigung gegen die Schweden war etwas, dass man durchaus ungeteilt feiern konnte. Aber die Befreiung? Jetzt kommt die Position der Säule ins Spiel. Die Maria, die eine geflügelte Drachengestalt als Symbol des Bösen niedertritt, schaut genau auf jene Stelle des Platzes, die heute mit 27 Kreuzen markiert ist – den Ort der brutalen Hinrichtung der Anführer des Böhmischen Ständeaufstandes von 1618, die im Juni 1621 stattfand. Mit diesem Aufstand wollten die Repräsentanten Böhmens die Freiheit des Landes vor den absolutistischen Bestrebungen des Habsburgers Ferdinand II. schützen. Das leitete zunächst den Dreissigjährigen Krieg und danach eine Periode der religiösen Unfreiheit und den Verlust der staatlichen Eigenständigkeit Böhmens ein, die durch das blutige Spektakel der Hinrichtungen eingeleitet wurde..

Als „Temno“ – die Finsternis – bezeichnete die nationale Geschichtsschreibung später diese Zeit. Man nahm – wohl nicht ganz ohne Grund – an, dass Maria hier die zuvor freien Böhmen und die Protestanten als „Monster“ niedertritt und sich an dem Anblick des Hinrichtungsortes die Augen weidet. Und noch lange Zeit wurden auch andernorts in Böhmen Mariensäulen errichtet, die dem Muster der Säule auf dem Altstädter Ring im wesentlichen folgten, und die immer auch als Loyalitätsbezeugung zum Herrscherhaus galten – wie etwa diese hübsche, im Jahr 1813 entstandene Mariensäule (kleines Bild oberhalb) vor dem Rathaus im Stadttteil Dolní Počernice.

Diese Sicht, die Säule als bloße Herrschaftslegitimierung zu betrachten, greift insgesamt natürlich zu kurz und mag überzogen sein. Säulen dieses an für sich „unpolitischen“ Typus gab es ja auch außerhalb des Habsburgerreichs. Und tatsächlich war später die Säule eher ein Ort der genuinen Volksfrömmigkeit statt der triumphalistischen Rachsucht. Wie hoch die Emotionen aber trotzdem gingen, zeigte sich noch im Juni 2019 – am Jahrestag der Hinrichtungen der Aufständischen – bei einer Demonstration, bei der die Teilnehmer Schilder mit Namen der Hingerichteten hochhielten und statt der Wiedererrichtung der Mariensäule ein Denkmal für die Opfer forderten.

Die Mariensäule war ja schon am 31. Oktober 1918 vom Platz verschwunden. Drei Tage zuvor hatte die Tschechoslowakei ihre Unabhängigkeit vom Habsburgerreich erklärt. Auf dem Altstädter Ring fanden riesige Freudendemonstrationen statt. Jetzt marschierten sozialistische Aktivisten unter der Führung des Arbeiterschriftstellers František „Franta“ Sauer (der angeblich, inzwischen wohl fromm geworden, seine Tat 1947 auf dem Totenbett bereute) zur Mariensäule und zerstörten sie nach einigen kleineren Rangeleien mit katholischen Gläubigen. Nur Fragmente (kleines Bild links) konnten noch gerettet werden, die dann im Lapidarium, der Steinskulptursammlung des Nationalmuseums, landeten. Den Kopf der Maria fand man noch 1957 in einem Prager Antiquitätenladen. Bürgerliche Politiker der jungen Republik unterstützten den Abbruch offziell nicht, äußerten aber im Nachhinein Verständnis. Präsident Tomáš Garrigue Masaryk fasste die Reaktion zusammen, als er meinte, eigentlich sei es gut, dass die Mariensäule verschwunden sei, weil „die Statue für uns eine politische Demütigung war.“

Und niemand dachte später daran, die Säule wieder aufzurichten – weder die Republik, noch die Nazis und schon gar nicht die staatsatheistischen Kommunisten. Die Diskussion darüber wurde erst wieder möglich, als 1989 der Kommunismus fiel und Demokratie samt Meinungsfreiheit Einzug hielten. Im April 1990 wurde in Prag die Gesellschaft für die Wiedererrichtung der Mariensäule (Společnost pro obnovu Mariánského sloupu na Staroměstském náměstí v Praze) mit immerhin rund 500 Mitgliedern gegründet, die emsig und beharrlich für den Wiederaufbau agitierte. Sie konnte darauf hinweisen, dass die religiösen Grabenkämpfe, die zur Zerstörung führten, überwunden sei, die Säule aber aus stadt- und denkmalpflegerischen Gründen einfach an ihren Platz auf dem Altstädter Ring gehörte.

Und dafür gab es gute Gründe. Einer war eher unpolitisch. Auf dem Platz befindet sich eine berühmte Sehenswürdigkeit, nämlich der Prager Meridian (wir berichteten hier), der eigentlich als Zeitmesser die Mittagsstunde anzeigen sollte, und zwar wenn der Schatten der Spitze der Säule genau darauf fiel. Kurz: Seit 1918 war der Meridian zwar die ganze Zeit da, aber in Sachen Zeitbestimmung doch irgendwie nutzlos. Auf dem Bild links, das während der Aufbauarbeiten für die Säule im April 2020 entstanden ist, sieht man, wie sich das gerade ändert. Der bronzene Meridian läuft zentral auf den Sockel der Säule hin.

Aber es gibt auch einen geschichtspolitisch relevanteren Grund, den man anführen kann, und der vielleicht sogar diejenigen überzeugen konnte, die die Mariensäule als ein Symbol von Unterdrückung und Schande sahen. Denn es hatte schon einmal eine subtile Art des Protestes gegen die Säule gegeben, als diese noch stand, nämlich das Denkmal für Jan Hus, dem Frühreformator der Tschechen, der 1415 auf dem Konzil von Konstanz den Märtyrertod starb (wir berichteten hier). Zu seinem 500. Todestag wurde 1915 das gigantische, ja überdimensionierte (Gegen-) Denkmal des Bildhauers Ladislav Šaloun von tschechischen Nationalisten und unter dem Missmut der Obrigkeit errichtet. Der überlebensgroße Hus blickte damals grimmig die Säule mit der Maria an, die wiederum triumphierend die Hinrichtungsstätte von 1621 anschaute. Nach der Zerstörung der Mariensäule schaute Hus ins Leere und im Grunde war damit auch ein historisches Geflecht von Aktion, Reaktion und Gegenreaktion zerstört. Mit dem Wiederaufbau de Säule konnten nun historische Sinnzusammenhänge wieder sichtbar werden. Und Jan Hus hat, wie man oberhalb rechts sieht, wieder etwas, das er böse anschauen kann. Hus und Maria bedingen irgendwie einander…

Treibende Kraft der Bewegung zur Wiederaufstellung wurde der Bildhauer Petr Váňa, der 1997 damit begann, in Eigeninitiative eine genaue Replik der Mariensäule herzustellen, die dann am Originalort aufgestellt werden sollte. Anträge für eine Genehmigung zur Aufstellung lehnte der Rat wegen massiver Protest lange Zeit ab. Váňa blieb hartnäckig und machte mit großen PR-Aktionen – er ließ unter anderem die fertige Säule auf einem Boot die Moldau hinauffahren – sein Anliegen publik. 2013 genehmigte der Rat die Aufstellung zwar aus Gründen der Stadtbildpflege, aber das Ordnungsamt weigerte sich lange, die zum Aufbau des bereits fertigen Denkmals nötige Absperrung zu genehmigen. 2017 kippte eine neue Ratmehrheit die Genehmigung. 2019 versuchte darob Váňa, die Säule illegal in einer Art „Guerilla-Aktion“ aufzustellen, woran ihn die Polizei aber hinderte. Schließlich kam im Januar 2020 wieder eine Genehmigung (weil sonst das Ganze endgültig zur Posse geworden wäre), die dann auch durchgesetzt wurde.

Dem war übrigens ein versöhnliches und sehr ökumenisch gedachtes Signal vorausgegangen. Die nach den Hinrichtungen von 1621 zwangskatholisierte (und heute immer noch kaltholische) Teynkirche, die neben dem Denkmal steht, und die zuvor den Hussiten gehörte, wurde 2018 wieder mit dem hussitischen Symbol des Kelchs an der Fassade versehen – ein Akt der Versöhnung und vielleicht auch der Abbitte seitens der katholischen Kirche. So wurde endlich ein Klima vorbereitet, in dem nicht mehr ererbte nationale oder religiöse Konflikte, sondern denkmalpflegerische und städtebauliche Aspekte die Oberhand behielten. Kurz: Am 4. Juni 2020 konnten Váňa und seine Mitstreiter den Abschluss der Aufstellung der Mariensäule vermelden.

Noch einige Worte zur Gestaltung der Säule selbst: Die Säule steht auf einem Sockel, der wiederum auf einem fast tischförmigen Podest ruht. In dem freien Raum darunter befand sich ursprünglich die Kopie eines Marienbildes aus Stará Boleslav, das einst dem böhmischen Nationalheiligen Wenzel gehörte und als Palladium Böhmens bekannt ist – als Schutzheiligtum des Landes. Dadurch wurde eine geschickte Verbindung des durch die Säule symbolisierten Herrschaftsanspruchs der Habsburger und der politisch-religiösen Traditionen der Tschechen erreicht. Tatsächlich trug das Marienbild dazu bei, viele Prager mit der Säule zu versöhnen und zum Gegenstand von Völksfrömmigkeit zu machen. Man hat nun keine genaue Kopie, aber doch eine Marienikone hier wieder eingefügt – geschützt durch ein vergoldetes Gitter.

Was zur Zeit noch nicht wieder aufgebaut ist, sind die vier überlebensgroßen Statuen, die auf den Pfeilern des unteren Podests standen, und die die vier Kardinaltugenden repräsentierten, die mit Schwert oder Lanze das Böse bekämpfen (ein Fragment sieht man bei dem Bild vor dem Lapidarium weiter oben). Eine von ihnen wurde 1757 bei der Belagerung Prags durch die Preußen durch eine Kanonkugel zerstört und erst 1858 durch den Bildhauer Josef Edgar Böhm wiederhergestellt. Se harren noch der Aufstellung. (DD)

Dorfkirche mit Wandmalereien

Der Ortsteil Hostivař gehört erst seit 1922 zu Prag. Zuvor war er ein kleines, bäuerlich geprägtes Dorf außerhalb der Stadtmauern gewesen. Mit der Expansion Prags holte (vor allen in den 1970er Jahren) eine wahre Wüstenei von Plattenbauten das Areal ein, so dass man heute fast schon überrascht ist, wenn man sich nach soviel Großstadt, Stahl und Beton plötzlich im alten Dorfkern befindet. Der ist allerdings entzückend und birgt mit seiner Dorfkirche, der Kirche der Enthauptung des Heiligen Johannes des Täufers (Kostel Stětí sv. Jana Křtitele), ein wahres Juwel in sich.

Die noch deutlich sichtbaren romanischen Ursprünge gehen wahrscheinlich ins 11. Jahrhundert zurück. Der damalige Bau wurde wohl vom rund 30 Kilometer entfernten Kloster Sázava betrieben. Als Pfarrkirche wird sie allerdings erstmals 1352 erwähnt. Im 13. wurde die Kirche im frühgotischen Stil umgebaut und erweitert. Sie erhielt ihre charakteristische rechteckige Form, wobei gottlob die alte romanische Apsis erhalten blieb.

Dort befinden sich auch noch umfangreiche und ausgesprochen gut erhaltenene Wandmalereien (kleines Bild rechts; großes Bild oben) aus dem 13. Jahrhundert – der eigentliche Schatz des Gebäudes. Sie stellen in der Halbkuppel den Herrgott und den gekreuzigten Jesus dar; darunter befinden sich die Heiligen Johannes (der Namenspatron der Kirche) und Katherina, sowie die Apostel Petrus und Paulus. Am unteren Rand sieht man eine Darstellung der Geburt Christi. Man ist beeindruckt, wie frisch sich die kontrastreichen Farben erhalten haben.

Der unbekannte Künstler hatte sich damals wohl an bekannten Vorbildern orientiert, die er in Manuskripten aus dem 12. Jahrhundert, wie etwa dem Westminster Psalter, fand. Derartiges findet man auch in Deutschland. Es ist ein Beleg dafür, wie die Schriftkultur de Zeit schon für eine Art Globalisierung in der Kunst sorgte. Jedenfalls würde man in einer Dorfkirche in einer (damals) so kleinen Gemeinde ein solches Niveau sonst nicht erreicht haben.

Die Kirche steht frei in einer großen ummauerten Rasenfläche, die dereinst der Kirchhof war. Am nördlichen Eingang befindet sich heute an der Stelle, wo einst die Leichenhalle war, ein hölzerner Glockenturm.

Auch nach dem 14. Jahrhundert wurde die Kirche immer wieder einmal ein wenig umgebaut und verändert. Vor allem 1864 ging man daran, die Kirche, die im späten 18. Jahrhundert im Stil des Klassizismus umgestaltet worden war, wieder „authentisch“ ins stilistische Mittelalter zurückzuversetzen, was recht gut gelang. Die schönen Malereien befinden sich jedenfalls ein einem geschmacklich sehr passenden Umfeld. (DD)

Gutes Bier vom Lande

Die Vielfalt an Biersorten, die man in Prag genießen kann, nimmt glücklicherweise ständig zu. Neben den üblichen Markenbieren kann man in einer ständig zunehmenden Zahl von Kleinbrauereien hausgebrauten und erlesenen Gerstensaft genießen. Dazu kommen immer mehr moderne Craft Beer-Kneipen, wo viele regionale Biere aus ganz Tschechien in großer Zahl angeboten werden. Ein neuer Trend ist aber auch, dass lokale tschechische Brauereien/Braugaststätten aus Gegenden weit außerhalb von Prag hier in der Metropole eine Filiale aufmachen.

Seit Anfang 2020 ist das Restaurant Sladovna (Mälzerei) der Pivovar Cvikov aus Cvikov (früher auf Deutsch Zwickau in Böhmen; nicht zu verwechseln mit Zwickau in Sachsen) ein gutes Beispiel dafür. Ähnlich hat es schon 2018 die Klosterbrauerei Osseg, über die wir hier berichteten, gemacht, als sie nach Prag Vinohrady zog. Die Filiale der Braugaststätte der Cvikov-Brauerei hat es nun in die Neustadt, genauer in die Vodičkova 12/5 in der Neustadt (Prag 2) und unweit des Neustädter Rathauses gezogen.

Mit dem Ableger hielt ein traditionsreiches gutes Stück Braukunst in Prag ein. Die Bürger von Cvikov durften Bürger 1560 qua königlichen Privileg auch offiziell (inoffiziell taten sie es garantiert schon vorher) Bierbrauen. Eine richtige Brauerei gab es ab 1731. Aber 1866, 1882 und 1909 wurde die Brauerei in drei Bauphasen erst zu einer richtig großen Bierfirma ausgebaut. Ein weiterer Ausbau erfolgte 1931; damals trugen viele der dort gebrauten Biere noch deutsche Namen wie z.B. „Bürgerbräu“. Nach dem Ende der Nazibesetzung 1945 wollte der Besitzer die Brauerei, die eine richtige Erfolgsstory war, noch einmal ausbauen und vergrößern. Aber so weit kam es nicht. Die Kommunisten, die 1948 die Macht erschlichen, enteigneten den Betrieb noch im selben Jahr. Sie wurde nun in den Mega-Staatsbetrieb Severočeské Pivovary in Ústí nad Labem eingegliedert, wo sie im Morast des sozialistischen Zentralismus ein Schattendasein fristete. Wie zu erwarten setzte eine Phase der Misswirtschaft ein. Und so schloss die Brauerei 1968 ihre Pforten. Die alten Brauereigebäude wurden als Autogarage, Werkstatt, Lager oder Diskothek missbraucht. Überall sah man Verfall. Das war das Ende – aber gottlob nur vorübergehend. 2013 – als man schon kein Lebenszeichen in den Hallen mehr erhoffte – erwarb der Investor Jiří Jakoubek die alten Anlagen und ließ sie mit Hilfe des erfahrenen Brauunternehmers Viktor Tkadlec auf Vordermann bringen.

In Cvikov selbst wurde die Brauerei-Gaststätte schnell der „Platzhirsch“ (mit einem eigenen Hotel dazu) und in der unmittelbaren Umgebung fand es in anderen Kneipen rasch Absatz. Die Cvikov Brauerei ist nun ein regionaler Champion. Nun griff man nach Prag aus. Dort ist die Konkurrenz größer als in Cvikov. Man wird sehen, wie sie sich behauptet. Gut aufgestellt ist man allemal. Braumeister Martin Čech liefert ein breites Angebot von 4 bis 6 gezapften Bieren, die sich allesamt nicht an aktuellen Modetrends (wie das zur Zeit bei jungen beliebte Pale Ale) orientieren, sondern feinste Traditionsbraukunst mit sehr süffigen und malzigen Bieren in den Mittelpunkt stellen – etwa das mit 8% Stammwürze sehr leichte und sommerliche Sklář oder das mit 13% stärkere halbdunkle Sváteční, das einen etwas hopfigeren Unterton hat. Eine Auswahl sieht man schon oben auf dem großen Photo oben – auch ohne Geschmacksprobe bietet sie schon einen optisch farbenfrohen Eindruck.

Hinzu kommt das Essen, das in der Regel gehobener „böhmischer Klassik“ entspricht -so wie der Tatarák im Bild oben. Viele tschechische Traditionsgerichte werden dabei etwas moderner präsentiert, wie man vorne auf dem Bild rechts sieht. Die tschechische Entenbrust wird auf einem Salat serviert, was sehr lecker war. Auch etwas „jugendlichere“ Delikatessen, wie der wuchtige Burger im Hintergrund, werden angeboten. Das und die sehr moderne, aber durch Holzvertäfelung sehr gemütliche Einrichtung die Biertradition vom Lande zu einem Gewinn für Prag werden. (DD)

Hier spielte Einstein Geige

Auf die Prager scheint er hauptsächlich mit seinem Geigenspiel Eindruck gemacht zu haben. Albert Einstein hatte die Jahre 1911/12 in Prag verbracht. Hier hatte er erstmals eine echte Professur inne und wesentliche Beiträge zur Entwicklung der Relativitätstheorie geleistet. Aber das schien dem Bildhauer und Medailleur Zdenĕk Kolářský 1998 zwar eine Erwähnung wert, aber nicht die Hauptsache zu sein, als er die Gedenkplakette am diesem Haus auf dem Altstädter Ring (Staroměstské náměstí 551/17) anfertigte.

Ins Deutsche übersetzt heißt es da: „Von 1911 bis 1912 spielte der Professor für theoretische Physik an der Prager Universität, Schöpfer der Relativitätstheorie, Nobelpreisträger Albert Einstein, im Haus zum Weißen Einhorn in Berta Fantas Salon Geige, traf sich mit Freunden und den Schriftstellern Max Brod und Franz Kafka.“

Einstein war tatsächlich ein begabter und leidenschaftlicher Violinist, was sich mit Tondokumenten belegen lässt. Seine Geige nannte er zärtlich Lina. Wie der fast ebenso geniale Inspector Clouseau spielte er spontan sein Instrument nachts im Bett, wenn er nicht einschlafen konnte, oder auch, wenn er (wie Sherlock Holmes) über ein Problem nachgrübelte. Aber er ließ sich auch zu öffentlichen Auftritten im kleinen Kreis animieren, etwa zu Wohltätigkeitszwecken. Womit wir wieder beim Haus zum Weißen Einhorn (Dům U bílého jednorožce) am Altstädter Ring sind. Hier trat er tatsächlich in kleinerem Kreise auf – gerne auch in der Begleitung der Pianistin Otilie Nagelová.

Das Haus ist eines der ältesten auf dem Altstädter Ring. Seine Ursprünge lassen sich bis in die Romanik zurückverfolgen. Im 17. Jahrhundert erhielt es seine im wesentlichen bis heute bestehende barocke Außengestalt. Damals gab es hier eine Apotheke unter dem Namen „Zum weißen Einhorn“, die dem Haus bis heute seinen Namen gab. 1903 zogen hier die berühmtesten und wichtigsten Bewohner des Hause ein: Max Fanta, der wohlhabende Apotheker und Erfinder der Fantaschale, und seine Frau Berta Fanta (geb. Sohr), eine bekannte Frauenrechtlerin. Und es war Berta, die in ihrem Salon (oberhalb der Apotheke ihres Mannes) die großen Geister Prags zusammenbrachte.

Einstein wurde hier mit offenen Armen empfangen und war regelmäßiger Gast. Ob er Kafka hier wirklich traf, ist wahrscheinlich, aber nicht ganz gesichert. Aber auch sonst befand er sich in illustren Kreisen: Der Schriftsteller Max Brod, der Anthroposoph Rudolf Steiner, die Autorin Else Lasker-Schüler, der Schriftsteller Franz Werfel, der Philosoph Christian von Ehrenfels – sie alle und noch mehr gingen in Berta Fantas Salon ein und aus. Kein Wunder, dass sich Einstein in diesem hochintellektuellen Milieu stets wohlfühlte und deshalb ab und an auch seine Geige auspackte. Und deshalb sieht man auf der Gedenkplatte neben dem Eingang des Hauses eben nicht nur das Profil des Physikers, seine berühmte Formel E = mc², den Altstädter Turm, sondern vor allem einen großen Notenschlüssel, der seine Liebe zur Geige symbolisiert. (DD)

Hier wohnte Einstein

Es ist nicht jedermann bekannt, aber auch Albert Einstein fühlte sich Prag immer sehr verbunden. Immerhin hatte er hier vom Januar 1911 bis zum Oktober 1912 erstmals eine reguläre Professur inne. Und im übrigen fand der Erfinder der Relativitätstheorie die Stadt nicht nur relativ, sondern ganz und gar großartig: „Die Stadt Prag ist übrigens wundervoll, so schön, dass sie allein schon eine grössere Reise lohnen würde.“ Recht hatte er – und ebenfalls nicht nur relativ.

Der Physiker, der schon um 1908 erste Forschungen in Richtung Relativitätstheorie begonnen hatte, wurde nunmehr ordentlicher Universitätsprofessor für theoretische Physik an der deutschen Universität in Prag. Diese war der deutsche Zweig der altehrwürdigen Karlsuniversität, die 1882 in einen tschechische und eine deutsche Universität aufgeteilt worden war, um die Spannungen zwischen beiden Volksgruppen zu mindern. Zwischen beiden herrschte eine arge Rivalität und nicht zuletzt erhoffte sich die deutsche Universität mit der Berufung eines innovativen Geistes wie Einstein, einen Vorsprung zu gewinnen.

Einstein stand über diesen Zankereien. Er genoss Prag sehr, nicht nur die schöne Stadt, sondern er fand Kontakt zu bedeutenden Wissenschaftlern wie Ernst Mach, verfasste etliche brillante Aufsätze und pflegte die Bekanntschaft mit großen Literaten wie Max Brod und Franz Kafka. Dafür war er sogar bereit, die österreichische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Während dieser glücklichen Zeit lebte er mit seiner Familie in einer Wohnung in einem schönen Mietshaus im Spätjugendstil im Stadtteil Smíchov in der Lesnická 1215/7. Das Haus war damals brandneu, denn es wurde erst 1910 erbaut. Erst im Jahre 1979 raffte man sich auf, Einstein auch hier zu ehren. Über dem ersten Stock wurde eine Büste des Physikers angebracht – ein Werk der Bildhauer Milan Benda und Ivan Hněvkovský. Auf der dazu gehörenden Plakette steht, dass Einstein hier 1911/12 wohnte und arbeitete. (DD)

König der Poller

Er starrt die Leute, die hier vorbeikommen, schon seit Jahrhunderten an. 600 Jahre soll er alt sein. Aber genau weiß man es nicht. Doch eines wissen die Prager: Er ist der König der Poller (Král patníku). So heißt er nämlich im Volksmund.

Er befindet sich an einer Kurve an der Na Perštýně 352/18, Ecke Jilska, inmitten der Altstadt. Man kann sich vorstellen, dass hier, wo heute hauptsächlich Touristen in Massen zu Fuß entlangschlendern, sich früher unzählige Kutschen, Karren und Fuhrwerke durch die enge Straße zwängten und dabei mit ihren eisenbeschlagenen Rädern viel Schaden an den Hauswänden anrichteten. Und deshalb gab es die Poller, auch Radabweiser oder Preller genannt. Damit sie ihrerseits die Fuhrwerke nicht kaputt machten, waren sie meist abgerundet. Sie konnten dekorativ gestaltet sein, wie dieser hier, aber ihr Hauptzweck war, dass die Räder der Fuhrwerke abgewiesen wurden und somit der Schaden abgewendet werden konnte.

Dieser Poller ist mit einem Maskaron, einer grotesken Maskendarstellung, ausgestattet, in diesem Fall wohl der eines Kobolds. Kobolde sind in der Welt der Märchen eine Art Hausgeist (außer für Grüne, die sie bekanntlich in E-Batterien wähnen). Wie dem auch sei, so ein großerKobold mag durchaus zu schnell in die Kurve fahrende Wägen ein wenig abgeschreckt haben – schließlich war man in diesen Zeiten gerne abergläubisch. Er ist wohl der älteste erhaltene Poller in ganz Prag.

Auf jeden Fall ist der König der Poller älter als das Haus (zumindest in dieser Form), das er schützt. Aber natürlich ist es wie überall in der Altstadt. Es gab frühere Bauphasen, deren Spuren man kaum noch sieht. Die Ursprünge reichen in die Romanik zurück und im 13. Jahrhundert wurden hier vier kleine Häuser erbaut, von denen eines einem gewissen Jan Sladký gehörte, nach dem das Haus heute benannt ist: Dům U Sladkých (Haus beim Sladký).

Für die Mitte des 15. Jahrhunderts ist hier eine Brauerei urkundlich erwähnt. Möglicherweise entstand der spätgotisch anmutende Poller irgendwann in dieser Phase. Die vier Häuser verschwanden dann 1666 fast völlig, indem sie zu einem barocken Haus zusammengefügt wurden, das aber immer noch diesen Namen trägt.

Zu der barocken Neugestaltung, die im Kern immer noch das Äußere des zweistöckigen Hauses (mit Ausnahme des wesentlich älteren Pollerkönigs) prägt, gehört auch die in einer Nische auf Höhe des zweiten Stocks befindliche Statue des Heiligen Judas Thaddäus, die 1697 von dem Bildhauer Franz Preiss angefertigt wurde. Auch das Portal mit seinen Frucht-Ornamenten trägt zum barocken Erscheinungsbild bei. Der König der Poller bleibt aber die eigentliche Attraktion des Hauses. (DD)