Gedenken an die Schriftstellerin

Eine emanzipierte Frau zu sein, die aktiv ihre Rechte einfordert, war im 19. Jahrhundert noch ein großes Wagnis. Sowar es auch bei der Schriftstellerin Božena Němcová der Fall, die heute vor 158 Jahren, am 21. Januar 1862 starb.

Zwar geleitete nach ihrem Tod die crème de la crème der böhmischen Literaten und viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens am Nationalfriedhof ihren Sarg zu Grabe, aber sterben musste sie in bitterster Armut. Obwohl die für Frauenrechte und Demokratie engagierte Schriftstellerin (siehe früheren Beitrag hier) große literarische Erfolge hatte (etwa ihr heute noch vielgelesener Roman Babička von 1855) und sie es heute sogar auf den 500-Kronen-Geldschein gebracht hat, bekam sie nie einen hinreichenden Lohn für ihre Arbeiten, um die Unstetigkeit der Einkünfte ihres Mannes, mit dem sie eine lieblose Ehe führte, zu kompensieren.

Im Jahre 1861 musste die mittlerweile alleine lebende Němcová ihre Wohnung in der Štěpánská 544/1 (Prag 2) aufgeben, um sich im Dům U Tří lip (Haus bei den Drei Linden) in der Na Příkopě 854/14 (nahe dem Wenzelsplatz) niederzulassen. Das war zu dieser Zeit ein eher heruntergekommenes Gasthaus, wo sie von Almosen lebend im Prinzip nur noch auf den Tod in Armut warten konnte.

Das Haus, in dem sie starb, wurde in den Jahren 1927 bis 1933 von dem Architekten Bedřich Bendelmayer durch ein neues Gebäude ersetzt, das in keiner Weise mehr ärmlich war. Es handelte sich nämlich um das Gebäude der Tschechoslowakischen Handelsbank (Československá obchodní banka, ČSOB). Die hatte aber immerhin Herz für die arme und lange verstorbene Schriftstellerin. Schon 1932 brachte man an der Fassade im Erdgeschoss eine Gedenkplakette mit einer Büste der Schriftstellerin an, ein Werk des Bildhauers Bohumil Neužil. Aber selbst diesen postumen Nachruhm konnte sie nicht lange genießen, denn während der Nazibesetzung wurde das kleine Denkmal der rebellischen Frau demoliert. 1946 wurde es auf Initiative des Zentralverbandes Tschechischer Frauen (Ústřední spolek českých žen) wiederhergestellt. Der Text der Plakette erinnert heute daran: „Hier im ehemaligen Haus zu den Drei Linden beendete Božena Němcová ihr Leben, Schöpferin der Babicka, 4. Februar 1820 – 21. Januar 1862. Während der Besatzungszeit beschädigt und von der Zentralgesellschaft der Tschechischen Frauen wieder erneuert 1946.“ (DD)

Wallfahrtsort

Am 19. Januar 1969 – vor nunmehr genau 51 Jahren – war der junge Student Jan Palach (früherer Beitrag hier) an den Folgen seiner Selbstverbrennung gestorben, die er drei Tage zuvor auf dem Wenzelsplatz als Fanal gegen die zunehmende Apathie der Menschen nach der brutalen Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Paktes durchgeführt hatte. Die Tat hatte die Menschen in aller Welt berührt und die kommunistischen Machthaber fürchteten zurecht, dass Palach nun zum Märtyrer und zum Symbol jener Freiheit werden würde, die sie den Bürgern gewaltsam vorenthielten.

Selbst vor dem toten Jan Palach schienen sie Angst zu haben. Der war zunächst auf dem großen und zentralen Olšany-Friedhof (früherer Beitrag hier) bestattet worden, und die Behörden glaubten nicht völlig ohne Grund, dass das Grab nun zur Wallfahrtsstätte der freiheitsliebenden Dissidenten und Regimegegner werden würde.

Für das Grab hatte der Bildhauer Olbram Zoubek, der nach dem Ende der Schreckensherrschaft 1989 das Denkmal für die Opfer des Kommunismus auf der Kleinseite gestalten sollte, Zoubek, der übrigens Palach die Totenmaske (hier) abgenommen hatte, schuf eine eindrucksvolle Skulptur für das Grab. Sie zeigt eine Bronzefigur, die an den verbrannten Körpers erinnert, und die auf der flachen Grabplatte liegt. Schon im Juli 1970 demontierten die Machthaber das Grab und ließen die Bronzefigur einschmelzen. 1973 ließen sie Palach gar exhumieren und einäschern. Die Asche beerdigten sie in Všetaty, dem nordböhmischen Wohnort der Eltern Palachs – ein eher abgelegener Ort, der versprach, dass nur wenige „Pilger“ das Grab aufsuchen würden. Um ganz sicher zu gehen, veranlassten sie auch, dass an den Jahrestagen der Selbstverbrennung die Züge aus Prag nicht am dortigen Bahnhof hielten.

1990 – kurz nach der Samtenen Revolution – wurde dieser Spuk und diese Schmach beendet. Palachs Überreste wurden wieder nach Prag an den ursprünglichen Ort zurücküberführt. Die Grabgestaltung von Olbram Zoubek wurde wiederhergestellt. Das Grab, das unweit des Haupteingangs (genauer: einige Meter rechts davon) liegt, ist immer mit Blumen bedeckt. Das, was die Kommunisten verhindern wollten, ist nun doch wahrgeworden – Palachs letzte Ruhestätte ist zu einem kleinen Wallfahrtsort für diejenigen geworden, denen die Freiheit noch etwas bedeutet. (DD)

Luxusboutique für Caniden mit Niveau

Prag ist – wir werden nicht müde, es zu wiederholen – eine Stadt für Hundefreunde. Die Hundepopulation ist groß. Und der Markt sorgt dafür, dass es den treuen Vierbeinern an nichts mangelt. Teilweise ist sogar ein Luxusleben angesagt. Durch Zufall kamen wir mit Lady Edith am Letenské náměstí 156/1 in einem eher hip-alternativen Teil von Bubeneč (Prag 7) an diesem Laden vorbei: dem Dogtown.

Wir konnten dem nicht widerstehen und gingen einfach mal rein, zumal Lady Edith auch schon Witterung bekommen hatte und andere Hunde beim Betreten sah und uns in Richtung Eingang zerrte. Das Dogtown entpuppt sich schon visuell als das, was es ist, nämlich eine Luxusboutique. Alles ist extrem geschmackvoll eingerichtet. Hier scheint es in der Umgebung eine Klientel zu geben, die sich das hier leisten bzw. das ihren Hunden gönnen kann.

Kerngeschäft sollte wohl ursprünglich eine Hundebäckerei (d.h. eine Bäckerei für Hunde!) sein. Und die gläserne Auslage am Eingang offenbart auch ein Sortiment an kleinen Backwaren, bei dem man vergessen könnte, dass man kein Hund und die Leckereien kein Menschenfutter sind. Neben interessanten Geflügel-, Rind- und Fischspezialitäten gibt es sogar Angebote für vegetarische Hunde, wobei die Idee sich doch irgendwie aufdrängt, dass das mit dem Vegetariertum eher von Herrchen oder Frauchen als vom Hund selbst erdacht wurde.

Aber Dogtown ist mehr. Man betreibt eine eigene Marke mit Dosenfutter für Caniden aller Arten – garantiert frei von allen potentiell (vermutlich auch wieder von Herrchen und Frauchen, weniger vom Hund) als schädlich empfundenen Zusatzstoffen. Die Dosen sind passend zur Inneneinrichtung designed worden. Alles sieht schick aus! Der Laden ist ein Gesamtkunstwerk.

Aber Dogtown ist mehr. Man bekommt jedes Zubehör – von der Leine bis über Körbchen und Spielsachen zum Hundemäntelchen. Etwas gehobene Accessoires für den distinguierteren Hund fehlen nicht, wie etwa Hundekrawatten oder -fliegen. Die Hunde, die den Laden sind hinterher verlassen, sind möglicherweise besser angezogen als die meisten Humanoiden auf der Straße draußen. Kurz: Für einen Caniden mit Niveau, wie Lady Edith, genau angemessen. Ein Hundesalon für die Körperpflege und Verschönerung des Äußeren wurde angeschlossen.

Hier einkaufen ist Spaß für Mensch und Hund (Lady Edith kriegte das erste Häppchen schon drinnen). Der Laden sieht uns nicht das letzte Mal. Nicht ganz billig ist das Ganze natürlich. Aber ein wenig Dekadenz muss auch was kosten. Sonst wäre es ja keine richtige Dekadenz und nur halb so viel Spaß. (DD)

Gedenken an Aktion Kulak

Bei der Aufzählung kommunistischer Verbrechen in der Tschechoslowakei darf die Kollektivierung der Landwirtschaft nicht fehlen. Neben dem Landwirtschaftsministerium (Těšnov 65/17) steht ein Denkmal, das der Opfer gedenkt.

Klement Gottwald, der Anführer der Kommunisten, die 1948 im Lande die Macht übernahmen, packte seine Botschaft zunächst in Zuckerwatte ein. Seine Agrareform sei im Sinne des redlich arbeitenden Kleinbauern und die Kollektivierung werde nur die reichen Großbauern mit einem Besitz von mehr als 50 Hektar betreffen. Und deren Land solle großzügig an die Kleinbauern verteilt werden, die damit ein besseres Leben beschert bekämen, sagte er. Aber das war nur ein Teil seiner Strategie, die Bauern gegeneinander auszuspielen, um am Ende alle überwältigen zu können. Als die Großbauern erledigt waren, kamen auch die Kleinbauern an die Reihe.

Denn je mehr sich die Macht der Kommunisten konsolidierte, umso mehr wurde der stalinistische Grundcharakter ihrer Agrarpolitik sichtbar. Immer weniger sanft wurde der Druck auf alle Bauern, sich sogenannten Genossenschaften (eine kaschierende und verharmlosende Bezeichnung für Verstaatlichung) anzuschließen. Es wurden zum Beispiel Quoten für landwirtschaftliche Erzeugnisse festgelegt, die zu so niedrigen Preisen verkauft werden mussten, dass die Bauern gnadenlos um ihre Existenz gebracht wurden und ihnen nichts anderes übrig blieb, als sich kollektivieren zu lassen.

1951 rollte die „Aktion Kulak“ an. Schon diese russische Bezeichnung zeigte, wie sehr Gottwald als Schüler Stalin auftrat. Als Kulaken wurden in der Sowjetunion die (echten oder vermeintlichen) Großbauern bezeichnet und der Massenmord an ihnen während der Kollektivierung in den 1930er Jahren gehört mit rund 600.000 Todesopfer zu Stalins großen Verbrechen. Mit diesem Vorbild im Sinn wurden in der „Aktion Kulak“ in der Tschechoslowakei rund 4.000 Bauern gewaltsam von ihren Höfen vertrieben – und zwar nicht nur Großbauern, sondern vor allem auch jene Bauern, die als regimekritisch galten. Wer sich widersetzte, wurde ins Gefängnis gesteckt. Es kam sogar zu etlichen Hinrichtungen.

Die kollektivistische Planwirtschaft, die das freie Bauerntum nun ersetzte, zeichnete sich als Mangelwirtschaft aus. Sie hinterließ zudem ein ökologisches Desaster. Chemikalien verseuchten den Boden und die unfachgemäßen Kanalisierungen der Wasserversorgung gelten heute als eine der Ursachen für die großen Moldaufluten, die seit dem Untergang des Kommunismus etliche Male Prag verwüsteten.

Von den Tätern wurde leider niemand wirklich bestraft. Aber heute wird immerhin wieder 25% der Gesamtfläche Tschechiens von Privatbauern bewirtschaftet – ein Segen, den wir den Privatisierungen nach der Samtenen Revolution 1989 verdanken, wie die Vereinigung der privaten Landwirte (Asociace soukromého zemědělství) bei Aufstellung des Denkmals feststellte.

Die schrieb auch 2001 den Künstlerwettbewerb für das Denkmal der Opfer aus, den der Bildhauer Jiří Plieštik gewann. Seit 2004 steht das von ihm entworfene Denkmal für die Opfer der Kollektivierung in der Landwirtschaft (Památník obětem kolektivizace v zemědělství) nun nahe der Moldau mit einer aus kleinen Betonstufen bestehenden Umfassung der Architekten Zuzana Mezerová und Tomáš Novotný.

Das Denkmal zeigt ein hochragendes Bündel von sich die Freiheit bahnenden Ähren, die mit Stacheldraht umwickelt sind. Eine Tafel schildert kurz die Gräuel der Kollektivierung und zitiert ein Gedicht des spätromantischen Dichters Josef Václav Sládek aus dem Jahre 1890 über die Ewigkeit von Acker und Land. (DD)

Ehemaliges Kleinbordell

Seine Geschichte schwankt zwischen Klosterbesitz und Sündenpfuhl. Und vor allem sieht es wirklich eng aus. In der Anežská 1043/4 inmitten der Neustadt kann man das kleinste bzw. schmalste Haus Prags bestaunen. Es ist nur zwei Meter und 50 Zentimeter breit. Und die Höhe von recht schlappen vier Metern unterstreicht den Eindruck von Winzigkeit nur. Das schrille Grün des Anstrich sorgt erst dafür, dass es dem Vorbeigehenden überhaupt auffällt.

Das Kleinste Prager Haus (Nejmenší pražský dům) wurde im Jahre 1853 von dem Architekten Josef Liebl erbaut. Weshalb die Enge? Nun, wir befinden uns hier im Umfeld des Agnesklosters (Anežský klášter), wo die Straßenverläufe (und –breiten) noch ganz dem Stadtplan des Mittelalters entsprechen. Alles ist verwinkelt und eng. Für das Haus fand man damals wohl nur noch einen Platz auf einer früheren kleinen Passage, die zwischen zwei anderen Häusern die Anežská mit der Řásnovka-Gasse verband. Das limitierte den zur Verfügung stehenden Raum arg. Es gab im Grunde nur zwei kleine Räume hintereinander, ab 1862 sogar drei.

Das gesamte Areal um das Gebäude gehörte ursprünglich zum Kloster, das aber 1782 im Zuge der Kirchenreformen Kaiser Josephs II. säkularisiert worden war und heute die Sammlung für mittelalterliche Kunst der Nationalgalerie beherbergt.

Diesem ursprünglich frommen Umfeld entsprach das Kleinste Haus in seinen besten Zeiten allerdings nicht. Ganz im Gegenteil: Bis 1922 diente es nämlich durchgängig als Bordell – möglicherweise, so muss man annehmen, sogar das kleinste seiner Art in Prag.

Wer heute das Haus mit sündigen Gedanken aufsucht, wird allerdings enttäuscht. Im Grunde ist das Ganze heute ein Fassadenschwindel. Der größte Teil des Hauses (mit Ausnahme eines Lagergewölbes im hinteren Abschnitt) ist nämlich abgerissen worden, sodass man eigentlich fast alles gesehen hat, wenn man die Vorderfront gesehen hat.  Man erkennt aber noch die Mühen, die der Architekt aufgewendet hat, um das kleine Haus ein wenig imposanter erscheinen zu lassen. Grobe Rustifizierungen umgeben ein vergleichsweise groß dimensioniertes Eingangstor. Klein, aber trutzig, sieht das aus. Wenn kleine Dinge beeindrucken, beeindrucken sie bekanntlich um so mehr. (DD)

Dramatische Stunden im Grünen Salon

Unterhalb der Burg findet man auf der Kleinseite eine Reihe von Palästen und Gärten (früheres Beispiel hier). Sie finden bei den Besuchern der Stadt meist nicht so viel Beachtung wie die Paläste oben im Burgviertel. Sie sind aber nicht minder sehenswert. Einer davon ist der Kolowrat Palast (Kolovratský palác) in der Valdštejnská 154/10 ein Gebäude, in dem dramatisch Geschichte geschrieben wurde. Der Palast wurde 1776 an der Stelle mehrerer Stadthäuser aus der Zeit der Gotik und der Renaissance im Auftrag von Herman Jakob Czernin von Chudenitz als barockes Schloss erbaut. Als Architekten konnte man dafür den damaligen Star-Baumeister Johann Ignaz Palliardi gewinnen.

Vieles an dem Bau sieht tatsächlich sehr original „barockig“ nach der Handschrift Palliardis aus, aber vor allem innen hat man es in Wirklichkeit weitgehend mit einem Werk des Neo-Barock aus dem 19. Jahrhundert zu tun. 1886 war der Palast nämlich in den Besitz von Zdeněk von Kolowrat-Krakowský übergegangen, der den ihn rigoros neugestalten ließ – so rigoros, dass er am Ende sogar seinen Namen trug. Durch den Anbau von Pferdeställen und anderen Nutzgebäuden veränderte sein Sohn Hanuš das Gebäude später auch äußerlich.

Neben seiner kunsthistorischen hat der Palast aber vor allem auch eine geschichtliche Bedeutung. 1918 pachtete die junge Tschechoslowakische Republik den Palast und quartierte zunächste einmal das Sozialministerium hier ein. 1920 kaufte der Staat es schließlich und nach einigen Umbauarbeiten hielt fortan der Minsterrat in dem Gebäude seine Kabinettssitzungen ab.

Der berühmte neobarocke Grüne Salon wurde nun der Ort, wo die Republik einige ihrer dramatischsten Stunden erlebte. Am 30. September 1938 waren Präsident Edvard Beneš und das Kabinett von ihren „befreundeten“ Alliierten Frankreich und Großbritannien über das Münchner Abkommen informiert worden, das die Tschechoslowakei zwang, große Teile des Landes an Hitlers Deutschland abzutreten. Gegen Hitler und die Großmächte sich durchzusetzen, erschien dem Kabinett hier im Grünen Salon am Ende aussichtslos und man beschloss voller Verzweiflung, das Diktat anzunehmen.

Es kam noch schlimmer: Am 15. März 1939 saß das Kabinett wieder im Grünen Salon, um das von Hitler an Präsident Emil Hácha gerichtete Ultimatum zu beratschlagen, dass die Rest-Tschechei sich als „Protektorat Böhmen und Mähren“ mehr oder minder unter die Herrschaft der Deutschen stellen oder das Land bombardiert und mit Krieg überzogen werden solle. Um ein möglicherweise am Ende sinnloses Blutbad zu vermeiden, akzeptierte die Regierung das schreckliche Los, das ihr und dem Land auferlegt wurde. Deutsche Truppen marschierten ein und die Menschen waren den Nazis ausgeliefert.

Und am 27. September 1941 wurde hier der (nur noch nominell unter den Deutschen) regierende Ministerpräsident Alois Eliáš verhaftet, der seine Position mutig genutzt hatte, um heimlich Kontakte zur Exilregierung und zum organisierten Widerstand aufzubauen, um das Naziregime von innen zu bekämpfen. Er wurde im Juni des folgenden Jahres auf dem berüchtigten Schießplatz Kobylisy (früherer Beitrag hier) in Prag hingerichtet. Eine Gedenkplakette neben dem Eingang zum Gebäude erinnert an ihn und seinen Heldenmut.

In den Zeiten des Kommunismus residierte hier u.a. das Kulturministerium. Die Zeiten des Grauens sind nun vorbei. Seit 1996 hat der Senat der Tschechischen Republik, der das Gebäude von 2003 bis 2006 noch einmal renovierte, hier einen seiner Sitze. Hier befinden sich Sitzungssäle und Abgeordnetenbüros (das Plenum ist allerdings im Wallensteinpalast gegenüber). Hat man die Gelegenheit, das Gebäude mal von innen zu sehen, ist man erfreut, wie blitzblank und proper die Einrichtung heute im restaurierten Zustand aussieht. Besonders der Rosa Salon mit seinem Keramikofen beeindruckt. Desgleichen gilt für das Kowratsche Treppenhaus.

Der Senat sorgt als frei gewählte Kammer dafür, das von Regierung und Abgeordnetenhaus vorgeschlagene verfassungsändernde Gesetze oder Änderungen des Wahlrechts noch einmal gründlich erwogen werden – zum Wohl des Landes. Die demokratische Tradition des Landes wird hier noch (gegen allerlei populistische Anfechtungen) hochgehalten. Man sieht es schon an der Ausstattung. Im Bild links sieht man mich im Büro von Senator Pavel Fischer, über dessen Kamin das Portrait des Begründers der tschechoslowakischen Demokratie und ersten Präsidenten des Landes, Tomáš Garrigue Masaryk, hängt – als Inspiration und Ansporn. (DD)

Das Haus der Märtyrerin

Hier hatte sie zuletzt also gewohnt. Als Frauenrechtlerin und Mitglied des Parlaments war Milada Horáková eine der Stützen der Demokratie der Ersten Republik. Die Nazis sperrten sie nach der Besetzung ins Konzentrationslager. Sie überlebte und bekämpfte nun die Kommunisten, die im Februar 1948 die Macht an sich gerissen hatten. Sie zahlte für ihren Einsatz für die Freiheit und die Demokratie einen hohen Preis. Mit fabrizierten Indizien verurteilten sie sie nach einem stalinistischen Schauprozess zu Tode. Am 27. Juni 1950 wurde sie hingerichtet.

Milada Horáková wohnte im Stadtteil Smíchov. Die kommunistischen Behörden hatten nach ihrer Hinrichtung eine panische Angst, dass ihr Wohnhaus in der Zapova 376/3, Prag 5, nun für Dissidenten eine Art Wallfahrtstätte werden könnte. In allen Verlautbarungen nannten sie fortan die in der Nähe gelegene Straße Mošnova mit fiktiver Nummer als Adresse. Dieser plumpe Schwindel ist natürlich längst entlarvt. Seit dem März 1992 ist neben dem Eingang zum Garten an der Straße eine große Gedenktafel angebracht.

1935 zog sie mit ihrem Mann Bohuslav Horák, den sie 1927 geheiratet hatte, und ihrer zweijährigen Tochter Jana in die Villa ein. Das Haus war um die Jahrhundertwende von dem Anwalt Josef Winternitz erbaut worden. Die Horáks bewohnten zunächst nur die unteren Stockwerke.

Umgeben wird das Haus von einem großen Garten, der auch einen Ausgang zu einer Nebenstraße hat. Die kommunistische Staatssicherheit, die 27. September 1949 gerade Milada Horáková verhaftet hatte, wollte danach unmittelbar ihren Mann ergreifen (wie bei den Nazis gab es bei den Kommunisten eine Art Sippenhaft) und traten durch die vordere Gartentür (Bild rechts) ein. Sie hatten aber nicht mit der Unübersichtlichkeit des dicht mit Bäumen bewachsenen Grundstücks und der zweiten Tür gerechnet. Er konnte knapp noch entkommen und sich auf verschlungenen Wegen in den Westen retten.

Das Haus, in dem heute ein Parlamentsabgeordneter lebt, hat bis heute den Charme eines etwas verzauberten Hauses, das unscheinbar am Hang liegt und von üppigem Grün umwuchert ist. Steht man direkt davor, sieht man es inmitten der Bäume und Sträucher kaum; man muss schon die Straße etwas weiter hoch gehen, um es wirklich zu erkennen (siehe großes Bild oben). Diese Unübersichtlichkeit rettete dereinst das Leben des Ehemanns. Das der großen Märtyrerin der Freiheit jedoch nicht. Es ist gut, dass dieser Erinnerungsort das Andenken wach hält. (DD)