Ein Schloss, viel dramatische Geschichte

In den Außenbezirken von Prag, die meist erst im 20. Jahrhundert Teil der Stadt wurden, wimmelt es nur so von kleinen Schlössern und Adelssitzen. Das fernab aller Touristenströme gelegene Schloss Komořany (zámek Komořany) im zu Prag 12 gehörenden südlichen Ortsteil Komořany, genauer gesagt, dort in der Na Šabatce 2050/17, gehört dazu. Die verschlafene und fast dörfliche Atmosphäre des Ortes lassen vergessen, dass sich hier dramatische Kapitel der Prager Geschichte abspielten, die ihre Spuren an diesem Gebäude hinterließen.

Es begann schon damit, das die beiden mittelalterlichen Bauernhöfe, die hier zuvor standen, im Jahr 1420 während der Hussitenkriege niedergebrannt wurden. Es dauerte bis 1589, dass hier wieder etwas Neues aufgebaut wurde – aber das dann im großen Stil. In diesem Jahr legte der damalige örtliche Kronrichter Wenzel Sturm von Hischfeld, der gerade in den Ritterstand erhoben worden war, hier ein großes Schloss im Renaissancestil an.

Dessen Sohn verkaufte es 1607 an einen gewissen Adam Radnický von Zhora, der es schon im nächsten Jahr seiner Mutter schenkte, die es schon 1612 wieder an ein Mitglied des Geschlechts Sturm von Hirschfeld verkaufte. Joachim Sturm von Hirschfeld focht jedoch nach 1618 beim Ständeaufstand gegen die Habsburger und für die böhmische Freiheit (der den Dreissigjährigen Krieg auslöste) und somit auf der Verliererseite. Die Habsburger sorgten dafür, dass er darob kurzerhand enteignet wurde.

Fortan gehörte das Schloss (und, nebenbei bemerkt, das 1088 erstmals in Chroniken erwähnte Dorf Komořany) zum Besitz des Klosters Zbraslav (wir berichteten hier), das etwas südlich auf der anderen Seite der Moldau liegt. Den Habsburgern lag zu dieser Zeit viel daran, die katholische Kirche zu stärken, was sie damit taten.

Die neuen Besitzer bauten das Schloss um 1740 völlig um, so dass man nun ein vertables Barockschloss bewundern konnte. Und wieder rückte es in den Fokus der Geschichte. 1741 hatte der Österreichische Erbfolgekrieg begonnen, in dessen Verlauf bayerische und französische Truppen in Böhmen einfielen und die österreichischen Armeen unter Maria Theresia arg bedrängten. Im Juni 1742 näherten sich die Franzosen Prag. Und es war im Schloss Komořany, wo man noch einen letzten Versuch unternahm, den Angriff friedlich abzuwenden. Hier verhandelten der französische Marschall Charles Louis Auguste Fouquet de Belle-Isle und der Herzog von Bayern, Karl Albrecht von Bayern (der spätere Kaiser Karl VII.), mit den Abgesandten von Maria Theresia, Christian Moritz Graf von Königsegg-Rothenfels und Fürst Paul II. Anton Książę Esterházy. Die Verhandlungen scheiterten und die Franzosen besetzten Prag und wurden nun von den Österreichern belagert, denen es erst Anfang 1743 gelang, die Stadt wieder zurückzuerobern.

1785 kam die große Klosterenteignung unter Kaiser Joseph II., von der auch das Kloster Zbraslav nicht verschont blieb, was natürlich bedeutete, dass auch Schloss Komořany kein Klostereigentum mehr war. Einige Jahrzehnte gehörte es nun einem religiösen Fonds, der es zu Beginn des 19. Jahrhunderts an den Fürsten Oettingen-Wallerstein verkaufte (der in der Nähe eine Zuckerfabrik gründete), der es wiederum 1868 an eine Familie Procházka, die das barocke Schloss nunmehr vollständig im neogotischen Stil umbauen ließ, was man heute noch am augenfälligsten an der Schlosskirche mit ihrem spitzen Turm erkennen kann. 1913 erwarb es der Industrielle Karel Schulz, der im gleichen Jahr in der Nähe eine Maschinenfabrik errichtete. Der beauftragte den bekannten, auf Historismus und Jugendstil spezialisierten Architekten Alois Čenský (wir begegneten ihm bereits hier) mit einem neuerlichen Umbau. Vollendet wurde der Umbau nicht, aber neben der Erhöhung eines Flügels (des vierflügeligen Schlosses) und dem Umgestaltung eines Turm als Wasserreservoir, ist das Verschwinden des meisten neogotischen Zierrats, der als unmodern empfunden wurde.

Ein Hauch von Modernität prägte nun das Äußere, was man am besten an den kubistisch anmutenden Verzeirungen der Toreinfahrt zum Hof sehen kann (Bild rechts). Schulz starb 1932 unerwartet an einem Herzinfarkt und das Schloss fiel nach seinem Willen an den Staat. Und schon zogen neue dunkle Wolken am Horizont auf. Am 5. Mai 1945 brach der Prager Aufstand gegen die Naziherrschaft aus, und die Aufständischen benutzten das Schloss als eine Art lokale Kommandozentrale. Die Kämpfe in diesem Teil der Stadt waren besonders heftig. Am 6. Mai führten die Aufständischen hier Verhandlungen mit Vertretern der sogenannten Wlassow Armee. Das waren russische Soldaten, die als Gegner von Stalins Terrorherrschaft die Seite gewechselt hatte, um sich Hitlers Schreckensregime anzuschließen. Jetzt waren sie auch hiervon enttäuscht und boten den Aufständischen dringend benötigte Hilfe im Kampf gegen Hitler an. Aber auch diese Unterstützung konnte nicht verhindern, dass SS-Truppen tags darauf Komořany nebst Schloss besetzten. Offiziell kapitulierten die deutschen Truppen am 8. Mai, aber die hier nun eingeschlossenen deutschen Truppen kapitulierten nicht. Die Kämpfe dauerten noch bis zum 10. Mai, wobei die Aufständischen (unter anderem mit Hilfe eine improviserten gepanzerten Eisenbahnzuges) bereits von Soldaten der Roten Armee unterstützt wurden. In Komořany fielen die letzten Schüsse des Zweiten Weltkriegs auf Prager Boden.

Das Schloss – nunmehr durch die Kämpfe arg beschädigt – blieb auch nach dem Krieg in Staatsbesitz. Das galt erst recht so, als die Kommunisten im Februar 1948 die Macht ergriffen. Bis zu diesem Jahre gehörte das Schloss noch der örtlichen Sparkasse. Und zwischen 1948 und 1957 wurde es dann zur Geschäftsstelle der örtlichen Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ). Nichts passt besser zum Anspruch, die Avantgarde des verarmten Proletariats zu sein, als in einem alten schönen Schloss zu residieren, dachte man sich wohl. Aber wie heißte es auch so schön bei Orwell? Alle sind gleich, aber manche sind gleicher als andere.

Vielleicht war das dann doch zuviel der unfreiwilligen Ironie. Wer weiß? Danach zog hier auf jeden Fall das Hydrometeorologische Institut (Hydrometeorologický ústav) ein, das seither hier eine (von landesweit sieben) seiner Forschungsaußenstellen zur meteorologischen Forschung betreibt. Auf einem der Türme kann man auch von außen die modernen Messgeräte erkennen (Bild links). Das Institut ist heute immer noch hier und wurde dem Umweltministerium unterstellt. Hier betreibt man Klimaforschung, Wetterforschung, Gewässerschutz (wozu die direkt unterhalb fließende Moldau einlädt) und Luftqualitätsmessungen. Das Fernsehen wüsste ohne das ganze nicht, wie es die Wetternachrichten füllen sollte.

Während der kommunistischen Zeit wurde das Schloss anfänglich zum Teil recht lieblos wieder aufgebaut und dann (wie eigentlich üblich) dem allmählichen Verfall preisgegeben. 1991 (zwei Jahre nach dem Ende des Kommunismus) wurde der Architekt Michal Sborwitz mit der Renovierung beauftragt.

Die Arbeiten zogen sich über mehrere Jahre hin. Sie wurde 1998 mit der Eröffnung des vollständig erneuerten südlichen Flügels des Schlosses abgeschlossen, in dem sich nun unter anderem ein modernen Konferenzzentrum mit breiter Fensterfront befindet, von dem man wahrscheinlich einen schönen Ausblick auf die Moldau in Richtung Zbraslav hat. Das Schlossareal ist normalerweise für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Trotz dieser schönen Neubauten hat die Ästhetik des Schlosses unter den Wirrnissen des 20. Jahrhunderts doch recht viel gelitten. Das Ganze wirkt recht uneinheitlich. Aber man sollte ja auch bedenken, dass es heute auch nicht demn Anspruch erhebt, ein touristisches Highlight zu sein. Vielmehr ist es ein Zweckbau als Forschungszentrum.

Als Teil eines Ausflugs in den Süden Prags ist es allemals einen Abstecher wert. Drumherum findet man viel Grün, den ruhigen Flusslauf der Moldau und einige Teiche. Und von der Flussseite aus gesehen sieht das Schloss doch recht beeindruckend aus (Bild links). Für die Besucher wurde in der Umgebung ein Lehrpfad mit Namen Freiheitspfad 1938-1945 (Stezka svobody 1938-1945) angelegt, der 20 Stationen mit ausführlichen historischen Informationstafeln beinhaltet, die über die gegen die Nazis gerichteten Widerstands-Aktivitäten in der Umgebung informieren – allen voran die Kämpfe während des Prager Aufstands im Mai 1945. Tafel Nr. 15 ist den Ereignissen im Schloss gewidmet und steht direkt vor dem Hofeingang.

Auf wenn es bauhistorisch grandiosere Schlösser in Tschechien gibt, so gibt es doch kaum eines, dass eine solch aufregende Geschichte durchlebt hat. (DD)

Bei den Nilpferdbadewannen

Hroší lázeň – auf Deutsch: Nilpferdbadewanne – nannte der offenbar mit Humor gesegnete Bildhauer Josef Klimeš seine Kreation, eine Kombination von Großskulptur und Treppe, die das Herz eines jeden Freundes des brutalistischen Stils der 1970er/1980er Jahre höher schlagen lassen muss. Roher Beton in Fülle – und das ohne ein unnötig ablenkendes Umfeld! Denn drumherum sieht man auch sonst nichts anderes als Beton.

Auf den ersten Blick könnte der Spaziergänger, den es in das graue Gewirr von Eisenbahngleisen, Auffahrten und Zubringern zur Barrandov Brücke (Barrandovský most) verschlagen hat, denken, dass es sich um Stützpfeiler mit einer Aufhängung für eine dann doch nicht gebaute weitere Zubringertrasse handelt. Aber es handelt sich in der Tat um echte Kunst am Bau. Und hier, auf dem östlichen Ufer der Moldau gibt es in Sichtweite noch ein zweites Exemplar, das recht ähnlich aussieht und deshalb auch Hroší lázeň II heißt (Bild links). Man muss sich allerdings auf komplizierten Wegen am Rand der dicht befahrenen Schnellstraße dahin durchkämpfen. Echte Nilpferde dürften weder in Hroší lázeň I noch in Hroší lázeň II jemals gebadet haben, aber man muss zugeben, dass die Bezeichnung irgendwie doch den Nagel auf den Kopf trifft.

Die hiesige Ufer-Schnellstaße, die hier mit Zubringern des Prager Autobahnrings zusammentrifft, führt durch ein sehr schmales Terrain, denn der Uferstreifen wird eng durch die steil aufsteigenden Barrandov-Felsen begrenzt. Deshalb ist hier auch solch ein dichtes Gewirr von Straßen auf allen Ebenen (plus einer am Ufer fahrenden Eisenbahn). Und natürlich alles in rohem Beton, der die wachsende Zahl der Anhänger des einstmals verschrienen Brutalismus nur so verzücken muss (ansonsten ist das natürlich immer noch nicht unbedingt jedermanns Ästhetik).

Das war natürlich der angesagte Baustil als die Barrandov Brücke erbaut wurde. Sie wurde nämlich in den Jahren 1978 bis 1988 nach den Plänen des Architekten Karel Filsak (dem wir u.a. das berühmte Hotel Intercontinental in der Altstadt verdanken) gebaut. Auf dem Bild rechts kann man die Brücke von den Stufen von Hroší lázeň II aus schön begutachten. Die Brücke aus Spannbeton ist insgesamt 352 Meter lang und bis zu 55 Meter breit. Sie besteht aus zwei separaten Fahrbahnen mit je vier Fahrspuren, von denen die erst (südliche) schon 1983 eröffnet wurde. Sie verbindet die Stadtteile Barrandov (Westufer) und Braník (Ostufer). Weil das ganze Arrangement auch den Verkehr zum Autobahnring hin- und wegleitet, herrscht hier heftigster Autoverkehr. 2017 sollen hier 142.000 Autos am Tage im Durchschnitt über die Moldau gefahren sein. Die Brücke gilt als hoffnungslos überlastet.

Wie dem auch sei: nach der Eröffnung im Jahre 1988 wurden hier die beiden Nilpferdwannen (die der Volkmund auch manchmal als „Krmítko pro slony“ bezeichnet, auf Deutsch: Elefantenfutterstelle) als Kunstwerke aufgestellt, wobei die architektonisch in die Brückenkonstruktion intergriert sind. Neben ihrem Status als Kunstwerk dienen sie auch als Überdachung von Treppenaufstiegen. Wer unbedingt im Zubringerchaos die Straße wechseln oder eine der bewachsenen Verkehrsinseln aufsuchen möchte, kommt von hier aus auf das „Erdgeschoss“ und kann andernort wieder aufsteigen. Und zwar in unterschiedlicher Weise.

Bei Hroší lázeň II ruht die eigentliche „Wanne“ auf einem Treppenhaus, das um eine Ecke führt. Im Zwischendeck hat man eine Blicknische gelassen, die – vor allem am Umfeld gemessen – eine schöne Aussicht auf die Felslandschaft des gegenüber liegenden Ufers erlaubt (Bild links). Das ist schon fast Illusionskunst. Man muss sich ein wenig die Ohren zuhalten, damit man den Verkehrslärm nicht hört, aber dann konnte man an eine Idylle glauben – aber nur von diesem Blickwinkel aus.

Biegt man um die Ecke und geht herunter, dann verliert sich die Illusion. Man befindet sich zwischen Betonwänden am Straßenrand und kann sich auf einem kleinen Bürgersteig langsam auf den Weg machen.

Eine Unterführung weiter steht man vor Hroší lázeň I. Der sieht ähnlich aus, aber die Wanne ist nicht in die Treppe intergiert. Die Wanne schwebt geradezu frei auf einem umfänglichen Rundpfeiler, der längs geriefelt ist. Dadurch, so könnte man als Phantasiebegabter meinen, spielt das Ganze auf klassisch-antike Säulen mit ihren Kanneluren an. In dieser Weise freischwebend wirkt die Wanne noch brutalistischer als die von Hroší lázeň II, obwohl bei doch ungefähr gleich groß konstruiert sind. Die Treppe hinauf auf den Zubringer führt jetzt nicht durch ein Treppenhaus, sondern diagonal an der Säule vorbei unter der Wanne (die hier Regendach wird) hindurch.

Die beiden Nilpferdbadewannen konnten übrigens froh sein, dass sie erst 1989 hier aufgestellt wurden. In dem Jahr endete ja bekanntlich auch der Kommunismus. Das hatte die Umbenennung der ursprünglich nach dem ehemaligen kommunistischen Staatspräsidenten Antonín Zapotocký damals Antonín Zapotocký Brücke (most Antonína Zápotockého) benannten Brücke zur Folge. Nilpferdbadewannen sind eine viel zu lustige Idee, als dass man sie mit einem verstorbenen Stalinisten in Verbindung bringen sollte. Neben einer politisch neutralen Barrandov-Brücke dürften sich die grundsätzlich demokratie-freundlichen Nilpferde, so sie sich doch einmal hierhin zu einem erfrischenden Bade einfinden sollten, erheblich wohler fühlen.

Wie dem auch sei, so sehr sie von der Straßenperspektive auch ein wenig aussehen mögen, als ob hier ein Stück Zubringer unvollendet geblieben wäre, so sehr beeindruckt der Blick von unten (links wieder Hroší lázeň II). Man sieht, wie sehr der Bildhauer versucht hat, dass sein Kunstwerk inmitten der gigantischen Brücken- und Zubringerarchitektur immer noch optisch herausragend wirkt. Es ist die schiere Wucht des Betons, die man hier bewundern kann. Das Ganze erinnert ein wenig an einen alten Schiffsrumpf, wobei dieser Eindruck durch die Abdrücke der Holzverschalungen, die für den Guss verwendet wurden, noch einmal verstärkt wird.

Man soll aber bei dieser Gelegenheit nicht annehmen, das der Bildhauer, Josef Klimeš, nur ein Mann für’s Grobe war, der Gigantomanie in Beton goß. Vielmehr konnte er auch anders. Nämlich durchaus figürliche und feine Darstellungen (Beispiel hier). Kurz: Er war ein vielseitiger Künstler. Hier hatte er sich eben – wie es ein guter Künstler tun muss – über den Kontext seines Werkes (der nun einmal eine Betonbrücke ist) Gedanken gemacht, und dies durchaus sehr passend mit mit augenzwinkernder Phantasie realisiert. Es nur schade, dass die Barrandov-Brücke nicht so prominent und bekannt ist wie die Karlsbrücke, sondern eher abgelegen. Deshalb sehen sich wohl nur wenige Touristen je die beiden Nilpferdbadewannen an. Nur hartgesottene Brutalismus-Fans verirren sich hierher.

Komplett ist die Beschreibung der beiden Wannen aber noch nicht, wenn man sich nicht mit dem gegenüber liegenden Ufer befasst. Dort in Braník ist das Gewirr der Zubringer etwas geringfügiger wirr als drüben in Barrandov, aber eben immer noch recht komplex. Und so kann man im Vorbeifahren mit der Ufer-Straßenbahn die Skulptur Rovnováha (Balance/Gleichgewicht) bewundern – ebenfalls ein Werk von Klimeš. Der Titel des Werkes ist natürlich nicht so lustig wie der der „Nilpferdbadewannen“, aber doch recht sinnfällig. Leider ist sie von einer Werbetafel am Wegesrand etwas verstellt. Die Skulptur besteht wieder aus einer Säule mit Kanneluren (wie Hroší lázeň I). Darauf befindet sich aber keine Wanne, sondern ein auf dem „Rücken“ liegender Betonhalbkreis, der aber an einer Seite unregelmäßig „ausflattert“. Das erweckt den Eindruck eines schwer zu stabilisierenden Gleichgewichts. Die Möglichkeiten, die uns Stahl und Beton geben, um schwierige Gleichgewichte zu meistern, werden also recht augenscheinlich gemacht. Auch hier ließ der Künstler seinen Hintersinn walten. (DD)

Umfassende Hilfe für Blinde

Als kleines Kind hatte Alois Klar sich nach einem Sturz eine schwere chronische Sehbehinderung zugezogen. Trotzdem legte er eine steile akademische Karriere hin. Erst Gymnasialprofessor in Litoměřice (1786), dann Professor für Altphilologie an der Karlsuniversität (1806), schließlich Dekan der Philosophischen Fakultät (1820). Er hatte gezeigt, dass man es auch mit Sehschwäche schaffen konnte. Und er wollte, dass andere auch diese Chance erhielten, um nicht als Blinde von bloßer Barmherzigkeit anderer abhängen zu müssen. Kurz: Er gründete das Klar’sche Institut für Blinde (Klárův ústav slepců).

1807 hatte Klar schon zusammen mit Prokop Ritter von Platzer die Prager Blinden-Erziehungs-Anstalt ins Leben gerufen, die später durch ein zweites Institut, die Heilanstalt für unbemittelte Augenkranke, ergänzt wurde. Die Finanzierung kleiner Gebäude und der Ausstattung in der Burgstadt verdankte man einer Sammlung und der Förderung des damaligen Oberstburggrafen Josef Graf von Wallis. Das war ein kleiner Anfang. Den Unterricht für die Kinder übernahm oft Klars Frau Rosina. Aber Klar strebte nach größerem. 1832 – ein Jahr nach seiner Emeritierung – rief er das Prager Privat-Institut für arme blinde Kinder und Augenkranke und begann mit einer großen Sammlung. Die wurde ein Erfolg. Sogar Kaiser Franz I. ließ sich nicht lumpen und spendete ein Stück Land an der Prager Kleinseite. Die Fertigstellung erlebte Klar nicht mehr, denn er starb 1833. Aber auf dem gespendeten Grundstück an der heutigen Pod Bruskou131/3 wuchs ab 1836 ein riesiges Gebäude heran, in dem Klars Werk vollendet werden sollte.

Klar hatte noch seine für damalige Zeit höchste modernen Vorstellungen über den Betrieb darlegen können, nach denen nun verfahren werden sollte. Es war ein „ganzheitliches“ Konzept, das lebensnahe Bildung, sportliche Leibesertüchtigung, Heilung und moralischen Beistand (wofür u.a. eine große Kapelle des Erzengels Rafael gebaut wurde) vereinte. Viele Ideen dazu hatte er sich bei Johann Wilhelm Klein geholt, der 1826 die Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde in Wien gegründete hatte und als eine der führenden Kapazitäten der Blindenfürsorge in Europa galt. Als 1844 das von den Architekten Vincenc Kulhánek und dem berühmten Dombaumeister Josef Kranner (siehe auch hier) eingeweiht wurde, führte bereits Alois Klars Sohn Paul Alois Klar dessen Lebenswerk fort und leitete die Anstalt. Ab 1880 übernahm der Enkel von Alois, Rudolf Maria Ritter von Klar (inzwischen wurden nämlich die Verdienste der Familie durch einen Adelstitel anerkannt) die Blindenanstalt, die weiterhin als eine vorbildliche Institution galt. Nach dessen Tod im Jahre 1898 wurde Emil Wagner der Direktor.

Unter dem Ritter von Klar hatte die Anstalt eine große Wachstumsphase durchlebt. In den Jahren 1884/85 wurde der Bau daher erweitert und damit endgültig fertiggestellt. Aber der Grundcharakter des streng und schlicht gestalteten zweiflügeligen klassizistischen Gebäudes mit seinem Mittelrisalit blieb. Auf dessen Giebel befindet sich ein Relief des Bildhauers und Malers Josef Max. Es stellt ein passendes alttestamentarisches Motiv dar, nämlich wie Tobias seinen blinden Vater (mit Fischgalle) wieder sehend macht (zum Nachlesen: Bibel Tobias 6). Er wird vom Erzengel Rafael begleitet, dem ja – recht folgerichtig – auch die recht große Kapelle der Anstalt gewidmet ist, deren kleinen Glockenturm mit seinem vergoldeten Ziffernblatt man über dem Gebäude sehen kann. Auf dem Relief sieht man auch einen kleinen Hund, der an dieser Stelle in der Bibel nicht vorkommt. Das musste aber einfach sein, weil die Tschechen ja Hundenarren sind und so etwas lieben.

Des Ritters Nachfolger Wagner baute die Anstalt noch einmal kräftig aus. Denn es gab ja noch viel Platz. Das Grundstück, auf dem das bereits recht groß dimensionierte Gebäude stand, bot die Möglichkeit eines zusätzlichen neuen Gebäudes. Ein kleiner Park trennte nun das alte vom neuen Haus, das dann in den Jahren von 1906 bis 1909 durch den Architekten Josef Piskač errichtet wurde. Das am heutigen Nábřeží Edvarda Beneše 627/3 erbaute Bauwerk war stilistisch grundverschieden von dem alten klassizistischen Gebäude.

Es herrschte ein opulenter, durch Erker und Türme dekorierter Neorenaissance-Historismus vor, der durch Jugendstil-Ornamentik ergänzt wurde. Unter anderem wurden ein Schwimmbad und eine Turnhalle eingebaut. Man blieb weiterhin an der Spitze des Fortschritts in Sachen Blindenpädogogik.

Die beiden Gebäude dienen heute nicht mehr ihrem gemeinsamen Zweck. Ein kleines Mäuerchen mit Zaun trennt sie heute sogar. Denn das neue, unter Wagner erbaute, Gebäude beherbergt heute die örtliche Bezirksstaatsanwaltschaft. Leider befindet sich das Haus in einem recht heruntergekommenen Zustand, er seiner historischen Bedeutung nich gerecht wird. Man kann nur hoffen, dass da irgendwann einmal etwas unternommen wird.

Und auch das alte Gebäude (das besser in Schuss gehalten wurde) ist schon lange keine Blindenanstalt im umfassenden Sinne, wie es Klar einst vorschwebte, mehr. Ihrem ursprünglichen Zweck diente sie bis kurz nach dem Zweiten weltkrieg. Dann wurde sie in eine Sekundarschule für Blinde verwandelt, die immerhin nach Alois Klar benannt wurde. Dann brachte das Ende des erfreuliche Kommunismus im Jahr 1989 einige bauliche Nebenwirkungen mit sich. Die neuen demokratischen Institutionen mussten sich räumlich neu einrichten. Das Parlament zum Beispiel, das von den Kommunisten in das heutige Neue Gebäude des Nationalmuseums verlegt worden war, wurde wieder in den alten Thun Palast zurückverlegt, und auch der Ministerpräsident brauchte ein provisorisches Domizil bis die dazu vorgesehene Villa Kramář wieder fertig restauriert war. Der wurde deshalb erst einmal hier untergebracht.

Aber dieses provisorische Zwischenspiel endete schließlich im Jahr 1993. In diesem Jahr übernahm das Abgeordnetenhaus, für dessen Betrieb der Thun Palast eigentlich zu klein war, einige Gebäude der Umgebung für administrative Zwecke, darunter auch den Smiřický Palais am nahen Kleinseitner Ring. Hier residierte bis dato die 1919 gegründete staatliche Institution der Tschechischen Geologischen Dienstes (Česká geologická služba), die nun ihrerseits ein neues Domizil brauchte und in der alten Blindenanstalt (genauer: im alten Gebäude) fand. Der Geologische Dienst betreibt hier nun Forschung und Datenerfassung, die für die Öffentlichkeit von Nutzen sind, etwa bei Planung von Infrastrukturprojekten und Umweltgutachten, und kümmert sich um Bildungsprojekte in Sachen Geologie. So endete die Verbindung des Gebäudes mit seinem ursprünglichen Zweck, dem umfassenden Wohl der Blinden, endgültig.

Heute erinnert äußerlich wenig an die bahnbrechende Sozialeinrichtung, die hier einst ins Leben gerufen wurde. Wenn man genau hinschaut, kann man unter den Jugendstil-Ornamenten auf der Fassade des neuen Gebäudes immerhin Motive entdecken, die noch daran erinnern – etwa das rechts abgebildete Relief mit dem Bild eines Blinden. In Ehren gehörten wird das Werk von Alois Klar jedoch immer noch. Das schlägt sich sogar im Ortsnamen nieder. Wir befinden uns ja hier am nördlichen Rand der Kleinseite, ganz nahe beim Waldstein Palast. Und dieser nur wenige Häuserblöcke umfassende Teil der Kleinseite wurde 1922 – also in den Zeiten der Ersten Republik (als man „Deutsche“ wie Klar an sich eher selten würdigte) – feierlich in Klárov umbenannt. Damit ehrten die Tschechen ihn als einen ihrer großen Wohltäter. Und dass er das war, daran bestand nie auch nur der geringste Zweifel. (DD)

Denkmal im ständigen Wandel

Der Strom der Geschichte nimmt oft unerwartete Verläufe und mit ihnen ist auch die Denkmalskultur ebenso unerwarteten Veränderungen ausgesetzt. Richtig anschaulich kann man das am Fall des Denkmals für die drei Widerstände (Památník Tří odbojů) am náměstí Generála Kutlvašra (General Kutlvašr Platz) im Stadtteil Nusle (Prag 4) studieren.

Es fängt schon damit an, dass der Platz, der den Namen des Generals trägt, der im Mai 1945 den Prager Aufstand (siehe u.a. auch hier und hier) gegen die Nazis organisiert hatte, noch bis 1997 Platz der Pariser Kommune (náměstí Pařížské komuny) hieß, weil die bis 1989 regierenden Kommunisten den mutigen General zu bürgerlich fanden. Wie dem auch sei: Das Denkmal wurde eigentlich 1927 errichtet, um den Gefallenen des Ersten Weltkriegs zu gedenken – vor allem den Legionären, die mit den Alliierten gegen die Habsburger und für die Unabhängigkeit gekämpft hatten. Damals hieß der Platz noch Jiráskovy sady (Jirásek Platz, nach dem Nationalhistoriker Alois Jirásek benannt).

In den 1980er Jahren fanden die Kommunisten, den Gefallenen des Ersten Weltkrieg und vor allem den – ebenfalls zu bürgerlichen – Legionären sei nun genug Gedenken zuteil geworden. Die dazugehörige Statue war bereits in den 1950er Jahren zerstört worden und nun wurde das Denkmal in eines zum Jubel über die „Befreiung“ durch die Rote Armee 1945 umgewandelt, ein Ereignis, dass viele Bürger eher ungut in Erinnerung hatten, weil es schließlich eine neuerliche, Jahrzehnte währende kommunistische Diktatur einläutete. Kurz: Man entfernte die Inschriften und nun standen dort Rotarmisten in Bronze, die Maschinenpistolen in den Händen hielten. Rundum war das Ganze mit Zitaten von Lenin gespickt.

1989 kam die Samtene Revolution und damit das Ende des Kommunismus. Schon Anfang 1990 waren die Rotarmisten und die Leninsprüche verschwunden. Aber es dauerte noch bis 1997, um eine Alternative zu schaffen. Die Architekten František Novotný und Jaroslav Suchan modifizierten das Denkmal noch einmal. Die Grundstruktur mit einem an den Hang gelehnten Brunnen blieb erhalten. Dafür prangt nun eine Inschrift mit den historischen Daten 1914 – 1918, 1939 – 1945, 1948 – 1989 daran. Die sollen daran erinnern, dass man sich zuerst gegen die Habsburgerherrschaft, dann gegen die Nazis, dann (besonders lange) gegen die Kommunisten auflehnen musste.

Möglicherweise, weil der Widerstand von 1914-18 etwas später (erste Verhaftungen erfolgten 1915; die Unabhängigkeit von Habsburg wurde als Thema erst 1917 einigermaßen aktuell) einsetzte, wird das Denkmal ab und zu auch nur Denkmal für drei Perioden der Unterdrückung der tschechischen Nation (Pomník tří období útlaku národa českého) genannt. Um entscheidende Epochen der Geschichte des Landes handelt es sich allemal. Da es über dem Platz thront und eine hübsche Aussicht erlaubt, kann man sich auf dem Denkmal mit seinen Bänken am plätschernden Wasser an Sonnentagen auch einmal ein wenig Ruhe gönnen, um über die ungeraden Verläufe der Geschichte nachzudenken. (DD)

Jugendstil auf dem Sprung zur Moderne

Selbst das Stuckrelief der Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind über der Tür – ein durchaus konventionelles Sujet – kann nicht über die Modernität des Gebäudes hinwegtäuschen. Wie sehr der Jugendstil die funktionalistische Moderne vorbereitete, kann man an dem Wohnhaus in der Ondříčkova 1177/3 im Stadtteil Žižkov (Prag 3) beobachten. In der „geometrischen“ Spätphase hatte sich der Jugendstil von den üppigen floralen Schmuckelementen der Frühphase gelöst und ging allmählich in neue Stilformen über.

Das vierstöckige Gebäude wurde im Jahre 1907 nach den Plänen des Architekten Bohuslav Homolač durch den Bauunternehmer František Jareš gebaut. Sieht man die Fensterumrahmungen und das Marienbild nebst der es umgebende Ornamentik, kann man das Haus natürlich ganz eindeutig dem Jugendstil zuordnen. Aber schon der dreieckig nach vorne ragende Dachvorbau über Tür und Maria könnte nahtlos in jedes Gebäude der auf den Jugendstil folgenden Stile des Art déco oder des Prager Kubismus eingefügt werden.

Dabei spielt die Fassadenstruktur mit den säulenhaft geordneten Fenstern und Balkonerkern und dem Giebel durchaus auch klassizistische Vorbilder an. Aber in seiner Strenge und weitgehenden Schnörkellosigkeit (der ursprüngliche Plan, über dem Giebel eine Skulpturengruppe zu platzieren, wurde fallengelassen) passt sich das in eine fast schon funktionalistische Ästhetik ein. Umbauten im Jahr 1935 (als in Prag der „echte“ Funktionalismus in Mode kam), die auch die Fassade betrafen, unterstrichen diesen Eindruck noch einmal. Dabei wurde unter anderem das ursprünglich zweigeteilte Fenster im Giebel in die heutige einfache Gestalt gebracht, ohne dass das zu einem Stilbruch führte. (DD)

Kultheiliger

16. Mai – heute begehen die Tschechen (und auch nur die Tschechen, denn der offizielle Gedenktag der katholischen Kirche ist der 20. März) den Tag des Heiligen Nepomuk. Der ist der Heilige der Brücken, was etwas mit seinem Ableben im Jahre 1393 zu tun hat, denn damals ließ ihn König Wenzel IV., der mit der katholischen Kirche in Prag im Zank lag, von der Karlsbrücke werfen. Das beendete das Leben des erzbischöflichen Generalvikars, sicherte ihm aber den Status als Märtyrer und – allerdings erst 1729 – den eines Heiligen. Auf vielen Brücken im alten Böhmen, aber auch in Süddeutschland und Österreich, findet man Statuen von ihm.

Der Nepomuk, den wir hier sehen, befindet sich allerdings nicht auf einer Brücke, sondern gemalt und von einer schlichten Kartusche umrahmt auf der Fassade des Stadthauses in der U lužického semináře 87/4 auf der Prager Kleinseite, das gemeinhin dům U Planičků genannt wird. Das Wohnhaus wurde im Jahre 1723 im Stil des Barock an Stelle eines früheren Haus aus dem Mittelalter erbaut. Die Fassade sieht allerdings sehr formenstreng aus. Das liegt an einem Umbau des Haus im Jahre 1800, bei dem der bekannte Architekt Johann Ignaz Palliardi (wir erwähnten ihn u.a. bereits hier und hier) nicht nur ein zusätzliches Stockwerk hinzufügte, sondern die Fassade gleich im Stil des Klassizismus umänderte.

Das hübsche, von unbekannter Hand angefertigte Gemälde des Heiligen Nepomuk ließ er aber bestehen. Es zeigt den Heiligen mit seinen typischen Attributen Sternenkranz (den neben der Gottesmutter Maria nur er tragen darf, und dann auch nur einen fünfsternigen), Priestergewand, Märtyerpalme, Kruzifix. Ganz schwach kann man im Hintergrund auch den „Tatort“, die Karlsbrücke, erkennen, in dessen Nähe das Haus sich befindet. Das (eindeutig barocke) Bild wurde offenbar für den barocken Vorgängerbau von 1723 angefertigt, also 6 Jahre vor der Heiligsprechung. Das mag ein Indiz dafür sein, dass sich die Heiligsprechung bereits vorher abzuzeichnen begann. Jedenfalls wurde Nepomuk damals zu einem der Kultheiligen des Landes. (DD)

Schlichter Brutalismus am Rande des Waldes

Der Beginn der Bauzeit der Prager Metro fiel in die Zeiten als der Kommunismus schon die Anzeichen jenes wirtschaftlichen Schwächelns aufwies, das ihn 1989 schließlich zu Fall brachte. Bei den prestigeträchtigeren Stationen im Innenstadtbereich verband man den (nicht nur) in den sozialistischen Ländern beliebten Beton-und-Stahl-Brutalismus immerhin noch mit zum Teil originellen künstlerischen Gestaltungen (wir präsentierten u.a. Beispiele hier und hier), um vielleicht auch vor ausländischen Besuchern Eindruck zu schinden.

Daher lohnt sich eine Fahrt mit der 1974 in (Teil-) Betrieb genommenen Linie C (rot) zu der Metrostation Roztyly, die in ihrer Kunstlosigkeit ein genaueres Bild der damaligen Lage widerspiegelt. Sie wurde 1980 am Rande der sogenannten Südstadt (Jižní město), der in den 1970er Jahren erbauten größten Plattenbausiedlung der Tschechoslowakei, eröffnet. Und dann hatte sie das Pech, dass das einzige auffällige Kunstwerk 1989 aus nachvollziehbaren Gründen spurlos entfernt wurde. Ursprünglich hieß sie nämlich nicht Roztyly, sondern Primátora Vacka (Oberbürgermeister Vacek). Damit gedachten die Kommunisten ihrem 1960 verstorbenen Genossen und Gründungsmitglied Václav Vacek, der erst 1945, dann aber vor allem von 1946 bis 1954 Prag als Bürgermeister in das (damals strikt stalinistische) realsozialistische System überführte. In der Metrostation ehrte man ihn mit einer großen Büste des Bildhauers Miloš Zet, der durchaus bedeutende Kunst schuf. Aber der dadurch Geehrte war dann 1989 doch zurecht aus Zeit und Gnade gefallen.

Und so können wir heute ein recht schmuckloses Gebäude bewundern. Es handelt sich um einen simplen rechteckigen Bau, der an den Längsseiten je einen Ein- bzw. Ausgang hat. Entworfen haben die Station der Architekt Vladimír Uhlíř (der in der Innenstadt mit der Station Florenc ein repräsentativeres Werk geschaffen hatte, wie wir hier zeigten) und seine Kollegin Daniela Marková-Dolejšová. Ganz ohne ästhetische Ausgestaltung wurde die Station jedoch nicht belassen. Wie an vielen Stationen der Linie C im äußeren Stadtbereich, verwendete man dazu abstrakte Keramikstrukturen auf den Wandflächen hinter den beiden Gleisen. Es handelt sich um unregelmäßie Streifen aus konkaven und konvexen Halbröhren aus Keramik.

Ein ähnliches Thema setzt sich außen fort, wo in der oberen Hälfte ein nunmehr sehr regelmäßiges Halbröhrenmuster als Band rund um das Gebäude gezogen wurde, um den Rohbeton, aus dem das Gebäude besteht, ein wenig zu überdecken. Von außen bietet die Station sowieso aufgrund ihrer Lage ein kontrastreiches Bild. Während auf der nördlichen Seite ein eintöniges Gewerbegebiet zur ebenso eintönigen Plattensiedung überleitet, betritt man vom Südausgang nach wenigen Metern ein ausgedehntes Waldgebiet. Pure Natur, die als Naherholungsgebiet bei den wanderfreudigen Pragern außerordentlich beliebt ist. Deshalb wird die Station auch oder gerade an Wochenenden reger genutzt als man es von der Südstadtlage und ihrem Image erwarten könnte – im Sommer wie im Winter, als die Aufnahmen zu diesem Beitrag entstanden. (DD)

Der Wissenschaftsstandort

Wir sind es gewohnt, die frühe Moderne als eine Art Kampf zwischen finsterer Religiosität und aufstrebender aufgeklärter Wissenschaft zu sehen. Wer so vereinfacht denkt, sollte sich vielleicht einmal näher mit dem Jesuitenorden befassen. Und das kann er in Prag am besten im Klementinum in der Altstadt tun.

Am besten schaut man dann einmal ganz nach oben auf die Spitze des großen Turmes: Dort sieht man die (schon recht heidnische) Figur des Atlas, der die Himmelssphären auf seinen Schultern trägt (großes Bild oben). Die Statue wurde von dem berühmten Barock-Bildhauer Matthias Bernhard Braun gestaltet und nach der Fertigstellung des Turmes 1722 dort aufgestellt . Das kann man kaum anders als eine klassische Allegorie auf die Wissenschaft der Astronomie interpretieren. Und richtig: In dem 68 Meter hohen Turm befindet sich tatsächlich eine – nach damaligen Standards hochmoderne – Sternwarte. Und die wurde hier von den Jesuiten eingerichtet. Aber wie kam es dazu?

Es fing damit an, dass dem böhmischen König Ferdinand I. (dem späteren deutschen Kaiser) bei seinem Amtsantritt missfiel, dass die Böhmen mehrheitlich für seinen erz-katholischen Geschmack viel zu protestantisch oder hussitisch waren. Besonders war ihm die Karlsuniversität (unser Bericht hier) als Hort protestantisch-hussitischer Intellektualität ein Dorn im Auge. Dass sie schon seit den Hussitenkriegen im 15. Jahrhundert eine rein tschechische Universität war, die von gemäßigten Hussiten (den Utraquisten) geführt war, stellte aber auch einen Schwachpunkt dar, den der König ausnutzen konnte. Die Universität war dadurch nämlich vom internationalen „Wissenschaftsbetrieb“ (meist katholisch, fast immer in der Weltsprache Latein lehrend) weitgehend abgekoppelt und nicht mehr die führende Bildungsstätte, die sie bei ihrer Gründung 1348 einmal war. Die 1540 in Spanien gegründeten Jesuiten, so fand Ferdinand, waren in der Lage, gegenüber den Utraquisten eine überlegene Konkurrenz aufzubauen. Die Mission des Ordens war es, Bildung und Kaderschulung zu betreiben und dem Glaubensgegner intellektuell etwas entgegen zu setzen. Die Jesuiten fingen jedenfalls nach der Einladung durch Ferdinand gleich 1556 mit dem Aufbau einer neuen Einrichtung und schon 1562 wurde ihr Klementinum offiziell in seine Universitätsrechte eingesetzt.

Der Anfang war trotzdem mühsam. Man bezog ein altes, verfallenes Dominikanerkloster in der Altstadt und litt unter Geldmangel. Die Lage änderte sich, als 1620 die katholisch-habsburgische Seite in der Schlacht  am Weißen Berg (auch hier) über die böhmischen Protestanten siegte, und nun eine rigide Politik der Zwangskatholisierung durchführte. Im Zuge dieser Gegenreformation nahm das Klementinum nun einen riesigen Aufschwung. Kaiser Ferdinand II. sorgte 1622 dafür, dass das Klementinum nun auch die Verwaltung der Karlsuniversität mit übernahm (und sie entsprechend umstrukturierte).

Die Studenten im Klementinum waren als gute Jesuitenschüler natürlich Gegner jeder Rückkehr des Protestantismus. In die Nationalmythologie der Tschechen ging der verzweifelte, aber erfolgreiche Kampf auf der Karlsbrücke ein, den sich Prager Studenten mit den Schweden lieferten, die ganz zu Ende des Dreissigjährigen Krieges 1648 noch einmal versuchten, Prag einzunehmen. Das waren natürlich primär die Studenten des Klementinums, was weniger häufig erwähnt wird. Nun ja, sie hätten auch bei einem Erfolg der protestantischen Schweden viel zu verlieren gehabt. Und außerdem lag das Klementinum genau am Ausgang der Brücke, die die Schweden für ihren Einmarsch zwangsläufig nutzen mussten, auf der Altstadtseite. Man war sozusagen gleich bei der Stelle.

Sein Sohn Ferdinand III. vereinigte 1654 die beiden Institutionen auch formell als Karl-Ferdinand-Universität (was bis 1882 so blieb). Das war auch baulich mit einem enormen Aufschwung verbunden. In den Jahren 1653 bis 1726 entstand hier der nach der Burg zweitgrößte Gebäudekomplex der Stadt. Er umfasst fünf große Innenhöfe und eine Fläche 2 Hektar (20.000 m²). Das kann man gar nicht mit einem Blick überschauen, aber gottlob stehen überall in den Innenhöfen Lagepläne mit einer Luftaufnahme, die einen Gesamteindruck vermitteln (kleines Bild links). Ein Großteil der oft skulptural wohldekorierten (Beispiel Bild oberhalb rechts) Barockgebäude wurde von dem renommierten Architekten Carlo Lurago und später von Franz Maximilian Kaňka geplant.

Zu dem Komplex gehörten gleich vier Kirchen, nämlich die Kirche zum Allerheiligsten Salvator (Kostel Nejsvětějšího Salvátora), über die wir schon hier berichteten (man sieht den Portikus im Bild rechts), die Spiegelkapelle (Zrcadlová kaple; über die wir hier schrieben), die Kapelle Mariä Himmelfahrt (Kaple Nanebevzetí Panny Marie) und die St.-Clemens-Kathdrale (Katedrála sv. Klimenta). Es wurden unzählige Unterkünfte für Gelehrte und Studenten sowie Hörsäle eingerichtet. Die Jesuiten machten Nägel mit Köpfen und bauten im Klementinum einen Wissenschaftsstandort mit allem Schikanen auf.

Ein Beispiel war der Turm mit der Sternwarte. Die Astronomen berechneten hier die Zeit so genau, dass sie mit einem Kanonenschuss den Pragern (die damals ja noch keine Armbanduhren kannten) präszise und unüberhörbar die Mittagszeit anzeigen konnten. Zur Sicherheit gab (bzw. gibt es am Turm auf eine Sonnenuhr – im Bild links zu sehen). Zum selben Gebäudetrakt gehört die riesige Bibliothek, die ebenfalls 1722 eingeweiht wurde und bald 20.000 Bände ihr eigen nennen durfte. Unter ihrem Leiter Karel Rafael Ungar wurde ab 1781 erstmals eine Abteilung für Literatur in tschechischer Sprache eröffnet. Einem Nebengebäude verdankt man, dass Prag zu den metereologisch am besten erforschten Städten gehört. Denn am 1. Januar 1775 begann hier der Mathematiker und Jesuit Joseph Stepling mit täglichen Wetteraufzeichnungen. Der hatte auch schon 1751 das Mathematikmuseum eröffnet. Stepling war ein herausragendes Beispiel für die wissenschaftlichen Talente, die die Jesuiten hier hervorbrachten.

Die gute Zeit für die Jesuiten endete 1773. In diesem Jahr löste die aufgeklärte Kaiserin Maria Theresia. (übrigens einem päpstlichen Beschluss folgend) den Jesuitenorden auf. Die Anlage kam in Staatsbesitz (wo sie sich – mit Ausnahme der Kirchen – immer noch befindet). Aber die Habsburger waren weiterhin an moderner Wissenschaft lebhaft interessiert. Das Observatorium wurde zunächst unter der Leitung des Mathematikmuseums weiterbetrieben. Kaiser Joseph II. erklärte die Bibliothek 1781 zur Nationalbibliothek, wodurch der Bestand erweitert wurde (teilsweise um wertvollste mittelalterliche Handschriften, die heute Stolz der Sammlung sind). Die aufgeklärten Habsburger waren Stolz auf ihre Forschungs- und Lehranstalt, weshalb man heute noch viele habsburgische Insignien aus jeosephinischer Zeit angebracht sehen kann – etwa im Bild oberhalb rechts der Doppeladler mit Inschrift zu Ehren Josephs II. über dem Hofeingang zur Straße Křižovnická.

Nebenbei pflegte man auch sonst die die Musen. Wolfgang Amadeus Mozart war zeitlebens gerne in Prag und ungekehrt war er auch in Prag ein gern gesehener Gast (und dort weitaus beliebter als im heimischen Wien). Die Spiegelkapelle (die immer noch ein beliebter Konzertsaal ist) war einer der Orte, wo er des öfteren seine Musik aufführte. 1837, zum 50 Jahrestag der Uraufführung der Oper Don Giovanni, wurde daher im Klementinum das erste Mozart-Museum der Welt eröffnet. Das wurde in der Vorhalle der Spiegelkapelle eingerichtet, wo sich heute noch eine Mozart-Büste (Bild links) befindet, die der Bildhauer Emanuel Max von Wachstein im Eröffnungsjahr gestaltet hat, und die angeblich sehr lebensnah den Komponisten portraitiert. Man konnte dort viele Originalhandschriften bewundern. Das Museum gibt es so nicht mehr, aber die wertvollen Dokumente, die damals gesammelt wurde, stehen heute in der Bibliothek der Forschung zur Verfügung.

Das Klementinum entwickelte sich weiter zu einem Wissenschafts- und Kulturzentrum – etwa als Ort der Gründung eines Kunstmuseums (1796), aus dem sich später die Nationalgalerie entwickelte oder als Erstsitz der Akademie der Bildenden Künste von 1799 bis 1886. Sogar das Erzbischöfliche Priesterseminar durfte hier bis 1929 wirken, denn ganz so antiklerikal war man denn doch nicht. Nur die Jesuiten, die 1814 nach einem Papstedikt wieder legal wurden, bekamen keine Restitution. Das Klementinum blieb in staatlicher Hand. 1882 wurde die Universität in eine deutsche und eine tschechische geteilt, wobei das Klementinum tschechisch blieb. 1918 kam die Erste Republik und die Habsburgerherrschaft endete. 1924 erweiterte man die Bibliothek ein wenig und modernisierte sie nach Plänen des Architekten Ladislav Machoň, über den wir schon hier und hier berichteten.

Das Klementinum ist heute noch eine staatliche Einrichtung und beherbergt hauptsächlich die Nationalbibliothek des Landes. Darüber hinaus sind Teile des Klementinums, insbesondere der prachtvolle barocke Bibliothekssaal, die Sternwarte , eine Gallerie für Ausstellungen, die drei Kirchen, für das Publikum zu besichtigen. Sternwarte und Bibliothek (hier leider Photographierverbot) kann man zusammen in einer geführten Tour besichtigen. Das lohnt sich neben anderem auch deshalb, weil man vom Turm aus eine unglaubliche und spektakuläre Aussicht über Prag genießen kann. Da die Jesuiten 1722 noch keine Aufzüge einbauen konnten, muss man allerdings die sämtlichen 172 Stufen selbst hochsteigen. Ach ja: In den Kirchen, die sich allesamt durch eine gute Akkustik auszeichnen, finden auch häufig qualitativ hochstehende Konzerte statt. Auch das macht einen Besuch beim Klementinum zu einem unerlässlichen Teil jedes Prag-Besuches. (DD)

Ausflug mit dem Retro-Zug

Ein Retro-Zugerlebnis bei einem Ausflug durch die schönen Flusslandschaften von Moldau und Sázava – diesen Spaß kann man sich an Wochenenden in den Monaten von April bis Oktober vom Prager Hauptbahnhof aus gönnen.

Die Strecke wurde schon ganz zu Ende des 19. Jahrhunderts gebaut. Ursprünglich als wichtige Verkehrsachse gedacht, entwickelte sie sich bereits in der Zeit der Ersten Republik in den 1920er/30er Jahren zunehmend zu einer Ausflugsbahn für Prager, die einen kurzen Ausflug ins Grüne machen wollte. Die in Anspielung auf die amerikanische transkontinentale Bahngesellschaft Union Pacific (die man von Western-Filmen kennt) stolz Posázavský Pacifik genannt wurde, war eine anspruchsvolle Bauleistung. Die bis heute nicht elektrifizierte Bahnlinie erstreckte sich von Prag bis zum 157 Streckenkilometer entfernten Světlá nad Sázavou.

Der Sázava-Motorzug (Posázavský motoráček) genannte Retro-Ausflugszug fährt allerdings nur rund 45 Kilometer über Orte wie Vrané nad Vltavou mit seiner schönen Stauanlage, Davle (wo 1968 der US-Film Die Brücke von Remagen gedreht wurde), Jílové u Prahy (wo es ein schönes Heimatmuseum für die Region gibt) bis nach Čerčany. Von da geht es wieder zurück. Ein Highlight der Strecke ist das nahe Jílové gelegene pittoreske, fast 42 Meter hohe  Žampacher Viadukt (Žampašský viadukt), über das wir bereits hier ausführlich berichtet haben. Hier an der Sázava fährt man durch den landschaftlich schönsten Teil der Route mit malerischen Felsen überall über dem Fluss. Man passiert unzählige Tunnel und erahnt, welche Meisterleistung, aber auch welche Anstrengungen für den Bau der meist einspurigen Strecke erbracht wurden.

Ganz und gar authentisch wäre der Ausflug, wenn man die zur Zeit der Einweihung üblichen Dampfloks zum Einsatz gebracht hätte. Das ist wohl nicht mehr möglich, aber die Dieselzüge aus der Zeit des Real-Sozialismus haben auch einen unerwartet großen Retro-Charme. Im Prinzip handelt es sich nicht um einen klassischen Zug, sondern um zwei Triebwagen und eine reine Lokomotive, die aneinandergereiht wurden. Die beiden eigentlich motorisierten Triebwagen dienen letztlich als Waggons. Gezogen wird das Ganze also von einer Lokomotive der Baureihe T 458.1, die in den Jahren 1962 bis 1970 bei ČKD Praha als eine schnellere Variante der T 435 gefertigt. Sie schaffte immerhin 80 Kilometer pro Stunde Geschwindigkeit und verfügte über einen enormen Kraftstoffvorat 4000 Liter, weshalb sie im Volksmund den Namen Velký Hektor (Großer Hektor) verpasst bekam.

Die T 458.1 wurde erst im Jahr 2000 von der Tschechischen Bahn (Ceské drahy) ausgemustert. Da war der Kommunismus gottlob seit längerem beendet. Entsprechende Insignien wurden nach 1989 verständlicherweise entfernt. Für eine richtige Retro-Bahn gehört sich aber eine originale Optik, wie sie ursprünglich war. Deshalb wurde auch vorne auf dem Motor wieder ein roter Stern angebracht. Dabei meinte es der reale Sozialismus gar nicht so gut mit der T. 458.1, denn die vielbeschworene internationale Solidarität der sozialistischen Brüdervölker funktionierte bei ihr nicht so recht. Die „DDR“ bestellte nur drei Exemplare zur Probe und befand sie unbrauchbar. Dabei funktionieren die drei Exempare heute noch als Werkbahn und auch die Lokomotive des Posázavský motoráček läuft einwandfrei. In der Tschechoslowakei wurden immerhin 235 Stück angefertigt und erfolgreich zum Einsatz verwendet…

Am anderen Ende unseres Wochenend-Retrozuges befindet sich ein Triebwagen der Baureihe M 286.1, der den Spitzname krokodýl (Krokodil) verpasst bekommen hat. Zwischen 1962 und 1967 wurden von diesem Typ ganze 52 Stück durch die Firma Vagónka studénka gebaut, die 1998 Teil der ČKD und 2000 schließlich aufgelöst wurde. Bis 2014 waren sie noch bei der Tschechischen Eisenbahn regulär im Einsatz. Man sieht die M 286.1 auf dem großen Bild oben. Die „Endposition“ und die großen halbrunden Fenster dort (Bild links), machen den M 286 auf dieser Strecke eigentlich zu dem idealen Aussichtswagen.

Darüber sollte man das Innere nicht übersehen, das das Retro-Erlebnis erst zum richtigen Retro-Erlebnis macht. Der seltsame geschwungene Toilettensitz, die mit grünem Leder bezogenen Sitze (von denen es 48 gibt) oder der bullerige Heizkörper aus silbrigem Metall, der sehr robust wirkt, sind nur einige originelle Beispiele.

Zwischen Lok und M 286.1 befindet sich dann der vom gleichen Hersteller produzierte Triebwagen der Baureihe M 262.0, der von 1949 bis 1960 in 250 Exemplaren produziert wurde. Offiiziell wurde der Typ bei der Tschechischen Bahn erst 2011 ausgemustert. Mit 56 Sitzen ist er marginal größer als der M 286.1. Er ist etwas kastenförmiger, weshalb man ihm den Nicknamen Schrank (kredenc) gab. Aber er ist relativ bauähnlich, weshalb die Gruppierung mit dem M 286. optisch schlüssig wirkt, wie man hier auf dem Bild mit dem Halt im Örtchen Luka pod Medníkem sieht.

Auf jeden Fall ist der aus drei Wagen bestehende Retro-Zug in die Region südlich von Prag ein Erlebnis, dass man sich in den warmen Monaten des Jahres unbedingt gönnen sollte. Das kann man in dieser Form erst seit 2015. Das Umland von Prag – insbesondere entlang der Moldau und iher Nebenflüsse – ist nämlich ausgesprochen reizvoll. Und es auf diese Weise zu erschließen, ist die beste Art, die man sich denken kann. (DD)

Gefallen als der Krieg eigentlich vorbei war

Er fiel am 9. Mai 1945: Iwan Grigoriewitsch Gontscharenko. Eigentlich hatte Nazideutschland am Tag zuvor kapituliert. Auch in Prag hatte sich die Wehrmacht bereits formell den Kommandeuren des Prager Aufstands ergeben. Aber ein immer sinnloseres Weiterkämpfen führte zu immer sinnloseren Opfern – auch als eigentlich alles hätte vorbei sein sollen.

Parallel zu den tschechischen Aufständischen hatte seit dem 6. März die Prager Operation der Roten Armee eingesetzt. Als erste Truppen, des unter dem Kommando von Marschall Iwan Stepanowitsch Konew Heeres, das nun in Prag eintrat, gelangten Teile der 4. Panzerarmee unter Panzergeneral Dmitri Danilowitsch Leljuschenko als erste auf das Stadtgebiet. Es heißt, der Kommandant des ersten Panzer, der über die Statdtgrenze rollte, war ebenjener Iwan Grigoriewitsch Gontscharenko. Sein Panzer wurde später auf einem Denkmal postiert, das nach dem Fall des Kommunismus, den er leider hier zu etablieren half, abgerissen wurde. Gontscharenko, der 1920 in dem ukrainischen Ort Susilino geboren wurde, und seit dem März 1944 Panzerkommandant war, sollte seine Heldentat nicht lange überleben.

Teile der Heeresgruppe Mitte der Nazitruppen waren aber noch intakt. Große Teile versuchten sich aus der sowjetischen Umklammerung zu befreien, um sich zu den amerikanischen Truppen durchzuschlagen, die bereits am 6. Mai Pilsen befreit hatten, und von denen man sich eine weniger grausame Kriegsgefangenschaft erwartete. Sie ahnten nicht, dass es ein Abkommen zwischen den USA und der UdSSR gab, dass die gefangenen deutschen Soldaten in der Zone festgehalten werden sollten, in der sie sich am Tag der Kapitulation befanden. Das heißt, die Amerikaner hätten selbst Soldaten, die sich zu ihnen durchgeschlagen hätten, wieder an die Rote Armee übergeben. Die ganze Metzelei war sinnlos und die Rote Armee schaffte es nach einigen harten Kämpfen, die Wehrmachtstruppen auf ihrem Marsch nach Westen aufzuhalten. Im Verlauf dieses traurigen Nachspiels des Krieges fiel auch Gontscharenko am 9. Mai einem Treffer eines deutschen Panzerabwehrgeschosses zum Opfer.

Schon im November 1947 wurde ihm zu Ehren eine Gedenktafel eingeweiht, dort im Ortsteil Klárov, diekt neben der Kleinseite, wo es hinauf zur Burgstadt geht, gegenüber dem Haus in der U Bruských kasáren 132/3: Der Text (zweisprachig in Tschechisch und Russisch) lautet: „Hier fiel am 9.V.1945 einer der Helden der Roten Armee, Iwan Grigoriewitsch Gontscharenko, Gardeleutnant der Panzerarmee von General Leljuschenko, im Alter von 25 Jahren.“ 1947, das war noch vor der Machtübernahme der Kommunisten 1948, nach der den Rotarmisten unzählige Denkmäler gesetzt wurden, während die eigenen Prager Aufständigen vergessen wurden. Damals dürfte man auch unter vielen Tschechen eine gewisse Dankbarkeit für den Soldaten empfunden haben, dessen Panzer als erster der Roten Armee in die Stadt eingerollt war, um die Nazis zu vertreiben.

Auch heute noch legen Menschen hier anscheinend nochab und an kleine Blumensträuße zum Gedenken hin, was in der Regel in Prag eher selten ist, wenn es um Rotarmisten geht. Die Prager haben da doch recht unangenehme Erinnerungen im Lauf der Gescichte gesammelt, was man auch heute noch an der sehr löblich geschlossenen Haltung zu Putins Überfall auf die Ukraine erkennt. Irgendjemand hat ein verwittertes Photo vor der Tafel aufgestellt, das Gontscharenko zusammen mit der Besatzung seines legendären Panzers zeigt. Der Moment eines Triumphs wird hier festgehalten, der für Gontscharenko allerdings nicht lange währen sollte.

Bei dem Denkmal selbst handelt es sich um eine einfach beschriftete steinerne Gedenktafel, die in einer von Betonplatten umrahmten Nische angebracht wurde. Die Nische befindet sich in einem Felsen, der durch die viel befahrene Straße U Bruských kasáren ein wenig abgeschnitten von normalem Besucherverkehr wirkt.

Die Felswand verdient vielleicht auch eine Erwähnung. Es handelt sich um keine natürliche Wand, sondern vielmehr um den senkrechten Durchstich den man für die Straße vorgenommen hatte. Die Schnittstelle legt allerdings eine interessante geologische Schichtformation frei. Und wie es der Zufall so will, befindet sich zwei Gebäude weiter der Sitz der Forschungseinrichtung für Geologische Untersuchungen (Česká geologická služba). Die Forscher dort haben es sich nehmen lassen, nur wenige Meter neben Gontscharenkos Gedenkort eine Tafel anzubringen, die über die Geologie hier zu informieren. Was man hier sieht ist nämlich die Felsformation, aus der Burgberg und Letná-Höhe (deshalb Letná Profil/Letenský Profil) bestehen. Sie hört auf den Namen Sandbium und ist etwa 458,4 bis 453 Millionen Jahre alt. Es ist schön, dass sich neuere Tafeln nicht mehr Krieg und Tod befassen müssen, sondern mit nüchterner Wissenschaft. (DD)