Seltsame Karpfen

Karpfen

Irgendwie mysteriös sind diese Darstellungen der beiden esoterisch anmutenden Frauen mit seltsamen Strahlen- oder Blumenkränzen um den Kopf, die Fische an netzartigen Ketten mit den Händen tragen. Was könnten sie bedeuten? Auf jeden Fall zieht die IMG_3277Fassade des fünfstöckigen Jugendstilhauses mit seinen tief symbolistischen Reliefs und glasierten Kacheln die Blicke auf sich.

Vielleicht hat das Ganze nur etwas mit der Adresse zu tun: Kaprova 16/9. Die Kaprova ulice hieß früher Karpfengasse. Sie liegt im Stadtteil Josefov (dem alten Judenviertel) und führt direkt zum Altstädter Ring. Der Straßenname hatte aber nichts IMG_3278direkt mit Fischen der Gattung Cyprinus carpio zu tun. Vielmehr wurde sie nach Pavel Kapr (wörtlich: „Paul Karpfen“) benannt, der 1565-71 Bürgermeister der Altstadt war.

Der besaß auch ein Haus in der Straße – man sieht es auf dem kleinen Bild links -, das IMG_3276tatsächlich Dům U Tří kaprů (Haus bei den drei Karpfen) – hieß. Das steht auch noch immer an der alten Stelle, wenngleich es im späten 19. Jahrhundert völlig umgestaltet wurde. Und es heißt auch noch genauso. Es ist ist aber nicht mit dem hier beschriebenen Haus mit den Karpfenreliefs identisch, sondern steht gegenüber in der Kaprova 20/3. Die recht karpfige Gestaltung des Hauses 16/9 hätte hier IMG_3282rein historisch gesehen viel besser zum Namen Dům U Tří kaprů  gepasst, denn Tatsache ist, dass bei Haus 20/3 äußerlich rein gar nichts auch nur irgendwie an irgendwelche Teichfische erinnert. Es gibt nur recht kommune Neorenaissance-Bauelemente zu sehen.

So bleibt uns denn das Rätsel der mystischen Frauen mit ihren geheimnisvollen Fischen weiterhin erhalten. (DD)

Wo kein Bier mehr gebraut wird

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Man fährt mit der Straßenbahn oft daran vorbei, ohne weiter darauf zu achten.  Es gibt in Prag sicher schönere Gebäude als dieser strenge funktionalistische Bau an der Westseite des Karlsplatzes (Karlovo náměstí 292/14). Aber dann entdeckt man doch ein Detail, das zum Nachdenken über die Vergänglichkeit des Seins gemahnt. Ja, hier wurde einmal Bier gebraut und nun nicht mehr! Eine echte Tragödie! Černý pivovar (Schwarze Brauerei) steht – zusammen mit einem grimmig dreinschauenden Löwen – dann doch recht auffallend in Stein gemeißelt über einem der Eingänge. Man wird neugierig…

Nun: Dereinst gehörte das Gebäude (eigentlich standen dort gleich mehrere Häuser) zum damaligen Kloster in diesem Ortsteil, von dem nur noch die Kirche des Heiligen Wenzel von Zderaz (Kostel sv. Václava na Zderaze) steht (früherer Beitrag hier). Nach der Klosterenteignung in den Zeiten Kaiser Josefs II. wurde das Gelände säkularisiert. Es standen hier nunmehr einige Barockhäuser, von denen eines tatsächlich eine Brauerei war. Dies blieb auch so als im 19. Jahrhundert der Barock durch den Klassizismus ersetzt und in den 1920er Jahren im Innenhof neue Ergänzungen (eine moderne Druckerei) zugefügt wurden.

IMG_32641934 folgte die völlige Umgestaltung durch die Architekten Bohumír Kozák und Karel Roštík. Für eine Versicherung bauten sie das Gebäude an der Front zur Straße völlig um – ganz im Geiste der funktionalistischen Moderne. Wie immer man dazu steht, die Brauerei existierte immerhin weiter. Sie bekam sogar vom Bildhauer František Bžoch, einem Schüler des tschechischen Meisterbildhauers Josef Václav Myslbek (der hat den großen Wenzel auf dem Wenzelplatz gestaltet) ihr „Logo“ angefertigt – eben das schöne Löwenrelief, das wir oben im großen Bild sehen. Zu  Ende der Ersten Republik galt die Gaststätte geradezu schick und war echt angesagt.

Das Glück währte nicht ewig: Die Brauerei hat leider den Kommunismus nicht überlebt. In den 1970er Jahren fiel sie und das dazu gehörige Restaurant einem Umbau zum Opfer. Heute befindet sich ein Drogeriegeschäft dort, wo dereinst das gute Bier ausgeschänkt wurde. Zugegeben, es gibt in Prag viele Brauereien, zu denen man nun, ohne allzu viele qualitative Abstriche machen zu müssen, ausweichen kann. Aber traurig macht ein solcher kultureller Verlust schon. Man hätte so gerne gewusst, wie gut das Bier der Černý pivovar wohl geschmeckt haben mag. (DD)

Wo die Bienen summten

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Man meint geradezu die Bienen summen zu hören. Wer in die Höhe schaut, kann sich in der 28. října 378/15 an der oben unter dem Dachgiebel des Hause angebrachten polychromen Reliefdarstellung eines Bienenstocks oder -korbs erfreuen. Erkennbar ein Werk des Barock ist das kleine Stuckwerk.

Das passenderweise Velký úl (Der Große Bienenkorb) oder U zlatého úlu (Beim Goldenen Bienenkorb) genannte Haus steht auf dem Grund von ursprünglich zwei Biene2.pngmittelalterlichen Häusern aus dem 14. bzw. 15. Jahrhundert. Anfang des 17. Jahrhunderts gehörte das Haus einem gewissen Kryštof Wettengl (Christoph Wettengel), der sich aber zu sehr der Sache der böhmischen Freiheit verschrieben hatte und bei der verlorenen Schlacht am Weißen Berg gegen die Habsburger gekämpft hatte. Das Haus wurde von den neuen habsburgerischen Machthabern 1621 konfisziert und seinem anpasserischen Bruder Johann übergeben.

Ein nächster großer Entwicklungssprung für das Haus war sein Umbau durch den Hofarchitekten der Fürsten Kinský, Zacharias Fiegert, der ihm im wesentlichen das heutige äußere barocke Erscheinungsbid gab – inklusive Bienenstock. Das Haus gehörte nämlich zu diesem Zeitpunkt einem Bienenwachshändler namens Nikolaus Fischer. Es war nicht ungewöhnlich, dass man damals auf seinem Haus eine symbolische Darstellung seines Gewerbes anbrachte. Zudem ist der Bienenstock auch Teil der christlichen Ikonographie, z.B. als Attribut des Heiligen Ambrosius.

Honig kann man hier möglicherweise immer noch zum Frühstück bekommen, aber er wird schopn seit langem nicht mehr dort produziert. Das hübsche Gebäude ist heute nämlich ein Hotel mit bester Lage am westlichen Ende des Wenzelsplatzes. (DD)

Einfach originell

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Man zuckt unwillkürlich zusammen und hofft, dass sie einem nicht auf den Kopf fallen, der Herr und die Dame (großes Bild), die da über den Köpfen der Passanten wie dereinst IMG_3268Mary Poppins mit Regenschirmen in der Luft schweben. Und „Leichte Unsicherheit“ (Lehká Nejistota) heißt auch das kleine Ensemble, das der tschechische Bildhauer Michal Trpák im Jahre 2012  gestaltete und über der Straße aufhängen ließ. Die Schönheit des Fliegens verbinde sich immer mit der Unsicherheit, ob der Dauer des Fluges und der Landung. So sei es überhaupt im Leben – besonders in Zeiten der Krise.

Man findet die beiden zum Lächeln IMG_3269und zum Nachdenken anregenden Skulpturen, die an dünnen Kabeln hängen, die über die Straße gespannt sind, vor dem Mosaic House in der Odboru 4 ganz in der Nähe des Karlsplatzes. Das Mosaic House ist ein avantgardistisches Kunsthotel mit hohem ästhetischen Anspruch.

Entsprechend ist es innen eingerichtet, aber vor allen schon darauf angelegt, auch äußerlich entsprechende IMG_3271Aufmerksamkeit zu erhaschen. Über dem Portal des Hotels krabbeln schon die kleinen „Cuddlies“ (Mazlíci) desselben Künstlers – ein großes raupenähnliches Phantasiegeschöpfe und ein kleines, das darauf hinzukrabbelt. Sie erinnert mich  irgendwie ganz spontan an die kleine Made, die man aus dem berühmten Gedicht kennt, und die zur Madenmutter strebt. Daran hatte der Künstler wahrscheinlich nicht gedacht. Er meint vielmehr, das Geschöpf solle IMG_3272durch seine Überdimensionalität, den Menschen zur Bescheidenheit in Bezug auf seine eigene Größe und Herrlichkeit nachzudenken.

Schweift der Blick weiter nach unten auf den Vorplatz des Hotels, so findet man zwischen einer Sitzgruppe und einigen schattigen Bäumen ein paar riesige künstliche Pilze – die Leuchtenden Pilze, wie sie genannt werden. In der Nacht leuchten sie übrigens tatsächlich!

Dem Mosaic House jedenfalls gebührt der Dank, den öffentlichen Raum in dieser kleinen Nebenstraße mit einer feinen Kostprobe wirklich origineller moderner Kunst bereichert zu haben. (DD)

 

Engel auf Erden

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Da er fernab der Touristenmeilen liegt, ist er nicht der große Besuchermagnet, der er sein könnte. Schade, denn der Kleinseitner Friedhof (Malostranský hřbitov) ist einer der schönsten und sehenswertesten alten Friedhöfe Prags. Ursprünglich lag er etwas außerhalb der IMG_3232Stadt, denn im 18. Jahrhundert reichte wegen des Bevölkerungswachstums die Kapazität der kleinen Kirchhöfe mitten in den Ortszentren nicht mehr. Also legte man großzügig konzipierte Friedhöfe vor den Mauern der Stadt an.

So wurde im Jahre 1786 auf Erlass Kaiser Josefs II. dieser Friedhof feierlich geweiht – quasi auf der grünen Wiese hinter der Kleinseite. Man nutzte dazu den Friedhof eines ehemaligen Pesthospitals, der während einer Seuche 1680 angelegt und danach noch einmal als Seuchenfriedhof bei der Pest von 1713/14 genutzt worden war. Schon 1703 hatte zu dem Areal eine kleine Kapelle gehört, die dem Pestheiligen Rochus IMG_3233gewidmet war, aber schon 1715 durch die Kirche der Heiligen Dreieinigkeit ersetzt wurde. Diese wurde wiederum 1831 grundlegend im Empirestil neugebaut, wodurch sie ihre heutige Form erhielt (Bild rechts).

Im späten 19. Jahrhundert holte die Stadt durch ihr Wachstum den Friedhof ein. Nicht mehr außerhalb der Stadt, sondern mitten im Stadtteil Smíchov (Prag 5) liegt er nun. 1850 nutzte man noch einmal die nur noch geringen Potentiale zur Erweiterung, dann war Schluss: 1885 fand die letzte Beerdigung statt, der Friedhof wurde nicht mehr genutzt. Teile fielen bald dem Straßenbau zum Opfer. Schon 1910 gab es eine Diskussion, ihn ganz von der Landkarte verschwinden zu lassen. Gottlob fand er immer wieder Bürger, die seinen Erhalt unterstützten. Trotzdem fielen die Gräber zunehmend der Verwitterung und dem Vandalismus zum IMG_3254Opfer. In den 50er Jahren schloss man ihn ganz.

Erst nach dem Ende des Kommunismus erwachte der Friedhof langsam aus dem Dornröschenschlaf. 2001 setzten städtische Erhaltungsmaßnahmen ein und 2011 übernahm das Gelände ein großer Förderverein, der die Gräber so gut wie möglich restaurierte, die mit altem Baumbestand versehene Anlage wieder regelmäßig pflegte und das Ganze der Öffentlichkeit zugängig machte. Man kann den Bürgern, die sich hier engagiert haben, nur dankbar sein.

Das, was vom Friedhof noch übrig ist, ist beeindruckend und liefert einen tiefen Einblick IMG_3259in die Prager Begräbniskultur des 18. und 19. Jahrhunderts. Es sind Gräber von Menschen aller Schichten – von Bettlergrab IMG_3256zum Fürstengrab. Auch schien er keine Trennung von Tschechen und Deutschen zu kennen. An vielen Gräbern kann man Dank der symbolträchtigen Bildhauerarbeiten den Beruf des Verstorbenen erkennen – die große Leier des Komponisten oder die Kanone des Armeeoffiziers.

Bei manchen Attributen muss man auch rätseln, etwa über die Kombination eines Bienenkorbs und einer IMG_3237darauf sitzenden Eule. Ich konnte noch keine Deutung dafür finden.

Zentral steht das größte Grabdenkmal, das des Fürstbischofs Leopold Leonhard Raymund Graf von Thun und Hohenstein, der sich durch die Anlage des in der Nähe gelegenen Cibulka Landschaftsgartens (siehe früheren Beitrag hier) seine Verdienste um das Prager Stadtbild erworben hatte. Demütig knieend vor dem Altar hat der IMG_3230Bildhauer Václav Prachner den dereinst in Passau regierenden Fürstbischof hier dargestellt.

Zu den vielen anderen berühmten Persönlichkeiten, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben, gehört unter anderem der Komponist und Mozart-Freund František Xaver Dušek, in dessen Haus (auch in der Nähe gelegen!) Mozart seinen Don Giovanni vollendete.

Auch die Familie des berühmten Schriftstellers Jan Neruda hat hier ihr eher bescheidenes Grab. Ursprünglich wurde der Schriftsteller ebenfalls dort begraben, aber später auf den Nationalfriedhof auf dem Vyšehrad umgebettet. Trotzdem ist das Familiengrab immer noch eines der am meisten besuchten Gräber des Friedhofs. Man erkennt die Grabstätte kaum, die IMG_3260durch ein liegendes Kreuz aus Gußeisen markiert wurde (Bild rechts). Die Familie Nerudas (der Vater war Eigner eines kleinen Tabakladens) konnte sich kein Grab wie der Fürstbischof leisten (früherer Beitrag hier).

Die meisten Menschen, die diesen Friedhof besuchen, zieht es jedoch zum Grab der kleinen Anna Degenová (1848-51), auch als das „Grab des heiligen Mädchens“ bekannt (großes Bild). Man weiß nicht genau, wie es kam, dass das als dreijähriges Kleinkind verstorbene Mädchen aus armer Familie einen so elaborierten Grabstein bekam, aber dem recht namhaften Bildhauer Josef Max gelang auf jeden Fall eine zutiefst anrührende Skulptur. Das Kissen, auf das der Kopf des Mädchens ruht, erinnert optisch bewusst ein wenig an Engelsflügel. Denn die Legende, die 1942 der Schriftsteller František Kožík zu einem Kinderbuch verarbeitete, besagt, dass die kleine Anna ein in Menschengestalt auf die Erde gekommener Engel gewesen sei. Bei ihrer Geburt sei sphärische Musik erklungen, sie habe mit Tieren sprechen können und großzügig alles, was sie hatte, noch ärmeren Menschen, als sie es war, gegeben. Was man hinter den Legenden lesen kann, ist die Liebe und die unendlich tiefe Trauer, die die Eltern angesichts ihres so frühen Todes gefühlt haben mussten. Immer wieder schmücken fremde Menschen noch heute das Grab mit Blumen, kleinen Spielzeugen und Kerzen – ein Anblick, der zu Tränen rührt. (DD)

 

Luxusmarkt der Belle Époque

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Die Markthalle in der Altstadt (Staroměstská tržnice), gelegen an der Rytířská 406/10, ist ein Dokument des wirtschaftlichen Optimismus des 19. Jahrhunderts und war dereinst geradezu ein Tempel des luxuriösen Kommerzes.

Der Architekt und Industriedesigner Jindřich Fialka schuf Markthalle11893 für die Markthalle  geradezu eine Orgie an bombastischem Neobarock, was ein wenig verdeckt, welche Modernität eigentlich dahinter steckte. Und groß ist das Ganze: An der Stelle des Gebäudes standen vorher vier Häuser. Und mit vier Stockwerken gehört die Markthalle also schon zu den stattlicheren Bauwerken im Altstadtareal.

Die Fassade wimmelt nur so von mythologischen Darstellungen. Insbesondere der Mittelrisalit ist opulent ausgestaltet, wobei weit oben über dem zweiten Stock die Darstellungen von Artemis und Merkur (großes Bild oben) auffallen. Markthalle9Merkur passt besonders zu dem Gebäude, weil er schließlich der griechische Gott des Handels ist.

Der Markt, der bis tief ins 20. Jahrhundert betrieben wurde, gehörte in jeder Hinsicht dem Luxussegment an. In den beiden Eingangsbereichen findet man Freskenmalereien mit Marktszenen, die dies unterstreichen. Auch einige Stuckreliefs an den Decken zeigen Leckereien wie Hummer. Äußerst international soll das an ein MArkthalle7großbürgerliches Publikum gerichtete Angebot gewesen, bei dem französische Froschschenkel noch das unexotischste waren.

So sehr viel barocke Antikenleidenschaft außen an der Fassade sichtbar ist, drinnen ging es immer modern zu. Die Markthalle war schon früh elektrifiziert; der Ingenieur František Křižík, den Zeitgenossen den „tschechischen Edison“ nannten, hatte dazu seine neu erfundene  Kohlebogenlampe installieren lassen. Markthalle8Ab 1922 lieferte sogar ein eigenes Dampfkraftwerk die Energie dazu.

Na ja, die Zeit des Kommunismus setzte dem Gebäude noch ganz in der Schlussphase zu. In den 80er Jahren zog man eine Betondecke ein, so dass die Räumlichkeiten, in denen sich heute u.a. ein Supermarkt befindet, alle ihre ursprüngliche Luftigkeit verloren haben. Nur in der Mitte hat man ein Sichtloch freigelassen, wo man durch nicht sonderlich sauberes Glas die ursprüngliche Markthalle2architektonische Struktur vage erkennen kann. Hinter der Fassade befindet sich nämlich (aber eben kaum sichtbar) ein kühner fünfzackiger Bau mit Kuppel aus Gußeisen und Glas – was zur Zeit der Eröffnung sozusagen der technologische dernier cri   war.

Im Jahre 2016 hat der Prager Rat beschlossen, dass man langfristig für sehr viel Geld den ursprünglichen Zustand wiederherstellen wolle. Dann könnte man wieder so frei und beschwert unter der schönen Kuppel und dem gußeisernen Gitterwerk lustwandeln und konsumieren wie damals in der Belle Époque, deren Geist das Gebäude atmet.  Wann das geschieht, lässt sich nur sehr schwer abschätzen. Wünschenswert ist es aber auf jeden Fall. (DD)

 

Böhmischer Indiana Jones?

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Nein, er raste nicht in einer Lore durch den Stollen unter dem Tempel des Todes. Ebenso wenig hat er den Gral gesucht und gesichtet. Trotzdem: Mit seinem breitkrempigen Hut und der kraftvollen Pose hat Benedikt Roezl auf dem Sockel seines Denkmals auf dem Karlsplatz von weitem schon eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Filmhelden Indiana Jones. Mit dem teilte er auch die IMG_3225simultane Neigung zu Wissenschaft und Abenteuer.

Und in der Tat hat sich der berühmte Prager Botaniker gerne auf Abenteuer eingelassen. Er bereiste 1854 erstmals Mexiko, um dort seltene Pflanzen zu entdecken und – ganz nebenbei – eine Pflanzenzuchtanstalt zu gründen. Auch da ging es abenteuerlich zu. 1859 wurde er von Rebellen gefangen und gelangte nur mit Mühen wieder in die Freiheit.

1867 verschlug es ihn nach Kuba, wo er eine Maschine zum Reinigen von Hanf erfand, die ihm allerdings bei der Vorführung die Hand zerquetschte. Statt der Hand trug er nun einen eisernen Haken – weniger wie Indiana Jones dürfte er nun ausgesehen haben, sondern eher wie ein Nebendarsteller bei Fluch der Karibik.

Haken hin, Haken her: Er ließ sich nicht beirren. IMG_32191872 tourte er durch den Südwesten der USA und wurde in New Mexico von Banditen überfallen (und überlebte). Im Frühjahr 1873 ging es nach Caracas und wieder nach Mexiko; Ende des Jahres erklomm er 5000 Meter hohe Gipfel der Anden in Peru, Bolivien und Ecuador. In diesem Beitrag findet man unten eine Karte mit seinen Reisen.

Nach Böhmen zurückgekehrt, widmete er sein nun etwas ruhiger gewordenes Leben der Forschung und Lehre und wurde unter anderem Chefredakteur der renommierten botanischen Zeitschrift „Flora“.

Am Ende hatte er bei seinen Expeditionen über 100.000 Pflanzenexemplare zurück nach Europa geschickt und über 800 neue Pflanzenarten entdeckt – darunter viele Orchideenarten. IMG_3220Die Liste der Pflanzen, die nach ihm würdigend benannt sind, ist ausgesprochen lang.

Ob seiner Verdienste setzte man ihm schon 1898 (14 Jahre nach seinem Tode) auf dem Karlsplatz ein recht großes und prachtvoll ausgestattetes Denkmal. Die Statue wurde von den Bildhauern Gustav Zoula und Čeněk Vosmík geschaffen, der sehr elaborierte Sockel von dem Architekten Eduard Sochor. So steht er nun da, der große böhmische Abenteurer und Gelehrte mit einem Buch in der linken und einer Pflanze in der rechten Hand (kurz: er hat dort wieder beide Hände!), während ein getreuer Indianerjunge hinter ihm auf dem Boden kauernd mit einer Machete in der Hand für ihn nach Pflanzen sucht. Das würde man heute aus Gründen der politischen Korrektheit wohl nicht mehr so darstellen, aber man muss zugeben, dass es dem ganzen Denkmal gerade  erst das richtige Abenteuerflair verleiht. (DD)