Auf den Spuren der Brüder Čapek II: Die Villa

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In den Jahren 1923/24 ließen sich die Brüder Karel und Josef Čapek in einem damals noch am äußersten Stadtrand gelegenen Teil Prags von dem Architekten Ladislav Machoň eine Doppelhaus-Villa bauen, in der sie beide 1925 mit ihren jeweiligen Familien IMG_5430IMG_5423einzogen. Josef in der linken (von der Straße aus gesehen) und Karel in der rechten Haushälfte. Die Türschilder mit den Namen sind noch zu sehen.

Das Haus wurde – obwohl etwas abgelegen – schnell zum Treffpunkt der geistigen und kulturellen Elite der Tschechoslowakei. Neben vielen Künstlern, Schriftstellern und Intellektuellen ging auch Präsident Tomáš Garrigue Masaryk hier ein und aus. Das hat weniger mit der Architektur zu tun, IMG_5424obwohl auch die schon einen avantgardistischen Anspruch erhob, hatte Machoň doch das Haus schon im nationalen Stil der Tschechoslowakei entworfen. In der jungen Republik wollte man keine rückwärtsgewandte Architektur mehr entwickeln, sondern – wie auch in diesem Fall – Elemente von Kubismus und Funktionalismus in den Vordergrund stellen. Das war damals sozusagen der letzte Schrei.

Vor allem waren es aber die beiden Brüder selbst, die den Ort zu einem Mittelpunkt des Prager Kulturlebens machten. Karel war mit Sicherheit der bekannteste Schriftsteller seiner Zeit und Josef gehörte zu den großen Künstlern des Kubismus im Lande und hatte sich als Theaterautor einen großen Namen gemacht (siehe früheren Beitrag hier). Beide verstanden sich auch als politische Künstler, die sich für die Werte der Republik in einem Zeitalter einsetzten, in dem überall außerhalb der Tschechoslowakei IMG_5427Unterdrückung und Diktatur vorzuherrschen begannen. Die Brüder Čapek waren so etwas wie die archetypischen Kulturrepräsentanten der tschechoslowakischen Demokratie, ja geradezu die moralischen Instanzen des Landes.

Karel zog übrigens 1935 zusammen mit seiner Frau aus, um in Stará Huť eine neue Bleibe zu finden, wo er zwei Jahre später starb. Josef blieb, wurde aber nach dem Einmarsch der Nazis 1939 verhaftet und starb Anfang 1945 im KZ Bergen-Belsen.

Dem Haus blieb wie durch ein Wunder ein Schreckensschicksal erspart. Die Erben der Brüder blieben dort wohnen, es wurde nicht von Krieg oder Kommunismus zerstört. Ein wenig kam es in einer Art Dornröschenschlaf herunter, blieb aber intakt und wartete darauf, wachgeküsst zu werden. Nur eine große weiße Plakette (aus kommunistischen Zeiten, obwohl sich die Kommunisten meist etwas schwer taten mit dem demokratischen Erbe der Čapeks) mit Portraits und einer Inschrift, die bezeugt, dass die beiden Brüder Gegner des Faschismus waren, erinnerte (bzw. erinnert immer noch) dass sie hier dereinst lebten.

IMG_54252013 beschloss die Familie überraschend, das Haus zu verkaufen. Der Stadtbezirk 10, der übrigens die kleine Seitenstraße, in der das Haus liegt, nach den Brüdern benannte (Adresse: Bratří Čapků 1853/39), reagierte geistesgegenwärtig. Er kaufte es kurzerhand als Kulturdenkmal. Zur Zeit werden dort große Renovierungsarbeiten durchgeführt, die auch den schönen, aber heute verwilderten Garten betreffen. Das Haus scheint eine Fundgrube für Literaturbegeisterte zu sein, denn drinnen befindet sich nicht nur ein Teil der damaligen Inneneinrichtung, sondern auch unzählige hinterlassene Manuskripte und Dokumente. Es soll ein Kultur- und Forschungszentrum für Literaturwissenschaftler und ein Museum im Hause eingerichtet werden. Wann es eröffnet wird, steht noch in den Sternen. Die Renovierung ist sehr arbeitsintensiv.  Wenn es soweit ist, kann IMG_3457man ein neues Highlight für die Kulturstadt Prag erwarten. Von außen besichtigen kann man das Haus ja immerhin jetzt schon jederzeit.

Und wenn man schon einmal auf den Spuren der Brüder Čapek wandelt, kann man ja von Prag 10 über die Moldau zur Kleinseite (Prag 1) fahren. Dort, in der Říční 532/11, steht das Haus, in dem die beiden Brüder wohnten, bevor sie in die neue Villa einzogen. Eine Plakette (Bild unten links) erinnert dort daran, dass sie hier von 1907-25 lebten. Das Haus mit seiner klassizistischen Fassade ist allerdings älter und wurde in den Jahren 1843-48 erbaut. (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren der Brüder Čapek I: Das Denkmal in Vinohrady

Ernste Frau mit ernsten Anliegen

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1910, also 11 Jahre nach ihrem Tod, setzte man ihr schon auf dem Karlsplatz ein Denkmal. Der Bildhauer Gustav Zoula schuf die auf einem Sockel stehende Büste der recht grimmig dreinschauenden Schriftstellerin Karolina Světlá, die auf den meisten Photos, die von ihr überliefert sind, tatsächlich meist mit genau diesem Gesichtsausdruck zu sehen ist. Sie war eine wohl IMG_5419eine ernste Frau mit ernsten Anliegen. In ihren damals viel gelesenen Romanen setzte sie sich oft mit der Stellung der Frau in ihrer Zeit auseinander. Ihre Novelle Hubička (Der Kuß) wurde 1876 von keinem Geringeren als Bedřich Smetana als Oper herausgebracht.

Karolina Světlá war übrigens ihr Künstlername, denn eigentlich hieß sie Johanna Rottová, und nach ihrer Heirat mit dem Klavierlehrer Petr Mužák im Jahre 1852 Johanna Mužáková. Ihr Mann führte sie nicht nur in böhmische Künstlerkreise ein, sondern brachte sie in Kontakt mit politischen Zirkeln, die sich für ein liberaleres und selbständigeres Böhmen einsetzten. Sie begann sich politisch und sozial zu engagieren. 1871 gründete sie zum Beispiel den Böhmischen Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český) – eine Vereinigung, die jungen Frauen aus armen Elternhäusern zu mehr Bildung verhelfen sollte – und war zudem 1865 Mitbegründerin der Americký klub dam (Klub amerikanischer Damen), eine Intellektuellenvereinigung für Frauen, deren Namen schon ausdrücken sollte, dass die Mitglieder sich für Böhmen ein Ausmaß an Frauenrechten wünschten, wie es im progressiveren Amerika bereits gegeben war.

IMG_5417Die Aufstellung des Denkmals wurde daher aus Dankbarkeit von dem Frauen-Erwerb-Verein daselbst seit 1903 mit einer großen Geldsammelaktion betrieben. Das Denkmal steht in der Nähe des (heute nicht mehr existierenden) Hauses, in dem sie in Prag wohnte. Die überlebensgroße Bronzebüste steht auf einem fast zwei Meter hohen Granitsockel auf zwei Stufen, der von dem Architekten Josef Fanta entworfen wurde, der unter anderem auch den Prager Hauptbahnhof (siehe hier) gestaltet hatte. Neben dem Sockel sollen dereinst zwei große klassische Urnen gestanden haben, die aber seit langem verschwunden sind – vermutlich durch Diebstahl.

Von ihrem Sockel herab kann Karolina Světlá übrigens heute über die Straße schauen, um dort das seit 1931 dort stehende Denkmal ihrer Freundin und Mitstreiterin Eliška Krásnohorská (siehe früheren Beitrag hier) zu sehen, die als eigentliche Begründerin der tschechischen Frauenbewegung gilt. Dieser Teil des Karlsplatzes ist also besonders den emanzipierten Frauen Tschechiens und ihren Vorkämpferinnen gewidmet. (DD)

Hier stand einst die Synagoge von Vinohrady

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Betrachtet man die realsozialistische Skulptur über dem Eingang des  Schulgebäudes in der Sázavská 830/5 in Prag 2, möchte man fast lachen. Die synagoge5.jpgsynagoge4glücklichen Kinder in der glücklichen sozialistischen Welt zeugen irgendwie noch von recht altmodischen Rollenklischees: Jungs spielen draußen mit Flugzeugen, Mädchen lesen drinnen beschaulich ein Buch. Das kommunistische Versprechen der Geschlechtergleichheit nahm sich in Wirklichkeit doch recht spießig aus.

Aber das Lachen wird bitter, wenn man sich das Gebäude näher ansieht und auf zwei kleinen Gedenkplaketten im Eingangsbereich Spuren einer Geschichte findet, bei der schieres Grauen und bittere Ironie dicht beieinander liegen.

Die erste Plakette links weist darauf hin: Wo heute eine etwas öde realsozialistische Architektur das Bild prägt, stand dereinst die Synagoge von Vinohrady. Sie war die synagoge1größte in Prag, ja einer der größten Sakralbauten in ganz Böhmen und Mähren. 1894 hatte die jüdische Gemeinde des Stadtteils den Architekten Wilhelm Stiassny mit dem Bau beauftragt, der dann 1896 eingeweiht werden konnte. Der mit zwei großen Türmen und einem riesigen Rosettenfenster versehene Prachtbau konnte über 2000 Gläubige fassen. Im Jahre 1921 zählte die jüdische Gemeinde in Vinohrady immerhin 5732 Mitglieder und zeichnete sich durch ein blühendes Gemeinde- und Kulturleben aus.

Das wurde mit dem Einmarsch der Nazis 1939 brutal zerstört. Doch obwohl die Nazis fast sämtliche Juden des Stadtteils deportierten und umbrachten, ließen sie das Gebäude der Synagoge (und auch der anderen in Prag) unbeschädigt. Irgendwie waren sie von der zynischen Idee besessen, aus Prag so etwas wie eine Museumsstadt einer „untergegangenen Rasse“ zu machen, um ihren Völkermord auch noch öffentlich anzupreisen (siehe auch früheren Beitrag hier).

Es war ausgerechnet die amerikanische Luftwaffe, die dann das Zerstörungswerk verrichtete – wenngleich aus Versehen. Am 14. Februar 1945 bombardierten einige synagoge2Bomber der US-Luftwaffe, die sich beim Bombenangriff auf das nicht so ferne Dresden verflogen hatten, Teile Vinohradys. Der Irrtum kostete nicht nur rund 700 Bewohnern das Leben, sondern zerstörte auch die Synagoge. In ihrer Perfidie behinderten die Nazibehörden die Löscharbeiten. Das in den Grundfesten zerstörte Gebäude war nur noch schwer zu reparieren, zumal ab 1948 die Kommunisten regierten, die in dieser Zeit anfingen, antizionistische Kampagnen zu initiieren. Da war – trotz des Protestes der jüdischen Gemeinde – kein Platz mehr für Synagogenaufbau. 1951 beschlossen die Kommunisten, die Ruine endgültig verschwinden zu lassen, und rissen sie kurzerhand ab. 1961 erbauten sie stattdessen das heute dort befindliche Gebäude; eben jene Grundschule mit dem bieder-sozialistischen Relief.

Erst nach dem Ende des kommunistischen Regimes erinnerte man sich wieder öffentlich der traurigen Ereignisse. 1995 wurde die oben erwähnte Plakette angebracht, die  daran erinnert, dass hier dereinst die große Synagoge von Vinohrady stand. Sie zeigt eine kleine Reliefdarstellung des alten Gebäudes mit einem Riss in der Mitte, der ihren Untergang symbolisiert.

Rechts im Eingangsbereich hängt noch eine Gedenktafel. Sie erinnert daran, dass auch in den Zeiten tiefster Finsternis sich Beispiele großherziger Menschlichkeit entfalten können. Hana Epsteinová, synagoge3von der nicht einmal ein Photo erhalten ist, ist allenfalls vergleichbar mit dem britischen Geschäftsmann Nicholas Winton (siehe früheren Beitrag hier), der 1939 hunderten von jüdischen Kindern half, von Prag aus vor den Nazis zu fliehen und in England eine neue und sichere Bleibe zu finden – nur, dass Hana Epsteinová ihre Güte auch noch mit dem Preis ihres Lebens bezahlen musste.

Was geschah nach 1939 mit den jüdischen Kindern, deren Eltern verschollen oder ermordet waren? Die keinen Nicholas Winton fanden, der ihnen half? Mit jüdischen Flüchtlingskindern? Epsteinová ließ diese Frage keine Ruhe und auf dem Gelände der Synagoge richtete sie ein kleines Heim ein, wo sie diese Kinder betreute, ihnen Unterricht gab, mit ihnen Musik einübte und sie auf dem Flachdach eines Teils der Synagoge beim Spazieren frische Luft schnappen ließ (denn öffentliche Parks durften sie nicht mehr betreten). Das ging bis 1943 noch einigermaßen gut, dann deportierten die Nazis sie und die Kinder erst in das Konzentrationslager Theresienstadt, dann ins Vernichtungslager Auschwitz. Überlebende Zeugen haben sich immer wieder erinnert, dass sie im Kinderblock des sogenannten Familienlagers mit den Kindern tschechische und hebräische Lieder einübte und versuchte, für die Kinder ein wenig Glück in das elende Lagerleben zu bringen – bis zum 8. März 1944. An diesem Tag ermordeten die Nazis Hana Epsteinová.

Ende 2017 brachte die Stadtteilregierung in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Prags die Gedenktafel für diese Heldin des Guten und Anständigen an. Man sollte also nicht achtlos an diesem zunächst unscheinbar wirkenden Gebäude vorbeigehen, denn deutlicher als an diesem Ort kann man in in Prag kaum die Narben sehen, die der Totalitarismus des 20. Jahrhundert hinterlassen hat. (DD)

Funktionalismus und moderne Kunst

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Die Sammlung der Nationalgalerie in Prag ist so riesig, dass ihre verschiedenen Kunst- und Gemäldesammlungen in verschiedenen Gebäuden untergebracht werden mussten. Das Gebäude, das die Sammlung der moderneren Kunst (ab 2. Hälfte 19. Jahrhundert bis Gegenwart) beherbergt, zeichnet sich dadurch aus, dass es auch architektonisch zur Sammlung passt. IMG_5406Der Messepalast (Veletržní palác) in der Dukelských hrdinů 47 in Holešovice, ist für sich selbst genommen schon ein Dokument der Moderne schlechthin. Von außen mag das Bauwerk etwas monoton und abweisend wirken, aber dieser erste Eindruck verkehrt sich in sein Gegenteil, wenn man erst einmal drinnen ist.

Einen Bau im strengsten funktionalistischen Stil erbauten die beiden Architekten Josef Fuchs und  Oldřich Tyl in den Jahren 1925 bis 1928. Und entsprechend funktional war auch zunächst der Gebäudezweck. Nicht Kunstausstellungen, sondern Industriemessen gab es hier zunächst zu sehen. Das änderte sich mit dem Einmarsch der Nazis, die ein Schreckenskapitel in der Geschichte des Gebäudes eröffneten. Ab 1939 fungierte der Bau als Sammelstelle für Prager IMG_5411Juden, die in die Konzentrationslager abtransportiert werden sollten. Nach dem Krieg wurde er gottlob wieder einer friedlichen Nutzung überantwortet. In den Zeiten des Kommunismus war er Sitz einiger staatlicher Außenhandelsfirmen. Ein Feuer richtete 1974 großen Schaden an. Zwei Jahre später ging es in den Besitz der Nationalgalerie über. Ausgesprochen langwierige Renovierungsmaßnahmen begannen, die erst nach der Samtenen Revolution Anfang der 1990er Jahre zum Abschluss kamen. Das immer noch erstaunlich modern wirkende Gebäude, das schon fast selbst wie ein Kunstwerk erschien, wurde zum Ausstellungsort für Kunst- und zwar moderne Kunst.

Es gibt verschiedene Dauerausstellungen über drei Etagen mit einer Fläche von 13.500 Quadratmetern, die die großen internationalen (Picasso, Manet etc.) und vor allem heimischen Künstler repräsentieren. Die schiere Größe wird einem bewusst, wenn man das Atrium innen zum ersten Male erblickt. Und man sollte sich viel Zeit nehmen, um alles zu sehen, was es zu sehen gibt.

IMG_5413Zusätzlich gibt es noch zwei Etagen für wechselnde Ausstellungen. Dem gleichen Zweck dient eine große, sich über mehrer Stockwerke erstreckende Kunsthalle, die es erlaubt, Kunstwerke in Größenordnungen auszustellen, die sonst in kein Museum passen. Von 2016 bis 2017 durften die Besucher die sonst kaum zu präsentierenden Monumentalgemälde des Zyklus Das Slawische Epos von Alfons Mucha bestaunen. Das Bild links zeigt einen Blick in den Saal vom zweiten Stock aus während einer Ausstellung von Werken der deutschen Künstlerin Katharina Grosse, die hier gigantische Textilinstallationen mit Besprayung austellte. Das Ganze vermittelt immerhin einen gewissen Eindruck von der Größe des Saals – vor allem, wenn man die umherwandelnden winzigen Besucher im Auge behält, IMG_5416die fast schon etwas verloren wirken..

Daneben gibt es im Keller noch das Studio Hrdinů (Studio der Helden) ein modernes Experimentaltheater. Besucher wissen auch den Restaurantbetrieb des Museums zu schätzen, das berühmte Café Jedna, das auch Kaffee- und Kuchengenießer anzieht, die gar nicht das Museum besichtigen wollen. Jedenfalls ist es immer sehr schwierig, hier noch einen Platz zu finden. Das hat nicht nur etwas mit der Qualität der Kuchen und Speisen zu tun, sondern auch mit dem musealen Ambiente. Denn auch hier dominiert die glasklar strukturierte und ausgesprochen lichtdurchflutete Architektur, die den Innenraum des ganzen Gebäudes auszeichnet. (DD)

Brutalismus vor dem Abriss

Das hier abgebildete Gebäude wird es in Bälde nicht mehr geben. Bis zuletzt hatten sich Denkmalschützer und Modernisierer harte öffentliche Debatten geliefert, was damit zu tun sei. Ende 2017 entschied das tschechische Kulturministerium, dass der Transgas-Bau abgerissen werden und einem neuen Bürokomplex weichen dürfe. Das wird wohl bald umgesetzt. Die Frage ist tatsächlich interessant: Was tut man mit Gebäuden, die mustergültig die Ästhetik der Zeit des Kommunismus in den 1970er wiederspiegeln. Wie ordnet man den Stil ein, den man im Fachjargon bisweilen Brutalismus nennt?

Man kann sagen was man will, aber das Transgas an der Vinohradská 325/8 in Prag 2 ist zweifellos das brutalistischste aller brutalistischen Gebäude, das man sich vorstellen kann. Brutalbrutalismus, sozusagen. Purer kalter Stahl und Beton mit viel Glas wurden zu einem Ensemble zusammengefügt, das den technischen Utopismus und Fortschrittsglauben des Kommunismus in eine protzig daherkommende architektonische Sprache übersetzen sollte.

Das Gebäude selbst sollte einem technischen Großprojekt dienen, mit denen die damalige Regierung noch einmal richtig Eindruck schinden wollte. 1970 hatte sich die Sowjetunion verpflichtet, über eine 1030 Kilometer lange Pipeline via Prag Mitteleuropa mit Gas zu beliefern. Hier in der Stadt und unweit des Wenzelsplatz sollte eine Art Verteilerstation mit Verwaltung erbaut werden.

Das besorgte in den Jahren 1972 bis 1978 einer der damaligen Stararchitekten der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik, Václav Aulický. Für das Gebäude mussten etliche Wohnhäuser aus dem späten 19. Jahrhundert abgerissen werden. Das Gebäude wurde an einen Hang gebaut. Der Hochhausteil für die Verwaltungszwecke steht noch einmal überhöht über dem vorderen Teil und man sieht unten noch die riesigen Röhren einmünden (links), durch die einst das Gas ankam.

Der untere und vordere Teil wiederum besteht aus einem flachen, mit groben Steinwürfeln geschmückten rechteckigen Bau, der auf einem großen runden Sockel (mit Treppenhaus drinnen) ruht. Von der Vinohradská aus betrachtet sieht gerade dieser vorgeschobene Teil, das ehemalige Kontrollzentrum der Gasleitung, schon irgendwie bezwingend aus.

Die Geländer der äußeren Treppen und Passagen sind großen Gasleitungen oder -röhren nachempfunden und unterstreichen die technizistische Botschaft mit wahrhaft brutalistischem Nachdruck. Man sieht es auf dem kleinen Bild links. Über Schönheit lässt sich bekanntlich nicht streiten, aber auf jeden Fall ist hier ein echter Stilwille erkennbar.

Ähnliches gilt für den nunmehr stillgelegten Brunnen aus Beton, den der Architekt und Photograph Ivo Loos entworfen hatte, und der hinter dem Haupthaus steht (Bild rechts). Der einer längs halbierten Gasleitungsröhre nachempfundene Ausguss ließ dereinst das Wasser in ein flaches tropfenförmiges Betonbecken ein.

Vor einigen Jahren kaufte ein Investor das Gebäude, das schon seit längerem nicht mehr seinem ursprünglichen Zweck dient. Die Neuigkeit, dass er das Gebäude abreißen wolle, löste Diskussionen aus. Denkmalschützer argumentierten, dass ja etliche Bauwerke des Brutalismus (etwa das nahegelegene Neue Nationalmuseum) in Tschechien unter Denkmalschutz stünden, und das es sich um einen (auch im Westen existierenden!) internationalen Stil handle, der gerade im Transgas seinen vollendeten Ausdruck gefunden hätte.

Dagegen standen die Befürworter des Abrisses, die in dem Bau nicht nur ein Relikt kommunistischer Ideologie sahen, sondern nicht ganz unbegründet darauf hinwiesen, dass es sich im Kontext des Umfeldes um einen ausgesprochenen Fremdkörper handle. Zudem sein das Gebäude von zweifelhaftem ästhetischen Wert. Das mit dem neuen Bürokomplex beautragte Architekturbüro Jakub Cigler versicherte zudem, dass sich das neue Gebäude mit Grünanlagen und Restaurants gut in die Umgebung des Nationalmuseums und des Wohnumfelds einfügen werde, und eine städteplanerisch „tote Ecke“ wieder mit sozialem Leben erfüllen wolle.

Die Befürworter des Abrisses haben sich nun durchgesetzt. Und jetzt, da das Transgas schon länger leer steht und langsam verfällt und vergammelt, fällt es schwer, sich beim Anblick ästhetische Argumente für seinen Erhalt zu imaginieren. Aber das mag in dieser Situation natürlich ein wenig unfair klingen. Wie dem auch sei: Es lohnte sich jetzt auf jeden Fall, das Transgas noch einmal zu photographieren, bevor es nicht mehr da ist. (DD)

Institut mit viel Hintergrund

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Das CEVRO Institut ist eine private Universität in Prag, die sich auf die Sozialwissenschaften fokussiert hat, vor allem in den Fächern Ökonomie, politische Philosophie (darüber halte ich hier Vorlesungen!), Rechtswissenschaft und Außen- und Sicherheitspolitik. Stolz ist man darauf, dass man nicht nur Mainstream-Inhalte lehrt, sondern auch weniger bekannte liberale Denkschulen (z.B. die Österreichische Schule der Ökonomie) gebührend berücksichtigt. Manche verdächtigen IMG_3869sie gar, geradezu eine liberale Kaderschmiede zu sein. Auf dem Schreibtisch des Rektors findet man jedenfalls erfreulich viele Büsten von Denkern wie Adam Smith oder Ludwig von Mises.

Ein solches Institut muss natürlich auch in einem Gebäude mit einem liberalen politischen Hintergrund residieren. Und das tut es auch. Das Neorenaissance-Gebäude in der Jungmannova 28/17 beherbergte dereinst den berühmten Klub Měšťanská beseda, was auf Deutsch soviel bedeutet wie „Bürgerliche Diskussion“. IMG_6731.JPGDer wurde 1845 in Prag gegründet und war formell ein Treffpunkt der „technischen Intelligenz“, also Wissenschaftler, Unternehmer, Beamte und einige Schriftsteller. Tatsächlich trafen sich aber hier am Vorabend der Revolution von 1848 vor allem politisch Gleichgesinnte. Es handelte sich eher um einen politischen Debattierklub und einen Ort, an dem politische Absprachen bei einem Glas Wein oder dem Billardspiel getroffen wurden. Nach einem Jahr gab es in Prag schoon über 500 Mitglieder. Bald gab es andernorts in Böhmen ebenfalls Ableger, etwa 1949 in Třebíč oder 1862 in Pilsen. Der Klub in Prag blieb der berühmteste und bedeutendste, schon alleine aufgrund des politischen Gewichts der Mitglieder, unter denen sich literarische Größen wie Karel Havlíček, František Palacký, František Ladislav Rieger und sogar der Komponist Bedřich Smetana (alle in diesem Blog bereits gewürdigt!) fanden. Hier wurden Pläne geschmiedet, wie ein liberaleres, demokratischeres und von der Wiener Zentrale des Habsburgerreiches unabhängigeres Böhmen geschaffen werden könnte. IMG_3873Auch die etwas repressiveren Zeiten nach dem Scheitern der Revolution überlebte der Klub und gedieh weiter. In den Jahren 1868 bis 1871 baute er sich das Haus in der Jungmannova als Hauptquartier und blieb dort noch Jahrzehnte aktiv. Erst 1952 lösten die Kommunisten den Klub auf.

Immerhin begann schon im Jahr darauf, 1953, neues Leben in den Räumlichkeiten. Aus dem Hauptsaal – heute die CEVRO-Aula – wurde die erste Übertragung des Tschechoslowakischen Fernsehen gesendet. Und auch später gab es viele Musik- und Opernprogramme, die hier fürs Fernsehen aufgenommen wurden. Nach der Wende von 1989 war es kurz die Zentrale eines privaten Fernesehsenders. Dann, 2006, erwarb der Trägerverein des neuen CEVRO Instituts das Gebäude und baute es für die Bedürfnisse eines Universitätsbetriebs um. Der ursprüngliche Charakter des Gebäudes wurde dabei so gut wie möglich erhalten, was sich besonders an der Aula (ein überdachtes Atrium) zeigt. Dass dies alles so ordnungsgemäß bleibt, dafür sorgt nicht nur der Rektor Josef Šíma, sondern vor allem das felide Maskottchen Dr. Cevrouš, dessen Büste (großes Bild oben) in der Aula steht und dereinst Teil eines Werbevideos des Instituts war. (DD)

Von der Kirche zum Kindergarten

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Die Spielzeugeisenbahnen, Klettergerüste und Rutschen im Vorgarten weisen schon klar darauf hin, dass dieses Gebäude ein Kindergarten sein muss. Die Architektur spricht aber eine andere Sprache. Und richtig: Ursprünglich war das Gebäude in der Kopernikova 1071/7 in Prag 2 eine kleine Kirche. Sie wurde in den Jahren 1899-1901 von IMG_3357der evangelischen Gemeinde der Böhmischen Brüder (Českobratrská církev evangelická) als Pfarrkirche der Kreuzherren .(Fara křížovníků) gebaut, Das Symbol er Böhmischen Brüder, der heilige Kelch, schmückt die Seitenfassade (Bild links). Ohne einen großen Kirchturm auskommend, soll das Gebäude eher an ein Gemeindehaus oder eine Gebetshalle erinnern, wie es dem Selbstverständnis der Böhmischen Brüdern (mit ihren hussitischen Wurzeln) entspricht.

IMG_3356Entworfen wurde die Kirche von dem Architekten Eduard Sochor, der sich bis dato auf neogotische Architektur spezialisiert hatte. Bei seinem Entwurf für die kleine Kirche wählte er einen Mittelweg zwischen dem traditionsverbundeneren (neogotischen) Historismus und dem damals neuen Jugendstil. Dieser Stilmix lässt das Gebäude in der tat recht ungewöhnlich IMG_3360aussehen, was sich besonders an dem schönen Eingangsportal zeigt, das man oben im großen Bild sieht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche in einen städtischen Kindergarten umgewandelt. Das Bauwerk ist größer als es scheint, denn drinnen werden ganze 110 Kinder täglich betreut. (DD)