Metrokunst: Die Moldau als Thema

Von Brückenzubringern umrundet, ist die Metrostation Vltavská im eher industriell geprägten Stadtteil Holešovice von einer Betonwüste umgeben, die den Betrachter vergessen lässt, dass er sich in der „Goldenen Stadt“ befindet. Und die Station selbst, die 1984 von den Architekten Vladimír Uhlíř and Jiří Navrátil erbaut wurde, ist als Werk realsozialistischer Ästhetik erkennbar. Kurz: Es gibt möglicherweise schönere Orte in Prag.

Aber man hat sich natürlich bemüht, etwas daraus zu machen. Und so gibt es seit der Eröffnung hier auch „Kunst am Bau“. Die kreist um das Namensthema. Es sind gleich zwei Kunstwerke, die zu diesem Thema hier in oder bei der Station zu finden sind. Der Name Vltavská leitet sich nämlich vom Namen der Vltava ab, wie die Moldau auf Tschechisch heißt.

Und Vltava (Die Moldau) heißt auch das Kunstwerk, das man links beim Ausgang sieht, wenn man von unten die Rolltreppe hinaufkommt. Das an ein Bullauge erinnernde Fenster zeigt in abstrakter Form die zusammenfließenden Wassermassen des Flusses, in dem kleine Strudel und auch Herzen (den die Moldau liegt dem Prager am Herzen) zu sehen sind.

Das Ganze ist raffinierter als man zunächst anzunehmen bereit ist. Von Innen und Außen ergibt sich jeweils ein sehr unterschiedlicher Eindruck – mal hell, mal dunkel. Das sich ein wenig vom Einerlei des realsozialistischen Kunstverständnisses abhebende Fenster ist das Werk des Malers Jan Fišar und des Glaskünstlers Václav Zajíc.

Und draußen, neben der Station steht die riesige Skulptur unter dem Titel Faun a Vltava (Der Faun und die Moldau) des Künstlerehepaars Miroslav Hudeček und Olga Hudečková. Es handelt sich um eine Kombination von Skulptur und Brunnen. Das Ganze mutet jedenfalls nicht sonderlich realsozialistisch an.

Man sieht eine weibliche Allegorie des Flusses Moldau, die im Brunnen steht und weiter oben von stilisierten Wellen umgeben ist. Über dem Ganzen thront ein Flöte spielender Faun.

Weshalb dieses spielerische und ausgesprochen wenig dem „historischen Materialismus“ entsprechende Sujet für die Station gewählt wurde, ist mir nicht bekannt, aber es passt nett zum Namen und der Lage der Station.

Die Figuren und der Brunnen sind in unterschiedlich farbigem Stein erarbeitet, was den Reiz erhöht. Der innere Teil sieht fast aus, wie aus rotem Holz geschnitzt. Über die Zeit nagte der Zahn der Zeit an dem putzigen Kunstwerk, so dass 2019 eine Renovierung fällig war. Sie lässt den Faun und seinen Fluss in neuem Glanz erstrahlen. (DD)

Luxus oder Fremdkörper?

Wer von der Letná Höhe den Ausblick über die Moldau auf die ganze Altstadt genießt, wird den Anblick meist eher als optische Dissonanz wahrnehmen. Die Rede ist vom berühmten Hotel InterContinental direkt am Ufer des Flusses (Pařížská 43/30). Als das einzige Gebäude im Stile des in der kommunistischen Ära beliebten Brutalismus an dieser Stelle, fällt es schon ein wenig als Fremdkörper im Stadtbild auf.

Zumindest hat man für den Bau keine älteres Gebäude von historischem Wert abgerissen. An der Stelle, wo heute das Hotel steht, war durch einen Bombenangriff im Jahr 1944 eine riesige Lücke gerissen worden, die im Zuge eines durchaus durchdachten und an die Umgebung angepassten Plans gefüllt wurde. Das Hotel entstand in den Jahren 1968 bis 1974 basierend auf den Entwürfen der Architekten Karel Filsak, Karel Bubeníček und Jaroslav Švec. Sie entwickelten eine aus verschiedenen rechteckigen Quadern zusammengesetzte Struktur, die aus Stahl und Beton besteht – wie es in der Zeit nicht nur im kommunistischen Bereich üblich war.

Es verfügt über 372 Zimmer, etliche Luxussuiten und Tagungssäle und auch noch je ein Restaurant im oberen Bereich und im Erdgeschoss, die eine fantastische Aussicht über Altstadt und/oder Moldau bieten.

Im Foyer sind leider nur noch wenige Reste der ursprünglichen Skulpturengruppe unter dem Titel „Zauberwald“ zu sehen – ein Werk des Bildhauers Miloslav Hejný, das einst das obere Restaurant schmückte. Mit ihren Schnitzereien aus dunklem Holz sollte es ein wenig an afrikanische Volkskunst erinnern. Das InterContinental war das erste internationale Luxushotel in Prag, und sollte deshalb ein wenig exotische Atmosphäre ausstrahlen. Auch nach westlichen Maßstäben der Zeit war es in jeder Hinsicht „state of the art“.

Obwohl es sich um einen für die Zeit typisches Gebäude handelt, bei dem Beton dominiert, hatten die Planer immerhin versucht, das Ganze in die Umgebung einzupassen. Die Höhe übersteigt nicht die der alten Gebäude in diesem Teil der Altstadt. Die rechteckigen Betonelemente wurden vertikal strukturiert, um mit der von Säulen und Pilastern beschmückten Architektur drumherum zu harmonieren. Dunkle Kacheln verstärken den Effekt ein wenig. Ganz mag das nicht gelungen sein, aber das Hotel ist nicht das Produkt eines völlig rücksichtslosen Brutalismus, wie er sonst oft in kommunistischen Zeiten üblich war. Ein Abriss stand nie ansatzweise zur Debatte.

Nach dem Ende des Kommunismus wurde das Gebäude 1992 bis 1995 von dem Architekten Roman Koucký außen renoviert und behutsam der neuen Zeit angepasst. 2002 erfolgte eine Renovierung im Innenbereich, die etwas größere Veränderungen zur Folge hatte, um den gewachsenen Ansprüchen der Gäste gerecht zu werden. Nachts wird das Gebäude sehr geschickt an der Außenfassade beleuchtet, um den Eindruck einer vertikalen Strukturierung durch Säulen noch einmal verstärken soll. Schaut man dann von der anderen Seite der Moldau herüber, wirkt es fast schon richtig schön. (DD)

Militärgeschichte und Ehefrau

Bei vielen großen mehrstöckigen Stadthäusern des späten 19. Jahrhunderts in Prag muss man sich schon den Hals ein wenig verrenken, um oben in der Höhe die jeweiligen Besonderheiten zu erkennen.

Das gilt auch für das riesige Mietshaus in der Havlíčkova 1682/15 (Ecke Na Poříčí), das nämlich eine kleine Lektion Habsburger Militärgeschichte bzw. Uniformenkunde bereithält, die wohl nur jemandem auffällt, der schon länger in Prag weilt und einen Sinn für solche Details entwickelt hat. Oben in den Nischen direkt unter dem Dach des Hauses stehen an der Ecke Soldaten aus verschiedenen Epochen der böhmischen Geschichte der Habsburgerzeit Wache. Was hat es damit auf sich?

In den Jahren 1885–89 schuf der berühmte Architekt Antonín Wiehl, ein Spezialist für Neo-Renaissance, das vierstöckige Haus in den Jahren für den Bauherren Karl Gemperl. Das Areal wurde allerdings zuvor für Militärkasernen genutzt, die ab 1800 entstanden waren (siehe auch hier). An der Stelle des Hauses, das wir heute hier sehen, stand eine Kavalleriekaserne mit Ställen, was Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr zur Stadtentwicklung passte. Wiehl wollte aber ein wenig an die Vorgeschichte des Gebäudes erinnern, und beauftragte den Bildhauer Antonín Procházka mit der Gestaltung der Stuckatur in diesem Sinne. Der Soldat oben im großen Bild ist Kavallerist der Gemeinsamen Armee der 1867 gegründeten österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie – Wiehl hätte ihm persönlich begegnen können. Daneben steht ein Offizier aus der Zeit kurz nach den Napoleonischen Kriegen, so um 1820 (kleines Bild oberhalb links)

Die finsteren Zeiten des Dreissigjährigen Krieges werden wieder wach, wenn man den recht grimmig und verwegen dreinschauenden Soldaten sieht, der sich selbstbewusst auf seinen schweren Reitersäbel stützt – eine Erinnerung daran, dass der Krieg ja hier in Prag dereinst begann.

Wie alle der vier präsentierten Kavalleristen steht er in einer im nachempfundenen Renaissancestil gestalteten Nische, die mit einem Muschelornament geschmückt und von dorischen Pilastern umrahmt ist.

Der vierte im Bunde dürfte ein Reiteroffizier aus dem späten 16. Jahrhundert sein, das für die Habsburger und Böhmen nicht unbedingt eine friedliche Zeit war, wie etwa die lange Kette von Türkenkriegen beweist, die zwischen 1526 und 1568 tobten, und an denen unzählige böhmische Soldaten teilnahmen. Mit seiner Trompete in der Hand, scheint der Kavallerist hier aber trotzdem sich nicht ganz die Stimmung durch die Ereignisse verderben zu lassen. Vielleicht liegt das daran, dass er eine besonders fesche Uniform mit Pluderhosen und federgeschweiftem Hut trägt.

Der Architekt Wiehl, dem Prag etliche ansehliche Gebäude im Neo-Renaissancestil verdankt (früheres Beispiel hier), wohnte selbst in dem Haus und hatte dort auch sein Büro eingerichtet. Deshalb sollte die Fassade nicht nur die militärhistorische Vorgeschichte präsentieren, sondern auch ein Musterbeispiel für seine Architektur sein – eine Art Eigenwerbung sozusagen. Deshalb beeindruckt das Haus auch mit vielen hübschen Details, wozu nicht nur die zierlichen Stuckarbeiten gehören, sondern die zu Wiehls Zeiten unter beliebten Sgraffiti, die sich auf den Friesen um das Gebäude ziehen (kleines Bild rechts). Es ist nicht ganz klar, ob die von dem berühmten Historienmaler Mikoláš Aleš (frühere Beiträge hier und hier) stammen, mit dem Wiehl gerne und oft zusammenarbeitete.

1896 baute sich Wiehl ein neues Haus am Wenzelsplatz, das er stolz nach sich benannte: Wiehlův Dům (Wiehl Haus), das wir bereits hier beschrieben haben. Aber er ließ eine Erinnerung an seine private Anwesenheit im alten Haus zurück – nämlich das Portrait seiner Frau Marie Wiehlová. Man muss ein wenig suchen bis man es unten am Erker am ersten Stock findet. Es handelt sich um doppeltes Portrait im Seitenprofil, die sich gegenseitig anschauen. Die beiden Majolika-Medaillons wirken so authentisch wie ein originales Werk der Renaissance, dass man gar nicht merkt, dass die portraitierte Dame doch wesentlich später lebte. Und irgendwie ist es doch rührend, dass Wiehl seiner Frau auf solche Art ein Denkmal schuf. (DD)

Tschechisch light

Schwer und deftig – das ist ja bekanntlich das wesentliche Charakteristikum der tschechischen Küche. Dass es auch anders geht und man die böhmische Cuisine modern und leicht genießen kann, das versucht eine immer größer werdende Zahl von Restaurants zu beweisen.

Eines davon ist das Restaurant Nuance inmitten der Altstadt am Kleinen Ring (Malé náměstí 138/4). Chefkoch Michal Paulík schafft es tatsächlich, dem Essen hier einen sanften französischen Tuch zu verleihen – sowohl bei tschechischen Gerichten wie der klassischen Entenkeule oder dem überbackenen Käse (großes Bild oben) als auch bei eher internationalen Gerichten, die es ebenfalls auf der Speisekarte gibt. Gute tschechische Weine runden das Bild eines Restaurants ab, das deutlich über dem Normalniveau der Gaststätten der Altstadt steht. Das gilt auch für das Preisniveau, das wiederum absolut angemessen und nicht überteuert ist.

Das Restaurant ist dem Hotel im Gebäude nebenan angeschlossen – das berühmte Haus bei Rott (Dům U Rotta; früherer Beitrag hier). Während das Rott-Haus betont historistisch daherkommt, ist die Einrichtung beim Nuance lässig modern (mit allerlei moderner Kunst), aber doch noch gemütlich. Dazu tragen vor allem die alten Kellergewölbe im Untergeschoss bei, die Möglichkeiten für geschlossene Veranstaltungen bieten. Hier findet bisweilen auch ein interessantes Musikprogramm – hauptsächlich Jazz – statt. (DD)

Kleines Dorf mit viel Geschichte

Dass man in der Nähe des Flusslaufs der Berounka rund 20 Kilometer südwestlich von Prag schöne Ausflüge durch die Natur machen kann, wurde an dieser schon öfters bemerkt (etwa hier). Zu erwähnen sind dabei aber auch die hübschen alten Dörfer, durch die man dabei wandern kann. Die winzige, aber um so malerische Ortschaft Koda mit ihren idyllischen Teichen ist eines von vielen Beispielen.

Das Dorf liegt inmitten des Nationalen Naturschutzgebiets von Koda (Národní přírodní rezervace Koda), das nach dem Ort benannt ist. Wir befinden uns hier in einem der artenreichsten und schönsten Teile des Böhmischen Karsts ( Český kras). Und es handelt sich um ein sehr kleines Dorf mit dennoch erstaunlich viel Geschichte.

Die Ortschaft selbst – ursprünglich wohl ein Holzfällerdorf – wurde 1429 erstmals erwähnt. Der Name ist möglicherweise keltischen Ursprungs. Aber die Siedlungsgeschichte ist viel älter als es mittelalterliche Chroniken erahnen lassen. Oberhalb des Dörfchens kann man heute etwas abseits des großen (blau markierten) Wanderweges die Höhle von Koda (Kodská jeskyně) finden.

Die kann man einfach so betreten. Es wurde dafür gesorgt, dass der hintere Teil, der mehrere hunderte Meter weit reicht, nicht mehr durch einen sehr engen Durchschlupf erreichbar ist. So wird Schaden abgewendet und es ist der Sicherheit der Wanderer gedient. Der nunmehr als einziges sichtbare Eingangsbereich mit seinen glatten und geraden Wänden vermittelt aber ein Verständnis dafür, warum das hier so ein beliebter Siedlungsort war. Die an einem steilen Abhang im Walde befindliche Höhle wirkt fast wie ein gemauertes Gebäude.

1923 begannen hier mehrjährige Ausgrabungen, die bis in der 1930er Jahre andauerten und bei denen die Archäologen durch ihre Forschungen herausfanden, dass die Höhle von der Jungsteinzeit (ca 5000 v.Chr.) an über die Bronzezeit und die keltische Ära bis hin zum Mittelalter eigentlich ständig bewohnt gewesen war.

Jedenfalls war die Ausbeute der Archäologen an Keramikresten, Tierknochen (darunter Reste eines erlegten Mammuts), Werkzeugen enorm und gab viel Auskunft über einen besonders alten Siedlungsraum im alten Böhmen.

Weiter unten beim Orteingang erwartet uns eine andere und neuere geschichtliche Erinnerung – eine die uns gemahnt, dass die Tschechen im 20. Jahrhundert zwei totalitäre Schreckensregime erdulden mussten. Die kleine Gedenktafel erinnert an den örtlichen Wildhüter Bohumil Žíhla, der am 27. Mai 1945 (19 Tage nach der deutschen Kapitulation) von betrunkenen Rotarmisten getötet wurde, als er seine Familie gegen selbige verteidigen wollte. Das war ein erstes Zeichen dafür, dass der Wechsel von der Naziherrschaft zur Sowjetbesetzung für die meisten Bürger des Landes alles andere als eine echte Befreiung war. (DD)

Kirche am Rande des Ghettos

Eine von vielen kleinen und oft von Besuchern übersehenen Kirchen in der Altstadt: Die Heilig Geist Kirche (Kostel svatého Ducha) in der Dušní in Prag 1.

Sie wurde in der großen Zeit der Gotik im Zeitalter Karls IV. erbaut, genauer gesagt, im zweiten Viertel des 14. Jahrhundert. Ursprünglich war sie Teil eines Klosters der Benediktinerinnen. Das Klosterleben kam allerdings zu Beginn des 15. Jahrhundert mit den Hussitenkriegen für einige Jahre zum Ende. Danach wurde der Klosterbetrieb zwar wieder aufgenommen, aber seine Bedeutung nahm immer mehr ab. Im 17. Jahrhundert erfolgte dann am Ende doch die Umwandlung der Heilig Geist Kirche in eine einfache Gemeindekirche.

Nach dem Großen Feuer von 1689 in der Altstadt wurde die Kirche wieder aufgebaut und dabei vorsichtig barockisiert. Die einschiffige Grundstruktur mit den originellen gestuften Stützpfeilern wurde aber beibehalten, so dass auf den ersten Blick das gotische Erscheinungsbild erhalten blieb. Im Inneren gewann die Kirche vor allem im späten 18. Jahrhundert ihre Gestalt. In dieser Zeit wurden einige andere Kirchen in der Umgebung geschlossen und etliche Ausstattungsteile – etwa die hölzerne Pìeta rechts – fanden in der Heilig Geist Kirche ein neues Zuhause.

Deshalb ist die Kirche gemessen an ihrer geringen Größe recht gut mit schönen Hochbarockaltären (vier insgesamt) ausgestattet. Der wichtigste davon ist natürlich der Hauptaltar, in dessen Mittelpunkt ein Gemälde des Barockmalers Johann Georg Heinsch steht, das den Heiligen Josef darstellt (großes Bild oben).

Und dann ist da noch ein beschämendes Kapitel in der Geschichte dieser Kirche. Sie liegt nämlich direkt am Rande des Jüdischen Ghettos von Josefov. Kaiser Ferdinand I. zwang im 16. Jahrhundert die Juden, in dieser Kirche an katholischen Gottesdiensten teilzunehmen. Zudem gab es das sogenannte „Glöckelgeld“. Das war eine Zwangsabgabe, die die Juden in Prag für das Läuten der Glocken der Kirche zum Zweck der Abwehr von Überschwemmungen und anderen Naturkatastrophen zu zahlen hatten. Erst 1785 wurde diese schändliche Zwangsmaßnahme im Zuge der Josephinischen Reformen abgeschafft. (DD)

Vor 70 Jahren: Milada Horákovás Hinrichtung

Heute vor genau 70 Jahren, am 27. Juni 1950, wurde im Gefängnis von Pancrác Milada Horáková nach einen perfiden stalinistischen Schauprozess hingerichtet. Die mutige Kämpferin für Freiheit und Frauenrechte war in der Zeit der Ersten Republik einer der Stützen der Demokratie im Lande gewesen. Von den Nazis wurde sie als Widerständlerin ins Konzentrationslager gesteckt. Nach ihrer Befreiung bekämpfte sie die Kommunisten, die mit ihrer Machtübernahme 1948 die die Demokratie abermals zerstören wollten. Die rächten sich an ihr, indem sie sie mit gefälschten Indizien für „Landesverrat“ an den Galgen brachten. Trotz Folter ließ sie sich beim Prozess – im Gegensatz zu vielen Mitangeklagten – nicht zu einer Selbstbezichtigung mit Huldigung der Kommunistenherrschaft bewegen, sondern beharrte auf ihren demokratischen Grundsätzen.

Milada Horáková ist für die Tschechen das Symbol für die Opfer des Kommunismus und den Heldenmut des Widerstands geworden. Nach kaum einer historischen Persönlichkeit sind so viele Straßen und Plätze benannt worden, für keine anti-kommunistische Widerstandskämpferin gibt es in Prag so viele Denkmäler (siehe u.a. frühere Beiträge hier und hier). Eines davon steht auf dem Heldenplatz (náměstí Hrdinů) im Stadtteil Pancrác – unweit des Gefängnisses, in dem sie ermordet wurde.

Das Denkmal wurde im Oktober 2009 enthüllt. Für die Aufstellung hatten viele Organisationen ehemaliger politischer Gefangener, Geschichts- und Gedenkvereine, darunter der Milada Horáková-Klub (Klub dr. Milady Horákové), gesammelt. Es wurde ein Künstlerwettbewerb ausgeschrieben und am Ende wurde das Denkmal für Milada Horáková und die Opfer des Kommunismus (so der ganze Titel des Werks) von den Bildhauern Ctibor Havelka, Milan Knobloch und Jan Bartoš und der Sockel vom Architekten Jiří Kantůrek realisiert.

Wie der Titel des Denkmals schon besagt, wird hier zwar Milada Horáková hervorgehoben, aber auch zugleich aller von den Kommunisten in der Tschechoslowakei hingerichteten politischen Gefangenen gedacht. Auf einer Tafel unterhalb des Sockels sind 234 Namen von Ermordeten verzeichnet. Schon bei der Einweihung wurde darauf hingewiesen, dass sich diese Liste wohl noch verlängern werde und die Entdeckung vergessener Opfer auch in Zukunft auf dem Denkmal Berücksichtigung finden werde.

Das ist ein Hinweis, dass die historische Erfassung der Opfer nicht immer so eindeutig erfolgen kann wie im Falle Horákovás selbst. Es gibt viele Grenzfälle. Sollen frühere Mittäter, die sich aber später gegen die Kommunisten wandten und ihr Opfer wurden, ebenbürtig neben Horáková geehrt werden? Das ist nur eine von vielen schwierigen Fragen.

Eine zusätzliche politische Wirrnis ergab sich kurz vor der Einweihung. Ausgerechnet die Kommunistische Partei Böhmens und Mährens (Komunistická strana Čech a MoravyKSČM) wollte mit einer Geldspende für das Denkmal den Anschein erwecken, für die Schandtaten der Kommunisten von damals Abbitte leisten zu wollen. Da sich die tschechischen Kommunisten auch nach 1989 nie wirklich demokratisch reformiert hatten und bis heute noch über einen veritablen stalinistischen Flügel verfügen, erhob sich dagegen erheblicher Protest von Verfolgtenverbänden.

Aufgstellt wurde das Denkmal trotzdem. In der von soziaistischer Plattenarchitektur aus den 1970er Jahren geprägten Umgebung wirkt der Platz wie eine idyllische Friedensoase, in deren Mittelpunkt nun im Schatten großer Bäume auf einem leichten Hügel stehend das Denkmal steht. Auf einem schräg nach vorne ragenden kantigen Granitsockel befindet sich die bronzene Büste von Milada Horáková, die so den Platz überschauen kann. (DD)


Belle Époque in Prag

Bis zur Revolution von 1848 und ihrer Emanzipation waren die Juden in Prag gezwungen, im Ghetto in der Josefstadt zu leben. Nach der Befreiung verließen viele von ihnen den Ort, der deshalb langsam verkam und verfiel. Ende des 19. Jahrhundert nutzte man die Gelegenheit, einen großen Teil der alten, teils noch mittelalterlichen Anlage abzureißen und stattdessen Prachtboulevards wie die Pařížská ulice (Pariser Straße) aufzubauen, die denen der Seine-Metropole Frankreichs den Rang abzulaufen trachteten.

Luxuriöseste Großstadtarchitektur war angesagt. Ein wahres Meisterwerk dieser Belle Époque in Prag ist dieses fünfstöckige Geschäfts- und Wohnhaus in der Široká 96/9 (Ecke Maiselova), häufig auch Mašek Apartments genannt.

Benannt ist das überaus originell gestaltete Gebäude nach seinem Erbauer, dem damals sehr prominenten Maler, Illustrator und Architekten Karel Vítězslav Mašek, der es im Jahre 1909 im damals modernen Jugendstil plante und errichtete.

Da er nicht nur (sondern eher nebenbei) Architekt, sondern vor allem auch bildender Künstler war, legte sich Mašek so richtig ins Zeug, um so etwas wie ein Gesamtkunstwerk hinzukriegen. Kunst überzieht die ganze Fassade und selbst im Kontext der pompösen Großbürgerhäuser und Luxusläden drumherum fällt das Gebäude als ausgesprochenens Glanzstück auf. Das auffallendste Stück ist dabei das wuchtige Portal des Haupteingangs mit den beiden aufreizenden weiblichen Aktdarstellungen als Statuen (großes Bild), die aus damaliger Sicht wahrscheinlich geradezu gewagt erschienen.

Und ein paar Botschaften für das Publikum wollte der Künstler auch loswerden. Wie die meisten böhmischen Künstler seiner Zeit sah sich Mašek auch als tschechischer Patriot, der das historische und nationale Selbstbewusstsein seiner Landsleute gegenübert den habsburgischen Fremdherrschern mit seiner Kunst stärken wollte. Deshalb wurden über dem zweiten Stock schöne bunte Keramikmedaillons mit den Portraits der berühmten Herrscher Böhmens angebracht, die alle regierten, bevor die Habsburger die Fremdherrschaft einleiteten. Hier sieht man den Heiligen Wenzel, der zu den bedeutenden Herrschern der Přemysliden-Dynastie gehörte.

Und da Mašek, wie viele Jugendstilkünstler, einen Hang zum Spirituellen hatte, fand auch religiöse Symbolik ihren Eingang in die Gestaltung des Gebäudes. Unter dem Eckerker des Gebäudes über dem Erdgeschoss findet sich ein Bild der Jungfrau Maria mit dem Kinde. Es handelt sich um ein mehrfarbiges Mosaik aus Keramik. Das farbenfrohe Bild verleiht dem patriotischen Charakter des Gebäudes eine tiefere religiöse Note und bringt zugleich auch eine sehr frohe, wenn nicht gar heitere Note in das Ganze.

Heute befinden sich im Haus etliche Wohnungen und kleine Büros. Im Erdgeschoss befindet sich ein Modegeschäft im oberen Preissegment, was zum Geist der Boulevards der Umgebung passt. (DD)

Die Uhr geht rückwärts

Schon 1541 wird erstmals ein Rathaus als Sitz der Selbstverwaltung der Jüdischen Gemeinde in Prag erwähnt. Damals existierte noch das Ghetto in der Josefstadt neben der Altstadt. 1577 ließ der Gemeindevorsteher Mordechai Maisel das Gebäude im Renaissancestil umbauen.

1689 verwüstete ein großes Feuer große Teile derAltstadt und zerstörte dabei auch das Jüdische Rathaus. Man ließ es an gleicher Stelle von dem Architekten Paul Ignaz Bayer im Barockstil neubauen, nur um es 1754 als einen Raub der Flammen zu sehen. Der Architekt Josef Schwanitzer baute in den Jahren 1763-56 ein neues Barockgebäude, das im wesentlichem dem entspricht, was wir heute hier in der Maiselova 250/18 sehen.

Das zweistöckige Eckgebäude, das direkt neben der Altneu-Synagoge (früherer Beitrag hier) steht, entspricht von außen architektonisch im Kern dem, was man in Prag an Barockpalais‘ häufiger zu sehen bekommt. Der Unterschied liegt zunächst einmal in den jüdischen Ornamenten, die in die barocke Stuckatur eingeflochten ist.

Aber man sollte dann doch einmal den Blick nach oben wagen. Der Turm oberhalb des Eckerkers ist in der Tat eine Besonderheit – und zwar nicht nur architektonisch. An ihm befinden sich zwei normale Turmuhren, doch davor befindet sich eine dritte Uhr. Die hat ein Zifferblatt mit hebräischen Ziffern. Und weil man hebräisch nicht von links nach rechts, sondern umgekehrt liest, geht das Uhrwerk auch andersherum (man könnte sagen: gegen den Uhrzeigersinn). Das Kuriose dabei ist, dass alle drei Uhren – egal wie herum sie sich drehen – von ein und demselben Uhrwerk angetrieben werden.

Da kann man viel Symbolik hineinlesen und für poetische Seelen kann es als Inspiration dienen. Der französische Dichter Guillaume Apollinaire, der einen Hang zum Surrealen hatte, beschrieb die Uhrzeiger 1902 und machte die Uhr damit quasi unsterblich: „Les aiguilles de l’horloge du quartier juif vont à rebours et tu recules aussi dans ta vie lentement.“ (Die Zeiger der Uhr im jüdischen Viertel gehen rückwärts und Sie gehen auch langsam in Ihrem Leben zurück).

Ach ja, im späten 19. Jahrhundert – das Ghetto gab es nach der Judenemanzipation nicht mehr – wurde die Umgebung in einer Art Prachtboulevard nach Pariser Art umbebaut. Viele alte Gebäude verschwanden und nur mit Mühe konnte verhindert werden, dass dem Ganzen auch das Jüdische Rathaus zum Opfer fiel.

Das Jüdische Rathaus blieb also, was es war: Der Sitz der jüdischen Gemeindeverwaltung. Auch heute noch. Und drinnen befinden daher sich etliche schön gestaltete Säle. Einer davon beinhaltete auch ein Rabbinatsgericht. Und weil ein Gericht nun einmal ein Gericht ist, galt im 19. Jahrhundert auch hier die Vorschrift, das an der Wand hinter dem Richtersitz ein Portrait des Kaisers hängen müsse. Da sich Kaiser Franz Josef um die rechtliche Gleichstellung der Religionsgemeinschaften sehr verdient gemacht hatte, fügte man sich dem auch gerne. Als die Tschechoslowakei 1918 sich vom Habsburgerreich löste, hing man allerdings das nunmehr zur neuen Republik nicht passende Portrait ab.

Nach dem Ende des Kommunismus fand man, das hier nun ein dem prachtvoll mit Holz vertäfelten Saal des Rathauses unwürdiges optisches Loch entstanden war. Nun hängt an früherer Stelle wieder ein Portrait des alten Kaisers, wenngleich auch nicht das damalige Original, sondern eines, das den Verdacht aufkommen lässt, es sei mit hintersinnigem Humor gemalt. Das macht die Sache aber noch sympathischer. (DD)

Wein de luxe

Prag – die Stadt der Weinberge. Das ist für die meisten Nicht-Prager, die bei der Erwähnung des Namens gleich an Bier denken, ein ungewohnter Gedanke. Aber, wie wir schon andernorts bemerkten, ist es gerade die reiche Weinkultur, die das Leben in dieser Stadt so lebenswert macht. Und wenn man die größte Luxusvariante davon sucht, muss man nur ein wenig aus der Stadtmitte herausfahren in den schönen Stadtteil Troja. Dort liegen Weinberg und Restaurant Salabka – ein wahrer Feinschmeckertempel.

Der Weinberg Salabka liegt in einem Areal, das auf eine lange Tradition des Weinbaus zurückblicken kann. Die meisten Weinberge in Böhmen entstanden im 14. Jahrhundert auf Anweisung Karls IV., der nicht zuletzt aus diesem Grunde im Lande noch als großer Herrscher verehrt wird. Der Weinbau in Troja (wo heute auch der Zoo liegt) wird allerdings schon im Jahre 1228 erstmals erwähnt, ist also mithin deutlich älter.

Der Weinberg Salabka (Adresse: K Bohnicím 2, 171 00 Praha 7) liegt ganz in der Nähe des anderen berühmten Weinbergs von Troja, dem von St. Klara (Vinice sv. Kláry). Einige der Gebäude darauf lassen sich bis ins 17. Jahrhundert datieren. Im 18. Jahrhundert gehörte das ganze Anwesen einem gewissen Jan Kašpar Salaba, der dem Weinberg letztlich bis heute seinen Namen gab.

Als 1948 die Kommunisten die Macht im Lande ergriffen, sah es erst so aus, als ob der Weinanbau auf der Salabka zerstört würde, aber Dank der Bemühungen des großen Önologen und Weinzüchters Vílem Kraus, der hier unter anderen eine ursprüngliche Riesling-Variante fand und wiederherstellte. In den Jahren 1953 bis 1955 wurde hier wieder der Weinbau vollumfänglich aufgenommen und es wurden neue Weinsorten – teilweise aus Frankreich – angesiedelt.

Und heute? Flächenmäßig ist Salabka mit 3,9 ha Anbaufläche der größte der Prager Weinberge, versehen mit einem reichen Blumenstrauß an verschiedenen Rebensorten. Schaut man von oben – das heißt dem modernen Stadtteil Bohnice – auf ihn herab, erschließt sich erst der Umfang. Umrahmt von Botanischem Garten und Moldau kann man von hier bis zur Burg auf dem anderen Moldauufer blicken.

Weinberge besucht man in Regel aber nicht nur zum Anschauen, sondern um darin einzukehren. Hier, so sei vorab gesagt, empfiehlt es sich (a) zu reservieren und (b) eine prall gefüllte Geldbörse bzw. reichlich gedeckte Kreditkarte mitzunehmen. Das Restaurant Salabka serviert nicht nur die feinen, von Winzer Tomáš Osička betreuten Weine des Anwesens, sondern gehört zu den Spitzenbetrieben der Prager Gastronmomie – inklusive lobender Empfehlung beim Guide Michelin. Chefkoch Petr Kunc sammelt internationale Auszeichnungen nur so. Es gibt nur eine kleine Speisekarte mit 2-3 Menus – ein Zeichen dafür, dass hier wirklich frisch gekocht wird.

Der Stil ist eher französisch, man erwarte hier also nicht typisch Tschechisches. Die Homepage macht auch klar, dass es kein Touristenlokal ist – auch in Sachen Dress Code: Ein Outfit in Smart Casual ist der Mindeststandard, den man von Gast erwartet. Und dass es nicht gerade billig ist, wurde bereits gesagt. Dafür entfachen die Menus, die in einem endlosen Strom kleiner Speisen serviert wird, ein wahres kulinarisches Feuerwerk. Alles ist raffiniert zubereitet und wird raffiniert präsentiert. Man erlebt einen Rundum-Sinnengenuss.

Dazu kann man sich eine passend ausgesuchte Weinfolge servieren – ob der Sylvaner von 2016, der Pinot noir rosé von 2016 (Bild links) oder der Neronet von 2013, es ist immer exzellenter Spitzenwein vom hauseigenen Weinberg. Ein besonderes Erlebnis ist auch der als Aperitiv genossene trockene Sekt von 2007, der fruchtig und doch spritzig daherkommt. Der „Hefebrand“ aus eigenen Trauben beschließt die Mahlzeit.

Das Gebäude des Restaurants wurde 2014 erbaut und schmiegt sich in Material (viel Holz und Naturstein) und Größendimension harmonisch in die bauliche und natürliche Umgebung des alten Weinguts ein. Die Inneneinrichtung kombiniert Modernität, Geschmack und die für ein Winzerrestaurant nötige Gemütlichkeit. Im Sommer sollte man es nich nicht nehmen lassen, draußen auf der Terrasse zu sitzen und am Abend den Sonnenuntergang über dem Weinberg zu genießen. Schöner kann das Leben kaum noch sein. (DD)