Kleine Kapelle als Gemeindekirche

Die Kapelle Mariä Himmelfahrt (Kaple Nanebevzetí Panny Marie) ist eigentlich mehr als eine bloße Kapelle am Wegesrand, sondern eine kleine Gemeindekirche. Sie befindet sich im etwas außerhalb gelegenen westlichen Stadtteil Košíře (Prag 5) am Fuße des heutigen Klamovka Parks.

Košíře lag dereinst weit jenseits der Stadtgrenzen Prags. Erst 1921 wurde es eingemeindet. Seit dem Mittelalter lebten hier hauptsächlich Winzer, denn der Park war früher ein großer Weinberg aus der Zeit Karls IV. im 14. Jahrhundert. Die Bevölkerung wuchs im 17. Jahrhundert nach den Wirren des Dreissigjährigen Kriegs und lebte immer noch primär vom Weinbau. Es fehlte nach den Kriegswirren an katholischen Geistlichen, und so gab es keine eigene Kirchengemeinde. Die Menschen wurden von der Kirche (im 19. Jahrhundert abgerissenen) der Heiligen Philipp und Jakob (Kostel svatého Filipa a Jakuba) in Smíchov betreut. Wer Sonntags zur Kirche gehen wollte, musste ein recht langes Wegstück wandern. Immerhin baute man nach einer gewissen Zeit für den zur Gemeinde aus Smíchov kommenden Pfarrer eine kleine Kapelle für die Gottesdienste.

1752 wurde die Kapelle im Stil des Hochbarock neu gestaltet und dabei vergrößert, was sich auch als Notwendigkeit aus dem Bevölkerungswachstum ergab. Sie bekam die Gestalt, die sie im Kern heute noch hat. Es handelt sich um einen rechteckigen Bau mit Apsis und einem kleinen Dachreiter. Der Giebel wird durch hübsche Voluten geschmückt. Das Ganze passt ästhetisch zum Park, der zur selben Zeit angelegt wurde. Sie war oft Ziel von vielen Pilgerfahrten. Ab 1838 wurde die Gemeinde durch die Pfarrkirche der Heiligen Dreifaltigkeit (kostel Nejsvětější Trojice) beim Kleinseitner Friedhof (Malostranský hřbitov) in Smíchov betreut.

Unter dem Kommunismus litt sie ein wenig durch Vernachlässigung. Und so musste sie 1999 ordentlich renoviert werden. Die Eröffnung erfolgte am 15. August des Jahres, dem namensgebenden Tag Mariä Himmelfahrt. Sie ist meist geschlossen und wirkt etwas verlassen, aber einmal die Woche findet hier immer noch ein Gottesdienst für die Menschen der Nachbarschaft statt. (DD)

Ältester Park

Franz Kafka liebte ihn und suchte hier ab und an seine Inspiration, heißt es. Die Rede ist vom Chotek Park (Chotkovy sady), dem ersten öffentlichen Park in ganz Prag, der zugleich grandiose Aussichten auf Stadt und Burg bietet.

Seine Lage hoch über der Stadt, ganze nahe beim Burgberg und direkt unter dem vielleicht schönsten Renaissancepalast Prags, dem berühmten Lustschlösschen der Königin Anna (Letohrádek královny Anny), macht es dem Besucher leicht zu verstehen, wieso dies ein Ort der Inspiration sein kann. Und dann kommt noch der schöne alte Baumbestand hinzu! Dass der so alt ist, liegt eben daran, dass der Chotek Park eben schon so lange hier existiert.

Im Jahre 1832 wurde er noch als „Volksgarten“ angelegt und eröffnet, aber schon im Jahr 1841 nach dem Mann umbenannt, der seinen Aufbau veranlasst hatte: Graf Karl Chotek von Chotkow, der als königlicher Oberstburggraf zwar eigentlich für die Festungsanlagen der Stadt zuständig war, aber darüber hinaus als großer Förderer und Mäzen der Prager Infrastruktur auftrat. Den Park ließ er von dem Gartenarchitekten Josef Fuchs entwerfen, dessen Pläne dann vom Landschaftsgärtner Jiří Baul umgesetzt wurden.

Der Park wurde als englischer Garten (also ein Landschaftsgarten, der nicht dem barocken Modell des formalen Gartens folgt) konzipiert und sollte zugleich als eine Art botanischer Park fungieren. Heute gibt es hier 55 verschiedene Baumarten! Der Gartenarchitekt František Thomayer fügte um 1887 bis 1890 im Zentrum des Parks eine neoromantische Felsenlandschaft mit kleinem künstliche Wasserlauf, die besonders malerisch aussieht. Ihren optischen Abschluss erreichte sie aber 1913 durch die Errichtung des Denkmals für den Schriftsteller Julius Zeyer seit 1913, über das wir bereits hier berichteten, und das das Aussehen eines großen Felsens mit Höhle hat.

Und wenn man gerade beim Thema Skulpturen ist: Am Rande des zentralen Rasens steht die Stahlkonstruktion Nike 89. Nike war die griechische Göttin des Sieges und hier geht es natürlich um den Sieg der Demokratie über den Kommunismus, wie sie 1989 geschaft. Die Skulptur ist ein Werk des Bildhauers und Malers Pavel Krbálek, der nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 in die Schweiz floh. Aus Freude über die neugewonnene Freiheit stellte er das Original der Nike 89 im Open Air Museum im japanischen Hakone aus, wo sie sogar einen Wettbwerb für abstrakte Statuen gewann. 2002 enthüllte er eine Replik in seiner neuen Heimat Luzern und 2003 diese hier im Chotek Park, wo sie die Tschechen daran erinnert, was sie 1989 an Großartigem gewonnen haben – ihre Freiheit!

Zu erwähnen ist noch die hübsche kleine Brücke, die über die nahe Autostraße zum nächsten Park führt, dem Letná Park (Letenské sady) . Sie wurde 1998 gebaut anstelle einer früheren Brücke aus den 1960er Jahren. Wichtiger ist jedoch die schöne Aussicht, die man am südöstlichen Rand des Parks genießen kann, der über einem steilen Abhang angelegt wurde. Schaut man geradeaus hinunter sieht man die Kleinseite und die Altstadt mit dem Flusslauf der Moldau dazwischen – samt den schönen Brücken der Stadt. Dreht man den Kopf dann etwas rechts, sieht (großes Bild oben) man die Burg auf gleicher Höher in all ihrer Pracht. (DD)

Das letzte Tor der Burgstadt

Die beiden Burgbereiche Prags, der Vyšehrad am südöstlichen und der Hradčany – der berühmte Burgbezirk – nordwestlichen Ufer der Moldau wurden im 17. von einer großen Festungsmauer umgeben. Beim Vyšehrad ist diese Mauer samt ihrer Tore vollständig erhalten geblieben. Beim Burgbezirk ist nur noch eines der Tore, das Písek-Tor (Písecká brána) als Erinnerung geblieben.

Seit seiner Renovierung und dem Umbau durch den Architekten Petr Fuchs in den Jahren 2000 bis 2002 ist das kleine Tor an der K Brusce 5 in Prag 6 zu einem blitzblanken Juwel mit einer Gallerie und einem Café geworden. Es gehörte einst zu der Ende des 17. und Beginn des 18. Jahrhunderts errichteten Stadtmauer, dem sogenannten Marienfestungswerk. Das ersetzte frühere, meist unterhalb des heutigen Areal befindliche Festungsanlagen, die zum Teil bis ins 13. Jahrhundert zurückreichten, aber heute völlig verschwunden sind. Deshalb ist das 1721 von dem Architekten Giovanni Battista Alliprandi entworfene und dem Baumeister und Architekten Christoph Dientzenhofer erbaute Tor schon das dritte Tor unter dem Namen Písek.

Folglich ist das Tor auch nicht nach der tschechischen Stadt Písek benannt, wie man meinen könnte, sondern nach einer ebenfalls längst nicht mehr existierenden Ortschaft auf der Prager Kleinseite, die Na Písku hieß, und in dessen nähere eines der drei Vorgängertore stand. Manchmal heißt das heute nicht mehr dort stehende Tor auch Bruska-Tor, weil es an einem jetzt überbauten Bach dieses Namens liegt-

Von der inneren Stadtseite aus sieht das Tor – insbesondere nach der Renovierung – sehr zivil und unmartial aus. Man erkennt ihren Charakter als Wehranlage kaum. Von der anderen, äußeren Seite erweckt es einen radikal anderern Eindruck. Bloßes Mauerwerk mit großen Rustifizierungen geben dem Ganzen ein definitiv wehrhaftes Aussehen. Dazu tragen auch die skulpturalen Ausschmückungen bei. Der Bildhauer Johann Ulrich Mayer hat die Reliefs mit Kriegstrophäen und einigen grotesten Masken über dem Haupt- und den Nebentoren ganz im Stile barocker Militärästhetik gestaltet. Vielleicht sollte es für den Feind abschreckend wirken.

Wenn das der Fall gewesen sein, hat es nicht funktioniert. Schon beim ersten Angriff auf die Burgstadt während des Österreichischen Erbfolgekriegs stürmten 1741 die Truppen Karl Albrechts von Bayern (dem späteren Kaiser Karl VII.) recht mühelos durch das beidseitig von (heute nicht mehr existierenden) Bastionen flankierte Tor. Danach beschloss man weise, es primär nicht mehr zu Verteidigungszwecken zu nutzen, sondern als Zollstation. Tagsüber zockte man die fahrenden Händler ab, die in die Stadt wollten, und nachts schloss man das Tor. Wer dann noch reinwollte, musste den Torkommandanten wecken und einen guten Obolus zahlen, um in die Stadt hinein zu kommen. Das ging noch so bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts.

Der Preußisch-Österreichische Krieg von 1866, der für die Habsburgerseite desaströs endete, machte endgültig klar, das Festungen dieser Art militärisch überholt waren (obwohl der Krieg gar nicht bis Prag herantobte). Außerdem wurde Prag zur industriellen Großstadt und die Mauern beengten die ökonomische Entwicklung und den nunmehr verstärkten Verkehr. Interne Zölle waren gottlob im Namen einer liberalen Handelspolitik ebenfalls passé. Ein Zollamt brauchte man hier nun nicht mehr. Man beschloss, die Mauer abzureißen.

Der Abriss wurde 1898 abgeschlossen. Nur das Písek-Tor überlebte, weil es verkehrstechnich nicht im Wege stand und sich hübsch in die Umgebung einpasste, die hier auch ein paar Worte wert sein sollte. Das Tor steht nämlich dicht beim berühmten Lustschlösschen der Königin Anna (Letohrádek královny Anny), der zu den bedeutendsten Renaissancepalästen nördlich der Alpen gehört (früherer Beitrag hier). Der Palast wiederum thront über den 1832 angelegten Chotek Park (Chotkovy sady), dem ersten öffentlichen Park in ganz Prag. Angelegt wurde der Park von Graf Karl Chotek von Chotkow, der als königlicher Oberstburggraf für das Tor und die Festungsanlage verwalterisch zuständig war.

Damit sind wir bei einer kleinen Skulptur, die direkt auf dem Vorplatz vor dem Písek Tor steht. Man sieht eine aus rostigem Eisen bestehende strahlenförmige Struktur auf einem Betonsockel. Sie ist einer Enkelin des Grafen Chotek gewidmet,  Sophie Gräfin Chotek von Chotkowa, der Frau des habsburgischen Thronfolgers Franz Ferdinand Erzherzog von Österreich-Este, der im Juni 1914 in Sarajewo jenem Attentat zum Opfer fiel, das dann den ersten Weltkrieg auslöste. Die Bildhauerin Martina Hozová, die die Skulptur erschuf, widmet es Sophie. Die Strahlen symbolisieren den Fächer, der bei ihrer Beerdigung auf ihrem Sarg lag. Das Denkmal wurde 2014 aus Anlaß ihres Todestags eingeweiht.

Und so steht das Tor heute als ein besonderes architektonisches Juwel in einer kleinen Ecke von Prag, die in jedem Fall einen Besuch wert ist. (DD)

Kein Gallier, sondern tschechische Harmonie

Auf den ersten Blick könnte man an einen Gallier aus Asterix mit seinem Helm und seinen Zöpfen denken. Irgendwie scheint sich die künstlerische Phantasie darüber, wie die vorzeitlichen Vorfahren aussahen, in Europa überall zu ähneln. Das hier soll jedenfalls ein alter Tscheche bzw. Slawe sein.

Die bronzene Skulptur hört auf den Namen Souzvuk (Harmonie) und ist das Werk von Ladislav Šaloun, dem man das Denkmal für Hus auf dem Altstädter Ring verdankt und zahlreiche andere Werke im Stil des Symbolismus (siehe u.a. früheren Beitrag hier) Der Künstler schuf das Werk im Jahre 1927. Aufgestellt wurde es allerdings erst hier auf der Slawischen Insel (Slovanský ostrov) beim Sophienpalast (Palác Žofín) im Jahre 1946. In der kleinen grünen Parkanlage steht ein archaisch aussehender und muskulöser Urtscheche, der ein ebenso archaisches dudelsackähnliches Musikinstrument verzückt (es geht ja schließlich um Harmonie) in seinen Armen hält.

Zwar steht auf dem Sockel ausschließlich die Aufschrift „Souzvuk“, aber die Statue wird trotzdem manchmal auch Česká píseň (Tschechisches Lied) genannt, was an ein gleichnamiges Chorwerk von Bedřich Smetana aus dem Jahr 1878 erinnert. Smetana war 1863-65 Chorleiter des Gesangsvereins Hlahol (siehe gestriger Beitrag), dessen großes Vereinshaus man hinter dem Rücken des Urtschechen am anderen Moldauufer bewundern kann. Und wie es der Zufall will, wurde Smetana bekanntestes Werk, die Moldau (Vltava) 1875 nur wenige Meter entfernt im Sophienpalast uraufgeführt. Irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass der alte Tscheche auch eine Hommage an Smetana darstellen soll. (DD)

Patriotische Sangesfreude

Neben dem Sport war es im 19. Jahrhundert nicht zuletzt die Sangeslust, mit deren Hilfe man unter dem Banner der Geselligkeit politische Ideale voranzutreiben vermochte. Das Vereinshaus des Gesangsvereins Hlahol (spolkový dům Hlahol) am Masaryk Ufer (Masarykovo nábř. 248/16) legt ein schon optisch beeindruckendes Zeugnis davon ab.

Es begann mit der Gründung eines patriotischen Männersingvereins im Jahre 1860 durch den damals sehr bekannten Opernsänger und Chorleiter Jan Ludvík Lukes. Der hatte sich der Wiederbelebung alten tschechischen Liedguts und der Schaffung neuen Liedguts im zunehmend als Fremdherrschaft empfundenen Habsburgerreich verschrieben. 1861 trat sein Verein bei der Beerdigung des Slawisten und Archivars Václav Hanka auf dem Vyšehrad erstmals unter dem Namen Hlahol (Klang) auf, was damals als angemessener Anlass galt, da man Hanka als den großen Entdecker der mittelalterlichen Handschriften Königinhofer Handschrift und Grünberger Handschrift feierte, die zu dieser Zeit als die größte, geradezu Homer übertreffende epische Dichtung der Tschechen galten. Dass Hanka sie gefälscht hatte, wusste man noch nicht. Und der Chor sang daher mit Inbrunst aus patriotischem Eifer.

Der Gesangverein, der zunächst am Anfang aus 120 Männern bestand, wurde sogleich ein Magnet für die höheren patriotischen Kreise. 1863 bis 1865 war kein Geringerer als Bedřich Smetana der Chorleiter. Ihm folgten bedeutende Musiker wie Karel Bendl und Karel Knittl. Der Begründer der tschechischen Nationalmalerei, Josef Manes, ließ es sich nicht nehmen für Hlahol das Vereinsbanner zu entwerfen. Zudem gab man sich gesellschaftlich progressiv. 1873 führte man einen gemischten Chor ein, dann 1879 zusätzlich einen reinen Frauenchor. Der große russische Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowsky war bei einem Besuch 1888 so beeindruckt von dem Chor, dass er für ihn eigens ein Chorwerk schrieb.

In den Jahren 1904 bis 1905 konnte sich der Verein sogar ein eigenes Domizil leisten, eben jenes Vereinshaus, das wir heute am Masarykufer bewundern können. Als Architekten für das fünfstöckige Gebäude in bester Lage gewann man dafür František Schlaffer und Josef Fanta (dem wir den Hauptbahnhof verdanken) – beide Spezialisten für den damals hochmodernen Jugendstil. Auch sonst geizte man nicht. Ein Staraufgebot von Künstlern (drinnen gibt es sogar Dekorationen von Alfons Mucha!) sorgte für eine bemerkenswerte künstlerische Ausstattung. Das fängt schon mit dem riesigen Keramikmosaik auf dem Giebel an, das von dem Maler Karel Ludvík Klusáček angefertigt wurde. man sieht es im großen Bild oben. Es stellt eine Allegorie auf die Musik dar. Unterhalb befindet sich der Text des zuvor erwähnen von Manes entworfenen Banners: Zpěvem k srdci, srdcem k vlasti (etwa: Zu Herzen singen, das Herz für die Heimat).

Gleichzeitig wurden auf der Höhe des zweiten Stocks vier hübsche Skulpturen mit Darstellungen von Musikanten und Tänzerinnen angebracht. Sie sind das Werk des Bildhauers Josef Pekárek (siehe auch früheren Beitrag hier). Die das ganze Gebäude überziehenden Zierdekorationen wurden wiederum von dem Architekten Karel Mottl gestaltet. Sie vermischen den Jugendstil mit Elementen der Neorenaissance, eine damals nicht unübliche Kombination.

Über dem Erdgeschoss mit bronzene Plaketten mit Portraitreliefs der ersten Chorleiter, Smetana, Bendl und Knittl. Smetana ist im Bild rechts zu sehen.

Alleine die Größe des Gebäudes verdeutlicht schon, dass es hier nicht nur um einen Übungsraum für einen großen Chor handelt. Mit seinen Gäste- und Seminarräumen war er als musikalisches Bildungszentrum konzipiert. Es wurden Wettbewerbe zur Förderung tschechischer Musiker und Musik veranstaltet. In den 1930er Jahren baute man sogar ein Radiostudio ein.

Der Verein Hlahol pflegte immer ein sehr republikanisches Tschechentum. Ostentativ sang man nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 bei der Beerdigung des letzten demokratischen Präsidenten Edvard Beneš, um ein politisches Zeichen zu setzen. Trotzdem überlebte der Chor die beiden Totalitarismen. Erst 1944 beschlagnahmten die Nazis das Gebäude für kurze Zeit für die paramilitärische Organisation Todt. Unter den Kommunisten gab es auch kein Verbot, wenngleich die Mitgliederzahlen schrumpften und die staatliche Förderung ausfiel. 1978 musste man zum Beispiel aus Kostengründen das Orchester aufgeben. Das Gebäude, das dem Verein formell nicht mehr gehörte, verfiel ein wenig. Erst mit der Samtenen Revolution und dem Ende des Kommunismus 1989 setzte ein Wiederaufschwung ein und das Gebäude wurde restituiert und dann im Jahre 2012 gründlich renoviert. (DD)

Nusles Nationalhaus

Ende des 19. Jahrhunderts gehörte es in jeder böhmischen Stadt zum guten Ton, einen Ort zu schaffen, wo tschechische Kultur und Geselligkeit in großen Räumlichkeiten und Sälen zelebriert werden konnte – ein Stück nationaler Selbstvergewisserung im österreichisch bestimmten Habsburgerreich.

Auch die Stadt Nusle leistete sich anlässlich der Verleihung der Stadtrechte durch die k.u.k.-Regierung im Jahre 1898 ein solches, durch Bürgerengagement entstandenes Nationalhaus (Národní dům). Nusle verlor seine kurzlebige Eigenständigkeit zwar schon wieder im Jahre 1922 durch die Eingemeindung zur Hausptstadt Prag (heute daher ganz prosaisch Prag 4), aber das Gebäude steht hier immer noch in alter Pracht und altem Glanz an der Nuselská 2/1, Ecke Čestmírova – allerdings nicht mehr als Kulturzentrum, sondern primär als Bürogebäude, in dessen Erdgeschoss die örtliche Sparkasse ihre Filiale hat.

Schon im Jahre 1897, als sich abzeichnete, dass im nächsten Jahr Nusle eigenständige Stadt werden sollte, begann der Architekt Antonín Frič mit den Plänen für das Gebäude im Stil der Neorenaissance. Der Bau symbolisierte auch architektonisch den Beginn der neuen Ära, denn mit ihm verschwanden die letzten Reste des kleinen Dorfs, das hier noch bis vor kurzem existierte. Das Nationalhaus befindet sich auf dem ehemaligen Gelände eines kleinen Bauernhofs – heute ist es quasi das urbane Zentrum Nusles.

Wie bei Nationalhäusern üblich geriet man bei der Fassadengestaltung in wilde Tschechentümelei und patriotischen Überschwang. Das kann man schon bei dem bekanntesten Prager Bauwerk dieser Art, dem Národní dům in Vinohrady (früherer Beitrag hier) von 1894 beobachten. Meist sieht man Skulpturen oder Büsten von tschechischen Mythengestalten oder wichtigen historischen Persönlichkeiten des tschechischen Kulturlebens. Das Nationalhaus in Nusle ist da keine Ausnahme. Und schon gleich oben im Giebel thront als Schutzpatron des Landes der Heilige Wenzel mit wehendem Banner und stolzem Blick.

Etwas darunter sieht man rechts die der böhmischen Sagenwelt entsprungene Seherin Libuše, die dereinst in vorgeschichtlichen Zeiten Prag eine große Zukunft weissagte, und die durch ihre Heirat mit Přemysl, für den sie ihren Anspruch auf die Herrschaft Böhmens aufgeben musste, das bis ins 14. Jahrhundert im Lande regierende Geschlecht der Přemysliden begründete – jedenfalls, wenn man der Chronica Boemorum des Mönches Cosmas von Prag aus dem 12. Jahrhundert Glauben schenkt. Diese Hintanstellung der Seherin zugunsten ihres Mannes (aus geschlechterdiskriminierenden Gründen) sollte später zu Konflikten zwischen Männern und Frauen, die ja bekanntlich sowieso nicht zueinander passen, führen. Aber die patriotische Darstellung auf der Fassade des Nationalhauses stellt die beiden als harmonierende Nationsgründer dar.

Aber damals wollte man schon nicht mehr nur in der Sagenwelt schwelgen. Über dem Eingang befindet sich ein etwas revolutionäreres Statement, nämlich die Büste von Karel Havlíček Borovský, einem Teilnehmer der 1848er Revolution, der als Publizist mit seinen radikalen Forderungen nach mehr demokratischer Mitbestimmung Böhmens so sehr bei der Obrigkeit aneckte, dass er mehrfach verbannt wurde. Der Nationalheld thront mit trotzendem Blick über dem böhmischen Löwen.

Der neu angelegte Platz vor dem Nationalhaus wurde dazu übrigens passend Rieger Platz (Riegrovo náměstí) genannt, was die revolutionäre Botschaft unterstrich. Denn František Ladislav Rieger war ebenfass 1848er-Revolutionär und wirkte lange Zeit als Abgeordneter im Reichtsag und im böhmischen Landtag für die Rechte der Böhmen im Reiche. Das ist übrigens der Grund, warum die Nazis nach 1939, denen er definitiv zu liberal war, den Platz sofort nach dem irgendwie unverfänglicheren Heiligen Method benannten. Die Kommunisten, die 1948 die Macht ergriffen, fanden ihn auch zu liberal, weshalb der Platz seither Platz der Brüder Synek (náměstí Bratří Synků) benannt ist – nach den Brüdern Otto und Viktor Synek, die 1941/42 als Mitglieder des kommunistischen Widerstandes von den Nazis brutal hingerichtet worden waren. (DD)

Kompliziertes Erbe der Habsburger: Die Prager Hausnummern

Keine Frage: Die Kartusche aus feinem Stuck mit dem hübschen Löwenkopf macht schon etwas her. Sie befindet sich über dem Türsturz des um 1905 gebauten neobarocken Mietshauses in der Trojanova 1993/5 im Süden der Neustadt. Aber was bedeutet die Inschrift „Čís 1993“ in der Mitte? Jetzt ist vielleicht die Zeit gekommen, das gar nicht so leicht verständliche System von Hausnummern in Prag bzw. ganz Tschechien zu erklären.

„Čís“ steht hier nämlich für „Číslo“, was das tschechische Wort für „Nummer“ ist. Manchmal genügt auch das einfache „Č“, wie man auf dem Bild links, dem Eingang des neobarocken Hauses am Masarykovo nábřeží 238/20 erkennen kann. Dass Häuser nummeriert werden und eine Hausnummer sichtbar an der Fassade tragen, ist zwar für das Auffinden eines Hauses, das man aus irgendeinem Grunde besuchen will, sehr praktisch, ist aber historisch gesehen eine relativ neue Idee. Im Mittelalter hatte man allenfalls Straßennamen. Prag war aber nach heutigen Maßstäben klein und überschaubar. Zudem gab es Prag im eigentlichen Sinne noch nicht, denn die Stadt wurde erst 1784 aus den bis dato recht selbständigen Städten Altstadt, Neustadt, Kleinseite und Burgstadt zusammengesetzt. Da fand man sich auch ohne Nummern noch so einigermaßen zurecht.

Trotzdem stellte sich ab dem 14. Jahrhundert (der Blütezeit Prags unter Karl IV.) ein gewisses Gefühl der Unübersichtlichkeit ein. Es tauchten die ersten Hausschilder auf, die der Identifikation des Hauses für den Suchenden dienten (wir zeigten u.a. Beispiele hier, hier und hier), was aber auch nie so recht zielführend war. Die Häuser bekamen Schilder über der Tür angebracht, die zunächst meist auf Holz gemalt waren. In der Blütezeit des Hausschildes, dem Zeitalter des Barocks, wurden sie meist in reich ornamentierte Kartuschen aus Stuck eingefügt – mal gemalt, mal als Relief. Das waren oft regelrechte Kunstwerke und Statussymbole, wie man es etwa hier an dem passend Haus zur Blauen Traube (dům U Modrého hroznu) genannten Gebäude in der Husova 227/15 (Altstadt) sehen kann. In einer Nische sieht man zwei lebensgroße Männer als Relief eine weit überlebensgroße blaue Traube transportieren. Das Ganze entstand um 1726-1737 als hier zwei kleine gotische Häuser zu einem großen barocken Haus zusammengelegt wurden.

Solche Hausschilder hatten meist einen Bezug zum dem Gewerbe, das in dem jeweiligen Haus betrieben wurde (als eine Art Werbung), wofür wir bereits hier ein Beispiel zeigten. Die drei Ringe, die wir bei dem passend Haus zu den Drei Goldenen Ringen (dům U Tří zlatých prstenů) genannten, um 1840 klassizistisch modernisierten Gebäude aus dem Spätbarock sehen, könnten also auf einen Goldschmied als früheren Besitzer hindeuten. Hausschilder konnten aber auch andere Motive (Heilige, astrologische Symbole, Tiere, etc.) beinhalten. Es waren Bilder, die das Haus irgendwie einzigartig und erkennbar machen sollten. Da das aber nicht verpflichtend war, war aber nicht garantiert, dass das Haus, was man finden wollte, auch so ein Hausschild zum eindeutigen Erkennen hatte. Wegen Namensgleichheiten konnten zum Beispiel auch Verwechslungen entstehen. So gab es etwa etliche Gasthäuser, die sich „Zum Schwarzen Pferd“ (U Černého Koníčka) nannten und eine entsprechende Darstellung eines schwarzen Pferde als Hausschild hatten (Beispiele präsentierten wir hier, hier und hier).

Noch gravierender war das Problem bei Heiligenmotiven, bei denen vor allem die Maria so viele unzählige Male mit dabei war, dass sie aufhörte einem Alleinstellungsmerkmal auch nur nahe zu kommen. Hier sehen wir als Beispiel das von einer üppigen Barockkartusche mit Putten umrahmte kleine Marien-Hausschild des Hauses U Voglů am Malostranské náměstí 262/9 (Kleinseitner Ring) aus dem 18. Jahrhundert. Hausnummern aus Zahlen sehen zwar nicht so hübsch aus wie Hausschilder mit Marien- oder Pferdebildern, sind aber unverwechselbarer und eindeutiger zu identifizieren. Und wenn man den Namen oder das Hausschild kannte, wusste man noch lange nicht, wo sich das Haus befand. Man musste sich wahrscheinlich irgendwie durchfragen. Dass zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Teilen des Habsbugerreichs in einigen Städten sogenannte Häuserschematismen (so etwas wie Straßen- und Häuserverzeichnisse) veröffentlicht wurden (in Wien ab 1701), half ein wenig beim Auffinden – vorausgesetzt man war kein Analphabet, was aber ein Großteil der Bevölkerung damals noch war. Kurz: Es bestanden in jeder Hinsicht Möglichkeiten zur Optimierung in Sachen Hauskennzeichnung.

Dieses Projekt nahm in den Zeiten der Aufklärung Schwung auf. Im Jahre 1770 ordnete Kaiserin Maria Theresia, eine aufgeklärte Absolutistin, die Einführung von Hausnummern im ganzen Reich und beginnend mit Wien an. Das war komplizierter als man heute denken würde und folglich war das Nummernsystem noch etwas verwirrend für heutigen Beobachter. Hausnummern beruhen auf Voraussetzungen, die damals zunächst noch nicht exisitierten und erst im Absolutismus geschaffen wurden. Zur Erfassung und Nummerierung (anfänglich machten das Beamte mit Pinsel und Farbe, wie dereinst bei 4711 in Köln) muss man ja erst ein Bevölkerungs- Eigentümer- und Häuserregister haben. Unmengen von kleinen Kommission wanderten 1770/71 durch die Lande, klopften an Türen und erfassten, was sie erfassen mussten. In der Reihenfolge, in der erfasst wurde, wurde auch die Nummer vergeben. Als das fertig war, entwickelte sich langsam so etwas wie moderne Grundbücher, die dann auf Erlass von Kaiser Franz II. 1794 als Hauptbücher im Habsburgerreich verpflichtend wurden. Fortan wurden die Nummern bei Neubauten in der zeitlichen Reihenfolge des Baus in einer Stadt vergeben. Diese Art der Zählung nennt man Konskriptionsnummer. Oberhalb links sieht man ein Beispiel in der Záhřebská 876/29 in Prag-Vinohrady mit der Nummer 876 in Glas graviert (Ende 19. Jahrhundert).

Ja, die Konskriptionsnummer, für die es noch keine staatlich festgelegten Schilder gab, befeuerte die künstlerische Phantasie von Architekten, die sich bei der Kreation von Stuckornamenten nur so übertrafen – wie etwa bei dem Haus mit der im Jugendstil beadlerten“Čís 1659″ in der Laubova im Stadtteil Žižkov (Bild rechts). Aber: Bein Suchen einer Adresse war dieses System, das zwar die bürokratische Verwaltung (z.B. Steuer- und Abgabenerhebung) vereinfachte (was auch zunächst das Primärziel war), für den suchenden Bürger nicht wirklich hilfreich. Hausnummern, die chronologisch-numerisch aufeinander folgten, konnten in Wirklichkeit räumlich weit entfernt von einander liegen. Das riesige Bevölkerungswachstum und das Anwachsen der Städte verlangte nach einem anderen Nummersystem. Deshalb führte man im Habsburgerreich 1862 zusätzlich die sogenannte Orientierungsnummer ein. Das ist die heute auch in Deutschland übliche Hausnummer, bei der die Häuser in numerischer Reihenfolge in der jeweiligen Straße „aufgereiht“ sind. Mit einem solchen System konnte sich jeder mit Hilfe des Straßennamens und einer Zahl in einer Stadt orientieren. Das ist der Grund, warum man sie Orientierungsnummer nannte. Das System wurde wechselseitig praktiziert, d.h. die gerade Ziffern auf der einen, die ungeraden auf der anderen Seite der Straße. Das war keine Habsburger Erfindung, sondern wurde erstmals in Amerika (genauer: in Philadelphia 1780) eingeführt und trat dann 1805 in Paris seinen Siegeszug durch Europa an.

Aber was macht Prag so besonders und anders als andere europäische Städte? Nun, Tschechien gehört zu den wenigen Ländern, die beide Hausnummersysteme, die Konskriptionsnummer und die Orientierungsnummer, heute noch gleichzeitig verwenden. Auf Tschechisch: Číslo popisné und Orientační číslo, heutzutage meist čp. und čo. abgekürzt. Man kann die heutigen Nummernschilder leicht unterscheiden. Wie fast überall in der Welt handelt es sich um kleine und landesweit uniform gestaltete Metallschilder, die mit Emaille beschichtet und weiß beschriftet sind. In Prag/Tschechien sind die Schilder der Konskriptionsnummer rot und die Orientierungsnummern blau emailliert – so wie hier in der Ostrovní 225/1 in der Neustadt (Nové Město) bei einem Gebäude des Nova Scena-Theaters.

Diese einfache Methode der uniform gestalteten Emaille/Blech-Schildchen ist aber relativ neu. Im 19. Jahrhundert, als die Sache so richtig konsequent in der Stadt eingeführt wurde, überließ man die konkrete Ausgestaltung der Nummerierungspflicht noch der eigenen Kreativität der Hausinhaber. Deshalb sieht man an den Türen älterer Häuser manchmal kleine Kunstwerke – oft in Stuck (dabei oft an alte Hausschilder anspielend), aber auch in Glasgravur oder auch Buntglas. Letzteres macht sich besonders hübsch, wenn der Eingangsbereich von innen beleuchtet ist, wie man links am Beispiel des Hauses in der Americká 415/36 (ein Neorenaissancegebäude, ca. 1890) sehen kann.

Meistens sieht man dabei nur die Konskriptionsnummer. Spätestens mit der Einführung der Orientierungsnummer erwies sich nämlich die abschraub- und austauschbare Kleinplakette als wesentlich praktischer als eine große Stuckarbeit. Denn was ist, wenn sich Hausnummern ändern? Rechts sieht man eines der wenigen Häuser, bei denen sowohl Konskriptions- als auch Orientierungsnummer schon beim Bau des Hauses in Stuck fest in den Türsturz gegossen wurden. Heute hat das Haus die Nummer Gorazdova 333/18 (wie man an den hier hineinkopierten Blechplaketten sieht). Als das Haus 1905 gebaut wurde, befand man sich noch in der Podskalská 333/72. Die Straße wurde 1947 umbenannt und schon kurz nach dem Bau des Hauses hatte sich die Straße durch die Anlage des nahen Palackého náměstí (Palacký Platz) so verkürzt, dass die Orientierungsnummer 72 in 18 umgewandelt werden musste. In Blech stimmt das Ganze, während der Stuck weiterhin die alte Nummer verewigte. Kuriose Beobachtung: Die Stuck-Orientierungnummer wird nicht „čo“, sondern „čn“ abgekürzt. In den Anfängen sprach man nämlich oft salopp von der Neuen Nummer (čislo nové).

Aber: Die Konskriptionsnummer blieb stets, wie sie war, nämlich 333 – genau wie etwa die bei dem rechts abgebildeten Haus in der Varšavská 1338/15 (ca. 1880/90) in Prag 2. Das Fazit der Geschichte: Die Konskriptionsnummer ist äußerst langlebig , weshalb es zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem normierte Metallplaketten angebracht wurden, sinnvoll oder praktikabel war, sie in die Architektur des Hauses künstlerisch zu integrieren. Bei der Orientierungsnummer ist das eindeutig nicht der Fall. Nun hat sich aber die wesentlich praktischere Orientierungsnummer am Ende überall in der Welt durchgesetzt. In der Habsburger „Mutterstadt“ Wien wurden sie in einer Reform 1958 zwar formell beibehalten, de facto befindet sich seither an den meisten Fassaden nur noch die Orientierungsnummer. Manchmal ist die Konskriptionsnummer anscheinend noch innen im Hausflur angebracht.

Nur inTschechien und der Slowakei feiert die Konskriptionsnummer immer noch fröhliche Urständ – wenngleich immer mit der Orientierungsnummer verbunden, um die Orientierungslosigkeit der Menschen in den Straßen zu minimieren. Ganz gelingt das nicht immer, denn manchmal wird in irgendwelchen Verzeichnissen die Reihenfolge der Nummer (etwa 12/2100 statt 2100/12) vertauscht. In der Regel ist die Konskriptionsnummer die höhere Ziffer und damit leicht identifierbar (Beispiel rechts, das Neo-Rokokohaus in der Římská 1276/36). Aber es gibt auch Häuser, bei denen beide Nummern klein sind (etwa 14/13). Da wird es schwieriger. Erst, wenn man vor dem Haus steht, kann man die Nummern wegen der Farben der Schilder klar zuordnen. Das alles mag man kurios finden. Aber man verdankt der Weiterexistenz der Konskriptionsnummer immerhin auch das Weiterleben ausgesprochen hübscher und manchmal geradezu in künstlerischer wertvoller Form gestalteter Nummerierungen als integrales architektonisches Element in alten Häusern.

Ach ja, bevor man bei älteren Gebäuden jede in Stuck gearbeitete hohe Nummer über dem Türsturz für eine Konskriptionsnummer hält, sollte man darauf achten, dass das wirklich ein „Čís“ oder „Č“ davorsteht. Es gibt nämlich noch ein zusätztliches Element der Verwirrung in Sachen „Nummern auf Häusern“. Vor machen Ziffern steht nämlich die Abkürzung L.P., was eine Hausnummer (ganz gleich, welche) ausschließt. Die Abkürzung steht für léta Páně, was soviel heißt wie: Im Jahre des Herren. Und das bezieht sich auf das Jahr der Fertigstellung des Hauses, das hier zelebriert wird. In dem links gezeigten Beispiel, einem neobarocken Haus in der Římská in Vinohrady, ist das Baujahr 1904 und nicht die Konskriptionsnummer festgehalten, während die Hausnummer 1248/34 lautet. So kompliziert kann es hier in Prag mit der Nummeriererei bei Häusern sein. (DD)

Und hier noch mehr Bilder schöner Hausnummern aus Prag…

Noch ein Bild als Nachtrag: Eine feine Jugendstil-Konskriptionsnummer in der U Nových Vil 176/11 in Prag-Strašnice, entstanden um 1908.

Ein weiteres und seltenes Beispiel, wo beim Bau eines Hauses am Náměstí Míru in Vinohrady (im Stil des Neobarock, um 1902) die Konskriptionsnummer (1220) und die Orientierungsnummer (19) fest in Stuck gegeossen wurden, was sich später rächte. Denn später wurde aus der Orientierungsnummer 19 eine Nr.3 auf blauem Blech. Die Konskriptionsnummer blieb.

Alte Gänse vor neuem Haus

Die drei Gänse, von denen man im Bild eine sieht, waren es wert, erhalten zu bleiben. Und das schon allein, weil wir uns im Kern der Prager Altstadt befinden, wo der Denkmalschutz streng ist.

Das hier ist das Haus Zu den Drei Wildgänsen (U tří divokých hus) in der Melantrichova 467/7. Es ist nicht ganz, was es scheint. Man sieht eine vierstöckige Barockfassade. Bis dahin ist es eine Geschichte, wie man sie in der Altstadt häufig von Gebäuden kennt. Ursprünglich stand hier ein gotisches Haus aus dem Mittelalter, das dann Ende des 17. oder Anfang des 18. Jahrhunderts vollständig im barocken Stil umgebaut wurde, was bei vielen Häusern seinen Grund in dem  großen Feuer von 1689 hatte, dass die mittelalterliche Altstadt weitgehend zerstörte. In diesem Falle verhalf es den drei verschieden gestalteten drei Gänsen, die sich in Kartuschen über den Fenstern des ersten Stockes befinden, zu ihrer künstlerischen Geburt.

Aber es handelt sich nur um eine Fassade. Das gesamte Haus dahinter ist erheblich moderner- genauer gesagt: In den Jahren 1931/32 wurde es komplett durch das Ingenieurbüro Mrhy nach den Plänen des Architekten Jan Voráček neu gebaut. Drinnen ist nichts vom alten Haus mehr vorhanden. Der vorbeikommende Besucher kann sich daher immer noch an den drei putzigen Gänsen erfreuen und an dem Umstand, dass der Denkmalschutz dafür gesorgt hat, dass trotz der Modernisierung ein wunderschöner Teil des Stadtbilds erhalten geblieben ist. (DD)

Alter Held am neuen Haus

Ein wenig wundert sich der alte Jan Žižka vielleicht, wohin und in welche Zeit er hier geraten ist. Denn es ist schon ein merkwürdiger Kontrast, den dieses vierstöckige Miets- und Bürohaus in der Chlumova 605/32, Ecke Koněvova, bietet: Oben funktionalistischer Modernismus in Reinform, unten historistischer Traditionalismus.

Es handelt sich um einer Gebäude für die Filiale der Prager Stadtsparkasse (Městská spořitelna pražská), das in den Jahren 1937/38 erbaut wurde. Der Architekt war Leo (Lev) Lauermann, der in der gleichen Zeit (1936-38) an einem der ultrafunktionalistischsten Gebäude der Stadt mitarbeitete, einem mehrere Hundert Meter langen rechteckigen Beton- und Stahlwohnklotz im Stadtteil Bubeneč, der zur Urmutter aller späteren Plattensiedlungen wurde, und der auch heute noch meist Molochov (Moloch – eine zunächst abwertende Bezeichnung) genannt wird.

Ein kompromissloser Modernist also, was vom ersten Stock des Hauses in der Chlumova an auch kaum unbemerkt bleiben kann. Es sind mehrere Kuben, die ineinandergeschachtelt sind. sodass zum Beispiel der größere Kubus der ersten drei Stockwerke vor dem kleinen Kubus des vierten Stocks einen Balkon ermöglicht. Und dann ist da dser dreistöckige Erker auf der Seite zur Koněvova, der wie ein aufgesetzter Kubus aussieht. Die Stahlbetonkonstruktion ist eben, glatt und weiß. Dazu passt die Steinskulptur auf Höhe des ersten Stocks, eine männliche Allegorie, die stilistisch dem modischen Zeitgeist der 1930er entspricht. Im Gegensatz zum Moloch auf der anderen Moldauseite (der die Plattenbauten der 1970er vorwegnimmt) wird hier noch die ästhetische Dimension des Funktionalismus sichtbar.

Das Parterre hingegen, das Teile eines früheren Gebäudes integriert, Mauerwerk mit Rustifizierungen, eine Arkade und runde Bögen dominieren hier die Szenerie. Und darüber sind steinerne Köpfe mit den Anlitzen von Kriegern aus den Zeiten der Hussitenkriege des 15. Jahrhunderts. Und mitten unter ihnen Jan Žižka, unschwer zu erkennen an seiner Augenklappe (großes Bild oben). Lauermann konnte wahrscheinlich gar nicht anders als die zu seinem modernen Rigorismus eigentlich nicht passenden Relikte hier beizubehalten.

Denn: Wir befinden uns ja hier im Jan Žižka benannten Stadtteil Žižkov. Das Haus steht am Fuße jenes Berges an dem der alte Recke im Juli 1420 seine erste Schlacht – die Schlacht am Vítkovberg – gewonnen hatte. Hier an diesem Ort wäre es ein besonderes Sakrileg gewesen den Helden vom Ort seines Triumphes zu entfernen. Und so bleibt uns sein Anblick und ein seltsam zusammengesetztes Gebäude an dieser Stelle erhalten. (DD)

Panzer hin, Panzer her, mal rosa, mal nicht…

Da ragt doch tatsächlich ein Teil eines Panzers aus der Erde! Wir befinden uns am westlichen Teil des Kinský Platzes (Náměstí Kinských) im Stadtteil Smíchov (Prag 5), wo Kunst und Panzer schon öfters eine Symbiose eingegangen waren.

Dieses Stück Panzer hat David Černý, der zu anarchischen Provokationen neigende Bildhauer (wir berichteten schon unter anderem hierhier, hier und hier) im schönen Rasen des Platzes versenkt, so dass nur noch ein Stück hinausschaut. Das tat er mit Billigung der Smíchover Stadtregierung, denn es gab einen aktuellen Anlass. Der Tag, an dem der Künstler sein Werk hier installierte, war der 21. August 2018. Es war der 50. Jahrestag der Niederschlagung des Prager Frühlings, bei dem Panzer der Sowjetunion und ihrer Verbündeten in die Stadt rollten, um die politische Liberalisierung, die sich das Regime in der Tschechoslowakei erlaubt hatte, zu unterdrücken. Dies und die Tatsache, dass Russland wieder eine expansive Politik – etwa die Annexion der Krim 2014 – betrieb, war für Černý der gegebene Anlass, dass Panzerkunstwerk hier aufzustellen bzw. einzugraben.

Nicht immer waren die Stadtoberen mit David Černýs Panzerkunst so einverstanden. Am Ostteil des Platzes stand nämlich zur Zeit des Kommunismus ein pompöses Denkmal für die Rote Armee, die 1945 die Stadt „befreit“ hatte, was aber realiter die stalinistische Diktatur im Lande einläuten sollte. Im April 1991, zwei Jahre nach dem Ende des Kommunismus und rechtzeitig zum Abzug der letzten Sowjettruppen stand das Denkmal, auf dem sich ein großer Sowjetpanzer befand, immer noch da. David Černý – noch immer über die Tyrannei der Kommunisten empört – malte darob in einer Nachtaktion den Panzer rosa an. Die Prager Behörden reagierten unpassend und humorlos und ließen den Panzer wieder in seinen Originalzustand zurückversetzen. Es gab Strafandrohungen, am Ende sogar mit einer kurzfristigen Verhaftung des Künstlers. Schließlich nutzte eine Gruppe von 15 Parlamentariern ihre Immunität und malte am hellen Tage aus Solidarität mit dem Künstler den Panzer wieder rosa an. Er wechselte noch etliche Male die Farbe. Das Parlament strich schließlich am Ende den Status des Denkmals als nationales (schützenswertes) Monument. Ende Mai wurde der Panzer – in rosa! – ins  Militär Museum Lešany, rund 20 Kilometer südlich von Prag umversetzt.

Zu diesem Zeitpunkt war er bereits für alle Humorvollen und Freiheitsliebenden zum Kultgegenstand geworden und Černý wurde eine Art Robin Hood im Künstlergewand. Ab und an wurde der rosa Panzer aus dem Museum geholt, um auf Tour zu gehen. 2011 durfte er auf einem Ponton (um den Asphalt zu schützen) zum 20. Jahrestag des Abzugs der Sowjettruppen über den Wenzelsplatz kurven. 2019 wurde er sogar in Stockholms Straßen vorgestellt. Selbst frühere Skeptiker waren nun mit Černý versöhnt.

Im August 2008 befand sich eines Morgens wieder ein Stück rosa Panzer auf dem Kinský Platz. So wie heute und am selben Ort ragte der Vorderteil (es wurde wohl kein ganzer Panzer eingegraben) aus dem Boden heraus. In rosa, aber kein Panzer der Sorte, die 1945 hier einfuhr, sondern einer mit dem charakteristischen weißen Streifen, der ihn als Panzer der Invasionstruppen von 1968 auszeichnete (man beging ja auch gerade den 40. Gedenktag). Nach Protesten des russischen Botschafters und des im Verdacht von starken Sympathien für die Politik von Putins Russland stehenden Ministerpräsidenten Miloš Zeman, wurde der Panzertorso anfang 2009 unter Protesten des Künstlers und Teilen der Bevölkerung wieder entfernt.

Pünktlich zum 50. Jahrestag der Invasion stellte Černý 2018 den Torso wieder auf, diesmal im originalen grün. Die bürgerliche Stadtregierung schien sich nun aber mit mehr Offenheit dem Ganzen zu nähern. Wegen des Jahrestages wurde für die Monate August und September eine Sondergenehmigung erteilt. Erstmals befand sich ein Panzerkunstwerk des Künstlers legal auf dem Kinský Platz. Am Ende gab sich der Stadtteilbürgermeister Pavel Richter einen Ruck und verlängerte die Genehmigung bis auf weiteres. Nun kann man zu jeder Tag- und Nachtzeit mit Černý der kommunistischen Tyrannei und ihrem Ende gedenken Auf seine Weise. (DD)