Auge Gottes mit gotischen Überresten

Es gibt Häuser, die tragen ihre Baugeschichte wie ein Banner vor sich her. Dazu gehört das Dům U Božího oka (Haus des Auges Gottes) in der Malá Štupartská 634/7 inmitten der Altstadt, gleich neben der Basilika St. Jakobus der Ältere (Bazilika sv. Jakuba).

Unmittelbar neben dem barocken Eingang mit seiner klassischen Formensprache sieht man noch Reste des gotischen Tor aus dem Mittelalter mit seinem typischen (aber eben nur zur Hälfte erhaltenen) Spitzbogen.

Und tatsächlich wird das Haus auch erstmals im Mittelalter, genauer: 1324, zum ersten Mal schriftlich erwähnt und damals sah es gewiss anders aus als heute. Im frühen 16. Jahrhundert wurde es im spätgotischen Stil umgebaut, ohne allerdings vergrößert zu werden, denn es ist so eng eingebaut und an die Mauern des ehemaligen Klosterbereichs angelehnt, dass dazu keine Möglichkeit bestand. Aber prächtiger wurde es ausgestattet. Noble Persönlichkeiten zogen ein, etwa Viktorín Křinečtí z Ronova, der sogar mit dem König Georg von Podiebrad (siehe auch hier) eng verwandt war. Und damals hieß es auch entsprechend noch dům Křineckých z Ronova.

Später bekam das Haus den Namen U tří obrazů (Zu den drei Bildern), woran heute die drei kleinen, in Kartuschen gefassten Bilder über den Fenstern des ersten Stocks erinnern. Das Medaillongemälde im Bild rechts erinnert an den König Georg von Podiebrad (die beiden anderen zeigen den Heiligen Wenzel und Kaiser Karl IV:).

Nach einigen Besitzerwechseln und dem Großen Brand in der Altstadt von 1689 wurde das Haus vermutlich von dem Architekten Paul Ignaz Bayer im frühbarocken, um 1750 dann von unbekannter Hand im spätbarocken Stil umgestaltet. Letzteres – eben mit Ausnahme der Reste des gotischen Eingangs – prägt bis heute den Gesamteindruck des Gebäudes.

Über dem Ganzen wacht dann auf der Dachgaube über dem Fenster in einer Kartusche das Abbild des Auges Gottes, das seither dem Haus den Namen gibt. (DD)

Synagoge im orientalischen Jugendstil

Sie ist die größte der heute noch existierenden Synagogen in Prag: Die 1906 erbaute Jerusalem Synagoga (auch: Jubiläumssynagoge). Sie liegt ein wenig eingezwängt in der Jeruzalémská 1310/7 in der Neustadt, so dass ihre Größe und Pracht erst auffällt, wenn man nahe davor steht.

Sie war nicht immer die größte Synagoge der Stadt, denn die 1896 eingeweihte Synagoge von Vinohrady bot nicht „nur“ 850, sondern rund 2000 Gläubigen eine Sitzgelegenheit. Allerdings wurde sie im Februar 1945 irrtümlich durch einen amerikanischen Bombenangriff zerstört (siehe früheren Beitrag hier).

Der Erbauer von beiden Großsynagogen war übrigens der Architekt Wilhelm Stiassny. Er entschied sich bei der Jerusalem Synagoge für einen Stil, entschied der ganz und gar orientalisch wirkt, dies aber mit den Mitteln des damals modernen Jugendstils ausdrückt.

Es handelt sich um eine dreischiffige Basilika, auf deren ersten Stock sich Empore befindet. Dadurch wirkt der untere Raumteil ein wenig dunkel, steigt man nach oben, ist der Raum durch die schönen Jugendstilfenster auf einmal hell erleuchtet.

Über dem Eingang oberhalb der Empore befindet sich die dem Gesamtstil optisch angepasste Orgel, die ein Werk des Orgelbauers Emanuel Štěpán Petr ist.

Während der deutschen Besetzung unterbanden die Nazis das dort florierende Gemeindeleben. Das Gebäude wurde zu eine Lagerhalle umfunktioniert, was es wenigstens vor dem Abriss schützte.

Auf der Empore der in den Monaten von April bis Oktober gegen Eintritt betretbaren Synagoge gibt es eine Dauerausstellung über die Geschichte des Synagoge, die auch dieses düstere Kapitel umfasst.

Nach dem Krieg kehrten die wenigen am Leben gebliebenen Juden wieder zurück, nur um nach der Machtübernahme der Kommunisten 1948 unter dem gar nicht so latenten, sondern tatsächlich recht brutal vorgehenden Antisemitismus der neuen Herrscher leiden zu müssen, was sich erst mit Stalins Tod 1953 abmilderte.

Wirklich gute Zeiten begannen erst wieder mit dem Sturz des Kommunismus. Ab 1993 wurde die Synagoge gründlich restauriert und Instand gesetzt. Das geschah nach der Samtenen Revolution gottlob überall im Lande. Eine zweite Ausstellung in der Synagoge zeigt die Resultate dieses landesweiten Wiederaufbaus. (DD)

Jugendstil in 3D

Das sieht schon ungewöhnlich aus, wie hier die skulpturalen Darstellungen von Pflanzen dreidimensional (auf Neudeutsch: 3D) aus Töpfen wachsen und dann plötzlich als Relief vollständig in die zweidimensional (also: 2D) gestaltete Fassade einfließen.

Ja, und dann kommen da natürlich noch die kleinen metallenen Drachen mit ihren putzigen geflügelten Öhrchen, die als Wasserspeier oben auf der Spitze des sehr groß dimensionierten barockisierenden Turmes herumhocken. Die übersieht man leicht (Fernglas ist angebracht!), aber sie tragen ohne Zweifel zum Reiz des Hauses bei.

Keine Frage: Das großartige Wohn- und Bürogebäude am westlichen Rand des Karlsplatzs (genauer: Karlovo náměstí 287/18) wurde mit viel Sinn für Originalität und Humor entworfen. Erbaut wurde das Haus 1907 von dem Baumeister Josef Skrbek, aber entworfen wurden die Pläne dafür von dem Architekten Josef Kovařovič, dem Prag eine ganze Reihe von schönen Jugendstilbauten verdankt.

Bei diesem besonders beeindruckenden Gebäude (dessen Fassade allerdings ein paar Eimer neue Farbe vertragen könnte) kann man schön sehen, wie der frühe Jugendstil mit seinen Asymmetrien und seinen üppigen floralen und zoomorphen Gestaltungselementen in seine schlichtere geometrische Spätform übergeht, bei der man merkt, dass sich allmählich das Zeitalter von Kubismus und Funktionalismus nähert.

Und ein wenig Prager Geschichte fand hier auch statt. Zu den ersten Bewohnern des Hauses gehörte nämlich seinerzeit die Redaktion der damals äußerst renommierten Literaturzeitschrift Zlatá Praha (Goldenes Prag), die 1864 von dem Schriftsteller Vítězslav Hálek (dessen in Sichtweite befindliches Denkmal wir schon hier vorstellten) gegründet worden war, und nach Fertigstellung des Hauses hier einzog.

Und in den Jahren von 1966 bis zu seinem Tode im Jahr 1999 lebte Václav Benda in diesem Haus. Benda war ein Intellektueller und Dissident, der sich gegen aufgrund seiner freiheitlichen und christlichen Grundhaltung die kommunistische Diktatur auflehnte und zusammen mit Václav Havel zu den Erstunterzeichnern der Charta 77 gehörte. Eine Gedenktafel mit einer Büste des Bildhauers Peter Oriešek, die am Erdgeschoss des Haus angebracht ist, erinnert an ihn. (DD)

Den mutigen Feuerwehrmännern zum Gedenken

Der Terrorangriff fanatischer Islamisten auf das New Yorker World Trade Center am 11. September 2001 – heute vor 18 Jahren – hat die Welt erschüttert. Zu den 2996 Todesopfern gehörten auch 343 Feuerwehrleute, die bis zuletzt versuchten, soviel Leben zu retten wie es nur ging.

Den Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr in Prag 1 ging der Tod ihrer tapferen Kollegen in New York sehr zu Herzen und sie wollten etwas zu ihrem Gedenken tun. Am 9. September 2010 weihten sie in Gegenwart des Prager  Bürgermeisters Oldřich Lomecký und des amerikanischen Botschafters in Tschechien, Andrew Schapiro, und vieler anderer Würdenträger das Denkmal für die Feuerwehrmänner ein.

Das kleine Denkmal steht auf der Kampainsel auf der Kleinseite direkt neben der Karlsbrücke (genauer: Na Kampě 7, Praha 1). Die amerikanische Botschaft hält hier zusammen mit Vertretern der Stadt und der tschechischen Regierung häufig Gedenkfeiern zum Jahrestag der Anschläge ab.

Das Denkmal besteht aus einem kleinen Steinquader auf dem ein bronzener Feuerwehrhelm amerikanischer Bauart liegt. Auf dem Stein befindet sich auf einer metallenen Tafel in Tschechisch und Englisch eine Aufschrift, die in deutscher Übersetzung besagt:

„Ein Feuerwehrmann ist eine Person, die zwei Leben lebt, eines für sich selbst und eines für andere. Daher hat das Leben eines Feuerwehrmanns ein wahres Verständnis von allem, was menschlich ist. Der Erinnerung an die 343 New Yorker Feuerwehrleute gewidmet, die am 11. September 2001 ihr Leben verloren haben. Wir werden niemals vergessen.“ (DD)

Solides aus der Altstadt

Es ist erfreulich, dass in letzter Zeit selbst in der vom Tourismus dominierten Altstadt Prags immer mehr Braugaststätten mit eigenem und variantenreichen Bier eröffnen. Manchmal schließen auch welche wieder. So schloss Anfang 2019 mit dem 2015 gegründeten Lokal U Dobřenský eine Kleinbrauerei, die ausgesprochen avantgardistisch war – mit ihrer überraschend guten Spezialität des Kräuterbieres (die wir damals hier feierten) anscheinend aber leider zu avangardistisch für den breiten Kundengeschmack.

Jetzt hat in den selben Räumlichkeiten eine neue Brauereiwirtschaft aufgemacht. Die hat zumindest ein mögliches Problem des Vorgängerbetriebs vermieden, nämlich den komplizierten tschechischen Namen, der sich aus der Adresse, U Dobřenských 268/3, ableitete. Die neue Wirtschaft heißt schlicht Pivovar Staré Město (Altstadt Brauerei), was man sich leichter merken kann.

Das – unserer Meinung nach sehr gelungene – Experiment des Kräuterbiers hat die neue Gaststätte abgebrochen bzw. nicht weitergeführt. Aber es gibt in den identisch geblieben Räumlichkeiten immerhin noch selbstgebrautes Bier. Auch die kleine und Brauanlage, die in den gemütlichen Kellerräumen für den Kunden sichtbar ihr Werk tut, steht noch da. Das Ganze ist gemütlich wie eh und je.

Es gibt jetzt zwei konventionelle, aber solide gebraute Biersorten permanent im Angebot – ein Bier nach Pilsener Art und ein milderes Helles. Dazu kommt ein abwechselndes Sonderangebot. Als wir zuletzt hier waren, war das ein Pale Ale, wie es zur Zeit unter jungen Leuten sehr populär ist. Das alles ist jetzt nicht mehr so extravagant wie früher, lässt sich aber sehr gut trinken.

Ebenso entspricht jetzt das Essen dem, was man als Außenstehender von einer tschechischen Brauereigaststätte erwartet: Deftiges – vom eingelegten Käse (kleines Bild) über die Gänsebrust zur Svíčková (Lendenbraten). Das ist alles lecker zubereitet und kann für den gastronomischen „Erstkontakt“ mit Prag als solides Anschauungsbeispiel für typische Landesküche dienen. Man bekommt die Klassiker Böhmens geboten. Nicht mehr und nicht weniger. In dieser Hinsicht ist es auch empfehlenswert. Besser als die Einheitsindustriebierhallen, die es in der Altstadt doch recht häufig gibt, ist das allemal! Ein wenig vermisst man aber doch den Glanz und die Originalität der Vorgängerwirtschaft. (DD)

Das Tropenhaus

Die eigentliche Attraktion des neuen Botanischen Gartens (früherer Beitrag hier) in Prag liegt einige Meter außerhalb des Geländes und man muss auch ein wenig Extra-Eintrittsgeld zahlen: Die Fata Morgana! Es handelt sich um eine riesige Gewächshausanlage mit rund 1750 Quadratmeter Fläche.

Sie ist schlangenförmig an einen Hang neben dem botanischen Garten gebaut worden, was besonders vom Hügel darüber beeindruckend aussieht. Den Entwurf dazu hatte 1999 der Architekt Zdeněk Deyl gemacht. 2004 wurde die Fata Morgana eröffnet, nachdem es noch einige Querelen darüber gab, dass die Stadt Änderungen am Entwurf durchgeführt hatte, mit denen Deyl nicht einverstanden war. Was immer die den Intentionen des Architekten widersprechenden Änderungen waren, der Besucher bemerkt es heute nicht, sondern sieht eine schöne und originelle Anlage.

Und die Besucher kommen in Scharen. Oft stehen lange Schlangen vor dem Eingang und manchmal wird der Einlass wegen Überfüllungsgefahr kurz geschlossen. Ein reiches und gutes Angebot an Getränke-, Eis- und Speisetheken erleichtert einem allerdings draußen das Warten. Man hat hier eben an alles gedacht….

Drinnen befinden sich in verschiedenen Räumen verschiedene Tropen- und Halbwüstengewächshäuser aus verschiedenen Klimazonen und Regionen von Südafrika über Australien und Ozeanien hin zu Südostasien und noch vieles mehr. Manchmal ist man über den plötzlichen Klimawechsel zwischen den drei Räumen geradezu überrascht.

Eine besondere Attraktion ist der Tunnelweg, der vom Eingangsbereich in den nächsten Raum führt. Der erlaubt die Sicht der tropischen Pflanzenwelt „von unten“. Er ist nämlich den Wurzel in allen ihren verästelten oder knollenförmigen Ausformungen gewidmet – zum Teil im Original, zum Teil als Modell. Zudem enthält der unterirdische Durchgang auch noch Aquarien mit Tropenfischen.

Neben der permanenten Tropenflora-Ausstellung gibt es in der Fata Morgana auch ab und an Sonderausstellungen, die dekorativ in die Anlage eingebaut werden. Als wir das letzte Mal drinnen waren (Frühjahr 2019), standen die traditionellen Publikumslieblinge im Mittelpunkt, die Orchideen in all ihren Farben und Formen. Dafür gab es keinen eigenen Ausstellungsraum. Die Orchideen wurden überall im Gebäude auf bunt-schillernd geflochtenen kreisförmigen Scheiben präsentiert, was sie dann von der permanenten Ausstellung abhob – eine geschickte Lösung, die den Anspruch der Fata Morgana unterstreicht, zur Avantgarde unter den Gewächshäusern der Welt zu gehören. (DD)

Spiel mit geometrischen Formen

Die Kommunisten brüsteten sich, auch in der Architektur die Modernität und die Avantgarde zu repräsentieren. Heraus kam am Ende nur die trübselige Architektur der Plattenbauten. Man kann sich vorstellen, dass es für die Architektin Vítězslava Rothbauerová ein innerer Triumph gewesen sein muss, als sie die Chance bekam, mitten im größten und grauesten Plattenbauviertel Prags, der Südstadt bei Háje, den Kommunisten nachträglich vorzuführen, wie originell und ansprechend moderne Architektur sein kann, wenn man sie eben nicht den Kommunisten überlässt.

Die Gelegenheit bot sich durch den Bau des Komunitní centrum Matky Terezy (Gemeindezentrum Mutter Teresa), den sie im Jahre 2007 vollendete. Die Kirche und ihre von bisweilen monströs-faszinierenden Plattenhochhäusern (ein besonders groteskes Beispiel sieht man auf dem kleinen Bild links) dominierte Umgebung bieten dadurch geradezu ein zeithistorisches und ästhetisches Kontrastprogramm.

Ein Kirchenbau, der die in der Nähe befindliche und zu klein gewordene Kirches des Heiligen Franziskus aus dem Jahre 1938, wurde prinzipiell an dieser Stelle 1999 von der Stadt genehmigt. Es folgten Querelen über Baugenehmigungen und auch der ursprüngliche Plan, hier ein ökumenisches Zentrum zu errichten, wurde später fallen gelassen. Und so handelt es sich bei dem Gebäude nunmehr um eine katholische Kirche mit Gemeindezentrum. Es soll weltweit die erste Kirche gewesen sein, die nach der 2003 seliggesprochenen (und erst 2016 heiliggesprochenen) Missionarin, Armenhelferin und Nobelpreisträgerin Mutter Teresa benannt wurde.

Von einem Hügel hinter der Kirche kann man besonders erkennen, dass das Gebäude hauptsächlich aus nicht ganz konzentrischen Kreisen besteht. Diese werden durch den senkrechten Turm, schräg aufsteigende Lichtschächte und die Tatsache, dass die Kreise an einer Seite „abgeschnitten“ sind, durch gradlinige Elemente kontrastiv ergänzt. Es handelt sich um ein geschicktes Spiel mit geometrischen Formen.

Die Architektin wollte durch die Kreisform die Einheit der Menschheit symbolisieren und sorgte dafür, dass in jeder Himmelsrichtung ein Eingang ist, um die Offenheit der Kirche auszudrücken. An dem funktionalistischen Glockenturm sieht man drei Glocken, die Johannes dem Täfer, dem Heiligen Wenzel und Mutter Teresa gewidmet sind. Sie wurden 2006 von der Glockengießerin Laetitia Dytrychová gegossen.

Drinnen gibt es eine Kapelle für 70 und eine Halle für rund 400 Besucher. Tagungsräume, Büros, Sozial- und Kultureinrichtungen, eine Bibliothek, eine Tiefgarage und sogar ein kleines Café. Kurz: Alles, was man wahrscheinlich in einer eher prekären Umgebung wie dieser als Gemeindezentrum so braucht.

Und tritt man durch den Vordereingang in das Gebäude, so begrüßt den Besucher als erstes eine Büste der gealterten und leidenden, aber unermüdlich gegen die Leiden der Armen ankämpfenden Mutter Teresa. (DD)