Abgelegenes Denkmal

Die Tschechen ehren ihre Dichter und Schriftsteller gerne mit großen Denkmälern. Mal mehr, mal ein wenig weniger. Einer davon war Jaroslav Vrchlický, der eigentlich Emilius Jakob Frida hieß. Der widmete sich nicht nur den für tschechisch-patriotisch denkenden Schriftstellern typischen Themen wie der Legenda o sv. Prokopu (Legende vom heiligen Prokop, 1879) oder den sozialkritischen Zlomky Epopeje (Landarbeiterballaden; 1886), sondern schuf auch mit seiner Komödie Noc na Karlštejně (Eine Nacht in Karlstejn, 1884) die Grundlage für ein bekanntes Musical, das wiederum die Vorlage für einen überaus erfolgreichen tschechoslowakischen Film der 1970er Jahre wurde. Den Nobelpreis erhielt er nicht, aber er war immerhin Kandidat für denselben. Als Literaturprofessor besorgte er die Übersetzungen ausländischer Klassiker von Goethe über Poe zu Baudelaire und machte sich somit um deren Verbreitung im Lande verdient. Außerdem schätzte ihn Antonín Dvořák als Librettsten seiner Opern.

Das war alles hinreichend Grund, ihm ein Denkmal zu setzen, was man zu Beginn der 1950er Jahre ernsthaft in Angriff. Im Jahre 1956 machten die Bildhauer Josef und Antonín Wagner (Bronzestatue) und der Architekt Jan Sokol (Sockel) sich ans Werk.

Eigentlich sollte das Denkmal sehr prominet aufdem Karlsplatz stehen. Nachdem städtische Juroren ein Gipsmodell beäugt hatten, beschlossen sie, dass es dann doch etwas abgelegener platziert werden solle. Und so steht es nun oberhalb der der deutschen Botschaft am Hang des Petřín-Berges.

Warum es zu dieser Ortsverlegung kam, weiß man nicht so genau. Ästhetisch entspricht das Denkmal der Gebrüder Wagner jedenfalls völlig dem damaligen Zeitgeschmack (es ist also recht konservativ gehalten). Auch Vrchlickýs literarische Verdienste wurde eigentlich nicht allgemein in Zweifel gezogen. Aber damals herrschte eben der Kommunismus und Antonín Zápotocký, ein recht blutrünstiger Stalinist, war Präsident. Da konnte jedermann Opfer willkürlicher Entscheidungen werden – selbst als in Bronze gegossenes Denkmal. (DD)

Saal mit Pferderampe

Wer eine ungewöhnliche Ausprägung des gotischen Stils in Böhmen kennenlernen will, der gehe in den Alten Königspalast in der Burg und sehe sich den Vladislav-Saal an. Schon die Ausmaße sind beeindruckend. Mit 62 Meter x 16 Meter x 13 Meter handelte es sich seinerzeit um die größte säkulare Gewölbestruktur Böhmens (möglicherweise sogar der Welt), d.h. sie kam ohne Stützpfeiler in der Mitte aus.

Aber die Größe ist nur das eine, das andere ist der Stil. Ursprünglich stand hier ein romanisches Gebäude aus der Regierungszeit von Soběslav II. im 11. Jahrhundert, wovon es im Untergeschoss noch Reste zu sehen gibt. Der Saal in seiner heutigen Form wurde jedoch unter Vladislav II. Jagiello, einem Sproß des polnischen Königsgeschlechts, in den Jahren 1493 bis 1500 gebaut.

Den Stil, der während seiner Regierung für kurze Zeit en vogue wurde, nennt man unter Kunsthistorikern sogar nach ihm Vladislav- oder
Jagiellonen-Gotik (Jagellonská gotika). Deren Blütezeit endete sehr schnell aus Gründen, die man dem Bau sofort ansieht. Es handelte sich nämlich um einen typischen Übergangsstil, in diesem Fall ein letzten „Aufbäumen“ der Gotik und das erste Erscheinen der Renaissance, die dann die Gotik ablöste. In mancher Hinsicht erinnert dies an den Perpendicular Style im England der gleichen Zeit.

Wie man am Deckengewölbe des Vladislav-Saals sehen kann, markieren die Rippen des nicht mehr nur die architektonische Stützstruktur, sondern lösen sich spielerisch zu neuen Mustern auf. Das unterscheidet das Ganze zum Beispiel von der wesentlich strengeren Hochgotik zur Zeit Karls IV..

Erbaut wurde der Saal von dem Baumeister Benedikt Ried von Piesting, der sich anscheinend der Zeitenwende in der Architektur sehr bewusst war. Denn die verspielten gotischen Gewölbe werden bereits durch klassische Renaissanceportale und Fenster (die man von Außen schön erkennen kann) ergänzt, die an antike Vorbilder angelehnt sind.

Seit Anfang des 18. Jahrhunderts fanden in dem Saal Krönungsfeiern statt und auch heute wird er für wichtige Staatsfeste und -akte genutzt, etwa für die Vereidigung des Präsidenten. Vorher ging es hier eher etwas rauer zu. In den Zeit König Vladislavs wurde im Saal vor allem gefeiert. Das konnte wüst werden, etwa wenn drinnen regelrechte Turniere mit Rittern auf Pferden veranstaltet wurden. Das erklärt auch, warum der sehr breite Treppenaufgang vom Hof eher eine abschüssige Rampe mit nur wenigen sehr niedrigen Stufen ist. Normal gebaute Treppen wären für Pferde ungeeignet gewesen. (DD)

Zwei Tonnen Silber für Nepomuk

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Fast zwei Tonnen Silber sollen für die Errichtung seines Grabes im Veitsdom auf der Burg verwendet worden sein. Es ist die letzte Ruhestätte des Heiligen Nepomuk, dessen Gedenktag man in Tschechien heute (16. Mai) feiert – in Mähren sogar als gebotenen IMG_1178Feiertag! Und das, obwohl der eigentliche kirchliche Feiertag (nicht geboten) auf den 20. März, dem Todestag des Heiligen, fällt.  Auf jeden Fall hat man sich dereinst sein Grabmal etwas kosten lassen.

Errichtet wurde es 1736 von dem Wiener Architekten und Bildhauer Joseph Emanuel Fischer von Erlach, wobei die silberne Statue des Heiligen von dem italienischen Rokokobildhauer Antonio Corradini gestaltet und vom Silberschmied Johann Joseph Würth umgesetzt wurde. Warum so groß, warum zu diesem Zeitpunkt – denn der Heilige war ja bereits 1393 aus dem Leben geschieden (worden)?

IMG_5962Nun ja, als das Denkmal 1733 in Auftrag gegeben wurde, war der gute Nepomuk gerade erst einmal vier Jahre lang heilig gesprochen worden. In den ersten Jahrhunderten nach seinem Tode war er lange Zeit als Märtyrer vereehrt worden, aber doch in vergleichsweise bescheidenen Ausmaßen.

Möglicherweise hat der Nepomuk-Kult etwas mit dem Ausgang der Schlacht am Weißen Berge zu tun. Dort wurden 1620 die mehrheitlich protestantischen Böhmen von den Habsburgern unterworfen und anschließend recht rüde zwangskatholisiert. Die katholische Kirche hat seither (im Kern bis heute!) deshalb im Lande das, was man modern als „Imageproblem“ bezeichnen würde. Deshalb brauchte die Kirche populäre heilige Identifikationspersönlichkeiten. Unter den Tschechen war stets eine gewisse Neigung verbreitet, den von der Kirche verbrannten Frühreformator Jan Hus als nationalen Ersatzheiligen zu verehren. Das ging ebenso wenig wie der weniger ketzerische Heilige Wenzel, der aber als Spross einer tschechischen Herrscherdynastie, IMG_1182den Přemysliden, kein ganz überzeugendes Rollenmodell für die Etablierung einer österreichischen Fremdherrschaft lieferte.

Da kam Nepomuk gerade wie gerufen. Er war der Stoff, aus dem man Legenden schnitzen konnte. 1393 war er von einem böhmischen König, Wenzel IV., von der Karlsbrücke heruntergeworfen worden. Dieser Wenzel war der Kirche nie so recht wohlgesonnen, war als deutscher Kaiser wegen Trunksucht und Unfähigkeit abgesetzt worden und hatte später Sympathie für die häretischen Hussiten gezeigt – ein finsterer Schurke also, vor dem das leuchtende Bild des Heiligen um so heller leuchtet! Bischof IMG_5961Nepomuk hingegen hatte sich, so eine erst nach seinem Ableben erfundene Legende, edelmütig geweigert, das Beichtgeheimnis zu verletzen, als der krankhaft eifersüchtige König ihn bat, den möglicherweise pikanten Inhalt der Beichte seiner Frau preiszugeben. Der sich standhaft weigernde und glaubensstarke Nepomuk wurde darob grausam gefoltert (vom König selbst natürlich!) und an der Karlsbrücke ebenso grausam ertränkt.

1729 wurde er nun dafür als Heiliger des Beichtgeheimisses und der Brücken installiert, verbunden mit einer Imagekampagne, die ihn als treuen Sohn der Kirche und Kämpfer gegen das Unrecht darstellte – ein urböhmischer dazu! Als einziger Heiliger darf er bei Darstellung mit einem Sternenkranz über dem Kopf dargestellt werden, ein Attribut, das sonst nur Maria vorbehalten ist (bei der es allerdings 12 und nicht fünf Sterne sind). Seine sonstigen Attribute sind das Kreuz, das er in den Armen hält, und manchmal auch der Finger vor dem Mund (Schweigegebot!).

Betrachtet man die Unmenge von Nepomukdenkmälern im Lande (von denen das auf seiner Hinrichtungsstätte, der Karlsbrücke, das bekannteste ist), so war der Heilige ein IMG_8823echter PR-Erfolg. Rechts – ganz wahllos herausgegriffen – die Statue des Heilgen vor der Kirche des  Heiligen Prokop im Stadtteil Braník (Kostel sv. Prokopa v Braníku) als ein Beispiel von unzähligen. Kurz: Nepomuk hat es tatsächlich zu einem populären Heiligen gebracht. Dass die Sache mit dem Beichtgeheimis wohl in Wirklichkeit gar nicht stimmte, sondern dass es um Machtfragen (Zuschnitt von Diözesen, Kircheneigentum) ging, stört da wenig – abgesehen davon, dass es den Mord trotzdem nicht rechtfertigte. Jedenfalls setzte die massenhafte Verbreitung von Nepomukstatuen und -kirchenmalereien und Kirchenbenennungen erst  Ende des 17. Jahrhunderts nach dem Dreissigjährigen Krieg und der Etablierung der Habsburger ein. Nepomuks silberbeladenes Grab im Veitsdom ist der vollendete Ausdruck der damals nunmehr neu gewonnenen Stellung des Heiligen in Böhmen.  (DD)

Die große Kathedrale

Was soll man über den Veitsdom (Katedrála sv. Víta ) schreiben? Jedermann kennt ihn, kein Tourist in Prag kommt um einen Besuch herum. Dieser Status als Prager Hauptattraktion ist allerdings auch rundum verdient. Die große Kathedrale überragt die Burg oben auf dem Berg – und damit die ganze Stadt. Sie ist die größte Kirche Tschechiens und eines der ganzen großen Meisterwerke der europäischen Gotik. 124 Meter ist sie lang, der höchste Turm ragt 99 Meter in die Höhe. Beeindruckend!

Und da sie auch Krönungskirche und Grablege der böhmischen Könige war, hat sich in ihren Innenräumlichkeiten die geballte Geschichte und Kunstgeschichte des Landes angesammelt. Trotz der Bedrängung durch hektisch von ihren Reiseführern zur Eile angetriebenen Touristenmassen sollte man sich daher nach Zahlung des Eintritts viel Zeit nehmen, sich alles anzuschauen.

Unter Kaiser Karl IV., der Prag erstmals zur Weltstadt machen wollte, wurde der gotische Bau 1344 begonnen, zunächst von dem französischen Baumeister Matthias von Arras , dann nach dessen Tod 1352 vom dem deutschen Baumeister Peter Parler und dessen Söhnen (das war dieselbe Dynastie, die auch den Kölner Dom erbaut hatte).

Das ist natürlich nicht die ganze Baugeschichte. Schon im 10. Jahrhundert hatte es hier eine mehrfach vergrößerte romanische Kirche gegeben. Und als die Parler mit dem Bauen aufhörten, war die Sache auch nicht zu Ende. Wie die meisten gotischen Großkathedralen in Europa, blieb auch diese unvollendet. Vor allem die Hussitenkriege im frühen 15. Jahrhundert setzten der Bauentwicklung zunächst einmal ein Ende.

Der Aufsatz des großen Turms an der Seite des Schiffes ist ein Werk des Architekten Bonifaz Wohlmut aus den Jahren 1560-62 und mithin ein Werk der Renaissance.

Und mit der Gegenreformation, die nach der Schlacht am Weißen Berg und dem Sieg der katholischen Habsburger im Jahre 1620 begann, setzte eine dramatische Barockisierung des Innenraums ein. Und noch immer waren Teile des Schiffs und die ganze Westfassade so unvollendet, wie sie die Parler zurückgelassen hatten.

Erst 1859 wurde ein Dombauverein gegründet, der mit der fertigstellung begann. Wie beim Kölner Dom muss sich der Besucher auch beim Veitsdom immer vergegenwärtigen, dass nicht alles echte Gotik ist, was wie Gotik aussieht. Die Architekten, die sich nun an die Vollendung machten, waren Vertreter einer werktreuen Neogotik – zunächst Joseph Kranner (siehe früheren Beitrag hier), dann ab 1873 Josef Mocker (siehe auch hier) und dann nach dessen Tod 1899 Kamil Hilbert , der es immerhin schaffte, dass die Kathedrale rechtzeitig zum 1000 Todestag des Heiligen Wenzel im Jahre 1929 fertiggestellt und eröffnet wurde.

Man sieht es vor allem der (damals sehr umstrittenen) Westfassade an, dass Mocker und Hilbert die früheren Werke der Parler intensiv studiert hatten – allen voran den Kölner Dom. Mit den beiden spitzen Türmen sieht die Fassade dem Kölner Vorbild (früherer Beitrag hier) verblüffender ähnlich als es die Parler wohl damals in Prag geplant hatten. Und deshalb ist auch das wunderschöne mittelalterlich wirkende Rossettenfenster in der Westfassade realiter ein Werk aus dem Jahre 1925. Der Maler František Kisela hatte es im Stil alter Vorbilder entworfen. Die Glasbilder stellen die Schöpfungsgeschichte dar.

Überhaupt sind schon alleine die farbigen Glasfenster, die vor allem im 19. und 20 Jahrhundert eingebaut wurde, ein Tour für sich wert. Sie sollen hier nicht alle aufgezählt werden, aber es sei gesagt, dass sich hier die besten und bekanntesten Künstler der Zeit verweigt haben. Am berühmtesten sind vor allem diejenigen des großen Jugendstilmalers Alfons Mucha (links) aus dem Jahre 1931 in der erzbischöflichen Seitenkapelle, die die Christianiserung der Slawen darstellen – ein Motiv, dass dem Nationalbewußtsein der Zeit der Fertigstellung des Domes entsprach.

Aber man sollte nicht nur die alte Gotik und die sie abbildende Neogotik des 19. und 20. Jahrhunderts im Auge behalten, sondern auch die Bau- und Kunstphasen dazwischen. Dazu bieten die kolossalen Königs- und Heligengrabmale eine Gelegenheit. Die meisten befinden sich inder Krypta, aber einige besonders prachtvolle auch im Hauptschiff. In der Mitte beeindruckt das monumentale Grabmal Kaiser Ferdinands I. (nebst Gemahlin aund Sohn). Das in weißem Marmor gestaltete Werk des flämischen Bildhauers Alexander Colin aus dem Jahre 1589 ist ein Meisterwerk der Spätrenaissance. Das Grab des Heiligen Nepomuk (Beitrag hier) wiederum ist Hochbarock vom Feinsten.

Unter allen Grabmalen ist natürlich das des Heiligen Wenzels das wichtigste. Der böhmische Herzog, der 935 von seinem Bruder Boleslav ermordet wurde, ist der Nationalheilige der Tschechen schlechthin. Sein Grab war schon Teil des ursprünglichen romanischen Baus, denn der reuige Bruder hatte ihn dort 938 bereits begraben lassen. Heute ist ihm eine große Kapelle, die Sankt-Wenzels-Kapelle (kaple sv. Václava) im Dom gewidmet, in der sein schlichter Sarg steht.

Der Veitsdom ist übrigens nicht nur Grablege für unzählige böhmische Herrscher seit dem 10. Jahrhundert, sondern auch die Krönungskathedrale. Hier werden auch (in der Regel unzugänglich) die Kronjuwelen samt Krone aufbewahrt. (DD)

Heilige in Kasematten

Die wenigsten Touristen ahnen, dass die schönen Barockstatuen auf der Karlsbrücke mittlerweile nur noch Kopien sind, weil die Originale über die Jahrhunderte zu sehr der Gefahr der Verwitterung ausgesetzt waren. Wer also einige der Originale bewundern will, sollte daher die die Kasematten auf dem Vyšehrad, der alten Burg im Süden der Stadt, besuchen. Aber auch ohne Heiligenstatuen sind die Kasematten einen Besuch wert.

Die Geschichte der modernen Befestigung des Vyšehrad – und damit die der Kasematten – begann 1654 als Kaiser Ferdinand III. den Bau der Festung auf der zuvor „zivilen“ Ortschaft auf dem strategisch gelegenen Berg über der Moldau anordnete. Richtig los ging es aber erst 1741 als französische Truppen im Zuge des Österreichischen Erbfolgekrieges Prag besetzten und die Festung modern ausbauten – in Erwartung der dann 1742 erfolgenden Belagerung durch die Österreicher, die sich „ihr“ Prag 1743 wiedereroberten. Die Wälle und Basteien waren erhöht und verstärkt worden und innen mit Kasematten (befestigte Bunkerräume und -gänge) gesichert worden.

Die Österreicher freuten sich über den Ausbau, aber nur kurz. 1744 eroberten im Zuge des Zweiten Schlesischen Krieges die Preußen für kurze Zeit Prag und wollten die Festung sicherheitshalber erstören. Sie stellten bei ihrem Abzug 130 Fässer Schießpulver in die Kasematten und legten eine lange Lunte. Zwei Prager Bürger aus dem Ortsteil unterhalb der Burg fanden den Mut, in das Gebäude einzudringen und die Lunte im allerletzten Moment zu entfernen. Deshalb können wir auch heute noch die bombastischen Festungsmauern und die Kasematten bewundern.

Bei den ganzen Kampfhandlungen selbst, die mit den Kriegen verbunden waren, spielte die Festung keine Rolle. Sie wurde militärisch immer mehr obsolet. Trotzdem gab es 1841 unter dem Festungsgouverneur Karel Chotek von Chotkow noch einmal eine große Aufbesserung. Das wunderschöne klassizistische Tor mit seinen drei Einfahrten (Mitte: Kutschen, Seiten: Fußgänger) wurde erbaut.

Dieses Ziegeltor (Cihelná brána) in der V Pevnosti 46/1 dient heute als Infozentrum und Eingang für geführte Touren in die Kasematten – dem Innere der Festungsmauern. Es ist ein Stück von etwas weniger als einem Kilometer, dass durch die Führungen begehbar ist. Es sind Gänge, die Schießscharten für Kanonen und große Lagerräume verbinden.

Womit wir bei den Statuen der Karlsbrücke sind. Gorlice wird die größte Halle im Inneren genannt, die mit 330 Kubikmetern und 13 Metern Höhe tatsächlich recht imposant ist. Sie diente dereinst als Lebensmittellager oder Sammlungsort von Truppen. Zeitweise war sie wohl, wie man an den Stützsteinen in der Wand sieht, in drei Stockwerke aufgeteilt.

In den 1990er jahren wurde sie dem Publikum geöffnet und beinhaltet nun sechs der Originalstatuen der Karlsbrücke, darunter die der Heiligen Ludmilla mit ihrem Enkel, dem künftigen Heiligen Wenzel (Bildhauer Matthias Bernhard Braun um 1730, kleines Bild rechts), oder des Heiligen Adalbert (von Ferdinand Maximilian Brokoff um 1709, großes Bild oben). Hier lässt einem die Führung genügend Zeit, um den großen Raum und vor allem die originalen Barockstatuen eingehend zu beäugen – viel eingehender als man es auf der Karlsbrücke hätte tun können. (DD).

Rauchender Hund und Mozarts Handschrift

Es ist das einzige große nicht-staatliche Museum innerhalb der Burg. Tripadvisor bewertete es 2015 und 2016 als bestes Museum in Prag. Die Rede ist vom Lobkowicz Palais und seinem Museum. Der riesige Palast befindet sich an der östlichen Seite des Burgkomplexes und ist sein Eintrittsgeld mehr als wert!

Das Fürstengeschlecht der Lobkowicz gehörte über 700 Jahre zum höchsten tschechischen Hochadel, hatte sich stets mit den Habsburgern und der katholischen Kirche verbunden (mithin über Jahrhunderte auf der Siegerseite) und brachte immer wieder Familienmitglieder mit ausgeprägtem Kunstsinn hervor. Was mehr braucht man, um der Welt eine Kunstsammlung zu hinterlassen, die ihresgleichen sucht?

Aber die Familie hat auch Rückschläge hinnehmen müssen. Die Nazis konfiszierten die Schlösser der Familie (u.a. jenes, über das wir hier berichteten) und damit auch den schönen Palais in der Burg. Die Familie war republiktreu und diente da schon im Exil der Sache des Widerstands. Nach der Niederlage der Nazis gab die demokratische Regierung den Lobkowiczs 1946 ihre Besitztümer wieder. Doch 1948 ergriffen die Kommunisten die Macht und die Familie wurde wieder enteignet und floh ins amerikanische Exil. Erst nachdem die Kommunisten wieder vertrieben waren, wurde ihnen der Besitz 1990 wieder rückerstattet. Wie die meisten ihrer Sammlungen machten sie auch die im Palais nun der Öffentlichkeit zugänglich.

Die bekommt wirklich etwas zu sehen! Seit Jahrhunderten ließen sich die Mitglieder des Geschlechts nur von den größten, berühmtesten und besten europäischen Malern portraitieren – etwa Velasquez und van Dyck. Schon die Familienportraits alleine könnten andernorts eine repräsenativ ausgestattete Nationalgalerie würdig ausfüllen. Was sie nicht selbst für die Familie in Auftrag gaben, erwarben sie als gekonnte Kunstsammler. Einige Familienmitglieder malten sogar selber – und das mit durchaus beträchtlichem Talent!

Ein besonderer Raum ist den wichtigsten Familienmitgliedern gewidmet, mit denen sich die Lobkowicz schon früher als andere Adelsfamilien portraitieren ließen, nämlich ihren Hunden. Wie alle guten Tschechen – siehe hier – waren die Lobkowiczs immer Hundenarren. Jeder Hundefreund wird sofort das oben als großes Bild gezeigte, Ende des 17. Jahrhundert entstandene Portrait der familieneigenen Möpse Asinus (links) and Kokrle (rechts) lieben, die mit zu den ersten namentlich bekannten Hunden auf Bilddarstellungen gehören.

Nicht weniger putzig sind die Photos aus dem späten 19. Jahrhundert, die den Familienhund Nero zeigen. Dem hatte man zur Unterhaltung von Gästen beigebracht, Pfeife zu rauchen. In der heutigen Zeit strikter Rauchverbote ist das natürlich politisch inkorrekt. Die Familie stellt daher im Audiokommentar zu den Photographien im Album klar, dass sie das heute mit ihren Hunden nicht mehr mache, sondern diese gesund und wohlschmeckend ernähre. Es ist vermutlich nicht das schlechteste Leben, das man als Hund der Lobkowiczs führt.

Daneben gibt es eine Austellung mit Porzellan, eine mit Waffen und Rüstungen (großes Bild oben) und eine über die Jagdleidenschaft. Auch hier hat sich (vor allem im 17. und 18. Jahrhundert) viel Wertvolles und Schönes zusammengetragen, da es unter den Mitgliedern der Familie immer wieder große Feldherren (etwa den k.k. Feldmarschall Joseph Maria Karl von Lobkowitz, 1725-1802, der sich im Österreichischen Erbfolgekrieg besonders heldenhaft hervorgetan hatte) und noch mehr begeisterte Jäger gab.

Mit besonderem Stolz erfüllt die Familie allerdings ihre Musiksammlung. Sie beinhaltet nicht nur wertvolle alte Instrumente. Die Familie förderte einige der großen Musikgenies des Abendlandes, allen voran Mozart und Beethoven. Von beiden kann man daher in der Sammlung im Familienbesitz befindliche Originalhandschriften von Musikstücken bewundern. Das Bild rechts zeigt Mozarts eigenhändige Bearbeitung und Neuorchestrierung von Händels Messias aus dem Jahre 1789. So etwas kann man nur mit Ehrfurcht anschauen!

Darüber hinaus sollte man nicht den Palast selbst vergessen. Teile der Inneneinrichtung sind noch vorhanden, aber vor allem auch die barocken Stuckaturen und Deckengemälde. Bei letzteren handelt es sich um Fresken mit Szenen antiker Sagen, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von dem Maler Fabián Václav Harovník gemalt wurden.

Seien noch zwei Dinge erwähnt, die den Besuch endgültig zum „Muss“ machen: Erstens: Die Aussicht. Es ist möglich, den Balkon zur Moldauseite hoch über der Stadt zu betreten, um eine der atemberaubendsten Panoramaaussichten auf Prag genießen zu könne. Nicht nur, aber vor allem bei Nacht ist das ein unvergessliches Erlebnis. Zweitens: Das ist ein privates Museum und daher außerordentlich professionell gemacht. Es gibt lange Öffnungszeiten, eine Audioführung, die nichts zu wünschen übrig lässt, einen hochwertigen Museumsshop und alles ist in blitzblanken Zustand. Und die Ausstellung ist sowieso einmalig. Also, wer noch nicht da war: Nix wie hin! (DD)

Flugzeuge, Flugzeuge, Flugzeuge!

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Das ist, wenn man in tradierten Rollenklisschees denkt, das Museum für kleine Jungs schlechthin! So viele Flugzeuge an einem Ort! Ja, es sind rund 300 Stück, die man im Luftfahrtmuseum (Letecké Muzeum) von Prag Kbely bestaunen kann- von außen oder sogar mit Einblicken ins Cockpit. Und auch sonst so alles, was Flug- und Technikbegeisterte so begeistern kann!

IMG_4212Im Stadtteil 19, etwa 9 Kilometer nordöstlich vom Stadtzentrum wurde im Jahre 1923 ein kleiner Militärflughafen zu Prags erstem großen Zivilflughafen umgewandelt – eben der Flughafen Kbely. 1937 wurde der Passagierflughafen nach Praha-Ruzyně verlegt, wo er auch heute noch zu finden ist (siehe früherer Beitrag hier). Einige Wirtschaftgebäude des alten Zivilflughafens befinden sich heute übrigens im Zoo, wovon wir bereits hier berichteten. Kbely wurde wieder Miitärflughafen (und wird teilweise immer noch so genutzt). Und immer wieder wurde der Flugplatz seit den 1930er Jahren IMG_4282Austragungsort von großen Flugshows. Sowohl unter der Nazibesetzung als auch unter dem Kommunismus blieb das Gelände militärisch genutzt. 1967 erkannte man das Potential für die Öffentlichkeit wieder, aber nicht mehr in Form von Flugschauen, sondern als eine improvisierte Flugzeugausstellung. Die wurde im nächsten Jahr, dem 50. Jubiläum der Tschechoslowakischen Luftwaffe, als ständiges Museum permanent institutionalisiert.

Das Museum ist seither immer größer und moderner geworden. Tatsächlich handelt es um eines der größten Luftfahrtmuseen der Welt überhaupt. Es ist von Mai bis Oktober geöffnet. Der Eintritt ist frei und die IMG_4214erklärenden Tafeln sind sowohl in Tschechisch als auch in Englisch gehalten. Die Fluggeräte stehen teilweise draußen, aber meist doch in Hangars, die thematisch geordnet sind – die Pionierzeit 1918-24 (in der das Land eine florierende Flugzeugindustrie aufbaute), die Luftwaffe der späten Ersten Republik bis 1938, die Zeit des Zweiten Weltkriegs mit einer ausführlichen Würdigung des heldenhaften Einsatzes tschechischer Piloten IMG_4267bei den alliierten Luftwaffen (besonders bei der Luftschlacht um England), das Aufkommen der Jets und die Entwicklung der Luftwaffe nach 1945. Vereinzelt gibt es auch Zivilflugzeuge – insbesondere auch Segelgleiter – zu bewundern, aber der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der Entwicklung der Militärluftfahrt in der Tschechoslowakei und Tschechien. Neben Flugzeugen sind auch eine Reihe von Hubschraubern zu sehen, aber auch Marschflugkörper (kleines Bild rechts) und Luftabwehrkanonen und -raketen.

IMG_4284.JPGInsbesondere die früheren historischen Flugzeuge in den Hangaren hat man oft didaktisch originell und anschaulich aufbereitet, indem man mit Schaufensterpuppen in historisch korrekter Kleidung oder Uniformen szenisch mit den Flugzeugen kombinierte (kleines Bild links). Das schafft die Illusion von echter Flugpionierromantik.

Man lernt obendrein eine Menge interessanter historischer Details – etwa über den Widerstand gegen die Nazis. Dazu gehörte nicht nur subtil betriebene Sabotage der Arbeiter in den von den Deutschen übernommenen Flugzeugfabriken (wertvolle und knappe IMG_4271Materialien wurden zu Spielzeug verbaut), sondern auch Versuche, die eigentlich verbotene Hobbyfliegerei mit Segelfliegern weiter zu betreiben. Deshalb ist auch der kleine Hängegleiter (Bild links), den sich der Ingenieur Josef Kubát aus Lipnice 1941/42 bauen wollte, um damit über die Landschaft zu fliegen, die eigentliche kleine Sensation des Museums. Weniger das Fliegen selbst war lebensgefährlich, sondern dabei (oder beim Flugzeugbau) nicht von der Gestapo erwischt zu werden, die privaten Menschen (unter Androhung von Höchststrafen) diesen Freizeitspaß grundsätzlich IMG_4265untersagte. Er bekam eine Warnung, dass man ihm auf der Spur sei, weshalb er das halbfertige Gerät heimlich versteckte. In diesem Zustand ziert es heute das Museum.

Großen Raum nimmt natürlich die Luftwaffe in kommunistischer Zeit (etwa die MiG 15 auf dem Bild links) ein, die natürlich primär mit sowjetrussischen Kampfflugzeugen ausgestattet war. In der Anfangszeit nach dem Zweiten Weltkrieg musste man sich aber auch hier mit teilweise umgebauten Restbeständen deutscher Flugzeuge begnügen, die zum Teil noch unfertig in den Flugzeugwerken in der Tschechoslowakei standen. Die IMG_4260ersten Düsenjets waren tatsächlich unter der Bezeichnung Avia S-92 firmierende Varianten des ersten deutschen Düsenjägers, der Messerschmidt Me 262. Auch eine umgebaute Me 109 als Trainingsflugzeug mit rotem Stern (Bild rechts) findet sich. Ein seltsamer Schnörkel der Luftfahrtgeschichte.

Man muss sich schon mehrere Stunden Zeit nehmen, um das alles zu verarbeiten. Dafür wird man mit viel Technik und einigen sehr interessanten Geschichtslektionen belohnt. (DD)