Der Böhmische Löwe: Langlebiges Wappentier

Heute: Kleine Prager Löwenkunde! Man sieht ihn nämlich überall in der Stadt – in Holz geschnitzt, in Stein gemeißelt, in Keramik gebrannt, als Teppich geknüpft oder in Bronze gegossen. Und ihm alleine könnte man schon eine eigene Stadttour widmen, dem Böhmischen Löwen. Er ist schließlich das stolze Wappentier der Tschechen. Im großen Bild sieht man ein Prachtexemplar, nämlich die 1848 von dem Bildhauer Joseph Max geschaffene Skulptur, die heute unter der Burg an der Chotkova auf der Kleinseite steht.

Wenn man hier in der Stadt einen Löwen sieht, sollte man ihn aber zunächst untersuchen, ob er auch der echte Wappenlöwe ist. Er muss nämlich aussehen, wie der links abgebildete Wappenlöwe auf der Fassade des dům U Bílého lva (Haus zum Weißen Löwen) in der Celetná 555/6 (Altstadt), einem ursprünglich gotischen Haus, das im dritten Viertel des 17. Jahrhunderts barockisiert wurde, weshalb der Löwe von einer schön schnörkeligen Kartusche im barocken Stil umrahmt ist, die später im Jugendstil überarbeitet wurde. Ein wesentliches Kriterium ist dabei der Doppelschwanz bzw. gespaltene Schwanz. Der findet sich in der Heraldik eher selten und kann daher als primäres Erkennungsmerkmal der böhmischen Spezies gelten.

Als Repräsentant eines Königreiches hat der Böhmische Löwe auch stets eine Krone auf dem Haupte. Bei zweidimensionalen Darstellungen muss er nach links (für Fachheraldiker ist das übrigens rechts) schauen. Immer auf Wappen, nicht immer auf anderen Darstellungsformen, muss er aufsteigen. Die amtliche Farbgebung ist heute auch immer weiß auf rotem Grund. Aber, wie gesagt, im Zweifelsfalle genügt der Doppelschwanz zur Identifizierung. Zumindest erkennt man ihn dann auch noch, wenn er etwa in Form jenes blauen Löwens im Bild oberhalb rechts auftritt (nicht aufsteigend, ohne Krone), der sich in der Altstadt oben an der Fassade des dům U modrého lva (Haus zum Blauen Löwen) in der Havelská 506/11-13 befindet. Das waren ursprünglich zwei mittelalterliche Häuser, die 1810 hinter einer klassizistischen Fassade zusammengelegt wurden. Entsprechend klassizistisch kommt auch der blaue Löwe daher.

Nun sind Löwen in den böhmischen Wäldern ja eher eine seltene Spezies. Wie kam er also auf das Wappen? Dazu gibt es zunächst einmal eine populäre Erklärung, die der hiesigen Sagenwelt entspringt, genauer einem Ritterroman des frühen 15. Jahrhunderts, dessen Autor leider unbekannt blieb. Demnach war es ein gewisser Ritter Bruncvík, dem der bisherige Adler als böhmisches Wappentier nicht machtvoll genug war. Er wollte einen Löwen auf dem Wappen sehen, und da es die in Böhmen nicht gab, zog er in die Welt, um eine echte „Vorlage“ zu finden. Er erlebte ungeheuere Abenteuer und befreite dabei einen echten Löwen aus den Klauen eines Monsters, der ihn dann als treuer Freund nach Böhmen zurückgeleitete und Modell für das Wappen stand. Die treuen Prager haben dem guten Ritter dafür ein Denkmal an der Karlsbrücke errichtet, über das wir schon hier berichteten, und zu dessen Füßen der Löwe nun liegt (Bild oberhalb links).

Eine schöne Geschichte! Die wirkliche historische Erklärung ist wesentlich unspektakulärer. Der Löwe war seit dem Mittelalter sowieso neben dem Adler der meistgenutzte heraldische Tiersymbol. Löwe und Adler konkurrierten vor allem in der frühen böhmischen Geschichte um die Position des Staatsemblems. Die beiden kleinen Bilder links und rechts, bei denen es sich um Deckengemälde des späten 19. Jahrhunderts im Nationalmuseum handelt, stellen sie gegenüber.

Der schwarze Adler war das Wappentier des seit Anbeginn der Geschichte in Böhmen regierenden Geschlechts der Přemysliden. Er wird auch oft mit Bezug auf den Heiligen Wenzel (wohl der bekannteste der Přemysliden-Herrscher) als Wenzelsadler bezeichnet. Der Nationalheilige wird oft mit den Attributen Banner und den Adlerwappen als Schild dargestellt; letzteres sieht man im Bild rechts bei einer Fassadenskulptur an einem funktionalistischen Miets- und Bürohaus aus den Jahren 1934/35 in der Anglická 242/16 in Prag 2. Wegen der Verbindung mit Wenzel und den Přemysliden war der Adler im Prinzip auch zugleich das Wappentier des Landes. Die Herrscher hatten ein Interesse daran, dass Dynastie und Land so auch optisch identisch repräsentiert wurden. Der Löwe taucht als heraldisches Wahrzeichen allerdings nicht erst im Jahre 1311 auf, als mit König Johann dem Blinden die Přemysliden-Herrschaft zu Ende ging und das unbeadlerte Haus von Luxemburg den Thron bestieg.

Für die Böhmen war der Löwe nämlich schon vorher heraldisch präsent. Das hat etwas damit zu tun, dass der Přemyslide Vladislav II. 1158 als erster böhmischer Herrscher den durch den (deutschen) Kaiser verliehenen Königstitel tragen durfte – wenngleich auch nur auf Lebenszeit und nicht erblich. Da passte der Löwe besser, der oft auch als Symbol für die direkte Lehensabhängigkeit zum Kaiser galt. Unter Otakar II. Přemysl, der bereits zu den erblichen Königstitelträgern gehörte, wurde der Löwe im 13. Jahrhundert weiter verbreitet, vor allem als Stadtwappen von Städten, die in seinen Herrschaftsbereich gerieten. In die Zeit Otakars II. fällt auch das erste Auftauchen des Doppelschwanzes auf Wappen. Es wird oft mit seiner Krönung zum erblichen König 1253 in Verbindung gebracht. Man muss sich daher nicht wundern, dass das Löwenwappen auch auf seinem Grab (Bild oberhalb links) im Veitsdom in der Burg zu finden ist, wo er einige Jahre nach seinem Tod bei der Schlacht auf dem Marchfeld gegen die Habsburger (bei der er nicht nur sein Leben, sondern auch seine österreichischen Besitzungen verlor) seine letzte Ruhestätte fand.

Tatsache bleibt jedoch, dass der Löwen seinen großen Siegeszug als Wappentier Böhmens (zu Lasten des Adlers) mit den Luxemburgern begann. Denn das Haus Luxemburg führte zufälligerweise (!) den zweischwänzigen Löwen schon mindestens seit dem frühen 13. Jahrhundert im Wappen als man noch gar nicht in Böhmen regierte. Und es unterstrich den Anspruch als neue Dynastie auf dem böhmischen Thron, dass man nun das Symbol der alten Dynastie, den Adler der Přemysliden, durch das hauseigene Wappentier, eben den Löwen, ersetzte, der aber eigentlich schon vor Ort als „Marke“eingeführt war. Auf dem Bild oberhalb rechts sieht einen solchen Löwen (in Kopie für eine Ausstellung) aus der Zeit des Luxemburger-Königs Wenzel IV., dessen Original den Veitsdom auf der Prager Burg zierte.

Der Löwe war von da an äußerst resistent gegen Dynastiewechsel. Auch unter den Habsburgern blieb er unangefochten das Wappentier. Die hübsche neobarocke Skulptur der beiden Genien, die das Löwenwappen krönen, ist ein schönes Beispiel aus der Zeit von Kaiser Franz Josef. Sie ist ein Werk des Bildhauers Antonín Popp aus dem Jahre 1888 und ist Teil der Sammlung des Nationalmuseums. Die Ironie der Geschichte ist übrigens, dass die Habsburger im 13. Jahrhundert, als sie noch „nur“ den Grafentitel führten, den Löwen (blau vor goldenem Hintergrund, einfacher Schwanz) im Wappen trugen, und in der Zeit, in der sie ab dem 16. Jahrhundert in Böhmen herrschten, den Adler als Symbol trugen, wenngleich den Doppeladler und nicht den einköpfigen Adler wie zuvor die Přemysliden. Trotzdem blieb der Löwe böhmisches Wappentier.

Das Ulkige dabei war, dass der Löwe somit zugleich das offizielle Herrschaftssymbol der Habsburger war, die damit klar machten, dass sie neben dem Kaisertitel auf noch die böhmische Königskrone trugen, aber dass er zugleich das politische Symbol aller tschechischen Nationalisten war, die die Bande des Landes mit den Habsburgern eher lockern wollten. Gerade die bürgerlichen Bauten des späten 19. oder frühen 20. Jahrhunderts wiesen oft selbstbewusste tschechische Löwensymbolik auf. Das von Osvald Polívka 1894-96 erbaute Bankhaus in der Na příkopě 858/20 (unweit des Wenzelsplatzes) weist ein besonders wuchtiges Beispiel dafür auf – das bunte Mosaik des für seine nationale Gesinnungsmalerei berühmten Historienmalers Mikoláš Aleš (früherer Beitrag hier) unter dem Dachsims (Bild oberhalb rechts).

Und als das Jahr 1918 hierzulande jede Form dynastischer Herrschaft durch die Ausrufung der Ersten Tschecho-slowakischen Republik beendete, blieb der Löwe – soagar immer noch mit der höchst un-republikanischen Krone bestückt. Die Tschechoslowakei war ein Vielvölkerstaat, bei dem die Tschechen (also die Kern-Böhmen) politisch dominierten. So stand im großen Staatswappen der Ersten Republik der Böhmische Löwe im Zentrum und die Wappen der anderen Landesteile bzw. Bevölkerungen umrahmten ihn – u.a. die Slowakei (Patriarchenkreuz), Mähren (karierter Adler), Schlesien (schwarzer Adler mit Brustmond) und Transkarpatien (Bär, blau-gelbe Streifen). Die großen Minderheiten der Ungarn und Deutschen wurden bezeichnenderweise nicht repräsentiert. Ein Beispiel für die neue Fahne ist der oberhalb links abgebildete Wandteppich aus der Sammlung des Nationalmuseums. Er wurde von dem Maler František Kysela (etwas farbverfremdet) im Jahre 1921 gestaltet. Typisch ist, dass zwei Löwen das Wappen als Schildhalter einrahmen.

Es gab übrigens offziell auch eine kleine Variante des Staatswappens, das den weißen Löwen auf rotem Grund zeigt, wobei der Löwe das slowakische Patriarchenkreuz auf der Brust trug. Diese Version findet man zum Beispiel noch auf dem Sockel des Denkmals für den Hussitenheerführer Jan Žižka vor dem Nationaldenkmal auf dem Vítkov-Berg, dessen Bau 1931 begann als dieses – nun in Stein für die Ewigkeit fixierte – Wappen noch offiziell gültig war. Mähren und Transkarpatien hatte man bei der kleinen Variante der Einfachheit halber weggelassen, was ein wenig dem allzu zentralistischen Selbstverständnis der Tschechoslowakischen Republik in dieser Zeit geschuldet war.

Später gab es einige Wappen, die gottlob wieder verschwanden, wie etwa das des von den Nazis kontrollierten Reichsprotektorats Böhmen und Mähren, das nur den böhmischen Löwen und den weiß-roten mährischen Adler zeigte. Oder das Wappen, das die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR) 1960 einführte – der Böhmische Löwe ohne Krone, aber ab und zu mit rotem Stern. Auf der Brust trug er das Symbol der Slowakei, aber nicht das christliche Patriarchenkreuz (das für Kommunisten undenkbar war), sondern ein neu entworfenes Flammensymbol. Man findet davon in Prag verständlicherweise nur noch wenige Exemplare. Das kleine Bild oberhalb links zeigt eines davon. Es handelt sich um ein Relief im Vestibül der Metro-Station Hradčanská. Die neue, doch arg künstliche Kreation setzte sich in den Herzen der Menschen nie durch. Sie verschwand nach 1989. Auch das 1990 eingeführte Wappen der Tschechoslowakei – zwei Böhmische Löwen (wieder mit Kronen), zwei slowakische Patriarchenkreuze – war kurzlebig, da sich Tschechien und die Slowakei am 1. Januar 1993 trennten.

Im heutigen Wappen der Tschechischen Republik nimmt der gekrönte und zweischwänzige Löwe wieder den Spitzenplatz ein. Er ist gleich zweimal vertreten, gefolgt von je einem (rot-weiß karierten) mährischen und einem (schwarzen) schlesischen Adler. So sieht man das viergeteilte Wappen an jedem Amtsgebäude, etwa hier am Eingang des Rathauses von Vinohrady (Prag 2). Dass er gleich zweimal präsentiert wird, ist ein kleiner historischer Restbestand der Vergangenheit, in der Böhmen das große Königreich war, während die anderen Landesteile wie Mähren (das im Mittelalter „nur“ eine Markgrafschaft war) oder Schlesien (immerhin noch Herzogtum) dem an Rang untergeordnet waren.

Und ist man erst einmal in Kern-Böhmen, so herrscht der Löwe alleine, wie es sich für einen Monarchen mit Krone gebührt. Böhmische Naturschutzgebiete (und andere öffentliche Einrichtungen), die der Regionalverwaltung im eigentlich recht zentralistisch regierten Tschechien unterstehen, zeigen nur und ausschließlich den Löwen, wie hier die Hinweistafel zum Naturschutzgebiet bei Liběchov. Bei großen Nationalparks käme dann wiederum das Staatswappen mit allen Landesteilsymbolen zum Zuge.

Auf jeden Fall gilt: Der Löwe lebt! In den Prager Souvenirshops findet man ihn auf T-Shirts, Biergläsern oder Keramikwaren. Auch dieser Metzgerladen in der Altstadt in der Haštalská ulice, dessen Schaufenster wir hier rechts zeigen, macht sich das enorme Werbepotential, das in dem Löwen immer noch schlummert, zunutze. In rotem Neon bewirbt er mit einem Metzgerbeil in der Klaue die leckeren Fleischwaren im Schaufenster. Das passt, denn die Tschechien sind ja bekannt für ihre sehr fleischreiche Nationalküche. Und man lernt daraus: Der Löwe hat auch deshalb überlebt, weil er es immer geschafft hat, mit der Zeit zu gehen. (DD)

Die Schlacht von Sokolowo im Metro-Vestibül

Im Vestibül der Metrostation Florenc (Linie B und C) im Stadtteil Karlín findet sie immer noch statt, die Schlacht um Sokolowo. Sie findet hier natürlich nicht wirklich statt, sondern nur als Kunstwerk. Genauer gesagt, auf einem riesigen Mosaik im Vestibül. Es wurde gestaltet von den beiden Malern Oldřich Oplt und Sauro Ballardini, ein italienischer Künstler, der aber an der Hochschule für Bildende Künste in Prag wirkte.

Das in der damals üblichen Variante realsozialistischer Kunst gehaltene Mosaik erinnert daran, dass die ansonsten recht schmucklose Station bei ihrer Eröffnung im Jahre 1974 nicht Florenc, sondern Sokolovská hieß, wie auch die davor gelegene Straße. Die Straße wurde später nicht umbenannt und eine kleine Tafel unter dem Straßenschild erinnert sogar an die Ereignisse, die sich damit verbinden.

Aber die Station selbst, die in der Nähes des Fernbus-Bahnhofs liegt, taufte man nach der Samtenen Revolution dann doch um, und zwar schon 1990 – ein Jahr nach dem Ende des Kommunismus.

Und das mag etwas mit dem eher ambivalenten Verhältnis der Tschechen zu dieser Schlacht des Zweiten Weltkriegs zu tun haben – eine mutige Heldentat gegen die Nazis, derer gewiss angemessen gedacht werden musste, leider aber eine im Bündnis mit Stalin…

Die Schlacht fand am 8. und 9. März 1943 in der heutigen Ukraine – damals noch Teil der Sowjetunion – statt. Die Verteidigung des kleinen Ortes Sokolowo war ein wichtiger Teil der Strategie der Roten Armee, um Hitlers Wehrmacht an der Eroberung von Charkiw zu hindern. Die Rote Armee beschloß, diese Aufgabe erstmals dem 1. Tschechoslowakischen Unabhängigen Feldbataillon zu überlassen. Es war das erste Mal, dass auf sowjetischer Seite ausländische Soldaten in einer autonomen Einheit kämpften. Unter der Führung von Ludvík Svovoda, der von 1968 bis 1975 Präsident der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik werden sollte, kämpfte die Truppe mit großem Mut und Einsatzwillen, um die Deutschen aufzuhalten. Rund 90 Soldaten der Truppe fielen, 114 wurden schwer verwundet. Den Deutschen gelang mit Mühen der Durchbruch, aber sie wurden länger aufgehalten als erwartet.

Der mutige Einsatz der Truppen wurde honoriert. Der bei der Schlacht gefallene Leutnant Otakar Jaroš bekam als erster Ausländer postum den Orden Held der Sowjetunion. Der sowjetischen Führung kam der Kampfeinsatz gelegen, konnte sie doch mit dem Einsatz ihren solidarischen Internationalismus beweisen. Die Kontingente tschechoslowakischer (und anderer internationaler) Truppen wurden nach den guten Erfahrungen deutlich erhöht. Normalerweise hätte das im Lichte der Erfahrungen nach 1948 (Machtübernahme der Kommunisten im Lande) genügt, um den heutigen Tschechen das Andenken daran zu vermiesen, sieht das doch arg nach Paktieren mit den späteren Besatzern aus.

Dem ist aber nicht ganz so – schon alleine, weil der Einsatz in Absprache und mit Genehmigung der damaligen bürgerlichen und pro-westlichen Exilregierung Beneš erfolgt war. Die Soldaten waren Exiltschechen. Oder sie waren Soldaten der Tschechoslowakischen Republik, die manchmal nirgendwo anders hin fliehen konnten als in die Sowjetunion. Oder es waren slowakische Kriegsgefangene. Insgesamt galt die Truppe als eher unpolitisch und sich vor hauptsächlich nur in der Frage einig, dass die Nazitruppen auf jeden Fall und um jeden Preis vertrieben gehörten. Und dann ist da noch Ludvík Svoboda, der tatsächlich (auch wegen seines Heldenruhms von Sokolowo) populär war und als Präsident wegen seiner Nähe zu den Liberalisierungsbestrebungen des Prager Frühlings einen positiveren Nachruhm genoss als die meisten anderen Vertreter der kommunistischen Führung. Er war vergleichsweise volksnah.

Und deshalb regt sich auch niemand über das spät-real-sozialistische Mosaik in der Station auf. Die Propaganda-Maschinerie, die ständig das Lied von der unverbrüchlichen Völkerfreundschaft mit der ewig siegreichen Sowjetunion spielte, ist seit 1989 zum Stillstand gekommen. Vermutlich ist das Ganze schon deshalb nicht mehr so kontrovers, weil die Erinnerung an Sokolowo bereits verblasst ist und nur wenige Menschen noch wissen, was hier in der Metrostation überhaupt dargestellt ist. (DD)

Vom verfluchten Haus zur Parlamentsbibliothek

1620 – die Schlacht am Weißen Berg ist entschieden. Die Sieger schlagen den Ständeaufstand, mit dem sich die Böhmen gegen die absolutistischen Tendenzen der Habsburger wehren wollten, brutal nieder. Die Zwangskatholisierung setzt ein. Wer nicht mitmacht muss Repressalien fürchten. Der kaiserliche Leutnant Antonio Vittali hat Angst, dass sein Haus auf der Kleinseite möglicherweise irrtümlich von einem katholischen Mob überfallen werden könnte. Deshalb bringt er an der Frontseite seines Hauses ein schönes Stück katholischer Symbolik an, ein in eine Kartusche gerahmtes Bild der Jungfrau Maria. Das macht klar, dass er auf der „richtigen“ Seite steht. Die Maria hängt hier immer noch. Das Schicksal des Hauses nahm jedoch noch viele unerwartete Wendungen.

Heute ist es zuvörderst als Palais Sternberg (Šternberský palác) bekannt. Ein Gebäude dieses Namens gibt es auch andernorts. Denn: Richtig bedeutende Adelsfamilien konnten es sich in der Regel leisten, neben ihrem dem Monarchen nahen Palast im Prager Burgbezirk auch einen anderen Palast unten auf der Kleinseite zu unterhalten. Das alte Adelsgeschlecht von Sternberg, war in der Tat bedeutend. Deshalb gibt es nicht nur ein Palais Sternberg bei der Burg (wir berichteten hier), sondern auch ein Palais Sternberg, direkt am Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí 7/19) – eben jenes Haus mit der Maria.

Ursprünglich standen an der Stelle des heutigen Palais zwei gotische Häuser aus dem 13. und 14. Jahrhundert, die Anfang des 16. Jahrhunderts im Renaissancestil umgebaut wurden. Beide Häuser fielen dem großen Feuer von 1541 zu Opfer. Angeblich war der Besitzer eines der beiden Häuser zur Zeit des Feuers abwesend und seine Dienerschaft hatte Angst, die Anordnung zu brechen, niemanden ins Haus zu lassen – auch nicht etwaige Löschhelfer. Weshalb das Haus besonders schweren Schaden nahm… Und ein Jahr später wurde der Besitzer auch noch ermordet, weshalb es hieß, es läge ein Fluch auf dem Haus.

Wie dem auch sei: 1664 wurden beide Häuser von Adolph Wratislaw von Sternberg gekauft. Nach dessen Tod im Jahre begann sein Sohn Franz Damian von Sternberg damit, die beiden Häuser zu einem einzigen zusammenzufügen – so wie es heute der Fall ist. Es wurde dazu auch die heute noch den äußeren Eindruck prägende einheitliche Barockfassade gestaltet. Die Umgestaltung des Hauses war wahrscheinlich das Werk des damals sehr bekannten Architekten Giovanni Battista Alliprandi. Man merkt heute trotz der gemeinsamen Fassade immer noch an der für Barockarchitektur sehr untypischen asymmetrischen Gestalt des Hause (die beiden Hälften sind unterschiedlich breit; ein Teil ist etwas nach hinten gerückt), dass hier zwei sehr unterschiedliche Häuser verschmolzen wurden. Das Photo oberhalb links vermittelt immer noch den Eindruck von zwei Häusern.

Neben der Maria wurde nun auch das in Stein gemeißelte Wappen der Familie Sternberg über den Arkaden im Erdgeschoss angebracht. Franz Josef Graf Sternberg Manderscheid war einer derer aus dem Geschlecht, der das Haus zu neuem Ruhm verhalf, und zwar als Zentrum von Kunst und Wissenschaft. 1796 gründete er hier die Gesellschaft Patriotischer Kunstfreunde (deren Präsident er ab 1802 war), die den Grundstock für das spätere Nationalmuseum legte. Auch spätere Generationen von Sternbergs betätigten sich hier als Förderer von Forschung, Literatur und Kunst. Das Haus galt fortan als Salon der Aufgeklärten Prags.

1901 hatte die Familie es der öffentlichen Hand übergeben und es fanden die Sitzungen des Böhmischen Landesausschusses (was einer Landesregierung entsprach) hier statt. Dazu wurde über den Hinterhof eine direkte Gangverbindung zum nahegelegenen Landtag im Palais Thun eingerichtet. Das Palais Thun ist heute der Sitz des tschechischen Abgeordnetenhauses. Und auch der Palais Sternberg gehört seit 1993 zum Parlament. Drinnen befindet sich die Parlamentsbibliothek. Über den Vordereingang kann man Räume für öffentliche Veranstaltungen und Lesezimmer erreichen. Im Foyer ist einer kleine Ausstellung von Geschenken, die ausländische Staatsmänner dem Parlament geschenkt haben. Erstaunlich, wie vielfältig die das Genre des Kitsches aus aller Welt doch sein kann. (DD)

Von der Seidenfabrik zum Schlösschen

Im Volksmund nennt man das Gebäude nur Vršovický zámeček, das „Schlösschen“ von Vršovice. Abgesehen davon, dass die bloßen Ausmaße die Verkleinerungsform nicht rechtfertigen, weil es die Proportionen eines ausgewachsenen Schlosses hat, stimmt es sowieso nicht. Dieses Gebäude diente nie als Herrensitz, sondern ist vielmehr der Beweis, dass im 19. Jahrhundert funktionale Produktionsstätten oft schmucker daherkamen als heute wichtige Repräsentationsbauten.

Das offiziell Rangherka genannte Gebäude, das majestätisch über dem Hauptplatz des Stadtteils (heute in Prag 10), dem Vršovické náměstí, thront, war ursprünglich nämlich eine bloße Seidenfabrik. Ende des 18. Jahrhunderts fand der aus der Lombardei eingewanderte Händler Giuseppe Rangheri, dass das Gelände außerhalb der damaligen Prager Stadtmauern, wo Wein- und Obstanbau betrieben wurde, sich dafür eigente, aus seinem bisherigen Hobby einen Beruf zu machen: die Seidenspinnerei. Er pflanzte zahlreiche Maulbeerbäume an und begann die Produktion.

Nach seinem Tod im Jahre 1832 übernahm sein Sohn Enrico das Geschäft und baute es nach neuen industriellen Maßstäben aus. Dazu erwarb er u.a. oberhalb der örtlichen Kirche des Heiligen Nikolaus (früherer Beitrag hier) und neben der Maulbeerbaum-Plantage seines Vaters ein Grundstück und baute dort 1842 ein großes zweistöckiges Fabrikgebäude auf, das der Seidenweberei und der Zucht von Maulbeerspinnern dienen sollte. Es ist leicht zu erraten, dass sich bei der Bezeichnung „Rangherka“ für das Gebäude um eine tschechisierte Benennung nach dem Erbauer handelt.

Enrico Rangheri starb jedoch 1857 und die Besitzer des Betriebs wechselten häufig. Es ging bergab und 1882 war dann Schluss. Die damals noch nicht zu Prag gehörende Gemeinde Vršovice (die Eingemeindung erfolgte erst 1922) kaufte Fabrik und Plantage. Der um Kultur und Stadtbild eifrig bemühte Bürgermeister Josef Herold ließ nach seiner Wahl im Jahre 1884 erst einmal die Maulbeerbaum-Plantage fällen und legte einen Park zur Erholung der Bürger dort an, der bis heute seinen Namen trägt, den Herold-Parks (Heroldovy sady). Der Park ist immer noch die „grüne Lunge“ von Vršovice.

1899/1900 kam dann das Fabrikgebäude an die Reihe. Etliche grundlegende Veränderungen gab es, zum Beispiel wurden die Türme an der Westseite abgerissen, die Fassade im Stil der Neorenaissance etwas vereinheitlicht und über dem Mittelrisalit ein sechseckiger Turm mit einem Altan errichtet. Dadurch sah die ehemalige Fabrik endgültig wie ein Schloss. Dieses diente nun öffentlichen Zwecken. Lange gab es drinnen eine Schule und auch zahlreiche Büros der Stadtverwaltung fanden hier ihren Platz. Ab 1974 wurde es Sitz des örtlichen Nationalkomitees, wie unter den Kommunisten die im Sowjetstil organisierte städtische „Selbstverwaltung“ hieß.

Nach dem Ende des Kommunismus suchte man nach neuen Nutzungsmöglichkeiten. Das Gebäude stand lange leer und verkam ein wenig. Aus dem Plan des Jahres 2002, dort ein Hotel einzurichten, wurde nichts. Die Stadt blieb darauf sitzen und beschloss, es dann selbst sinnvoll zu nutzen. 2010 bis 2013 erfolgte eine gründliche Sanierung mit Umbau. Seit 2014 dient es hauptsächlich als Altenpflegeheim. Daneben gibt es noch kleinere Büros für kleinere Verwaltungseinheiten und einen hübschen Hochzeitssaal. Das Altenheim trägt übrigens auch offiziell den Namen Vršovický zámeček… (DD)

Wo Smetana Ruhm und Wohlstand fand

Vom armen und unbekannten Musiker zum wohlhabenden und berühmten Nationalkomponisten stieg er hier in diesem Haus auf: Bedřich Smetana. Am 5. August 1848 eröffnete er dort am Staroměstské náměstí 548/20 (Altstädter Ring) mitten in der Altstadt seine Musikschule. Sich überhaupt Räume anzumieten, überstieg zunächst seine finanziellen Möglichkeiten. Er konnte sich nicht einmal ein eigenes Klavier leisten, geschweige denn, mehrere für die Schüler. Auch seine Ehepläne mit der geliebten Kateřina Kolářová schienen zu scheitern, da er ihr kein irgendwie angemessenes Lebens bescheren konnte.

Da kam er auf die Idee, dem bereits bekannten und reichen Komponisten Franz Liszt einen Bettelbrief zu schreiben, in dem er von seiner Not erzählte, die ihm möglicherweise nur noch den Weg des Freitods offenlasse, und bat um einen Kredit. Eine kleine Klavierkomposition (Opus 1) fügte er hinzu. Liszt lieh ihm natürlich kein Geld, aber tat etwas viel Wirkungsvolleres: Er gab das Klavierwerk, das ihm anscheinend gefallen hatte, mit Empfehlung einem großen Verleger, der Smetana damit auf einen Schlag berühmt machte und ihm Kredit verlieh. Der Komponist konnte nun – am Anfang noch etwas mühsam – finanziell auf eigenen Beinen stehen. Die Musikschule, die bei höheren Töchtern und Söhnen ungeheuren Anklang fand, wurde eröffnet und einige Monate später konnte er sogar Kateřina Kolářová heiraten.

Ein Happy End also, das zudem in einem historisch bemerkenswerten Gebäude stattfand, dem dům U Zlatého jednorožce (Haus zum Goldenen Einhorn). Das kann auf eine urlange Geschichte zurückblicken. Es begann als romanisches Haus, das 1496 von dem bekannten Gelehrten, Bildhauer und Architekten Matěj Rejsek in ein gotisches Wohnhaus verwandelt wurde, von dem man noch in der Hofeinfahrt die schönen Spitzbogengewölbe erkennen kann.

Heute dominiert aber äußerlich vor allem der Barock. Der berühmte Architekt Franz Maximilian Kaňka gestaltete das Haus in den Jahren 1712-17 und dann noch einmal im Jahre 1731 (drei Jahre bevor er den Architektenberuf aufgab und Brauer wurde) grundlegend um. Mit seinen schmuckvollen Fensterstürzen, der goldenen Kartusche mit dem Marienbild, den Vasen auf dem Dach und dem feinen Dreiecksgiebel gehört es zu den Meisterwerken des Hochbarock in der Altstadt.

Im Jahre 1781 eröffnete Andreas Gerle, Bruder des Dramaturgen Wolfgang Christian Gerle, hier die erste öffentliche Bibliothek in Prag mit einem eigenen Lesekabinett, wo man Bücher ausleihen und Nachschlagewerke konsultieren konnte, 14 Zeitungen und 30 Zeitschriften aktuell zur Verfügung standen und das noch mit einem gemütlichen Kaffeehaus verbunden war. 1790 waren die Behörden der Meinung, das zuviel Lesen zu mehr Aufklärung und mehr Aufklärung zur Revolution führe, wie man ja ein Jahr zuvor in Frankreich gesehen hatte. Eine Petition, in der Gerle alle 8000 gesammelten Fachbücher auflistete, von denen eigentlich kaum eines gefährlich war, half nichts. Die Lesehalle wurde geschlossen.

Ein anderer prominenter Bewohner, der es sich mit den Behörden verscherzt hatte, war Karel Havlíček, einer der großen politischen Publizisten Böhmens, der sich spitzzüngig für eine größere Selbständigkeit der Tschechen im Habsburgerreich einsetzte und aktiver Teilnehmer der Revolution von 1848 in Prag war – was Alles zusammen dazu führte, dass er 1851 ins Exil geschickt wurde. Er lebte in den Jahren 1838/39 in dem Haus.

Warum auch immer: Erinnert wird an dem Haus weder an Gerle noch an Havlíček, sondern ausschließlich an Smetana und seine Musikschule, die ihm so viel Glück brachte. 1927 brachte die Stadt hier eine schlichte Gedenktafel aus Bronze an, deren Text übersetzt lautet: „Im August 1848 eröffnete Bedřich Smetana in diesem Haus das Musikinstitut“. Wie Havlíček war auch Smetana ein glühender Verfechter von Freiheit und tschechischer Selbstbestimmung und er beteiligte sich auch an der Revolution von 1848. Die politische Repression, die der Niederschlagung der Revolution folgte, behagte ihm nicht. 1856 beschloss er, das Land zu verlassen, um in Schweden die Philharmonische Gesellschaft zu leiten. Auf der Reise starb seine Frau (er heiratete 1860 als zweite Frau Bettina Ferdinandová). 1861, als sich das politische Klima ein wenig beruhigt hatte, kehrte er nach Prag zurück, zog aber nicht mehr in das Haus am Altstädter Ring ein, wo einst seine Karriere ihren Aufschwung genommen hatte. (DD)

ARA in Neon

Inmitten der schnörkeligen Architektur, die ihn umgibt, wirkt er auf den ersten Blick ein wenig wie ein Fremdkörper: Der Palác ARA (ARA Palast) in der Perlova 371/5. Aber auf den zweiten Blick entdeckt der Liebhaber von Art Déco-Architektur, dass die Fassade geradezu die Vollendung dieses Stils verkörpert. Entworfen und gebaut wurde das Ganze 1931 von dem Architekten Milan Babuška, der später auch das Nationale Technikmuseum (1938) Prags bauen sollte.

Der gestufte Turmaufbau, die streng funktionalistische Uhr und vor allem das gebogene Fenster ohne Stützsäulen an den Seiten repräsentierten damals die Modernität schlechthin. Gerade die gebogene Fensterstruktur war so neu, dass man Anfangs schwere Sicherheitsbedenken hatte. Nach Fertigstellung wartete man erst einmal fünf Stunden, bevor das Gebäude dann zum ersten Mal betreten wurde. Dabei war Sicherheit eigentlich ganz großgeschrieben. Der Auftraggeber, die Firma A.R. Amschelberg (daher ARA), der hier ein großes Kaufhaus einrichtete, ließ eine Sprinkleranlage zum Schutz gegen Feuer einbauen – etwas, das es zuvor in Prag noch nicht gegeben hatte.

Das siebenstöckige Gebäude wurde nach 1948 von den Kommunisten verstaatlicht und mit dem auf privatwirtschaftliche Initiative hindeutenden Namen ARA wollten sie nichts zu tun haben. Ab sofort hieß das Ganze Palác Perla nach der Straße, in der es sich befindet (Perlova). Wie im Kommunismus üblich lebte man auch hier von der Substanz, die der Kapitalismus hinterlassen hatte. 1961 brach ein Feuer aus, das zum ersten Mal die Wirksamkeit der alten ARA-Sprinkleranlage testete. Die bestand den Test mit Bravour. Nach fünf Minuten war das Feuer wieder gelöscht.

Nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft wurde das Gebäude 1992 privatisiert, renoviert und im Jahre 2018 noch einmal gründlich umgebaut. Heute beherbergt es etliche Firmenbüros und die Filiale einer Bank. Der Eingang wurde versetzt und das Innere wurde völlig entkernt, so dass nur noch die Fassade als das ursprüngliche Art Déco erkennbar ist. Obwohl es die Firma ARA nicht mehr gibt, hat man, auch um dem kommunistischen Erbe zu trotzen, das Gebäude wieder in Palác ARA umgetauft. Die alten Neon-Lettern von damals wurden wieder auf dem Turmdach angebracht (großes Bild oben) und verleihen dem Ganzen wieder eine gewisse stilistische Authenzität. (DD)

Gestohlener Nikolaus

Die Kirche des Heiligen Nikolaus (Kostel svatého Mikuláše) in Vršovice (Prag 10) ist die ursprüngliche katholische Gemeindekirche in diesem Stadtteil. Sie ist eine von drei Kirchen in Prag, die dem Heiligen Nikolaus gewidmet sind – wir stellten sie hier und hier vor.

Es gab Vorgängerbauten an dieser Stelle, dem Vršovické náměstí 84/6, zuerst eine romanische Kapelle aus dem 11. Jahrhundert , die der Heiligen Maria Magdalena gewidmet war, und dann eine kleine gotische Kirche aus dem Jahre 1422. Von beiden findet man keine erkennbare Spur mehr. Im Jahre 1704 war Vršovices Bevölkerung so sehr gewachsen, dass die alte Kirche zu klein war. Eine neue und größere Kirche im Barockstil wurde an selbiger Stelle erbaut.

Die war bald auch zu klein und so bestellte man 1890 den Architekten Bohumil Holeček, damit er die Kirche vergrößern möge. Das tat der, aber so behutsam, dass der barocke Charakter der Kirche unangetastet blieb.

Die Industrialisierung in Böhmen schritt jedoch weiter voran und die Bevölkerung wuchs dementsprechend weiter, was gerade auch Vršovice betraf. Und deshalb war war die Kirche schon bald wieder zu klein.

Deshalb baute man nur wenige hunderte Meter entfernt in den 1920er Jahren zusätzlich eine völlig neue und riesengroße Kirche. Seither steht St. Nikolaus etwas im Schatten der nahegelegenen St. Wenzel-Kirche (Kostel sv. Václava), die als funktionalistischer Pionierbau gilt (früherer Beitrag hier) und heute die große katholische Gemeindekirche des Stadtteils ist.

Aber deshalb sollte man sich die Kirche des Heiligen Nikolaus nicht verkneifen. Der 28 Meter hohe Turm fällt durch seine prismische Form auf. Die astronomische Uhr des Uhrmachers Jan Prokeš stammt aus dem Jahre 1866 und drinnen hängt eine (aus einer anderen Kirche stammende) große Glocke von 300 Kilogramm Gewicht.

Der alte Kirchhof wurde bei der Renovierung 1890 aufgelöst, aber die üppig mit Bäumen bewachsene Grünfläche drumherum ermöglicht immer noch einen Eindruck davon, wie es vorher hier aussah. An der Nordseite steht unter einem Baldachin eine große und sehr schmucke Statue des Heiligen Nepomuk, die wir oben im großen Bild sehen können. Nikolaus wiederum begegnet uns wiederum auf dem Tympanon über dem Eingang.

Drinnen ist die Kirche sehr schmucklos und schlicht. Von der barocken Ausstattung blieb vor allem ein großer Gekreuzigter im Eingangsbereich.

Insbesondere ein Schmuckstück der Kircheneinrichtung, eine Ikone des Heiligen Nikolaus, fiel 1988 einem schnöden Diebstahl zum Opfer. Heute hängt deshalb hinter dem bescheidenen Altar ein Gemälde des Heiligen des Malers Václav Rad, das die Gemeinde 2001 kaufte. Besichtigen kann man die Kirche innen in der Regel nur bei Gottesdiensten. (DD)