Legionärsbüsten

Die Erinnerung an die Tschechoslowakischen Legionen des Ersten Weltkriegs hat tiefe Spuren im Stadtbild Prags hinterlassen. Die Legionen waren autonome Truppeneinheiten, die die Alliierten der Entente aus Exiltschechen, Kriegsgefangenen und Überläufern aus der kakanischen Armee zusammengestellt hatten, die nicht mehr für das Habsburgerreich, sondern für die Unabhängigkeit und Freiheit der Tschechoslowakei kämpfen wollten (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier und hier). In Italien, Frankreich und vor allem in Russland entstanden solche Einheiten. Sie waren im Kern die erste funktionierende Institution des neuen Staates und wurden in der Folge ein konstituierender Nationalmythos der Republik.

Und so sieht man sie auch hoch oben auf der Fassade des großen fünfstöckigen Gebäudekomplexes in der Myslíkova 258/8 in der Neustadt. Aufgereiht nebeneinander sieht man im Bild oberhalb links (v.l.n.r.) Büsten von Legionären in den Uniformen der Länder, in denen sie dienten – Frankreich, Russland und Italien – und bisweilen sogar gegen ihre Landsleute in österreichischen Uniformen kämpften.

Das Gebäude sah nicht immer so aus. Weder die Legionärsbüsten, noch die kubistische Fassadengestaltung, noch die Statue eder Siegesallegorie auf dem Mittelerker waren zu sehen als das Haus 1868 fertiggestellt wurde. Da war es nämlich ein Gebäude im Stil der Neorenaissance, gebaut von dem Architekten  Josef Schulz, der ein Spezialist für diesen Stil war und dem wir u.a. das Gebäude des Nationalmuseums verdanken. Er hatte es im Auftrag des Holzhändlers Vincenc Bubeníček entworfen, der im Erdgeschoss das heute noch existierende Restaurant U Bubeníčků betreiben ließ.

In den Jahren 1923–1924 renovierte der Architekt František Tichna, der Prag unter anderem 1909-11 durch den Bau des Neuen Rathauses bekannt geworden war. In dieser Zeit war Neorenaissance-Architektur bereits völlig unmodern. Der Kubismus mit seinem avantgardistisch-modernen Anspruch war inzwischen so etwas wie der Nationalstil der Tschechen geworden. Deshalb sieht man links den Legionär in russischer Fellmütze in ein typisch kubistisches gestaltungselement mit geometrischer Formgebung eingebettet. Dass der Legionär recht grimmig dreinschaut, hat wahrscheinlich etwas damit zu tun, dass er viel Arges mitgemacht hat, weil die Legionäre dort in die Wirren des Russischen Bürgerkrieges gerieten. Die Bolschewiken hatten 1918 einen Sonderfrieden mit dem deutsch-österreichischen Feind geschlossen. Wechselweise versuchten die Legionäre mit alliierter Unterstützung, Russland durch „regime change“ wieder auf Seite der Entente zu bringen oder sie versuchten, den kommunistischen Terror einzudämmen. Erst 1920 wurden die letzten von ihnen nach einer gewaltigen Anabasis durch Sibirien von Wladiwostok aus zurück nach Böhmen verschifft.

Und dann ist da der Legionär in französischer Uniform, der den typischen Adrian-Stahlhelm trägt. Die Legionäre taten sich hier in den Gräben der Westfront hervor, insbesondere bei der Schlacht bei Vouziers und Terron 1918. Einer von ihnen, der Slowake und Legionsgeneral Milan Rastislav Štefánik wurde sogar der erste Verteidigungsminister der Ersten Tschechoslowakischen Republik (siehe auch früheren Beitrag hier). Stéfanik fand 1919 den Tod. Der flugbegeisterte Pilot stürzte bei Bratislava ab als er auf dem Weg zu Front war, denn die Tschechen waren gerade dabei, Ungarn die Slowakei militärisch abzutrotzen. Das Flugzeug, das er steuerte, gehörte der italienischen Luftwaffe.

Womit man bei der Legion in Italien ist, deren Repräsentanten man rechts in dem für die dortigen Gebirgstruppen typischen Trenker-Hut (mit Federschmuck) sieht. Die Legionäre kämpften hier unter hohen Verlusten an der Piave-Front. Und sie kämpften danach weiter. Der Krieg gegen Ungarn, bei dem Stéfanik ums Leben kam, war einer von mehreren, durch die die Tschechoslowakei erst ihre Grenzen erkämpfte – etwa der Siebentagekrieg gegen Polen. Die meisten Truppen standen dabei formell unter italienischen Kommando, was heute kaum mehr jemand weiß.

Über dem Portal befinden sich auch noch Skulpturen mit Szenen des Arbeits- und Familienlebens – das, wofür die Legionäre kämpften. Aber die auffällige Hauptattraktion sind die Büsten, die das Haus umrahmen. Und warum tummeln sich so viele Legionäre hier auf der Fassade des Hauses in der Myslíkova? Nun, das Haus gehörte in den 1920er Jahren der Legiobank, auch Bank der Tschechoslowakischen Legion genannt. Die wurde 1919 von und für Legionäre als Mittel sozialer Absicherung (was man den Helden auch schuldig war!) errichtet. Schon das Haupthaus in Prag (früherer Beitrag hier) war kubistisch gestaltet worden, weil dieser Stil gleichermaßen für Modernität und nationale Identität zu stehen schien. Diesem Beispiel folgte man bei der Filiale anscheinend.

Ach ja: Und das Erdgeschoss besteht aus weißem Stein, während der Rest aus rot bemaltem Putz besteht. Rot und Weiß – das sind die Farben, unter denen die Legionäre – vor allem in Russland – kämpften. 1918/19 war sie auch die Farben der Staatsflagge. Die heutige dreifarbige Fahne mit blauem Dreieck wurde erst nach 1920 offizielle Fahne der Tschechoslowakei (und seit 1993 Tschechiens). Die zweifarbige Variante ähnelte zu sehr der polnischen Fahne, was einer der Gründe für die Änderung war. Außerdem sollte das blaue Dreieck den slowakischen Teil des Landes symbolisieren. Die Farben der Legionäre waren aber Rot und Weiß. Und das hat das Gebäude in der Myslíkova architektonisch verewigt. Den vorbeigehenden Passanten wird das aber kaum auffallen. (DD)

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