Legionär und Opfer zweier Diktaturen

Der Tschechoslowakischen Legionen des Ersten Weltkriegs – als jener tschechischen Soldaten, die statt für das Habsburgerreich (zu dem Böhmen ja gehörte) in autonomen Einheiten auf Seiten der Alliierten für die Unabhängigkeit ihres Land kämpften – wird bis heute in Tschechien nachhaltig mit Inbrunst gedacht. Das gilt besonders, wenn einer von ihnen später sowohl Opfer der Naziherrschaft als auch des Kommunismus wurde. So wie Otakar Husák, zu dessen Gedenken noch im Juli 2021 eine Tafel in Prag-Vinohrady angebracht wurde.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war Husák gerade Direktor einer Chemiefabrik in Warschau geworden, das damals noch Teil Russlands war. Als tschechisch-slawisch-national Begeisterter meldet er sich bei der russischen Armee, von der er sich wohl versprach, dass sie im Falle eines Sieges Böhmen von den Habsburgern befreien würde. Das lief irgendwie nicht so, Russland musste enorme Verluste hinnehmen und wurde schließlich reif für die Revolution. Die Kerenski-Offensive im Sommer 1917 war der letzte Versuch, mit aller Macht das Ruder herumzureißen. Die desaströse Niederlage, die folgte, beförderte am Ende die bolschewistische Machergreifung. Immer war die erste Schlacht der Offensive ein siegreich bestanden worden, nämlich die Schlacht von Zborov. Dazu trug bei, das sich hier hauptsächlich aus Tschechen bestehende Einheiten beteiligten, die aus unterlegener Position heraus die Österreicher (darunter viele Tschechen). Und besagter Otakar Husák, der inzwischen zum Batallionskommandanten aufgestiegen war, wurde dabei schwer verwundet .

Von da an wurden in Russland, aber auch in Frankreich und Italien autonome Tschechoslowakische Legionen (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier hier und hier) aufgebaut. Die westlichen Allierten versuchten zunächst, Teile der im zerfallenden Russland stationierten Legionäre über den im Norden am Weißen Meer gelegenen Hafen Archangelsk zur Verstärkung an der Westfront zu verschiffen. Im Jahr darauf sollten sogar britische und amerikanische Truppen die Stadt besetzen. Husák gehörte zu den wenigen, die im Oktober 1917 über diese Route nach Frankreich kamen. Als die Bolschewiki im nächsten Jahr den Sonderfrieden von Brest-Litowsk mit den Deutschen abschlossen, waren die verbliebenen Legionäre im roten Feindesland eingeschlossen, und mussten sich ihren Weg (unter Beteiligung am blutigen Russischen Bürgerkrieg) durch Sibirien nach Wladiwostok kämpfen, von wo aus sie zurück nach Böhmen verschifft wurden. Für viele dauerte die Odyssee bis Ende 1920.

Husák kam jedoch rechtzeitig noch in Frankreich an, um dort sein militärisches Talent zu beweisen. Als Kommandant kämpfte er im Oktober 1918 erfolgreich bei der Schlacht von Terron, wo die Tschechoslowakische Legion einen Sieg über die Deutschen errang. Kurz darauf endete der Krieg, das Habsburgerreich zerfiel und es entstand die Erste Tschechoslowakische Republik. Husák (inzwischen General) kehrte mit dem ersten Präsidenten der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, zurück nach Prag und wurde dessen Leiter des Militärischen Büros. Und im September 1920 brachte er es sogar zum Verteidigungsminister im Kabinett von Ministerpräsident Jan Černý. Damit war er aber irgendwie als bürgerlicher Demokrat gekennzeichnet. Damit war leider sein Leidensweg vorgezeichnet. Als die Nazis im März 1939 das Land besetzten, verhafteten sie Husák – inzwischen wieder Fabrikdirektor – umgehend. Unter fürchterlichen Bedingungen überlebte er die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald. Aber auch nach der Befreiung wendete sich das Blatt nicht zum Guten. Die Kommunisten, die 1948 an die Macht kamen, verhafteten den nunmehr nochmals als Fabrikdirektor tätigen Husák 1950 abermals und steckten ihn bis 1956 schuldlos ins Gefängnis. Als er mit 71 Jahren aus dem Gefängnis kam, erkannte man seine Rentenansprüche nicht am. Er musste arbeiten bis er 75 Jahre alt war. 1960 ging er in den Ruhestand, um vier Jahre später in Vinohrady zu sterben.

1968 wurde er zwar während des Prager Frühlings rehabilitiert, aber seine Verdienste um sein Land wurden erst nach der Samtenen Revolution anerkannt, die 1989 den Kommunismus beendete. Schon im gleichen Jahr bekam er postum den Falken-Orden verliehen. Seine Geburtsstadt Nymburk ernannte ihn 1998 zum Ehrenbürger. Und zwischen 2017 und 2021 wurde eine dreiteilige Biographie auf Tschechisch veröffentlicht, die sein Leben nachzeichnet. Und ebenfalls 2021 ehrte ihn auch die Stadtregierung von Vinohrady zusammen mit der Tschechoslowakischen Legionärsvereinigung (Československá obec legionářská, ČSOL) mit einer großen Gedenkplakette aus Bronze an der Fassade des vierstöckigen Mietshauses in der U Havlíčkových sadů 422/1/Ecke Koperníkova mit Blick über den Park der Villa Gröbe, wo er wenigsten die letzten Lebensjahre in Ruhe verbringen konnte. Die recht groß dimensionierte Bronzetafel wirkt stilistisch sehr „retro“ – so als ob sie zu Zeiten seines Einsatzes als Legionär gestaltet worden wäre. In kurzen Zeilen werden unter dem Profilporträit die Karrierestationen und die Leiden unter Nazis und Kommunisten erwähnt. Das Ganze ist das Werk des Bildhauers und Medailleurs Martin Dašek. Auf jeden Fall passt die Tafel gut zu dem recht stattlichen Jugendstilhauses, das in den Jahren 1910 bis 1912 nach Plänen des Architekten František Stárek erbaut wurde, und in dem Husák sich 1928 im ersten Stock seine Wohnung einrichten ließ. (DD)

Gedenken an den Matrosenaufstand

Bisweilen wird Shakespeares Satz, Böhmen sei ein Land an der Küste (Wintermärchen, Akt 3, Szene 3), in Zweifel gezogen, worüber ich mich bereits hier ausgelassen habe. Denn, sollte er sich geirrt haben, wieso gibt es dann in Prag ein Denkmal der Opfer des Matrosenrates (Pamětní deska Obětem z řad námořníků), das explizit tschechischer Seeleute gedenkt?

Scherz beiseite, denn hinter dem Denkmal auf dem großen Olšany Friedhof verbirgt sich eine tragische und erschütternde Episode aus der Endphase des Ersten Weltkrieges. Böhmen lag auch damals zwar tatsächlich nicht am Meer, gehörte aber zum Habsburgerreich, das über eine lange Meeresküste an der Adria verfügte. Dort hatte auch die durchaus nicht unbeträchtliche Österreichische Marine ihre Stützpunkte, von denen Pula der zentrale und größte war. Das bedeutete, dass auch zahlreiche tschechische Matrosen und Seeleute in der k.u.k. Kriegsmarine dienten. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs waren rund 10,6% der Marineangehörigen aus Böhmen. Da Böhmen das bei weitem industrialisierteste und technisch fortgeschrittendste Land des Habsburgerreichs war, fand man Tschechen überproportional bei den technisch modernen Waffentypen, insbesondere bei der U-Bootflotte. Von den Kriegsgegnern im Mittelmeerraum hatte die Flotte kaum größere Gefahren seitens einer feindlichen Marine zu fürchten. Ein Großteil der Einsätze bestand auch der Beschießung feindlicher Hafenstädte und -befestigungen. Dort wurden zunehmend Wasserminen zur Gefahr für die Schiffe.

Die Marine hielt sich dabei wacker, aber als 1918 das Ende dies Kriegs sich nahte, wurde die Lage immer prekärer. Ein Sieg wurde immer unwahrscheinlicher. Es herrschte nicht nur Material- sondern auch Versorgungsmangel. Sowohl in der Armee als auch in der Zivilbevölkerung kam es immer wieder zu kleineren Protesten, Streiks und Unruhen. In der Marine versuchten die höheren Offiziere solchen Vorgängen durch die Verschärfung von Drill und Exerzieren vorab beizukommen. Petitionen von Mannschaften auf Milderung des Disziplinarregimes wurden brüsk zurückgewiesen. Das heizte eher die Stimmung unter den Mannschaften auf, die immer weniger den Sinn des Ganzen erkennen konnten, aber die Härte der Disziplinierung spürten.

Am 1. Februar 1918 war das Fass zum Überlaufen gekommen. Auf dem damaligen Flaggschiff der Flotte, dem Panzerkreuzer SMS St. Georg, das gerade in der Bucht von Kotor (heute Montenegro) lagerte, übernahm die Mannschaft das Kommando und setzte Kapitän, Offiziere und vor allem den Ranghöchsten an Bord, Konteradmiral Anton Alexander Ignaz Friedrich Hansa, unter Arrest. Es begann, der Matrosenaufstand von Cattaro (Kotor trug damals den italienischen Namen Cattaro). Unter dem Kommando des aus einer deutsch-tschechischen Familie stammenden František Rasch (manchmal auch Franz Rasch) bildete sich ein Matrosenrat, der Kontakt zu den anderen Schiffen der Flotte aufnahm. Rund 6000 Marineangehörige auf 40 Schiffen (bei weitem der größte Teil der österreichischen Marine) schlossen sich der Aktion umgehend an. Vor allem der Kroate Anton Grabar mit Rasch übernahm die ideologische Führung. Nachdem die Aufständischen fast die ganze Marine unter Kontrolle hatten, stellten sie ihre politischen Forderungen.

Die bestanden aus zwei Teilen. Obwohl die Aufständischen stark von sozialistischen Ideen geprägt waren und auf den Schiffen der k.u.k. Marine nun rote Fahnen wehten, waren die Forderungen durchaus moderat. Man wollte einfach Verbesserungen bei den Lebensbedingungen – Nahrung, Rauchtabak, keine sinnlosen Disziplinierungen. Das sprach naturgemäß die meisten Matrosen an, aber eben nicht alle. Die Besatzungen der wenigen Schiffe, die gerade im Kampfeinsatz waren, bekamen bessere Rationen als die, die schon seit Wochen im untätig im Hafen lagen. Und sie fühlten sich (menschlich verständlich) düpiert, dass die „Etappe“ meuterte, während sie gerade an der Front kämpften. Das sorgte dafür, dass es doch noch etliche Schiffe gab, die sich nur widerwillig unter Druck oder gar nicht dem Unternehmen anschlossen. Und dann waren da die politischen Forderungen: Die drehten sich um einen sofortigen Friedensschluss, wie er zwischen den Mittelmächten und Russland sich gerade abzuzeichnen begann. Das sollte auf Grundlage der 14 Punkte geschehen, die gerade im Januar der amerikanische Präsident Woodrow Wilson verkündet hatte, und die vorsahen, dass es keinen Siegfrieden geben, dass die Demokratie ihren Siegeszug antreten, und dass allen Völkern das Selbstbestimmungsrecht zukommen solle. Gerade letzteres fand unter den Matrosen, die in der Mehrheit keine Deutsch-Österreicher waren, sondern Kroaten, Tschechen usw., viel Anklang. Für die österreichische Marineführung galt dergleichen jedoch Landesverrat und als subversive Forderung mit dem Ziel der Zerstörung der Doppelmonarchie.

Es mag sein, dass den Aufständischen nicht bewusst war, wie absolut unannehmbar die politischen Forderungen für die Marineführung waren. Naiverweise traute man dem Ehrenwort der Offiziere, die sich weiter frei auf den Schiffen bewegen konnten, sich selbst aber an kein Ehrenwort gegenüber „Meuterern“ gebunden fühlten. Konteradmiral Hansa beließ man sogar seinen Telegrafenapparat in der Kabine, was der dazu nutzte die loyalen Schiffe zu kontaktieren und mit dem Marinekommando in Kotor das weitere Vorgehen zu koordinieren. Inzwischen, am zweiten Tag des Matrosenaufstands, waren die Schiffe um die St. Georg mehr oder minder im Hafen eingeschlossen. Den Vorschlag mit Gewalt auszubrechen, lehnte Rasch ab, weil er hoffte, immer noch verhandeln zu können. Die Einbindung des Parlaments in Wien gehörte nun zu den zusätzlich aufgestellten Forderungen, weil es dort sozialdemokratische Sympathisanten gab. Es gab ersten Beschuss von der Hafenfestung. Deutsche U-Bootfahrer, die zuvor eingelaufen waren, boten der Marineführung an, bei der Niederschlagung zu helfen. Immer mehr, teilweise nur widerwillig in den Aufstand involvierte Schiffsmannschaften sprangen ab. Am dritten Tag liefen die ersten Kriegesschiffe in die äußere Bucht von Kotor ein, um ebenfalls bei einer möglichen Niederschlagung einzugreifen. Rasch fand auch bei der eigenen Mannschaft mehr genügend Unterstützung zur Weiterführung der Aktion. Er ließ die rote Fahne auf der St. Georg streichen und ergab sich Konteradmiral Hansa.

Am nächsten Tag folgte das grausame Blutgericht. Über 800 Matrosen wurden verhaftet, während der Hafenkommandant das Standrecht verhängte. 40 Angeklagte wurden vor das Standgericht gestellt, das am 7, Februar zusammentrat und bis zum 10. Februar den Fall erledigen sollte. Das Verfahren lief fehlerhaft und parteiisch ab. Der Zivilverteidiger der Angeklagten kam erst einen Tag vor dem Urteil am Ort an, und legten vergeblich Protest ein, das die Präklusivfrist überschritten worden sei und ein fairer Prozess unmöglich sei. Das ließ das Gericht nur für 18 Angeklagte gelten. Auch wurden etliche Zeugen nicht mehr gehört, weil das Gericht sich unter Zeitdruck befand. Am Ende wurden am 10. Februar die meisten Fälle vertagt, aber sechs Angeklagte drakonisch bestraft, zwei zu langen Zuchthausstafen und vier – Rasch, Gabar und zwei weitere – zum Tode verurteilt. Eine eilig von der Verteidigung verfasste Gnadenpetition an den Kaiser blieb unbeantwortet, schon weil sie zu spät kam. Denn das Urteil wurde schon am nächsten Morgen, dem 11. Februar, an der Friedhofmauer von Kotor vollstreckt. Zweimal gehorchten die Soldaten, die als Erschießungskommando abkommandiert worden waren, dem Schießbefehl ihres Offiziers nicht. Einer der Soldaten fiel sogar in Ohnmacht. Erst beim dritten Kommando fielen schließlich die Schüsse. Gabar war nicht sofort tot und bekam zwei „Gnadenschüsse“ bis auch er nicht mehr lebte.

Für die übrigen Angeklagten, deren Verfahren noch nicht abgeschlossen, waren Prozesse für einen späteren Zeitraum anberaumt. Zu Schuldsprüchen kam es in den Wirren der Endphase des Kriegs nicht mehr, aber auch nicht mehr zu Freisprüchen. Das hatte auch etwas damit zu tun, dass die Opposition im Österreichischen Parlament in Wien inzwischen von der Sache erfahren hatte. Der Anführer der Sozialdemokraten, der gebürtige Prager Viktor Adler, sprach beim Kriegsminister vor und protestierte gegen die rechtlich wacklige und übereilte Hinrichtung. Er bekam das Versprechen, dass es keine Todesurteile und Vollstreckungen in Sachen Matrosenaufstand mehr geben sollte – ein Versprechen, dass auch tatsächlich gehalten wurde. Und die vertagten Prozesse fanden aufgrund des Kriegsendes nicht mehr statt. Als nach der Niederlage im Krieg das Habsburgerreich auseinanderfiel und zahlreiche neue „Nationalstaaten“ entstanden, wie Polen, Jugoslawien oder die Tschechoslowakei, wurde dort jeweils der Matrosenaufstand als eine Heldentat im Namen der Selbstbestimmung der Völker wahrgenommen.

Womit wir bei dem Denkmal für die tschechoslowakischen Seeleute auf dem Prager Olšany Friedhof sind. Das wurde im Jahre 1936 an der Mauer des Areals des Friedhofs eingerichtet, in dem sich die Gräber der Opfer des Ersten Weltkriegs befinden (Bild links). Man sieht dort einen Anker, der vor einer Wand liegt, auf der eine große Bronzetafel angebracht ist. Deren Text lautet auf Deutsch übersetzt: „In Erinnerung an die hingerichteten, ertrunkenen und gefallenen toten tschechischen Seeleute, gespendet von der Gemeinschaft ehemaliger Matrosen und den Teilnehmern des nationalen Widerstands an der Adria in Prag – 1936.“ Damit wurde das gängige Geschichtsbild der Ersten Tschechoslowakischen Republik bestätigt, die das Ganze als eine hauptsächliche von Tschechen inspirierte und geführte Aktion im nationalen Geiste interpretierte. Das griff möglicherweise doch ein wenig zu kurz . Allerdings hatte immerhin Konteradmiral Hansa (der unmittelbar nach dem Aufstand von der Marine in den Ruhestand versetzt wurde) vor Gericht attestiert, dass ohne die Führung des Tschechen Rasch der Aufstand kaum so organisiert abgelaufen wäre. Dass Rasch die Hauptperson im Geschehen war, ist auch kaum zu bestreiten. Dass Tschechen insgesamt die Avantgarde der nationalen Befreiung waren, ist wohl trotzdem eine Überhöhung der eigenen Bedeutung, die man sich damals aber gerne erlaubte.

Immerhin hatte der Aufstand eine indirekte Verbindung zur Verkündung der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei am 28. Oktober 1918. Da ja rund 6000 Marineangehörige daran teilgenommen hatte, versuchte die Marineführung die bestehenden Einheiten, in denen man noch „revolutionäre Seilschaften“ vermutete, auseinanderzutrennen, zu deaktivieren oder gar zum Sonderurlaub an Land zu schicken. Auf diese Weise versammelte sich in Prag bald eine Gruppe von rund 80 bis 120 Seeleuten der Marine, die am Aufstand von Cattaro teilgenommen hatten, und die teilweise Beurlaubte, teilweise Deserteure waren. Als am 28. Oktober die provisorische Regierung, der sogenannte Tschechoslowakische Nationalausschuss, die bisher zum Habsburgerreich gehörenden staatlichen Institutionen übernahm, gehörte dazu auch die Entwaffnung und Entlassung der k.u.k.-Garnison in Prag. Ganz ohne militärischen Schutz wollte die Regierung in diesen revolutionären und unruhigen Zeiten aber doch nicht sein, und so wurden die in Prag befindlichen Matrosen des Aufstandes die erste Militäreinheit, die der Ausschuss direkt befehligte. Und auf deren Initiative dürfte dann 1936 das Denkmal errichtet worden sein.

Die nationalpatriotische Deutung der Ereignisse, wie sie sich in dem Denkmal widerspiegelt, war aber längerfristig nicht die dominierende Interpretation im Geschichtsdiskurs. Die roten Fahnen über kakanischen Schiffen, das war ein zu schönes Bild, als dass die marxistische Geschichtsschreibung darauf verzichten konnte, es ideologisch zu instrumentalisieren – selbst wenn es trotz der eindeutig sozialistischen Sympathien von Rasch und vielen seinen Mitstreitern keinen Hinweis darauf gibt, dass sich die Aufständischen (die eher Kontakt zu den österreichischen Sozialdemokraten pflegte) in großem Maße kommunistisch radikalisiert hatten. Den Anfang machte der Journalist und Schrifsteller Bruno Frei, ein Mitglied der KPÖ, im Jahre 1927 mit seinem im Stil einer Reportage geschriebenen Buch Die roten Matrosen von Cattaro. Das Buch wurde dann 1930 wiederum die Vorlage für das recht erfolgreiche Drama Die Matrosen von Cattaro des kommunistischen Schriftstellers und Politikers Friedrich Wolf (übrigens der Vater von Markus Wolf, dem langjährigen Chef der Auslandsspionage der „DDR“). 1957 veröffentlichte der österreichische „Arbeiterschriftsteller“ und Kommunist Franz Xaver Fleischhacker einen Roman zum Thema unter dem Titel „Cattaro. Roman aus den letzten Tagen der k.u.k. Kriegsmarine“. Fleischhackers Buch wirkte einigermaßen authentisch, da er als junger Seemann noch selbst auf einem Torpedoboot bei dem Aufstand dabei gewesen war. Und die Liste kommunistisch geprägter Autoren, die sich mit dem Thema befassten, ließe sich beliebig verlängern. Inzwischen wird das Thema nicht mehr so ideologisch behandelt und die seriöse Geschichtsschreibung hat Einzug gehalten. Zum 100. Jahrestag erschienen einige gute Monographien, wie etwa Peter Fitls Buch „Meuterei und Standgericht“ (2018), die mithin darauf hinwiesen, dass dem Aufstand ja gerade eine größere revolutionäre Perspektive fehlte, weshalb er als isoliertes Ereignis auch nicht einen generellen Umsturz bewirkte. Er sei nicht vergleichbar mit dem Kieler Matrosenaufstand in Deutschland im November 1918, der tatsächlich das Ende des wilhelminischen Reiches bedeutete. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine sehr bittere Episode aus dem Ersten Weltkrieg, die uns durch das Denkmal in Prag wieder ins Gedächtnis gerufen wird. (DD)

PS: Unter der Gedenktafel für die Matrosen von 1918 wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eine kleine Zusatztafel (Text übersetzt: „Wir werden die gestorbenen Brüder nicht vergessen, 1939-1945“) angebracht (Bild oberhalb rechts), die daran erinnert, dass es auch in diesem Krieg tschechoslowakische Seeleute gab, nämlich freiwillig bei der britischen und später bei der amerikanischen Marine dienende Exilanten, die auf hoher See ihren Beitrag leisten wollten, Hitler zu besiegen.

Denkmal im ständigen Wandel

Der Strom der Geschichte nimmt oft unerwartete Verläufe und mit ihnen ist auch die Denkmalskultur ebenso unerwarteten Veränderungen ausgesetzt. Richtig anschaulich kann man das am Fall des Denkmals für die drei Widerstände (Památník Tří odbojů) am náměstí Generála Kutlvašra (General Kutlvašr Platz) im Stadtteil Nusle (Prag 4) studieren.

Es fängt schon damit an, dass der Platz, der den Namen des Generals trägt, der im Mai 1945 den Prager Aufstand (siehe u.a. auch hier und hier) gegen die Nazis organisiert hatte, noch bis 1997 Platz der Pariser Kommune (náměstí Pařížské komuny) hieß, weil die bis 1989 regierenden Kommunisten den mutigen General zu bürgerlich fanden. Wie dem auch sei: Das Denkmal wurde eigentlich 1927 errichtet, um den Gefallenen des Ersten Weltkriegs zu gedenken – vor allem den Legionären, die mit den Alliierten gegen die Habsburger und für die Unabhängigkeit gekämpft hatten. Damals hieß der Platz noch Jiráskovy sady (Jirásek Platz, nach dem Nationalhistoriker Alois Jirásek benannt).

In den 1980er Jahren fanden die Kommunisten, den Gefallenen des Ersten Weltkrieg und vor allem den – ebenfalls zu bürgerlichen – Legionären sei nun genug Gedenken zuteil geworden. Die dazugehörige Statue war bereits in den 1950er Jahren zerstört worden und nun wurde das Denkmal in eines zum Jubel über die „Befreiung“ durch die Rote Armee 1945 umgewandelt, ein Ereignis, dass viele Bürger eher ungut in Erinnerung hatten, weil es schließlich eine neuerliche, Jahrzehnte währende kommunistische Diktatur einläutete. Kurz: Man entfernte die Inschriften und nun standen dort Rotarmisten in Bronze, die Maschinenpistolen in den Händen hielten. Rundum war das Ganze mit Zitaten von Lenin gespickt.

1989 kam die Samtene Revolution und damit das Ende des Kommunismus. Schon Anfang 1990 waren die Rotarmisten und die Leninsprüche verschwunden. Aber es dauerte noch bis 1997, um eine Alternative zu schaffen. Die Architekten František Novotný und Jaroslav Suchan modifizierten das Denkmal noch einmal. Die Grundstruktur mit einem an den Hang gelehnten Brunnen blieb erhalten. Dafür prangt nun eine Inschrift mit den historischen Daten 1914 – 1918, 1939 – 1945, 1948 – 1989 daran. Die sollen daran erinnern, dass man sich zuerst gegen die Habsburgerherrschaft, dann gegen die Nazis, dann (besonders lange) gegen die Kommunisten auflehnen musste.

Möglicherweise, weil der Widerstand von 1914-18 etwas später (erste Verhaftungen erfolgten 1915; die Unabhängigkeit von Habsburg wurde als Thema erst 1917 einigermaßen aktuell) einsetzte, wird das Denkmal ab und zu auch nur Denkmal für drei Perioden der Unterdrückung der tschechischen Nation (Pomník tří období útlaku národa českého) genannt. Um entscheidende Epochen der Geschichte des Landes handelt es sich allemal. Da es über dem Platz thront und eine hübsche Aussicht erlaubt, kann man sich auf dem Denkmal mit seinen Bänken am plätschernden Wasser an Sonnentagen auch einmal ein wenig Ruhe gönnen, um über die ungeraden Verläufe der Geschichte nachzudenken. (DD)

Friedenstaube für das Habsburger-Heer

Heute, am 21. September, ist der Internationale Tag des Friedens. Eigentlich sollte ja jeder Tag ein solcher Friedenstag sein. Formell haben ihn die Vereinten Nationen 1981 ausgerufen. Der heutige Tag ist jedenfalls die Gelegenheit, einmal eine böhmische Friedenstaube vorzustellen.

Diese in lokalem Sandstein gemeißelte Taube befindet sich auch dem Denkmal für Gefallenen des Ersten Weltkriegs (Pomník Obětem 1. světové války) in dem kleinen Ort Hořín, der rund 25-30 Kilometer nördlich von Prag gelegen ist. Die Taube mit Ölzweig als Friedenssymbol kann auf eine lange Geschichte zurückschauen. In der Bibel findet man die Taube im 1.Buch Mose 8:11. Sie gehört zur Geschichte von der Sintflut, mit der Gott die sündigen und gewalttätigen Menschen bestrafen und vernichten will, also ihnen geradezu den Krieg erklärt. Nur der fromme Noah und seine Familie nebst allerlei Getier überleben. Als Zeichen, dass die Flut endet, schickt Gott ihnen die Taube mit dem Ölzweig. Sie stand damit für den Frieden, den Gott am Ende dann doch mit den Menschen schließt.

Als politisches Friedensymbol setzte sich der Vogel aus der Spezies der Columbidae 1949 durch, als kein Geringerer als Pablo Picasso aus ihr das Symbol – heute würde man sagen „Logo“ – des Weltfriedenskongresses in der französischen Hauptstadt Paris machte. Seither konnte sich die Taube manchmal vor politischem Missbrauch (häufig seitens der Kommunisten, die sich sonst eher nicht christlicher Symbolik bedienten) nicht wehren, was aber ihren Siegeszug in der politischen Ikonographie nicht verhinderte.

Davon war man aber um 1920, als vermutlich das Denkmal in Hořín errichtet wurde, noch weit entfernt. Hier dürfte die Taube mit Zweig noch als traditionelles und rein christliches Symbol des Friedens zu sehen sein. Nicht nur das lässt das Denkmal in einem recht wenig religiös gestimmten Land auffällig erscheinen. Die tschechische Denkmalskultur nach dem Ersten Weltkrieg war im Kern durch und durch vom Nationalismus eines neu entstandenen Landes, der Tschechoslowakei, geprägt, hatte aber dabei noch andere Erwägungen einzubeziehen. Das soldatische Leittbild der Ersten Republik prägten im wesentlichen die Tschechoslowakischen Legionen, die nicht für die Armee der Habsburgerreiches (zu dem die Tschechen ja gehörten), sondern auf Seiten der Alliierten gegen Kakanien kämpften (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier, hier und hier), um so die Unabhängigkeit des Landes zu erlangen. Man sieht daher in Tschechien durchaus etliche Denkmäler mit Statuen von Legionären in russischen, französischen oder italienischen Uniformen. Aber natürlich wusste man, dass die Legionäre nur eine Minderheit waren, und dass die allermeisten Tschechen in Wirklichkeit brav in der Habsburger Armee dienten und enorme Opfer erbrachten. Es wäre gegenüber den Angehörigen ein beispielloser und unverdienter Affront gewesen, hätte die Gedenkkultur sie bei Gefallenendenkmälern „unter den Tisch“ fallen lassen. Um dem so entstehenden Wirrwarr zu entgehen, vermied man bei der Begrifflichkeit oft möglicherweise diskriminierende Unterschiede wie „Soldat“ oder „Legionär“ Man schrieb von Opfern oder Gefallenen und die bildliche Darstellung blieb oft recht abstrahierend (Beispiel hier).

Umso ungewöhnlicher, dass auf dem Kriegerdenkmal hier in Hořín auf dem Relief direkt unter der Friedentaube ein sich von Frau und Kind verabschiedender Soldat abgebildet ist, der ganz eindeutig die Uniform des Österreichischen Heeres trägt. Das war in der Gedenkkultur der neuen Tschechoslowakei äußerst ungewöhnlich, dass die Opfer, die für die Habsburger-Armee (die damals von Jaroslav Hašek in seinem Schelmenroman über den Soldaten Švejk auf die Schippe genommen wurde) erbracht wurden, so in den Mittelpunkt gerückt wurde. Ich kenne in Tschechien kein anderes Beispiel dafür. War man in Hořín damals noch dem Kaiser treu? Möglicherweise hatte auch niemand von dort für die Legionen gekämpft. 10 Namen von Gefallenen (alle bis auf einen tschechisch, nicht etwa österreichisch/deutsch) stehen dem Denkmal. Der Ort, der heute so eine Art Vorort von Mělník ist, muss damals noch sehr klein gewesen sein. Er musste anscheinend einen recht hohen Blutzoll zahlen. Vielleicht wollte man gerade mit der österreichischen Uniform ausdrücken, dass auch diese Opfer im Namen Österreich-Ungarns ebenso zu betrauernde Opfer waren, derer man gedenken solte, wie es die Opfer unter denen waren, die für die unabhängige Tschechoslowakei kämpften. Den Bildhauer des Denkmals konnte ich nicht eruieren. Auf der Rückeite steht wohl der Namenszug „Novotný-Libich“. Wer sich dahinter verbirgt, weiß ich nicht. Die Inschrift auf der Bronzetafel unter dem Relief des Soldaten lautet: „1914-1918. Na paměť utrpení prolité krve a hořkých slz!“ (1914-1918. In Erinnerung an das Leiden vergossenen Blutes und bitterer Tränen!). Und datrunter steht: „Věnují místní spoluvojíni a spoluobčané“ (Gestiftet von den örtlichen Mitsoldaten und Mitbürgern). Und über allem thront die Friedenstaube mit ihrem Ölzweig. (DD)

Schule unter Denkmalschutz – leerstehend…

Jan Amos Komenský, den meisten Nicht-Tschechen als Johann Amos Comenius bekannt, war der große Vordenker der Pädagogik, dessen moderne Konzepte bis heute als bahnbrechend gelten (wir berichteten u.a. hier). Kein Wunder, dass der Theologe aus dem 17. Jahrhundert gerne als eine Art Schutzpatron von Bildungseinrichtungen verewigt wurde. Und so sieht man hier Comenius in Stuck auf der Fassade der Neuen Strašnicer Schule (Nová strašnická škola), wie er einem lesenden Schüler geistige Inspiration zukommen lässt.

Das im Stadtteil Strašnice an der Hauptstraße V Olšinách 200/69 gelegene Schulgebäude gehört zu den schönsten in Prag überhaupt. Die Freude über den Anblick wäre ungetrübter, wenn die Schule nicht öde und verlassen wäre und elendig vor sich hin verfallen würde. Dabei hatte alles gut begonnen, als sie im Jahre 1909 von dem Bauunternehmer Antonín Belada nach den Plänen des lokalen Architekten Josef Domek, dem Strašnice unter anderem auch die schöne Villa Miramare verdankt, erbaut wurde. Das Gebäude, das in einem historisierenden Jugendstil dekoriert ist, fungierte zunächst als Grundschule von Strašnice, das damals noch eine selbständige Stadt war und erst 1922 von Prag eingemeindet wurde.

Das auf dem großen Bild oben gezeigte Relief von Comenius ist nicht das einzige, das man jeweils unterhalb der Dachkante des Gebäudes findet. Ein anderes zeigt ebenfalls Comenius, und zwar seinen Tod. Als Protestant war er nach dem Sieg der katholischen Seite im Dreissigjährigen Krieg ins Exil geflohen, um dort seine pädagogischen Ideen zu verbreiten. Als sich 1670 der Tod nahte, bat er, am Ufer sitzend, das Meer beobachten zu dürfen, um so sein Leben friedvoll zu beenden. Das Bild ging tief in die tschechische Nationalmythologie ein.. Und so sieht man ihn auf dem rechts abgebildeten Relief mit segnender Gebärde zusammen mit einem trauernden Begleiter an der Nordsee sitzen.

Aber in Sachen Bildung dreht sich in Böhmen ja historisch gesehen nicht alles nur um Comenius. An der seitlichen Fassade findet man einen anderen Bildungshelden des Landes: Kaiser Karl IV. Der hat ja bekanntlich 1348 die erste Universität im Lande, die nach ihm benannte Karlsuniversität, gegründet, worüber wir u.a. hier berichteten. Das links abgebildete Relief zeigt ihn in der Mitte des Bildes neben einem Studenten beim Gründungsakt mit Urkunde. Es begleitet ihn dabei der erste Erzbischof Prags, Ernst von Pardubitz (rechts im Bild). Der umtriebige Erzbischof, der auch als Gründer des  Veitsdoms (auch hier) in die Geschichte einging, wurde als Vertrauter des Kaisers auch zugleich der erste Kanzler der Universität.

Beim vierten der Reliefs, das sich ebenfalls an der Seitenfassade befindet, zeigt kein Kapitel der Bildungsgeschichte, sondern ein Sück Nationalmythologie, dass damals im Jahre 1909 fester Bestandteil des tschechischen Bildungskanons war. Wir dehen drei Gestalten aus der vorgeschichtlichen Legendenwelt. Man sieht Fürstin  Libuše, die Stammmutter des Herrschergeschlechts der Přemysliden, das Böhmen zu historischer Größe verhalf. Man sieht sie hier in der Mitte ihrer Schwestern, der Heilerin Kazi und der Priesterin Teta.) siehe u.a. unseren Beitrag hier) bei einer ihrer berühmten Weissagung auf der alten Burg des Vyšehrad, das Prag dereinst eine große und bedeutende Stadt werde – da lag sie richtig. Hellseherei ist eben nicht immer Aberglaube…

Über Jahre fungierte das Gebäude als Grundschule von Strašnice. Den Zweck des Gebäudes zelebrierte man schon über dem Haupteingang mit der Inschrift Našim dětem (Unseren Kindern) – über einer pastoralen Szene platziert.

Zu Ende des Zweiten Weltkriegs rückte das Gebäude kurz in den Mittelpunkt der Stadtgeschichte. Während des Prager Aufstandes gegen die Nazibesetzer im Mai 1945 (siehe auch hier, hier und hier), waren hier kurz Truppen der Aufständischen untergebracht. Dessen gedenkt man mit einer (für tschechische Verhältnisse recht unauffälligen) Gedenktafel neben dem Eingang.

Anderer Helden gedachte man auch dem Schulgelände mit größerem Aufwand. Auf der Grünfläche davor steht seit 1921 ein großes Denkmal für die Tschechoslowakischen Legionäre im Ersten Weltkrieg. Bei den Legionen (wir berichteten u.a. hier und hier), die der zentrale Nationalmythos der Ersten Republik waren, handelte es sich um Kampftruppen von Tschechen, die nicht auf Seiten des Habsburgerreichs (dessen Bürger sie ja waren), die auf Seiten der gegnerischen Entente (Russland, Italien und Frankreich) in autonomen Einheiten kämpften, um ihr Land (d.h. Böhmen und später auch die slowakischen Gebiete Ungarns) in die Unabhängigkeit zu führen. Das stattliche Denkmal wurde von dem Bildhauer Josef Jílek gestaltet. Es zeigt eine etwa lebensgroße, muskulöse Männergestalt auf einem Sockel, die einen Kranz über einen Helm legt. Als Modell für den Soldaten hatte Jílek sein Bildhauer-Kollege František Duchač-Vyskočil gestanden, der selbst in Italien bei der Legion gedient hatte. Das Denkmal aus Kunststein war über die Jahre ein wenig verfallen und wurde 2020 wieder sorgfältig restauriert.

2009 endete jeglicher Schulbetrieb. In einem etwas undurchsichtigen Verfahren schloss die Stadtregierung von Prag 10 die Schule, um das Gebäude angeblich für sinnvollere Projekte zu nutzen, aus denen aber nie etwas wurde. Dazu gehörte irgendwann, dass es Sitz eines neuen Rathauses werden sollte. Stattdessen wählte man aber die teurere Lösung, ein Neues Rathaus zu bauen. Alles scheint dubios zu sein. Auf jeden Fall steht die Schule seither leer. Eine Bürgerinitiative hatt sich gegründet, um die Stadt zu einer sinnvollen Nutzung des überaus schönen Gebäudes zu drängen. Ab und an wird es für Kulturveranstaltungen genutzt. Ende 2016 wurden hier zum Beispiel Szenen der amerikanischen Serie Genius über Albert Einstein (einen anderen Drehort der Serie stellten wir hier vor) gedreht.

Die ungewöhnlich langen und vielen Jahre des Leerstands beginnen sich langsam in katastrophaler Weise bemerkbar zu machen. Als „Warnschuss“ an die Stadtregierung hat die Denkmalschutzbehörde das Gebäude 2014 zu erhaltenswerten Denkmal erklärt. Bewirkt hat das noch wenig. Besonders beim Anblick der langsam überwucherten Rück- und Schulhofseite (die insgesamt weniger schön gestaltet wurde als die Vorderseite) könnte man ins Heulen geraten. Das muss nicht sein, was da geschieht. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die Verantwortlichen bald einmal einen Ruck geben, und das Gebäude fesch renoviert einer sinnvollen Nutzung zuführen. (DD)

Legionärsbüsten

Die Erinnerung an die Tschechoslowakischen Legionen des Ersten Weltkriegs hat tiefe Spuren im Stadtbild Prags hinterlassen. Die Legionen waren autonome Truppeneinheiten, die die Alliierten der Entente aus Exiltschechen, Kriegsgefangenen und Überläufern aus der kakanischen Armee zusammengestellt hatten, die nicht mehr für das Habsburgerreich, sondern für die Unabhängigkeit und Freiheit der Tschechoslowakei kämpfen wollten (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier und hier). In Italien, Frankreich und vor allem in Russland entstanden solche Einheiten. Sie waren im Kern die erste funktionierende Institution des neuen Staates und wurden in der Folge ein konstituierender Nationalmythos der Republik.

Und so sieht man sie auch hoch oben auf der Fassade des großen fünfstöckigen Gebäudekomplexes in der Myslíkova 258/8 in der Neustadt. Aufgereiht nebeneinander sieht man im Bild oberhalb links (v.l.n.r.) Büsten von Legionären in den Uniformen der Länder, in denen sie dienten – Frankreich, Russland und Italien – und bisweilen sogar gegen ihre Landsleute in österreichischen Uniformen kämpften.

Das Gebäude sah nicht immer so aus. Weder die Legionärsbüsten, noch die kubistische Fassadengestaltung, noch die Statue oder Siegesallegorie auf dem Mittelerker waren zu sehen als das Haus 1868 fertiggestellt wurde. Da war es nämlich ein Gebäude im Stil der Neorenaissance, gebaut von dem Architekten  Josef Schulz, der ein Spezialist für diesen Stil war und dem wir u.a. das Gebäude des Nationalmuseums verdanken. Er hatte es im Auftrag des Holzhändlers Vincenc Bubeníček entworfen, der im Erdgeschoss das heute noch existierende Restaurant U Bubeníčků betreiben ließ.

In den Jahren 1923–1924 renovierte der Architekt František Tichna, der Prag unter anderem 1909-11 durch den Bau des Neuen Rathauses bekannt geworden war. Zu dieser Zeit war Neorenaissance-Architektur bereits völlig unmodern. Der Kubismus mit seinem avantgardistisch-modernen Anspruch war inzwischen so etwas wie der Nationalstil der Tschechen geworden. Deshalb sieht man links den Legionär in russischer Fellmütze in ein typisch kubistisches gestaltungselement mit geometrischer Formgebung eingebettet. Dass der Legionär recht grimmig dreinschaut, hat wahrscheinlich etwas damit zu tun, dass er viel Arges mitgemacht hat, weil die Legionäre dort in die Wirren des Russischen Bürgerkrieges gerieten. Die Bolschewiken hatten 1918 einen Sonderfrieden mit dem deutsch-österreichischen Feind geschlossen. Wechselweise versuchten die Legionäre mit alliierter Unterstützung, Russland durch „regime change“ wieder auf Seite der Entente zu bringen oder sie versuchten, den kommunistischen Terror einzudämmen. Erst 1920 wurden die letzten von ihnen nach einer gewaltigen Anabasis durch Sibirien von Wladiwostok aus zurück nach Böhmen verschifft.

Und dann ist da der Legionär in französischer Uniform, der den typischen Adrian-Stahlhelm trägt. Die Legionäre taten sich hier in den Gräben der Westfront hervor, insbesondere bei der Schlacht bei Vouziers und Terron 1918. Einer von ihnen, der Slowake und Legionsgeneral Milan Rastislav Štefánik wurde sogar der erste Verteidigungsminister der Ersten Tschechoslowakischen Republik (siehe auch früheren Beitrag hier). Stéfanik fand 1919 den Tod. Der flugbegeisterte Pilot stürzte bei Bratislava ab als er auf dem Weg zu Front war, denn die Tschechen waren gerade dabei, Ungarn die Slowakei militärisch abzutrotzen. Das Flugzeug, das er steuerte, gehörte der italienischen Luftwaffe.

Womit man bei der Legion in Italien ist, deren Repräsentanten man rechts in dem für die dortigen Gebirgstruppen typischen Trenker-Hut (mit Federschmuck) sieht. Die Legionäre kämpften hier unter hohen Verlusten an der Piave-Front. Und sie kämpften danach weiter. Der Krieg gegen Ungarn, bei dem Stéfanik ums Leben kam, war einer von mehreren, durch die die Tschechoslowakei erst ihre Grenzen erkämpfte – etwa der Siebentagekrieg gegen Polen. Die meisten Truppen standen dabei formell unter italienischen Kommando, was heute kaum mehr jemand weiß.

Über dem Portal befinden sich auch noch Skulpturen mit Szenen des Arbeits- und Familienlebens – das, wofür die Legionäre kämpften. Aber die auffällige Hauptattraktion sind die Büsten, die das Haus umrahmen. Und warum tummeln sich so viele Legionäre hier auf der Fassade des Hauses in der Myslíkova? Nun, das Haus gehörte in den 1920er Jahren der Legiobank, auch Bank der Tschechoslowakischen Legion genannt. Die wurde 1919 von und für Legionäre als Mittel sozialer Absicherung (was man den Helden auch schuldig war!) errichtet. Schon das Haupthaus in Prag (früherer Beitrag hier) war kubistisch gestaltet worden, weil dieser Stil gleichermaßen für Modernität und nationale Identität zu stehen schien. Diesem Beispiel folgte man bei der Filiale anscheinend.

Ach ja: Und das Erdgeschoss besteht aus weißem Stein, während der Rest aus rot bemaltem Putz besteht. Rot und Weiß – das sind die Farben, unter denen die Legionäre – vor allem in Russland – kämpften. 1918/19 waren sie auch die Farben der Staatsflagge. Die heutige dreifarbige Fahne mit blauem Dreieck wurde erst nach 1920 offizielle Fahne der Tschechoslowakei (und seit 1993 Tschechiens). Die zweifarbige Variante ähnelte zu sehr der polnischen Fahne, was einer der Gründe für die Änderung war. Außerdem sollte das blaue Dreieck den slowakischen Teil des Landes symbolisieren. Die Farben der Legionäre waren aber Rot und Weiß. Und das hat das Gebäude in der Myslíkova architektonisch verewigt. Den vorbeigehenden Passanten wird das aber kaum auffallen. (DD)

Legionäre im Museum

Die Tschechoslowakischen Legionen im Ersten Weltkrieg, die oft auch nur Tschechische Legionen genannt wurden, weil die Tschechen klar die Szenerie dominierten (frühere Beiträge u.a. hier und hier), sind bis heute so etwas wie der Gründungsmythos der Tschechischen Republik. Unzählige Denkmäler wurden ihnen in Prag errichtet, Straßen und Plätze und sogar eine Moldaubrücke nach ihnen benannt, Theaterstücke über sie aufgeführt und unzählige Bücher über sie publiziert. Man muss sich schon wundern, dass erst jetzt, 2019, ein Museum der Tschechoslowakischen Legionen (Muzeum československých legií) eröffnet wurde.

Es befindet sich ein wenig unauffällig gelegen in der Sokolská 486/33 in der Neustadt. Um es mehr auffallen zu lassen, haben die Betreiber die Fenster der Vorderfront mit dramatischen Bildern im Stile von Action-Comics gestaltet. Geht man hinein, wandelt man durch Sandsäcke und Stacheldraht in die Kellerräume. Man ist schon auf den Grabenkrieg eingestimmt. Damit ist klar, dass der Schwerpunkt des doch recht kleinen Museums nicht auf einer vollständigen Materialsammlung, sondern auf der Didaktik liegt. Ausdrücklich werden Schulklassen beworben.

Was da einem didaktisch nähergebracht wird, ist allerdings interessant. Im Ersten Weltkrieg war ein Bewohner Tschechiens, Mährens oder der Slowakei noch Untertan der Habsburgermonarchie. Folglich wurde erwartet, dass er für die k.u.k. Armee kämpfte. Aber inzwischen war der Wunsch nach nationaler Selbstbestimmung so groß, das dies vielen Soldaten schwer fiel. Geschickt rekrutierten die Entente-Mächte Exiltschechen, Kriegsgefangene oder Überläufer, denen versprochen wurde, dass ihr Kampf zum Ende der habsburgischen Bevormundung führen würde. In Frankreich, Italien und Russland entstanden nach und nach autonome tschechoslowakische Einheiten, die irgendwann zu Legionen wurden und sich an den Kämpfen beteiligten – und dabei gegen ihre früheren „Herren“ kämpften.

In Russland, wo die Kämpfe besonders hart waren, unterzeichneten 1918 die durch die Oktoberrevoltion an die Macht gekommenen Bolschwiki einen Separatfrieden mit den Deutschen, womit die dortige Legion quasi im Vasallenland des Feindes eingeschlossen wurde. Sie bekämpften nun die Bolschewiki, um den Wiedereintritt Russlands in den Krieg zu erzwingen, und als das nach der Niederlage der Weissen Armee nicht mehr viel Sinn ergab, kämpften sie sich den Weg durch ganz Sibirien frei, wo sie zum Teil erst 1920 in Wladiwostok von Alliierten Schiffen evakuiert wurden.

Im Kern war die Legion in Russland – da sie ja nicht mehr dem Zaren unterstellt war – die erste souveräne Institution der neuen Tschechoslowakischen Republik und wurde als solche auch von en Entente-Mächten anerkannt. Und sie hatte ungeheuere militärische Leistungen gegen numerisch überlegene Feinde erbracht. Das schuf ihren Mythos, den auch die feindlich gesonnene Geschichtsschreibung der Kommunisten nach 1948 langfristig nicht verdrängen konnte.

Und nun zu dem Museum, das an diese Ereignisse erinnern will. Das ist klein, aber fein. Es entspricht der multimedia-orientierten Didaktik, die heute „state of the art“ ist. Es wird eine enorme Menge an Photo- und Filmmaterial präsentiert, das man so bisher kaum gesehen hat. Fast alles ist in Tschechisch beschriftet oder kommentiert, aber es gibt einen gut gemachten und ausführlichen Einführungsfilm im kleinen Kinosaal und eine ebenso gut gemachte Einführungsbroschüre in Englisch. Mangelnde Tschechischkenntnisse sind kein Grund, nicht hinzugehen!

Und natürlich gibt es auch eine Sammlung mit Originalstücken. Uniformen, Waffen, Ausrüstung, Auszeichnungen, Dokumente, Tagebücher und vieles mehr, was anschaulicher als jedes Video die harten Zeiten des Ersten Weltkriegs und der Wirren danach verdeutlichen kann. Auch eine Reihe von künstlerischen Arbeiten von entsprechend talentierten Legionären – darunter ein rückblickender Zyklus zur Geschichte der Kämpfe in Russland, sind zu besichtigen (Beispiel Bild rechts). Am beeindruckendsten fand ich persönlich das recht notdürftig produzierte Paar gefütterter Filzstiefel, das wohl dereinst ein Legionär in Russland getragen hat, und das mehr als deutlich veranschaulicht, welche grauenvolle Strapazen sich wohl für den einzelnen Soldaten hinter dem langen Marsch durch das eisige Sibirien verbargen (großes Bild oben).

Da Museum ist noch im Aufbau begriffen, aber schon jetzt kann man sagen, dass der Besuch enorm bildet und gründlich über ein wichtiges Kapitel der Geschichte informiert, das außerhalb Tschechiens kaum je wahrgenommen wird. (DD)

Der Legionär und sein Tagebuch

Er bekam ein besonders schönes und künstlerisch wertvolles Grab im schönen Prager Olšany-Friedhof in Žižkov (auch hier): Der Legionär Čeněk Klos. Kein Wunder, denn die Tschechischen Legionen (frühere Beiträge u.a. hier, hier, und hier) gehörten zu den Kernmythen der jungen Tschechoslowakischen Republik nach 1918. Die Legionen bestanden aus Soldaten, die nicht mehr für das Habsburgerreich, sondern auf Seite der Ententemächte für die Selbständigkeit von Tschechen und Slowaken kämpften. In Russland wurden sie dabei noch in den Russischen Bürgerkrieg verwickelt und bekämpften die Bolschewiki – zum Teil bis in das Jahr 1920.

Das war der Stoff, aus dem man in der Republik sich seinen Nationalstolz häkelte. Ein Phänomen dabei war die Popularität von Filmen, Theaterstücken und vor allem Memoirenliteratur über die Legionen. Zu letzteren gehörte auch das postum veröffentlichte Tagebuch von Klos. Im Oktober 1914 wurde Klos von der österreichischen Armee eingezogen und haderte von Anfang an mit seinem Schicksal. Er musste seine Verlobte Anežka verlassen und vor allem konnte er sich für das Habsburgerreich, für das er nun in den Weltkrieg ziehen sollte, nicht im Geringsten begeistern, denn er war überzeugter tschechischer Nationalist, der von der Loslösung Böhmens vom Reich träumte.

Im Februar 1915 ließ er sich zusammen mit anderen tschechischen Patrioten von der russischen Armee (die eine geschickte pan-slawistische Abwerbekampagne gestartet hatten) „freiwillig gefangennehmen“. Er arbeitete einge Zeit als Landarbeiter auf einem Bauernhof bei Samara bis er im Mai 1916 bei Kiew der neu gebildeten autonomen tschechischen Militäreinheit, die auf Seite des Zaren (mit dem Versprechen eines nicht-habsburgischen Böhmens) kämpfen sollte, beitrat – der Tschechischen Legion. Immer wieder mussten ihn seine Vorgesetzten von den Kämpfen zurückziehen, weil er plötzliche Schwächeanfälle bekam. Die Ärzte diagnostizierten eine schwere Diabetes – damals eine unheilbare Krankheit. Er versuchte, durchzuhalten und führte dabei ständig und mit einigem literarischen Talent sein Tagebuch. Es sollte nach seinem Tode veröffentlicht werden und es gibt viele Einblicke in den Legionärsalltag, das Kampfgeschehen, seine privaten Probleme (Anežka betrog und verließ ihn in der fernen Heimat, wie er aus Briefen erfuhr) und seinen unverbrüchlichen Willen, gegen Österreich-Ungarn zu kämpfen. Unter dem recht unmissverständlichen Titel Boj s rakouskou hydrou (Kampf gegen die österreichische Hydra) erschien denn auch sein Tagebuch.

Um aus dem Gewirr des Russischen Bürgerkrieg zu entrinnen, mussten sich die Legionäre über den Ural und durch Sibirien bis zum Hafen von Wladiwostok an der Pazifikküste durchkämpfen. Das dauerte bis zum Sommer 1920. Klos wurde wegen seines kritischen Gesundheitszustands schon im Februar 1919 mit dem italienischen Schiff „Roma“ via Yokohama und Singapur zurück in die Heimat gebracht, wo inzwischen zu seiner Freude ein unabhängiger und demokratischer Staat entstanden war. In der Heimat versuchten die Ärzte zu tun, was sie konnten. Vergebens! Am 27. Januar 1920 starb er in einem Rotkreuz-Krankenhaus in Prag-Karlín im Alter von nur 26 Jahren. Vier Tage vorher hatte er aufgehört, sein Tagebuch zu schreiben. Im Jahre 1921 entdeckten die beiden kanadischen Wissenschaftler Frederick Grant Banting und Charles Best das Insulin als Heilmittel zur Bekämpfung der Zuckerkrankheit – einige Monate zu spät, um Klos noch das Leben zu retten.

Bei seinen Legionärskameraden hatte er jedoch einen tiefen Eindruck hinterlassen und sie sorgten dafür, dass er ein würdiges Grabdenkmal bekam. Es handelt sich um eine Sandsteinstatue, die Klos in Lebendgröße als Legionärsoffizier darstellt. Geschaffen wurde sie von dem Bildhauer Karel Kotrba einem Schüler des damals hochangesehenen akademischen Bildhauers Otakar Spaniel. Kotrba gehörte zu den Vertretern des Kubismus, der in der Ersten Republik so etwas wie der Nationalstil der Tschechen war. Unter anderem hatte er bei der skulpturalen Fassadengestaltung der Legiobank (früherer Beitrag hier) mitgewirkt, die als Meisterwerk des Spätkubismus gilt – und die ebenfalls der Legion gewidmet ist. Die kubistische Dimension erkennt man besonders beim Sockel des Grabs, der aus den für den Kubismus so typischen geometrisch-kristallförmigen Formelementen besteht. Darauf steht eine Inschrift, die in Deutsch etwa lautet: „Du ruhst vom Kampf, wir vollenden das Werk. Der Verband der Tschechechoslawischen Legion ihrem Bruder.“ Weiter unten findet man Klos’s Namen, Lebensdaten und seinen Rang als Schützen des Regiments „Jan Hus“.

Klos steht auf dem Sockel zugleich als Soldat und als nachdenklicher Mensch, der sein Tagebuch in der Hand hält, um ein paar Zeilen aufzuschreiben – sein Vermächtnis an die Nachwelt. (DD)

Die Freiheit voran!

Ja, die macht etwas her, diese Freiheit! Sie erinnert ein wenig an die ebenfalls barbusige Freiheit, die der französische Maler Eugène Delacroix 1830 das Volk anführen ließ. Aber diese Freiheit befindet sich nicht in Paris, sondern in Zbraslav, im äußersten Süden Prags. Und sie schwenkt auch keine Trikolore, sondern eine Fahne mit den Wappen der Landesteile Böhmens und Mährens. Das tut sie seit 1928 – zum Gedenken an die gefallenen Söhne Zbraslavs im Ersten Weltkrieg.

Das Denkmal basiert auf einem Entwurf des Bildhauers Josef Zák, der die feurige Bronzestatue der tschechoslowakischen Freiheit vor einen riesigen Naturstein aufstellte – ein 5-Tonnen-Koloss, den man aus dem rund 60 Kilometer entfernten Ort Kamýk antransportiert hatte. Das Ganze wird von zwei Pylonen umrahmt, auf denen sich Trauerlaternen befinden. Auf den Pylonen stehen die Namen aller Gefallenen des Ortes.

Der große Stein ist von einem Betonsockel eingefasst auf dem ein Spruch steht, der auf Deutsch so etwa bedeutet: „Aus Eurem Tod, unsere Freiheit“. Den findet man bei Denkmälern der Gefallenen des Ersten Weltkriegs häufig und er bezieht sich direkt auf die Mitglieder der Legionen, die im Ersten Weltkrieg auf Seiten der Entente gegen das Habsburgerreich kämpften, dessen Bürger sie als Böhmen eigentlich waren (siehe frühere Beiträge hier und hier), um die Unabhängigkeit des Landes zu erreichen. Sie sind einer der großen Heldenmythen der Tschechen. Den gefallenen Soldaten, die redlich weiterhin dem Österreichischen Heer dienten, wird allerdings ebenfalls gedacht bzw. ihre Namen stehen auch auf den Pylonen.

Schon unter den Nazis, die 1939 kamen, wurden die Hinweise auf den Freiheitskampf der Legionäre getilgt. Die Kommunisten verfuhren nach 1948 nicht besser. Die Legionäre standen ihnen zu sehr für die „bürgerliche“ Demokratie. Nach der Samtenen Revolution von 1989, die den Tschechen wieder Freiheit und Demokratie brachte, wurde das Denkmal (dem inzwischen eine Bronzetafel mit den Opfern der Nazibesetzung hinzugefügt wurde) in seinem Grundcharakter wiederhergestellt, aber es blieb renovierungsbedürftig. 2018 wurde es nach einer großen Geldsammlung unter den Zbraslaver Bürgern grundlegend restauriert und erneuert. Die Betoneinfassung des Felsen und der Statue wurden dabei ein wenig gegenüber dem Original verändert, aber ansonsten steht dieses wirklich atemberaubende Kriegerdenkmal wieder in vollem Glanze in der Mitte des Hauptplatzes der Stadt. Und die Freiheit trägt kühn und entschlossen die Fahne voran! (DD)

Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Er hat es geschafft, einen saumseligen Trinker, der einen dubiosen Hundehandel betreibt, die Disziplin der Armee untergräbt und bei dem man nie weiß, ob er dumm oder raffiniert oder beides ist, zum literarischen Nationalhelden der Tschechen zu machen: Jaroslav Hašek, der Autor der berühmten Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války (Die Erlebnisse des guten Soldaten Schwejk im Weltkrieg), deren erster Band 1921 erschien, ist zweifellos der weltweit bekannteste Literat des Landes. Es dauerte dennoch lange, bis man ihm in Prag ein Denkmal setzte.

Denn: Nicht jeder Tscheche konnte sich mit diesem Soldaten Švejk so recht identifizieren. Das gleiche galt für den Autor Hašek, der ebenfalls ein Trinker war, und der ein unstetes Berufsleben am Rande der Armutsgrenze führte, weil er die erforderliche Regelmäßigkeit der Arbeitswelt als für sich unangemessen hielt. Als Freunde ihm 1910 die Stelle als Chefredakteur der renommierten Tierzeitschrift Svět zvířat (Welt der Tiere) beschafften, fand er schnell echte zoologische Erkenntnisse langweilig und beschrieb in scheinbar ernstem Ton erfundene Tiere, wie noch lebende Urzeitflöhe oder zum Alkoholismus neigende Papageienarten. Er wurde gefeuert und wurde sogar für kurze Zeit tatsächlich – wie sein Švejk – Hundehändler, der gestohlene Hunde umfärbte und wiederverkaufte.

Im Ersten Weltkrieg wurde er nach russischer Kriegsgefangenschaft und dem Eintritt in die Tschechoslowakische Legion (was ihm, wäre er da geblieben, Nationalheldenstatus garantiert hätte) und einer Desertation am Ende 1918 zum Politischem Kommissar der Bolschewiki in Bugulma, wo er zwar die autoritären Tendenzen der Kommunisten mit Ironie in einigen wunderbar komischen Kurzgeschichten beargwöhnte, sich aber dann doch 1920 mit seiner neuen russischen Frau in die neu gegründete Tschechoslowakei schicken ließ, um dort die Weltrevolution voranzutreiben. Die fand nicht statt, aber man fand heraus, das er bereits vor dem Krieg mit einer Tschechin verheiratet (mit einem gemeinsamen Sohn) und folglich Bigamist war. Seine Alkoholsucht führte 1923 dazu, dass er im Alter von nur 39 Jahren starb.

Obwohl er im realen Sozialismus mit Sicherheit wegen seines anarchischen Charakters und seiner antiautoritären Grundhaltung schnell gründlich bei den Machthabern angeeckt wäre, reklamierten ihn die Kommunisten nach ihrer Machtübernahme 1948 stets für sich. Er konnte sich ja nicht mehr wehren. Das wiederum stärkte bei manchen Tschechen eine gewisse Abneigung gegen ihn und sein Werk.

Aber das nutzte letztlich nichts. Der gute Soldat Švejk und sein genial-chaotischer Autor sind nicht totzukriegen. Irgendwann musste man ihm vergeben und inzwischen scheint man beide wieder zu lieben oder sich zumindest mit der Tatsache abzufinden, dass er der erfolgreichste aller tschechischen Autoren war. Zurecht! Denn der Švejk ist und bleibt einer der größten Schelmenromane aller Zeiten und Hašeks Talent war so enorm, dass es die möglichen Charakterfehler, die er gehabt haben mag, nebensächlich erscheinen ließ. Ob man es will oder nicht: Er bleibt der große Nationalschriftsteller des Landes, wenngleich ihn ein solch pompöser Titel zum Stirnrunzeln gebracht hätte.

2001 beschloss man nach langem hin und her und vielen Anläufen schließlich, dass in Prag ein Denkmal für ihn her müsse. Es scheint den Stadtvätern nicht ganz leicht gefallen zu sein. So hatte man etwa 1993 ein noch unter den Kommunisten begonnenenes Denkmalsprojekt erst einmal beendet. Doch jetzt raffte man sich auf und warf allen Kleingeist über Bord. Man fand einen geeigneten Ort, den Prokop-Platz (Prokopovo náměstí ) im Stadtteil Žižkov (Prag 3), was nicht gerade der prominenteste Platz ist, aber wo der Schriftsteller immerhin eine zeitlang gewohnt hatte. Und man fand in Karel Nepraš auch einen genialen Künstler, der den hintergründigen Humor Hašeks in eine Skulptur umsetzen konnte.

Der entwickelte eine kongenial schräge Idee, nämlich Hašek mit Pferd darzustellen. Der Schriftsteller war weder Reiter, noch ist eine besondere Neigung zu Pferden bekannt. Man muss eben ein wenig abwegiger, um nicht zu sagen: šveikscher denken, um das zu verstehen. Das Denkmal steht nämlich unterhalb der großen Reiterstatue des Hussitenheerführers Jan Žižka, der ja irgendwie für Macht und Militär stand – genau das, was der gute Hašek in seinem Buch durch den Kakao gezogen hatte. Oder wie Bildhauer Nepraš kommentierte: „Jan Žižka sitzt auf dem Hügel über dem Platz, Hašek ist der zweite tschechische Kommandant“. Und tatsächlich kann man vom Prokop-Platz aus Žižka auf seinem Pferd sitzen sehen, dessen Pose das Hašeksche Pferde etwas stakselig nachahmt.

Und so steht die bronzene Büste des trinkfesten Hašeks nun auf einem steinernen Sockel, der einen Wirtshaustresen durchsticht, der mit dem Pferd eine Einheit bildet, dessen Beine wiederum wie die Zulieferröhren zum Zapfhahn aussehen. Das ist hintergründig und Hašek hätte wohl seinen Spaß an der Idee, ihn als Parodie des Helden Žižka und Biertrinker zugleich darzustellen.

Nepraš verstarb schon 2002 – ein Jahr nachdem das Denkmal in Auftrag gegeben worden war und er den Entwurf gemacht hatte. Die Fertigstellung stand in Gefahr, aber die Tochter des Künstlers, Karolína Neprašová, die ebenfalls eine Bildhauerin ist, vollendete das Werk. 2005 wurde das Denkmal feierlich eingeweiht. Und zahlreiche Prager tauchten dabei in Uniformen der alten österreichischen Armee auf – wie sie der Švejk dereinst trug. Ob sie es zugeben oder nicht: Die Prager lieben ihren Hašek. (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

Und auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks II: Im U Kalicha

Ebenfalls: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks IV: Geburtsort in der Gendarmeriewache