Barocktor mit Geist

Aus dem alten Königssitz auf dem Vyšehrad hatte sich in der frühen Neuzeit allmählich eine große Festungsanlage entwickelt. Die starken Mauern zur Talseite waren dabei mit großen Toranlagen versehen, wie dem 1841 erbauten Chotek-Tor im Norden des Areals. Diese hatten den Charakter genuiner militärischer Anlagen. Weitaus eleganter und spielerischer wirkt hingegen das Leopold-Tor.

Benannt nach dem damals regierenden habsburgischen Kaiser (und zugleich böhmischen König) Leopold I., wurde das Tor in den 1653 bis 1673 von dem berühmten Architekten Carlo Lurago (siehe auch früheren Beitrag hier) erbaut. Es steht an der Südseite des Vyšehrad und ist ebenerdig erreichbar. Es handelt sich um ein Musterbeispiel für barocke Festungsarchitektur, das möglicherweise gar mehr der Repräsentation, denn der militärischen Verteidigung dienen sollte.

In der Mitte des Tors befindet sich die Durchfahrt für Kutschen, gerahmt von zwei Eingängen für Fußgänger. Ursprünglich führte hier eine Zugbrücke über einen heute zugeschütteten Wassergraben. Die beiden nunmehr arbeitslos gewordenen Löcher für die Zugketten kann man immer noch über der mittleren Einfahrt sehen. Indes wurde die Zugbrücke 1842 durch eine feste Straße ersetzt – und so blieb es bis heute.

Auf eine echte Befestigung wurde verzichtet. Im Verteidigungsfall hätte man hinter dem Tor Leitern und Gerüste für die Schützen aufstellen müssen. Deshalb ist die Rückseite auch recht schlicht gestaltet, damit die Leitern fest stehen können. Die Legende behauptet, dass es hier auch nur einmal einen Kriegstoten zu beklagen gab. Im Laufe des Österreichischen Erbfolgekriegs hatten 1741 die Franzosen die Burg für eine kurze Zeit besetzt, und während dieser Zeit wurde ein französischer Soldat von einer verirrten Kugel getötet. Sein Geist soll bei Vollmond erscheinen und dann die Nacht hindurch Wache schieben. Kugeln, die Wachsoldaten später auf ihn abfeuerten, gingen durch ihn hindurch.

Das mag man glauben oder nicht, aber es ist eine schöne Geschichte. Schön ist natürlich auch die barocke Gestaltung der Vorderseite des Tores. Das ist durch rustifizierte Pilaster strukturiert und durch einen mit barockem Schwung konzipierten Giebel geschmückt. Die Stuckarbeiten stammen von dem Bildhauer Giovanni Battista d’Allio. Über dem Tor thronen ein kaiserlicher Adler und zur Seite je ein Böhmischer Löwe, das Wappentier des Landes.

Daneben sieht man noch drei Wappen, von denen eines den Doppeladler der Habsburger präsentiert – was. Das Tor ist auch für diejenigen, die steile Aufstiege nicht so recht zu schätzen wissen, der bequemste Weg in das Areal des Vyšehrad, das ja bekanntlich Pflichtprogramm für jeden Pragbesucher sein sollte. Von der Metrostation gleichen Namens ist es leicht und ohne Steigungen zu erreichen. (DD)

Enorme Fallhöhe

Ich bin nicht sonderlich schwindelfrei. Der Blick aus diesem Fenster in dieser Höhe dürfte aber nicht nur mir Schauder den Rücken hinunterjagen. Hier aus diesem Fenster, so weist eine daneben stehende Infotafel hin, wurden am 23. Mai 1618 – also heute vor 402 Jahren – die königlichen Statthalter Jaroslaw Borsita Graf von Martinitz, Wilhelm Slavata von Chlum und Koschumberg und der Kanzleisekretär Philipp Fabricius hinausgeworfen.

Das war der berühmte Zweite Prager Fenstersturz, mit dem die Repräsentanten des Böhmischen Aufstandes ein Fanal setzen wollten gegen den im Vorjahr an die Macht gekommenen König Ferdinand, der die Stände entmachten und das Land seiner religiösen Freiheit berauben wollte. Ihre Tat entfesselte jedoch einen Krieg, der sich als Dreissigjähriger Krieg zu einer europäischen Katastrophe ausweitete.

Hier soll uns eine andere Frage interessieren. Wie konnten die drei Königstreuen nur diesen Sturz überleben und sich dann unten noch ins benachbarte Lobkowicz Palais (früherer Beitrag hier) schleppen, wo sie Schutz fanden? Wie gesagt: Das, was heute den Touristen, die den Alten Königspalast (auch hier) in der Burg besuchen, als das historische Fenstersturz-Fenster vorgestellt wird, liegt in schwindelerregender Höhe. Das kann keiner überleben, denkt man sich.

Die katholische/habsburgische Seite schrieb das Überleben einem göttlichen Wunder zu, denn Gott musste ja einfach irgendwie auf ihrer Seite stehen. Das glaubte die andere Seite auch von sich und brachte Jahre später die schöne Geschichte in Umlauf, dass die Statthalter und der Sekretär auf einem großen und weichen Misthaufen gelandet seien.

Friedrich Schiller popularisierte diese Anekdote 1790 in seiner Geschichte des Dreissigjährigen Krieges (Kap. 3: „Ein Misthaufen, auf den die kaiserliche Statthalterschaft zu liegen kam, hatte sie vor Beschädigung gerettet.“), so dass sie heute fast jeder glaubt. Aber ein Misthaufen unter dem Könispalast? Unwahrscheinlich!

Und auch die Berichte der drei aus dem Fenster geworfenen, die überliefert sind, sagen nichts davon. Und auch die ihrer Gegner nicht. Wahrscheinlich hat man die Geschichte auf der protestantischen Seite erfunden, um das katholische Narrativ vom göttlichen Wunder ins Lächerliche zu ziehen.

Möglicherweise war es auch gar nicht das Fenster gewesen, das heute den Touristen in der Burg gezeigt wird. Andere Historiker erwähnen oft ein anderes Fenster, das immerhin ein Stockwerk tiefer liegt. Man ist ist hier in Wissenschaftskreisen anscheinend nicht so recht sicher. Aber selbst dieses Fenster ist noch sehr hoch gelegen und man muss sich immer noch wundern, dass alle drei diesen Sturz ohne große Verletzungen überstanden. Das untere Bild zeigt die beiden Fenster, das höhere ist rot, das weniger bekanntere untere ist blau markiert. Ich möchte jedenfalls aus keinem der beiden Fenster geworfen werden. (DD)

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Dobřichovice – kleiner Ort mit viel Skulptur

Haifischalarm? Mitten in Böhmen? Nein, es handelt sich um ein Kunstwerk, eine Skulptur. Und wo die steht, stehen noch mehr davon. Žralok červený (Roter Hai) heißt dieses Werk der Bildhauer Ivana Junková und Jan Slovenčík, das hier 2014 aufgestellt wurde.

Wir befinden uns in Dobřichovice, einer kleinen Ortschaft mit hübschem Schloss an der Berounka, rund 20 Kilometer südwestlich von Prag und ganz nahe bei Burg Karlštejn. Der kleine Ort ist voll von modernen Skulpturen und man fragt sich bald, warum es davon eine so hohe Konzentration gibt wie man sie selbst in Großstädten selten findet.

Und damit sind wir bei Petr Váňa. Der umtriebige Bildhauer organisiert hier im Orte seit 2003 das alle zwei bis drei Ajhre stattfindende Symposion Cesta Mramoru (Marmorweg) für tschechische und auch einige ausländische Künstler. Die hinterlassen seit diesem Jahr im Orte Unmengen von Skulpturen. Und jedes Jahr kommen neue dazu. Sie verteilen sich in der ganzen Ortschaft, aber vor allem auf dem rund einen Kilometer langen Stück Landstraße, das Dobřichovice mit dem benachbarten (noch kleineren) Dörfchen Karlík verbindet.

Váňa gilt als exzentrischer, weil dezidiert katholischer Künstler (was den areligiösen Tschechen meist suspekt ist). Seit 1997 löst er immer wieder heftige öffentliche Diskussionen aus, weil er eigenständig die Mariensäule aus dem 17. Jahrhundert auf dem Altstädter Ring in Prag wiederherstellen will (früherer Beitrag hier). Die war bei Ausrufung der Unabhängigkeit der Tschechoslowakischen Republik 1918 von der wütenden Menge zerstört worden, weil sie ein zentrales Symbol der Habsburgischen Fremdherrschaft darstellte. Der Plan Váňas verletzte mithin patriotische Gefühle. Erst 2013 raffte sich der Stadtrat dazu auf, die Genehmigung im Sinne des alten Stadtbilds zu erteilen. Seither weigert sich aber das Ordnungsamt, die zum Aufbau des bereits fertigen Denkmals nötige Absperrung zu genehmigen. Der Streit geht weiter und ist nicht ganz frei von Kleingeist…

Der Output von Váňas Symposion zeichnet sich hingegen durch Abwesenheit jenes Kleingeistes aus und ist tolerant in seiner Auswahl. Avantgardistisch Modernes steht neben Skurrilem und (immer noch modernen) Rückgriffen auf traditionellere Bildhauerei. Selbst moderne Verfremdungen sakraler Themen finden hier ihren Platz, wie das rechts gezeigte Werk Květ z mojí zahrady (Blume aus meinem Garten) des Bildhauers Václav Gatarik aus dem Jahr 2009, das eine als Pflanze wuchernde Pietà darstellt, mit einer fast unheimlich gesichtslosen Jungfrau Maria.

Konventioneller ist hingegen die Skulptur Zasněný mramor (Verträumter Marmor) aus dem Jahr 2017 – ein Werk des Bildhauers Petr Novák. Mit dem Mädchen, das sich an einen Pferdehals schmiegt, können sich sicher die reitbegeisterten kleinen Mädchen der Umgebung identifizieren. Jedenfalls ist es irgendwie doch eher niedlich, denn provokant-modern.

Wiederum geradezu reduktionistisch modern und daher zu vielfältigen Interpretationen einladend ist das rechts gezeigte Werk Elementární postava (Elementare Figur) des Bildhauers Jura Plieštik. Und so findet man eigentlich als Liebhaber von Skulpuren etwas für jeden Gechmack in Dobřichovice. Und das Material, der Marmor, fügt sich ja auch schön in die Natur und das dörfliche Umfeld der ja sehr idyllischen Umgebung ein. Das empfand Váňa übrigens schon lange bevor im die Idee mit dem Symposion und dem Marmorweg kam.

Schon 1999 kam er auf die Idee, im nur zwei Kilometer entfernten Dorf Mořinka auf einem Hügel einen Menhir (bzw. einen Pseudomenhir) zu errichten, der der Landschaft dort ein geradezu vorzeitliches Gepräge gibt. Man sieht also: In der Umgebung von Dobřichovice lässt sich mittlerweile Kunst erwandern, die weit in der Gegend verstreut ist. Man kann also Kunst- mit Wandertour verbinden. Dafür sei allen Beteiligten gedankt! (DD)

Kirche als Kartonmodell erhältlich

Das Tal der Berounka im Südwesten Prags ist ein alter Siedlungsraum. Spuren von Besiedlung, die bis ins Neolithikum zurückreichen, finden sich in Hülle und Fülle. Und so befindet sich die Kirche des Heiligen Martin und des heiligen Prokop (Kostel svatého Martina a Prokopa) in dem kleinen, in der Nähe von Schloss Dobřichovice gelegenen Örtchen Karlík samt Kirchhof auf einen alten bronzezeitlichen Gräberfeld.

Und die Kirche selbst kann natürlich auch auf ein beträchtliches Stück Geschichte zruückblicken. Schon im 12. Jahrhundert stand hier eine Rotunde, die zunächst nur dem Heiligen Martin gewidmet war und 1180 erstmals in den Chroniken auftauchte. 1282 fiel das ganze Dorf in den Besitz des Ordens der Kreuzherren mit dem Roten Stern, die sich um den Ausbau der (ab dem 14. Jahrhundert namentlich um den regionalen Heiligen Prokop ergänzten) Kirche bemühten. Der Orden, der unter anderem seine Einkünfte vom Brückenzoll an der Karlsbrücke erhielt (siehe auch früheren Beitrag hier), behielt die Kirche bis in frühe 19. Jahrhundert. Seither ist sie eine katholische Gemeindekirche.

1767 schritt der Orden, dessen Insignien – ein rotes Kreuz über einem roten, sechseckigen Stern man noch über dem Eingang sieht, zu einem großzügigen Umbau. Die Rotunde wurde um ein langes barockes Kirchenschiff in Rechtsecksform mit drei großen Fenstern an jeder Seite ergänzt.

Es folgten noch einmal kleinere, für den äußeren Eindruck wohl nicht sonderlich ins Gewicht fallende Ergänzungen und Umbauten in den Jahren 1807 bis 1810 und im Jahre 1834.

Bedeutsamer nahmen sich die Veränderungen aus, die 1889 durch den Architekten Matěj Krch durchgeführt wurden. Das barocke Erscheinungsbild wurde nun in ein neo-romanisches umgewandelt. Das Zwiebeldach des Glockenturms wurde zum Spitzdach und die ursprüngliche Rotunde wurde optisch inden Vordergrund gestellt. Innen wie außen (über dem Eingang) wurden Malereien im neoromanischen Stil hinzugefügt.

Dieser bis heute den Gesamteindruck der Kirche prägenden Umbau, der den Originalcharakter des Ursprungsbaus wieder in den Vordergrund stellte, kann sich sehen lassen.

Die Architektur der hübschen Dorfkirche hat jedenfalls viele Freunde gefunden, vor allem auch unter den Modellbauern, denn die Kirche der Heiligen Martin und Prokop ist sogar als Kartonmodell zum Nachbauen auf dem Markt – eine Ehre, die selbst vielen großen Stadtkirchen Prags noch nicht zuteil wurde. (DD)

Keine Burgfrauen

Wenn man eigentlich gar nichts über die Geschichte einer alten Burgruine weiß, lädt das dazu ein, Legenden frei zu erfinden. 1884 erfand der böhmische Dichter Jaroslav Vrchlický (früherer Beitrag hier) in seinem Theaterstück Noc na Karlštejně (Eine Nacht in Karlštejn) die Geschichte, dass Kaiser Karl IV. allen Frauen das Betreten seiner großen Königsburg Karlštejn grundsätzlich verboten hatte. Das war natürlich völliger Unsinn – nur erdacht, um komödiantische Verwicklungen in Gang zu setzen.

Trotzdem verbreitete sich bald das Gerücht, dass die Frauen damals tatsächlich „draußenbleiben“ mussten und stattdessen in der rund 20 Kilometer von Prag entfernten und heute fast völlig verschwundenen Ruine Hrad Karlík (Burg Karlík) untergebracht wurden. Die zu Fuß heute bequem in etwas über einer Stunde von Karlštejn erreichbare Burg liegt in einem Wald auf einem Berg versteckt. Die Größe des Areals lässt sich noch abschätzen. Soviel ist dann klar: Der Kaiser hätte mit den adligen Damen schweren Ärger gekriegt, wenn er ernstlich versucht hätte, sie in dieses kleine Gebäude zu packen – und auch noch weit entfernt vom Luxus der Burg Karlštejn.

Und tatsächlich behauptet kein Wissenschaftler, dass Vrchlickýs Idee irgendetwas mit der realen Geschichte der Burg Karlík zu tun habe. Aber was weiß der Wissenschaftler denn überhaupt? Ehrlich gesagt: Herzlich wenig. Man weiß nicht einmal genau, ob die kleine gotische Burganlage aus dem 14. Jahrhundert tatsächlich von Karl IV. erbaut wurde. Möglicherweise geschah das auch erst unter seinem Sohn Wenzel IV., der von 1363 bis 1419 in Böhmen regierte. Quellen erwähnen, dass sie 1422 bereits verlassen war. Die gängige Hypothese ist, dass die in den Hussitenkriegen zerstört wurde, die in Wenzels letztem Lebensjahr begannen. Dafür könnte sprechen, dass in der Nähe ja 1421 Burg Karlštejn erfolglos von den Hussiten belagert worden war. Dabei hätte auch Karlík Opfer eines Angriffs werden können. Aber es gibt keinerlei Quellenbelege, dass die Hussiten sich bei der Gelegenheit auch mit Burg Karlík beschäftigten.

Die Burg an sich war gut zu verteidigen. An drei Seiten ist sie von steilen Abhängen und Felsenwänden abgesichert. Der einzige Eingang wurde von einer Wallgrabenanlage (kleines Bild links) geschützt, die die kleine Hauptburg von der noch kleineren Vorburg trennte, was heute noch an der Erdformation erkennbar ist. Sie ist aber so klein, dass hier nur eine winzige Besatzung untergebracht werden konnte. Die meisten Forscher denken, dass die Burg als vorgeschobener befestigter Wachtposten der nahen Burg Karlštejn erbaut wurde. Vereinzelt gibt es auch Stimmen, die von einem kleinen Jagdschloss sprechen. Aber quellenmäßig bewegen wir uns da immer noch auf unsicherem Grund.

Vielleicht erbringt einer tiefer gehende archäologische Erforschung Licht hinter das Geheimnis. Als wir im Spätsommer letzten Jahres hier waren, hatten die Archäologen wohl gerade damit angefangen. Das war ein Glücksfall, denn so konnte man die die sonst unter der Erde befindliche Ummauerung der Burg erkennen und einige Mauern der inneren Gebäude. Es handelte sich also zwar um eine kleine, aber durch recht dicke Steinmauern bewehrte Burg, wie man auf den Photos erkennen kann.

Unterhalb der Burg fand man einen kleinen Keller, dessen verschütteter Eingang heute am Wegesrand gut sichtbar ist (Bild links). Und anscheinend ist gesichert, dass es einen tiefen Brunnen gab, der die Versorgung mit Wasser im Belagerungsfall sicherte (etwas, worüber die große Burg Karlštejn nicht verfügte). Irgendwie ist Burg Karlík ein spannender Ort – auch wenn die kessen Burgfrauen aus der Imagination Vrchlickýs nie dort, sondern ganz sicher immer innerhalb der sicheren und wohnlichen Gemäuer von Karlštejn waren. (DD)

Roter Dichter, früh verstorben

Wie geht man mit Denkern und Künstlern um, die als Apologeten des Kommunismus in Erscheinung traten, die aber selbst keiner aktiven Beteiligung an Verbrechen schuldig waren? Vor allem in einem Land, das die kommunistische Unterdrückung durchleiden musste?

Nun, auch dann gilt im Zweifelsfalle die Unschuldsvermutung, zumindest, wenn kein direkter Aufruf zu Gewalt erfolgte. Kunst muss schließlich frei sein. Deshalb steht das Denkmal von  Jiří Wolker immer noch im Park Přátelství (Park der Freundschaft) im von Plattenbauten beherrschten Stadttteil Prosek. Es wurde dort auch noch in kommunistischer Zeit, genauer: 1987, aufgestellt. Gestaltet wurde die Statue 1984 von dem Bildhauer Miloslav Šonka, der in diesen Zeiten recht häufig der realsozialistischen Heldendarstellung frönte. Heute befindet sich eine kleine Infotafel neben dem Denkmal, das über den Dargestellten informiert.

Aber wer war Wolker? Der war 1921, als er im Alter von 21 Jahren seine erste Gedichtsammlung Host do domu (deutscher Titel: Gast ins Haus) veröffentlichte, ein Jungstar unter den tschechischen Dichtern der Zeit. Mit seiner einfachen und klaren Poesie versuchte er, die Not der proletarischen Bevölkerung hautnah zu schildern. Theaterstücke und Prosawerke folgten. Er wurde zu einem der Hauptvertreter der tschechischen proletarischen Dichtung. Wie viele seiner Gesinnungsgenossen in der Künstlerwelt kam er allerdings, so muss hinzugefügt werden, aus einen großbürgerlichen Hause.

1921 gehörte er zu den Gründern der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei. Man wird nie wissen, wie er sich verhalten hätte, als der KP-Vorsitzende  Klement Gottwald die Partei 1929 nach stalinistischem Muster organisierte („säuberte“) und damit den Exodus oder Hinauswurf vieler freigeistiger Schriftsteller, etwa Vladislav Vančura (früherer Beitrag hier), bewirkte. Einen gewissen Hang zum Dogmatismus zeigte er, als er 1922 die Künstlervereinigung Devětsil, der auch bürgerlich-demokratische Dichter wie František Halas angehörten, verließ, weil sie ihm zu unpolitisch war. Auf jeden Fall konnte er sich aber nicht mehr wehren, dass die Kommunisten ihn posthum zur proletarischen Kultfigur stilisierten (wovon das Denkmal in Prosek Zeugnis ablegt).

1923 erkrankte er an Tuberkulose. Auch ein Sanatoriumsaufenthalt in der Tatra erbrachte keine Besserung. Das Ende war abzusehen. Er blickte ihm mutig ins Auge und schrieb sogar das Epitaph für seinen Grabstein:

Hier liegt Jiří Wolker,
ein Dichter, der die Welt geliebt,
und für deren Gerechtigkeit ging er sich schlagen.
Doch noch bevor zum Kampf er zog sein Herz,
starb er – mit 24 Jahren.

Sein frühzeitiger tragischer Tod als junger Mensch und die Gradlinigkeit seiner Dichtung machten ihn auch über das eigene politische Lager hinaus populär und sicherten trotz seiner kommunistischen Anschauungen seinen Nachruhm. (DD)

Wo Mozart residierte und komponierte

Das ist der eigentliche Mozart-Ort in Prag. Hier vollendete der Komponist seine große Oper Don Giovanni. Prag war überhaupt Mozarts Lieblingsstadt. Hier liebte ihn auch das Publikum weit mehr als im schnöden Wien. „Meine Prager verstehen mich“, soll er einmal frohlockt haben. Und hier in der Bertramka fand er Muße für seine Kompositionen bei Menschen, die ihn verstanden und schätzten.

Das schmucke Landhaus im Stadtteil Smíchov wurde im 17. Jahrhundert als Anwesen eines Weinguts erbaut, das etwas später einem gewissen František Bertramský gehörte – was dem Haus den Namen gab. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde es in dem italienisch geprägten klassizistischen Stil umgebaut, in dem Mozart es kennenlernte und in dem wir es im Kern heute noch bewundern können. 1784 kaufte der mit Mozart befreundete Komponist František Xaver Dušek zusammen mit seiner Frau, der Opernsängerin Josefina, das Anwesen. Wenn sich Mozart in Prag aufhielt, tat er es fortan meist im Hause des Ehepaars, das erste Mal 1786.

Im Herbst 1787 bereitete hier dann Mozart die erste Aufführung des Don Giovanni vor, die dann im Ständetheater stattfand. Auch die erste Prager Aufführung der Oper La clemenza di Tito wurde hier 1791 von Mozart vorbereitet. Und für Josefina Dušek komponierte er im Hause sogar persönlich eine auf sie maßgeschneiderte Konzertarie.

1824 verkaufte die bereits verwitwete Josefina Dušek das Haus. Es folgten noch etliche Besitzerwechsel bis dann 1925 die österreichische Stiftung Mozarteum das Haus übernahm. 1929 ging es in die Verwaltung der lokalen Mozartgemeinde über, die hier ein Museum zu Ehren des Komponisten einrichtete. Zum 200. Geburtstag Mozarts wurde das Haus 1956 gründlich restauriert. Ansonsten wurde es aber in den Zeiten des Kommunismus ein wenig vernachlässigt. Bei der Privatisierung nach dem Ende des Kommunismus gab es jahrelange Rechtsstreitigkeiten zwischen rivaliserenden Eigentümerinteressen. Lange blieb das Haus geschlossen. Immerhin gibt es jetzt wieder ein Museum im ersten Stock, in dem es wechselnde Ausstellungen zum Leben und Werk Mozarts und seiner Zeitgenossen zu sehen gibt.

Eine Grundrenovierung tut trotzdem dringend Not. Das, was man heute sieht, ist nämlich äußerst hübsch. Die bemalten Holzdecken und der schöne Keramikofen geben dem Haus ein authentisches Flair. Runherum liegt ein schöner Park – dort, wo einst der Weinberg war. Das alles muss einfach in Schuss gebracht werden. Und dann ist ja auch noch die Tatsache, dass Mozart den Kern des abendländischen Kulturerbes repräsentiert. Um die Sache zu beschleunigen, hat der tschechische Staat das Gebäude 2019 zum Nationalen Denkmal erhoben. Denn das Erbe Mozarts sollte der Welt doch einiges wert sein. (DD)