Frischgebackener Heiliger

Heute ist der 16. Mai; der Tag des Heiligen Nepomuk. In Tschechien, aber auch in Österreich und Süddeutschland ist er als der Schutzheilige der Brücken bekannt. Den Grund dafür sieht man hier im Bilde. Am März 1393 endete das Leben des guten Nepomuk vorzeitig und gewaltsam, weil der böhmische König Wenzel IV. ihn kopfüber die Karlsbrücke hinunter in die Moldau werfen ließ.

Nepomuk, der Generalvikar des Erzbischofs von Prag, war in die Machtkämpfe zwischen Erzbistum und dem König geraten, der das Bistum zu schwächen und zu verkleinern begonnen hatte. Erst später erfand man die Geschichte, dass Nepomuk dem stets eifersüchtigen König nicht berichten wollte, was dessen Frau ihm unter dem Beichtgeheimnis anvertraut hatte. Die Legende beförderte später Nepomuk zusätzlich zum Heiligen der Brücken auch noch zum Heiligen des Beichtgeheimisses. Zum richtigen Kultheiligen der Böhmen wurde Nepomuk aber erst nach dem Dreissjährigen Krieg als die Habsburger zur Festigung ihrer Macht die Gegenreformation betrieben und einen guten lokalen Heiligen für die Böhmen brauchten, der sich nicht gegen die Dynastie wenden ließ. 1670 verfasste der jesuitische Historiker Bohuslav Balbín seine Vita und popularisierte ihn. 1721 wurde er selig- und schließlich am 19. März 1729 von Papst Benedikt XIII. heiliggesprochen.

Der die Brücke hinunterfallende Nepomuk, den wir hier sehen, wurde im Jahr der Heiligsprechung in Sandstein gemeißelt und befindet sich im knapp nördlich von Prag gelegenen Ort Chlumín. Dort steht auf dem etwas schläfrigen, aber mit einigen Kulturschätzen gesegneten Dorfplatz vor der barocken Kirche eine große und mutmaßliche Marien- oder Pestsäule. Ob sie nämlich wirklich das Ende der letzten großen Pest in Böhmen von 1713/14 gedenken sollte, ist nämlich fraglich, da einige typische „Pestheilige“, wie etwa der Heilige Rochus, darauf fehlen. Wie dem auch sei: Die Stifterin, die in Böhmen lebende Prinzessin Anna Maria Franziska Großherzogin von Toskana von der Toskana gedachte, mit dieser Säule ein frommes Werk zu tun.

Was den Reichtum der skulpturalen Ausstattung angeht, so muss sich die Säule in Chlumín vor keinem ihrer Gegenstücke in der Königsstadt Prag verstecken (die wir u.a. hier, hier und hier vorstellten). Mehr noch als die namensgebende Maria stellte der Bildhauer Jan Pursch, der u.a. auch den Hauptaltar der Ludmillakirche im nahen Mělník gestaltet hatte, böhmische Nationalheilige mit Märtyrerstatus in den Mittelpunkt seines Schaffens. Drei von ihnen befinden sich an prominenter Stelle am Hauptsockel: Ludmilla (kleines Bild links), Wenzel (rechts), und eben Nepomuk. Und über jeder Statue gibt es ein kleines Relief, das den Märtyrtod darstellt. Bei Ludmilla das Erwürgen mit dem Schal, bei Wenzel der Schwerthieb vor der Kirchentür und – wie wir oben sehen – beim frischgebackenen heiligen Nepomuk der Sturz von der Brücke.

Damit bastelte der Künstler an der Heiligenlegende, indem er Nepomuk in eine Reihe mit bereits eingeführten Nationalheiligen stellte. Seine Statue entspricht der sich damals entwickelnd Konvention, was die Attribute angeht – mit der einen Ausnahme, dass er keinen Heiligenschein mit Sternen trägt. Nepomuk ist nämlich der einzige Heilige außer der Jungfrau Maria, der bei der Darstellung Sterne im Heiligenschein tragen darf, wenngleich nur fünf und nicht 12 (Beispiel hier). Man erkennt ihn aber trotzdem.

Chlumín ist wohl eine wirtschaftlich etwas abgehängte Ortschaft und seine durchaus sehenswerten Kulturdenkmäler – Kirche und Schloss – machen einen etwas heruntergekommenen Eindruck. Dass ihre Mariensäule mit dem Heiligen Nepumuk (und anderen) etwas wirklich besonderes ist, dessen war man sich wohl immer bewusst. Sie wurde immer gehegt und gepflegt. 1958 renovierten selbst die Kommunisten sie und 2000 wurde sie noch einmal auch neuesten Stand gebracht. Blitzblank sieht das Ganze jetzt aus. (DD)

Känguruverein

Ein Känguru als Vereinslogo? Die hüpfenden Beuteltiere leben doch gar nicht in Tschechiens Wäldern! Und dann der Namen Bohemians statt „Die Böhmen“ oder „Češi“? Für einen lokalen Fußballverein? Zurecht vermutet man dahinter eine interessante Geschichte.

In der Tat hieß der Verein, als er 1905 gegründet wurde, noch AFK Vršovice und war, wie der Name sagt, nur ein Stadtteil-Sportverein in Prag Vršovice (heute Prag 10). Man spielte in den untersten Fußball-Ligen. Aber 1926 hatte man eine witzige Idee. Warum nicht mal nach Australien fahren und dort Fußball spielen? Das tat man im nächsten Jahr. Die Schiffsreise dauerte von Neapel aus 23 Tage. Unterwegs stoppte man in Colombo (damals Ceylon, heute Sri Lanka), um eine Auswahl britischer Kolonialsoldaten 4:2 zu schlagen. In Australien zog man durch alle Provinzen. Als erstes schlug man am 5. Mai die Mannschaft von Perth 11:3. Am Ende schaffte man am 25. Juni sogar gegen die Nationalmannschaft des Landes ein ehrenhaftes 4:4. Die Australier fanden das extrem exotisch und machten zweierlei: (1) Da sie ein Wort wie „Vršovice“ nicht aussprechen konnten, nannten sie die Mannschaft einfach Bohemians, und (2) gaben sie der Mannschaft zum Abschied ein niedliches Kängurupaar mit auf den Weg als Geschenk für Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk (der es dann dem Zoo spendete). Die Bohemians und ihr Logo waren geboren.

Mit dem durch den Erfolg der Tour gestärkten Selbstbewusstsein wuchs auch die Spielleistung. Man stieg in die erste Liga des Landes auf und blieb seither die meiste Zeit dort. 1983 wurde man sogar tschechoslowakischer Meister! Auch im Ausland reüssierte man immer wieder. Nur gegen eine wirkliche Gigantenmannschaft verlor man einmal 1986 beim UEFA-Pokal schlapp mit 2:8. Aber man kann ja auch von den Leuten nichts Unmögliches verlangen. Vielleicht hat man damals danach diskutiert, ob nun Kängurus oder Geißböcke die besseren Vereins-Maskottchen sind. Vielleicht auch nicht.

Ja, und 2005 kam die dunkle Zeit, da der Verein insolvent war. Danach zankten sich zwei aus der Konkursmasse hervorgegangene Mannschaften darum, wer sich denn nun Bohemians nennen dürfe. Das hat man inzwischen gelöst und heute spielt man wieder in der ersten Liga. Die Vršovicer lieben jedenfalls ihren Verein innig.

Zurück zur Geschichte: Mit dem Erfolg kam auch die Notwendigkeit eines Stadions. Bei der Gründung 1905 spielte man auf irgendwelchen Spielfeldern, die gerade frei waren. 1914 legte man auf einem Feld in der Nähe einer Fabrik einen kleinen Platz an, der wegen seiner Muldenform Ďolíček (kleine Grube) genannt wurde. Als man dann aufgestiegen war und 1932 ein richtiges Stadion bauen ließ, behielt es diesen Namen, den es heute noch trägt. Der Architekt A. Vejvoda gestaltete das Stadion im funktionalistischen Stil mit dem Känguru-Logo am Eingang (großes Bild). Ursprünglich fasste das Stadion, das mit einem Spiel der Bohemians gegen Slavia Prag eingeweiht wurde, rund 18.000 Zuschauer – fast alle auf Stehplätzen. Heute passen rund 6.300 hinein, was unter anderem mit der Umwandlung der meisten Steh- in Sitzplätze bei der Renovierung 2007 zu tun hatte. Immer wieder wurde das Stadion im Laufe der Zeit modernisiert (1955 wurde zum Beispiel das Flutlicht eingeführt). Inzwischen wird es nicht nur für den Fußball, sondern auch für Rockkonzerte (das mit Tina Turner 1996 blieb in besonders guter Erinnerung) genutzt. Ach ja, gegen australische Mannschaften scheinen die Bohemians schon lange nicht mehr gespielt zu haben. (DD)

Sternwarte mit Fischers Equipment

Die Sternwarte Ďáblice (Ďáblice hvězdárna) ist ausgesprochen schön in freier Natur gelegen. Die kleine Felsanhöhe, auf der sie liegt, heißt zu Recht Na vyhlídce (Zur Aussicht). Sie liegt auf einer Höhe von 328 Metern in einem im Nordosten Prags gelegenen Waldgebiet namens Ďáblický háj (Dablitzer Hain).

Sie ist neben dem Prager Planetarium (Planetárium Praha) im Stromovka Park und dem Štefánik Observatorium am Petřín-Berg eine von drei öffentlichen städtischen Sternwarten. Zwischen 1955 und 1956 wurde das kleine Gebäude erbaut, und zwar im Rahmen der sogenannten Aktion Z. Im Rahmen dieser Aktion legte der kommunistische Staat den Bürgern nahe, sich auch unentgeltlich am Aufbau des Sozialismus im Lande zu beteiligen, um offiziell gar nicht existierenden Planungsversäumnisse des Staates auszugleichen. Wo normalerweise bei Aktion Z der Übergang von bürgerlichem Engagement zur Zwangsarbeit fließend war, schien es in diesem Falle den Mitgliedern eines Astronomischen Kreises in der Stadt sehr entgegenzukommen, sich nun eine kleine Wirkungsstätte bauen zu können.

Der Bau ist recht simpel, aber zweckmäßig gestaltet. Auf dem eingeschossigen Gebäude befinden sich zwei Kuppeln, von denen die westliche am besten ausgestattet ist. Dort befindet sich ein Fernrohr (Refraktor) mit einem Linsendurchmesser von 190 Millimetern und einer Brennweite von 3.000 Millimetern. Es befand sich dereinst im privaten Observatorium von František Fischer, einem Veteranen der Tschechoslowakischen Legion im Ersten Weltkrieg, der nach dem Krieg als erfolgreicher örtlicher Pharmazeut das nötige Geld für den Bau einer eigenen Sternwarte erwirtschaftet hatte.

Zudem war er Mitbegründer der Tschechischen astronomischen Gesellschaft (Česká astronomická společnost – ČAS) und genoss als Hobbyastrologe auch unter den Profis einen einwandfreien Ruf als Fachmann. Nach seinem Tode 1966 spendeten seine Erben das Equipment und die Fachbibliothek der neuen Sternwarte von Ďáblice. Sie ist dort ausgestellt. Überhaupt bietet die Institution ein professionelles Ausstellungs- und Veranstaltungsangebot mit Filmabenden, Vorträgen und Projektionen des Nachthimmels. Und wer sich für den Anblick von Sternen nicht begeistern will, kann von hier aus immerhin weit in die irdische Ferne schauen und die Landschaft der Umgebung bewundern. Die Sternwarte ist auf jeden Fall ein lohnendes Ausflugsziel. (DD)

Kreuzherrenschloss im Nordosten

Das Schloss Ďáblice (zámek Ďáblice) an der U Parkánu 25/1 im nordöstlichen Prager Stadtteil Ďáblice wurde 1235 erstmals urkundlich erwähnt als der von der böhmischen Nationalheiligen Agnes gegründete Ritterorden der Kreuzherren mit dem roten Stern es von Konstanze von Ungarn, der Witwe des böhmischen Königs Otakar I., erwarb.

Der Orden, der seine Besitzungen in der Gegend 1254 noch einmal vergrößerte, nutzte es hauptsächlich für die Landwirtschaft für die Versorgung der von ihm betriebenen Prager Klöster. Während der Hussitenkriege fiel das Schloss kurz an die Hussiten, wurde aber schon bald restituiert. Der gotische Originalbau brannte 1526 bei einem Feuer ab und wurde danach im Renaissancestil wieder aufgebaut. Dieser neue Bau fiel 1731 ebenfalls den Flammen zum Opfer und der 1755 vollendete Wiederaufbau erfolgte diesmal im Stil des Barock, der das Äußere heute weitgehend bestimmt.

Das Schloss in der Mitte des alten Dorfkerns des andernorts von Plattenbeton dominierten Stadtteils Ďáblice ist ein L-förmiges Gebäude. Die Vorderfront gesteht aus dem zweiflügeligen Barockschloss, dessen Zentrum die Schlosskapelle der heiligen Dreifaltigkeit und des Heiligen Wenzel (Zámecká kaple Největejší Trojice a sv. Václava) bildet. Die ist vor allem durch seine Deckengemälde bemerkenswert, die von dem Maler Jan Ezechiel Vodňanský angefertigt wurden. Leider ist das Gebäude heute nicht der Öffentlichkeit zugängig, so dass man das nicht sehen kann.

Etwas entschädigen tut das Äußere dann schon. Die schmucke Barockfassade ist von einem kleinen Zwiebelturm geschmückt, auf dessen Spitze sich das für den Orden typische rote Kreuz mit seinen acht Spitzen und das namensgebende sechseckige Kreuz befinden.

Auf dem Giebel befindet sich wiederum eine Dreiergruppe von barocken Statuen. Es handelt sich um den Heiligen Wenzel, der von zwei Engeln umgeben ist. Vermutlich sind sie ein Werk des königlichen Hofbildhauers Ignaz Franz Platzer (siehe auch früheren Beitrag hier), aber ganz gesichert scheint das jedoch nicht zu sein.

Rechtwinklig dazu positioniert befindet sich ein großes Wirtschaftsgebäude, das im 19. Jahrhundert ein wenig überarbeitet und stilistisch an die frühere Renaissancephase des Schlosses anknüpft. Das Schloss gehört übrigens nicht mehr dem Kreuzritterorden, sondern wurde 1948 der Prager Verwaltung unterstellt, die es teilweise noch so nutzt wie die Kreuzherren, nämlich landwirtschaftlich. Die Kapelle fungiert wiederum als Gemeindekirche. (DD)

Rotarmist mit Blumenstrauß

Im Mai 1945 schüttelte Prag das Nazi-Joch ab. Seit dem 5. Mai tobte der Prager Aufstand, an dem sich tschechische Bürger beteiligten, von denen viele nicht unbedingt von der braunen Nazityrannei in die rote Sowjetdiktatur überwechseln wollten. Und seit dem 6. Mai kämpfte sich die Rote Armee verlustreich den Weg in die Stadt. Die Wehrmacht kapitulierte am 8. Mai vor den heimischen Aufständischen. Einen Tag später marschierte die Rote Armee in der Innenstadtein. Heute ist verständlicherweise der 8. Mai der Feiertag, mit dem man hierzulande das Kriegsende begeht. In den Zeiten des Kommunismus war es der 9. Mai und die Kommunisten setzten alle Mittel ein, um die Menschen davon zu überzeugen, dass erst die Rote Armee die wahre Befreiung brachte.

Viele Prager wären wohl lieber von den Amerikaner befreit worden, wie etwa der Westteil Böhmens um Pilsen. Wie dem auch sei: Zu den Mitteln, mit denen man Sympathien für Stalins Truppen gewinnen wollte, gehörte auch die künstlerische Gestaltung der Denkmalskultur. Die hatte den Vorgaben des Sozialistischen Realismus zu folgen und sollten die „wahre“ Gesinnung stärken. Viele Kriegsdenkmäler stellen daher die Rotarmisten ausgesprochen unmartialisch, ja geradezu pazifistisch als Bringer von Freundschaft und Solidarität dar.

Kernstück der Ikonographie war dabei der Blumenstrauß, die die Rotarmisten in der Hand tragen (frühere Beispiele hier und hier). Das erinnert irgendwie an Reden vor großen kommunistischen Parteitagen, wo nicht nur die Zuhörer dem Redner, sondern der Redner den Zuhörern applaudierte. Man sieht eigentlich nie, dass begeisterte Tschechen oder Tschechinnen den „Befreiern“ Blumen reichen, sondern nur umgekehrt.

Ein Beispiel dafür steht vor dem Friedhof des nördlichen Stadtteils Vinoř (Prag 9).Vor dem Haupteingang des Friedhofs (Vinořský hřbitov) an der Prachovická steht der einsame Rotarmist, etwas überlebensgroß, auf dem Sockel. Er hält den obligatorischen Blumenstrauß in der Hand und kein Gewehr. Auch scheint niemand da zu sein, der den Strauß entgegen nimmt. Die schlichte Skulptur, die geradezu archetypisch den damals ideologisch gewollten Stil repräsentiert, wurde 1949 aufgestellt und ist das Werk der Bildhauerin Taťána Konstantinová, die in Prag etliche systemkonforme Werke hinterlassen hat.

Vor dem Denkmal steht eine kleine Tafel mit den Namen fünf sowjetischer Soldaten, die hier entweder am letzten Kriegstag fielen oder einige Zeit später ihren Verletzungen erlagen. Kriegsopfer waren sie allemal. Deshalb mag man zu Recht über den Agitprop-Kitsch mit den Blumen schmunzeln, aber abreißen wollte man das Denkmal dann doch nicht. (DD)

Der General des Aufstandes

Zum heutigen Jahrestag: Am 8. Mai 1945 – vor 76 Jahren – kapitulierte die deutsche Wehrmacht in Prag. Sie kapitulierte nicht vor der bereits einmarschierenden Roten Armee, sondern vor den Bürgern, die drei Tage zuvor den großangelegten Prager Aufstand (siehe auch hier, hier und hier) gegen die Nazityrannei gestartet hatten. Es war ihr nicht gelungen, den tapferen Widerstand der Tschechen zu brechen.

Das lag nicht zuletzt an dem militärischen Geschick des Befehlshabers der Auständischen, General Karel Kutlvašr, dessen Denkmal in Prag wir hier vorstellen. Wie für die meisten Aufständischen war es für ihn nicht nur eine Frage des nationalen Stolzes, die Nazis militärisch zu besiegen, sondern auch ein (letztlich vergeblicher) Versuch die Tschechoslowakei in der Nachkriegszeit irgendwie aus dem Bann der kommunistischen Sowjetunion zu ziehen und wieder zu einem demokratischen Staat werden zu lassen.

Kutlvašr hatte im Ersten Weltkrieg bis 1920 tapfer in der Tschechoslowakischen Legion in Russland (frühere Beiträge u.a. hier, hier und hier) gekämpft und es dort zum Regiments-Kommandanten gebracht. Er half der jungen Tschechoslowakischen Republik beim Aufbau ihres Militärs und wurde 1928 Brigadegeneral. Wäre es nach ihm gegangen, hätte die Republik 1939 gegen den Einmarsch der Nazitruppen militärisch vorgegangen, eine Idee, die die Regierung aber als aussichtslos verwarf. Konsequent schloss sich Kutlvašr daraufhin der Widerstandsgruppe Obrana národa (Verteidigung der Nation) an. Nur knapp entging er immer wieder der Verhaftung. Als sich das Ende des Krieges näherte, wurde er durch das vom Dachverband der bürgerlichen Widerstandsgruppen, dem Tschechischen Nationalrat (Česká národní rada), einberufene Nationalkomittee zum militärischen Befehlhaber des geplanten Aufstandes im Mai ernannt.

Für seine Tapferkeit und sein Geschick bei der Führung des Aufstandes bekam er keinen Dank. Als die Kommunisten 1948 die Macht ergriffen, waren sie zunächst daran interessiert das Erbe des als „bürgerlich“ eingestuften Aufstandes zu verdrängen oder zu verunglimpfen. In einem Schauprozess wurde Kutlvašr mit fabrizierten Beweisen wegen Hochverrats und Umsturzplänen zu lebenslanger Haft verurteilt. 1960 wurde er zwar vorzeitig freigelassen, war aber durch die Haftbedingungen so sehr gesundheitlich angeschlagen, dass er im Jahr darauf starb.

Während des Prager Frühlings von 1968 wurde er zwar postum vom Vorwurf des Hochverrats freigesprochen, aber nicht völlig rehabilitiert. Das geschah erst nach der Samtenen Revolution von 1989, die den kommunistischen Spuk beendete. Deshalb wurde sein Prager Denkmal – eine Plakette mit Büste – erst im Jahre 2000 eingeweiht. Es befindet sich am Rathaus (Táborská 500/30) des Stadtteils Nusle (Prag 4) mit Blick auf den náměstí Generála Kutlvašra (General Kutlvašr Platz), der schon1997 so benannt wurde. Unter den Kommunisten hieß er noch Platz der Pariser Kommune (náměstí Pařížské komuny). Während des Prager Aufstands fanden hier blutige Kämpfe statt. Gestaltet wurde das Denkmal von dem Bildhauer František Bartoš. Unter der Büste, die ihn in Uniform zeigt, steht ein Text, der Kutlvašrs Werdegang nun endlich gebührend würdigt. (DD)

Die erste „Platte“ – noch recht wohnlich

Eigentlich ist das ein normales, sogar recht human dimensioniertes und ästhetisch ansprechendes Mietshaus. Der hier gezeigte Eingang sieht nicht einmal nach „Platte“ aus. Es war ja auch der Prototyp, den wir hier in der U Prefy 771/25 im Prager Stadtteil Ďáblice sehen. Der Prototyp aller Plattenbauten in der damals kommunistischen Tschechoslowakei. Und Prototypen machen ja meist mehr her als das, was der Endverbraucher am Schluss kriegt…

Bei Plattenbauten denkt man an einförmige Quaderblöcke zur Massenhaltung von Menschenmaterial in kommunistischen Vorstädten. Und das war ja auch größtenteils die Realität. In der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik wurden rund drei Millionen Wohnungen so fabriziert. Aber an für sich ist die Idee, Häuser mit vorgegossenen Betonteilen, aufgehängt in Stahlskeletten zu bauen, ja durchaus sinnvoll und muss nicht dort enden, wo sie im Kommunismus endete. Schon in den (vorkommunistischen) 1920er Jahren hatte es immer wieder zuerst in den Vereinigten Staaten, dann auch in Deutschland Wohnungsbauprojekte dieser Art gegeben.

In der Tschechoslowakei musste man noch etwas warten. Im Jahre 1948 beauftragte man den Architekten Miloslav Wimmer, das hier vorgestellte Haus in Ďáblice zu enwerfen – als Prototyp der später in geringer Stückzahl verbreiteten Serie T16. Und so wurde hier 1953 das erste vollständig in Plattenbautechnik hergestellte Wohnhaus fertiggestellt. Aber den Behörden kamen auf einmal Bedenken ob der statischen Sicherheit. Man zog den Architekten Stanislav Bechyně hinzu, der als Meister gewagter Betonbrückenprojekt damals über Weltruhm verfügte. Der rechnete noch einmal nach und fand, dass die Statik doch völlig in Ordnung sei. 1955 zogen darob die ersten Mieter ein.

Nun hätten ja etliche Vordenker der eintönigen Plattenbaubatterien – als Negativbeispiel sei Le Corbusier genannt – niemals selbst in solchen Wohnungen wohnen wollen, die sie voll ideologischer Inbrunst der Arbeiterklasse anempfahlen. Wimmers Haus war immerhin so ansprechend, dass Wimmer dort selbst als einer der ersten Mieter einzog und bis zu seinem Tod im Jahr 2010 dort blieb. Das hatte vielleicht auch etwas damit zu tun, dass der doch recht wohnliche Prototyp im ländlichen Dorfkern von Staré Ďáblice (Alt Dablitz) steht – gleich neben einem alten Schlösschen. Das ist idyllisch. Im heutigen modernen Teil von Ďáblice, der etwas außer Sichtweite liegt, tobten sich Wimmers Nachfolger in hoher Konzentration mit Plattenmonstrositäten aus, wie wir sie halt so kennen (Bild oberhalb links). Das ist nicht ganz so idyllisch – um es vorsichtig auszudrücken. Wäre man doch besser auch hier bei Wimmers Dimensionen geblieben…. (DD)

Gedenken unter der Brücke

Als am 5. Mai 1945 – heute vor 76 Jahren – der Prager Aufstand (siehe auch hier und hier) ausbrach, um die Nazis endgültig aus der Stadt zu vertreiben, spielte die damals noch Troja-Brücke (Trojský most) genannte Brücke eine strategisch wichtige Rolle im Geschehen. Deshalb wurde sie schon 1947 in Brücke der Barrikaden (Most Barikádníků) umbenannt und damit zu einem Gedenkort für die hier gefallenen Aufständischen.

Unter ihrem alten Namen war die Brücke in den Jahren 1924 bis 1928 von den Architekten František Mencl und Josef Chochol im kubistischen Stil erbaut worden. Der damals immer reger werdende Autoverkehr fuhr dabei noch über einen Fahrweg mit Holzbelag, was zwar damals nicht unüblich war, aber sich als recht laut und lärmig erwies – und auch nicht als ganz verkehrssicher (Rutschgefahr bei Nässe!). Ansonsten war lange Zeit das tragischste Ereignis, das man mit der Brücke verband, der Selbstmord des bekannten Architekten Bedřich Feuerstein (dem Erbauer des berühmten Krematoriums in Nymburk), der sich hier im Mai 1936 hinunterstürzte. Eifrige Retter konnten ihn zwar nach kurzer Zeit aus den Moldaufluten fischen, aber er verstarb dennoch im Krankenhaus, ohne je das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

Aber das wirklich blutigste Kapitel der Geschichte wurde hier eben während des Prager Aufstandes geschrieben. Die Brücke wurde damals von den deutschen SS-Truppen unter dem Oberkommando von Obersturmbannführer Otto Weidinger (ein Nazi-Überzeugungstäter, der auch später noch in allerlei Büchern die Untaten der SS verherrlichen sollte) als strategisches Einfallstor für den gegenüberliegenden Stadtteil Holešovice verbissen verteidigt. Als die deutschen Truppen am 8. Mai kapitulierten, wurde hier von ihnen noch am Tag darauf ein Durchbruchversuch unternommen. Die Verteidigung durch die Aufständischen, die hier Barrikaden errichteten, forderte von ihnen 41 Todesopfer ein. Nach dem Misslingen ihres Angriffs und in Erwartung eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs der zur Hilfe eilenden Roten Armee, ergaben sich die deutschen Truppen, nachdem ihnen freies Geleit zugesichert worden war. Der Versuch, sich zu den amerikanischen Truppen, die am 6. Mai schon Pilsen befreit hatten, durchzuschlagen und so der Gefangennahme durch die Rote Armee zu entrinnen, scheiterte aber.

Zwar wurde die Brücke unter der ersten (noch) demokratischen Regierung 1947 zum Gedenken in Brücke der Barrikaden umbenannt, aber das blieb zunächst nur eine Episode. Schon im Jahr darauf ergriffen die Kommunisten die Macht. Sie verschwiegen in ihrer Geschichtspropaganda für lange Zeit die Aufständischen, die ihnen zu „bürgerlich“ waren und für Freiheit und Demokratie kämpften, sondern gedachten nur der „Befreiung“ durch die Rote Armee. Immerhin dreht man hier noch 1949 einen Spielfilm mit dem Titel Němá barikadá (Stumme Barrikade), der den tapferen Aufstand und die Geschehnisse an der Brücke zum Gegenstand hatte. Aber dann verschwand das Thema unter den Kommunisten. Das änderte sich erst in den 1970er Jahren. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 begannen die Kommunisten, die Aufständischen für sich zu reklamieren. Das war – angesichts der Tatsache, dass sie viele von ihnen nach ihrer Machtergreifung als Antikommunisten in Gefängnis warfen – faktisch absurd. Aber es schien ihnen so etwas wie eine Aura nationaler Identität zu sichern.

Kurz: In den 1970er und 1980er Jahren wurden unter kommunistischer Ägide unzählige recht stattliche Denkmäler zu Ehren des Aufstandes errichtet. In dieser Zeit war die alte Brücke baufällig geworden und zudem war sie schon längst zu klein und schmal für das wachsende Verkehrsaufkommen. Um das schlimmste zu verhindern, baute man einen provisorischen Steg für Fußgänger neben die Brücke, aber das war eine bloße Notlösung. Die alte Brücke musste durch eine neue Brücke ersetzt werden. Die wurde nun von den Architekten Jiří Trnka und Petr Dobrovský in den Jahren 1972 bis 1980 in einem einfachen funktionalistisch-brutalistischen Stil (wie er damals üblich war) erbaut. Sie war breit und groß genug und große Auffahrten sorgten für den guten Verkehrsabfluss – bis heute. Vor allem am Nordufer haben sich dafür viele von Beton überwölbte Stellen gebildet, die heute etwas verkommen sind und scheinbar vielen Obdachlosen Asyl gewähren.

Es ist also möglicherweise nicht der schönste und gepflegteste Ort Prags, den man nun unter der Brücke historisch bedingt als Platz für ein neues Denkmal für die an der (alten, möglicherweise schöneren) Brücke gefallenen Opfer der Kämpfe auswählte. Dafür hat man sich bei den Ausmaßen nicht lumpen lassen. Was im Jahre 1983 der Bildhauer Jan Hendrych (hauptverantwortlich) in Zusammenarbeit mit Petr Neumann (Architekt des Sockels), nebst seinen Kollegen Otakar Příhoda und Marcela Kačerová hier aufbaute, dürfte zu den größten Denkmälern für die Opfer des Aufstandes in ganz Prag gehören. Es handelt ich um einen größer angelegten Platz mit zwei breiten Treppen. In die zweite Treppe ist ein großer, aus Stein- und Betonplatten zusammengesetzter Quader eingelassen. Auf der Vorderseite befindet sich eine große Steinplatte, auf der der Kämpfe im Mai 1945 gedacht wird, und die die Namen aller dort gefallenen Aufständischen auflistet. Das Ganze ist sehr schlicht und würdig gestaltet – ohne falschen Pathos uns auch ohne vereinnahmende kommunistische Symbolik.

Trotzdem fand man anlässlich des 60. Jahrestages des Beginns des Aufstandes, am 5. Mai 2005, er für notwendig, ein Stück post- oder nichtkommunistischer Erinnerungskultur in Ergänzung zu der alten Gedenkstätte anzubringen. Auf den grauen steinernen Platten, die sich vor dem Hauptkorpus des alten Denkmals befinden, wurde in einer Zeremonie eine kleine Tafel angebracht, die an den Jahrestag und die Opfer des Krieges im allgemeinen und der des Aufstandes im speziellen erinnert. Über der Inschrift befindet sich das Stadtwappen des Stadtteils Holešovice (Prag 7), der am gegenüber liegenden Ufer des Flusses liegt, aus dem aber die meisten gefallenen Aufständischen stammten. (DD)

Versicherungswerbung als Kunst

Irgendwann wird gute Werbung zu im Laufe der Zeit zu gediegener Kunst. Das Mosaik über dem Eingang des an der Spálená 76/14 in der Neustadt gelegenen Gebäudes des Ersten Böhmischen Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit (První česká vzájemná pojišťovna) fehlt heute in kaum einem Kunstführer über Prager Jugendstil, der ja bekanntlich viel zu bieten hat.

Der Verein, der 1827 zunächst als Feuerversicherung mit sozialem Anspruch und von reichen Gönnern wie Joseph Matthias Graf von Thun-Hohenstein ins Leben gerufen wurde, hatte sich zur Zeit der Errichtung dieses Gebäudes bereits zu einer Großversicherung mit breiter Angebotspalette entwickelt. Deshalb konnte man sich auch den Umbau eines großen Palastes leisten, dem Hildprandt Palais, das seit dem 17. Jahrhundert dem Geschlecht Hildprandt von und zu Ottenhausen gehörte. In den Jahren 1803 bis 1804 ließ die Familie es von dem Architekten Zacharias Ziegert im klassizistischen Stil erneuern. Insbesondere im Treppenhaus und bei den Skulpturen kann man noch Spuren dieser Bauphase erkennen. Die Erben von Robert Freiherr von Hildprandt von und zu Ottenhausen, einem liberalen Reformpolitiker, der 1889 starb, veräußerten den Palais später.

In den Jahren 1907 bis 1909 baute der neue Eigner – eben der Versicherungsverein – das Gebäude noch einmal kräftig um. Dazu wurde der Architekt Osvald Polívka (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier und hier) angeheuert, der damals der ganz große Star unter den Vertretern des Jugendstils war. Die Fassade, die er gestaltete, verband den Jugendstil mit zahlreichen eher historistischen Elementen des Neobarock und Klassizismus. Letzteres zeigt sich vor allem auch an den Reliefs über dem ersten Stock, die antikisierende Allegorien auf Tätigkeitsfelder der Versicherung (oberhalb rechts die ursprüngliche Aufgabe der Feuerversicherung) zeigen.

Aber auch die kleinen Portraitreliefs über dem zweiten Stock seinen erwähnt. Sie sind in schöne und passende Kartuschen gefasst. Überhaupt finden sich noch zahlreiche Barockelemnete hier, etwa die Vasendarstellungen im obersten (vierten) Stock. Bewusst wurdebeim Umbau auf das stolze Erbe des Vorgängerpalastes angespielt.

Besonders großartig sind die klassizistischen Großreliefs an den beiden Seitengiebeln, die jeweils Tag und Nacht symbolisieren sollen. Rechts sieht man die Nacht. Eine Gottheit sorgt für die Sicherheit der selig schlafenden Menschen. Drumherum befinden sich auffallend viele Eulenvögel. Die für Weisheit und Vorhersicht stehenden Nachtvögel wurden in dieser Zeit gerne als allegorische Attribute für Versicherungen verwendet (Beispiel hier).

Innen entfaltet sich noch einmal Pracht, etwa das noch klassizistische Treppenhaus und die stilistische dazu passenden Skulpturen des Bildhauers Peter Prachner oder der 1938 vom Architekten Leo (Lev) Lauermann gestaltete funktionalistische Sitzungsraum von 1938. Leider handelt es sich um ein privates Bürogebäude, so dass man nicht einfach überall Sightseeing betreiben kann.

Oft ist aber die Haupttüre offen und man kann einen Blick in den Eingangsbereich werfen. Dort wird mann direkt von dem von Ladislav Šaloun, dem Schöpfer des großen Hus-Denkmals am Altstädter Ring, entworfenen Brunnen im Eingangsbereich überwältigt. Der visuelle Effekt des Brunnens, der eine Knabengestalt mit Blumen darstellt, wird durch das dahinter liegende Jugendstilfenster mit floralem Dekor noch verstärkt.

Und außerdem gilt: Außen gibt es ja genug zu sehen – nicht zuletzt oben am mittleren Giebel, wo noch einmal das Motiv des Böhmischen Löwen (Bild oberhalb links) der Werbung über dem Eingang vergrößert herausgestellt wird – passend zu dem ursprünglich sehr patriotischen Grundgedanken des Versicherungsvereins als soziale Hilfsmaßnahme. (DD)

Arbeiterromantik in der Bahnhofshalle

Heute ist der 1. Mai. Der Tag der Arbeit. Zu keiner Epoche wurde die Arbeiterschaft künstlerisch so bejubelt, wie in den Zeiten der kommunistischen Herrschaft. Spuren davon findet man davon in Prag, wenn man nur ein wenig sucht. Das riesige Wandgemälde in der Halle des Bahnhofs von Smíchov (Prag 5) gehört zum Feinsten vom Feinen und Pompösesten vom Pompösen, auf das man dabei stoßen kann.

Wir verdanken dieses etwas über 40 Meter lange Bild dem Maler Richard Wiesner. Der war ein akademisch ausgebildeter Künstler und hatte in der Zwischenkriegszeit unter anderem bei keinem geringeren als František Kupka studiert. Der war zunächst dem Impressionismus verpflichtet, wurde dann aber zum Begründer der abstrakten Kunst im Lande. Die war später, nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 nicht mehr so recht gewünscht, aber Kupka lebte da schon in Paris, wo er 1957 starb. Sein Schüler Wiesner entwickelte hingegen schon früh einen Faible für den Sozialistischen Realismus. 1971 kürte man ihn sogar zum Nationalkünstler der ČSSR. Auch war er zum Beispiel Gründungsmitglied der 1958 von seinem Künstlerkollegen Josef Brož (Nationalkünstler 1968) ins Leben gerufene Skupina 58 (Gruppe 58), eine Künstlervereinigung, die sich für ein Kunstverständnis im Sinne des sozialistischen Aufbaus einsetzte.

Und das sehen wir hier in seiner perfekten Ausformung. In einer sehr konservativ anmutenden Sgrafitto-Technik (auch Kratzputztechnik genannt, weil dabei verschiedenfarbige Putzschichten je nach Bedarf freigekratzt werden) hat Wiesner den Vorgaben des Sozialistischen Realität von Genüge getan und dem damals verfemten Formalismus (d.h. der abstrakten Kunst) keine Chance gegeben. Handwerklich gibt es hier an der naturalistischen Ausführung wenig zu kritisieren. Eigentlich sieht es irgendwie sogar putzig und fast schon karikaturenhaft aus. Die Linientreue zeigt sich natürlich auch und vor allem auf der inhaltlichen Ebene. Nun gut: Der Arbeiter im großen Bild schiebt etwas mürrisch seine Schubkarre vor sich hin. Vielleicht, weil er auch heute weder den Russen Stachanow, noch den „DDR“-Deutschen Hennecke bei der Plansoll-Verzehnfachung überbieten hatte können, ja nicht einmal den landeseigenen tschechoslowakischen Václav Svobodá. Dann heißt das aber nur, dass sein Wunsch, dem Sozialismus aufopfernd zu dienen, nur noch gestärkt wurde. Morgen klappt es ja vielleicht. Denn, wie man dazu so schön singt: „In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute, wir sind die stärkste der Partei’n. Die Müßiggänger schiebt beiseite! Diese Welt muss unser sein.“ Und ansonsten sieht man nur Leute, die hochmotiviert sind oder es sich sogar richtig gut gehen lassen, so wie das wild tanzende Paar im Bild links oberhalb.

Auch befindet sich die Arbeiterklasse im festen und unauflöslichen Bündnis mit den Intellektuellen, die im realen Sozialismus stets bemüht sind, bei der der Herausbildung des richtigen revolutionären Klassenbewusstseins die eigentliche Speerspitze des Proletariats zu sein. Unentwegt schmieden Sie Pläne zum Aufbau der neuen Gesellschaft, wie man es hier oberhalb rechts sieht. Sie scheinen vergessen zu haben, dass man sie zwecks Umerziehung dereinst simple Frondienste machen ließ (etwa beim Brückenbau worüber wir hier berichteten). Ein klarer Fall von revolutionärer Bewusstseinsveränderung. Nicht zu vergessen, dass die Arbeiterklasse sich hier auch im natürlichen Einklang mit der Bauernschaft befindet, die sich noch begeistert erinnert, wie sie vor einigen Jahren in der sogenannten „Aktion Kulak“ zu ihrem eigenen Glück (zu dem man ja selbstredend ab und an gezwungen werden muss) zwangskollektiviert wurde (wir berichteten hier). Aber jetzt, im Jahre 1956, hat die Kollektivierung mental gewirkt und die landwirtschaftlichen Arbeiter und Arbeiterinnen schwingen fröhlich ihre Harken.

Überhaupt bediente sicher der Künstler einer künstlerischen Sprache, die eher der eines klassisch antikisierenden pastoralen Idylls entspricht – auch, wenn die Arbeit dargestllt werden. Das war damals nicht unüblich, ist aber merkwürdig, wenn man bedenkt, dass im ideologischen Mittelpunkt ja das Industrieproletariat und die Industrialisierung steht und nicht der „Idiotismus des Landlebens“ (wie Marx es ausdrückte). Aber es gibt da wohl noch mehr Widerspüche.

Was dachte wohl der tschechoslawische Arbeiter darüber, dass er mit so viel Arbeiterromantik gefeiert wurde? Das ist schwer zu sagen. Allerdings war es hier beim Bahnhof Smíchov nie schwer, die Diskrepanz zwischen der hier präsentierten Idylle und der Realität des Realsozialismus zu bemerken. Die Umgebung am Rande des alten Arbeiterviertels Smíchov ist ein wenig heruntergekommen. Drumherum befindet sich nur graue und monotone sozialistische Einheitsarchitektur, die sich doch arg von der pastoralen Idylle der künstlerischen Imagination unterscheidet (wobei die nachkommunistischen Gebäude auch nicht beeindrucken). Das gilt auch von außen gesehen für das Bahnhofsgebäude selbst. Gebaut wurde der heutige Bahnhof in den Jahren 1953 bis 1956 aber immerhin von zwei recht bedeutenden Architekten des Funktionalismus, nämlich Jan Zázvorka, der immerhin in der Zeit der Republik das Nationaldenkmal auf dem Vítkovberg entworfen hatte, worüber wir hier berichteten) und Ladislav Žák, der in den 1930ern an der Mustersiedlung Baba mitgewirkt hatte. Das war immerhin ein Fortschritt, denn in dieser Zeit endete die Phase des Stalinismus im Lande, der kunstpolitisch ausgesprochen anti-modern war und in der Architektur den Zuckerbäckerstil bevorzugte.

Das heutige Bahnhofsgebäude, das 1985 an die mit eigener Station an die Metro angeschlossen wurde, ist nicht das ursprüngliche Gebäude. Denn ursprünglich stand hier für die k.k. privilegierte Böhmische Westbahn (Česká západní dráha) ein historistisch gestalteter Bahnhof aus dem Jahr 1862. Der verband Prag mit Bayern – zunächst nur als Güterbahnhof, ab 1888 auch für den Personenverkehr. obwohl Smíchov erst 1992 zu Prag eingemeindet wurde, nannte man ihn von 1909 bis 1920 Prager Westbahnhof (Západní nádraží). Der zu den zentralen (und nicht mehr nach Bayern führenden) Verkehrsknotenpunkten des Westufers der Stadt gehörende Bahnhof, war zu Beginn der 1950er Jahre weder in Sachen Kapazität noch bei der Technik hinreichend – deshalb auch der Neubau in den 1950er Jahren. Immerhin knüpften die Architekten beim Inneren der Bahnhofshalle doch noch an die feinere Ästhetik des Funktionalismus der 1930er Jahre an, was sich an der schönen Kasstettendecke und der geschickten Beleuchtung des Wiesnerschen Bildes durch die gegenüberliegenden Fenster zeigt.

Ach ja: Eigentlich hätte man hier noch zeigen können, wie am linken Bildrand kommunistische Sicherheitskräfte stehen, die bewaffnet das dargestellte Arbeiteridyll bewachen. Als ich das gerade photographieren wollte, machten mich heutige Sicherheitskräfte darauf aufmerksam, dass ich hier drinnen überhaupt nicht photographieren dürfe. Ein ältere Dame, die gerade vorbei ging, kommentierte das die Szene mit einem kräftigen „Nesmysl!“ (Unsinn!). Die Szene muss sie wohl an die Zeiten erinnert haben, die oben auf dem Bild doch etwas verzerrt dargestellt wurden (DD)