Gespenstische Kapelle

Gespenstisch! Es gibt Orte, da möchte man nicht alleine nächtigen. Man glaubt ja eigentlich nicht an Geister. Aber möglicherweise könnte es dort doch spuken. Keine Frage, selbst tagsüber lässt einem der Blick in das Innere der Kapelle Unserer Lieben Frau Maria von Altöttingen (Kaple Panny Marie Altöttinské) in Břevnov leichten Schauer den Rücken hinunterlaufen. Selbst, wer nicht an Geister glaubt, wird sich ob des deplorablen Zustand des historisch bedeutsamen Gebäudes eines leichten Grauens nicht erwehren können.

Dabei hatte es so gut begonnen. Maria Eusebia von Sternberg hatte das Land, auf dem die Kapelle errichtet werden sollte, 1649 gekauft. Bernard Borsita von Martinitz, ihr Sohn aus der Ehe mit Jaroslav Borsita von Martinitz ließ die Kapelle dann 1665/66 erbauen, um sie kurz darauf dem Theatinerorden zu schenken. Der Bau orientierte sich klar an dem Vorbild der Gnadenkapelle von Altötting, die auch andernorts als Modell für Wallfahrtskapellen diente, etwa in Linz. Das erklärt, warum die Form der Kirche eher einer mittelalterlichen Kirche ähnelt, denn einer barocken. Der Kern der Kapelle in Altötting war nämlich eine karolingische Rotunde aus dem 9. Jahrhundert. Und genau die so aussehende Struktur ist von der Prager Kapelle heute noch übriggeblieben. Wie in allen dem Altöttinger Modell folgenden Kapellen, befand sich auch hier eine Kopie des dortigen Gnadenbilds der Schwarzen Madonna.

Die Theatiner betrieben die Kapelle als Wallfahrtsort der gehobenen Art. 1672 besuchte Kaiser Leopold I. den Ort, 1680 Kaiserin Eleonore und 1682 der bayerische Kurfürst Maximilian II. Emanuel. 1783 kam das abrupte Ende der Erfolgsgeschichte als durch die Kirchenreformen Kaiser Josephs II. die Enteignung des naheliegenden Theatinerkloster erfolgte, zu dem die Kapelle gehörte. Es folgten etliche weltliche Besitzer, die die Kirche kaum nutzten, bis schließlich Pauline Julie Gräfin von Kaunitz (geb. Gräfin Buquoy) Grund und Gebäude im Jahre 1815 erwarb. Das sollte sich für die Kapelle keineswegs positiv auswirken, denn die Gräfin ließ 1822 die Glocken einschmelzen, die Wertsachen zu anderen gräflichen Besitzungen transportieren und das Schiff abreißen, sodass nur der heute sichtbare Solitär des Turmes mit seiner Krypta, die es übrigens im Altöttinger Original nicht gibt, übrigblieb. Ein Eingreifen der Behörden verhinderte den kompletten Abriss.

Jetzt sah das Ganze nicht mehr so recht toll aus, weshalb die Gräfin 1832 beschloss, das Anwesen und die Kapelle zu verkaufen. Es gab mehrere Besitzerwechsel, während derer die Kapelle immer weier verfiel. Es gab aber auch erste Bestrebungen zur Rettung als Kulturdenkmal, ausgelöst durch die Popularität der Würdigung des Bauwerks durch den bekannten Kulturhistoriker Bernhard Grueber in seinem Werk Kunst des Mittelalters in Böhmen (1871). 1906 investierte die Stadt Prag tatsächlich ein wenig Geld für Reparaturen. Da der private Besitzer aber kein Nutzungsinteresse hatte, erwies sich das aber nicht als sonderlich nachhaltig. Der Verfall ging weiter.

1912 versuchte der Besitzer die Kapelle an den Orden der Unbeschuhten Karmeliter zu verkaufen, wo sie wohl in guten Händen gewesen wäre. Der Kauf kam am Ende genauso wenig zu Stande wie die geplante Veräußerung an die Tschechoslowakische Hussitische Kirche. Währenddessen wurde die Kirche wiederholt Opfer von Vandalismus. Insbesondere wurde das schöne neoromanische Portal mit seinen hübschen Kapitellen zerstört und immerhin dann doch kostspielig restauriert – heute wohl der schönste Teil des Gebäudes.

Innen sieht es nicht besser aus. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts befanden sich in den Nischen des Innenraums wertvolle Engelsstatuen, die seither verschwunden sind. Über dem Altar hat ein Sprayer, der hier eindrang, vor kurzem einen Engel mit schwarzen Flügeln – wohl ein satanistisches Symbol – aufgesprayt. Solche Barbareien waren möglich, weil die Kapelle über etliche Jahre nicht einmal zugeschlossen war und zum Teil Obdachlosen als Asyl galt. Immerhin wurde daran dann doch vor einiger Zeit etwas geändert und im Portal ein schweres und massives Stahlgitter eingebaut, das den Blick nach Innen hinein erlaubt, aber keinesfalls mehr ein Eindringen in das Gebäude.

Das war eine Folge des Untersuchungsberichts, den 1990 eine denkmalpflegerische Kommission der Stadt Prag veröffentlichte. Der entwarf ein unschönes Bild über den bemitleidenswerten Zustand der Kapelle – insbesondere der völlig vermüllten Krypta, die gottlob mittlerweile auch vergittert, wenngleich nicht gegen Wasser und Wetter gesichert ist. Immerhin fand man heraus, dass durch eine frühere Reparatur des Daches die Statik des Bauwerks noch recht gut intakt geblieben sei. Eine Restaurierung sei also prinzipiell möglich und sinnvoll, wenngleich gewiss nicht billig, so das Fazit. Aber wer soll das bezahlen, lautet die Frage…

2008 hat ein Bauinvestor das ganze Anwesen, bei dem es sich um attraktives Bauland hat, erworben. Er soll, so heißt es, vom Rathaus die Renovierung der Kapelle zur Bedingung für den Kauf bekommen haben. Es gibt Investoren, die ihre Versprechen halten, aber auch Beispiele für das Gegenteil – wie etwa hier. Immerhin wurde 2010 eine groß angelegte archäologische Untersuchung für das gesamte Gelände lanciert, die auch eventuell zu findende Teile des von der Gräfin Kaunitz abgerissenen Hauptschiffs der Kapelle betrafen. Dass solch eine Untersuchung getätigt wurde, stimmt optimistisch. Aber man weiß ja nie… Die Bauarbeiten auf dem Gelände beginnen wohl in Kürze. Bleibt zu hoffen, dass dies für die geschundene Kapelle den Beginn besserer Zeiten bedeutet. (DD)

Gezähmter Wolf

Ganz brav wie ein dressierter Haushund sitzt er vor dem Heiligen. Aber was man hier in Stein gemeißelt auf einer Grünanlage in Prag-Břevnov sitzen sieht, ist in Wirklichkeit eine wilde Bestie, die schon viele Menschen getötet hat. Bei der Skulptur handelt es sich nämlich um um eine Darstellung der Heiligenlegende um den Heiligen Franziskus von Assisi und den Wolf von Gubbio, die uns durch die Fioretti di San Francesco (Blümchen des Hl. Franziskus), einer im 14. Jahrhundert verfassten anonymen Sammlung von Anekdoten über den Heiligen, überliefert ist.

Dieser Legende zu Folge soll der Wolf vor den Toren der umbrischen Stadt Gubbio gewütet haben. Er tötete zuerst Vieh, dann auch Menschen, wo immer er sie traf. Die Bürger erstarrten vor Angst, schlossen sich ein und gingen nie unbewaffnet außer Haus. Aber mit Gewalt schien der Wolf unbesiegbar. Erst als der Heilige Franziskus (zum Erstaunen der verängstigten Menschen) unbewaffnet hinausging und dem angreifenden Wolf das Kreuz entgegenhielt, hielt auch der Wolf plötzlich inne. Er hörte einer frommen Zurechtweisung des Heiligen zu. Der war ja so etwas wie der Dr. Doolittle unter den Heiligen und konnte mit den Tieren reden.

Franziskus löste die Angelegenheit durch einen Appell an das Gute im Wolf und an das Vergeben bei den Bürgern. Der Wolf sollte versprechen, dass er ab sofort friedlich und hilfbereit sein möge. Die Bürger Gubbios sollten wiederum vergeben und sich nicht in Rache ergehen. Sie sollten vielmehr dem Wolf ein wenig von ihren Speisen abgeben, damit er nicht verhungerte. An diesen Vorschlag des Heiligen hielten sich fortan Wolf und Bürger. Und ab sofort waren alle zufrieden und der Wolf starb erst im hohen Alter friedlich und war zu dieser Zeit bei den Bürgern hochgeschätzt.

Der aus Brno in Mähren stammende Bildhauer Vladimír Matoušek hat die in weißem Stein gemeißelte Skulptur im Jahre 2006 fertiggestellt. Der Wolf sitzt hier hier in aufmerksamer Zuhörposition, während der Heilige in vertrauenserweckender Pose leicht vorgebeugt auf ihn einredet. Der Heilige ist, wie es ja zur Überlieferung passt, als bescheidener Mensch dargestellt. Kein Heiligenschein oder ein sonstiges Pracht andeutendes Attribut wurde ihm beigefügt. Sein Heiligenstatus und seine Frömmigkeit werden nur durch einen aus der Kutte geradezu lässig heraushängenden Rosenkranz verdeutlicht.

Dass er Heilige Franziskus mit dem Wolf gerade hier an diesem Ort steht, ist natürlich kein Zufall. Die Skulptur befindet sich inmitten einer schön bewaldeten Grünanlage vor dem klassizistischen Gebäude der Schwesternschule des Franziskanerorden in Tschechien – im Stadtteil Břevnov (Prag 6), nicht weit entfernt vom dortigen Kloster (wir berichteten hier). Ein öffentlicher Spazierweg führt durch die Anlage. Und für das fromme pädagogische Anliegen der Schule ist die Geschichte des Wolfs von Gubbio und diese sehr anmutige Skulptur sicher eine gute Werbung. (DD)

Familienbrauerei zwischen Industrieruinen

Ein Geheimtipp für Freunde guten Bieres: Beroun ist als Ausgangspunkt für überaus schöne Tagestouren durch das idyllische Tal der Berounka (Tipps brachten wir hier und hier) bei Ausflüglern aus dem nahen Prag zwar beliebt, aber ansonsten eine Industriestadt. Man muss Kenner sein, um an einer der unschönsten Ecken des Ortes, inmitten verfallender Fabrikhallen und einem Schrottplatz, in dem sich sogar abgewracktes Kriegsmaterial aus der Zeit des Warschauer Pakts befindet, eine richtig sensationelle und äußerst ungewöhnliche Biergaststätte zu finden: Die Rodinný pivovar Berounský medvěd (Familienbrauerei Berauner Bär).

Hat man sich nach rund drei Minuten Fußmarsch vom etwas gesichtlos modern gestalteten Bahnhof der Stadt durch die Öde des heruntergekommenen Fabrikareals in den Innenhof des Schrotthandels in der U Cukrovaru 135 gekämpft, steht man plötzlich davor. Wie ein properes und zünftiges Landgasthasthaus sieht es aus, wenn man sich die Umgebung wegdenkt. Und auch die bekommt nun irgendwie einen pittoresken und auch surreal inspirierenden Charakter, wenn man sie wiederum im Kontext der Brauereigaststätte sieht. Kurz: Der Weg lohnt sich. Was viel, aber nicht nur etwas mit den (mindestens) sieben Sorten Bier zu tun hat, die man hier frisch gezapft und gebraut genießen kann.

Zur Geschichte: Dokumentiert ist das Bierbrauen in Beroun (das es dort aber wohl schon vorher gab) seit dem Jahr 1295, als der böhmische König Wenzel II. Beroun der Stadt nicht nur königliche Stadtrechte verlieh, sonder -wichtiger noch! – den Bürgern das Recht zum Brauen und Mälzen. Das ließen sich die Bürger – gute Tschechen allesamt! – nicht zweimal sagen. Im 15. Jahrundert gab es alleine drei städtische Brauereien, von denen sich eine im Rathaus befand, damit die Ratsherren sich beim mühsamen Regieren der Stadt schnell erfrischen konnten. Daneben gab es viele nebenberufliche Brauereien in Bürgerhäusern, die meist von Frauen betrieben wurden. Im frühen 17. Jahrhundert beendete die Stadtregierung die Freiheit der Hausbrauereien und führte eine Stadtbrauerei mit einem hauptberuflichen Brauer ein. Sämtliche Gerätschaften und Vorräte dieses Betriebes wurden 1648 (dem letzten Jahr des Dreissigjährigen Krieges) von den einfallenden Schweden weggeschleppt und eine zeitlang war die Stadt nicht nur grausam „trockengelegt“, sondern auch pleite, da die Biersteuer auf gebrautes Bier ausblieb. Aber das renkte sich nach dem Frieden bald wieder ein. Jedenfalls war man in Beroun immer auf die eigene Brautrdition stolz, weshalb auch heute in der Familienbrauerei das Stadtwappen prangt.

Der nächste Schritt vorwärts kam 1871, als auf Initiative des Rates eine große Brau-Aktiengesellschaft geschaffen wurde, die im Jahr darauf in Betrieb ging. Das Zeitalter der Großbrauereien war angebrochen. Die Brauerei in Beroun war ein guter Regional-Champion. Allerdings in dieser Form nur bis zur Machtergreifung der Kommunisten im Jahre 1948, die die Aktienbrauerei umgehend verstaatlichten. Verdursten musste man in der Stadt nicht, denn es wurde zunächst einmal irgendwie sozialistisch weitergebraut. Aber nur bis 1978. Im Zuge der planwirtschaftlichen Zentralisierung wurden immer mehr lokale Braustätten geschlossen. Die in Beroun wurde zu einer Abfüllanlage für urquelliges Industriebier umfunktioniert. Nach dem Ende des Kommunismus ergab auch das keinen Sinn und im Jahr 1997 wurden die letzten Mitarbeiter entlassen. Das alte Brauereigebäude wich Wohnblöcken. War das das Ende? Nein!

Auftritt Hana Mayerová und ihr Mann Václav! Die beiden kauften das Areal einer alten Zuckerfabrik, das verfiel und Schrottplatz geworden war, und fingen an. Eine neue, wiederauferstandene Lokalbrauerei musste her! Professionelle Brauer waren beide nicht, aber gerade das eröffnete Möglichkeiten, wie Václav Mayer etliche Jahre später feststellte: “ Wir waren damals ein Unternehmen mit einem Haufen erfahrener Handwerker und handelten mit ‚Schrott‘. Dank dessen gelangten wir zu ausrangierten Geräten aus verschiedenen Lebensmittelbetrieben. Wir haben daraus die Brautechnik ein bisschen komponiert nach dem Motto, dass ein Laie alles kann, denn im Gegensatz zu einem Experten weiß er nicht im Voraus, dass es nicht geht.“ Und siehe da: Es ging! Einige der alten Braukessel sieht man sogar draußen am Wegesrand, wenn man noch zwischen den Industrieruinen die Brauerei sucht.

Es geradezu selbstgebastelte Ansatz führte zu einer irgendwie gleichzeit innovativen und traditionellen Braukunst. Man legte zusätzlich sogar eine eigene Mälzerei im nahen Dorf Suchomasty an. Und das Brauen in der Brauerei (die auf Wunsch besichtigt werden kann) erfolgt auf technisch einfachem und daher grundsolide bodenständigem Niveau. Der Sud wird zum Beispiel nicht computergesteuert elektronisch erhitzt, sondern wie früher mit einem Kaminofen. „Der größte technische Komfort in unserem Betrieb ist ein Sensor, der die Temperatur in der Brauerei misst und dem Brauer auf einer Messuhr anzeigt. Dadurch muss er nicht ständig mit einem Handthermometer herumlaufen“, erklärt Václav Maier. Aber genug zu Technik: Am Ende ist es ja die Qualität des Bieres selbst, die zählt.

Sieben Sorten Bier aus eigener herstellung gab es hier gezapft als wir hierher kamen. So zum Beispiel das herrlich herb-samtige Berounský medvěd – polotmavý speciál (Berauner Bär Spezial Halbdunkel), das man auf dem großen Bild oben vor dem wunderschön aus holzgeschnitzten Bären-Logo an der Wand der Bierhalle der Brauerei sehen kann. Oder das etwas hopfigere Berounský medvěd – tmavý speciál (Berauner Bär Spezial-Dunkel) oder das Berounský medvěd – Zlatý kůň (Berauner Bär – Goldenes Pferd), ein sehr leichtes Helles mit mildem Geschmack und nicht überhopft. Man sieht sie beide im Bild links nebeneinander. Man sieht dass ich nicht schnell genug geknipst habe, und die Biere bereits angetrunken waren – ein Beweis für die hohe und unwiderstehliche Qualität des Bieres. Die lässt zweifeln, ob es bei dem in der Gründungsgeschichte der Mayers als „Laien“ nicht um eine geschickte und werbewirksame Selbstmystifizierung handelt. Jedenfalls kann kein Profi das besser machen. Die Betreiber rühmen sich zudem, dass sie die Zutaten sehr schonend zubereiten, und dass sie unfiltrierte Hefe mit einem hohen Gehalt an Vitamin B verwenden. Biertrinken ist hier also nicht nur Genuss, sondern etwas Gutes für die Gesundheit. Menschen mit größeren Gesundheitsproblemen, bei denen normales Qualitätsbier nicht mehr wirkt, sei die stärkere Dosis empfohlen, der hauseigene Bierbrand mit 50 Prozent Alkoholgehalt.

Ja, und wer gut trinkt, soll wenigstens nicht schlecht essen. Und auch das ist garantiert in der Familienbrauerei Berounský medvěd! Natürlich findet man auf der Speisekarte die großen tschechischen Bierhaus-Klassiker, wie gegrillte Entenbrust, eingelegten Hermelin (eine Art tschechisches Camembert-Imitat, oder haben die Franzosen etwa den Hermelin nachgemacht?) oder die rechts abgebildete Fleischplatte mit einer Variation böhmischer Knödel. Aber es gibt auch eine etwas internationaler anmutende Steak-Karte. Die Qualität des Fleisches ist exzellent. Die tschechische Küche bekommt in ihrer Schlichtheit dadurch einen erhöhten und edlen Charakter. Wer (was in Tschechien gottlob eher selten ist) lieber vegetarisch genießt, der kann sich sogar an einer kleinen Salatplatte delektieren. Jedenfalls korrespondiert der hohe Standard des Bieres mit der des Essensangebots.

Und wohlfühlen kann man sich drinnen. Denn der Gastraum ist so gemütlich, wie es in einem Braurestaurant sein muss. Aber so richtig! Der Schrott und Verfall draußen (der sowieso eine großartige Kulisse für das Ganze bildet) ist in der ersten Sekunde vergessen. Denn tatsächlich ist die alte Industiriearchitektur ausgesprochen geeignet, die richtige Atmosphäre zu schaffen, die man für ein zünftiges Biervergnügen braucht. Dazu wurde das Ganze richtig hübsch dekoriert. Überall wurden sorgfältig Hopfengirlanden (Bierstimmung!) angebracht. Es gibt klassische, aber schon höherwertige Holzmöbel und alte Werbetafeln von Brauereien wurden an den Wänden angebracht. Die Räumlichkeiten sind groß genug für ab und an stattfindende Kulturveranstaltungen oder auch Festlichkeiten wie Hochzeiten.

Dazu wurden einige Wände mit entzückenden, teilweise geradezu humoristischen Wandmalereien geschmückt, die teilweise Szenen aus dem Brauerleben zeigen, aber auf bisweilen Überraschendes. Zum Beispiel das Sgraffito, das wir im Bild rechts sehen. Da wurde ein altes Waschbecken genutzt, um drumherum einen Brunnen mit der Statue des böhmischen Nationalheiligen Nepomuk zu malen. Nach hinten verliert sich das Ganze perspektivisch als Straßenzug. In das Gemälde wurden jedoch ein nicht als Sgraffito, sondern plastisch/realistisch gemaltes Portrait eines sitzenden Hundes und eine ebenso angefertige Katze eingefügt. Auf den ersten Blick denkt man, hier säße wirklich der Hund eines Gastes (in Tschechien ist das ja nicht unwahrscheinlich). Lady Edith, die mit dabei war, als wir hier einkehrten, fiel allerdings auf die optische Illusion nicht herein.

Wer nach einer längeren Wanderung entlang der Berounka nach einem geeigneten Abschluss eines schönen Erlebnistages sucht, kann sich wohl kaum etwas Besseres vorstellen. Lange Rede (dazu lädt die Brauerei ein!), kurzer Sinn: Ja die Familienbrauerei Berounský medvěd des Ehepaars Mayer ist ein absolutes „Muss“ für den Freund tschechischen Bieres! (DD)

Held der Parallel-Diplomatie

Ein ausländischer Politiker, nach dem in Prag ein großer Park benannt ist, und der dort ein bemerkenswertes Denkmal gesetzt bekam? Max van der Stoel hat das verdient für das Zeichen, dass er 1977 setzte. Auch wenn die Folgen unmittelbar zuerst tragisch waren.

Februar 1977: In diesem Jahr bereitete der niederländische Außenminister Max van der Stoel seine Auslandsreise in die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR) vor. Man befand sich mitten auf dem Höhepunkt der Entspannungspolitik zwischen freiem Westen und der kommunistischen Tyrannei. Man hatte erreicht, dass der Sowjetblock zumindest verbal die Menschenrechte anerkannte, um wirtschaftliche Hilfe vom Westen zu bekommen. Aber wer im politischen Establishment des Westens setzte sich wirklich dafür ein, dass diejenigen, die sich in den kommunistischen Ländern für Menschenrechte einsetzten, auch Unterstüzung signalisiert bekamen? Das Regime war sich sicher, dass die Unterzeichnung ohne Konsequenzen bliebe.

Umso größer war die Überraschung für die Regierung der ČSSR, als sie vernahm, dass van der Stoel sich im Hotel Intercontinental mit einem Dissidenten traf. Einige Wochen zuvor hatte sich die Bürgerrechtsorganisation Charta 77 unter der Führung des Dramatikers Václav Havel gegründet (wir berichteten bereits hier). Im Hotel traf sich van der Stoel mit dem Vizevorsitzenden von Charta 77, dem Philosophen Jan Patočka, zu einem Gespräch über die Menschrenrechtslage im Lande. Die kommunistische Führung, die jeden fremden Einsatz für Freiheitsrechte als „Einmischung in innere Angelegenheit“ sah, war empört. Der für den nächsten Tag geplante Termin van der Stoels mit dem kommunistsichen Staats- und Parteichef Gustáv Husák wurde umgehend abgesagt.

Offiziell hatte der sozialdemokratische Politiker vorher betont, dass er kein Treffen mit Dissidenten initiieren werde, aber mit ihnen sprechen werde, wenn sie ihn besuchten, Dass das geschah, dafür sorgte der (in Absprache mit van der Stoel) der niederländische Journalist Dick Verkijk, der ein Kenner der Szene und 1970 sogar wegen seiner oppositionellen Kontakte von der ČSSR-Staatssicherheit kurz inhaftiert worden war. Einige der bekannten Dissidenten, wie etwa Havel, wurden so bewacht, dass es Verkijk nicht gelang, sie mit van der Stoel in Kontakt zu bringen. Aber bei Patočka klappte es. Verkijk fuhr ihn mit dem Auto zum Treffpunkt.

Heute wissen wir von veröffentlichten Protokollen der Staatssicherheit, dass es am Abend noch ein geheimes Treffen mit Patočka gegeben hatte, bei dem auch die führenden Charta-77-Mitglieder Zdeněk Mlynář  und František Kriegel samt ihrer Frauen dabei waren. Zusätzlich waren vertrauenswürdige westliche Journalisten (und auch etliche tschechoslowakische, von denen sich einige später als die Staatssicherheitsagenten erweisen sollten, die die Protokolle geschrieben hatten) eingeladen. Das brachte die PR-Maschinerie für die Charta77 im Westen richtig in Schwung.

Kein Wunder, dass die kommunistische Führung sauer war. An dem Diplomaten van der Stoel konnten sie sich nicht mit Gewalt rächen. Also wurde Patočka einige Tage nach dem Treffen verhaftet. Obwohl sein schwacher Gesundheitszustand bekannt war, wurde er harten Verhören unterzogen. Bei einem kollabierte er und wurde ins Krankenhaus gebracht, wo jede Hilfe zu spät kam. Zwei Tage darauf, am 13. März 1977, starb er an einem Schlaganfall. Das war eine schreckliche und unbeabsichtigte Folge von van der Stoels treffen. Aber umsonst war da Opfer vielleicht nicht. Zum ersten: Der Niederländer ließ nicht vom Kampf gegen die Unterdrückung ab. Er engagierte sich stets an vorderster Front in Sachen Menschenrechte. Auch nach seiner Zeit als Außenminister. So war er 1991 bis 1999 Rapporteur der UNO für die Einhaltung der Menschenrechte im Irak und von 1993 bis 2001 Hoher Kommissar für nationale Minderheiten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).

Zum zweiten: Vor allem aber hatte er eine eine neue Strategie im Umgang mit dem Ostblock entwickelt, etwas, das man Parallel-Diplomatie nannte. Von nun an gehörte es zum guten Stile, dass Staatsgäste dort neben den offiziellen Gesprächen auch welche mit Dissidenten führten – immer daran erinnernd, dass die Machthaber in der Schlussakte von Helsinki zwei Jahre die Verpflichtung zur Achtung von Menschenrechten selbst unterschrieben hatten. Diese Besuche gaben den Dissidenten – allen voran Charta 77 – erheblichen Auftrieb, Publicity und Legitimität. Als im Dezember 1988 der französische Präsident Francois Mitterand bei einem Staatsbesuch führende Dissidenten zu einem Abendessen einlud, konnte sich Staatschef Husák nicht mehr leisten, ihn von einem Treffen fernzuhalten. Dissentenanführer Havel konnte einen Tag später sogar eine Demonstration für Menschenrechte anführen. Kurz: Van der Stoel hatte seinen Beitrag geleistet, dass eine Bewegung erwuchs, die 1989 dem Kommunismus ein Ende setzte.

Im März 2017 – fast genau 40 Jahre nach dem Treffen van der Stoels mit Patočka wurde zugleich der Park nahe der Bastion X der barocken Stadtbefestigung in Max van der Stoel Park (Park Maxe van der Stoela) umbenannt und ein Denkmal für den 2011 verstorbenen Diplomaten eingeweiht. Neben dem Prager Stadtteilbürgermeister Ondřej Kolář und dem niederländischen Botschafter Eduard Hoeks waren noch Frans Timmermans, Vizepräsident der EU Kommission und der tschechischen Außenminister Lubomír Zaorálek anwesend. Auch Dick Verkijk und führende Veteranen der Charta 77 wie Petr Pithart nahmen an der feierlichen Einweihung teil. Ein großes Ereignis – und auch angemessen!

Das originelle Denkmal wurde von dem tschechischen Bildhauer Dominik Lang gestaltet. Es handelt sich um einen ebenerdige, aus Beton gefertigten Umriss eines Baumes in Originalgröße, der genau bei dem Stamm eines echten Baumes beginnt. Dadurch wird der visuelle Effekt eines weißen Schatten erreicht. Das Denkmal, so meinte Lang bei der Einweihung, solle  „die Auswirkungen des Treffens auf die Geschichte der Tschechischen Republik“ symbolisieren. Und: „Es ist ein permanent eingefangener Schatten, der uns daran erinnert, dass viele vergängliche Ereignisse und Treffen um uns herum stattfinden und wir sie vergessen werden. Dieser besondere Schatten erinnert an das kurze Treffen von Professor Patočka mit Max van der Stoel. “ Und auch des tapferen Dissidenten, der als Konsequenz des Treffens sein Leben verlor, wurde gleichzeitig gedacht. Die große Verkehrsachse, die westlich des Max van der Stoel Parks verläuft, wurde nach ihm in Patočkova ulice (Patočka Straße) umgetauft. (DD)

Artilleristengräber an der Bastion

Man muss ein wenig suchen, bis man sie findet. Die Grabsteine befinden sich fast versteckt am Fuße der Bastion X der barocken Stadtbefestigung des Burgbezirks (Hradčany) – im unteren Teil des von Schnellstraßen umgebenen, aber dann doch recht großen und grünen Max van der Stoel Parks. Man muss schon wissen, wonach man sucht, um sie zu finden.

Prag ist vor allem im 18. Jahrhundert oft belagert worden und es gab daher viele Garnisonen zu seiner Verteidigung. Folglich gab es auch viele, über die Stadt verteilte Soldatenfriedhöfe. Nur von wenigen findet man noch sichtbare Spuren, seitdem sie Anfang des 20. Jahrhunderts samt und sonders aufgelöst wurden und militärische Begräbnisse aller Arten (Beispiel hier) seither nur noch auf den Olšany Friedhöfen (Olšanské hřbitovy; wir berichteten hier) oder außerhalb der Stadt stattfinden.

Die Rede ist vom Soldatenfriedhof von Střešovice (Střešovický Vojenský Hřbitov). Der wurde 1786 unter Kaiser Joseph II. für die Garnison des Artillerieregiments des damals ummauerten und befestigten Burgbezirks eingerichtet. Die Lage des Areals für den Friedhof war ideal, erfüllte sie doch des Kaisers Vorgabe, dass Friedhöfe (ganz gleich, ob militärisch oder zivil) aus den Innenstädten zu verschwinden hätten, war aber gleichzeitig so dicht von außen an den Bastionsmauern angelegt, dass die Angehörigen nicht weit laufen mussten, um den Toten Ehre zu erweisen. Da Prag 1757 während der Belagerung der Stadt im Siebenjährigen Kriegs das letzte Mal real militärisch bedroht worden war, dürften die meisten dort damals Begrabenen nicht Kriegsgefallene gewesen sein. Auch friedlich in einer Garnison untergebracht, sterben Soldaten ja irgendwann und müssen begraben werden. Die meisten tatsächlichen Kriegsopfer wurden hier während der Napoleonischen Kriege und dem Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 begraben, bei dem die Artilleristen außerhalb der Heimat Prag eingesetzt wurden, aber meist doch hier ihre letzte Ruhestätte fanden.

Bis 1906 fanden auf dem recht großen Areal noch Beerdigungen (zu diesem Zeitpunkt teilweise auch zivile) statt. In diesem Jahr wurden etliche Soldatenfriedhöfe aufgelöst und desekriert, etwa der große ehemalige Soldatenfriedhof von Karlín, von dem nur die Kapelle, aber seit seiner Auflösung kein Grabstein überlebte (wir berichteten hier). Das war im Falle des ebenfalls desekrierten Friedhofs Střešovice nicht in diesem Umfang der Fall. Etliche Soldaten wurden auf den weit außerhalb gelegenen Soldatenfriedhof in Štěrboholy (wir berichteten hier) umgebettet. Einige Gräber blieben und wurden noch bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg und in der Ersten Republik von Hinterbliebenen gepflegt. Vor allem blieb eine größere Menge Grabsteine erhalten. Die Situation verschlechterte sich allerdings markant, als in den 1930er Jahren der Park in eine Sportanlage umgewandelt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten sich Gartenkolonien hier breit, die weiteren Schaden anrichteten. 1987 erbarmten sich die Behörden und das Areal wurde unter Denkmalschutz gestellt.

Es begannen Restaurationsarbeiten. Die meisten der Grabdenkmäler und -platten wurden sehr einfühlsam und sorgfältig an den Mauern der Bastion angebracht, die man nun nachdenklich und interessiert entlang spazieren kann. Da findet man zum Beispiel das prächtige Grabmal von General Wenzel Schipka von Blumenfeld, der 1866 starb. Als Kuriosum bemerkt man, dass das oben eingemeißelte Familienwappen schräg auf dem Kopf steht (Bild rechts, aber auch großes Bild oben). Das soll symbolisieren, das mit dem dort Beerdigten der letzte seines Geschlechts, einer alten Ritterfamilie, gestorben war.

Ein anderer Prominenter, dessen Grabstein man noch sehen kann, war Josef Jüttner, Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften und Kommandant der Prager Artilleriebrigade, der als Kartograph 1811 bis 1816 den ersten auf geodätischer Basis erstellten Stadtplan Prags anfertigte. Allerdings fehlen bei vielen Grabsteinen die Inschriften, wie man am Bild links erkennen kann – eine traurige Folge von Vandalismus. DIe Denkmalpfleger arbeiten emsig daran, dass möglichst viele Inschriften wieder restauriert und rekonstruiert werden.

Weiter im Süden des Parks steht man dann vor einem großen Denkmal, einem Kreuz, das in einer sternförmigen Umbauung steht, die dem Grudriss der Bastion ähnelt. Es markiert die Stelle, wo einst 28 preußische Soldaten beerdigt worden waren. Preußen? Aber Prag war doch österreichisch und wurde auch nicht von Preußen erobert, oder? Nun, das war eine Folge des Preußisch-Österreichsichen Krieges von 1866. Nachdem Österreich die Schlacht von Königgrätz (Hradec Králové) verloren hatte, kam es zu Friedensverhandlungen. Die endeten mit dem Frieden von Prag am 23. August 1866. Kapituliert hatten die Österreicher aber schon im Juli, als der Vorfrieden von Nikolsburg die Kampfhandlungen beendete, was wiederum die Friedensverhandlungen in Prag erst möglich machte. Während der Verhandlungen konnte ein kleineres preußisches Truppenkontingent – darunter auch Artillerie – in Prag stationiert werden. So waren sie hierher gekommen und die 28 hier Begrabenen gehörten zu ihnen. Sie hatten am 25. August 1866 aus Versehen eine Munitionsexplosion ausgelöst und waren dabei ums Leben kamen. Sie wurden nun Seite an Seite ihrer früheren Gegner, den österreichischen Artilleristen begraben.

Am Anfang gab es hier nur ein einfaches Schachtgrab, Das Denkmal in der heutigen Form wurde erst 1890 mit Hilfe von Spenden des Hilfsvereins Deutscher Reichsangehöriger zu Prag (heute würde man von deutschen „Ex-Pats“ reden) . „Hier ruhen in Gott 28 Preußische Soldaten“, besagt die Inschrift auf dem Sockel des Kreuzes. Und darunter steht das Bibelzitat: Jesus Christus sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben (Johannes 11,25). Nach einer aufwändigen Renovierung im Jahre 2018 sieht das Grabdenkmal wieder blitzblank und gut in Schuss aus. Das ist schön. Immerhin scheinen die Wunden, die der Krieg von 1866 aufgerissen hat, verheilt zu sein. (DD)

Bildhauer des Sports

Das Areal am Moldauufer beim Stadtteil Libeň (Prag 9) war früher ein verfallenes und verlassenes Industriegebiet, das heute mit Luxuswohnungen und -büros heftig „gentrifiziert“ (also aufgewertet) wird. Nur am westlichen Teil, der Libeň Insel (Libeňský ostrov), sieht man noch zwischen kleinen Schrebergärten Spuren von Verfall. Umso erstaunter ist man, wenn man bei Spazieren plötzlich und unwerwartet vor einer Wiese mit vielen Skulpturen steht.

Wir befinden uns beim ehemaligen Bildhaueratelier Zdeněk Němeček (Sochařský ateliér Zdeňka Němečka), dessen Gelände heute so etwas wie ein Skulpturenpark ist. Er dient dem Andenken des Bildhauers Zdeněk Němeček, von dessen Werk man hier eine recht repräsentative Auswahl bewundern kann. Němeček hatte nicht nur ein profunde Töpferausbildung genossen, sondern hatte in den 1950er Jahren auch ein Studium an der Prager Akademie der Bildenden Künste unter anderem bei keinem Geringeren als Professor Jan Lauda absolviert. Der war in der Zeit der Ersten Republik zwischen den Weltkriegen einer der Begründer der modernen Bildhauerei im Lande und verfolgte zudem mit seiner Kunst immer auch soziale Anliegen. Und damit inspirierte er auch seinen Schüler.

Der bekannte sich aber darob klar und eindeutig zu den kommunistischen Machthabern, die 1948 die Tschechoslowakei übernahmen. Es war offenbar kein Opportunismus, sondern Überzeugung. Und tatsächlich gibt es eine Menge Werke von ihm, die klar der politisch-ideologischen Parteilinie dienten, darunter etliche Denkmäler für den von den Nazis ermordeten kommunistischen Schriftsteller Julius Fučík (über den wir u.a. hier berichteten), von denen übrigens das in (Ost-) Berlin eines der größten ist. Als im Herbst 1989 das Ende des Kommunismus nahte, empfand er das (aus für uns wohl schwer nachvollziehbaren Gründen) als eine menschliche Tragödie. Am 17. November 1989 – also jenem Tag, der heute als Tag der Freiheit und Demokratie ein nationaler Feiertag ist – begannen die großen Demonstrationen, die die Samtene Revolution und damit das Ende der roten Tyrannei einläuteten. Und am nächsten Tag beging Zdeněk Němeček Selbstmord. Ob politische Gründe alleine entscheidend waren, ist nicht klar, aber sie schienen eine Rolle gespielt zu haben. Zumindest verbirgt sich eine persönliche Tragödie dahinter. Vereinzelt gibt es den Verdacht, dass Němeček wegen seiner kommunistischen Überzeugungen hinterher nicht die posthume Anerkennung fand, die er als Künstler verdiente. So fehlt etwa sein Name in einem der Standardlexika zur bildenden Kunst in Tschechien. Andererseits sind in der Regel andere Künstler, die regimetreue Kunst machten, nie der damnatio memoriae anheimgefallen. Wer weiß? Jedenfalls ist seine völlig zurecht anerkannte Kunst nie aus dem öffentlichen Raum entfernt worden. Ich werde mich also nicht in Verschwörungstheorien ergehen. Wer weiß? Man kann sogar sagen, dass etliche seiner Skulpturen zeitlos populär blieben.

Das hat auch etwas mit seinem offenkundigen Lieblingsgenre in Sachen Bildhauerei zu tun. Die Darstellung von kommunistischen Heldfiguren wie Fučík machte realiter nur einen sehr kleinen Teil seines Oeuvres aus. Seine Leib- und Magenspezialität war das Thema Sport bzw. Sportler in allen Arten und Ausführungen, das er mit viel Lebensnähe, Witz und auch ohne allzu plumpen sozialistischen Körperkult behandelte. Im Kontext des stalinistischen Kunstverständnisses hätte sich das meiste davon als ausgesprochener Fremdkörper ausgenommen.

Das bekannteste Werk dieser Art sehen wir im großen Bild oben, die Skulptur Kouzelník s míčem (Ein Zauberer mit Ball), die er 1983 für den Vorplatz des Stadions von Hradec Králové schuf. Wir stellten bereits hier seine Statue eines Basketballspielers vor der Sporthalle Folimanka (Sportovní hala Folimanka) vor. Kaum weniger bekannt ist seine schon sehr viel mehr abstrahierende Skulptur Cyklisti (Radfahrer), die (wie wir im Bild oberhalb links erkennen) ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen zu zeigen scheint. Oder auch die nur als Torsos erkennbaren Läufer im Bild links unter dem Titel Zvítězím (Ich werde gewinnen), die der Künstler 1973 kreierte. Und nicht zu vergessen die Olympijská lípa v Libni (Olympische Linde von Libeň) aus dem Jahre 1966, eine baumförmige Metallskulptur, die wir im Bild oberhalb rechts sehen.

Ein ähnliches Thema hat er vier Jahre später, im Jahre 1977, mit seiner Skulpturengruppe Závod (Das Rennen) noch einmal aufgenommen. Im Titel steht schon weniger individueller Siegeswille im Mittelpunkt wie bei Zvítězím. Vielleicht ist das der Grund, warum die nunmehr drei (nicht vier, wie im anderen Werk) mit weniger eckigen Formen gestaltete wurde.

Warum findet man den Skulpturenpark hier in Libeň? Nun, der Künstler hatte hier von seinem Lehrer Jan Lauda nach dessen Tod im Jahr 1959 dessen Atelier übernommen, das sich heute am Rande deeses Parks befindet, auf dem wiederum heute eben eine Auswahl von Němečeks Werken zu sehen ist.

Wie etwa – um noch ein Beispiel zu präsentieren – die seltsame Bodenturnerin, die sehr abstrakt gestaltet nur ein Bein zu haben scheint (Bild links). Genaueres habe ich aber nicht herausfinden können. Es fehlen in der Regel Informationsschilder; wie das Ganze sowieso etwas spontan improvisiert aussieht (was irgendwie auch seinen Charme ausmacht).

Heute residieren in dem Atelier übrigens die Designstudios Olgoj Chorchoj. Dahinter verbirgt sich eine Gruppe von Kunsthandwerkern und Designern, die sich um keinen Geringeren als den Bildhauer Jan Němeček geschart hat – dem Sohn von Zdeněk Němeček. Der hat nach dem Zusammenbruch des Kommunismus neue Standards in der Designkultur des Landes gesetzt und wurde unter anderem mit seinen Designs für Gläser der Biermarke Pilsner Urquell 2006 weltbekannt. Das Kunsttalent liegt also in der Familie. Und dieses Familienerbe pflegt der Sohn mit dem seinem Vater, dem großen Bildhauer des Sports, gewidmeten Skulpturenpark. (DD)

Avantgardistische Sportarchitektur

Nein, zu den schönsten Bauwerken Prags würde ich es vielleicht nicht zählen: Das Sokol-Gebäude (Sokolovna) in Vinohrady (Prag 2). Aber Architekturhistoriker zählen es zu Recht zu den bedeutenderen Großbauten des tschechoslowakischen Funktionalismus der Ersten Republik. Und es sagt etwas über die Bedeutung des Auftraggebers aus.

Das Gebäude an der Polská 2400/1a, direkt am Rande des Rieger-Parks (Riegrovy sady), gehörte bzw. gehört heute (nach Unterbrechung in den Zeiten von Nationalsozialismus und Kommunismus) immer noch dem Turnerbund Sokol (Falke). Die 1862 von Miroslav Tyrš gegründete Massenorganisation hatte zur Zeit ihrer Entstehung nicht nur die allgemeine Leibesertüchtigung zum Ziel. Vielmehr war es die mitgliederstärkste Organisation der tschechischen Nationalbewegung, die sich u.a. mit spektakulären Massenveranstaltungen im 19. Jahrhundert für die Rechte und die Selbstbestimmung der Tschechen im österreichischen Habsburgerreich einsetzte. Fast alle Väter der tschechoslowakischen Unabhängigkeit – Tomáš Garrigue Masaryk, Edvard Beneš, Alois Rašín, Karel Kramář u.v.v.a. – waren Mitglieder gewesen. In der Ersten Republik war der Sokol daher eine der tragenden Säulen des Gemeinwesens.

Das galt für alle Ebenen des Staates, so auch für die kommunale. Und unter den Kommunen war das erst ab 1922 zu Prag gehörende Vinohrady eine der aufstrebendsten und reichsten. Folglich war der örtliche Sokol auch besonders finanzstark. Deshalb ist das dortige Sokol-Gebäude eines der größten unter den in der Republikzeit gebauten.

1936 beschloss man eine Ausschreibung mit Wettbewerb um den besten Entwurf für ein multidisziplinäres Sportzentrum. Den Wettbewerb gwannen die Architekten František Marek und Václav Vejrych (beide Schüler des kubistischen Architekten Josef Gočár) sowie Zbyněk Jirsák für ihren gemeinsamen Entwurf. Der setzte Maßstäbe in der modernen Sportarchitektur, ja, war geradezu avantgardistisch und passte somit zu dem progressiven Image des Sokol. 1938 begann man mit der Umsetzung durch den Bauunternehmer Karel Skorkovský, der ein Pionier der Stahlbeton-Technik war. Doch die Umsetzung stand aus politischen Gründen unter einem unglücklichen Stern .

Im selben Jahr begann mit dem Münchner Abkommen die Demontage der Tschechoslowakei und Anfang 1939 marschierten die Nazis in Prag ein. Für den liberal und demokratisch ausgerichteten Sokol begannen schwere Zeiten. Ursprünglich hätte der Bau noch größer werden sollen, aber das Geld wurde knapper, so dass man auf ein Stockwerk verzichtete. Als das Gebäude fertig war, beschlagnahmten es die Deutschen (die u.a. den großen Treppenaufgang im typischen Nazi-Brutalklassizismus anfügten) und 1941 wurde es in ein Lazarett für SS-Leute umgewandelt. Im Juni 1946 konnte der örtliche Sokol endlich für sich die Einweihung des Gebäudes für sich feiern. Doch auch dieses Glück währte nur kurz. 1948 übernahmen die Kommunisten im Lande die Macht, die ebenfalls wenig von der liberaldemokratischen Ausrichtung des Vereins hielten, und im Jahr darauf wurde der Komplex Sportabteilungen der Maschinenbaufabrik ČKD übertragen. Erst 1991, zwei Jahre nach dem Fall des Kommunismus, bekam der Sokol sein Eigentum zurückerstattet.

Ansonsten gilt immer noch das Motto: Think big! Das im Stil der damaligen Zeit von außen von Keramikkacheln überzogene Gebäude verfügt mehrere Turnhallen, zwei Hallenfußballfelder, ein großes Schwimmbad, einen Parkettsaal (für den Tanzsport), Saunen, sowie Sitzungs- und Konferenzräume Davor ist noch ein recht großer Sportplatz für alle, die Sport am liebsten an der frischen Luft treiben. Auch nach heutigen Maßstäben ist das ein allen Standards genügendes, modernes Großzentrum des Sports.

Und eines mit Geschichte! Die feiert man drinnen wie draußen. Drinnen befindet sich in der Eingangshalle eine Statue von Miroslav Tyrš, und zwar die Kopie der 1926 von dem berühmten Bildhauer Ladislav Šaloun geschaffene Bronzefigur, die im Original vor dem nationalen Sokol-Hauptquartier, dem Tyršův dům (Tyrš-Haus) auf der Kleinseite steht. Drumherum gibt es eine kleine Ausstellung über die Geschichte, die den Beitrag des Sokol zur Unabhängigkeit der Tschechoslowakei, zur Stützung der Ersten Republik und zum Widerstand gegen Nazis und Kommunisten zum Thema hat.

Und draußen vor dem Eingang steht seit 2012 ein Denkmal zum 150. Jahrestag der Gründung des Sokol im Jahre 1862. Gestaltet wurde es von der Bildhauern Karel Holub und Petr Holub (Vater und Sohn). Drei Betonstufen, die den Weg des Sokol durch die Geschichte symbolisieren sollen, führen zu einer Metallplatte, aus der die Silhouette eines kurz-behosten Sokol-Turners in Grundpositiongeschnitten ist, Der Betonsockel wird hinter der Statue noch ein wenig weitergeführt, so wie der Fortschrittsweg des Sokol weitergeführt werden wird. Der nationale Pathos, der den Sokol umgibt, hat hier einen modernen Ausdruck gefunden.

Bevor man es vergisst: Es gibt auch eine kleine Gastronomie, die sich modisch-keck SoKool Bar & Restaurant nennt, und deren Außenbereich mit ihrem irgndwie sehr traditionell wirkenden Blumenschmuck einen lustigen Kontrast zu dem kalten Funktionalismus des Gebäudes bildet. Das ist natürlich wichtig, denn ohne ein frisch gezapftes Bier danach ist ja die sportliche Betätigung kaum zu bewältigen. (DD)

Schloss mit Mordgeschichte

In den Außenbezirken Prag gibt es eine schier unendliche Zahl von kleinen Burg- und Schlossanlagen. Sie liegen fast samt und sonders außerhalb der großen Touristenströme, die meist nur den Hradčany (Burgbezirk) oberhalb der Kleinseite erreichen. Für die Einheimischen sind sie aber beliebte Ausflugsziele – allen voran Schloss Chvaly (Chvalský zámek) im heutigen Stadtteil Horní Počernice (Prag 20)

Eigentlich handelt es sich sogar um einen alten und sehr pittoresken Ortskern, dessen Zentrum die Burg bildet. Der Ort Chvaly existiert wohl schon seit dem 11. Jahrhundert. Eine Urkunde aus der Zeit des böhmischen Herzogs Soběslav I. weist es 1130 als Kirchenbesitz des Kapitels Vyšehrad aus. Die Burg gibt es aber erst seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, was man ersten schriftlichen Erwähnungen in Chroniken von 1428 entnehmen konnte. Die Burg gehörte nacheinander verschiedenen adligen Bürgern Prags. Vom Unglück verfolgt war Ritter Jiří Vtelenský z Vtelno, der Burg und Gut 1615 erwarb, weil er sich an dem Ständeaustand 1618 beteiligt hatte, der sich gegen die absolutistischen Bestrebungen und die Abschaffung religiöser Toleranz durch die Habsburger wendete. Nach der Niederlage des Aufstands 1620 wurde sein Besitz konfisziert.

Einige Eigentümerwechsel weiter, im Jahre 1652, fiel der Besitz in die Hände der Jesuiten, die wiederum nach einem Brand die im Kern noch recht finster mittelalterliche Burg in ein modernes Barockschloss umwandelten – so wie wir es im Großen und Ganzen heute noch sehen können. Zudem bauten sie als integralen Bestandteil des Schlosses eine Kapelle an, die der Heiligen Anna gewidmet war. Der Jesuitenorden wurde 1773 von Papst Clemens XIV. aufgelöst und so kam das Schloss in den Besitz eines gemeinnützigen Studienfonds, der hier bis 1848 residierte. In dieser Zeit (genauer: 1793/94) wurde die Kapelle umgebaut und vergrößert. Sie diente nun unter dem Namen Kirche der Heiligen Ludmilla als reine Gemeindekirche und gehört heute der Katholischen Kirchengemeinde des Ortes. 1825 wurde sie nochmals im neoromanischen Stil umgebaut, der heute ihren äußeren Eindruck prägt.

Was das Schloss anging, so gab es abermals eine Folge von Besitzerwechseln, die dem Gebäude nicht gut bekamen. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde gar der südliche Flügel des Schlosses abgerissen. Die Substanz war in Gefahr. 1918 wurde deshalb das Schloss samt unmittelbarer Umgebung in Staatseigentum der neu gegründeten Tschechoslowakei überführt und vermietet. Der Verfall wurde dadurch allenfalls verlangsamt. Aber auch das endete 1951 mit dem Kommunismus. Das Ganze wurde nun in enen landwirtschaftlichen Staatsbetrieb überführt, was am Ende zur völligen Verwahrlosung und Zweckentfremdung führte. Gottlob verschwand der Kommunismus 1989 und man konnte sich endlich richtige Gedanken über eine angemessene Nutzung machen.

Seit 1993 befindet sich das Schloss nunmehr im Besitz der Stadt Prag bzw. seit einiger Zeit im Besitz des Stadtteils Horní Počernice. Nun plante man, das Schloss zu renovieren und einem Zwecks zuzführen, der seinem kulturellen und historischen Rang entsprach. Bis 2008 dauerten die Arbeiten, die zum Teil aus EU-Mittel finanziert wurden. Sie bezoegn die ganze Umgebung mit ein, denn das ummauerte Areal umfasst noch etliche barocke Wirtschaftsgebäude des Schlosses und einen um eine große Dorfplatzanlage gelegenen Ortskern mit alter Bausubstanz. Die Entwickler sahen hier das Potential für ein großes gehobenen Freizeit- und Kulturzentrum.

In einem der Wirtschaftsgebäude (kleines Bild links) befindet sich jetzt eine Kunstgalerie mit interessanten Wechsel-Ausstellungen. Auf dem Platz gibt es moderne Skulpturen, aber auch einen Kinderspielplatz. Mehrere Restaurants in historischen Gebäuden säumen den Dorfplatz. Alles ist in blitzblankem Zustand. Alles ist herrlich für Familienausflüge geeignet.

Das gilt auch für das Schloss selbst. Das enthält neben dem barocken Hochzeitssaal auch ein kleines Museum, das spielrisch und didaktisch stark auf Kinder als Publikum ausgerichtet ist, was aber keinesfalls Erwachsene abschrecken sollte. Dort kann man auch noch ein wenig zur Baugeschichte sehehn. Im ersten Augenblick denkt man im Keller, hier hätte sich damals ein Kerker befunden. Richtig düster, kalt und eng sieht es in dem finsteren Verließ aus. Stimmt aber nicht. Im Schloss gab es nie ein Gefängnis und in Wirklichkeit handelt es sich um eine Kühlkammer, wo man (der Kühlschrank war ja noch nicht erfunden) in der frühen Neuzeit im Winter gesammeltes Eis über den Sommer aufbewahren konnte.

Aber eigentlich geht es im Museum um Ortsgeschichte und um große Persönlichkkeiten, die Chvaly hervorgebracht hat. Dazu gehört unter anderem die Malerin und Graphikerin Ludmila Jiřincová. Den Tschechen noch bekannte dürfte der Trickfilmzeichner Zdeněk Smetana sein, der mit dazu beitrug, dass Tschechien in diesem Genre qualitativ so führend wurde. Dabei lernt man auch, das Smetana in den frühen 1960er Jahren Folgen der amerikanischen Kultserie Tom and Jerry in Prag gezeichnet hatte. Wer weiß heute noch, dass die amerikanischen Kapitalisten die Produktion ihren Serie aus Geldgründen outsourcten und die tschechoslowakischen Kommunisten – auch aus Geldgründen – diesen Job gerne übernahmen? Man lernt nie aus…. Im Museum von Schloss Chvaly kann man in einem kleinen Kino aber einen ur-tschechischen Trickfilm mit den von ihm geschaffenen Kobolden Křemílek und Vochomůrka (dt.: Fliegenpilz und Kasimir) bewundern.

Auch die Lokalgeschichte des Schlosses bietet Interessantes, wenn nicht gar Dramatisches, das didaktisch hübsch durch Comics-Wandtafeln präsentiert wird. Hier sieht man eine gruselige Mordgeschichte, die sich nach der oben erwähnten Enteignung des Ritter Jiří Vtelensk wegen seiner Beteiligung am Ständeaufstand 1618 abspielte. Einer der Justizräte, die die Prozesse gegen die Aufständischen leiteten, war ein gewisser Jan Daniel Kapr z Kaprštejn, der sich wie viele der Parteigänger der Habsburger hemmungslos am Besitz der Besiegten bereicherte. 1622 war er – nicht überraschend! – auf einmal zum Eigner von Schloss Chvaly geworden.

Lange konnte er die Früchte seiner Gier aber nicht genießen. Er behandelte seine Frau Anna, die ihn gegen ihren Willen heiraten musste, wohl recht schlecht. Zusammen mit ihrem eigentlichen Geliebten, dem Ritter Adam Zapský ze Zap, lauerte sie im November 1625 in einem nahegelegenen Wald dem bösen Ehemann auf, dessen Leben nun durch eine Kugel beendet wurde. Anna und Adam konnten ihr Liebesglück aber nicht lange genießen. Sie wurden schnell gefasst und zum Tode verurteilt. 1626 enthauptete der Scharfrichter Jan Mydlář , der schon 1621 die Hauptaufständischen hingerichtet hatte (wir berichteten hier), die beiden – erst sie, dann ihn. Diese schauerliche Geschichte (die eigentlich verfilmt werden könnte) wollte ich an dieser Stelle niemandem vorenthalten…

Ja, auch außerhalb des Zentrums kann Prag spannend sein. Ein Besuch von Schloss Chvaly bietet jedenfalls alles, was man sich für einen kleinen Wochenendausflug in der Umgebung Prags nur so wünschen kann, vor allem spannende Geschichten. (DD).

Vom Schützenprivileg zum Freizeitparadies

Sie hat sich inzwischen zu einem kleinen Freizeitparadies für einheimische Prager, aber auch Touristen enwickelt: Die Schützeninsel (Střelecký ostrov). Vor der Altstadt liegend, ist sie heute zu Fuß über die Most Legii (Brücke der Legionen) erreichbar. Die wurde aber als die zweite Prager Moldaubrücke überhaupt in den Jahren 1898 bis 1901 (wir berichteten hier) erbaut. Sie ersetzte wiederum eine 1839-41 entstandene Kettenbrücke. Vorher musste man per Boot hinüberschippern.

Das war natürlich der Exklusivität der „Location“ angemessen. Die Flussinsel, die im 12. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt wurde, war im 14. Jahrhundert im Besitz des Johanniterordens, der hier sogar eine kleine Festung errichtete. Als befestigter Standort spielte die Insel noch im Dreissigjährigen Krieg eine Rolle bei der Verteidigung der Stadt gegen die 1648 einfallenden Schweden. Aber schon 1562 hatte König Ferdinand I. den größten Teil der Insel den Stadtschützen der Altstadt gegeben.

Und daher hat die Insel auch ihren heutigen Namen. Hier praktizierten im Sinne des ihnen vom König verliehenen Privilegs zunächst die Schützen zur Verteidigung der Stadt, wobei sich das Ganze nach und nach zu einem gepflegten Hobby für Adel und auch das reiche Bürgertum entwickelte. Es bildeten sich Schützenvereine mit schicken Uniformen. Zunächst schoss man mit Pfeil und Bogen auf einen hölzernen Vogel, der auf einer Stange saß (was der Usprung der Redensart den Vogel abschießen ist), später auch mir Armbrüsten und Gewehren auf Zielscheiben. Dafür gab es am südlichen Ufer auch eine kleine hölzerne Schießhalle.

Die Halle brannte Anfang des 19. Jahrhunderts ab und wurde 1812 durch ein prächtigeres Gebäude im klassizistischen Stil ersetzt, für dessen Pläne sich der Architekt Josef Zobel verantwortlich zeigte. Dieses nunmehr steinerne und somit feuerfeste Gebäude, das eher einem schönen fürstlichen Palais gleicht, kann man heute noch fast unverändert bewundern, wenngleich es kurz vor dem Zweiten Weltkrieg um einen Restaurantanbau ergänzt wurde. Und immer noch war die Insel der Ort, wo sich die adligen und großbürgerlichen Schützen mehr oder minder exklusiv trafen. Deshalb wurd unter anderem ein Ballsaal eingerichtet. Der elitäre Anspruch änderte sich fast schon notgedrungen ein wenig mit der Fertigstellung der ersten Brücke 1841.

Mit ihr kam das Zeitalter der Veranstaltungen für die großen Massen. Meisterschaften für Bogenschützen gibt es hier zwar noch bis heute, aber der große erste Hit für die Massen im 19. Jahrhundert war die Industriemesse von 1872. Schon 10 Jahre später, am 18. Juli 1892, kam es noch dicker. Da führte nämlich der von von Miroslav Tyrš 1862 gegründete Turnerverband Sokol (Falke) sein 1. Sport-und Turnfest durch, an dem über 1600 Sportler teilnahmen. Dabei ging es weniger um Leibesertüchtigung, denn der Sokol verstand sich als politische Organisation zur Erkämpfung von Rechten für die Tschechen im Habsburgerreich. Mit dem Fest gelang ihm eine politische Demonstration der Stärke. Eine Gedenkplatte findet sich seit 1932 am Gebäude. Noch mehrmals fanden in der Folge hier Sokol-Feste statt.

Die nächste bemerkenswerte große Politveranstaltung war erste Arbeiter-Feier am 1. Mai 1890. Der Tag der Arbeit wird heute noch gerne von Kommunisten und Sozialisten gefeiert, obwohl er als offizieller und arbeitsfreier Feiertag – wie auch in Deutschland – erst von den Nazis während der Protektoratszeit (während derer die Insel bedauerlicherweise wieder exklusiv genutzt wurde, diesmal von der örtlichen Hitlerjugend) eingeführt wurde. Wie dem auch sei, auch dieses Schlüsselereignis der Geschichte fand hier statt und wird ebenfalls mit einer Gedenkplatte mit einem Relief voller wehender roter Fahnen in historischen Ehren gehalten. Die Gedenkplatte dürfte in den Zeiten des Kommunismus, wahrscheinlich in den 1960er Jahren angebracht worden sein.

Die 1901 eingeweihte neue Brücke zeichnete sich durch eine besonders prachtvolle Treppe im neobarocken Stil aus. Damit war die Entwicklung hin zu einem der nachgefragtesten Teil des öffentlichen Raums in Prag festgeschrieben. Sport wird hier – vor allem im südlichen Teil – weiter getrieben, meist Bogenschießen (Geschichte verpflichtet!), aber auch seltenere Sportarten. 2007 fand auf der Insel zum Beispiel die Weltmeisterschaft im Murmelspielen (Schussern) statt.

Aber die Insel ist mehr. Sie ist ein Freizeitparadies schlechthin. Der südliche Teil, der durch Schießhalle bzw. Restaurant vom Rest der Insel separiert ist, kann für geschlossene Open-Air-Veranstaltungen genutzt werden. Nicht nur Sportveranstaltungen fallen darunter, sondern auch Rock-Konzerte und ähnliches. 1997 wurde sogar ein Open-Air-Kino eröffnet, das allerdings mit dem schrecklichen Hochwasser von 2002 wieder verschwand.

Das wahre Leben tobt jedoch im öffentlich frei zugänglichen Bereich nördlich des Gebäudes und der Brücke – also dem größten Teil des Inselareals. Ein herrlicher uralter Baumbestand, dessen Urspünge teilweise bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen, lädt vor allem im Sommer zum Verweilen ein. Überall sieht man Menschen, die auf dem Rasen Picknicks abhalten und es sich gut gehen lassen. Es handelt sich um eine der schönsten Parkanlagen der Stadt.

Dazu gibt es die passende Infrastruktur – kleine Imbiss- und Kaffeestände, schwimmende Restaurants, die hier vertäut sind, Bootsverleihe und anderes sorgen dafür, das es dem Rast suchenden an nichts fehlt. Ab und an gibt es auch Großveranstaltungen. Regelmässig findet hier zum Beispiel der unterhaltsame Teil (Konzerte etc.) des Gay Pride Festivals mit Partystimmung statt. Es ist immer etwas los auf der Insel.

Meist ist es dann doch ein wenig ruhiger auf der Insel – trotz der vielen Besucher. Die kommen auch, um von der Nordspitze der Insel eine atemberaubende Aussicht zu genießen. Die Nordspitze ist einer der Orte, von dem aus man die Karlsbrücke (Karlův most) – die große Attraktion Prags – in voller Länge sehen kann. man sollte es sich nicht entgehen lassen. (DD)

Bier im Bischofspalast

Gute Bildungsbürger sollten sich das Gebäude des Vojanův Dvůr (Vojan Hof) natürlich wegen seiner stadtgeschichtlichen Bedeutung für Prag anschauen. Es spricht dabei aber nichts dagegen, dort in der kleinen Brauereigaststätte gleichen Namens einzukehren und selbige näher zu inspizieren.

Der Name täuscht. Das Gebäude an der U Lužického semináře 119/21 auf der Kleinseite wurde zwar – genau wie der sich anschließende Vojan Park (Vojanovy sady) im 20. Jahrhundert nach dem Schauspieler Eduard Vojan benannt (früherer Bericht hier), der in der Gegend wohnte, aber es verdankt ihm keineswegs seinen Ursprung. Erstmals wurde das Gebäude 1248 erwähnt. Da war es nämlich der Palast oder Hof des Bischofs von Prag. Damals war das Nikolaus von Újezd, der sich vor allem durch den Ausbau der Prager Burg hervorgetan hatte. Als im 14. Jahrhundert die Prager Bischöfe zu Erzbischöfen aufstiegen, blieben sie weiterhin hier. Erst im 17. Jahrhundert zog es die Erzbischöfe in ein neues Domizil in die Altstadt. Der Hof fiel in den Besitz eines Klosters des Ordens der Karmelitinnen. Erst in den 1920er Jarhen wurde das Areal säkularisiert.

Entscheidend ist jedoch das Jahr 2018. Da eröffnet die Brauereigaststätte ihre Pforten. Die ist enorm beliebt bei den Unmengen von Touristen (aber auch eine nicht zu unterschätzende Zahl Einheimischer), die sich hier vorbeidrängen und im Sommer vor allem den Biergarten lieben. Ja, und obwohl das Vojanův dvůr mitten in einem touristischen Hotspot residiert, bekommt man für sein Geld hier reelle Qualität. Es handelt sich gewiss um eines der Top-Braulokale Prags.

Das liegt daran, dass die Betreiber schon wussten, wie man Qualität und Massentourismus verbinden kann. Schon 2014 hatten sie mitten im Gewühl der Altstad auf der anderen Moldauseite die Braugaststätte U tří růží (Bei den Drei Rosen) in der immer belebten Husova 10/232 (wir berichteten hier) gegründet und dort gezeigt, was sie konnten. Beide Lokale teilen sich Profi-Braumeister Tomáš Tuchyňa, der in beiden Brauereien durchaus für ein unterschiedliches Bierangebot sorgt – und zwar mit höchsten Qualitätsansprüchen. Hier sieht man das milde Halbdunkle (rechts) und das rötliche Rubín, ein leicht hopfiges Lagerbier.

Die Brauanlage kann man übrigens auf Anfrage besichtigen. Um das Trinken leichter zu machen, sollte man sich auch etwas zu Essen gönnen. Wie im U Tří růží bekommt man auch hier, was man von einer böhmischen Gaststätte so erwartet – deftige Küche mit Knödeln, Fleisch und was dazugehört. Uns schien die Zubereitung sogar ein wenig hochwertiger als im Schwesterlokal drüben auf der anderen Flussseite.

Nicht nur demjenigen, der wissen will, wie Bier in einem alten Bischofssitz schmeckt, sei diese Gaststätte empfohlen. (DD)