Bunte Maria

Darstellungen der Heiligen Jungfrau Maria an Häuserfassaden waren in Prag um die Jahrhundertwende recht populär. Unter den vielen, die es in zu sehen gibt, ragt diese allerdings als besonders farbenfroh heraus.

Man findet sie auf dem Giebel des vierstöckigen Miets- und Wohnhaus in der Nad štolou 950/12 im Stadtteil Holešovice. Der war damals ein im Wachsen begriffener Industriestandort, an dessen Stadtrand (abseits der Fabriken) sich wohlhabende Bürger gerne niederließen. Auf jeden Fall wuchsen damals ganze Straßenzüge mit äußerst prachtvollen Wohnhäusern für das gehobene Bürgertum empor.

Dieses Haus entstand im Jahre 1906 und basiert auf den Plänen des Architekten Antonín Zámek, über den ich sonst nicht viel herausfinden konnte. Die Fassade im Jugendstil (voller barocker Zitate) ist mit vielen skulpturalen Details wie Putten, Maskaronen und floralem Girlandenschmuck versehen. Das bunte Mosaik der Jungfrau mit dem Kinde (umgeben von kleinen Engeln in den Wolken) ist jedoch zweifellos der „Hingucker“. Wer der Künstler war, der sie so liebevoll anfertigte, ließ sich bisher nicht herausfinden. (DD)

Moloch mit Aussicht

Jedes Mal, wenn ich mit der Straßenbahn hier vorbeifuhr, dachte ich mir: So scheußlich und trostlos kann nur kommunistische Architektur sein. Aber dann stellte sich heraus, dass jeder noch so schlimme Verdacht gegen die Kommunisten zwar prinzipiell moralisch geboten, aber leider doch nicht immer richtig sein muss. Das im Volksmund Moloch (Molochov) genannte Mietshaus in Kolossaldimension ist nämlich ein Werk der Ersten Republik aus dem Jahr 1938. Da regierten die Kommunisten noch nicht.

Den abwertend gemeinten, aber mittlerweile generell geradezu mit Stolz akzeptierten Beinamen hatte das an der Milady Horákové č 845/72 bis 96 in Bubeneč (Prag 7) über der Letná Höhe gelegene Gebäude schon zu Baubeginn zur Zeit seiner Fertigstellung verpasst gekommen. Aber eigentlich ist es gar nicht richtig, überhaupt von einem Gebäude zu reden. Unter den Führung des Architekten Josef Havlíček war eigentlich vorgesehen, dass hier 13 Wohnblöcke entstehen sollten, die von mehreren Architekten entworfen werden sollte.

Und so wurde es realisiert – nur, dass man das nicht sieht. Havlíčeks Mitarchitekten Ernst Mühlstein, Victor Furth, František Votava, Leo Lauermann und die Brüder Karl und Otto Kohn (letzterer der leibliche, aber nicht-offizielle Vater des berühmten Amadeus-Regisseurs Miloš Forman) bauten Wohnblöcke, die innen sehr unterschiedlich gestaltet waren. Blickt man auf die Rückseite, so wird man auch eine abwechslungsreiche Fassadengestaltung – insbesondere sichtbar bei den Balkonen und Treppenhausfenstern – bemerken. Nur die Fassade zur Letná Höhe hin, die zur Altstadt und zu Burg gerichtet ist, wurde von Havlíček einheitlich gestaltet.

Darauf war er stolz, denn unter den Architekturkritikern der Zeit galt das Gebäude, dessen einheitliche rund 30 Meter hohe Fassade sich nun über satte 252 Meter hinstreckte, als Meisterwerk der funktionalistischen Moderne. Man glaubte, die Großfassade wäre in ihrer Einheitlichkeit ein ästhetischer Gewinn, der einen schönen Kontrast zu den in der Ferne sichtbare Gebäuden des alten Prags böte – ein Eindruck, dem sich vielleicht heute nicht jedermann anschließen möchte. Im Gegenteil: Die Harmonsierung der Fassade strahlt für die meisten Betrachter eine gewisse Monotonie aus – vielleicht auch, weil derartige Architektur keinen experimentellen Neuheitswert mehr besitzt, sondern später phantasielose Massenware wurde.

Aber in den späten 1930 war man zunächst einmal stolz darauf, dass solch ein Avantgardeprojekt nun die Stadt zierte – alles in Stahl und Beton. Die Modernisierer der Tschechoslowakei konnten sich in dem Wohlgefühl wiegen, dass sie mit den Vereinigten Staaten von Amerika, dem Land der Wolkenkratzer, mithalten konnten. Es war auch für längere Zeit die letzte Gelegenheit, so etwas zu realisieren. 1938 wurde durch das Münchner Abkommen sichtbar, welche Gefahr aus Deutschland von den Nazis ausging. Noch bevor 1939 der Einmarsch kam, hatten sich die Brüder Kohn, beide Juden, vorsorglich ins Exil begeben. Sie hätten mit sieben der Gebäude den Löwenanteil des Ganzen bauen sollen, die nun nach ihren Plänen von Havlíček vollendete. Nach dem Krieg wurde der Funktionalismus, wie er hier in gigantomaner Weise vorgelebt wurde, zum allgemeinen Trend. Fast jede kommunistische Plattenbausiedlung besteht aus Gebäuden, die dem Moloch irgendwie recht ähnlich sehen. In der Tat haben einige Architekten des Molochs nahtlos Anschluss an die sozialistische Plattenbauarchitektur gefunden (etwa Havlíček hier).

Und in kommunistischen Zeiten war der Moloch eine beliebte Wohnlage. Hier wohnten die Prominenten des Regimes. So etwa Karel Hoffman, der in den späten 1960er Jahren Kulturminister war. Das Gebäude bot nämlich einen Wohnkomfort, den viele schöne Altbauten damals noch nicht unbedingt besaßen (Strom, Wasser, Aufzüge etc.). Vor allem aber konnte man von der Einheitsfassade aus einen unglaublichen Blick auf die Stadt genießen (zynisch formuliert: Es war die einzige Aussicht in der Umgebung, von der aus man den Moloch selbst nicht sah). 1964 wurde das Gebäude sogar unter Denkmalschutz gestellt – angesichts der architekturhistorischen Bedeutung auch eine richtige Entscheidung, die unabhängig davon gilt, ob man das Ganze schön findet oder nicht. Aber es blieb nicht aus, was nicht ausbleiben konnte: In den Zeiten des Kommunismus wurde das Gebäude ein wenig vernachlässigt. Was an Glanz geewsen sein mag, ist ein seither arg verwittert. Nach dem Ende des Kommunismus wurde der von Havlíček entworfene westliche Block (der auch der größte ist) renoviert. Die anderen Teile harren noch der Verbesserung. Das verstärkt den Eindruck von Trostlosigkeit, der sich bei Gebäuden dieser Art ja schnell einstellt. Aber die Aussicht von dort ist immer noch schön und die Umgebung hier in Bubeneč gentrifiziert sich rapide. Die stiegende Nachfrage nach Wohnraum lässt hoffen, dass man dem Bau schon bald einige Renovierungs- und Verschönerungsmaßnahmen angedeihen lässt. (DD)

Reine Rechtslehre am Einkaufszentrum

Er gilt als der Vater der modernen österreichischen Verfassung. Bei seinem Namen denkt man eigentlich gleich an Österreich: Hans Kelsen. Da staunt man doch, wenn man plötzlich entdeckt, dass der Rechtsgelehrte in Wirklichkeit vor genau 140 Jahren, am 11. Oktober 1881 hier in Prag geboren wurde.

Nun gut, als er geboren wurde, gehörte Prag ja irgendwie zur österreichischen Reichshälfte der Doppelmonarchie. Trotzdem gilt: Mit drei Jahren verließen er und seine Familie Böhmen und die eigentliche akademische Karriere Kelsens nahm dann in Wien ihren Anfang. Kelsen gilt als der führende Vertreter des modernen Rechtspositivismus. Er nannte seine juristische und rechtsphilosophische Theorie Reine Rechtslehre, die die Autonomie des Rechts gegenüber Moral oder vorstaatlichen Werten (Naturrecht) postulierte. Liberale Kritiker wie Friedrich August von Hayek haben ihm vorgeworfen, eine solch moralfreie Theorie des Rechts leiste leicht Unrechtsregimen Vorschub. Das hätte er von sich gewiesen, denn für ihn war wissenschaftliche Jurisprudenz die Ableitung einer Rechtssystematik von einer Grundnorm. Die war für ihn nicht Gegenstand der Wissenschaft, wohl aber von moralischen Überzeugungen. Er betonte stets, dass für ihn demokratische Grundnormen vorzuziehen seien. Die Verfassung Österreichs verdankt ihm bis heute wesentliche Impulse, etwa die Etablierung des unabhängigen Verfassungsgerichts.

Für die Demokratie setzte er sich so sehr ein, dass er 1933 seinen Lehrstuhl in Köln verlassen musste, weil ihn die Nazis verfolgten. Er floh nach Wien, dann 1936 in seine Geburtsstadt Prag, wo ihn die Nazis bald einholten. 1940 landete er in den USA, wo er bis zu seinem Tod 1974 als hochgeachteter Jurist wirkte. Hier in Prag, wo er geboren wurde, wollte man seiner dann auch gedenken und so wurde 2014 in Gegenwart des Bürgermeister von Prag 1, Oldřich Lomecký, eine Gedenktafel zu seinen Ehren eingeweiht. Um es vorsichtig zu sagen: Die Tafel (großes Bild oben) und die Lokation wirken leider ein wenig lieblos. Es handelt sich um eine bloße Blechtafel mit der Aufschrift, dass der große Rechtsgelehrte hier dereinst geboren wurde. Das Ganze befindet sich in der unansehnlichen Ecke eines Nebeneingangsbereichs eines Kaufhauses. Nur wenigen Menschen, die hier vorbeikommen, dürfte die Plakette überhaupt auffallen.

Dass das Umfeld so aussieht, wie es aussieht, dafür können die Initiatoren der Plakette allerdings nichts. Denn das eigentliche Geburtshaus wurde schon lange zuvor abgerissen. Heute steht hier eben das Einkaufszentrum Máj (Obchodní dům Máj) in der Národní 63/26, Ecke Spalená, am Rande der Altstadt (Prag 1), das in den Jahren von 1972 bis 1975 von den Architekten John Eisler, Miroslav Masák und Martin Rajniš erbaut wurde. Der Koloss aus Stahl, Beton und Glas gilt als ein typisches Werk des sozialistischen Brutalismus und wurde als solches gefeiert. Das war damals verständlich, da es im kommunistischen Ostblock überhaupt nur sehr wenige große Einkaufszentren gab. Um dieses hier aufzubauen, musste man auch schwedische Baufirmen anheuern. Heute ist hier immer noch ein recht hochwertiges Einkaufzentrum, das einer britischen Lebensmittelkette gehört, die den tschechischen Namen Máj (dt.: Mai) in My umnannte, wohl um ein internationaleres Publikum anzulocken. (DD)

Dem großen Ökonomen gewidmet

Wenn der Staat etwas Gutes tun will und zum Beispiel die Grundsteuer für reiche Wohnungsbesitzer erhöht, kann es sein, dass der Vermieter die Erhöhung auf die (möglicherweise armen) Mieter umschichtet, die nun eine höhere Miete zahlen. Gute Absicht, schlechtes Resultat! Steuerüberwälzung nennt der Volkswirt so etwas. Josef Kaizl hat alleine dafür, dass er dieses Phänomen erstmals systematisch erforschte und als Lösung ein möglichst für alle gleiches und einfaches Steuersystem vorschlug, verdient, dass man nach ihm in in Prag einen Park benannte.

Seine Ideen über Steuerüberwälzung legte er 1882 in seinem Buch Die Lehre von der Überwälzung der Steuern dar. Kaizl war ein höchst anerkannter Ökonom. Seit 1879 hatte er eine Professur an der Karlsuniversität inne. Sein zweibändiges Handbuch Finanční věda (Finanzwissenschaft) von 1888 blieb in den böhmischen Ländern lange ein Standardwerk. Darüber hinaus war er auch eine politisch bedeutende Figur im Lande. Als Mitglied der Jungtschechischen Partei (Mladočeši) – bisweilen auch Freisinnige Nationalpartei (Národní strana svobodomyslná) genannt – wurde er 1885 Mitglied im Reichsrat (Abgeordnetenhaus) der östereichischen Reichshälfte (Cisleithanien) des Habsburgerreiches. Über lange Zeit blieb er eine unumgehbare blieb Größe in der böhmischen Politik. Schließlich, in den Jahren 1898 bis 1899 war er sogar Finanzminister in der Regierung unter Franz von Thun und Hohenstein – ein Amt, das vor und nach ihm im Habsburgerreich kein Tscheche innehaben sollte! Mit seinem realistischen und gemäßigten Einsatz für mehr Rechte für die Tschechen im Reich wurde er zum Lehrmeister von Tomáš Garrigue Masaryk, dem Präsidenten der Ersten Tschechoslowakischen Republik, dessen Ideen Kaizls liberalem und demokratischem Nationalismus sehr ähnelten.

Der nach ihm benannte Kaizl Park (Kaizlovy sady) mit einer Größe von 1,6 Hektar wurde bereits 1901, dem Jahr des Todes des Ökonomen und Staatsmannes durch den Architekten Julius Krýs angelegt – was zeigt, welchen Eindruck Kaizl auf die Zeitgenossen gemacht hatte. Der Park liegt im Stadtteil Karlín (Prag 8) in Sichtweite der alten barocken Invalidenanstalt (Invalidovna), über das wir bereits hier berichteten. Das Gebäude kann man durch die Bäume ganz in der Nähe sehen und es trägt zum Reiz des Ortes bei.

1952 waren die Kommunisten in der Tschechoslowakei schon vier Jahre an der Macht. Erst dann merkten sie anscheindend, dass Kaizl ein waschechter Markttliberaler war, der um der ideologischen Reinheit Willen unter Kommunisten nicht Namensgeber eines großen Parks sein durfte. Man nannte die Grünanlage also in Haken Park (Hakenovy sady) um. Der Namenspatron war nun Josef Haken, ein Mitbegründer der Kommunistischen Partei (1921) in der Zeit der Ersten Republik. Das war ein weltanschauliches Kontrastprogramm erster Güte. In der Zeit des Kommunismus wurden einige kleinere Veränderungen an der Parkanlage vorgenommen. Vor allem wurde 1964 die recht nett anzuschauende Statue eines sitzenden Mädchens in der Parkmitte aufgestellt. Sie ist das Werk des Bildhauers Břetislav Benda, einem Schüler von Josef Václav Myslbek, dem Schöpfer der großen Wenzelsstatue auf dem Wenzelsplatz.

Auch ein kleiner Teich, der in Beton gefasst ist, wurde im Park angelegt. Aber über die Jahre wurde der Park (auch nach Ende des Kommunismus) ein wenig vernachlässigt. Immerhin benannte man ihn schon 1991 in Kaizl Park um, um den großen Ökonomen und Staatsmann zu ehren. 2010 und 2011 renovierte man dann den Park grundlegend und legte teilweise neuen Baumbestand an.

Der Park ist nun eine schöne Ruheoase für die Bürger der Umgebung. Er passt sich auch gut in das prachtvolle architektonische Umfeld ein. Dieser Teil von Karlín ist von wunderschönen Jugendstilhäusern geprägt, die vom wirtschaftlichen Auftsieg der damals noch außerhalb Prags liegenden Gemeinde zeugt, der Anfang des 20. Jahrunderts zu beobachten war.

An Kaizl selbst erinnert fast nichts in dem Park – außer dem Namen. Vielleicht könnte ihm doch irgendwann ein kleines Denkmal in seinem Park gewidmet werden. Wer so etwas sehen will muss daher entweder die Böhmerwald gelegene Kleinstadt Volyně besuchen, wo er 1854 geboren wurde. Dort errichtete man ihm schon 1903 (zwei Jahre nach seinem Tode) eine Gedenkbüste.

Wer in Prag seiner gedenken will, kann immerhin sein Grab besuchen, auch dem sich allerdings ebenfalls kein Portrait Kaizls befindet. Es ist aber ein sehr kunstvolles Grab an einem bedeutenden Ort, der Promenadengalerie des Nationalfriedhofs auf dem Vyšehrad. Das Grab wurde von dem bedeutenden Bildhauer Bohumil Kafka (kein Verwandter von Franz Kafka!) in einem symbolistischen Jugendstil gestaltet. Es stellt eine auf einem Steinsockel befindliche bronzene Engelsgestalt als Umarmung der Liebe und des Todes (Objetí lásky a smrti) dar. Der Engel soll dem Ausehen der Tochter Kaizls nachempfunden sein. (DD)

Ein Bier auf Eliška!

Keine anomyme Hotelkette. Nein, ein Hotel aus der guten alten Zeit. Plüschig und pompös, wie es sein soll. Und drinnen eine Top-Brauerei. Schon nach wenigen Schlucken des guten Gerstensafts verspürt man den Wunsch, sich bei voller Geschwindigkeit im Auto den Fahrtwind um die Nase zu wehen lassen!

Das sollte man sich im Interesse der Verkehrssicherheit natürlich verkneifen, um lieber gemütlich sitzend weiterzutrinken. Aber jetzt bedarf es vielleicht doch einer Erklärung, wie Hotel, Bier und Rennfahrerei zusammenhängen. Beginnen wir im Jahre 1908. Wir befinden uns in der kleinen Gemeinde Jíloviště, rund 18 Kliometer vom Prager Stadtzentrum entfernt. In diesem Jahr wurde hier die große Autorennbahn Zbraslav–Jíloviště (Závod Zbraslav–Jíloviště) eröffnet. Und zwar in Gegenwart von Erzherzog Karl, der später von 1916 bis 1918 der letzte Kaiser des Habsburgerreichs werden sollte.

Die Rennbahn erstreckte sich über 5,6 zum nördlich benachbarten Zbraslav an der Moldau. Insbesondere in den 1920er Jahren war der Motorrennsport zu einer Massenmanie geworden, die riesige Volksmassen anlockte. Rennfahrer waren die Mega-Stars der Zeit. Und davon profitierte der Ausflugstourismus in Jíloviště. Und da die Besucher gut nächtigen wollten, entstanden ungewöhnliche Prachthotels. Dazu gehörte das 1921/22 erbaute Hotel Hubertus, aber vor allem das Hotel Palace Cinema aus dem Jahre 1926, das das erste Haus am Orte wurde. Eigentlich hieß es nur Hotel Palace, aber da es neben der Aussicht auf Wagenrennen auch noch ein Kino bot, was damals fast so sensationell war wie Rennwagen, bürgerte sich der Name Palace Cinema ein, dessen Schriftzug heute über dem Dach prangt.

Nun: Das Kino gibt es schon lange nicht mehr. Und auch auf der Rennbahn fand das letzte Autorennen im Jahr 1931 statt. Rennfahrerlegende Rudolf Caracciola schaffte dabei auf seinem Mercedes-Benz SSKL den Streckenrekord von 2 Minuten und 42,73 Sekunden, was nie wieder eingeholt werden sollte. Danach wurde die Rennstrecke ins normale Straßennetz integriert und ist heute teilweise mit der Autobahn D4 identisch. Vom Hotelvorplatz kann man die Auffahrt auf die Autobahn gut erkennen (Bild links). Die Zeiten des großen Massenandrangs waren damit auch für das Hotel zu Ende.

Es wurde ruhiger. Das Hotel an der Všenorská 45/0 verfiel in einen Dornröschenschlaf. Immerhin findet seit 1967 an jedem Wochenende vor Ende der Schulsommer eine Oldtimer-Rallye auf Teilen der alten Rennstrecke statt, die vom Veteran Car Club Praha organisert wird. Das ist eine Mordgaudi und bringt seither auch für einen Tag Gäste nach Jíloviště. Aber um ein solches Hotel am Leben zu erhalten, bedarf es mehr. Es begann in den 1990ern, als der Kommunismus beendet war. Da wurde erst einmal der Verfall, den die Planwirtschaft produziert hatte, gestoppt und es wurde renoviert. Die Inneneinrichtung strahlt seither, wie das Photo der Rezeption oberhalb rechts zeigt, eine Atmosphäre von Rennfahrernostalgie aus, die das Herz höher schlagen lässt.

Aber die echte Knüller-Idee wurde erst 2017 realisiert, nämlich die Eröffnung der Kleinbrauerei Ettore (Minipivovar Ettore Jíloviště). Ettore? Aber das klingt nicht sonderlich Tschechisch. Ist ja auch ein italienischer Name, genauer: der Vorname von Ettore Bugatti. Der war in den 1920er/1930er Jahren der große Rennwagenbauer schlechthin. Da es sich eigentlich um ein Hotel handelt, kann man natürlich auch sein Abendessen mit feinen Speisen mit Cocktails oder Wein genießen.

Wer aber als Ausflügler vorbeikommt, findet in dem wohl später angebauten, aber sehr authentisch wirkenden Wintergarten genau das Ambiente für alle, die Bier und Rennfahrerei gleichermaßen lieben. Man sieht es oben im großen Bild. Zu dem ausgezeichneten Bier kann man sich dann auch die etwas kruderen, aber passenden Klassiker der tschechischen Brauküche gönnen, wie etwa der eingelegte Hermelin (kein Nagetier, sondern die tschechische Variante des Camemberts), den wir im Bild rechts sehen, zusammen mit einem eigengebrauten milden Lagerbier mit Namen Ettore.

Da ist er wieder, der Bugatti. Alle vier angeboteten Biere haben nämlich einen Bezug zum Rennfahren. Etwa das halbdunkle Lagerbier Royale, das nach dem berühmten Bugatti 41 Royale benannt ist. Oder das ungefilterte Dunkelbier Black Bess, das dem legendären Bugatti 18 Black Bess seinen Namen verdankt. Passend dazu hängen an den Wänden und Säulen alte Plakate der Autorennen, die hier einst stattfinden, sowie allerlei passende Gerätschaften (etwa Zapfsäulen). Im Mittelpunkt stehen dabei aber die Rennfahrer der damaligen Zeit selbst. Sie werden ausführlich dargestellt und zieren in Rahmen das Etablissement.

Aber eine Person steht dabei unerreichbar über allen. Sie ist der der absolute Star und nach ihr ist auch das Bier benannt, auf das die Brauerei am meisten stolz ist, das mild-kräftige Pale Ale Eliška. Die Rede ist von Eliška Junková. 1926 hängte sie in ihrem Bugatti 35 alle männlichen Rivalen ab und gewann das Rennen Zbraslav–Jíloviště souverän. Unter den Unterlegenen befand sich übrigens auch ihr Ehemann Čeněk Junek, der damals zu den renommiertesten Rennfahrern des Landes gehörte. Junková stieg als nicht nur in der Tschechoslowakei, sondern auch international als eine der ersten Frauen, in dem damals absolut männerdominierten Rennsport zu Weltliga auf. Ihr Mann nahm die Niederlage gelassen hin. Beide fuhren – auch zusammen – noch viele Rennen. 1928 beendete eine Tragödie die glückliche Ehe, denn Čeněk Junek wurde im Juli des Jahres der erste Rennfahrer, der am Nürburgring sein Leben ließ, während seine Frau auf der Tribüne saß. Die gab den Rennsport danach auf, gehörte aber zum Verkaufsteam von Bugatti und wurde Aushängeschild der Firma. Es folgten etliche andere internationale Geschäftstätigkeiten, bis die Kommunisten ihr umgehend nach der Machtergreifung 1948 ein internationales Reiseverbot auferlegten, das erst 1964 aufgehoben wurde. 1967 spendet sie übrigens den Preis für das heutige Oldtimer-Rennen hier. In Tschechien blieb sie auch nach ihrem Tod 1994 (im stolzen Alter von 94) eine Ikone und ein bewundertes Idol für alle emamzipierten Frauen.

Man kann stundenlang umhergehen, um an den Wänden die Geschichte dieser unbeugsamen und höchst bemerkenswerten Frau zu studieren, die hier groß in Ehren gehalten wird. Wer also hier in der Braugaststätte des Hotel Palace Cinema in Jíloviště einkehrt, sollte daher sein Glas mit dem guten Eliška erheben, um mit dem Eliška auf die große Eliška oben im Rennfahrer(innen)-Himmel zu trinken. (DD)

Präsidentenkarosse

Heute wäre Václav Havel 85 Jahre alt geworden. Der Schriftsteller, Dramatiker und Dissident, der 1989 nach dem Fall des Kommunismus der erste demokratische Präsident des Landes wurde, prägt die Politik in Tschechien bis heute. Wenn man verstehen will, warum Havel bis heute als die Verkörperung demokratischer und liberaler Werte so sehr verehrt wird, könnte ein Besuch beim Technischen Nationalmuseum (Národní technické muzeum) möglicherweise erhellender sein als jede politische Präsentation. Man muss sich dort nur nach dem unscheinbarsten Ausstellungsstück umschauen.

Nichts sieht irgendwie besonders präsentationswürdig an dem PKW des Typs Renault 21 TSE aus, aber die Geschichte dahinter ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Seit Mitte der 1990er Jahre steht er hier im Museum und das Besondere ist: Dieses Auto gehörte Václav Havel, ja es diente sogar als präsidentielle Staatskarosse zu Beginn seiner Präsidentschaft. Im November 1989 war die Samtene Revolution ausgebrochen und das kommunistische Regime kollabierte innerhalb kürzester Zeit. Die Demokratiebewegung war nur wenig institutionell konsolidiert und musste bei der Übernahme der Verantwortung anfänglich viel improvisieren.

Aber es gab auch Hilfe. Zu den hilfreichen Geistern gehörte u.a. auch der portugiesische Präsident Mário Soares. Der Sozialist hatte zuvor als erster demokratisch gewählter Ministerpräsident 1976 sein Land nach langer Militärdiktatur in die Freiheit geführt und unterstützte von vornherein die Bestrebungen Havels und seines Dissidentenkreises. Im November trat er als Schirmherr einer Aktion auf, bei der Jugendliche aus Porto 50.000 Rosen nach Prag brachten, um die Revolution symbolisch zu unterstützen. Am 28. Dezember kam er selbst nach Prag, um die Wahl Havels zum Präsidenten am nächsten Tag mitzuerleben. Er war das erste westliche Staatsoberhaupt, das der nunmehr freien Tschechoslowakei einen Besuch abstattete. Als Havel gewählt worden war, stellte sich heraus, dass der keine präsidentielle Limousine hatte, oder besser: Es gab zwar welche, aber die waren sowjetische Protzkarren vom Typ ZiL-41045, die so sehr ein visuelles Symbol des alten Regimes waren, dass Havel sie auf keinen Fall benutzen wollte. Als Soares das Problem mitbekam, reagierte er schnell. Er rief den lokalen Repräsentanten von Renault an und am nächsten Tag hatte Havel eine „Staatskarosse“.

Nun ist der R 21 nicht wirklich eine Staatskarosse, sondern ein doch eher unscheinbarer Mittelklassewagen. Aber gerade das schien Havel zu gefallen. Ohne Chauffeur nutzte er den Wagen immer noch über die nächsten Monate, obwohl er bis dahin schon längst ein Gefährt im Luxussegment hätte fahren können, so wie dereinst Tomáš Garrigue Masaryk, der erste demokratische Präsident der Republik nach 1918, dessen prachtvoller (aber nicht auch übertrieben prachtvoller) Staatswagen von Typ Tatra 80 aus dem Jahr 1935 (Bild links) nur wenige Meter entfernt von Havels Renault steht.

Havels neuer Renault stand für den Abschied vom roten Staatsbonzentum. Und es war ein westliches Auto. Und schon aus Trotz gegenüber den Kommunisten hatte Havel schon als junger Dissident sich gerne westliche Autos besorgt (was nicht immer leicht war). 1964 war sein erstes Auto ein französischer Simca 1000. Als 1968 mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts den Prager Frühling beendet wurde, besaß Havel gerade einen deutschen Mercedes W114. Wegen seines Protestes gegen die Unterdrückung der neugewonnen Freiheiten erhielt er Berufsverbot als Schriftsteller und musste eine zeitlang als Lagerarbeiter in einer Brauerei arbeiten. Den leitenden Funktionären dort missfiel es ungeheuer, dass der Lagerarbeiter neben ihren Autos mit sichtlicher Freude ein viel größeres und prestigeträchtigeres Auto auf dem Firmenparkplatz abstellte. Er musste sich bald einen Parkplatz außerhalb des Geländes suchen… Havel und seine Autos – das war immer auch eine Frage der Politik. Der bescheidene Renault im Technikmuseum führt das dem Betrachter auf sympathische Weise vor. (DD)

Tyrš mit Fügner in der Fassade

Der gebogene Straßenzuschnitt und eine auf Rundbögen ruhende Eisenbahntrasse direkt vor der Tür haben nicht nur dazu geführt, dass das Gebäude einen eigenwillig asymmetrischen Zuschnitt hat. Vor allem kann es optisch seine Pracht so kaum mehr entfalten. Die symbolisiert daher zunächst nur der weit oben auf dem Dachgiebel seine Schwingen entfaltende Falke.

Die Rede ist von der Sokolovna in der Malého 319/1 im Stadtteil Karlín – ein recht ansehnliches Bauwerk im Stil der Neorenaissance, dessen Verbleib im architektonisch unverdienten Aschenputteldasein sich schön durch die mit Teleobjektiv gemachte Aufnahme von der Höhe des Vítkovberges erklären lässt (Bild links). In der Tat: Das Gebäude ist schon recht eingepfercht worden!

Die eigentliche Pracht lässt sich wiederum mit dem Bauherrn erklären. Die Sokolovna in Karlín gehörte, wie der Name bereits suggeriert, dem Turnerbund Sokol (das tschechische Wort für Falke, daher der Falke auf dem Dach!). Der war, als er 1862 von Miroslav Tyrš gegründet wurde, nicht nur etwas für Freunde des Sports, sondern das eigentliche Rückgrat der tschechischen Nationalbewegung, die sich für mehr Selbstbestimmung und Freiheit im Habsburgerreich einsetzte (siehe auch früheren Beitrag hier). Jeder patriotische Tscheche, der etwas auf sich hielt, war Mitglied beim Sokol – ganz egal, ob er wirklich der fitte Typ war oder eher eine Couch Potato. Bedeutende Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Jan Neruda, der erste Präsident der Tschechoslowakischen Republik Tomáš Garrigue Masaryk, sogar Frauen (für deren Rechte man sich im Sokol auch einsetzte) wie die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Karolina Světlá, wirkten im Sokol mit.

Dieses lokale Sokol-Gebäude wurde 1886/67 von dem Architekten Josef Blecha erbaut, der in Karlín sein eigenes Bauunternehmen besaß. Es folgt den damals modernen Vorgaben der Renaissance bei der Gestaltung der Fassade – etwa durch die Strukturierung vermittels Pilastern oder dem hübschen Giebel und seinem kraftvoll wirkenden steinernen Falke mit der Aufschrift „Sokol“ darunter. Die Sporthalle drinnen wurde in den 1920er Jahren im Art Déco-Stil umgebaut, aber draußen blieb der Eindruck des Originalgebäudes erhalten.

Wie die meisten Sokol-Gebäude, die das ganze Land überziehen, wird auch hier der Gründer Miroslav Tyrš prominent verewigt. Seine Portraitbüste findet sich in einer Nische oben an der Fassade des zweiten Stocks (Bild rechts) – eingerahmt von einer opulenten Kartusche. Das Ulkige an Tyrš ist übrigens, dass er, der er die größte Nationalbewegung der Tschechen gründen sollte, eigentlich deutschstämmig war, und im realen Leben Friedrich Tiersch hieß.

Gegenüber auf der anderen Seiter der Fassade befindet sich – geradezu gleichberechtigt – die Büste von Jindřich Fügner (Bild links). Das musste sein, nicht nur weil Fügner einer der engsten Mitstreiter Tyrš’s war, sondern auch Gründer der Prager Sektion und zugleich Erbauer der ersten Turnhalle in Prag überhaupt. Ihm wird besonders positiv zugeschrieben, dass er sich dafür einsetzte, dass sich die Turnerbewegung nicht nur national, sondern vor allem auch liberal und demokratisch ausrichtete. Das setzte sie am Ende deutlich von der deutschen Turnerbewegung des antisemitisch angehauchten Turnvaters Jahn ab. (DD)

Rosa Torte oder Schmetterling?

Als die „rosa Torte“ bezeichnet die Presse das Gebäude in der Regel, wenn die Rede vom Hotel Don Giovanni ist. „Kitsch“ ist noch eines der milderen Attribute, die man in Architektenkreisen sonst so verwendet. Und auch drinnen – nun, man sieht es ja im großen Bild… Aber über Geschmack kann man ja bekanntlich immer und unendlich streiten. Sicher ist: Dieser Hotelbau gehört zu den auffälligsten seiner Art in ganz Prag.

Auf jeden Fall gibt es auch übertriebene Kritik. Etwa die, dass es optisch ein störender Fremdkörper in der Umgebung sei. Nun muss der Fairness halber gesagt werden, dass die Adresse in der Vinohradská 2733/157a im Stadtteil Žižkov, gelegen zwischen der Metrostation Želivského (wir berichteten hier) und Neuem Jüdischen Friedhof (auch hier), für Touristen und andere Gäste des Hotels sehr verkehrsgünstig gelegen ist. Aber bei dem unmittelbaren Umfeld handelt es sich gewiss nicht um das schönste in Prag. Drumherum verlaufen große Verkehrsachsen. Die Gebäude in der Nähe sind meist phantasielose Betonklötze. Unmittelbar vor dem Hotel befindet sich (was eigentlich sehr praktisch ist) ein unschöner Busbahnhof. Was immer man über Hotel sagen kann, es zerstört kein schönes historisches Stadtbild.

Weil aber das Hotel so verbissene Kritik seitens der Architekturkritiker erfuhr, ist es nur fair, dass an dieser Stelle auch einmal der Architekt Ivo Nahálky zu Wort kommen kann, der das postmoderne Gebäude in den Jahren 1993 bis 1995 erbaut hat. Der war den Kollegen sowieso ein Dorn im Auge, weil man sich bis dato in dem Mythos erging, dass hässliche Hotelgebäude in Prag ja immer das Werk von ausländischen Architekten im Dienste ausländischer Hotelketten seien. Nun ist Nahálky Tscheche. Und das Hotel ist heute (nachdem es erst der österreichischen Bogner- und dann der deutschen Dorint-Gruppe gehörte) auch noch seit 2016 in der Hand einer genuin tschechischen Hotelkette namens Czech Inn Hotels. Das kratzt das tschechische Selbstwertgefühl (zumindest in der höheren Liga der Architekturkritiker) arg an.

In einem Interview erklärte Nahálky 2018 im Nachhinein, er wollte „ein Gebäude … bauen, das zeitgemäß ist und gleichzeitig kein anderes kopiert“. Dann noch schwärmerischer: „Ich suche Inspiration in der Natur, die für alle Künstler eine unerschöpfliche Ressource ist.“ Und so, als ob er die Kritiker, die ihn unter Kitschverdacht stellten, noch einmal so richtig provozieren wollte, erzählte er von einem kleinen Laden am Rande der Altstadt, den er einst besuchte, und der präparierte Schmetterlinge verkaufte. Das hätte ihm die Idee gegeben: „In diesem Moment wurde mir klar, warum sollte ich nicht die Form eines Schmetterlings in das Gebäude einbetten? Die Idee wurde verwirklicht und ist da.“

Ja, die ein wenig versetzt übereinander gesetzten Stockwerke mit ihren geschwungenen Fassaden und ihren abgerundeten Ecken erinnern mit einiger Phantasie im Grundriss tatsächlich an Schmetterlinge, aber ganz aus der Welt schafft die Schichtung der Etagen mit ihrer Höhe den Rosa-Torten-Verdacht nicht wirklich. Macht nichts, denn es geht um mehr, denn – ganz und gar poetisch ausgedrückt – es sei ein „Gebäude, das ich als die perfekte Einheit von Außen und Innen betrachte, und für mich ist es der Höhepunkt menschlichen Einfallsreichtums.“

In der Tat: Betritt man die Hotelhalle, so steigert sich der außen gewonnene Eindruck noch einmal um das Unermessliche. Die Treppe fließt geradezu um den Mann, dem das Hotel seinen Namen verdankt: Mozart! Er schuf mit seiner im schönen Prag 1787 urausgeführten Oper Don Giovanni den großen Charakter, der Nahálky zu seinen Inspirationen verhalf. Und so steht Mozart nun unter einem glitzernden Sternenhimmel, der … nun ja, ich wollte eigentlich das Wort „kitschig“ nicht verwenden, tue es also auch nicht…. Der Sternenhimmel soll an ein Herz erinnern und damit an die gebrochenen Herzen erinnern, die der alte Schwerenöter Don Giovanni hinterließ. Seufz! Oder um noch einmal Nahálky zu Wort kommen zu lassen: „Es ist eine Geschichte, die dem Gebäude Geist und Form gab.“

Überall im Haus (auch auf den Zimmern, wie mir Freunde erzählten, die dort übernachteten) sind Mozart und seine Musik allgegenwärtig. Kostüme aus Inszenierungen von Opern (meist Don Giovanni, natürlich) finden sich allerorten in Vitrinen. Schon im Foyer stehen zwei (!) Klaviere, eines davon an der Bar. Sämtliche Konferenzräume sind natürlich nach Charakteren aus der Oper benannt, wobei mir entfallen ist, welche Rolle eigentlich die Person „Business Lounge“ in der Handlung hat. Auf jeden Fall: Was immer man in Sachen Geschmack dazu sagen will; irgendwie ist das Ganze stimmig.

Dazu, nebenbei bemerkt, offeriert das 4-Sterne-Hotel allen erdenklichen Service: Restaurants, Bars, Shops, Spa, Wellnessbereich, Konferenzräume, Friseur, Massagestudio und was man sonst in einem Hotel von internationalem Standard erwarten kann. Bei den Gästen scheint das Haus auch beliebt zu sein. Und trotzdem: Auch Jahrzehnte nach der Einweihung verfolgen die Kritiker den Bau mit Hass und versuchen, ihm den Titel „hässlichstes Gebäude Prags“ anzuhängen. In entsprechenden Rankings (etwa hier auf Platz 9) schafft es das Hotel auch in die Spitzenränge. Wie kommt das?

Nun, ich muss gestehen, dass ich im kargen architektonischen Umfeld das Gebäude schon immer wie einen putzigen Farbtupfer, nicht wie einen Fremdkörper empfunden habe. Gerade weil es sich an der Grenze von Kunst und Kitsch befindet, kann ich mir ein erheitertes Lächeln nie verkneifen, wenn ich daran vorbeifahre. Vielleicht darf man hinter der Architektur, der Innenausstattung und der überschäumenden poetischen Auslassungen des Architekten auch ein wenig Ironie und Witz vermuten. Das wäre in der Tat sehr tschechisch! Und damit kommt man wieder zu der Frage: Warum dieser Hass?

Vielleicht steckt dahinter eine kommunistische Verschwörung. Wer weiß? Womit wir bei der Vorgeschichte des Hotels sind. Es befindet sich auf einem ehemaligen kommunalen Gelände von großen Ausmaßen. Die bürgerliche Stadtregierung wollte das Gelände nach dem Ende des Kommunismus verkaufen. Das Hotelunternehmen kaufte es für 80 Millionen Kronen, die nun ins Stadtsäckel flossen. Die örtliche Kommunistische Partei (KSČM Praha 3) war dagegen und wollte das Ganze nur verpachten. Endgültig als Stich in das kalte rote Herz empfanden sie es, dass man nicht nur Land an einen Hotelkapitalisten verkaufte, sondern den östlicheren Teil des Geländes an Radio Free Europe – Radio Liberty, das in den Zeiten des Kalten Krieges so viel zum Untergang des Sowjetkommunismus beigetragen hatte (früherer Beitrag hier). Und dem trauert die KSČM bekanntlich immer noch nach. Weder Radio Free Europe noch das Hotel konnten die Kommunisten verhindern. Die Wut darüber saß tief. Noch 2012 beschwerte sich ein Kandidat über die damaligen Ereignisse, „ich versichere Ihnen, dass es uns bei der Baukommission gelungen ist, noch schlechtere Optionen zu verhindern. Es hätte eine noch größere und aufgedunsene Schachtel sein können.“ Ärger kann man seine Empörung über den Kapitalismus und seine Werke nicht ausdrücken.

Leider ist es mir noch nicht gelungen, der Verschwörung tiefer auf den Grund zu gehen, und zu zeigen, warum auch ausgesprochen bürgerliche Architektur-Kritiker sich ebenfalls recht despektierlich äußerten, wie etwa Zdeněk Lukeš („Dies ist die Art von Architektur, die Prag entehrt.“), der ehemalige Architekturberater von Präsident Václav Havel. Der war ja gewiss nicht des Kommunismus‘ verdächtig. Vielleicht gibt es ja keine Verschwörung. Vielleicht versteht nur keiner die Ironie hinter dem Gebäude. Ironisch zu sein, ist ja immer gefährlich, weil nur die wenigsten Ironie verstehen. Oder vielleicht steckt in dem Entwurf auch keine Ironie, sondern es handelt sich tatsächlich um Kitsch pur. Ist egal, ich finde das Gebäude irgendwie einfach schräge und mag es. Punkt! (DD)

Silo mit Zukunft

Der Stadtteil Holešovice (Prag 7) war dereinst das rauhe Arbeiterviertel der Stadt. Doch in den letzten Jahren hat er sich in rekordverdächtig schneller Weise „gentrifiziert“ und gilt größtenteils als „cooler“ Distrikt mit ausgesprochen hohem Mietniveau. Kein Wunder, dass man hier in Sachen Bausubstanz auf enorme Kontraste stößt – besonders an den alten, längst nicht mehr in Betrieb befindlichen Hafengebieten am Moldauufer – so wie hier bei den Ruinen dieses alten Silos, dessen Aufpolierung möglicherweise nicht mehr weit in der Ferne liegt.

Wenn man am Ufer entlang spaziert, könnte man fast meinen, man habe eine kleine alte Ritterburg vor sich. Wie bewehrte Türme sehen die vier auf quadratischem Grundriss gebündelten runden Betonsilos aus. Und gekrönt werden sie durch eine archaisch aussehende Holzkonstruktion mit Spitzdächern, die auf die vier Silos gesetzt wurde, und ihnen ein wenig das modernistisch-brutale Äußere nehmen, die solchen Nutzbauten normalerweise innewohnte. Aber der erste und nur aus der Ferne glaubwürdige Eindruck täuscht. Das seltsam anmutende Gebäude wurde wohl erst in den frühen1960er Jahren erbaut. Und damals gehörte das umgebende Areal zum äußersten Südzipfel des Moldau-Hafens. Der Silo selbst war für Kies bestimmt, der hier verladen wurde

Der Holešovicer Hafen (Holešovický přístav) wurde in den frühen 1890er Jahren erst als Winterhafen eingerichtet, dann aber zwischen 1896 und 1910 zu einem veritablen Handelshafen ausgebaut. In dieser Zeit wurde die Moldau durch Begradigungen und etliche Schleusen bis zur Elbe schiffbar gemacht, so dass man von Prag aus per Schiff bis nach Hamburg kam und von da aus in die ganze Welt. Der Hafen boomte. Eine Eisenbahnverbindung wurde gelegt, die das Ladegut aus ganz Böhmen heranschaffte, wenn es nicht im ebenfalls florierenden Holešovice selbst produziert wurde. Während im Nordteil des Hafens noch etliche schmucke und denkmalgeschützte Gebäude an die alte Pracht erinnern, sieht man hier fast nichts mehr vom alten. Im Bild oberhalb rechts sieht man einen kleinen Rest eines gemauerten Kais, während auf dem gegenüber liegenden Ufer noch die Ruine kleinen Lagergebäudes blieb.

Denn: Nach dem verdienten Untergang des Kommunismus im Jahre 1989 zeiget sich, dass der ganze Hafenbetrieb im Prinzip unrentabel war. Der Hafenbetrieb (und natürlich der Betrieb des Silos) wurde in den 1990er Jahren eingestellt und es begannen unschöne Zeiten für das Areal, das letztendlich vergammelte und verfiel. Aber eigentlich ist eine schöne Uferlage doch ein toller Wohn- und Bürostandort. Und (modern umgebaute) alte Industriearchitektur ist ja seit einigen Jahren ausgesprochen en vogue unter trendigen Start-up-Unternehmern. Kurz: Es war absehbar, dass der Dämmerzustand, in dem sich das Areal befand, bald enden würde. Und so ist es. Schaut man von gegenüber liegenden Ufer herüber, sieht man, wie riesige noble Büro- und Apartmentkomplexe gleichsam wie Pilze aus dem Boden schießen.

Nur das südliche Areal mit dem Silo befand sich längere Zeit noch ein wenig im Dornröschenschlaf. Aber auch dessen Ende ist abzusehen. Denn der Silo liegt auf einem – heute zugegebenermaßen noch nicht besonders gepflegten – Grünstreifen, hinter dem zur Zeit ebenfalls Neubauten mit Flusssicht entstehen. Einer davon sind die Lighthouse Vltava Waterfront Towers, ein 2001 bis 2004 errichteter Büroturm (Bild rechts). Errichtet wurde der Komplex von dem 2021 verstorbenen Großinvestor Tamir Winterstein, der zu den wichtigsten Stadtentwicklern des modernen Prags gehört und sich als großzügiger Mäzen in der Stadt einen guten Namen erworben hatte. Und in dieser Eigenschaft wurde er auch bald aktiv, was das Areal um den Silo angeht.

Winterstein traf eine Abmachung mit der Stadtregierung, dass er hier einen großen Park anlegen wolle. Der sollte Ladislav Park (Ladislavův park) heißen. Warum, das zeigt schon eine der ersten Investitionen in der neuen Grünanlage, nämlich ein kleines Denkmal mit einer Inschrifttafel. Die ist Ladislav Winterstein gewidmet, dem Namensgeber des Parks, und trägt die Inschrift: „Ladislavův Park – Dieser Park wurde am 8. Juni 2005 eröffnet. Der Park wurde von Lighthouse Vltava Waterfront Towers in Zusammenarbeit mit dem Vltava River Basin SP, Prag 7 und der Stadt Prag gebaut. Der Park ist nach Herrn Ladislav Winterstein (1913-2000) benannt, der den Holocaust und die kommunistische Repression überlebte und der erste Konsul der Tschechoslowakei in Israel war.“ Es handelt sich, wie man möglicherweise dann doch beim Lesen errät, um den Vater des Investors.

Nur einige Meter entfernt wurde bereits bei der Eröffnung des Parks 2005 ein Spielplatz eingerichtet. Das Ganze nimmt langsam sichtbar Gestalt an, obwohl der Park noch nicht so recht vollendet wirkt. Womit wir wieder bei dem alten und seit langem ungenutzten Kiessilo sind. Der wirkt zwar imposant und könnte ein krönendes Schmuckstück des Parks sein, ist aber noch immer mehr oder minder eine Ruine.

Und das stört nicht nur den Gesamteindruck des Parks, sondern ist auch sonst schade, weil es sich gestalterisch umein recht originelles Stück Industriearchitektur handelt. Anderersteits ist, wie gesagt, so etwas im Augenblick schick, und außerdem lässt sich die Gentrifizierung mit ihren Wohltaten in dieser Gegend eigentlich nicht mehr aufhalten. Und in der Tat gibt es seit 2020 konkrete Pläne für eine Neugestaltung und neue Nutzbarmachung des Silos. Sie wurden von einem Team der Architektur-Fakultät der Tschechischen Technischen Universität Prag (České vysoké učení technické v Praze) vorbereitet, und sollen den Silo geradezu zur Dominanten des Parks machen.

Die runden Betonsilos selbst wären Aufstiegsmöglichkeit und Pfeiler für ein Restaurant, das hoch oben über der Landschaft thronte und eine phantastische Aussicht erlaubte. Dazu würde der hölzerne Aufbau innen entsprechend radikal umgebaut, aber in seiner äußeren Form weiterhin in seinen bisherigen Charakteristika erhalten bleiben. Man kann sich schon vorstellen, dass so etwas funktionieren würde. Und obwohl es sich ja um einen doch eigentlich profanen Nutzbau handelt, wären wohl die meisten bewohner und Besucher des Areal froh, den Kiessilo so in neuer Pracht wieder auferstehen zu sehen.

Die Lage auf hohen Betonsockeln wäre dabei nicht nur wegen der Möglichkeit, von oben eine schöne Aussicht zu genießen, äußerst praktisch. Sie würde auch die Sicherheit eines allfälligen Restaurantbetriebs garantieren. Denn wir befinden uns in einem durch Hochwasser gefährdeten Teil Prags. Das Hochwasser von 2002, das Verwüstungen in der Stadt anrichtete, ist noch in schrecklicher Erinnerung. Seither wurden der Hochwassserschutz verbessert und (zum Teil hypermoderne hochfahrbare) Schutzmauern gebaut. Der Silo liegt jedoch außerhalb dieser Mauern.

Aber die Betonkonstuktion des unteren Teils, die übrigens auf einer interessanten Konstruktion von achteckigen Betonplatten auf Stützen ruht, scheint wohl allen Widrigkeiten widerstehen zu können. Der Silo hat also vielleicht eine Zukunft, wenn die Pläne hoffentlich bald realisiert werden, und der Park (für den auch eine Tretbootanlegestelle und ein Picknickplatz geplant ist) wird dadurch mit Sicherheit zu wirklichem Leben erweckt. (DD)

Kulturgeschichte in Stein gemeißelt

Als im 19. Jahrhundert in Böhmen das tschechische Nationalbewusstsein erwachte, stand das eigene Kulturerbe seine Pflege (in Abgrenzung zum österreichischen Habsburgertum) ganz im Mittelpunkt des bürgerschaftlichen Engagements. Fast alle der großen nationalen Museen in Prag haben hierin ihren Ursprung. So auch das Lapidarium, die Steinskulptursammlung des Nationalmuseums.

Die erste Idee für eine solche Sammlung kam von dem bisweilen als „Vater der Nation“ bezeichneten Historiker František Palacký (früherer Beitrag u.a. hier und hier), der 1842 ein erstes Konzept vorlegte. Eine kleine Sammlung wurde danach 1847 im Palais Nostitz, dem provisorischen Vorgängerbau des heutigen Nationalmuseums, untergebracht. In letzterem wurde sie nach 1891 untergebracht, aber es war klar, dass die Sammlung eine eigene Unterkunft brauchte. Die fand man im Stadtteil Holešovice. Dort war im Jahre 1891 anlässlich der Prager Jubiläumsausstellung 1891 (Jubilejní zemská výstava) ein großes Ausstellungsgelände entstanden, in dessen Mittelpunkt der berühmte Industriepalast (Průmyslový palác) stand.

Neben dem Industriepalast errichtete der Bauunternehmer Quido Bělský nach den Entwürfen des Architekten Antonín Wiehl (siehe u.a. hier) ein zusätzliches Pavillon im Neorenaissancestil auf, in dem im selben Jahr eine kleine Ausstellung mit einer Selektion der Skulpturensammlung des Nationalmuseums gezeigt wurde. Die Prager Vereinigung der Ingenieure und Architekten (Spolek architektů a inženýrů v Praze) organisierte darob 1898 eine größere Ausstellung, zu der sie sogar einige Gipsabdrücke bedeutender böhmischer Werke der Bildhauerei anfertigten, die heute noch zur Sammlung gehören. Es war nur noch eine Frage der Zeit, dass das wuchtige Gebäude zur Dauerherberge der Sammlung würde.

Das geschah zwischen 1905 und 1908, dem Jahr der Eröffnung als stehendes Museum. Das Gebäude wurde ein wenig vergrößert und umgebaut, die skulpturale Gestaltung der Fassaden durch die Bildhauer Bernard Otto Seeling und František Hergesel wurde besonders im Eingangsbereich von den Bildhauern Gustav Zoula und Antonín Procházka noch pompöser gestaltet. Auch später gab es immer wieder Umbauten. 1930 bis 1932 und 1945 wurden nach und nach die Innenhöfe mit Glass überdacht, um mehr Platz zu schaffen.

Von der Grundidee ist das Museum, allen Vergrößerungen zum Trotz, heute immer noch der Originalausstellung von 1908 verpflichtet. Sie wurde auch nicht zeitlich erweitert. Immer noch macht man einen Rundgang, der chronologisch von der frühmittelalterlichen Romanik bis zum späten 19. Jahrhundert führt. Das 20. und das 21. Jahrhundert sind nicht repräsentiert. Dafür geht die Ausstellung thematisch in die Breite. Nicht nur Statuen, sondern jede Form künstlerischer und handwerklicher Steinmetzarbeit – etwa der romanische Tympanon rechts – werden repräsentiert.

Ein Fokus liegt auf der Zeit der Gotik und Karls IV. im 14.Jahrhundert, jene Zeit, in der Prag erst wirklich zur Kulturmetropole von Weltrang wurde, und die im Nationalbewusstsein der Tschechen einen besonders hohen Stellenwert einnimmt. Das Konterfei des Kaisers (links) ist entsprechend oft zu sehen. Von der Hochgotik geht es weiter zum späten Mittelalter. Wie in allen Abteilungen geht es auch hier nicht nur um „hohe Kunst“, sondern auch um interessante Einblicke ins Alltägliche, wie etwa das im späten 15. Jahrhundert entstandene kuriose Hauszeichen aus Brandýs nad Labem, das wir oben im großen Bild sehen, und das einen Jungen darstellt, der mit einem Hund (ein recht groß geratener Dackel?) spielt. Die Tschechen waren halt immer schon Hundenarren.

Die Renaissance darf auch nicht fehlen. Zu den Highlights im Museum gehört hier der Krocín-Brunnen (Krocínova kašna), einer der schönsten Brunnen Prags überhaupt, der 1591 auf dem Altstädter Ring aufgestellt wurde, aber im 18. Jahrhundert allmählich verfiel und 1862 – trotz seines kulturhistorischen Wertes – abmontiert wurde. Selbst die Fragmente, die jetzt hier im Lapidarium überlebten, sind immer noch beeindruckend. Man sieht es auf dem Bild rechts. Der vom Steinmetz Jindřich Beránek in den Zeiten des kunstsinnigen Kaisers Rudolf II. erbaute Brunnen ist nach dem damaligen Bürgermeister der Altstadt Václav Krocín benannt.

Es folgt der Barock, der nach der endgültigen Machtsicherung der Habsburger in Böhmen durch die Gegenreformation eine besonders hohe Blüte in Prag erreichte. Zu der geradezu atemberaubenden Menge grandioser Kunstwerke dieser Zeit gehört die berühmte Reiterstatue des Heiligen Wenzel vom Wenzelsplatz, und zwar die originale, die 1678 vom Bildhauer Jan Jiří Bendl erschaffen wurde – lange bevor stattdessen 1912 die heute dort stehende Monumentalstatue von Josef Václav Myslbek ihren Platz fand. Neben Wenzel findet man auch hier etliche Originale der Barockstatuen der Karlsbrücke (was man auf der Brücke selbst sieht, sind nämlich gute Kopien).

Ganz von der Politik konnte man die Sammlung nie trennen. Das begann schon mit der Neugestaltung großer Teile der Altstadt, die Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Lokalpolitik beschlossen wurde. Alte Bausubstanz musste Neubauten weichen. Es galt zu retten, was zu retten war. Viele wertvolle Skulpturen von abgerissenen Häusern füllten nun die Bestände. Einschneidender war das Ende des Habsburgerreichs 1918. Die Erste Republik wollte dessen Denkmalskultur nicht mehr. Das zentral auf dem Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí) befindliche stolze Denkmal von General und Feldmarschall Johann Joseph Wenzel Anton Franz Karl Graf Radetzky von Radetz, den man zumindest dem Namens nach wegen des berühmten Radetzky Marsches kennt, wurde nun demontiert und in Lapidarium verfrachtet. Er wurde zu sehr mit dem Kaisertum und der Unterdrückung nach Unabhängigkeit strebender Teile Kakaniens verbunden. In kommunistischen Zeiten (nach 1948) verschwand Radetzky auch hier aus dem Licht der Öffentlichkeit ins Lager, aber seitdem kann man ihn wieder im alten Glanz bewundern. Ja, inzwischen hat sich das Verhältnis zu den alten Zeiten in Tschechien so entspannt, dass ab und an (wenngleich noch ergebnislos) diskutiert wird, ob man ihn nicht doch wieder am Kleinseitner Ring aufstellen sollte.

In den Zeiten des Kommunismus hatte es übrigens nicht nur Radetzky schwer, sondern das ganze Museum. Sonderlich gepflegt wurde es nach einer kleinen Renovierung 1958 nicht. 1967 kam es zu größeren Wasserschäden und das Gebäude wurde geschlossen. 1987 wollte man mit einer großen Sanierung beginnen. Bevor die richtig losging, kam das Ende des Kommunismus im Jahre 1989. Und so wurde der renovierte Bau 1993 feierlich eröffnet. Die Sammlung wurde von den Kunsthistorikern Jiří Fajt und Lubomír Sršeň behutsam so konzipiert, dass sie an die ursprüngliche Dauerausstellung von 1908 anknüpfte, aber doch vorsichtig Neuerungen einführte. Der prachtvolle Rahmen des palastartigen Gebäudes macht den gang durch die Geschichte der Steinmetzkunst in Böhmen vom 11. bis zum 19. Jahrhundert zu einem besonderen Genuss. (DD)