Liebe und Wahrheit in Košíře

Heute ist der 6. Juli. Das ist der Tag der Verbrennung des Jan Hus (Den upálení mistra Jana Husa) und ein Staatsfeiertag (arbeitsfrei!) in Tschechien. Einer, bei dem man des der Frühreformators Jan Hus gedenkt, der am 6. Juli 1415 auf dem Konzil von Konstanz trotz Zusicherung freien Geleites als „Ketzer“auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Hus kämpfte gegen die weltliche Macht und den weltlichen Reichtum der Kirche und predigte in Tschechisch, damit auch das Volk ihn verstand. Damit wurde er für die Nachwelt nicht nur ein Glaubensmärtyrer, sondern auch so etwas wie ein politischer Nationalheld. So ist der heutige Feiertag (da unterscheiden die Tschechen fein) auch kein religiöser Feiertag, sondern ein Staatsfeiertag. Und fast jede politische Strömung im Lande versuchte Hus als einen der „ihren“ zu reklamieren – von der antihabsburgischen/liberalen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts (Beispiel hier) bis zu den Kommunisten (hier).

Aus der Ferne könnte man das Denkmal des Jan Hus in Košíře (Pomník Jana Husa Košíře) für ein Werk aus der Zeit der Kommunismus halten. Auf einer nüchtern gehaltenen quaderförmigen Säule erkennt man ein im realistischen, d.h. nicht-abstakten Stil gehaltenes ein Kopfportrait. Erst, wenn man näher kommt, verraten die sehr expressionistischen Gesichtszüge, die sich deutlich von dem starren und leblosen Heldenkult des sozialistischen Realismus unterscheiden, dass es sich definitiv um ein vorkommunistisches Werk der Moderne handeln muss. Und tatsächlich stammt das Kunstwerk aus den Zeiten der Ersten Republik, genauer: aus dem Jahr 1927. Die Skulptur stammt von dem bekannten Bildhauer Karel Pokorný (wir erwähnten ihn u.a. hier und hier), eine Schüler von Josef Václav Myslbek, dem wir die große Reiterstatue des Heiligen Wenzel (früherer Beitrag hier) auf dem Wenzelsplatz verdanken. Der steinerene Sockel wurde von dem Maler, Bühnenbildner und Architekten Alois Wachsman entworfen.

Pokorný stellte dabei Hus so dar, dass Leiden und Erschöpfung sich mit seinem Grundverständnis verbanden, dass Wahrheit und Liebe aus Gott heraus kommen. Die religiöse Botschaft, die hier unterschwellig vermittelt wird, wäre den Kommunisten später gewiss fremd gewesen, so wie Hus die (atheistischen) Kommunisten fremd gewesen wären – aber er konnte sich ja nicht mehr gegen den Missbrauch seines Namens wehren. Die Botschaft, die Hus hier bereit hält, steht in bronzenen Lettern auf dem Sockel, nämlich die Inschrift: „Pravdy každému přejte“. Das ist eine verkürzte Fassung eines Zitats aus einem Brief, den Hus am 10. August 1415 noch kurz vor seiner Hinrichtung aus dem Konstanzer Gefängnis schrieb: „Milujte se, pravdy každému přejte“ (Liebet einander, wünscht allen die Wahrheit).

Das Denkmal – eines von unzähligen im ganzen Stadtgebiet von Prag – befindet sich im Hus Garten (Husovy sady) im Stadtteil Košíře (Prag 5). Der Park ist recht klein und sicher nicht der ansehnlichste in der Stadt. Er gewinnt dadurch, dass er recht hübsch vor einem bewaldeten Hügel gelegen ist, der hinauf nach Smíchov führt. Er entstand um die Zeit, da auch das Denkmal hier aufgestellt wurde. Cineasten mögen ihn vielleicht kennen, weil er einer der Hauptdrehorte für den Kinder-Detektivfilm  Případ Lupínek (Der Fall Lupínek) von 1960 war. Heute gehört der Park aber wieder dem Namensgeber alleine, dem tschechischen Nationalmärtyrer Magister Jan Hus. (DD)

Architekt und Baumeister

Dieser elegante Schwung der Formen! Vinohrady – in dieser Zeit noch außerhalb Prags gelegen – ist eine Schatztruhe für die Freunde elegantester Jugendstil-Architektur.

Ein grandioses Musterbeispiel ist das vierstöckige Wohnhaus in der Římská 1199/35 (Prag 2). Es steht hier seit 1903 und wurde damals auf dem Gebiet eines ehemaligen Gartens erbaut, Eichmanka genannt. Eigentümer, Bauherr und Architekt waren ein und die elbe Person, nämlich ein gewisser Karel Horák. Der war in Vinohrady wohl etabliert und angesehen – vor allem als lokaler Vorsitzender des Turnerbunds Sokol (Falke), über den wir schon hier berichtet hatten. Da versammelten sich auch Unsportliche, denn im Grunde war der Sokol die große Sammelbewegung aller patriotischen und liberal gesinnten Tschechen, die sich für eine größere demokratische Selbstbestimmung Böhmen im Habsburgerreich einsetzten.

Die Verbindung von kommunalpolitischer Vernetzung, Architektenbüro und Baufirma war profitabel und Horák war wohl ein reicher Mann. Das zeigt sich nicht nur darin, dass er sich gleich nebenan, in der Římská 1222/33, noch ein großes Mietshaus bauen konnte, sondern auch in der luxuriösen Gestaltung. So steht schon über dem Eingang in großen vergoldeten Jugendstil-Lettern der Schriftzug: „Karel Horák – Architekt a Stavitel“, d.h. Architekt und Baumeister.

Damit nicht genug der Selbstdarstellung, denn das Thema tauch noch einmal auf der Höhe des ersten Stocks auf, wo zwei allegorische Plastiken in Stuck die Architektur (eine weibliche Figur mit einem Gebäude in der Hand) und die Baumeisterei (eine männliche Figur mit Hammer und Maschinenrad) symbolisch darstellen. Beide sind künstlerisch hochwertig und Kritiker finden bisweilen, sie kämen denen des damals überaus bekannten Bildhauers Stanislav Sucharda im Geiste nahe, der unter anderem das große Palacký-Denkmal am Moldauufer erschaffen hatte (früherer Beitrag hier).

Oben unter dem Giebel findet man eher ein pastorales Motiv als Stuckrelief. Je eine männliche und eine weibliche (kleines Bild links) Figur können beim Pflücken von Früchten beobachtet werden. Stilistisch passt das harmonisch zu den beiden Allegorien weiter unten.

An der Fassade hat sich gottlob seit 1903 wenig nichts geändert – außer dass sie nach der Wende 1989 wieder ein wenig restauriert wurde. Ansonsten gab es innen noch einige Umbauten. Horák konnte die Frucht seiner Arbeit nur ein Jahr genießen; er starb 1904. Schon im Jahr darauf ließ seine Witwe und Erbin Marie Horáková (beide Häuser gehörten ihr nun) von dem Architekten Jindřich Břeněk insbesondere den Hof vergrößern und im obersten Stock ein Fotoaltelier einrichten. Weitere Umbauten erfolgten 1928 und 1930.

Und so fehlt heute ein klassisches Merkmal vieler der damals in Vinohrady gebauten Miets- und Wohnhäuser, nämlich dass sich im Erdgeschoß ein einziger großer Wohnungsbereich befand. Das ist heute nicht mehr so. Das Erdgeschoss wird heute gewerblich genutzt. Ein kleiner Buchladen hat hier vor einigen Jahren seine Pforten aufgemacht.

Anscheinend hat der Denkmalschutz hier so seine strikten Auflagen gemacht. Jedenfalls hat die kommerzielle Nutzung den optischen Eindruck kein bisschen beeinträchtigt. Die schönen Stuckaturen und die schnörkeligen Balkon- und Türgitter erfreuen immer noch das Auge des Betrachters. Horák sei Dank! (DD)

Gebändigte Moldau

Um Prag mit einer der großen europäischen Wasserstraßen, der Elbe, zu verbinden, hatte man 1896 erfolgreich damit begonnen, den Unterlauf der Moldau nach Norden systematisch zu begradigen und Stauwehre mit Schleusen zu bauen, die das flache Gewässer schiffbar machten (wir berichteten hier). Beim Oberlauf in Richtung Süden bzw. Mündung dauerte es etwas länger und man kam auch bald an die Grenze des für größere Schiffe Machbaren. Das letzte Schleusenwehr dieser Art befindet sich noch innerhalb des Prager Stadtgebiets: Die Schleuse Modřany (Zdymadlo Modřany).

Gebaut wurde die Anlage erst in den Jahren 1979 bis 1987 auf Flusskilometer 66,75. Der Damm verbindet die Stadtteile Modřany (Prag 12) auf dem rechten Ufer mit Velká Chuchle (Prag 5) auf der linken Seite, und zwar über eine Breite von 87 Metern. Die Höhe der verstellbaren Stahlwandelemente beträgt mindestens 3.30 Meter. An der rechten Uferseite von Modřany führen zwei Schleusenkammern vorbei, die 90 bzw. 85 Meter lang, 12 Meter breit und 7 Meter hoch sind, durch die 2007 insgesamt 2633 passierten. Alles ist modern und zusätzlich installierte man am linken Ufer ein kleines Kraftwerk (bild links im Vordergrund), das sich heute im Besitz der 1994 gegründeten Energiefirma Energo-Pro befindet. Drei Kaplan-Turbinen erbingen eine eine Gesamtleistung von 1,62 Megawatt. Durch den Bau des Stauwehrs wurde nun endlich das letzte Kapitel in der Geschichte der Bändigung des Oberlaufs der Moldau geschrieben.

Die Idee, den Fluss zu zähmen, war nämlich nicht neu. Die Moldau südlich von Prag war dereinst voller Untiefen, Stromschnellen und vor allem zu wenig tief für einen Schiffsverkehr mit einigermaßen großen Booten. Den Flussverkehr bestimmten die Flößer (wir berichteten u.a. hier und hier). Deren Arbeit war lebensgefährlich und insgesamt schränkte dies die wirtschaftliche Nutzung des Flusses beträchtlich ein. Schon im späten 17. Jahrhundert versuchte man immer wieder, einige Felsklippen -und -untiefen zu entfernen. 1725 berief die königliche Regierung eine Kommission zur Flussregulierungen ein, die von dem Maler, Architekten und Ingenieur Johann Ferdinand Schor geleitet wurde, und die den Bau von Stauwerken mit Schleusen vorschlug, um den Fluss gleichzeit zu beriuhigen und zu vertiefen. In Modřany, wo die Strömung besonders reißend war, fing man 1729 an. Durch die Stauung sollte der Betrieb von durch Pferde gezogene Treidelboote möglich werden. Leider zerstörte schon das ungewöhnlich heftige Frühjahrseis des Jahres 1730 die Anlage. Nichts, aber auch rein gar nichts blieb von ihr der Nachwelt erhalten.

Mitte des 19. Jahrhunderts ging man nochmals systematischer ran. In den Jahren 1850 bis 1862 wurden unter der Federführung des Industriellen und Eisenbahnmagnaten Karl Adalbert, Freiherr von Lanna (über dessen Stadtpalast in Prag wir bereits hier berichteten) zwischen Prag und Štěchovice Vertiefungs- und Begradigungsmaßnahmen durchgeführt, die die Lage deutlich verbesserten. Aber gerade bei Modřany kam es Ende des Jahrhunderts immer noch ab und an zu Schiffshavarien wegen der (teilweise saisonalen) Stromschnellen dort. Erst in der Zeit der Ersten Republik nach 1918 und danach gab es weitere Verbesserungen. Flussaufwärts wurde außerhalb Prags große Staudämme mit Großkraftwerken gebaut – zuerst in Vrané nad Vltavou (1930-35), dann bei Štěchovice (1937-45) und bei Slapy (1949-55), denen weiter südlich noch weitere sechs folgten. Die dienten nicht nur der Wasser- und Stromversorgung, sondern auch der Flussbereinigung. Der saisonale Wasserstrom konnte einigermaßen gebändigt werden. Ein Grundproblem blieb aber bestehen, nämlich dass bei Modřany das Wasser zu flach war und ein gewisses Risiko blieb.

Und das war der Grund, warum die vielen kleinen Stauwehre, die sich seit Beginn des 20. Jahrhundert (oder, wie im Fall des Wehr bei der Karlsbrücke, schon wesentlich länger) innerhalb von Prag befanden, ab 1979 durch das Wehr in Modřany ergänzt wurde. Die manchmal nur 70 Zentimeter betragende Navigationstiefe südliche des Wehrs auf rund 3,5 Meter erhöht werden. Für größeren Frachtverkehr wird das Ganze nicht mehr wirklich genutzt. Der Bau von Eisenbahnlinien und Straßen machte dies schon um 1900 weitgehend unrentabel. Aber für kleinere Touristenboote und Ausflügler in Paddelbooten oder kleinen Yachten ist der Wasserweg immer noch ungeheuer attraktiv. Die Prager Dampfschiffgesellschaft (Pražská paroplavební společnost) bietet in der Sommersaison Panoramafahrten an, die von der Altstadt Prags durch die Schleuse Modřany bis hin zum Großstaudamm Slapy (ca. 25 Kilometer südlich) führen, wo es keine Möglichkeit für Schiffe gibt, den riesigen Damm zu passieren. Ach ja: Und nur rund 300 Meter oberhalb der Schleuse von Modřany operiert seit 2009 eine kleine Fähre (Nr. P6), die beide Ufer verbindet.

Es gibt natürlich Sicherheitsbestimmungen, ab welcher Fließgeschwindigkeit noch Boote noch die Schleuse passieren dürfen. Das ist wichtig und richtig, denn die Moldau kann die Menschen ab und zu an ihre Vergangeheit als recht wilder Fluss erinnern. Beim großen Hochwasser von 2002 wurde der unter Teil von Modřany dramatisch überschwemmt und musste evakuiert werden. Das Stauwehr maß am 14. August die höchste je gemessene Fließmenge an Wasser, nämlich ganze 5160 Kubikmeter pro Sekunde. Die Schäden am Wehr hielten sich allerdings in Grenzen und waren in einigen Monaten reparariert. Präventive Maßnahmen, die seither eingeleitet wurden, mussten sich weniger um die Schleusentechnik drehen, sondern eher um die Uferbebauung der Umgebung. Bei Modřany ließen sich insbesondere ehemalige Industrieanlagen gut rückbauen, so dass hier ein Netz von Wander- und Radwegen im Grünen entstand, sodass ein Spaziergang, der einem am Stauwehr von Modřany vorbei führt, durchaus angenehm ist. (DD)

Synomym für Luxus

Als es 1956 eröffnet wurde, galt es als das „Synomym für Luxus“ – was per se eine Seltenheit in den Zeiten des Kommunismus war. Und das Dům Módy (Haus der Mode) an der östlichen Hälfte des Wenzelsplatzes (Václavské náměstí 804/58) ist seither geblieben, was es war: Der Ort, wo man wertvolles Textil einkaufen kann.

Der Architekt Josef Hrubý hatte Glück gehabt. Ein Jahr vor dem Beginn der Planungen war Stalin gestorben. Das politische Tauwetter setzte allmählich ein. Kleine Freiräume im Bereich des Künstlerischen taten sich auf und niemand wurde mehr gezwungen, im realsozialistischen Zuckerbäckerstil (ein Beispiel dafür findet sich in Prag hier) zu bauen. Und so konnte Hrubý bei seinen Plänen wieder an der avantgardistischen Funktionalismus der Ersten Republik anknüpfen. So steht nun neben dem Pomp des alten Wenzelsdenkmals ein modernes Gebäude, dessen Fassade mit Panelen aus heimischem gelbem Granit und graubraunem Travertin klar strukturiert wird.

Drinnen gab es Technik vom Feinsten. Ein zentrales Ventilationssystem sorgte für gute Belüftung, eine automatische Feueralarmanlage und drei Hochgeschwindigkeits-Aufzüge für den Transport der Kunden zu den einzelnen Etagen. Dazu gab es noch ein Café. Ganz oben auf dem Dach wurde eine Dachterrasse eingerichtet, auf der bis heute Modeschauen veranstaltet werden. Vor allem, wenn man daran denkt, dass das Modehaus in kommunistsichen Zeiten entstanden ist, wirkt es auch heute noch ausgesprochen mondän.

Nun ja, ein wenig Realsozialismus musste man 1956 natürlich schon vorgeben. Dazu brachte man über dem Eckeingang ein Relief des Bildhauers Vladimír Janoušek an. Der dürfte möglicherweise darunter geltten haben, dass er das so machen musste. Janoušek war nämlich ein moderner Avantgardist und beeinflusst von Henry Moore. Er liebte die abstrakte Kunst definitiv mehr als den Brutalklassizismus des Stalinismus. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 galt er sogar als verfemter Künstler, der nicht mehr öffentlich ausstellen durfte.

Aber bei diesem Relief wird das glückliche Leben der (Textil-) Arbeiterklasse in naturalistischer Weise idealisiert, wie das damals halt so üblich sein musste. Trotzdem ist das Ganze irgendwie putziger (vielleicht sogar ironischer) als das sonst bei diesem Genre der Fall ist. Der Schäfer, der das blökende Schaf in den Armen trägt, konstrastiert in seiner Pastoralität mit einer modernen Textilverarbeitungsmaschine. Die wird wiederum von einer Frau mit Schutzbrille bedient. Die für „Realsoz“ so typische Verbindung von ideologischem Modernismus und reaktionärer Ästhetik wirkt hier so seltsam wie sie ja eigentlich auch grundsätzlich ist.

2019 wurde das Gebäude innen modernisiert. Wie es sich für ein Modehaus gehört, bleibt man modern. Der Kommunismus, unter dem es entstanden war, ist inzwischen passé. Und zur neuen, kapitalistischen Welt passt das Modehaus heute auch wesentlich besser. (DD)

Legendäre Herzöge – befördert!

Es besteht kein Zweifel, dass die Herrscherdynastie der Přemysliden Böhmens historische Größe im Mittelalter begründete. Ihre Ursprünge liegen aber im Dunklen. Erst mit Bořivoj I, der als erster von ihnen um das Jahr 883 getauft wurde, begegnet uns ein tatsächlich nachweisbarer Herrscher. Alle früheren gehören ins Reich der Legenden. Wer die kennenlernen will, sehe sich die lehrreiche Fassade des Hauses zu den Fünf Königen (Dům U Pěti králů) in der Vyšehradská 415/9 in der Neustadt (Prag 2) an.

Oft sieht man die lediglich legendären Herrscher nicht abgebildet. In der Regel sind nämlich auch die Legenden recht sparsam an echten Informationen und auch nicht sonderlich spannend. Keine Kämpfe mit wilden Drachen, die holde Jungfrauen bedrohen, kommen da vor. Deshalb ist die Aneinanderreihung von Bildern der Legendenherrscher auf Höhe des ersten Stocks schon etwas besonderes. Aus der Reihe dieser Herrscher ragt nur der Begründer der Dynastie, den wir oben im großen Bild sehen, heraus, was den Stoff angeht, aus dem Legenden gesponnen werden: Přemysl, genannt „der Pflüger“. Er taucht erst Jahrhunderte nach seinem Tod erstmals in der Chronik der Böhmen (Chronica Boemorum) des Cosmas aus dem frühen 12. Jahrhundert aus. Die erzählt, wie er Gründer der Dynastie wurde (dazu auch hier). Eigentlich hätte nämlich Fürstin Libuše, die Tochter des verstorbenen Herrschers Krok, regieren sollen. Das wollten die misogynen Ur-Tschechen nicht, gestateten ihr aber, dass sie den männlichen Herrscher durch die Heirat eines Mannes ihrer Wahl bestimmen könne. Diese Entscheidung überließ sie ihrem Pferd, das sie freiließ, um einen Mann für sie zu suchen. Durch gute Geister geleitet, lief das Pferd auf den ahnungslose auf dem Acker pflügenden Pflüger Přemysl zu, der dadurch zu seiner Überraschung Fürstinnenehemann und Herrscher wurde (hier übrigens passend mit Pflug dargestellt). Da er aber seine Sache gut machte, dachte danach auch niemand mehr an einen Dynastiewechsel, solange es männliche Thronfolger gab.

Der (vermutliche, denn explizit wird es in den Chroniken nicht gesagt) Sohn und Nachfolger befindet sich in der chronologischen Darstellung auf der Hausfassade direkt neben Přemysl. Es handelt sich um Nezamysl, über den man bei Cosmas wenig mehr erfährt, als dass er eben der Nachfolger war. Auch die zweite mittelalterliche Quelle, die Dalimil-Chronik aus dem 14. Jahrhundert, liefert nicht mehr Informationen.

Soll man vielleicht gar an Nezamysls Existenz zweifeln? Irgendwie ist schon der Name ein Witz. Er ist das Gegenteil des väterlichen Namens. Während „Přemysl“ soviel wie „der Nachdenkende“ bedeutet, heißt „Nezamysl“ im Tschechischen in etwa „der Nicht-Nachdenkende“. Daraus hätte man witzige Geschichten machen können – eine Gelegenheit, die die mittelalterlichen Chronisten leider nicht nutzten. So sieht man ihn denn unverspottet mit einem kleinen Hammer in der Hand (wie einst Chris Howland vor dem Öffnen des Sparschweins) stehen, den Blick dem in den Legenden viel prominenter dastehenden Vater zugewandt.

Es folgt: Nezamysls Stammhalter und Nachfolger Mnata, über den sonst nichts gesagt wird. Ihm folgt chronologisch Vojen, von dem ein wenig mehr überliefert ist, denn es wird immerhin in den Chroniken festgestellt, dass er jung und kräftig gewesen sei. Was er mit seinen Kräften so genau gemacht hat, wissen wir nicht. Auch hier wieder eine von den Chronisten verpasste Gelegenheit. Und noch etwas ist überliefert, was aber Konfusion verursachte – auch hier an der Häuserfassade.

Bei Cosmas heißt es, sein Nachfolger sei Vněslav gewesen. Dalimil erzählt, dass Vojen sein Reich unter zwei Söhne aufgeteilt habe, von denen einer Vlatislav hieß. Der ist hier als Vratislav abgebildet. Den Grund, warum das hier so ist, weiß man nicht. Das macht aber nichts, weil hier die Kette sowieso abreißt. Die drei nächsten legendären Herrscher Křesomysl, Neklan und Hostivít fehlen. Die Fassade erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Aber warum sieht man auf dieser Hausfassade überhaupt die alten Legendenherrscher? Deren überlieferte Taten waren ja – bis auf das Wahlverfahren per Pferd bei Přemysl – nicht gerade spektakulär. Das hat etwas mit dem barocken Haus zu tun, das hier vor diesem neueren Gebäude stand. Um dieses frühere Haus hatte sich nämlich irgendwann die Legende gebildet, dass darunter (am Fuß der alten Königsburg Vyšehrad) die fünf Herrscher begraben seien. Deshalb gab es schon auf dem barocken Vorgängerbau der legendären Herrscher Gemälde, die diese darstellten. Sie stammten von Wenzel Bernhard Ambrozy, dem Hofmaler von Kaiserin Maria Theresia, der sie um 1750 anfertigte. In dem Gebäude befand sich ein Gasthaus. Als es abgerissen wurde, um den heutigen Bau Platz zu schaffen, fand man natürlich keine früh-přemyslidischen Herrschergräber darunter.

Nun zu dem, was man heute sieht: Das neue vierstöckige Haus wurde 1906 vom Architekten Otakar Václavík im Stil der Neorenaissance erbaut, über den ich sonst nicht viel erfahren konnte. Den alten Legenden um das Haus wollte man aber Ehre erweisen und deshalb schuf der bekannte Historienmaler Láďa Novák, den viele Touristen als den Schöpfer der Wandmalereien in der berühmten Gaststätte U Fleků kennen (wir berichteten hier), neue und sehr phantasiereiche „Portraits“ der alten Herrscher. Der Name Haus zu den Fünf Königen wurde oben am Giebel angebracht. Bei dem alten Haus waren übrigens sechs Herrscher abgebildet, denn man hatte den Heiligen Wenzel (Svatý Václav) hinzugefügt, der aber nicht zu den legendären Herrschern gehörte, sondern sehr real war (und definitiv im Veitsdom begraben ist).

Ansonsten ist der Hausname historisch sowieso inkorrekt. Denn die fünf Herrscher hatten es stets nur zum Herzogentitel gebracht. Der erste Přemyslide mit einem Königstitel war Vratislav II., der erst 1085 gekrönt wurde. Das Haus müsste eigentlich also Dům U pěti vévodům (Haus zu den Fünf Herzögen) heißen. Aber die Beförderung sei den alten Herzögen posthum von Herzen gegönnt. Und bei Wenzel passiert das sowieso oft, vor allem wegen des vor allem in der angelsächsichen Welt bekannten Weihnachtsliedes Good King Wenceslas, das den Herzog als König besingt.

Ach ja, im jahre 1908 – zwei Jahre nach Einweihung des Hauses – eröffnete die Modedesignerin Hana Podolská hier ihren ersten Modesalon. 1915 zog sie allerdings näher in die Innenstadt. Dort begann sie eine Karriere, die sie für viele Menschen hier zu tschechischen Coco Chanel werden ließ. Und so erzählt dieses Haus nicht nur von Legenden, sondern ließ auch eine wahr werden. (DD)

Und der Architekt zog gleich selbst ein…

Prag – nicht nur Altstadtromantik. Man ist immer wieder überrascht, welche Schätze des zwischenkriegszeitlichen Funktionalismus Prag für den Besucher bereithält. Bei einem Hundespaziergang in der engen kleinen Straße Apolinářská, die steil von der Neustadt hoch nach Vinohrady führt, stießen wir unerwartet auf diese Villa mit der Hausnummer 436/3.

Eine kühne und sehr expressionistisch gestaltete Konstruktion, fürwahr! Hinzu kommt die Lage. Wer hier wohnt, hat auf der einen Seite einen wundervollen Ausblick auf den Alten Botanischen Garten (wir berichteten hier) und auf der anderen Seite zum Areal der barocken Klosterkirche der Schmerzensreichen Mutter Gottes (klášterní kostel Panny Marie Bolestné), über die wir hier berichteten. Man kann schlechter wohnen…

Und das ließ sich darüber herausfinden: Das Wohn- und Mietshaus wurde im Jahr 1932 erbaut, und zwar direkt verbunden mit dem unmittelbar benachbarten Städtischen Heil-Bad des Ortsteils. Der Grund war nachvollziehbar, denn das Haus wurde für Dr. Josef Malík gebaut, der der Chefarzt des Heilbades war. Als Architekten für seine neue Villa heuerte Malík Jan Jarolím an. Der wiederum war Schüler und Mitarbeiter des ungleich berühmteren funktionalistischen Stararchitekten Ludvík Kysela, mit dem er zum Beispiel bereits 1929 den Palác U Stýblů am Wenzelsplatz entworfen hatte.

Das Ganze kann sich sehen lassen. Die expressionistische Architektur im Eingangsbereich, die man oben im großen Bild sieht, wird durch stilistisch passende Metallgitter ergänzt (da es ein Privathaus ist, kann man leider nicht das wohl überwältigende Art-Déco-Interieur bewundern). Durchaus konservativer wirken Obergeschoss und Spitzdach mit ihrer Ziegelgestaltung (das übrigens nach dem Fall des Kommunismus rekonstruiert werden musste, da es unter dem Regime 1970 abgerissen wurde). Auf diese Weise passt sich der damals hoch avangardistisch-moderne Stil des Hauses in die Ästhetik der Umgebung ein, ohne dass das allerdings wie ein Stilbruch wirkt.

Dem Architekten gefiel das von ihm entworfene Haus wohl sehr. Da der gute Doktor Malík sich hier ein sehr großes Haus mit Mietmöglichkeiten hatte bauen lassen, konnte Architekt Jarolím kurzerhand in die oberen Stockwerke ziehen, um dort zu wohnen und ein Architektenstudio einzurichten. In den Zeiten des Kommunismus wurden Villa und benachbartes Bad arg vernachlässigt. Nach dem Ende des Spuks 1989 fand sich wohl lange Zeit kein zahlungswilliger oder -fähiger Besitzer, weshalb es mit der Bausubstanz steil bergab ging. 2009 übernahmen Hausbesetzer baufällige und einsturzgefährdete Bad und das Haus, wurden aber von der Polizei wieder vertrieben. Das Bad sieht heute immer noch ein wenig verfallen aus. Aber die Villa hat einen Besitzer gefunden, der das Gebäude tipp-topp in Stand setzte. Es hätte auch erstaunt, wenn ein solch schönes Haus in solch einer Lage keinen Liebhaber gefunden hätte, der es wieder auf Vordermann bringen wollte. (DD)

Idylle und Widerstand

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Das Treffen im schönen Pfarrhaus von Vinoř wurde ihr zum Verhängnis. Heute vor 72 Jahren, am 27. Juni 1950, wurde die unbeugsame Demokratin und Widerstandskämpferin Milada Horáková durch das kommunistische Regime hingerichtet. Der Hinrichtung ging ein absurder Schauprozess stalinistischer Prägung vorweg, der mit Hilfe fabrizierter Indizien den Vorwurf des Landesverrats bestätigen sollte. Der Schuldspruch und das Todesurteil standen von vornherein fest.

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Horáková, die unter den Nazis ins Konzentrationslager gesteckt worden war, um nur zu sehen, dass nur drei Jahre nach dem Krieg ein neues totalitäres Regime – diesmal im roten Gewande – die Demokratie im Lande zerstörte, war natürlich keine Landesverräterin. Aber sie stand dazu, für die Demokratie zu kämpfen, und als das Regime beim Abschlussplädoyer der Angeklagten eine Selbstbezichtigung mit anschließender Loyalitätserklärung zum „Großen Bruder“ Klement Gottwald verlangte, verweigerte sie sich – anders als ihre Mitangeklagten, die glaubten, sie könnten so ihr Leben retten.

Tatsächlich basierte der Vorwurf des Landesverrates nur darauf, dass Horáková sich einmal mit anderen Oppositionellen getroffen hatte, um mit ihnen die Lage zu erörtern. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Kommunisten, die im Februar 1948 an die Macht gekommen waren, bereits alle nicht-kommunistischen Parteien verboten. Am 25. September 1948 fand daher ein geheimes Treffen statt, das Horáková mit einberufen hatte, um die verschiedenen demokratischen Oppositionsgruppen zusammenzubringen. Der Ort des Treffens war das alte Pfarrhaus im Norden Prags etwas auswärts gelegenen nördlichen Stadtteil Vinoř.

Mit bei dem Treffen waren der Pädagoge (und Bruder des Ex-Präsidenten Edvard Beneš) Vojta Beneš von den Sozialdemokraten, der Anwalt und Politiker Vojtěch Jandečka von den Christdemokraten, der Verwaltungsbeamte und ehemalige Abgeordnete Josef Nestával, der wie Horáková der linksliberalen Nationalsozialen Partei angehörte, und der parteilose Verfassungsrechtler Zdeněk Peška. Die Möglichkeit gewalttätigen Widerstandes, den die Kommunisten später unterstellten, war nicht einmal ein Gedankenspiel. Es ging um die Frage, ob es so etwas wie ein koordinierendes Dachgremium des bürgerlichen Widerstandes geben sollte, aber auch dieser Vorschlag fiel als zu weitreichend und gefährlich durch. Man verblieb, dass man sich ab un an mit Informationen austauschte, um eventuelle Gegensätze besprechen zu können.

Alles in allem ein recht mageres Ergebnis und gewiss weit entfernt von irgendeiner auch nur ansatzweise sinnvollen Definition des Begriffs Landesverrat. Aber 1949 nahm die Verfolgung von Oppositionellen neue Dimensionen an und die Teilnehmer des Treffens fielen umgehend der Verfolgung zum Opfer. Beneš konnte sich der Verhaftung noch entziehen und floh in die USA, wo er zwei Jahre später starb. Jandečka wurde verhaftet und zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, Peška wurde zu 25 Jahren verurteilt, aber 1960 begnadigt, Nestával sollte lebenslang im Gefängnis sitzen, wurde aber 1963 unter Auflagen freigelassen. Horáková, die bekannteste unter ihnen, ging jedoch in den Tod.

An dem hübschen Pfarrhaus in Vinoř wurde im Oktober 2002 eine Gedenktafel angebracht, auf der den Widerstandskämpfern, die sich hier dereinst trafen, gedacht wird. Das Haus am idyllischen Vinořské náměstí (Vinořplatz) mit seiner ebenso idyllischen barocken Dorfkirche und der Statue des Heiligen Nepomuk davor stammt aus dem Jahre 1738 und wurde von dem Architekten Johann Christian Spannbrucker erbaut. Das Haus verfügt über zusätzliche Wirtschaftsgebäude und einen großen Hof. Deshalb war hier auch ein kleines Haus des Mönchsordens der Salesianer untergebracht.

Und daher erinnert die Plakette auch zugleich an eine andere kommunistische Schandtat, nämlich die berüchtigte Aktion K (Akce kláštery, dt.: Aktion Klöster), die ebenfalls 1950 einsetzte. Mit ihr lösten die Kommunisten gewaltsam alle Orden und Klöster auf und internierten die meisten Mönche und Nonnen. In der ersten Nacht, vom 13. auf den 14. April 1950, wurden im Salesianerhaus des Pfarrhauses die Ordensbrüder Metoděj Hasilík, Augustin Holík und František Mikulík von der Geheimpolizei verhaftet, interniert und mit Berufsverbot belegt.

Geht man über den so idyllischen Dorfplatz, ahnt man kaum, was sich hier dereinst an Verbrechen abspielte. (DD)

Bären und Kleinrussen

Heute ist der der 26. Juni, an dem man gemeinhin mit Trauer erfüllt den Bärengedenktag begeht. Was wäre ein besseres Motiv für diesen Tag, als dieses schöne Stuckrelief eines Bären auf der Fassade in der Pařížská 125/16 (Ecke Široká) im Herzen Prags?

Bevor wir zu diesem Gebäude kommen, ein Wort zum Bärengedenktag: Mit ihm gedenkt man des Mordes an „Problembär“ Bruno, der am 26. Juni 2006 in der Nähe von Bayrischzell auf Befehl des Umweltministers der Bayerischen Landesregierung (CSU) stattfand. Ausgerufen wurde der Trauertag von der Stiftung für den Bären im Gedenken an diese Bluttat. Der Braunbär war ein mittelloser Migrant aus Norditalien und hatte illegal über Österreich die Grenze zu Bayern überschritten, wo er sich eine bessere Zukunft erhoffte. Alle kleinen Kinder im Lande, die durch ihre Teddybären zur Liebe zum Bären erzogen waren, fanden Bruno süß, als er in den Medien auftauchte. Und dass er Schafe riss, sich an Menschen gewöhnte und zu clever war, sich fangen zu lassen, waren schließlich keine irgendwie triftigen Gründe, das putzige Zotteltier für gefährlich zu halten. Die kleinen Kinder, die vor dem Fernseher heulten als die Nachricht kam, dass Bruno erschossen worden sei, sind heute erwachsen und wahlberechtigt. Wenn sich die CSU fragt, warum ihre Wählerbasis schrumpft, dann kann die Antwort nur in den lang anhaltenden Traumata liegen, die das Meucheln des armen Ursiden damals auslöste, und die jetzt erst ihre elektorale Wirkung entfalten.

Kommen wir zurück nach Prag und zu dem Gebäude mit dem Bären über der Fensterreihe im dritten Stock: Das große vierstöckige Miets- und Wohnhaus liegt mitten in der Laden- und Luxusmeile, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Areal des früheren Judenviertels Josefov entstand. Wie man der großen Inschrift auf dem Hausschild über dem zweiten Stock entnehmen kann, wird es dům U Dvou Malorusek genannt, was soviel wie Haus zu den Zwei Kleinrussen bedeutet. Das bedarf einer Erklärung, denn wenn heute von „Kleinrussland“ die Rede ist, dann denkt man an den Teil der Ukraine, den von Russlands Autokraten Wladimir Putin gesteuerte Aufrührer als „selbständigen“ Staat ausgerufen haben, um die Ukraine zu demontieren und Russland einen recht durchsichtigen Vorwand für den brutalen Überfall des Landes im Februar 2022 zu liefern. Diese Leute gab es noch nicht, als das Haus gebaut wurde. Eigentlich geht der Begriff Kleinrussland auf das Mittelalter zurück, als der südwestliche Teil Russlands noch eigenständig war und von Kyiv (nicht Moskau!) aus regiert wurde.

Wie dem auch sei: Die Legende, die auch von Wikipedia verbreitet wird, besagt, dass das Haus für Eigner gebaut wurde, die eine zeitlang in dem damals immer noch nominell Kleinrussland genannten Teil des damaligen Russischen Reiches gelebt hatten, und sich mit dieser Region nach ihrer Rückkehr nach Prag anscheinend so sehr identifizierten, dass sie das Gebäude entsprechend so tauften. Wesentlich wahrscheinlicher ist, dass das Haus seinem Namen der 1888 erschienenen Geschichte Dvě Malorusky (Zwei Kleinrussen) des damals populären romantischen Schriftstellers Josef Václav Frič verdankt, der politisch einem panslawistischen Romantizismus frönte. Zu dieser politischen Orientierung passte das Thema der zwei Kleinrussen, denen das Haus gewidmet ist. Den Auftraggebern ging es also eher um Literatur und um eine politische Erneuerung. Die „Kleinrussen“ aus Fričs Geschichte sind auch eher ukrainische Exilanten und wären heute gewiss vehemente Gegner Putins, der russischen Aggression und des heutigen Missbrauchs des Begriffs „Kleinrussland“.

Gesichert ist jedoch, dass das Gebäude nach den Plänen des Architekten Jiří Justich (den wir schon hier und hier erwähnten) durch den großen Bauunternehmer  Matěj Blecha (erwähnt z.B. hier und hier) in den Jahren 1905/06 erbaut wurde. Damals war es Mode, den damals gängigen Jugendstil mit allerlei historistischen Elementen zu bereichern. Hier in der Gegend um die Pařížská nahm das ganz besondere Dimensionen an – und das dům U Dvou Malorusek ist eines der großartigsten Beispiele dafür. Das Haus zeichnet sich durch überbordende Ornamentik aus, die sich teilweise auf das „Generalthema“ Kleinrussland beziehen. Auf den ersten Blick fallen dabei schon aus der Ferne die auf Höhe des dritten Stocks am Erker befestigten und überlebensgroßen Statuen von Bauernmädchen in ukrainischer Tracht auf, die beide Körbe mit Früchten oder Gemüse tragen.

Und dann ist es auch ganz augenscheinlich die Fauna, die der Stuckkünstler auf der Fassade verewigt hat, die einen exotisch-kleinrussischen Eindruck erwecken soll. Für die Annahme, dass das Haus nicht für Besitzer gebaut wurde, die Kleinrussland tatsächlich kannten, sondern dass die Geschichte von Frič die Inspiration lieferte, spricht, dass sich der Künstler da nicht so recht auskannte. Irgendwie schien er zu erahnen, dass der Bär ein russisches Symboltier sein muss, und dass es in Russland oft kalt ist. Folglich handelt es sich bei dem großen Stuckursiden, den wir oben im großen Bild sehen, um einen Eisbären. Da das hier beschworene Kleinrussland im Südwesten Russlands (eben weitgehend in der heutigen Ukraine) liegt, der sich weitab der Polarregion befindet, ist diese Bärenart eigentlich fehl am Platze. Immerhin scheinen die kleinen und putzigen Bären, die man oben unter dem Dach auf dem Erkerturm findet, echte ortsübliche Braunbären zu sein. Man muss aber gute Augen haben, um die kleinen Stuckbärchen am First dort hoch oben zu erkennen.

Kurz: Das Ganze repräsentiert wohl eher ein künstlerisch imaginiertes Bild von Kleinrussland, denn ein reales. Gerade die „kleinrussische“ Fauna ist äußerst phantasievoll und mit einem leichten Schuss tschechischem Humor gelungen. Ausgesprochen seltsam muten die beiden spechtartigen Vögel an, die neben dem Haupteingang Wache zu halten scheinen, und die keck hinter ihren überproportionierlichen Flügeln herauslauern. Ob die wirklich typisch „kleinrussisch“ sind, weiß ich nicht, aber zumindest irgendwie für Tschechen ortsunüblich genug, um dafür gehalten zu werden. Wenn man schon einmal da ist, sollte man sich den ganzen Eingangsbereich (sieht man drei Bilder oberhalb) anschauen, nicht zuletzt wegen der schönen Schnitzereien.

Auch sonst gibt es viel zu sehen, was die Stuckarbeiten angeht. Überall wuchern rästselhafte und botanisch schwer einzuordnende florale Motive. In der Mitte der Fassade hin zur Široká sieht man ein rechteckiges Motiv mit viel Vergoldung, das sehr an traditionelle ukrainische Teppiche erinnert. Und die mit Stuck angedeutete architektonische Struktur darüber erinnert mit ihren halbrunden Formen an griechisch-katholische Kirchendächer, wie man sie in Kleinrussland bewundern kann. Das haus wurde immer wieder im Laufe der Zeit renoviert und in Schuss gehalten – nach dem Ende des Kommunismus noch einmal besonders. Huete befinden sich hier Büros und Mietswohnungen im höchsten Priessegment und im Erdgeschoss haben sich einige einge Luxusgüterläden eingerichtet.

Unsereins gefällt am meisten der Bär auf der Fassade. Als das Gebäude mit dem Bären erbaut wurde, ging es den Bären in Europa nicht gut. Der letzte Braunbär in Bayern war 1835 im bayerischen Ruhpolding erlegt worden und der Versuch von Bruno 2006, es mit einer zaghaften Wiederansiedlung zu versuchen, ertrank in seinem eigenen Blute. In Tschechien (damals noch Böhmen) wurde 1856 der letzte Braunbär erlegt. In den letzten Jahren haben immer wieder Bären von den Karpaten her den Weg nach Tschechien gefunden, aber keiner wurde bisher getötet wie in Bayern. Die Tschechen sind halt tierlieb und erfreuen sich lieber an Geschichten wie die vom Tierschützer, Tierphotographen und Bärenpapa (Medvědí táta) Václav Chaloupek, der 2013 zwei im Wald gefundene Bären-Waisenkinder fand und aufzog. Das Haus in der Pařížská mag man daher als eines der frühen Zeugnisse für die damals erwachende und heute voll ausgereifte Bärenliebe der Tschechen würdigen – an jenem heutigen Gedenktag. (DD)

Barocker Pfau davor, Funktionalismus dahinter

Man braucht kein Hellseher zu sein, um den Namen dieses Hauses in der Celetná 557/10 in der Altstadt zu erraten: Haus zum Weißen Pfauen (dům U Bílého páva). Das schöne, in eine Stuck-Kartusche gefasste Hausschild mit einem weißen Pfau lässt dies allzu offenkundig erscheinen.

Aber sonst ist das Haus definitiv nicht mehr, was es äußerlich zu sein vorgibt. Bis auf Stücke der schönen Fassade mit dem Pfauen stammt es nämlich aus dem Jahr 1949. Aussehen tut es aber wie ein Barockhaus.Denn als der Architekt Pavel Moravec mit seinen Planungen für den Bau des Hauses anfing, befand sich hier im wesentlichen nur noch ein Trümmerhaufen. Gerade in diesem Teil der Altstadt tobten Anfang Mai 1945 besonders heftige Kämpfe zwischen Nazitruppen und den am Ende siegreichen tschechoslowakischen Aufständischen während des Prager Aufstands (wir berichteten u.a. hier und hier).

Das alte Haus, das hier stand wurde fast völlig zerstört und musste wieder fast vollständig aufgebaut werden. Da ein Teil der Fassade erhalten geblieben war und der Rest sich rekonstruieren ließ, kann man das von der Straßenseite aus nicht erkennen. Der Denkmalschutz hätte an dieser Stelle – dort, wo die Altstadt geradezu am altstädtischsten ist – auch nichts anderes zugelassen.

Geht man durch die kleine Passade, die zu einer Stichstraße von der Celetná zur Kamzíková führt, bemerkt man, dass der Architekt Moravec eigentlich kein Spezialist für historistische Gebäude war, sondern einer der bekannten Vertreter des mordernen Funktionalismus im Prag der Vorkriegszeit (ein Beispiel dafür zeigten wir hier). Von hinten handelt es sich nämlich um ein eher unauffälliges, einfach geometrisch und schmucklos gestaltetes modernes Wohnhaus. Man kann gar nicht glauben, dass man sich wirklich noch in der Altstadt befindet. Auf in den Innenräumen findet man nur moderne Sachlichkeit.

Der heutigen Nutzung mag dies zu Gute kommen. Im Erdgeschoss und dem flachen funktionalistsichen Hinterbau befindet sich ein modernes Schokoladenmuseum mit einem dazugehörigen Schokoladenladen (der belgische Schokolade verkauft) und sich an eine touristisches Publikum wendet. Alles ist hier sehr zweckmäßig eingerichtet. In den Etagen darüber befinden sich kleinere Firmenbüros und Wohnungen.

Aber: Die überlebende Fassade weist schon zurecht darauf hin, dass sich hinter dem Haus mehr Geschichte verbirgt. In den Kellergewölben befinden sich noch Fragmente von drei Häusern, die an dieser Stelle im Mittelalter standen. Sie sind auch im Archiv der Stadt dokumentiert. Das eine Haus wird 1354 erstmals erwähnt, die beiden anderen 1363.Für eines der Letztgenanntzen wurde 1514 zum ersten Mal der Name U Bílého páva erwähnt, den später das Gesamtensemble der Häuser bekam. In der Renaissance gab es Umbauten. Zu dieser Zeit dürften die Häuser schon zu einem zusammengelegt gewesen sein. Man weiß auch, dass das Haus ab 1713 einem Maler namens Jan Ungers gehörte, und dass es zu dieser Zeit eine Bierschenke hier gab, bei der die Altstädter einkehren konnten. Dann, um 1750 wurde das Haus schließlich in jenem hochbarocken Stil umgebaut, den man heute auf der Fassade bewundern kann. Der äußere Schein ist jedenfalls wieder gewahrt. Die hübschen Stuckrocaillen und natürlich der Pfau repräsentieren ein richtiges Stück Altstadt – auch wenn sich dahinter moderne Architektur verbirgt. (DD)

Ort der Erinnerung

Dass die alte Synagoge von Michle (Michelská synagoga) heute keine Synagoge mehr ist, sondern eine christliche Kirche, macht sie zu einem der vielschichtigen Prager Erinnerungsorte für das Grauen der Nazizeit. Die Menschen, die hier beteten wurden ermordet und ihre Gemeinde ausgelöscht – unwiederbringlich.

Das Gebäude in der U michelského mlýna 124/27 am Ufer des kleinen Flusses Botič im Stadtteil Michle (Prag 4) ist schon sehr alt. Noch erhaltene Mauerreste, die man vor Jahren bei Renovierungsarbeiten fand, deuten darauf hin, dass hier bereits im Mittelalter ein kleiner Bauernhof oder möglicherweise ein Weingut stand. Wann es dann in eine Synagoge umgewandelt wurde, ist nicht so richtig bekannt, aber es dürfte nicht vor 1730 gewesen sein. Sicher historisch dokumentiert ist die Synagoge und das Gemeindeleben erst im 19. Jahrhundert. Sie diente den verstreuten kleinen jüdischen Gemeinden in Ortsteilen Michle, Nusle, Vršovice und Podolí als Gebetshaus.

Ende des 19. Jahrhundert wurde das Gebäude, das nacheinander im Stil der Renaissance und des Barock umgebaut worden war, noch einmal gründlich neugestaltet. Dabei knüpfte man ein wenig an das Ursprungsgebäude an und so sieht man hier heute ein schlichtes neogotisches Gebetshaus. Als 1939 die Nazis in das neue Protektorat Böhmen und Mähren einmarschierten, begann der Holocaust. Es gab danach keine jüdische Gemeinde mehr.

Die Synagoge von Michle blieb allerdings eine der wenigen in den Prager Vororten, die nicht von den Nazis zerstört wurde. Dahinter steckte keine Milde der Nazis, sondern das Ganze war ein Teil des perfiden Plans, der vor allem die jüdischen Kulturstätten in der Altstadt rettete. Die Nazis planten nämlich, in Prag ein großes Museum einer untergegangenen Rasse einzurichten, in dem sie ihre Mordtaten in kuturhistorischem Gewand für die Nachwelt zelebrieren wollten. Dazu stahlen sie u.a. überall im Land wertvolle Torah-Rollen, die sie dann in Michle deponierten. Das sicherte das Überleben der Synagoge.

Nach dem Krieg bewahrte man die Rollen, die nun in den Besitz des Jüdischen Museums im alten Prager Judenviertel übergingen, zunächst einmal weiter hier auf – nicht zuletzt in der trügerischen Hoffnung, sie zu restaurieren, zu konservieren und ggf. zurückzuerstatten. Die Kommunisten, die 1948 die Macht ergriffen, hatten kein sonderliches Interesse an solch einer Aufarbeitung und die Rollen begannen allmählich in der von hoher Luftfeuchtigkeit geprägten Umgebung am Fluss zu verrotten. Inzwischen waren sie sowieso in den Besitz von Artia geraten, eine von den Kommunisten eingerichtete Staatsfirma für Kulturim- und export, die gerne enteignete, d.h. gestohlene Kulturgüter gegen gute Devisen an des Klassenfeind im Westen verhökerte. Glücklicherweise bekamen Mitglieder des Londoner Memorial Scrolls Trust, einer Institution, die soviel wie möglich von der früheren jüdischen Kultur im Europa retten will, von der Sache Wind. Man verhandelte mit den Kommunisten und konnte 1963 rund 1500 Torah-Rollen erwerben und nach London bringen, wo sie in der Westminster Synagoge untergebracht wurden, die dafür sogar ein Museum einrichtete. Der Trust stiftet ab und an für jüdische Gemeinden in aller Welt Torah-Rollen aus der Sammlung als Leihgaben.

Für die Synagoge in Michle war das allerdings zunächst einmal keine gute Entwicklung, denn sie stand nun nutzlos leer und verfiel langsam. Das Blatt wendete sich erst 1975. In diesem Jahr erwarb die Tschechoslowakische Hussitische Kirche (Církev československá husitská) – eine 1920 gegründete reformerischen Kirche, die beanspruchte, so etwas wie eine Nationalkirche zu sein – das Gebäude. Die Kirche nahm sich in dieser Zeit vieler alter Synagogen außerhalb Prags an, für die es keine jüdische Gemeinde mehr gab (Beispiele hier und hier).

Die Übernahme durch die Hussitische Kirche ging mit einigen kleineren baulichen Veränderungen einher. Die Glasfenster erhielten christliche Motive und das Symbol des Kelches ist allgegenwärtig. Es steht bei allen reformerischen Kirchen als Symbol für den von der katholischen Kirche als ketzerisch erachteten Laienkelch. Die Hussiten ergänzten den Kelch oft gerne mit dem slawischen Patriarchenkreuz, was man im Bild rechts gut erkennen kann.

Die Erinnerung an die Synagoge und die damit verbundene jüdische Kultur hält man aber geschichtsbewusst und mit Verantwortungssinn wach. Es gibt eine kleine Infotafel. In einem kleinen Garten neben dem Gebäude wurden einige alte jüdische Grabsteine aus dem 1964/65 unter den Kommunisten zerstörten jüdischen Friedhof von Libeň (wir berichteten darüber hier), die man gerettet hatte, aufgestellt. So unscheinbar das Gebäude auf den ersten Blick auch wirken mag, es leistet seinen Beitrag zur Erinnerungskultur. Die Torah-Rollen, die hier einst gelagert waren, dienen überall in den Synagogen der Welt als Mementos an die Schrecken der Nazizeit und als Warnung, dass sich so etwas nie wieder wiederholen darf. (DD)