Jagdschloss in der Stadt

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert expandierte Prag so sehr, dass sich immer mehr Gebäude, darunter viele Dorfkirchen, plötzlich nicht mehr in einer ländlichen, sondern in einer großstädtischen Umgebung befanden, zu der sie irgendwie nicht zu gehören schienen.

Ein Beispiel für ein nun von urbanen, modernen Mietshäusern umgebenes Relikt einer pastoralen Vergangenheit kann man in der Petrohradská 141/52 im Stadtteil Vršovice (Prag 10) bewundern: die Villa Jitřenka. Der Name leitet sich von dem tschechischen Wort jitro ab, was soviel wie Frühe oder Morgenröte bedeutet, weshalb auch bisweilen von der Villa Aurora die Rede ist – Aurora ist die römische Göttin der Morgenröte.

1738 ließ sich der Gutsherr Jan z Vrbna aus dem alten Adelsgeschlecht Bruntálský z Vrbna hier fernab der Stadt am Ufer des kleinen Flusses Botič das zweistöckige Gebäude als barockes Jagdschloss erbauen. Als es um 1880 in den Besitz des Freiherrn Popper Komořanský überging, war es bereits Teil des Nummerierungssystems der Straßen von Prag – seither übrigens kontinuierlich mit der Katasterziffer 141. In dieser Zeit wurde die Fassade etwas dem Zeitgeschmack angepasst. In seiner strengen Gliederung durch Pilaster entspricht das ursprünglich barocke Herrenhaus nunmehr dem Stil des späten Klassizismus.

Heute ist es in mehrere Einheiten mit Wohnungen und kleinen Büros aufgeteilt. Das Haus ist schon seit 1958 als Denkmal geschützt und eine kleine Infotafel auf der anderen Straßenseite erzählt ein wenig von seiner Geschichte und der seiner Umgebung.

Das Gebäude steht tiefer als die umgebenden, viel höheren Mietshäuser auf dem Ufergrund des Botič-Flusses. Mit seinem kleinen Garten, umrahmt von Bäumen erhält es sich immer noch trutzig ein wenig seines Charakters als altes Landhaus. (DD)

Hoheitliches Rathaus

Der heutige Stadtteil Nusle erlebte Ende des 19. Jahrhunderts eine große Phase der Industrialisierung. Die Stadt, die erst 1922 Teil von Prag wurde, erwarb sich enormen Wohlstand. Und deshalb konnte sie sich auch ein entsprechend repräsentatives Rathaus leisten.

Schon von weitem kann man das erhöht in der Táborská 500/30 in Prag 4 gelegene Gebäude bewundern. Es strahlt eine gewisse Hoheitlichkeit aus. Erbaut hat es der Architekt Antonín Turek, dem Prag viele bedeutsame öffentliche Gebäude verdankt (frühere Beiträge u.a. hier, hier und hier). Er war bekannt für seine Spezialisierung auf den Stil der Neorenaissance und so handelt es sich auch hier um ein Bauwerk, das der Ästhetik der böhmischen Renaissance nachempfunden ist.

Es entstand in den Jahren 1908/09. Der auf ein hohes Walmdach gesetzte Turm, die beiden Seitentürme und der große – von vielen Stuckmustern umrahmte – Arkadenbalkon geben dem Gebäude sein charakteristisches Aussehen. Die kleinen metallenen Wetterfahnen an den Seitentürmen zeigen immer noch die Initialen MN, was für Město Nusle (Stadt Nusle) steht, obwohl Nusle schon lange keine eigenen Stadtrechte mehr besitzt.

Ohne Aufgaben ist das alte Rathaus dennoch nicht. Drinnen befinden sich Büros der Stadtteilverwaltung, ein Informationsbüro, ein Konzertsaal, ein Hochzeitsraum und seit der großen Renovierung zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein kleines Restaurant.

Oberhalb des rustifizierten Eingangs befinden sich an den Ecken des Risalits zwei steinerne Skulpturen. Nicht viel ist über sie bekannt, aber sie sind wohl von dem Bildhauer Václav Prokop entworfen und erstellt worden, der u.a. auch die skulpturale Ausstattung des Luzerna Palais (Palác Lucerna) in der Neustadt gestaltet hat (früherer Beitrag hier). Passend zu der blühenden Industrialisierungsphase, während der das Rathaus entstand, stellen sie Allegorien auf Industrie und Gewerbefleiß dar. Das passt heute, da seit dem Zweiten Weltkrieg die Industrie hier einen gewissen Niedergang erfuhr, nicht mehr ganz so sehr wie damals.

Gerne schaut man in Nusle natürlich auch auf die Geschichte des Rathauses zurückt, die durchaus Highlights aufweist. So besuchte der erste Staatspräsident der Tschechoslowakei, Tomáš Garrigue Masaryk, den Ort mindestens dreimal, wodurch man sich hier in Nusle zurecht sehr geehrt fühlte. Anscheinend fand der durchaus kunstsinnige Präsident das Gebäude recht ansehnlich. Und im Mai 1945 standen während des Prager Aufstandes (siehe auch hier und hier) große Barrikaden vor dem Rathaus, während ringsum heftige und siegreiche Kämpfe mit Nazibesetzern ausgefochten wurden. Im Mai 2010 gab es sogar ein historisches Re-Enactment, organisiert von stolzen und geschichtsbewussten Pragern, bei dem die Barrikaden wieder erstanden. Der Platz neben dem Rathaus ist seit 1997 nach dem Oberkommandierenden des Aufstandes, General Karel Kutlvašr, benannt, dessen Büste auch am Rathaus angebracht ist. (DD)

Muntere Minnesänger

Der Stadtteil Nusle war bis um 1900 ein kleines Dorf außerhalb Prags, das sich plötzlich zu einem Industriezentrum mauserte und ein deshalb ein enormes Bevölkerungswachstum durchmachte. Das macht sich auch im Stadtbild bemerkbar, in dem der damals moderne Architekturstil dominiert. Für Liebhaber des Jugendstils ist Nusle (seit 1922 Teil von Prag) deshalb ein echter Geheimtipp.

In diesem Zusammenhang gilt das vierstöckige Mietshaus in der Nuselská 1422/59 im Stadtteil Nusle als eine „der skurrilsten Prager Jugendstilvariationen“ (Zitat hier). Es stimmt traurig, dass gerade dieses herausragende Haus sich seit Jahren in einem stark renovierungsbedürftigen Zustand befindet. Erbaut wurde es in den Jahres 1913/14 von dem Architekten und Baumeister Ludvik Melzer, über den ansonsten recht wenig bekannt ist.

Interessant und witzig ist jedoch die Fassadengestaltung im späten Jugendstil. Die ist wiederum wahrscheinlich das Werk des Architekten Miroslav Buriánek, der hier eines seiner Meisterwerke schuf.

Geometrische Muster und auch naturalistsche Reliefs prägen dabei das Bild der Fassade ebenso wie die symmetrische Anordnung der beiden mehrstöckigen Erker und vor allem die recht schwungvoll und dynamisch übereinander gestuften Balkone.

Höhepunkt und der eigentliche Witz ist jedoch das Eingangsportal. Es zeigt auf sich nach oben erweiternden Pilastern je links und rechts zwei in Stuck gestaltete Skulpturen von mittelalterlichen Minnesängern. Sie zupfen beiden recht lustig an den Saiten ihrer Lauten. Die Freude beim Anschauen wird leider dadurch etwas getrübt, dass dem rechten Minnesänger schon seit Jahren die rechte Hand und der obere Teil des Griffbretts fehlen. Sind sie dereinst Opfer von barbarischem Vandalismus geworden?

Es wäre wünschenswert, wenn eine Restauration schon bald durchgeführt würde – auch wenn sie teuer wäre. Denn zusammen mit der originalen, durch zwei rautenförmige Glasfenster ausgeschmückten Holztüre und dem darüber befindlichen geometrisch strukturierten Fenster unter dem Türsturz bildet das Ensemble mit den beiden Minnesänger schon einen bemerkenswerten Anblick. Es nimmt schon ein wenig der Formensprache des Kubismus, der um diese Zeit dem Jugendstil den Rang als architektonischen „Modetrend“ abzulaufen begann, vorweg. Aber vielleicht wird ja die Zeit die Wunden heilen, so bleibt jedenfalls zu hoffen. (DD)

Vernachlässigtes jüdisches Erbe

Das Erbe der jüdischen Kultur wird in Prag außerordentlich sorgfältig gepflegt. Aber die schrecklichen Zeitläufe des 20. Jahrhunderts ließen Vieles unwiederbringlich verloren gehen oder als Schatten seiner selbst weiterbestehen. Nicht nur die Nazis während der Besetzung, sondern später auch die Kommunisten trugen zu einem tragischen und nicht wieder gutzumachenden Kulturverlust bei. Im Stadtteil Libeň (Prag 8) lässt sich dies in trauriger Weise veranschaulichen.

Direkt bei der Metrostation Palmovka findet man in einer etwas verwahrlosten Stelle Prags die Synagoge in Libeň (Libeňská synagoga). Der schlichte, aber eigentlich recht eindringliche Bau im Stil der Neorenaissance wurde 1858 eingeweiht (der Bau hatte schon 1846 mit einer Grundsteinlegung in Anwesenheit von Erzherzog Stephan begonnen, sich aber verzögert). Er löste eine eine ältere Synagoge von 1592 ab, die näher an der Moldau lag und daher von Überschwemmungen heimgesucht wurde. Libeň war in dieser Zeit nach dem ungleich bekannten Judenviertel Josefov in der Altstadt das zweitgrößte jüdische Zentrum im heutigen Prag (zu dem der Ort erst 1901 eingemeindet wurde).

Der rechteckige Bau wurde von der Gemeinde als Synagoge bis zur Besetzung durch die Nazis genutzt, die die meisten Gemeindemitglieder verschleppten und umbrachten. Nach dem Krieg benutzten die Kommunisten den Bau als Lagerhalle. Die Synagoge verfiel. Nach dem Ende des Kommunismus wurde sie der verbliebenen jüdischen Gemeinde rückerstattet und renoviert. Sie wird aber seither nur gelegentlich für Kulturveranstaltungen und kleine Ausstellungen verwendet. Aber meist bietet sich ein tristes Bild. Ab und zu liegen Obdachlose im Eingang. Der Boden ist mit Abfall übersät. Einige Fenster sind zerbrochen und die Fenstergitter verrostet. Wenig vom alten bürgerlichen Glanz hat die Zeit überlebt.

Nur wenige Schritte entfernt: Der Alte jüdische Friedhof in Prag-Libeň (Starý židovský hřbitov v Praze-Libni) – oder was davon übrig blieb. Der wurde Ende des 16. Jahrhunderts angelegt und später noch ein wenig erweitert. Schon 1875 ging ein Stück verloren als auf einem Teil des Geländes ein Bahnhof gebaut wurde. 1892 wurden die Beerdigungen eingestellt und der Neue Jüdischer Friedhof Prag-Libeň (Nový židovský hřbitov v Praze-Libni) weiter oberhalb an der Davídkova angelegt. 1928 fiel ein weiteres Stück – inklusive der Beerdigungshalle – dem Bau der Libeň -Brücke, die hier beginnt, um Opfer. Die Nazis überlebte er so einigermaßen, nicht weil die moralische Skrupel hatten, sondern weil sie den zynischen Plan verfolgten, in Prag ein Museum einer untergegangenen Rasse aufbauen zu wollten.

Das vollständige Zerstörungswerk blieb daher den Kommunisten vorbehalten. Das örtliche Nationalkomittee (wie Stadträte damals genannt wurden) von Libeň und das Prager Bauamt ordneten 1964/65 die komplette Zerstörung des Friedhofs an. Alte Grabsteine wurden zerstört und tief vergraben. Da war nichts mehr zu retten. Deshalb sieht man hier heute nur noch eine unansehnliche Grünfläche mit einem Stück der alten Friedhofsmauer, die an einen nunmehr bewaldeten Abhang grenzt, auf dem sich einst auch Gräber befanden.

Die Stadtteilregierung versuchte das Beste daraus zu machen. Sie stellte eine Informationstafel auf, die die tragische Geschichte des Friedhofs (in Tschechisch und Englisch) schildert.

Am Schluss enthält sie noch eine Warnung an Kohanim (eine bestimmte Art jüdischer Priester), dass sie den Grund hier meiden sollten. Das Betreten des entweihten Friedhofs widerspräche den für sie geltenden Reinheitsvorschriften, die es verbieten, dass sie Tote berühren oder sich ihnen auch nur nähern. Stünde das Schild nicht hier, würde sie nichts davor warnen, den Friedhof zu betreten, von dem tatsächlich keine Spur mehr sichtbar ist. (DD)

Ehemalige Schulkirche

Die katholische Pfarrgemeinde im Stadtteil Nusle (Prag 4) erlangte erst 1903 ihre Selbständigkeit. Ab 1702 hatte sie noch zum benachbarten Michle, ab 1863 zur Pfarrei Vršovice gehört. Um diese Zeit war das kleine Dorf aber schon dabei, eine recht industrialisierte Stadt (erst seit 1922 ist man Teil Prags) zu werden, verbunden mit enormem Bevölkerungswachstum. Eine eigene Gemeinde mit eigener Kirche musste her.

Dazu bediente man sich einer bestehenden Kirche, der Kirche des Heiligen Wenzel (Kostel svatého Václava). Die war 1901 als Gotteshaus eines Gymnasiums im neobraocken Stil erbaut worden und wurde 1903 dann der Gemeinde übertragen. Deren Gemeindekirche im Bezirk ist sie – neben der älteren Kirche St. Pankraz (Kostel svatého Pankráce) – immer noch.

Das Gebäude in der Vladimírova 333/2 (Prag 4) brannte 1962 bei einem Brand aus und wurde 1967/68 wieder renoviert. Das Innere mutet dadurch ein wenig spartanisch an. 1997 bekam der Kirchturm eine neue, 350 Kilogramm schwere Glocke, die von der deutschen Firma Rudolf Perner gegossen wurde. Die ursprüngliche Glocke war 1942 von den Nazis für ihre Kriegswirtschaft eingeschmolzen worden.

Da das alte Schulgebäude ja noch steht, sieht die Kirche ein wenig aus, als ob sie immer noch ein Teil davon wäre – was die Außenansicht übrigens eher reizvoller macht (großes Bild oben), da beides ja ursprünglich „in einem Guss“ entworfen worden war. Allerdings hat die Schule weiterhin formell nichts mit dem Kirchenbau zu tun. Heute residiert hier übrigens nicht mehr nur ein Gymnasium (Pražské humanitní gymnázium), sondern auch eine internationale Schule, die American Academy in Prague. (DD)

Slivovitz und Denkmalschutz

Die tschechische Küche ist bekanntlich recht schwer. Da braucht man nach dem Essen schon ab und an einen Magenaufräumer. Der echte Tscheche kennt da nur ein Rezept, den Slivovitz.

Das dem deutschen Pflaumenbrand oder Zwetschgenwasser ähnelnde hochprozentige (mindestens 37,5%) Getränk ist ein fester und unverzichtbarer Bestandteil der tschechischen Kultur. Ob weiß (flaschengelagert) oder gelb (faßgelagert), eines ist klar: Prag hat schon zu lange ohne ein Museum auskommen müssen, das dieses Nationalgetränk gebührend würdigt. Seit 2019 ist dieser Missstand gottlob beendigt.

In diesem Jahr eröffnete in der U Lužického semináře 116/48 auf der Kleinseite und so nahe an der Metrostation Malostranská gelegen, dass man es auch nach ein paar ordentlichen Kostproben auch wankend noch bis dahin schafft, das Muzeum Slivovice R. Jelínek. Auch wenn die Firma R. Jelínek, die das Museum betreibt, als größter Obstbrandhersteller nicht nur in Tschechien, sondern in der Welt, ein gewisses Verkaufsinteresse damit verbinden mag, bekommt man hier einen didaktisch hochwertigen, informativen und unterhaltsamen Ausstellungsbesuch mit modernster Museumstechnik geboten. Einfach großartig und empfehlenswert!

Vielleicht erst einmal zu Firma selbst, deren spannende Geschichte in der Ausstellung ausführlich dargestellt wird: Die hat ihren Ursprung und Hauptsitz im mährischen Vizovice, wo man die Kunst der Obstbranddestillation schon bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen kann. 1882 tritt hier erstmals die Familie Jelínek auf, zunächst als Pächter einer bestehenden Brennerei, dann ab 1891 als Besitzer einer eigenen Destillerie, deren Gründer Zikmund Jelínek wurde. Dessen Söhne Vladimír und Rudolf Jelínek übernahmen die Firma 1919, zerstritten sich aber bald, so dass sich 1926 die Wege trennten und Rudolf die Firma nach sich benannte.

Rudolf Jelínek hatte 1934 eine geniale Idee, die dazu beitrug, dass aus der mährischen Provinzfirma eine Weltmarke wurde. Ein Jahr zuvor endete in den Vereinigten Staaten die unselige Prohibition. Jelínek, der selbst jüdischer Herkunft war, erkannte, dass es gerade in den USA nun einen großen Markt für koscheren Slivovitz gab – ein Produkt, das er erstmals auf den Marktgebracht hatte. So begann der internationale Durchbruch. Zudem verbesserte er den Geschmack des an sich oft recht kratzigen Getränks so, dass es einen milderen und vielschichtigeren Abgenag bekam. Dazu beriet er sich mit dem französischen Cognac-Hersteller Denis-Mounié. Mit dem Qualitätswachstum kam auch das Umsatzwachstum.

Dann kam die Katastrophe. 1938 musste die Tschechoslowakei große Teile ihres Staatsgebietes an Hitler-Deutschland abtreten und 1939 marschierten deutsche Truppen im Land ein. Die Firma wurde „arisiert“, d.h. gestohlen und einem naziloyalen Deutschen übertragen, und die gesamte Familie Jelínek wurde ins Konzentrationslager deportiert. Rudlof Jelínek, seine Frau (Bild links) und fast seine ganze Familie wurden ermordet. Zwei Söhne überlebten, von denen einer 1946 an den Folgen des ihm zugefügten Leids starb. Rudolfs zweiter Sohn Jiří übernahm jedoch die Firma und schien sie wieder auf Erfolgskurs zu bringen.

Doch 1948 folgte der zweite Akt im totalitären Trauerspiel: Die Kommunisten übernahmen die Macht. Den Jelíneks wurde die Firma abermals gestohlen. Der Name wurde behalten, aber die Firma war nun Teil eines Staatskonglomerats, was die Qualität senkte – außer für den Auslandsmarkt, denn der sozialistische Pleitestaat brauchte westliche Devisen, um überhaupt irgendwas recht und schlecht auf die Beine zu kriegen.

Die einzige bahnbrechende Neuerung der kommunistischen Zeit, die bleibenden Wert hatte, war die Gestaltung der Flasche als Markenzeichen, die 1950 erfolgte. Die nutzt man heute noch und ist so stolz darauf, dass im Museum sogar die Waschbecken in den Toiletten die charakteristisch unregelmäßige Form der Flasche haben. Womit wir beim Hier und Jetzt sind: Das Museum ist das Projekt einer wieder privat betriebenen Firma.

Mit der Samtenen Revolution von 1989 endete der kommunistische Schrecken und man entflocht erst einmal das große staatliche Brennereikonglomerat, so dass R. Jelínek erst einmal ein eigenständiger Staatsbetrieb wurde, der dann in einem zweiten Schritt privatisiert werden konnte, was 1994 dann auch geschah. 1998 erfolgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, die nach und nach immer mehr Gewinn abwarf. Es wurden Niederlassungen im Ausland gegründet und heute ist niemand so dick im Obstbrandgeschäft wie die Firma Jelínek. Und deshalb kann sie sich neben dem schon länger bestehenden Museum in Vizovice nun auf ein besonders modernes Museum in Prag leisten.

Das ist hyper-modern konzipiert. Man bekommt eine Audio- und Multimediatour ersten Ranges geboten, die keine Fragen offen lässt – sei es, was die Geschichte der Firma, der seit 2003 wieder entstehenden Obstplantagen, der vorschriftsgerechten Produktion des koscheren Slivovitz, des Destillationsvorgangs, der Fassherstellung, der Abfüllung und des Vertriebs angeht. Die wissenschaftliche Fundierung kommt auch nicht zu kurz. Das Highlight ist wohl die 5D-Kinovorführung mit Videobrille über den Lebensweg einer Plaume vom Baum bis zur Bar, in der sie als Slivovitz serviert wird. Spannend, spektakulär und lehrreich!

Aber zwischendurch gibt es natürlich auch handfeste originale Gegenstände aus der Jelínek-Sammlung, wie etwa die rechts abgebildete alte Abfüllstation. Das macht die Sache eben noch abwechslungsreicher. Auf jeden Falls geht man informierter aus der Ausstellung heraus. Aber natürlich nicht nur informierter, sondern (was vermutlich der Hintersinn der Betreiber ist) auch durstiger.

Und so kommt man zum Abschluss des Ganzen nicht nur einen einen bestens ausgestatteten Alkohol- und Souvernirladen, der nicht nur den Slivovitz der Firma anbietet, sondern auch die anderen von ihr hergestellten Obstbrände (ich mag besonders den Aprikosenbrand) und Spirituosen wie Gin und Whisky. Vor allem aber landet man in einem kleinen, aber feinen kleinen Restaurant. Im Preis inbegriffen ist der kleine Degustationsset, den man nun serviert bekommt, und den man im großen Bild oben sieht. Zu jedem der drei verschiedenen Obstbrände (darunter die goldene und die koschere Variante des Slivovitz) bekommt man noch ein kleine, raffiniert gemachtes Häppchen. Man kann darüberhinaus auch noch selbst auf eigene Kosten nachbestellen, um die Produktpalette einmal kennenzulernen. Man verlässt das Museum beschwipster, als man sich vorgenommen hatte. Aber es hat sich gelohnt.

Und wenn man vom Museum spricht, darf man über sein Gebäude nicht schweigen. Das ist nämlich auch von historischem Interesse. Es handelte sich ursprünglich um ein Renaissancehaus, das aber Anfang des 17. Jahrhunderts umfassend barockisiert wurde. Das dům U Bílé botky (Haus zu den Weißen Schuhen) genannte Gebäude wurde dabei für Studenten am nahegelegenen Lausitzer Seminar ( Lužický seminář) einegrichtet, die als katholische Priester ausgebildet werden sollten (wir berichteten hier).

Das zentral gelegene Haus wurde 1966 von der bekannten Schauspielerin Slávka Budínová, die u.a. an so berühmten Filmen wie Noc na Karlštejně (1973) mitwirkte, erworben. Sie starb kurz vor der Großen Moldauflut von 2002, die das Haus verwüstete. Danach kümmerte sich niemand mehr so recht darum und das Bild des Verfalls, das es bis vor kurzem noch bot, war herzzereißend. Man kann der Firma Jelínek nur dankbar sein, dass sie das Gebäude 2011 kaufte, um ein Museum daraus zu machen, sodass es nach aufwendigen Renovierungsmaßnahmen nunmehr in neuem Glanz erstrahlt. So können wir hier heute nicht nur ein unterhaltsames Museum besuchen, sondern uns auch daran erfreuen, dass ein Baudenkmal vor dem Niedergang gerettet wurde. Ein schöner Beitrag zum Denkmalschutz! (DD)

Kubismus mit Kelch

Die Tschechen sind ein ausgesprochen säkulares Volk. Vielleicht war es die Zwangskatholisierung nach der Schlacht  am Weißen Berg, die 1620 gleichermaßen die Glaubensfreiheit und die politische Selbstbestimmung Böhmens beendete, ein Grund dafür. Als 1918 die Erste Tschechoslowakische Republik gegründet wurde, spielte die Katholische Kirche jedenfalls kaum eine identitätsstiftende Rolle für den neuen Staat. In diese Rolle drängte es nun die 1919/20 gegründete Tschechoslowakische Kirche (Církev československá), die sich ab 1971 Tschechoslowakische Hussitische Kirche (Církev československá husitská), die sich als eine Art Nationalkirche der Republik definierte.

Den damit verbundenen fortschrittlichen Anspruch dieser reformistischen Abspaltung von der Katholischen Kirche (1947 wurde z.B. die Frauenordination eingeführt) versuchte man auch optisch in der Architektur neuer Gotteshäuser umzusetzen. Die erlaubten sich keine historisierenden Rückgriffe, sondern befanden sich stilistisch voll auf der Höhe der modernen Welt, wie wir u.a. schon hier und hier gezeigt haben. Insbesondere Kubismus und Funktionalismus waren angesagt. So auch hier bei dem Hussitischen Gemeindehaus (Husův sbor) in der Táborská 317/65 im Stadtteil Nusle.

Erbaut wurde das Gemeindehaus – gemäß ihrer reformistischem Selbstverständnis gibt es bei der Hussitischen Kirche kaum eigentliche Kirchen, sondern nur umfassende Gemeindehäuser, die als Gotteshaus und sozialkulturelle Einrichtung dienen – im Jahre 1925 von dem Architekten Václav Řezníček.

Die plakative Fassadengestaltung ist schon fast ein Musterbeispiel für kubistische Architektur, die in den 1920er Jahren in Prag en vogue war. Das gilt nicht zuletzt auch für den besonders riesigen Kelch, der hier in Stuck dargestellt. Der geht auf die hussitische Praxis des Laienkelchs beim Abendmahl zurück, die einer der theologischen Hauptstreitpunkte mit der Katholischen Kirche in der Zeit der Hussitenkriege im 15. Jahrhundert war und später zum Symbol für ein modern-demokratisches Glaubensverständnis wurde. Zwei Kelche und das Portrait von Jan Hus kann man übrigens auch als Bleiglasfenster des Gemeindesaals im ersten Stock bewundern. (DD)

Spital ohne Salieri

Ein düsterer Gang. Schritte ertönen. Irgendwo hinter einer dieser Zellentüren sitzt er. Manchmal grimmig grinsend und vom Wahn umfechelt, erzählt er seinen Besuchern, wie er dereinst den verhassten Erzrivalen Wolfgang Amadeus Mozart umbrachte, der doch so viel mehr Talent hatte als er selbst.

Nein, Antonio Salieri hat Mozart nicht umgebracht. Und er endete auch nicht wahnsinnig in Prag, sondern geistig gesund in Wien. Aber hier in einem der düsteren Zellentrakte fristete Salieri in dem berühmten und phantasievollen Film Amadeus (1984) des tschechisch-amerikanischen Regisseurs Miloš Forman sein schauriges Lebensende.

Wäre Salieri aber in Prag gestorben, dann hätte es durchaus dieser Ort sein können, denn es handelt sich hier tatsächlich um ein altes Spital, das zu seinen Zeiten auch als ebensolches in Betrieb war. Drehort für die Szenen war nämlich die alte Invalidenanstalt (Invalidovna) im Stadtteil Karlín (Prag 8). Bei der Invalidovna handelt es sich um eines der imposantesten und größten Barockgebäude in ganz Prag – möglicherweise sogar das größte in Tschechien. Erbaut wurde es in den Jahren 1731 bis 1737 von dem Architekten Kilian Ignaz Dientzenhofer, der wohl bedeutendste Barockbaumeister seiner Zeit in Prag (frühere Beiträge u.a. hier und hier).

Finanziert wurde die Anstalt (mit einiger Verspätung) aus dem Erbe von Peter Strozzi, Graf zu Schrattenthal, einem kaiserlichen Feldmarschall des Dreissigjährigen Krieges, der sein späteres Leben größtenteils der Wohltätigkeit widmete und die Verwendung seines Erbes für invalide Veteranen verfügte. 1728 ordnete Kaiser Karl VI. an, dass das Geld der Veteranenstiftung, die der schon 1694 verstorbene Strozzi gestiftet hatte, in Prag angelegt werden solle. Als Vorbild schwebte ihm dabei das bereits seit 1676 bestehende Hôtel des Invalides in Paris vor. Vor dem Gebäude ehrt ein Denkmal mit seiner Büste, geschaffen 1898 im Stil des Neobarock von dem Bildhauer Mořic Černil, den edlen Spender.

Die von stilisierten dorischen Pilastern (die dorische Säulenordnung ist typisch für militärische Gebäude) strukturierte und zwei Risaliten unterbrochene Hauptfassade ist mit über 120 Metern Länge geradezu erschlagend. Nun ja, immerhin war das Gebäude anfänglich für 4000 meist kriegsversehrte Veteranen (teilweise mit Familien) vorgesehen, was aber nicht realisiert werden konnte. Die Fläche hätte das neunfache des heutigen Areals betragen – wahrhaft gigantisch! Der Komplex, so wie er dann gebaut wurde, fasste immerhin 1000 Veteranen. Und auch das setzte ein Gebäude von enorm riesigen Ausmaßen voraus. Offiziere und Familien bekamen eigene kleine Wohnungen zugeteilt, alleinstehende arme Veteranen wurden in Schlafsälen untergebracht.

Über den Risaliten befinden sich Skulpturen des Barockbildhauers Matthias Bernard Braun. Sie zeigen klassische Kriegstrophäen, die den militärischen Charakter des Gebäudes unterstreichen. Trotzdem gehörte das Gebäude übrigens nicht dem Militär selbst, sondern wurde auf Wunsch Strozzis vom Erzbistum Prag betrieben. 1814 wurde es dann einem eigens eingerichteten Indivalidenfonds übertragen.

Nach dem Ende des Habsburgerreichs wurde die Invalidovna dem Verteidigungsministerium der neuen Tschechoslowakischen Republik übertragen, das es zunächst weiter als Spital betrieb. 1920 erfolgte eine umfassende Modernisierung, die vor allem eine Elektrifizierung herbeiführte. 1935 wurde das Spital aufgelöst und das Militärhistorische Archiv zog hier. Dem wurde 2002 das Große Hochwasser zum Verhängnis, das im niedriggelegenen Karlín besonders heftig wütete. Die Archivalien wurden mehr oder minder völlig vernichtet und das Gebäude nahm schweren Schaden, der bis heute nicht völlig behoben ist.

Deshalb kann man das Gebäude an den meisten Tagen nur von außen besichtigen (was sich lohnt, zumal die Fassaden an jeder Seite unterschiedlich strukturiert sind – im Bild rechts sieht man die m.E. wesentlich mit ihren roten Halbsäulen wesentlich pittoresker als die Hauptfassade gestaltete östliche Seite. Es ist geplant, hier ein Kulturzentrum mit einem Museum des alten Habsburgischen Militärs in Böhmen einzurichten. Der tschechische Staat hat Geld für ein umfangreiches Sanierungsprogramm zur Verfügung gestellt.

Zwischen April und Oktober kann man an Freitagen und Wochenenden (oder zu speziellen Anlässen) das Innere gegen Eintrittsgeld während einer (tschechischen) Führung besichtigen. Durch einen mit phantasievollen Skulpturen versehenen Ganz kommt man in einen schönen, mit Bäumen bewachsenen Innenhof.

Drinnen kann man den Nachholbedarf an Renovierung beklagen, aber auch Erstaunliches besichtigen. Etwas spukig, aber dem Status als Hospital und Alterswohnsitz für Kriegsveteranen thematisch sehr angemessen, sind die barocken Statuen in den unteren Wandelgängen und Treppenhäusern. Sie stellen Soldaten in Ritterrüstungen dar, denen aber stets Gliedmaßen – meist ein oder zwei Arme – fehlen. Es ist eine Erinnerung daran, wie hart und gefahrenreich das Soldatenleben in der Habsburgerarmee war. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie es erst gewesen wäre, wenn Strozzi dieses Hospital nicht gespendet hätte und die verkrüppelten Veteranen auf der Straße ihr Leben durch Betteln hätten fristen müssen (was vorher wohl die Regel war)….

Und dann ist da noch die Kapelle zum Heiligen Kreuz (Kaple svatého Kříže), die im Erdgeschoss – ebenfalls von Dientzenhofer – erbaut wurde. Die Veteranen brauchten sicher geistlichen Beistand und hier wurde für ihn gesorgt. Das Innere der Kapelle, die ebenfalls stark renovierungsbedürftig ist, befindet sich aber nicht mehr im barocken Originalzustand. Mehrfach wurde sie inzwischen grundlegend umgestaltet.

Schon 1892 wurden sämtliche barocken Wandmalereien übertüncht. Neuere kunsthistorische Forschungen konnten ihre Existenz nachweisen. Einige Reste der nunmehr neuen Malerei im historistischen Stil kann man heute stattdessen vor allem an der Decke bewundern. Es handelt sich meist um recht zurückhaltende Ornamentik. Wirklich auffallend sind jedoch die Glasfenster, die noch 1935 – kurz vor der Schließung des Hospitals – eingefügt wurden. Es handelt sich um geradezu herrlich kitschige Engels- und Heiligenbilder. Sie waren vermutlich schon damals stilistisch irgendwie aus der Zeit gefallen, wirken aber letztlich schon recht charmant.

Ach ja, Amadeus mit dem verrückten Salieri war nicht der einzige berühmte Film, der hier gedreht wurde. Das Areal bietet einfach unzählige Möglichkeiten für Filmkunst und unzählige Filme wurden auch hier gemacht. 2004 filmte man u.a. hier zum Beispiel Szenen für den amerikanischen Grusel-Fantasy-Film Hellboy. Zwei Jahre zuvor lief das Remake von Doktor Schiwago (nicht der tolle Film mit Omar Sharif!), für den auch einige Szenen hier gedreht wurden. Und wer denkt, die deutsche Krankenhaus-Fernsehserie Charité (2017) wurde tatsächlich in der Charité gedreht, liegt falsch. Auch hier war der Drehort die Invalidovna. Von einem Filmdreh findet man sogar noch Spuren. Einige Szenen der US-Fernsehserie Genius (2017ff), die von Albert Einstein handeln, wurden hier gefilmt. In seinem Film-Apartment hier sieht man noch an die Wand gekritzelte und in Türglas gekratzte Formeln, mit denen sich das Genie hier befasste.

Dies und vieles mehr mach die Invalidovna zu einem spannenden Ausflugsziel – nicht nur für Mozart- und Salierifans! Jetzt muss nur mit dem Renovieren begonnen werden. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Man sieht aber immerhin, was für ein Potential dieses Gebäude für ein Museums- und Kulturzentrum hat. Aber man sieht auch, wieviel Geld und Mühe es kosten wird, bis es damit soweit ist. (DD)

Patriotischer Schulbau

Man möchte glatt noch einmal in Schule gehen, wenn man vor so einem Gebäude steht. Bei diesem Prachtbau handelt es sich um die Grundschule und den Kindergarten (Základní škola a mateřská škola) am Lyčkovo náměstí 460/6 (Lyčka Platz) im Stadtteil Karlín (Prag 8).

Die Bauarbeiten nach den Entwürfen des Architekten Josef Sakař, der ein Spezialist für den Bau von großen Bildungseinrichtungen war (u.a. die Akademie der Wissenschaften, 1912) begannen 1903 und wurden zwei Jahre später abgeschlossen. 1906 wurde die Schule vom damaligen Erzbischof von Prag, Lev Skrbenský z Hříště, einem tschechisch-patriotischen Tendenzen gegenüber offenen Reformkatholiken, feierlich als Kindergarten, Grund- und Mittelschule für Jungen und Mädchen (für beide gab es züchtig getrennte Eingänge) eröffnet.

Die schiere Größe des Schulgebäudes überwältigt den Betrachter. Vor allem aber sollte die Schule nach dem Willen der Gemeindeväter auch schon ästhetisch dem höheren und edlen Zweck der Vermittlung von Bildung entsprechen. Man sieht also ein wahres Kunstwerk im Stil der böhmischen Neorenaissance (mit einigen modernen Elementen des Jugendstils) wor sich. Auf der Vorderseite zum Platz hin zeigt sich das in sorgfältig elaborierten Stuckaturen und Skulpturen – beginnend beim Giebel mit dem großen Relief des Heiligen Wenzel des Jugendstilbildhauers Karel Novák (wurde bereits erwähnt hier und hier).

Und über dem Hauptportal des zweiflügligen Gebäudes sieht man in Stuck das Portait von Jan Amos Comenius, dem Theologen der Kirche der Böhmischen Brüder, der als der Begründer der modernen Pädagogik in Tschechien gilt und im 17. Jahrhundert wirkte. Comenius galt gerade den tschechischen Patrioten im 19. Jahrhundert als ein nationales Symbol. Die Stuckarbeit ist das Werk der Bildhauer Antonín Štrunc und Antonín Mára – beide, wie man an der Ornamentik, die das Portrait umgibt, sieht, dem Jugendstil verpflichtet.

Aber der wirkliche „Eye-catcher“ des Gebäudes sind die beiden riesigen (je 7 Quadratmeter!) Historiengemälde der Maler Jan Köhler and Karel Ludvík Klusáček angefertigt wurden. Das linke der beiden Gemälde zeigt wieder eine Szene, die an das tschechische Nationalgefühl appellierte. Im September 1424 einigten sich auf dem nahe der Schule gelgenen heutigen Spitalsgelände die gemäßigten Hussiten (Utraquisten) unter Bischof Jan Rokycana und der Radikalen unter dem Heerführer Jan Žižka von Trocnov, um ihre Zwistigkeiten beizulegen. Dies ermöglichte den Hussiten, die böhmische Freiheit vor den kaiserlichen und katholischen Invasioren unter Kaiser Sigismund effektiv zu verteidigen. Die sehr pastoral in Szene gesetzte Szene des Friedenschlusses zwischen den beiden Gruppen ließ damals sicher die Herzen tschechischer Nationalisten höher schlagen.

Da man es wohl trotzdem nicht ganz mit den herrschenden Habsburgern verderben wollte (nicht umsonst ist der immer flexible Soldat Švejk der literarische Nationalheld der Tschechen), zeigt das rechte Gemälde eine Szene, die den habsburgischen Österreichern in der Stadt wohl Tränen der Rührung in die Augen getrieben haben muss: Die Feierlichkeiten zur Krönung von Kaiser Ferdinand I. (auch der „Gütige“ genannt), der zugleich als Ferdinand V. auch böhmischer König war, die 1836 ebenfalls auf dem Spitalsplatz stattgefunden hatten.

Die Rückseite des Gebäudes ist übrigens viel schlichter gestaltet als die Front zum Platz. Die Architektur mit ihrem Renaissanceeinfluss kommt dadurch deutlicher zur Geltung. Beeindruckend ist sie auch hier immer noch.

Die Schule, die nach 1945 nur als Mittelschule und ab 1989 nur als Kindergarten und Grundschule fungierte, dominiert den Platz immer noch als patriotischer Prachtbau des frühen 20. Jahrhunderts und als ein sichtbarer Ausdruck des Wohlstands des damaligen Prager Bürgertums und seines Willens, die nationale Bildung für die Tschechen im Habsburgerreich dynamisch voranzutreiben. (DD)

Freiheit/Bier

Noch kurz bevor gestern in Tschechien der Corona-Notstand ausgerufen wurde, mussten wir dann doch ein wenig die Freiheit genießen, die uns danach genommen wurde. Besser als in einer Brauerei, die den Namen der Freiheit trägt, geht das wohl kaum.

Brauerei Libertas (Pivovar Libertas) heißt die in der Škvorecká 725 in Úvaly, einer schön im Grünen gelegenen Ortschaft östlich des Prager Zentrums. Und libertas ist ja bekanntlich das lateinische Wort für Freiheit. Um sich richtig den Durst anzutrinken, bietet die Umgebung viele schöne Ausflugs- und Wandermöglichkeiten. Selten sieht man auswärtige Touristen, aber dafür Unmengen tschechische Familienausflügler. Die Brauerei mit ihrer Gaststätte liegt etwas außerhalb des kleinen Ortskerns nahe eines Einkaufszentrums.

Das Gebäude sieht ultra-modern aus und ist es auch. Denn die Brauerei gibt es erst seit 2019. Sie hat sich allerdings schnell einen Namen gemacht. Kleinbrauereien liegen ja zur Zeit im Trend und mittlerweile ist Libertas-Bier auch in zahlreichen Restaurants und Kneipen in Prag und außerhalb erhältlich. Man kann daher die Hoffnung hegen, dass die Brauerei Libertas die Zeit des Corona-Autoritarismus irgendwie übersteht (Also: Hingehen und dort etwas trinken, solange es noch geht!!!) Am besten genießt man das natürlich an einem schönen Sonnentag im überdachten Biergarten der Brauereigaststätte selbst.

Obwohl, wie gesagt, ultra-modern eingerichtet, ist die Gaststätte der Brauerei sehr gemütlich und einladend, aber eben nicht im Sinne alt-böhmischer Gemütlichkeit. Modern mit Geschmack eben. Die Ästhetik bezieht das „Fabrikhafte“ einer Bier-Produktionsstätte clever mit ein.

Aber man geht ja hauptsächlich wegen des Bieres und nicht wegen der Architektur zu einer Kleinbrauerei. Gründer Jaroslav Weis, der die tragende Firma schon 2016 als kleine Aktiengesellschaft ins Leben rief, heuerte für die Herstellung des Bieres den Braumeister Robert Franěk an, der sich schon zuvor bei der Brauerei Kamence einen Namen gemacht hatte. Der ist experimenterfreudig. Neben Klassikern wie dem traditionellen Hellen bietet er ach die gerade unter jüngeren Menschen beliebten Pale Ales an. Insgesamt gab es acht verschiedene Biere als wir die Brauerei besuchten, darunter das rechts abgebildete Himbeerbier.

Einen besoneren Schwerpunkt legt Franěk anscheinend aber auf eher deutsche Biertypen. Weizenbier ist etwas, das erst seit kurzem in Tschechien Einzug gehalten hat. Meist stimmt dann die Qualität nicht so ganz. Aber das Hefeweizen von Libertas (großes Bild oben, neben einem 12%-stammwürzigen Hellen stehend) muss den Vergleich mit keiner bayerischen Spitzenmarke scheuen! Auch eine Berliner Weiße wurde angeboten, die gut, aber eher wie ein klassisches Sauerbier (tsch.: Kyselka) schmeckte, und daher auch ohne den typischen Berliner Sirupzusatz serviert wurde. Gut schmeckte es allerdings!

Dazu gibt es deftige Küche in altböhmischer, aber auch etwas originellerer Variante. Hier eine Bratwurst vom Hirsch! Kriegt man nicht alle Tage! An warmen Tagen, an denen der Biergarten geöffnet ist, wird das Ganze von einer eigenen Grillstube draußen serviert. So kann man den Abschied von der Freiheit bei einem Libertas wenigstens einigermaßen glücklich überstehen! (DD)