Ort zum Heiraten

Der Altan: Hier zu sitzen und über seinen großen Weinberg zu schauen… Das war wohl der Traum, den sich Moritz Gröbe gönnen wollte und auch gönnen konnte. Der große Eisenbahnunternehmer hatte sich an diesem Ort in den Jahren 1871 bis 1888 eine riesige Gartenanlage mit pittoresker Grotte (wir berichteten hier) und einer riesigen Villa (auch hier) bauen lassen.

Und in dem Garten, dem Grébovka Park (auch Havlíček-Garten oder Havlíčkovy sady), legte er einen Weinberg an, denn wir befinden uns ja im Prager Stadtteil Vinohrady, wo früher die königlichen Weinberge gediehen. Und in dem Weinberg baute er sich wiederum den hier vorgestellten Weinberg-Altan (Viniční altán). Für die Planung des ganzen Komplexes – vom Park über die Villa zum Altan – hatte Gröbe zwei der bedeutendsten Architekten des Neo-Renaissancestils (der damals dernier cri war) angeheuert, nämlich Anton Viktor Barvitius (wir erwähnten ihn bereits u.a. hier und hier) und Josef Schulz (der u.a. das Nationalmuseum entworfen hatte). Dadurch sollte alles aus „einem Guss“ erscheinen. Das ist auch der Fall, wenngleich sich der Altan schon von den den etwas pompösen Repräsentativbauten der Grotte und der Villa unterscheidet. Hier sollte wohl eher eine pastorale Idylle entstehen.

Der Altan wirkt dagegen rustikaler, vielleicht weil er für Gröbe und seine Familie, die ihn ja privat nutzte, ein wenig die innerliche Flucht aus dem schweren Industriellenalltag ermöglichen sollte. Und tatsächlich vermittelt die größtenteils (mit Ausnahme des Fundaments) aus dunklem Holz bestehende Konstruktion so etwas wie ein Gefühl von Gemütlichkeit und Ruhe. Hier verweilt man gerne an einem schönen Sommertag!

Als Gröbe 1891 starb, hatte er seiner Witwe ein Erbe hinterlassen, das extrem viel Unterhaltskosten verschlang. 1896 versuchte sie noch, durch die Öffnung des Parks für ein allgemeines Publikum gegen ein Eintrittsgeld die Lage zu retten – aber vergebens. 1905 verkaufte sie das gesamte Anwesen mit allem Drum und Dran an die Stadt Vinohrady (die erst ab 1922 zu Prag gehörte). Der Park wurde nun öffentlich, aber die ganze Anlage machte auch schwere Zeiten durch. Insbesondere unter der kommunistischen Herrschaft verfiel der Park etwas. Die Tatsache, dass er aus Holz gebaut war, machte den Altan besonders vulnerabel. Immerhin gab es für die Gesamtanlage ab 1958 des Status als geschütztes Denkmal und von 1973 bis 1975 wurde eine große Renovierungsaktion durchgeführt.

Nach dem Ende des Kommunismus 1989 änderte sich zunächst wenig, aber dann – in den Jahren 2002 bis 2004 – schritt man zur Tat und verband die gründliche Restauration mit einer neuen Zweckbestimmung. Der Altan war ja dereinst quasi zum privaten Amusement gebaut worden. Das konnte wohl größere Ausmaße annehmen, den der obere Teil der zweistöckigen Konstruktion war eine überdachte Tanzfläche (Bild rechts) mit Platz für eine Musikkapelle. Aber als normales öffentliches Restaurant und Weinkeller war es nicht konzipiert. Und genau das wurde es jetzt.

Am Ende wurde der untere Steinsockel modernisiert und ein Weinkeller (parallel zum Zugangsweg in der Mauer) in den Hügel getrieben. Gäste können nun bei miesem Wetter drinnen sitzen. 2020 wurde – weil das Holz doch ständig erneuert werden muss – noch einmal gründlich renoviert und seit diesem Jahr läuft der gepachtete Gastbetrieb unter dem Namen Altán Grébovka. Hier kann man zum Wein kleine Gerichte zu sich nehmen, wobei man wissen sollte, dass die reichhaltige Weinkarte viele wirklich gute tschechische und etliche internationale Weine führt, aber nicht Wein aus dem Weinberg, auf dem der Altan steht, selbst. Um den zu trinken, muss man (nur Freitags ab 14 Uhr) in den Grébovka Weinkeller (vinny sklep grébovka) am anderen Ende des Weinbergs gehen, über den wir schon des öfteren berichtet haben (z.B, hier und hier).

Es gibt im Altan auch Sonderangebote für das Feiern von Hochzeiten, denn der Altan wird auch für standesamtliche Heiraten verwendet. Und zwar wohl oft und gerne. An einem sonnigen Tag oben auf der ehemaligen Tanzfläche mit Blick auf den Weinberg vermählt zu werden – das stellt man sich ja schon theoretisch recht schön vor. Realiter ist es aber noch doller. Wir durften hier die wunderschöne Hochzeit unserer Tschechischlehrerin Eliška ihren bis dato Verlobten Robert miterleben. Das und dann an diesem Ort: Da wurde das Herz schon gewärmt vor Freude! Also: Nicht nur, wer einfach mal einen netten Schoppen in schöner Umgebung genießen will, sollte sich den Altan nicht entgehen lassen, sondern auch der, der weitreichendere Pläne hat – denn der Altan ist einer der schönsten Orte zum Heiraten in Prag! (DD)

Das Kloster, das nicht fertig wurde

Es sieht aus wie ein großes Landgasthaus am Straßenrande. Und tatsächlich wird das Gebäude in der Karlovarská 1/4 in Řepy im Nordwesten Prags meist als Große Gaststätte beim Weißen Berge mit der Kapelle des Heiligen Martin (Velká hospoda na Bílé Hoře s kaplí sv. Martina) bezeichnet. Aber ursprünglich war der arg heruntergekommene Bau einmal zu Höherem bestimmt.

Bei der Grundsteinlegung im Jahr 1628 war sogar Kaiser Ferdinand II. in Begleitung des Prager Erzbischofs und Kardinals Ernst Adalbert von Harrach mit dabei. Und die Leitung des Servitenordens. Denn hier wurde das Prager Kloster des Servitenordens (klášter servitů s kaplí sv. Martina) ins Leben gerufen. Direkt in der Nachbarschaft wurde fast gleichzeitig mit dem Ausbau der Kirche Maria vom Siege (Kostel Panny Marie Vítězné), über das wir hier berichteten, zu einem Kloster begonnen. Der Grund: Man befand sich nahe beim Schlachtfeld der Schlacht zum Weißen Berg von 1620. Die wurde von den siegreichen Habsburgern als ein Sieg des Katholizismus über die Protestanten gewertet und entsprechend mit triumphalistisch prunkvollen Barocksakralbauten gefeiert.

Weder das Marien-, noch das Servitenkloster haben es trotz des imperialen Aufwandes, der da betrieben wurde, je zur Betriebsaufnahme geschafft. 1631, als die Bauarbeiten noch im gange waren, besetzten die protestantischen Sachsen im Zuges des Dreissigjährigen Kriegs Prag. Die Lage außerhalb der Stadtmauern und in einem auch noch wasserarmen Areal schien plötzlich ungeeignet zu sein. Die Serviten verkaufte Teile des Klosterlandes und zog kurzerhand in ein neues Kloster in der Nähe der Kirche des Heiligen Erzengels Michael (Kostel svatého Michaela archanděla) in der Altstadt von Prag.

Das, was vom Klostergebäude fertiggestellt worden war, wurde dem Verfall anheimgegeben. 1673 erlaubte der Erzbischof, dass die Gebäude an Maximilian Valentin, Graf von Martinitz, den Oberstburggrafen der Prager Burg, verkauft werden durfte. Der Graf baute hier nun ein Kranken- und Armenhaus, das 1689 fertiggestellt war. Zu dem Komplex gehörte nun auch eine große Kapelle, die dem Heiligen Martin gewidmet war. Auch sonst wurde das Gebäude im barocken Stil neu gestaltet, wie zum Beispiel der Eingang im Bild oberhalb rechts belegt.

Ja, und eine große Gaststätte für vorbeiwandernde Pilger wurde auch eingerichtet. Im 18. Jahrhundert wurden – vor allem nach Bränden in den Jahren 1740 und 1757 – immer wieder Renovierungen und Ausbaumaßnahmen getroffen. Desgleichen passierte nach einem größeren Feuer 1842. Dann, im Jahre 1862 wurde der Krankenhausbetrieb eingestellt. Jetzt bleib ein landwirtschaftlicher Betrieb, der mit einem gastwirtschaftlichen verbunden war. Die Kapelle, die inzwischen deskiert worden war, wurde in ein Wohngebäude. Es wurden Stockwerke eingezogen. Die großen Fenster wurde verkleiner. Das ist vor allem bei den heutigen Fenstern nicht unbedingt schön anzusehen.

Da sie an einer Hauptverkehrsader gelegen ist, war die Gaststätte lange durchaus lukrativ. Heute ist alles geschlossen und sieht armselig und verfallen aus. 1948 hatten die frisch an die Macht gekommenen Kommunisten das ganze enteignet. Im Gebäude wurde das Welthauptquartier der Internationalen Organisation der Journalisten (IOJ)untergebracht, ein ursprünglich Gewerkschaften nahestehende, aber bald völlig kommunistisch gesteuerter Verband. Die nicht-kommunistischen westlichen Untereinheiten bildeten 1952 ihre eigene Internationale Journalisten-Föderation (IJF), aber die IOJ blieb in Prag und operierte von hier aus weiter. Außerdem gab es eines der wenigen argentinischen Steakhäuser, die man im Kommunismus finden konnte. Das machte den Ort bei den kulinarisch unter roter Herrschaft nicht gerade verwöhnten Prager populär.

1989 endete der Kommunismus und wurde an vier Miteigentümer restitutiert. Die konnten sich auf keine Nutzung einigen. Schon seit langem wird der Ort, der hohen denkmalspflegerischen Wert hat, dem Verfall überlassen. Wie es drinnen aussieht kann man nur erahnen. Immerhin kann man durch einen Spalt am Hoftor Teile des im 19. Jahrhundert im klassizistischen Stil gebauten Kutschenunterstand sehen, der recht beeindruckend aussieht. Umso mehr verspürt man den Wunsch, dass das Gebäude bald irgendeinem Nutzen zugeführt und grundlegend saniert wird. Es hätte Besseres verdient als das, was ihm gerade wiederfährt. (DD)

Kinderhaus – dem Namen nach

Es war ursprünglich nicht als Spielzeugladen konzipiert und inzwischen ist auch keiner mehr drinnen. Trotzdem hat sich der Name Dětský dům (Kinderhaus) irgendwie gehalten. Daran, dass es sich um eines der bedeutenden Bauwerke des Funktionalismus aus der Zeit der Ersten Republik handelt, ändert das aber sowieso nichts.

Nahe des Wenzelsplatzes in der schicken Einkaufstraße Na Příkopě 583/15 steht das in den Jahren 1925 bis 1929 von dem renommierten Architekten Ludvík Kysela erbaute fünfstöckige Haus – eines von mehreren Projekten, die der Architekt in der näheren Umgebung realisierte (wie z.B. das Baťa-Haus am Wenzelsplatz). Besonders dem Erdgeschoss und dem ersten Stock sieht man an, wie sehr Kysela damals modernen amerikanischen Beispielen nacheiferte, die man zuvor nur von New York kannte.

Ursprünglich hieß das Gebäude Palác vzájemné pojišťovny Praha (Palast des Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit). So eine Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit ( vzájemná pojišťovna) ist eine Art genossenschaftliches Unternehmen, bei dem die investierenden Inhaber zugleich Versicherungsnehmer sind. Neben dem Versicherungsverein, der dem Haus bzw. Palast, wie man ihn „bescheiden“ nannte, den Namen gab, residierten hier noch einige andere Geschäfte und ein Café. Es gliederte sich dadurch ums besser in die umgebende Einkaufsmeile ein.

Die modernen Schiebefenster, die abgerundeten Scheiben an den Ecken und Eingängen (eine technische Neuerung!) und die metallisch gleißenden Geländer und Verkleidungen strahlten ein in Prag zuvor so kaum je gesehene Modernität aus. 1950 zog der Versicherungsverein aus und ein großes Kinderspielwarenhaus ein. Damit änderte sich der Namen in „Kinderhaus“.

Gleichzeitig gab es vor allem im Inneren etliche Umbauten zur Anpassung an den neuen Zweck, die stilistisch passend und einfühlsam durch den Architekten František Cubr ausgeführt wurden, der später durch das von ihm entworfene Tschechoslowakische Pavillon bei der Weltausstellung (Expo) in Brüssel 1958 Berühmtheit erlangen sollte. Das Kaufhaus wurde im Mai 1950 eröffnet.

Nach dem Ende des Kommunismus im Jahr 1989 geriet das Geschäft in eine wirtschaftliche Schieflage. Nach 2000 stand das Haus sogar eine Weile leer. Seit einiger Zeit ist es in Besitz eines Schweizer Immobilieninvestors, der es anscheinendend recht gut in Schuss hält. Im Erdgschoss befinden sich einige Modegeschäfte, in den Stockwerken darüber zahlreiche Kanzleien und Büros. Und kein Spielwarengeschäft für Kinder… Aber den Namen hat man dennoch nicht wieder geändert, weil er sich inzwischen einfach zu sehr eingebürgert hat. (DD)

Kleiner Toleranzfriedhof

Der Toleranzfriedhof (Toleranční hřbitov) in der Huberova im Stadtteil Ruzyně (Prag 6) ist eine Rarität. Es gab in Prag überhaupt nur zwei davon und der zweite, der 1795 im Ortsteil Strašnice angelegte Toleranzfriedhof, existiert schon lange nicht mehr. Aber was ist ein Toleranzfriedhof überhaupt?

Um das zu verstehen, muss man zurück in das Jahr 1620. In diesem Jahr fand bei Prag die Schlacht am weißen Berg statt, der den (österreichischen) Habsburgern die Herrschaft sicherte und de facto die Unabhängigkeit und Freiheit der Böhmen beseitigte. Im religiös bis dato recht toleranten und weitgehend protestantischen Böhmen setzte nun eine rigorose Katholisierungspolitik ein. Die Protestanten wurden systematisch unterdrückt. Es gab für sie keine Gottesdienste, Kirchen oder Friedhöfe mehr.

Dann kam das Jahr 1781. Kaiser Joseph II. dekretierte in diesem Jahr sein Toleranzpatent. Für die Protestanten bedeutete das ein wenig mehr an Freiheit. Sie durften wieder Gottesdienste abhalten. Auch durften sie Kirchen haben, die aber nicht so aussehen sollten. Toleranzkirchen (über ein Beispiel in Prag berichteten wir hier) hatten etwa keine Glockentürme und mussten wie normale Wohnhäuser aussehen, damit sich die Katholiken nicht vom Anblick provoziert fühlten. Die Toleranz hatte also noch enge Grenzen. Nun, und die Protestanten durften von nun an auch eigene Friedhöfe haben – und die nannte man Toleranzfriedhöfe.

Der hier in Ruzyně wurde zwischen 1784 und 1788 angelegt. So genau weiß man es gar nicht. Aber es war auf jeden Fall bald nach der Verkündung des Toleranzpatents. Dass der Friedhof damals etwas außerhalb der Stadt (deren Randgebiete ihn inzwischen Dank des Bevölkerungswachstums seither eingeholt haben) angelegt wurde, hat nichts mit seinem Status als letzte Ruhestätte von Angehörigen einer eher als randständig gesehenen Religionsgemeinschaft zu tun. Unter Joseph II. wurden generell aus Gründen der Krankheitsverhütung die kleinen Kirchhöfe in der Innenstadt aufgelöst und durch größere Friedhöfe weiter außerhalb ersetzt.

Ein großer Friedhof war der Toleranzfriedhof jedoch nicht. Nur 16,5 mal 10,5 Meter maß das Grundstück ursprünglich. Das ist winzig, aber es reichte aber für lange Zeit aus, da der Friedhof nur die Angehörigen der protestantischen Minderheit in einigen sehr, sehr kleinen Gemeinden abdeckte, nämlich Střešovice, Ruzyně, Lysolaje, Veleslavín, Šárka, Podbaba, Sedlec, Podhoří und Stodůlky – auch sie lagen damals noch außerhalb von Prag. Ursprünglich war der Friedhof damit sogar noch kleiner als er es heute ist. 1860 erfolgte eine kleine Erweiterung, bei der die kleine Mauer, die ihn heute umgibt, neu gebaut wurde.

Während der Revolution von 1848 in Prag rückte der Toleranzfriedhof noch einmal in den Mittelpunkt der Geschichte. Hier versammelten Angehörige der revolutionären Studentenbewegung, um einer Brandrede ihres radikalen Anführers, dem Schriftsteller Josef Václav Frič, zuzuhören. Der Friedhof liegt ganz in der Nähe des Schlachtfelds der Schlacht am Weißen Berg, wo die Habsburger sich gegen die aufständischen Böhmen durchsetzten und danach die Unabhängigkeit und die Glaubenfreiheit des Landes beseitigten. Die Studenten forderten hier an dem symbolträchtigen Toleranzfriedhof, dass die Gefallenen der Schlacht hier ein nachträgliches Heldenbegräbnis bekommen sollten. Daraus wurde nichts, weil die Revolution schon sehr bald niedergeschlagen wurde.

Als Kaiser Franz Josef im Jahr 1867 die völlige Religionsfreiheit verkündete, gab es keine formale Begründung mehr für einen gesonderten Toleranzfriedhof. Multikonfessionelle öffentliche Friedhöfe (Beispiel hier) begannen auch in Prag das Bild der Begräbniskultur zu bestimmen. Trotzdem fanden immer noch ab und zu Beerdigungen auf dem alten Toleranzfriedhof statt. Die letzte erfolgte 1945, als hier Václav Kubát zu Grabe getragen wurde, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg einem Mord zum Opfer gefallen war. Sein Grab sieht man im kleinen Bild rechts.

Der Friedhof liegt in einem kleinen Waldstückchen an einem Hang. Etliche der Grabsteine sind im Laufe der Zeit verschwunden, aber man kann die Grabfelder noch gut erkennen. Seit 1958 ist er geschütztes Kulturdenkmal und seit 1963 sogar ein Nationales Kulturdenkmal. Und man findet noch viele schöne alte und neuere Grabsteine. Viele sind mit dem Symbol des Kelches geschmückt, das in Tschechien seit der Zeit der Hussiten für ein reformatorisches Verständnis von Christentum steht. Der Friedhof gehört übrigens zu den kleinsten in ganz Prag. (DD)

Auf den Spuren Jaroslav Hašeks VI: Großes Kino bei den Vierzehn Nothelfern

Das Hausschild über der Tür nennt die Vierzehn Heiligen Nothelfer als Namensgeber des Gebäudes. Und eine kleine Bronzetafel mit einer Himmelsallegorie erklärt, wer diese Heiligen sind. Man könnte meinen, dieses Haus sei eine Stätte des Glaubens. In Wirklichkeit war es eine Kneipe mit einem kleinen Kino. Hier kehrte kein Geringerer als Jaroslav Hašek, der Autor des „Braven Soldaten Schwejk“ (Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války) ein und trieb allerlei Schabernack.

Das schmucke vierstöckige Jugendstilhaus in der Ječná 547/15 (Neustadt) wurde im Jahre 1908 nach Plänen des Architekten Jan Voráček erbaut. Vorher befand sich hier neben etlichen Mietwohnungen ein Gasthaus mit dem Namen Zu den Vierzehn Nothelfern (U čtrnácti pomocníků), das ab 1900 auch als Kantine für die nahe Technische Universität Prag (wir berichteten hier) fungierte. Das Gebäude wurde aber 1907 abgerissen. Voráčeks neues Haus beherbergte wieder eine Gaststätte, die – wie man sieht – den Namen der Vierzehn Heiligen beibehielt. Es gab eine überdachte Veranda und eine Kegelbahn.

1916 wurde das Haus, auf dessen Fassade man bezeichnenderweise keine sonstige religiöse Symbolik findet, sondern eher eine historisierende Ornamentik, im Erdgeschoss noch einmal durch den Architekten und Bauunternehmer Matěj Blecha ausgebaut. Dabei wurde auch ein Kino eingerichtet. Das Kino wurde wohl gerne von Jaroslav Hašek frequentiert, wenn man den Schilderungen Josef Ladas glauben darf. Der Zeichner, Schriftsteller (dem wir den berühmten Kater Mikesch/Kocour Mikeš verdanken) und Illustrator des „Schwejk“ war ein guter Freund Hašeks und die beiden immer in Geldnot befindlichen Künstler teilten sich eine zeitlang sogar dieselbe Wohnung.

„Zu den Vierzehn Nothelfern“, schrieb Lada (Quelle hier, S. 312) später über die gemeinsamen Kinobesuche, „zog uns… das interessante Publikum. Dort wurden zwar nur lauter alte Filme gezeigt, manchmal so abgespielt, dass man kaum erkennen konnte, worum es ging, doch das Publikum war zufrieden und reagierte äußerst lebhaft auf die jeweils vorgeführte Handlung. Bei einer Szene, in der ein grimmiger Bandit ein Kind ins Feuer werfen wollte, sprang ein in den vorderen Reihen sitzender Junge auf, drohte dem Räuber mit geballter Faust und rief hysterisch: ‚Wohin willst du es werfen, du Galgenstrick!‘ Ein andermal wieder, als ein Zug anscheinend unmittelbar ins Publikum raste, zogen die Kinobesucher in den vorderen Reihen die Köpfe ein und krochen fast unter die Sitze, und einige Frauen schrien erschrocken auf. Damals erläuterten die Erklärer noch die einzelnen Phasen der Handlung, und das Publikum hatte das Recht, nach Einzelheiten zu fragen. Das nutzte Hašek weidlich aus und hatte dann die Lacher auf seiner Seite.“

Offenbar war der Schriftsteller oft eine größere Attraktion als es die Filme waren. Das Kino gibt es leider hier nicht mehr. Zusammen mit der Gaststätte (die heute durch eine kleine Imbissbude ersetzt ist) verschwand es mit einer der Renovierungen des Wohnhauses 1937 oder 1948. Was bleibt, ist eine schöne historisierende Jugendstilfassade (die nach dem Ende des Kommunismus 1989 noch einmal aufgefrischt wurde)) zu einem großen Mietshaus, in dessen Erdgeschoss sich heute auch noch ein kleiner Laden befindet.

An Ladas und Hašek gemeinsame Kinobesuche, ja auch an das Kino selbst erinnert hier rein gar nichts mehr.

Ach ja, vielleicht am Schluss doch noch ein paar aufklärende Worte zu den Vierzehn Heiligen Nothelfern – auch wenn sie hier eigentlich nur für den Namen einer Kneipe standen. Die sind für Katholiken eine Art Sammelpackung von Heiligen, die man in cumulo anrufen kann, wenn man irgendein größeres Problem hat, für das man himmlischen Beistand braucht. Zusammen decken sie tatsächlich einen Großteil der möglichen Varianten von Missgeschicksverhütung ab. Es sind dies die Heiligen Achatius (gegen Todesangst und Zweifel), Ägidius (Beichte), Barbara (Sterben), Blasius (Halsleiden), Christophorus (überraschender Tod), Cyriacus (Glaubenszweifel in der Todesstunde) Dionysius (Kopfschmerzen), Erasmus (Leibschmerzen), Eustachius (schwierige Lebenslagen), Georg (gegen Seuchen bei Haustieren), Katharina (logopädische Probleme), Margareta (Gebärende), Pantaleon, (für Ärzte), Veit (Epilepsie).

Mehr zu Hašek: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

Und auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks II: Im U Kalicha

Ebenso: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Und natürlich: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks IV: Geburtsort in der Gendarmeriewache

Nicht zu vergessen: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks V: Švejk mit Hundeköttel

Löwen als Glücksbringer

Die beiden, auf einem bewachsenen grauen Felsen ruhenden Löwen geben dem Haus seinen Namen: Dům U dvou červených lvů (Haus zu den Zwei Roten Löwen) , zu finden in der Melantrichova 962/1 (Ecke Rytířská) in der Altstadt.

Die steinernen roten Löwen sind so symmetrisch im Winkel an der Hausecke über dem ersten Stock angebracht, dass man je nach Blickwinkel annehmen könnte, es sei nur einer da.

Das Haus selbst wurde in einem streng klassizistischen Stil von dem Architekten und Baumeister Martin Hausknecht, der in Prag etliche Wohnhäuser in diesem Stil der Biedermeierzeit entworfen hatte (ein Beispiel hier) im Jahr 1835 gebaut. Zuvor standen an dieser Stelle drei wesentlich kleinere mittelalterliche (gotische) Häuser, die bei späteren Renovierungen barockisiert wurden.

1923 wurde noch ein zusätzliches Stockwerk nach den Plänen des Architekten Jan Vodňaruk aufgesetzt, dessen Gauben sich geschickt an den klassizistischen Stil des Gebäudes anpassen. 1955 wurden bei größeren Umbauten die eingemauerten Löwen entdeckt, die aus der Zeit vor 1835 stammten. Sie wurden sorgfältig restauriert und an der Stelle angebracht, wo man sie heute bewundern kann.

Solche skulpturalen Fassadenelemente dienten insbesondere in der Zeit des Barock als Hauszeichen. Die sollten oft auf das Gewerbe aufmerksam machen, das im Haus betrieben wurde (Beispiel hier). Manchmal folgten sie aber auch Empfehlungen von Astrologen. Vorausgesetzt, dass hier dereinst kein Löwenbändiger wohnte und wirkte, liegt man wohl mit der Annahme richtig, dass die Löwen das gleichnamige Sternzeichen symbolisieren könnten. Irgendwie sollte das wohl Glück für das Haus und die Bewohner bringen. (DD)

Der Büropalast von Škoda

Škoda ist wahrscheinlich der weltweit bekannteste Industriekonzern Tschechiens und vor allem als Automobilhersteller bekannt. Dabei ist die Produktpalette viel breiter. Tatsächlich begann die von Emil von Škoda 1859 geründete Firma als Maschinenbauer. Autos kamen erst ins Spiel als Škoda 1925 die 1895 gegründete Firma Laurin & Klement aufkaufte, die schon 1905 erstmals ein Auto auf den Markt gebracht hatte, aber nun wirtschaftlich schwächelte.

Überhaupt waren die 1920er Jahre eine solche Blütezeit, dass sich der in Plzeň residierende Maschinenkonzern mit seiner Autofabrik in Mladá Boleslav ein großes Firmengebäude in der Hauptstadt Prag leisten konnte, das nicht ohne Grund Palast der Škoda-Werke (palác Škodových závodů) genannt wurde. Jedenfalls ist das Gebäude in der Charvátova 35/4 (Ecke Jungmannova) in der Neustadt geradezu protzig groß geraten. Er wurde auf rund 5000 Quadratmeter Grundfläche gebaut und bietet mit seinen 7 Stockwerken (mit zweistöckiger Mansarde für die Vorstandsetagen) rund 28.000 Quadratmeter Nutzfläche. Es gibt sieben Treppenhäuser und 14 Aufzüge.

Erbaut wurde der Palast (ein Bürokomplex mit Verkaufsräumen) in den Jahren 1925/26 von dem berühmten kubistischen Architekten Pavel Janák (siehe frühere Beiträge hier und hier), der es 1937 im gleichen Stil noch einmal erweiterte. Es handelt sich um ein typisches Werk des Spätkubismus, der den modernistischen Anspruch des Kubismus, durch reine geometrische Formen alle klassisch-traditionellen Ansätze in der Architektur aufzulösen, etwas relativiert. Die Fassaden sind durch Pilaster in einem klassizistischen „Rhythmus“ strukturiert, die vage an dorische Säulen erinnern (ohne ebensolche zu sein). Dieser klassizistische Rückgriff kontrastiert wiederum mit den modernen halbrunden Fensterstrukturen an der Westseite und natürlich mit der Stahlbetonkonstruktion des gesamten Gebäudes.

Janák ging hier also nicht ganz so weit wie in seinem direkt benachbarten Adria Palast (früherer Beitrag hier), der eine ganze eigene und nur in Tschechien existierende Sonderform des Kubismus repräsentiert, den Rondokubismus (ein anderes Beispiel hier), der mit kubistischen Elementen auf eine völlige Nachempfindung traditioneller Stile (im Falle des Adria Palasts die Architektur venezianischer Renaisancepaläste) abzielte. Der Škoda-Palast ist aber noch viel klarer als rein kubistisches Werk erkennbar.

Das Erdgeschoss, wo sich früher auf der Seite der Jungmannova die Schauräume für die Automobile befanden, kontrastiert mit seiner rötlichen Steinverkleidung der grauen Verputzung der restlichen Fassade. Erst dadurch gewinnt das im Kern auch ganz bewusst ein wenig an die Industriearchitektur der Zeit angelehnte Gebäude seine ästhetische Dramatik. Dieser Effekt wird durch die wuchtigen Eingänge mit ihren Portalen (von denen wiederum das an der Jungmannova das imposanteste ist) noch einmal verstärkt. Man sieht es im Bild oberhalb rechts).

Dieser Eindruck verstärkt sich noch einmal, wenn man durch das Portal geht. Hier wird der kubistische Geometrismus noch einmal in Reinkultur sichtbar. Allerdings bemerkt man bei der Aufschrift über dem Portal, dass man heute nicht mehr eine Zentrale der Firma Škoda betritt. Zwischen 1994 und 2004 residierte hier der Energiekonzern ČEZ (České energetické závody/Tschechische Energetische Werke). Seither hat die Eignergesellschaft die Stadtverwaltung der Stadt Prag eingemietet, die hier u.a. ihre Abteilungen für Kultur, Umwelt und Verkehr betreibt. Überhaupt ist das Gebäude immer noch vorzüglich für große administrative Einheiten nutzbar.

Auch die Nebeneingänge (Beispiel Bild rechts) spiegeln – in kleinerem Umfang – dieses kubistische Grundidee wieder.

Sollte die Stadt ein Interesse daran haben, dieses beeindruckende Gebäude noch schöner in seinem alten Glanze zu präsentieren, könnte sie bei der Dekoration oben auf dem Dach über dem Mittelrisaliten anfangen. Dort gab es anfänglich eine große Skulptur des kubistischen Bildhauers Otto Gutfreund mit zwei Statuen, die das Logo von Škoda (ein Pfeil mit Adlerflügel) umrahmten. Sie wurde leider bei Renovierungsarbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg aus Versehen verschrottet. Die Pläne des Künstlers existieren noch, so dass eine Wiederherstellung jederzeit möglich wäre. (DD)

Architektenpantheon

Hier feiert die Architektur sich selbst! Man könnte Stunden vor dem Gebäude verbringen, um die Geschichte der Baukunst in Böhmen zu studieren.

Wir stehen vor dem Bondy Haus (Bondyho dům)  Na poříčí  1059/43, Ecke Těšnov, in der Neustadt. Und hier findet man fast alle der großen Baumeister, die in Böhmen bis zur Zeit des Barock gewirkt haben. Allerdings nur in Stuck. Das vierstöckige Wohnhaus selbst wurde in den Jahren 1891/92 an Stelle eines früheren einstöckigen Gebäudes innerhalb eines Jahres gebaut, was im Kontext der Zeit eine erstaunliche Leistung war. Entworfen und gebaut wurde es von dem Architekten und Bauherrn František Kindl. Daher wird das Haus manchmal auch Kindlův dům genannt.

Eigentlicher Namensgeber und Bauherr des Bondyho dům war Gottlieb Lazar Bondy (für Tschechen auch: Bohumil Bondy). Der war ein jüdischer Geschäftsmann, der sich vor allem durch sein soziales und politisches Engagement einen guten Namen verschafft hatte. Er wirkte unter anderem in der Tschechisch-Jüdischen Bewegung (českožidovského hnutí) mit, die die liberalen Bestrebungen tschechischer Nationalreformer im Habsburgerreich untersützte. Ab 1883 war er sogar direkt gewähltes Mitglied im Böhmischen Landtag. Nebenbei bereicherte er noch die Geschichtsforschung mit seinem bahnbrechenden Quellenwerk K historii Židů v Čechách, na Moravě a ve Slezsku, 906-1620 (Zur Geschichte der Juden in Böhmen, Mähren und Schlesien), das 1906 erschien.

An sich handelt es sich bei seinem Haus bautechnisch um eine damals nicht unübliche moderne Konstruktion aus Stahl, aber mit einer historisierenden Fassade, die das ein wenig verschleiert. Aber die skulpturale Ausstattung ist dennoch bemerkenswert. Bondy hatte dafür den berühmten Bildhauer Bohuslav Schnirch (wir berichteten über ihn u.a. hier, hier hier und hier) gewonnen. Der war ein Spezialist für Neorenaissance, weshalb man viele der üblichen klassisch-antik anmutenden Motive wiederfindet (Bild oberhalb links).

Um die Besonderheit der skulpturalen Ausstattung zu erkennen, die das Gebäude von der üblichen historistischen Mietshaus-Architektur des späten 19. Jahrhunderts abhebt, muss man den Blick nach oben schweifen lassen. Es beginnt bei dem charakteristischen Eckturm, der von drei Statuen gerahmt ist. Es handelt sich um Allegorien, die sich bereits um die Architektur drehen: Architektur, Baumeisterei und Ingenieurskunst.

Darunter, d.h. zwischen den Fenstern des obersten Stockwerks, befindet sich ein wahres Pantheon der böhmischen Architektur. Jeweils von einer Muschel gerahmt, befinden sich hier Büsten großer böhmischer Architekten bzw. von Architekten, die in Prag wirkten. Geordnet sind sie in chronologischer Reihe mit ihren Lebensdaten vom Mittelalter bis zum Barock im 18. Jahrhundert.

Die große Blüte der Gotik im Mittelalter ist präsentiert durch Abt Božetěch (Baumeister der romanischen Teile der Prager Burg), Matthias von Arras, Peter Parler (der Erbauer des Veitsdoms), Johann Parler (Bild links) , Peter von Prachatitz, Matěj Rejsek (siehe auch hier), Benedikt Ried.

Aus der Zeit der böhmischen Renaissance finden wir hier Meister Staněk (Bild rechts), der Erbauer der Dekanatskirche im nahen Tábor, und den im Tessin geborenen Architekten Paolo della Stella. Letzterer erlangte durch die Gestaltung der Königsgärten bei der Burg und das architektonisch originelle Jagdschloss Stern unsterbliche Berühmtheit in Prag.

Und dann sind da noch Baumeister der Barockzeit. Carlo Lurago, Giovanni de Capauli, Christoph Dientzenhofer, Johann Bernhard Fischer von Erlach, Marco Antonio Canevale und Kilian Ignaz Dientzenhofer (Bild links), der u.a. in Prag die Johann-Nepomuk-Kirche auf dem Felsen (wir berichteten hier) erbaut hat. Insbesondere wegen der Tschechisierung der Orthographie bei den deutschen Namen (etwa Fišer statt Fischer bei Fischer von Erlach) muss man manchmal raten, wer hier wer ist. Aber das macht das Gebäude noch mehr zu dem Kultur- und Bildungsspaß, das es so schon ist. (DD)

Schöne Brücke zum einsamen Bahnhof

Wie wunderschön doch der Flusslauf der Moldau schon ein wenig außerhalb Prags ist – ganz gleich, ob der Weg flussaufwärts oder flussabwärts führt! Und dazu gehören auch die Brücken, die in immer größeren Abständen den Fluß queren, je weiter man sich aus Prag entfernt.

Sie ist weder groß, noch kann sie auf eine lange Geschichte zurückblicken, aber sie macht sich wirklich hübsch in der Landschaft: Die Fußgängerbrücke in Řež (Lávka v Řeži). Flussaufwärts in Richtung Prag sind es rund 10 Kilometer, flussabwärts bis Kralupy rund 9 Kilometer Uferweg bis zur nächsten (dann auch mit dem Auto befahrbaren) Brücke. Die Brücke eignet sich ergo als Ausgangs- oder Endpunkt schöner Spaziergänge oder Wanderungen durch das malerische und felsige Flusstal. Besonders die rechte Uferseite (Osten) eignet sich dafür vortrefflich. Aber nicht nur Wanderer und Ausflügler nutzen sie.

Für die Bewohner der kleinen, vier Kilometer südlich der Prager Stadtgrenze gelegene Ortschaft Řež (ein Teil der Gemeinde Husinec), die durch ihren Forschungsreaktor bekannt ist, den man von der Brücke aus auch sehen kann, erfüllt die Brücke einen durchaus elementaren und wichtigen Zweck. Die Eisenbahnlinie, die eine günstige Verbindung mit Prag bietet, befindet sich nämlich auf der anderen Uferseite der Moldau. Morgens und abends sieht man hier auch viele Berufspendler, die entweder von Řež nach Prag zur Arbeit oder von Prag nach Řež zum Reaktor fahren.

Der Bahnhof bzw. die Haltestelle von Řež liegt einsam und von keinem anderen Gebäude umgeben am gegenüberliegenden Ende der Brücke – angeschmiegt an die hohen Felswände des westlichen Uferareals. Man kann die Felsen auf dem großen Bild oben bewundern. Auf dem Bild links sieht man einen gerade einfahrenden Zug. Unter der Fußgängerbrücke verläuft übrigens noch eine kleine Gasleitung. Die heutige Stahlbrücke wurde erst im Jahr 2014 errichtet, allerdings auf Steinpfeilern einer älteren Brücke, die bei einem Hochwasser beschädigt worden war (über die konnte ich nichts herausfinden).

Bei der Fußgängerbrücke, die genau auf Flusskilometer 32,1 der Moldau liegt, handelt es sich um eine Stahlgitterkonstruktion. Sie ist rund 152 Meter lang und die Breite des Fußwegs beträgt 2,50 Meter. Die Maximalhöhe der Brücke ist genau 12,89 Meter. Damit ist sie ebenerdig zum Bahnhof gegenüber. Und da der Fluss hier allenfalls für Kanus und Paddelboote schiffbar ist, reicht die Höhe auch. Ansonsten wäre sie für große Schiffe ein Problem.

Mit ihrer feinen Gitterstruktur und ihrem teilweise grünen Anstrich fügt sie sich sehr harmonisch in die Umgebung ein. Und dann kann man natürlich auch die Aussicht von der Brücke selbst genießen, deren Fußweg mit auch bei Nässe rutschfest geriffeltem Tropenholz ausgelegt ist. Von dort aus erfreut man sich an dem ruhigen Lauf der Moldau durch die wildromantische Landschaft, die gerade hier besonders idyllisch ist. (DD)

Kein 50-Pfennig-Stück, aber viel Funktionalismus

Die Dame, die da im Felde die Ähren absichelt, erinnert ein wenig an die 50-Pfennig-Münze aus der Zeit der guten alten D-Mark. Damit hat sie aber nichts zu tun. Wir sind hier nämlich im Prager Stadtteil Karlín in der Sokolovská 371/1 und nicht bei der Münze der Deutschen Bundesbank in Weiden.

Das Relief befindet sich neben dem Eingang eines Gebäudes, das ästhetisch in grobem Kontrast zu der biederen Konventionalität der Darstellung steht. Bei dem Gebäude handelt es um den palác Atlas (Atlas Palast), der in den Jahren 1939 bis 1942 von den Architekten František Stalmach und Jan Hanuš Svoboda. Die Ausführung fiel in die Zeit der Nazibesetzung und lange hätten die beiden nicht mehr Gebäude in einem derartig avantgardistisch funktionalistischen Stil bauen können. Als sich nach der Vertreibung der Nazis die Lage nicht verbesserte, weil die Kommunisten 1948 die nächste Runde Totalitarismus (mit der damit verbundenen Kulturöde) eröffneten, verließen übrigens beide Architekten das Land. Svoboda ging 1948 in die USA, wo er 1978 starb, Stalmach nach Kanada, wo 1985 sein Leben endete.

Das Relief der Landarbeiterin, zu dem sich auf der anderen Seite der Tür ein behelmter Industriearbeiter hinzugesellt, könnte auf dem ersten Blick unpassend wirken und eher in die Zeiten des Kommunismus gehören. Aber das künstlerische Lob des Wertes der Arbeit war auch während der Ersten Republik (1918-38) en vogue – allerdings im Kontext demokratisch-republikanischer Werte und bezeichnenderweise oft im Verbund mit funktionalistischer Architektur, die unter Hitler und dem Stalinismus verpönt war. Ein Beispiel stellten wir hier vor.

Diese beiden Reliefs mit Arbeiter ind Landarbeiterin waren das Werk von Václav Markup, einem Schüler der beiden großen Meisterbildhauer Josef Mařatka und Bohumil Kafka, dem wir u.a. das große Reiterdenkmal auf dem Vítkovberg verdanken. Es ging hier auch nicht um Klassenkampf, sondern um die Tugend des Arbeitsfleißes. Denn das Gebäude wurde für die Česká spořitelna (Tschechische Sparkasse) als Filiale gebaut, was sie übrigens immer noch ist. Im Erdgeschoss befand und befindet sich noch immer ein großes Kino.

Die Sparkasse renovierte das oft „Dampfer“ genannte Gebäude in den 1990er Jahren grundlegend. Elegant geschwungene Glaselemente wurden dabei begradigt und viel Blechverkleidung angebracht. Das ganze habe „Eleganz der Fassade sicherlich nicht begünstigt“, meinte der Architekturkritiker Zdeněk Lukeš später. Der Eingang selbst (mit dem böhmischen Löwen darüber) wirkt noch einigermaßen authentisch und kontrastiert daher auch weniger scharf mit den Reliefs., als es nun der Rest des etwas unsensibel renovierten Gebäudes tut, das eigentlich zu den Meisterwerken des tschechischen Spätfunktionalismus gehört. (DD)