Böse Botschaft

Hinter hohen Mauern und Gittern kann das Böse ungestört seine Ränke schmieden. Hier in dieser abgeschieden wirkenden Villa fasste vor genau 100 Jahren, am 9. Dezember 1922, das Evil Empire, die Sowjetunion, erstmals ein wenig Fuß in Prag.

Die Beziehungen der Ersten Tschechoslowakischen Republik zum Roten Reich waren zu Beginn definitiv eher unfreundlich. Noch bis September 1920 hatten die Tschechoslowakischen Legionen des Ersten Weltkriegs (über die berichteten wir bereits u.a. hier, hier, hier, hier und hier) sich mit der Roten Armee in Sibirien Gefechte geliefert. An reguläre diplomatische Beziehungen mit einem Staat, der alle demokratischen Grundsätze verachtete, war nicht zu denken. Und man wollte auch keine Alleingänge gegenüber den westlichen Alliierten. Sowohl Frankreich als auch Großbritannien sollten die UdSSR erst 1924 anerkennen, die USA sogar erst 1933. Aber die Realität forderte doch kleinere Konzessionen. Also ließ man im gegenseitigen Einvernehmen offizielle Handelsvertretungen zu. Der tschechoslowakische Verteter in Moskau, Josef Girsa, trat sein Amt im Januar 1923 an. Sein sowjetischer Amtskollege Pavel Mostovenko hatte sich eben schon am 9. Dezember 1922 in Prag niedergelassen.

Der brauchte natürlich eine akzeptable und repräsentative Unterkunft. Und die fand man in der Vila Tereza (Villa Therese) in der Italská 438/36 im Stadtteil Žižkov, ganz nahe an der Grenze zu Vinohrady direkt neben dem dortigen schönen Rieger Park. Das schöne einstöckige Ziegel- und Stuckgebäude im Neorenaissancestil wurde im Jahre 1873 für den Bauingenieur Jan Holejšovský durch den Bauunternehmer Josef Vevera erbaut. Holejšovský verkaufte es schon ein Jahr später 1874. Es folgten etliche weitere Besitzerwechsel. 1885 kaufte es der Schweizer Ingenieur Daniel Märky ​​​​und benannte es nach seiner Frau Therese. 1897 richte die Schweiz ein Konsulat in Prag ein und Märky wurde der Konsul. Das blieb er zu seinem Tod im Jahr 1903. Sein Nachfolger Emanuel Hess verkaufte das Gebäude schon 1904 und zog nach Vinohrady. Es folgten wieder Besitzerwechsel und 1922 war das bereits für diplomatische Aufgaben bewährte Haus frei für die Sowjetunion.

Während die tschechoslowakische Seite eine recht stabile Personalpolitik betrieb (Girsa blieb immerhin bis 1931 in Moskau), wechselten die sowjetischen Handelsvertreter in schneller Folge. Die interessanteste von ihnen war zweifellos der vierte Vertreter, nämlich Wladimir Alexandrowitsch Antonow-Owsejenko, der immerhin von 1924 bis 1928 hier residierte. Unter ihm wurde die Handelsvertretung zur Anlaufstelle der 1921 gegründeten Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei und – da ihm die Romantik eines echten Revoluzzers um Lenin anhaftete – zum Treffpunkt für linke Intellektuelle, wie etwa die Schriftsteller Vladislav Vančura (wir berichteten hier) und Julius Fučík (erwähnt hier) oder der Musikhistoriker Zdeněk Nejedlý, der später als Kulturminister brutal im Sinne stalinistischer Ideologie wirken sollte. Man betrieb also Subversionsarbeit und Perspektivagententum. Manch böser Plan wurde da wohl im Dienste der proletarischen Weltrevolution geschmiedet. Dabei half ihm, dass die Akkreditierung der jeweiligen Handelsvertretungen, deren Aufgaben so weit fassten, dass sie de facto (nicht aber de jure) schon fast so etwas wie richtige Botschaften waren.

Antonow-Owsejenko war anscheinend eine charismatische und intellektuelle Erscheinung. Das war definitiv mehr als der bald an die Macht in Moskau gekommene Josef Stalin vertragen konnte. Nach einer längeren diplomatischen Karriere (etwa in Spanien) kehrte Antonow-Owsejenko 1937 in die UdSSR zurück, nur um dort im nächsten Jahr im Zuge der Großen Säuberung hingerichtet zu werden. Zu den weiteren Handelsvertretern gehörte Sergej Aleksandrowski, der 1933 sein Amt antrat, aber das Glück hatte, dass 1934 (recht spät also) die beiden Länder volle diplomatischen Beziehungen aufnahmen, womit er dann tatsächlich der erste Botschafter der UdSSR in der Tschechoslowakei wurde. Die Vila Tereza war nun bis 1939, als die Nazis einmarschierten und alle Diplomatie ein Ende hatte, eine echte und vollwertige Botschaft.

Erst 1945 zog man in das unendlich größere und geradezu palastartige Gebäude im Stadtteil Bubeneč ein, das heute noch die Botschaft Russlands (der Nachfolgerstaat der Sowjetunion) beherbergt. Die neue Riesen-Botschaft passte auch besser zu dem imperialen Status, den die Sowjetunion (vor allem nach der kommunistischen Machtergreifung 1948) gegenüber der unterjochten Tschechoslowakei innehatte, als die vergleichsweise doch irgendwie recht beschauliche Vila Tereza neben dem Rieger Park. Die wiederum zog sich in eine bescheidene Privatexistenz zurück.

Nach der Privatisierung des seit 1975 unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes, die nach dem Ende des Kommunismus (1989) erfolgte, dient es heute als kleines Bürohaus, unter anderem für eine Firma für Computersicherheit. Die Mauern um das Gebäude versinnbildlichen schon fast diesen neuen Zweck. Der böse Geist der Sowjetunion scheint aber gottlob endgültig vertrieben. Der findet sich nur noch auf der mit Hammer und Sichel geschmückten Bronzeplakette neben dem Eingang, die noch in den Zeiten kommunistischer Herrschaft angebracht wurde, und in Tschechisch und Russisch dem Ereignis gedenkt, dass hier dereinst die erste sowjetische Vertretung eröffnet wurde. (DD)

Der Ritter und die Ritterin (mit Hinweisschild)

Der Ritter und die Ritterin – man denkt sofort an Georg Kreislers Opernboogie. Auf jeden Fall wirkt das Paar beeindruckend, das sich hier in Stuck über dem Eingang des Gebäudes in der Petra Slezáka 531/14 im Stadtteil Karlín (Prag 8) befindet.

Die Fassade des dreistöckigen Miets- und Wohnhauses ist an für sich recht schlicht gehalten. Nur das Erdgeschoss wurde künstlerisch gestaltet. Aber deshalb der üppig dekorierte Eingang besonders auffällt. Das Gebäude wurde, wie man der Inschrift über der Türe entnehmen kann, im Jahre 1911 eingeweiht. Die Pläne hatte schon im Jahr zuvor der Architekt und Bauunternehmer Josef Houštecký entworfen. Über den lässt sich wenig herausfinden, außer dass er im Statdteil Karlín damals etliche Bauaufträge an Land gezogen hatte. Karlín – zu dieser Zeit noch kein Teil Prags (die Eingemeindung erfolgte erst 1922) – war damals eine aufstrebende Industriestadt und Anfang des Jahrhunderts herrschte ein gigantischer Bauboom.

Die Stuckarbeit wurde wahrscheinlichvon der Firma des Bildhauers und Stuckateur Otakar Rákosník (über ihn berichteten wir hier) designt und ausgeführt. Die Mietshäuser, die während des damaligen Booms in Massen erbaut wurden, waren moderne Gebäude mit moderner Stahlgerüstbauweise. Trotzdem legte man damals Wert darauf, dass Fassaden – mal im Jugendstil, mal historisierend – künstlerisch gestaltet wurden. Rákosník hatte diese Kombination zwischen industrialisertem Design und Kunstanspruch in großem Umfang und landesweit realisieren können. Rákosník hatte Kommerz und Kunst am Ende sehr erfolgreich mit einander verbunden und damit das Stadtbild Karlín entscheidend bereichert.

Und im Fall des Hauses in der Petra Slezáka hat man ein Beispiel dafür. Die Fassade kombiniert den damals modernen Jugendstill mit Elementen der Neorenaissance. Und die Dame im vornehmen Renaissance-Kleid und der stolze Ritter in der Prachtrüstung des gleichen Stils sind echte kleine Kunstwerke, die den Betrachter verblüffen. Um so mehr ist es unverzeihbar, was in recht modernen Zeiten mit der „Ritterin“ gemacht wurde. Mitten in das Reliefbild (oberhalb rechts) hat man ein blaues metallenes Hinweisschild zu Straßeneinbauten angeschraubt, das amtlich ausweist, wo hier Hydrant und Wasserleitungen liegen. Das ist schon ein Akt der Barbarei, der hoffentlich irgendwann rückgängig gemacht wird. (DD)

Nikolaus‘ unheimliche Begleiter

6. Dezember: Heute ist der Tag des Heiligen Nikolaus von Myra (Svatý Mikuláš z Myry). Die Kinder freuen sich schon auf ihn. Obwohl… Hmmm, nun ja, vielerorts kommt er in Begleitung. Und die ist nicht immer ganz so nett zu den Kindern. Gerade in Tschechien hat der Nikolaus anscheinend ein besonders großes und oft recht merkwürdiges Gefolge. Das stellen wir hier vor.

Begleiter kennt der Nikolaus auch anderswo. In Deutschland etwa Knecht Ruprecht, wobei der anscheinend wegen seiner unartige Kinder bestrafenden Funktion bei politisch korrekten Sauertöpfen in der Kritik steht. Oder man kennt den niederländisch-flämischen Zwarte Piet (Schwarzer Peter), der gar völlig unter Beschuss steht und vor seiner Abschaffung steht. Aber in Tschechien ist das Mindeste, das man bei Auftritten finden kann, das Trio Mikuláš, Čert und Anděl – Nikolaus, Teufel und Engel (man sieht sie rechts in Lebkuchenform). Die hatten wir schon hier vorgestellt. Die Begleiter wirken dabei arbeitsteilig mit den jeweiligen Zuständigkeiten des Belohnens (Engel) und Bestrafens (Teufel) von Kindern, je nachdem, wie sie sich im Jahr verhalten hatten.

Aber es gibt auch Alternativen zu Engel und Teufel. Die sind manchmal regionsbezogen aktiv und manche haben sich mehr durchgesetzt als andere. Vier von Ihnen sieht man auf dem großen Bild oben: Brůna, Peruchta, Ambrož und Krampus. So wurden sie letztes Jahr vor Weihnachten im Karlsbrückenmuseum (unser Bericht hier) in einer winterlichen Sonderausstellung vorgestellt. Wobei auch hier der Nikolaus als Dreh- und Angelpunkt nicht fehlen darf. Er wird hier in seiner klassischen Form dargestellt – nicht mit rotem Wams und roter Kapuze, denn das ist das neumodische Kostüm des Weihnachtsmannes, der eine Kunstkreation des 19. Jahrhunderts ist und allzu oft mit dem Nikolaus verwechselt wird. Der historische Nikolaus war ein Bischof im 4. Jahrhundert. Und deshalb stellen die Tschechen ihn immer (!) im Bischofsgewand mit Bischofmitra und Bischofskrummstab dar.

Fangen bei den Begleitern wir als erstes mit Brůna an. Das ist ein Pferd, das meist leicht grotesk dargestellt wird, so dass es manchmal einer Ziege ähnelt. Und es ist immer weiß. Diese Figur schlich sich anscheinend im 19. Jahrhundert in das Nikolausbrauchtum ein, ohne sich allerdings sehr flächendeckend durchzusetzen. Damals war sie vor allem in Mähren Teil von Prozessionen, die zum Nikolaustag stattfanden. Bei ihnen war Nikolaus immer von einer Vielzahl recht seltsamer Wesen umgeben. Brůna schien harmlos zu sein und führte keine Bestrafungen durch wie die meisten Nikolaus-Begleiter. Diese Prozessionen gab es schon im 14. Jahrhundert und sie begannen immer einen Tag vorher, am 5. Dezember (man feierte sozusagen in den nächsten Tag hinein). Auch heute zieht der Nikolaus in Tschechien noch an diesem Tag – also nicht dem eigentlichen Nikolaustag – von Haus zu Haus.

Die Paraden, die es heute so kaum mehr gibt, nahmen sich stets ein wenig gruseliger aus als das heutige Brauchtum. Das sieht man auch an der alten Nikolausbegleiterin Peruchta (auch: Perchta oder Perychta), eine Figur, die es auch in Teilen Österreichs als Brauchtum gibt. Peruchta ist eine weiß gekleidete und kaum als solche erkennbare Frau mit groteskem Aussehen und scharfen Zähnen. Böse Kinder, so droht sie, kriegen von ihr den Bauch mit rohen Erbsen, die sie in einem Topf bei sich trägt, vollgestopft. In einigen Orten soll sie sogar von einem Mann namens Dušník begleitet worden sein, der ein scharfes Messer bei sich führte. Wer schon den deutschen Knecht Ruprecht als zu brutal empfindet, wird bei Peruchta mit aller Wahrscheinlichkeit endgültig in Ohnmacht fallen.

Ähnlich dürfte es dann bei Krampus sein. Auch er ist eine Schreckgestalt. Wie Peruchta dürfte er irgendwie ein vorzeitliches (möglicherweise keltisches) Relikt aus vorchristlicher Zeit sein, obwohl es schriftliche Quellen über ihn wohl erst seit dem 16. Jahrhundert gibt. Er ist eine Art Dämon, der meist in Fell oder Sackleinen gekleidet ist und geschwungene Hörner trägt. Auch er soll böse Kinder bestrafen, während der Nikolaus die guten Kinder belohnt. Das ist eine ausgefeilte Arbeitsteilung, bei der der gute Nikolaus keinen Imageschaden erleidet, aber der Gerechtigkeit genüge getan wird. Krampus verbreitete sich bei Nikolausfesten vor allem im Alpenraum, Norditalien und großen Teilen Mitteleuropas, darunter eben auch in Böhmen und Mähren.

Und dann ist da noch Ambrož. Dessen Name leitet sich vom Heiligen Ambrosius ab, der seinen kirchlichen Feiertag am Tag darauf (also den 7. Dezember) hat. Das wäre eine mögliche Erklärung, warum er dem Nikolaus folgt, aber tatsächlich hat man bis heute keine genaue Ahnung, wie er in dessen Gefolge geriet. Als historische Personen waren Ambrosius und Nikolaus beide Bischöfe und Ambrosius könnte vom Alter her Nikolaus sogar als Kind noch kennengelernt haben. Dass das geschah, ist aber nirgendwo überliefert und auch höchst unwahrscheinlich. Aber das hat nicht verhindert, dass man sie in Tschechien irgendwie zusammensteckt. Ambrož trägt immer einen dunklen spitzen Hut und ein langes Gewand. Er bedroht, wie es im Gefolge des ja an sich gutmütigen Nikolaus öfters der Fall ist, die unartigen Kinder. Wenn sie weglaufen, schafft er es aber meist nicht, sie zu fangen und verliert stattdessen in der Hektik seine Süßigkeiten, die dann von den Kindern aufgesammelt werden. Weil er zwar böse tut, aber in Wirklichkeit im geradezu maoistischen Sinne ein Papiertiger ist, lieben ihn die Kinder.

Eine Begleiterin fehlte bei der Ausstellung, aber dafür tut es das Bild rechts aus dem Ethnographischen Museum in Prag. Das ist eine Lucka. Sie ist weißgewandet und trägt eine große Schnabelmaske. Obwohl ein vorchristlicher Brauch dahinter stecken mag, taucht sie erst im 19. Jahrhundert in schriftlicher Erwähnung auf. Der Komponist Jan Jakub Ryba (wir berichteten über ihn hier) erzählte in Aufzeichnungen von 1804, in denen er über eine Reise nach Südböhmen berichtete, über die ausschwärmenden Luckas (tschechischer Plural: Lucky), die am Abend vor Weihnachten mit einer großen Gänsefeder von Haus zu Haus ziehen, um dort (symbolisch) sauberzufegen. Damit soll (ebenfalls symbolisch) das alte Sonnenjahr weggefegt werden. Denn: Der alte Brauch und der Name knüpfen lose an die Heilige Lucia an. Der kirchlicher Feiertag für sie ist der 13. Dezember. Der war im alten (julianischen) Kalender das Sonnenwendfest. Sie brachte somit mehr Licht und vertrieb so das alte Jahr. Der Name Lucia leitet sich von lateinischen Lux (= Licht) ab. Die 1582 erfolgte Einführung des Gregorianischen Kalenders durch Papst Gregor XIII. führte zu einer Verschiebung der Sonnenwende auf den 21. Dezember. Aber als Lucka hat sie sich halt am Ende an den Nikolaus gehängt und feiert nun mit ihm am 5. Dezember in den Nikolaustag hinein.

Nun ja, bei Ambrož und Lucka kann man wenigstens vorgeben, dass hier ein wenig Christentum im Spiel ist, weil man sie vage mit Ambrosius und Lucia verbinden kann. Bei der grausigen Peruchta und dem grausigen Krampus fällt das noch schwerer. Die katholische Kirche stand dem Gefolge des Nikolaus stets eher skeptisch gegenüber, schaffte es aber nicht die Brauchtümer zum Verschwinden zu bringen. Und am Ende sehen Kinder (im Gegensatz zu manchen politisch korrekten Erwachsenen) in den monströseren Begleitern des Nikolaus richtige Spaßfiguren. Und ein bisschen Spaß sei jedermann gegönnt. Der Nikolaus wird hingegen tatsächlich als Symbol christlicher Güte wahrgenommen. Und sein Gefolge macht ihn, ehrlich gesagt, zusätzlich auch noch cooler! (DD)

Als ob sie nie existiert hätte – die Wallburg von Zvole

Es ist, als ob die frühzeitlichen Erbauer schon damals vorgehabt hätten, einen Aussichtpunkt für Ausflüger anzulegen. Die Burgwallanlage bei Zvole u Prahy, die Hradiště Zvolská homole, liegt in schwindelerregender Höhe auf einer Felszunge hoch über der Moldau und bietet einen atemberaubenden Panoramablick über den sich unten schlängelnden Fluss und die herrliche umgebende Landschaft.

Am besten ersteigt man die Anlage von dem kleinen Ort Vrané an der Moldau, der rund 18 Kilometer von Prags Stadtmitte gelegen, günstig mit einem kleinen Regionalzug, der entlang des Flusses fährt, erreichbar ist. Von da aus kann man durch das Wald-Naturschutzgebiet Zvolská homole den Bergzug hinaufsteigen. Nach rund 2 Kilometern entlang eines steilen Lehrpfades, der über die Natur hier aufklärt, erreicht man die Wallgraben-Anlage (Bild links), die durch eine schmale Felszunge, auf der die Burg lag, vor Eindringlingen geschützt wurde. Es wird dem Betrachter sofort klar, dass nicht die schöen Aussicht ausschlaggebend für die Wahl des Ortes, sondern die strategische Uneinnehmbarkeit des Terrains. Der schmale Eingang war recht leicht zu verteidigen, die Abhänge an den Seiten (mit teilweise senkrechten Felsen) boten natürlichen Schutz vor Angreifern. Aber, ob hier jemals irgendwer irgendwen angegriffen hat oder irgendwer sich verteidigen musste, und wer das war, weiß man nicht.

Denn: Obwohl die Anlage ja eine auffällig Landmarke ist, weiß man so gut wie gar nichts darüber. 2004 unternahmen zum ersten Mal Archäologen in kleinem Umfang Ausgrabungen. Sie förderten (spärliche) Fundstücke aus Spätneolithkum, Äneolithikum (Kupfersteinzeit) und Bronzezeit zu Tage. Also schon um das Jahr 3500 v. Chr. könnten hier Menschen gesiedelt haben. In der Nähe hat man sogar Funde aus der Jungsteinzeit (rund 2000 Jahre älter!) gefunden. Es handelt sich hier um einen alten Siedlungsraum.Ein besonderes Rätsel ergibt sich daraus, dass oberhalb der Wallanlage eine Aufschüttung mit einem gut sichtbaren Wall (Bild rechts) in ungefähr quadratischer Form existiert, der nicht in die Vorzeit passt, sondern eher einem (slawischen) Bergfried aus den Frühmittelalter ähnelt, der vermutlich mit einem Holzturm versehen war.

Man könnte erwarten, dass deshalb die Burganlage in irgendeiner alten Chronik oder einer örtlichen Urkunde erwähnt wurde, wie das in Böhmen meist der Fall war. Aber nichts dergleichen ist der Fall, obwohl die Wälle (Bild links) so stattlich waren, dass sie stets deutlich sichtbar blieben. Es kann nicht sein, dass sie niemandem auffielen. Dennoch hat sich kein mittelalterlicher Schreiber die Mühe gemacht, etwas über die Burg festzuhalten. Als ob sie nie existiert hätte. Das tut sie aber, und deswegen wird es die Aufgabe künftiger Archäologen sein, noch systematischere Ausgrabungen durchzuführen, um mehr Licht in das Dunkel der Siedlungsgeschichte hier zu bringen. Aber auch ohne dieses Wissen garantiert die Lage mit ihrer grandiosen Aussicht ein schönes Ausflugserlebnis. (DD)

Als die Brücke zusammenbrach (und neu errichtet wurde)

In jeder Verwaltung gibt es solche und solche Abteilungen. Das gilt auch für die Technische Verkehrsverwaltung (Technická správa komunikací) in Prag. Gut funktionierte die Abteilung, die die Brückensicherheit überprüfte, als sie 2011 monierte, dass die Trojská lávka (Trojaer Füßgängerbrücke) so baufällig sei, dass sie in 5 bis 7 Jahren zusammenbrechen werde. Weniger gut waren diejenigen aufgestellt, die jetzt zur Tat hätten schreiten müssen. Weshalb die Brücke fast sechs Jahre später, am 2. Dezember 2017 (heute vor fünf Jahren) krachend zusammenfiel. Geradezu termingerecht wie vorhergesagt. Es war Glück, dass nur vier Menschen (zwei davon schwer) verletzt wurden.

Immerhin, schon im Oktober 2020 konnte eine neue Brücke eröffnet werden. Das ging wiederum vergleichsweise fix. Aber gehen wir zuerst einmal zurück zum Anfang der Geschichte. Die eingestürzte Brücke war im Jahr 1984 nach den Plänen des Architekten Jiří Stráský, heute ein renommierter Professor an der Technischen Universität in Brno (Brünn) erbaut worden. Der Bau einer solchen Brücke war schon lange als wünschenswert erachtet worden, weil man über sie die Strecke vom Innenstadtbereich zum Zoo, dem Botanischen Garten und dem Schloss im Stadtteil Troja für Spaziergänger entscheidend abkürzen konnte. Dabei führte der Weg auch noch durch den schönen Stromovka Park und die große Kaiser Insel (Císařský ostrov) in der Moldau hin nach Troja. Die einzige Verbindung zwischen Kaiser Insel und Troja war lange Zeit eine kleine Fähre, was hinten und vorne nicht ausreichte. Schon 1976 hatte man zur Abhilfe eine improvisierte Pontonbrücke installiert, die aber bei dem Hochwasser von 1981 weggeschwemmt wurde.

Deshalb wurde der Bau der Brücke 1984 auch begrüßt. Und das nicht nur, weil sie sinnvoll war, sondern weil sie auch als ein kleines technisches Meisterwerk galt. Die Konstruktion bestand aus 156 Stahlseilen, die je über einen Pfeiler an jedem Ufer gespannt waren, und auf die der Gehweg gelegt wurde, der aus Polymerbeton bestand. 256 Meter war sie lang, 3,80 Meter breit. Auf 50 Meter Länge verlief sie über der Kaiser Insel, 85 Meter über Troja auf dem Land. Der restliche Verlauf querte die Moldau. In der Mitte konnte man eine herrliche Aussicht auf die recht pittoreske Umgebung genießen.

Die Brücke sah elegant, luftig und leicht aus. Auch war sie zunächst recht stabil. Hochwasser – etwa das von 1997 – überlebte sie weitgehend unbeschadet. Aber der Zahn der Zeit nagte halt doch an ihr. Dann kam die Sicherheitswarnung von 2011, die eigentlich gründliche Renovierungsarbeiten zur Folge gehabt haben hätten müssen. Zumal eine neuerliche Prüfung 2014 schwere Korrosionsschäden an den tragenden Stahlseilen, die den Gehweg trugen, feststellte. Seit einiger Zeit hatte man ein elektronisches Sicherheitsystem installiert, das im 2-Minutentakt meldete, ob noch alles in Ordnung sei. Am 2. Dezember 2017 um Punkt 13.16 Uhr kam das letzte Signal. Nichts war mehr zu retten. Die Brücke war restlos und unwiderbringlich zerstört.

Der Einsturz machte weltweit Schlagzeilen und blieb darob auch in Prag nicht ohne Konsequenzen. Der Leiter der Verkehrs-Verwaltung, Jan Zemánek, musste seinen Hut nehmen. Die vier Opfer des Einsturzes wurden vom Rat entschädigt. Und eine Prüfung aller Moldaubrücken wurde angeordnet, die fast erwartungsgemäß Resultate hervorbrachte, die allen Prager, die aus beruflichen Gründen regelmäßig die Moldau überqueren mussten, eine Gänsehaut den Rücken hinunterjagte. An einigen der meistbefahrenen Brücken der Stadt, darunter die Auto- und Straßenbahnbrücke von Libeň (Libeňský most) und die Eisenbahnbrücke von Smíchov (Železniční most) mussten umgehend Reparaturmaßnahmen und teilweise Verkehrssperrungen vorgenommen wurden Einige andere Fußgängerstege wurden gar gänzlich gesperrt. Und um Troja wieder vom anderen Ufer aus erreichbar zu machen, wurde schon Ende Dezember 2017 wieder ein Fährverkehr eröffnet. Nebenbei bemerkt: Die wesentlich konventioneller gestaltete Brücke, die die Kaiser Insel seit 2006 (als sie eine 1901 eröffnete Brücke ersetzte) mit dem Stromovka Park verbindet, war nie einsturzgefährdet und steht heute noch so da wie seit ihrer Eröffnung. Diese Brücke zur Kaiser Insel (Most na Císařský ostrov), die wir oberhalb links sehen, erlaubt sogar Autoverkehr.

Und natürlich ging man sofort daran, eine neue Brücke an Stelle der eingestürzten zu errichten. Der Entwurf dafür stammt von den Architekten Libor Kábrt, Lukáš Vráblík, Gabriela Elichová und Martin Elich von der auf brücken spezialisierten Firma Stavby mostů Praha (SMP, dt.: Brückenbau Prag). Bei den Plänen war vorgeschrieben, dass die Brücke auf 100 Jahre Haltbarkeit ausgelegt werden sollte. Nach der Bewilligungs- und Planungsphase begannen die Bauarbeiten im November 2019. Die offiziell wieder Trojská lávka, manchmal aber auch Nová Trojská lávka (Neue Trojaer Fußgängerbrücke) genannte Brücke wurde dann am 23. Oktober 2020 feierlich eröffnet.

Der mit der Jahreszahl 2020 versehene Grundstein befindet sich auf der Aufgangsrampe am Tojaer Ufer. Auf dem Photo rechts sieht man dahinter bereits Dekorationen des Schlossgartens von Troja. Dieser Kontrast von alter und neuer Architektur ist bereits so etwas wie ein Hinweis darauf, dass sich ein Ausflug, der diese Brücke mit einbezieht, sich definitiv lohnt. Da gottlob keiner der Menschen, die 2017 mit der Brücke abstürzten, zu Tode kam, kann man die Sache auch ein wenig unbefangen betrachten und sich einfach so freuen. Und die Aussicht genießen! Denn die neue Brücke ist noch einmal deutlich höher als die alte. Und mit vier Metern auch ein wenig breiter (wenngleich mit 256 Metern exakt genauso lang)

Die Brücke ruht nicht mehr auf zwei Pfeilern, sondern auf vieren. Es wurden auch keine Stahlseile zum Tragen des Gehwegs verwendet, sondern Stahlröhren und Träger, die sich rippenförmig darunter befinden. DIe Geländer der Brücke sind ebenfalls aus Stahl. Als Belag für den Gehweg selbst wählte man ein besonders hartes und robustes afrikanisches Tropenholz mit der Bezeichnung Azobé (botanischer Name: Lophira alata). Das Holz scheint auch bei Nässe noch recht rutschfest zu sein – ein zusätzlicher Vorteil.

Alles an der Brücke ist nicht nur auf Eleganz (möglicherweise noch mehr als die alte Brücke), sondern auf Stabilität ausgelegt. Nach der Vorgeschichte war das ja auch eine gute Idee. (DD)

Jugendstil, der das Stadtbild prägte

Es schadet nichts, wenn ein Künstler auf der Fassade seines Ateliergbäudes schon zeigt, was er kann. Wer im Stadtteil Karlín am Atelier O.Rákosník in der Křižíkova 452/64 vorbeigeht, wird zweifellos erahnen, dass hier dereinst jemand diese Botschaft verstanden hatte. Mehr und üppiger geht es in Sachen Jugendstil nicht mehr. Hier verstand sich jemand auf große Effekte!

Um das Werk und die Leistung des Bildhauers Otakar Rákosník zu verstehen, muss man vor allem die Zeit um 1900 verstehen. Prag und sein vorstädtisches Umfeld expandierten in dieser Zeit. Alte Dörfer wurden zu Städten, neue Stadtteile wurden geradezu neu aus dem Boden gestampft (z.B. Vinohrady). Damals liebte man elaboriert ausgestaltete Häuser im Stil des Historismus oder man ging mit der Mode und dekorierte Fassaden im Jugendstil. Äußerlich sollte auf jeden Fall der Eindruck von Historizität oder individueller künstlerischer Gestaltung entstehen. Aber natürlich war das, was man in dieser Expansionsphase Prags baute, eine moderne und industrialisierte Art des Bauens. Es ging größtenteils um große Mietsblöcke mit Stahlgerüstbauten, deren Wände schnell hochgezogen wurden. Aber der Schein musste gewahrt bleiben. Dafür sind heutige Touristen, die durch Prag schlendern, dankbar, denn so entstand trotz aller „Massenarchitektur“ oft ein wunderschönes Stadtbild.

Die andere Seite der Medaille: Kunst musste auch massentauglich werden und in professionell-industriellen Stil produziert werden. Dabei künstlerische Standards der Höchstqualität zu wahren, ist nicht einfach. Aber genau das zu tun, nahm sich Rákosník zusammen mit seinem Ko-Partner Antonín Štrunc) vor, als er um 1900 (genaues Datum nicht bekannt) eine eigene, recht große Firma gründete, die dem Aufbau des modernen Prags ein schmuckes und ästhetisch hochwertiges Gesicht verpassen sollte. Die Firma Rákosník expandierte Dank guten Marketings und hoher Qualität schnell und deshalb konnte man sich schon 1910 leisten, sich von dem prominenten Architekten Bohumil Šterba ein schönes großes Gebäude bauen lassen – eben das in der Křižíkova, das immer noch mit fein ziselierter Schrift über den Eingängen für die längst nicht mehr existierende Firma wirbt.

Die Firma gab durch unzählige Aufträge dem gerade im Wachsen begriffenen Karlín ihr heutiges Gesicht. Man schmückte dabei auch das dortige Nationalhauses aus.Unzählige Aufträge in Prag, aber auch in anderen Städten in ganz Böhmen folgten. Nach dem Tod Otakar Rákosníks 1938 übernahm sein gleichnamiger Sohn das Geschäft. Der beschäftigte Künstler und Desiger der Spitzenklasse, etwa Jaroslav Horejc, der als ein Großmeister des tschechischen Art Déco (der Jugendstil war inzwischen „out“) gilt (wir berichteten u.a. hier). Dann kam das traurige Ende. 1948 beendeten die gerade an die Macht gekommenen Kommunisten das freie Unternehmertum und damit auch die Firma Rákosník. Sie erstand auch dem dem Ende der Tyrannei 1989 nicht wieder auf.

Heute ist das Haus ein Miets- und Bürogebäude. Aber die vollendet schöne Jugendstil-Dekoration der Fassade, die auch proper in Schuss gehalten wird, erinnert immer noch an seine Geschichte der Firma Rákosník. Hier war einmal ein hoch-produktives Unternehmen am Werke, das mit seinem Tun das Stadtbild Prags mehr geprägt hat, als man zunächst erahnt. Und für den Fan des Prager Jugendstills ist ein Besuch Karlín (wo die Firma im großen Stil wirkte) sowieso ein „Muss“. Dabei sollte man es nicht versäumen das Haus in der Křižíkova 452/64 näher zu beäugen. (DD)

Švejkscher Humor bevor es Švejk gab…

Das ist schon so etwas wie der gute Soldat Švejk noch bevor es den Švejk überhaupt gab. Oder gab es den Soldaten Švejk im eigentlichen Sinn etwa immer schon? Steckt etwa in jedem böhmischen Soldaten ein kleiner Švejk?

Jedenfalls haben die putzigen Sgraffiti auf der Fassade des dreistöckigen Wohnhauses in Ostrovní 1707/14 in ihrem Sinn für das Karikaturenhafte, gepaart mit einem gewissen Unernst gegenüber soldatischem Drill schon auf den ersten Blick etwas gemein mit den von Josef Lada angefertigten originalen Illustrationen zu Jaroslav Hašeks Schelmenroman vom guten Soldaten Švejk. Nur, dass der erste Band des Roman mit Ladas köstlichen Zeichnungen 1921 erschien (nachdem es schon erste literarische Versuche mit dem Charakter 1912 – den Ur-Schwejk sozusagen – gegeben hatte). Und das, was wir hier sehen, stammt aus dem Jahre 1890. Da war der Autor des Švejk gerade einmal sieben Jahre alt.

Was ist der Hintergrund dieser witzig gehaltenen soldatischen Motive? Nun, das Haus, das nach den Plänen des Architekten Architekt Čeněk Štraybl (über den ich nichts herausfand, außer dass er noch dieses Gebäude gebaut hat) ersetzte ein zuvor dort befindliches militärisch genutztes Gebäude. An der Stelle stand nämlich ein Werbungs- und Rekrutierungsbüro der Österreichischen Armee. Die wurde übrigens im selben Jahr 1890 im Sinne der Reichseinheit Kakaniens mit der Ungarischen Armee zu einer Gemeinsamen Armee zusammengelegt. Ob das Verschwinden des Rekrutierungsbüros etwas damit zu tun hatte, weiß ich nicht, aber es verschwanden Ende des 19. Jahrhundert sowieso und unabhängig davon alle militärischen Einrichtungen (meist Kasernen, Soldatenfriedhöfe oder Militärhospitäler) aus dem Innenstadtbereich Prags.

Wie dem auch sei: Beim Neubau wurde der militärischen Vergangenheit des Hauses jedenfalls sichtbar gedacht. Und zwar auf witzige Art, wie man auf dem großen Bild oben sieht. Die vor dem Essenfassen wartenden Soldaten der k.u.k.-Armee, die von ihrem Offizier lächelnd betrachtet werden, sind offenbar guter Stimmung und mehr am leiblichen Wohl, denn am Kampfeinsatz interessiert. Selbst ab und an notwendige Disziplinierungen (Hiebe auf den Hintern), werden, wie das kleine Bild links zeigt), allenfalls von dem Betroffenen unangenehm aufgenommen. Die Offizieren sehen das Leben weiterhin von der leichten Seite und schäkern mit den Mädels herum…

Das ist schon große Kunst. Kein Wunder, denn man hatte für die Gestaltung der Sgraffiti ja auch einen großen Künstler gewonnen, nämlich keinen Geringeren als Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier und hier). Der galt als einer der großen Historienmaler seiner Zeit. Normalerweise ging es dabei sehr ernst und pathosgeladen zu. Hier lernt man ihn von seiner ungewohnt heiteren Seite kennen. Ausgeführt wurden die Bilder nach seinen Entwürfen von dem damals benfalls recht bekannten Maler Josef Bosáček.

Man muss sich das Ganze näher anschauen, um noch mehr Witziges zu finden. Man nehme die (links im Fries befindliche) Anfangsszene, in der ein potentieller Rekrut das Heim der Eltern verlässt. Ganz klar ging der Künstler dabei von der Vermutung aus, dass nur naive Landeier sich überhaupt in den Wehrdienst hineinbugsieren ließen. Auch findet sich, wie das Bild oberhalb rechts zeigt, ein Panorama von österreichischen Soldaten aus allerlei Zeiten (aktuell, napoleonische Kriege, 17. Jahrhundert), die hier irgendwie zusammen dienen.

Der Gang durch die Zeiten wird oberhalb zwischen den Fenstern des ersten Stocks fortgesetzt, wo man fünf große Tafeln mit einzelnen Darstellungen von Offizieren bewundern kann. Auf dem Bild rechts von links oben nach rechts unten: Ein Husar aus der Zeit Maria Theresias (Mitte des 18. Jahrhunderts), ein Dragoner aus der Zeit der Napoleonischen Kriege (um 1813), ein Ulan aus dem österreichisch-preußischen Krieg von 1866, ein Jäger aus der gleichen Zeit und ein Kürassier, wiederum aus der Zeit von Mara Theresia.

Schmale Sgraffiti an den Seiten des Hauses mit (ausnahmsweise recht konventionell dargestellten) Militärtrophäen ergänzen das Ganze.

Kurz: Das hübsche, aber an sich eher unscheinbare Neo-Renaissance-Haus Straybls wurde durch die karikaturenhaften Darstellungen von Mikoláš Aleš in ein humorvolles Gebäude mit Erlebniswert verwandelt – ein Soldatenpanoptikum, bei dem man die große Zeit des guten Soldaten Švejk schon am Horizont der Zeit erahnen kann. (DD)

Der Beginn der Moldaukaskade

Bei der Ortschaft Vrané an der Moldau (Vrané nad Vltavou), rund 16 Kilometer südlich des Prager Stadtzentrums gelegen, beginnt sie, die sogenannte Moldaukaskade (Vltavská kaskáda). Wir befinden uns bei dem von schöner Felslandschaft umgebenen Stausee Vrané (Vodní nádrž Vrané) mit seinem Stauwehr und Wasserkraftwerk.

Was ist die Moldaukaskade, die Schritt für Schritt zwischen 1930 und 1966 aufgebaut wurde? Es handelt sich um ein System aus neun Stauwerken unterschiedlicher Größe, die sich von vom Stauwehr Vrané (Flusskilometer 71,4) flussaufwärts bis zu den beiden Stauseen Lipno II (dessen Wehr sieht man im kleinen Bild links) und Lipno I (Flusskilometer 329,5) aus dem Jahr 1959 erstreckt, und das gleichermaßen dem Hochwasserschutz, der Energiegewinnung und auch dem Tourismus (Wassersport) dient. Die Kaskade setzte dabei im Kern die zwischen 1896 und 1906 unternommene technische Bändigung der bis dato recht unberechenbaren und für Flößer und Schiffer gefährlichen Moldau nach Süden fort, die den Flusslauf zwischen Prag und der Elbe eindämmte und durch Schleusenwerke beruhigte.

Das Stauwerk Vrané war das erste Projekt der Moldaukaskade. Es wurde in den Jahren 1930 bis 1936 erbaut. Es handelt sich nicht um einen Staudamm im strikt technischen Sinne, sondern um ein Wehr, das den Ab- und Zufluss des Wassers regelt. Dazu gibt es vier 20 Meter breite Wehröffnungen mit Schütztafeln (Bild rechts), die gesenkt und gehoben (bis auf 9,7 Meter Höhe) werden können. Geöffnet können sie ganze 2800 m³ Wasser pro Sekunde ablaufen lassen. Der gestaute See erstreckt sich über 13 Kilometer bis zum nächsten Wehr bei Štěchovice (bei Flusskilometer 84,4), das von 1937 bis 1945 erbaut wurde. Der Rückstau des Wassers reicht auch in den rund vier Kilometer weiter oberhalb von Vrané einfließenden Moldau-Nebenfluss Sázava hinein, und zwar noch rund drei Kilometer.

Natürlich dachte man schon von Anfang an daran, dass primär zur Wasserregulierung dienende Stauwerk auch zur Stromgewinnung zu nutzen. Das kleine Kraftwerk am östlichen Ufer wurde 1935 zunächst einmal für ein Jahr im Probebetrieb, dann aber auf Dauer eingesetzt. Die damaligen Turbinen hatten ein Schluckvermögen von 75 m3 pro Sekunde. Sie wurden 1978 bis 1980 durch neuere Kaplan-Turbinen mit 90 m3 pro Sekunde ersetzt. Heute liefert das Kraftwerk rund 60 Millionen Kilowattstunden pro Jahr an Strom.

Aber so ein Stauwerk hat ja nicht nur den positiven Nebeneffekt, dass sich dort Strom produzieren lässt, sondern er macht den Fluss dahinter auf leichter für die Schifffahrt zugänglich. Da man durch die Wehröffnungen unmöglich durchfahren kann, hat man dafür eben Schleusen eingebaut. Man sieht sie am westlichen Ufer (Bild rechts). Die größere ist 134 Meter lang und 12 Meter breit (genug für kleine Frachtschiffe), die kleinere 84 Meter lang und 12 Meter breit.

Große Frachtschiffe kommen hier aber nicht allzu oft vorbei. Für Kanus oder Kajaks wäre die Betätigung der Schleuse zu aufwendig. Dafür gibt es am Ufer eine kleine Schienenbahn, mit der man die Kleinboote bequem am Wehr vorbei schieben kann. Womit wir beim Freizeitwert des Ganzen sind. An beiden Seiten des Stauseeufers kann man wunderschöne Wandertouren machen. Am Westufer sogar hoch über den Felsen, die hier die Moldau säumen, was atemberaubende Ausblicke auf das Wehr erlaubt (Bild oberhalb links).

Und auch dann, wenn man nicht so hoch hinaus will, kann man sich auf Höhe des Wasserspiegels ebenfalls gut amüsieren. Da es ja Dank der Stauung durch das Wehr keine unberechenbaren Strömungen oder gar gefährliche Untiefen gibt, wimmelt es an schönen Tagen auf dem Wasser nur so von kleinen Hobby-Segelbooten und Motoryachten, auf denen man sich anscheinend risikofrei äußerst gut unterhält.

Zu Fuß oder mit dem Auto kann man den Fluss an dieser Stelle nicht überqueren. Für die Bediensteten gibt es einen kleinen bedachten Überweg hoch über dem Wehr, der aber nur dienstlichen Zwecken dient. Will man das Ganze vom gegenüberliegenden Ufer betrachten, muss man entweder rund sechs Kilometer südlich nach Davle oder rund fünf Kilometer nördlich nach Zbraslav gehen, um eine für Fußgänger geeignete Brücke zu finden. Aber auch ohne Überquerungsmöglichkeiten ist das imposante, im Stil des 1930er-Jahre-Funktionalismus gebaute Stauwehr von Vrané einen Besuch wert. (DD)

Prachtgarten, schick restauriert

Niemand käme von sich aus auf die Idee, was sich hinter dem Durchgang an dem kleinen Portal des Gebäudes in der Karmelitská 373/25 auf der Kleinseite verbirgt, nämlich einer der schönsten Barockgärten der Stadt: der Vrtba Garten (Vrtbovská zahrada).

Einen ersten Eindruck bekommt man, wenn man durch das Portal in den Innenhof und dort unter einem Torbogen geht, auf dem eine große barocke Statue des antiken Gottes Atlas steht, der die Welt auf den Schultern trägt. Damit hat der Besitzer der Gartenanlage wohl ein wenig auf sich selbst anspielen lassen. Das war der Prager Burggraf Jan Josef z Vrtby, der mit der Statue uns wohl erklären wollte, wieviel Verantwortung er auf den Schultern trug, und wie bedeutend er dadurch war. Vom Innenhof gelangt man durch ein kleineres Gebäude (wo sich die Kasse befindet) in den eigentlichen Garten.

Man betritt ihn durch eine sogenannte Sala terrena, eine Art Gartensaal, der nach vorne hin zum Garten geöffnet ist, Schon der ist eine Wucht. Er ist von innen prachtvoll mit Statuen und bildlichen Darstellungen aus der antiken Mythologie ausgestaltet. Die Fresken and Wänden und Decke sind das Werk des bekannten böhmischen Barockmalers Wenzel Lorenz Reiner, der in Prag insbesondere viele bedeutende Kirchenmalereien hinterlassen hat (ein Beispiel zeigten wir u.a. hier). Wie der Garten insgesamt, ist schon die Sala terrena für sich genommen eine Besichtigung wert. Und wie die ganze Anlage, ist auch sie von dem Architekten František Maximilián Kaňka (wir erwähnten ihn u.a. bereits hier, hier und hier) entworfen und gestaltet worden.

Der Garten, den man nun vor sich ausgebreitet sieht, ist nur 3000 Quadratmeter groß, aber dennoch beeindruckend. Er ist stufenförmig an den Abhang des Petřín-Berges angelegt. Durch die Höhendimension wirkt er optisch größer und beeindruckender als es sonst der Fall wäre. Kurz: Graf Jan Josef stand ein bestens geeignetes Grundstück zur Verfügung. Das verdankte er seinem Großvater Sezima Jan z Vrtby, unter dem die Familie Vrtba 1624 den Grafenstand erlangte, und der sich darob ein schönes Stück Land auf der Kleinseite leisten konnte. Hier befand sich ein großer Weinberg. Vor dem Weinberg standen zwei große Stadthäuser, die Graf Sezima in den Jahren 1627 bis 1631 zu einem Palast im Renaissancestil zusammenlegte. Das südliche der beiden Häuser stammt aus dem Jahr 1574, was man heute noch am Grundstein (Bild oberhalb links) im Hof erkennen kann.

Als Burggraf Jan Josef den Besitz erbte, ließ er ab 1712 den Palast von Christoph Dientzenhofer (wir erwähnten ihn u.a. hier) zusammen mit Kaňka barockisieren. Außen waren die Veränderungen nicht sehr radikal, aber innen gab es deutliche Veränderungen. Die Zusammensetzung aus verschiedenen Häusern hatte insgesamt einen unregelmäßigen, im Kern V-förmigen Grundriss zur Folge, der das Ganze von der Starßenseite aus nicht sehr palastartig aussehen lässt. Innen gibt es zwei Höfe, von denen der eine zum Garten führt. Immer wieder gab es innen auch Umbauten und Erneuerungen nachdem die Familie Vrtba das Haus 1799 verkauft hatte, etwa 1837, als ein klassizistisches Treppenhaus eingebaut wurde. In dieser Zeit wurde der Palast übrigens in ein Mietshaus verwandelt, das danach mehrfach die Besitzer wechselte.

Doch nun zum Garten selbst. Architekt Kaňka hat hier geradezu eine bühnenhafte Choreographie von Stufen und geschwungenen Treppenaufgängen geschaffen. Trotz der barocken, und daher formalen Anlge, wirkt das Ganze schon dramatisch. Geht man nach oben, so entdeckt man immer neue Nischen, abgeschlossenen Nebengärten und kleine Ruheoasen, die auf verschiedenen Ebenen miteinander geschickt verbunden sind. Und je höher man kommt, um so mehr kann man die unterschiedlichen Sichtachsen bewundern, die Ausblicke auf Kleinseite, Altstadt und Burg ermöglichen.

Zu dem Garten und der dazu integral gehörenden Stufen-Architektur gehören natürlich die Statuen und Skulpturen. Für die zeichnete sich einer der bedeutendsten Bildhauer des Böhmischen Barocks verantwortlich, Matthias Bernhard Braun, dem wir unter anderem die Statue der Heiligen Ludmilla auf der Karlsbrücke (unser Bericht hier) verdanken. Sie erhöhen noch einmal die Dramatik der an italienischen Beispielen sich orientierenden Gartenanlage.

Braun hat den Garten durch dekorative Elemente ergänzt, die für den Barock typisch waren, wie Vasen und Urnen. Überragt wird das jedoch durch die Statuen, die die einzelnen Stufenbalustraden schmücken. Sie stellen fasst samt und sonderrs römisch-antike Gottheiten dar. Auf dem großen Bild oben sieht man zum Beispiel Diana, die Göttin der Jagd, mit ihrem Hund. Sie schaut recht neckisch drein. Braun hat seinen antiken Götterwesen einen leicht humorigen Anstrich gegeben. Das gilt auch für den Merkur im Bild links, der einen merkwürdigen Flügelhelm mit recht schlaff wirkenden Flügeln auf dem Götterhaupte trägt.

Zu den skulpturalen Highlight gehört auch der Brunnen auf der unterstene Ebene des gartens, gleich vor der Sala terrena. Auch hier wieder ein wenig augenzwinkernde Ironie. Man sieht einen Putto, der mit einem drachenähnlichen Krokodil oder krokodilähnlichem Drachen einen Ringkampf aufführt.

Die Skulpturen und Stauen Brauns werden an einigen Gebäuden, die den Garten umrahmen, durch recht kunstvolle spätbarocke Stuckelemente ergänzt, die wohl von dem italienischen Stuckateur Tomasi Soldati erstellt wurden, über den ich allerdings sonst nicht viel erfahren konnte.

Damit kommen wir zur obersten Etage. Denn alle in die Höhe führenden Sichtachsen – und auch die Treppen – enden oben bei einer großen Aussichtsplattform. Dieses Gebäude, von dem aus man atemberaubende Aussichten genießen kann, ist besonders hübsch und opulent mit Stuck beschmückt. Auch hier dominieren klassisch-mythologische Motive. Vom Inneren des Gebäudes führt eine Treppe auf die Dachterasse – eine der schönsten Aussichtspunkte der Stadt (die an ebensolchen gewiss nicht arm ist).

Weiter unten, im „Erdgeschoss“ des Gartens gibt es auch noch einiges zu sehen. Das Gebäude auf der Rückseite beinhaltet seit einiger Zeit eine kleine, aber feine Galerie, in der in Wechsel-ausstellungen hauptsächlich moderne zeitgenössische Künstler ihre Werke präsentieren können. Damit wird vielleicht historisch an eine Zeit angeknüpft, in der der Vrtba Palast tatsächlich ein Kunstzentrum war. Nach der Umwandlung in ein Mietshaus wurde ein kleines Atelier im klassizistischen Stil (Bild oberhalb links) angebaut. Hier wirkte in den Jahren 1886 bis 1889 der berühmet un bedeutende böhmische Historienmaler Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier und hier). Voirne auf der Straßenseite erinnert eine Plakette an der Fassade daran.

Zu erwähnen ist noch das „Unterhaltungsprogramm“ der Besitzer in den Zeiten des Barocks. Damals waren Volieren (große Freiflug-Vogelhäuser) modern. Und eine ebensolche findet man ebenfalls unten im Garten an einer Gebäudewand (Bild rechts). Exotiosche Vögel zu beobachten, war etwas, dass sich nur reiche Menschen leisten konnten. Sie trug auch etwas dazu bei, den gewünschten mediterranen Flair für die ganze Anlage entstehen zzu lassen. Die Voliere ist so geräumig, dass sie nicht gegen heutige Tierschutz-Gesetze verstößt. Deshalb schwirren hier immer noch allerlei bunte Vögel umher, die auf Infotafeln beschrieben sind. Hobby-Ornithologen kommen hier also auch auf ihre Kosten.

Garten und Palast wurden von den Kommunisten nach 1948 enteignet und in einem Ausmaße vernachlässigt und unsachgemäß umgebaut, dass es einer mutwilligen Zerstörung gleichkam (und das, obwohl das Ganze formal 1958 unter Denkmalschutz gestellt wurde). Nach dem Ende des Kommunismus 1989 wurde umgehend die Restaurierung des Garten (öffentlich) und des Palastes (immer noch Mietshaus) geplant. Die fand von 1993 bis 1998 unter der Leitung des Architekten Ivan Březina und des Gartenspezialisten Václav Weinfurter statt. Seither erstrahlt der Garten in neuem Glanze – und zwar so schick, dass der alte Burggraf seine Freude daran gehabt hätte. (DD)

Der Balkon der Samtenen Revolution

Der gemeinsame Auftritt der beiden am 23. November 1989 – heute vor 33 Jahren! – auf diesem Balkon gab den Menschen endgültig die Hoffnung, dass der Spuk des Kommunismus bald vorbei sein werde. Als der Schriftsteller Václav Havel, die weltweit bekannte Symbolfigur des Widerstandes, und Alexander Dubček, der 1968 gestürzte Architekt des Prager Frühlings, vor der Menge erschienen, brach riesiger Jubel aus.

300.000 Menschen hatten sich hier auf dem Wenzelplatz zu einer gigantischen Demonstration gegen das Regime versammelt. Es war die erste Demonstration des neuen Oppositionsbündnisses Bürgerforum (Občanské fórum), das sich am 19. November gegründet hatte, und das schon am 26. November Gespräche mit der kommunistischen Regierung führen sollte, um deren Machtmonopol zu brechen. Es war alles ganz schnell gegangen. Am 17. November 1989 hatte die erste große Studentendemonstration stattgefunden, die gemeinhin als Beginn der Samtenen Revolution gilt. Die Demonstration wurde zwar von der Polizei niedergeprügelt, aber die Demonstration gingen weiter und wurden größer und größer.

Von allen Demonstrationen der Samtenen Revolution sollte die am 23. November die größte Strahlkraft haben. Es war ein wahres Riesenaufgebot von Prominenten aus Kultur und Politik, die hier auf dem Balkon des Hauses am Václavské náměstí 793/36 der Menge zeigten, dass sie sich vom Regime in Protest abgewendet hatten. Zu den ersten Rednern gehörte Rudolf Hrušínský, der populäre Schauspieler und Švejk-Darsteller (der bald darauf als einer der ersten demokratischen Parlamentsabgeordneten gewählt wurde). Die Menge sang begeistert mit, als die Sängerin Marta Kubišová ihr berühmtes Lied Modlitba pro Martu sang, das so etwas wie die Hymne des Prager Frühlings gewesen war. Kubišová hatte zu den Erstunterzeichnern der Charta 77 gehört und war danach ungeheueren Repressalien des Staates ausgesetzt. Auch der Schlagerstar Karel Gott trat auf den Balkon. Er hatte sich zwar immer recht systemtreu verhalten und sogar für das Regime eine Anti-Charta zur Charta 77 unterzeichnet. Jetzt sang er unter dem Jubel der Menge die Nationalhymne, und zwar ausgerechnet im Duet mit dem Protestsänger Karel Kryl, der 1968 nach dem Ende des Prager Frühlings aus dem Land hatte fliehen musste. Aber vielleicht war gerade dies das Signal, dass es mit dem Regime zu Ende ging, dass auch angepasstere Prominente wie Gott nun aus der Deckung kamen.

Aber es war vor allem die Rede von Alexander Dubček, die der Revolution zusätzliche Legitimation verschaffte. Er war der Zeitzeuge dafür, dass das System seine Versprechen brach und gab dem Umsturz quasi seinen Segen (weshalb er bald demokratisch gewählter Parlamentspräsident wurde). Und dann kam Havel. Der hartnäckige Dissident und Einiger der Opposition und ihr glaubwürdiger Repräsentant. Aber Havel hatte ja bis dato nur im Untergrund gewirkt, und so wurde dies seine erste große öffentliche Rede. Er meisterte die Herausforderung brillant. Seine Forderungen nach Freiheit und Demokratie stießen auf Begeisterung. Die Menge rief immer wieder „Havel na hrad“ – Havel auf die Burg, also in den Präsidentenpalast. Und Präsident war er dann bald tatsächlich. Am 29. Dezember wählte ihn die Föderalversammlung derTschechoslowakei in das Präsidentenamt. Dass für den Auftritt am 23. November ausgerechnet der Balkon dieses Gebäudes ausgewählt wurde, mag kein Zufall gewesen sein, denn auch ohne die Samtene Revolution wäre es ein bedeutender Teil der politischen Geschichte des Landes.

Das fünfstöckige Büro- und Geschäftsgebäude wurde von 1911 bis 1913 nach den Plänen des bekannten Architekten Bedřich Bendelmayer als Palác Hvězda (Stern-Palast) gebaut (wir erwähnten ihn u.a. bereits hier und hier). Es handelt sich um ein Meisterwerk des späten geometrischen Jugendstils. Die steinernen Skulpturen (insbesondere die, die den Balkon tragen) und vor allem die farbigkräftigen Glasmosaike mit symbolistischen Darstellungen stammen von dem Bildhauer, Illustrator und Maler Vratislav Mayer.

Das Gebäude schrieb schon kurz nach Fertigstellung ein Stück tschechischer Demokratie-geschichte als hier 1913 der 1897 als Genossenschaft gegründete Verlag Melantrich (Nakladatelství Melantrich) einzog. Dieser Verlag war nach Georg Melantrich von Aventin (eigentlich: Jiří Černý Rožďalovický) benannt, einem Pionier des Druckwesens in Böhmen im 16. Jahrhunderts. Der Verlag stand der National-Sozialen Partei (Česká strana národně sociální) nahe, die nach der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei 1918 als zentristische Partei mithin die staatstragende Gruppierung der Republik war und mit Tomáš Garrigue Masaryk den Präsidenten stellte. Wichtigstes (aber nicht einziges) Produkt des Verlages war die 1907 ins Leben gerufene Tageszeitung České slovo (Tschechisches Wort), die großen Zeitungen des Landes gehörte. Das Erscheinen der Zeitung wurde nur kurz während des Ersen Weltkriegs unterbrochen. Selbst unter der Nazi-Herrschaft erschien sie weiter, wenngleich weitgehend zensiert.

Als die Republik 1945 wiedergegründet wurde, änderte man den Namen in Svobodné slovo (Freies Wort). Von Anfang an bekämpfte das Blatt den Vormarsch der Kommunisten. Selbst als die Kommunisten im Februar 1948 die Macht ergriffen hatten, setzte sie noch kurz ihren Widerstand fort – bis einige Tage darauf die Produktion für zwei Tage eingestellt wurde. Danach stand sie unter neuer und regimetreuer Leitung und blieb es auch. Aber: Ein wenig vom alten republikanischen Geist hatte wohl in den Redaktionszimmern überlebt….

Denn als am 17. November 1989 die erste Demonstration der Samtenen Revolution von der Polizei niedergeschlagen wurde, war Svobodné Slovo die erste große Zeitung des Landes, die die Polizeiaktion scharf verurteilte und sich auf die Seite der Revolution stellte. Sie publizierte Manifeste der Demonstranten und die Redaktionsräume wurden zu Treffpunkten der Dissidenten. Und dann war da noch der Balkon, der mithin die beste Rednerbühne am Wenzelplatz bot. Und deshalb wurde der Balkon auch zu dem zentralen Ort der Revolution, auf dem Václav Havel seine erste große Rede hielt.

Für die Zeitung und den Verlag selbst war die Samtene Revolution allerdings kein Segen. Sie wurden privatisiert, indem man sie an den Investor Chemapol verkaufte, der die Teitung 1997 in Slovo (Das Wort) umtaufte. Chemapol geriet 1998 in die Krise geriet und stieß das Blatt an die Herausgeber der (2001 ebenfalls bankrott gegangenen) Zeitung Zemské noviny (Landeszeitung) ab, der Slovo aber nicht halten konnte und kurz darauf die Produktion einstellte. Das Verlagsgebäude des Palác Hvězda wurde 1999 versteigert. Heute residiert hier im hinteren Gebäudeteil eine große Filiale eines britischen Mode- und Lebensmittelgeschäfts. Zur Frontseite hat sich ein Hotel angesiedelt. Bucht man dort Zimmer 203, kann man anscheinend den Balkon, der so viel Geschichte schrieb, betreten. Bedauerlich ist, dass sich am Haus selbst nirgendwo eine Gedenkplakette befindet. Das sollte man möglichst bald ändern. (DD)