Funktionalismus für Eigengebrauch

Mit wundervoller Aussicht über dem Park Santoška in Smíchov (Prag 5) thronend, mit Blick auf die Altstadt, liegt ein Juwel des frühen Funktionalismus: Die Říha Villa (Říhova vila).

Zur Zeit scheint sich das Gebäude in der Na Pavím vrchu 1911/1 leer und im Zustand der Renovierung befinden. Selbst mit dem etwas bröckelnden Putz auf der Fassade sieht es immer noch recht beeindruckend aus. Jedenfalls erfreut die Aussicht, dass sich das Gebäude schon bald wieder in properem Zustand befinden wird. Es wirkt – was bei modernem Funktionalismus nicht selbstverständlich ist – ausgesprochen wohnlich.

Eine Erklärung dafür ist, dass der Architekt selbst darin wohnen wollte. Es wurde nämlich in den Jahren 1929/1930 von dem Architekten Josef Karel Říha für seinen eigenen Gebrauch erbaut. Říha war einer der tschechischen Pioniere des Funktionalismus im Geiste des großen Le Corbusier – vergleichbar nur mit dessen Schüler Karel Stráník, über den wir hier berichteten. Říha selbst wiederum war Schüler von Jan Kotěra (auch hier), der zu den Pionieren der Moderne im Lande gehörte.

Das Haus erfüllt die meisten der Kriterien der Architektur von Le Corbusier. Dazu gehören Fenster, die die Breite des Gebäudes und auch Rundungen der Fassade bedecken, was erst durch die Entwicklung der Skelettbauweise möglich wurde. Auch die viertelrunde Terrasse ist typisch. Sie und die Flachdachbauweise ermöglichte eine großzügigere Begrünung. Das lag dem an Fragen der Landschaftsplanung interessierten Říha besonders am Herzen. Architektur, Gartenbau und Natur sollten für ihn immer eine Einheit sein – ein Anspruch, dem er mit seinem Haus gerecht werden wollte. (DD)

Jakobsleiter in Kobylisy

Roher Beton und Stahl. Brutalistisch ragt der Turm 26 Meter in die Höhe. Nähert man sich von der Ferne, weiß man nicht, ob es sich bei ihm und dem dazugehörigen Gebäude nicht doch um eine Sendestation oder ähnliches handelt. Tatsächlich haben wir es aber mit einem besonders interessanten modernen Kirchenbau zu tun.

Es handelt sich um die Kostel U Jákobova žebříku (Kirche zur Jakobsleiter) in der U Školské zahrady 1 im Stadtteil Kobylisy (Prag 8), die Gemeindekirche der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (Českobratrská církev evangelická) in diesem Stadtteil. Ihr auf den ersten Blick merkwürdiges oder zumindest unkonventionelles Aussehen (das durch die architektonische Öde drumherum noch einmal herausgehoben wird) verdankt sie den zwei Bauphasen, die sie in ihrer spannenden Geschichte durchlief.

Als eigenständige Kirchengemeinde gibt es die in Kobylisy erst seit 1939. Das ehemalige Dorf war nach seiner Eingemeindung im Jahre 1922 stark gewachsen. In den 60er und 70er Jahren wurden zusätzlich große Plattensiedlungen erbaut, Nun wurde auch die seit den 50er Jahren als Gotteshaus genutzte ehemalige Schreinerei zu klein. Ein Ausbau wurde vom kommunistsichen Staat nicht genehmigt. Im Gegenteil: Das Areal sollte ebenfalls mit Plattenbauten überzogen werden. Es gelang der Gemeinde, die Behörden, die in dieser Zeit eine gewisse Entspannung des Verhältnisses zu den Kirchen suchten, zu überzeugen, dass ein neues Grundstück zur Verfügung gestellt wurde. Dank einer Teilfinanzierung aus dem Ausland seitens des Hieronymus-Vereins war der Bau 1968 gesichert.

So wurde die Kirche nun in den Jahren 1968 bis 1971 von dem renommierten Schweizer Architekten Ernst Gisel erbaut. Es handelte sich um ein modernes rechteckiges Gebäude, dessen funktionalistischer Stil durch die Holzarchitektur über dem ersten Stock unkonventionell aufgelockert wurde. Wie bei modernen evangelischen Kirchen üblich, fungierte der Bau nicht nur als bloßes Gotteshaus, sondern auch als soziales Zentrum mit Übernachtungsmöglichkeiten für Besucher. Ursprünglich hieß das Gebäude Heiliggeistkirche, der aber 1997 in Kirche zur Jakobsleiter geändert wurde. Der nunmehr gewählte Name der Kirche bezieht sich auf die im Alten Testament überlieferte Traumvision Jakobs in Genesis 28, 11-19, in der eine in den Himmel führende Leiter erscheint, auf der Engel auf- und absteigen.

Die schlechte Bauqualität (bedingt durch sozialistische Mangelwirtschaft) ließ die Kirche schon in den 80er Jahren leicht baufällig werden. Zudem stießen sich viele Gemeindemitglieder daran, dass die Kirche optisch durch nichts an eine Kirche erinnerte. Im Jahr 2000 ließ man die beiden tschechischen Architekten Radovan Schaufler und Jakub Roskovec die Kirche umfassend renovieren und umbauen. Ihre große Neuerung war der Turm mit zwei Glocken, der ein wenig durch seinen Stahlaufbau an das Motiv einer Leiter erinnerte. Architektonisch war dies eher ein Rückgriff auf den sozialistischen Brutalismus als der Ursprungsbau. Aber er passte und ließ die Kirche etwas kirchlicher aussehen, die nunmehr von vielen Architekturkritikern als ein besonderes Meisterwerk der Moderne in Prag hervorgehoben wird. (DD)

Das Architektenbüro

In den Zeiten der Ersten Republik nach 1918 war die Tschechoslowakei geradezu ein Paradies für die moderne Avantgarde in der Architektur. Kubismus und Funktionalismus waren vor allem in den 1920ern en vogue. Wie überall in Europa zog allerdings in den späten 1930ern ein konservativer Traditionalismus ein.

Ein geradezu überschwängliches Beispiel dafür ist diese große Villa im Libeň (Prag 8) in der Na Stráži 1306/5. Auf einem Hügel platziert wirkt sie schon fast wie eine große Tempelanlage. Dazu passen auch die zeittypisch stark simplifizierten Anlehnungen an klassisch-antike Bauwerke, die aber in diesem Falle nicht zu dem damals in Nazi-Deutschland üblichen Brachial- oder Blut-und-Boden-Klassizismus herabsinken. Trotz der kolossalen Ausmaße entfaltet das Haus ein mediterranes Flair.

Nun ja, das Haus sollte auch so etwas wie eine Vistenkarte mit Werbeeffekt sein. Es wurde nämlich 1940 von dem Architekten Čestmír Vavrouš erbaut, der darin sein großes Architekturbüro betrieb. Die Firma war 1892 von seinem Vater Alois Vavrouš 1892 ursprünglich in Liberec geründet worden. Später wurde daraus die Firma Alois Vavrouš a syn (Alois Vavrouš und Sohn). In den Zeiten der Republik gehörte das Unternehmen mit recht hohem Personalbestand zu den größten der Art mit Filialen im ganzen Land. Ein Jahr nach dem Tod des Vaters verlegte Sohn Čestmír das Hauptquartier nach Prag.

Die Geschichte der Firma verliert sich in den Wirren der Nachkriegszeit und der kommunistischen Machtübernahme. Heute residiert hier eine große Anwaltskanzlei. (DD)

Tag und Nacht in Neobarock

Ella Fitzgeralds berühmtes Lied Night and Day kommt einem sofort in den Sinn, wenn man dieses Haus in der Karmelitská 299/24 auf der Kleinseite betrachtet. Denn zwei sehr barock aussehende Allegorien auf die Nacht und auch den Tag prägen das Äußere des Gebäudes.

Das Haus, über dessen Eingang sie sich befinden, ist allerdings kein originaler Barock, sondern ein besonders originelles Stück Neobarock. Es wurde in den Jahren 1913 bis 1914 von den Architekten Josef und František Kadlec – Letztgenannter ein Schüler des berühmten kubistischen Architekt Josef Gočár (führere Beiträge u.a. hier, hier und hier) – erbaut.

Das vierstöckige Miets- und Wohnhaus, in dessen Erdgeschoss sich heute Läden und ein kleines Restaurant befinden, trägt auch einen Namen: U Svatého Václava (Beim Heiligen Wenzel). Und der Heilige Wenzel befindet sich ebenfalls auf der Fassade. In der Mitte über dem zweiten Stock befindet sich sein von einer sehr opulent gestalteten Kartusche mit Putten sein sehr farbig gehaltenes Portrait. In der Zeit als das Haus erbaut wurde, schmückte er als nationalpatriotische Symbolfigur viele Gebäude (Beispiel hier). Der Einfachheit halber hat sich das kleine Restaurant unten gleich denselben Namen gegeben – U Svatého Václava.

Zurück zu Nacht und Tag: Die mögen von dem 1722 gebauten Privathaus des berühmten böhmischen Barockarchitekten Kilian Ignaz Dientzenhofer inspiriert worden sein, das sich in der Štefánikova im Stadtteil Smíchov befindet (heute Portheimka genannt; früherer Beitrag hier). Jedenfalls sehen sich die Darstellungen schon ein wenig ähnlich – vor allem die Darstellung der Nacht mit ihrem charakteristischen Mond im Haar. Dazu passt, dass sich eines der bekanntesten Gebäude Dientzenhofers, die St. Nikolaus-Kirche (Kostel sv. Mikuláše) am Kleinseitner Ring, in Sichtweite befindet.

Erkennbar ist an den einfach gestalteten Fensterrahemn und den seitlichen Erkertürmen, dass es sich nicht um ein echtes barockes, sondern um ein modernes Haus handelt, das an barocke Formen anknüpft. Der Kontrast wird in den hübschen kleinen Relief-Medaillons über den Seitenfenstern im zweiten Stock sichtbar, die im barocken Stil gehalten sind, aber Portraits von Frauen zeigen, die den modischen Haarstil aus der Zeit der Erbauung des Hauses tragen. (DD)

Die barocke Residenz des ersten Bürgermeisters

Etwas grau und verfallen sieht das Gebäude schon aus. Es könnte den einen oder anderen Eimer Farbe gebrauchen. Aber so passt immerhin der Name recht gut: Dům U Starých Šedivých, zu Deutsch: Das alte graue Haus. Schade, denn auch hier fand Geschichte statt.

Das langgezogene einstöckige Gebäude liegt in der Na Perštýně 309/13, Ecke Průchodní/Ecke Bartolomějská am Rande der Altstadt. Seine alte Barockpracht ist noch erahnbar. Ursprünglich handelte es sich aber nicht um einen Barockbau, denn ursprünglich standen hier vier gotische Häuser aus dem frühen 14. Jahrhundert, die anscheinend zugleich Teil der Stadtbefestigung waren, denn hier endete Prag bevor 1348 mit dem Bau der benachbarten Neustadt als Erweiterung begonnen wurde.

Die gotischen Häuser vielen 1678 einem Feuer zum Opfer. Die mittelalterliche Umgebung kann man an der Westeite, der typisch engen und verwinkelten ul. Průchodní, noch erahnen. Spätestens bis 1726 ist der barocke Wiederaufbau – diesmal nur ein einziges Gebäude – nachweisbar. 1842 erwog man ganz kurz einmal den Abriss, aber schließlich führte man dann doch nur eine gründliche Renovierung mit einigen kaum merklichen klassizistischen Umbauten durch, was im Jahr darauf abgeschlossen wurde. 1863 erfolgte eine weitere Renovierung, die wenig optische Spuren hinterließ.

Erhalten hat sich die schöne barocke Kartusche mit einem Bild der Anbetung der Könige – auch dies leider inzwischen ein wenig verwaschen. Die hübschen Dachgauben – drei an der Zahl – und das Portal der Hofeinfahrt runde ndas Bild eines eigentlich recht stattlichen Hauses ab, das weitaus mehr hermachen würde, wenn man ein wenig Geld in die Renovierung steckte. Unten befindet sich heute ein Souvenirladen, eine Wechselstube und eine Kneipe, die aber wenig zur äußerlichen Attraktivität des eben immer noch recht verfallen aussehenden Gebäudes beitragen.

Denn immerhin wurde das Haus dereinst für würdig befunden, die erste Bürgermeister-Residenz dder Großmetropole Prag zu sein. Eine Plakette über dem Eingang erinnert nämlich an Jan Podlipný, ein führendes Mitglied des nationalen Turnerbunds Sokol (Falke), der als Bürgermeister des Ortes Libeň begann, aber für dessen Eingemeindung zu Prag im Jahre 1901 sorgte und durch weitere Eingemeindungen das heutige Prag schuf. Zur Belohnung bekam er später nicht nur ein Denkmal in Libeň, über das wir bereits berichteten. Nein, er wurde auch 1896 der erste Bürgermeister des neuen Prags. Und als solcher zog er hier in dieses Haus ein, denn die heutige offizielle Residenz des Bürgermeisters (Rezidence primátora) gibt es ja erst seit 1928 (früherer Beitrag hier).

Deshalb findet sich über dem Portal eine Gedenktafel zu seinen Ehren. Sie wurde zu zu Podlipnýs 10. Todestag im Jahre 1924 angebracht und wurde von dem Architekten Alois Dryák gestaltet, der das genau gegenüberliegende kubistische Haus der Berufsgenossenschaft (Odborový dům) entworfen hatte. Der Text der dem umgebenden Barockstil feinfühlig angepassten Tafel lautet: „Hier lebte und starb am 19. März 1914 Dr. jur. Jan Podlipný, erster Vorsteher des Sokol und Bürgermeister von Prag. Gestiftet von der tschechoslowakischen Sokol-Gemeinschaft, 19. III. 1924“. (DD)

Kubismus und Posthörner

Damals sorgte man sich anscheinend um das Wohl der in der Firma Beschäftigten. Die Wohnungen für dieselben befanden sich in den oberen Stockwerken eines Gebäudes, das sogar „Palast“ genannt wurde – der Radiopalast – Haus der Post- und Telegraphen-Angestellten (Radiopalác – Dům zaměstnanců pošt a telekomunikací) in der der Vinohradská 1789/40 in Prag 2.

Und in den unteren Stockwerken gab es ein reiches Kulturangebot. Dem dient das Gebäude mit seinem Restaurant und den zwei großen Sälen, in denen Bühnen- und Musikveranstaltungen, Feiern und Bälle, Konferenzen und Kongresse, Bankette und Hochzeiten, Theater und Kabarett stattfinden, auch immer noch. Der Radiopalast ist eines von drei Kolossalgebäuden, die der Architekt Alois Dryák hier in der direkten Umgebung in Vinohrady in den 1920er Jahren entworfen hatte – neben dem Orbis Palast (Palác Orbis, wir berichteten hier) in der Vinohradská 1896/46 under Nationalen tschechoslowakischen Tabak-Direktion (früherer Beitrag hier) in der Slezská 2000/9. Der Radiopalast entstand in den Jahren 1922 bis 25.

Selbst im Kontext der vielen Prachtfassaden, die man in diesem Stadtteil findet, ist die des Radioplastes ungewöhnlich. Es handelt sich um ein grandioses Beispiel für den Rondokubismus, der übrigens eine tschechische Spezialität ist. Dabei werden die für den Kubismus typischen geometrischen Elemente für eine eher ornamentreiche und folklorische Formensprache, setzt, was eigentlich dem funktionalistischen Grundgedanken des Kubismus früherer Zeit widerspricht, aber auf originelle Modernität und Tradition vereint. Besonders putzig sind die kleinen Posthörner in Stuck, die man allenthalben auf der Fassade findet, und die daran erinnern, dass das Gebäude ursprünglich für Post- und Telegraphenangestellte gebaut wurde.

Der Eingangsbereich deutet bereits darauf hin, das innen weniger der optisch überbordenen rondokubistische Stil angesagt ist, den Dryák so beherrschte (ein anderes Beispiel findet sich hier). Hier ist eher ein schlichter Art Déco-Stil angesagt. Hübsch ist auch das Sternsymbol mit den Blitzen, die wohl für die (damalige) Modernität des Telegraphenwesens stehen sollen.

Mit seinen 1550 Quadratmetern Nutzfläche ist das Gebäude mit seiner riesigen Fassade tatsächlich ein Bauwerk von palastartigen Dimensionen. Trotz der traditionell wirkenden Ornamentik der Fassade handelt es sich um ein äußerst modernes Gebäude – eine Skelettbaukonstruktion mit Ziegelfüllung. Zu der Modernität gehörte übrigens damals, dass neben traditionellen Bühnensälen auch ein Kino hier sein Domizil fand. Das wurde leider in den 1990er Jahren abgerissen. Heute beherbergt der Palast zwar nicht mehr nur Postbeamte, aber es gibt immer noch die kulturellen Einrichtungen und ein Restaurant. (DD)

Dokument der Freiheit und des Mutes

In der Freiheitsgeschichte des Landes spielt sie eine nicht zu überschätzende Rolle: Die Charta 77. Heute vor 44 Jahren, am 6. Januar 1977, gelangte das bescheiden aussehende, mit einer Schreibmaschine handgetippte Dokument an die Öffentlichkeit. Das Dokument, das heute als einer der Nägel zum Sarg der kommunistischen Tyrannei gilt, ist eines der bedeutendsten Ausstellungsstücke im großen Nationaldenkmal auf dem Vítkovberg.

Im Zuge der Entspannungspolitik hatten die westlichen Demokratien dem Sowjetblock für Versprechen in Sachen Wirtschaftshilfe ein Bekenntnis zur Wahrung von Menschenrechten abgetrotzt, etwa in der Helsinkischlussakte von 1975. Man dachte sich unter den kommunistischen Regierenden, das sei ein bloßes Lippenbekenntnis, und der Westen, der sich zum Prinzip der Nichteinmischung bekannt hatte, könne nichts tun, um die Verletzungen von Rechten zu ahnden.

Aber die Bürger der kommunistischen Staaten – auch in der damaligen Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (ČSSR) – machten einen Strich durch diese Rechnung. Sie beschlossen, ihre Regierungen beim Wort zu nehmen, und das einzufordern, was die in Helsinki unterschrieben hatten. Als 1976 die Mitglieder der systemkritischen Band Plastic People of the Universe in Prag auf offener Bühne verhaftet werden, setzte sich eine Gruppe Oppositioneller – vor allem, aber nicht nur Kulturschaffende – zusammen, um ein Signal zu setzen. Ende Dezember verfassten sie eine Petition. Darin klagten sie an, in ihrem Lande herrsche „ein System faktischer Unterordnung sämtlicher Institutionen und Organisationen im Staat unter die politischen Direktiven des Apparats der regierenden Partei und unter die Beschlüsse machthaberisch einflussreicher Einzelpersonen“

Das Recht, nicht in Furcht vor Repression zu leben, das Recht auf Bildung (das vor allem Kindern von Dissidenten verweigert wurde), das Recht auf Meinungsäußerung, das Recht auf Religionsausübung – alles dies nehme das System den Menschen, klagen die Autoren ein. Die Gruppe nahm den Namen der Petition – Charta 77 – an und blieb unter dieser Bezeichnung bis nach der Samtenen Revolution (1989) aktiv.

Die Autoren, das waren hauptsächlich der Schriftsteller (und später der erste demokratische Präsident des Landes) Václav Havel und der Philosoph Jan Patočka. Als das Dokument veröffentlicht wurde, hatten bereits 242 Menschen unterzeichnet, darunter der spätere Außenminister Jiří Dienstbier, der Schriftsteller Pavel Kohout oder die Pop-Sängerin Marta Kubišová. Fast alle Erstunterzeichner mussten schwere Repressalien – Verhaftung, Bespitzelung, Berufsverbot, Exil – hinnehmen. Patočka starb einige Zeit nach der Veröffentlichung an den Folgen von Verhören durch die Staatssicherheit, nachdem er sich heimlich mit dem niederländischen Außenminister Max van der Stoel getroffen hatte, der damals auf Besuch im Land war.

Von einer echten Veröffentlichung konnte man erst Reden, als westliche Medien wie Times, Le Monde und FAZ, denen man den Text zugespielt hatte, intensiv darüber berichteten. Die Regierenden konnten die Sache nicht mehr diskret unter den Tisch kehren. Eine Gegenkampagne wurde initiiert, die möglicherweise der Charta 77 erst richtig zur Bekanntheit im Lande verhalf. Am 28. Januar ließen die Machthaber im Nationaltheater öffentlich eine Anti-Charta unterzeichnet. Insbesondere prominente Künstler wie Karel Gott unterzeichneten, dass sie die Charta 77, die sie eigentlich hätten gar nicht lesen dürfen, für ein reaktionäres Machwerk hielten.

Ende der 1980er Jahre hatten bereits über 6000 Menschen die echte Charta unterschrieben – trotz der zahlreichen Repressionen, die mit so einem Akt des Mutes verbunden waren. Sie trugen so zur Delegitimierung des Regimes bei, das dann 1989 zusammenbrach. (DD)

Modernes Verlagshaus

Über dem Globus schwebt ein offenes Buch, gehalten von zwei Adlern. Eigentlich sagt diese Skulptur, von der es über dem Eingang zwei identische gibt, alles über den Zweck des Gebäudes aus.

Das Haus des Orbis Verlags (nakladatelství Orbis) in der Vinohradská 1896/46 (Prag 2) wurde nämlich 1925 von dem Architekten und Universitätsprofessor Alois Dryák für den vom Außenministerium der Tschechoslwakischen Republik gegründeten Buch- und Presseverlag Orbis und dessen Druckerei gebaut. Den Verlag gibt es nicht mehr und heute residiert hier CzechTourism, der Verband öffentlicher Tourismusagenturen. Aber die Attribute des ursprünglichen Zecks sind erhalten geblieben, nicht nur die Adler, sondern auch der große Schriftzug O.R.B.I.S. über dem dritten Stock.

Dass möglichst viel vom ursprünglichen Zustand des sechsgeschossigen Bauwerks erhalten geblieben ist, dafür sorgt schon der seit 1964 bestehende Denkmalschutz. Unter dem steht es natürlich zu Recht. Denn es gehört zu dem Trio bedeutender Gebäude, die Dryák dicht beieinander hier in Vinohrady hinterlassen hat. Dazu gehört der unmittelbar benachbarte Radiopalast (früherer Beitrag hier) und den nahen Hauptsitz der nationalen tschechoslowakischen Tabak-Direktion (Beitrag hier). Von einem Dryákschen „Triptychon“ spricht man manchmal.

Dryák war ein mit einer großen Freude am Experiment begabter Architekt, der eine Vorliebe für ausgesprochen originelle Fassadengestaltung hatte. In seiner Frühphase dem Jugendstil verpflichtet (früheres Beispiel hier), versuchte er sich bald in frühfunktionalistischen oder kubistischen Entwürfen (Beispiel hier). Den Einfluss des Kubismus erkennt man besonders schön an dem aus Dreiecksformen gebildeten Dachgiebel.

Das fünfstöckige Gebäude schuf Platz für viele Büros (nicht nur des Verlages), ein Papierlager, Druckereien und Redaktionsräume. In modernster Skelettbauweise konstruiert, beinhaltet das Gebäude auch viele funktionalistische Elemente, was vor allem auch für den Erweiterungsbau, den Dryák 1927/28 innen im Hof errichtete. Das Orbis-Gebäude hat jedenfalls viel dazu beigetragen, dass Dryák unter Kennern als eine der großen modernen Architektengestalten Prags gilt.(DD)

Verehrter Komponist

Karel Bendl ist heute nicht mehr sehr vielen Menschen bekannt. Aber in seiner Zeit gehörte er durchaus zu den großen Komponisten Böhmens und hatte etliche prestigereiche Positionen inne.

Zeitgenossen sahen ihn als fast ebenbürtig mit den heute ungleich bekannteren Komponisten Bedřich Smetana und Antonín Dvořák. Und tatsächlich sprang er für die ab und an ein – er löste Smetana als Leiter der (damals sehr patriotischen) Gesangsvereinigung Hlalol ab und führte sie zu Weltruhm. Dvořák 1892 nach Amerika abreiste, wo er Inpiration für sein bekanntestes Meisterwerk, der 5. Symphonie Aus der Neuen Welt (1893) fand, da übernahm Bendl dessen Klasse für Komposition am Prager Konservatorium, eine Position. die er dann auch bis an sein Lebensende 1897 innehatte. In den Jahren 1874 bis 1875 war er zweiter Kapellmeister des Nationaltheaters (Národni divadlo), das damals noch in einem provisorischen Gebäude residierte (der heutige Bau entstand 1881).

Zahlreiche Kompositionen machte in im ganzen Lande bekannt, etwa die komische Oper Starý ženich (Der alte Bräutigam) von 1883 oder das Instrumentalstück Jihoslovanská rhapsodie (Südslawische Rhapsodie). Wie auch Smetana, versuchte Bendl auch immer wieder nationale und panslawistische Themen in seiner Musik zu verarbeiten. Smetana selbst ließ es sich übrigens nicht nehmen, 1869 die Premiere von Bendls zu Lebzeiten bekanntester Oper Léjla (zu der die berühmte Frauenrechtlerin Eliška Krásnohorská – früherer Beitrag hier – das Libretto beigetragen hatte) in Anerkennung seines Kollegen daselbst zu dirigieren.

Dass Bendl ein Denkmal verdient hat, steht also außer Frage. Und tatsächlich befindet sich seit 1916 ein recht stattliches Denkmal für ihn an der Ecke Pod Kaštany/Na Zátorce im Stadtteil Dejvice (Prag 6) auf einer hübschen kleinen und grünen Verkehrsinsel. Es handelt sich um ein Werk des Bildhauers Stanislav Sucharda, der unter anderem das große Monument des großen Nationalhistorikers František Palacký (früherer Beitrag hier) am Moldauufer erschaffen hatte – also nicht gerade ein unbekannter.

Sucharda war ein Meister des späten Jugendstils und in diesem Stil ist das aus Sandstein geschlagene Denkmal Bendls auch gehalten. Es handelt sich um eine Büstes des Komponisten, die auf einem unten sechseckigen, oben zylindrischen Sockel steht, der von zahlreichen Figuren umringt ist. Die Figur auf der Rückseite trägt eine Inschrift auf der Brust, die besagt, dass das Denkmal von einem Bürgerverein 1915/16 in Eigeninitiative gestiftet worden sei – ein Ausdruck der Verehrung, die man damals dem Komponisten entgegenbrachte. (DD)