Klassisch böhmisch und total hip

Wenn man eintritt, sollten die Augen nach oben gerichtet sein. Die Decke ist einzigartig. Von oben hängen Schweine in Stuck herab, so als ob die Schwerkraft für sie nicht gelte. Auch Hühner, grasende Kühe, Forellen, Enten, Hirsche und anderes Getier sieht man. Ja, im Grunde sieht man schon, was man gleich zum Essen bekommt (es sei denn, man ist Veganer)..

Wir befinden uns im Restaurant Vinohradsky Parlament in der Korunni 820/1, direkt am Náměstí Míru (Friedensplatz) im Stadtteil Vinohrady (Prag 2). Warum das Restaurant behauptet, das Parlament des Stadtteils Vinohrady zu sein, konnte ich noch nicht herausfinden. Das große Národní dům (Nationalhaus) von 1894, in dem das Restaurant residiert, ist zwar ein kommunales Kulturzentrum, aber keine Volksvertretung.

Auf jeden Fall ist das Vinohradsky Parlament eines der originellsten Restaurants in Prag, was die Innenarchitektur und -ausstattung angeht. Das gilt nicht nur für den Hauptraum, sondern auch für die Nebenräume, wenngleich auch ohne den animalischen Stuck. Jedenfalls trägt es dazu bei, dass das Restaurant zurzeit bei jung und alt total angesagt und hip ist.

Das Vinohradsky Parlament gibt es eigentlich schon seit 2014, aber erst nach einem größeren Umbau in der ersten Hälfte des Jahres 2019 bekam es den modernen Schliff, der es jetzt so einzigartig macht. Dafür sorgte das Architekturbüro Atelier PH5 unter der Leitung des bekannten Architekten und Designers Václav Červenka, der sich in Prag schon öfters der Gestaltung von Restaurants angenommen hatte (Beispiel: das Bistro Sisters), aber sich selten so wild austoben konnte wie hier im Vinohradsky Parlament.

Dabei ist das eigentliche kulinarische Angebot durchaus eher konservativ. Den umtriebigen Besitzern Viktor Kaplan und David Petřík, die übriges ein ganzes Netzwerk unterschiedlicher Restaurants unter dem Namen Together betreiben, ging es darum, traditionelle böhmische Küche ein wenig zu modernisieren (das macht Chefkoch Jan Pipal) und einem jüngeren Publikum, das mehr auf hippe Sachen steht, imagemäßig schmackhaft zu machen. Im Bild sieht man den Klassiker Tatarák s topinkou a česnekem in hauseigener Weise zubereitet. Das Konzept scheint voll auzugehen.

Der Grund mag sein, dass es halt ein alleinstellendes Merkmal als böhmisch-hip hat und daher nicht mit dem anderen Restaurant einen existenziellen Wettbewerb führt, das Kaplan und Petřík unmittelbar angrenzend im selben Gebäude betreiben, nämlich das Bruxx (wir berichteten bereits hier), das beweist, das Tschechen immer noch die besten Belgier sind und daher auch das beste belgische Restaurant überhaupt betreiben können. (DD)

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