Die Geschichte zweier Präsidenten

War es der Zufall, der es so wollte? Auf dem Friedhof Vinohrady (Vinohradský hřbitov) in Prag befinden sich die letzten Ruhestätten zweier Präsidenten, die beide gezwungen waren, sich mit den Schrecken eines totalitären Regimes auseinanderzusetzen, und die beide dabei einen unterschiedlichen Weg wählten: Václav Havel und Emil Hácha – sie beide mussten harte Gewissensentscheidungen treffen angesichts des ungehemmten Bösen, das ihnen gegenüberstand. Für den einen endete die Begegnung mit dem Bösen mit Ruhm, für den anderen mit einer Tragödie.

Václav Havel ist heute zweifellos der bekanntere von beiden. Und er ist derjenige, den die Menschen im Lande immer noch – fast ein Jahrzehnt nach seinem Tode – verehren und feiern. Sein Grab, das von dem bekannten Bildhauer Olbram Zoubek (frühere Beiträge hier und hier) gestaltet wurde, ist immer noch eine wahre Pilgerstätte und ständig mit Blumen und Kränzen überschüttet.

Havel, der schon als Schüler wegen seiner bürgerlichen Herkunft schweren Repressalien seitens der Kommunisten ausgesetzt war, hatte sich früh dem Theater zugewandt. Seine Stücke, etwa Zahradní slavnost (Das Gartenfest) von 1963, standen in der Tradition des absurden Theaters, die ihm besonders geeignet schien, die echten Absurditäten des realexistierenden Sozialismus bloßzustellen. Als Vorsitzender eines von den Kommunisten unabhängigen Schriftstellerverbandes rückte er zur Zeit des Prager Frühlings von 1968 in die erste Reihe der Dissidenten auf. In der „Normalisierung“ genannten Zeit der Repression wurde er dreimal verhaftet und verbrachte insgesamt fünf Jahre im Gefängnis. Aber er gab nicht auf. Mit einigen Mitstreitern lancierte er die Charta 77, die zum zentralen Dokument der Opposition und am Ende die Grundlage der Samtene Revolution von 1989 wurde, die den kommunistischen Spuk beendete. Im Dezember 1989 wurde er der erste Präsident der neuen Demokratie und behielt diese Funktion auch nach der Trennung der Slowakei von Tschechien (1993) bis zum Ende seiner zweiten Amtszeit 2003. Fortan setzte er sich für Menschenrechte in aller Welt und für die europäische Einigung ein. 2011 starb er – zurecht bewundert und verehrt von den Bürgern seines Landes und Menschen in aller Welt.

Das Grab Havels, in dem er zusammen mit seiner ersten Frau Olga ruht, liegt im Friedhof deshalb auch an prominentester Stelle, in den Arkaden der Kapelle des Heiligen Wenzel (Kaple svatého Václava). Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Familie Havel zum Großbürgertum der Stadt gehörte und hier schon lange ihre Familiengruft hatte, die jetzt noch einmal ausgebaut wurde. Neben dem Grab des Präsidenten befindet sich hier die Grabtafel seines Großvaters Václav Havel, eines bekannten Großunternehmers. Auch der Vater, ebenfalls Václav Havel mit Namen, liegt dort. Er war in den 1930er Jahren einer der Begründer der Barrandov Studios und damit der tschechoslowakischen Filmindustrie. Havel – das war in Prag von je her ein besonderer Name. Und Václav Havel, der große Dissident und Präsident, wurde zu einer Lichtgestalt in seinem Land und in der Welt.

Ganz anders steht es um das Grab von Emil Hácha. Es liegt abseits von den Wegen im hinteren Teil des Friedhofs und ein wenig versteckt hinter Büschen. Während der Zeit des Kommunismus durfte nicht einmal sein Name auf dem Stein stehen. Das hat sich geändert und ab und an legen Menschen hier doch einen Kranz nieder. Aber es sind nicht anähernd so viele wie bei Havel. Die Monstrosität, mit der Hácha sich auseinandersetzen musste, war nicht der Kommunismus, sondern der Nationalsozialismus, der mit der deutschen Besatzung 1939 kam.

Die Tschechoslowakei war 1938 mit dem schändlichen Münchner Abkommen von seinen westlichen Alliierten Frankreich und Großbritannien im Stich gelassen worden und musste große Gebiete an Nazideutschland abtreten. Der bisherige Präsident, Edvard Beneš, trat zurück. Auf Hácha, ein anerkannter Jurist und überzeugter Demokrat, fiel nunmehr das schwere Los, Präsident einer untergehenden Republik zu werden. Am 14. März 1939 sorgte Hitler dafür, dass sich die Slowakei als Nazi-Vasallenstaat von der Tschechoslowakischen Republik abspaltete. Hácha wurde nach Berlin zitiert. Den bereits herzkranken Hácha ließ man zunächst stundenlang warten, während er einen schweren Herzschwächeanfall erlitt. Dann drohten Hitler und Göring ihm, Prag in Schutt und Asche zu bomben, wenn sich die Rest-Tschechei nicht umgehend als nur noch formell unabhängiges „Protektorat Böhmen und Mähren“ unter den „Schutz“ Hitlers stellen würde. Wissend, dass niemand seinem (ohne Bündnispartner) nun militärisch schutzlosem Land helfen würde, gab er nach. Am nächsten Tag verwarf auch das Kabinett die Idee, einen aussichtslosen Kampf zu führen, und stimmte zu. Deutsche Panzer rollten nun durch die Straßen Prags.

Anfänglich versuchte Hácha noch, sein Amt so zu nutzen, dass er die Folge nder Nazidiktatur abmildern konnte. Er hielt zunächst noch geheimen Kontakt zum Widerstand. In der Folge wurde er aber immer mehr durch die Nazis isoliert und auch seine Gesundheit erlaubte ihm kaum mehr sein Amt zu führen. Die Nazis behielten ihn als ja tatsächlich gewählten Präsidenten nominell im Amte – auch mit dem Kalkül, dass die Westalliierten deshalb das Protektorat als Staat anerkannten und die eigentliche Exilregierung in London im Regen stehen ließen (als Folge des Münchner Abkommens). Machtlos und gedemütigt musste er zusehen, wie nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich 1942 die Mordmaschinerie der Nazis im Lande immer brutaler agiert. Er konnte nicht verhindern, dass die Nazis den von ihm benannten Ministerpräsidenten Alois Eliáš (siehe früherer Beiträge hier und hier) gnadenlos ermordeten. Die Nazis verfolgten Hácha nun mit Hohn, der Widerstand mit tiefem Misstrauen. Er galt als Kollaborateur. Und die braunen Machthaber spannten ihn immer wieder in ihre Propaganda ein. Er selbst war überzeugt, er habe die Tschechen 1939 vor einem Blutbad geschützt. Als im Mai 1945 die Nazis vertrieben wurden und die Rote Armee das Land besetzte, wurde Hácha verhaftet und ins Gefängnis von Pankrác gesteckt, wo er im Juni unter ungeklärten Umständen starb. Viele Tschechen glauben heute, dass man das Ende des bereits Todkranken damals vorsätzlich ein wenig „beschleunigte“.

Es ist schwer bei dem Vergleich zwischen Havel und Hácha, die nun so nahe beieinander in ihren Gräbern liegen, ein faires Urteil zu fällen. Havel hatte sich nicht kompromittiert. Der Erfolg der Samtenen Revolution krönte seinen Willen zum Widerstand, den er leistete. Er wurde zum Vorbild aller Freiheitsliebenden. Aber der Erfolg ist ein Kriterium, das man erst hinterher anlegen kann, und dass vorher nicht als Maßstab für die ethische Bewertung seiner Handlungen angeführt werden kann. Denn: Fundamentaler Widerstand, der nur Opfer erfordert, aber keine Besserung? Wäre das eine Option? Havel hatte Glück, dass er im wesentlichen sich selbst durch seine Taten gefährdete. Hácha war amtierender Präsident und verantwortlich für Millionen Menschen. Eine unbeugsame Haltung gegenüber Hitler hätte tausenden Unschuldigen das Leben kosten können. Was wäre gewesen, wenn Hácha tatsächlich durch Kollaboration unzähligen Menschen hätte helfen können? Die demokratische Regierung Dänemarks arbeitete nach der Besetzung des Landes pragmatisch mit den Nazis zusammen und es gelang ihr dabei, fast sämtliche Juden im Lande vor dem Holocaust zu retten – wofür man sie heute noch feiert. Hácha war dieser Erfolg nicht vergönnt, sondern nur tiefste Demütigung.

Die Geschichte der beiden Präsidenten auf dem Friedhof von Vinohrady lässt einen jedenfalls ins Grübeln kommen. (DD)

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