Der älteste jüdische Friedhof

Erst seit 2016 wird der vorbeikommende Passant wieder daran erinnert, dass sich hier in der Neustadt bei den Straßen Purkyňova und Vladislavova der Judengarten (Hortus Judaeorum) befand bzw. teilweise noch befindet. Der älteste jüdische Friedhof Prags wurde wohl schon im frühen 13. Jahrhundert angelegt.

Damals nahmen die die böhmischen Könige ihre Schutzpflicht gegenüber den Juden sehr ernst. Deshalb ist eine Erwähnung des Friedhofs durch König Otakar II. aus dem Jahr 1255 erhalten, der ein Gesetz erließ, dass jede Form von Vandalismus gegenüber den jüdischen Gräbern drakonisch bestraft werde. König Wenzel IV. garantierte 1410 den Juden den – gemäß ihrer Religion verpflichtenden – Ewigkeitsstatus. Der Friedhof wuchs auf stattliche 48.000 qm an und es wurden Juden aus der ganzen Umgebung Prags hier beerdigt. Die Ewigkeitsgarantie währte leider nicht ewig. 1478 ließ König Vladislav II. im Zuge einer Stadterweiterung der Neustadt en Friedhof. Einiges wurde anschließend durch den Stadtaufbau zerstört, viele Gräber aber auch einfach überbaut. Von nun an sollte der wesentlich kleinere neue jüdische Friedhof im Judenghetto Josefov (Josefstadt) in der Altstadt die Funktion des Judengartens übernehmen.

1866 fand man bei Bauarbeiten einige der Gräber wieder. Sie wurden exhumiert und in einem Denkmal beim Friedhof in Josefov eingemauert, was klar gegen den jüdischen Totenritus verstieß. 1998 fand man beim Bau einer Tiefgarage gleich ein archäologisch wertvolles zusammenhängendes Gräberfeld mit über 400 Gräbern. Diesmal wollte man sensibler agieren. Es folgten Verhandlungen mit der jüdischen Gemeinde Prags. Einige bereits beschädigte Gräber wurden auf den Neuen Jüdischen Friedhof (Nový židovský hřbitov), über den wir bereits hier berichtet haben, nach Žižkov umgebettet.

Insgesamt rund 160 Behältnisse mit menschlichen Überresten wurden dafür unter einem der erhaltenen Schreine (der dafür gesondert dorthin transportiert wurde) an zentraler Stelle des neuen Friedhofs begraben, was aber allenfalls als traurige Notlösung galt. Aber der Schrein ist eines der wenigen noch sichtbaren Relikte des ältesten jüdischen Friedhofs (Bild links). Für die intakt gebliebenen Gräber verhandelte im Jahr 2000 man eine Lösung, die dem jüdischen Gebot der ewigen Unantastbarkeit von Gräbern Rechnung trug. Baupläne wurden geändert und die verblieben Gräber unzugänglich mit einer großen Betonumhüllung versehen.

Davon sieht der Passant draußen auch der Straße nichts. Wo ein Erinnerungsort sein sollte, war lange Zeit schlichtweg keiner. Deshalb wurde 2016 auf der kleinen Purkyňova Straße ein von dem Architekten Richard Sidej gestaltetes Denkmal aufgestellt und unter großer Beteiligung der jüdischen Gemeinde und der Prager Kommunalpolitik würdig eingeweiht. Auf vier, an Grabsteine erinnernden Tafeln wird in Hebräisch, Tschechisch und Englisch an den geweihten Ort erinnert. Es wird auch gesagt, das laut einer Schriftquelle, dem Seder HaDoroth, einem aus dem frühen 18. Jahrhundert stammenden Buch der Generationen, Shlomo Yitzchaki Rashi, ein im 11. Jahrhundert lebender Gelehrte, der bedeutende Kommentare zur Torah und Talmud schrieb, hier begraben sein soll. Das ist eher ungesichert, starb der doch in der französischen Stadt Troyes und lebte lange vor der Entstehung des Prager Friedhofs. An der historischen Bedeutung des Ortes ändert das nichts. (DD)

Artilleristengräber an der Bastion

Man muss ein wenig suchen, bis man sie findet. Die Grabsteine befinden sich fast versteckt am Fuße der Bastion X der barocken Stadtbefestigung des Burgbezirks (Hradčany) – im unteren Teil des von Schnellstraßen umgebenen, aber dann doch recht großen und grünen Max van der Stoel Parks. Man muss schon wissen, wonach man sucht, um sie zu finden.

Prag ist vor allem im 18. Jahrhundert oft belagert worden und es gab daher viele Garnisonen zu seiner Verteidigung. Folglich gab es auch viele, über die Stadt verteilte Soldatenfriedhöfe. Nur von wenigen findet man noch sichtbare Spuren, seitdem sie Anfang des 20. Jahrhunderts samt und sonders aufgelöst wurden und militärische Begräbnisse aller Arten (Beispiel hier) seither nur noch auf den Olšany Friedhöfen (Olšanské hřbitovy; wir berichteten hier) oder außerhalb der Stadt stattfinden.

Die Rede ist vom Soldatenfriedhof von Střešovice (Střešovický Vojenský Hřbitov). Der wurde 1786 unter Kaiser Joseph II. für die Garnison des Artillerieregiments des damals ummauerten und befestigten Burgbezirks eingerichtet. Die Lage des Areals für den Friedhof war ideal, erfüllte sie doch des Kaisers Vorgabe, dass Friedhöfe (ganz gleich, ob militärisch oder zivil) aus den Innenstädten zu verschwinden hätten, war aber gleichzeitig so dicht von außen an den Bastionsmauern angelegt, dass die Angehörigen nicht weit laufen mussten, um den Toten Ehre zu erweisen. Da Prag 1757 während der Belagerung der Stadt im Siebenjährigen Kriegs das letzte Mal real militärisch bedroht worden war, dürften die meisten dort damals Begrabenen nicht Kriegsgefallene gewesen sein. Auch friedlich in einer Garnison untergebracht, sterben Soldaten ja irgendwann und müssen begraben werden. Die meisten tatsächlichen Kriegsopfer wurden hier während der Napoleonischen Kriege und dem Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 begraben, bei dem die Artilleristen außerhalb der Heimat Prag eingesetzt wurden, aber meist doch hier ihre letzte Ruhestätte fanden.

Bis 1906 fanden auf dem recht großen Areal noch Beerdigungen (zu diesem Zeitpunkt teilweise auch zivile) statt. In diesem Jahr wurden etliche Soldatenfriedhöfe aufgelöst und desekriert, etwa der große ehemalige Soldatenfriedhof von Karlín, von dem nur die Kapelle, aber seit seiner Auflösung kein Grabstein überlebte (wir berichteten hier). Das war im Falle des ebenfalls desekrierten Friedhofs Střešovice nicht in diesem Umfang der Fall. Etliche Soldaten wurden auf den weit außerhalb gelegenen Soldatenfriedhof in Štěrboholy (wir berichteten hier) umgebettet. Einige Gräber blieben und wurden noch bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg und in der Ersten Republik von Hinterbliebenen gepflegt. Vor allem blieb eine größere Menge Grabsteine erhalten. Die Situation verschlechterte sich allerdings markant, als in den 1930er Jahren der Park in eine Sportanlage umgewandelt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten sich Gartenkolonien hier breit, die weiteren Schaden anrichteten. 1987 erbarmten sich die Behörden und das Areal wurde unter Denkmalschutz gestellt.

Es begannen Restaurationsarbeiten. Die meisten der Grabdenkmäler und -platten wurden sehr einfühlsam und sorgfältig an den Mauern der Bastion angebracht, die man nun nachdenklich und interessiert entlang spazieren kann. Da findet man zum Beispiel das prächtige Grabmal von General Wenzel Schipka von Blumenfeld, der 1866 starb. Als Kuriosum bemerkt man, dass das oben eingemeißelte Familienwappen schräg auf dem Kopf steht (Bild rechts, aber auch großes Bild oben). Das soll symbolisieren, das mit dem dort Beerdigten der letzte seines Geschlechts, einer alten Ritterfamilie, gestorben war.

Ein anderer Prominenter, dessen Grabstein man noch sehen kann, war Josef Jüttner, Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften und Kommandant der Prager Artilleriebrigade, der als Kartograph 1811 bis 1816 den ersten auf geodätischer Basis erstellten Stadtplan Prags anfertigte. Allerdings fehlen bei vielen Grabsteinen die Inschriften, wie man am Bild links erkennen kann – eine traurige Folge von Vandalismus. DIe Denkmalpfleger arbeiten emsig daran, dass möglichst viele Inschriften wieder restauriert und rekonstruiert werden.

Weiter im Süden des Parks steht man dann vor einem großen Denkmal, einem Kreuz, das in einer sternförmigen Umbauung steht, die dem Grudriss der Bastion ähnelt. Es markiert die Stelle, wo einst 28 preußische Soldaten beerdigt worden waren. Preußen? Aber Prag war doch österreichisch und wurde auch nicht von Preußen erobert, oder? Nun, das war eine Folge des Preußisch-Österreichsichen Krieges von 1866. Nachdem Österreich die Schlacht von Königgrätz (Hradec Králové) verloren hatte, kam es zu Friedensverhandlungen. Die endeten mit dem Frieden von Prag am 23. August 1866. Kapituliert hatten die Österreicher aber schon im Juli, als der Vorfrieden von Nikolsburg die Kampfhandlungen beendete, was wiederum die Friedensverhandlungen in Prag erst möglich machte. Während der Verhandlungen konnte ein kleineres preußisches Truppenkontingent – darunter auch Artillerie – in Prag stationiert werden. So waren sie hierher gekommen und die 28 hier Begrabenen gehörten zu ihnen. Sie hatten am 25. August 1866 aus Versehen eine Munitionsexplosion ausgelöst und waren dabei ums Leben kamen. Sie wurden nun Seite an Seite ihrer früheren Gegner, den österreichischen Artilleristen begraben.

Am Anfang gab es hier nur ein einfaches Schachtgrab, Das Denkmal in der heutigen Form wurde erst 1890 mit Hilfe von Spenden des Hilfsvereins Deutscher Reichsangehöriger zu Prag (heute würde man von deutschen „Ex-Pats“ reden) . „Hier ruhen in Gott 28 Preußische Soldaten“, besagt die Inschrift auf dem Sockel des Kreuzes. Und darunter steht das Bibelzitat: Jesus Christus sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben (Johannes 11,25). Nach einer aufwändigen Renovierung im Jahre 2018 sieht das Grabdenkmal wieder blitzblank und gut in Schuss aus. Das ist schön. Immerhin scheinen die Wunden, die der Krieg von 1866 aufgerissen hat, verheilt zu sein. (DD)

Friedhofskapelle mit dramatischer Geschichte

Etwas verloren steht sie da am Fußes des Vítkovberges im Stadtteil Karlín, die kleine Kapelle – dort wo einst so viele Soldaten ihre letzte Ruhestätte fanden. Aber immerhin in vorbildlich renoviertem Zustand. Dadurch sieht man ihr ihre dramatische Geschichte nicht an, die nun hoffentlich ihr glückliches Ende gefunden hat.

Um diese Geschichte zu verstehen, muss man wissen, dass Karlín bis 1817 außerhalb der Stadt lag. Erst danach wurde das Areal als Vorstadt Prags (damals unter dem deutschen Namen Karolinenthal) erschlossen. Zuvor herrschte hier fast ausschließlich das Militär. Es gab unzählige riesige Kasernen und vor allem die alte, 1737 fertiggestellte Invalidenanstalt (Invalidovna) für verarmte und behinderte Veteranen (wir berichteten hier), die 1984 ein Drehort für den Mozartfilm Amadeus werden sollte. Und Soldaten sterben nun einmal – so oder so. Und deshalb gab es hier in Karlín natürlich auch einen großen einen Soldatenfriedhof.

Die Kapelle des Soldatenfriedhofs von Karlín (Kaple vojenského hřbitova v Karlíně), die der Jungfrau Maria gewidmet ist, ist heute der einzige sichtbare Überrest des alten Friedhofs. Sie wurde 1753 bei der Anlage des Friedhofs erbaut. Es handelt sich um ein einfaches Barockgebäude mit rechteckigem Grundriss und abgerundeten Ecken, die mit Eckpilastern ausgestattet sind. Auf dem Tunnelgewölbe befindet sich ein kleiner Glockenturm.

Im Juni 1813 wurde hier der preußische Reformpolitiker und General Gerhard von Scharnhorst aufgebahrt, der gerade aus Wien von politischen Verhandlungen auf dem Weg nach Berlin hier in Prag an den Folgen einer Verletzung erlegen war, die er sich bei der Schlacht bei Großgörschen im Mai gegen Napoleons Armee zugezogen hatte. Der Leichnam wurde kurz darauf in den Berliner Invalidenfriedhof überführt. Überhaupt schienen die Napoleonischen Kriege die Zeit gewesen zu sein, in der sich der Friedhof besonders schnell füllte. Aber auch die Revolution von 1848 und der Krieg gegen Preußen 1866 forderten ihren blutigen Zoll.

Im späten 19. Jahrhundert hatte sich Karlín zu einem großen Industriestandort entwickelt. Fabriken schossen nur so aus dem Boden. Das Militär war weitgehend abgezogen und man brauchte Platz. 1894 beschloss der Stadtrat, dass der Friedhof aufgelöst werden solle, was dann 1906 umgesetzt wurde. Viele der sterblichen Überreste wurden ausgegraben und in ein Sammelgrab im Olšany-Friedhof in Žižkov (Prag 3) neu beerdigt. Auch das dortige Kriegsgrab für Soldaten der Schlachten von Dresden und Kulm (Válečný hrob vojáků z bitev u Drážďan a Kulmu), das den russischen Soldaten gewidmet war, die 1813 im Kampf gegen Napoleons Armeen gefallen waren, befand sich zunächst hier in Karlín (wir berichteten hier).

Für die Kapelle, die nach der Friedhofsauflösung etwas zweckentleert weiterhin existierte, begann eine schlimme Zeit. Die Gemeinde verkaufte sie 1917 an eine der Maschinenfabriken der Umgebung. Im Lauf der Zeit entleerte man sie, um ein Dieselaggregat einzubauen, und umbaute sie mit Silos und Lagergebäuden. Das sah schrecklich aus. 1964 erbarmte man sich und stellte das Gebäude unter Denkmalschutz, aber erst 1976 begann man auf Druck von Bürgerprotesten mit dem Abbau der Industrieanlagen und einer vorsichtigen Renovierung, wobei man feststellte, dass die wohl recht robust gebaute Kapelle die Tortur leidlich überstanden hatte.

2001 wurden Kapelle und umliegende Grundstücke an einen Immobilieninvestor verkauft. Dem machte man Auflagen – vor allem, dass die Kapelle wie geschniegelt restauriert werden sollte, und dass drumherum ein kleiner Park in Erinnerung an den alten Soldatenfriedhof angelegt werden müsse. Darin hat er sich gehalten. Alles ist proper hergerichtet – keine Frage! Ein Rätsel gibt ein kleiner weißer Katzenkopf auf, der über der Tür angebracht ist, aber der mag ein Werk von Scherzbolden sein, vor denen auch solch eine leidgeprüfte Kapelle nicht gefeit ist. (DD)

Liebevoll restaurierter jüdischer Friedhof

Es gibt, wie wir hier berichteten, Ausnahmen, aber insgesamt setzt Prag bei der Pflege seines reichen jüdischen Kulturerbes Standards. In besonders mustergültiger Weise gilt dies für den Alten Jüdischen Friedhof in Smíchov (Starý židovský hřbitov na Smíchově) in der Straße U Staré Židovský hřbitova 2556 in Prag 5.

Der alte jüdische Friedhof im Judenviertel von Josefov war im 17. Jahrhundert bereits zu klein geworden, was zur Anlage eines neuen  jüdischen Friedhofs im Stadtteil Žižkov führte. In den 1780er Jahren verbannte Kaiser Joseph II. aus sanitären Gründen alle Kirch- und Friedhöfe in den Innenstädten und ordnete die Anlage großer Friedhöfe außerhalb des Zentrums an. Deshalb wurde 1788 in Smíchov ebenjener jüdische Friedhof auf einer Anhöhe über der Stadt angelegt. der mit 1529 m² recht großzügig bemessen war. Die Grabsteine – oft echte kleine Kunstwerke – spiegeln die vielen Epochen der Kunstgeschichte der Zeit der Nutzung wieder (links oberhalb ein schönes Beispiel für Klassizismus).

Etliche bedeutende Prager Juden sind wurden hier im Laufe der Zeit beerdigt, etwa die Frauenrechtlerin Julie Roubíčková, die 1918 starb, und zuvor Vorsitzende der böhmischen Gesellschaft Jüdischer Frauen (Spolek židovských žen) war. Oder der Dichter Rudolf Fuchs, der 1939 als deutschsprachiger Schriftstellervor den Nazis ins Exil nach England floh, um 1942 bei einem deutschen Bombenangriff ums Leben zu kommen. Seine Urne wurde kurz nach dem Krieg hier (als Ausnahme, da der Friedhof bereits stillgelegt war) beigesetzt. Es ist, wenn man die vielen deutschen Inschriften auf den Gräbern sieht, eine grausige Ironie der Geschichte, wieviel deutsche Kultur die Nazis mit der Vernichtung der Juden gleich mitzerstörten.

Auf die Dauer war der Friedhof dennoch zu klein. Die Stadt Smíchov (die erst 1922 Teil Prags wurde) eröffnete 1896 den neuen großen Malvazinky-Friedhof (der weiter unten im Tal liegt). Dabei wurde 1903 als Abteilung dieses neuen Friedhofs der Neue Jüdische Friedhof von-Smíchov eingerichtet. Bis 1937 fanden aber immer noch ab und an reguläre Beerdigungen auf dem Alten Jüdischen Friedhof statt. Die schlimme Zeit begann mit dem Einmarsch der Nazis 1939. Der Friedhof wurde geschlossen und dem Verfall überlassen – eine Politik, die sich anschließend unter den Kommunisten fortsetzte. Vandalen zerstörten immer wieder Gräber, Grabsteine wurden als Baumaterial gestohlen, die Begräbnishalle verfiel. Es blieb eine traurige Wüstenei.

1994 nahmen die Stadtregierung von Smíchov und die Jüdische Gemeinde die Sache in die Hand und eine umfassende und sehr gelungene Restaurierung erfolgte. Von den rund 600 erhaltenen Grabsteinen stehen nun 422 sichtbar und in gutem Zustand wieder am ursprünglichen Ort. Die Leichenhalle, die im frühen 19. Jahrhundert im klassizistischen Stil erbaut wurde, sieht ebenfalls wieder schick aus, ist aber in ein Wohnhaus umgewandelt worden.

Eine kleine Infotafel (leider nur auf Tschechisch) präsentiert die Geschichte des Friedhofs. Dort erfährt man auch die Telefonnummer, bei der man sich für eine kleine Führung anmelden kann, denn das ummauerte Areal ist normalerweise nicht betretbar. Betreut wird der Friedhof von einer von der jüdischen Gemeinde gegründeten Aktiengesellschaft namens Matana, die sich der Pflege jüdischer Kulturdenkmäler annimmt. Sie tut das, so muss man aus dem blitzblanken Zustand des Friedhofs schließen, ausgesprochen professionell und mit hohen Qualitätsstandards,. (DD)

Die Pestkirche von Žižkov

1680 wütete die Pest in Prag. 31.000 Menschen fielen ihr zum Opfer – mehr als ein Viertel der Bevölkerung. Die Kirchhöfe in der Stadt konnten die Toten nicht mehr fassen und wurden selbst zu Seuchenherden.

Immer mehr überlegten sich die Stadtväter, ob nicht außerhalb der Stadtmauern Friedhöfe eingerichtet werden sollten. So entstand im heutigen Stadtteil Žižkov im Jahre 1682 ein Pestfriedhof. Dessen Mittelpunkt wurde die hübsche kleine St. Rochus Kirche (Kostel sv. Rocha). Sie ist auch das einzige wirkliche Relikt des Pestfriedhofs, der bis zur letzten großen Pest im Jahre 1716 weitergeführt wurde. In den 1840er Jahren wurde er aufgelöst; die Mauer fiel größtenteils dem Straßenbau zum Opfer. Heute steht die Kirche auf einer kleinen Grünanlage.

Nur am südlichen und östlichen Rand des kleinen Parks stehen an einer Wand einige Grabsteine. Es handelt sich um die Außenmauer des im 18. Jahrhundert angelegten Olšany-Friedhof (Olšanské hřbitovy), über den wir hier berichteten. Es wurde also Friedhof an Friedhof gebaut. Und ganz in der Nähe befindet auch der ebenfalls 1682 als Folge der Pest eröffnete Jüdische Friedhof (Beitrag hier).

Ganz gesichert ist es wohl nicht, aber gebaut wurde die Kirche, die nach dem Heiligen der Pestkranken, St. Rochus, benannt wurde, offenbar von dem französischen Maler und Architekten Jean Baptiste Mathey (siehe u.a. frühere Beiträge hier und hier). Auch den ersten Blick scheint es sich um eine kreisrunde Rotunda zu handeln, aber in Wirklichkeit ist es ein eher elliptischer Zentralbau mit großer Kuppel.

Ab 1842 fungierte die Kirche als normale Gemeindekirche der örtlichen katholischen Gemeinde. Es gab immer wieder Renovierungen und Ergänzungen, wie etwa den vom Architekten Antonín Baum entworfenen neobarocken Hauptaltar. Außer bei Gottesdiensten ist die Kirche geschlossen, aber es gibt in der Tür ein kleines Guckloch. Leider befindet sich zwischen Vor- und Hauptraum eine künstlerisch gestaltete Glastüre, die mit ihren bunten Linienformen und Milchglaselementen verunmöglicht, dass man den Altar und die innen ebenfalls befindlichen Barockbilder klar erkennen kann.

Bemerkenswert ist die Kirche aber auch von außen. Dazu gehören die Strukturierung der Fassade durch große dorische Doppelpilaster und das schöne Eingangsportal im feinsten Barockstil. Es zeigt das Wappen der Stadt Prag, obwohl das Areal damals noch außerhalb der Stadt lag. Erst 1881 erhielt hier die Ortschaft Žižkov eigene Stadtrechte und erst 1922 wurde das Ganze Teil Prags. Allerdings wurde die Kapelle samt Friedhof von der Stadt Prag errichtet, weshalb das Wappen durchaus Sinn ergab. (DD)

Die Geschichte zweier Präsidenten

War es der Zufall, der es so wollte? Auf dem Friedhof Vinohrady (Vinohradský hřbitov) in Prag befinden sich die letzten Ruhestätten zweier Präsidenten, die beide gezwungen waren, sich mit den Schrecken eines totalitären Regimes auseinanderzusetzen, und die beide dabei einen unterschiedlichen Weg wählten: Václav Havel und Emil Hácha – sie beide mussten harte Gewissensentscheidungen treffen angesichts des ungehemmten Bösen, das ihnen gegenüberstand. Für den einen endete die Begegnung mit dem Bösen mit Ruhm, für den anderen mit einer Tragödie.

Václav Havel ist heute zweifellos der bekanntere von beiden. Und er ist derjenige, den die Menschen im Lande immer noch – fast ein Jahrzehnt nach seinem Tode – verehren und feiern. Sein Grab, das von dem bekannten Bildhauer Olbram Zoubek (frühere Beiträge hier und hier) gestaltet wurde, ist immer noch eine wahre Pilgerstätte und ständig mit Blumen und Kränzen überschüttet.

Havel, der schon als Schüler wegen seiner bürgerlichen Herkunft schweren Repressalien seitens der Kommunisten ausgesetzt war, hatte sich früh dem Theater zugewandt. Seine Stücke, etwa Zahradní slavnost (Das Gartenfest) von 1963, standen in der Tradition des absurden Theaters, die ihm besonders geeignet schien, die echten Absurditäten des realexistierenden Sozialismus bloßzustellen. Als Vorsitzender eines von den Kommunisten unabhängigen Schriftstellerverbandes rückte er zur Zeit des Prager Frühlings von 1968 in die erste Reihe der Dissidenten auf. In der „Normalisierung“ genannten Zeit der Repression wurde er dreimal verhaftet und verbrachte insgesamt fünf Jahre im Gefängnis. Aber er gab nicht auf. Mit einigen Mitstreitern lancierte er die Charta 77, die zum zentralen Dokument der Opposition und am Ende die Grundlage der Samtene Revolution von 1989 wurde, die den kommunistischen Spuk beendete. Im Dezember 1989 wurde er der erste Präsident der neuen Demokratie und behielt diese Funktion auch nach der Trennung der Slowakei von Tschechien (1993) bis zum Ende seiner zweiten Amtszeit 2003. Fortan setzte er sich für Menschenrechte in aller Welt und für die europäische Einigung ein. 2011 starb er – zurecht bewundert und verehrt von den Bürgern seines Landes und Menschen in aller Welt.

Das Grab Havels, in dem er zusammen mit seiner ersten Frau Olga ruht, liegt im Friedhof deshalb auch an prominentester Stelle, in den Arkaden der Kapelle des Heiligen Wenzel (Kaple svatého Václava). Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Familie Havel zum Großbürgertum der Stadt gehörte und hier schon lange ihre Familiengruft hatte, die jetzt noch einmal ausgebaut wurde. Neben dem Grab des Präsidenten befindet sich hier die Grabtafel seines Großvaters Václav Havel, eines bekannten Großunternehmers. Auch der Vater, ebenfalls Václav Havel mit Namen, liegt dort. Er war in den 1930er Jahren einer der Begründer der Barrandov Studios und damit der tschechoslowakischen Filmindustrie. Havel – das war in Prag von je her ein besonderer Name. Und Václav Havel, der große Dissident und Präsident, wurde zu einer Lichtgestalt in seinem Land und in der Welt.

Ganz anders steht es um das Grab von Emil Hácha. Es liegt abseits von den Wegen im hinteren Teil des Friedhofs und ein wenig versteckt hinter Büschen. Während der Zeit des Kommunismus durfte nicht einmal sein Name auf dem Stein stehen. Das hat sich geändert und ab und an legen Menschen hier doch einen Kranz nieder. Aber es sind nicht anähernd so viele wie bei Havel. Die Monstrosität, mit der Hácha sich auseinandersetzen musste, war nicht der Kommunismus, sondern der Nationalsozialismus, der mit der deutschen Besatzung 1939 kam.

Die Tschechoslowakei war 1938 mit dem schändlichen Münchner Abkommen von seinen westlichen Alliierten Frankreich und Großbritannien im Stich gelassen worden und musste große Gebiete an Nazideutschland abtreten. Der bisherige Präsident, Edvard Beneš, trat zurück. Auf Hácha, ein anerkannter Jurist und überzeugter Demokrat, fiel nunmehr das schwere Los, Präsident einer untergehenden Republik zu werden. Am 14. März 1939 sorgte Hitler dafür, dass sich die Slowakei als Nazi-Vasallenstaat von der Tschechoslowakischen Republik abspaltete. Hácha wurde nach Berlin zitiert. Den bereits herzkranken Hácha ließ man zunächst stundenlang warten, während er einen schweren Herzschwächeanfall erlitt. Dann drohten Hitler und Göring ihm, Prag in Schutt und Asche zu bomben, wenn sich die Rest-Tschechei nicht umgehend als nur noch formell unabhängiges „Protektorat Böhmen und Mähren“ unter den „Schutz“ Hitlers stellen würde. Wissend, dass niemand seinem (ohne Bündnispartner) nun militärisch schutzlosem Land helfen würde, gab er nach. Am nächsten Tag verwarf auch das Kabinett die Idee, einen aussichtslosen Kampf zu führen, und stimmte zu. Deutsche Panzer rollten nun durch die Straßen Prags.

Anfänglich versuchte Hácha noch, sein Amt so zu nutzen, dass er die Folge nder Nazidiktatur abmildern konnte. Er hielt zunächst noch geheimen Kontakt zum Widerstand. In der Folge wurde er aber immer mehr durch die Nazis isoliert und auch seine Gesundheit erlaubte ihm kaum mehr sein Amt zu führen. Die Nazis behielten ihn als ja tatsächlich gewählten Präsidenten nominell im Amte – auch mit dem Kalkül, dass die Westalliierten deshalb das Protektorat als Staat anerkannten und die eigentliche Exilregierung in London im Regen stehen ließen (als Folge des Münchner Abkommens). Machtlos und gedemütigt musste er zusehen, wie nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich 1942 die Mordmaschinerie der Nazis im Lande immer brutaler agiert. Er konnte nicht verhindern, dass die Nazis den von ihm benannten Ministerpräsidenten Alois Eliáš (siehe früherer Beiträge hier und hier) gnadenlos ermordeten. Die Nazis verfolgten Hácha nun mit Hohn, der Widerstand mit tiefem Misstrauen. Er galt als Kollaborateur. Und die braunen Machthaber spannten ihn immer wieder in ihre Propaganda ein. Er selbst war überzeugt, er habe die Tschechen 1939 vor einem Blutbad geschützt. Als im Mai 1945 die Nazis vertrieben wurden und die Rote Armee das Land besetzte, wurde Hácha verhaftet und ins Gefängnis von Pankrác gesteckt, wo er im Juni unter ungeklärten Umständen starb. Viele Tschechen glauben heute, dass man das Ende des bereits Todkranken damals vorsätzlich ein wenig „beschleunigte“.

Es ist schwer bei dem Vergleich zwischen Havel und Hácha, die nun so nahe beieinander in ihren Gräbern liegen, ein faires Urteil zu fällen. Havel hatte sich nicht kompromittiert. Der Erfolg der Samtenen Revolution krönte seinen Willen zum Widerstand, den er leistete. Er wurde zum Vorbild aller Freiheitsliebenden. Aber der Erfolg ist ein Kriterium, das man erst hinterher anlegen kann, und dass vorher nicht als Maßstab für die ethische Bewertung seiner Handlungen angeführt werden kann. Denn: Fundamentaler Widerstand, der nur Opfer erfordert, aber keine Besserung? Wäre das eine Option? Havel hatte Glück, dass er im wesentlichen sich selbst durch seine Taten gefährdete. Hácha war amtierender Präsident und verantwortlich für Millionen Menschen. Eine unbeugsame Haltung gegenüber Hitler hätte tausenden Unschuldigen das Leben kosten können. Was wäre gewesen, wenn Hácha tatsächlich durch Kollaboration unzähligen Menschen hätte helfen können? Die demokratische Regierung Dänemarks arbeitete nach der Besetzung des Landes pragmatisch mit den Nazis zusammen und es gelang ihr dabei, fast sämtliche Juden im Lande vor dem Holocaust zu retten – wofür man sie heute noch feiert. Hácha war dieser Erfolg nicht vergönnt, sondern nur tiefste Demütigung.

Die Geschichte der beiden Präsidenten auf dem Friedhof von Vinohrady lässt einen jedenfalls ins Grübeln kommen. (DD)

Der Friedhof, auf dem Kisch seine Zigarette raucht

Als Ende des 19. Jahrhunderts in den ehemaligen königlichen Weinbergen der heutige Stadtteil Vinohrady angelegt wurde (der erst 1922 Teil von Prag wurde), waren die Stadtväter sehr an einer modernen und großzügig gestalteten Infrastruktur interessiert (früherer Beitrag hier).

Dazu gehörte natürlich auch ein großer und ausbaufähiger Friedhof. Im Jahre 1885 begann man damit, den Friedhof Vinohrady (Vinohradský hřbitov) anzulegen. Er gehört zu den größeren der rund 90 Friedhöfe im heutigen Prager Stadtgebiet und liegt nur einen kurzen Fußweg vom großen zentralen Friedhof Prags entfernt, den Olšany Friedhöfen (Olšanské hřbitovy, früherer Beitrag hier). Weitsichtig hat man damals neben dem Friedhof unbebautes Land bestehen lassen, so dass der Friedhof 1912 und dann noch einmal 1922 erweitert werden konnte.

Der ursprüngliche (und größte) Teil lädt durch seinen wunderschönen Baumbewuchs und die Schönheit und künstlerische Vielfalt der Gräber zum Spazieren ein. Neben vielen neogotischen, aber auch moderneren kubistischen Grabsteinen findet man vor allem imposante Grabmäler in einem symbolistisch aufgeladenen Jugendstil. Die überlebensgröße Grabstatue auf dem Bild rechts, mit der mystischen Gestalt, die Tod und Erotik miteinander zu verbinden scheint, zieht den Betrachter in ihren Bann durch ihre erschütternde Rätselhaftigkeit. Ein bemerkenswertes Kunstwerk.

Das Zentrum des Friedhofs ist die große Kapelle des Heiligen Wenzel (Kaple svatého Václava). Der Architekt Antonín Turek, der sie 1897 fertigstellte, war ein Spezialist für Neorenaissance-Architektur, der in Vinohrady zahlreiche öffentliche Gebäude in diesem Stil erbaut hatte (frühere Beiträge hier und hier). Hier schuf er jedoch ein sehr authentisches Werk der Neogotik.

Etliche berühmte Persönlichkeiten sind auf dem Friedhof von Vinohrady beerdigt, darunter der erste demokratische Präsident des Landes nach dem Ende des Kommunismus, der Schriftsteller und Dramaturg Václav Havel. Oder der Komponist Julius Fučík, dem die Welt den wundervollen Marsch Einzug der Gladiatoren verdankt. Direkt beim Eingang begrüßt einen der Journalist und „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch (früherer Beitrag hier) Nach heutigen Maßstäben kommt er eher politisch inkorrekt daher, hat er doch keck eine Zigarette im Mundwinkel stecken. (DD)

Gottwalds Horrorshow

Die Tradition will, dass hier in diesem Blog am 31. Oktober, also zum Halloweenstag, ein gruseliges Bild zu erscheinen habe. Dieses hier stammt aus der Gruselkammer des Kommunismus, einer Gruft des roten Grauens, sozusagen. Und man kann nur hoffen, dass die Geister, die hier hausen mögen, nie mehr wieder erwachen werden.

Klement Gottwald war einer der gnadenlosesten Vollstrecker von Stalins Willen unter den Staatschefs, die Moskau in seinem Machtkreis nach dem Zweiten Weltkrieg in den unterjochten Ländern installierte. Morde, Folterungen, Schauprozesse, Bespitzelung, Pressezensur, Zwangsarbeit (vorzugsweise in radioaktiv verseuchten Uranminen), Unterdrückung aller persönlichen und politischen Freiheiten, Abschaffung aller Parteien außer der Kommunistischen standen unter ihm auf der Tagesordnung. Und natürlich auch: Der Personenkult.

Der führte dazu, dass man seinen einbalsamierten Körper dauerhaft in einem Mausoleum öffentlich aufbahrte, als er am 14. März 1953 – von Syphilis und Trunksucht gebeutelt – wenige Tage nach dem Besuch von Stalins Begräbnis verstarb. Das brauchte man einen Ort für die letzte Ruhestätte und bald fand man auch einen, den man dadurch so richtig entwürdigen konnte: Das Nationaldenkmal auf den Vítkov-Berg. Das war eigentlich als eine monumentale Gedenkstätte für alle diejenigen gedacht gewesen, die sich nach 1918 für die Republik, die Freiheit und die Demokratie eingesetzt hatten, als man in den 1930er Jahren mit dem Bau begann. Dann wurde die Republik durch die Nazis zerstört und die Arbeiten kamen zum Erliegen. Die erste – noch demokratische – Regierung nach 1945 wollte das Projekt weiterführen.

In der Apsis sollte nun ein Raum entstehen, in dem demokratische Widerstandskämpfer gegen die Nazis beerdigt werden sollten. Soweit kam es nicht. Im Februar 1948 kamen die Kommunisten mit einem Coup an die Macht und begannen Schritt für Schritt das Gebäude für ihre geschichtspolitischen Zwecke umzufunktionieren. Als er starb, sollte nun statt der demokratischen Widerständler ausgerechnet der undemokratische Gottwald zwecks Anbetung durch die „Arbeiterklasse“ hier als Mumie im Glassarg präpariert (Vorbild: Lenin) seine (vermeintlich) letzte Ruhestätte finden. Im Dezember 1953 wurde das Mausoleum mit dem toten Gottwald eröffnet. Nur das mit dem fachgerechten Ausstopfen hatte nicht so recht geklappt.

Schon im April 1959 entdeckte man leichte Auflösungs-erscheinungen am Körper des Verblichenen, die seine Attraktivität als Ausstellungs- und Anbetungsobjekt merklich zu schmälern begannen. Es begannen hektische Arbeiten in den Kellerräumen unter der Gruft. Es wurde ein Aufzug installiert, mit dem der Körper fast jeden Abend nach Ende der Besuchszeit in ein eilig eingerichtetes klinisches Laboratorium heruntergefahren wurde, wo Experten ihn sorgfältig behandelten, pflegten und – ab November des Jahres – gegebenfalls echte Teile durch künstliche Prothesen austauschten, wenn sie zu unansehnlich geworden waren.

Man sieht heute noch die große Schaltzentrale außerhalb dieses „Behandlungsraums“, die den Lift betrieb und für die richtige Klimatisierung sorgte, damit wenigstens unten im Keller die Verwesungsprozesse eingedämmt werden konnten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ja bereits Dank des Chruschtschowschen Tauwetters (ab 1956) in der Sowjetunion selbst die Entstalinisierung und das Ende des Personenkults eingesetzt. In der Tschechoslowakei brauchte das etwas länger. Aber im April 1962 konnten die Ärzte und Balsamierer endlich aufhören, an Gottwalds Leichnam zu retten, was noch zu retten war. Er wurde herausgebracht, eingeäschert und in einer unauffälligen Ecke des Denkmals untergebracht. 1989 wurde die Urne im Zuge der Samtenen Revolution in einem Sammelgrab im Olšany-Friedhof (früherer Beitrag hier) zusammen mit anderen zu diesem Zeitpunkt in Ungnade gefallenen Kommunistenfunktionären beerdigt.

Mit der Samtenen Revolution , die den kommunistischen Spuk beendete, begann auch für das Nationaldenkmal eine neue Zeit. Die Kellergruft, wo man damals beständig an Gottwalds Leiche herumwerkelte, ist nun der schauerliche Teil einer Ausstellung. Dort sieht man – großes Bild oben – Einrichtungsgegenstände des Labors und die Totenmaske Gottwald. Überall herum befinden sich weiße Kacheln, das Licht ist dunkel. Irgendwie grauslich düster! In einer Nische, die fast die Optik einer Toilette hat, wurde nun die Gedenkplatte, die damals oben im „Showroom“ bei der Mumie angebracht war, platziert. Eine kleine multimediale Ausstellung begleitet die kleine Horrorshow.

Oben im Mausoleumsraum hat man statt des Glassargs nun einen marmornen Sarg hingestellt, der dem ursprünglich geplanten entspricht. Drumherum befinden sich noch an den Wänden Mosaike von siegreichen Rotarmisten, die einen zynischen Kontrast zu dem demokratischen und republikanischen Pathos des restlichen Gebäudes bilden. Man hat den Raum hier so – zur Erinnerung und Mahnung – so belassen, wie ihn die Kommunisten damals gestaltet hatten. Man verlässt diesen Bereich des Nationaldenkmals in dem Gefühl, etwas völlig Surreales gesehen zu haben. Wie konnte das alles nur geschehen? (DD)

Vernachlässigtes jüdisches Erbe

Das Erbe der jüdischen Kultur wird in Prag außerordentlich sorgfältig gepflegt. Aber die schrecklichen Zeitläufe des 20. Jahrhunderts ließen Vieles unwiederbringlich verloren gehen oder als Schatten seiner selbst weiterbestehen. Nicht nur die Nazis während der Besetzung, sondern später auch die Kommunisten trugen zu einem tragischen und nicht wieder gutzumachenden Kulturverlust bei. Im Stadtteil Libeň (Prag 8) lässt sich dies in trauriger Weise veranschaulichen.

Direkt bei der Metrostation Palmovka findet man in einer etwas verwahrlosten Stelle Prags die Synagoge in Libeň (Libeňská synagoga). Der schlichte, aber eigentlich recht eindringliche Bau im Stil der Neorenaissance wurde 1858 eingeweiht (der Bau hatte schon 1846 mit einer Grundsteinlegung in Anwesenheit von Erzherzog Stephan begonnen, sich aber verzögert). Er löste eine eine ältere Synagoge von 1592 ab, die näher an der Moldau lag und daher von Überschwemmungen heimgesucht wurde. Libeň war in dieser Zeit nach dem ungleich bekannten Judenviertel Josefov in der Altstadt das zweitgrößte jüdische Zentrum im heutigen Prag (zu dem der Ort erst 1901 eingemeindet wurde).

Der rechteckige Bau wurde von der Gemeinde als Synagoge bis zur Besetzung durch die Nazis genutzt, die die meisten Gemeindemitglieder verschleppten und umbrachten. Nach dem Krieg benutzten die Kommunisten den Bau als Lagerhalle. Die Synagoge verfiel. Nach dem Ende des Kommunismus wurde sie der verbliebenen jüdischen Gemeinde rückerstattet und renoviert. Sie wird aber seither nur gelegentlich für Kulturveranstaltungen und kleine Ausstellungen verwendet. Aber meist bietet sich ein tristes Bild. Ab und zu liegen Obdachlose im Eingang. Der Boden ist mit Abfall übersät. Einige Fenster sind zerbrochen und die Fenstergitter verrostet. Wenig vom alten bürgerlichen Glanz hat die Zeit überlebt.

Nur wenige Schritte entfernt: Der Alte jüdische Friedhof in Prag-Libeň (Starý židovský hřbitov v Praze-Libni) – oder was davon übrig blieb. Der wurde Ende des 16. Jahrhunderts angelegt und später noch ein wenig erweitert. Schon 1875 ging ein Stück verloren als auf einem Teil des Geländes ein Bahnhof gebaut wurde. 1892 wurden die Beerdigungen eingestellt und der Neue Jüdischer Friedhof Prag-Libeň (Nový židovský hřbitov v Praze-Libni) weiter oberhalb an der Davídkova angelegt. 1928 fiel ein weiteres Stück – inklusive der Beerdigungshalle – dem Bau der Libeň -Brücke, die hier beginnt, um Opfer. Die Nazis überlebte er so einigermaßen, nicht weil die moralische Skrupel hatten, sondern weil sie den zynischen Plan verfolgten, in Prag ein Museum einer untergegangenen Rasse aufbauen zu wollten.

Das vollständige Zerstörungswerk blieb daher den Kommunisten vorbehalten. Das örtliche Nationalkomittee (wie Stadträte damals genannt wurden) von Libeň und das Prager Bauamt ordneten 1964/65 die komplette Zerstörung des Friedhofs an. Alte Grabsteine wurden zerstört und tief vergraben. Da war nichts mehr zu retten. Deshalb sieht man hier heute nur noch eine unansehnliche Grünfläche mit einem Stück der alten Friedhofsmauer, die an einen nunmehr bewaldeten Abhang grenzt, auf dem sich einst auch Gräber befanden.

Die Stadtteilregierung versuchte das Beste daraus zu machen. Sie stellte eine Informationstafel auf, die die tragische Geschichte des Friedhofs (in Tschechisch und Englisch) schildert.

Am Schluss enthält sie noch eine Warnung an Kohanim (eine bestimmte Art jüdischer Priester), dass sie den Grund hier meiden sollten. Das Betreten des entweihten Friedhofs widerspräche den für sie geltenden Reinheitsvorschriften, die es verbieten, dass sie Tote berühren oder sich ihnen auch nur nähern. Stünde das Schild nicht hier, würde sie nichts davor warnen, den Friedhof zu betreten, von dem tatsächlich keine Spur mehr sichtbar ist. (DD)

Kommunistische Symbolik im Überfluss

429 Soldaten der Roten Armee liegen hier begraben. Die Sowjets waren am 9. Mai 1945 – heute vor 75 Jahren – in Prag einmarschiert. Der 9. Mai war deshalb während der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei der offizielle Tag der Befreiung. Dabei hatten die deutschen Militärs schon am Tag zuvor vor den Anführern des Prager Aufstands kapituliert, der am 5. Mai begonnen hatte, und den die Bürger der Stadt mit Todesmut unternommen hatten, um sich Unabhängigkeit und Demokratie zu erkämpfen (früherer Beitrag hier).

Deshalb ist heute auch der 8. Mai, der Tag des Sieges, offizieller Feiertag in der Tschechischen Republik. Dennoch bleibt unbestritten, dass die Rote Armee im Vorfeld des Kriegsende vor Prag schwere Verluste im Kampf gegen SS und Wehrmacht hinnehmen musste. Und deshalb wurde schon bald nach dem Krieg ein Teil des großen Olšany Friedhofs (auch hier) zu einem Ehrenfriedhof (vojenské pohřebiště) der gefallenen Rotarmisten umgewandelt. Man betritt ihn am leichtesten über den Eingang in der U Nákladového nádraží 1949/2 (Prag 3).

Das Areal ist völlig im Sinne stalinistischer Ästhetik gestaltet. In Reih und Glied stehen die Gräber der Soldaten. Alle sind bauidentisch als Obelisken gestaltet, auf denen in kyrillisch der jeweilige Name des gefallenen Soldaten steht über dem wiederum ein standardisiertes Ornament mit Siegesflaggen, Kalaschnikows und Rotem Stern angebracht ist (Bild rechts).

Zentral in der Mitte steht ein Denkmal (großes Bild oben), bestehend aus einem großen Steinsockel mit Sowjetstern, Hammer und Sichel, eingerahmt von zwei bronzenen Rotarmisten, die heldhaft ihre Kalaschnikow bzw. ein Gewehr mit Bajonett in den Händen tragen. Unweit davon ist ein riesiger Roter Stern in den Boden eingelassen.

Auch drumherum fehlt es nicht an kommunistischer Symbolik und Erinnerungskultur. Ringsum finden sich zusätzliche Denkmäler, so unter anderem (Bild rechts) eines für die tschechischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg mit der Habsburger Armee brachen, um 1917-22 auf Seiten der Bolschewiki im Russischen Bürgerkrieg zu kämpfen. Mit der Herausstellung dieser relativ kleinen militärischen Einheit wollte man ein ideologisches Gegengewicht zu der in der Tschechoslowakei verbreiteten Heldenverehrung aufbauen, die der sogenannten Tschechischen Legion (frühere Beiträge hier und hier) bis dato entgegengebracht wurde. Die Legionen hatten auf Seite der Entente, d.h. der Westmächte, für eine unabhängige und westlich-demokratische Tschechoslowakei und im Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki gekämpft. Für die Kommunisten waren die Legionen und ihr Mythos naturgemäß ein rotes Tuch. Deshalb dieses Denkmal (Bild oberhalb rechts). Allerdings schafften es die pro-bolschewistischen Tschechen von 1917ff nie wirklich, die Herzen der Tschechen so zu erobern wie es die Legionäre taten.

Daneben gibt es noch monumentale Denkmäler für Julius Fučík, einem populären kommunistischen Schriftsteller, der 1944 von den Nazis hingerichtet worden war und darob in den Heldenkult der Kommunisten einbezogen wurde, oder für Jan Šverma (Bild links), einem kommunistischen Politiker, der 1944 beim slowakischen Nationalaufstand sein Leben verlor und ebenfalls zur Märtyrergestalt wurde. Und es gibt noch etliche Beispiele mehr. Man schaut um sich und denkt man habe eine Zeitreise in die finstere Vergangenheit vor 1989 gemacht.

Kurzum: Soviel Sowjet- und Kommunismuskult kann in einem Land, das sich dereinst mit soviel Freude aus den Fängen dieser Ideologie und ihrer Schreckensherrschaft befreit hatte, nicht ganz unumstritten sein. Aber der Friedhof ist durch einen tschechisch-russischen Vertrag geschützt, der beide Länder verpflichtet, Soldatengräber mit den Toten der jeweiligen Länder zu sichern und in Stand zu halten. Angesichts der Tatsache, dass die hier beerdigten Rotarmisten als Opfer eines grauenvollen Krieges die Respektierung ihrer Totenruhe und den Respekt vor dem Leid, das sie einst erlitten hatten, verdient haben, ist das auch völlig recht und billig.

In diesem Sinne ist es traurig, dass ihr Schicksal bisweilen politisch missbraucht wird. 2014 musste die örtliche Friedhofsverwaltung ein neues Denkmal entfernen, das russische Veteranen des Krieges in Afghanistan auf dem Areal hatten aufstellen lassen. Darauf befand sich eine zweisprachige Plakette, die auf Tschechisch dem Gedenken von russischen Soldaten gewidmet war, die bei Friedensmissionen gefallen waren. Der Haken war nur, dass beim russischen Text nicht nur von Friedensmissionaren, sondern auch von „Internationalisten“ die Rede war, was bei der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 oft der Terminus war, mit dem die Sowjets die Invasion gerechtfertigt hatten. Es hagelte Proteste und die Plakette musste verschwinden.

Auch heute nutzen Teile der offiziösen oder nicht offiziösen russischen Community in Prag den Ehrenfriedhof, um politische Zeichen zu setzen. Zum Jahrestag des Kriegsendes ist das Denkmal mit Blumen und Kränzen in den russischen Nationalfarben (vereinzelt auch die der tschechischen Kommunisten) geradezu überschüttet – aber natürlich ist das dann nicht der 8., sondern der 9. Mai (die Photos entstanden 2019 einen Tag später). Das Verdienst der Befreiung will man wohl weiterhin für sich und die Rote Armee reklamieren. (DD)