Friedhofskapelle mit dramatischer Geschichte

Etwas verloren steht sie da am Fußes des Vítkovberges im Stadtteil Karlín, die kleine Kapelle – dort wo einst so viele Soldaten ihre letzte Ruhestätte fanden. Aber immerhin in vorbildlich renoviertem Zustand. Dadurch sieht man ihr ihre dramatische Geschichte nicht an, die nun hoffentlich ihr glückliches Ende gefunden hat.

Um diese Geschichte zu verstehen, muss man wissen, dass Karlín bis 1817 außerhalb der Stadt lag. Erst danach wurde das Areal als Vorstadt Prags (damals unter dem deutschen Namen Karolinenthal) erschlossen. Zuvor herrschte hier fast ausschließlich das Militär. Es gab unzählige riesige Kasernen und vor allem die alte, 1737 fertiggestellte Invalidenanstalt (Invalidovna) für verarmte und behinderte Veteranen (wir berichteten hier), die 1984 ein Drehort für den Mozartfilm Amadeus werden sollte. Und Soldaten sterben nun einmal – so oder so. Und deshalb gab es hier in Karlín natürlich auch einen großen einen Soldatenfriedhof.

Die Kapelle des Soldatenfriedhofs von Karlín (Kaple vojenského hřbitova v Karlíně), die der Jungfrau Maria gewidmet ist, ist heute der einzige sichtbare Überrest des alten Friedhofs. Sie wurde 1753 bei der Anlage des Friedhofs erbaut. Es handelt sich um ein einfaches Barockgebäude mit rechteckigem Grundriss und abgerundeten Ecken, die mit Eckpilastern ausgestattet sind. Auf dem Tunnelgewölbe befindet sich ein kleiner Glockenturm.

Im Juni 1813 wurde hier der preußische Reformpolitiker und General Gerhard von Scharnhorst aufgebahrt, der gerade aus Wien von politischen Verhandlungen auf dem Weg nach Berlin hier in Prag an den Folgen einer Verletzung erlegen war, die er sich bei der Schlacht bei Großgörschen im Mai gegen Napoleons Armee zugezogen hatte. Der Leichnam wurde kurz darauf in den Berliner Invalidenfriedhof überführt. Überhaupt schienen die Napoleonischen Kriege die Zeit gewesen zu sein, in der sich der Friedhof besonders schnell füllte. Aber auch die Revolution von 1848 und der Krieg gegen Preußen 1866 forderten ihren blutigen Zoll.

Im späten 19. Jahrhundert hatte sich Karlín zu einem großen Industriestandort entwickelt. Fabriken schossen nur so aus dem Boden. Das Militär war weitgehend abgezogen und man brauchte Platz. 1894 beschloss der Stadtrat, dass der Friedhof aufgelöst werden solle, was dann 1906 umgesetzt wurde. Viele der sterblichen Überreste wurden ausgegraben und in ein Sammelgrab im Olšany-Friedhof in Žižkov (Prag 3) neu beerdigt. Auch das dortige Kriegsgrab für Soldaten der Schlachten von Dresden und Kulm (Válečný hrob vojáků z bitev u Drážďan a Kulmu), das den russischen Soldaten gewidmet war, die 1813 im Kampf gegen Napoleons Armeen gefallen waren, befand sich zunächst hier in Karlín (wir berichteten hier).

Für die Kapelle, die nach der Friedhofsauflösung etwas zweckentleert weiterhin existierte, begann eine schlimme Zeit. Die Gemeinde verkaufte sie 1917 an eine der Maschinenfabriken der Umgebung. Im Lauf der Zeit entleerte man sie, um ein Dieselaggregat einzubauen, und umbaute sie mit Silos und Lagergebäuden. Das sah schrecklich aus. 1964 erbarmte man sich und stellte das Gebäude unter Denkmalschutz, aber erst 1976 begann man auf Druck von Bürgerprotesten mit dem Abbau der Industrieanlagen und einer vorsichtigen Renovierung, wobei man feststellte, dass die wohl recht robust gebaute Kapelle die Tortur leidlich überstanden hatte.

2001 wurden Kapelle und umliegende Grundstücke an einen Immobilieninvestor verkauft. Dem machte man Auflagen – vor allem, dass die Kapelle wie geschniegelt restauriert werden sollte, und dass drumherum ein kleiner Park in Erinnerung an den alten Soldatenfriedhof angelegt werden müsse. Darin hat er sich gehalten. Alles ist proper hergerichtet – keine Frage! Ein Rätsel gibt ein kleiner weißer Katzenkopf auf, der über der Tür angebracht ist, aber der mag ein Werk von Scherzbolden sein, vor denen auch solch eine leidgeprüfte Kapelle nicht gefeit ist. (DD)

Liebevoll restaurierter jüdischer Friedhof

Es gibt, wie wir hier berichteten, Ausnahmen, aber insgesamt setzt Prag bei der Pflege seines reichen jüdischen Kulturerbes Standards. In besonders mustergültiger Weise gilt dies für den Alten Jüdischen Friedhof in Smíchov (Starý židovský hřbitov na Smíchově) in der Straße U Staré Židovský hřbitova 2556 in Prag 5.

Der alte jüdische Friedhof im Judenviertel von Josefov war im 17. Jahrhundert bereits zu klein geworden, was zur Anlage eines neuen  jüdischen Friedhofs im Stadtteil Žižkov führte. In den 1780er Jahren verbannte Kaiser Joseph II. aus sanitären Gründen alle Kirch- und Friedhöfe in den Innenstädten und ordnete die Anlage großer Friedhöfe außerhalb des Zentrums an. Deshalb wurde 1788 in Smíchov ebenjener jüdische Friedhof auf einer Anhöhe über der Stadt angelegt. der mit 1529 m² recht großzügig bemessen war. Die Grabsteine – oft echte kleine Kunstwerke – spiegeln die vielen Epochen der Kunstgeschichte der Zeit der Nutzung wieder (links oberhalb ein schönes Beispiel für Klassizismus).

Etliche bedeutende Prager Juden sind wurden hier im Laufe der Zeit beerdigt, etwa die Frauenrechtlerin Julie Roubíčková, die 1918 starb, und zuvor Vorsitzende der böhmischen Gesellschaft Jüdischer Frauen (Spolek židovských žen) war. Oder der Dichter Rudolf Fuchs, der 1939 als deutschsprachiger Schriftstellervor den Nazis ins Exil nach England floh, um 1942 bei einem deutschen Bombenangriff ums Leben zu kommen. Seine Urne wurde kurz nach dem Krieg hier (als Ausnahme, da der Friedhof bereits stillgelegt war) beigesetzt. Es ist, wenn man die vielen deutschen Inschriften auf den Gräbern sieht, eine grausige Ironie der Geschichte, wieviel deutsche Kultur die Nazis mit der Vernichtung der Juden gleich mitzerstörten.

Auf die Dauer war der Friedhof dennoch zu klein. Die Stadt Smíchov (die erst 1922 Teil Prags wurde) eröffnete 1896 den neuen großen Malvazinky-Friedhof (der weiter unten im Tal liegt). Dabei wurde 1903 als Abteilung dieses neuen Friedhofs der Neue Jüdische Friedhof von-Smíchov eingerichtet. Bis 1937 fanden aber immer noch ab und an reguläre Beerdigungen auf dem Alten Jüdischen Friedhof statt. Die schlimme Zeit begann mit dem Einmarsch der Nazis 1939. Der Friedhof wurde geschlossen und dem Verfall überlassen – eine Politik, die sich anschließend unter den Kommunisten fortsetzte. Vandalen zerstörten immer wieder Gräber, Grabsteine wurden als Baumaterial gestohlen, die Begräbnishalle verfiel. Es blieb eine traurige Wüstenei.

1994 nahmen die Stadtregierung von Smíchov und die Jüdische Gemeinde die Sache in die Hand und eine umfassende und sehr gelungene Restaurierung erfolgte. Von den rund 600 erhaltenen Grabsteinen stehen nun 422 sichtbar und in gutem Zustand wieder am ursprünglichen Ort. Die Leichenhalle, die im frühen 19. Jahrhundert im klassizistischen Stil erbaut wurde, sieht ebenfalls wieder schick aus, ist aber in ein Wohnhaus umgewandelt worden.

Eine kleine Infotafel (leider nur auf Tschechisch) präsentiert die Geschichte des Friedhofs. Dort erfährt man auch die Telefonnummer, bei der man sich für eine kleine Führung anmelden kann, denn das ummauerte Areal ist normalerweise nicht betretbar. Betreut wird der Friedhof von einer von der jüdischen Gemeinde gegründeten Aktiengesellschaft namens Matana, die sich der Pflege jüdischer Kulturdenkmäler annimmt. Sie tut das, so muss man aus dem blitzblanken Zustand des Friedhofs schließen, ausgesprochen professionell und mit hohen Qualitätsstandards,. (DD)

Die Pestkirche von Žižkov

1680 wütete die Pest in Prag. 31.000 Menschen fielen ihr zum Opfer – mehr als ein Viertel der Bevölkerung. Die Kirchhöfe in der Stadt konnten die Toten nicht mehr fassen und wurden selbst zu Seuchenherden.

Immer mehr überlegten sich die Stadtväter, ob nicht außerhalb der Stadtmauern Friedhöfe eingerichtet werden sollten. So entstand im heutigen Stadtteil Žižkov im Jahre 1682 ein Pestfriedhof. Dessen Mittelpunkt wurde die hübsche kleine St. Rochus Kirche (Kostel sv. Rocha). Sie ist auch das einzige wirkliche Relikt des Pestfriedhofs, der bis zur letzten großen Pest im Jahre 1716 weitergeführt wurde. In den 1840er Jahren wurde er aufgelöst; die Mauer fiel größtenteils dem Straßenbau zum Opfer. Heute steht die Kirche auf einer kleinen Grünanlage.

Nur am südlichen und östlichen Rand des kleinen Parks stehen an einer Wand einige Grabsteine. Es handelt sich um die Außenmauer des im 18. Jahrhundert angelegten Olšany-Friedhof (Olšanské hřbitovy), über den wir hier berichteten. Es wurde also Friedhof an Friedhof gebaut. Und ganz in der Nähe befindet auch der ebenfalls 1682 als Folge der Pest eröffnete Jüdische Friedhof (Beitrag hier).

Ganz gesichert ist es wohl nicht, aber gebaut wurde die Kirche, die nach dem Heiligen der Pestkranken, St. Rochus, benannt wurde, offenbar von dem französischen Maler und Architekten Jean Baptiste Mathey (siehe u.a. frühere Beiträge hier und hier). Auch den ersten Blick scheint es sich um eine kreisrunde Rotunda zu handeln, aber in Wirklichkeit ist es ein eher elliptischer Zentralbau mit großer Kuppel.

Ab 1842 fungierte die Kirche als normale Gemeindekirche der örtlichen katholischen Gemeinde. Es gab immer wieder Renovierungen und Ergänzungen, wie etwa den vom Architekten Antonín Baum entworfenen neobarocken Hauptaltar. Außer bei Gottesdiensten ist die Kirche geschlossen, aber es gibt in der Tür ein kleines Guckloch. Leider befindet sich zwischen Vor- und Hauptraum eine künstlerisch gestaltete Glastüre, die mit ihren bunten Linienformen und Milchglaselementen verunmöglicht, dass man den Altar und die innen ebenfalls befindlichen Barockbilder klar erkennen kann.

Bemerkenswert ist die Kirche aber auch von außen. Dazu gehören die Strukturierung der Fassade durch große dorische Doppelpilaster und das schöne Eingangsportal im feinsten Barockstil. Es zeigt das Wappen der Stadt Prag, obwohl das Areal damals noch außerhalb der Stadt lag. Erst 1881 erhielt hier die Ortschaft Žižkov eigene Stadtrechte und erst 1922 wurde das Ganze Teil Prags. Allerdings wurde die Kapelle samt Friedhof von der Stadt Prag errichtet, weshalb das Wappen durchaus Sinn ergab. (DD)

Die Geschichte zweier Präsidenten

War es der Zufall, der es so wollte? Auf dem Friedhof Vinohrady (Vinohradský hřbitov) in Prag befinden sich die letzten Ruhestätten zweier Präsidenten, die beide gezwungen waren, sich mit den Schrecken eines totalitären Regimes auseinanderzusetzen, und die beide dabei einen unterschiedlichen Weg wählten: Václav Havel und Emil Hácha – sie beide mussten harte Gewissensentscheidungen treffen angesichts des ungehemmten Bösen, das ihnen gegenüberstand. Für den einen endete die Begegnung mit dem Bösen mit Ruhm, für den anderen mit einer Tragödie.

Václav Havel ist heute zweifellos der bekanntere von beiden. Und er ist derjenige, den die Menschen im Lande immer noch – fast ein Jahrzehnt nach seinem Tode – verehren und feiern. Sein Grab, das von dem bekannten Bildhauer Olbram Zoubek (frühere Beiträge hier und hier) gestaltet wurde, ist immer noch eine wahre Pilgerstätte und ständig mit Blumen und Kränzen überschüttet.

Havel, der schon als Schüler wegen seiner bürgerlichen Herkunft schweren Repressalien seitens der Kommunisten ausgesetzt war, hatte sich früh dem Theater zugewandt. Seine Stücke, etwa Zahradní slavnost (Das Gartenfest) von 1963, standen in der Tradition des absurden Theaters, die ihm besonders geeignet schien, die echten Absurditäten des realexistierenden Sozialismus bloßzustellen. Als Vorsitzender eines von den Kommunisten unabhängigen Schriftstellerverbandes rückte er zur Zeit des Prager Frühlings von 1968 in die erste Reihe der Dissidenten auf. In der „Normalisierung“ genannten Zeit der Repression wurde er dreimal verhaftet und verbrachte insgesamt fünf Jahre im Gefängnis. Aber er gab nicht auf. Mit einigen Mitstreitern lancierte er die Charta 77, die zum zentralen Dokument der Opposition und am Ende die Grundlage der Samtene Revolution von 1989 wurde, die den kommunistischen Spuk beendete. Im Dezember 1989 wurde er der erste Präsident der neuen Demokratie und behielt diese Funktion auch nach der Trennung der Slowakei von Tschechien (1993) bis zum Ende seiner zweiten Amtszeit 2003. Fortan setzte er sich für Menschenrechte in aller Welt und für die europäische Einigung ein. 2011 starb er – zurecht bewundert und verehrt von den Bürgern seines Landes und Menschen in aller Welt.

Das Grab Havels, in dem er zusammen mit seiner ersten Frau Olga ruht, liegt im Friedhof deshalb auch an prominentester Stelle, in den Arkaden der Kapelle des Heiligen Wenzel (Kaple svatého Václava). Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Familie Havel zum Großbürgertum der Stadt gehörte und hier schon lange ihre Familiengruft hatte, die jetzt noch einmal ausgebaut wurde. Neben dem Grab des Präsidenten befindet sich hier die Grabtafel seines Großvaters Václav Havel, eines bekannten Großunternehmers. Auch der Vater, ebenfalls Václav Havel mit Namen, liegt dort. Er war in den 1930er Jahren einer der Begründer der Barrandov Studios und damit der tschechoslowakischen Filmindustrie. Havel – das war in Prag von je her ein besonderer Name. Und Václav Havel, der große Dissident und Präsident, wurde zu einer Lichtgestalt in seinem Land und in der Welt.

Ganz anders steht es um das Grab von Emil Hácha. Es liegt abseits von den Wegen im hinteren Teil des Friedhofs und ein wenig versteckt hinter Büschen. Während der Zeit des Kommunismus durfte nicht einmal sein Name auf dem Stein stehen. Das hat sich geändert und ab und an legen Menschen hier doch einen Kranz nieder. Aber es sind nicht anähernd so viele wie bei Havel. Die Monstrosität, mit der Hácha sich auseinandersetzen musste, war nicht der Kommunismus, sondern der Nationalsozialismus, der mit der deutschen Besatzung 1939 kam.

Die Tschechoslowakei war 1938 mit dem schändlichen Münchner Abkommen von seinen westlichen Alliierten Frankreich und Großbritannien im Stich gelassen worden und musste große Gebiete an Nazideutschland abtreten. Der bisherige Präsident, Edvard Beneš, trat zurück. Auf Hácha, ein anerkannter Jurist und überzeugter Demokrat, fiel nunmehr das schwere Los, Präsident einer untergehenden Republik zu werden. Am 14. März 1939 sorgte Hitler dafür, dass sich die Slowakei als Nazi-Vasallenstaat von der Tschechoslowakischen Republik abspaltete. Hácha wurde nach Berlin zitiert. Den bereits herzkranken Hácha ließ man zunächst stundenlang warten, während er einen schweren Herzschwächeanfall erlitt. Dann drohten Hitler und Göring ihm, Prag in Schutt und Asche zu bomben, wenn sich die Rest-Tschechei nicht umgehend als nur noch formell unabhängiges „Protektorat Böhmen und Mähren“ unter den „Schutz“ Hitlers stellen würde. Wissend, dass niemand seinem (ohne Bündnispartner) nun militärisch schutzlosem Land helfen würde, gab er nach. Am nächsten Tag verwarf auch das Kabinett die Idee, einen aussichtslosen Kampf zu führen, und stimmte zu. Deutsche Panzer rollten nun durch die Straßen Prags.

Anfänglich versuchte Hácha noch, sein Amt so zu nutzen, dass er die Folge nder Nazidiktatur abmildern konnte. Er hielt zunächst noch geheimen Kontakt zum Widerstand. In der Folge wurde er aber immer mehr durch die Nazis isoliert und auch seine Gesundheit erlaubte ihm kaum mehr sein Amt zu führen. Die Nazis behielten ihn als ja tatsächlich gewählten Präsidenten nominell im Amte – auch mit dem Kalkül, dass die Westalliierten deshalb das Protektorat als Staat anerkannten und die eigentliche Exilregierung in London im Regen stehen ließen (als Folge des Münchner Abkommens). Machtlos und gedemütigt musste er zusehen, wie nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich 1942 die Mordmaschinerie der Nazis im Lande immer brutaler agiert. Er konnte nicht verhindern, dass die Nazis den von ihm benannten Ministerpräsidenten Alois Eliáš (siehe früherer Beiträge hier und hier) gnadenlos ermordeten. Die Nazis verfolgten Hácha nun mit Hohn, der Widerstand mit tiefem Misstrauen. Er galt als Kollaborateur. Und die braunen Machthaber spannten ihn immer wieder in ihre Propaganda ein. Er selbst war überzeugt, er habe die Tschechen 1939 vor einem Blutbad geschützt. Als im Mai 1945 die Nazis vertrieben wurden und die Rote Armee das Land besetzte, wurde Hácha verhaftet und ins Gefängnis von Pankrác gesteckt, wo er im Juni unter ungeklärten Umständen starb. Viele Tschechen glauben heute, dass man das Ende des bereits Todkranken damals vorsätzlich ein wenig „beschleunigte“.

Es ist schwer bei dem Vergleich zwischen Havel und Hácha, die nun so nahe beieinander in ihren Gräbern liegen, ein faires Urteil zu fällen. Havel hatte sich nicht kompromittiert. Der Erfolg der Samtenen Revolution krönte seinen Willen zum Widerstand, den er leistete. Er wurde zum Vorbild aller Freiheitsliebenden. Aber der Erfolg ist ein Kriterium, das man erst hinterher anlegen kann, und dass vorher nicht als Maßstab für die ethische Bewertung seiner Handlungen angeführt werden kann. Denn: Fundamentaler Widerstand, der nur Opfer erfordert, aber keine Besserung? Wäre das eine Option? Havel hatte Glück, dass er im wesentlichen sich selbst durch seine Taten gefährdete. Hácha war amtierender Präsident und verantwortlich für Millionen Menschen. Eine unbeugsame Haltung gegenüber Hitler hätte tausenden Unschuldigen das Leben kosten können. Was wäre gewesen, wenn Hácha tatsächlich durch Kollaboration unzähligen Menschen hätte helfen können? Die demokratische Regierung Dänemarks arbeitete nach der Besetzung des Landes pragmatisch mit den Nazis zusammen und es gelang ihr dabei, fast sämtliche Juden im Lande vor dem Holocaust zu retten – wofür man sie heute noch feiert. Hácha war dieser Erfolg nicht vergönnt, sondern nur tiefste Demütigung.

Die Geschichte der beiden Präsidenten auf dem Friedhof von Vinohrady lässt einen jedenfalls ins Grübeln kommen. (DD)

Der Friedhof, auf dem Kisch seine Zigarette raucht

Als Ende des 19. Jahrhunderts in den ehemaligen königlichen Weinbergen der heutige Stadtteil Vinohrady angelegt wurde (der erst 1922 Teil von Prag wurde), waren die Stadtväter sehr an einer modernen und großzügig gestalteten Infrastruktur interessiert (früherer Beitrag hier).

Dazu gehörte natürlich auch ein großer und ausbaufähiger Friedhof. Im Jahre 1885 begann man damit, den Friedhof Vinohrady (Vinohradský hřbitov) anzulegen. Er gehört zu den größeren der rund 90 Friedhöfe im heutigen Prager Stadtgebiet und liegt nur einen kurzen Fußweg vom großen zentralen Friedhof Prags entfernt, den Olšany Friedhöfen (Olšanské hřbitovy, früherer Beitrag hier). Weitsichtig hat man damals neben dem Friedhof unbebautes Land bestehen lassen, so dass der Friedhof 1912 und dann noch einmal 1922 erweitert werden konnte.

Der ursprüngliche (und größte) Teil lädt durch seinen wunderschönen Baumbewuchs und die Schönheit und künstlerische Vielfalt der Gräber zum Spazieren ein. Neben vielen neogotischen, aber auch moderneren kubistischen Grabsteinen findet man vor allem imposante Grabmäler in einem symbolistisch aufgeladenen Jugendstil. Die überlebensgröße Grabstatue auf dem Bild rechts, mit der mystischen Gestalt, die Tod und Erotik miteinander zu verbinden scheint, zieht den Betrachter in ihren Bann durch ihre erschütternde Rätselhaftigkeit. Ein bemerkenswertes Kunstwerk.

Das Zentrum des Friedhofs ist die große Kapelle des Heiligen Wenzel (Kaple svatého Václava). Der Architekt Antonín Turek, der sie 1897 fertigstellte, war ein Spezialist für Neorenaissance-Architektur, der in Vinohrady zahlreiche öffentliche Gebäude in diesem Stil erbaut hatte (frühere Beiträge hier und hier). Hier schuf er jedoch ein sehr authentisches Werk der Neogotik.

Etliche berühmte Persönlichkeiten sind auf dem Friedhof von Vinohrady beerdigt, darunter der erste demokratische Präsident des Landes nach dem Ende des Kommunismus, der Schriftsteller und Dramaturg Václav Havel. Oder der Komponist Julius Fučík, dem die Welt den wundervollen Marsch Einzug der Gladiatoren verdankt. Direkt beim Eingang begrüßt einen der Journalist und „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch (früherer Beitrag hier) Nach heutigen Maßstäben kommt er eher politisch inkorrekt daher, hat er doch keck eine Zigarette im Mundwinkel stecken. (DD)

Gottwalds Horrorshow

Die Tradition will, dass hier in diesem Blog am 31. Oktober, also zum Halloweenstag, ein gruseliges Bild zu erscheinen habe. Dieses hier stammt aus der Gruselkammer des Kommunismus, einer Gruft des roten Grauens, sozusagen. Und man kann nur hoffen, dass die Geister, die hier hausen mögen, nie mehr wieder erwachen werden.

Klement Gottwald war einer der gnadenlosesten Vollstrecker von Stalins Willen unter den Staatschefs, die Moskau in seinem Machtkreis nach dem Zweiten Weltkrieg in den unterjochten Ländern installierte. Morde, Folterungen, Schauprozesse, Bespitzelung, Pressezensur, Zwangsarbeit (vorzugsweise in radioaktiv verseuchten Uranminen), Unterdrückung aller persönlichen und politischen Freiheiten, Abschaffung aller Parteien außer der Kommunistischen standen unter ihm auf der Tagesordnung. Und natürlich auch: Der Personenkult.

Der führte dazu, dass man seinen einbalsamierten Körper dauerhaft in einem Mausoleum öffentlich aufbahrte, als er am 14. März 1953 – von Syphilis und Trunksucht gebeutelt – wenige Tage nach dem Besuch von Stalins Begräbnis verstarb. Das brauchte man einen Ort für die letzte Ruhestätte und bald fand man auch einen, den man dadurch so richtig entwürdigen konnte: Das Nationaldenkmal auf den Vítkov-Berg. Das war eigentlich als eine monumentale Gedenkstätte für alle diejenigen gedacht gewesen, die sich nach 1918 für die Republik, die Freiheit und die Demokratie eingesetzt hatten, als man in den 1930er Jahren mit dem Bau begann. Dann wurde die Republik durch die Nazis zerstört und die Arbeiten kamen zum Erliegen. Die erste – noch demokratische – Regierung nach 1945 wollte das Projekt weiterführen.

In der Apsis sollte nun ein Raum entstehen, in dem demokratische Widerstandskämpfer gegen die Nazis beerdigt werden sollten. Soweit kam es nicht. Im Februar 1948 kamen die Kommunisten mit einem Coup an die Macht und begannen Schritt für Schritt das Gebäude für ihre geschichtspolitischen Zwecke umzufunktionieren. Als er starb, sollte nun statt der demokratischen Widerständler ausgerechnet der undemokratische Gottwald zwecks Anbetung durch die „Arbeiterklasse“ hier als Mumie im Glassarg präpariert (Vorbild: Lenin) seine (vermeintlich) letzte Ruhestätte finden. Im Dezember 1953 wurde das Mausoleum mit dem toten Gottwald eröffnet. Nur das mit dem fachgerechten Ausstopfen hatte nicht so recht geklappt.

Schon im April 1959 entdeckte man leichte Auflösungs-erscheinungen am Körper des Verblichenen, die seine Attraktivität als Ausstellungs- und Anbetungsobjekt merklich zu schmälern begannen. Es begannen hektische Arbeiten in den Kellerräumen unter der Gruft. Es wurde ein Aufzug installiert, mit dem der Körper fast jeden Abend nach Ende der Besuchszeit in ein eilig eingerichtetes klinisches Laboratorium heruntergefahren wurde, wo Experten ihn sorgfältig behandelten, pflegten und – ab November des Jahres – gegebenfalls echte Teile durch künstliche Prothesen austauschten, wenn sie zu unansehnlich geworden waren.

Man sieht heute noch die große Schaltzentrale außerhalb dieses „Behandlungsraums“, die den Lift betrieb und für die richtige Klimatisierung sorgte, damit wenigstens unten im Keller die Verwesungsprozesse eingedämmt werden konnten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ja bereits Dank des Chruschtschowschen Tauwetters (ab 1956) in der Sowjetunion selbst die Entstalinisierung und das Ende des Personenkults eingesetzt. In der Tschechoslowakei brauchte das etwas länger. Aber im April 1962 konnten die Ärzte und Balsamierer endlich aufhören, an Gottwalds Leichnam zu retten, was noch zu retten war. Er wurde herausgebracht, eingeäschert und in einer unauffälligen Ecke des Denkmals untergebracht. 1989 wurde die Urne im Zuge der Samtenen Revolution in einem Sammelgrab im Olšany-Friedhof (früherer Beitrag hier) zusammen mit anderen zu diesem Zeitpunkt in Ungnade gefallenen Kommunistenfunktionären beerdigt.

Mit der Samtenen Revolution , die den kommunistischen Spuk beendete, begann auch für das Nationaldenkmal eine neue Zeit. Die Kellergruft, wo man damals beständig an Gottwalds Leiche herumwerkelte, ist nun der schauerliche Teil einer Ausstellung. Dort sieht man – großes Bild oben – Einrichtungsgegenstände des Labors und die Totenmaske Gottwald. Überall herum befinden sich weiße Kacheln, das Licht ist dunkel. Irgendwie grauslich düster! In einer Nische, die fast die Optik einer Toilette hat, wurde nun die Gedenkplatte, die damals oben im „Showroom“ bei der Mumie angebracht war, platziert. Eine kleine multimediale Ausstellung begleitet die kleine Horrorshow.

Oben im Mausoleumsraum hat man statt des Glassargs nun einen marmornen Sarg hingestellt, der dem ursprünglich geplanten entspricht. Drumherum befinden sich noch an den Wänden Mosaike von siegreichen Rotarmisten, die einen zynischen Kontrast zu dem demokratischen und republikanischen Pathos des restlichen Gebäudes bilden. Man hat den Raum hier so – zur Erinnerung und Mahnung – so belassen, wie ihn die Kommunisten damals gestaltet hatten. Man verlässt diesen Bereich des Nationaldenkmals in dem Gefühl, etwas völlig Surreales gesehen zu haben. Wie konnte das alles nur geschehen? (DD)

Vernachlässigtes jüdisches Erbe

Das Erbe der jüdischen Kultur wird in Prag außerordentlich sorgfältig gepflegt. Aber die schrecklichen Zeitläufe des 20. Jahrhunderts ließen Vieles unwiederbringlich verloren gehen oder als Schatten seiner selbst weiterbestehen. Nicht nur die Nazis während der Besetzung, sondern später auch die Kommunisten trugen zu einem tragischen und nicht wieder gutzumachenden Kulturverlust bei. Im Stadtteil Libeň (Prag 8) lässt sich dies in trauriger Weise veranschaulichen.

Direkt bei der Metrostation Palmovka findet man in einer etwas verwahrlosten Stelle Prags die Synagoge in Libeň (Libeňská synagoga). Der schlichte, aber eigentlich recht eindringliche Bau im Stil der Neorenaissance wurde 1858 eingeweiht (der Bau hatte schon 1846 mit einer Grundsteinlegung in Anwesenheit von Erzherzog Stephan begonnen, sich aber verzögert). Er löste eine eine ältere Synagoge von 1592 ab, die näher an der Moldau lag und daher von Überschwemmungen heimgesucht wurde. Libeň war in dieser Zeit nach dem ungleich bekannten Judenviertel Josefov in der Altstadt das zweitgrößte jüdische Zentrum im heutigen Prag (zu dem der Ort erst 1901 eingemeindet wurde).

Der rechteckige Bau wurde von der Gemeinde als Synagoge bis zur Besetzung durch die Nazis genutzt, die die meisten Gemeindemitglieder verschleppten und umbrachten. Nach dem Krieg benutzten die Kommunisten den Bau als Lagerhalle. Die Synagoge verfiel. Nach dem Ende des Kommunismus wurde sie der verbliebenen jüdischen Gemeinde rückerstattet und renoviert. Sie wird aber seither nur gelegentlich für Kulturveranstaltungen und kleine Ausstellungen verwendet. Aber meist bietet sich ein tristes Bild. Ab und zu liegen Obdachlose im Eingang. Der Boden ist mit Abfall übersät. Einige Fenster sind zerbrochen und die Fenstergitter verrostet. Wenig vom alten bürgerlichen Glanz hat die Zeit überlebt.

Nur wenige Schritte entfernt: Der Alte jüdische Friedhof in Prag-Libeň (Starý židovský hřbitov v Praze-Libni) – oder was davon übrig blieb. Der wurde Ende des 16. Jahrhunderts angelegt und später noch ein wenig erweitert. Schon 1875 ging ein Stück verloren als auf einem Teil des Geländes ein Bahnhof gebaut wurde. 1892 wurden die Beerdigungen eingestellt und der Neue Jüdischer Friedhof Prag-Libeň (Nový židovský hřbitov v Praze-Libni) weiter oberhalb an der Davídkova angelegt. 1928 fiel ein weiteres Stück – inklusive der Beerdigungshalle – dem Bau der Libeň -Brücke, die hier beginnt, um Opfer. Die Nazis überlebte er so einigermaßen, nicht weil die moralische Skrupel hatten, sondern weil sie den zynischen Plan verfolgten, in Prag ein Museum einer untergegangenen Rasse aufbauen zu wollten.

Das vollständige Zerstörungswerk blieb daher den Kommunisten vorbehalten. Das örtliche Nationalkomittee (wie Stadträte damals genannt wurden) von Libeň und das Prager Bauamt ordneten 1964/65 die komplette Zerstörung des Friedhofs an. Alte Grabsteine wurden zerstört und tief vergraben. Da war nichts mehr zu retten. Deshalb sieht man hier heute nur noch eine unansehnliche Grünfläche mit einem Stück der alten Friedhofsmauer, die an einen nunmehr bewaldeten Abhang grenzt, auf dem sich einst auch Gräber befanden.

Die Stadtteilregierung versuchte das Beste daraus zu machen. Sie stellte eine Informationstafel auf, die die tragische Geschichte des Friedhofs (in Tschechisch und Englisch) schildert.

Am Schluss enthält sie noch eine Warnung an Kohanim (eine bestimmte Art jüdischer Priester), dass sie den Grund hier meiden sollten. Das Betreten des entweihten Friedhofs widerspräche den für sie geltenden Reinheitsvorschriften, die es verbieten, dass sie Tote berühren oder sich ihnen auch nur nähern. Stünde das Schild nicht hier, würde sie nichts davor warnen, den Friedhof zu betreten, von dem tatsächlich keine Spur mehr sichtbar ist. (DD)

Kommunistische Symbolik im Überfluss

429 Soldaten der Roten Armee liegen hier begraben. Die Sowjets waren am 9. Mai 1945 – heute vor 75 Jahren – in Prag einmarschiert. Der 9. Mai war deshalb während der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei der offizielle Tag der Befreiung. Dabei hatten die deutschen Militärs schon am Tag zuvor vor den Anführern des Prager Aufstands kapituliert, der am 5. Mai begonnen hatte, und den die Bürger der Stadt mit Todesmut unternommen hatten, um sich Unabhängigkeit und Demokratie zu erkämpfen (früherer Beitrag hier).

Deshalb ist heute auch der 8. Mai, der Tag des Sieges, offizieller Feiertag in der Tschechischen Republik. Dennoch bleibt unbestritten, dass die Rote Armee im Vorfeld des Kriegsende vor Prag schwere Verluste im Kampf gegen SS und Wehrmacht hinnehmen musste. Und deshalb wurde schon bald nach dem Krieg ein Teil des großen Olšany Friedhofs (auch hier) zu einem Ehrenfriedhof (vojenské pohřebiště) der gefallenen Rotarmisten umgewandelt. Man betritt ihn am leichtesten über den Eingang in der U Nákladového nádraží 1949/2 (Prag 3).

Das Areal ist völlig im Sinne stalinistischer Ästhetik gestaltet. In Reih und Glied stehen die Gräber der Soldaten. Alle sind bauidentisch als Obelisken gestaltet, auf denen in kyrillisch der jeweilige Name des gefallenen Soldaten steht über dem wiederum ein standardisiertes Ornament mit Siegesflaggen, Kalaschnikows und Rotem Stern angebracht ist (Bild rechts).

Zentral in der Mitte steht ein Denkmal (großes Bild oben), bestehend aus einem großen Steinsockel mit Sowjetstern, Hammer und Sichel, eingerahmt von zwei bronzenen Rotarmisten, die heldhaft ihre Kalaschnikow bzw. ein Gewehr mit Bajonett in den Händen tragen. Unweit davon ist ein riesiger Roter Stern in den Boden eingelassen.

Auch drumherum fehlt es nicht an kommunistischer Symbolik und Erinnerungskultur. Ringsum finden sich zusätzliche Denkmäler, so unter anderem (Bild rechts) eines für die tschechischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg mit der Habsburger Armee brachen, um 1917-22 auf Seiten der Bolschewiki im Russischen Bürgerkrieg zu kämpfen. Mit der Herausstellung dieser relativ kleinen militärischen Einheit wollte man ein ideologisches Gegengewicht zu der in der Tschechoslowakei verbreiteten Heldenverehrung aufbauen, die der sogenannten Tschechischen Legion (frühere Beiträge hier und hier) bis dato entgegengebracht wurde. Die Legionen hatten auf Seite der Entente, d.h. der Westmächte, für eine unabhängige und westlich-demokratische Tschechoslowakei und im Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki gekämpft. Für die Kommunisten waren die Legionen und ihr Mythos naturgemäß ein rotes Tuch. Deshalb dieses Denkmal (Bild oberhalb rechts). Allerdings schafften es die pro-bolschewistischen Tschechen von 1917ff nie wirklich, die Herzen der Tschechen so zu erobern wie es die Legionäre taten.

Daneben gibt es noch monumentale Denkmäler für Julius Fučík, einem populären kommunistischen Schriftsteller, der 1944 von den Nazis hingerichtet worden war und darob in den Heldenkult der Kommunisten einbezogen wurde, oder für Jan Šverma (Bild links), einem kommunistischen Politiker, der 1944 beim slowakischen Nationalaufstand sein Leben verlor und ebenfalls zur Märtyrergestalt wurde. Und es gibt noch etliche Beispiele mehr. Man schaut um sich und denkt man habe eine Zeitreise in die finstere Vergangenheit vor 1989 gemacht.

Kurzum: Soviel Sowjet- und Kommunismuskult kann in einem Land, das sich dereinst mit soviel Freude aus den Fängen dieser Ideologie und ihrer Schreckensherrschaft befreit hatte, nicht ganz unumstritten sein. Aber der Friedhof ist durch einen tschechisch-russischen Vertrag geschützt, der beide Länder verpflichtet, Soldatengräber mit den Toten der jeweiligen Länder zu sichern und in Stand zu halten. Angesichts der Tatsache, dass die hier beerdigten Rotarmisten als Opfer eines grauenvollen Krieges die Respektierung ihrer Totenruhe und den Respekt vor dem Leid, das sie einst erlitten hatten, verdient haben, ist das auch völlig recht und billig.

In diesem Sinne ist es traurig, dass ihr Schicksal bisweilen politisch missbraucht wird. 2014 musste die örtliche Friedhofsverwaltung ein neues Denkmal entfernen, das russische Veteranen des Krieges in Afghanistan auf dem Areal hatten aufstellen lassen. Darauf befand sich eine zweisprachige Plakette, die auf Tschechisch dem Gedenken von russischen Soldaten gewidmet war, die bei Friedensmissionen gefallen waren. Der Haken war nur, dass beim russischen Text nicht nur von Friedensmissionaren, sondern auch von „Internationalisten“ die Rede war, was bei der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 oft der Terminus war, mit dem die Sowjets die Invasion gerechtfertigt hatten. Es hagelte Proteste und die Plakette musste verschwinden.

Auch heute nutzen Teile der offiziösen oder nicht offiziösen russischen Community in Prag den Ehrenfriedhof, um politische Zeichen zu setzen. Zum Jahrestag des Kriegsendes ist das Denkmal mit Blumen und Kränzen in den russischen Nationalfarben (vereinzelt auch die der tschechischen Kommunisten) geradezu überschüttet – aber natürlich ist das dann nicht der 8., sondern der 9. Mai (die Photos entstanden 2019 einen Tag später). Das Verdienst der Befreiung will man wohl weiterhin für sich und die Rote Armee reklamieren. (DD)

Der Friedhof der Großen

Wie alle Kirchen im Mittelalter, war auch die Peter und Paul Kirche (Bazilika sv. Petra a Pavla) auf dem Vyšehrad (früherer Beitrag hier) von einem Kirchhof umgeben, der sich in diesem Fall bis in das Jahr 1260 zurückverfolgen lässt. Die meisten dieser kleinen Kirchhöfe in Prag wurden Ende des 18. Jahrhunderts aufgelöst. Der Friedhof auf dem Vyšehrad hingegen machte Karriere. Er wurde zum großen Nationalfriedhof. Das verdankte er vor allem dem Wirken des Dekans und späteren Probstes der Kirche, Václav Štulc.

Štulc war ein begeisterter tschechischer Patriot und hatte 1863 sogar wegen anti-habsburgischer Agitation zwei Monate im Gefängnis gesessen. Und für tschechische Patrioten war der Vyšehrad so etwas wie ein heiliger Ort. Es war der mythische Sitz der ersten böhmischen Herrscher und hier hatte die Seherin Libuše (früherer Beitrag hier) den Aufstieg Prag zur Hauptstadt vorhergesehen. Und so sollte nach dem Willen Štulcs hier eine Art tschechische Walhalla entstehen; ein Ort, wo die Großen der Nation ihre letzte Ruhe und die Nation ein Symbol ihrer Größe finden sollte.

Und diese Idee, für die er viele Anhänger und Spender fand, setzte er 1869 um. Das mit 0,81 Hektaren nicht einmal so riesige Areal wurde grundlegend umgearbeitet und künstlerisch so gestaltet, dass es dem noblen Zweck dienen konnte. Das auffälligste und definierende Element dabei ist der große Arkadengang, der die gesamte West-, Nord- und Teile der Ostseite des Friedhofs umfasst. Sie wurde im Neo-Renaissancestil von dem Architekten Anton Viktor Barvitius entworfen. Dazu entwarf er schon einmal einige passende Mausoleen. Der Arkadengang ist zudem innen mit schönen passenden Fresken versehen.

Da hier fast ausschließlich bedeutendere Tschechen beerdigt wurden, ließ man sich bei der Gestaltung der Gräber und Mausoleen auch generell nicht lumpen. Neorenaissance, Neogotik, Jugendstil, Art Déco, Kubismus oder Funktionalismus – alle Stilrichtungen seit dem 19. Jahrhundert finden sich hier vertreten. Sich die Gräber anschauen, heißt, einen Gang durch die Kunstgeschichte zu machen. Sowieso ist es bemerkenswert, wie originell gerade modernistische Grabgestaltungen sein können (kleines Bild links). Über ein Grab im Comics-Stil hatten wir ja hier schon einmal berichtet.

Neben der Gestaltung der Gräber beeindruckt natürlich auch, wer da so alles begraben wurde. Es handelt sich um das Who’s Who der neueren tschechischen Geschichte. Über das Grab des großen Komponisten Antonín Dvořák hatten wir bereits hier berichtet, aber auch der nicht minder bedeutende Komponist Bedřich Smetana (das ist der mit der Moldau) ruht auf dem Vyšehrad. Die beiden kleinen Bilder zeigen die Grabstätten des Schriftsteller Jan Neruda (links) und den ebenfalls berühmten Maler Mikoláš Aleš (rechts).

Andere große Namen sind der Jugendstilmaler Alfons Mucha, der Bildhauer Josef Václav Myslbek, der Geiger Josef Suk, die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Božena Němcová und der Schriftsteller Karel Čapek. Über das Kenotaph der von den Kommunisten hingerichteten Widerständlerin Milada Horáková hatten wir bereits hier berichtet. Die Liste der Großen ist fast endlos. Aber wie gesagt, selbst wenn der eine oder andere Namen in Vergessenheit geraten sein sollte, sind manchmal trotzdem die Grabsteine noch ein längeres Verweilen und Betrachten wert (ein handgreiflich originelles Beispiel oberhalb rechts).

Damit kommen wir zum Zentralstück des Nationalfriedhofs: Dem Slavín. Es handelt sich um eine große Sammelgrabstätte an der Ostmauer des Friedhofs (Bild links). Erbaut wurde sie von dem Neo-Renaissance-Architekten Antonín Wiehl in den Jahren 1889 bis 1893. Die Skulpturen entwarf der Bildhauer Josef Mauder.

Die Idee dafür kam aus dem Verband Svatobor, der etliche große Schrifsteller vereinigte, die nationale Heimatpflege betrieben. Der Verein betreut das Grab mit seinen kleinen Krypten immer noch und entscheidet, welche Großen Tschechiens darin ihre letzte Ruhe finden darf. 1901 begann es mit dem Schriftsteller Julius Zeyer. Zu den neueren Eingängen gehört der Dirigent Rafael Kubelík. Oben auf dem Grab befindet sich die Skulptur einer vor einem Sarkophag stehenden engelsgleichen Figur, die den Genius der tschechischen Heimat darstellen soll.

Kleine Tafeln erinnern an die dort Beerdigten. Darüber steht ein Vers von Zeyer mit dem Motto: „Obwohl sie starben, sprechen sie noch.“ Nicht nur Touristen, sondern vor allem auch viele Tschechen besuchen den Friedhof und den Slavín regelmäßig. Sie tun dies, um eine Reise durch Kultur und Geschichte zu unternehmen, oder um die Ruhe des Ortes (die man nur außerhalb der Hauptferienzeit findet) zu genießen, der nicht zuletzt wegen seines alten Baumbestandes ein angenehmer Ort ist. Informationstafeln am Eingang ermöglichen das Auffinden der bedeutendsten Grabstätten auf dem Friedhof. Zu ihnen gehört auch die von Václav Štulc, dessen Patriotismus wir diesen schönen Friedhof verdanken, und der 1887 hier seine letzte Ruhe fand. (DD)

Wallfahrtsort

Am 19. Januar 1969 – vor nunmehr genau 51 Jahren – war der junge Student Jan Palach (früherer Beitrag hier) an den Folgen seiner Selbstverbrennung gestorben, die er drei Tage zuvor auf dem Wenzelsplatz als Fanal gegen die zunehmende Apathie der Menschen nach der brutalen Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Paktes durchgeführt hatte. Die Tat hatte die Menschen in aller Welt berührt und die kommunistischen Machthaber fürchteten zurecht, dass Palach nun zum Märtyrer und zum Symbol jener Freiheit werden würde, die sie den Bürgern gewaltsam vorenthielten.

Selbst vor dem toten Jan Palach schienen sie Angst zu haben. Der war zunächst auf dem großen und zentralen Olšany-Friedhof (früherer Beitrag hier) bestattet worden, und die Behörden glaubten nicht völlig ohne Grund, dass das Grab nun zur Wallfahrtsstätte der freiheitsliebenden Dissidenten und Regimegegner werden würde.

Für das Grab hatte der Bildhauer Olbram Zoubek, der nach dem Ende der Schreckensherrschaft 1989 das Denkmal für die Opfer des Kommunismus auf der Kleinseite gestalten sollte, Zoubek, der übrigens Palach die Totenmaske (hier) abgenommen hatte, schuf eine eindrucksvolle Skulptur für das Grab. Sie zeigt eine Bronzefigur, die an den verbrannten Körpers erinnert, und die auf der flachen Grabplatte liegt. Schon im Juli 1970 demontierten die Machthaber das Grab und ließen die Bronzefigur einschmelzen. 1973 ließen sie Palach gar exhumieren und einäschern. Die Asche beerdigten sie in Všetaty, dem nordböhmischen Wohnort der Eltern Palachs – ein eher abgelegener Ort, der versprach, dass nur wenige „Pilger“ das Grab aufsuchen würden. Um ganz sicher zu gehen, veranlassten sie auch, dass an den Jahrestagen der Selbstverbrennung die Züge aus Prag nicht am dortigen Bahnhof hielten.

1990 – kurz nach der Samtenen Revolution – wurde dieser Spuk und diese Schmach beendet. Palachs Überreste wurden wieder nach Prag an den ursprünglichen Ort zurücküberführt. Die Grabgestaltung von Olbram Zoubek wurde wiederhergestellt. Das Grab, das unweit des Haupteingangs (genauer: einige Meter rechts davon) liegt, ist immer mit Blumen bedeckt. Das, was die Kommunisten verhindern wollten, ist nun doch wahrgeworden – Palachs letzte Ruhestätte ist zu einem kleinen Wallfahrtsort für diejenigen geworden, denen die Freiheit noch etwas bedeutet. (DD)