Kleiner Toleranzfriedhof

Der Toleranzfriedhof (Toleranční hřbitov) in der Huberova im Stadtteil Ruzyně (Prag 6) ist eine Rarität. Es gab in Prag überhaupt nur zwei davon und der zweite, der 1795 im Ortsteil Strašnice angelegte Toleranzfriedhof, existiert schon lange nicht mehr. Aber was ist ein Toleranzfriedhof überhaupt?

Um das zu verstehen, muss man zurück in das Jahr 1620. In diesem Jahr fand bei Prag die Schlacht am weißen Berg statt, der den (österreichischen) Habsburgern die Herrschaft sicherte und de facto die Unabhängigkeit und Freiheit der Böhmen beseitigte. Im religiös bis dato recht toleranten und weitgehend protestantischen Böhmen setzte nun eine rigorose Katholisierungspolitik ein. Die Protestanten wurden systematisch unterdrückt. Es gab für sie keine Gottesdienste, Kirchen oder Friedhöfe mehr.

Dann kam das Jahr 1781. Kaiser Joseph II. dekretierte in diesem Jahr sein Toleranzpatent. Für die Protestanten bedeutete das ein wenig mehr an Freiheit. Sie durften wieder Gottesdienste abhalten. Auch durften sie Kirchen haben, die aber nicht so aussehen sollten. Toleranzkirchen (über ein Beispiel in Prag berichteten wir hier) hatten etwa keine Glockentürme und mussten wie normale Wohnhäuser aussehen, damit sich die Katholiken nicht vom Anblick provoziert fühlten. Die Toleranz hatte also noch enge Grenzen. Nun, und die Protestanten durften von nun an auch eigene Friedhöfe haben – und die nannte man Toleranzfriedhöfe.

Der hier in Ruzyně wurde zwischen 1784 und 1788 angelegt. So genau weiß man es gar nicht. Aber es war auf jeden Fall bald nach der Verkündung des Toleranzpatents. Dass der Friedhof damals etwas außerhalb der Stadt (deren Randgebiete ihn inzwischen Dank des Bevölkerungswachstums seither eingeholt haben) angelegt wurde, hat nichts mit seinem Status als letzte Ruhestätte von Angehörigen einer eher als randständig gesehenen Religionsgemeinschaft zu tun. Unter Joseph II. wurden generell aus Gründen der Krankheitsverhütung die kleinen Kirchhöfe in der Innenstadt aufgelöst und durch größere Friedhöfe weiter außerhalb ersetzt.

Ein großer Friedhof war der Toleranzfriedhof jedoch nicht. Nur 16,5 mal 10,5 Meter maß das Grundstück ursprünglich. Das ist winzig, aber es reichte aber für lange Zeit aus, da der Friedhof nur die Angehörigen der protestantischen Minderheit in einigen sehr, sehr kleinen Gemeinden abdeckte, nämlich Střešovice, Ruzyně, Lysolaje, Veleslavín, Šárka, Podbaba, Sedlec, Podhoří und Stodůlky – auch sie lagen damals noch außerhalb von Prag. Ursprünglich war der Friedhof damit sogar noch kleiner als er es heute ist. 1860 erfolgte eine kleine Erweiterung, bei der die kleine Mauer, die ihn heute umgibt, neu gebaut wurde.

Während der Revolution von 1848 in Prag rückte der Toleranzfriedhof noch einmal in den Mittelpunkt der Geschichte. Hier versammelten Angehörige der revolutionären Studentenbewegung, um einer Brandrede ihres radikalen Anführers, dem Schriftsteller Josef Václav Frič, zuzuhören. Der Friedhof liegt ganz in der Nähe des Schlachtfelds der Schlacht am Weißen Berg, wo die Habsburger sich gegen die aufständischen Böhmen durchsetzten und danach die Unabhängigkeit und die Glaubenfreiheit des Landes beseitigten. Die Studenten forderten hier an dem symbolträchtigen Toleranzfriedhof, dass die Gefallenen der Schlacht hier ein nachträgliches Heldenbegräbnis bekommen sollten. Daraus wurde nichts, weil die Revolution schon sehr bald niedergeschlagen wurde.

Als Kaiser Franz Josef im Jahr 1867 die völlige Religionsfreiheit verkündete, gab es keine formale Begründung mehr für einen gesonderten Toleranzfriedhof. Multikonfessionelle öffentliche Friedhöfe (Beispiel hier) begannen auch in Prag das Bild der Begräbniskultur zu bestimmen. Trotzdem fanden immer noch ab und zu Beerdigungen auf dem alten Toleranzfriedhof statt. Die letzte erfolgte 1945, als hier Václav Kubát zu Grabe getragen wurde, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg einem Mord zum Opfer gefallen war. Sein Grab sieht man im kleinen Bild rechts.

Der Friedhof liegt in einem kleinen Waldstückchen an einem Hang. Etliche der Grabsteine sind im Laufe der Zeit verschwunden, aber man kann die Grabfelder noch gut erkennen. Seit 1958 ist er geschütztes Kulturdenkmal und seit 1963 sogar ein Nationales Kulturdenkmal. Und man findet noch viele schöne alte und neuere Grabsteine. Viele sind mit dem Symbol des Kelches geschmückt, das in Tschechien seit der Zeit der Hussiten für ein reformatorisches Verständnis von Christentum steht. Der Friedhof gehört übrigens zu den kleinsten in ganz Prag. (DD)

Botschaft auf dem Gräberfeld

Auf den ersten Blick sieht dieses so schlichte Wappen mit dem putzigen Ritterhelm ein wenig wie ein eher moderner Souvenirartikel aus. Es ist aber tatsächlich ein altes Wappen. Nämlich das des altehrwürdigen, im 15. Jahrhundert in die Geschichte eintretenden Adelsgeschlechts Vratislav z Mitrovic (auch: Wratislaw von Mitrowitz). Deshalb befindet es sich auch über dem Eingang des Vratislav Palasts (Vratislavský palác) in der Tržiště 366/13 auf der Kleinseite.

Und der ist immer noch erste Adresse. So residiert hier heute unter anderem die Botschaft der Republik Irland. Kryštof František Vratislav z Mitrovic erwarb 1671 das Grundstück auf der Kleinseite und legte mehrere spätmittelalterliche Häuser, die sich hier befanden, zusammen, um daraus einen Palast im frühbarocken Stil bauen zu lassen. Einer seiner Nachfahren, Jan Václav Vratislav z Mitrovic, der es in den Jahren 1711/12 sogar zum Posten des böhmischen Oberstkanzler gebracht hatte, ließ das Gebäude in dieser Zeit noch einmal im hochbarocken Stil umbauen. Die Familie führte dann noch einmal Ende des 18. Jahrhunderts unter der Leitung des Baumeisters Josef Zika (auch: Sicka) weiter Umbauten durch.

Aber das heutige Aussehen verdankt das Gebäude einem umfassenderen Umbauprojekt, das in den Jahren 1824 bis 1834 durchgeführt wurde. Die barocken Stilelemente wurden dabei fast völlig durch den damals modernen Klassizismus ersetzt. Das sieht man nicht nur an der sehr formstrengen Fassade, sondern teilweise auf noch an den teilweise erhaltenen Wandmalereien innen, wier man im Bild rechts sehen kann, dass einen Tagungsraum des US-Kulturinstituts American Center zeigt.

Wie beim unmittelbar benachbarte Schönborn Palast (Schönbornský palác), der heute die amerikanische Botschaft beherbergt, wollte sich die Familie in diesen Zeiten nicht mehr im Palast leben. Das Gebäude wurde vermietet. In den Jahren 1861 bis 1876 befand sich sogar ein für Schüler aus der Kleinseite bestimmtes Gymnasium in den Palasträumen. Das Gebäude eignete wahrscheinlich sich wegen seines Gartens (Schulhof?) und seinen schönen und sehr klassizistischen Atrien (von denen man eines im Bild links sehen kann) tatsächlich recht gut für diesen Zweck. Danach wurde der Palast wieder vielfältig vermietet.

Ab 1948 regierten im Land die Kommunisten. Wie es dann nicht selten geschah, ließen die das Gebäude ein wenig durch Missbrauch und Vernachlässigung verkommen. nachdem dieses unerfreuliche Kapitel 1989 abgeschlossen war, ging man in den Jahren 1992 bis 1992 an eine Vollrenovierung, die mit größeren Moderniserungsmaßnahmen (etwa einer Tiefgarage) verbunden war. Als man damit fertig war, konnte man damit gleich auch einen politischen Missstand beheben. Die Aufgaben der Botschaft der Irischen Republik wurden nämlich über Jahrzehnte von Wien aus erledigt – so als ob das Habsburgerreich nicht 1918 untergangen sei. Das ging natürlich nicht. 1995 hatte man ein Einsehen und seither residiert die Irische Botschaft für Tschechien an diesem Ort.

Die Botschaft nutzt nicht das ganze Gebäude, und so haben sich noch einige andere Institutionen (wie das erwähnte American Center) und Firmen hier angesiedelt.

Ach ja, bei den Bauarbeiten für die Garagen fand man in Keller und Teilen des Gartens Reste eines alten Friedhofs. Der muss wohl im 11. Jahrhundert angelegt worden sein, wie Archäologen herausfanden, und rund 200 Jahre genutzt worden sein. Danach geriet er in Vergessenheit und wurde überbaut. Wahrscheinlich wäre den Bewohnern, die hier später residierten, aber auch den Schülern, die hier im Gymnasium lernten, ein leichter Schauer über den Rücken gelaufen, hätten sie gewusst, dass sie sich die ganze Zeit auf einem Gräberfeld befanden. (DD)

Dass Beinhaus in Kolín

Heute ist Halloween! Etwas passenderes als die von der Decke des Ossuariums von Kolín von oben herunter schauenden Totenschädel kann man sich kaum vorstellen für unseren Beitrag zu diesem heutigen Tage.

In der frühen Neuzeit wuchs die Bevölkerung in den Städten rapide. Besonders in Städten reichten deshalb die meist kleinen und nicht mehr erweiterbaren Kirchhöfe, in denen die Verstorbenen zwangsläufig beerdigt wurden, nicht mehr aus. Große Friedhöfe in den Außenbezirken fingen sich erst langsam nach der Friedhofsrefom unter Kaiser Joseph II.in den 1780er Jahren an durchzusetzen, die die Auflösung zu kleiner Kirchhöfe in Innenstädten anordnete – auch wegen der mit ihnen verbundenen Seuchengefahr, die entstand, weil die Toten manchmal in mehreren Lagen übereinander begraben werden mussten, und die obersten Gräber schon dicht unter der Oberfläche lagen, was sogar oft zu Geruchsbelästigungen führte.

Bevor es moderne kommunale Friedhöfe gab (was meist erst im späten 19. Jahrhundert der Fall war), hatte mein eine andere Lösung für das Problem, nämlich Ossuarien, auch Beinhäuser genannt. Die verbreiteten sich vor allem im 17. und 18. Jahrhundert in Süddeutschland, Österreich und auch Böhmen, wo – recht nahe bei Kolín! – sich das wohl berühmteste Ossuarium befindet, nämlich das Sedletz-Beinhaus in Kutná Hora (wir berichteten hier). Das Raumproblem wurde durch die Ossuarien dadurch gelöst, dass man ältere Gräber (bei denen sicher war, dass nur noch Skelette der Verstorbenen übrig waren) aushob, und die Gebeine in einem besonderen Gebäude eng aufeinander stapelte. Aus Effizienzgründen wurden nicht die ganzen Skelette zusammengehalten, sondern die Gebeinarten sortiert. Schädel wurden auf Schädel, Ellenbogen auf Ellenbogen gestapelt, und so weiter. Manchmal sah man die dann zugänglichen Ossuarien auch als Memento Mori (Bedenke, dass Du sterben wirst), das man entsprechend gestaltete. Die Knochen wurden dann geradezu zu Kunstwerken arrangiert. So auch hier in Kolín, das etwa 40 Kilometer östlich von Prag gelegen ist.

Das Beinhaus gehört zum Areal des ehemaligen Kirchhofs der großen Bartholomäuskirche (Kostel svatého Bartoloměje) von Kolín, einer wunderschönen Kathedrale, die in den Jahren 1360 bis 1398 von keinem geringeren als dem Baumeister Peter Parler erbaut, dem Prag den Veitsdom verdankt. Die Kirche war groß, aber 1733 fand Dekan Antonín František Formandl, der seit 1728 für das wohl der Kirche arbeitete, dass der Kirchhof hingegen zu klein sei, und dass ein Ossuarium hermüsse, wo die Überreste der ausgegrabenen Verstorbenen würdig ihre allerletzte Ruhe finden sollten. Das Bauwerk wurde in einer Ecke des Kirchhofs gebaut, die direkt an die alte Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert grenzte. Wer der Architekt war, den er mit eigenem Geld (!) anheuerte, weiß man nicht genau, vermutlich ein gewisser Josef Jedliček, über den sich aber nur wenig herausfinden lässt. Wer immer es war, ihm gelang ein schönes Barockgebäude mit quadratischem Grundriss und vier halbrunden Apsiden an den Seiten (solche eine Konstruktion nennt man Tetrakonchos). Oben auf dem Turm befindet sich die typische barocke zwiebelförmige Laterne, die Licht durch runde Öffnungen in der Decke des Hauptraums lässt, so wie man es oben im großen Bild sieht.

Das Kirchenareal und vor allem auch das Beinhaus wurden während des Siebenjährigen Krieges 1757 und der vor den Toren der Stadt stattfindenden Schlacht von Kolín durch die Preußen arg ramponiert, aber 1768 auf Initiative von Dekan Liborius Dittmann wieder in Stand gesetzt. Beim Großen Feuer von 1796 gehörte das Ossuarium zu den wenigen Gebäuden, die weitgehend unbeschädigt blieben.Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war keine gute Zeit für das Beinhaus. Es wurde vernachlässigt und verfiel so, dass der Rat es abreißen wollte. Nur der Initiatve des Dekans und Pfarrers Jan Nepomuk Svoboda wurde es gerettet. Er investierte eigenes Geld für die Reparaturen und führte einige Änderungen, insbesondere am Dach durch. 1884 drohte abermals Ungemach. Die schon recht prachtvolle Kirche (Bild rrechts) sollte renoviert und noch einmal so richtig im neogotischen Stil „aufgebessert“ werden. Abermals wollte man das Ossarium abreißen und zwar mit expliziter Unterstüzumg des Architekten des Umbaus. Das war der berühmte Josef Mocker (siehe  u.a. diesen und diesen früheren Beitrag), der ein Großmeister eines sehr puristischen gotischen Stils war, und fand, dass ein solches Barockgebäude den Gesamteindruck zerstöre. Wieder rettete Dekan Svoboda das Gebäude und gab sogar wieder Geld für neue Renovierungen aus. Seiher gab es kein neues Ansinnen, das Gebäude zu zerstören. In den 1920er, 1930er und sogar den kommunistischen 1970 gab es immer wieder Reparaturarbeiten. 1996 war das Dach in Gefahr, einzustürzen, es gab eine neue Reparatur und den Plan einer Rundumerneuerung.

Und nun zum Ossarium von Kolín selbst, das dann in den Jahren 2018 bis 2020 aufwendig renoviert wurde. Außen, d.h. rechts vom Eingang, ist eine steinerne Tafel an der Wand angebracht. An ihr wird deutlich, warum hier Anfang des 18. Jahrhunderts ein Ossarium gebaut wurde. Da ist von der großen Pest von 1680 die Rede, die in Kolín und ganz Böhmen wütete. Einige der Geistlichen und Stadthonoratioren, die ihr zum Opfer fielen, sind namentlich erwähnt. Darunter wird noch beiläufig erwähnt, das in vier Monaten 826 Menschen daran gestorben seien. Kolín war damals eine nach heutgen Maßstäben kleine Stadt. Die Pest hatte also einen enormen Blutzoll gefordert. Man kann heute immer noch erschließen, wie groß bzw. klein der Kirchhof gewesen war. Auch wenn Pesttote meist verbrannt wurden, überstieg das jedes Fassungsvermögen. Und es war ja nicht die letzt Seuche, den die nächste Pest kam schon 1713/14. Die Platz sparende, aber würdige Unterbringung von menschlichen Überresten in einem Beinhaus ergab sehr viel Sinn.

Vom Inneren kann man tatsächlich nur die vordere Apsis mit dem Eingang und den sehr hohen quadratischen Zentralraum sehen. Die drei anderen Apsiden sind nämlich proppenvoll mit Knochen. Da ist kein Platz mehr und es gibt einen Grund, warum seit dem 19. Jahrhundert hier niemand mehr seine letzte Ruhe fand. gegenüber des Eingangs sieht man polychrome barocke Statuen des gekreuzigten Jesus Christus (mit Himmelsschlüsseln darüber), der Jungfau Maria und des Evangelisten Johannes. Sie sind Werke des bekannten deutsch-böhmischen Bildhauers Ignaz Rohrbach. Und sie sind auch so ziemlich das einzige, was man drinnen sieht, das nicht aus menschlichen Knochen besteht.

Ansonsten ist die Dekoration der Ossuariumskapelle reine Knochenkunst.EIn großer Teil davon entstand erst 1851 unter besagtem Dekan Svoboda.Damals kam noch eine Knochenlieferung vom aufgelösten Kirchhof der Kirche des Heiligen Johannes des Täufers (kostel sv. Jana Křtitele) im nahen Kutná Hora dazu. Mit ihnen wurden unter anderem die beiden Obeliske neben der Statuengruppe gestaltet. Die Wände bestehen aus dicht gestapelten Beinknochen. Aus aneinander gereihten Totenschädeln wurden Gesimse und Girlanden zur optischen Auflockerung hinzugefügt. Überall wird man an die Vergänglichkeit des Lebens erinnert.

Und rechts neben dem Eingang wartet der Sensenmann daselbst – ein komplettes Skelett mit einer Sense in der Hand. Daneben ist ein Schild mit der (tschechischen) Inschrift: „Was ich bin, wirst Du in Kürze sein!“ Es heißt, dass Skelett aus dem Jahr 1849 seien die Überreste eines Studenten, der bei der Revolution von 1848 in Prag getötet worden war. Das könnte aber bloß eine später erfundene Legende sein, ebenso wie die Theorie, es handle sich um zusammengesetzte Überreste von verschiedenen Verwandten eines Onkels von Dekan Svoboda. Ein Ort wie dieser lädt ja auch förmlich dazu ein, sich makabre Geschichten auszudenken. Also: Happy Halloween! (DD)

Der älteste jüdische Friedhof

Erst seit 2016 wird der vorbeikommende Passant wieder daran erinnert, dass sich hier in der Neustadt bei den Straßen Purkyňova und Vladislavova der Judengarten (Hortus Judaeorum) befand bzw. teilweise noch befindet. Der älteste jüdische Friedhof Prags wurde wohl schon im frühen 13. Jahrhundert angelegt.

Damals nahmen die die böhmischen Könige ihre Schutzpflicht gegenüber den Juden sehr ernst. Deshalb ist eine Erwähnung des Friedhofs durch König Otakar II. aus dem Jahr 1255 erhalten, der ein Gesetz erließ, dass jede Form von Vandalismus gegenüber den jüdischen Gräbern drakonisch bestraft werde. König Wenzel IV. garantierte 1410 den Juden den – gemäß ihrer Religion verpflichtenden – Ewigkeitsstatus. Der Friedhof wuchs auf stattliche 48.000 qm an und es wurden Juden aus der ganzen Umgebung Prags hier beerdigt. Die Ewigkeitsgarantie währte leider nicht ewig. 1478 ließ König Vladislav II. im Zuge einer Stadterweiterung der Neustadt en Friedhof. Einiges wurde anschließend durch den Stadtaufbau zerstört, viele Gräber aber auch einfach überbaut. Von nun an sollte der wesentlich kleinere neue jüdische Friedhof im Judenghetto Josefov (Josefstadt) in der Altstadt die Funktion des Judengartens übernehmen.

1866 fand man bei Bauarbeiten einige der Gräber wieder. Sie wurden exhumiert und in einem Denkmal beim Friedhof in Josefov eingemauert, was klar gegen den jüdischen Totenritus verstieß. 1998 fand man beim Bau einer Tiefgarage gleich ein archäologisch wertvolles zusammenhängendes Gräberfeld mit über 400 Gräbern. Diesmal wollte man sensibler agieren. Es folgten Verhandlungen mit der jüdischen Gemeinde Prags. Einige bereits beschädigte Gräber wurden auf den Neuen Jüdischen Friedhof (Nový židovský hřbitov), über den wir bereits hier berichtet haben, nach Žižkov umgebettet.

Insgesamt rund 160 Behältnisse mit menschlichen Überresten wurden dafür unter einem der erhaltenen Schreine (der dafür gesondert dorthin transportiert wurde) an zentraler Stelle des neuen Friedhofs begraben, was aber allenfalls als traurige Notlösung galt. Aber der Schrein ist eines der wenigen noch sichtbaren Relikte des ältesten jüdischen Friedhofs (Bild links). Für die intakt gebliebenen Gräber verhandelte im Jahr 2000 man eine Lösung, die dem jüdischen Gebot der ewigen Unantastbarkeit von Gräbern Rechnung trug. Baupläne wurden geändert und die verblieben Gräber unzugänglich mit einer großen Betonumhüllung versehen.

Davon sieht der Passant draußen auch der Straße nichts. Wo ein Erinnerungsort sein sollte, war lange Zeit schlichtweg keiner. Deshalb wurde 2016 auf der kleinen Purkyňova Straße ein von dem Architekten Richard Sidej gestaltetes Denkmal aufgestellt und unter großer Beteiligung der jüdischen Gemeinde und der Prager Kommunalpolitik würdig eingeweiht. Auf vier, an Grabsteine erinnernden Tafeln wird in Hebräisch, Tschechisch und Englisch an den geweihten Ort erinnert. Es wird auch gesagt, das laut einer Schriftquelle, dem Seder HaDoroth, einem aus dem frühen 18. Jahrhundert stammenden Buch der Generationen, Shlomo Yitzchaki Rashi, ein im 11. Jahrhundert lebender Gelehrte, der bedeutende Kommentare zur Torah und Talmud schrieb, hier begraben sein soll. Das ist eher ungesichert, starb der doch in der französischen Stadt Troyes und lebte lange vor der Entstehung des Prager Friedhofs. An der historischen Bedeutung des Ortes ändert das nichts. (DD)

Artilleristengräber an der Bastion

Man muss ein wenig suchen, bis man sie findet. Die Grabsteine befinden sich fast versteckt am Fuße der Bastion X der barocken Stadtbefestigung des Burgbezirks (Hradčany) – im unteren Teil des von Schnellstraßen umgebenen, aber dann doch recht großen und grünen Max van der Stoel Parks. Man muss schon wissen, wonach man sucht, um sie zu finden.

Prag ist vor allem im 18. Jahrhundert oft belagert worden und es gab daher viele Garnisonen zu seiner Verteidigung. Folglich gab es auch viele, über die Stadt verteilte Soldatenfriedhöfe. Nur von wenigen findet man noch sichtbare Spuren, seitdem sie Anfang des 20. Jahrhunderts samt und sonders aufgelöst wurden und militärische Begräbnisse aller Arten (Beispiel hier) seither nur noch auf den Olšany Friedhöfen (Olšanské hřbitovy; wir berichteten hier) oder außerhalb der Stadt stattfinden.

Die Rede ist vom Soldatenfriedhof von Střešovice (Střešovický Vojenský Hřbitov). Der wurde 1786 unter Kaiser Joseph II. für die Garnison des Artillerieregiments des damals ummauerten und befestigten Burgbezirks eingerichtet. Die Lage des Areals für den Friedhof war ideal, erfüllte sie doch des Kaisers Vorgabe, dass Friedhöfe (ganz gleich, ob militärisch oder zivil) aus den Innenstädten zu verschwinden hätten, war aber gleichzeitig so dicht von außen an den Bastionsmauern angelegt, dass die Angehörigen nicht weit laufen mussten, um den Toten Ehre zu erweisen. Da Prag 1757 während der Belagerung der Stadt im Siebenjährigen Kriegs das letzte Mal real militärisch bedroht worden war, dürften die meisten dort damals Begrabenen nicht Kriegsgefallene gewesen sein. Auch friedlich in einer Garnison untergebracht, sterben Soldaten ja irgendwann und müssen begraben werden. Die meisten tatsächlichen Kriegsopfer wurden hier während der Napoleonischen Kriege und dem Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 begraben, bei dem die Artilleristen außerhalb der Heimat Prag eingesetzt wurden, aber meist doch hier ihre letzte Ruhestätte fanden.

Bis 1906 fanden auf dem recht großen Areal noch Beerdigungen (zu diesem Zeitpunkt teilweise auch zivile) statt. In diesem Jahr wurden etliche Soldatenfriedhöfe aufgelöst und desekriert, etwa der große ehemalige Soldatenfriedhof von Karlín, von dem nur die Kapelle, aber seit seiner Auflösung kein Grabstein überlebte (wir berichteten hier). Das war im Falle des ebenfalls desekrierten Friedhofs Střešovice nicht in diesem Umfang der Fall. Etliche Soldaten wurden auf den weit außerhalb gelegenen Soldatenfriedhof in Štěrboholy (wir berichteten hier) umgebettet. Einige Gräber blieben und wurden noch bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg und in der Ersten Republik von Hinterbliebenen gepflegt. Vor allem blieb eine größere Menge Grabsteine erhalten. Die Situation verschlechterte sich allerdings markant, als in den 1930er Jahren der Park in eine Sportanlage umgewandelt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten sich Gartenkolonien hier breit, die weiteren Schaden anrichteten. 1987 erbarmten sich die Behörden und das Areal wurde unter Denkmalschutz gestellt.

Es begannen Restaurationsarbeiten. Die meisten der Grabdenkmäler und -platten wurden sehr einfühlsam und sorgfältig an den Mauern der Bastion angebracht, die man nun nachdenklich und interessiert entlang spazieren kann. Da findet man zum Beispiel das prächtige Grabmal von General Wenzel Schipka von Blumenfeld, der 1866 starb. Als Kuriosum bemerkt man, dass das oben eingemeißelte Familienwappen schräg auf dem Kopf steht (Bild rechts, aber auch großes Bild oben). Das soll symbolisieren, das mit dem dort Beerdigten der letzte seines Geschlechts, einer alten Ritterfamilie, gestorben war.

Ein anderer Prominenter, dessen Grabstein man noch sehen kann, war Josef Jüttner, Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften und Kommandant der Prager Artilleriebrigade, der als Kartograph 1811 bis 1816 den ersten auf geodätischer Basis erstellten Stadtplan Prags anfertigte. Allerdings fehlen bei vielen Grabsteinen die Inschriften, wie man am Bild links erkennen kann – eine traurige Folge von Vandalismus. DIe Denkmalpfleger arbeiten emsig daran, dass möglichst viele Inschriften wieder restauriert und rekonstruiert werden.

Weiter im Süden des Parks steht man dann vor einem großen Denkmal, einem Kreuz, das in einer sternförmigen Umbauung steht, die dem Grudriss der Bastion ähnelt. Es markiert die Stelle, wo einst 28 preußische Soldaten beerdigt worden waren. Preußen? Aber Prag war doch österreichisch und wurde auch nicht von Preußen erobert, oder? Nun, das war eine Folge des Preußisch-Österreichsichen Krieges von 1866. Nachdem Österreich die Schlacht von Königgrätz (Hradec Králové) verloren hatte, kam es zu Friedensverhandlungen. Die endeten mit dem Frieden von Prag am 23. August 1866. Kapituliert hatten die Österreicher aber schon im Juli, als der Vorfrieden von Nikolsburg die Kampfhandlungen beendete, was wiederum die Friedensverhandlungen in Prag erst möglich machte. Während der Verhandlungen konnte ein kleineres preußisches Truppenkontingent – darunter auch Artillerie – in Prag stationiert werden. So waren sie hierher gekommen und die 28 hier Begrabenen gehörten zu ihnen. Sie hatten am 25. August 1866 aus Versehen eine Munitionsexplosion ausgelöst und waren dabei ums Leben kamen. Sie wurden nun Seite an Seite ihrer früheren Gegner, den österreichischen Artilleristen begraben.

Am Anfang gab es hier nur ein einfaches Schachtgrab, Das Denkmal in der heutigen Form wurde erst 1890 mit Hilfe von Spenden des Hilfsvereins Deutscher Reichsangehöriger zu Prag (heute würde man von deutschen „Ex-Pats“ reden) . „Hier ruhen in Gott 28 Preußische Soldaten“, besagt die Inschrift auf dem Sockel des Kreuzes. Und darunter steht das Bibelzitat: Jesus Christus sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben (Johannes 11,25). Nach einer aufwändigen Renovierung im Jahre 2018 sieht das Grabdenkmal wieder blitzblank und gut in Schuss aus. Das ist schön. Immerhin scheinen die Wunden, die der Krieg von 1866 aufgerissen hat, verheilt zu sein. (DD)

Friedhofskapelle mit dramatischer Geschichte

Etwas verloren steht sie da am Fußes des Vítkovberges im Stadtteil Karlín, die kleine Kapelle – dort wo einst so viele Soldaten ihre letzte Ruhestätte fanden. Aber immerhin in vorbildlich renoviertem Zustand. Dadurch sieht man ihr ihre dramatische Geschichte nicht an, die nun hoffentlich ihr glückliches Ende gefunden hat.

Um diese Geschichte zu verstehen, muss man wissen, dass Karlín bis 1817 außerhalb der Stadt lag. Erst danach wurde das Areal als Vorstadt Prags (damals unter dem deutschen Namen Karolinenthal) erschlossen. Zuvor herrschte hier fast ausschließlich das Militär. Es gab unzählige riesige Kasernen und vor allem die alte, 1737 fertiggestellte Invalidenanstalt (Invalidovna) für verarmte und behinderte Veteranen (wir berichteten hier), die 1984 ein Drehort für den Mozartfilm Amadeus werden sollte. Und Soldaten sterben nun einmal – so oder so. Und deshalb gab es hier in Karlín natürlich auch einen großen einen Soldatenfriedhof.

Die Kapelle des Soldatenfriedhofs von Karlín (Kaple vojenského hřbitova v Karlíně), die der Jungfrau Maria gewidmet ist, ist heute der einzige sichtbare Überrest des alten Friedhofs. Sie wurde 1753 bei der Anlage des Friedhofs erbaut. Es handelt sich um ein einfaches Barockgebäude mit rechteckigem Grundriss und abgerundeten Ecken, die mit Eckpilastern ausgestattet sind. Auf dem Tunnelgewölbe befindet sich ein kleiner Glockenturm.

Im Juni 1813 wurde hier der preußische Reformpolitiker und General Gerhard von Scharnhorst aufgebahrt, der gerade aus Wien von politischen Verhandlungen auf dem Weg nach Berlin hier in Prag an den Folgen einer Verletzung erlegen war, die er sich bei der Schlacht bei Großgörschen im Mai gegen Napoleons Armee zugezogen hatte. Der Leichnam wurde kurz darauf in den Berliner Invalidenfriedhof überführt. Überhaupt schienen die Napoleonischen Kriege die Zeit gewesen zu sein, in der sich der Friedhof besonders schnell füllte. Aber auch die Revolution von 1848 und der Krieg gegen Preußen 1866 forderten ihren blutigen Zoll.

Im späten 19. Jahrhundert hatte sich Karlín zu einem großen Industriestandort entwickelt. Fabriken schossen nur so aus dem Boden. Das Militär war weitgehend abgezogen und man brauchte Platz. 1894 beschloss der Stadtrat, dass der Friedhof aufgelöst werden solle, was dann 1906 umgesetzt wurde. Viele der sterblichen Überreste wurden ausgegraben und in ein Sammelgrab im Olšany-Friedhof in Žižkov (Prag 3) neu beerdigt. Auch das dortige Kriegsgrab für Soldaten der Schlachten von Dresden und Kulm (Válečný hrob vojáků z bitev u Drážďan a Kulmu), das den russischen Soldaten gewidmet war, die 1813 im Kampf gegen Napoleons Armeen gefallen waren, befand sich zunächst hier in Karlín (wir berichteten hier).

Für die Kapelle, die nach der Friedhofsauflösung etwas zweckentleert weiterhin existierte, begann eine schlimme Zeit. Die Gemeinde verkaufte sie 1917 an eine der Maschinenfabriken der Umgebung. Im Lauf der Zeit entleerte man sie, um ein Dieselaggregat einzubauen, und umbaute sie mit Silos und Lagergebäuden. Das sah schrecklich aus. 1964 erbarmte man sich und stellte das Gebäude unter Denkmalschutz, aber erst 1976 begann man auf Druck von Bürgerprotesten mit dem Abbau der Industrieanlagen und einer vorsichtigen Renovierung, wobei man feststellte, dass die wohl recht robust gebaute Kapelle die Tortur leidlich überstanden hatte.

2001 wurden Kapelle und umliegende Grundstücke an einen Immobilieninvestor verkauft. Dem machte man Auflagen – vor allem, dass die Kapelle wie geschniegelt restauriert werden sollte, und dass drumherum ein kleiner Park in Erinnerung an den alten Soldatenfriedhof angelegt werden müsse. Darin hat er sich gehalten. Alles ist proper hergerichtet – keine Frage! Ein Rätsel gibt ein kleiner weißer Katzenkopf auf, der über der Tür angebracht ist, aber der mag ein Werk von Scherzbolden sein, vor denen auch solch eine leidgeprüfte Kapelle nicht gefeit ist. (DD)

Liebevoll restaurierter jüdischer Friedhof

Es gibt, wie wir hier berichteten, Ausnahmen, aber insgesamt setzt Prag bei der Pflege seines reichen jüdischen Kulturerbes Standards. In besonders mustergültiger Weise gilt dies für den Alten Jüdischen Friedhof in Smíchov (Starý židovský hřbitov na Smíchově) in der Straße U Staré Židovský hřbitova 2556 in Prag 5.

Der alte jüdische Friedhof im Judenviertel von Josefov war im 17. Jahrhundert bereits zu klein geworden, was zur Anlage eines neuen  jüdischen Friedhofs im Stadtteil Žižkov führte. In den 1780er Jahren verbannte Kaiser Joseph II. aus sanitären Gründen alle Kirch- und Friedhöfe in den Innenstädten und ordnete die Anlage großer Friedhöfe außerhalb des Zentrums an. Deshalb wurde 1788 in Smíchov ebenjener jüdische Friedhof auf einer Anhöhe über der Stadt angelegt. der mit 1529 m² recht großzügig bemessen war. Die Grabsteine – oft echte kleine Kunstwerke – spiegeln die vielen Epochen der Kunstgeschichte der Zeit der Nutzung wieder (links oberhalb ein schönes Beispiel für Klassizismus).

Etliche bedeutende Prager Juden sind wurden hier im Laufe der Zeit beerdigt, etwa die Frauenrechtlerin Julie Roubíčková, die 1918 starb, und zuvor Vorsitzende der böhmischen Gesellschaft Jüdischer Frauen (Spolek židovských žen) war. Oder der Dichter Rudolf Fuchs, der 1939 als deutschsprachiger Schriftstellervor den Nazis ins Exil nach England floh, um 1942 bei einem deutschen Bombenangriff ums Leben zu kommen. Seine Urne wurde kurz nach dem Krieg hier (als Ausnahme, da der Friedhof bereits stillgelegt war) beigesetzt. Es ist, wenn man die vielen deutschen Inschriften auf den Gräbern sieht, eine grausige Ironie der Geschichte, wieviel deutsche Kultur die Nazis mit der Vernichtung der Juden gleich mitzerstörten.

Auf die Dauer war der Friedhof dennoch zu klein. Die Stadt Smíchov (die erst 1922 Teil Prags wurde) eröffnete 1896 den neuen großen Malvazinky-Friedhof (der weiter unten im Tal liegt). Dabei wurde 1903 als Abteilung dieses neuen Friedhofs der Neue Jüdische Friedhof von-Smíchov eingerichtet. Bis 1937 fanden aber immer noch ab und an reguläre Beerdigungen auf dem Alten Jüdischen Friedhof statt. Die schlimme Zeit begann mit dem Einmarsch der Nazis 1939. Der Friedhof wurde geschlossen und dem Verfall überlassen – eine Politik, die sich anschließend unter den Kommunisten fortsetzte. Vandalen zerstörten immer wieder Gräber, Grabsteine wurden als Baumaterial gestohlen, die Begräbnishalle verfiel. Es blieb eine traurige Wüstenei.

1994 nahmen die Stadtregierung von Smíchov und die Jüdische Gemeinde die Sache in die Hand und eine umfassende und sehr gelungene Restaurierung erfolgte. Von den rund 600 erhaltenen Grabsteinen stehen nun 422 sichtbar und in gutem Zustand wieder am ursprünglichen Ort. Die Leichenhalle, die im frühen 19. Jahrhundert im klassizistischen Stil erbaut wurde, sieht ebenfalls wieder schick aus, ist aber in ein Wohnhaus umgewandelt worden.

Eine kleine Infotafel (leider nur auf Tschechisch) präsentiert die Geschichte des Friedhofs. Dort erfährt man auch die Telefonnummer, bei der man sich für eine kleine Führung anmelden kann, denn das ummauerte Areal ist normalerweise nicht betretbar. Betreut wird der Friedhof von einer von der jüdischen Gemeinde gegründeten Aktiengesellschaft namens Matana, die sich der Pflege jüdischer Kulturdenkmäler annimmt. Sie tut das, so muss man aus dem blitzblanken Zustand des Friedhofs schließen, ausgesprochen professionell und mit hohen Qualitätsstandards,. (DD)

Die Pestkirche von Žižkov

1680 wütete die Pest in Prag. 31.000 Menschen fielen ihr zum Opfer – mehr als ein Viertel der Bevölkerung. Die Kirchhöfe in der Stadt konnten die Toten nicht mehr fassen und wurden selbst zu Seuchenherden.

Immer mehr überlegten sich die Stadtväter, ob nicht außerhalb der Stadtmauern Friedhöfe eingerichtet werden sollten. So entstand im heutigen Stadtteil Žižkov im Jahre 1682 ein Pestfriedhof. Dessen Mittelpunkt wurde die hübsche kleine St. Rochus Kirche (Kostel sv. Rocha). Sie ist auch das einzige wirkliche Relikt des Pestfriedhofs, der bis zur letzten großen Pest im Jahre 1716 weitergeführt wurde. In den 1840er Jahren wurde er aufgelöst; die Mauer fiel größtenteils dem Straßenbau zum Opfer. Heute steht die Kirche auf einer kleinen Grünanlage.

Nur am südlichen und östlichen Rand des kleinen Parks stehen an einer Wand einige Grabsteine. Es handelt sich um die Außenmauer des im 18. Jahrhundert angelegten Olšany-Friedhof (Olšanské hřbitovy), über den wir hier berichteten. Es wurde also Friedhof an Friedhof gebaut. Und ganz in der Nähe befindet auch der ebenfalls 1682 als Folge der Pest eröffnete Jüdische Friedhof (Beitrag hier).

Ganz gesichert ist es wohl nicht, aber gebaut wurde die Kirche, die nach dem Heiligen der Pestkranken, St. Rochus, benannt wurde, offenbar von dem französischen Maler und Architekten Jean Baptiste Mathey (siehe u.a. frühere Beiträge hier und hier). Auch den ersten Blick scheint es sich um eine kreisrunde Rotunda zu handeln, aber in Wirklichkeit ist es ein eher elliptischer Zentralbau mit großer Kuppel.

Ab 1842 fungierte die Kirche als normale Gemeindekirche der örtlichen katholischen Gemeinde. Es gab immer wieder Renovierungen und Ergänzungen, wie etwa den vom Architekten Antonín Baum entworfenen neobarocken Hauptaltar. Außer bei Gottesdiensten ist die Kirche geschlossen, aber es gibt in der Tür ein kleines Guckloch. Leider befindet sich zwischen Vor- und Hauptraum eine künstlerisch gestaltete Glastüre, die mit ihren bunten Linienformen und Milchglaselementen verunmöglicht, dass man den Altar und die innen ebenfalls befindlichen Barockbilder klar erkennen kann.

Bemerkenswert ist die Kirche aber auch von außen. Dazu gehören die Strukturierung der Fassade durch große dorische Doppelpilaster und das schöne Eingangsportal im feinsten Barockstil. Es zeigt das Wappen der Stadt Prag, obwohl das Areal damals noch außerhalb der Stadt lag. Erst 1881 erhielt hier die Ortschaft Žižkov eigene Stadtrechte und erst 1922 wurde das Ganze Teil Prags. Allerdings wurde die Kapelle samt Friedhof von der Stadt Prag errichtet, weshalb das Wappen durchaus Sinn ergab. (DD)

Die Geschichte zweier Präsidenten

War es der Zufall, der es so wollte? Auf dem Friedhof Vinohrady (Vinohradský hřbitov) in Prag befinden sich die letzten Ruhestätten zweier Präsidenten, die beide gezwungen waren, sich mit den Schrecken eines totalitären Regimes auseinanderzusetzen, und die beide dabei einen unterschiedlichen Weg wählten: Václav Havel und Emil Hácha – sie beide mussten harte Gewissensentscheidungen treffen angesichts des ungehemmten Bösen, das ihnen gegenüberstand. Für den einen endete die Begegnung mit dem Bösen mit Ruhm, für den anderen mit einer Tragödie.

Václav Havel ist heute zweifellos der bekanntere von beiden. Und er ist derjenige, den die Menschen im Lande immer noch – fast ein Jahrzehnt nach seinem Tode – verehren und feiern. Sein Grab, das von dem bekannten Bildhauer Olbram Zoubek (frühere Beiträge hier und hier) gestaltet wurde, ist immer noch eine wahre Pilgerstätte und ständig mit Blumen und Kränzen überschüttet.

Havel, der schon als Schüler wegen seiner bürgerlichen Herkunft schweren Repressalien seitens der Kommunisten ausgesetzt war, hatte sich früh dem Theater zugewandt. Seine Stücke, etwa Zahradní slavnost (Das Gartenfest) von 1963, standen in der Tradition des absurden Theaters, die ihm besonders geeignet schien, die echten Absurditäten des realexistierenden Sozialismus bloßzustellen. Als Vorsitzender eines von den Kommunisten unabhängigen Schriftstellerverbandes rückte er zur Zeit des Prager Frühlings von 1968 in die erste Reihe der Dissidenten auf. In der „Normalisierung“ genannten Zeit der Repression wurde er dreimal verhaftet und verbrachte insgesamt fünf Jahre im Gefängnis. Aber er gab nicht auf. Mit einigen Mitstreitern lancierte er die Charta 77, die zum zentralen Dokument der Opposition und am Ende die Grundlage der Samtene Revolution von 1989 wurde, die den kommunistischen Spuk beendete. Im Dezember 1989 wurde er der erste Präsident der neuen Demokratie und behielt diese Funktion auch nach der Trennung der Slowakei von Tschechien (1993) bis zum Ende seiner zweiten Amtszeit 2003. Fortan setzte er sich für Menschenrechte in aller Welt und für die europäische Einigung ein. 2011 starb er – zurecht bewundert und verehrt von den Bürgern seines Landes und Menschen in aller Welt.

Das Grab Havels, in dem er zusammen mit seiner ersten Frau Olga ruht, liegt im Friedhof deshalb auch an prominentester Stelle, in den Arkaden der Kapelle des Heiligen Wenzel (Kaple svatého Václava). Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Familie Havel zum Großbürgertum der Stadt gehörte und hier schon lange ihre Familiengruft hatte, die jetzt noch einmal ausgebaut wurde. Neben dem Grab des Präsidenten befindet sich hier die Grabtafel seines Großvaters Václav Havel, eines bekannten Großunternehmers. Auch der Vater, ebenfalls Václav Havel mit Namen, liegt dort. Er war in den 1930er Jahren einer der Begründer der Barrandov Studios und damit der tschechoslowakischen Filmindustrie. Havel – das war in Prag von je her ein besonderer Name. Und Václav Havel, der große Dissident und Präsident, wurde zu einer Lichtgestalt in seinem Land und in der Welt.

Ganz anders steht es um das Grab von Emil Hácha. Es liegt abseits von den Wegen im hinteren Teil des Friedhofs und ein wenig versteckt hinter Büschen. Während der Zeit des Kommunismus durfte nicht einmal sein Name auf dem Stein stehen. Das hat sich geändert und ab und an legen Menschen hier doch einen Kranz nieder. Aber es sind nicht anähernd so viele wie bei Havel. Die Monstrosität, mit der Hácha sich auseinandersetzen musste, war nicht der Kommunismus, sondern der Nationalsozialismus, der mit der deutschen Besatzung 1939 kam.

Die Tschechoslowakei war 1938 mit dem schändlichen Münchner Abkommen von seinen westlichen Alliierten Frankreich und Großbritannien im Stich gelassen worden und musste große Gebiete an Nazideutschland abtreten. Der bisherige Präsident, Edvard Beneš, trat zurück. Auf Hácha, ein anerkannter Jurist und überzeugter Demokrat, fiel nunmehr das schwere Los, Präsident einer untergehenden Republik zu werden. Am 14. März 1939 sorgte Hitler dafür, dass sich die Slowakei als Nazi-Vasallenstaat von der Tschechoslowakischen Republik abspaltete. Hácha wurde nach Berlin zitiert. Den bereits herzkranken Hácha ließ man zunächst stundenlang warten, während er einen schweren Herzschwächeanfall erlitt. Dann drohten Hitler und Göring ihm, Prag in Schutt und Asche zu bomben, wenn sich die Rest-Tschechei nicht umgehend als nur noch formell unabhängiges „Protektorat Böhmen und Mähren“ unter den „Schutz“ Hitlers stellen würde. Wissend, dass niemand seinem (ohne Bündnispartner) nun militärisch schutzlosem Land helfen würde, gab er nach. Am nächsten Tag verwarf auch das Kabinett die Idee, einen aussichtslosen Kampf zu führen, und stimmte zu. Deutsche Panzer rollten nun durch die Straßen Prags.

Anfänglich versuchte Hácha noch, sein Amt so zu nutzen, dass er die Folge nder Nazidiktatur abmildern konnte. Er hielt zunächst noch geheimen Kontakt zum Widerstand. In der Folge wurde er aber immer mehr durch die Nazis isoliert und auch seine Gesundheit erlaubte ihm kaum mehr sein Amt zu führen. Die Nazis behielten ihn als ja tatsächlich gewählten Präsidenten nominell im Amte – auch mit dem Kalkül, dass die Westalliierten deshalb das Protektorat als Staat anerkannten und die eigentliche Exilregierung in London im Regen stehen ließen (als Folge des Münchner Abkommens). Machtlos und gedemütigt musste er zusehen, wie nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich 1942 die Mordmaschinerie der Nazis im Lande immer brutaler agiert. Er konnte nicht verhindern, dass die Nazis den von ihm benannten Ministerpräsidenten Alois Eliáš (siehe früherer Beiträge hier und hier) gnadenlos ermordeten. Die Nazis verfolgten Hácha nun mit Hohn, der Widerstand mit tiefem Misstrauen. Er galt als Kollaborateur. Und die braunen Machthaber spannten ihn immer wieder in ihre Propaganda ein. Er selbst war überzeugt, er habe die Tschechen 1939 vor einem Blutbad geschützt. Als im Mai 1945 die Nazis vertrieben wurden und die Rote Armee das Land besetzte, wurde Hácha verhaftet und ins Gefängnis von Pankrác gesteckt, wo er im Juni unter ungeklärten Umständen starb. Viele Tschechen glauben heute, dass man das Ende des bereits Todkranken damals vorsätzlich ein wenig „beschleunigte“.

Es ist schwer bei dem Vergleich zwischen Havel und Hácha, die nun so nahe beieinander in ihren Gräbern liegen, ein faires Urteil zu fällen. Havel hatte sich nicht kompromittiert. Der Erfolg der Samtenen Revolution krönte seinen Willen zum Widerstand, den er leistete. Er wurde zum Vorbild aller Freiheitsliebenden. Aber der Erfolg ist ein Kriterium, das man erst hinterher anlegen kann, und dass vorher nicht als Maßstab für die ethische Bewertung seiner Handlungen angeführt werden kann. Denn: Fundamentaler Widerstand, der nur Opfer erfordert, aber keine Besserung? Wäre das eine Option? Havel hatte Glück, dass er im wesentlichen sich selbst durch seine Taten gefährdete. Hácha war amtierender Präsident und verantwortlich für Millionen Menschen. Eine unbeugsame Haltung gegenüber Hitler hätte tausenden Unschuldigen das Leben kosten können. Was wäre gewesen, wenn Hácha tatsächlich durch Kollaboration unzähligen Menschen hätte helfen können? Die demokratische Regierung Dänemarks arbeitete nach der Besetzung des Landes pragmatisch mit den Nazis zusammen und es gelang ihr dabei, fast sämtliche Juden im Lande vor dem Holocaust zu retten – wofür man sie heute noch feiert. Hácha war dieser Erfolg nicht vergönnt, sondern nur tiefste Demütigung.

Die Geschichte der beiden Präsidenten auf dem Friedhof von Vinohrady lässt einen jedenfalls ins Grübeln kommen. (DD)

Der Friedhof, auf dem Kisch seine Zigarette raucht

Als Ende des 19. Jahrhunderts in den ehemaligen königlichen Weinbergen der heutige Stadtteil Vinohrady angelegt wurde (der erst 1922 Teil von Prag wurde), waren die Stadtväter sehr an einer modernen und großzügig gestalteten Infrastruktur interessiert (früherer Beitrag hier).

Dazu gehörte natürlich auch ein großer und ausbaufähiger Friedhof. Im Jahre 1885 begann man damit, den Friedhof Vinohrady (Vinohradský hřbitov) anzulegen. Er gehört zu den größeren der rund 90 Friedhöfe im heutigen Prager Stadtgebiet und liegt nur einen kurzen Fußweg vom großen zentralen Friedhof Prags entfernt, den Olšany Friedhöfen (Olšanské hřbitovy, früherer Beitrag hier). Weitsichtig hat man damals neben dem Friedhof unbebautes Land bestehen lassen, so dass der Friedhof 1912 und dann noch einmal 1922 erweitert werden konnte.

Der ursprüngliche (und größte) Teil lädt durch seinen wunderschönen Baumbewuchs und die Schönheit und künstlerische Vielfalt der Gräber zum Spazieren ein. Neben vielen neogotischen, aber auch moderneren kubistischen Grabsteinen findet man vor allem imposante Grabmäler in einem symbolistisch aufgeladenen Jugendstil. Die überlebensgröße Grabstatue auf dem Bild rechts, mit der mystischen Gestalt, die Tod und Erotik miteinander zu verbinden scheint, zieht den Betrachter in ihren Bann durch ihre erschütternde Rätselhaftigkeit. Ein bemerkenswertes Kunstwerk.

Das Zentrum des Friedhofs ist die große Kapelle des Heiligen Wenzel (Kaple svatého Václava). Der Architekt Antonín Turek, der sie 1897 fertigstellte, war ein Spezialist für Neorenaissance-Architektur, der in Vinohrady zahlreiche öffentliche Gebäude in diesem Stil erbaut hatte (frühere Beiträge hier und hier). Hier schuf er jedoch ein sehr authentisches Werk der Neogotik.

Etliche berühmte Persönlichkeiten sind auf dem Friedhof von Vinohrady beerdigt, darunter der erste demokratische Präsident des Landes nach dem Ende des Kommunismus, der Schriftsteller und Dramaturg Václav Havel. Oder der Komponist Julius Fučík, dem die Welt den wundervollen Marsch Einzug der Gladiatoren verdankt. Direkt beim Eingang begrüßt einen der Journalist und „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch (früherer Beitrag hier) Nach heutigen Maßstäben kommt er eher politisch inkorrekt daher, hat er doch keck eine Zigarette im Mundwinkel stecken. (DD)