Architektenpantheon

Hier feiert die Architektur sich selbst! Man könnte Stunden vor dem Gebäude verbringen, um die Geschichte der Baukunst in Böhmen zu studieren.

Wir stehen vor dem Bondy Haus (Bondyho dům)  Na poříčí  1059/43, Ecke Těšnov, in der Neustadt. Und hier findet man fast alle der großen Baumeister, die in Böhmen bis zur Zeit des Barock gewirkt haben. Allerdings nur in Stuck. Das vierstöckige Wohnhaus selbst wurde in den Jahren 1891/92 an Stelle eines früheren einstöckigen Gebäudes innerhalb eines Jahres gebaut, was im Kontext der Zeit eine erstaunliche Leistung war. Entworfen und gebaut wurde es von dem Architekten und Bauherrn František Kindl. Daher wird das Haus manchmal auch Kindlův dům genannt.

Eigentlicher Namensgeber und Bauherr des Bondyho dům war Gottlieb Lazar Bondy (für Tschechen auch: Bohumil Bondy). Der war ein jüdischer Geschäftsmann, der sich vor allem durch sein soziales und politisches Engagement einen guten Namen verschafft hatte. Er wirkte unter anderem in der Tschechisch-Jüdischen Bewegung (českožidovského hnutí) mit, die die liberalen Bestrebungen tschechischer Nationalreformer im Habsburgerreich untersützte. Ab 1883 war er sogar direkt gewähltes Mitglied im Böhmischen Landtag. Nebenbei bereicherte er noch die Geschichtsforschung mit seinem bahnbrechenden Quellenwerk K historii Židů v Čechách, na Moravě a ve Slezsku, 906-1620 (Zur Geschichte der Juden in Böhmen, Mähren und Schlesien), das 1906 erschien.

An sich handelt es sich bei seinem Haus bautechnisch um eine damals nicht unübliche moderne Konstruktion aus Stahl, aber mit einer historisierenden Fassade, die das ein wenig verschleiert. Aber die skulpturale Ausstattung ist dennoch bemerkenswert. Bondy hatte dafür den berühmten Bildhauer Bohuslav Schnirch (wir berichteten über ihn u.a. hier, hier hier und hier) gewonnen. Der war ein Spezialist für Neorenaissance, weshalb man viele der üblichen klassisch-antik anmutenden Motive wiederfindet (Bild oberhalb links).

Um die Besonderheit der skulpturalen Ausstattung zu erkennen, die das Gebäude von der üblichen historistischen Mietshaus-Architektur des späten 19. Jahrhunderts abhebt, muss man den Blick nach oben schweifen lassen. Es beginnt bei dem charakteristischen Eckturm, der von drei Statuen gerahmt ist. Es handelt sich um Allegorien, die sich bereits um die Architektur drehen: Architektur, Baumeisterei und Ingenieurskunst.

Darunter, d.h. zwischen den Fenstern des obersten Stockwerks, befindet sich ein wahres Pantheon der böhmischen Architektur. Jeweils von einer Muschel gerahmt, befinden sich hier Büsten großer böhmischer Architekten bzw. von Architekten, die in Prag wirkten. Geordnet sind sie in chronologischer Reihe mit ihren Lebensdaten vom Mittelalter bis zum Barock im 18. Jahrhundert.

Die große Blüte der Gotik im Mittelalter ist präsentiert durch Abt Božetěch (Baumeister der romanischen Teile der Prager Burg), Matthias von Arras, Peter Parler (der Erbauer des Veitsdoms), Johann Parler (Bild links) , Peter von Prachatitz, Matěj Rejsek (siehe auch hier), Benedikt Ried.

Aus der Zeit der böhmischen Renaissance finden wir hier Meister Staněk (Bild rechts), der Erbauer der Dekanatskirche im nahen Tábor, und den im Tessin geborenen Architekten Paolo della Stella. Letzterer erlangte durch die Gestaltung der Königsgärten bei der Burg und das architektonisch originelle Jagdschloss Stern unsterbliche Berühmtheit in Prag.

Und dann sind da noch Baumeister der Barockzeit. Carlo Lurago, Giovanni de Capauli, Christoph Dientzenhofer, Johann Bernhard Fischer von Erlach, Marco Antonio Canevale und Kilian Ignaz Dientzenhofer (Bild links), der u.a. in Prag die Johann-Nepomuk-Kirche auf dem Felsen (wir berichteten hier) erbaut hat. Insbesondere wegen der Tschechisierung der Orthographie bei den deutschen Namen (etwa Fišer statt Fischer bei Fischer von Erlach) muss man manchmal raten, wer hier wer ist. Aber das macht das Gebäude noch mehr zu dem Kultur- und Bildungsspaß, das es so schon ist. (DD)

Havel im Stil von Havel

Heute vor 10 Jahren starb Václav Havel. Der Schriftsteller, Dramaturg, Bürgerrechtler, Dissident und der erste frei gewählte Präsident nach dem Ende der kommunistischen Tyrannei nimmt immer noch einen besonderen Platz im Herzen der Tschechen ein.

Unzählige kleine und große Gedenkorte erinnern an ihn und es gibt sogar spezielle Touren für Touristen. Ein solcher Ort ist sein Geburtshaus, ein fünfstöckiges Jugendstilwohnhaus direkt am Rašín-Ufer (genauer: Rašínovo nábřeží 2000/78) in der Neustadt – mit Blick auf Moldau und Burg, wie es dem Spross einer bekannten großbürgerlichen Familie entsprach.

Hier lebte er von seiner Geburt im Jahre 1936 bis zum Jahr 1971 als er in den Stadtteil Dejvice auf der anderen Seite des Flusses zog. Zwischen 1986 und 1993 lebte er dann zusammen mit seiner ersten Frau Olga wieder im diesem Hause – ständig observiert von der Staatssicherheit, die sich im nebenan gelegenen barocken Šítkov Wasserturm (Šítkovská vodárenská věž) eingenistet hatte (unser Bericht hier). Die Agenten beobachteten 24 Stunden um die Uhr, wer denn so alles im Hause Havels einkehrte, der als Begründer der gegen das kommunistische Regime gerichteten Bewegung Charta 77 zu den bekanntesten Dissidenten im Lande gehörte. Erst 1993 zog er in den Präsidententrakt der Burg ein. Das hätte er womöglich schon 1989 tun können, aber er war halt kein Mann der Paläste und Staatskarossen (darüber berichteten wir hier).

Die kleine Gedenkktafel, die man am 18. Dezember 2019 in Gegenwart von Havels Bruder Ivan, anderen Verwandten und Prager politischer Prominenz einegweiht wurde, kann man glatt übersehen. Sie entspricht aber der bescheidenen und unprätenziösen Art Havels, der den heroischen Pomp anderer Gedenktafeln kaum zu schätzen wußte. Eigentlich ist neben dem Eingang des Gebäudes nur eine kleine Akrylplatte zu sehen, in die ein Papier eingegossen ist mit dem Text: „zde jsem taky žil“ – auf Deutsch: Hier habe ich auch gelebt!

Gestaltet hat das Ganze der Architekt und Designer Petr Hájek. Der Schriftzug ist in dem Schrifttyp von Havels Schreibmachine nachempfunden, mit der er seine ersten Stücke, etwa Das Gartenfest (Zahradni slavnost, 1963), geschrieben hatte. Überhaupt soll hier wohl mehr an den Schriftsteller erinnert werden, der über dem Dissidenten und Politiker oft vergessen wird. Wer meint, dass diese Tafel doch ein wenig absurd wirke mit ihrem seltsamen Text, hat recht. Havel, das sollten wir nicht vergessen, war vor allem ein Meister des absurden Theaters, das ihm am besten geeignet schien, die Absurdität des kommunistischen Regimes bloßzustellen. Man gedenkt hier also Havel im Stile von Havel. Havel hätte es gefallen. (DD)

Frühstück mit Mitterand

Es war ein weiterer Nagel im Sarg des kommunistischen Regimes: Das berühmte Frühstück mit Präsident François Mitterrand in der französischen Botschaft in Prag. Mit einer Denkmalsbüste haben es ihm die Prager gedankt. Die findet man fast überraschend am Eingang zu den idyllischen Palastgärten unterhalb der Burg an der Valdštejnská 158/14 auf der Kleinseite

Es erinnert an den denkwürdigen 9. Dezember 1988 (also heute vor 33 Jahren!). Am Vortag war mit Mitterand zum ersten Mal seit der Gründung der Tschechoslowakei 1918 ein französisches Staatsoberhaupt zum Staatsbesuch nach Prag gekommen. Treffen mit Präsident Gustáv Husák und allen wichtigen Granden des Landes waren angesagt. Und dann kam es: Am Morgen des 9. Dezember hatte Mitterand zu einem opulenten Arbeitsfrühstück in die französische Botschaft eingeladen – allerdings nicht die Repräsentanten der kommunistischen Obrigkeit, sondern eine Gruppe von acht Dissidenten aus dem Umfeld der Bürgerrechtsorganisation Charta 77 unter der Führung des Dramatikers Václav Havel. Einer der Teilnehmer, Karel Srp, Chef der 1984 verboteten und seither im Untergrund operierenden Jazz Sektion (die Kommunisten hielten Jazz für westlich-bourgeois-dekadent) sollte später resümieren: „Für mich war das besonders überraschend, weil ich ein halbes Jahr vorher noch Gefangener im Pilsener Gefängnis Bory war. Und plötzlich werde ich vom französischen Staatspräsidenten empfangen. Das war irgendwie ein irreales Erlebnis.“

Aber nicht nur irreal, sondern auch potentiell gefährlich. Denn jedem teilnehmer drohten schwee Repressalien durch das Regime. Das hatte sich mit der Unterzeichnung der Helsinki Schlussakte im Jahr 1975 zwar international rechtlich zur Einhaltung von Menschenrechten verpflichtet, meinte aber, dass der Westen schon nicht zu arg darauf drängen werde. Mitterand hingegen sandte mit dem Frühstück, das von langer Hand geplant war, ein für die Kommunisten schmerzhaftes Signal aus. Diese Art von Staatbesuchen, die nicht nur der kommunistischen Führung galten, sondern stets auch mehr oder minder geheime Treffen mit demokratisch und freiheitlich gesonnenen Dissidenten beinhalteten, nannte man „Doppeldiplomatie“. Begonnen hatte damit der niederländische Außenminister Max van der Stoel (wir berichteten), der sich 1977 mit dem Vizevorsitzenden der neu gegründeten Charta 77, dem Philosophen Jan Patočka, hatte. Und das hatten viele der Teilnehmer des Frühstück mit Mitterand noch in trauriger Erinnerung. Präsident Husák lud nicht nur umgehend van der Stoel von einem vorgesehenen Treffen aus, sondern er ließ den herzkranken Patočka ins Gefängnis stecken, wo er so brutal gefoltert wurde, dass er kurz darauf starb. Eine Welle von Repression gegen Dissidenten folgte. Das nutzte zwar auch langfristig der Charta 77, weil der wahre Charakter des Regimes nun einer großen Weltöffentlichkeit vor Augen gehalten wurde, aber der Preis dafür war hoch.

Nur: Diesmal passierte nichts. Oder noch weniger als nichts. Mitterand konnte es sich leisten, das Gespräch so in die Länge zu ziehen, dass er deutlich zu spät zu dem danach vorgesehenen Empfang bei Präsident Husák kam. Mehr noch: Am nächsten Tag, dem 10. Dezember, stand ausgerechnet Tag der Menschenrechte (dem Jahrestag der 1948 von den UN verabschiedeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) auf dem Kalenderblatt. Und Charta 77 und andere oppositionelle Gruppen hatten – noch während Mitterand in Prag weilte – zu großen Demonstrationen eingeladen, an denen tatsächlich Tausende Menschen teilnahmen. Es war ein mediales Debakel für das Regime. Wie knnte es dazu kommen? Nun, Mitterand war Staatspräsident eines mächtigen Landes, und man konnte mit ihm nicht umspringen wie man es sich anscheinend gerade noch mit einem Außenminister eines kleinen Landes, vie van der Stoel, erlauben konnte. Aber es gab eine tiefere Ursache. Mit der Unterzeichnung der Helsinki Akte hatten sich die kommunistischen Herrscher erhofft, für rein nominelle Zugeständnisse bei den Menschenrechte westliche Wirtschaftsunterstützung zu bekommen, um ihre marode Planwirtschaft aufrechtzuerhalten. Aber 1988 merkte man, dass die durch kein Geld der Welt gerettet werden konnte. Und die Unterstützung der des sozialistischen Mutterlandes, der Sowjetunion, für verschärfte Repression, war auch nicht mehr das, was sie früher einmal war. Dort regierte Michail Gorbatschow, der auf vorsichtige Liberalisierung abzielende Reformen lancierte, so dass Hardliner wie Husák auch in der kommunistischen Welt immer mehr in die Defensive gerieten. Kurz: Der 1989 erfolgende Zusammenbruch des Kommunismus zeichnete sich ab, und fast wehrlos ertrugen die Prager Kommunisten, wie Mitterand einen weiteren Nagel in den Sarg trieb.

Schon im nächsten Jahr sollten die Dissidenten, die sich angst-, aber hoffnungsvoll mit Mitterand trafen, Vertreter eines erneuerten demokratischen Landes werden. Václav Havel war Präsident. Ein anderer Teilnehmer, Jiří Dienstbier, war Außenminister. Und einige jahre später war zum Beispiel Petr Uhl Menschenrechtsbeauftragter der Regierung des Landes. Er sollte später über das Frühstück mit Mitterand später sagen: „Für uns war das eine großartige Unterstützung, denn er war das erste Staatsoberhaupt, das sich mit uns getroffen hat.“ Für alle damaligen Dissidenten und aller Freiheitsliebenden in Tschechien überhaupt, hat der 9. Dezember einen hohen historischen Symbolwert. Seit langem gibt es an jedem 9. Dezember ein tschechisch-französisches Frühstück, bei dem sich nunmehr Repräsentanten zweier Demokratien treffen. Aber natürlich bedurfte es einer permanenteren und öffentlicheren Form des Andenkens. Ein Denkmal musste her. Und das initiierte nun Karel Srp, dessen immer noch aktive Jazz Sektion rund 300.000 Kronen sammelte.

Als Künstler wählten man den Maler und Bildhauer Jan Zelenka, der eine Bronzebüste mit dem lebensnahen Portrait Mitterands auf einem Steinsockel schuf. Die Büste wurde am 13. Juli 2015 in Gegenwart des tschechischen Präsidenten Miloš Zeman enthüllt, der in seiner Rede die „Tapferkeit von François Mitterrand“ lobte ihn dafür, dass er Gustáv Husák für dieses Frühstück oben auf der Burg habe warten lassen – womit der die Ironie der Geschichte und auch die Demütigung, die die Kommunisten dabei gefühlt haben mussten, fein beschrieb. Der ehemalige Außenminister Tomáš Petříček fasste zum 30. Jahrestag im Jahre 2018 die Bedeutung von Mitterands Geste treffend zusammen: „Das Frühstück in der Botschaft war gewiss auch einer der Schritte, die uns bis hin zur Samtenen Revolution geführt haben.“ (DD)

Vor 100 Jahren geboren: Alexander Dubček

Er war die große Leitfigur des Prager Frühlings von 1968. Vor genau 100 Jahren, am 27. November 1921, wurde Alexander Dubček in der slowakischen Stadt Uhrovec geboren. Der Sohn eines Tischlers hatte sich schon in den späten 1930er Jahren den Kommunisten angeschlossen. Aber schon bald nach der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei 1948 wurde klar, dass seine Auffassung von sozialistischer Entwicklung sich von denen seiner zu dieser Zeit strikt stalinistischen Parteigenossen deutlich unterschied.

Obwohl schon Parteisekretär in Bratislava, äußerte er offen Kritik an der Verfassungsrefom von 1958, die das Monopol der Kommunistischen Partei verankerte. Immer wieder setzte er sich für Opfer interner Säuberungen der Kommunistischen Partei ein und erreichte deren Rehabilitierung – ironischerweise galt das auch ausgerechnet für Gustáv Husák, der 1954 in einem Schauprozess als „bourgeoiser Nationalist“ zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, und der dann nach der Niederschlagung des Prager Frühlings Dubček absetzen und dessen Reformen rückgängig machen sollte.

Und in den frühen 1960er Jahren erreichte Dubček im slowakischen Landesteil tatsächlich einige Lockerungen in Sachen Meinungsfreiheit. Seine große Stunde kam, als er im Januar 1968 den Hardliner Antonín Novotný als Ersten Sekretär der KP ablöste und nun ein nationales Reformprogramm initiieren konnte. Die Abschaffung der Zensur, eine vorsichtige Dezentralisierung des Staates und sehr behutsame Anpassungen des Wirtschaftssystems an marktwirtschaftliche Prinzipien standen auf der Tagesordnung.

Im August war alles vorbei. Die Sowjetunion wollte derartige „liberale“ Alleingänge nicht tolerieren und 500.000 Soldaten des Warschauer Pakts marschierten ins Land ein. Dubček wurde schrittweise entmachtet und durch Husák ersetzt, der das Land einer „Normalisierung“ unterzog, wie die Machthaber damals die Rückkehr zur harten Diktatur euphemistisch nannten. Dubček wurde 1970 aus der KP ausgeschlossen und musste sich als Beschaffungsinspektor der Forstverwaltung von Bratislava verdingen.

Im November 1989 gehörte er mit Václav Havel zu den Anführern der großen Demonstrationen in Prag, die die Samtene Revolution einleiteten. Noch im Dezember des Jahres wurde er Präsident des Parlaments und konnte wesentliche Beiträge leisten, den Kommunismus zu beenden und eine neue Ära der Demokratie einzuleiten. Er hatte gerade den Vorsitz der slowakischen Sektion der neu gegründeten Sozialdemokratischen Partei übernommen, als er am 7. November 1992 bei einem Verkehrsunfall auf der Autobahn nahe der Stadt Humpolec ums Leben kam.

Im November 2009 wurde am heutigen Gebäude des Neuen Nationalmuseums in der Wilsonova 52/2 (Prag 1), das ab 1972 unter den Kommunisten als tschechoslowakisches Parlament (siehe unseren früheren Beitrag hier) fungierte, eine Gedenktafel mit einer Büste Dubčeks eingeweiht. Sie ist ein Werk des Bildhauers Teodor Baník. Das Gebäude diente noch nach dem Sturz des Kommunismus bis zur Auflösung der Tschechoslowakei als Parlament und es war Dubčeks letzte politische Wirkungsstätte als Parlamentspräsident.

Dubček zu ehren, war ein Anliegen, das tschechische und slowakische Repräsentanten gleichermaßen bewegte, und so nahmen bei der Einweihung des Denkmals der Präsident des Slowakischen Nationalrats Pavol Paška, der slowakische Kulturminister Marek Maďarič, die Präsidenten der Abgeordnetenkammer und des Senats des Parlaments der Tschechischen Republik Miloslav Vlček und Přemysl Sobotka teil. Die Inschrift auf dem Marmortafel ist sowohl in Tschechisch als auch Slowakisch gehalten und lautet übersetzt: „In diesem Gebäude arbeitete 1989-1992 als Präsident der Bundesversammlung der ČSFR Alexander Dubček.“ (DD)

Kleiner Flugplatz, große Geschichte

Als 1939 die Tschechoslowakei von den Nazis besetzt und zum „Protektorat“ umgewandelt wurde, war das allgemeine Verbot von Sport- und Hobbyfliegerei eine der vielen Schikanen für die Bürger des Landes. 1946, als der Spuk vorüber war, konnte man wieder losfliegen, was das Zeug hielt. Und so gründete man im südlichen Ortsteil Točná (Prag 12) noch in diesem Jahr einen Segelflugklub, der Teil des Tschechischen Nationalen Aeroclubs (Český Národní Aeroklub) wurde. Und man begann mit dem Bau eines kleinen Flugplatzes.

Schon in den 1930er Jahren hatte man die hügelige Umgebung wegen ihrer günstigen Aufwinde gerne für Segelfliegerei genutzt, aber jetzt ging man systematisch zu Werke. Und bereits 1947 kaufte man für das Flugfeld drei Motorflugzeuge, einen sowjetischen Doppeldecker vom Typ Polikarpov Po-2 und einen tschechischen vom Typ Aero C-104. Der Clou war ein Eindecker der amerikanischen Marke Piper J-3 Cub, den man aus ausgemusterten Beständen der US-Army erwarb. Und Anfang der 1950er Jahre gab es schon rund 20 Segelflugzeuge hier. Segelflugzeuge dominierten das Feld in Točná, denn zu diesem Zeitpunkt existierte noch ein Flugplatz im gegenüber an der Moldau liegenden Zbraslav, der häufiger für Motorflugzeuge genutzt wurde. Aber nicht nur dessen Auflösung im Jahr 1955 sorgte für einen weiteren Aufschwung in Točná.

Der Grund war eigentlich unerfreulich. Das unabhängige und freie Fliegerklubleben war den Kommunisten, die 1948 die Macht im Lande übernommen hatten, nicht geheuer. 1951 wurde die vom Regime gesteuerte Freiwillige Volksvereinigung für Aviatik (DOSLET) gegründet, die schon die 1953 der Union für die Zusammenarbeit mit der Armee (Svazarm) unterstellt wurde. Die war eine paramilitärische Organisation, die vor allem flugbegeisterte Jugendliche für den Dienst in Armee und Luftwaffe im Dienste des Weltkommunismus vorbereiten sollte. Das Vorbild dafür war die 1951 in der UdSSR gegründete Organisation DOSAAF.

Gottlob musste niemand, der hier unter quasi-militärischen Vorzeichen das Fliegen lernte, in irgendeinen Krieg. Im Kern war das wohl weiterhin so etwas wie Sportfliegerei, die hier betrieben wurde. Aber der Anschein, hier werde unermüdlich der proletarischen Revolution gedient, erhöhte die staatliche Unterstützung für den Flughafen. Eine 800 Meter lange und 100 Meter breite Landebahn wurde gebaut. Die Motorflugaktivitäten nahmen heftig zu und in den 1970er Jahren konnte man hier sogar Nachtlandungen und das Fliegen mit einem Hubschrauber lernen.

Das ging so bis zum Ende des Kommunismus 1989. Der Aeroclub Svazarmu Točná wurde aufgelöst und der ein freier Initiative entstandene neue Aeroclub Točná, wo man ohne kommunistische Indoktrination aus Spaß fliegen konnte, und nicht ständig den westlichen Klassenfeind in Visier nehmen musste. Der Aeroclub erwarb denn auch den Flugplatz als er 2008 privatisiert wurde. Es herrscht nicht nur ein reger Sportflugbetrieb…

Denn es gibt zum Beispiel auch Flugshows bei denen zuvörderst gerne eine alte Spitfire vorgeführt wird. Denn man ist hier auch sehr bewusst in Sachen Geschichte. Im Mai 1945 fanden in der unmittelbaren Umgebung besonders heftige Kämpfe während des Prager Aufstands gegen die Deutschen statt. Spaziergänger können einen Freiheitsweg 1938-1945 (Stezka svobody 1938-1945) erwandern, der auf Infotafeln die Geschichte schildert. Auch vor dem Flughafen befindet sich solch eine Tafel. Sie erzählt von der erstaunlichen Zahl derer, die noch vor dem Bau des Platzes hier vor Ort Segelflieger waren, dann beruflich Fliegen lernten und sich 1939 nach Großbritannien absetzten, um bei der Luftschlacht um England auf Seiten der Briten für die Freiheit zu kämpfen.

Einer von ihnen war Jan Šerhant. Der war 1939 Werkspilot der Schuhfirma Baťa und gerade mit der werkseigenen Lockheed Electra im noch freien Polen als die Deutschen in der Heimat einmarschierten. Er flog mit dem Flugzeug gleich weiter nachEngland und dient bis Kriegsende hochdekoriert bei der RAF. Die Electra, mit der er floh, steht seit 2015 restauriert auf dem Gelände des Flughafens Točná. Womit wir schon beim nächsten Thema sind: Dem Luftfahrtmuseum (Letecké Muzeum). Nur wenige Flughäfen dieser Größe haben so etwas. Immerhin kann man neben der Electra rund 10 alte Flugzeuge sehen, deren Ursprünge zum Teil bis zum Anfang der Ersten Rublik zurückreichen. Die größten Flugzeuge, zwei sowjetische Antonov An-2 (gebaut ab 1947), sieht man auf dem großen Bild oben. Ein Kinderspielplatz auf dem Museumsgelände rundet die Sache ab und macht den Flugplatz zum idealen Ort für Familienausflüge. (DD)

Beim besten König

Die Tschechen halten ihn in gutem Andenken, ihren guten alten König Jiří z Poděbrad, auf Deutsch Georg von Podiebrad genannt. Wo sonst sollte man dafür Beweise sammeln als an jenem großen Platz in Prag Vinohrady, der nach ihm benannt ist, dem Náměstí Jiřího z Poděbrad?

Der König, der von 1458 bis 1471 Böhmen regierte, war der letzte Tscheche auf dem Thron. Zudem war er der einzige Hussit, der es zum Könistitel brachte, und damit – rund 100 Jahre vor der Reformation – der erste Herrscher, der sich von der katholischen Kirche abwandte. Zudem gilt er mit seinem Friedensmanifest von 1462 als der erste große Visionär eines vereinten Europas. Es gibt also viele gute Gründe, warum die Tschechen auf ihn besonders stolz sind.

Belege findet man (nicht nur) hier an seinem“ Platz genug und wir haben hier und hier schon Beispiele genannt. Aber zu den gelungensten gehört zweifellos das vierstöckige Wohnhaus Jiřího z Poděbrad 1552/3 (Ecke Mánesova). Das Gebäude wurde in den Jahren 1909/10 durch den Baumeister und späteren stellvertretenden Bürgermeister von Vinohrady, Jindřich Břeněk, erbaut. Es trägt den passenden Namen „U naseho nejlepšího krále“ – Zu unserem besten König! Das passte zu dem damals unter Tschechen aufkommenden Nationalpatriotismus, der mehr Autonomie und Freiheit gegenüber den Habsburgern einforderte, die eben irgendwie im Gegensatz zu König Georg Fremdherrscher waren. Die entsprechende Aufschrift mit dem Hausnamen ist leider irgendwann verloren gegangen.

Während des Baus wurden anscheinend die Pläne geändert und dem Wechsel des Zeitgeist angepasst. Jedenfalls zeugt das Haus von einem ungewöhnlichen Stilmix aus Historismus (Neorenaissance) und dem damals neu aufkommenden Jugendstil. Letzterer macht sich vor allem bei den Stuckaturen bemerkbar. Die Malereien sind jedoch ganz und gar der Kunst der böhmischen Renaissance nachempfunden. Auch das war unter den Nationalbewegten der Zeit zu dieser Zeit sehr populär.

Auch ein wenig patriotisch kommt der steinerne Adler daher, der den auch im Stil der Neorenaissance gestalteten Dachgiebel schmückt. Man sieht, dass der Architekt auch an öffentlicher Architektur mit Präsentationscharakter geschult war – was man übrigen an seinen anderen Gebäuden sehen kann, etwas das Bürgerhaus (1896) in seinem Heimatort Vanovice in Südmähren.

Die optische Besonderheit, die von weitem zuerst auffällt, sind jedoch die beiden zum Platz ausgerichteten Balkone auf Höhe des dritten Stocks. Sie sind als aus Holz konstruierte Altane konzipiert, die wiederum auf dem Erker des Stockwerks darunter ruhen. Die ungewöhnliche Materialwahl und der feingliedrige Jugendstil macht die Balkone in ihren architektonischen Umfeld schon zu etwas Besonderem. Und von oben hat man eine schöne Aussicht auf den Platz. Sieht man die Blumenpracht auf dem Balkon, hat man das Gefühl, dass hier ein wahrhaft heimeliges Wohngefühl geschaffen wurde.

Aber es sind ist natürlich nicht die Balkone, die dem Haus den Namen gegeben haben, sonder der gute König Georg von Podiebrad. Seine, auf einem kunstvollen Jugendstilpodest stehende Büste befindet sich über dem ersten Stock in der Mitte der Platzfassade. Das „Portrait“ folgt – vor allem bei der Kopfbedeckung – der Darstellung auf dem Reiterdenkmal des Königs in seiner Heimalstadt Poděbrady, das 1896 von dem Bildhauer Bohuslav Schnirch errichtet wurde. Vertrauenerweckend schaut der gute Herrscher auf die Passanten herab, die unter ihm vorbeigehen. (DD)

Dem großen Ökonomen gewidmet

Wenn der Staat etwas Gutes tun will und zum Beispiel die Grundsteuer für reiche Wohnungsbesitzer erhöht, kann es sein, dass der Vermieter die Erhöhung auf die (möglicherweise armen) Mieter umschichtet, die nun eine höhere Miete zahlen. Gute Absicht, schlechtes Resultat! Steuerüberwälzung nennt der Volkswirt so etwas. Josef Kaizl hat alleine dafür, dass er dieses Phänomen erstmals systematisch erforschte und als Lösung ein möglichst für alle gleiches und einfaches Steuersystem vorschlug, verdient, dass man nach ihm in in Prag einen Park benannte.

Seine Ideen über Steuerüberwälzung legte er 1882 in seinem Buch Die Lehre von der Überwälzung der Steuern dar. Kaizl war ein höchst anerkannter Ökonom. Seit 1879 hatte er eine Professur an der Karlsuniversität inne. Sein zweibändiges Handbuch Finanční věda (Finanzwissenschaft) von 1888 blieb in den böhmischen Ländern lange ein Standardwerk. Darüber hinaus war er auch eine politisch bedeutende Figur im Lande. Als Mitglied der Jungtschechischen Partei (Mladočeši) – bisweilen auch Freisinnige Nationalpartei (Národní strana svobodomyslná) genannt – wurde er 1885 Mitglied im Reichsrat (Abgeordnetenhaus) der östereichischen Reichshälfte (Cisleithanien) des Habsburgerreiches. Über lange Zeit blieb er eine unumgehbare blieb Größe in der böhmischen Politik. Schließlich, in den Jahren 1898 bis 1899 war er sogar Finanzminister in der Regierung unter Franz von Thun und Hohenstein – ein Amt, das vor und nach ihm im Habsburgerreich kein Tscheche innehaben sollte! Mit seinem realistischen und gemäßigten Einsatz für mehr Rechte für die Tschechen im Reich wurde er zum Lehrmeister von Tomáš Garrigue Masaryk, dem Präsidenten der Ersten Tschechoslowakischen Republik, dessen Ideen Kaizls liberalem und demokratischem Nationalismus sehr ähnelten.

Der nach ihm benannte Kaizl Park (Kaizlovy sady) mit einer Größe von 1,6 Hektar wurde bereits 1901, dem Jahr des Todes des Ökonomen und Staatsmannes durch den Architekten Julius Krýs angelegt – was zeigt, welchen Eindruck Kaizl auf die Zeitgenossen gemacht hatte. Der Park liegt im Stadtteil Karlín (Prag 8) in Sichtweite der alten barocken Invalidenanstalt (Invalidovna), über das wir bereits hier berichteten. Das Gebäude kann man durch die Bäume ganz in der Nähe sehen und es trägt zum Reiz des Ortes bei.

1952 waren die Kommunisten in der Tschechoslowakei schon vier Jahre an der Macht. Erst dann merkten sie anscheindend, dass Kaizl ein waschechter Markttliberaler war, der um der ideologischen Reinheit Willen unter Kommunisten nicht Namensgeber eines großen Parks sein durfte. Man nannte die Grünanlage also in Haken Park (Hakenovy sady) um. Der Namenspatron war nun Josef Haken, ein Mitbegründer der Kommunistischen Partei (1921) in der Zeit der Ersten Republik. Das war ein weltanschauliches Kontrastprogramm erster Güte. In der Zeit des Kommunismus wurden einige kleinere Veränderungen an der Parkanlage vorgenommen. Vor allem wurde 1964 die recht nett anzuschauende Statue eines sitzenden Mädchens in der Parkmitte aufgestellt. Sie ist das Werk des Bildhauers Břetislav Benda, einem Schüler von Josef Václav Myslbek, dem Schöpfer der großen Wenzelsstatue auf dem Wenzelsplatz.

Auch ein kleiner Teich, der in Beton gefasst ist, wurde im Park angelegt. Aber über die Jahre wurde der Park (auch nach Ende des Kommunismus) ein wenig vernachlässigt. Immerhin benannte man ihn schon 1991 in Kaizl Park um, um den großen Ökonomen und Staatsmann zu ehren. 2010 und 2011 renovierte man dann den Park grundlegend und legte teilweise neuen Baumbestand an.

Der Park ist nun eine schöne Ruheoase für die Bürger der Umgebung. Er passt sich auch gut in das prachtvolle architektonische Umfeld ein. Dieser Teil von Karlín ist von wunderschönen Jugendstilhäusern geprägt, die vom wirtschaftlichen Auftsieg der damals noch außerhalb Prags liegenden Gemeinde zeugt, der Anfang des 20. Jahrunderts zu beobachten war.

An Kaizl selbst erinnert fast nichts in dem Park – außer dem Namen. Vielleicht könnte ihm doch irgendwann ein kleines Denkmal in seinem Park gewidmet werden. Wer so etwas sehen will muss daher entweder die Böhmerwald gelegene Kleinstadt Volyně besuchen, wo er 1854 geboren wurde. Dort errichtete man ihm schon 1903 (zwei Jahre nach seinem Tode) eine Gedenkbüste.

Wer in Prag seiner gedenken will, kann immerhin sein Grab besuchen, auch dem sich allerdings ebenfalls kein Portrait Kaizls befindet. Es ist aber ein sehr kunstvolles Grab an einem bedeutenden Ort, der Promenadengalerie des Nationalfriedhofs auf dem Vyšehrad. Das Grab wurde von dem bedeutenden Bildhauer Bohumil Kafka (kein Verwandter von Franz Kafka!) in einem symbolistischen Jugendstil gestaltet. Es stellt eine auf einem Steinsockel befindliche bronzene Engelsgestalt als Umarmung der Liebe und des Todes (Objetí lásky a smrti) dar. Der Engel soll dem Ausehen der Tochter Kaizls nachempfunden sein. (DD)

Präsidentenkarosse

Heute wäre Václav Havel 85 Jahre alt geworden. Der Schriftsteller, Dramatiker und Dissident, der 1989 nach dem Fall des Kommunismus der erste demokratische Präsident des Landes wurde, prägt die Politik in Tschechien bis heute. Wenn man verstehen will, warum Havel bis heute als die Verkörperung demokratischer und liberaler Werte so sehr verehrt wird, könnte ein Besuch beim Technischen Nationalmuseum (Národní technické muzeum) möglicherweise erhellender sein als jede politische Präsentation. Man muss sich dort nur nach dem unscheinbarsten Ausstellungsstück umschauen.

Nichts sieht irgendwie besonders präsentationswürdig an dem PKW des Typs Renault 21 TSE aus, aber die Geschichte dahinter ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Seit Mitte der 1990er Jahre steht er hier im Museum und das Besondere ist: Dieses Auto gehörte Václav Havel, ja es diente sogar als präsidentielle Staatskarosse zu Beginn seiner Präsidentschaft. Im November 1989 war die Samtene Revolution ausgebrochen und das kommunistische Regime kollabierte innerhalb kürzester Zeit. Die Demokratiebewegung war nur wenig institutionell konsolidiert und musste bei der Übernahme der Verantwortung anfänglich viel improvisieren.

Aber es gab auch Hilfe. Zu den hilfreichen Geistern gehörte u.a. auch der portugiesische Präsident Mário Soares. Der Sozialist hatte zuvor als erster demokratisch gewählter Ministerpräsident 1976 sein Land nach langer Militärdiktatur in die Freiheit geführt und unterstützte von vornherein die Bestrebungen Havels und seines Dissidentenkreises. Im November trat er als Schirmherr einer Aktion auf, bei der Jugendliche aus Porto 50.000 Rosen nach Prag brachten, um die Revolution symbolisch zu unterstützen. Am 28. Dezember kam er selbst nach Prag, um die Wahl Havels zum Präsidenten am nächsten Tag mitzuerleben. Er war das erste westliche Staatsoberhaupt, das der nunmehr freien Tschechoslowakei einen Besuch abstattete. Als Havel gewählt worden war, stellte sich heraus, dass der keine präsidentielle Limousine hatte, oder besser: Es gab zwar welche, aber die waren sowjetische Protzkarren vom Typ ZiL-41045, die so sehr ein visuelles Symbol des alten Regimes waren, dass Havel sie auf keinen Fall benutzen wollte. Als Soares das Problem mitbekam, reagierte er schnell. Er rief den lokalen Repräsentanten von Renault an und am nächsten Tag hatte Havel eine „Staatskarosse“.

Nun ist der R 21 nicht wirklich eine Staatskarosse, sondern ein doch eher unscheinbarer Mittelklassewagen. Aber gerade das schien Havel zu gefallen. Ohne Chauffeur nutzte er den Wagen immer noch über die nächsten Monate, obwohl er bis dahin schon längst ein Gefährt im Luxussegment hätte fahren können, so wie dereinst Tomáš Garrigue Masaryk, der erste demokratische Präsident der Republik nach 1918, dessen prachtvoller (aber nicht auch übertrieben prachtvoller) Staatswagen von Typ Tatra 80 aus dem Jahr 1935 (Bild links) nur wenige Meter entfernt von Havels Renault steht.

Havels neuer Renault stand für den Abschied vom roten Staatsbonzentum. Und es war ein westliches Auto. Und schon aus Trotz gegenüber den Kommunisten hatte Havel schon als junger Dissident sich gerne westliche Autos besorgt (was nicht immer leicht war). 1964 war sein erstes Auto ein französischer Simca 1000. Als 1968 mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts den Prager Frühling beendet wurde, besaß Havel gerade einen deutschen Mercedes W114. Wegen seines Protestes gegen die Unterdrückung der neugewonnen Freiheiten erhielt er Berufsverbot als Schriftsteller und musste eine zeitlang als Lagerarbeiter in einer Brauerei arbeiten. Den leitenden Funktionären dort missfiel es ungeheuer, dass der Lagerarbeiter neben ihren Autos mit sichtlicher Freude ein viel größeres und prestigeträchtigeres Auto auf dem Firmenparkplatz abstellte. Er musste sich bald einen Parkplatz außerhalb des Geländes suchen… Havel und seine Autos – das war immer auch eine Frage der Politik. Der bescheidene Renault im Technikmuseum führt das dem Betrachter auf sympathische Weise vor. (DD)

Tyrš mit Fügner in der Fassade

Der gebogene Straßenzuschnitt und eine auf Rundbögen ruhende Eisenbahntrasse direkt vor der Tür haben nicht nur dazu geführt, dass das Gebäude einen eigenwillig asymmetrischen Zuschnitt hat. Vor allem kann es optisch seine Pracht so kaum mehr entfalten. Die symbolisiert daher zunächst nur der weit oben auf dem Dachgiebel seine Schwingen entfaltende Falke.

Die Rede ist von der Sokolovna in der Malého 319/1 im Stadtteil Karlín – ein recht ansehnliches Bauwerk im Stil der Neorenaissance, dessen Verbleib im architektonisch unverdienten Aschenputteldasein sich schön durch die mit Teleobjektiv gemachte Aufnahme von der Höhe des Vítkovberges erklären lässt (Bild links). In der Tat: Das Gebäude ist schon recht eingepfercht worden!

Die eigentliche Pracht lässt sich wiederum mit dem Bauherrn erklären. Die Sokolovna in Karlín gehörte, wie der Name bereits suggeriert, dem Turnerbund Sokol (das tschechische Wort für Falke, daher der Falke auf dem Dach!). Der war, als er 1862 von Miroslav Tyrš gegründet wurde, nicht nur etwas für Freunde des Sports, sondern das eigentliche Rückgrat der tschechischen Nationalbewegung, die sich für mehr Selbstbestimmung und Freiheit im Habsburgerreich einsetzte (siehe auch früheren Beitrag hier). Jeder patriotische Tscheche, der etwas auf sich hielt, war Mitglied beim Sokol – ganz egal, ob er wirklich der fitte Typ war oder eher eine Couch Potato. Bedeutende Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Jan Neruda, der erste Präsident der Tschechoslowakischen Republik Tomáš Garrigue Masaryk, sogar Frauen (für deren Rechte man sich im Sokol auch einsetzte) wie die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Karolina Světlá, wirkten im Sokol mit.

Dieses lokale Sokol-Gebäude wurde 1886/67 von dem Architekten Josef Blecha erbaut, der in Karlín sein eigenes Bauunternehmen besaß. Es folgt den damals modernen Vorgaben der Renaissance bei der Gestaltung der Fassade – etwa durch die Strukturierung vermittels Pilastern oder dem hübschen Giebel und seinem kraftvoll wirkenden steinernen Falke mit der Aufschrift „Sokol“ darunter. Die Sporthalle drinnen wurde in den 1920er Jahren im Art Déco-Stil umgebaut, aber draußen blieb der Eindruck des Originalgebäudes erhalten.

Wie die meisten Sokol-Gebäude, die das ganze Land überziehen, wird auch hier der Gründer Miroslav Tyrš prominent verewigt. Seine Portraitbüste findet sich in einer Nische oben an der Fassade des zweiten Stocks (Bild rechts) – eingerahmt von einer opulenten Kartusche. Das Ulkige an Tyrš ist übrigens, dass er, der er die größte Nationalbewegung der Tschechen gründen sollte, eigentlich deutschstämmig war, und im realen Leben Friedrich Tiersch hieß.

Gegenüber auf der anderen Seiter der Fassade befindet sich – geradezu gleichberechtigt – die Büste von Jindřich Fügner (Bild links). Das musste sein, nicht nur weil Fügner einer der engsten Mitstreiter Tyrš’s war, sondern auch Gründer der Prager Sektion und zugleich Erbauer der ersten Turnhalle in Prag überhaupt. Ihm wird besonders positiv zugeschrieben, dass er sich dafür einsetzte, dass sich die Turnerbewegung nicht nur national, sondern vor allem auch liberal und demokratisch ausrichtete. Das setzte sie am Ende deutlich von der deutschen Turnerbewegung des antisemitisch angehauchten Turnvaters Jahn ab. (DD)

Wo der rosa Panzer stand, fällt nun die Zeit

Für mich kann er den rosa Panzer nicht vollwertig ersetzen. Aber bemerkenswert ist er schon, der Falltür der Zeit (Propadliště času) genannte Brunnen auf dem Kinský-Platz in Smíchov (Prag 5).

Beginnen wir doch erst einmal mit der Geschichte. Der Brunnen, der von dem prominenten Architekten Jan Lauda gestaltet wurde, befindet sich hier seit dem Oktober 2002. Als der Platz 1894 hier ausgebaut wurde, stellte man den aus einem nahegelegenen Park verpflanzten barocken Bärenbrunnen (Medvědí kašna) auf, der mittlerweile wieder an seinem originalen Standort steht (wir berichteten). Warum verschwanden die Bären? Nun, 1948 gelangten die Kommunisten an die Macht. Die stellten hier ein Denkmal für die sowjetischen Panzertruppen, bei dem ein echter Sowjetpanzer auf einem Steinsockel stand. Die Rote Armee hatte angeblich am 9. Mai 1945 Prag von den Nazis befreit . Das stimmte nicht ganz, weil sich die deutsche Truppen schon am Vortag vor den tschechischen (und nicht-kommunistischen) Truppen des Prager Aufstandes (siehe auch hier, hier und hier) ergeben hatten. Aber das nahm man nicht ganz krumm, weil bei den Kämpfen um Prag schließlich doch viele Sowjetsoldaten ihr Leben verloren hatten und man ihrer durchaus gedenken durfte. Aber nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 wurden Sowjetpanzer generell in einem anderen Licht gesehen, nämlich als Instrument kommunistischer Unterdrückung.

Es kam das Ende des Kommunismus von 1989. Das Panzerdenkmal blieb erst einmal stehen. Aus Protest bemalte jedoch 1991 der Künstler David Černý, das anarchische enfant terrible der Prager Kunstszene, über dessen Werke wir schon unter anderem hier, hier, hier und hier berichteten, den Panzer rosa, womit er erst eigentliche Berühmtheit erlangte. Die Stadt bemalte ihn wieder in den Originalfarben und brummten Černý eine Strafe auf, dann malten ihn antikommunististische Abgeordnete (die Immunität genossen) wieder an. Nach einigem Hin und Her – worüber wir berichteten – kam der Panzer in das in das 20 Kilometer entfernte Militär Museum Lešany, wo man ihn heute noch (in rosa!) bewundern kann.

Was blieb, war die Lücke, die der Abriss des Denkmals für die sowjetischen Panzer hinterließ. Und die füllt eben seit der 2002 dieser Brunnen. Der runde Brunnen besteht hauptsächlich aus zwei großen halbrunden, grob behauenen Steinplatten. Sie stammen übrigens aus einem Granit-Steinbruch nahe der nordböhmischen Stadt Liberec . Die Botschaft dahinter ist eine eher versöhnliche: Das zwischen den Steinen hinwegfließende Wasser verschlingt die Taten der Menschen und führt zu sanftem Vergessen. Die Fontäne wird durch 64 Düsen bewirkt.

Nachts wird das Ganze von Lampen (40 Stück) erhellt. Rundum den Brunnen gibt es kleine Fontänen und in der „Schlucht“ zwischen den beiden Steinen schießt ab und an eine 8 Meter Hohe Fontäne hinauf in die Luft. Das macht sich vor der Fassade des dahinter befindlichen Justizpalastes recht beeindruckend. Ganz zum Vergessen führt der Fluss des Wassers nicht. Man kann nämlich am Rande noch Teile der alten Mauereinfassung und Sockel des früheren Sowjet-Panzerdenkmals sehen. Irgendwie muss man – der Schönheit des neuen Brunnens zum Trotz – dann doch wieder an den rosafarbenen Panzer denken, der einfach zu witzig war. (DD)