Böse Botschaft

Hinter hohen Mauern und Gittern kann das Böse ungestört seine Ränke schmieden. Hier in dieser abgeschieden wirkenden Villa fasste vor genau 100 Jahren, am 9. Dezember 1922, das Evil Empire, die Sowjetunion, erstmals ein wenig Fuß in Prag.

Die Beziehungen der Ersten Tschechoslowakischen Republik zum Roten Reich waren zu Beginn definitiv eher unfreundlich. Noch bis September 1920 hatten die Tschechoslowakischen Legionen des Ersten Weltkriegs (über die berichteten wir bereits u.a. hier, hier, hier, hier und hier) sich mit der Roten Armee in Sibirien Gefechte geliefert. An reguläre diplomatische Beziehungen mit einem Staat, der alle demokratischen Grundsätze verachtete, war nicht zu denken. Und man wollte auch keine Alleingänge gegenüber den westlichen Alliierten. Sowohl Frankreich als auch Großbritannien sollten die UdSSR erst 1924 anerkennen, die USA sogar erst 1933. Aber die Realität forderte doch kleinere Konzessionen. Also ließ man im gegenseitigen Einvernehmen offizielle Handelsvertretungen zu. Der tschechoslowakische Verteter in Moskau, Josef Girsa, trat sein Amt im Januar 1923 an. Sein sowjetischer Amtskollege Pavel Mostovenko hatte sich eben schon am 9. Dezember 1922 in Prag niedergelassen.

Der brauchte natürlich eine akzeptable und repräsentative Unterkunft. Und die fand man in der Vila Tereza (Villa Therese) in der Italská 438/36 im Stadtteil Žižkov, ganz nahe an der Grenze zu Vinohrady direkt neben dem dortigen schönen Rieger Park. Das schöne einstöckige Ziegel- und Stuckgebäude im Neorenaissancestil wurde im Jahre 1873 für den Bauingenieur Jan Holejšovský durch den Bauunternehmer Josef Vevera erbaut. Holejšovský verkaufte es schon ein Jahr später 1874. Es folgten etliche weitere Besitzerwechsel. 1885 kaufte es der Schweizer Ingenieur Daniel Märky ​​​​und benannte es nach seiner Frau Therese. 1897 richte die Schweiz ein Konsulat in Prag ein und Märky wurde der Konsul. Das blieb er zu seinem Tod im Jahr 1903. Sein Nachfolger Emanuel Hess verkaufte das Gebäude schon 1904 und zog nach Vinohrady. Es folgten wieder Besitzerwechsel und 1922 war das bereits für diplomatische Aufgaben bewährte Haus frei für die Sowjetunion.

Während die tschechoslowakische Seite eine recht stabile Personalpolitik betrieb (Girsa blieb immerhin bis 1931 in Moskau), wechselten die sowjetischen Handelsvertreter in schneller Folge. Die interessanteste von ihnen war zweifellos der vierte Vertreter, nämlich Wladimir Alexandrowitsch Antonow-Owsejenko, der immerhin von 1924 bis 1928 hier residierte. Unter ihm wurde die Handelsvertretung zur Anlaufstelle der 1921 gegründeten Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei und – da ihm die Romantik eines echten Revoluzzers um Lenin anhaftete – zum Treffpunkt für linke Intellektuelle, wie etwa die Schriftsteller Vladislav Vančura (wir berichteten hier) und Julius Fučík (erwähnt hier) oder der Musikhistoriker Zdeněk Nejedlý, der später als Kulturminister brutal im Sinne stalinistischer Ideologie wirken sollte. Man betrieb also Subversionsarbeit und Perspektivagententum. Manch böser Plan wurde da wohl im Dienste der proletarischen Weltrevolution geschmiedet. Dabei half ihm, dass die Akkreditierung der jeweiligen Handelsvertretungen, deren Aufgaben so weit fassten, dass sie de facto (nicht aber de jure) schon fast so etwas wie richtige Botschaften waren.

Antonow-Owsejenko war anscheinend eine charismatische und intellektuelle Erscheinung. Das war definitiv mehr als der bald an die Macht in Moskau gekommene Josef Stalin vertragen konnte. Nach einer längeren diplomatischen Karriere (etwa in Spanien) kehrte Antonow-Owsejenko 1937 in die UdSSR zurück, nur um dort im nächsten Jahr im Zuge der Großen Säuberung hingerichtet zu werden. Zu den weiteren Handelsvertretern gehörte Sergej Aleksandrowski, der 1933 sein Amt antrat, aber das Glück hatte, dass 1934 (recht spät also) die beiden Länder volle diplomatischen Beziehungen aufnahmen, womit er dann tatsächlich der erste Botschafter der UdSSR in der Tschechoslowakei wurde. Die Vila Tereza war nun bis 1939, als die Nazis einmarschierten und alle Diplomatie ein Ende hatte, eine echte und vollwertige Botschaft.

Erst 1945 zog man in das unendlich größere und geradezu palastartige Gebäude im Stadtteil Bubeneč ein, das heute noch die Botschaft Russlands (der Nachfolgerstaat der Sowjetunion) beherbergt. Die neue Riesen-Botschaft passte auch besser zu dem imperialen Status, den die Sowjetunion (vor allem nach der kommunistischen Machtergreifung 1948) gegenüber der unterjochten Tschechoslowakei innehatte, als die vergleichsweise doch irgendwie recht beschauliche Vila Tereza neben dem Rieger Park. Die wiederum zog sich in eine bescheidene Privatexistenz zurück.

Nach der Privatisierung des seit 1975 unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes, die nach dem Ende des Kommunismus (1989) erfolgte, dient es heute als kleines Bürohaus, unter anderem für eine Firma für Computersicherheit. Die Mauern um das Gebäude versinnbildlichen schon fast diesen neuen Zweck. Der böse Geist der Sowjetunion scheint aber gottlob endgültig vertrieben. Der findet sich nur noch auf der mit Hammer und Sichel geschmückten Bronzeplakette neben dem Eingang, die noch in den Zeiten kommunistischer Herrschaft angebracht wurde, und in Tschechisch und Russisch dem Ereignis gedenkt, dass hier dereinst die erste sowjetische Vertretung eröffnet wurde. (DD)

Švejkscher Humor bevor es Švejk gab…

Das ist schon so etwas wie der gute Soldat Švejk noch bevor es den Švejk überhaupt gab. Oder gab es den Soldaten Švejk im eigentlichen Sinn etwa immer schon? Steckt etwa in jedem böhmischen Soldaten ein kleiner Švejk?

Jedenfalls haben die putzigen Sgraffiti auf der Fassade des dreistöckigen Wohnhauses in Ostrovní 1707/14 in ihrem Sinn für das Karikaturenhafte, gepaart mit einem gewissen Unernst gegenüber soldatischem Drill schon auf den ersten Blick etwas gemein mit den von Josef Lada angefertigten originalen Illustrationen zu Jaroslav Hašeks Schelmenroman vom guten Soldaten Švejk. Nur, dass der erste Band des Roman mit Ladas köstlichen Zeichnungen 1921 erschien (nachdem es schon erste literarische Versuche mit dem Charakter 1912 – den Ur-Schwejk sozusagen – gegeben hatte). Und das, was wir hier sehen, stammt aus dem Jahre 1890. Da war der Autor des Švejk gerade einmal sieben Jahre alt.

Was ist der Hintergrund dieser witzig gehaltenen soldatischen Motive? Nun, das Haus, das nach den Plänen des Architekten Architekt Čeněk Štraybl (über den ich nichts herausfand, außer dass er noch dieses Gebäude gebaut hat) ersetzte ein zuvor dort befindliches militärisch genutztes Gebäude. An der Stelle stand nämlich ein Werbungs- und Rekrutierungsbüro der Österreichischen Armee. Die wurde übrigens im selben Jahr 1890 im Sinne der Reichseinheit Kakaniens mit der Ungarischen Armee zu einer Gemeinsamen Armee zusammengelegt. Ob das Verschwinden des Rekrutierungsbüros etwas damit zu tun hatte, weiß ich nicht, aber es verschwanden Ende des 19. Jahrhundert sowieso und unabhängig davon alle militärischen Einrichtungen (meist Kasernen, Soldatenfriedhöfe oder Militärhospitäler) aus dem Innenstadtbereich Prags.

Wie dem auch sei: Beim Neubau wurde der militärischen Vergangenheit des Hauses jedenfalls sichtbar gedacht. Und zwar auf witzige Art, wie man auf dem großen Bild oben sieht. Die vor dem Essenfassen wartenden Soldaten der k.u.k.-Armee, die von ihrem Offizier lächelnd betrachtet werden, sind offenbar guter Stimmung und mehr am leiblichen Wohl, denn am Kampfeinsatz interessiert. Selbst ab und an notwendige Disziplinierungen (Hiebe auf den Hintern), werden, wie das kleine Bild links zeigt), allenfalls von dem Betroffenen unangenehm aufgenommen. Die Offizieren sehen das Leben weiterhin von der leichten Seite und schäkern mit den Mädels herum…

Das ist schon große Kunst. Kein Wunder, denn man hatte für die Gestaltung der Sgraffiti ja auch einen großen Künstler gewonnen, nämlich keinen Geringeren als Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier und hier). Der galt als einer der großen Historienmaler seiner Zeit. Normalerweise ging es dabei sehr ernst und pathosgeladen zu. Hier lernt man ihn von seiner ungewohnt heiteren Seite kennen. Ausgeführt wurden die Bilder nach seinen Entwürfen von dem damals benfalls recht bekannten Maler Josef Bosáček.

Man muss sich das Ganze näher anschauen, um noch mehr Witziges zu finden. Man nehme die (links im Fries befindliche) Anfangsszene, in der ein potentieller Rekrut das Heim der Eltern verlässt. Ganz klar ging der Künstler dabei von der Vermutung aus, dass nur naive Landeier sich überhaupt in den Wehrdienst hineinbugsieren ließen. Auch findet sich, wie das Bild oberhalb rechts zeigt, ein Panorama von österreichischen Soldaten aus allerlei Zeiten (aktuell, napoleonische Kriege, 17. Jahrhundert), die hier irgendwie zusammen dienen.

Der Gang durch die Zeiten wird oberhalb zwischen den Fenstern des ersten Stocks fortgesetzt, wo man fünf große Tafeln mit einzelnen Darstellungen von Offizieren bewundern kann. Auf dem Bild rechts von links oben nach rechts unten: Ein Husar aus der Zeit Maria Theresias (Mitte des 18. Jahrhunderts), ein Dragoner aus der Zeit der Napoleonischen Kriege (um 1813), ein Ulan aus dem österreichisch-preußischen Krieg von 1866, ein Jäger aus der gleichen Zeit und ein Kürassier, wiederum aus der Zeit von Mara Theresia.

Schmale Sgraffiti an den Seiten des Hauses mit (ausnahmsweise recht konventionell dargestellten) Militärtrophäen ergänzen das Ganze.

Kurz: Das hübsche, aber an sich eher unscheinbare Neo-Renaissance-Haus Straybls wurde durch die karikaturenhaften Darstellungen von Mikoláš Aleš in ein humorvolles Gebäude mit Erlebniswert verwandelt – ein Soldatenpanoptikum, bei dem man die große Zeit des guten Soldaten Švejk schon am Horizont der Zeit erahnen kann. (DD)

Der Balkon der Samtenen Revolution

Der gemeinsame Auftritt der beiden am 23. November 1989 – heute vor 33 Jahren! – auf diesem Balkon gab den Menschen endgültig die Hoffnung, dass der Spuk des Kommunismus bald vorbei sein werde. Als der Schriftsteller Václav Havel, die weltweit bekannte Symbolfigur des Widerstandes, und Alexander Dubček, der 1968 gestürzte Architekt des Prager Frühlings, vor der Menge erschienen, brach riesiger Jubel aus.

300.000 Menschen hatten sich hier auf dem Wenzelplatz zu einer gigantischen Demonstration gegen das Regime versammelt. Es war die erste Demonstration des neuen Oppositionsbündnisses Bürgerforum (Občanské fórum), das sich am 19. November gegründet hatte, und das schon am 26. November Gespräche mit der kommunistischen Regierung führen sollte, um deren Machtmonopol zu brechen. Es war alles ganz schnell gegangen. Am 17. November 1989 hatte die erste große Studentendemonstration stattgefunden, die gemeinhin als Beginn der Samtenen Revolution gilt. Die Demonstration wurde zwar von der Polizei niedergeprügelt, aber die Demonstration gingen weiter und wurden größer und größer.

Von allen Demonstrationen der Samtenen Revolution sollte die am 23. November die größte Strahlkraft haben. Es war ein wahres Riesenaufgebot von Prominenten aus Kultur und Politik, die hier auf dem Balkon des Hauses am Václavské náměstí 793/36 der Menge zeigten, dass sie sich vom Regime in Protest abgewendet hatten. Zu den ersten Rednern gehörte Rudolf Hrušínský, der populäre Schauspieler und Švejk-Darsteller (der bald darauf als einer der ersten demokratischen Parlamentsabgeordneten gewählt wurde). Die Menge sang begeistert mit, als die Sängerin Marta Kubišová ihr berühmtes Lied Modlitba pro Martu sang, das so etwas wie die Hymne des Prager Frühlings gewesen war. Kubišová hatte zu den Erstunterzeichnern der Charta 77 gehört und war danach ungeheueren Repressalien des Staates ausgesetzt. Auch der Schlagerstar Karel Gott trat auf den Balkon. Er hatte sich zwar immer recht systemtreu verhalten und sogar für das Regime eine Anti-Charta zur Charta 77 unterzeichnet. Jetzt sang er unter dem Jubel der Menge die Nationalhymne, und zwar ausgerechnet im Duet mit dem Protestsänger Karel Kryl, der 1968 nach dem Ende des Prager Frühlings aus dem Land hatte fliehen musste. Aber vielleicht war gerade dies das Signal, dass es mit dem Regime zu Ende ging, dass auch angepasstere Prominente wie Gott nun aus der Deckung kamen.

Aber es war vor allem die Rede von Alexander Dubček, die der Revolution zusätzliche Legitimation verschaffte. Er war der Zeitzeuge dafür, dass das System seine Versprechen brach und gab dem Umsturz quasi seinen Segen (weshalb er bald demokratisch gewählter Parlamentspräsident wurde). Und dann kam Havel. Der hartnäckige Dissident und Einiger der Opposition und ihr glaubwürdiger Repräsentant. Aber Havel hatte ja bis dato nur im Untergrund gewirkt, und so wurde dies seine erste große öffentliche Rede. Er meisterte die Herausforderung brillant. Seine Forderungen nach Freiheit und Demokratie stießen auf Begeisterung. Die Menge rief immer wieder „Havel na hrad“ – Havel auf die Burg, also in den Präsidentenpalast. Und Präsident war er dann bald tatsächlich. Am 29. Dezember wählte ihn die Föderalversammlung derTschechoslowakei in das Präsidentenamt. Dass für den Auftritt am 23. November ausgerechnet der Balkon dieses Gebäudes ausgewählt wurde, mag kein Zufall gewesen sein, denn auch ohne die Samtene Revolution wäre es ein bedeutender Teil der politischen Geschichte des Landes.

Das fünfstöckige Büro- und Geschäftsgebäude wurde von 1911 bis 1913 nach den Plänen des bekannten Architekten Bedřich Bendelmayer als Palác Hvězda (Stern-Palast) gebaut (wir erwähnten ihn u.a. bereits hier und hier). Es handelt sich um ein Meisterwerk des späten geometrischen Jugendstils. Die steinernen Skulpturen (insbesondere die, die den Balkon tragen) und vor allem die farbigkräftigen Glasmosaike mit symbolistischen Darstellungen stammen von dem Bildhauer, Illustrator und Maler Vratislav Mayer.

Das Gebäude schrieb schon kurz nach Fertigstellung ein Stück tschechischer Demokratie-geschichte als hier 1913 der 1897 als Genossenschaft gegründete Verlag Melantrich (Nakladatelství Melantrich) einzog. Dieser Verlag war nach Georg Melantrich von Aventin (eigentlich: Jiří Černý Rožďalovický) benannt, einem Pionier des Druckwesens in Böhmen im 16. Jahrhunderts. Der Verlag stand der National-Sozialen Partei (Česká strana národně sociální) nahe, die nach der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei 1918 als zentristische Partei mithin die staatstragende Gruppierung der Republik war und mit Tomáš Garrigue Masaryk den Präsidenten stellte. Wichtigstes (aber nicht einziges) Produkt des Verlages war die 1907 ins Leben gerufene Tageszeitung České slovo (Tschechisches Wort), die großen Zeitungen des Landes gehörte. Das Erscheinen der Zeitung wurde nur kurz während des Ersen Weltkriegs unterbrochen. Selbst unter der Nazi-Herrschaft erschien sie weiter, wenngleich weitgehend zensiert.

Als die Republik 1945 wiedergegründet wurde, änderte man den Namen in Svobodné slovo (Freies Wort). Von Anfang an bekämpfte das Blatt den Vormarsch der Kommunisten. Selbst als die Kommunisten im Februar 1948 die Macht ergriffen hatten, setzte sie noch kurz ihren Widerstand fort – bis einige Tage darauf die Produktion für zwei Tage eingestellt wurde. Danach stand sie unter neuer und regimetreuer Leitung und blieb es auch. Aber: Ein wenig vom alten republikanischen Geist hatte wohl in den Redaktionszimmern überlebt….

Denn als am 17. November 1989 die erste Demonstration der Samtenen Revolution von der Polizei niedergeschlagen wurde, war Svobodné Slovo die erste große Zeitung des Landes, die die Polizeiaktion scharf verurteilte und sich auf die Seite der Revolution stellte. Sie publizierte Manifeste der Demonstranten und die Redaktionsräume wurden zu Treffpunkten der Dissidenten. Und dann war da noch der Balkon, der mithin die beste Rednerbühne am Wenzelplatz bot. Und deshalb wurde der Balkon auch zu dem zentralen Ort der Revolution, auf dem Václav Havel seine erste große Rede hielt.

Für die Zeitung und den Verlag selbst war die Samtene Revolution allerdings kein Segen. Sie wurden privatisiert, indem man sie an den Investor Chemapol verkaufte, der die Teitung 1997 in Slovo (Das Wort) umtaufte. Chemapol geriet 1998 in die Krise geriet und stieß das Blatt an die Herausgeber der (2001 ebenfalls bankrott gegangenen) Zeitung Zemské noviny (Landeszeitung) ab, der Slovo aber nicht halten konnte und kurz darauf die Produktion einstellte. Das Verlagsgebäude des Palác Hvězda wurde 1999 versteigert. Heute residiert hier im hinteren Gebäudeteil eine große Filiale eines britischen Mode- und Lebensmittelgeschäfts. Zur Frontseite hat sich ein Hotel angesiedelt. Bucht man dort Zimmer 203, kann man anscheinend den Balkon, der so viel Geschichte schrieb, betreten. Bedauerlich ist, dass sich am Haus selbst nirgendwo eine Gedenkplakette befindet. Das sollte man möglichst bald ändern. (DD)

Sympathisches Museum mit Gruselexponaten

Heute ist Halloween. Da gibt es in diesem Blog immer etwas Gruseliges zu sehen. Wie dieses verrostete Fass zum Beispiel. In das wurde dereinst die Leiche eines ermordeten Menschen gesteckt, der wurde danach mit Säure übergossen, anschließend noch einmal in Wasser gekocht und dann von einer Brücke aus in den großen Orlík-Stausee geworfen. Als das Fass nach einiger Zeit gefunden und herausgeholt wurde, hatten die Forensiker mit dem Inhalt keine schöne und leichte Arbeit vor sich…

Solch schaurige Dinge kann man massenhaft begutachten im Polizeimuseum der Tschechischen Republik (Muzeum Policie ČR) in der Ke Karlovu 453/1 in der Neustadt. Aber nicht nur. Man kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, wie groß, vielfältig und interessant so ein Polizeimuseum sein kann, bevor man dieses gesehen hat. Die oben erwähnten Orlík Mörder (Orličtí vrazi), eine kriminelle Bande, die in den Jahren 1991 bis 1993 sechs (meist etwas zweifelhafte) Geschäftsleute mit windigen Geschäften gegen Bares anlockten, sie dann aber ermordeten, das Geld einsteckten und die Leichen in Fässern versenkten, werden auch eher ein Beispiel für erfolgreich angewandte wissenschaftliche Kriminalistik bei der Entlarvung präsentiert, denn als Horrorshow. Nun ja, wie man oberhalb links bei dieser Dokumentationstafel über vorsätzlich verursachte Schädelfrakturen sieht, sind die Übergänge zwischen Wissenschaft und Grusel natürlich manchmal fließend.

Weder, dass es hier gruselig, noch dass es hier so umfassend informativ zugeht, kann man erraten, wenn man sich dem schönen und friedlich aussehenden Gebäude nähert. Es handelt sich um ein mit der wunderschönen barockisiert-gotischen Kirche St. Marien und Karl der Große (Kostel Nanebevzetí Panny Marie a sv. Karla Velikého na Karlově – wir berichteten hier) verbundenes Gebäude, das einmal dem Kloster gehörte, zu dem die Kirche einst gehörte. Die Kirche aus dem Jahr 1354, die in den 1730er Jahren barock umgebaut wurde, ist passenderweise heute so etwas wie die Stammkirche der Christlichen Polizei-Vereinigung (Křesťanská policejní asociace).

Zurück zum Museum: Der schon seit 1785 säkularisierte Bau wurde 1960 (also in kommunistischen Zeiten) dem Innenministerium übergeben, das hier 1965 ein Museum für den Grenzschutz einrichtete, dann 1973 eines für die nationale Sicherheit. Alles stramm an der herrschenden Ideologie ausgerichtet. Immerhin schuf man im Gartenbereich 1982 einen Verkehrskindergarten, was auch heute noch politisch wenig anrüchig erscheint. Mit dem Fall des Kommunismus 1989 war die Chance gekommen, das Ganze vom ideologischen Ballast zu entrümpeln und auf seine umfassende Ausstellung zur Geschichte und den vielen Tätigkeitsfeldern der Polizei in der Tschechoslowakei/Tschechien zu konzipieren – ohne die dunklen Seiten auszublenden. Und so wurde das Museum 1991 eröffnet und seither immer wieder verbessert.

Ein wesentlicher Teil des Museums ist der Geschichte des Polizeiwesens seit der Gründung der Ersten Tschechoslowakischen Republik im Jahre 1918 in allen Aspekten gewidmet. Die Polizei und Gendarmerie des alten k.u.k. Habsburgerreichs, aus der es ja letztens historisch erwuchs, wird nur knapp als Einführung dargestellt. Aber unter den ausgestellten Stücken über diese Zeit befinden sich durchaus – insbesondere, wenn es um altertümliche Bewaffnung geht (Bild rechts) – recht ansehnliche Stücke. So vorbereitet bekommt man im Folgenden ein Gefühl dafür, wie rapide sich das Polizeiwesen im Guten wie im Bösen danach im Lande entwickelte. Und so ist es auch gemeint. Auch wenn das Ganze dem Innenministerium gehört und die Sache unter großer und enthusiastischer Beteiligung der Polizei organisiert wird (Museumsdirektor Radek Galaš war selbst bei der Polizei und hatte an der Polizeiakademie studiert), werden die Schattenseiten aus den dunkleren Kapiteln der Geschichte nicht ausgeklammert.

Im Bild links sieht man eine Offiziersmütze mit rotem Stern aus dem Jahr 1954, die einem Mitarbeiter der Staatssicherheit StB (Státní bezpečnost), die wie kaum eine andere Organisation für die direkte politische Repression und Bespitzelung stand. In den 1980er Jahren arbeiteten 12.500 fest angestellte und 75.000 informelle Mitarbeiter für den StB, um Bürger zu überwachen, einzusperren und oft sogar zu ermorden (einen Fall beschrieben wir hier). Erst die Samtene Revolution von 1989 setzte diesem grausamen Spuk ein Ende und der StB wurde Anfang 1990 aufgelöst.

Da es der Anspruch des Museums ist, alle Sicherheitskräfte im Museum zu erfassen, kommt auch der Grenzschutz nicht zu kurz, dessen opferreiche Arbeit in den 1930er Jahren gegen Hitlers Saboteure und Terroristen einerseits geradezu zelebriert, aber dessen Funktion als (neben dem StB wohl offenkundigsten) Teil des kommunistischen Terrorsystems deutlich herausgestellt wird. Einer der vielen Menschen, die auch privat von der eisernen Grenze zwischen Kommunismus und Freiheit „profitierten“, war Hubert Pilčík. Der brutale Serienmörder gab sich als Fluchtorganisator aus, ermordete aber zwischen 1948 und 1951 eine immer noch unbekannte Zahl von Ausreisewilligen, um sie auszurauben. Die 12jährige Nichte zwei seiner Opfer fesselte er auf dem rechts gezeigten Brett, wobei ihr Kopf in die schalldichte Kiste am Ende gesteckt wurde, damit er sie über längere Zeit ungestört foltern und vergewaltigen konnte. Dann zwang er sie, Briefe zu schreiben, in denen sie berichtete, dass Onkel und Tante (in Wirklichkeit grausam ermordet) glücklich in Bayern lebten und sich wünschten, das Pilčík der Vormund der Nichte werde. Der Anblick der Kiste lässt einem das Blut erstarren vor so viel abgrundtiefer menschlicher Niedrigkeit. Als er 1951 verhaftet wurde, beging Pilčík im Gefängnis Selbstmord. Dass ihm das trotz aller Sicherheitsvorkehrungen gelang, hat immer wieder zu (nicht endgültig beweisbaren) Gerüchten geführt, dass er zumindest eine zeitlang mit dem StB unter einer Decke steckte, der in diesen Zeiten die Jagd auf „Republikflüchtige“ brutal verschärfte.

Jetzt aber zu den etwas harmloseren Aspekten: Die Polizei fängt ja auch richtige Verbrecher oder regelt den Verkehr und tut auch sonst durchaus Sinnvolles. Und dabei musste sie immer technisch mit dem Fortschritt der Zeit mithalten. Links sieht man eine damals moderne Wachstation aus den späten 1920er Jahren. Die verfügte über einen Telegraphen, eine kleine Telefonzentrale, eine (manuelle) Schreibmaschine und über ein Radio (Röhrengerät). Supermodern war das damals!

In den 1970er Jahren hatte man schon, wie das Bild rechts zeigt, die ersten sehr großen, aber vergleichsweise noch wenig leistungsstarken Computer und bediente sich des Funkverkehrs. Lautsprecheranlagen und Telefone, die keine Zentrale mehr brauchten, sondern nur eine Wählscheibe, waren irgendwie damals bereits Selbstverständlichkeiten. Und dabei war man damals im Kommunismus sicher noch nicht annähernd so technisch fortgeschritten wie im Westen…

Überhaupt ist das Museum auch etwas für Technikbegeisterte. Das gilt schon alleine für die geradezu gigantische Sammlung an Polizeifahrzeugen aller Zeiten und vor allem aller Arten – so etwa die Motorräder, von denen wir links eine Auswahl sein. Um mit den zu jagenden Bösewichtern mithalten zu können, musste die Polizei stets zu Lande, zu Wasser und zur Luft mobil sein. Auf einigen wenigen Fahrzeugen kann man sogar „Probesitzen“, was eines von vielen Dingen ist, warum das Museum auch bei Kindern außerordentlich beliebt ist, und die sich an den Leichenfässern und ähnlichen Gruselstücken anscheinend weniger stören als man annehmen könnte.

Was so groß ist, dass man es nicht in den Räumlichkeiten unterbringen kann, steht draußen im Garten. So zum Beispiel der riesige Polizei-Helikopter sowjetischer Provenienz vom Typ Mil Mi-2. Der Typ wurde 1961 entwickelt und ging 1962 in Produktion. Rund 5450 wurden bis 1986 gebaut und für die tschechoslowakische/tschechische Polizei waren sie von 1972 bis 1996 im Einsatz. Der Hubschrauber ist neben allerlei Dienstautos, Lastwagen und sogar Polizeibooten eine der Attraktionen des Museumsgarten.

Die Attraktion schlechthin ist ein aber Fahrzeug, dass auf den ersten Blick definitiv einem Kleinpanzer ähnelt. Tančík (Tänzer) nennt man das Exponat und es sieht nur aus wie ein Panzer. Sogar das vermeintliche Kanonenrohr ist nur ein Guckloch. Mit diesem aus verschiedenen Autoteilen (ein Wartburg 311 lieferte u.a. den Rahmen) und anderen Gebrauchtteilen zusammengebastelten Fahrzeug hatte 1970 der Schlosser Vladimír Beneš zusammen mit seiner Frau und vier Kindern (sie waren wohl recht dicht gedrängt drinnen) versucht, den Grenzwall bei Hrušky nach Österreich zu durchbrechen. Leider hatte das Gerät, von dem man nicht weiß, ob es furchterregend oder putzig aussieht, auf dem Weg eine Panne. Man ließ den „Panzer“ zurück. In Absprache mit seiner Familie floh Beneš, dem eine heftige Strafe drohte, wenn das Gerät erst einmal gefunden worden war, erst einmal alleine ohne „Panzer“. Das gelang ihm anscheinend recht leicht. Seine zurückgebliebene Frau wurde zu einer leichten Haftstrafe verurteilt, die bald verkürzt wurde. Sie und die Kinder durften 1977 in die USA ausreisen, wo sie alle wieder vereint waren. Der kleine Tančík, den die Polizei bald fand und aufbewahrte, steht heute im Museum als ein Dokument dafür, was Menschen alles für ihre Freiheit wagen. Dass man ihn vor einiger Zeit etwas poppig bunt bemalt hat, verleiht ihm eine gewisse tragik-komische Note.

Seien noch etliche der unzählig vielen Themen und Aspekte kurz erwähnt: Verkehrskontrollen, berittene Polizei, Geldfälscherei, Bürokratie, Polizeihundeschulung, berühmte Kriminalisten (etwa den berühmten Regierungsrat Josef Vaňásek, den wir schon hier erwähnten) und vieles, vieles mehr. Generös wie man ist, hat auch die Feuerwehr, die ja auch im Dienst der öffentlichen Sicherheit steht, eine eigene Abteilung. Auch dies eine Geschichte technischen Fortschritts. Im Bild rechts sieht man vorne einen Feuerwehrmann aus den 1920er Jahren, der noch keinen Schutzanzug, sondern eine schnieke Uniform trägt. Dahinter ein dem Katastrophenschutz verpflichteter Feuerwehrmann aus der Zeit des Kalten Krieges. Der ist sehr viel umfassender geschützt und moderner ausgerüstet.

Über alle die Schaustücke, die man sieht, sollte man ab und an auch mal an das Gebäude denken, in dem sie sich befinden. Das war ja mal ein prachtvoll barock gestyltes Kloster. Also: Hin und wieder den Blick nach oben schweifen lassen, um die nicht polizeilich relevanten Stuckarbeiten auf der Decke zu bewundern, die zum Teil noch mit herrlichen Fresken versehen sind! Touristen verirren sich in dieses Museum eher selten, obwohl das Museum auch für sie einen hohen Erlebniswert haben dürfte. Der einzige kleine Wermutstropfen ist dabei leider, dass fast alle Beschriftungen der Exponate ausschließlich in Tschechisch sind. Man sollte sein Smartphone mitnehmen, um wenigstens das Wichtigste mitzubekommen – obwohl vieles sich auch von selbst erschließt.

Und dann sind da noch die, um die es geht: Die Polizisten. Die tragen „ihr“ Museum mit Begeisterung. Die Photos für diesen Beitrag entstanden bei der Museumsnacht im Juni dieses Jahres. Personal und Polizisten führten die Besucher begeistert durch die Räume. Die Polizeikapelle spielte munter böhmisch auf. Zusätzliches Polizeigerät wurde herbeigeschafft. Und überall liefen Polizisten in passenden historischen Kostümen herum. Hier sieht man einen behelmten und besäbelten Gendarmen aus der Zeit der Ersten Republik (frühe 1920er) sich fröhlich mit kommunistischen Kollegen aus den 1970ern unterhalten. Das Ganze hat trotz der recht vielen Gruselexponate irgendwie einen äußerst sympathischen „human touch“. (DD)

Haus zweier bedeutender Frauen

Es ist schwer, im Schatten eines großen Vaters zu stehen. Tomáš Garrigue Masaryk, der Gründungspräsident der 1918 gegründeten Ersten Tschechoslowakischen Republik nimmt in der Geschichte des Landes einen Platz ein, der an geradezu mythischer Größe allenfalls mit dem des ersten nach-kommunistischen Präsidenten Václav Havel vergleichbar ist. Doch seine Tochter Alice Garrigue Masaryková brachte es in der Tat zu eigenständigem Ruhm und gilt als eine der prägenden Frauengestalten ihrer Zeit.

Vater Masaryk war ein für damalige Verhältnisse sehr moderner Vater. Mit der emanzipierten Amerikanerin Charlotte Garrigue Masaryková (wir berichteten bereits hier) verheiratet, tat er alles, um seinen Kindern Chancen zu eröffnen. Alices Bruder Jan Masaryk (wir berichteten hier) wurde etwa Außenminister, bevor er 1948 wahrscheinlich von den Kommunisten ermordet wurde. Die Förderung, die Alice zuteil wurde, war ungewöhnlich. Sie studierte an der Prager Karlsuniversität und wurde als eine der ersten Frauen überhaupt zur Promotion zugelassen. 1903 erhielt die Soziologin und Philosophin den Doktortitel. 1911 sollte sie die Soziologische Fakultät der Universität aufbauen. Zwischendurch hatte sie 1904/05 in Chicago studiert. Ihre Studien, die sich mit der Lager der Arbeiter, mit Alkoholismus und Geschlechtskrankheiten befassten, sollten stets lebensnah sein und praktischen Nutzen für Sozialreform abwerfen.

Und sie unterstützte die Politik ihres Vaters, die Tschechen vom Habsburgerreich zu befreien und eine eigene Republik zu gründen. Das tat sie auch während des Ersten Weltkriegs als der Vater im amerikanischen Exil war. 1915 wurde sie sogar für einige Zeit von den österreichischen Behörden ins Gefängnis gesteckt. Dabei drohte ihr die Todesstrafe, was aber durch die Intervention amerikanischer Diplomaten abgewendet werden konnte. Als die tschechoslowakische Unabhängigkeit kam, wurde sie 1919 die erste Vorsitzende des tschechoslowakischen Roten Kreuzes. Aber sie wurde nicht nur karitativ aktiv, sondern auch politisch. Sie gehörte unter anderem zu den Mitglieder der Nationalversammlung der Tschechoslowakischen Republik (Národní shromáždění republiky Československé), die den Aufbau der Republik einleitete. Besonders intensiv setzte sie sich in der Folge für die Frauenrechte ein. Als ihre Mutter Charlotte 1923 starb, trat sie an der Seite ihres Vaters als First Lady auf. Es heißt, ihr politischer Einfluß auf ihren Vater sei groß gewesen. Vor den Nazis, die 1939 einmarschierten, floh sie rechtzeitig in die USA, wo sie wieder in Chicago lehrte, aber sich vor allem für die Befreiung ihrer Heimat einsetzte. 1945 kehrte sie wieder nach Prag zurück, um sich für den Wiederaufbau der Demokratie zu engagieren, aber schon drei Jahre später kam die nächste Diktatur, diesmal die der Kommunisten. Die mutmaßliche Ermordung ihres Bruders 1948 war das Signal, wieder in die USA zurückzukehren, von wo aus sie in Ansprachen über Radio Free Europe den Freiheitskampf in der Tschechoslowakei unterstützte. Sie starb 1966 im US-Exil.

Während des Kommunismus war alles, was mit der Demokratie und dem Namen Masaryk zusammenhing, aus der Öffentlichkeit verbannt. Erst in den 1990er Jahren wurde eine schlichte bronzene Gedenktafel an dem Doppelhaus in der Loretánská 179/15 und 13 angebracht, in dem sie in den Jahren 1937 bis 1939 und dann noch einmal 1945 bis 1948 lebte. Das barocke Haus war im 17. Jahrhundert vom kaiserlichen Vizekanzler bewohnt worden.

Nur ein wenig neben der Tafel befindet sich eine andere Gedenktafel, die zweisprachig (englisch/tschechisch) daran erinnert , dass von 1945 bis 1948 hier auch Marcia Davenport lebte. Man könnte deshalb auch von einem Haus zweier bedeutender Frauen sprechen. Die amerikanische Schriftstellerin und Musikkritikerin (sie hatte neben zahlreichen Romanen u.a. 1932 eine Standardbiographie Mozarts veröffentlicht) hatte während des Weltkrieges tschechoslowakische Emigranten unterstützt und war mit Alices Bruder Jan liiert. Der wurde 1945 Außenminister und sie zog mit ihm nach Prag. Das Haus in der Loretánská befindet sich in Sichtweite des Palais Czernin (Černínský palác), wo das Außenminsterium residiert. Als die Kommunisten 1948 die Macht ergriffen, zog Davenport nach London. Jan Masaryk wollte nach einer Weile folgen, um sie zu heiraten. Doch am 10. März fand man ihn tot unter einem hoch liegenden Fenster des Ministeriums. Die Kommunisten behaupteten, es sei Selbstmord gewesen, aber daran regen sich zurecht immer wieder Zweifel (wir berichteten hier). Darauf zog sie zurück nach Amerika, wo sie 1996 starb. (DD)

Der Fälscher im Prunkgrab

Als der Schwindel richtig aufflog, war es zu spät. Da lag er bereits in einem besonders schmuck- und ehrenvollen Grab auf dem Nationalfriedhof hoch oben über der Stadt auf dem Vyšehrad. Und als er dort 1861 beerdigt wurde, schrieb die tschechische patriotische Zeitung Národní Listy, seine „Beerdigung war in der Tat und im wahrsten Sinne des Wortes eine nationale Feier, großartig und beindruckend.“

Ja, der Mann hatte tatsächlich den Nationalstolz der Tschechen im Habsburgerreich angefacht. Im Jahr 1817 trat Václav Hanka mit der sensationellen Nachricht an die Öffentlichkeit, er habe im Turm der Kirche Johannes des Täufers (Kostel svatého Jana Křtitele) in Dvůr Králové nad Labem (dt.: Königinhof) eine Handschrift aus dem 13. Jahrhundert gefunden. Es handle sich um das älteste Stück Literatur in tschechischer Sprache und sei das Fragment eines großen Epos, dem zusätzlich einige Gedichte beigefügt worden waren.

Das war zu schön, um wahr zu sein. Griechenland hatte seinen Homer; die Engländer die Artussage und die Deutschen ihr Nibelungenlied. Jetzt hatten auch die Tschechen ein großes Epos aus früher Zeit: Die Königinhofer Handschrift (Rukopis královédvorský)! Man hätte gewarnt sein können. Schon einmal, im Jahre 1760, hatte ein Schriftsteller namens James Macpherson die literarischen Minderwertigkeitskomplexe der Schotten ausgenutzt, um ihnen seine „schottische“ Epenfälschung Ossian anzudrehen – ein grober Betrug, der einige Jahre später entlarvt wurde. Aber im Gegensatz zu Macpherson, der sich einfach recht plump weigerte, die (realiter nicht existierenden) Originalmanuskripte Experten zur Überprüfung vorzulegen, lag den Tschechen hier etwas vor, das wirklich wie eine echte mittelalterliche Handschrift aussah. 1818 legte Hanka noch einmal nach und präsentierte noch eine Handschrift ähnlicher Machart, die Grünberger Handschrift (rukopis zelenohorský).

Die sah auch echt aus. Und warum sollte man Hanka nicht glauben? Der war einer der renommiertesten Erforscher der alttschechischen Sprache überhaupt und galt als der ausgewiesene Kenner mittelalterlicher Dokumente schlechthin. Er war Schüler des legendären Josef Dobrovský, der die erste tschechische Grammatik verfasst hatte (wir berichteten hier) und später wurde er Leiter der Literaturabteilung des Nationalmuseums. Dazu kam noch viel später eine Professur an der Karlsuniversität. An seinem philologischen Wissen konnte zu Recht niemand zweifeln. Folglich gerieten die Tschechen ganz und gar aus dem Häuschen als sie von seiner Entdeckung eines urtschechischen Nationalepos erfuhren. Die Begeisterung schwappte auch über die Grenzen Böhmens. Goethe veröffentlichte schon bald eine deutsche Nachempfindung eines der nicht-epischen Gedichte (Das Sträußchen) aus der Handschrift. Sie war wiederum inspiriert von der 1819 erschienenen deutschen Übersetzung des Werkes, die ein Werk von Hankas Mitarbeiter (und möglicherweise Mitfälschers) Václav Alois Svoboda war. Romantiker aus allen Ländern schwärmten von der Urwüchsigkeit und Authenzität der mittelalterlichen Lyrik, darunter Jacob Grimm und François-René de Chateaubriand.

Und tatsächlich hatte die Handschrift auch das Zeug zum Historienbestseller. Im Mittelpunkt stehen die Schlachten, die die beiden vorhistorischen alttschechischen Kriegerfürsten Záboj und Slavoj siegreich gegen den bösen Eindringling Luděk bestehen, der wohl in Wirklichkeit ein Ludwig und somit Deutscher war. Das bestätigte das Geschichtsbild, das tschechische Patrioten, die unter der Habsburgerdominanz litten, gerne hörten. Die unweit von Hankas Grab befindlichen Monumentalstatuen, die der Bildhauer Josef Václav Myslbek zwischen 1889 und 1897 errichtete (Bild oberhalb rechts), zeugen von der Popularität des Mythos der beiden Ur-Helden (wir berichteten hier).

Der als „Vater der Nation“ geltende Nationalhistoriker František Palacký verwendete die Handschrift und ihre „Überlieferung“ bei seiner 1848 erschienenen „Geschichte des tschechischen Volkes in Böhmen und Mähren“ als Quelle. Sie unterstrich dabei das patriotische Generalthema, dass die böhmische Geschichte primär ein ewiger Kampf zwischen gewalttätigen Germanen/Deutschen und friedvollen, aber tapferen Slawen gewesen war. Diese Botschaft fand sich nicht nur in den Kämpfern Záboj und Slavoj personifiziert, sondern vor allem auch bei dem feinsinnigen aber todesmutigen Sänger Lumír, „der mit Wort und Sange rührt den Wyšehrad und alle Lande.“ Er wurde zur Kulturikone, nach der 1851 eine bedeutende Kulturzeitschrift benannt wurde, und der deshalb auch nicht bei dem opulenten Fassadenschmuck des Nationaltheaters (1881) fehlen durfte, wo er poetisch die Leier spielt und mutig trotzend in die Ferne schaut (Bild oberhalb).

Erste Zweifel an der Echtheit äußerte erstmals, aber ganz vorsichtig der damals sehr bekannte Slawist Jernej Kopitar im Jahr 1824. Da die meisten tschechischen Wissenschaftler aber ungebrochen an die Echtheit glaubten und der Zweifel nur verhalten war, ging das fast unbemerkt unter. Auch Hankas Lehrer Dobrovský äußerte verhalten Zweifel. Bei so einem patriotischen Überschwang bei der Rezeption des neuen „Nationalepos“ war jedoch absehbar, dass die Äußerung von Zweifeln an der Echtheit eher eine riskante Sache werden könnte, weshalb der erste Zweifler, der 1858 ganz eindeutig behauptete, das Ganze sei eine Fälschung Hankas, vorsorglich anomym blieb. Das war klug, wie der Sturm der Empörung zeigte, der nun aufbrauste. Aber die Debatte war da! Und sie ging nicht wieder weg. 1859 veröffentlichte der Wiener Historiker Max Büdinger einen wissenschaftlich fundierten Artikel, den Hankas Unterstützer nicht mehr so einfach wegschieben konnten. Büdinger legte 1861 mit seinem Buch „Die Königinhofer Handschrift und ihre neusten Vertheidiger“ noch einmal ausführlich nach. Unter normalen Bedingungen hätte das die Sache erledigt. Aber hier ging es nicht nur um philologische Kleinigkeiten, sondern um vaterländische Gefühle.

1861 starb auch Hanka und sein Riesenbegräbnis war eine patriotische Demonstration, wie ja Narodný Listek auch korrekt berichtete. Sie waren von recht wenig solide fundierten Gerüchten begleitet, die fiesen Fälschungsvorwürfe hätten ihn in den Tod getrieben. Und immer noch standen große Teile des (tschechischen) wissenschaftlichen und literarischen Establishments auch noch posthum auf seiner Seite – allen voran Palacký, an dessen Autorität als Nationalhistoriker man damals kaum vorbei kam.

Als man 1885 mit dem Bau des großen Nationalmuseums (Národní Muzeum) begann, über das wir hier berichteten, wurden über den Fenstern des zweiten Stocks Stucktafeln angebracht mit den Namen unzähliger großer Wissenschaftler und Intellektueller Böhmens – sozusagen eine Zurschaustellung von akademischem Patriotismus. Und selbstredend (und Büdingers Forschungen zum Trotz) fehlte Hankas Namen nicht. Noch heute befindet er sich hier zwischen dem slowakischen Slawisten Pavel Jozef Šafárik und dem Physiker Franz Adam Petřina. Dieses trotzige Aufbäumen konnte die zweite Welle der Debatte in den späten1880er Jahren aber nicht mehr verhindern. An ihr beteiligte sich auch der spätere erste Präsident der Tschechoslowakischen Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, der gewiss nicht im Verdacht stand unpatriotisch zu sein. In einem Artikel in der Zeitschrift Athenaeum zeigte er 1889 auf, dass es sich nur um eine Fälschung handeln könne – in aller Wahrscheinlichkeit das Werk Hankas selbst. Damals wohnte Masaryk mit seiner Familie zur Miete in der Villa des Schriftstellers Václav Vlček, der ihn aus patriotischer Entrüstung aus der Wohnung warf (wir berichteten hier). Das nutzte in der Sache nichts. Und Masaryk betonte weiter, dass die modernen Tschechen für ihren Nationalstolz keine erfundenen Mythen bräuchten. Inzwischen haben moderne Materialforschungen in den 1990er Jahren, die man zu Hankas Zeiten noch nicht zur Verfügung hatte, die für damalige Verhältnisse sehr gut gemachte Fälschung nachgewiesen.

Es gibt immer noch Verteidiger Hankas, die behaupten, die Diskussion sei von Feinden der Nation (schließlich leugneten auch die Kommunisten die Echtheit der Handschrift) gesteuert. Oder einige die meinen, er sei von seinem Mitarbeiter Svoboda reingelegt worden, der der wahre Fälscher gewesen sei. Nun ja, auf jeden Fall liegt Hanka an prominenter Stelle auf dem Nationalfriedhof. Das riesige das obeliskenähnliche Prunkgrab finanzierte 1863 (zwei Jahre nach dem Ableben) die renommierte Svatobor Gesellschaft (Spolek Svatobor), eine Vereinigung, die arme Schriftsteller unterstützt und vor allem die Nationalgrabstätte Slavín (drittes Bild von unten) betreut. „Nationen gehen nicht unter, wenn die Sprache lebt!“, steht auf der Inschrift, die damit vorsichtshalber auf die unbestrittenen Verdienste Hankas für die slawische Philologie hinweist und nicht auf die Königinhofer Handschrift. Die Unterstützung des Grabdenkmals durch die Svatobor Gesellschaft erklärt übrigens auch das seltsame Symbol auf der Spitze des Grabes – drei Hände, die einen Ring festhalten. Das ist nämlich das Logo des Vereins, der sich hiermit selbst verewigt hat. (DD)

Unter dem Doppeladler

Spätestens mit der Niederlage bei der Schlacht am Weißen Berg 1620 mussten sich die Böhmen damit abfinden, endgültig unter der Herrschaft der Habsburger zu stehen und damit ihre Unabhängigkeit zu verloren zu haben. Der in in Stuck modellierte Doppeladler der Habsburger über dem Eingang des passend Haus zum Schwarzen Adler (dům U Černého orla) genannten Gebäudes in der Mostecká 279/11 auf der Kleinseite, ganz nahe der Karlsbrücke, unterstreicht diesen Machtanspruch Habsburgs deutlich.

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass der Doppeladler der Gründung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie 1867 sein Leben verdankt – Doppeladler und Doppelmonarchie, das scheint ja auch irgendwie zu passen. Aber der hier abgebildete Doppeladler ist deutlich vor 1867 zu datieren. Also: Das Heilige Römische Reich verwendete ursprünglich den einköpfigen Adler als Wappentier (was seit dem Bismarck-Reich 1871 für Deutschland übernommen wurde). Unter Kaiser Sigismunds wurde jedoch 1433 der Doppeladler eingeführt, weil der Kaiser des Reiches zugleich deutscher König war. In diesem Sinne war bereits das alte Reich eine Art Doppelmonarchie. Ab dem 16. Jahrhundert hatten die Habsburger die Kaiserwürde quasi durchgängig inne, weshalb die Familie den Doppeladler bald übernahm, womit klar war, dass sie Reich und Dynastie als ein unteilbares Ganzes dachten. Ihre jeweiligen unterschiedlichen Ländereien wurden nun durch ein Wappen in der Mitte (im Herzschild) markiert. Genau das sieht man hier: den Doppeladler mit dem  Böhmischen Wappenlöwen (wir berichteten hier) in der Mitte. Als das alte Heilige Römische Reich 1806 zusammenbrach, behielten die Habsburger einfach den Doppeladler für ihr restliches Österreichisches Kaisertum, das dann 1867 in die k.u.k. Österreich-Ungarische Doppelmonarchie (auch Kakanien genannt) überging.

Und nun zum Haus selbst: Dort, wo sich heute dieses dreistöckige Wohngebäude befindet, stand ursprünglich ein gotisches Gebäude. Kaiser Karl IV. (zugleich böhmischer König) hatte es zum Hof des mit ihm verbündeten Mainzer Erzbischofs Ludwig gemacht, der dafür 1376 den Ausschlag bei der Wahl von Karls Sohn Wenzel zum deutschen König gab – für Karl ein Herzenanliegen. Das Haus wurde später – längst nicht mehr im erzbischöflichen Besitz! – immer wieder umgebaut, im Jahre 1583 und noch einmal 1610 im Renaissancestil, wobei es dabei seinen heutigen Grundriss bekam.

Im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts, um 1732, bekam es im Kern die heutige spätbarocke Fassade, die sich durch einen späteren klassizistischen Umbau, der mehr das Innere betraf, nur unwesentlich veränderte. Ein neuerlicher Umbau um 1930 betraf ebenfalls nur den hinteren Teil zum Innenhof.

Selbst in der zum Königsweg gehörenden Mostecká, in der es von schönen Häusern nur so wimmelt, ragt dieses Haus als besonders schön heraus. Die reich bestuckte Fassade mit dem Doppeladler, etlichen zierlichen Schmiedearbeiten, aber auch etlichen hübschen Medaillons wird oben durch ein prachtvolles Gesims abgeschlossen, das Kenner an ein Werk des berühmten Architekten Giovanni Battista Alliprandi erinnert, jenen großen Barockmeister, dem wir die Schönheit der heutigen deutschen Botschaft verdanken (worüber wir hier berichteten).

Hoch über dem dreieckigen Giebel steht eine etwas überlebensgroße barocke Sandsteinstatue des Heiligen Florian. Der scheint seinem Zweck als Patron des Brandschutzes wirkungsvoll zu dienen, denn abgebrannt ist das Gebäude tatsächlich noch nie.

Wer den Doppeladler an der Fassade veranlasst hat, habe ich noch nicht herausgefunden, aber er war offenkundig ein flammend begeisterter Parteigänger der Habsburgerdynastie. Der Adler ist mit seinen fein ziselierten Federn und seiner polychromen Gestaltung so kunstvoll gestaltet (es gibt kaum einen schöneren in Prag!), dass selbst der größte tschechische Patriot nicht umhin kann, ihm etwas abzugewinnen. Auch ist die Schmach vom Weißen Berg schon so lange Geschichte und es hätte den Böhmen auch Schlimmeres an dynastischer Herrschaft passieren können als die Habsburger, so dass schon längst der Schwamm ordentlich drüber gewischt ist. Schön ist es jedenfalls, das Haus zum Schwarzen (Doppel-) Adler. (DD)

Erinnerung an den Aufbruch

Er ist eines der letzten sichtbaren Zeugnisse des großen Aufbruchs, den der heutige Prager Stadtteil Libeň im 19. Jahrhundert durchlebte: Der Schornstein der ehemaligen Fabrik der Brüder Perutz, der nunmehr einsam auf einer kleinen Grünfläche an der Libeňský most, Ecke Voctářova steht.

In Libeň, das erst 1901 Teil von Prag wurde (mehr dazu hier), hatte sich im 19. Jahrhundert eine große jüdische Gemeinde entwickelt, über deren Erbe wir hier berichteten. Im Laufe der Zeit entstanden hier deshalb auch viele Industriebetriebe mit jüdischen Besitzern, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts geradezu eine lokale Industrielle Revolution entfachten (eines von vielen Beispielen war die Leinwandfabrik Grab, worüber wir hier berichteten).

Vor allem in den Uferarealen nahe der Moldau gegenüber von Holešovice entstand ein regelrechtes Industrigebiet mit unzähligen Fabriken, die der Bevölkerung Lohn und Brot verschafften.

Der Schornstein, den wir hier sehen, gehörte zu der Firma Spinn- und Webwarenfabriken Brüder Perutz , die hier im Jahre 1875 errichtet wurde. Gegründet wurde sie von dem sehr säkularen jüdischen Unternehmer Benedikt Perutz, dem Vater des berühmten Schriftstellers Leo Perutz (dessen Roman Nachts unter der steinernen Brücke zur Pflichtlektüre für jeden Freund der Prager deutsch-jüdischen Literatur gehören sollte), zusammen mit seinem Bruder und Co-Chef Siegmund Perutz. Die Textilfirma expandierte schnell. Es gab bald mehrere Ableger der Fabrik in Böhmen (der größte in Varnsdorf) und später in Ungarn. 1899 verlegte die Familie ihren Wohnsitz von Libeň nach Wien, wo eine neue Firmenzentrale aufgebaut wurde. Die Fabrik in Libeň blieb aber in Betrieb.

Die Firma der Brüder Perutz überlebte die Wirren von Nationalsozialismus (der Teile der Erben ins Exil in die USA zwang) und des Kommunismus nicht. 1949 wurde die Anlage von der staatlichen Weberei Henap (ab 1958 Hedva) übernommen. Das ganze Industrieareal von Libeň war nach dem Ende des Kommunismus 1989 völlig heruntergekommen und die Produktionsstätten nicht mehr im entferntesten wettbewerbsfähig. Nach einer längeren Zeit der Brache wurde das Ganze Gebiet ab 2013 völlig neu für Büro- und Wohnblocks erschlossen. Alles wurde recht nobel und luxuriös. Gentrifizierung nennt man das wohl heute. Man könnte auch von einem zweiten Aufbruch des Stadtteils sprechen. Die alten Anlagen verschwanden. Aber der Schornstein der Firma Brüder Perutz blieb als Erinnerung an frühere Zeiten stehen. Seit dem Jahr 2020 ist er sogar offiziell zum Kulturdenkmal erklärt worden. Niemand hätte wohl 1875 den Schornstein für ein Kulturgut gehalten, aber im Kontrast zu den heutigen modernen Bürogebäuden strahlt er heute ein irgendwie fast schon behaglich altertümliches Flair aus.

Nun ist ein solcher Schornstein sicher nicht einzigartig. Aber er zeigt gerade dadurch, dass er jetzt als Solitär sein Dasein fristet, besonders anschaulich, dass man sich Ende des 19. Jahrhunderts selbst bei profanen Wirtschaftsgebäuden Mühe bei der ästhetischen Ausgestaltung gab. Der Kamin im Sockel ist achteckig gestaltet und schließt oben mit einer kreisförmigen Struktur ab. Aus dem verwendeten Ziegel wurden auch künstlerische Elemente eingebaut. Insgesamt erreicht der Schornstein eine Höhe von 57 Metern. Ursprünglich konnte man ihn zur Wartungszwecken mit an außen angebrachten kleinen Metallleiterstufen erklimmen. Das wäre für leichtsinnige Jugendliche oder potentielle Selbstmörder nun, da der Turm frei steht, eine zu große Verlockung. Deshalb hat man sie im unteren Bereich abgenommen. Auch der an einer Seite dereinst offene Kamineingang unten ist verschlossen. Es handelt sich ja um ein Kulturdenkmal und nicht um einen Spielplatz. (DD)

Wo Ludmilla zur Märtyrerkrone kam

Zumindest ist das ein schöner und imposanter Ort zum Sterben. Fast schon würdig einer künftigen Heiligen. Hoch über den Uferauen des idyllischen Flusses Berounka und rund 20 Kilometer südwestlich des Prager Stadtzentrums thront der kleine Ort Tetín, in dem heute vor 1101 Jahren – am 15. September 921 – Fürstin Ludmilla grausam ermordet wurde, was ihr posthum die Märtyrerkrone und einen Status als böhmische Nationalheilige einbrachte.

Den Ort umgibt seither eine Aura des Mystischen. Was nicht zuletzt von der pittoresken Landschaft und dem romantischen Ortskern unterstrichen wird, der seine entsprechende Wirkung kaum verfehlt. Es fängt schon damit an, dass Tetín nicht nur auf dem Rand der hohen Felsklippen des Böhmischen Karstes an der Berounka steht, sondern, dass hinter dieser „Fassade“, der Ort sich in einer Talmulde fortsetzt, die ebenfalls von Felsen und Wäldern umgeben ist – wie das Bild links zeigt.

Und außerdem: Der Blick von vom Fluss hinauf mag ja schon beeindruckend sein, aber der von oben auf den Fluss ist es nicht minder! So weit das Auge reicht – nichts als schöne Landschaft! Es gibt gute Gründe, warum Tetín und seine Umgebung ein äußerst beliebtes Nahausflugsziel für die Prager Stadtmenschen ist. Die Schönheit des Ortes stimmt den Betrachter schon auf die mythische Vergangenheit ein, die hier überall sicht- und fühlbar ist.

Es beginnt schon mit dem Namen Tetín. Der soll sich der mittelaterlichen Überlieferung zu Folge vom Namen Tetas ableiten. Teta war eine legendäre vorzeitliche Priesterin und Schwester von Libuše, der sagenhaften Stammmutter des (später tatsächlich historisch bedeutenden) böhmischen Herrschergeschlechts der Přemysliden, das bis zum 14. Jahrhundert das Land regierte. Die andere Schwester, die heilkundige Kazi, hatte angeblich ihre eigene Burg ganz in der Nähe (wir berichteten hier). Ob es Teta je gegeben hat und, ob sie den Ort wirklich gegründet hat, ist zweifelhaft. Was man Dank archäologische Forschung weiß, ist, dass der Ort schon in der Jungssteinzeit besiedelt war, und dass in der frühen Zeit der Přemysliden-Herrschaft hier tatsächlich ein befestigtes Dorf oder eine Dorffestung aufgebaut wurde.

Kommen wir zu Ludmilla, die hier irgendwie allgegenwärtig ist. Am sichtbarsten natürlich in Form einer großen Statue, die auf einer Säule ruht (Bild rechts). Auf „Burg Tetín“ soll sie ihr gewaltsames Ende gefunden haben. Tatsächlich gibt es am Rande des Ortes eine alte Burgruine (über die wir noch berichten werden). Die stammt aber aus dem späten 13. Jahrhundert und das war doch einige Jahrhunderte nach der Mordtat. Vielmehr muss man die zu Ludmillas zeiten existierende Siedlung als eine eigene Festung betrachten, in deren Mauern sie gemeuchelt wurde. Aber wie konnte es dazu kommen und wer war Ludmilla?

Sie war die Witwe des ersten überlieferten böhmischen Přemysliden-Herrschers Bořivoj I., der sich um das Jahr 883 als erster Fürst christlich taufen ließ. Nach dessen Tod 889 wurden nacheinander die Söhne Spytihněv und Vratislav I. Herrscher des Böhmen. Als letzter starb war Ärger vorprogrammiert, denn Vratislavs Frau Drahomíra wurde zwar Regentin für die minderjährigen Söhne, aber für deren Erziehung bis zur Volljährigkeit wurde Ludmilla eingesetzt. Ob Drahomira wirklich eine Heidin gewesen war, ist umstritten, aber zumindest ergab sich schnell eine unschöne Vermischung von religiösen Glaubens- und politischen Machtfragen. Wenn man sich an die Kirchenstrukturen des Westens anhängte bedeutete das eine enge politische Bindung an das deutsche Kaisertum, was Ludmilla favorisierte und ihrem Enkel, dem späteren Heiligen Wenzel einbläute. Oder sollte man andere kirchliche Wege – slawisch oder byzantinisch – gehen? Jedenfalls fand Drahomira, das Ludmilla ihre Kreise störte.

Sie ließ Ludmilla hierhin nach Tetín verbannen. Aber das war ja nicht weit weg gelegen und Drahomira wollte wohl auf Nummer sicher gehen, dass sich die ungeliebte Schwiegermutter nicht wieder in die Politik einmischt. Und auch Ludmilla soll der Legende nach geahnt haben, dass ihr gewaltsames Ende geplant sei. Sie versenkte sich in der kleinen Kirche zum Gebet und wartete auf die Mörder, zwei Wikinger aus dem Gefolge der Drahomira namens Tunna und Gommon. Ludmillas letzter Wunsch soll es gewesen sein, dass ganz stilecht ihr Märtyrerblut vergossen werden möge. Aus lauter Gemeinheit verweigerten ihr die Mörder das und erwürgten sie kurzerhand mit ihrem eigenen Halstuch. Die Bosheit machte sich nicht wirklich bezahlt, denn Ludmilla wurde trotzdem schon bald von der Kirche zur heiligen Märtyrerin eingestuft. So sieht man sie auch auf dem barocken Bild dargestellt, das man oberhalb rechts sieht, und das sich in der 1685 erbauten Gemeindekirche der Heiligen Ludmilla (Kostel sv. Ludmily) befindet, die wiederum an Stelle der Kirche errichtet wurde, wo sie ihre letzten Gebete getan hatte. Sie ist klassisch mit Märtyrerpalme, Herzoginnenkrone und dem Halstuck, mit dem sie erwürgt wurde, dargestellt.

Drahomira verjagte nun einige der deutschen Orden, die sich in Böhmen angesiedelt hatte, konnte aber ihre Macht nur so lange genießen bis Wenzel volljährig wurde. Der machte die Entscheidungen rückgängig und regierte im Geist der Großmutter, deren Erziehung anscheinend erfolgreich gewesen war. Und so wird Ludmilla ja auch durch die erwähnte (ebenfalls barocke) Statue vor der Kirche dargestellt: Als Erzieherin, die den kleinen Wenzel (der etwas pausbäckig erscheint) auf den Armen trägt – auch das Teil der klassischen Ludmilla-Ikonographie. Wenzel sollte übrigens später von seinem Bruder ermordet werden, was auch ihm die Märtyrerkrone einbrachte.

Zurück nach Tetín: Der kleine Ort hat – nicht zuletzt wegen seiner Heiligengeschichte – drei Kirchen. Die der Heiligen Ludmilla hatten wir erwähnt. Die steht auf mittelalterlichen Fundamenten. Der Grundriss folgt noch einem gotischen Bau, der tatsächlich anstelle der älteren Kirche gestanden haben mag, in der Ludmilla kurz vor ihrem Ende betete. Heute erkennt man aber nur den Barockbau des späten 17. Ajhrhundert. DIe Kirche war lange in Klosterbesitz, wurde aber nach den Klosterenteignungen unter Kaiser Joseph II. in den 1780er Jahren zur bloßen Gemeindekirche umfunktioniert. Bei den Bildern und Skulpturen im Innenraum dominieren böhmische Heilige – allen voran Ludmilla.

Direkt neben der Ludmilla-Kirche steht die Katherinen-Kirche (kostel sv. Kateřiny). Sie ist die kleinste der drei Kirchen im Orte. Der Bau wird wesentlich schlichter, nicht zuletzt weil er auch nicht im überbordenden Barockstil gehalten ist. Sie wurde um 1200 im romanischen Stil erbaut. 1858 erfolgten Renovierungs- und umbauarbeiten, die den schlichten Originalcharakter noch unterstrichen. Auch sie war ursprünglich Klosterbesitz und hatte bei der Enteignung mehr Pech als die Ludmilla-Kirche. Sie wurde als Lagerhalle verwendet bzw. misbraucht. Die Restauration von 1858 machte den Schaden, der dadurch entstand, ein wenig gut.

Die zweifellos am dekorativsten gelegene der drei Kirchen ist jene, die man unten vom Flussufer (großes Bild oben) erkennen kann: Die Kirche des Heiligen Nepomuk (kostel sv. Jana Nepomuckého). Die wurde bereits 1357 erbaut und zwar noch unter dem Namen Kirche des Heiligen Michael. Ging ja auch nicht anders, denn als die Kirche geweiht wurde, lebte Nepomuk noch und hatte sich seine Heiligkeit noch nicht durch Märtyrertod verdient (der erfolgte erst 1393). Wie die Ludmilla-Kirche wurde sie im späten 17. Jahrhundert barockisiert.

Die Säkularisierung im Zuge bekam ihr zunächst nicht gut, aber im 19. Jahrhundert fand sich ein Retter in Gestalt des Schlossbesitzers und Dichters Vácslav Vojáček (ein gebürtiger Tetíner), der in den 1870er Jahren die Instandsetzung betrieb, so dass die Kirche heute recht schmuck aussieht. Vojáček verdankt man übrigens auch ein 1843 verfasstes Drama über Ludmilla, die ja nun einmal die Ortheilige ist. Vojáček und seine Familie sind übrigens auf den kleinen Kirchhof begraben. Der ist übrigens recht hübsch und es gibt viele alte Grabmäler sehen. Der Blick über die Mauer offenbart zudem eine herrliche Aussicht auf die Umgebung.

Der Ortskern von Tetín ist in den letzten jahren recht schön aufgemöbelt worden. In der Mitte wird der Dorfplatz nun von einem großen rechteckigen Brunnen geschmückt. An dessen Rückseite brachte man eine große Gedenktafel für einen anderen Großen der Stadt an, nämlich dem berühmten frühneuzeitlichen Historiker Václav Hájek z Libočan, dem Autor einer bedeutenden und sehr anekdotenreichen Böhmischen Chronik von 1541 (eine Episode daraus erwähnten wir bereits hier). Der wirkte nämlich in den Jahren 1533 bis 1539 hier in Tetín als Pfarrer. Die Bronzetafel wurde hier im Jahre 2015 angebracht.

Und auch sonst lohnt sich der besuch des Ortes. Da ist zum Beispiel noch das barocke Schloss, das im 18. Jahrhundert für die oben erwähnte Familie Vojáček erbaut wurde und seither etliche bauliche Veränderungen durchmachte. Es befindet sich in Privatbesitz. Man kann es daher in der Regel nur von außen betrachten. Reingehen kann man allerdings in das interessante Museum und Infozentrum von Tetín, das direkt daneben liegt.

Man sieht: Tetín ist auf jeden Fall einen Ausflug wert. Es ist nicht nur der Mythos der ermordeten Ludmilla, der den Ort zum Anziehungspunkt macht. Selten sieht man auf so kleinem Ort soviel Geschichte, Kultur und malerische Natur konzentriert. Und von Prag ist es wirklich nicht weit! (DD)

Slawisches Götter-Original im Zoo

Er ist kein Tier, sondern ein Gott, obwohl er plötzlich im Prager Zoo vor einem steht: Radegast – als Gott des Lichts, des Feuers, aber auch des Lebens galt er den vorgeschichtlichen Slawen. Je nach Stamm oder Gegend hieß er auch Svarožić, Dažbog oder im Tschechischen oft auch Radhošt. Vielen Menschen, die schon ein wenig in Tschechien herumgekommen sind, kommt diese Statue irgendwie bekannt vor. Steht die nicht eigentlich ganz woanders?

In der Tat ist eine völlig identisch aussehende Figur eine der zentralen Touristenattraktionen auf dem Kamm des 1129 Meter hohen Berg Radhošť in den Mährischen Beskiden im Nordosten des Landes. Oben auf dem Berg sollen die Slawen der vorchristlichen Zeit den Sitz des Gottes vermutet haben, weshalb sie dort anscheinend gerne zur Götterverhrung hinaufpilgerten. Heute tummeln sich hier immer noch unzählige Menschen, um dem Radegastkult zu huldigen, der sich allerdings mehr um die bekannteste und sehr süffige Lokal-Biermarke gleichen Namens dreht, die in der mährisch-schlesischen Region um den Berg herum sehr populär ist. Direkt neben der Statue gibt es einen Souvenirladen mit Trinkbude, wo dem müden Wanderer dieses Hopfengetränkt zur rituellen Erfrischung offeriert wird. Wie man im Bild links sieht, wird das Angebot gerne angenommen.

Zurück in den Zoo: Obwohl die Statue auf dem Radhošt bekannter ist, ist doch die Statue im Prager Zoo (Bild rechts), der eigentlich kein traditioneller Kultort für Radegast ist, genauso ein Original wie die auf dem mährischen Berg, ja sogar im Grunde noch originaler – was selbst in Prag niemand weiß und in den Beskiden niemand zugeben würde. Der Künstler kam sogar aus der mährisch-schlesischen Region. Allerdings war Albín Polášek schon 1901 von Böhmen in die USA ausgewandert, wo er eine große Künstlerkarriere machte. An seinem letzten Wohnort in Winter Park in Florida, wo er 1965 starb, ist ihm heute sogar ein eigenes großes Museum gewidmet. An den Geschehnissen in seiner alten Heimat hatte er aber immer noch Interesse. Gerne schenkte er seine Werke in die ferne Tschechoslowakei (ein Beispiel stellten wir hier vor). 1930 beschloss er, seinem Land einen Radegast zu schenken. Einen? Nein, zwei! Denn – möglicherweise um Transportkosten zu sparen – wählte Polášek die Beton-Gusstechnik für die geplante Statue. So konnte er seinen Entwurf in den USA machen und die Herstellung in einer Prager Gießerei vornehmen lassen. Dort ließ er aus der Form gleichzeitig zwei Statuen des Radegast gießen. Eine war für den Bergkamm des Radhošt, wo sie Teil eines slawischen Götterhains hätte werden sollen. Da wurde sie auch aufgestellt und stand dort bis 1998 unverändert – bis sie durch Wind und Wetter so erodiert war, dass sie durch eine exakte Kopie ersetzt wurde. Die andere, gleichzeitig gegossene Statue, die ja ebenso ein Original war, sollte in dem Garten eines kleinen Hauses in den Beskiden aufgestellt werden, dass sich Polášek als Altersruhesitz ausgeguckt hat, denn seinen Lebensabend wollte er in seiner alten Heimat verbringen.

Daraus wurde nichts. Weder in der Nazizeit, noch nach der Machtübernahme durch die Kommunisten hatte er Lust auf eine Rückkehr. Er kehrte nie mehr in sein Heimatland zurück. Die Idee des Götterhains auf dem Berg wurde aufgegeben. Dass er die Kommunisten nicht mochte, machte er noch einmal 1956 in den USA klar, als er die Statue Victory of Moral Law (Sieg des moralischen Gesetzes) entwarf, die ein wütender Protest gegen die sowjetische Niederschlagung des Aufstands in Ungarn war. Und so blieb der Künstler in Amerika, während eine Originalstatue auf dem Berg stand und die andere Originalstatue… Äh, nun, wo war die?

Das wusste man lange Zeit nicht. Anfang 1960 fanden Arbeiter bei Aushubarbeiten auf dem Gelände der Prager Gießerei, wo die beiden Statuen gegossen worden waren, dann überraschend genau diese Statue unversehrt und gruben sie aus. In den Wirren der Zeit war sie vergraben und vergessen worden. Die zuständige Denkmalbehörde machte sich kurz Gedanken darüber, was man mit dem Fund nun so tun sollte. Sie fand, dass der alte Slawengott eine leicht tierische (zoomorphe) Gestalt habe und auch allerlei Tiersymbolik bei sich trug. Sie beschloss, das Radegast im Prager Zoo aufgestellt werden müsse. Gesagt, getan: 1961 wurde er auf einer Anhöhe im Zoo, etwas über dem heutigen Wolfsgehege, aufgestellt. Und da steht er noch heute.

Die gut erhaltene 3,20 Meter hohe und 1400 Kilogramm schwere Betonstatue stellt Radegast so dar, wie man ihn sich wohl zu Zeiten Polášeks wildromantisch vorstellte. Detaillierte Kunstwerke mit Radegasts Abbild aus der Zeit der vorchristlichen Slawen im heutigen Mähren gibt es nicht. Genauere Beschreibungen tauchen erst in späteren (christlichen) Chroniken auf, etwa der um 1076 entstandenen Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum (Taten der Bischöfe von Hamburg) des  Adam von Bremen, deren Schilderungen man aber nicht immer wörtlich nehmen sollte, da sie aus einem parteiischen Standpunkt heraus und mit geringer Ortskenntnis verfasst wurden. Spätere Darstellungen folgten solchen Beschreibungen. So hat Polášek in eine sehr Phantasievorstellung von der Gestalt des Slawengottes (mich erinnert sie eher an indonesische Skulpturen) mit überlieferten Insignien kombiniert. Zu denen gehört natürlich zuvörderst das auf dem Brustpanzer befindliche Sonnensymbol, ohne das wohl kein echter Gott des Lichtes und des Feuers auskommen kann. Man kann das schön auf dem großen Bild oben erkennen.

Und dann ist da die reiche Tiersymbolik, die die Behörden am Ende dazu verleitete, Radegast im Zoo aufzustellen. Dazu gehört der ebenfalls im Bild oben erkennbare Helm aus einem Stierkopf. Und dann ist das noch die seltsame Ente, die er in der Hand hält, und die auf einem Füllhorn sitzt.

Was die Tiersymbolik genau bedeuten soll, erklärt sich schwer (insbesondere bei der Füllhornente, obwohl die Verehrung von Enten bekanntermaßen ein vollendeter Ausdruck hochkultureller Entwicklung ist), aber die Attribute von Radegast sind Teil eines Kanons, den man unter patriotischen Panslawisten seit Ende des 19. Jahrhunderts generell verwendete. Für seine Popularisierung sorgte unter anderem Josef Růžička, ein tschechischer Professor für Mediävistik mit Hang zum Mystischen, dessen Bücher Slovanské bájesloví von 1906 oder das populärwissenschaftliche Werk Slovanská mythologie: pro lid českoslovanský (Slawische Mythologie für die tschechoslowakischen Menschen) von 1924 einen großen Einfluss auf die Darstellung der slawischen Götterwelt ausübte. Auch der damals ungeheuer bekannte Historienmaler Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier und hier) sorgte mit seinem Bilderzyklus Život starých Slovanů (Das Leben der alten Slawen) von 1891 für ein feststehendes Bild des alten Gottes, das dann den Bildhauer Polášek inspirierte.

Zu dem Attributekanon der Radegast-Darstellung gehörte auch meist eine Axt. Das hat Polášek bei der Ausführung zu der Idee verleitet, ein wenig echtes Lokalkolorit hinzuzufügen. Radegast stützt sich bei seiner Statue auf eine Art Wanderstock mit einem Beil, das auch als Griff dient. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Valaška, eine für die Gegenden der Tatra und der Beskiden typische Hirtenaxt, die man bei den Bewohnern der Gegend um den Radhošť-Berg oft fand.

Wie gesagt: Die Statue auf dem Berg wurde 1998 gegen eine Kopie ausgetauscht. Dabei war sie schon einmal im Jahre 1982 gründlich restauriert worden, wobei die Ente, die schon 1931 durch einen Blitzschlag zerstört worden war, nach einer Photographie wiederhergestellt wurde. Deshalb ist man in Prag stolz, noch ein echtes Original zu haben, wie es echter nicht sein kann. Ganz richtig ist das aber nicht. Möglicherweise ist auch die dortige Infotafel (Bild rechts), die das behauptet, nicht aktualisiert worden. Denn die erodierte und ausgetauschte Reststatue vom Berg Radhošt wurde in die nahegelegene Stadt Frenštát pod Radhoštěm (dem Geburtsort von Polášek) transportiert. Da hörte man lange Zeit nichts mehr von ihr. Aber sie wurde dort so gut es ging restauriert und dann erst im Jahre 2014 im örtlichen Rathaus-Foyer aufgestellt. Sollte man also mal irgendeine bürokratisch relevante Angelegenheit dort zu erledigen haben, kann man also doch noch ein Original besichtigen. Aber das sollte man nicht den Leuten vom Prager Zoo erzählen, die doch so stolz verkünden, der Welt das einzig wahre zugängliche Original zu zeigen. (DD)