Enorme Fallhöhe

Ich bin nicht sonderlich schwindelfrei. Der Blick aus diesem Fenster in dieser Höhe dürfte aber nicht nur mir Schauder den Rücken hinunterjagen. Hier aus diesem Fenster, so weist eine daneben stehende Infotafel hin, wurden am 23. Mai 1618 – also heute vor 402 Jahren – die königlichen Statthalter Jaroslaw Borsita Graf von Martinitz, Wilhelm Slavata von Chlum und Koschumberg und der Kanzleisekretär Philipp Fabricius hinausgeworfen.

Das war der berühmte Zweite Prager Fenstersturz, mit dem die Repräsentanten des Böhmischen Aufstandes ein Fanal setzen wollten gegen den im Vorjahr an die Macht gekommenen König Ferdinand, der die Stände entmachten und das Land seiner religiösen Freiheit berauben wollte. Ihre Tat entfesselte jedoch einen Krieg, der sich als Dreissigjähriger Krieg zu einer europäischen Katastrophe ausweitete.

Hier soll uns eine andere Frage interessieren. Wie konnten die drei Königstreuen nur diesen Sturz überleben und sich dann unten noch ins benachbarte Lobkowicz Palais (früherer Beitrag hier) schleppen, wo sie Schutz fanden? Wie gesagt: Das, was heute den Touristen, die den Alten Königspalast (auch hier) in der Burg besuchen, als das historische Fenstersturz-Fenster vorgestellt wird, liegt in schwindelerregender Höhe. Das kann keiner überleben, denkt man sich.

Die katholische/habsburgische Seite schrieb das Überleben einem göttlichen Wunder zu, denn Gott musste ja einfach irgendwie auf ihrer Seite stehen. Das glaubte die andere Seite auch von sich und brachte Jahre später die schöne Geschichte in Umlauf, dass die Statthalter und der Sekretär auf einem großen und weichen Misthaufen gelandet seien.

Friedrich Schiller popularisierte diese Anekdote 1790 in seiner Geschichte des Dreissigjährigen Krieges (Kap. 3: „Ein Misthaufen, auf den die kaiserliche Statthalterschaft zu liegen kam, hatte sie vor Beschädigung gerettet.“), so dass sie heute fast jeder glaubt. Aber ein Misthaufen unter dem Könispalast? Unwahrscheinlich!

Und auch die Berichte der drei aus dem Fenster geworfenen, die überliefert sind, sagen nichts davon. Und auch die ihrer Gegner nicht. Wahrscheinlich hat man die Geschichte auf der protestantischen Seite erfunden, um das katholische Narrativ vom göttlichen Wunder ins Lächerliche zu ziehen.

Möglicherweise war es auch gar nicht das Fenster gewesen, das heute den Touristen in der Burg gezeigt wird. Andere Historiker erwähnen oft ein anderes Fenster, das immerhin ein Stockwerk tiefer liegt. Man ist ist hier in Wissenschaftskreisen anscheinend nicht so recht sicher. Aber selbst dieses Fenster ist noch sehr hoch gelegen und man muss sich immer noch wundern, dass alle drei diesen Sturz ohne große Verletzungen überstanden. Das untere Bild zeigt die beiden Fenster, das höhere ist rot, das weniger bekanntere untere ist blau markiert. Ich möchte jedenfalls aus keinem der beiden Fenster geworfen werden. (DD)

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Kommunistische Symbolik im Überfluss

429 Soldaten der Roten Armee liegen hier begraben. Die Sowjets waren am 9. Mai 1945 – heute vor 75 Jahren – in Prag einmarschiert. Der 9. Mai war deshalb während der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei der offizielle Tag der Befreiung. Dabei hatten die deutschen Militärs schon am Tag zuvor vor den Anführern des Prager Aufstands kapituliert, der am 5. Mai begonnen hatte, und den die Bürger der Stadt mit Todesmut unternommen hatten, um sich Unabhängigkeit und Demokratie zu erkämpfen (früherer Beitrag hier).

Deshalb ist heute auch der 8. Mai, der Tag des Sieges, offizieller Feiertag in der Tschechischen Republik. Dennoch bleibt unbestritten, dass die Rote Armee im Vorfeld des Kriegsende vor Prag schwere Verluste im Kampf gegen SS und Wehrmacht hinnehmen musste. Und deshalb wurde schon bald nach dem Krieg ein Teil des großen Olšany Friedhofs (auch hier) zu einem Ehrenfriedhof (vojenské pohřebiště) der gefallenen Rotarmisten umgewandelt. Man betritt ihn am leichtesten über den Eingang in der U Nákladového nádraží 1949/2 (Prag 3).

Das Areal ist völlig im Sinne stalinistischer Ästhetik gestaltet. In Reih und Glied stehen die Gräber der Soldaten. Alle sind bauidentisch als Obelisken gestaltet, auf denen in kyrillisch der jeweilige Name des gefallenen Soldaten steht über dem wiederum ein standardisiertes Ornament mit Siegesflaggen, Kalaschnikows und Rotem Stern angebracht ist (Bild rechts).

Zentral in der Mitte steht ein Denkmal (großes Bild oben), bestehend aus einem großen Steinsockel mit Sowjetstern, Hammer und Sichel, eingerahmt von zwei bronzenen Rotarmisten, die heldhaft ihre Kalaschnikow bzw. ein Gewehr mit Bajonett in den Händen tragen. Unweit davon ist ein riesiger Roter Stern in den Boden eingelassen.

Auch drumherum fehlt es nicht an kommunistischer Symbolik und Erinnerungskultur. Ringsum finden sich zusätzliche Denkmäler, so unter anderem (Bild rechts) eines für die tschechischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg mit der Habsburger Armee brachen, um 1917-22 auf Seiten der Bolschewiki im Russischen Bürgerkrieg zu kämpfen. Mit der Herausstellung dieser relativ kleinen militärischen Einheit wollte man ein ideologisches Gegengewicht zu der in der Tschechoslowakei verbreiteten Heldenverehrung aufbauen, die der sogenannten Tschechischen Legion (frühere Beiträge hier und hier) bis dato entgegengebracht wurde. Die Legionen hatten auf Seite der Entente, d.h. der Westmächte, für eine unabhängige und westlich-demokratische Tschechoslowakei und im Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki gekämpft. Für die Kommunisten waren die Legionen und ihr Mythos naturgemäß ein rotes Tuch. Deshalb dieses Denkmal (Bild oberhalb rechts). Allerdings schafften es die pro-bolschewistischen Tschechen von 1917ff nie wirklich, die Herzen der Tschechen so zu erobern wie es die Legionäre taten.

Daneben gibt es noch monumentale Denkmäler für Julius Fučík, einem populären kommunistischen Schriftsteller, der 1944 von den Nazis hingerichtet worden war und darob in den Heldenkult der Kommunisten einbezogen wurde, oder für Jan Šverma (Bild links), einem kommunistischen Politiker, der 1944 beim slowakischen Nationalaufstand sein Leben verlor und ebenfalls zur Märtyrergestalt wurde. Und es gibt noch etliche Beispiele mehr. Man schaut um sich und denkt man habe eine Zeitreise in die finstere Vergangenheit vor 1989 gemacht.

Kurzum: Soviel Sowjet- und Kommunismuskult kann in einem Land, das sich dereinst mit soviel Freude aus den Fängen dieser Ideologie und ihrer Schreckensherrschaft befreit hatte, nicht ganz unumstritten sein. Aber der Friedhof ist durch einen tschechisch-russischen Vertrag geschützt, der beide Länder verpflichtet, Soldatengräber mit den Toten der jeweiligen Länder zu sichern und in Stand zu halten. Angesichts der Tatsache, dass die hier beerdigten Rotarmisten als Opfer eines grauenvollen Krieges die Respektierung ihrer Totenruhe und den Respekt vor dem Leid, das sie einst erlitten hatten, verdient haben, ist das auch völlig recht und billig.

In diesem Sinne ist es traurig, dass ihr Schicksal bisweilen politisch missbraucht wird. 2014 musste die örtliche Friedhofsverwaltung ein neues Denkmal entfernen, das russische Veteranen des Krieges in Afghanistan auf dem Areal hatten aufstellen lassen. Darauf befand sich eine zweisprachige Plakette, die auf Tschechisch dem Gedenken von russischen Soldaten gewidmet war, die bei Friedensmissionen gefallen waren. Der Haken war nur, dass beim russischen Text nicht nur von Friedensmissionaren, sondern auch von „Internationalisten“ die Rede war, was bei der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 oft der Terminus war, mit dem die Sowjets die Invasion gerechtfertigt hatten. Es hagelte Proteste und die Plakette musste verschwinden.

Auch heute nutzen Teile der offiziösen oder nicht offiziösen russischen Community in Prag den Ehrenfriedhof, um politische Zeichen zu setzen. Zum Jahrestag des Kriegsendes ist das Denkmal mit Blumen und Kränzen in den russischen Nationalfarben (vereinzelt auch die der tschechischen Kommunisten) geradezu überschüttet – aber natürlich ist das dann nicht der 8., sondern der 9. Mai (die Photos entstanden 2019 einen Tag später). Das Verdienst der Befreiung will man wohl weiterhin für sich und die Rote Armee reklamieren. (DD)

Burg auf dem Felsen – unbezwingbar

Die Aussicht auf die Fluss- und Felslandschaft ist von hier aus einfach fabelhaft. Das dürfte aber nicht der Grund gewesen sein, warum hier schon früh Menschen siedelten und eine kleine Burganlage bauten. In 40 Meter Höhe und von drei Seiten von schroffen Felswänden umgeben, war die Burg Kazín (Hrad Kazín) oberhalb des kleinen Ortsteils Lipence ein geradezu uneinnehmbares Refugium in gefährlichen Zeiten.

Spärliche archäologische Funde belegen, dass hier schon in der Steinzeit und vor allem in der Hallsteinkultur (frühe Eisenzeit) Menschen siedelten. Wandert man heute von Prag aus südwestlich die Berounka entlang, sieht man schon von weitem aus, wie die flache Flusslandschaft plötzlich in eine Berglandschaft übergehen. Und die wird immer pittoresker.

Schon bald sieht man steile Felsen in die Höhe ragen. Und diese Felsen (Bild rechts), die von einer Seite auch noch durch den Fluss gesichert waren, boten eine strategische Position, von der aus man das Areal gut beobachten konnte.

Das Ganze war wie geschaffen für eine geradezu uneinnehmbare Festungsanlage.

Die kann man, wenn man von hinten sich dem Felsen nähert, immer noch gut erkennen. Sie war offensichtlich in zwei Teile gegliedert. Zunächst geht man durch die als Landschaftserhebungen noch erkennbaren Reste der Wallgrabenanlage zur Vorburg (Bild links). Es handelte sich also eindeutig nicht um eine mit Steinmauern befestigte Burg, sondern um eine wahrcheinlich mit Holzpalisaden versehene Erdwallanlage.

Man geht weiter un die Landzunge zum Felsen verengt sich. Dort ist die zweite Wallgrabenanlage, die zur inneren Burg führt (Bild rechts). Das entspricht dem typischen Aufbau der meisten hiesigen Wallburgen. Dann ist man auf dem kleinen eingeebneten Hochplateau über dem Felsen. Solche oder ähnliche Burgen gab es schon in frühslawischer Zeit seit dem 6. Jahrhundert. Genau das bewog wohl im Jahre 1868 den örtlichen Gastwirt (damals wie heute lud der schöne Fluss hier viele Ausflügler ein), den malerischen Felsen mit seiner Burganlage Kazín zu nennen. Kazi oder Kazín war in der alten böhmischen Sagenwelt die heilkundige Schwester von Libuše, der Begründerin der Herrschaft der Přemysliden-Dynastie.

Damit hatte man den Ort mit einem populären Nationalmythos verbunden, was die Besucherzahl bis heute steigerte. Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf hin, dass der Ort auch nur das Geringste mit der Sage zu tun hat. Die Befestigung mit Wall und Graben dürfte wesentlich späteren Datums sein. Die Archäologen sind sich noch nicht ganz sicher und forschen noch. Frühere Grabungen und Bebauung am Rande haben die Beweislage schwieriger gemacht. Aber auf jeden Fall die Idee des Gastwirts aus touristischer Sicht eine hervorragnde. Der Ort ist für Ausflügler, Angler, Schwimmer, Schlauchbootfahrer ein Paradies und die Aussicht ist umwerfend. Felsen beschützen die Burg oben nicht mehr vor anrückenden Feinden, sondern vor Kletterern. Die sollten sich nicht hinauf wagen. Mit gutem Grund hat die Gemeinde das Klettern verboten, denn der Felsen ist nicht nur senkrecht steil, sondern aus bröckelig und es gab schon Tote. Aber auch ohne den Adrenalinkick des Kletterns ist das Ganze einen Besuch wert. (DD)

Vereinnahmte Aufständische bei der Metro

Heute vor 75 Jahren, am 5. Mai 1945, begann in der Stadt der Prager Aufstand (Pražské povstání) gegen die deutschen Besetzer. Unter den Kommunisten war es Teil der offiziellen Geschichtsschreibung, Prag sei von der Roten Armee am 9. Mai befreit worden, aber tatsächlich erfolgte die Kapitulation nach heftigen Kämpfen schon einen Tag zuvor gegenüber Anführer der aufständigen Prager Bürger, General Karel Kutlvašr. Da den meisten Aufständischen der Stalinismus nicht die beste Alternative zu Hitlers Gewaltherrschaft zu sein schien, und es auch ein Ziel des Aufstands war, den Sowjets zuvorzukommen, unterdrückten die Kommunisten nach ihrer Machtübernahme 1948 zunächst das Andenken an die mutigen Freiheitskämpfer.

Das funktionierte nie so recht und der Aufstand behielt seinen Platz im Herzen der Prager. Deshalb versuchten es die Kommunisten in den 1970er Jahren mit einer anderen Taktik. Sie vereinnahmten den Aufstand für sich – sozusagen als Hilfsmaßnahme der Prager für die anrückenden Rotarmisten.

Es entstanden etliche Denkmäler (siehe z.B. früherer Beitrag hier), aber vor allem wurde einer der Bahnhöfe der neuen Metro nach dem Ereignis benannt – die Station Pražského povstání im Stadtteil Pankrác (Prag 4). Die liegt sicher nicht in der schönsten Ecke von Prag, aber immerhin. Hier in der Nähe hatten blutige Barrikadenkämpfe zwischen den Aufständischen und Teilen der SS-Division „Wallenstein“ stattgefunden. Die Station, die nach den Entwürfen des Architekten Vladimír Uhlíř gebaut wurde, wurde 1974 eröffnet, und zwar gemäß den ideologischen Vorgaben am 9. Mai, der nach offizieller Lesart der Tag der Befreiung und des Endes des Aufstands, aber realiter der Tag des Einmarsches der Roten Armee war.

Vor der Metro-Station wurde im Jahre 1977 ein relief-förmiges Denkmal angebracht, das dem Gedenken an den Aufstandes dient. Das Werk stammt von dem Bildhauer Stanislav Hanzík. Das Denkmal am Ausgang an der Děkanská Vinice I zeigt eine aus Steinquadern bestehende Barrikade – ganz im Stil der brutalistischen Variante des Sozialistischen Realismus, so wie er sich in den 1970er/1980er Jahren gerne in grauem Stahl und Beton präsentierte. Das passt sich harmonisch in die ebenfalls etwas brutalistische Architektur der Station und ihrer Umgebung (siehe kleines Bild oberhalb links). Über die Barrikade ist ein großes Tuch ausgebreitet, das an eine Fahne erinnert. Hierbei wurde auf jede Vereinnahmung durch kommunistische Symbolik verzichtet. Es könnte sich durchaus um die tschechoslowakische Fahne handeln.

Ebenfalls auf kommunistische Agitation verzichtet hat man bei den Inschriften für das Denkmal, die sich auf …. befinden. Dort werden auf einer Bronzetafel die folgenden Zeilen des Dichters František Halas zitiert: „Jen dedička května barikáda Praha strmět bude do bezčasí“ (in Deutsch etwa: Das Erbe der Mai-Barrikade von Prag wird zeitlos sein)

Man muss in diesem Zusammenhang wissen, dass Halas während der Nazi-Besetzung ein Mitglied des bürgerlichen Widerstandes war und nach der Machtübernahme der Kommunisten 1948 keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber dem Regime machte, indem er sich zum Beispiel weigerte, dem kommunistisch gesteuerten nationalen Schriftstellerverband beizutreten.

In den 1970er Jahren scheuten sich die Kommunisten also nicht, auch Teilnehmer des Aufstandes für sich zu einzuvernehmen, die sich das wahrscheinlich deutlich verbeten hätten, aber sich nicht mehr wehren konnten – wie etwa František Halas, der bereits 1949 gestorben war. Die positive Kehrseite des Ganzen war jedoch, dass man dieses Denkmal nach der Samtenen Revolution und dem Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft nicht entfernen brauchte wie andere politische Denkmäler der Zeit. Im Kern hat Hanzlik hier ein Mahnmal für die gefallenen Freiheitskämpfer des Mais 1945 geschaffen, das zeitlos bleiben sollte. (DD)

PS: Da das ganze Areal um die heutige Metrostation im Mai 1945 war heftig umkämpft. Deshalb gibt es neben dem Park gegenüber der Station noch ein kleines Denkmal aus den 1970er Jahren, und zwar am Gebäude des Hohen Gerichts am Heldenpark (náměstí Hrdinů) 1300/11 (siehe kleines Bild unten rechts).

Dort wird der Satz über die Zeitlosigkeit des Erbes der Mai-Barrikade des Aufstands fortgesetzt: „Za ní její mrtví a mrtví z koncentráků a mrtví z káznic rozestaví hlídky k střežení budoucnosti“ (dt.: Hinter ihr werden ihre Toten und die Toten der Konzentrationslager und die Toten der der Gefängnisse Wache halten, um die Zukunft zu schützen). (DD)

Verlassene Burg

Man kann sie noch erkennen, die alten, nunmehr von alten Bäumen bewachsenen Erdwälle. Und auch die heute freie Fläche, wo einst die Siedlung stand. Alles das erinnert daran, dass hier seit Urzeiten Menschen siedelten. Die Hradiště Vinoř, die Burgwallanlage beim nördlichen Prager Ortsteil Vinoř, liegt in einem Gebiet, in dem – wie archäologische Grabungen zeigten – vor 700.000 Jahren einer unserer Vorfahren, der Homo Erectus, jagte und sammelte. Aus Steinzeit, Bronzezeit und Aunjetitzer Kultur (siehe auch hier) hat man hier Funde geborgen.

Die Wallanlage scheint allerdings jüngeren Ursprungs zu sein. Sie liegt in dem alten Garten- und Parkareal des nahegelegenen barocken Schlosses von Vinoř. Sie misst stattliche 3,7 Hektar an Fläche und die Wälle, die auf das Siedlungsplateau führen, ragen unter Nutzung der natürlichen Hügellage rund 16 Meter in die Höhe. Während die meisten Wallanlagen dieser Art in der Umgebung Prags keltischen Ursprungs (ca. 1. und 2. Jahrhundert vor Christus) sind, und Jahrhunderte später von den ersten einwandernden Slawen um das 6. Jahrhundert nach Christus wieder in Stand gesetzt und besiedelt wurden, scheint diese Anlage hier wohl ausschließlich slawischen Ursprungs zu sein.

Funde suggerieren, dass die Burganlage im 10. Jahrhundert aufgeschüttet wurde. In dieser Zeit konsolidierte das Geschlecht der Přemysliden seine Macht in der Gegend und es begann so etwas wie eine eigene böhmische Staatlichkeit in größerem Umfang. Dass dies mit einem vermehrten Bau von Festungsanlagen verbunden war, erstaunt nicht. Die Anlage dürfte im 12. Jahrhundert aufgehört haben, als Festung zu dienen.

Auf dem inneren Areal gab es aber noch lange Zeit eine kleine Siedlung, die Ende des 14. Jahrhundert in örtlichen Chroniken erwähnt wird. Bis zum 16. Jahrhundert sind dann mehrere Besitzerwechsel verzeichnet. Zu Beginn des Dreissigjährigen Krieges, genauer: 1627, wird das kleine Dorf als öde und verlassen beschrieben. Und die früheren Bewohner kamen nie mehr zurück. Nichts von dieser Besiedlung ist heute mehr zu sehen.

Heute ist ein Besuch der verlassenen Anlage mit einem Spaziergang durch unbewohnte Natur und felsige Landschaft verbunden. Man kann den Verlauf des Erdwalls, der sich mit einer Länge von über 3 Kilometern (auf zwei Burgteile verteilt) recht stattlich ausnimmt, gut erkennen. Man sieht auch, wie teilweise die Sandsteinformationen des Areals in die Befestigung eingebunden wurden. Und oben auf dem Hügel lässt die als Acker genutzte Freifläche erahnen, dass hier vor langer Zeit eine tief in die Geschichte zurückreichende Besiedlungszeit unwiederbringlich Vergangenheit ist. (DD)

Der Franzose für die Republik

Die Niederlage des Habsburgerreichs im Ersten Weltkrieg machte die tschechoslowakische Unabhängigkeit 1918 erst möglich. Zu ihrem Gelingen trug auch bei, dass seitens der westlichen Entente-Mächte ein hohes Maß an Solidarität mit den Tschechen und Slowaken bestand. Im Falle Frankreichs war dies vor allem auch einem Mann zu verdanken: Ernest Denis. Seine Büste schaut auf uns von der Fassade des Hauses Malostranské náměstí 27/4 (Kleinseitner Ring) herab.

Denis war ein in Nimes geborener Historiker, der zunächst ab 1878 in Bordeaux, dann ab 1896 an der Sorbonne in Paris slawische Geschichte lehrte. Zwischen 1885 und 1898 unternahm er umfängliche Reisen in verschiedene slawische Länder, von denen damals viele entweder unter zaristischer oder habsburgischer Herrschaft standen. Als überzeugter Republikaner glaubte er, dass es geradezu das historisch vorgegebene Schicksal dieser Länder sein werde, dass sie dereinst sich frei und selbstbestimmt regieren würden.

Als der Weltkrieg begann, engagierte er sich als Akademiker politisch für die Freiheit der Tschechen in Böhmen. Er gründete schon 1916 das Comité national d’études, das Lobbying bei der französischen Regierung betrieb, sich für die Unabhängigkeit der Tschechen einzusetzen. Es folgte die Zeitschrift La Nation Tchèque, die dem gleichen Zweck diente. Vor allem aber knüpfte er Kontakte zwischen der eigenen Regierung und den wichtigsten tschechischen Exilpolitikern wie Tomáš Garrigue Masaryk oder Edvard Beneš.

Am Ende half er mit, dass Frankreich die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei ab Mitte 1918 zum Kriegesziel erhob. Und er sorgte dafür, dass Frankreich nach dem Krieg für den neuen Staat Aufbauhilfe leistete. Als er 1920 Prag besuchte, unter anderem, um dort das neue Französische Institut zu gründen, wurde er von den Massen wie ein Volksheld empfangen.

Denis starb 1921 und schon sieben Jahre später, zum 10. Jubiläum der Unabhängigkeit (28. Oktober 1928), wurde am Kleinseitner Ring die Gedenkbüste in Gegenwart von Masaryk, Beneš und einer riesigen Menschenansammlung eingeweiht. Geschaffen wurde die Büste von dem Bildhauer Karel Dvořák (früherer Beitrag hier). Im April 1941 demolierten die Nazis die Skulptur und entfernten sie. Ein französischer Republikaner, der für die tschechische Unabhängigkeit war – das stand im krassen Widerspruch zu ihrer totalitären, deutschnationalen Ideologie. 2003 wurde dann die heutige Büste – eine Nachempfindung des Dvořákschen Werkes – angebracht. Die Schöpfer des neuen Denkmals waren der Bildhauer Petr Roztočil und der Architekt Mikoláš Vavřín.

Das barocke Haus mit der klassizistisch aufgearbeiteten Fassade, an der die Gedenktafel mit der Büste angebracht ist, diente Denis 1872 bis 1874 als Wohnort während eines frühen Aufenthaltes in Böhmen. (DD)

Der Böhmische Löwe: Langlebiges Wappentier

Heute: Kleine Prager Löwenkunde! Man sieht ihn nämlich überall in der Stadt – in Holz geschnitzt, in Stein gemeißelt, in Keramik gebrannt, als Teppich geknüpft oder in Bronze gegossen. Und ihm alleine könnte man schon eine eigene Stadttour widmen, dem Böhmischen Löwen. Er ist schließlich das stolze Wappentier der Tschechen. Im großen Bild sieht man ein Prachtexemplar, nämlich die 1848 von dem Bildhauer Joseph Max geschaffene Skulptur, die heute unter der Burg an der Chotkova auf der Kleinseite steht.

Wenn man hier in der Stadt einen Löwen sieht, sollte man ihn aber zunächst untersuchen, ob er auch der echte Wappenlöwe ist. Er muss nämlich aussehen, wie der links abgebildete Wappenlöwe auf der Fassade des dům U Bílého lva (Haus zum Weißen Löwen) in der Celetná 555/6 (Altstadt), einem ursprünglich gotischen Haus, das im dritten Viertel des 17. Jahrhunderts barockisiert wurde, weshalb der Löwe von einer schön schnörkeligen Kartusche im barocken Stil umrahmt ist, die später im Jugendstil überarbeitet wurde. Ein wesentliches Kriterium ist dabei der Doppelschwanz bzw. gespaltene Schwanz. Der findet sich in der Heraldik eher selten und kann daher als primäres Erkennungsmerkmal der böhmischen Spezies gelten.

Als Repräsentant eines Königreiches hat der Böhmische Löwe auch stets eine Krone auf dem Haupte. Bei zweidimensionalen Darstellungen muss er nach links (für Fachheraldiker ist das übrigens rechts) schauen. Immer auf Wappen, nicht immer auf anderen Darstellungsformen, muss er aufsteigen. Die amtliche Farbgebung ist heute auch immer weiß auf rotem Grund. Aber, wie gesagt, im Zweifelsfalle genügt der Doppelschwanz zur Identifizierung. Zumindest erkennt man ihn dann auch noch, wenn er etwa in Form jenes blauen Löwens im Bild oberhalb rechts auftritt (nicht aufsteigend, ohne Krone), der sich in der Altstadt oben an der Fassade des dům U modrého lva (Haus zum Blauen Löwen) in der Havelská 506/11-13 befindet. Das waren ursprünglich zwei mittelalterliche Häuser, die 1810 hinter einer klassizistischen Fassade zusammengelegt wurden. Entsprechend klassizistisch kommt auch der blaue Löwe daher.

Nun sind Löwen in den böhmischen Wäldern ja eher eine seltene Spezies. Wie kam er also auf das Wappen? Dazu gibt es zunächst einmal eine populäre Erklärung, die der hiesigen Sagenwelt entspringt, genauer einem Ritterroman des frühen 15. Jahrhunderts, dessen Autor leider unbekannt blieb. Demnach war es ein gewisser Ritter Bruncvík, dem der bisherige Adler als böhmisches Wappentier nicht machtvoll genug war. Er wollte einen Löwen auf dem Wappen sehen, und da es die in Böhmen nicht gab, zog er in die Welt, um eine echte „Vorlage“ zu finden. Er erlebte ungeheuere Abenteuer und befreite dabei einen echten Löwen aus den Klauen eines Monsters, der ihn dann als treuer Freund nach Böhmen zurückgeleitete und Modell für das Wappen stand. Die treuen Prager haben dem guten Ritter dafür ein Denkmal an der Karlsbrücke errichtet, über das wir schon hier berichteten, und zu dessen Füßen der Löwe nun liegt (Bild oberhalb links).

Eine schöne Geschichte! Die wirkliche historische Erklärung ist wesentlich unspektakulärer. Der Löwe war seit dem Mittelalter sowieso neben dem Adler der meistgenutzte heraldische Tiersymbol. Löwe und Adler konkurrierten vor allem in der frühen böhmischen Geschichte um die Position des Staatsemblems. Die beiden kleinen Bilder links und rechts, bei denen es sich um Deckengemälde des späten 19. Jahrhunderts im Nationalmuseum handelt, stellen sie gegenüber.

Der schwarze Adler war das Wappentier des seit Anbeginn der Geschichte in Böhmen regierenden Geschlechts der Přemysliden. Er wird auch oft mit Bezug auf den Heiligen Wenzel (wohl der bekannteste der Přemysliden-Herrscher) als Wenzelsadler bezeichnet. Der Nationalheilige wird oft mit den Attributen Banner und den Adlerwappen als Schild dargestellt; letzteres sieht man im Bild rechts bei einer Fassadenskulptur an einem funktionalistischen Miets- und Bürohaus aus den Jahren 1934/35 in der Anglická 242/16 in Prag 2. Wegen der Verbindung mit Wenzel und den Přemysliden war der Adler im Prinzip auch zugleich das Wappentier des Landes. Die Herrscher hatten ein Interesse daran, dass Dynastie und Land so auch optisch identisch repräsentiert wurden. Der Löwe taucht als heraldisches Wahrzeichen allerdings nicht erst im Jahre 1311 auf, als mit König Johann dem Blinden die Přemysliden-Herrschaft zu Ende ging und das unbeadlerte Haus von Luxemburg den Thron bestieg.

Für die Böhmen war der Löwe nämlich schon vorher heraldisch präsent. Das hat etwas damit zu tun, dass der Přemyslide Vladislav II. 1158 als böhmischer Herrscher den durch den (deutschen) Kaiser verliehenen Königstitel tragen durfte – wenngleich auch nur auf Lebenszeit und nicht erblich. Da passte der Löwe besser, der oft auch als Symbol für die direkte Lehensabhängigkeit zum Kaiser galt. Unter Otakar II. Přemysl, der bereits zu den erblichen Königstitelträgern gehörte, wurde der Löwe im 13. Jahrhundert weiter verbreitet, vor allem als Stadtwappen von Städten, die in seinen Herrschaftsbereich gerieten. In die Zeit Otakars II. fällt auch das erste Auftauchen des Doppelschwanzes auf Wappen. Es wird oft mit seiner Krönung zum erblichen König 1253 in Verbindung gebracht. Man muss sich daher nicht wundern, dass das Löwenwappen auch auf seinem Grab (Bild oberhalb links) im Veitsdom in der Burg zu finden ist, wo er einige Jahre nach seinem Tod bei der Schlacht auf dem Marchfeld gegen die Habsburger (bei der er nicht nur sein Leben, sondern auch seine österreichischen Besitzungen verlor) seine letzte Ruhestätte fand.

Tatsache bleibt jedoch, dass der Löwen seinen großen Siegeszug als Wappentier Böhmens (zu Lasten des Adlers) mit den Luxemburgern ab 1311 (Krönung von König Johann) begann. Denn das Haus Luxemburg führte zufälligerweise (!) den zweischwänzigen Löwen schon mindestens seit dem frühen 13. Jahrhundert im Wappen als man noch gar nicht in Böhmen regierte. Und es unterstrich den Anspruch als neue Dynastie auf dem böhmischen Thron, dass man nun das Symbol der alten Dynastie, den Adler der Přemysliden, durch das hauseigene Wappentier, eben den Löwen, ersetzte, der aber eigentlich schon vor Ort als „Marke“eingeführt war. Auf dem Bild oberhalb rechts sieht man einen solchen Löwen (in Kopie für eine Ausstellung) aus der Zeit des Luxemburger-Königs Wenzel IV., dessen Original den Veitsdom auf der Prager Burg zierte.

Der Löwe war von da an äußerst resistent gegen Dynastiewechsel. Auch unter den Habsburgern blieb er unangefochten das Wappentier. Die hübsche neobarocke Skulptur der beiden Genien, die das Löwenwappen krönen, ist ein schönes Beispiel aus der Zeit von Kaiser Franz Josef. Sie ist ein Werk des Bildhauers Antonín Popp aus dem Jahre 1888 und ist Teil der Sammlung des Nationalmuseums. Die Ironie der Geschichte ist übrigens, dass die Habsburger im 13. Jahrhundert, als sie noch „nur“ den Grafentitel führten, den Löwen (blau vor goldenem Hintergrund, einfacher Schwanz) im Wappen trugen, und in der Zeit, in der sie ab dem 16. Jahrhundert in Böhmen herrschten, den Adler als Symbol trugen, wenngleich den Doppeladler und nicht den einköpfigen Adler wie zuvor die Přemysliden. Trotzdem blieb der Löwe böhmisches Wappentier.

Das Ulkige dabei war, dass der Löwe somit zugleich das offizielle Herrschaftssymbol der Habsburger war, die damit klar machten, dass sie neben dem Kaisertitel auf noch die böhmische Königskrone trugen, aber dass er zugleich das politische Symbol aller tschechischen Nationalisten war, die die Bande des Landes mit den Habsburgern eher lockern wollten. Gerade die bürgerlichen Bauten des späten 19. oder frühen 20. Jahrhunderts wiesen oft selbstbewusste tschechische Löwensymbolik auf. Das von Osvald Polívka 1894-96 erbaute Bankhaus in der Na příkopě 858/20 (unweit des Wenzelsplatzes) weist ein besonders wuchtiges Beispiel dafür auf – das bunte Mosaik des für seine nationale Gesinnungsmalerei berühmten Historienmalers Mikoláš Aleš (früherer Beitrag hier) unter dem Dachsims (Bild oberhalb rechts).

Und als das Jahr 1918 hierzulande jede Form dynastischer Herrschaft durch die Ausrufung der Ersten Tschecho-slowakischen Republik beendete, blieb der Löwe – soagar immer noch mit der höchst un-republikanischen Krone bestückt. Die Tschechoslowakei war ein Vielvölkerstaat, bei dem die Tschechen (also die Kern-Böhmen) politisch dominierten. So stand im großen Staatswappen der Ersten Republik der Böhmische Löwe im Zentrum und die Wappen der anderen Landesteile bzw. Bevölkerungen umrahmten ihn – u.a. die Slowakei (Patriarchenkreuz), Mähren (karierter Adler), Schlesien (schwarzer Adler mit Brustmond) und Transkarpatien (Bär, blau-gelbe Streifen). Die großen Minderheiten der Ungarn und Deutschen wurden bezeichnenderweise nicht repräsentiert. Ein Beispiel für die neue Fahne ist der oberhalb links abgebildete Wandteppich aus der Sammlung des Nationalmuseums. Er wurde von dem Maler František Kysela (etwas farbverfremdet) im Jahre 1921 gestaltet. Typisch ist, dass zwei Löwen das Wappen als Schildhalter einrahmen.

Es gab übrigens offziell auch eine kleine Variante des Staatswappens, das den weißen Löwen auf rotem Grund zeigt, wobei der Löwe das slowakische Patriarchenkreuz auf der Brust trug. Diese Version findet man zum Beispiel noch auf dem Sockel des Denkmals für den Hussitenheerführer Jan Žižka vor dem Nationaldenkmal auf dem Vítkov-Berg, dessen Bau 1931 begann als dieses – nun in Stein für die Ewigkeit fixierte – Wappen noch offiziell gültig war. Mähren und Transkarpatien hatte man bei der kleinen Variante der Einfachheit halber weggelassen, was ein wenig dem allzu zentralistischen Selbstverständnis der Tschechoslowakischen Republik in dieser Zeit geschuldet war.

Später gab es einige Wappen, die gottlob wieder verschwanden, wie etwa das des von den Nazis kontrollierten Reichsprotektorats Böhmen und Mähren, das nur den böhmischen Löwen und den weiß-roten mährischen Adler zeigte. Oder das Wappen, das die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR) 1960 einführte – der Böhmische Löwe ohne Krone, aber ab und zu mit rotem Stern. Auf der Brust trug er das Symbol der Slowakei, aber nicht das christliche Patriarchenkreuz (das für Kommunisten undenkbar war), sondern ein neu entworfenes Flammensymbol. Man findet davon in Prag verständlicherweise nur noch wenige Exemplare. Das kleine Bild oberhalb links zeigt eines davon. Es handelt sich um ein Relief im Vestibül der Metro-Station Hradčanská. Die neue, doch arg künstliche Kreation setzte sich in den Herzen der Menschen nie durch. Sie verschwand nach 1989. Auch das 1990 eingeführte Wappen der Tschechoslowakei – zwei Böhmische Löwen (wieder mit Kronen), zwei slowakische Patriarchenkreuze – war kurzlebig, da sich Tschechien und die Slowakei am 1. Januar 1993 trennten.

Im heutigen Wappen der Tschechischen Republik nimmt der gekrönte und zweischwänzige Löwe wieder den Spitzenplatz ein. Er ist gleich zweimal vertreten, gefolgt von je einem (rot-weiß karierten) mährischen und einem (schwarzen) schlesischen Adler. So sieht man das viergeteilte Wappen an jedem Amtsgebäude, etwa hier am Eingang des Rathauses von Vinohrady (Prag 2). Dass er gleich zweimal präsentiert wird, ist ein kleiner historischer Restbestand der Vergangenheit, in der Böhmen das große Königreich war, während die anderen Landesteile wie Mähren (das im Mittelalter „nur“ eine Markgrafschaft war) oder Schlesien (immerhin noch Herzogtum) dem an Rang untergeordnet waren.

Und ist man erst einmal in Kern-Böhmen, so herrscht der Löwe alleine, wie es sich für einen Monarchen mit Krone gebührt. Böhmische Naturschutzgebiete (und andere öffentliche Einrichtungen), die der Regionalverwaltung im eigentlich recht zentralistisch regierten Tschechien unterstehen, zeigen nur und ausschließlich den Löwen, wie hier die Hinweistafel zum Naturschutzgebiet bei Liběchov. Bei großen Nationalparks käme dann wiederum das Staatswappen mit allen Landesteilsymbolen zum Zuge.

Auf jeden Fall gilt: Der Löwe lebt! In den Prager Souvenirshops findet man ihn auf T-Shirts, Biergläsern oder Keramikwaren. Auch dieser Metzgerladen in der Altstadt in der Haštalská ulice, dessen Schaufenster wir hier rechts zeigen, macht sich das enorme Werbepotential, das in dem Löwen immer noch schlummert, zunutze. In rotem Neon bewirbt er mit einem Metzgerbeil in der Klaue die leckeren Fleischwaren im Schaufenster. Das passt, denn die Tschechien sind ja bekannt für ihre sehr fleischreiche Nationalküche. Und man lernt daraus: Der Löwe hat auch deshalb überlebt, weil er es immer geschafft hat, mit der Zeit zu gehen. (DD)