Legendäre Herzöge – befördert!

Es besteht kein Zweifel, dass die Herrscherdynastie der Přemysliden Böhmens historische Größe im Mittelalter begründete. Ihre Ursprünge liegen aber im Dunklen. Erst mit Bořivoj I, der als erster von ihnen um das Jahr 883 getauft wurde, begegnet uns ein tatsächlich nachweisbarer Herrscher. Alle früheren gehören ins Reich der Legenden. Wer die kennenlernen will, sehe sich die lehrreiche Fassade des Hauses zu den Fünf Königen (Dům U Pěti králů) in der Vyšehradská 415/9 in der Neustadt (Prag 2) an.

Oft sieht man die lediglich legendären Herrscher nicht abgebildet. In der Regel sind nämlich auch die Legenden recht sparsam an echten Informationen und auch nicht sonderlich spannend. Keine Kämpfe mit wilden Drachen, die holde Jungfrauen bedrohen, kommen da vor. Deshalb ist die Aneinanderreihung von Bildern der Legendenherrscher auf Höhe des ersten Stocks schon etwas besonderes. Aus der Reihe dieser Herrscher ragt nur der Begründer der Dynastie, den wir oben im großen Bild sehen, heraus, was den Stoff angeht, aus dem Legenden gesponnen werden: Přemysl, genannt „der Pflüger“. Er taucht erst Jahrhunderte nach seinem Tod erstmals in der Chronik der Böhmen (Chronica Boemorum) des Cosmas aus dem frühen 12. Jahrhundert aus. Die erzählt, wie er Gründer der Dynastie wurde (dazu auch hier). Eigentlich hätte nämlich Fürstin Libuše, die Tochter des verstorbenen Herrschers Krok, regieren sollen. Das wollten die misogynen Ur-Tschechen nicht, gestateten ihr aber, dass sie den männlichen Herrscher durch die Heirat eines Mannes ihrer Wahl bestimmen könne. Diese Entscheidung überließ sie ihrem Pferd, das sie freiließ, um einen Mann für sie zu suchen. Durch gute Geister geleitet, lief das Pferd auf den ahnungslose auf dem Acker pflügenden Pflüger Přemysl zu, der dadurch zu seiner Überraschung Fürstinnenehemann und Herrscher wurde (hier übrigens passend mit Pflug dargestellt). Da er aber seine Sache gut machte, dachte danach auch niemand mehr an einen Dynastiewechsel, solange es männliche Thronfolger gab.

Der (vermutliche, denn explizit wird es in den Chroniken nicht gesagt) Sohn und Nachfolger befindet sich in der chronologischen Darstellung auf der Hausfassade direkt neben Přemysl. Es handelt sich um Nezamysl, über den man bei Cosmas wenig mehr erfährt, als dass er eben der Nachfolger war. Auch die zweite mittelalterliche Quelle, die Dalimil-Chronik aus dem 14. Jahrhundert, liefert nicht mehr Informationen.

Soll man vielleicht gar an Nezamysls Existenz zweifeln? Irgendwie ist schon der Name ein Witz. Er ist das Gegenteil des väterlichen Namens. Während „Přemysl“ soviel wie „der Nachdenkende“ bedeutet, heißt „Nezamysl“ im Tschechischen in etwa „der Nicht-Nachdenkende“. Daraus hätte man witzige Geschichten machen können – eine Gelegenheit, die die mittelalterlichen Chronisten leider nicht nutzten. So sieht man ihn denn unverspottet mit einem kleinen Hammer in der Hand (wie einst Chris Howland vor dem Öffnen des Sparschweins) stehen, den Blick dem in den Legenden viel prominenter dastehenden Vater zugewandt.

Es folgt: Nezamysls Stammhalter und Nachfolger Mnata, über den sonst nichts gesagt wird. Ihm folgt chronologisch Vojen, von dem ein wenig mehr überliefert ist, denn es wird immerhin in den Chroniken festgestellt, dass er jung und kräftig gewesen sei. Was er mit seinen Kräften so genau gemacht hat, wissen wir nicht. Auch hier wieder eine von den Chronisten verpasste Gelegenheit. Und noch etwas ist überliefert, was aber Konfusion verursachte – auch hier an der Häuserfassade.

Bei Cosmas heißt es, sein Nachfolger sei Vněslav gewesen. Dalimil erzählt, dass Vojen sein Reich unter zwei Söhne aufgeteilt habe, von denen einer Vlatislav hieß. Der ist hier als Vratislav abgebildet. Den Grund, warum das hier so ist, weiß man nicht. Das macht aber nichts, weil hier die Kette sowieso abreißt. Die drei nächsten legendären Herrscher Křesomysl, Neklan und Hostivít fehlen. Die Fassade erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Aber warum sieht man auf dieser Hausfassade überhaupt die alten Legendenherrscher? Deren überlieferte Taten waren ja – bis auf das Wahlverfahren per Pferd bei Přemysl – nicht gerade spektakulär. Das hat etwas mit dem barocken Haus zu tun, das hier vor diesem neueren Gebäude stand. Um dieses frühere Haus hatte sich nämlich irgendwann die Legende gebildet, dass darunter (am Fuß der alten Königsburg Vyšehrad) die fünf Herrscher begraben seien. Deshalb gab es schon auf dem barocken Vorgängerbau der legendären Herrscher Gemälde, die diese darstellten. Sie stammten von Wenzel Bernhard Ambrozy, dem Hofmaler von Kaiserin Maria Theresia, der sie um 1750 anfertigte. In dem Gebäude befand sich ein Gasthaus. Als es abgerissen wurde, um den heutigen Bau Platz zu schaffen, fand man natürlich keine früh-přemyslidischen Herrschergräber darunter.

Nun zu dem, was man heute sieht: Das neue vierstöckige Haus wurde 1906 vom Architekten Otakar Václavík im Stil der Neorenaissance erbaut, über den ich sonst nicht viel erfahren konnte. Den alten Legenden um das Haus wollte man aber Ehre erweisen und deshalb schuf der bekannte Historienmaler Láďa Novák, den viele Touristen als den Schöpfer der Wandmalereien in der berühmten Gaststätte U Fleků kennen (wir berichteten hier), neue und sehr phantasiereiche „Portraits“ der alten Herrscher. Der Name Haus zu den Fünf Königen wurde oben am Giebel angebracht. Bei dem alten Haus waren übrigens sechs Herrscher abgebildet, denn man hatte den Heiligen Wenzel (Svatý Václav) hinzugefügt, der aber nicht zu den legendären Herrschern gehörte, sondern sehr real war (und definitiv im Veitsdom begraben ist).

Ansonsten ist der Hausname historisch sowieso inkorrekt. Denn die fünf Herrscher hatten es stets nur zum Herzogentitel gebracht. Der erste Přemyslide mit einem Königstitel war Vratislav II., der erst 1085 gekrönt wurde. Das Haus müsste eigentlich also Dům U pěti vévodům (Haus zu den Fünf Herzögen) heißen. Aber die Beförderung sei den alten Herzögen posthum von Herzen gegönnt. Und bei Wenzel passiert das sowieso oft, vor allem wegen des vor allem in der angelsächsichen Welt bekannten Weihnachtsliedes Good King Wenceslas, das den Herzog als König besingt.

Ach ja, im jahre 1908 – zwei Jahre nach Einweihung des Hauses – eröffnete die Modedesignerin Hana Podolská hier ihren ersten Modesalon. 1915 zog sie allerdings näher in die Innenstadt. Dort begann sie eine Karriere, die sie für viele Menschen hier zu tschechischen Coco Chanel werden ließ. Und so erzählt dieses Haus nicht nur von Legenden, sondern ließ auch eine wahr werden. (DD)

Idylle und Widerstand

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Das Treffen im schönen Pfarrhaus von Vinoř wurde ihr zum Verhängnis. Heute vor 72 Jahren, am 27. Juni 1950, wurde die unbeugsame Demokratin und Widerstandskämpferin Milada Horáková durch das kommunistische Regime hingerichtet. Der Hinrichtung ging ein absurder Schauprozess stalinistischer Prägung vorweg, der mit Hilfe fabrizierter Indizien den Vorwurf des Landesverrats bestätigen sollte. Der Schuldspruch und das Todesurteil standen von vornherein fest.

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Horáková, die unter den Nazis ins Konzentrationslager gesteckt worden war, um nur zu sehen, dass nur drei Jahre nach dem Krieg ein neues totalitäres Regime – diesmal im roten Gewande – die Demokratie im Lande zerstörte, war natürlich keine Landesverräterin. Aber sie stand dazu, für die Demokratie zu kämpfen, und als das Regime beim Abschlussplädoyer der Angeklagten eine Selbstbezichtigung mit anschließender Loyalitätserklärung zum „Großen Bruder“ Klement Gottwald verlangte, verweigerte sie sich – anders als ihre Mitangeklagten, die glaubten, sie könnten so ihr Leben retten.

Tatsächlich basierte der Vorwurf des Landesverrates nur darauf, dass Horáková sich einmal mit anderen Oppositionellen getroffen hatte, um mit ihnen die Lage zu erörtern. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Kommunisten, die im Februar 1948 an die Macht gekommen waren, bereits alle nicht-kommunistischen Parteien verboten. Am 25. September 1948 fand daher ein geheimes Treffen statt, das Horáková mit einberufen hatte, um die verschiedenen demokratischen Oppositionsgruppen zusammenzubringen. Der Ort des Treffens war das alte Pfarrhaus im Norden Prags etwas auswärts gelegenen nördlichen Stadtteil Vinoř.

Mit bei dem Treffen waren der Pädagoge (und Bruder des Ex-Präsidenten Edvard Beneš) Vojta Beneš von den Sozialdemokraten, der Anwalt und Politiker Vojtěch Jandečka von den Christdemokraten, der Verwaltungsbeamte und ehemalige Abgeordnete Josef Nestával, der wie Horáková der linksliberalen Nationalsozialen Partei angehörte, und der parteilose Verfassungsrechtler Zdeněk Peška. Die Möglichkeit gewalttätigen Widerstandes, den die Kommunisten später unterstellten, war nicht einmal ein Gedankenspiel. Es ging um die Frage, ob es so etwas wie ein koordinierendes Dachgremium des bürgerlichen Widerstandes geben sollte, aber auch dieser Vorschlag fiel als zu weitreichend und gefährlich durch. Man verblieb, dass man sich ab un an mit Informationen austauschte, um eventuelle Gegensätze besprechen zu können.

Alles in allem ein recht mageres Ergebnis und gewiss weit entfernt von irgendeiner auch nur ansatzweise sinnvollen Definition des Begriffs Landesverrat. Aber 1949 nahm die Verfolgung von Oppositionellen neue Dimensionen an und die Teilnehmer des Treffens fielen umgehend der Verfolgung zum Opfer. Beneš konnte sich der Verhaftung noch entziehen und floh in die USA, wo er zwei Jahre später starb. Jandečka wurde verhaftet und zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, Peška wurde zu 25 Jahren verurteilt, aber 1960 begnadigt, Nestával sollte lebenslang im Gefängnis sitzen, wurde aber 1963 unter Auflagen freigelassen. Horáková, die bekannteste unter ihnen, ging jedoch in den Tod.

An dem hübschen Pfarrhaus in Vinoř wurde im Oktober 2002 eine Gedenktafel angebracht, auf der den Widerstandskämpfern, die sich hier dereinst trafen, gedacht wird. Das Haus am idyllischen Vinořské náměstí (Vinořplatz) mit seiner ebenso idyllischen barocken Dorfkirche und der Statue des Heiligen Nepomuk davor stammt aus dem Jahre 1738 und wurde von dem Architekten Johann Christian Spannbrucker erbaut. Das Haus verfügt über zusätzliche Wirtschaftsgebäude und einen großen Hof. Deshalb war hier auch ein kleines Haus des Mönchsordens der Salesianer untergebracht.

Und daher erinnert die Plakette auch zugleich an eine andere kommunistische Schandtat, nämlich die berüchtigte Aktion K (Akce kláštery, dt.: Aktion Klöster), die ebenfalls 1950 einsetzte. Mit ihr lösten die Kommunisten gewaltsam alle Orden und Klöster auf und internierten die meisten Mönche und Nonnen. In der ersten Nacht, vom 13. auf den 14. April 1950, wurden im Salesianerhaus des Pfarrhauses die Ordensbrüder Metoděj Hasilík, Augustin Holík und František Mikulík von der Geheimpolizei verhaftet, interniert und mit Berufsverbot belegt.

Geht man über den so idyllischen Dorfplatz, ahnt man kaum, was sich hier dereinst an Verbrechen abspielte. (DD)

Hier wurde Prag vor den Preußen gerettet

Ja, wir befinden uns über 50 Kilometer östlich von Prag. Aber dieser Ort ist wichtiger als manch anderer und näher gelegene für die Stadt. Denn heute vor 265 Jahren wurde Prag genau hier das Schicksal erspart, unter die Herrschaft der Preußen zu fallen – eine Vorstellung, die man sich eigentlich gar nicht vorstellen kann. Hier fand am 18. Juni 1757 die Schlacht bei Kolín statt.

Die Schlacht war Teil des Siebenjährigen Krieges, der von 1756 bis 1763 tobte. Bei dem ging es zunächst hauptsächlich nicht um Prag. Großbritannien und Frankreich kämpften dabei um kolonialen Interessen in Indien und Nordamerika. Die österreichische regierende Erzherzogin Maria Theresia verband sich mit den Franzosen, weil sie sich dadurch Unterstützung versprach, die in den 1740er Jahren an Preußen verlorenen Territorien in Schlesien zruückzugewinnen. Dabei hatte sich Maria Theresia, die zugleich böhmische Königin war, zunächst verkalkuliert, denn den preußischen Truppen unter Friedrich II. gelang es schnell, tief ins böhmische Territorium einzudringen. Anfang Mai 1757 standen sie bereits vor den Toren Prags. Nach einer blutigen Schlacht (über die wir hier berichteten) gelang es ihnen, die Stadt völlig einzukreisen und und einen engen Belagerungsgürtel um die Stadt zu ziehen, die nun heftig von Artillerie beschossen wurde. Es war nur eine Frage der Zeit, dass Prag aufgeben würde und in Friedrichs Hände fiele.

Aber: Es sollte nicht sein. Maria Theresia – und damit dem Haus Habsburg – war andernorts das Kriegsglück hold. Nämlich auf den Feldern vor Kolín. Um den belagerten österreichischen Truppen in Prag zu helfen, schickte Maria Theresia Truppen unter dem Kommando von Feldmarschall Leopold Joseph Maria Reichsgraf von und zu Daun, einem der fähigsten Strategen der Armee, zum Entsatz. Um zu kontern, zog Friedrich II. einen großen Teil seiner Belagerungstruppen ab, um Daun abzufangen. Vor Kolín trafen darob 35.000 preußische Soldaten (davon 21.000 Infanterie und 14.000 Kavallerie) auf 54.000 österreichische Soldaten (35.000 Infanterie, 19.000 Kavallerie) aufeinander. Der „Alte Fritz“ zog also bereits mit zahlenmäßig unterlegenen Truppen in die Schlacht. Zudem hatten ihn seiner Aufklärer nur mit unzureichenden Informationen versorgt. Seine Truppen ließen sich durch Scheinangriffe am Morgen zu verfrühten Angriffen verführen. Auch sonst ging taktisch bei den Preußen alles schief und am Ende gab gegen 17.30 Uhr Friedrich die Schlacht verloren. Angeblich soll Friedrich seinen fliehenden Soldaten den bekannten Spruch, „Hunde wollt ihr ewig leben?“, nachgerufen haben, aber das ist wohl nur eine erfundene Anekdote.

Am Ende lagen 13.733 preußische und 8.114 österreichische Gefallene tot auf den Feldern. Da Daun nun ungehindert losmarschieren lassen konnte, mussten nun auch die restlichen preußischen Belagerer von Prag abziehen. Die Schlacht um Prag war gewonnen – hier in Kolín. Insbesondere im 19. Jahrhundert wurde die Schlacht auf beiden Seiten immer mehr zu einem Mythos. Die Gedenkkultur wuchs. Das kann man heute auf einem 15 Kilometer langen Lehrpfad bewundern, der (gut mit weiß-gelben Markierungen versehen) von der kleinen Ortschaft Nová Ves bis ins Zentrum von Kolín führt, studieren. Wie üblich bei Schlachtfeldbesichtigungen, gibt es an sich keine Spuren der Schlacht mehr zu sehen. Aber man gewinnt einen Überblick über das Terrain und kann sich nun etwas mehr vorstellen, was hier damals geschah. Es gibt nur wenige Infotafeln. Die konzentrieren sich hauptsächlich um die beiden Feldherrnhügel, die sich in Sichtweite gegenüber stehen, der österreichische nahe des Dorfes Křečhoř und der preußische auf dem vrch Bedřichov, dessen Name nichts anders als „Friedrichshöhe“ in Tschechisch bedeutet.

Und auf beiden Feldherrnhügeln findet man große Denkmäler, die den jeweiligen Protagonisten gewidmet sind. Das Denkmal auf dem vrch Bedřichov wurde 1841 auf Initiative eines in Nová Ves ansässigen Gutsbeistzers namens Václav Veith erbaut und sollte anlässlich eines gemeinsamen preußisch-österreichischen Manövers eingeweiht werden. Es handelt sich um einen hohen, aus grobem Stein gemauerten Obelisk an der Stelle, wo Friedrich seiner Niederlage zugeschaut hatte. Zur Ausschmückung hatte der bekannte bayerische Bildhauer Ludwig Michael Schwanthaler schon einige Reliefs angefertigt, die Preußens Niederlage darstellten. Offiziöse Stellen überzeugten Veith aber, dass man das aus Rücksicht gegenüber den nunmehr befreundeten preußischen Manövergästen besser nicht tun sollte. Und so blieb das Denkmal schlicht und ungeschmückt.

Das änderte sich – wenngleich nicht so, wie es ursprünglich gedacht war – im Jahre 1866. Da war wieder einmal Krieg zwischen Österreich und Preußen und die Preußen siegten auf der ganzen Linie. Etliche der siegreichen preußischen Offiziere machten nun eine kleine Bummeltour zum einstigen Ort der Niederlage und hackten die Namen der gerade absolvierten Schlachtfelder ein, auf denen sie gesiegt hatten, allen voran das in Königgrätz. Als der Frieden da und die Preußen wieder weg waren, reparierte man das natürlich nach einiger Zeit hier im österreichischen Böhmen. 1889 wurde eine Tafel in Deutsch und Tschechisch angebracht mit dem Text: „Zur Erinnerung an den Sieg über die Preußen im Siebenjährigen Krieg am 18. Juni 1757“. Die verschwand aber irgendwann auf unbekannte Weise. Erst 2005 wurde eine Bronzetafel mit einem Portraitrelief Friedrichs II. angebracht, ein Werk des Bildhauers Miloslav Smrkovský. In Deutsch, Tschechisch und Engisch wird daran erinnert, dass hier der Kommandostand des Königs während der Schlacht war.

Seit 1965 ist das Denkmal unter der Nummer 34469/2-879 als staatliches geschütztes Denkmal registriert. Und im Jahr 2018 hat man neben dem Denkmal auf dem Hügel, der immer mehr Touristenmagnet wurde, einen 14 Meter hohen stählernen Aussichtsturm (Bild rechts) aufgestellt. Von oben aus wirkt das Denkmal schon recht klein. Und außerdem kann man von hier das gesamte Schlachtfeld überschauen, das sich über ein sehr großes Areal erstreckte. Mit der Friedrichshöhe hat man im Prinzip den höchsten Punkt des Schlachtwanderwegs erreicht (vor allem, wenn man auch noch den Aussichtsturm hinaufgestiegen ist). Von hier aus kann man nun (ein Stück lang leider an einem recht verkehrsintensiven Straßenrand entlang) zur anderen, der österreichischen Seite wechseln.

Wie zu erwarten, ist das Denkmal auf dem ehemaligen österreichischen Feldherrnhügel mit einem kakanischen Heimvorteil versehen und somit erheblich größer und prachtvoller als das auf der Friedrichhöhe. Geradezu protzig, könnte man sagen. Es wurde allerdings später, im Jahre 1898, errichtet. Gestaltet wurde es von Václav Weinzettel, der günstigerweise zugleich ausgebildeter Architekt und Fachmann für Steinbearbeitung war. Unterstützt wurde er von dem Bildhauer Mořic Černil, der für die skulpturalen Elemente, insbesondere die Bronzetafeln, zuständig war. Der war ein damals sehr bekannter Vertreter des Klassizismus, dem wir u.a. das Denkmal für Bedřich Smetana in Hořice verdanken. Schon von weitem ist hier bei Kolín der Habsburgische Doppeladler zu bewundern, den er für das Denkmal schuf (Bild links).

Mit 15 Metern ist der Pylon des Denkmals auch deutlich höher als der 12 Meter hohe Obelisk für Friedrich II.. Das war für den Förderverein, der das Denkmal bauen ließ (unter der Schirmherrschaft von Kaiser Franz Joseph, zu dessen 50. Regierungsjubiläum es dann eingeweiht wurde!) natürlich eine Ehrensache. Zudem ist es auf einer Höhe auf freiem Feld platziert, sodass man von weitem schon erkennen kann, während das den Preußen zugewiesene Denkmal ein wenig zwischen Bäumen versteckt ist. Und das Denkmal ist selbstredend reicher skulptural ausgestattet als das vom „alten Fritz“ – ebenfalls Ehrensache. Dazu gehören natürlich klassische Siegesallegorien, wie etwa die Trophäen, die man auf der Bronzetafel oben sehen kann.

In dem Maße, wie man in den Habsburgerzeiten den Sieg von Kolín in Ehren hielt, fiel das Denkmal wiederum stark in Ungnade, als 1918 das Reich fiel und die Erste Tschechoslowakische Republik ausgerufen wurde. Tschechische Nationalisten fanden, dass in Kolín arme tschechische Soldaten sich für die verhassten Österreicher hätten opfern müssen, wie ein Aufruf 1925 verdeutlichte, der den Abriss forderte: „So oft starben Tschechen für fremde Interessen! Verstehen wir die Größe der Tage, in denen wir leben?“ Die Debatte, an der sich auch Bildhauer Weinzettl (ein Tscheche, der natürlich für den Erhalt kämpfte) beteiligte, muss wohl heftig gewesen sein. Eine zeitlang war sogar der Doppeladler demontiert, wurde aber später wieder aufgesetzt. Am Ende aber bewahrten die Kolíner Stadtväter kühlen Kopf und so steht das Denkmal noch heute – allerdings mit einigen Beschädigungen, die nationalistische Aktivisten oder auch nur Randalierer hinterließen. Die Reiterfigur des österreichischen Armeeführers Graf von Daun auf dem großen Schlachtenrelief auf der Vorderseite des Denkmals wurde bedauerlicherweise enthauptet. Das ist unschön!

Die Besucher heute, denen die nationalistische Wut der vergangenen Zeit immer ferner zu liegen scheint, wissen sicher zu schätzen, dass man dieses pompöse Kunstwerk erhalten hat. Sie können heute vom österreichischen Denkmal aus über die Weiten des ehemaligen Schlachtfelds hinüber zu Friedrich Feldherrenhügel schauen, wie man es auf dem Bild rechts erkennen kann. Bis auf den Kopf des berittenen Grafen fehlt nur wenig. Da die Nazis (Graf Daun und der alte Fritz wären möglicherweise gleichermaßen befremdet gewesen) die Schlacht irgendwie in ihre Geschichtsmythologie eingebaut hatten, wurde die Bronzetafeln 1941 auch von dem Gebot ausgenommen, als Altmetall für die Rüstungsindustrie demontiert zu werden.

Unter den Kommunisten nach 1948 beachteten man das Denkmal nur wenig und ließ es ungepflegt verfallen. Erst nachdem Ende der 1960er Jahre ein Adlerflügel abgefallen war, führte man eine 1970 abgeschlossene Renovierung durch. 2009 gab es eine neuerliche Renovierung, denn leider gibt es immer noch Vandalen, die sich Teile der Bronzen einstecken. Die Denkmalskultur hat sich seither gewandelt. Anti-Habsburg-Nationalismus und Glorifizierung von Kriegserfolgen stehen hintan. Man gedenkt primär der Opfer. 2010 wurde genau das getan, als man eine steinerne Gedenkplatte neben dem Denkmal für die Österreicher platzierte, die in Deutsch und Tschechisch schlicht „den unbekannten in der Schlacht bei Kolín gefallenen Soldaten“ gedenkt (Bild links). Es soll daran erinnern, dass hier an dieser Stelle noch unzählige Gebeine von Soldaten der preußischen und der österreichischen Armee von 1757 in einem Massengrab unter der Erde liegen.

Eine kleine Fußnote verdient übrigens auch die Tatsache, dass das Areal um das Denkmal nicht nur deshalb historisch geweihter Boden ist, weil hier Daun während der Schlacht bei Kolín seinen Feldherrenhügel hatte. Nähert man sich von unten, sieht man, dass das Denkmal auf der Erdaufschüttung einer frühmittelalterlichen Burgwallanlage, der sogenannten hradiště Křečhoř, steht. Die kann man (Bild links) immer noch gut erkennen. Sie ist noch nicht sehr intensiv erforscht, sodass man allenfalls spekulieren kann, was für ein Stück Geschichte sich hier abspielte. Sicher sind wir jedenfalls, dass an diesem Ort 1757 Prag vor den Preußen gerettet wurde. (DD)

Fußläufig zum Landtag

Das war das ideale Haus für den Politiker mit gehobenen Wohnansprüchen: Der Palais Auersperg (Aueršperský palác) am Wallensteinplatz (Valdštejnské náměsti 16/1) auf der Kleinseite. Es fing mit dem kaiserlichen Diplomaten Johann Markus Georg Graf von Clary und Aldringen an, der es immerhin einmal zum Botschafter im strategisch wichtigen Nachbarn Sachsen gebracht hatte, der das Grundstück 1682 kaufte.

Zu diesem Zeitpunkt standen auf dem nahe am Zentrum der Macht (die Burg) befindlichen Ort noch etliche spätmittelalterliche Häuser. Archäologische Ausgrabungen im 20. Jahrhundert haben ergeben, dass sich lange vor diesen Häusern hier sogar nebst einer kleinen Handwerkerwerkstatt auch die längst vergangene romanische Kirche des Heiligen Andreas (Kostel svatého Ondřeje) mit ihrem Kirchhof befand. Aber vermutlich wusste zu diesem Zeitpunkt der Graf nicht, dass er sich auf den Resten eines Gräberfeldes ansiedelte. Wie dem auch sei: Er ließ sich hier einen frühbarocken Palais mit zwei Stockwerken und zwei Innenhöfen bauen, an dessen Vorderfront eine Arkade entlang lief, die sich bei den anderen Häusern bis zum Kleinseitner Ring (Malostranské námĕstí) fortsetzte. Ein durchaus hochherrschaftliches Gebäude. Und das Machtzentrum der Burg hatte man fest im Blick, wie man auf dem Bild links gut erkennen kann.

Das Geschlecht Clary und Aldringen verdankte es der Tatsache, dass es sich in den Zeiten des Dreissigjährigen Krieges als standfest kaisertreu und katholisch erwiesen hatte, dass es kurz darauf in den Grafenstand erhoben wurde. Dass die Frontfassade mit einem Marienbild, über dem sich eine Krone befindet, geschmückt ist, verwundert daher nicht. Man machte klar, wo man stand.

Die Familie Clary und Aldringen führte im Laufe der Zeit immer wieder kleinere Umbauten durch, von denen die von 1751 leichte, aber nicht grundlegende Veränderungen der an sich sehr schlicht und wenig überladen gestalteten Fassade mit sich brachten. Weiterhin diensteifrig für die Monarchie tätig, wurde die Familie 1767 sogar in den Reichsfürstenstand erhoben. 1856 stießen sie den Besitz des bis dato Palais Clary-Aldringen (Clary-Aldringenský palác) genannten Gebäudes ab, was aber kein Zeichen der Verarmung war, da man unter anderem in Böhmen noch Schloss Teplitz, in Wien den Palais Clary und in Venedig den Palazzo Clary besaß.

Der neue Besitzer gehörte zum österreichisch-böhmischen Hochadel: Karl Wilhelm Fürst von Auersperg, unter anderem ein langjähriges liberales Mitglied des Böhmischen Landtags. 1867 war er sogar kurzfristig Ministerpräsident der österreichischen Reichshälfte des neu gegründeten Habsburger Doppelmonarchie. Fürst Auersperg hatte den neuen Wohnsitz vorausschauend gewählt. Denn schon 1861 wurde nur zwei Häuser weiter, gerade zum die Ecke der Böhmische Landtag im Palais Thun (Thunovský palác) untergebracht. Einen bequemeren Weg zur Ausübung des Abgeordnetenmandats konnte man gar nicht haben.

Als 1918 das Habsburgerreich endete und die Erste Tschechoslowakische Republik gegründet wurde, kaufte der Staat den Palais. Weil der Palais Thun eigentlich zu klein für einen modernen Parlamentsbetrieb war, brauchte man etliche der umliegenden Gebäude, um die Verwaltung und Abgeordnetenbüros einzurichten (ein anderes Beispiel hier). In den 1930er Jahren und nach Ende der kommunistischen Tyrannei in den 1990er Jahren wurde der Palais Auersperg innen entsprechend umgebaut. (DD)

Ein Schloss, viel dramatische Geschichte

In den Außenbezirken von Prag, die meist erst im 20. Jahrhundert Teil der Stadt wurden, wimmelt es nur so von kleinen Schlössern und Adelssitzen. Das fernab aller Touristenströme gelegene Schloss Komořany (zámek Komořany) im zu Prag 12 gehörenden südlichen Ortsteil Komořany, genauer gesagt, dort in der Na Šabatce 2050/17, gehört dazu. Die verschlafene und fast dörfliche Atmosphäre des Ortes lassen vergessen, dass sich hier dramatische Kapitel der Prager Geschichte abspielten, die ihre Spuren an diesem Gebäude hinterließen.

Es begann schon damit, das die beiden mittelalterlichen Bauernhöfe, die hier zuvor standen, im Jahr 1420 während der Hussitenkriege niedergebrannt wurden. Es dauerte bis 1589, dass hier wieder etwas Neues aufgebaut wurde – aber das dann im großen Stil. In diesem Jahr legte der damalige örtliche Kronrichter Wenzel Sturm von Hischfeld, der gerade in den Ritterstand erhoben worden war, hier ein großes Schloss im Renaissancestil an.

Dessen Sohn verkaufte es 1607 an einen gewissen Adam Radnický von Zhora, der es schon im nächsten Jahr seiner Mutter schenkte, die es schon 1612 wieder an ein Mitglied des Geschlechts Sturm von Hirschfeld verkaufte. Joachim Sturm von Hirschfeld focht jedoch nach 1618 beim Ständeaufstand gegen die Habsburger und für die böhmische Freiheit (der den Dreissigjährigen Krieg auslöste) und somit auf der Verliererseite. Die Habsburger sorgten dafür, dass er darob kurzerhand enteignet wurde.

Fortan gehörte das Schloss (und, nebenbei bemerkt, das 1088 erstmals in Chroniken erwähnte Dorf Komořany) zum Besitz des Klosters Zbraslav (wir berichteten hier), das etwas südlich auf der anderen Seite der Moldau liegt. Den Habsburgern lag zu dieser Zeit viel daran, die katholische Kirche zu stärken, was sie damit taten.

Die neuen Besitzer bauten das Schloss um 1740 völlig um, so dass man nun ein vertables Barockschloss bewundern konnte. Und wieder rückte es in den Fokus der Geschichte. 1741 hatte der Österreichische Erbfolgekrieg begonnen, in dessen Verlauf bayerische und französische Truppen in Böhmen einfielen und die österreichischen Armeen unter Maria Theresia arg bedrängten. Im Juni 1742 näherten sich die Franzosen Prag. Und es war im Schloss Komořany, wo man noch einen letzten Versuch unternahm, den Angriff friedlich abzuwenden. Hier verhandelten der französische Marschall Charles Louis Auguste Fouquet de Belle-Isle und der Herzog von Bayern, Karl Albrecht von Bayern (der spätere Kaiser Karl VII.), mit den Abgesandten von Maria Theresia, Christian Moritz Graf von Königsegg-Rothenfels und Fürst Paul II. Anton Książę Esterházy. Die Verhandlungen scheiterten und die Franzosen besetzten Prag und wurden nun von den Österreichern belagert, denen es erst Anfang 1743 gelang, die Stadt wieder zurückzuerobern.

1785 kam die große Klosterenteignung unter Kaiser Joseph II., von der auch das Kloster Zbraslav nicht verschont blieb, was natürlich bedeutete, dass auch Schloss Komořany kein Klostereigentum mehr war. Einige Jahrzehnte gehörte es nun einem religiösen Fonds, der es zu Beginn des 19. Jahrhunderts an den Fürsten Oettingen-Wallerstein verkaufte (der in der Nähe eine Zuckerfabrik gründete), der es wiederum 1868 an eine Familie Procházka, die das barocke Schloss nunmehr vollständig im neogotischen Stil umbauen ließ, was man heute noch am augenfälligsten an der Schlosskirche mit ihrem spitzen Turm erkennen kann. 1913 erwarb es der Industrielle Karel Schulz, der im gleichen Jahr in der Nähe eine Maschinenfabrik errichtete. Der beauftragte den bekannten, auf Historismus und Jugendstil spezialisierten Architekten Alois Čenský (wir begegneten ihm bereits hier) mit einem neuerlichen Umbau. Vollendet wurde der Umbau nicht, aber neben der Erhöhung eines Flügels (des vierflügeligen Schlosses) und dem Umgestaltung eines Turm als Wasserreservoir, ist das Verschwinden des meisten neogotischen Zierrats, der als unmodern empfunden wurde.

Ein Hauch von Modernität prägte nun das Äußere, was man am besten an den kubistisch anmutenden Verzeirungen der Toreinfahrt zum Hof sehen kann (Bild rechts). Schulz starb 1932 unerwartet an einem Herzinfarkt und das Schloss fiel nach seinem Willen an den Staat. Und schon zogen neue dunkle Wolken am Horizont auf. Am 5. Mai 1945 brach der Prager Aufstand gegen die Naziherrschaft aus, und die Aufständischen benutzten das Schloss als eine Art lokale Kommandozentrale. Die Kämpfe in diesem Teil der Stadt waren besonders heftig. Am 6. Mai führten die Aufständischen hier Verhandlungen mit Vertretern der sogenannten Wlassow Armee. Das waren russische Soldaten, die als Gegner von Stalins Terrorherrschaft die Seite gewechselt hatte, um sich Hitlers Schreckensregime anzuschließen. Jetzt waren sie auch hiervon enttäuscht und boten den Aufständischen dringend benötigte Hilfe im Kampf gegen Hitler an. Aber auch diese Unterstützung konnte nicht verhindern, dass SS-Truppen tags darauf Komořany nebst Schloss besetzten. Offiziell kapitulierten die deutschen Truppen am 8. Mai, aber die hier nun eingeschlossenen deutschen Truppen kapitulierten nicht. Die Kämpfe dauerten noch bis zum 10. Mai, wobei die Aufständischen (unter anderem mit Hilfe eine improviserten gepanzerten Eisenbahnzuges) bereits von Soldaten der Roten Armee unterstützt wurden. In Komořany fielen die letzten Schüsse des Zweiten Weltkriegs auf Prager Boden.

Das Schloss – nunmehr durch die Kämpfe arg beschädigt – blieb auch nach dem Krieg in Staatsbesitz. Das galt erst recht so, als die Kommunisten im Februar 1948 die Macht ergriffen. Bis zu diesem Jahre gehörte das Schloss noch der örtlichen Sparkasse. Und zwischen 1948 und 1957 wurde es dann zur Geschäftsstelle der örtlichen Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ). Nichts passt besser zum Anspruch, die Avantgarde des verarmten Proletariats zu sein, als in einem alten schönen Schloss zu residieren, dachte man sich wohl. Aber wie heißte es auch so schön bei Orwell? Alle sind gleich, aber manche sind gleicher als andere.

Vielleicht war das dann doch zuviel der unfreiwilligen Ironie. Wer weiß? Danach zog hier auf jeden Fall das Hydrometeorologische Institut (Hydrometeorologický ústav) ein, das seither hier eine (von landesweit sieben) seiner Forschungsaußenstellen zur meteorologischen Forschung betreibt. Auf einem der Türme kann man auch von außen die modernen Messgeräte erkennen (Bild links). Das Institut ist heute immer noch hier und wurde dem Umweltministerium unterstellt. Hier betreibt man Klimaforschung, Wetterforschung, Gewässerschutz (wozu die direkt unterhalb fließende Moldau einlädt) und Luftqualitätsmessungen. Das Fernsehen wüsste ohne das ganze nicht, wie es die Wetternachrichten füllen sollte.

Während der kommunistischen Zeit wurde das Schloss anfänglich zum Teil recht lieblos wieder aufgebaut und dann (wie eigentlich üblich) dem allmählichen Verfall preisgegeben. 1991 (zwei Jahre nach dem Ende des Kommunismus) wurde der Architekt Michal Sborwitz mit der Renovierung beauftragt.

Die Arbeiten zogen sich über mehrere Jahre hin. Sie wurde 1998 mit der Eröffnung des vollständig erneuerten südlichen Flügels des Schlosses abgeschlossen, in dem sich nun unter anderem ein modernen Konferenzzentrum mit breiter Fensterfront befindet, von dem man wahrscheinlich einen schönen Ausblick auf die Moldau in Richtung Zbraslav hat. Das Schlossareal ist normalerweise für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Trotz dieser schönen Neubauten hat die Ästhetik des Schlosses unter den Wirrnissen des 20. Jahrhunderts doch recht viel gelitten. Das Ganze wirkt recht uneinheitlich. Aber man sollte ja auch bedenken, dass es heute auch nicht demn Anspruch erhebt, ein touristisches Highlight zu sein. Vielmehr ist es ein Zweckbau als Forschungszentrum.

Als Teil eines Ausflugs in den Süden Prags ist es allemals einen Abstecher wert. Drumherum findet man viel Grün, den ruhigen Flusslauf der Moldau und einige Teiche. Und von der Flussseite aus gesehen sieht das Schloss doch recht beeindruckend aus (Bild links). Für die Besucher wurde in der Umgebung ein Lehrpfad mit Namen Freiheitspfad 1938-1945 (Stezka svobody 1938-1945) angelegt, der 20 Stationen mit ausführlichen historischen Informationstafeln beinhaltet, die über die gegen die Nazis gerichteten Widerstands-Aktivitäten in der Umgebung informieren – allen voran die Kämpfe während des Prager Aufstands im Mai 1945. Tafel Nr. 15 ist den Ereignissen im Schloss gewidmet und steht direkt vor dem Hofeingang.

Auf wenn es bauhistorisch grandiosere Schlösser in Tschechien gibt, so gibt es doch kaum eines, dass eine solch aufregende Geschichte durchlebt hat. (DD)

Gefallen als der Krieg eigentlich vorbei war

Er fiel am 9. Mai 1945: Iwan Grigoriewitsch Gontscharenko. Eigentlich hatte Nazideutschland am Tag zuvor kapituliert. Auch in Prag hatte sich die Wehrmacht bereits formell den Kommandeuren des Prager Aufstands ergeben. Aber ein immer sinnloseres Weiterkämpfen führte zu immer sinnloseren Opfern – auch als eigentlich alles hätte vorbei sein sollen.

Parallel zu den tschechischen Aufständischen hatte seit dem 6. März die Prager Operation der Roten Armee eingesetzt. Als erste Truppen, des unter dem Kommando von Marschall Iwan Stepanowitsch Konew Heeres, das nun in Prag eintrat, gelangten Teile der 4. Panzerarmee unter Panzergeneral Dmitri Danilowitsch Leljuschenko als erste auf das Stadtgebiet. Es heißt, der Kommandant des ersten Panzer, der über die Statdtgrenze rollte, war ebenjener Iwan Grigoriewitsch Gontscharenko. Sein Panzer wurde später auf einem Denkmal postiert, das nach dem Fall des Kommunismus, den er leider hier zu etablieren half, abgerissen wurde. Gontscharenko, der 1920 in dem ukrainischen Ort Susilino geboren wurde, und seit dem März 1944 Panzerkommandant war, sollte seine Heldentat nicht lange überleben.

Teile der Heeresgruppe Mitte der Nazitruppen waren aber noch intakt. Große Teile versuchten sich aus der sowjetischen Umklammerung zu befreien, um sich zu den amerikanischen Truppen durchzuschlagen, die bereits am 6. Mai Pilsen befreit hatten, und von denen man sich eine weniger grausame Kriegsgefangenschaft erwartete. Sie ahnten nicht, dass es ein Abkommen zwischen den USA und der UdSSR gab, dass die gefangenen deutschen Soldaten in der Zone festgehalten werden sollten, in der sie sich am Tag der Kapitulation befanden. Das heißt, die Amerikaner hätten selbst Soldaten, die sich zu ihnen durchgeschlagen hätten, wieder an die Rote Armee übergeben. Die ganze Metzelei war sinnlos und die Rote Armee schaffte es nach einigen harten Kämpfen, die Wehrmachtstruppen auf ihrem Marsch nach Westen aufzuhalten. Im Verlauf dieses traurigen Nachspiels des Krieges fiel auch Gontscharenko am 9. Mai einem Treffer eines deutschen Panzerabwehrgeschosses zum Opfer.

Schon im November 1947 wurde ihm zu Ehren eine Gedenktafel eingeweiht, dort im Ortsteil Klárov, diekt neben der Kleinseite, wo es hinauf zur Burgstadt geht, gegenüber dem Haus in der U Bruských kasáren 132/3: Der Text (zweisprachig in Tschechisch und Russisch) lautet: „Hier fiel am 9.V.1945 einer der Helden der Roten Armee, Iwan Grigoriewitsch Gontscharenko, Gardeleutnant der Panzerarmee von General Leljuschenko, im Alter von 25 Jahren.“ 1947, das war noch vor der Machtübernahme der Kommunisten 1948, nach der den Rotarmisten unzählige Denkmäler gesetzt wurden, während die eigenen Prager Aufständigen vergessen wurden. Damals dürfte man auch unter vielen Tschechen eine gewisse Dankbarkeit für den Soldaten empfunden haben, dessen Panzer als erster der Roten Armee in die Stadt eingerollt war, um die Nazis zu vertreiben.

Auch heute noch legen Menschen hier anscheinend nochab und an kleine Blumensträuße zum Gedenken hin, was in der Regel in Prag eher selten ist, wenn es um Rotarmisten geht. Die Prager haben da doch recht unangenehme Erinnerungen im Lauf der Gescichte gesammelt, was man auch heute noch an der sehr löblich geschlossenen Haltung zu Putins Überfall auf die Ukraine erkennt. Irgendjemand hat ein verwittertes Photo vor der Tafel aufgestellt, das Gontscharenko zusammen mit der Besatzung seines legendären Panzers zeigt. Der Moment eines Triumphs wird hier festgehalten, der für Gontscharenko allerdings nicht lange währen sollte.

Bei dem Denkmal selbst handelt es sich um eine einfach beschriftete steinerne Gedenktafel, die in einer von Betonplatten umrahmten Nische angebracht wurde. Die Nische befindet sich in einem Felsen, der durch die viel befahrene Straße U Bruských kasáren ein wenig abgeschnitten von normalem Besucherverkehr wirkt.

Die Felswand verdient vielleicht auch eine Erwähnung. Es handelt sich um keine natürliche Wand, sondern vielmehr um den senkrechten Durchstich den man für die Straße vorgenommen hatte. Die Schnittstelle legt allerdings eine interessante geologische Schichtformation frei. Und wie es der Zufall so will, befindet sich zwei Gebäude weiter der Sitz der Forschungseinrichtung für Geologische Untersuchungen (Česká geologická služba). Die Forscher dort haben es sich nehmen lassen, nur wenige Meter neben Gontscharenkos Gedenkort eine Tafel anzubringen, die über die Geologie hier zu informieren. Was man hier sieht ist nämlich die Felsformation, aus der Burgberg und Letná-Höhe (deshalb Letná Profil/Letenský Profil) bestehen. Sie hört auf den Namen Sandbium und ist etwa 458,4 bis 453 Millionen Jahre alt. Es ist schön, dass sich neuere Tafeln nicht mehr Krieg und Tod befassen müssen, sondern mit nüchterner Wissenschaft. (DD)

Schlachtgetümmel, fürchterlich

Das Schlachtgetümmel ist fürchterlich… Und auf dieser Fassade gleich dreimal! Wer denkt, der militärscheue brave Soldat Schwejk sei tatsächlich der typische Tscheche, der wird immer wieder erstaunt sein, wie gerne und stolz die Tschechen ihr Militär und seine Geschichte feiern. Man sollte keinen Klischees aufsitzen.

Wir befinden uns vor dem Haus in der Ječná 508/10. Das hat in den Jahren 1905/06 der Architekt Jan Voráček erbaut, der auch das gegenüber liegende Haus Zu den Vierzehn Nothelfern (U čtrnácti pomocníků), über das wir bereits berichtet haben, entworfen hatte. Es handelt sich um ein vierstöckiges Miets- und Wohnhaus, das in einem opulenten floralen Jugendstil mit historischen Elementen ausgestaltet ist. Beeindruckend ist nicht zuletzt die im Stil der böhmischen Renaissance gehaltene Giebelkonstruktion.

Dort dominieren auch florale Malereien mit ornamentalem Charakter. Über dem zweiten Stock befindet sich jedoch die eigentliche Attraktion, nämlich drei große Fresken, die kriegerische Heldentaten aus der tschechischen Geschichte darstellen. Nicht nur das Thema, sondern auch der historisierende Stil, der der böhmischen Frührenaissance nachempfunden ist, passen zu dem ansteigenden Nationalbewusstsein, dass in dieser Zeit von den Tschechen im Habsburgerreich gerne auch auf Fassaden zur Schau getragen wurde. Diese Art von Neorenaissancestil wurde in Böhmen zur Zeit des Baus vor allem von den Historienmalern Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier und hier) und Adolf Liebscher (hier und hier) repräsentiert. Liebscher hat einige Gebäude in der Nähe gestaltet. Ob er für die Fresken hier in der Ječná verantwortlich war, lässt sich aber nicht belegen.

Die Schlachtgetümmel sind von links nach rechts chronologisch geordnet. Es beginnt mit der Zeit der frühen slawischen Geschichte – eine Zeit, von der nur Legenden überliefert sind. Links sieht man frühe Slawen im Kampf gegen die Feinde. Solche Schlachtlegenden fand man damals in der vermeintlich mittelalterlichen Königinhofer Handschrift, wo die Sagenhelden Záboj and Slavoj, gegen böse Germanen Siege grandiose errungen. Das passte ins nationalistische Weltbild der Zeit – auch wenn sich leider die Handschriften als neuzeitliche Fälschungen erwiesen (wir berichteten hier). Der Tscheche von damals fühlte sich aber von solchen Bildern in seinem anti-habsburgischen (und somit leicht anti-deutschen) Nationalismus bestätigt.

Das zentrale Bild zeigt ein Schlachtgetümmel aus den Hussitenkriegen nach 1420, in denen die Böhmen tapfer und mit tatsächlich großem militärischen Geschick (die Hussiten waren zumindest keine Schwejks!) sich gegen fremde Kreuzritter verteidigten und so ihre Glaubensfreiheit bewahrten. Ja, und die Szene im großen Bild oben zeigt uns die Schlacht am Weißen Berg von 1620, in der sich die Böhmen ein letztes Mal – doch erfolglos – gegen die Habsburgerherrschaft wehrten. Aber der tapfere Versuch zählte und das Bild erinnerte immerhin daran, dass man den Habsburgern mal wieder den Verlust der eigenen Freiheit vorwerfen konnte. (DD)

Patriotische Schriftsteller und der Großvater des Präsidenten

Ende des 19. Jahrhunderts war es im tschechischen Bürgertum Böhmens en vogue, Hausfassaden mit patriotischen historischen Motiven zu dekorieren, die ein neues Selbstbewusstsein gegenüber dem österreichischen Habsburgertum zur Schau stellten. Selbst in diesem Kontext ist das vierstöckige Wohn- und Mietshaus in der Na Zderaze 1947/3 herausragend.

Es fängt schon mit der Wenzelskrone, dem wichtigsten Stück der böhmischen Kronjuwelen im Veitsdom, die gleich zweimal an den Erkern auf Höhe des ersten Stocks über einer Stuckkartusche prangt (großes Bild oben). So wie sie hier dargestellt wird, wurde sie vom Nationalheiligen Wenzel nie getragen. Vielmehr entstand sie in dieser Form als phantasiereiche Nachempfindung in der Zeit Karls IV. im 14. Jahrhundert. Ihre patriotische Symbolkraft schmälerte das nicht. In der Kartusche befinden sich die Wappen der drei Länder der böhmischen Krome – der zweischwänzige Löwe Böhmens (wir berichteten hier), der rot-weiß karierte mährische und der mit Silbermond versehene schlesische Adler. Über den Fenstern neben den Erkern befinden sich nochmals Nachbildungen der gesamten Kronjuwelen (Krone, Schwert und Szepter auf einem Kissen umrahmt von einem Lorbeerkranz; Bild oberhalb links).

Und als ob es nicht genug wäre, finden sich ebenfalls auf Höhe des ersten Stocks die Büsten zweier Schriftsteller, die so direkt nichts miteinander zu tun haben, aber beide für tschechisch-nationalistische Ideen standen. Karel Havlíček Borovský (Bild rechts; wir berichteten u.a. hier) ist von beiden in Tschechien zweifellos der bekanntere. Der von den habsburgischen Behörden mehrfach ins Exil verbannte Schriftsteller war Teilnehmer der Revolution von 1848 in Prag. Er profilierte sich als Begründer des modernen Journalismus in Böhmen, eckte mit satirischen Schriften bei der Obrigkeit an und galt bis zu seinem frühen Tode 1856 als der Wortführer des radikalen demokratischen Nationalismus der Tschechen.

Der Dichter Josef Václav Sládek gehörte der folgenden Generation an, die keine Revolution mehr betrieb, aber einem tschechischen Kulturnationalismus frönte, der den Tschechen einen besseren Platz innerhalb des Gefüges des Habsburgerreichs sichern sollte. Sládek hatte sich 1868 bis 1870 einige Zeit als Lehrer und Eisenbahn- und Landarbeiter in Amerika verdingt und schrieb nach seiner Rückkehr einige Stücke und zahlreiche Gedichte, die meist das ländliche Tschechentum verherrlichten, aber ab und an auch eine direkte politische und sozialkritische Botschaft vermittelten, wie etwa die 1892 erschienenen, sehr populären České písně (Tschechische Lieder). Im Gegensatz zu dem ständig verfolgten Karel Havlíček Borovský konnte Sádek jedoch dabei ganz friedlich seinem Beruf als Englischlehrer ander Handelsschule nachgehen.

Das neobarocke Haus, an dem sich beide Büsten befinden, wurde übrigens 1897 nach Plänen des Architekten Václav Vítězslav Chytrý auf Geheiß des recht vielseitigen Bauunternehmers, Industriellen, Okkultisten (der unter em Pseudonym Atom spiritistische Bücher verfasste) und Kulturmäzens Vácslav Havel gebaut. Der Nachname kommt einem ja irgendwie recht bekannt vor, oder? Und richtig: Es handelt sich tatsächlich um den Großvater des späteren Schriftstellers, Dissidenten und Präsidenten Václav Havel! An dem Zderaz genannten Ortsteil der Prager Neustadt, wo sich das Gebäude befindet, war dereinst das Gelände einer kleinen Burg aus der Zeit König Wenzels IV. im 14. Jahrhundert, deren letzte Reste 1892 bei der Erneuerung des Stadtteils entgültig verschwanden, nachdem sie schon Anfang des 17. Jahrhunderts nur noch als eine Ruine beschrieben worden war.

Auf Höhe des Erdgeschosses befindet sich neben dem Eingang eine bronzene, mit dem tschechoslowakischen Staatswappen geschmückte Gedenkplakette. Sie gedenkt des Publizisten und Journalisten Václav Vích, der zusammen mit seiner Frau Josefa aktiv am Widerstand gegen die Nazis teilnahm und, genau wie sie, einige Monate nach seiner Verhaftung im September 1942 in Berlin-Plötzensee in den sogenannten Blutnächten hingerichtet wurde. Das Schicksal der beiden wurde von später Zdeňka Víchová in dem Buch Za světlem svobody (Zum Licht der Freiheit) verewigt. (DD)

Wo Tschechen und Sachsen Freundschaft pflegten (und Ryšánek und Schlegl nicht miteinander redeten)

Sachsen und Böhmen lebten schon den europäischen Friedensgedanken vor, als von der EU noch keine Rede war. Das Sächsische Haus (Saský dům) in der Mostecká 55/3 (Ecke Lázeňská) auf der Prager Kleinseite ist das in Stein gebaute Denkmal dafür – wenngleich es heute nicht mehr ganz so aussieht, wie in seiner „sächsischen“ Zeit.

Im Jahre 1348 schenkte der deutsche Kaiser und böhmische König Kaiser Karl IV. den vormaligen, gemeinhin Vlašský dvorec (Welsches Gehöft) genannten Kaufmannsbesitz dem sächsischen Herzog Rudolf I. aus dem sächsischen Herrscherhaus der Askanier als Erbgut. Rudolf hatte als deutscher Kurfürst stets Karls Kaiserwahl unterstützt als diese anfänglich noch umstritten war. Das Verhältnis zwischen Böhmen und Sachsen hätte besser kaum sein können. Wenn er in Prag war, brachte Rudolf hier seinen Hofstaat mit. Im Kern war es fast so etwas wie eine Botschaft. Für die Sachsen in Böhmen war der Ort eine Anlaufstelle. Insbesondere gab es viele Studenten aus Sachsen, da das Land selbst keine Universität hatte, und Karl gerade die heutige Karlsuniversität (wir berichteten hier) gegründet hatte. Da die Wissenschaftssprache damals Latein war, ging das problemlos.

Zukunftsweisend war auch der von Karl mit dem Markgrafen von Meißen, Friedrich III. dem Strengen, geschlossene Vertrag von Pirna 1372, der die Grenzen regelte. Da Meißen ab 1423 in das Kurfürstentum Sachsen eingegliedert wurde, war damit auch im Grunde jede Grenzfrage zwischen Böhmen und Sachsen bereits vorab geklärt. Das geschah dann endgültig durch den Vertrag von Eger (heute Cheb) im Jahre 1459, den der böhmische König Jiří z Poděbrad (Georg von Podiebrad, über den wir bereits u.a. hier und hier berichteten) mit dem sächsischen Kurfürsten Herzog Wilhelm II. dem Tapferen abschloss. Diese Grenze wurde nie wieder verändert und ist eine der ältesten bestehenden in ganz Europa – ein Vorzeigeprodukt in Sachen europäischer Friedenspolitik. Dazu passt übrigens, dass König Jiří mit einer Denkschrift aus dem Jahr 1462, in der er eine föderative Friedensordnung für Europa vorschlug, so etwas wie der der geistige Erfinder der Europäischen Union ist.

Als das geschah, war das sächsische Herrscherhaus schon aus dem Saský dům in Prag ausgezogen. Als Karls Nachfolger und Sohn Wenzel IV. 1409 mit dem Kuttenberger Dekret die Karlsuniversität tschechisierte, verließen die deutschen (vor allem sächsischen) Dozenten und Studenten das Land. Dahinter steckte ein religiöser Konflikt zwischen Hussiten und Katholiken, der sich nationalistisch auflud. Während Böhmen in die Hussitenkriege schlingerte, war das aber für die Sachsen vielleicht sogar ein strukturpolitischer Glücksfall, denn sie nutzten die Chance, in Leipzig ihre erste eigene Universität zu gründen. Und Sachsen gehörte 1432 unter Kurfürst Friedrich II. von Sachsen zu den ersten deutschen Fürstentümern, das einen Sonderfrieden mit den Hussiten in Böhmen schloss und die Böhmen Böhmen sein ließ. Der oben erwähnte nachfolgende Frieden von Eger war nur eine Bestätigung einer Politik, die eine kleine „Delle“ erlebt hatte, aber im Kern konsequent fortbestand.

Und was geschah mit dem 1409 von den Sachsen verlassenen Saský dům? Das fiel 1503 einem Feuer zum Opfer, das auch zahlreiche Nachbarhäuser zerstörte. 1592 wurde es von Jan Rudolf Trčka von Lípa, einem der reichsten Adligen Böhmens und späterer Freund des berühmten Generals Wallensteins, Renaissancestil wieder aufgebaut. Möglicherweise war der Architekt der Tessiner Giovanni Battista Bussi di Campione, aber ganz genau weiß man das nicht. Auch von diesem Gebäude existiert nur noch das beeindruckende rustizierte Portal mit dem Wappen der Prager Kleinseite darauf. Ansonsten fiel das Renaissancegebäude einem völligen Umbau im klassizistischen Stil zum Opfer, der in den Jahren 1826 bis 1828 stattfand, und der sich durchaus gut ins bauliche Umfeld einpasst. Das ist im wesentlichen das, was man heute von außen sieht. Das Gebäude schmiegt sich an den mittelalterlichen Kleinseitner-Turm mit seinem Tor (siehe großes Bild oben), der die Karlsbrücke abschließt. Hier bei der Brücke hatte man eben dem Palast eine wirklich zentrale Lage in Prag gesichert.

Im späten 19. Jahrhundert erlangte das Gebäude durch den Schriftsteller und Journalisten Jan Neruda eine gewisse Berühmtheit. Damals existierte hier ein Gasthaus mit Namen „Zum Steinitz“ (U Štajniců). In einer seiner Kleinseitner Geschichten (Povídky malostranské), eine 1878 erschienene Sammlung von Erzählungen, die Neruda zwischen 1867 und 1877 in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht hatte, spielt das Lokal die Hauptrolle. Hier sitzen die beiden Herren Ryšánek und Schlegl jahrelang nebeneinander, ohne je ein Wort miteinander zu wechseln. Das berühmte Gasthaus existiert allerdings von lange nicht mehr. Heute befinden sich hier einige kleiner Läden, darunter eines der wenigen Lebensmittelgeschäfte der Kleinseite. Aber immerhin erinnert eine bronzene Gedenktafel neben dem Eingang daran, dass hier einmal das gedeihliche Verhältnis zwischen Tschechen und Sachsen seinen Anfang nahm. (DD)

Wo die US-Army die Moldau überquerte

Im März 1945 rückten amerikanische Truppen zum Rhein vor, um von dort aus in das Herz des Nazireiches vorzudringen. Leider hatte Hitler alle Brücken sprengen lassen. Nur eine intakte gab es noch. Aber wo? Die Amerikaner suchten und suchten. Erst im Jahr 1968 fanden sie sie in der Ortschaft Davle. Dort herrschten seltsamerweise Kommunisten und keine Nazis. Und der Rhein war es auch nicht, sondern die Moldau. Egal: Unbeirrt stürmten sie vor den Augen der verblüfften Tschechoslowaken beherzt die…

Moment, das stimmt irgendwie nicht…!? Fangen wir von vorne an. Die Amerikaner waren tatsächlich im März 1945 zum Rhein vorgerückt und Hitler hatte die Zerstörung der Brücken angeordnet, um den Vormarsch zu verhindern. Nur die Sprengung der Brücke von Remagen misslang den Nazitruppen. Man hatte wohl zu lange damit gewartet, weil sie die letzte Fluchtmöglichkeit für deutsche Zivilisten war, die vor der anrückenden Front und dem Kriegsgeschehen flohen. Ein später Versuch der Sprengung verursachte nur kleinere Schäden. Die Amerikaner nutzten die Gelegenheit und rückten dann am 7. März – heute vor 77 Jahren – über den Rhein vor. Der Versuch der Wehrmacht, die zurückzuerobern, scheiterte und Hitler ließ die Wehrmachtsoffiziere, denen es nicht gelungen war, die Brücke vor Ankunft der Amerikaner zu sprengen, kurzerhand hinrichten. Aber: Mit dem Heldenstück der Überquerung des Rheins durch die US-Army war das Ende Hitler-Deutschlands einen entscheidenden Schritt nähergerückt.

Aber was hat das mit Davle, der Moldau und der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik zu tun, in der auf einmal die US-Army aufgetaucht sein soll? Die Geschichte ist fast so interessant wie die eigentliche Einnahme der Remagener Brücke und in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Sie beginnt in Hollywood. Die heldenhafte Erstürmung der Brücke war ja geradezu der ideale Stoff für einen richtigen Kriegsfilm mit viel Action und gloriosem amerikanischem Heldentum. Das Projekt reifte in den 1960er Jahren heran und bald machten sich Regisseur John Guillermin und Produzent David L. Wolper auf die Suche nach einem geeigneten Drehort. Man wurde fündig in der Tschechoslowakei. Das dürfte den heutigen Betrachter erstaunen, herrschte doch damals der Kalte Krieg und das Land gehörte eindeutig dem kommunistischen Bannkreis an. Aber vielleicht dennoch nicht ganz so eindeutig, denn es zeichnte sich schon der berühmte Prager Frühling ab – eine leichte Liberalisierungsbewegung innerhalb des Systems. Dabei öffnete sich das Land auch dem Westen gegenüber. US-tschechoslowakische Filmkooperationen waren auf einmal gar nicht so selten. So wurden zum Beispiel viele Folgen der bekannten US-Trickfilmserie Tom & Jerry in Prag produziert.

Als man also im Sommer 1968 in der (kommunistischen) Tschechoslowakei den geplanten Film The Bridge at Remagen (Die Brücke von Remagen) mit großem amerikanischen (z.B. George Segal und Robert Vaughan) und deutschem Staraufgebot (z.B. Sonja Ziemann) drehen wollte, fand man eigentlich ideale Drehbedingungen vor. Bei Prag gab es die in der Zwischenkriegszeit erbauten großen Barrandov-Filmstudios., die Hollywood-Format hatten (wir berichteten hier). Die Statisten waren billig. Es gab günstige Drehorte für Außenaufnahmen. In der nördlich von Prag gelegenen Stadt Most gab es ein altes Stadtviertel, das wegen des Braunkohleabbaus abgerissen werden sollte, und deshalb für richtig fetzige und realistische Straßenkampfszenen genutzt werden konnte. Und dann war da noch die Brücke. Die fand man rund 20 Kilometer südlich von Prag an der Moldau in der kleinen Ortschaft Davle. Nun ja, wenn man sich heute bei einem Ausflug in die – übrigens landschaftlich sehr, sehr schöne – Umgebung des Ortes, die Davle-Brücke anschaut, kann man es eigentlich nicht glauben. Es handelt sich heute um eine recht kleine Fußgängerbrücke, über die Großfahrzeuge, etwa richtige Panzer, kaum hinüberkämen, wie man am Bild oberhalb links erahnen kann.

Die originale Brücke von Remagen (Ludendorff Brücke), die zwischen 1916 und 1918 über den Rhein gebaut wurde, war nämlich ein Bauwerk von recht gigantischen Ausmaßen. 398 Meter lang, mit zwei großen Eisenbahnspuren und Gehwegen an den Seiten, die schon für sich fast so breit waren wie die gesamte Brücke von Davle. Beide Enden waren mit riesigen pseudo-mittelalterlichen Wehrtürmen geschmückt. Natürlich wäre es optimal gewesen, den Film am Originalschauplatz zu drehen. Nur war die Brücke 10 Tage nach ihrer Einnahme durch die Amerikaner zusammengestürzt. Es standen nur noch die Wehrtürme und bis 1976 (als sie abgerissen wurden, weil sie der Schifffahrt hinderlich waren) zwei Pfeiler. Hier konnte man nichts mehr drehen. Die lediglich 141 Meter lange Davle Brücke (Baujahr 1905) war zwar prinzipiell ähnlich als Stahlträgerbrücke konzipiert, war aber nur einspurig für kleine Regionalzüge angelegt. Sie ergänzte damit im Sinne einer irgendwie in beide Fahrtrichtungen funktionierenden Streckenführung die schon 1897 gebaute und ebenfalls einspurige Eisenbahnbrücke bei Vrané-Skochovice, die sich etwa 3,5 Kilometer flussabwärts befindet. Wir sehen sie im Bild oberhalb rechts.

Wie dem auch sei. Der Filmdreh verlangte den Beteiligten allerlei ab. Das fing schon mit der glaubwürdigen Kulisse an. Sieht man diesen Filmclip (man achte auf die Eingangssequenzen ab 5:40 min.), dann erkennt man, dass die Davle-Brücke mit zusätzlichen Trägern ausgestattet wurde, die sie größer erscheinen ließen. Auch stellte man an beiden Seite so etwas wie vage Nachbauten der Wehrtürme des Originals auf. Die Kameraführung war so geschickt, dass man nur dann, wenn man weiß, wie klein die Brücke realiter ist, ahnt, dass das niemals die kolossale echte Brücke von Remagen sein kann, über die ganze Panzerarmeen fuhren. Der Film lässt die Davle-Brücke beeindruckend erscheinen. Da die Remagener Original-Brücke am Ostufer des Rheins in einen Tunnel mündete, grub man auf in Davle einen kleinen Pseudotunnel in den gegenüber liegenden Felsen. Das soll enorme Geldsummen verschlungen haben. Sowieso sparte man an nichts. Rund 5000 meist tschechoslowakische Statisten, die in Nazi- oder US-Uniformen steckten, überfluteten geradezu das kleine Örtchen. Unmassen von Panzern, Jeeps und anderen Militärfahrzeugen mit deutschen, aber vor allem amerikanischen Abzeichen, hatte man aus alten Beständen der tschechoslowakischen und der österreichischen Armee, aber auch aus dem Requisitenlager von Barrandov zusammengeklaubt. Mitten im Kalten Krieg dürfte manch ein Bürger des Ortes über diesen Anblick verwirrt gewesen sein. Damit war er nicht alleine.

Inzwischen waren die Hardliner der tschecho-slowakischen Kommunisten und die Sowjetunion gleichermaßen irritiert über die Liberalisierungen des Prager Frühlings. Und auch über den den Film. Immer wieder kreisten sowjetische Helikopter und Flugzeuge über dem Drehort. Die Prawda streute Vermutungen des KGB, unter dem Vorwand einen Film zu drehen, wollten die amerikanischen Klassenfeinde ein „geheimes Waffenlager“ anlegen. Auch der ADN, der Nachrichtendienst der „DDR“, mutmaßte, es sei dies eine „Tarnoperation der CIA“. Man versuche Agenten und Sprengstoff ins Land zu schmuggeln. Um die so realistischen Effekte des Kriegsfilms zu ermöglichen, hatten die amerikanischen Filmmacher nun tatsächlich auch allerlei Sprengstoffe und Feuerwerkskörper mitgebracht. Die wurden ständig von der tschechoslowakischen Polizei untersucht, die überhaupt anfing, störend in den Verlauf der Dreharbeiten einzugreifen. Aber das war nur das Vorspiel.

Am 20. August 1968 beendeten von der Sowjetunion angeführte Truppen des Warschauer Paktes durch ihren Einmarsch in die Tschechoslowakei den Prager Frühling mit Gewalt. Der Film war noch nicht vollständig fertig gedreht, als das geschah. Die Filmarbeiten mussten sofort abgebrochen werden. „No shooting today because of shooting“, bemerkt das Filmtagebuch, kein (Film-) Schießen wegen (richtigem) Schießen. Insbesondere die amerikanische Filmcrew musste sich schnellstens absetzen. Einige schafften das mit eigenen oder schnell besorgten Fahrzeugen via Pilsen nach Nürnberg (die Grenze war noch weitgehend offen). Für die restlichen Mitglieder besorgte Produzent Wolper 20 Taxis, die es bis nach Gmünd in Österreich schafften. Die restlichen Filmaufnahmen drehte man improvisiert in Deutschland und Italien. Diese unliebsame Unterbrechung merkt man dem dem damals sehr erfolgreichen Film kaum an. In den USA kam er im August 1969 in die Kinos, in Deutschland im November des selben Jahres. Die Bürger der Tschechoslowakei bekamen erst nach dem Ende des Kommunismus 1989 die Gelegenheit, jenen Film zu sehen, der in ihrem Land gedreht worden war, und an dem auch viele Bürger des Landes als Statisten oder vereinzelt gar als Schauspieler (z.B. Karel Mareš) mitgewirkt hatten.

Nachdem sich der Lärm und der Trubel der Filmaufnahmen gelegt hatte, durch den die Brücke einmal den Atemhauch der Geschichte verspüren durfte, als hier mitten in den Zeiten des Kommunismus amerikanische GI und Militärfahrzeuge herumkreuzen durften, wurde es wieder ruhiger in Davle. Der regionale Zugverkehr, der während der Dreharbeiten unterbrochen war, nahm den Betrieb auf, bis er in den 1970er Jahren aus Rationaliserungsgründen wegen abnehmender Zugfrequenz aufgegeben wurde. Die Brücke wurde zur Fussgängerbrücke umgebaut und selbige wurde 1991 noch einmal kräftig renoviert. Dank des Filmes war sie ja endgültig zu einer Art Kulturdenkmal geworden. Im selben Jahr 1991 wurde 250 Meter flussaufwärts eine moderne Betonbrücke für den Autoverkehr eröffnet, um Davle noch besser an den Verkehr anzubinden. Im Bild oberhalb rechts kann man beide Brücken beieinander sehen. Und darunter fließt ruhig die Moldau, die und hier und heute eine interessante Geschichte erzählen könnte. (DD)