Wo die Staatsicherheit Havel bespitzelte

Er ist heute in das Gebäude der Galerie Mánes, einem modern-funktionalistischen Kulturzentrum aus dem Jahre 1930, integriert. Aber der Šítkov Wasserturm (Šítkovská vodárenská věž) am Masarykovo nábřeží 250/1 (Masaryk Ufer) in der Neustadt hat auch seine eigene, höchst spannende Geschichte, die in den Jahren des Kalten Krieges einen Höhepunkt erreichte, als er zu einem Agentennest der tschechoslowakischen Staatsicherheit (Státní bezpečnost, StB) wurde.

Aber zurück zum Anfang: Im Spätmittelalter wurden erstmals in Prag Wassertürme gebaut (frühere Beiträge hier und hier), um die Versorgung der Bürger mit sauberem Wasser zu erreichen. Zwischen 1488 und 1495 wurde an der Stelle des heutigen Turms ein Holzturm errichtet, der diesen Zweck erfüllte. Er war in eine große Mühlenanlage integriert, die einem gewissen Jan Šítka gehörte, der zum Namensgeber des Ganzen wurde. Die Wassermühle betrieb auch die Pumpe, die das Wasser hinaus beförderte, das dann hydraulisch durch die Wirkung der Schwerkrat wieder nach unten in die Röhren floß.

Ende des 16. Jahrhundert fielen Mühle und Turm einem Feuer zum Opfer und zwischen 1588 und 1591 baute man ihn wieder auf. Man hatte inzwischen durch das Feuer gelernt und so wich der Holzturm einem Steinturm, weil Stein nun einmal nicht so leicht brennt. Rund 3/4 des Wasserbedarfs der Neustadt wurden nun von diesem Turm gedeckt. Vor Schaden gefeit war er aber trotzdem nicht, denn als die Schweden zu Ende des Dreissigjährigen Krieges 1648 erfolglos Prag erobern wollten, richteten sie durch Artilleriefeuer größere Schäden am Bauwerk an. 1651 reparierte man die Schäden und setzte das nunmehr so typische Kuppeldach auf, das im 18. Jahrhundert mit Kupferblech überzogen wurde.

Im 19. Jahrhundert wurden immer mehr Stauseen außerhalb der Stadt und moderne Türme mit Dampfpumpen errichtet (früherer Beitrag hier). Der alte Turm war nicht mehr state-of-the-art. 1847 stellte er seine Funktion ein. Das Wasserwerk mit seinen Pumpen wurde 1882 abgerissen, nur der Turm blieb erhalten. 1930 wurde er in die neue Galerie Mánes (früherer Beitrag hier) baulich integriert und bietet einen wunderschönen optischen Kontrast zum kühlen Funktionalismus des neuen Gebäudes. Dabei musste man zunächst einmal das Fundament des Turmes mit einer Betonkonstruktion stabilisieren. Der 47 Meter hohe Turm stand nämlich immer schon auf sumpfigem Boden. Im Grunde ist er das, was der Schiefe Turm von Pisa für Pisa ist, nur eben für Prag. Man kann es ein wenig auf dem Photo oberhalb links erkennen: ganze 1,15 Meter weicht er Richtung Ufer von der vertikalen Achse ab. Das ist eine Menge und er ist definitiv der schiefste Turm von Prag. Einsturzgefahr besteht allerdings Dank des Fundaments von 1930 nicht mehr.

Doch nun zur Staatssicherheit: Die zog in den 1980er Jahren in die oberste Etage und die Kuppel ein. Gegenüber, am Rašínovo nábřeží 2000/78 (Rašín Ufer), direkt neben dem Ort, wo heute das berühmte Tanzende Haus (früherer Beitrag hier) steht, wohnte kein geringerer als der berühmte Dramaturg und Dissident Václav Havel. Es handelte sich um sein Geburtshaus, das er zunächst von 1936 bis 1971 bewohnte. 1986 zog er wieder ein, diesmal mit seiner Frau Olga. Von den oberen Fenstern des Turmes war der Eingang des Hauses perfekt zu erkennen. Die StB-Agenten machten es sich dort gemütlich mit Heizkörpern, Kochgelegenheit, Geschirr, Betten, Schreibmaschine und Telefon. Niemand sonst hatte Zugang zum Turm. 24 Stunden am Tag wurde Havels Haus beobachtet. Immer durch zwei Agenten gleichzeitig.

Keiner, der mit Havel dort Kontakt hatte, blieb unbemerkt, was wiederum selbst unbemerkt blieb. Nun ja, bis zum magischen Glücksjahr 1989 als die Samtene Revolution – auch mit Hilfe Havels – die Kommunisten wegfegte. Kurz darauf wurde aus dem Dissidenten der frei gewählte Präsident und die Mitarbeiter der Staatssicherheit musste still und leise gehen. Und ihre Machenschaften wurden publik. (DD)

Studentenmord

Am heutigen Tag begeht man hier in Tschechien den Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (Den boje za svobodu a demokracii), der im Jahre 2000 zum Nationalfeiertag erklärt worden ist. Mit dem 17. November verbindet man in der Regel den Beginn der Samtenen Revolution von 1989, die die Schreckensherrschaft des Kommunismus beendete. Zweifellos ein Grund zum feiern!

Die Demonstranten von 1989 knüpften dabei aber zunächst an ein anderes Kapitel der Geschichte des Landes an, dem heute ebenfalls gedacht wird. 50 Jahre zuvor waren in Prag die Studentendemonstrationen gegen die Nazibesetzung brutal niedergeschlagen worden. Das sich antifaschistisch gebärdende kommunistische Regime konnte 1989 gegen eine nominell antifaschistische Demonstration, die an dieses Ereignis erinnerte, wenig einwenden, es war aber vorhersehbar, das sich die Freiheitsbotschaft gegen das totalitäre System der Nazis von 1939 sich bald auch gegen das totalitäre System der Kommunisten richten würde.

Im Februar 1939 hatte Hitler die Resttschechei zerschlagen und deutsche Truppen besetzten daraufhin auch Prag. Formell blieb das Land (ohne die Slowakei, die von Hitlers Gnaden selbständig erklärt worden war) uabhängig. Tatsächlich stand das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren aber völlig unter Hitlers Kontrolle.

Die Tschechen wollten sich das nicht gefallen lassen. Immer wieder erhoben sich Proteste, vor allem seitens der Studentenschaft. Am 28. Oktober, dem 21. Jahrestag der Gründung der Tschechoslowakischen Republik, fanden große Protestmärsche statt, die von Arbeiterstreiks begleitet waren. Die von den deutschen Machthabern zur Niederschlagung der Demonstrationen aufgeforderte tschechische Polizei griff gar nicht oder nur halbherzig ein. Die Nazis setzten daher von nun an deutsche Polizisten ein, die hunderte von Menschen verhafteten und ohne Gnade das Feuer eröffneten.

Auf der Höhe der Žitná 569/24 (im heutigen Prag 2) wurden der Medizinstudent Jan Opletal und der Arbeiter und Sokol-Aktvist Václav Sedláček von Kugeln getroffen. Sedláček starb noch am selben Abend. Opletal starb am 11. November an den Folgen des Bauchschusses. Seine Aufbahrung an der Universität wurde zu einer politischen Demonstration, an der über 3000 Menschen teilnahmen. Als der Sarg am 15. November zum Bahnhof gebracht wurde, um den Toten zur Beerdigung in seine mährische Heimatstadt Náklo zu überführen, schwoll der Protest noch einmal an. Diesmal versammelten sich über hunderttausend Menschen. Als die Teilnehmer anfingen, die tschechoslowakische Nationalhymne zu singen, zerschlug die Polizei den Protest, der dann in verschiedenen Stadtteilen wieder aufflammte.

Die Nazis entschieden sich nun zu noch härterem Durchgreifen. Am 17. November – jenem Tag, an den dann die Demonstranten von 1989 erinnern wollten – setzte die sogenannte Sonderaktion Prag ein. Die Nazis schlossen an diesem Tag alle tschechischen Universitäten, verschleppten rund 1200 Studenten ohne Gerichtsverhandlung ins Konzentrationslager und erschossen neun der Studentenführer, die die Demonstrationen organisiert hatten – eine gnadenlose Mordaktion.

Noch im Herbst 1989 – kurz vor den Demonstrationen der Samtenen Revolution – brachte man an einer Gartenwand in der Žitná , dort wo Opletal und Sedláček erschossen worden waren, eine Gedenktafel mit einer abstrakt-geometrischen Skulptur aus Granit und Marmor an. Neben dem Datum der tödlichen Schüsse und den Namen der beiden Freiheitshelden befindet sich darauf der Spruch des römischen Dichters Horaz aus seinen Oden: Non omnis moriar (Ich werde nicht ganz sterben). An jeden Jahrestag wird der Erinnerungsort mit Blumen und Kränzen überschüttet.

Das gilt auch die kleine einfache Gedenkplakette, die man gar nicht weit davon entfernt findet. Auch sie ist an Nationalfeiertagen – insbesondere dem 17. November – mit Blumen und Kränzen in den tschechischen Landesfarben rot-weiß-blau förmlich überschüttet. Opletal genießt so etwas wie einen studentischen Nationalheldenstatus im Lande – übertroffen allenfalls von Jan Palach (früherer Beitrag hier), der sich 1969 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings in Protest selbst verbrannt hatte und damit ein Signal gegen die Unterdrückung setzte.

Die Plakette befindet sich an einem großen Mietshaus in der Jenštejnská 1966/1 (Prager Neustadt), wo Jan Opletal seit der Aufnahme seines Medizinstudiums im Jahre 1939 gelebt hatte und erinnert an diesen Umstand. Ein Kuriosum ist dabei das Geburtsdatum, das als Geburtsdatum der 31. Dezember 1915 angegeben ist, während Opletal in Wirklichkeit am 1. Januar 1915 geboren wurde. Die Eltern hatten damals bei der Universitätseinschreibung den 31. Dezember 1914 angegeben, damit er früher als erlaubt immatrikulieren konnte. Die Schöpfer der Gedenkplakette waren darob wohl so verwirrt, dass sie noch ein drittes Geburtsdatum erfanden.

Ach ja, während in Tschechien selbst der 17. November primär mit dem Beginn der Samtenen Revolution von 1989 verbunden wird, verbindet ihn die internationale Gedenkkultur tatsächlich eher mit den Ereignissen von 1939. Weil die Organisatoren der damaligen Proteste gegen die Naziherrschaft nicht nur, aber hauptsächlich Studenten waren, rief das International Students‘ Council in London 1941 diesen Tag erstmals zum Gedenktag aus. Heute ist der Weltstudententag ein internationaler Feiertag. (DD)

Comenius und die Bildung

Am 15. November 1670, also genau vor 350 Jahren, starb in seinem Amsterdamer Exil Jan Amos Komenský, der den meisten Nicht-Tschechen als Johann Amos Comenius bekannt ist. Dessen historische Verdienste um die Entwicklung der modernen europäischen Pädagogik sind so enorm, dass es in keiner Weise verwundert, dass das Nationale Pädagogische Museum und Bibliothek (voller Name: Národní pedagogické muzeum a knihovna J. A. Komenského) in Prag nach ihm benannt ist.

Das Museum (zur Zeit ein Corona-Opfer) befindet sich in der Valdštejnská 18/20 auf der Kleinseite in einem um 1541 entstanden Renaissancehaus, genannt Haus zur Goldenen Sonne (dům U Zlatého slunce). Es präsentiert die geschichtliche Entwicklung der Erziehungswissenschaft in den böhmischen Ländern von den Anfängen bis heute. Und dem großen Comenius wird dabei ein besonderer Platz eingeräumt. Zu seinem Todesjahr wurde sogar eine Ausstellung mit seinem Leben als Comic eröffnet (Bild oberhalb links).

Das mit vielen Schautafeln in Tschechisch und Englisch, aber auch etlichen Ausstellungstücken ausgestattete Museum ist – wie man es bei dem Thema erwarten sollte – didaktisch sorgfältig gestaltet. Auf überbordende Digitalisierung wird noch nicht gesetzt, aber die Nachbildung originaler historischer Klassenräume (großes Bild oben) ist am Ende auch irgendwie interessanter als die virtuelle Nachbildung derselben.

Die Dauerausstellung folgt den Weg der Bildung und Bildungsideen durch die Jahrhunderte. Vom Mittelalter mit der Kirche als einziges Zentrum für Bildung über die Modernisierung im Zeitalter von Humanismus und Aufklärung bishin zur Moderne. Auch die Erziehung (oder besser: Indoktrination) in den Zeiten des Kommunismus wird detailliert einbezogen, wie dieses Plakat zeigt, dass die Schüler auffordert, den Jahrestag der „Befreiung“ durch die Sowjetarmee am 9. Mai 1945 zu feiern hätten (die Kapitulation der Nazis erfolgte realiter einen Tag zuvor vor den nicht-kommunistischen tschechischen Truppen des Prager Aufstands, siehe auch hier, was man unter den Kommunisten aber nicht beigebracht bekam).

Das Museum wurde schon 1892 gegründet, ist also weltweit eines der ältesten seiner Art. Es war als Quelle von Information (deshalb die große Bibliothek) und Inspiration für tschechische Lehrer in den Zeiten der österreichisch geprägten Habsburgerzeit gedacht. Es hatte daher eine stark nationale Komponente, die man dem Ganzen auch heute noch ein wenig anmerkt. Das Museum legt den thematischen Schwerpunkt immer noch stark auf Aspekte wie tschechische Sprachentwicklung oder Ausformung eines parallel zum deutschen entstehenden tschechischen Bildungswesens.

Und da kommt Comenius ins Spiel, der als Tscheche (genauer: Mähre) im 17. Jahrhundert der große Pädagoge der Tschechen schlechthin wurde, aber – und das ermöglicht eine Brücke zu post-nationalistischeren, europäischen Bildungsideen – schon damals die europäische Bildungswelt inspirierte. Das tat er möglicherweise nicht freiwillig. Als Pfarrer und Theologe der Unität der Böhmischen Brüder (Vorgänger der heutigen evangelischen Kirche im Lande) konzipierte er ein Bildungskonzept, das nicht bloßes Einpauken des tradieren Kanons, sondern Lebenstauglichkeit und Anpassung an die Fähigkeiten des Kindes in den Mittelpunkt stellte. Mit dem Orbis sensualium pictus schrieb er das erste Kinder- und Jugendbuch – ein lehrreiches, natürlich.

Seine Zeit in Mähren endete 1620 mit der Schlacht  am Weißen Berg (siehe auch hier), die die katholischen Habsburger an die Macht brachte, die der religiösen Freiheit ein Ende setzten. Comenius floh ins Exil – erst in Polen, dann nach Deutschland, Schweden und Holland. Überall hinterließ er Schüler und begeisterte Nachahmer. In England wollte Oliver Cromwell die universitäre Bildung mit Hilfe von Comenius‘ Schüler Samuel Hartlib ausweiten. Das, was heute in Europa als moderne Bildung gilt, hat größtenteils seine Wurzeln in den Ideen von Comenius.

Neben dem internationalen „Star“ der tschechischen Pädagogik, Comenius, bilden die national-tschechischen Bildungsreformer den wohl größten Schwerpunkt, etwa die Sprachforscher Josef Dobrovský (auch hier) oder Josef Jungmann (hier), die sich um die Kodifizierung der tschechischen Sprache bemühten. Auf jeden Fall lernt man viel Neues in diesem sehr ansprechenden Museum, dessen Rundgang mit dem Wiederaufbau des Bildungssystems nach dem Fall des Kommunismus endet. (DD)

Maria Theresia als elegante Schachfigur

Die Habsburger waren eigentlich nie unumstritten und wurden in Böhmen oft als Fremdherrscherdynastie angesehen. Als sich 1918 die Erste Tschechoslowakische Republik gründete, wurden viele Denkmäler der Habsburger demontiert. Plante man aus denkmalpflegerischen Gründen in den letzten Jahren eine Wiederaufstellung, gab es jedes Mal heftige politische Diskussionen (wir berichteten u.a. hier). Um so erstaunlicher ist es, dass es seit Oktober in Prag sogar ein neu angefertigtes Denkmal für Kaiserin Maria Theresia – ganz klar eine Habsburgerin! – gibt.

Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass Maria Theresia, die übrigens nebenbei auch die einzige Frau war, die je auf dem böhmischen Thron saß, in jedem Fall besser erschien als die Alternativen, die sich den Tschechen in ihrer Regierungszeit boten. Die Franzosen mit ihrem damals recht ruppigen Absolutismus wären wohl kaum besser gewesen als die Österreicher. Die Franzosen waren nämlich 1742 dabei, Prag zu besetzen. Das geschah im Zuge des Österreichischen Erbfolgekrieges, der deshalb entbrannte, weil trotz der Bemühungen ihres Vater Karls VI., durch ein Sondergesetz (Pragmatische Sanktion) ihre erzherzögliche Thronfolge (was oft ein „Sprungbrett“ zum Kaisertum war) im Reich abzusichern, der Widerstand so groß war, dass er gewalttätig eskalierte. Frauen war der Zugang zu diesem Job nämlich eigentzlich verweigert.

Die Gegner im Reich hatten sich mit den Franzosen verbündet, weil die sich immer als europäische Rivalen der Habsburger in Europa sahen. Aber in Frankreich herrschte ein wirtschaftlich verantwortungsloser Absolutismus der unaufgeklärten Sorte. Österreich unter Maria Theresia, die als die aufgeklärte Monarchin schlechthin galt, war da auch für die Böhmen attraktiver. Unter ihr gab es eine effizientere Verwaltung, mehr Volksbildung und wenigstens einige kleine Einschränkungen der Leibeigenschaft (die dann ihr Sohn Joseph II. 1781 ganz abschaffte). Bei dem Krieg kam Maria Theresia mit einem blauen Auge davon. Sie verlor ein paar Territorien und formell wurde ihr Ehemann,  Franz Stephan von Lothringen, Kaiser, aber sie konnte de facto regieren.

Oder hätten die Prager lieber von einem Hohenzollern regiert werden sollen? 1757 hatte im Verlauf des Siebenjährigen Krieges der preußische König Friedrich II. Prag mit seiner Armee belagert und hätte die Stadt samt Böhmen Maria Theresia um ein Haar entrissen, wenn nicht die Niederlage gegen die Österreicher bei der Schlacht von Kolín einen Abzug der Truppen notwendig gemacht hätte. Aber ein preußisches Prag? Undenkbar! Dann ginge es ja heute hier zu wie in Berlin. Das wollte man vorausschauenderweise schon damals nicht. Deshalb lernte man vielleicht am Ende, Maria Theresia um so mehr zu lieben.

Und so hat vor einiger Zeit der Rat des Stadtteil Prag 6 beschlossen, den bekannten Bildhauer Jan Kovářík mit der Anfertigung einer Maria-Theresia-Statue zu beauftragen. Eine kleine, nunmehr Maria Theresia Park (Park Marie Terezie) genannte Grünlage wurde als Standort ausgewählt. Die Anlage entstand erst 2017 und befindet sich über einer neu eingerichteten Tiefgarage und einer Tunneleinfahrt. Richtig schön war der Park bisher nicht, vor allem, da an vielen Stellen Lüftungsschächte herausragen. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass die große Statue den Park deutlich verschönert und attraktiver gemacht hat.

Warum ausgerechnet hier? Nun, der Park liegt an der Außenmauer der nach ihr benannten Marianischen Stadtbefestung (Mariánské hradby) des Burgbezirks – ein noch weitgehend erhaltenes Stück der großen Bastionen, die den Statdteil bis ins 19. Jahrhundert umgaben. Obwohl der Ort dadurch zum Denkmal historisch passte, gab es einige kleine Proteste. Denn „Habsburg“ ist immer noch ein Reizwort für manche Tschechen, selbst wenn es um die gute Maria Theresia geht. Kritiker erinnerten, dass auf dem Gelände dort einer der führenden tschechischen Widerstandskämpfer gegen die Nazis, Václav Morávek, 1942 bei einem Gefecht mit Gestapo-Schergen getötet worden war. Es gab Petitionen, statt die Kaiserin lieber ihn hier mit einer Statue zu ehren.

Der Rat schloss sich diesen Petitionen nicht an, zumal auf der anderen Straßenseite schon 2014 ein großes Denkmal zu seinen Ehren errichtet worden war. Und man sah auch vielleicht keinen Grund, die in Sachen Naziverbrechen ja definitiv historisch unbelastete Maria Theresia nun wieder abzuwerten. Sie eignete sich nicht, um gegen den mutigen Widerstand von Tschechen gegen die Nazis ausgespielt zu werden. Und deshalb wurde am 20. Oktober 2020 – dem 280 Jahrestag ihres Regierungsantritts – die Statue von den Stadtväter und -müttern feierlich eingeweiht. Die Statue selbst ist 5,50 Meter hoch und besteht außen aus einem optisch Beton ähnelnden Kunststein-Material. Der (nicht sichtbare) Kern ist aus Polystyrol angefertigt. Eine eingeprägte Inschrift nennt den Namen, die Lebensdaten und die Herrschafttitel (Erzherzogin Österreichs, Königin Ungarns und Böhmens – und korrekterweise nicht der inoffizielle Kaisertitel des Reiches).

Kovářík hat bei der Statue kein historisch korrektes Abbild der Kaiserin liefern wollen. Es handelt sich um eine abstrakte Darstellung der Form einer Frau im typischen höfischen Kostüm aus der Mitte des 18. Jahrhundert. Spötter verglichen sie in der Presse sogleich mit einer Schachfigur (šachová figurka). Aber objektiv kann man der Statue eine angemessene Eleganz schwerlich abstreiten. Und vereinzelt haben Historiker wohl schon darauf aufmerksam gemacht, dass die Schachmetapher gar nicht so schlecht zu der absolutistischen Idee von geostrategischer Machtpolitik in den Zeiten Maria Theresia, bei der Länder wie auf einem Schachbrett zwischen den Dynastien verschoben wurden, passt. (DD)

Die Geschichte zweier Präsidenten

War es der Zufall, der es so wollte? Auf dem Friedhof Vinohrady (Vinohradský hřbitov) in Prag befinden sich die letzten Ruhestätten zweier Präsidenten, die beide gezwungen waren, sich mit den Schrecken eines totalitären Regimes auseinanderzusetzen, und die beide dabei einen unterschiedlichen Weg wählten: Václav Havel und Emil Hácha – sie beide mussten harte Gewissensentscheidungen treffen angesichts des ungehemmten Bösen, das ihnen gegenüberstand. Für den einen endete die Begegnung mit dem Bösen mit Ruhm, für den anderen mit einer Tragödie.

Václav Havel ist heute zweifellos der bekanntere von beiden. Und er ist derjenige, den die Menschen im Lande immer noch – fast ein Jahrzehnt nach seinem Tode – verehren und feiern. Sein Grab, das von dem bekannten Bildhauer Olbram Zoubek (frühere Beiträge hier und hier) gestaltet wurde, ist immer noch eine wahre Pilgerstätte und ständig mit Blumen und Kränzen überschüttet.

Havel, der schon als Schüler wegen seiner bürgerlichen Herkunft schweren Repressalien seitens der Kommunisten ausgesetzt war, hatte sich früh dem Theater zugewandt. Seine Stücke, etwa Zahradní slavnost (Das Gartenfest) von 1963, standen in der Tradition des absurden Theaters, die ihm besonders geeignet schien, die echten Absurditäten des realexistierenden Sozialismus bloßzustellen. Als Vorsitzender eines von den Kommunisten unabhängigen Schriftstellerverbandes rückte er zur Zeit des Prager Frühlings von 1968 in die erste Reihe der Dissidenten auf. In der „Normalisierung“ genannten Zeit der Repression wurde er dreimal verhaftet und verbrachte insgesamt fünf Jahre im Gefängnis. Aber er gab nicht auf. Mit einigen Mitstreitern lancierte er die Charta 77, die zum zentralen Dokument der Opposition und am Ende die Grundlage der Samtene Revolution von 1989 wurde, die den kommunistischen Spuk beendete. Im Dezember 1989 wurde er der erste Präsident der neuen Demokratie und behielt diese Funktion auch nach der Trennung der Slowakei von Tschechien (1993) bis zum Ende seiner zweiten Amtszeit 2003. Fortan setzte er sich für Menschenrechte in aller Welt und für die europäische Einigung ein. 2011 starb er – zurecht bewundert und verehrt von den Bürgern seines Landes und Menschen in aller Welt.

Das Grab Havels, in dem er zusammen mit seiner ersten Frau Olga ruht, liegt im Friedhof deshalb auch an prominentester Stelle, in den Arkaden der Kapelle des Heiligen Wenzel (Kaple svatého Václava). Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Familie Havel zum Großbürgertum der Stadt gehörte und hier schon lange ihre Familiengruft hatte, die jetzt noch einmal ausgebaut wurde. Neben dem Grab des Präsidenten befindet sich hier die Grabtafel seines Großvaters Václav Havel, eines bekannten Großunternehmers. Auch der Vater, ebenfalls Václav Havel mit Namen, liegt dort. Er war in den 1930er Jahren einer der Begründer der Barrandov Studios und damit der tschechoslowakischen Filmindustrie. Havel – das war in Prag von je her ein besonderer Name. Und Václav Havel, der große Dissident und Präsident, wurde zu einer Lichtgestalt in seinem Land und in der Welt.

Ganz anders steht es um das Grab von Emil Hácha. Es liegt abseits von den Wegen im hinteren Teil des Friedhofs und ein wenig versteckt hinter Büschen. Während der Zeit des Kommunismus durfte nicht einmal sein Name auf dem Stein stehen. Das hat sich geändert und ab und an legen Menschen hier doch einen Kranz nieder. Aber es sind nicht anähernd so viele wie bei Havel. Die Monstrosität, mit der Hácha sich auseinandersetzen musste, war nicht der Kommunismus, sondern der Nationalsozialismus, der mit der deutschen Besatzung 1939 kam.

Die Tschechoslowakei war 1938 mit dem schändlichen Münchner Abkommen von seinen westlichen Alliierten Frankreich und Großbritannien im Stich gelassen worden und musste große Gebiete an Nazideutschland abtreten. Der bisherige Präsident, Edvard Beneš, trat zurück. Auf Hácha, ein anerkannter Jurist und überzeugter Demokrat, fiel nunmehr das schwere Los, Präsident einer untergehenden Republik zu werden. Am 14. März 1939 sorgte Hitler dafür, dass sich die Slowakei als Nazi-Vasallenstaat von der Tschechoslowakischen Republik abspaltete. Hácha wurde nach Berlin zitiert. Den bereits herzkranken Hácha ließ man zunächst stundenlang warten, während er einen schweren Herzschwächeanfall erlitt. Dann drohten Hitler und Göring ihm, Prag in Schutt und Asche zu bomben, wenn sich die Rest-Tschechei nicht umgehend als nur noch formell unabhängiges „Protektorat Böhmen und Mähren“ unter den „Schutz“ Hitlers stellen würde. Wissend, dass niemand seinem (ohne Bündnispartner) nun militärisch schutzlosem Land helfen würde, gab er nach. Am nächsten Tag verwarf auch das Kabinett die Idee, einen aussichtslosen Kampf zu führen, und stimmte zu. Deutsche Panzer rollten nun durch die Straßen Prags.

Anfänglich versuchte Hácha noch, sein Amt so zu nutzen, dass er die Folge nder Nazidiktatur abmildern konnte. Er hielt zunächst noch geheimen Kontakt zum Widerstand. In der Folge wurde er aber immer mehr durch die Nazis isoliert und auch seine Gesundheit erlaubte ihm kaum mehr sein Amt zu führen. Die Nazis behielten ihn als ja tatsächlich gewählten Präsidenten nominell im Amte – auch mit dem Kalkül, dass die Westalliierten deshalb das Protektorat als Staat anerkannten und die eigentliche Exilregierung in London im Regen stehen ließen (als Folge des Münchner Abkommens). Machtlos und gedemütigt musste er zusehen, wie nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich 1942 die Mordmaschinerie der Nazis im Lande immer brutaler agiert. Er konnte nicht verhindern, dass die Nazis den von ihm benannten Ministerpräsidenten Alois Eliáš (siehe früherer Beiträge hier und hier) gnadenlos ermordeten. Die Nazis verfolgten Hácha nun mit Hohn, der Widerstand mit tiefem Misstrauen. Er galt als Kollaborateur. Und die braunen Machthaber spannten ihn immer wieder in ihre Propaganda ein. Er selbst war überzeugt, er habe die Tschechen 1939 vor einem Blutbad geschützt. Als im Mai 1945 die Nazis vertrieben wurden und die Rote Armee das Land besetzte, wurde Hácha verhaftet und ins Gefängnis von Pankrác gesteckt, wo er im Juni unter ungeklärten Umständen starb. Viele Tschechen glauben heute, dass man das Ende des bereits Todkranken damals vorsätzlich ein wenig „beschleunigte“.

Es ist schwer bei dem Vergleich zwischen Havel und Hácha, die nun so nahe beieinander in ihren Gräbern liegen, ein faires Urteil zu fällen. Havel hatte sich nicht kompromittiert. Der Erfolg der Samtenen Revolution krönte seinen Willen zum Widerstand, den er leistete. Er wurde zum Vorbild aller Freiheitsliebenden. Aber der Erfolg ist ein Kriterium, das man erst hinterher anlegen kann, und dass vorher nicht als Maßstab für die ethische Bewertung seiner Handlungen angeführt werden kann. Denn: Fundamentaler Widerstand, der nur Opfer erfordert, aber keine Besserung? Wäre das eine Option? Havel hatte Glück, dass er im wesentlichen sich selbst durch seine Taten gefährdete. Hácha war amtierender Präsident und verantwortlich für Millionen Menschen. Eine unbeugsame Haltung gegenüber Hitler hätte tausenden Unschuldigen das Leben kosten können. Was wäre gewesen, wenn Hácha tatsächlich durch Kollaboration unzähligen Menschen hätte helfen können? Die demokratische Regierung Dänemarks arbeitete nach der Besetzung des Landes pragmatisch mit den Nazis zusammen und es gelang ihr dabei, fast sämtliche Juden im Lande vor dem Holocaust zu retten – wofür man sie heute noch feiert. Hácha war dieser Erfolg nicht vergönnt, sondern nur tiefste Demütigung.

Die Geschichte der beiden Präsidenten auf dem Friedhof von Vinohrady lässt einen jedenfalls ins Grübeln kommen. (DD)

Gottwalds Horrorshow

Die Tradition will, dass hier in diesem Blog am 31. Oktober, also zum Halloweenstag, ein gruseliges Bild zu erscheinen habe. Dieses hier stammt aus der Gruselkammer des Kommunismus, einer Gruft des roten Grauens, sozusagen. Und man kann nur hoffen, dass die Geister, die hier hausen mögen, nie mehr wieder erwachen werden.

Klement Gottwald war einer der gnadenlosesten Vollstrecker von Stalins Willen unter den Staatschefs, die Moskau in seinem Machtkreis nach dem Zweiten Weltkrieg in den unterjochten Ländern installierte. Morde, Folterungen, Schauprozesse, Bespitzelung, Pressezensur, Zwangsarbeit (vorzugsweise in radioaktiv verseuchten Uranminen), Unterdrückung aller persönlichen und politischen Freiheiten, Abschaffung aller Parteien außer der Kommunistischen standen unter ihm auf der Tagesordnung. Und natürlich auch: Der Personenkult.

Der führte dazu, dass man seinen einbalsamierten Körper dauerhaft in einem Mausoleum öffentlich aufbahrte, als er am 14. März 1953 – von Syphilis und Trunksucht gebeutelt – wenige Tage nach dem Besuch von Stalins Begräbnis verstarb. Das brauchte man einen Ort für die letzte Ruhestätte und bald fand man auch einen, den man dadurch so richtig entwürdigen konnte: Das Nationaldenkmal auf den Vítkov-Berg. Das war eigentlich als eine monumentale Gedenkstätte für alle diejenigen gedacht gewesen, die sich nach 1918 für die Republik, die Freiheit und die Demokratie eingesetzt hatten, als man in den 1930er Jahren mit dem Bau begann. Dann wurde die Republik durch die Nazis zerstört und die Arbeiten kamen zum Erliegen. Die erste – noch demokratische – Regierung nach 1945 wollte das Projekt weiterführen.

In der Apsis sollte nun ein Raum entstehen, in dem demokratische Widerstandskämpfer gegen die Nazis beerdigt werden sollten. Soweit kam es nicht. Im Februar 1948 kamen die Kommunisten mit einem Coup an die Macht und begannen Schritt für Schritt das Gebäude für ihre geschichtspolitischen Zwecke umzufunktionieren. Als er starb, sollte nun statt der demokratischen Widerständler ausgerechnet der undemokratische Gottwald zwecks Anbetung durch die „Arbeiterklasse“ hier als Mumie im Glassarg präpariert (Vorbild: Lenin) seine (vermeintlich) letzte Ruhestätte finden. Im Dezember 1953 wurde das Mausoleum mit dem toten Gottwald eröffnet. Nur das mit dem fachgerechten Ausstopfen hatte nicht so recht geklappt.

Schon im April 1959 entdeckte man leichte Auflösungs-erscheinungen am Körper des Verblichenen, die seine Attraktivität als Ausstellungs- und Anbetungsobjekt merklich zu schmälern begannen. Es begannen hektische Arbeiten in den Kellerräumen unter der Gruft. Es wurde ein Aufzug installiert, mit dem der Körper fast jeden Abend nach Ende der Besuchszeit in ein eilig eingerichtetes klinisches Laboratorium heruntergefahren wurde, wo Experten ihn sorgfältig behandelten, pflegten und – ab November des Jahres – gegebenfalls echte Teile durch künstliche Prothesen austauschten, wenn sie zu unansehnlich geworden waren.

Man sieht heute noch die große Schaltzentrale außerhalb dieses „Behandlungsraums“, die den Lift betrieb und für die richtige Klimatisierung sorgte, damit wenigstens unten im Keller die Verwesungsprozesse eingedämmt werden konnten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ja bereits Dank des Chruschtschowschen Tauwetters (ab 1956) in der Sowjetunion selbst die Entstalinisierung und das Ende des Personenkults eingesetzt. In der Tschechoslowakei brauchte das etwas länger. Aber im April 1962 konnten die Ärzte und Balsamierer endlich aufhören, an Gottwalds Leichnam zu retten, was noch zu retten war. Er wurde herausgebracht, eingeäschert und in einer unauffälligen Ecke des Denkmals untergebracht. 1989 wurde die Urne im Zuge der Samtenen Revolution in einem Sammelgrab im Olšany-Friedhof (früherer Beitrag hier) zusammen mit anderen zu diesem Zeitpunkt in Ungnade gefallenen Kommunistenfunktionären beerdigt.

Mit der Samtenen Revolution , die den kommunistischen Spuk beendete, begann auch für das Nationaldenkmal eine neue Zeit. Die Kellergruft, wo man damals beständig an Gottwalds Leiche herumwerkelte, ist nun der schauerliche Teil einer Ausstellung. Dort sieht man – großes Bild oben – Einrichtungsgegenstände des Labors und die Totenmaske Gottwald. Überall herum befinden sich weiße Kacheln, das Licht ist dunkel. Irgendwie grauslich düster! In einer Nische, die fast die Optik einer Toilette hat, wurde nun die Gedenkplatte, die damals oben im „Showroom“ bei der Mumie angebracht war, platziert. Eine kleine multimediale Ausstellung begleitet die kleine Horrorshow.

Oben im Mausoleumsraum hat man statt des Glassargs nun einen marmornen Sarg hingestellt, der dem ursprünglich geplanten entspricht. Drumherum befinden sich noch an den Wänden Mosaike von siegreichen Rotarmisten, die einen zynischen Kontrast zu dem demokratischen und republikanischen Pathos des restlichen Gebäudes bilden. Man hat den Raum hier so – zur Erinnerung und Mahnung – so belassen, wie ihn die Kommunisten damals gestaltet hatten. Man verlässt diesen Bereich des Nationaldenkmals in dem Gefühl, etwas völlig Surreales gesehen zu haben. Wie konnte das alles nur geschehen? (DD)

Die Geburt der Nationalhymne

Der Park Fidlovačka. Am Rande des Stadtteils Nusle. Wenig oder gar nichts deutet darauf hin, wie eng dieser Ort mit der tschechischen Nationalhymne verbunden ist. Aber hier befindet sich der fiktive Ort ihrer Geburt.

Nun, diese Nationalhymne war ursprünglich nur ein Lied aus der Theaterkomödie Fidlovačka aneb Žádný hněv a žádná rvačka (wörtlich: Fidlovačka, keine Wut und keine Schlägerei; im Deutschen aber meist als „Das Schusterfest“ übersetzt) des böhmischen Dramatikers Josef Kajetán Tyl, der sie 1834 erstmals im Ständetheater aufführen ließ (früherer Beitrag hier).

Fidlovačka (eigentlich die tschechische Bezeichnung für ein Werkzeug zur Lederpolitur) war die Bezeichnung für eine Wiesenaue am Ufer des Botič, auf der im 19. Jahrhundert das berüchtige Frühlingsfest der Schustergesellen stattfand. Dort strömten Anfang Mai Volkmassen aus ganz Prag herbei, um sich mal so richtig volllaufen zu lassen. Es muss dabei recht derb zugegangen sein. Der heutige Park bildet nur noch einen Teil des ursprünglichen Areals. Tyls leichte Komödie Fidlovačka, die sich um die Liebe des Müllers Jeník zur schönen Liduška dreht, deren böse Tante (am Ende vergeblich) eine andere Partie für sie will, spielt vor dem Hintergrund des Festes. Allerdings brachte der tschechisch-patriotisch gesonnene Tyl (seine Büste aus dem Nationaltheater sieht man oberhalb rechts) , der sich später auch an der 1848er Revolution in Prag beteiligte, ab und an kleine politische Spitzen ein. So ist der Mitbewerber um die Hand der schönen Liduška ein deutscher Baron Dudek, der kaum Tschechisch spricht und auch sonst überaus einfältig ist.

Der Höhepunkt ist jedoch ein Lied, das im Stück der blinde Geiger Mareš singt: Kde domov můj (Wo ist meine Heimat?) Vertont wurde es für das Stück von dem Komponisten ‎František Škroup (hier das Lied aus der Verfilmung des Stücks im Jahre 1930, gesungen von Otakar Mařák). Zusammen mit der Darstellung der Deutschen wurde das Stück zum patriotischen Fanal und das Lied, das die Heimat Böhmen besang, die inoffizielle Hymne all derjenigen, die der Fremdherrschaft der Habsburger kritisch gegenüber standen. Das Lied bewahrte seinen Platz in den Herzen der Tschechen (Beispiel hier).

Der Ort, wo der Geiger Mareš im Stück sein Lied singt, befindet sich direkt neben dem damaligen Wiesengelände der Fidlovačka. Es ist die Brauerei von Nusle (Nuselský pivovar). Die gab es schon seit 1694, als sie vom Grafen Jan Josef von Vrtby ins Leben gerufen wurde. Im Jahre 1897, als sie schon lange nicht mehr in gräflichem Besitz war, wurde sie in eine Aktienbrauerei umgewandelt. Ab da ging es aufwärts und bald war dies hier die größte Brauerei in ganz Mitteleuropa. Weder Tyl noch sein Mareš hätten die Braugaststätte, in der das Stück spielte, wiedererkannt. Mit ihren Schornsteinen war die Brauerei zur Industrieanlage geworden. Die wiederum ging in den Zeiten des Kommunismus (1960 wurde sie zur Mälzerei degradiert) vor die Hunde. Zur Zeit arbeiten Investoren an der Wiederbelebung dieses wunderschönen, aber leider auch heruntergekommenen Industriedenkmals.

Und dann ist da noch das Theater am Fidlovačka (Divadlo Na Fidlovačce) am anderen Ende des Parks, in dem heute primär Komödien und Musicals aufgeführt werden. Als es 1921 gegründet wurde, nannte man es Tyl-Theater, womit man einen klaren Bezug herstellte. Stücke von Tyl, darunter auch Fidlovačka, standen hier regelmäßig auf dem Programm. Es war das erste Theater, das in der neuen Tschechoslowakischen Republik eröffnete. Das (1998 nach kommunistscher Verwahrlosung teuer renovierte) Gebäude gehörte damals mit seiner funktionalistischen Architekur zu den avantgardistischsten der Stadt. Bürokratische Nichtigkeiten bei der Betriebsgenehmigung verhinderten 1921, dass das Theater zum dritten Gründungstag der Republik mit Tyls Stück eröffnet wurde. Es eröffnete erst 10 Tage später.

Zu diesem Zeitpunkt war Kde domov můj schon längst die Nationalhymne des nun von den Habsburgern unabhängigen Landes. (DD)

Erste Nobelpreisträgerin – geboren in Prag

Sie ist die historische Ikone der deutschsprachigen Friedensbewegung: Bertha von Suttner. Nicht jedermann weiß, dass sie eigentlich in Prag geboren wurde und das sogar in einem der Prachtpaläste der Altstadt.

Als Bertha Sophia Felicita Gräfin Kinsky von Wchinitz und Tettau wurde sie nämlich 1843 im Palais Kinský (palác Kinských) am Staroměstské nám. 1/12 (Altstädter Ring) geboren – die Rolle der Sozialrebellin und Friedenskämpferin war ihr so nicht in die Wiege gelegt worden.

Aber sehr schnell wurde ihre enorme Willenskraft sichtbar, sich über tradierte Konventionen hinwegzusetzen, etwa als sie 1876 den an Jahren jüngeren Arthur von Suttner gegen den Willen von dessen Familie heiratete (er wurde darob enterbt!), mit ihm eine Zeit lang im Kaukasus lebte, wo sie 1877 die Gräuel des Russisch-Türkischen Krieges sah und ihre publizistische Tätigkeit für den Weltfrieden begann. Sie wollte nun „dem Krieg den Krieg erklären“. Ihr 1889 veröffentlichter Friedensroman Die Waffen nieder wurde in unzählige Sprachen übersetzter Weltbestseller – und verschaffte ihr Ruhm, aber auch nicht wenige politische Gegner, vor allem im deutschnationalen Lager. „Friedens-Bertha“ nannte man sie dort abfällig.

Ihren Ruhm nutzte sie nun, um zahlreiche internationale Friedensorganisationen, etwa die Österreichische Gesellschaft der Friedensfreunde (1891) und die Deutsche Friedensgesellschaft (1892) ins Leben zu rufen und zu unterstützen. Sie organisierte Friedenskonferenzen, darunter die wichtige Erste Haager Friedenskonferenz. Die Ideen der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit und der Abrüstung standen dabei im Mittelpunkt. Immer wieder warnte sie vor der Konflikteskalation zwischen den europäischen Großmächten. Sie starb 1914 – kurz bevor jener Erste Weltkrieg begann, vor dem sie immer gewarnt hatte.

An ihrem Geburtsort, dem Palais Kinský (wir berichteten hier), hat man sich erst 2006 ihrer angenommen, als die Gedenktafel mit Büste im Eingangsbereich des Kinský Palastes in Gegenwart Prominenter aus der Politik enthüllt wurde. Sie ist das Werk des Malers und Bildhauers Jan Hendrych, der übrigens in den Zeiten des Kommunismus einen Suttner fast ebenbürtigen Grad an Widerständigkeit gezeigt hatte und wegen seiner Proteste gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 nur noch als Restaurator, nicht aber als Künstler arbeiten durfte – bis ihm 1989 die Samtene Revolution wieder die Freiheit schenkte.

Die Tafel erinnert in Tschechisch und in Englisch daran, dass mit Bertha von Suttner hier im Kinský Palast die erste Frau geboren wurde, die einen Nobelpreis erhielt. 1904 sprach man ihr den Friedensnobelpreis zu – jenen Preis, dessen Stiftung sie selbst mit angeregt hatte als sie 1876 für kurze Zeit bei Alfred Nobel als Privatsekretärin arbeitete. Für viele Bewunderer war sie die Erfinderin und Nobel „nur“ der Finanzier des Preises. (DD)

Maria, Sonne und Mond

Die Wiederaufstellung der 1918 zerstörten Mariensäule auf dem Altstädter Ring war, wie wir zuletzt berichteten, seit langem ein historisch-politischer Zankapfel. Vielen Tschechen galt sie als ein Symbol der Fremdherrschaft der Habsburger und der gewaltsamen Rekatholisierung des Landes nach der verlorenen Schlacht  am Weißen Berg von 1620. So ganz falsch war das nicht, denn Anhänger der kaiserlich-katholische Seite nutzten die Säule tatsächlich recht häufig als Symbol ihres Triumphes über die Protestanten. Ein hübsches Beispiel dafür ist das Haus zur Steinernen Säule (dům U Kamenného sloupu) in der Úvoz 160/24 im Burgbezirk unterhalb des Klosters Strahov.

Ursprünglich stand hier etwas oberhalb der Kleinseite ein kleiners Gebäude im Renaissancestil aus dem Jahre 1562, das 1590 auf den heutigen Umfang erweitert wurde. Von diesen früheren Bauphase kann man heute von außen fast nichts mehr erahnen. Denn im Jahre 1697 erwarb der Maler und Architekt Christian Luna das Haus und baute es nach seinem Geschmack im Barockstil um – im Kern so, wie wir es heute sehen. Luna war ganz und gar Parteigänger der Habsburger und der katholischen Sache. Sein berühmtestes Werk war der Bau eines Wallfahrtsorts auf Bílá Hora (dem Schlachtfeld von 1620) mit der Kirche Maria vom Siege (Kostel Panny Marie Vítězné), die den Triumph über die böhmischen Aufständischen feierte und über die wir bereits hier berichteten.

Luna war es, der daher die Mariensäule auf der Mitte der Fassade seines Hauses anbrachte, die ja in Prag als das zentrale und umstrittendste Symbol des Triumphes galt. Das geschah im Zuge einer Bauerweiterung im Jahre 1706 bis 1708. Die Positionierung der von ihm selbst entworfnen Säule ist originell und macht das Haus erst so richtig auffällig. Die Marienstatue wurde übrigens nicht aus Stein gemeißelt, sondern aus Holz und Stuck angefertigt wurde. Die Säule selbst ist aber aus Stein, weshalb die Inschrift auf dem Sockel Lapidea Columna (Steinerne Säule) auch korrekt ist. Es handelt sich bei dem Ganzen nicht um eine exakte Kopie des Werks auf dem Altstädter Ring. Der das von Maria besiegte Böse (die Protestanten und Antihabsburger?) verkörpernde Drache, der hier von Maria niedergetreten wurde, ist meines Erachtens viel putziger und lebensechter gelungen als der auf der Säule auf dem Altstädter Ring (großes Bild oben). Auf jeden Fall ist klar, dass Luna hier ein politisch-religiöses Statement abgab.

Die Anspielung auf die Altstädter Mariensäule wird noch deutlicher, wenn man den kleinen eingelassenen Stuckrahmen unter der Säule sieht. In den Dimensionen entspricht er dem sogenannten Palladium Böhmens, einer Marienikone, die einst dem Heiligen Wenzel, dem Nationalpatron des Landes, gehört hatte. Eine Kopie des Palladiums war auch im Podest unter der Säule des Altstädter Rings deponiert. Leider ist die Malerei auf Lunas Haus in dem kleinen Rahmen seit langer Zeit verschwunden, aber sie stellte wohl eine Nachempfindung der Marienikone des Palladiums dar, was den Bezug zur Säule unten auf dem Altstädter Ring noch einmal vertieft.

Neben der Mariensäule sind es zwei andere skulpturale Elemente, die das Gebäude auffallen lassen, nämlich die an beiden Ecken auf Höhe des ersten Stocks angebrachten Büsten von Mond und Sonne (die entsprechenden lateinischen Beschriftungen lauten Luna und Sol). Beide Büsten wurden wahrscheinlich ungefähr zur gleichen Zeit wie die Mariensäule um 1708 von der Werkstatt des Bildhauers Johann Brokoff angefertigt, der wir auch viele der Statuen auf der Karlsbrücke verdanken. Die Gegenüberstellung der Allegorien von Sonne und Mond waren im Zeitalter des Barock sehr beliebt, wie das Beispiel hier zeigt.

Ob Luna bei der Anbringung der Luna an Luna gedacht hat – ein Wort-Bild-Witz, sozusagen? Das wissen wir nicht. Auf jeden Fall lebten seine Nachfahren hier noch bis 1846. Dann wurde das Haus an einen neuen Besitzer verkauft, der innen einige Änderungen verlasste. Im 20. Jahrhundert wurde im Haus ein Museum mit Bibliothek zu Ehren des berühmten Schriftstellers Jaroslav Vrchlický (wir berichteten über ihn hier) eingerichtet, das hier bis 1953 existierte. Heute wird das Haus auch museal genutzt. Die Josef Sudek Galerie hat hier heute ihren Sitz. Sie ist ein Ableger des Kunstgewerbemuseum (Uměleckoprůmyslové museum; siehe auch hier), der sich dem Werk des berühmten Photographen Josef Sudek widmet. (DD)

Maria als Zankapfel

Dass eine Mariendarstellung über ein Jahrhundert lang ein politischer Zankapfel sein kann, der die Gemüter zur Wallung bringt, kommt nicht oft vor – ist doch die konfessionelle Spaltung Europas früherer Jahrhunderte durch den Geist der Ökumene gebändigt worden. Aber die Prager Mariensäule (Mariánský sloup) auf dem Altstädter Ring (Staroměstské náměstí) hat sich ihren Status als Zankapfel bewahren können. Nach langen und heftigen Streitereien darf sie seit diesem Sommer wieder den Platz schmücken.

An diesem Fall kann man das Auf und Ab der Geschichte des Landes hautnah studieren. Ursprünglich wurde sie am 22. Juni 1650 auf Geheiß von Kaiser Ferdinand III., einem Habsburger, hier aufgestellt. Einer der berühmtesten böhmischen Bildhauer der Zeit, Johann Georg Bendl, hatte sie entworfen und künstlerisch sehr gelungen gestaltet. Zwei Jahre zuvor wurde der Dreissigjährige Krieg, der ja 1618 von Prag ausgegangen war, beendet. Noch ganz zum Schluss, 1648, hatten die Schweden erfolglos versucht, die Stadt einzunehmen und wurden zurückgeschlagen. Die Statue auf der Säule sollte dies feiern. Soweit, so gut, und auch nicht ungewöhnlich.

Aber irgendetwas war schon anders. Um es zu verstehen, beginne man mit der lateinischen Inschrift auf dem Sockel, der auf Deutsch etwa lautet: „Der ohne Makel der Erbsünde empfangenen jungfräulichen Gottesmutter errichtete der Kaiser aus frommem und gerechtem Dank für die Verteidigung und Befreiung der Stadt dieses Standbild.“ Ja, die Verteidigung gegen die Schweden war etwas, dass man durchaus ungeteilt feiern konnte. Aber die Befreiung? Jetzt kommt die Position der Säule ins Spiel. Die Maria, die eine geflügelte Drachengestalt als Symbol des Bösen niedertritt, schaut genau auf jene Stelle des Platzes, die heute mit 27 Kreuzen markiert ist – den Ort der brutalen Hinrichtung der Anführer des Böhmischen Ständeaufstandes von 1618, die im Juni 1621 stattfand. Mit diesem Aufstand wollten die Repräsentanten Böhmens die Freiheit des Landes vor den absolutistischen Bestrebungen des Habsburgers Ferdinand II. schützen. Das leitete zunächst den Dreissigjährigen Krieg und danach eine Periode der religiösen Unfreiheit und den Verlust der staatlichen Eigenständigkeit Böhmens ein, die durch das blutige Spektakel der Hinrichtungen eingeleitet wurde..

Als „Temno“ – die Finsternis – bezeichnete die nationale Geschichtsschreibung später diese Zeit. Man nahm – wohl nicht ganz ohne Grund – an, dass Maria hier die zuvor freien Böhmen und die Protestanten als „Monster“ niedertritt und sich an dem Anblick des Hinrichtungsortes die Augen weidet. Und noch lange Zeit wurden auch andernorts in Böhmen Mariensäulen errichtet, die dem Muster der Säule auf dem Altstädter Ring im wesentlichen folgten, und die immer auch als Loyalitätsbezeugung zum Herrscherhaus galten – wie etwa diese hübsche, im Jahr 1813 entstandene Mariensäule (kleines Bild oberhalb) vor dem Rathaus im Stadttteil Dolní Počernice.

Diese Sicht, die Säule als bloße Herrschaftslegitimierung zu betrachten, greift insgesamt natürlich zu kurz und mag überzogen sein. Säulen dieses an für sich „unpolitischen“ Typus gab es ja auch außerhalb des Habsburgerreichs. Und tatsächlich war später die Säule eher ein Ort der genuinen Volksfrömmigkeit statt der triumphalistischen Rachsucht. Wie hoch die Emotionen aber trotzdem gingen, zeigte sich noch im Juni 2019 – am Jahrestag der Hinrichtungen der Aufständischen – bei einer Demonstration, bei der die Teilnehmer Schilder mit Namen der Hingerichteten hochhielten und statt der Wiedererrichtung der Mariensäule ein Denkmal für die Opfer forderten.

Die Mariensäule war ja schon am 31. Oktober 1918 vom Platz verschwunden. Drei Tage zuvor hatte die Tschechoslowakei ihre Unabhängigkeit vom Habsburgerreich erklärt. Auf dem Altstädter Ring fanden riesige Freudendemonstrationen statt. Jetzt marschierten sozialistische Aktivisten unter der Führung des Arbeiterschriftstellers František „Franta“ Sauer (der angeblich, inzwischen wohl fromm geworden, seine Tat 1947 auf dem Totenbett bereute) zur Mariensäule und zerstörten sie nach einigen kleineren Rangeleien mit katholischen Gläubigen. Nur Fragmente (kleines Bild links) konnten noch gerettet werden, die dann im Lapidarium, der Steinskulptursammlung des Nationalmuseums, landeten. Den Kopf der Maria fand man noch 1957 in einem Prager Antiquitätenladen. Bürgerliche Politiker der jungen Republik unterstützten den Abbruch offziell nicht, äußerten aber im Nachhinein Verständnis. Präsident Tomáš Garrigue Masaryk fasste die Reaktion zusammen, als er meinte, eigentlich sei es gut, dass die Mariensäule verschwunden sei, weil „die Statue für uns eine politische Demütigung war.“

Und niemand dachte später daran, die Säule wieder aufzurichten – weder die Republik, noch die Nazis und schon gar nicht die staatsatheistischen Kommunisten. Die Diskussion darüber wurde erst wieder möglich, als 1989 der Kommunismus fiel und Demokratie samt Meinungsfreiheit Einzug hielten. Im April 1990 wurde in Prag die Gesellschaft für die Wiedererrichtung der Mariensäule (Společnost pro obnovu Mariánského sloupu na Staroměstském náměstí v Praze) mit immerhin rund 500 Mitgliedern gegründet, die emsig und beharrlich für den Wiederaufbau agitierte. Sie konnte darauf hinweisen, dass die religiösen Grabenkämpfe, die zur Zerstörung führten, überwunden sei, die Säule aber aus stadt- und denkmalpflegerischen Gründen einfach an ihren Platz auf dem Altstädter Ring gehörte.

Und dafür gab es gute Gründe. Einer war eher unpolitisch. Auf dem Platz befindet sich eine berühmte Sehenswürdigkeit, nämlich der Prager Meridian (wir berichteten hier), der eigentlich als Zeitmesser die Mittagsstunde anzeigen sollte, und zwar wenn der Schatten der Spitze der Säule genau darauf fiel. Kurz: Seit 1918 war der Meridian zwar die ganze Zeit da, aber in Sachen Zeitbestimmung doch irgendwie nutzlos. Auf dem Bild links, das während der Aufbauarbeiten für die Säule im April 2020 entstanden ist, sieht man, wie sich das gerade ändert. Der bronzene Meridian läuft zentral auf den Sockel der Säule hin.

Aber es gibt auch einen geschichtspolitisch relevanteren Grund, den man anführen kann, und der vielleicht sogar diejenigen überzeugen konnte, die die Mariensäule als ein Symbol von Unterdrückung und Schande sahen. Denn es hatte schon einmal eine subtile Art des Protestes gegen die Säule gegeben, als diese noch stand, nämlich das Denkmal für Jan Hus, dem Frühreformator der Tschechen, der 1415 auf dem Konzil von Konstanz den Märtyrertod starb (wir berichteten hier). Zu seinem 500. Todestag wurde 1915 das gigantische, ja überdimensionierte (Gegen-) Denkmal des Bildhauers Ladislav Šaloun von tschechischen Nationalisten und unter dem Missmut der Obrigkeit errichtet. Der überlebensgroße Hus blickte damals grimmig die Säule mit der Maria an, die wiederum triumphierend die Hinrichtungsstätte von 1621 anschaute. Nach der Zerstörung der Mariensäule schaute Hus ins Leere und im Grunde war damit auch ein historisches Geflecht von Aktion, Reaktion und Gegenreaktion zerstört. Mit dem Wiederaufbau de Säule konnten nun historische Sinnzusammenhänge wieder sichtbar werden. Und Jan Hus hat, wie man oberhalb rechts sieht, wieder etwas, das er böse anschauen kann. Hus und Maria bedingen irgendwie einander…

Treibende Kraft der Bewegung zur Wiederaufstellung wurde der Bildhauer Petr Váňa, der 1997 damit begann, in Eigeninitiative eine genaue Replik der Mariensäule herzustellen, die dann am Originalort aufgestellt werden sollte. Anträge für eine Genehmigung zur Aufstellung lehnte der Rat wegen massiver Protest lange Zeit ab. Váňa blieb hartnäckig und machte mit großen PR-Aktionen – er ließ unter anderem die fertige Säule auf einem Boot die Moldau hinauffahren – sein Anliegen publik. 2013 genehmigte der Rat die Aufstellung zwar aus Gründen der Stadtbildpflege, aber das Ordnungsamt weigerte sich lange, die zum Aufbau des bereits fertigen Denkmals nötige Absperrung zu genehmigen. 2017 kippte eine neue Ratmehrheit die Genehmigung. 2019 versuchte darob Váňa, die Säule illegal in einer Art „Guerilla-Aktion“ aufzustellen, woran ihn die Polizei aber hinderte. Schließlich kam im Januar 2020 wieder eine Genehmigung (weil sonst das Ganze endgültig zur Posse geworden wäre), die dann auch durchgesetzt wurde.

Dem war übrigens ein versöhnliches und sehr ökumenisch gedachtes Signal vorausgegangen. Die nach den Hinrichtungen von 1621 zwangskatholisierte (und heute immer noch kaltholische) Teynkirche, die neben dem Denkmal steht, und die zuvor den Hussiten gehörte, wurde 2018 wieder mit dem hussitischen Symbol des Kelchs an der Fassade versehen – ein Akt der Versöhnung und vielleicht auch der Abbitte seitens der katholischen Kirche. So wurde endlich ein Klima vorbereitet, in dem nicht mehr ererbte nationale oder religiöse Konflikte, sondern denkmalpflegerische und städtebauliche Aspekte die Oberhand behielten. Kurz: Am 4. Juni 2020 konnten Váňa und seine Mitstreiter den Abschluss der Aufstellung der Mariensäule vermelden.

Noch einige Worte zur Gestaltung der Säule selbst: Die Säule steht auf einem Sockel, der wiederum auf einem fast tischförmigen Podest ruht. In dem freien Raum darunter befand sich ursprünglich die Kopie eines Marienbildes aus Stará Boleslav, das einst dem böhmischen Nationalheiligen Wenzel gehörte und als Palladium Böhmens bekannt ist – als Schutzheiligtum des Landes. Dadurch wurde eine geschickte Verbindung des durch die Säule symbolisierten Herrschaftsanspruchs der Habsburger und der politisch-religiösen Traditionen der Tschechen erreicht. Tatsächlich trug das Marienbild dazu bei, viele Prager mit der Säule zu versöhnen und zum Gegenstand von Völksfrömmigkeit zu machen. Man hat nun keine genaue Kopie, aber doch eine Marienikone hier wieder eingefügt – geschützt durch ein vergoldetes Gitter.

Was zur Zeit noch nicht wieder aufgebaut ist, sind die vier überlebensgroßen Statuen, die auf den Pfeilern des unteren Podests standen, und die die vier Kardinaltugenden repräsentierten, die mit Schwert oder Lanze das Böse bekämpfen (ein Fragment sieht man bei dem Bild vor dem Lapidarium weiter oben). Eine von ihnen wurde 1757 bei der Belagerung Prags durch die Preußen durch eine Kanonkugel zerstört und erst 1858 durch den Bildhauer Josef Edgar Böhm wiederhergestellt. Se harren noch der Aufstellung. (DD)