Dem großen Ökonomen gewidmet

Wenn der Staat etwas Gutes tun will und zum Beispiel die Grundsteuer für reiche Wohnungsbesitzer erhöht, kann es sein, dass der Vermieter die Erhöhung auf die (möglicherweise armen) Mieter umschichtet, die nun eine höhere Miete zahlen. Gute Absicht, schlechtes Resultat! Steuerüberwälzung nennt der Volkswirt so etwas. Josef Kaizl hat alleine dafür, dass er dieses Phänomen erstmals systematisch erforschte und als Lösung ein möglichst für alle gleiches und einfaches Steuersystem vorschlug, verdient, dass man nach ihm in in Prag einen Park benannte.

Seine Ideen über Steuerüberwälzung legte er 1882 in seinem Buch Die Lehre von der Überwälzung der Steuern dar. Kaizl war ein höchst anerkannter Ökonom. Seit 1879 hatte er eine Professur an der Karlsuniversität inne. Sein zweibändiges Handbuch Finanční věda (Finanzwissenschaft) von 1888 blieb in den böhmischen Ländern lange ein Standardwerk. Darüber hinaus war er auch eine politisch bedeutende Figur im Lande. Als Mitglied der Jungtschechischen Partei (Mladočeši) – bisweilen auch Freisinnige Nationalpartei (Národní strana svobodomyslná) genannt – wurde er 1885 Mitglied im Reichsrat (Abgeordnetenhaus) der östereichischen Reichshälfte (Cisleithanien) des Habsburgerreiches. Über lange Zeit blieb er eine unumgehbare blieb Größe in der böhmischen Politik. Schließlich, in den Jahren 1898 bis 1899 war er sogar Finanzminister in der Regierung unter Franz von Thun und Hohenstein – ein Amt, das vor und nach ihm im Habsburgerreich kein Tscheche innehaben sollte! Mit seinem realistischen und gemäßigten Einsatz für mehr Rechte für die Tschechen im Reich wurde er zum Lehrmeister von Tomáš Garrigue Masaryk, dem Präsidenten der Ersten Tschechoslowakischen Republik, dessen Ideen Kaizls liberalem und demokratischem Nationalismus sehr ähnelten.

Der nach ihm benannte Kaizl Park (Kaizlovy sady) mit einer Größe von 1,6 Hektar wurde bereits 1901, dem Jahr des Todes des Ökonomen und Staatsmannes durch den Architekten Julius Krýs angelegt – was zeigt, welchen Eindruck Kaizl auf die Zeitgenossen gemacht hatte. Der Park liegt im Stadtteil Karlín (Prag 8) in Sichtweite der alten barocken Invalidenanstalt (Invalidovna), über das wir bereits hier berichteten. Das Gebäude kann man durch die Bäume ganz in der Nähe sehen und es trägt zum Reiz des Ortes bei.

1952 waren die Kommunisten in der Tschechoslowakei schon vier Jahre an der Macht. Erst dann merkten sie anscheindend, dass Kaizl ein waschechter Markttliberaler war, der um der ideologischen Reinheit Willen unter Kommunisten nicht Namensgeber eines großen Parks sein durfte. Man nannte die Grünanlage also in Haken Park (Hakenovy sady) um. Der Namenspatron war nun Josef Haken, ein Mitbegründer der Kommunistischen Partei (1921) in der Zeit der Ersten Republik. Das war ein weltanschauliches Kontrastprogramm erster Güte. In der Zeit des Kommunismus wurden einige kleinere Veränderungen an der Parkanlage vorgenommen. Vor allem wurde 1964 die recht nett anzuschauende Statue eines sitzenden Mädchens in der Parkmitte aufgestellt. Sie ist das Werk des Bildhauers Břetislav Benda, einem Schüler von Josef Václav Myslbek, dem Schöpfer der großen Wenzelsstatue auf dem Wenzelsplatz.

Auch ein kleiner Teich, der in Beton gefasst ist, wurde im Park angelegt. Aber über die Jahre wurde der Park (auch nach Ende des Kommunismus) ein wenig vernachlässigt. Immerhin benannte man ihn schon 1991 in Kaizl Park um, um den großen Ökonomen und Staatsmann zu ehren. 2010 und 2011 renovierte man dann den Park grundlegend und legte teilweise neuen Baumbestand an.

Der Park ist nun eine schöne Ruheoase für die Bürger der Umgebung. Er passt sich auch gut in das prachtvolle architektonische Umfeld ein. Dieser Teil von Karlín ist von wunderschönen Jugendstilhäusern geprägt, die vom wirtschaftlichen Auftsieg der damals noch außerhalb Prags liegenden Gemeinde zeugt, der Anfang des 20. Jahrunderts zu beobachten war.

An Kaizl selbst erinnert fast nichts in dem Park – außer dem Namen. Vielleicht könnte ihm doch irgendwann ein kleines Denkmal in seinem Park gewidmet werden. Wer so etwas sehen will muss daher entweder die Böhmerwald gelegene Kleinstadt Volyně besuchen, wo er 1854 geboren wurde. Dort errichtete man ihm schon 1903 (zwei Jahre nach seinem Tode) eine Gedenkbüste.

Wer in Prag seiner gedenken will, kann immerhin sein Grab besuchen, auch dem sich allerdings ebenfalls kein Portrait Kaizls befindet. Es ist aber ein sehr kunstvolles Grab an einem bedeutenden Ort, der Promenadengalerie des Nationalfriedhofs auf dem Vyšehrad. Das Grab wurde von dem bedeutenden Bildhauer Bohumil Kafka (kein Verwandter von Franz Kafka!) in einem symbolistischen Jugendstil gestaltet. Es stellt eine auf einem Steinsockel befindliche bronzene Engelsgestalt als Umarmung der Liebe und des Todes (Objetí lásky a smrti) dar. Der Engel soll dem Ausehen der Tochter Kaizls nachempfunden sein. (DD)

Präsidentenkarosse

Heute wäre Václav Havel 85 Jahre alt geworden. Der Schriftsteller, Dramatiker und Dissident, der 1989 nach dem Fall des Kommunismus der erste demokratische Präsident des Landes wurde, prägt die Politik in Tschechien bis heute. Wenn man verstehen will, warum Havel bis heute als die Verkörperung demokratischer und liberaler Werte so sehr verehrt wird, könnte ein Besuch beim Technischen Nationalmuseum (Národní technické muzeum) möglicherweise erhellender sein als jede politische Präsentation. Man muss sich dort nur nach dem unscheinbarsten Ausstellungsstück umschauen.

Nichts sieht irgendwie besonders präsentationswürdig an dem PKW des Typs Renault 21 TSE aus, aber die Geschichte dahinter ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Seit Mitte der 1990er Jahre steht er hier im Museum und das Besondere ist: Dieses Auto gehörte Václav Havel, ja es diente sogar als präsidentielle Staatskarosse zu Beginn seiner Präsidentschaft. Im November 1989 war die Samtene Revolution ausgebrochen und das kommunistische Regime kollabierte innerhalb kürzester Zeit. Die Demokratiebewegung war nur wenig institutionell konsolidiert und musste bei der Übernahme der Verantwortung anfänglich viel improvisieren.

Aber es gab auch Hilfe. Zu den hilfreichen Geistern gehörte u.a. auch der portugiesische Präsident Mário Soares. Der Sozialist hatte zuvor als erster demokratisch gewählter Ministerpräsident 1976 sein Land nach langer Militärdiktatur in die Freiheit geführt und unterstützte von vornherein die Bestrebungen Havels und seines Dissidentenkreises. Im November trat er als Schirmherr einer Aktion auf, bei der Jugendliche aus Porto 50.000 Rosen nach Prag brachten, um die Revolution symbolisch zu unterstützen. Am 28. Dezember kam er selbst nach Prag, um die Wahl Havels zum Präsidenten am nächsten Tag mitzuerleben. Er war das erste westliche Staatsoberhaupt, das der nunmehr freien Tschechoslowakei einen Besuch abstattete. Als Havel gewählt worden war, stellte sich heraus, dass der keine präsidentielle Limousine hatte, oder besser: Es gab zwar welche, aber die waren sowjetische Protzkarren vom Typ ZiL-41045, die so sehr ein visuelles Symbol des alten Regimes waren, dass Havel sie auf keinen Fall benutzen wollte. Als Soares das Problem mitbekam, reagierte er schnell. Er rief den lokalen Repräsentanten von Renault an und am nächsten Tag hatte Havel eine „Staatskarosse“.

Nun ist der R 21 nicht wirklich eine Staatskarosse, sondern ein doch eher unscheinbarer Mittelklassewagen. Aber gerade das schien Havel zu gefallen. Ohne Chauffeur nutzte er den Wagen immer noch über die nächsten Monate, obwohl er bis dahin schon längst ein Gefährt im Luxussegment hätte fahren können, so wie dereinst Tomáš Garrigue Masaryk, der erste demokratische Präsident der Republik nach 1918, dessen prachtvoller (aber nicht auch übertrieben prachtvoller) Staatswagen von Typ Tatra 80 aus dem Jahr 1935 (Bild links) nur wenige Meter entfernt von Havels Renault steht.

Havels neuer Renault stand für den Abschied vom roten Staatsbonzentum. Und es war ein westliches Auto. Und schon aus Trotz gegenüber den Kommunisten hatte Havel schon als junger Dissident sich gerne westliche Autos besorgt (was nicht immer leicht war). 1964 war sein erstes Auto ein französischer Simca 1000. Als 1968 mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts den Prager Frühling beendet wurde, besaß Havel gerade einen deutschen Mercedes W114. Wegen seines Protestes gegen die Unterdrückung der neugewonnen Freiheiten erhielt er Berufsverbot als Schriftsteller und musste eine zeitlang als Lagerarbeiter in einer Brauerei arbeiten. Den leitenden Funktionären dort missfiel es ungeheuer, dass der Lagerarbeiter neben ihren Autos mit sichtlicher Freude ein viel größeres und prestigeträchtigeres Auto auf dem Firmenparkplatz abstellte. Er musste sich bald einen Parkplatz außerhalb des Geländes suchen… Havel und seine Autos – das war immer auch eine Frage der Politik. Der bescheidene Renault im Technikmuseum führt das dem Betrachter auf sympathische Weise vor. (DD)

Tyrš mit Fügner in der Fassade

Der gebogene Straßenzuschnitt und eine auf Rundbögen ruhende Eisenbahntrasse direkt vor der Tür haben nicht nur dazu geführt, dass das Gebäude einen eigenwillig asymmetrischen Zuschnitt hat. Vor allem kann es optisch seine Pracht so kaum mehr entfalten. Die symbolisiert daher zunächst nur der weit oben auf dem Dachgiebel seine Schwingen entfaltende Falke.

Die Rede ist von der Sokolovna in der Malého 319/1 im Stadtteil Karlín – ein recht ansehnliches Bauwerk im Stil der Neorenaissance, dessen Verbleib im architektonisch unverdienten Aschenputteldasein sich schön durch die mit Teleobjektiv gemachte Aufnahme von der Höhe des Vítkovberges erklären lässt (Bild links). In der Tat: Das Gebäude ist schon recht eingepfercht worden!

Die eigentliche Pracht lässt sich wiederum mit dem Bauherrn erklären. Die Sokolovna in Karlín gehörte, wie der Name bereits suggeriert, dem Turnerbund Sokol (das tschechische Wort für Falke, daher der Falke auf dem Dach!). Der war, als er 1862 von Miroslav Tyrš gegründet wurde, nicht nur etwas für Freunde des Sports, sondern das eigentliche Rückgrat der tschechischen Nationalbewegung, die sich für mehr Selbstbestimmung und Freiheit im Habsburgerreich einsetzte (siehe auch früheren Beitrag hier). Jeder patriotische Tscheche, der etwas auf sich hielt, war Mitglied beim Sokol – ganz egal, ob er wirklich der fitte Typ war oder eher eine Couch Potato. Bedeutende Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Jan Neruda, der erste Präsident der Tschechoslowakischen Republik Tomáš Garrigue Masaryk, sogar Frauen (für deren Rechte man sich im Sokol auch einsetzte) wie die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Karolina Světlá, wirkten im Sokol mit.

Dieses lokale Sokol-Gebäude wurde 1886/67 von dem Architekten Josef Blecha erbaut, der in Karlín sein eigenes Bauunternehmen besaß. Es folgt den damals modernen Vorgaben der Renaissance bei der Gestaltung der Fassade – etwa durch die Strukturierung vermittels Pilastern oder dem hübschen Giebel und seinem kraftvoll wirkenden steinernen Falke mit der Aufschrift „Sokol“ darunter. Die Sporthalle drinnen wurde in den 1920er Jahren im Art Déco-Stil umgebaut, aber draußen blieb der Eindruck des Originalgebäudes erhalten.

Wie die meisten Sokol-Gebäude, die das ganze Land überziehen, wird auch hier der Gründer Miroslav Tyrš prominent verewigt. Seine Portraitbüste findet sich in einer Nische oben an der Fassade des zweiten Stocks (Bild rechts) – eingerahmt von einer opulenten Kartusche. Das Ulkige an Tyrš ist übrigens, dass er, der er die größte Nationalbewegung der Tschechen gründen sollte, eigentlich deutschstämmig war, und im realen Leben Friedrich Tiersch hieß.

Gegenüber auf der anderen Seiter der Fassade befindet sich – geradezu gleichberechtigt – die Büste von Jindřich Fügner (Bild links). Das musste sein, nicht nur weil Fügner einer der engsten Mitstreiter Tyrš’s war, sondern auch Gründer der Prager Sektion und zugleich Erbauer der ersten Turnhalle in Prag überhaupt. Ihm wird besonders positiv zugeschrieben, dass er sich dafür einsetzte, dass sich die Turnerbewegung nicht nur national, sondern vor allem auch liberal und demokratisch ausrichtete. Das setzte sie am Ende deutlich von der deutschen Turnerbewegung des antisemitisch angehauchten Turnvaters Jahn ab. (DD)

Wo der rosa Panzer stand, fällt nun die Zeit

Für mich kann er den rosa Panzer nicht vollwertig ersetzen. Aber bemerkenswert ist er schon, der Falltür der Zeit (Propadliště času) genannte Brunnen auf dem Kinský-Platz in Smíchov (Prag 5).

Beginnen wir doch erst einmal mit der Geschichte. Der Brunnen, der von dem prominenten Architekten Jan Lauda gestaltet wurde, befindet sich hier seit dem Oktober 2002. Als der Platz 1894 hier ausgebaut wurde, stellte man den aus einem nahegelegenen Park verpflanzten barocken Bärenbrunnen (Medvědí kašna) auf, der mittlerweile wieder an seinem originalen Standort steht (wir berichteten). Warum verschwanden die Bären? Nun, 1948 gelangten die Kommunisten an die Macht. Die stellten hier ein Denkmal für die sowjetischen Panzertruppen, bei dem ein echter Sowjetpanzer auf einem Steinsockel stand. Die Rote Armee hatte angeblich am 9. Mai 1945 Prag von den Nazis befreit . Das stimmte nicht ganz, weil sich die deutsche Truppen schon am Vortag vor den tschechischen (und nicht-kommunistischen) Truppen des Prager Aufstandes (siehe auch hier, hier und hier) ergeben hatten. Aber das nahm man nicht ganz krumm, weil bei den Kämpfen um Prag schließlich doch viele Sowjetsoldaten ihr Leben verloren hatten und man ihrer durchaus gedenken durfte. Aber nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 wurden Sowjetpanzer generell in einem anderen Licht gesehen, nämlich als Instrument kommunistischer Unterdrückung.

Es kam das Ende des Kommunismus von 1989. Das Panzerdenkmal blieb erst einmal stehen. Aus Protest bemalte jedoch 1991 der Künstler David Černý, das anarchische enfant terrible der Prager Kunstszene, über dessen Werke wir schon unter anderem hier, hier, hier und hier berichteten, den Panzer rosa, womit er erst eigentliche Berühmtheit erlangte. Die Stadt bemalte ihn wieder in den Originalfarben und brummten Černý eine Strafe auf, dann malten ihn antikommunististische Abgeordnete (die Immunität genossen) wieder an. Nach einigem Hin und Her – worüber wir berichteten – kam der Panzer in das in das 20 Kilometer entfernte Militär Museum Lešany, wo man ihn heute noch (in rosa!) bewundern kann.

Was blieb, war die Lücke, die der Abriss des Denkmals für die sowjetischen Panzer hinterließ. Und die füllt eben seit der 2002 dieser Brunnen. Der runde Brunnen besteht hauptsächlich aus zwei großen halbrunden, grob behauenen Steinplatten. Sie stammen übrigens aus einem Granit-Steinbruch nahe der nordböhmischen Stadt Liberec . Die Botschaft dahinter ist eine eher versöhnliche: Das zwischen den Steinen hinwegfließende Wasser verschlingt die Taten der Menschen und führt zu sanftem Vergessen. Die Fontäne wird durch 64 Düsen bewirkt.

Nachts wird das Ganze von Lampen (40 Stück) erhellt. Rundum den Brunnen gibt es kleine Fontänen und in der „Schlucht“ zwischen den beiden Steinen schießt ab und an eine 8 Meter Hohe Fontäne hinauf in die Luft. Das macht sich vor der Fassade des dahinter befindlichen Justizpalastes recht beeindruckend. Ganz zum Vergessen führt der Fluss des Wassers nicht. Man kann nämlich am Rande noch Teile der alten Mauereinfassung und Sockel des früheren Sowjet-Panzerdenkmals sehen. Irgendwie muss man – der Schönheit des neuen Brunnens zum Trotz – dann doch wieder an den rosafarbenen Panzer denken, der einfach zu witzig war. (DD)

Das große Rathaus auf der Kleinseite

Prag hat vier alte Rathäuser. Das hier ist das Kleinseitner Rathaus, das im Tschechischen Malostranská Beseda genannt wird. Das „Beseda“ bedeutet soviel wie Gespräch, Plauderei oder gemütliches Beisammensein und wird in Tschechien häufig im Zusammenhang mit Rathäusern verwendet. Idealerweise soll ja der Rat auch der Platz sein, wo man die Angelegenheiten der Stadt friedlich miteinander im Gespräch regelt.

Warum es vier Rathäuser im alten Prag gibt, wurde bereits andernorts gesagt. Prag im eigentlichen Sinne entstand erst durch die Zusammenlegung von der zuvor eigenständigen Städte Altstadt (Staré Město), Kleinseite (Malá strana), Neustadt (Nové Město) und Hradčany (Burgstadt) im Jahre 1784. Die Kleinseite, die auf dem westlichen Moldauufer liegt, wurde von König Ottokar II., Přemysl im Jahre 1257. Da brauchte man natürlich ein Rathaus. Der Rat tagte zunächst in der heutigen Nikolauskirche. 1407 baute man ein neues Rathaus mitten auf dem Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí), das aber bereits 1420 im Zuge der Hussitenkriege restlos zerstört wurde. Ein Gebäude, diesmal am heutigen Malostranské náměstí. 271/2, wurde in der Folge erworben und bis 1478 genutzt (Bild oberhalb links, das allerdings das Gebäude im heutigen Zustand mit einer Fassade aus dem 19. Jahrhundert zeigt).

In diesem Jahr wurde ein neues Rathaus errichtet und zwar am Malostranské náměstí 35/21, wo noch immer die Malostranská beseda steht. Sie sieht heute natürlich anders aus als damals. Der ursprüngliche Bau war im gotischen Stil erbaut worden. In diesem Bau wurde immerhin ein Stück großer Geschichte geschrieben, als am 14. Mai 1575 sich hier protestantische und utraquistische (moderat hussitische) Ständemitglieder und Stadtvertreter versammelten und dem Habsburger Rudolf II. erfolgreich drohten, ihn nicht zum böhmischen König zu wählen, wenn er nicht religiöse Toleranz gewähre. Die Confessio Bohemica (Böhmische Konfession) wurde die Grundlage der Religionsfreiheit in Böhmen bis zum Dreissigjährigen Krieg. Am heutigen Gebäude erinnert eine Gedenktafel aus dem Jahr 1931 daran.

Erst in den Jahren 1617 bis 1622 wurde im Zuge eines Totalumbaus das gotische Rathaus durch das heute sichtbare Rathaus im Spätrenaissancestil ersetzt, für dessen Pläne sich der österreichisch-italienische Architekt Giovanni Maria Philippi verantwortwortlich zeitigte. Es war damals eines der größeren Rathäuser – größer jedenfalls als das des Burgbezirks, das wir bereist hier vorstellten. Als gegen Ende des Dreissigjährigen Krieges 1648 die Schweden die Kleinseite besetzten, wurde das Rathaus arg verwüstet. Um 1660 wurde es von einem Bürger namens Wilhelm Oppenrieder leicht barockisiert wieder aufgebaut. In dieser Zeit wurde das Wappen der Kleinseite über dem Eingang angebracht – ein Zeugnis des Barocks, einfasst in einer hübschen Kartusche.

Mit der Zusammenlegung der vier Städte 1784 verlor das Gebäude seine Funktion als Rathaus. Hintereinander diente es nun als Finanzamt, Archiv und Gefängnis. Jedes Mal wurde das Bebäude ein wenig angepasst und verlor dabei ein wenig von seinem ursprünglichen Charakter. 1820 kam es arg, als der Architekt Josef Kaur es an den klassizistischen Zeitgeist anpasste und die drei Türme mit ihren charakteristischen Kuppeln entfernen ließ, von denen der mittlere besonders hoch hinaufragte. Das ließ das Ganze etwas optisch verstümmelt zurück. Immerhin führte man es 1868 der Bestimmung zu, die es heute noch innehat, und die irgendwie auch angemessener ist als die Verwendung als Gefängnis. Seither ist das Haus eine Art Kulturzentrum, damals Vereinshaus genannt.

Und Kulturzentrum blieb es bis heute. Vor allem in den Zeiten des Kommunismus etablierte sich hier eine widerständige Kleintheaterszene. Berühmt wurde vor allem das 1967 gegründete Divadlo Járy Cimrmana (Jára-Cimrman-Theater), das allerdings 1992 in den Stadtteil Žižkov umzog. Es widmete sich dem Leben des bedeutendsten Tschechen überhaupt, Jára Cimrman. Der war Schriftsteller, Polarforscher, Wissenschafter, Dramatiker, also das Universalgenie schlechthin. Zu Lebzeiten unbekannt (er verschwand irgendwie um 1914), wurden seine Werke und Errungenschaften ab 1966 erst in Radiosendungen, dann im Theater präsentiert – etwa, dass er die moderne Gynäkologie in den Hochalpen entwickelt habe, oder dass er beinahe als erster Mensch den Nordpol erreicht hätte, wenn ihn nicht sieben Meter vor dem Ziel wilde Eskimos verfolgt hätten. Es gibt immer noch Menschen, die seine historische Existenz bezweifeln. Seine Fans, die in die Theatervorführungen gehen, ficht derartiger zweifel nicht an. Für sie ist er der archetypische Tscheche, der in Zeiten der Unfreiheit sein Genie trotz aller Widrigkeiten zu entfalten trachtet. In der Malostranská beseda gibt es in einem der oberen Stockwerke eine Ausstellung über ihn nebst einer Gedenktafel zur Gründung des legendären Theaters (Bild oberhalb links).

Zwischen 2006 und 2010 unterzog man das Gebäude einer gründlichen Renovierung. In deren Verlauf machte man die Verschandelungen von 1820 rückgängig. Die drei Türme wurden von dem Architekten und Restaurator Vít Mlázovský rekonstruiert, was eine schwierige Aufgabe war, da Originalpläne fehlten und sich die technische Seite des Kuppelbaus als sehr komplex erwies. Das Resultat kann sich sehen lassen. Im Kern sieht man zumindest außen wieder den Zustand, den es bei seiner Umgestaltung im frühen 17. Jahrhundert hatte – ganz im Stil der Renaaissance, wie man auch an den Karyatiden-Pilastern und anderen Elementen der Fassadengesaltung sehen kann.

Drinnen sieht man nur noch wenig, was an Renaissance erinnert, aber insbesondere der Dachboden unter den Türmen, der von großen Holzverstrebungen getragen ist, beeindruckt. Man kann sogar in den mittleren der Türme steigen und eine fabelhafte Aussicht auf die Burg genießen. Der Dachboden wird für Empfänge und Austellungen genutzt. Hier sieht man ein Bild aus einer Ausstellung im August/September 2017 über tschechische Ilustratoren der Werke von Karl May! Der Autor ist immer noch sehr beliebt bei den Tschechen und es gab unzählige großartige Illustratoren von Weltrang, wie etwa Zdeněk Burian

Wie dem auch sei, die Malostranská beseda lebt immer noch als Ort der Kultur. Wer von soviel Kultur erschöpft ist oder seinen Kulturbegriff weiter fasst, der kann im Erdgeschoss bzw. auch im Keller die sehr gemütliche Biergaststätte Malostranská beseda besuchen, wo es (leider kein selbstgebrautes, sondern urquelliges Industriebräu) Bier und recht guten mährischen Wein zu guter deftiger böhmischer Küche gibt. Das sollte man vielleicht außerhalb der härtesten Feriensaison tun, da sich in diesem Teil Prags die Touristen in Massen tummeln. Ob sie immer um die Bedeutung dieses Gebäudes wissen? (DD)

Das kleine Rathaus bei der Burg

Prag gibt es im eigentlichen Sinne erst seit 1784. Damals wurden vier eigenständige Städte zu einer Königlichen Hauptstadt Prag zusammengelegt. Altstadt (Staré Město), Kleinseite (Malá strana), Neustadt (Nové Město) und Hradčany (Burgstadt oder Burgbezirk). Und jede von ihnen hatte zuvor ein eigenes Rathaus.

Hier sehen wir das kleinste von ihnen, das Rathaus des Burgbezirks (Hradčanská radnice) in der idyllischen Loretánská ulice 173/1, wo man es inmitten der Unzahl prachtvoller Häuser und Paläste glatt übersehen könnte.

Nun ja, der Burgbezirk mag, so sagen manche Archäologen, der älteste besiedelte Raum hier gewesen sein, aber zu einer Stadt in einem rechtlichen Sinne wurde er erst spät und das irgendwie auch nicht so richtig.. Nur die von Kaiser Karl IV. ab 1348 angelegte Neustadt war, wie der Name besagt, neuer unter den vier Originalbestandteilen des späteren Prags.

Während die Burg selbst schon im 9. Jahrhundert besiedeltes Gebiet war, entstand die darum liegende städtisch anmutende Ansiedlung wohl erst um 1320 als Gründung des damaligen Burggrafen Hynek Berka z Dubé, der hier aber keine Bürgerstadt, sondern letztlich eine feudale Leibeigenensiedlung schuf. Das änderte sich erst im Jahre 1598. Kaiser Rudolf II., der gegenüber den Feudalherren, worunter auch Burggrafen fielen, einen eher absolutistisch motivierten Kurs fuhr. Er ernannte den Hradčany zur eigenständigen königlichen Stadt. Das war zwar nicht der Status einer freien Bürgerstadt mit voller Selbsverwaltung, war aber definitiv ein Up-grading.

Jedenfalls gab es soviel Selbstverwaltung, dass ein Rathaus her musste. Man nahm ein bestehendes Renaissancegebäude, dessen Existenz schon 1498 erwähnt wird, und Teil der von Karl IV. in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erbauten Befestigungmauer des Bezirks war. Um es noch besser dem lokalgouvernmentalen Zweck anzupassen, baute man es aber gegen Ende des 16. Jahrhunderts noch einmal um- jetzt im Spätrenaissancestil. Die neue feine Adresse passte zu dem sozialen Wandel, den der Burgbezirk inzwischen durchgemacht hatte. Große teile der alten Leibeigenensiedlung verschwanden mit dem Feuer von 1541. Nun wurden hier plötzlich Paläste großer Adelsfamilien gebaut, die die Nähe des Königshofs für ihre Zwecke suchten, etwa das Palais Sternberg (Šternberský palác) oder der Palais Schwarzenberg.

Und so sehen wir hier an dem Rathaus nun eine recht ansehnliche Renaissance-Fassade mit feinen Sgrafitti, was ein typisches Merkmal der böhmischen Renaissance ist. Das Gebäude trägt noch alle Insignien eines Rathauses. Auf dem Schlussstein des Eingangsportals befindet sich noch das Wappen der Burgstadt mit seinem charakteristischen Burgturm Deutlich größer und darüber (unterhalt eines Fensters im zweiten Stock) werden jedoch die Grenzen der Selbstverwaltung deutlich. Der Burgbezirk war ja direkt dem König unterstellt, weshalb dort das gemalte Wappen mit dem Habsburger Doppeladler aus der Zeit Rudolfs prangt, wie man im großen Bild oben sieht.

Aber weshalb bedarf es überhaupt der Weisheit einer Stadtregierung – ganz gleich, ob königlich oder nicht. Man will, dass die Gerechtigkeit im Gemeinwesen walte. Damit die Verwalter daran erinnert werden, wurde noch auf Höhe des ersten Stocks eine Allegorie der Justitia mit ihren bekannten Attributen Schwert und Waage aufgemalt. Da man damals Gerechtigkeit immer als göttliche Gerechtigkeit sah, gab es zur Gemahnung drinnen dereinst auch eine Kapelle unterhalb der Ratszimmer. Mit der Zusammenlegung der vier Stadtteile 1784 unter Kaiser Joseph II. wurde das Rathaus als Rathaus allerdings obsolet. Seither ist es ein normales Wohnhaus. Gottlob hat man aber die einem Rathaus gemäße Fassade darob nicht verändert. (DD)

Vom Schützenprivileg zum Freizeitparadies

Sie hat sich inzwischen zu einem kleinen Freizeitparadies für einheimische Prager, aber auch Touristen enwickelt: Die Schützeninsel (Střelecký ostrov). Vor der Altstadt liegend, ist sie heute zu Fuß über die Most Legii (Brücke der Legionen) erreichbar. Die wurde aber als die zweite Prager Moldaubrücke überhaupt in den Jahren 1898 bis 1901 (wir berichteten hier) erbaut. Sie ersetzte wiederum eine 1839-41 entstandene Kettenbrücke. Vorher musste man per Boot hinüberschippern.

Das war natürlich der Exklusivität der „Location“ angemessen. Die Flussinsel, die im 12. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt wurde, war im 14. Jahrhundert im Besitz des Johanniterordens, der hier sogar eine kleine Festung errichtete. Als befestigter Standort spielte die Insel noch im Dreissigjährigen Krieg eine Rolle bei der Verteidigung der Stadt gegen die 1648 einfallenden Schweden. Aber schon 1562 hatte König Ferdinand I. den größten Teil der Insel den Stadtschützen der Altstadt gegeben.

Und daher hat die Insel auch ihren heutigen Namen. Hier praktizierten im Sinne des ihnen vom König verliehenen Privilegs zunächst die Schützen zur Verteidigung der Stadt, wobei sich das Ganze nach und nach zu einem gepflegten Hobby für Adel und auch das reiche Bürgertum entwickelte. Es bildeten sich Schützenvereine mit schicken Uniformen. Zunächst schoss man mit Pfeil und Bogen auf einen hölzernen Vogel, der auf einer Stange saß (was der Usprung der Redensart den Vogel abschießen ist), später auch mir Armbrüsten und Gewehren auf Zielscheiben. Dafür gab es am südlichen Ufer auch eine kleine hölzerne Schießhalle.

Die Halle brannte Anfang des 19. Jahrhunderts ab und wurde 1812 durch ein prächtigeres Gebäude im klassizistischen Stil ersetzt, für dessen Pläne sich der Architekt Josef Zobel verantwortlich zeigte. Dieses nunmehr steinerne und somit feuerfeste Gebäude, das eher einem schönen fürstlichen Palais gleicht, kann man heute noch fast unverändert bewundern, wenngleich es kurz vor dem Zweiten Weltkrieg um einen Restaurantanbau ergänzt wurde. Und immer noch war die Insel der Ort, wo sich die adligen und großbürgerlichen Schützen mehr oder minder exklusiv trafen. Deshalb wurd unter anderem ein Ballsaal eingerichtet. Der elitäre Anspruch änderte sich fast schon notgedrungen ein wenig mit der Fertigstellung der ersten Brücke 1841.

Mit ihr kam das Zeitalter der Veranstaltungen für die großen Massen. Meisterschaften für Bogenschützen gibt es hier zwar noch bis heute, aber der große erste Hit für die Massen im 19. Jahrhundert war die Industriemesse von 1872. Schon 10 Jahre später, am 18. Juli 1892, kam es noch dicker. Da führte nämlich der von von Miroslav Tyrš 1862 gegründete Turnerverband Sokol (Falke) sein 1. Sport-und Turnfest durch, an dem über 1600 Sportler teilnahmen. Dabei ging es weniger um Leibesertüchtigung, denn der Sokol verstand sich als politische Organisation zur Erkämpfung von Rechten für die Tschechen im Habsburgerreich. Mit dem Fest gelang ihm eine politische Demonstration der Stärke. Eine Gedenkplatte findet sich seit 1932 am Gebäude. Noch mehrmals fanden in der Folge hier Sokol-Feste statt.

Die nächste bemerkenswerte große Politveranstaltung war erste Arbeiter-Feier am 1. Mai 1890. Der Tag der Arbeit wird heute noch gerne von Kommunisten und Sozialisten gefeiert, obwohl er als offizieller und arbeitsfreier Feiertag – wie auch in Deutschland – erst von den Nazis während der Protektoratszeit (während derer die Insel bedauerlicherweise wieder exklusiv genutzt wurde, diesmal von der örtlichen Hitlerjugend) eingeführt wurde. Wie dem auch sei, auch dieses Schlüsselereignis der Geschichte fand hier statt und wird ebenfalls mit einer Gedenkplatte mit einem Relief voller wehender roter Fahnen in historischen Ehren gehalten. Die Gedenkplatte dürfte in den Zeiten des Kommunismus, wahrscheinlich in den 1960er Jahren angebracht worden sein.

Die 1901 eingeweihte neue Brücke zeichnete sich durch eine besonders prachtvolle Treppe im neobarocken Stil aus. Damit war die Entwicklung hin zu einem der nachgefragtesten Teil des öffentlichen Raums in Prag festgeschrieben. Sport wird hier – vor allem im südlichen Teil – weiter getrieben, meist Bogenschießen (Geschichte verpflichtet!), aber auch seltenere Sportarten. 2007 fand auf der Insel zum Beispiel die Weltmeisterschaft im Murmelspielen (Schussern) statt.

Aber die Insel ist mehr. Sie ist ein Freizeitparadies schlechthin. Der südliche Teil, der durch Schießhalle bzw. Restaurant vom Rest der Insel separiert ist, kann für geschlossene Open-Air-Veranstaltungen genutzt werden. Nicht nur Sportveranstaltungen fallen darunter, sondern auch Rock-Konzerte und ähnliches. 1997 wurde sogar ein Open-Air-Kino eröffnet, das allerdings mit dem schrecklichen Hochwasser von 2002 wieder verschwand.

Das wahre Leben tobt jedoch im öffentlich frei zugänglichen Bereich nördlich des Gebäudes und der Brücke – also dem größten Teil des Inselareals. Ein herrlicher uralter Baumbestand, dessen Urspünge teilweise bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen, lädt vor allem im Sommer zum Verweilen ein. Überall sieht man Menschen, die auf dem Rasen Picknicks abhalten und es sich gut gehen lassen. Es handelt sich um eine der schönsten Parkanlagen der Stadt.

Dazu gibt es die passende Infrastruktur – kleine Imbiss- und Kaffeestände, schwimmende Restaurants, die hier vertäut sind, Bootsverleihe und anderes sorgen dafür, das es dem Rast suchenden an nichts fehlt. Ab und an gibt es auch Großveranstaltungen. Regelmässig findet hier zum Beispiel der unterhaltsame Teil (Konzerte etc.) des Gay Pride Festivals mit Partystimmung statt. Es ist immer etwas los auf der Insel.

Meist ist es dann doch ein wenig ruhiger auf der Insel – trotz der vielen Besucher. Die kommen auch, um von der Nordspitze der Insel eine atemberaubende Aussicht zu genießen. Die Nordspitze ist einer der Orte, von dem aus man die Karlsbrücke (Karlův most) – die große Attraktion Prags – in voller Länge sehen kann. man sollte es sich nicht entgehen lassen. (DD)

Bier im Bischofspalast

Gute Bildungsbürger sollten sich das Gebäude des Vojanův Dvůr (Vojan Hof) natürlich wegen seiner stadtgeschichtlichen Bedeutung für Prag anschauen. Es spricht dabei aber nichts dagegen, dort in der kleinen Brauereigaststätte gleichen Namens einzukehren und selbige näher zu inspizieren.

Der Name täuscht. Das Gebäude an der U Lužického semináře 119/21 auf der Kleinseite wurde zwar – genau wie der sich anschließende Vojan Park (Vojanovy sady) im 20. Jahrhundert nach dem Schauspieler Eduard Vojan benannt (früherer Bericht hier), der in der Gegend wohnte, aber es verdankt ihm keineswegs seinen Ursprung. Erstmals wurde das Gebäude 1248 erwähnt. Da war es nämlich der Palast oder Hof des Bischofs von Prag. Damals war das Nikolaus von Újezd, der sich vor allem durch den Ausbau der Prager Burg hervorgetan hatte. Als im 14. Jahrhundert die Prager Bischöfe zu Erzbischöfen aufstiegen, blieben sie weiterhin hier. Erst im 17. Jahrhundert zog es die Erzbischöfe in ein neues Domizil in die Altstadt. Der Hof fiel in den Besitz eines Klosters des Ordens der Karmelitinnen. Erst in den 1920er Jarhen wurde das Areal säkularisiert.

Entscheidend ist jedoch das Jahr 2018. Da eröffnet die Brauereigaststätte ihre Pforten. Die ist enorm beliebt bei den Unmengen von Touristen (aber auch eine nicht zu unterschätzende Zahl Einheimischer), die sich hier vorbeidrängen und im Sommer vor allem den Biergarten lieben. Ja, und obwohl das Vojanův dvůr mitten in einem touristischen Hotspot residiert, bekommt man für sein Geld hier reelle Qualität. Es handelt sich gewiss um eines der Top-Braulokale Prags.

Das liegt daran, dass die Betreiber schon wussten, wie man Qualität und Massentourismus verbinden kann. Schon 2014 hatten sie mitten im Gewühl der Altstad auf der anderen Moldauseite die Braugaststätte U tří růží (Bei den Drei Rosen) in der immer belebten Husova 10/232 (wir berichteten hier) gegründet und dort gezeigt, was sie konnten. Beide Lokale teilen sich Profi-Braumeister Tomáš Tuchyňa, der in beiden Brauereien durchaus für ein unterschiedliches Bierangebot sorgt – und zwar mit höchsten Qualitätsansprüchen. Hier sieht man das milde Halbdunkle (rechts) und das rötliche Rubín, ein leicht hopfiges Lagerbier.

Die Brauanlage kann man übrigens auf Anfrage besichtigen. Um das Trinken leichter zu machen, sollte man sich auch etwas zu Essen gönnen. Wie im U Tří růží bekommt man auch hier, was man von einer böhmischen Gaststätte so erwartet – deftige Küche mit Knödeln, Fleisch und was dazugehört. Uns schien die Zubereitung sogar ein wenig hochwertiger als im Schwesterlokal drüben auf der anderen Flussseite.

Nicht nur demjenigen, der wissen will, wie Bier in einem alten Bischofssitz schmeckt, sei diese Gaststätte empfohlen. (DD)

Radetzky im Exil

Mit Johann Joseph Wenzel Graf Radetzky von Radetz tut man sich in Prag schwer. Seit über einem Jahrhundert ist sein Denkmal, das dereinst 1858 auf dem Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí) in Gegenwart von Kaiser Franz Josef eingeweiht wurde, ein politischer Zankapfel.

Weshalb? Nun, zunächst einmal war der gute Radetzky ja ein gebürtiger Böhme, denn er gebar sich 1767 auf Schloss Trebnitz (Třebenice) bei Sedlčany in Mittelböhmen. Trotzdem gilt er vielen Tschechen heute noch als der archetypische Österreicher und Repräsentant der Fremdherrschaft, die man erst 1918 abschüttelte. Als Militär, darin ist man sich einig, war er einer der großen Reorganisatoren des österreichischen Heeres in den Zeiten der Napoleonischen Kriege und ohne ihn, hätte das Land militärisch kaum bestanden. Er gilt heute als einer der maßgeblichen strategischen Architekten des Sieges bei der Völkerschlacht bei Leipzig 1813. Bei seinen Truppen war der General außerordentlich beliebt. Sein Nachruhm wurde nicht nur musikalisch durch den berühmten Radetzky-Marsch von Johann Strauß sr. gesichert. Josef Roth setzte mit dem Titel seines Schlüsselromans Radetzkymarsch der alten Habsburgermonarchie, aber auch Radetzky ein literarisches Denkmal.

Alles das hätte ihm bei den Tschechen vielleicht nicht geschadet. Aber nach den napoleonischen Kriegen war er vor allem damit beschäftigt, das Habsburgerreich gegen alle Bewegungen zur Selbstbestimmung der einzelnen Völker im Reich zu verteidigen. In Italien siegte er in unzähligen Schlachten gegen die Unabhängigkeitsbewegung des Risorgimento. Als die ununterbrochene österreichische Siegesserie 1859 mit der verlorenen Schlacht von Solferino abriss, war Radetzky schon zwei Jahre im verdienten Ruhestand und ein Jahr tot und somit nicht verantwortlich für die Niederlage.

Man weiß also, warum ihm 1858 kurz nach seinem Tode ein Denkmal in Prag errichtet wurde. Das gußeiserne Denkmal war das Werk der Bildhauer-Brüder Josef und Emanuel Max, die mit der Planung schon 1851 (zu Lebzeiten des Generals) begonnen hatten, um dessen Sieg in der Schlacht bei Novara (1849) zu feiern . Zur Herstellung sollen erbeutete Kanonen der Gegner aus Radetzkys siegreichen Schlachten verwendet worden sein. Die sieht man auch am Fuß des Denkmal als Trophäen nachempfunden. Sicher, der Kampf gegen Napoleon war etwas, dessen Notwendigkeit jedermann in Böhmen einsah. Aber Radetzky war zur österreichischen Symbolfigur geworden und hatte sich als arger Feind von Autonomiebestrebungen ge-outet. Deshalb fand man in der Ersten Republik, dass er nicht in die Kulturlandschaft passte. Anfang 1919 montierte man das Denkmal von seinem Platz vor dem Kaiserstein Palast (früherer Beitrag hier), wo er einen Teil seiner Kindheit verbracht hatte, ab und schaffte es in das Lapidarium, der Skulpturensammlung des Nationalmuseums.

Derartiges passierte damals nicht nur mit Radetzks Denkmal (von dem das Lapidarium – siehe Bild rechts – das kleine Ur-Modell der Künstler besitzt). So wurde zum Beispiel die Reiterstatue von Kaiser Franz I. aus dem berühmten Krannerbrunnen (früherer Beitrag hier) entfernt und ebenfalls ins Lapidarium verfrachtet. Aber dort wurde immerhin 2003 eine Replik wieder einegsetzt, denn inzwischen legt man in Prag viel wert auf die Herstellung des alten Stadtbildes. Immer wieder, so etwa 2008 und 2014, gab es Versuche, das Denkmal (oder eine Kopie) wieder auf dem Kleinseitner Ring zu postieren. Der Rat lehnte jedes Mal nach heftiger Debatte ab. 2015 gründete sich sogar ein Radetzky-Verein Prag (Spolek Radecký Praha), dessen Vorstandsmitglieder samt und sonders Tschechen sind, und der die Wiedererrichtung zu einem seiner Zwecke hat. Erfolg hatte man noch nicht. Irgendwie löst Radetzky immer noch mehr negative Feindbild-Emotionen aus als Kaiser Franz. Aber abgeschlossen ist der Fall noch nicht. Der Rat hat immerhin beschlossen, den Platz neu zu gestalten und dabei ist von einer Neu-Errichtung die Rede, aber entsprechende Entwürfe werden von den Baubehörden bisher immer wieder abgelehnt. Aber wenn es mit dem Ratsbeschluss einmal konkret wird, ist wieder mit harten verbalen Schlagabtauschen zu rechnen.

Ein schönes Denkmal hätte man jedenfalls, wenn man Radetzky wieder aufstellte. Die Max-Brüder hatten die Statue auf einen großen Steinsockel des Architekten Bernhard Grueber gestellt, der 1922 zerstört wurde. So bleibt ein zweistufiges Denkmal im Lapidarium. Die Statue des Geneerals und Marschalls mit einer österreichischen Fahne in der Hand befindet sich oben. Dieser Teil wurde übrigens von Emanuel Max entworfen. Darunter stehen im Kreis Soldaten aus Radetzkys Feldzügen als Schildträger (der General steht auf einem Schild wie Majestix, der von seinen Krieger getragen wird). Die haben zum Teil exotische Uniformen, die zeigen, dass die Armee Österreichs damals sich aus eien Vielvölkerstaat speiste. Putzig wirkt der Freiheitskämpfer der Tiroler Aufstandsbewegung von 1809 mit seinem Trachtenanzug und breiten Hut. Ob und wann er wieder auf den Kleinseitner Ringe gelassen wird, steht in den Sternen. Vorerst bleibt General Radetzky in seinem Exil im Lapidarium. (DD)

Jan Hus – Reformator und politisches Symbol

Heute ist nationaler Staatsfeiertag in Tschechien, der Tag der Verbrennung des Magisters Jan Hus (Den upálení mistra Jana Husa). Und verbrannt wurde Jan Hus heute vor 606 Jahren, am 6. July 1415. Das war wohl das, was man einen recht hinterhältigen Justizmord nennt. Und Jan Hus hält man seither hierzulande in Ehren, wovon diese Statue an der Fassade des leider etwas heruntergekommenen Wohn- und Mietshauses in der Husitská 191/47 deutlich zeugt.

Hus war – rund 100 Jahre vor Luther – so etwas wie eine Frührefomator. Er prangerte das politische Machtstreben des Klerus an, agitierte gegen den weltlichen Reichtum der Kirche, predigte in der Sprache des Volkes (also Tschechisch) und vertrat neue Vorstellungen über Ritus und Gottesdienst, etwa in Form des Laienkelchs, der später zum Symbol der von ihm ins Leben gerufenen Bewegung wurde. Das machte den Mächtigen in der Kirche keinen rechten Spaß und sie luden ihn ein, auf dem Konzil von Konstanz 1415 seine Thesen näher zu erläutern und sich zu rechtfertigen. Dazu wurde ihm mit einem Ehrenwort von Kaiser Sigismund freies und sicheres Geleit versprochen. Kaum angekommen, machte man ihm den schnellen Prozess und verbrannte ihn kurzerhand auf dem Scheiterhaufen als Ketzer. Als Folge dieses Wortbruchs kam es 1419 zu den Hussitenkriegen, die Böhmen verwüsteten. Die Hussiten, die in dieser Zeit keine eigene Kirche bildeten, blieben am Ende – nicht zuletzt wegen des militärischen Genies ihres Heerführers Jan Žižka – erfolgreich. Im Land herrschte danach ein recht hohes Maß an religiöser Toleranz, das den Hussiten und später den Protestanten zu Gute kam.

Das änderte sich mit der Schlacht am Weißen Berg 1620 und dem Dreissigjährigen Krieg. Die siegreichen Habsburger beendeten die staatliche Selbstständigkeit der Böhmen und unterzogen das Land einer anfänglich recht brutalen, aber langfristig durchaus wirksamen Zwangskatholisierung. Ende des 17. Jahrundert exisitierte das Hussitentum in Böhmen als vage historische Erinnerung, aber der vorherige Einfluss war gebrochen. Ohne, dass es ein wirkliches religiöses Revival gab, setzte jedoch im 19. Jahrhundert unter den Tschechen in Böhmen eine erneute Hus-Begeisterung ein. Diesmal war das Motiv mehr politisch. Der tschechische Nationalismus, der sich gegen Österreich und die Habsburger richtete, fand in Hus eine Art politischer Symbolfigur. Er stand für die Tschechen (in deren Sprache er gepredigt hatte) und war Opfer finsterer und natürlich deutscher Mächte geworden. Und möglicherweise stellt die Fassadenstatue des Jan Hus in der nach ihm benannten Husitská so etwas wie den Startschuss seines neuen Nachlebens als Nationalhelden.

Dass man den Reformator Hus prominent so darstellen konnte, hatte etwas mit dem 1861 verkündeten Protestantenpatent Kaiser Franz Josephs zu tun, das erstmals seit 1620 Nicht-Katholiken einen freien und vollständig gleichberechtigten Status als Religionsgemeinschaft garantierte. Vorher durften deren Glaubensbekundungen sich öffentlich nicht oder unter schweren Restriktionen manifestieren. Das Patent gab die Möglichkeit, Hus in der Weise als öffentliches Symbol vorzuführen, wie es hier in der Husitská geschieht. Das Haus samt Statue wurde im Jahr 1869 errichtet und wurde passend Dům U Jana Husi z Husince (Haus zum Jan Hus aus Husinec – wobei es sich bei Husinec um Hus‘ Geburtsort handelt) genannt. Es gibt durchaus Stimmen, die behaupten, dass das die erste Hus-Statue Böhmens sei. Und unzählige andere folgten daraufhin im ganzen Lande. Hus-Denkmäler sind heute aus keinem Stadt- oder Dorfbild mehr wegzudenken.

Dass hier Hus und nationale Politik eine Symbiose einging, ergibt sich schon, wenn man weiß, wer das bauen ließ: Karel Hartig war ein Bauunternehmer und begeisterter tschechischer Nationalist, der in fast jeder patriotischen Gesellschaft der Stadt Mitglied war. So war er (zusammen mit dem ebenfalls sehr patriotischen Bedřich Smetana) Mitglied in nationalen Singverein Hlalol. Und er brachte es später zum ersten Bürgermeister der 1881 gegründeten (damals noch selbständigen) Stadt Žižkov – eine Position, die er gerne dazu nutzte, möglichst viele Straßen und Pläztze nach Helden der Hussitenbewegung zu benennen. 1890 gehörte er zu den Mitgründern des Vereins für den Bau des Denkmals von Magister Jan Hus (Spolek pro zbudování pomníku Mistra Jana Husa). Und er hatte eine durchaus rabulistische Ader, so als er zum Beispiel 15. August 1869 anlässlich der Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag ein nationalistisches „Volkslager“ auf dem Vítkovberg (wo 1420 die erste siegreiche Schlacht der Hussiten stattfand) veranstaltete, das so aufmüpfig war, dass die Polizei es auflöste, und das ihm 10 Tage Haft einbrachte. Das betrachtete er wohl eher als Auszeichnung für seinen Kampfgeist. Er nutzte jede Gelegenheit, den Habsburger Autoritäten Hus politisch um die Ohren zu hauen.

Und Häuser, die er baute, bekamen fast immer einen entsprechenden Namen (etwa ein Žižka-Haus in der nahen heutigen Husitská 160/49). Aber keines der Häuser war skuptural so schön mit einer Statue ausgestattet wie dieses Haus zum Jan Hus aus Husinec. Hartig hatte dafür den damals sehr bekannten Bildhauer und Medailleur Fráňa Josef Heidelberg gewonnen, der selbst gerne hussitische Themen in sein Werk aufnahm. Mit den großen Pilastern, die die Nische umrahmen, in der der überlebensgroße Hus steht, passte Heidelberg sein Kunstwerk an den Neorenaissance-Stil des zweistöckigen Hauses an. Als Reformator, der die Bibel und nicht den verweltlichten Klerus für das Maß der christlichen Religion hielt, hält er ernst die Heilige Schrift in der Hand. Als politisches historisches Narrativ funktionierte „Hus“ für die Tschechen in der Tat. Die 1918 von den Habsburgern unabhängig gewordene Tschechoslowakei wählte sich das Hus’sche Motto Pravda vítězí (Die Wahrheit siegt) zum Wappenspruch, obwohl er eigentlich nur für die Geschichtsidentität eines Bevölkerungsteils relevant war. Die 1993 folgende Tschechische Republik behielt ihn bei. Es gibt seit 1920 (und seit 1971 unter diesem Namen) eine Tschechoslowakisch Hussitische Kirche, die sich eigentlich aus einer reformkatholischen Bewegung heraus gegeründet hatte, aber sich vor allem auch als Nationalkirche defiierte – und da passte Hus als namensgeber. Und es sei in diesem Zusammenhang erwähnt, dass der heutige Hus-Tag kein religiöser Feiertag ist, sondern ein Staatsfeiertag. Irgendwie scheint die Saat aufeggangen sein, die 1869 Karel Hartig an der Fassade des Haus in der Husitská gesät hatte. (DD)