Nusles Nationalhaus

Ende des 19. Jahrhunderts gehörte es in jeder böhmischen Stadt zum guten Ton, einen Ort zu schaffen, wo tschechische Kultur und Geselligkeit in großen Räumlichkeiten und Sälen zelebriert werden konnte – ein Stück nationaler Selbstvergewisserung im österreichisch bestimmten Habsburgerreich.

Auch die Stadt Nusle leistete sich anlässlich der Verleihung der Stadtrechte durch die k.u.k.-Regierung im Jahre 1898 ein solches, durch Bürgerengagement entstandenes Nationalhaus (Národní dům). Nusle verlor seine kurzlebige Eigenständigkeit zwar schon wieder im Jahre 1922 durch die Eingemeindung zur Hausptstadt Prag (heute daher ganz prosaisch Prag 4), aber das Gebäude steht hier immer noch in alter Pracht und altem Glanz an der Nuselská 2/1, Ecke Čestmírova – allerdings nicht mehr als Kulturzentrum, sondern primär als Bürogebäude, in dessen Erdgeschoss die örtliche Sparkasse ihre Filiale hat.

Schon im Jahre 1897, als sich abzeichnete, dass im nächsten Jahr Nusle eigenständige Stadt werden sollte, begann der Architekt Antonín Frič mit den Plänen für das Gebäude im Stil der Neorenaissance. Der Bau symbolisierte auch architektonisch den Beginn der neuen Ära, denn mit ihm verschwanden die letzten Reste des kleinen Dorfs, das hier noch bis vor kurzem existierte. Das Nationalhaus befindet sich auf dem ehemaligen Gelände eines kleinen Bauernhofs – heute ist es quasi das urbane Zentrum Nusles.

Wie bei Nationalhäusern üblich geriet man bei der Fassadengestaltung in wilde Tschechentümelei und patriotischen Überschwang. Das kann man schon bei dem bekanntesten Prager Bauwerk dieser Art, dem Národní dům in Vinohrady (früherer Beitrag hier) von 1894 beobachten. Meist sieht man Skulpturen oder Büsten von tschechischen Mythengestalten oder wichtigen historischen Persönlichkeiten des tschechischen Kulturlebens. Das Nationalhaus in Nusle ist da keine Ausnahme. Und schon gleich oben im Giebel thront als Schutzpatron des Landes der Heilige Wenzel mit wehendem Banner und stolzem Blick.

Etwas darunter sieht man rechts die der böhmischen Sagenwelt entsprungene Seherin Libuše, die dereinst in vorgeschichtlichen Zeiten Prag eine große Zukunft weissagte, und die durch ihre Heirat mit Přemysl, für den sie ihren Anspruch auf die Herrschaft Böhmens aufgeben musste, das bis ins 14. Jahrhundert im Lande regierende Geschlecht der Přemysliden begründete – jedenfalls, wenn man der Chronica Boemorum des Mönches Cosmas von Prag aus dem 12. Jahrhundert Glauben schenkt. Diese Hintanstellung der Seherin zugunsten ihres Mannes (aus geschlechterdiskriminierenden Gründen) sollte später zu Konflikten zwischen Männern und Frauen, die ja bekanntlich sowieso nicht zueinander passen, führen. Aber die patriotische Darstellung auf der Fassade des Nationalhauses stellt die beiden als harmonierende Nationsgründer dar.

Aber damals wollte man schon nicht mehr nur in der Sagenwelt schwelgen. Über dem Eingang befindet sich ein etwas revolutionäreres Statement, nämlich die Büste von Karel Havlíček Borovský, einem Teilnehmer der 1848er Revolution, der als Publizist mit seinen radikalen Forderungen nach mehr demokratischer Mitbestimmung Böhmens so sehr bei der Obrigkeit aneckte, dass er mehrfach verbannt wurde. Der Nationalheld thront mit trotzendem Blick über dem böhmischen Löwen.

Der neu angelegte Platz vor dem Nationalhaus wurde dazu übrigens passend Rieger Platz (Riegrovo náměstí) genannt, was die revolutionäre Botschaft unterstrich. Denn František Ladislav Rieger war ebenfass 1848er-Revolutionär und wirkte lange Zeit als Abgeordneter im Reichtsag und im böhmischen Landtag für die Rechte der Böhmen im Reiche. Das ist übrigens der Grund, warum die Nazis nach 1939, denen er definitiv zu liberal war, den Platz sofort nach dem irgendwie unverfänglicheren Heiligen Method benannten. Die Kommunisten, die 1948 die Macht ergriffen, fanden ihn auch zu liberal, weshalb der Platz seither Platz der Brüder Synek (náměstí Bratří Synků) benannt ist – nach den Brüdern Otto und Viktor Synek, die 1941/42 als Mitglieder des kommunistischen Widerstandes von den Nazis brutal hingerichtet worden waren. (DD)

Kompliziertes Erbe der Habsburger: Die Prager Hausnummern

Keine Frage: Die Kartusche aus feinem Stuck mit dem hübschen Löwenkopf macht schon etwas her. Sie befindet sich über dem Türsturz des um 1905 gebauten neobarocken Mietshauses in der Trojanova 1993/5 im Süden der Neustadt. Aber was bedeutet die Inschrift „Čís 1993“ in der Mitte? Jetzt ist vielleicht die Zeit gekommen, das gar nicht so leicht verständliche System von Hausnummern in Prag bzw. ganz Tschechien zu erklären.

„Čís“ steht hier nämlich für „Číslo“, was das tschechische Wort für „Nummer“ ist. Manchmal genügt auch das einfache „Č“, wie man auf dem Bild links, dem Eingang des neobarocken Hauses am Masarykovo nábřeží 238/20 erkennen kann. Dass Häuser nummeriert werden und eine Hausnummer sichtbar an der Fassade tragen, ist zwar für das Auffinden eines Hauses, das man aus irgendeinem Grunde besuchen will, sehr praktisch, ist aber historisch gesehen eine relativ neue Idee. Im Mittelalter hatte man allenfalls Straßennamen. Prag war aber nach heutigen Maßstäben klein und überschaubar. Zudem gab es Prag im eigentlichen Sinne noch nicht, denn die Stadt wurde erst 1784 aus den bis dato recht selbständigen Städten Altstadt, Neustadt, Kleinseite und Burgstadt zusammengesetzt. Da fand man sich auch ohne Nummern noch so einigermaßen zurecht.

Trotzdem stellte sich ab dem 14. Jahrhundert (der Blütezeit Prags unter Karl IV.) ein gewisses Gefühl der Unübersichtlichkeit ein. Es tauchten die ersten Hausschilder auf, die der Identifikation des Hauses für den Suchenden dienten (wir zeigten u.a. Beispiele hier, hier und hier), was aber auch nie so recht zielführend war. Die Häuser bekamen Schilder über der Tür angebracht, die zunächst meist auf Holz gemalt waren. In der Blütezeit des Hausschildes, dem Zeitalter des Barocks, wurden sie meist in reich ornamentierte Kartuschen aus Stuck eingefügt – mal gemalt, mal als Relief. Das waren oft regelrechte Kunstwerke und Statussymbole, wie man es etwa hier an dem passend Haus zur Blauen Traube (dům U Modrého hroznu) genannten Gebäude in der Husova 227/15 (Altstadt) sehen kann. In einer Nische sieht man zwei lebensgroße Männer als Relief eine weit überlebensgroße blaue Traube transportieren. Das Ganze entstand um 1726-1737 als hier zwei kleine gotische Häuser zu einem großen barocken Haus zusammengelegt wurden.

Solche Hausschilder hatten meist einen Bezug zum dem Gewerbe, das in dem jeweiligen Haus betrieben wurde (als eine Art Werbung), wofür wir bereits hier ein Beispiel zeigten. Die drei Ringe, die wir bei dem passend Haus zu den Drei Goldenen Ringen (dům U Tří zlatých prstenů) genannten, um 1840 klassizistisch modernisierten Gebäude aus dem Spätbarock sehen, könnten also auf einen Goldschmied als früheren Besitzer hindeuten. Hausschilder konnten aber auch andere Motive (Heilige, astrologische Symbole, Tiere, etc.) beinhalten. Es waren Bilder, die das Haus irgendwie einzigartig und erkennbar machen sollten. Da das aber nicht verpflichtend war, war aber nicht garantiert, dass das Haus, was man finden wollte, auch so ein Hausschild zum eindeutigen Erkennen hatte. Wegen Namensgleichheiten konnten zum Beispiel auch Verwechslungen entstehen. So gab es etwa etliche Gasthäuser, die sich „Zum Schwarzen Pferd“ (U Černého Koníčka) nannten und eine entsprechende Darstellung eines schwarzen Pferde als Hausschild hatten (Beispiele präsentierten wir hier, hier und hier).

Noch gravierender war das Problem bei Heiligenmotiven, bei denen vor allem die Maria so viele unzählige Male mit dabei war, dass sie aufhörte einem Alleinstellungsmerkmal auch nur nahe zu kommen. Hier sehen wir als Beispiel das von einer üppigen Barockkartusche mit Putten umrahmte kleine Marien-Hausschild des Hauses U Voglů am Malostranské náměstí 262/9 (Kleinseitner Ring) aus dem 18. Jahrhundert. Hausnummern aus Zahlen sehen zwar nicht so hübsch aus wie Hausschilder mit Marien- oder Pferdebildern, sind aber unverwechselbarer und eindeutiger zu identifizieren. Und wenn man den Namen oder das Hausschild kannte, wusste man noch lange nicht, wo sich das Haus befand. Man musste sich wahrscheinlich irgendwie durchfragen. Dass zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Teilen des Habsbugerreichs in einigen Städten sogenannte Häuserschematismen (so etwas wie Straßen- und Häuserverzeichnisse) veröffentlicht wurden (in Wien ab 1701), half ein wenig beim Auffinden – vorausgesetzt man war kein Analphabet, was aber ein Großteil der Bevölkerung damals noch war. Kurz: Es bestanden in jeder Hinsicht Möglichkeiten zur Optimierung in Sachen Hauskennzeichnung.

Dieses Projekt nahm in den Zeiten der Aufklärung Schwung auf. Im Jahre 1770 ordnete Kaiserin Maria Theresia, eine aufgeklärte Absolutistin, die Einführung von Hausnummern im ganzen Reich und beginnend mit Wien an. Das war komplizierter als man heute denken würde und folglich war das Nummernsystem noch etwas verwirrend für heutigen Beobachter. Hausnummern beruhen auf Voraussetzungen, die damals zunächst noch nicht exisitierten und erst im Absolutismus geschaffen wurden. Zur Erfassung und Nummerierung (anfänglich machten das Beamte mit Pinsel und Farbe, wie dereinst bei 4711 in Köln) muss man ja erst ein Bevölkerungs- Eigentümer- und Häuserregister haben. Unmengen von kleinen Kommission wanderten 1770/71 durch die Lande, klopften an Türen und erfassten, was sie erfassen mussten. In der Reihenfolge, in der erfasst wurde, wurde auch die Nummer vergeben. Als das fertig war, entwickelte sich langsam so etwas wie moderne Grundbücher, die dann auf Erlass von Kaiser Franz II. 1794 als Hauptbücher im Habsburgerreich verpflichtend wurden. Fortan wurden die Nummern bei Neubauten in der zeitlichen Reihenfolge des Baus in einer Stadt vergeben. Diese Art der Zählung nennt man Konskriptionsnummer. Oberhalb links sieht man ein Beispiel in der Záhřebská 876/29 in Prag-Vinohrady mit der Nummer 876 in Glas graviert (Ende 19. Jahrhundert).

Ja, die Konskriptionsnummer, für die es noch keine staatlich festgelegten Schilder gab, befeuerte die künstlerische Phantasie von Architekten, die sich bei der Kreation von Stuckornamenten nur so übertrafen – wie etwa bei dem Haus mit der im Jugendstil beadlerten“Čís 1659″ in der Laubova im Stadtteil Žižkov (Bild rechts). Aber: Bein Suchen einer Adresse war dieses System, das zwar die bürokratische Verwaltung (z.B. Steuer- und Abgabenerhebung) vereinfachte (was auch zunächst das Primärziel war), für den suchenden Bürger nicht wirklich hilfreich. Hausnummern, die chronologisch-numerisch aufeinander folgten, konnten in Wirklichkeit räumlich weit entfernt von einander liegen. Das riesige Bevölkerungswachstum und das Anwachsen der Städte verlangte nach einem anderen Nummersystem. Deshalb führte man im Habsburgerreich 1862 zusätzlich die sogenannte Orientierungsnummer ein. Das ist die heute auch in Deutschland übliche Hausnummer, bei der die Häuser in numerischer Reihenfolge in der jeweiligen Straße „aufgereiht“ sind. Mit einem solchen System konnte sich jeder mit Hilfe des Straßennamens und einer Zahl in einer Stadt orientieren. Das ist der Grund, warum man sie Orientierungsnummer nannte. Das System wurde wechselseitig praktiziert, d.h. die gerade Ziffern auf der einen, die ungeraden auf der anderen Seite der Straße. Das war keine Habsburger Erfindung, sondern wurde erstmals in Amerika (genauer: in Philadelphia 1780) eingeführt und trat dann 1805 in Paris seinen Siegeszug durch Europa an.

Aber was macht Prag so besonders und anders als andere europäische Städte? Nun, Tschechien gehört zu den wenigen Ländern, die beide Hausnummersysteme, die Konskriptionsnummer und die Orientierungsnummer, heute noch gleichzeitig verwenden. Auf Tschechisch: Číslo popisné und Orientační číslo, heutzutage meist čp. und čo. abgekürzt. Man kann die heutigen Nummernschilder leicht unterscheiden. Wie fast überall in der Welt handelt es sich um kleine und landesweit uniform gestaltete Metallschilder, die mit Emaille beschichtet und weiß beschriftet sind. In Prag/Tschechien sind die Schilder der Konskriptionsnummer rot und die Orientierungsnummern blau emailliert – so wie hier in der Ostrovní 225/1 in der Neustadt (Nové Město) bei einem Gebäude des Nova Scena-Theaters.

Diese einfache Methode der uniform gestalteten Emaille/Blech-Schildchen ist aber relativ neu. Im 19. Jahrhundert, als die Sache so richtig konsequent in der Stadt eingeführt wurde, überließ man die konkrete Ausgestaltung der Nummerierungspflicht noch der eigenen Kreativität der Hausinhaber. Deshalb sieht man an den Türen älterer Häuser manchmal kleine Kunstwerke – oft in Stuck (dabei oft an alte Hausschilder anspielend), aber auch in Glasgravur oder auch Buntglas. Letzteres macht sich besonders hübsch, wenn der Eingangsbereich von innen beleuchtet ist, wie man links am Beispiel des Hauses in der Americká 415/36 (ein Neorenaissancegebäude, ca. 1890) sehen kann.

Meistens sieht man dabei nur die Konskriptionsnummer. Spätestens mit der Einführung der Orientierungsnummer erwies sich nämlich die abschraub- und austauschbare Kleinplakette als wesentlich praktischer als eine große Stuckarbeit. Denn was ist, wenn sich Hausnummern ändern? Rechts sieht man eines der wenigen Häuser, bei denen sowohl Konskriptions- als auch Orientierungsnummer schon beim Bau des Hauses in Stuck fest in den Türsturz gegossen wurden. Heute hat das Haus die Nummer Gorazdova 333/18 (wie man an den hier hineinkopierten Blechplaketten sieht). Als das Haus 1905 gebaut wurde, befand man sich noch in der Podskalská 333/72. Die Straße wurde 1947 umbenannt und schon kurz nach dem Bau des Hauses hatte sich die Straße durch die Anlage des nahen Palackého náměstí (Palacký Platz) so verkürzt, dass die Orientierungsnummer 72 in 18 umgewandelt werden musste. In Blech stimmt das Ganze, während der Stuck weiterhin die alte Nummer verewigte. Kuriose Beobachtung: Die Stuck-Orientierungnummer wird nicht „čo“, sondern „čn“ abgekürzt. In den Anfängen sprach man nämlich oft salopp von der Neuen Nummer (čislo nové).

Aber: Die Konskriptionsnummer blieb stets, wie sie war, nämlich 333 – genau wie etwa die bei dem rechts abgebildeten Haus in der Varšavská 1338/15 (ca. 1880/90) in Prag 2. Das Fazit der Geschichte: Die Konskriptionsnummer ist äußerst langlebig , weshalb es zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem normierte Metallplaketten angebracht wurden, sinnvoll oder praktikabel war, sie in die Architektur des Hauses künstlerisch zu integrieren. Bei der Orientierungsnummer ist das eindeutig nicht der Fall. Nun hat sich aber die wesentlich praktischere Orientierungsnummer am Ende überall in der Welt durchgesetzt. In der Habsburger „Mutterstadt“ Wien wurden sie in einer Reform 1958 zwar formell beibehalten, de facto befindet sich seither an den meisten Fassaden nur noch die Orientierungsnummer. Manchmal ist die Konskriptionsnummer anscheinend noch innen im Hausflur angebracht.

Nur inTschechien und der Slowakei feiert die Konskriptionsnummer immer noch fröhliche Urständ – wenngleich immer mit der Orientierungsnummer verbunden, um die Orientierungslosigkeit der Menschen in den Straßen zu minimieren. Ganz gelingt das nicht immer, denn manchmal wird in irgendwelchen Verzeichnissen die Reihenfolge der Nummer (etwa 12/2100 statt 2100/12) vertauscht. In der Regel ist die Konskriptionsnummer die höhere Ziffer und damit leicht identifierbar (Beispiel rechts, das Neo-Rokokohaus in der Římská 1276/36). Aber es gibt auch Häuser, bei denen beide Nummern klein sind (etwa 14/13). Da wird es schwieriger. Erst, wenn man vor dem Haus steht, kann man die Nummern wegen der Farben der Schilder klar zuordnen. Das alles mag man kurios finden. Aber man verdankt der Weiterexistenz der Konskriptionsnummer immerhin auch das Weiterleben ausgesprochen hübscher und manchmal geradezu in künstlerischer wertvoller Form gestalteter Nummerierungen als integrales architektonisches Element in alten Häusern.

Ach ja, bevor man bei älteren Gebäuden jede in Stuck gearbeitete hohe Nummer über dem Türsturz für eine Konskriptionsnummer hält, sollte man darauf achten, dass das wirklich ein „Čís“ oder „Č“ davorsteht. Es gibt nämlich noch ein zusätztliches Element der Verwirrung in Sachen „Nummern auf Häusern“. Vor machen Ziffern steht nämlich die Abkürzung L.P., was eine Hausnummer (ganz gleich, welche) ausschließt. Die Abkürzung steht für léta Páně, was soviel heißt wie: Im Jahre des Herren. Und das bezieht sich auf das Jahr der Fertigstellung des Hauses, das hier zelebriert wird. In dem links gezeigten Beispiel, einem neobarocken Haus in der Římská in Vinohrady, ist das Baujahr 1904 und nicht die Konskriptionsnummer festgehalten, während die Hausnummer 1248/34 lautet. So kompliziert kann es hier in Prag mit der Nummeriererei bei Häusern sein. (DD)

Und hier noch mehr Bilder schöner Hausnummern aus Prag…

Noch ein Bild als Nachtrag: Eine feine Jugendstil-Konskriptionsnummer in der U Nových Vil 176/11 in Prag-Strašnice, entstanden um 1908.

Ein weiteres und seltenes Beispiel, wo beim Bau eines Hauses am Náměstí Míru in Vinohrady (im Stil des Neobarock, um 1902) die Konskriptionsnummer (1220) und die Orientierungsnummer (19) fest in Stuck gegeossen wurden, was sich später rächte. Denn später wurde aus der Orientierungsnummer 19 eine Nr.3 auf blauem Blech. Die Konskriptionsnummer blieb.

Spannende Geschichte einer mysteriösen Villa

Ein wenig gespenstisch sieht die große Villa in der Na Pavím vrchu 1949/2 hoch über dem Park Santoška in Smíchov schon aus. Die Aussicht, die man hier über die Stadt genießen kann, ist atemberaubend. Aber irgendwie verleihen die großen Antennen, die das Gebäude hinter hohen Zäunen und Hecken geradezu wie ein Wald umgeben, dem Ganzen nicht so recht den Eindruck, dass es sich hier noch um einen Ort des müßigen Genießens der umgebenden Landschaft handelt.

Dabei hatte sich der ursprüngliche Eigner der Villa, der Industrielle und Bauunternehmer Otokar Kruliš-Randa, der das Gebäude in den späten 1920er Jahren bauen ließ (weshalb es oft als Krulišova-Villa bezeichnet wird), sicherlich so gedacht. Der war eine beeindruckende Persönlichkeit, ein bibliophiler Büchersammler, ein Schachmeister (und Vorsitzender der Schachvereinigung der Tschechoslowakei) und eine zeitlang sogar Präsident des Böhmisch-Mährischen Industriellenverbandes. Während der Nazizeit legte er sich mit den neuen Machthabern des öfteren mutig an und musste sich 1940 schließlich von seinem Posten und aus der Villa zurückziehen. Stattdessen baute er seine renommierte Bibliothek in seinem neuen Anwesen im südböhmischen Defurovy Lažany auf.

Seine Prager Villa machte währenddessen harte Zeiten durch. Als im Mai 1945 der Prager Aufstand (siehe auch hier und hier) begann, zog sich eine Einheit der SS hierher zurück und verteidigte sich zwei Tage lang verbissen bevor die Aufständischen endlich den wegen seiner Höhenlage strategisch wichtigen Punkt eroberten. Man hätte erwarten können, dass OtokarKruliš-Randa danach die Villa wieder in Stand setzen und friedlich bewohnen hätte können. Doch der wurde erst einmal von Denunzianten der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt. Es folgte ein glänzender Freispruch. Der half aber nichts, denn 1948 kamen die Kommunisten an die Macht und verhafteten ihn trotzdem wieder. Der Mann war ja Kapitalist und somit per se schuldig – zumindest in den Augen der Kommunisten… Die Jahre 1949/50 verbrachte er im Arbeitslager. 1953 wurde er mit fabrizierten „Beweisen“ wieder verhaftet und zu elf Jahren Haft verurteilt, die er nicht überlebte. 1958 starb er im Gefängnis. Erst 1969 wurde er postum rehabilitiert.

Die Villa in Smíchov wurde von den Kommunisten folgerichtig 1948 verstaatlicht und zu sinistren Zwecken genutzt, d.h. sie wurde der Staatssicherheit übergeben. Hier residierte deren „6. Verwaltung“ (VI. správa), wie die High-Tech-Abteilung mit ihren großen Abhöranlagen genannt wurde. Vor allem wurde von hier der ausländische Funk- und Radiobetrieb abgehört. Kurz vor dem Zusammenbruch des Kommunismus ließ man das Gebäude umfassend renovieren, wobei man hauptsächlich politischen Gefangenen in Zwangsarbeit die schwersten Arbeiten überließ. Die wurden jeden Tag in Bussen aus dem Gefängnis hier hinauf gekarrt.

Ein wenig über alle diese Ereignisse erfährt man heute von einer Infotafel (nur in Tschechisch), die auf dem Aussichtplatz davor aufgestellt wurde. Versuche, das Gebäude nach dem Fall des Kommunismus einer völlig anderen Bestimmung zuzuführen, scheiterten. Die Villa gehört nunmehr dem Innenministerium, das hier ein „Funkkommunikations- und Messzentrum“ betreibt. Das soll jetzt aber die Demokratie im Lande beschützen und nicht mehr dem Totalitarismus dienen. Aber eins ist klar: Der erste Eindruck, dass sich hinter dem mysteriösen Erscheinungsbild der Villa aufdrängt, trügt nicht: Hinter dem Haus verbirgt sich tatsächlich eine spannende Historie. (DD)

Die barocke Residenz des ersten Bürgermeisters

Etwas grau und verfallen sieht das Gebäude schon aus. Es könnte den einen oder anderen Eimer Farbe gebrauchen. Aber so passt immerhin der Name recht gut: Dům U Starých Šedivých, zu Deutsch: Das alte graue Haus. Schade, denn auch hier fand Geschichte statt.

Das langgezogene einstöckige Gebäude liegt in der Na Perštýně 309/13, Ecke Průchodní/Ecke Bartolomějská am Rande der Altstadt. Seine alte Barockpracht ist noch erahnbar. Ursprünglich handelte es sich aber nicht um einen Barockbau, denn ursprünglich standen hier vier gotische Häuser aus dem frühen 14. Jahrhundert, die anscheinend zugleich Teil der Stadtbefestigung waren, denn hier endete Prag bevor 1348 mit dem Bau der benachbarten Neustadt als Erweiterung begonnen wurde.

Die gotischen Häuser vielen 1678 einem Feuer zum Opfer. Die mittelalterliche Umgebung kann man an der Westeite, der typisch engen und verwinkelten ul. Průchodní, noch erahnen. Spätestens bis 1726 ist der barocke Wiederaufbau – diesmal nur ein einziges Gebäude – nachweisbar. 1842 erwog man ganz kurz einmal den Abriss, aber schließlich führte man dann doch nur eine gründliche Renovierung mit einigen kaum merklichen klassizistischen Umbauten durch, was im Jahr darauf abgeschlossen wurde. 1863 erfolgte eine weitere Renovierung, die wenig optische Spuren hinterließ.

Erhalten hat sich die schöne barocke Kartusche mit einem Bild der Anbetung der Könige – auch dies leider inzwischen ein wenig verwaschen. Die hübschen Dachgauben – drei an der Zahl – und das Portal der Hofeinfahrt runde ndas Bild eines eigentlich recht stattlichen Hauses ab, das weitaus mehr hermachen würde, wenn man ein wenig Geld in die Renovierung steckte. Unten befindet sich heute ein Souvenirladen, eine Wechselstube und eine Kneipe, die aber wenig zur äußerlichen Attraktivität des eben immer noch recht verfallen aussehenden Gebäudes beitragen.

Denn immerhin wurde das Haus dereinst für würdig befunden, die erste Bürgermeister-Residenz dder Großmetropole Prag zu sein. Eine Plakette über dem Eingang erinnert nämlich an Jan Podlipný, ein führendes Mitglied des nationalen Turnerbunds Sokol (Falke), der als Bürgermeister des Ortes Libeň begann, aber für dessen Eingemeindung zu Prag im Jahre 1901 sorgte und durch weitere Eingemeindungen das heutige Prag schuf. Zur Belohnung bekam er später nicht nur ein Denkmal in Libeň, über das wir bereits berichteten. Nein, er wurde auch 1896 der erste Bürgermeister des neuen Prags. Und als solcher zog er hier in dieses Haus ein, denn die heutige offizielle Residenz des Bürgermeisters (Rezidence primátora) gibt es ja erst seit 1928 (früherer Beitrag hier).

Deshalb findet sich über dem Portal eine Gedenktafel zu seinen Ehren. Sie wurde zu zu Podlipnýs 10. Todestag im Jahre 1924 angebracht und wurde von dem Architekten Alois Dryák gestaltet, der das genau gegenüberliegende kubistische Haus der Berufsgenossenschaft (Odborový dům) entworfen hatte. Der Text der dem umgebenden Barockstil feinfühlig angepassten Tafel lautet: „Hier lebte und starb am 19. März 1914 Dr. jur. Jan Podlipný, erster Vorsteher des Sokol und Bürgermeister von Prag. Gestiftet von der tschechoslowakischen Sokol-Gemeinschaft, 19. III. 1924“. (DD)

Dokument der Freiheit und des Mutes

In der Freiheitsgeschichte des Landes spielt sie eine nicht zu überschätzende Rolle: Die Charta 77. Heute vor 44 Jahren, am 6. Januar 1977, gelangte das bescheiden aussehende, mit einer Schreibmaschine handgetippte Dokument an die Öffentlichkeit. Das Dokument, das heute als einer der Nägel zum Sarg der kommunistischen Tyrannei gilt, ist eines der bedeutendsten Ausstellungsstücke im großen Nationaldenkmal auf dem Vítkovberg.

Im Zuge der Entspannungspolitik hatten die westlichen Demokratien dem Sowjetblock für Versprechen in Sachen Wirtschaftshilfe ein Bekenntnis zur Wahrung von Menschenrechten abgetrotzt, etwa in der Helsinkischlussakte von 1975. Man dachte sich unter den kommunistischen Regierenden, das sei ein bloßes Lippenbekenntnis, und der Westen, der sich zum Prinzip der Nichteinmischung bekannt hatte, könne nichts tun, um die Verletzungen von Rechten zu ahnden.

Aber die Bürger der kommunistischen Staaten – auch in der damaligen Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (ČSSR) – machten einen Strich durch diese Rechnung. Sie beschlossen, ihre Regierungen beim Wort zu nehmen, und das einzufordern, was die in Helsinki unterschrieben hatten. Als 1976 die Mitglieder der systemkritischen Band Plastic People of the Universe in Prag auf offener Bühne verhaftet werden, setzte sich eine Gruppe Oppositioneller – vor allem, aber nicht nur Kulturschaffende – zusammen, um ein Signal zu setzen. Ende Dezember verfassten sie eine Petition. Darin klagten sie an, in ihrem Lande herrsche „ein System faktischer Unterordnung sämtlicher Institutionen und Organisationen im Staat unter die politischen Direktiven des Apparats der regierenden Partei und unter die Beschlüsse machthaberisch einflussreicher Einzelpersonen“

Das Recht, nicht in Furcht vor Repression zu leben, das Recht auf Bildung (das vor allem Kindern von Dissidenten verweigert wurde), das Recht auf Meinungsäußerung, das Recht auf Religionsausübung – alles dies nehme das System den Menschen, klagen die Autoren ein. Die Gruppe nahm den Namen der Petition – Charta 77 – an und blieb unter dieser Bezeichnung bis nach der Samtenen Revolution (1989) aktiv.

Die Autoren, das waren hauptsächlich der Schriftsteller (und später der erste demokratische Präsident des Landes) Václav Havel und der Philosoph Jan Patočka. Als das Dokument veröffentlicht wurde, hatten bereits 242 Menschen unterzeichnet, darunter der spätere Außenminister Jiří Dienstbier, der Schriftsteller Pavel Kohout oder die Pop-Sängerin Marta Kubišová. Fast alle Erstunterzeichner mussten schwere Repressalien – Verhaftung, Bespitzelung, Berufsverbot, Exil – hinnehmen. Patočka starb einige Zeit nach der Veröffentlichung an den Folgen von Verhören durch die Staatssicherheit, nachdem er sich heimlich mit dem niederländischen Außenminister Max van der Stoel getroffen hatte, der damals auf Besuch im Land war.

Von einer echten Veröffentlichung konnte man erst Reden, als westliche Medien wie Times, Le Monde und FAZ, denen man den Text zugespielt hatte, intensiv darüber berichteten. Die Regierenden konnten die Sache nicht mehr diskret unter den Tisch kehren. Eine Gegenkampagne wurde initiiert, die möglicherweise der Charta 77 erst richtig zur Bekanntheit im Lande verhalf. Am 28. Januar ließen die Machthaber im Nationaltheater öffentlich eine Anti-Charta unterzeichnet. Insbesondere prominente Künstler wie Karel Gott unterzeichneten, dass sie die Charta 77, die sie eigentlich hätten gar nicht lesen dürfen, für ein reaktionäres Machwerk hielten.

Ende der 1980er Jahre hatten bereits über 6000 Menschen die echte Charta unterschrieben – trotz der zahlreichen Repressionen, die mit so einem Akt des Mutes verbunden waren. Sie trugen so zur Delegitimierung des Regimes bei, das dann 1989 zusammenbrach. (DD)

Als Prag beinahe preußisch geworden wäre

Prag – man mag es sich gar nicht ausmalen! – wäre dereinst beinahe preußisch geworden. Die Stadt wurde zu einem der Brennpunkte des Siebenjährigen Krieges, der von 1756 bis 1763 tobte, und den vor allem Preußen unter Friedrich II. und das Habsburgerreich unter  Maria Theresia um das nördlich von Böhmen befindliche Schlesien führten.

Im Frühjahr 1757 fielen die preußischen Truppen in Böhmen ein und marschierten mit rund 64.000 Soldaten auf Prag zu – die Schlacht nahm ihren Anfang. In der Nähe von Štěrboholy begann am 6. Mai 1757 der eigentliche Angriff, der aber durch extrem sumpfiges Terrain um den Fluss Rokytka (kleines Bild oben links) ins Stocken geriet. Nachdem alleine auf preußischer Seite fünf Generäle gefallen waren, sah es fast aus, als ob die rund 60.000 österreichischen Truppen den Angriff hätten abwehren können. Doch am Nachmittag gelang den Preußen in einer zweiten Angriffswelle der Durchbruch bei Hostavice und Malešice. Die Österreicher wurden in die Stadt zurückgedrängt und der Belagerungsring um Prag schloss sich. Er wurde schließlich so eng, dass die preußische Artillerie fast nach Belieben in die Innenstadt feuern konnte. Altstadt und Burg erlitten schwere Schäden.

Die preußischen Truppen hatten den Sieg jedoch teuer bezahlen müssen und waren entscheidend geschwächt. Rund 12.500 Tote und Verwundete hatte man zu beklagen. Trotzdem wären sie wohl in der Lage gewesen, Prag nach einiger Zeit einzunehmen, was ein entsetzlicher Prestigeverlust für Maria Theresia gewesen wäre und den Krieg möglicherweise entschieden hätte. Der überraschende und überwältigende Sieg der Österreicher in der  Schlacht von Kolín am 18. Juni 1757 machte es für Friedrich II. jedoch notwendig, die Truppen abzuziehen, um seine Haut andernorts zu retten. Prag wurde nicht erobert und es blieb der Stadt das Schicksal erspart, Preußen anheimzufallen.

Die deutsche Geschichte spricht meist von der Schlacht um Prag, während die Tschechen sie die Schlacht bei Štěrboholy (Bitva u Štěrbohol) nennen. In gewisser Weise ist die deutsche Bezeichnung akurater, da Štěrboholy nicht unbedingt der wichtigste Teil des Schauplatzes war und es sich ja um eine ausgreifende Einkreisungsschlacht handelte, die sich über ein viel weiter gefasstes Areal erstreckte. Das kann man auch bei Wanderungen in der weiteren Umgebung sehen, wo Lehrtafeln an einzelne Abschnitte des Schlachtgeschehens erinnern. Links sieht man eine Tafel in der Nähe von Hloubětín (Prag 9), das ca. 4 Kilometer von Štěrboholy entfernt liegt. Die Flusslandschaft um die Tafel herum erinnert immer noch ein wenig daran, dass man sich damals durch große Sumpfgebiete kämpfen musste, die heute aber einigermaßen trockengelegt sind.

Trotzdem wurde hier in Štěrboholy, einem etwas verschlafenen nordwestlichen Vorort Prags (Prag 10), im Mai 2007 – dem 250. Jahrestag der Schlacht – in einem kleinen Park an der Straße U radiály ein Denkmal eingeweiht, das an die Ereignisse erinnert. Der Grund war wohl weniger, dass der Ort der strategisch wichtigste der Schlacht war, sondern dass er schon zuvor ein Erinnerungsort war, den die Tschechen lange lieber vergessen wollten. Auf dem kleinen Park, der sich um das Denkmal herum befindet, befand sich dereinst der Soldatenfriedhof für die gefallenen preußischen Soldaten. Die Schlacht um Prag umgab bald ein patriotischer Mythos. Der Dichter Gottfried August Bürger erwähnt sie in seinem berühmten schauerromantischen Gedicht Lenore (1778) – „Er war mit König Friedrichs Macht/Gezogen in die Prager Schlacht.“ Der Friedhof gehörte Dank eines Abkommens dem preußischen Staat und wurde stets von einem preußischen Kriegsinvaliden betreut. Zunächst wurden einige kleine Denkmäler errichtet, dann 1839 auf Geheiß Friedrich Wilhelms III. ein großes aus Marmor und Gusseisen. Andere Monumente folgten. Als 1905 die kleinen Militärfriedhöfe in Prag (beispiel hier) aufgelöst wurden, wurden auch die Überreste preußischer Soldaten der Kriege von 1813 (auf Seiten Österreichs) und 1866 (gegen Österreich) bestattet und Monumente errichtet. Der Friedhof war nun recht stattlich dimensioniert. Zu den Besuchern der Anlage, die dadurch zu einer kleinen Preußen-Wallfahrtsstätte wurde, gehörte unter anderem Paul von Hindenburg.

Das alles hätte die Empfindlichkeiten der Tschechen noch nicht gestört, hätten nicht die Nazis nach der Besetzung des sogenannten „Protektorats Böhmen und Mähren“ 1939 den Friedhof geschichtspolitisch instrumentalisiert. Das Eingangstor des in „Standorf-Friedhof“ umbenannten Friedhofs wurde mit einem großen Hakenkreuz „verziert“. Ende des Krieges wurde die Anlage zur Begräbnisstätte für Angehörige der Waffen-SS. Das war dann doch zuviel des Schlechten. Als die Nazis 1945 vertrieben waren, wurden Friedhof und Denkmäler dem Erdboden gleichgemacht.

Als 2007 der Jahrestag kam und das neue Denkmal (ohne sichtbare Überreste des alten Friedhof drumherum) eingeweiht wurde, da war Geschichte wieder Geschichte, was ein unverkrampftes Verhältnis zu den Ereignissen erlaubte. Schließlich konnte man ja weder Maria Theresia, noch Friedrich II. (beide ja aufgeklärte Monarchen), noch die rund 25.000 Gefallenen der Schlacht für den politisch-historischen Missbrauch verantwortlich machen, den Hitler mit ihnen betrieb. Inzwischen führen Geschichtsvereine sogar Nachstellungen der Schlacht auf dem weiten Gelände auf und es gibt kleine Wanderwege mit Tafeln (eine davon direkt neben dem Denkmal, Bild oberhalb links), die über das blutige Geschehen am 6. Mai 1757 informieren.

Wie sehr sich dabei die Schöpfer des Denkmals der geschichtlichen Verantwortung bewusst waren, zeigt sich auch darin, dass hier nicht nur der preußischen Soldaten gedacht wird, die hier einst ihre letzte Ruhestätte fanden, sondern auch der österreichischen – was moderner und europäisch gedachter Denkmalskultur entspricht. „6.5.1757 – Zum Gedenken an die gefallenen österreichischen und preußischen Soldaten bei der Schlacht von Štěrboholy“, lautet die nüchterne, aber würdige Inschrift auf dem Denkmal in deutscher Übersetzung.

Die Nachfahren prominenter Gefallener nahmen den Faden auf. Und so wird, ganz gemäß Proporz, je einem preußischen und einem österreichsichen Heerführer, der hier sein Leben ließ, gedacht. 2008 wurde neben dem Hauptdenkmalstein eine Plakette zum Gedenken an den hier gefallenen preußischen Generalfeldmarschall Kurt Christoph Graf von Schwerin aufgestellt, im Jahr darauf folgte eine identisch gestaltete Plakette für den ebenfalls bei der Schlacht gefallenen österreichischen Marschall Maxmilian Baron von Brown und Graf von Mountany und Camus. Dass man beiden so gleichverteilt und vorurteilsfrei gedenkt, gibt Hoffnung für die Welt. (DD)

Wo die Staatsicherheit Havel bespitzelte

Er ist heute in das Gebäude der Galerie Mánes, einem modern-funktionalistischen Kulturzentrum aus dem Jahre 1930, integriert. Aber der Šítkov Wasserturm (Šítkovská vodárenská věž) am Masarykovo nábřeží 250/1 (Masaryk Ufer) in der Neustadt hat auch seine eigene, höchst spannende Geschichte, die in den Jahren des Kalten Krieges einen Höhepunkt erreichte, als er zu einem Agentennest der tschechoslowakischen Staatsicherheit (Státní bezpečnost, StB) wurde.

Aber zurück zum Anfang: Im Spätmittelalter wurden erstmals in Prag Wassertürme gebaut (frühere Beiträge hier und hier), um die Versorgung der Bürger mit sauberem Wasser zu erreichen. Zwischen 1488 und 1495 wurde an der Stelle des heutigen Turms ein Holzturm errichtet, der diesen Zweck erfüllte. Er war in eine große Mühlenanlage integriert, die einem gewissen Jan Šítka gehörte, der zum Namensgeber des Ganzen wurde. Die Wassermühle betrieb auch die Pumpe, die das Wasser hinaus beförderte, das dann hydraulisch durch die Wirkung der Schwerkrat wieder nach unten in die Röhren floß.

Ende des 16. Jahrhundert fielen Mühle und Turm einem Feuer zum Opfer und zwischen 1588 und 1591 baute man ihn wieder auf. Man hatte inzwischen durch das Feuer gelernt und so wich der Holzturm einem Steinturm, weil Stein nun einmal nicht so leicht brennt. Rund 3/4 des Wasserbedarfs der Neustadt wurden nun von diesem Turm gedeckt. Vor Schaden gefeit war er aber trotzdem nicht, denn als die Schweden zu Ende des Dreissigjährigen Krieges 1648 erfolglos Prag erobern wollten, richteten sie durch Artilleriefeuer größere Schäden am Bauwerk an. 1651 reparierte man die Schäden und setzte das nunmehr so typische Kuppeldach auf, das im 18. Jahrhundert mit Kupferblech überzogen wurde.

Im 19. Jahrhundert wurden immer mehr Stauseen außerhalb der Stadt und moderne Türme mit Dampfpumpen errichtet (früherer Beitrag hier). Der alte Turm war nicht mehr state-of-the-art. 1847 stellte er seine Funktion ein. Das Wasserwerk mit seinen Pumpen wurde 1882 abgerissen, nur der Turm blieb erhalten. 1930 wurde er in die neue Galerie Mánes (früherer Beitrag hier) baulich integriert und bietet einen wunderschönen optischen Kontrast zum kühlen Funktionalismus des neuen Gebäudes. Dabei musste man zunächst einmal das Fundament des Turmes mit einer Betonkonstruktion stabilisieren. Der 47 Meter hohe Turm stand nämlich immer schon auf sumpfigem Boden. Im Grunde ist er das, was der Schiefe Turm von Pisa für Pisa ist, nur eben für Prag. Man kann es ein wenig auf dem Photo oberhalb links erkennen: ganze 1,15 Meter weicht er Richtung Ufer von der vertikalen Achse ab. Das ist eine Menge und er ist definitiv der schiefste Turm von Prag. Einsturzgefahr besteht allerdings Dank des Fundaments von 1930 nicht mehr.

Doch nun zur Staatssicherheit: Die zog in den 1980er Jahren in die oberste Etage und die Kuppel ein. Gegenüber, am Rašínovo nábřeží 2000/78 (Rašín Ufer), direkt neben dem Ort, wo heute das berühmte Tanzende Haus (früherer Beitrag hier) steht, wohnte kein geringerer als der berühmte Dramaturg und Dissident Václav Havel. Es handelte sich um sein Geburtshaus, das er zunächst von 1936 bis 1971 bewohnte. 1986 zog er wieder ein, diesmal mit seiner Frau Olga. Von den oberen Fenstern des Turmes war der Eingang des Hauses perfekt zu erkennen. Die StB-Agenten machten es sich dort gemütlich mit Heizkörpern, Kochgelegenheit, Geschirr, Betten, Schreibmaschine und Telefon. Niemand sonst hatte Zugang zum Turm. 24 Stunden am Tag wurde Havels Haus beobachtet. Immer durch zwei Agenten gleichzeitig.

Keiner, der mit Havel dort Kontakt hatte, blieb unbemerkt, was wiederum selbst unbemerkt blieb. Nun ja, bis zum magischen Glücksjahr 1989 als die Samtene Revolution – auch mit Hilfe Havels – die Kommunisten wegfegte. Kurz darauf wurde aus dem Dissidenten der frei gewählte Präsident und die Mitarbeiter der Staatssicherheit musste still und leise gehen. Und ihre Machenschaften wurden publik. (DD)

Studentenmord

Am heutigen Tag begeht man hier in Tschechien den Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (Den boje za svobodu a demokracii), der im Jahre 2000 zum Nationalfeiertag erklärt worden ist. Mit dem 17. November verbindet man in der Regel den Beginn der Samtenen Revolution von 1989, die die Schreckensherrschaft des Kommunismus beendete. Zweifellos ein Grund zum feiern!

Die Demonstranten von 1989 knüpften dabei aber zunächst an ein anderes Kapitel der Geschichte des Landes an, dem heute ebenfalls gedacht wird. 50 Jahre zuvor waren in Prag die Studentendemonstrationen gegen die Nazibesetzung brutal niedergeschlagen worden. Das sich antifaschistisch gebärdende kommunistische Regime konnte 1989 gegen eine nominell antifaschistische Demonstration, die an dieses Ereignis erinnerte, wenig einwenden, es war aber vorhersehbar, das sich die Freiheitsbotschaft gegen das totalitäre System der Nazis von 1939 sich bald auch gegen das totalitäre System der Kommunisten richten würde.

Im Februar 1939 hatte Hitler die Resttschechei zerschlagen und deutsche Truppen besetzten daraufhin auch Prag. Formell blieb das Land (ohne die Slowakei, die von Hitlers Gnaden selbständig erklärt worden war) uabhängig. Tatsächlich stand das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren aber völlig unter Hitlers Kontrolle.

Die Tschechen wollten sich das nicht gefallen lassen. Immer wieder erhoben sich Proteste, vor allem seitens der Studentenschaft. Am 28. Oktober, dem 21. Jahrestag der Gründung der Tschechoslowakischen Republik, fanden große Protestmärsche statt, die von Arbeiterstreiks begleitet waren. Die von den deutschen Machthabern zur Niederschlagung der Demonstrationen aufgeforderte tschechische Polizei griff gar nicht oder nur halbherzig ein. Die Nazis setzten daher von nun an deutsche Polizisten ein, die hunderte von Menschen verhafteten und ohne Gnade das Feuer eröffneten.

Auf der Höhe der Žitná 569/24 (im heutigen Prag 2) wurden der Medizinstudent Jan Opletal und der Arbeiter und Sokol-Aktvist Václav Sedláček von Kugeln getroffen. Sedláček starb noch am selben Abend. Opletal starb am 11. November an den Folgen des Bauchschusses. Seine Aufbahrung an der Universität wurde zu einer politischen Demonstration, an der über 3000 Menschen teilnahmen. Als der Sarg am 15. November zum Bahnhof gebracht wurde, um den Toten zur Beerdigung in seine mährische Heimatstadt Náklo zu überführen, schwoll der Protest noch einmal an. Diesmal versammelten sich über hunderttausend Menschen. Als die Teilnehmer anfingen, die tschechoslowakische Nationalhymne zu singen, zerschlug die Polizei den Protest, der dann in verschiedenen Stadtteilen wieder aufflammte.

Die Nazis entschieden sich nun zu noch härterem Durchgreifen. Am 17. November – jenem Tag, an den dann die Demonstranten von 1989 erinnern wollten – setzte die sogenannte Sonderaktion Prag ein. Die Nazis schlossen an diesem Tag alle tschechischen Universitäten, verschleppten rund 1200 Studenten ohne Gerichtsverhandlung ins Konzentrationslager und erschossen neun der Studentenführer, die die Demonstrationen organisiert hatten – eine gnadenlose Mordaktion.

Noch im Herbst 1989 – kurz vor den Demonstrationen der Samtenen Revolution – brachte man an einer Gartenwand in der Žitná , dort wo Opletal und Sedláček erschossen worden waren, eine Gedenktafel mit einer abstrakt-geometrischen Skulptur aus Granit und Marmor an. Neben dem Datum der tödlichen Schüsse und den Namen der beiden Freiheitshelden befindet sich darauf der Spruch des römischen Dichters Horaz aus seinen Oden: Non omnis moriar (Ich werde nicht ganz sterben). An jeden Jahrestag wird der Erinnerungsort mit Blumen und Kränzen überschüttet.

Das gilt auch die kleine einfache Gedenkplakette, die man gar nicht weit davon entfernt findet. Auch sie ist an Nationalfeiertagen – insbesondere dem 17. November – mit Blumen und Kränzen in den tschechischen Landesfarben rot-weiß-blau förmlich überschüttet. Opletal genießt so etwas wie einen studentischen Nationalheldenstatus im Lande – übertroffen allenfalls von Jan Palach (früherer Beitrag hier), der sich 1969 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings in Protest selbst verbrannt hatte und damit ein Signal gegen die Unterdrückung setzte.

Die Plakette befindet sich an einem großen Mietshaus in der Jenštejnská 1966/1 (Prager Neustadt), wo Jan Opletal seit der Aufnahme seines Medizinstudiums im Jahre 1939 gelebt hatte und erinnert an diesen Umstand. Ein Kuriosum ist dabei das Geburtsdatum, das als Geburtsdatum der 31. Dezember 1915 angegeben ist, während Opletal in Wirklichkeit am 1. Januar 1915 geboren wurde. Die Eltern hatten damals bei der Universitätseinschreibung den 31. Dezember 1914 angegeben, damit er früher als erlaubt immatrikulieren konnte. Die Schöpfer der Gedenkplakette waren darob wohl so verwirrt, dass sie noch ein drittes Geburtsdatum erfanden.

Ach ja, während in Tschechien selbst der 17. November primär mit dem Beginn der Samtenen Revolution von 1989 verbunden wird, verbindet ihn die internationale Gedenkkultur tatsächlich eher mit den Ereignissen von 1939. Weil die Organisatoren der damaligen Proteste gegen die Naziherrschaft nicht nur, aber hauptsächlich Studenten waren, rief das International Students‘ Council in London 1941 diesen Tag erstmals zum Gedenktag aus. Heute ist der Weltstudententag ein internationaler Feiertag. (DD)

Comenius und die Bildung

Am 15. November 1670, also genau vor 350 Jahren, starb in seinem Amsterdamer Exil Jan Amos Komenský, der den meisten Nicht-Tschechen als Johann Amos Comenius bekannt ist. Dessen historische Verdienste um die Entwicklung der modernen europäischen Pädagogik sind so enorm, dass es in keiner Weise verwundert, dass das Nationale Pädagogische Museum und Bibliothek (voller Name: Národní pedagogické muzeum a knihovna J. A. Komenského) in Prag nach ihm benannt ist.

Das Museum (zur Zeit ein Corona-Opfer) befindet sich in der Valdštejnská 18/20 auf der Kleinseite in einem um 1541 entstanden Renaissancehaus, genannt Haus zur Goldenen Sonne (dům U Zlatého slunce). Es präsentiert die geschichtliche Entwicklung der Erziehungswissenschaft in den böhmischen Ländern von den Anfängen bis heute. Und dem großen Comenius wird dabei ein besonderer Platz eingeräumt. Zu seinem Todesjahr wurde sogar eine Ausstellung mit seinem Leben als Comic eröffnet (Bild oberhalb links).

Das mit vielen Schautafeln in Tschechisch und Englisch, aber auch etlichen Ausstellungstücken ausgestattete Museum ist – wie man es bei dem Thema erwarten sollte – didaktisch sorgfältig gestaltet. Auf überbordende Digitalisierung wird noch nicht gesetzt, aber die Nachbildung originaler historischer Klassenräume (großes Bild oben) ist am Ende auch irgendwie interessanter als die virtuelle Nachbildung derselben.

Die Dauerausstellung folgt den Weg der Bildung und Bildungsideen durch die Jahrhunderte. Vom Mittelalter mit der Kirche als einziges Zentrum für Bildung über die Modernisierung im Zeitalter von Humanismus und Aufklärung bishin zur Moderne. Auch die Erziehung (oder besser: Indoktrination) in den Zeiten des Kommunismus wird detailliert einbezogen, wie dieses Plakat zeigt, dass die Schüler auffordert, den Jahrestag der „Befreiung“ durch die Sowjetarmee am 9. Mai 1945 zu feiern hätten (die Kapitulation der Nazis erfolgte realiter einen Tag zuvor vor den nicht-kommunistischen tschechischen Truppen des Prager Aufstands, siehe auch hier, was man unter den Kommunisten aber nicht beigebracht bekam).

Das Museum wurde schon 1892 gegründet, ist also weltweit eines der ältesten seiner Art. Es war als Quelle von Information (deshalb die große Bibliothek) und Inspiration für tschechische Lehrer in den Zeiten der österreichisch geprägten Habsburgerzeit gedacht. Es hatte daher eine stark nationale Komponente, die man dem Ganzen auch heute noch ein wenig anmerkt. Das Museum legt den thematischen Schwerpunkt immer noch stark auf Aspekte wie tschechische Sprachentwicklung oder Ausformung eines parallel zum deutschen entstehenden tschechischen Bildungswesens.

Und da kommt Comenius ins Spiel, der als Tscheche (genauer: Mähre) im 17. Jahrhundert der große Pädagoge der Tschechen schlechthin wurde, aber – und das ermöglicht eine Brücke zu post-nationalistischeren, europäischen Bildungsideen – schon damals die europäische Bildungswelt inspirierte. Das tat er möglicherweise nicht freiwillig. Als Pfarrer und Theologe der Unität der Böhmischen Brüder (Vorgänger der heutigen evangelischen Kirche im Lande) konzipierte er ein Bildungskonzept, das nicht bloßes Einpauken des tradieren Kanons, sondern Lebenstauglichkeit und Anpassung an die Fähigkeiten des Kindes in den Mittelpunkt stellte. Mit dem Orbis sensualium pictus schrieb er das erste Kinder- und Jugendbuch – ein lehrreiches, natürlich.

Seine Zeit in Mähren endete 1620 mit der Schlacht  am Weißen Berg (siehe auch hier), die die katholischen Habsburger an die Macht brachte, die der religiösen Freiheit ein Ende setzten. Comenius floh ins Exil – erst in Polen, dann nach Deutschland, Schweden und Holland. Überall hinterließ er Schüler und begeisterte Nachahmer. In England wollte Oliver Cromwell die universitäre Bildung mit Hilfe von Comenius‘ Schüler Samuel Hartlib ausweiten. Das, was heute in Europa als moderne Bildung gilt, hat größtenteils seine Wurzeln in den Ideen von Comenius.

Neben dem internationalen „Star“ der tschechischen Pädagogik, Comenius, bilden die national-tschechischen Bildungsreformer den wohl größten Schwerpunkt, etwa die Sprachforscher Josef Dobrovský (auch hier) oder Josef Jungmann (hier), die sich um die Kodifizierung der tschechischen Sprache bemühten. Auf jeden Fall lernt man viel Neues in diesem sehr ansprechenden Museum, dessen Rundgang mit dem Wiederaufbau des Bildungssystems nach dem Fall des Kommunismus endet. (DD)

Maria Theresia als elegante Schachfigur

Die Habsburger waren eigentlich nie unumstritten und wurden in Böhmen oft als Fremdherrscherdynastie angesehen. Als sich 1918 die Erste Tschechoslowakische Republik gründete, wurden viele Denkmäler der Habsburger demontiert. Plante man aus denkmalpflegerischen Gründen in den letzten Jahren eine Wiederaufstellung, gab es jedes Mal heftige politische Diskussionen (wir berichteten u.a. hier). Um so erstaunlicher ist es, dass es seit Oktober in Prag sogar ein neu angefertigtes Denkmal für Kaiserin Maria Theresia – ganz klar eine Habsburgerin! – gibt.

Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass Maria Theresia, die übrigens nebenbei auch die einzige Frau war, die je auf dem böhmischen Thron saß, in jedem Fall besser erschien als die Alternativen, die sich den Tschechen in ihrer Regierungszeit boten. Die Franzosen mit ihrem damals recht ruppigen Absolutismus wären wohl kaum besser gewesen als die Österreicher. Die Franzosen waren nämlich 1742 dabei, Prag zu besetzen. Das geschah im Zuge des Österreichischen Erbfolgekrieges, der deshalb entbrannte, weil trotz der Bemühungen ihres Vater Karls VI., durch ein Sondergesetz (Pragmatische Sanktion) ihre erzherzögliche Thronfolge (was oft ein „Sprungbrett“ zum Kaisertum war) im Reich abzusichern, der Widerstand so groß war, dass er gewalttätig eskalierte. Frauen war der Zugang zu diesem Job nämlich eigentzlich verweigert.

Die Gegner im Reich hatten sich mit den Franzosen verbündet, weil die sich immer als europäische Rivalen der Habsburger in Europa sahen. Aber in Frankreich herrschte ein wirtschaftlich verantwortungsloser Absolutismus der unaufgeklärten Sorte. Österreich unter Maria Theresia, die als die aufgeklärte Monarchin schlechthin galt, war da auch für die Böhmen attraktiver. Unter ihr gab es eine effizientere Verwaltung, mehr Volksbildung und wenigstens einige kleine Einschränkungen der Leibeigenschaft (die dann ihr Sohn Joseph II. 1781 ganz abschaffte). Bei dem Krieg kam Maria Theresia mit einem blauen Auge davon. Sie verlor ein paar Territorien und formell wurde ihr Ehemann,  Franz Stephan von Lothringen, Kaiser, aber sie konnte de facto regieren.

Oder hätten die Prager lieber von einem Hohenzollern regiert werden sollen? 1757 hatte im Verlauf des Siebenjährigen Krieges der preußische König Friedrich II. Prag mit seiner Armee belagert und hätte die Stadt samt Böhmen Maria Theresia um ein Haar entrissen, wenn nicht die Niederlage gegen die Österreicher bei der Schlacht von Kolín einen Abzug der Truppen notwendig gemacht hätte. Aber ein preußisches Prag? Undenkbar! Dann ginge es ja heute hier zu wie in Berlin. Das wollte man vorausschauenderweise schon damals nicht. Deshalb lernte man vielleicht am Ende, Maria Theresia um so mehr zu lieben.

Und so hat vor einiger Zeit der Rat des Stadtteil Prag 6 beschlossen, den bekannten Bildhauer Jan Kovářík mit der Anfertigung einer Maria-Theresia-Statue zu beauftragen. Eine kleine, nunmehr Maria Theresia Park (Park Marie Terezie) genannte Grünlage wurde als Standort ausgewählt. Die Anlage entstand erst 2017 und befindet sich über einer neu eingerichteten Tiefgarage und einer Tunneleinfahrt. Richtig schön war der Park bisher nicht, vor allem, da an vielen Stellen Lüftungsschächte herausragen. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass die große Statue den Park deutlich verschönert und attraktiver gemacht hat.

Warum ausgerechnet hier? Nun, der Park liegt an der Außenmauer der nach ihr benannten Marianischen Stadtbefestung (Mariánské hradby) des Burgbezirks – ein noch weitgehend erhaltenes Stück der großen Bastionen, die den Statdteil bis ins 19. Jahrhundert umgaben. Obwohl der Ort dadurch zum Denkmal historisch passte, gab es einige kleine Proteste. Denn „Habsburg“ ist immer noch ein Reizwort für manche Tschechen, selbst wenn es um die gute Maria Theresia geht. Kritiker erinnerten, dass auf dem Gelände dort einer der führenden tschechischen Widerstandskämpfer gegen die Nazis, Václav Morávek, 1942 bei einem Gefecht mit Gestapo-Schergen getötet worden war. Es gab Petitionen, statt die Kaiserin lieber ihn hier mit einer Statue zu ehren.

Der Rat schloss sich diesen Petitionen nicht an, zumal auf der anderen Straßenseite schon 2014 ein großes Denkmal zu seinen Ehren errichtet worden war. Und man sah auch vielleicht keinen Grund, die in Sachen Naziverbrechen ja definitiv historisch unbelastete Maria Theresia nun wieder abzuwerten. Sie eignete sich nicht, um gegen den mutigen Widerstand von Tschechen gegen die Nazis ausgespielt zu werden. Und deshalb wurde am 20. Oktober 2020 – dem 280 Jahrestag ihres Regierungsantritts – die Statue von den Stadtväter und -müttern feierlich eingeweiht. Die Statue selbst ist 5,50 Meter hoch und besteht außen aus einem optisch Beton ähnelnden Kunststein-Material. Der (nicht sichtbare) Kern ist aus Polystyrol angefertigt. Eine eingeprägte Inschrift nennt den Namen, die Lebensdaten und die Herrschafttitel (Erzherzogin Österreichs, Königin Ungarns und Böhmens – und korrekterweise nicht der inoffizielle Kaisertitel des Reiches).

Kovářík hat bei der Statue kein historisch korrektes Abbild der Kaiserin liefern wollen. Es handelt sich um eine abstrakte Darstellung der Form einer Frau im typischen höfischen Kostüm aus der Mitte des 18. Jahrhundert. Spötter verglichen sie in der Presse sogleich mit einer Schachfigur (šachová figurka). Aber objektiv kann man der Statue eine angemessene Eleganz schwerlich abstreiten. Und vereinzelt haben Historiker wohl schon darauf aufmerksam gemacht, dass die Schachmetapher gar nicht so schlecht zu der absolutistischen Idee von geostrategischer Machtpolitik in den Zeiten Maria Theresia, bei der Länder wie auf einem Schachbrett zwischen den Dynastien verschoben wurden, passt. (DD)