Freiheitskämpfer der Nation

Eine Büste mit einer Gedenkplakette erinnert daran, dass er hier in diesem Haus in der Francouzská 436/36/Ecke Masaryka im Jahre 1890 geboren wurde: Alois Eliáš – ein Kriegsheld der Tschechoslowakischen Legion im Ersten Weltkrieg, ein während der Nazibesetzung zur Kollaboration Gezwungener, der seine Position nutzte, heimlich den Widerstand zu unterstützen, und der einzige Regierungschef, den Hitler hinrichten ließ.

Nominell war die „Rest-Tschechei“, die Hitler 1939 unter Tolerierung der westlichen Alliierten besetzt hatte, kein erobertes Land, sondern ein eigener Staat mit eigener Regierung, der unter deutschem „Schutz“ stand, als Protektorat Böhmen und Mähren. In Wirklichkeit ließen die Nazis den demokratisch gesinnten Politikern, die die Regierungsämter bekleideten, kaum Spielräume. Es verlangte ihnen grausige Kompromisse ab, um vielleicht die Chance zu bekommen, Schlimmeres zu verhindern, aber das schien ihnen immer noch besser als das Land vollständig den Deutschen zu überlassen.

Alois Eliáš hatte im Ersten Weltkrieg in tschechischen Einheiten in der französischen Armee gekämpft, um seine böhmische Heimat von der Habsburgerherrschaft zu befreien. Er wurde danach einer der ersten Generäle in der neuen Tschechoslowakischen Republik. Es war also ein überzeugter tschechischer Patriot und Demokrat, der im April 1939 die entsetzliche Bürde auf sich nehmen musste, unter den Nazis Ministerpräsident zu werden. An echte Kollaboration dachte er dabei nie, eher an Wege, wie er das Amt nutzen konnte, um die Spielräume des Widerstands zu erweitern. Er und seine Regierung versuchten, Obstruktion zu betreiben, wo man konnte. Heimlich hielt er Kontakt zur Londoner Tschechoslowakischen Exilregierung  unter Präsident Beneš. Enge Verbindungen zur Widerstandsrganisation ÚVOD wurden geknüpft, was deren Effektivität stärkte. An einem Plan, nazi-treue Journalisten zu beseitigen, schien er ebenfalls beteiligt gewesen zu sein.

Die Gestapo kam der Sache jedoch schnell auf die Schliche und Eliáš wurde im September 1941 verhaftet, vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Vor einer Vollstreckung schreckten die Nazis jedoch zunächst zurück. Erst als am 4. Juni 1942 der stellvertretende Reichsprotekor  Reinhard Heydrich an den Folgen des Attentats gestorben war, ließen sie alle Hemmungen fallen. Summarische Massenhinrichtungen standen nun auf der Tagesordnung. Am 19. Juni wurde er auf dem berüchtigten Schießplatz von Kobylisy (früherer Beitrag hier) hingerichtet.

Als nach dem Krieg die Demokratie wieder hergestellt wurde, galt Eliáš zurecht als einer der großen Helden des Widerstandes, der unglaublichen Mut und das größtmögliche Opfer für seine Überzeugungen aufgebracht hatte. Deshalb wurde 1947 an seinem Geburtshaus im Stadtteil Vinohrady (Prag 2) die Plakette angebracht, die ihn als Freiheitskämpfer der Nation anpreist. Die Büste war ein Werk des Bildhauers Jan Kavan.

Ein Jahr später war es mit der Verehrung schon wieder vorbei, denn da hatten die Kommunisten bereits die nächste Runde des Totalitarismus eingeläutet. Die konnten mit einem bürgerlich-demokratischen Widerstandskämpfer wenig anfangen, zumal Eliáš mit der ÚVOD eine bewusst nicht-kommunistische Widerstandsgruppe unterstützt hatte. Die Büste blieb zwar, wo sie war, aber sonst verschwand das Andenken an ihn. Erst nach dem Ende der kommunistischen Schreckenszeit 1989 würdigte man ihn wieder angemessen. 1996 wurde er postum mit dem Orden des Weißen Löwen ausgezeichnet und 10 Jahre später wurde seine Urne auf dem Nationaldenkmal von Žižkov in allen Ehren mit einem Staatsbegräbnis beerdigt. (DD)

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