Dramatische Stunden im Grünen Salon

Unterhalb der Burg findet man auf der Kleinseite eine Reihe von Palästen und Gärten (früheres Beispiel hier). Sie finden bei den Besuchern der Stadt meist nicht so viel Beachtung wie die Paläste oben im Burgviertel. Sie sind aber nicht minder sehenswert. Einer davon ist der Kolowrat Palast (Kolovratský palác) in der Valdštejnská 154/10 ein Gebäude, in dem dramatisch Geschichte geschrieben wurde. Der Palast wurde 1776 an der Stelle mehrerer Stadthäuser aus der Zeit der Gotik und der Renaissance im Auftrag von Herman Jakob Czernin von Chudenitz als barockes Schloss erbaut. Als Architekten konnte man dafür den damaligen Star-Baumeister Johann Ignaz Palliardi gewinnen.

Vieles an dem Bau sieht tatsächlich sehr original „barockig“ nach der Handschrift Palliardis aus, aber vor allem innen hat man es in Wirklichkeit weitgehend mit einem Werk des Neo-Barock aus dem 19. Jahrhundert zu tun. 1886 war der Palast nämlich in den Besitz von Zdeněk von Kolowrat-Krakowský übergegangen, der den ihn rigoros neugestalten ließ – so rigoros, dass er am Ende sogar seinen Namen trug. Durch den Anbau von Pferdeställen und anderen Nutzgebäuden veränderte sein Sohn Hanuš das Gebäude später auch äußerlich.

Neben seiner kunsthistorischen hat der Palast aber vor allem auch eine geschichtliche Bedeutung. 1918 pachtete die junge Tschechoslowakische Republik den Palast und quartierte zunächste einmal das Sozialministerium hier ein. 1920 kaufte der Staat es schließlich und nach einigen Umbauarbeiten hielt fortan der Minsterrat in dem Gebäude seine Kabinettssitzungen ab.

Der berühmte neobarocke Grüne Salon wurde nun der Ort, wo die Republik einige ihrer dramatischsten Stunden erlebte. Am 30. September 1938 waren Präsident Edvard Beneš und das Kabinett von ihren „befreundeten“ Alliierten Frankreich und Großbritannien über das Münchner Abkommen informiert worden, das die Tschechoslowakei zwang, große Teile des Landes an Hitlers Deutschland abzutreten. Gegen Hitler und die Großmächte sich durchzusetzen, erschien dem Kabinett hier im Grünen Salon am Ende aussichtslos und man beschloss voller Verzweiflung, das Diktat anzunehmen.

Es kam noch schlimmer: Am 15. März 1939 saß das Kabinett wieder im Grünen Salon, um das von Hitler an Präsident Emil Hácha gerichtete Ultimatum zu beratschlagen, dass die Rest-Tschechei sich als „Protektorat Böhmen und Mähren“ mehr oder minder unter die Herrschaft der Deutschen stellen oder das Land bombardiert und mit Krieg überzogen werden solle. Um ein möglicherweise am Ende sinnloses Blutbad zu vermeiden, akzeptierte die Regierung das schreckliche Los, das ihr und dem Land auferlegt wurde. Deutsche Truppen marschierten ein und die Menschen waren den Nazis ausgeliefert.

Und am 27. September 1941 wurde hier der (nur noch nominell unter den Deutschen) regierende Ministerpräsident Alois Eliáš verhaftet, der seine Position mutig genutzt hatte, um heimlich Kontakte zur Exilregierung und zum organisierten Widerstand aufzubauen, um das Naziregime von innen zu bekämpfen. Er wurde im Juni des folgenden Jahres auf dem berüchtigten Schießplatz Kobylisy (früherer Beitrag hier) in Prag hingerichtet. Eine Gedenkplakette neben dem Eingang zum Gebäude erinnert an ihn und seinen Heldenmut.

In den Zeiten des Kommunismus residierte hier u.a. das Kulturministerium. Die Zeiten des Grauens sind nun vorbei. Seit 1996 hat der Senat der Tschechischen Republik, der das Gebäude von 2003 bis 2006 noch einmal renovierte, hier einen seiner Sitze. Hier befinden sich Sitzungssäle und Abgeordnetenbüros (das Plenum ist allerdings im Wallensteinpalast gegenüber). Hat man die Gelegenheit, das Gebäude mal von innen zu sehen, ist man erfreut, wie blitzblank und proper die Einrichtung heute im restaurierten Zustand aussieht. Besonders der Rosa Salon mit seinem Keramikofen beeindruckt. Desgleichen gilt für das Kowratsche Treppenhaus.

Der Senat sorgt als frei gewählte Kammer dafür, das von Regierung und Abgeordnetenhaus vorgeschlagene verfassungsändernde Gesetze oder Änderungen des Wahlrechts noch einmal gründlich erwogen werden – zum Wohl des Landes. Die demokratische Tradition des Landes wird hier noch (gegen allerlei populistische Anfechtungen) hochgehalten. Man sieht es schon an der Ausstattung. Im Bild links sieht man mich im Büro von Senator Pavel Fischer, über dessen Kamin das Portrait des Begründers der tschechoslowakischen Demokratie und ersten Präsidenten des Landes, Tomáš Garrigue Masaryk, hängt – als Inspiration und Ansporn. (DD)

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