Eklektischer Nationalstil

Mit der Gründung der Tschechoslowakischen Republik im Jahre 1918 setzte in der Architektur eine verstärkte Suche nach einem eigenen „Nationalstil“ ein, die ihre Wurzeln bereits in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg hatte.

Um sich von der „Rückständigkeit“ der Habsburgermonarchie abzusetzen, und sich modern und demokratisch zu präsentieren, kam schon vor dem Weltkrieg der Kubismus in Mode. In der Republik sah man dann auch ein verstärktes Experimentieren mit dem Funktionalismus. Aber andererseits erwartete man von einer „Nationalarchitektur“ auch Traditionsverbundenheit mit dem historischen Erbe. Deshalb findet man in Prag auch viele sehr ek­lek­tische Bauwerke, die gleichermaßen auf moderne und traditionelle Bauelemente zurückgreifen, um sie (manchmal etwas unsystematisch) miteinander zu verknüpfen.

Ein wunderschönes Beispiel dafür findet man in dem großen, vierstöckigen Bürohaus in der Nad štolou 1277/6 im Stadtteil Bubeneč. Erbaut wurde das Haus in den Jahren 1921/22 (über dem Eingang ist 1922 als Datum der Einweihung vermerkt). Die kühn konstruierte Fassde kombiniert Elemente von Klassizismus, Jugendstil und Kubismus. Über dem halbrunden, mehrstöckigen Erker, der an Gebäude des Spätjugendstil erinnert, thront ein Giebel mit typisch kubistischer Dreiecksform.

Auch die eleganten Skulpturen über dem Portal des Eingangs – sie zeigen jeweils einen weiblichen und ein männlichen Akt – sind stimmig im kubistischen Stil gehalten. Über den Bildhauer der sehr allegorischen Figuren (man beachte das Füllhorn der weiblichen Skulptur) konnte ich leider nichts herausfinden.

Ähnliches gilt auch für Decken unter den Balkonen. Sie sind mit ihren geometrischen Deckenmalereien ebenfalls im kubistischen Stil der frühen 1920er Jahre gehalten.

Trotzdem handelt es sich nicht um jene tschechische Sonderform des Kubismus , der sogenannte Rondokubismus, der mit den abstrakt-geometrischen Formelementen traditionalistische Formensprache andeutet (früheres Beispiel hier). Die Säulen, die den Balkon zwischen ersten und zweitem Stock durchbrechen sind klassische dorische Säulen. Die Doppelsäulen des dritten Stocks (kleines Bild oberhalb links) sind hingegen in der Tat kubistische Spielereien, die nur den Eindruck erwecken, klassisch zu sein. Ähnliches gilt für die Kapitelle neben dem Eingang.

Der Architekt, dem wir dieses beeindruckende Gebäude verdanken, passt perfekt zu der Idee eines progressiven republikanischen Nationalstil. Josef Záruba-Pfeffermann war nicht nur der Schöpfer zahlreicher Modernisierungsprojekte, wie etwa das Wasserkraftwerk Štěchovice, sondern auf ein politisch engagierter Fortschrittspatriot. Als der spätere erste Präsident der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, während des Ersten Weltkriegs vor den österreichsichen Behörden ins Exil fliehen musste, sorgte Záruba-Pfefferman für den Lebensunterhalt seiner Familie. 1919/20 saß er in der Nationalversammlung, und machte sich dort um den Aufbau der Demokratie verdient. Er gehörte unter anderem zu der Kommission, die Vorschläge für die Tschechoslowakische Flagge erarbeitete bzw. auswählte.

Das Haus in der Nad štolou, in dem sich heute u.a. ein Kindergarten befindet, ist eines der wenigen Stadthäuser, die der auf öffentliche Großprojekte fokussierte Záruba-Pfeffermann realisierte. (DD)

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