Toleranz für den Turm

Das Besondere an dieser Kirche ist ihr Turm. Eigentlich hätte es den da nicht geben dürfen. Dass es ihn gibt, verdankt man einer Ausnahmeregelung. Aber weshalb sollte eine Kirche wie die St. Michaelskirche in der Neustadt keinen Turm haben dürfen?

Nun, nach der Niederlage des Ständeaufstandes bei der Schlacht am Weißen Berg im Jahre 1620 und dem Sieg der katholischen Habsburger war es mit der Glaubensfreiheit in Böhmen erst einmal für lange Zeit vorbei. Allen nicht-katholischen Bekenntnissen wurden grundsätzlich öffentliche Gottesdienste und der Bau und Betrieb von Kirchen untersagt. Die Lage besserte sich erst 1781 ein wenig, als Kaiser Joseph II., ein aufgeklärter Monarch, der sich oft mit der Kirche anlegte, sein berühmtes Toleranzpatent erließ. Aber er musste vorsichtig sein, um nicht die katholische Kirche allzu sehr gegen sich aufzubringen.

Die Toleranz war daher eng begrenzt. Protestantische Gläubige durften sich zwar wieder zum Gottesdienst versammeln und Gotteshäuser einrichten, aber nur so diskret, dass kein pedantischer Katholik daran Anstoß nehmen konnte. Die Gotteshäuser mussten klein sein und durften von außen auf keinen Fall wie eine echte Kirche aussehen. Also bloß keine bunt beglasten Kirchenfenster und schon gar keine Türme! Ein evangelisches Gotteshaus musste idealtypisch wie ein normales Wohnhaus aussehen. Ein Beispiel, das man in Prag findet, haben wir schon hier vorgestellt.

Zurück zur ursprünglich natürlich katholischen St.-Michaelskirche (Kostel svatého Michala v Jirchářích) in der V jirchářích 152/14 in Prag 1. Deren Ursprünge liegen im 12. Jahrhundert. Als Pfarrkirche sollte die einschiffige romanische Kirche dienen. Mitte des 14. Jahrhunderts wurde sie um einen gotischen CHor erweiter und Ende des 14./Anfang des 15. Jahrhunderts kamen zwei Seitenschiffe hinzu. 1511 verfeinerte man den Bau noch einmal um ein spätgotisches Kreuzrippengewölbe. Der große Turm ist neueren Datums, denn er wurde erst 1717, nunmehr im Barockstil, errichtet. Auch im Innenraum gab es eine vorsichtige Barockisierung, insbesondere durch den um 1770 eingefügten Hauptaltar mit seinem Jesus Christus zeigenden Altarbild.

1787 war erst einmal Schluss für die Kirche. Im Zuge seiner Kirchenreformen ließ der aufklärerisch gesinnte Kaiser Joseph II. viele Klöster, aber auch etliche Gemeindekirchen schließen und säkularisieren – so auch St. Michael. Sie wurde kurzerhand in einen Lagerraum verwandelt. Das blieb gottlob nur ein kurzes Zwischenspiel, so dass sich der Schaden, der dadurch dem Bauwerk zugefügt wurde, in Grenzen hielt. 1790 kaufte ein evangelischer Kaufmann namens Franz Kehrn die „Lagerhalle“ und schenkte sie der neu gegründeten „Protestantischen deutschen Civil-Gemeinde“, wie die Gemeinde der deutschsprachigen evangelischen Bürger Prag damals hieß. Die deutschen Proetstanten durften bis dato seit 1784 das Bethaus, d.h. die Toleranzkirche, der tschechischsprachigen Protestanten, in der Tischlergasse (heute: Truhlářská 1113/8) in der Neustadt mit benutzen. Das konnte aber nur ein Provisorium sein. Also freute man sich über das Geschenk Kehrns sehr.

Die Kirche wurde instand gesetzt und 1791 unter ihrem Pfarrer Johann Friedrich Christoph Götschel geweiht. Nun war das Gebäude als „Lagerhalle“ theoretisch ja ideal für die Einrichtung einer vorgeschrieben bescheidenen Toleranzkirche. Aber real war sie nun einmal ein Kirchengebäude mit allem Drum und Dran – Turm und Kirchenfenster. Durch zähe Verhandlungen, die möglicherweise an den bekannten Instinkt der josephinischen Regierung appellierte, von den kirchlichen Institutionen Sparsamkeit zu verlangen, erreichte man die Ausnahmeregelung, dass weder der Turm abgerissen, noch die Fenster herausgebrochen werden mussten. Und so kam es, dass die Gemeinde der Michaelskirche zu den wenigen evangelischen Gemeinden gehörte, die eine richtige Kirche besaßen. Die kaiserlichen Behörden hatten Toleranz für den Turm walten lassen.

Der deutschsprachigen Gemeinde gehörte die Kirche auch immer noch, als durch das von Kaiser Franz Josef beschlossene Staatsgrundgesetz 1861 die letzten Relikte der Intoleranz fielen und die Glaubensgemeinschaften im Habsburgerreich vor dem Gesetz frei und gleichberechtigt wurden. Jetzt hätte es keienr Ausnahmegenehmigung bedurft, um einen Kirchturm zu besitzen.

Die Gemeinde pflegte unterdessen ihre Kirche gut. 1817 renovierte man sie und baute eine Kanzel im damals populären klassizistischen Stil ein. Eine Renovierung des Gebäudes erfolgte noch einmal 1832.

1882 wurde die Kirche noch einmal renoviert. Dem Zeitgeist entsprechend ging man zurück zu den Wurzeln. Viele barocke Bestandteile, die im 18. Jahrhundert hinzugefügt worden waren, wurden zurückgebaut und die Kirche weitgehend re-gotisiert. 1904 wurden neue Glasfenster eingesetzt. Auch sie sind im historistischen Stil gestaltet. Betont wird zudem, dass es sich um eine deutsch-lutheranische Gemeinde handelt, die hier ihre Kirche betreibt. Die Gestalt Martin Luthers thront sichtbar über dem Altar in einem Seitenfenster.

Und dann ist da noch etwas, worauf die gemeide in den Zeiten der Ersten Republik nach derm Ersten Weltkrieg recht stolz war. Albert Schweitzer, der große Theologe, Nobelpreisträger, Entwicklungshelfer (Stichwort: Urwaldkrankenhaus Lambarene) und Schriftsteller war bekanntlich auch ein bedeutender Musikwissenschaftler, Pianist und Organist. Die Gemeinde St. Michael hatte Schweitzer eingeladen und so gab er im Sommer 1923 und im Sommer 1928 je ein Konzert auf der im 19. jahrhundert hier aufgestellten Orgel. Eine Gedenktafel dazu wurde im Jahre 1993 direkt neben dem Eingang angebracht.

Mit der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei nach 1945 endet auch die Geschichte der deutschen lutheranischen Gemeinde hier. Die heutige Deutschsprachige Evangelische Gemeinde, die weniger aus Nachfahren der damaligen Gemeindemitglieder, denn aus Ex-Pats aus Deutschland und Österreich besteht, hat seit 1994 ihren Sitz nicht mer hier, sondern in der Kirche Sankt Martin in der Mauer (wir berichteten hier). In St. Michael gibt es nunmehr Gottesdienste für die Mitglieder der tschechischen, der slowakischen und der englischsprachigen lutheranischen Gemeinden – von denen vielleicht nicht viele finden, dass ein Turm an einer Kirche etwas Besonderes sein könnte. (DD).

Der letzte Brief

Am 26. Juni 1950 – heute vor 71 Jahren – saß Milada Horáková in der Todeszelle im Gefängnis von Prag-Pankrác . Am nächsten Morgen würde sie am Galgen hingerichtet werden. Die tapfere demokratische Parlamentarierin, die schon von den Nazis verfolgt worden war, hatte auch gegen die Kommunisten Widerstand geleistet und war dafür nach einem farcenhaften Schauprozess zu Tode verurteilt worden (wir berichteten u.a. hier).

In ihrer letzten Nacht in der Zelle vor der Hinrichtung schrieb sie noch einen langen Brief an ihre 16jährige Tochter Jana. Er ist heute im Nationaldenkmal auf dem Vítkov ausgestellt – als eines der erschütterndsten und Herz ergreifendsten menschlichen Zeugnisse, die an die Grauen des Kommunismus in den Zeiten des Stalinismus im Lande erinnern.

In dem Brief (vollständige englische Übersetzung hier) sucht sie nach Worten des Trostes für die Tochter: “Bedauere mich nicht! Ich hatte ein wunderbares Leben. Ich akzeptiere meine Verurteilung mit Resignation und unterwerfe mich voll Demut. Mein Bewußtsein ist klar und ich hoffe, glaube und bete darum, vor dem Hohen Gericht Gottes bestehen zu können.”

Und als Lebensrat: „Untersuche, denke, kritisiere, ja, kritisiere hauptsächlich dich selbst. Schäme dich nicht, eine Wahrheit zuzugeben, die du erkannt hast, auch wenn du vor einiger Zeit das Gegenteil verkündet hast. Sei nicht hartnäckig in deinen Ansichten, aber wenn du etwas für richtig hältst, dann sei so bestimmt, dass du dafür kämpfen und sterben kannst. … Du musst deine Wurzeln dort niederlegen, wo das Schicksal für dich bestimmt ist, um zu leben. Du mussst Deinen eigenen Weg finden. Suche unabhängig danach, lasse Dich sich von nichts abbringen… Gehe einfach nicht auf einen falschen, unehrlichen und nicht mit dem Leben harmonierenden Weg. Ich habe meine Meinung oft geändert, viele Werte neu geordnet, aber was als wesentlicher Wert übrig blieb, ohne den ich mir mein Leben nicht vorstellen kann, ist die Freiheit meines Gewissens.“

Die Kommunisten hatten versprochen, den Brief nach der Hinrichtung der Tochter zuzustellen. Wie von ihnen zu erwarten war, taten sie das nicht und so lag er Jahrzehnte in einem Aktenschrank. Erst nach der Samtenen Revolution von 1989 wurde er gefunden und der Tochter Jana Kansky Horakova übergeben, die ihn nunmehr dem Museum des Nationaldenkmals überließ. (DD)

Palais der Verschwörer

Es ist der 22. Mai 1618 – heute vor 403 Jahren. Für den nächsten nächsten Tag ist ein Treffen der böhmischen Stände mit Vertretern von König Ferdinand II. anberaumt. Der steht im Verdacht, die Ständefreiheiten und die verbriefte religiöse Toleranz in Böhmen beiseite schaffen zu wollen. Seine bisherigen Taten lassen diesen Verdacht zur Gewissheit werden. In seinem österreichischen Herrschaftsbereich hatte er den Protestantismus bereits rücksichtslos unterdrückt. Die größtenteils protestantischen Teilnehmer des Treffens sehen an diesem Abend nur eine Lösung: Revolution!

Und so nahmen vom schönen Smiřický Palais (palác Smiřických) an der nördlichen Seite des Kleinseitner Rings (Malostranské náměstí 6/18) die Ereignisse ihren Lauf. Am nächsten Tag, dem 23. Mai 1618, wurden die königlichen Statthalter Jaroslaw Borsita Graf von Martinitz, Wilhelm Slavata von Chlum und Koschumberg und der Kanzleisekretär Philipp Fabricius von den revolutionären Ständevertretern aus einem Fenster der Burg hinausgeworfen. Es war der Zweite Prager Fenstersturz (wir berichteten hier) mit dem der Böhmische Aufstand und damit der Dreissigjährige Krieg begannen.

Dass der Plan für den Aufstand im Palais Smiřický entstand, war natürlich kein Zufall, sondern hatte etwas mit dem Besitzer zu tun. Im Mittelalter hatten an dieser Stelle fünf gotische Häuser gestanden, die dem großen Feuer von 1541 zum Opfer fielen. 1573 wurde das ganze Areal von einem Mitglied der Familie Smiřický ze Smiřic gekauft, der hier einen Renaissance-Palast als Prager Familiensitz baute. Die Familie war ungeheuer reich und für ihren rebellischen Geist bekannt. Einer der Vorfahren hatte schon zu den führenden böhmischen Adligen gehört, die 1415 gegen die Verbrennung des Frühreformators Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz protestiert hatten.

Zikmund II. Smiřický ze Smiřic, ein Königlicher Rat unter dem religiös toleranten Rudolf II., baute den Palast im Jahre 1612 im barocken Stil um und ließ die für das Gebäude so charakteristischen oktagonalen Ecktürme anfügen. Und es war wiederum sein Sohn Albrecht Jan Smiřický von Smiřice, der hier zu dem Verschwörertreffen der Ständevertreter eingeladen hatte. Er gehörte zu den zentralen Persönlichkeiten des Aufstands. Er war nicht nur am Fenstersturz beteiligt, sondern wurde auch Teil der Direktionsregierung, die nach der Absetzung König Ferdinands über die weitere Strategie und die Verfassung beschließen wollte. Er war sogar als neuer und gewählter König im Gespräch, aber am Ende entschied man sich für Friedrich von der Pfalz. Das war möglicherweise ein Fehlentscheidung, denn Friedrich war unerfahren und leichtsinnig. Unter ihm verloren die Aufständischen die Schlacht am Weißen Berg im November 1620. Weil er nur einen Winter regierte, verspottete man Friedrich nunmehr als den „Winterkönig“.

Der Historiker Golo Mann sollte später schreiben, „wenn überhaupt einer die böhmische Rebellion hätte zum Sieg führen können, so wäre es Albrecht Jan Smiřický gewesen.“ Aber es sollte nicht so sein. Albrecht Jan Smiřický ze Smiřic erlebte weder den Kampfbeginn, noch die Schmach der Niederlage, denn er war im November 1618 an einer Lungenentzündung gestorben, nachdem er noch aus eigenen Mitteln ein Regiment mit über 1000 Mann für den anstehenden Kampf aufgestellt hatte. Seine beiden Schwestern stritten sich um das Erbe, was aber im Grunde sinnlos war, denn nach der Niederlage beschlagnahmte der Kaiser den Besitz aller Aufständischen. Der Smiřický’sche Besitz fiel an den erfolgreichsten und berühmtesten General der kaiserlich-katholischen Seite, Albrecht von Wallenstein (den kennt man ja von Schiller). Nach dessen Ermordung wechselte der Palais an der Kleinseite mehrfach den Eigentümer.

1763 wurde das Schloss von Jan Pavel Montág erworben, weshalb der Palast auch manchmal dům U Montágů, d.h. Haus beim Montág genannt wird. Der neue Besitzer ließ das Gebäude in den Jahren 1764/65 nach einem Entwurf von Josef Jäger, der auch den nahegelegenen Palais Grömling erbaut hatte, umbauen und vor allem vergrößern. Insbesondere wurde ein zusätzliche Stockwerk eingezogen, sodass es endgültig die äußerliche Gestalt bekam, die wir heute beim Vorbeigehen bewundern können. 1895 erwarb der Böhmische Landtag das Gebäude, wo es das eigentliche Landtagsgebäude im nahegelegenen früheren Palais Thun räumlich ergänzte. Und so blieb es bis heute. Das tschechische Abgeordnetenhaus (der Nachfolger des Landtags) tagt immer noch im Palais Thun und im Palais Smiřický befinden sich zusätzliche Büros, unter anderem die des Informationszentrums des Parlaments. Um die Sache für einen modernen Parlamentsbetrieb tauglich zu machen, wurde zwischen 1993 und 1966 noch einmal ordentlich renoviert. Daran, dass hier einmal ein Aufstand begann, der Europa erschütterte, erinnert heute nur noch eine bronzene Plakette, die an einem der Pfeiler der Arkaden angesbracht wurde. (DD)

Dokument der Freiheit und des Mutes

In der Freiheitsgeschichte des Landes spielt sie eine nicht zu überschätzende Rolle: Die Charta 77. Heute vor 44 Jahren, am 6. Januar 1977, gelangte das bescheiden aussehende, mit einer Schreibmaschine handgetippte Dokument an die Öffentlichkeit. Das Dokument, das heute als einer der Nägel zum Sarg der kommunistischen Tyrannei gilt, ist eines der bedeutendsten Ausstellungsstücke im großen Nationaldenkmal auf dem Vítkovberg.

Im Zuge der Entspannungspolitik hatten die westlichen Demokratien dem Sowjetblock für Versprechen in Sachen Wirtschaftshilfe ein Bekenntnis zur Wahrung von Menschenrechten abgetrotzt, etwa in der Helsinkischlussakte von 1975. Man dachte sich unter den kommunistischen Regierenden, das sei ein bloßes Lippenbekenntnis, und der Westen, der sich zum Prinzip der Nichteinmischung bekannt hatte, könne nichts tun, um die Verletzungen von Rechten zu ahnden.

Aber die Bürger der kommunistischen Staaten – auch in der damaligen Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (ČSSR) – machten einen Strich durch diese Rechnung. Sie beschlossen, ihre Regierungen beim Wort zu nehmen, und das einzufordern, was die in Helsinki unterschrieben hatten. Als 1976 die Mitglieder der systemkritischen Band Plastic People of the Universe in Prag auf offener Bühne verhaftet werden, setzte sich eine Gruppe Oppositioneller – vor allem, aber nicht nur Kulturschaffende – zusammen, um ein Signal zu setzen. Ende Dezember verfassten sie eine Petition. Darin klagten sie an, in ihrem Lande herrsche „ein System faktischer Unterordnung sämtlicher Institutionen und Organisationen im Staat unter die politischen Direktiven des Apparats der regierenden Partei und unter die Beschlüsse machthaberisch einflussreicher Einzelpersonen“

Das Recht, nicht in Furcht vor Repression zu leben, das Recht auf Bildung (das vor allem Kindern von Dissidenten verweigert wurde), das Recht auf Meinungsäußerung, das Recht auf Religionsausübung – alles dies nehme das System den Menschen, klagen die Autoren ein. Die Gruppe nahm den Namen der Petition – Charta 77 – an und blieb unter dieser Bezeichnung bis nach der Samtenen Revolution (1989) aktiv.

Die Autoren, das waren hauptsächlich der Schriftsteller (und später der erste demokratische Präsident des Landes) Václav Havel und der Philosoph Jan Patočka. Als das Dokument veröffentlicht wurde, hatten bereits 242 Menschen unterzeichnet, darunter der spätere Außenminister Jiří Dienstbier, der Schriftsteller Pavel Kohout oder die Pop-Sängerin Marta Kubišová. Fast alle Erstunterzeichner mussten schwere Repressalien – Verhaftung, Bespitzelung, Berufsverbot, Exil – hinnehmen. Patočka starb einige Zeit nach der Veröffentlichung an den Folgen von Verhören durch die Staatssicherheit, nachdem er sich heimlich mit dem niederländischen Außenminister Max van der Stoel getroffen hatte, der damals auf Besuch im Land war.

Von einer echten Veröffentlichung konnte man erst Reden, als westliche Medien wie Times, Le Monde und FAZ, denen man den Text zugespielt hatte, intensiv darüber berichteten. Die Regierenden konnten die Sache nicht mehr diskret unter den Tisch kehren. Eine Gegenkampagne wurde initiiert, die möglicherweise der Charta 77 erst richtig zur Bekanntheit im Lande verhalf. Am 28. Januar ließen die Machthaber im Nationaltheater öffentlich eine Anti-Charta unterzeichnet. Insbesondere prominente Künstler wie Karel Gott unterzeichneten, dass sie die Charta 77, die sie eigentlich hätten gar nicht lesen dürfen, für ein reaktionäres Machwerk hielten.

Ende der 1980er Jahre hatten bereits über 6000 Menschen die echte Charta unterschrieben – trotz der zahlreichen Repressionen, die mit so einem Akt des Mutes verbunden waren. Sie trugen so zur Delegitimierung des Regimes bei, das dann 1989 zusammenbrach. (DD)

Das Leiden der First Lady

Heute vor 170 Jahren, am 20. November 1850, wurde sie geboren. Man sieht es ihr an, wieviel sie an diesem Ort durchmachen musste. Ihre Gedenkbüste zeigt sie als eine leidende Frau: Charlotte Garrigue Masaryková, die als erste „First Lady“ der 1918 ausgerufenen Ersten Tschechoslowakischen Republik bekannt wurde.

Dass sie das dereinst werden würde, war keineswegs vorgezeichnet, als sie in jenes Haus in der Mickiewiczova 239/13 (Prag 6) einzog, an dessen Fassade auf dem ersten Stock sich nun die Büste befindet. Die Büste ist das Werk des Bildhauers Vojtěch Sucharda, dem Bruder des etwas bekannteren Bildhauers Stanislav Sucharda, dem wir unter anderem das große Prager Denkmal des Nationalhistorikers František Palacký verdanken.

Charlotte Garrigue war eine emanzipierte Amerikanerin aus gutem New Yorker Hause. Die begabte Musikerin ging 1874 nach Leipzig, um dort am Konservatorium zu studieren. Dabei lernte sie den böhmischen Philosophen und Politiker Tomáš Masaryk kennen und lieben. Die beiden heirateten 1878 in Brooklyn. Wieder im damals noch habsburgischen Böhmen, engagierte sie sich an der Seite ihres Mannes in der Partei der Realisten, eine gemäßigt nationalische tschechische Refompartei mit liberalem Einschlag. Sie arbeitete nicht nur eifrig an seiner Kultur- und Politikzeitschrift Naše doba (Unsere Zeit) mit, sondern schuf sich einen eigenen Namen als Vorkämpferin für Frauenrechte. Der Respekt, den Masaryk für seine Frau empfand, zeigte sich auch daran, dass er ihren Familiennamen zu seinem Zweitnachnamen machte. Er nannte sich nun Tomáš Garrigue Masaryk, meist liebevoll abgekürzt als TGM.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, begannen die österreichischen Behörden damit, nationalistische Bewegungen im Reich zu unterdrücken, wozu auch gemäßigte Gruppen, die eigentlich loyal waren, gehörten. Masaryk musste 1915 Hals über Kopf ins westliche Ausland fliehen, wo er vor allem in den USA (nunmehr politisch radikalisiert) für die Unabhängigkeit des Landes warb. Seine Frau blieb in Prag in jenem Haus in der heutigen Mickiewiczova zurück, an dem sich die Büste befindet. Hier wurde sie von den Behörden drangsaliert und schikaniert, die in ihr eine potentielle Verräterin sahen. Nur durch die heimliche Unterstützung politischer Freunde ihres Mannes konnte sie mit ihren fünf Kindern wirtschaftlich überleben.

Dann kam ein persönlicher Schlag, als einer ihrer Söhne, Herbert Masaryk, plötzlich verstarb. Bald darauf wurde Tochter Alice aus politischen Gründen eine zeitlang ins Gefängnis gesteckt. Und eben an diese Leiden erinnert Suchardas Büste und die Inschrift, die übersetzt lautet: „Hier lebte und litt Ch. Garrigue Masaryková. Eine Amerikanerin von Geburt, eine Tschechin im Geiste, eine engagierte Mitarbeiterin unseres Befreiers. 1914-1918.“ Die Leiden hatten erst ein Ende, als 1918 die Tschechoslowakei unabhängig und ihr zurückgekehrter Mann der erste Präsident und sie die erste First Lady wurden. Einge Zeit später wechselten sie den Wohnsitz in den neuen Präsidentenpalast in der Burg. Auch hier engagierte sie sich weiter, vor allem in Sachen Frauenrechte. Sie starb schon 1923 – nicht zuletzt an den Spätfolgen der schrecklichen Zeit, die sie in diesem Haus erlebt hatte. Den Tod ihres ersten Sohnes Jan im Jahr 1948, der später Außenminister wurde und wohl einem Mordkomplott der Kommunisten anheimfiel, musste sie nicht mehr erleben.

Das Haus, an dem bald nach Charlotte Garrigue Masarykovás Tod ihre Büste angebracht wurde, ist übrigens für sich genommen schon interessant. Es war damals frisch gebaut worden. In den Jahren baute der Meisterarchitekt Jan Kotěra (über den wir u.a. schon hier und hier berichtet haben) für private Auftraggeber zwei Doppelhaushälften für Familien. Kotěra war einer der Pioniere der modernen Architektur in Böhmen, der die Konventionen des Historismus und des Jugendstils überwand. Als das Ehepaar Garrigue Masaryk hier kurz darauf einzog, mussten neue Stabilisierungsstützen in das Gebäude eingezogen werden. Der Philosophieprofessor und seine Frau hatten eine so große Privatbibliothek, dass das Gewicht der Bücher sonst die Statik des Hauses gefährdet hätte. (DD)

Studentenmord

Am heutigen Tag begeht man hier in Tschechien den Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (Den boje za svobodu a demokracii), der im Jahre 2000 zum Nationalfeiertag erklärt worden ist. Mit dem 17. November verbindet man in der Regel den Beginn der Samtenen Revolution von 1989, die die Schreckensherrschaft des Kommunismus beendete. Zweifellos ein Grund zum feiern!

Die Demonstranten von 1989 knüpften dabei aber zunächst an ein anderes Kapitel der Geschichte des Landes an, dem heute ebenfalls gedacht wird. 50 Jahre zuvor waren in Prag die Studentendemonstrationen gegen die Nazibesetzung brutal niedergeschlagen worden. Das sich antifaschistisch gebärdende kommunistische Regime konnte 1989 gegen eine nominell antifaschistische Demonstration, die an dieses Ereignis erinnerte, wenig einwenden, es war aber vorhersehbar, das sich die Freiheitsbotschaft gegen das totalitäre System der Nazis von 1939 sich bald auch gegen das totalitäre System der Kommunisten richten würde.

Im Februar 1939 hatte Hitler die Resttschechei zerschlagen und deutsche Truppen besetzten daraufhin auch Prag. Formell blieb das Land (ohne die Slowakei, die von Hitlers Gnaden selbständig erklärt worden war) uabhängig. Tatsächlich stand das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren aber völlig unter Hitlers Kontrolle.

Die Tschechen wollten sich das nicht gefallen lassen. Immer wieder erhoben sich Proteste, vor allem seitens der Studentenschaft. Am 28. Oktober, dem 21. Jahrestag der Gründung der Tschechoslowakischen Republik, fanden große Protestmärsche statt, die von Arbeiterstreiks begleitet waren. Die von den deutschen Machthabern zur Niederschlagung der Demonstrationen aufgeforderte tschechische Polizei griff gar nicht oder nur halbherzig ein. Die Nazis setzten daher von nun an deutsche Polizisten ein, die hunderte von Menschen verhafteten und ohne Gnade das Feuer eröffneten.

Auf der Höhe der Žitná 569/24 (im heutigen Prag 2) wurden der Medizinstudent Jan Opletal und der Arbeiter und Sokol-Aktvist Václav Sedláček von Kugeln getroffen. Sedláček starb noch am selben Abend. Opletal starb am 11. November an den Folgen des Bauchschusses. Seine Aufbahrung an der Universität wurde zu einer politischen Demonstration, an der über 3000 Menschen teilnahmen. Als der Sarg am 15. November zum Bahnhof gebracht wurde, um den Toten zur Beerdigung in seine mährische Heimatstadt Náklo zu überführen, schwoll der Protest noch einmal an. Diesmal versammelten sich über hunderttausend Menschen. Als die Teilnehmer anfingen, die tschechoslowakische Nationalhymne zu singen, zerschlug die Polizei den Protest, der dann in verschiedenen Stadtteilen wieder aufflammte.

Die Nazis entschieden sich nun zu noch härterem Durchgreifen. Am 17. November – jenem Tag, an den dann die Demonstranten von 1989 erinnern wollten – setzte die sogenannte Sonderaktion Prag ein. Die Nazis schlossen an diesem Tag alle tschechischen Universitäten, verschleppten rund 1200 Studenten ohne Gerichtsverhandlung ins Konzentrationslager und erschossen neun der Studentenführer, die die Demonstrationen organisiert hatten – eine gnadenlose Mordaktion.

Noch im Herbst 1989 – kurz vor den Demonstrationen der Samtenen Revolution – brachte man an einer Gartenwand in der Žitná , dort wo Opletal und Sedláček erschossen worden waren, eine Gedenktafel mit einer abstrakt-geometrischen Skulptur aus Granit und Marmor an. Neben dem Datum der tödlichen Schüsse und den Namen der beiden Freiheitshelden befindet sich darauf der Spruch des römischen Dichters Horaz aus seinen Oden: Non omnis moriar (Ich werde nicht ganz sterben). An jeden Jahrestag wird der Erinnerungsort mit Blumen und Kränzen überschüttet.

Das gilt auch die kleine einfache Gedenkplakette, die man gar nicht weit davon entfernt findet. Auch sie ist an Nationalfeiertagen – insbesondere dem 17. November – mit Blumen und Kränzen in den tschechischen Landesfarben rot-weiß-blau förmlich überschüttet. Opletal genießt so etwas wie einen studentischen Nationalheldenstatus im Lande – übertroffen allenfalls von Jan Palach (früherer Beitrag hier), der sich 1969 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings in Protest selbst verbrannt hatte und damit ein Signal gegen die Unterdrückung setzte.

Die Plakette befindet sich an einem großen Mietshaus in der Jenštejnská 1966/1 (Prager Neustadt), wo Jan Opletal seit der Aufnahme seines Medizinstudiums im Jahre 1939 gelebt hatte und erinnert an diesen Umstand. Ein Kuriosum ist dabei das Geburtsdatum, das als Geburtsdatum der 31. Dezember 1915 angegeben ist, während Opletal in Wirklichkeit am 1. Januar 1915 geboren wurde. Die Eltern hatten damals bei der Universitätseinschreibung den 31. Dezember 1914 angegeben, damit er früher als erlaubt immatrikulieren konnte. Die Schöpfer der Gedenkplakette waren darob wohl so verwirrt, dass sie noch ein drittes Geburtsdatum erfanden.

Ach ja, während in Tschechien selbst der 17. November primär mit dem Beginn der Samtenen Revolution von 1989 verbunden wird, verbindet ihn die internationale Gedenkkultur tatsächlich eher mit den Ereignissen von 1939. Weil die Organisatoren der damaligen Proteste gegen die Naziherrschaft nicht nur, aber hauptsächlich Studenten waren, rief das International Students‘ Council in London 1941 diesen Tag erstmals zum Gedenktag aus. Heute ist der Weltstudententag ein internationaler Feiertag. (DD)

Die Geschichte zweier Präsidenten

War es der Zufall, der es so wollte? Auf dem Friedhof Vinohrady (Vinohradský hřbitov) in Prag befinden sich die letzten Ruhestätten zweier Präsidenten, die beide gezwungen waren, sich mit den Schrecken eines totalitären Regimes auseinanderzusetzen, und die beide dabei einen unterschiedlichen Weg wählten: Václav Havel und Emil Hácha – sie beide mussten harte Gewissensentscheidungen treffen angesichts des ungehemmten Bösen, das ihnen gegenüberstand. Für den einen endete die Begegnung mit dem Bösen mit Ruhm, für den anderen mit einer Tragödie.

Václav Havel ist heute zweifellos der bekanntere von beiden. Und er ist derjenige, den die Menschen im Lande immer noch – fast ein Jahrzehnt nach seinem Tode – verehren und feiern. Sein Grab, das von dem bekannten Bildhauer Olbram Zoubek (frühere Beiträge hier und hier) gestaltet wurde, ist immer noch eine wahre Pilgerstätte und ständig mit Blumen und Kränzen überschüttet.

Havel, der schon als Schüler wegen seiner bürgerlichen Herkunft schweren Repressalien seitens der Kommunisten ausgesetzt war, hatte sich früh dem Theater zugewandt. Seine Stücke, etwa Zahradní slavnost (Das Gartenfest) von 1963, standen in der Tradition des absurden Theaters, die ihm besonders geeignet schien, die echten Absurditäten des realexistierenden Sozialismus bloßzustellen. Als Vorsitzender eines von den Kommunisten unabhängigen Schriftstellerverbandes rückte er zur Zeit des Prager Frühlings von 1968 in die erste Reihe der Dissidenten auf. In der „Normalisierung“ genannten Zeit der Repression wurde er dreimal verhaftet und verbrachte insgesamt fünf Jahre im Gefängnis. Aber er gab nicht auf. Mit einigen Mitstreitern lancierte er die Charta 77, die zum zentralen Dokument der Opposition und am Ende die Grundlage der Samtene Revolution von 1989 wurde, die den kommunistischen Spuk beendete. Im Dezember 1989 wurde er der erste Präsident der neuen Demokratie und behielt diese Funktion auch nach der Trennung der Slowakei von Tschechien (1993) bis zum Ende seiner zweiten Amtszeit 2003. Fortan setzte er sich für Menschenrechte in aller Welt und für die europäische Einigung ein. 2011 starb er – zurecht bewundert und verehrt von den Bürgern seines Landes und Menschen in aller Welt.

Das Grab Havels, in dem er zusammen mit seiner ersten Frau Olga ruht, liegt im Friedhof deshalb auch an prominentester Stelle, in den Arkaden der Kapelle des Heiligen Wenzel (Kaple svatého Václava). Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Familie Havel zum Großbürgertum der Stadt gehörte und hier schon lange ihre Familiengruft hatte, die jetzt noch einmal ausgebaut wurde. Neben dem Grab des Präsidenten befindet sich hier die Grabtafel seines Großvaters Václav Havel, eines bekannten Großunternehmers. Auch der Vater, ebenfalls Václav Havel mit Namen, liegt dort. Er war in den 1930er Jahren einer der Begründer der Barrandov Studios und damit der tschechoslowakischen Filmindustrie. Havel – das war in Prag von je her ein besonderer Name. Und Václav Havel, der große Dissident und Präsident, wurde zu einer Lichtgestalt in seinem Land und in der Welt.

Ganz anders steht es um das Grab von Emil Hácha. Es liegt abseits von den Wegen im hinteren Teil des Friedhofs und ein wenig versteckt hinter Büschen. Während der Zeit des Kommunismus durfte nicht einmal sein Name auf dem Stein stehen. Das hat sich geändert und ab und an legen Menschen hier doch einen Kranz nieder. Aber es sind nicht anähernd so viele wie bei Havel. Die Monstrosität, mit der Hácha sich auseinandersetzen musste, war nicht der Kommunismus, sondern der Nationalsozialismus, der mit der deutschen Besatzung 1939 kam.

Die Tschechoslowakei war 1938 mit dem schändlichen Münchner Abkommen von seinen westlichen Alliierten Frankreich und Großbritannien im Stich gelassen worden und musste große Gebiete an Nazideutschland abtreten. Der bisherige Präsident, Edvard Beneš, trat zurück. Auf Hácha, ein anerkannter Jurist und überzeugter Demokrat, fiel nunmehr das schwere Los, Präsident einer untergehenden Republik zu werden. Am 14. März 1939 sorgte Hitler dafür, dass sich die Slowakei als Nazi-Vasallenstaat von der Tschechoslowakischen Republik abspaltete. Hácha wurde nach Berlin zitiert. Den bereits herzkranken Hácha ließ man zunächst stundenlang warten, während er einen schweren Herzschwächeanfall erlitt. Dann drohten Hitler und Göring ihm, Prag in Schutt und Asche zu bomben, wenn sich die Rest-Tschechei nicht umgehend als nur noch formell unabhängiges „Protektorat Böhmen und Mähren“ unter den „Schutz“ Hitlers stellen würde. Wissend, dass niemand seinem (ohne Bündnispartner) nun militärisch schutzlosem Land helfen würde, gab er nach. Am nächsten Tag verwarf auch das Kabinett die Idee, einen aussichtslosen Kampf zu führen, und stimmte zu. Deutsche Panzer rollten nun durch die Straßen Prags.

Anfänglich versuchte Hácha noch, sein Amt so zu nutzen, dass er die Folge nder Nazidiktatur abmildern konnte. Er hielt zunächst noch geheimen Kontakt zum Widerstand. In der Folge wurde er aber immer mehr durch die Nazis isoliert und auch seine Gesundheit erlaubte ihm kaum mehr sein Amt zu führen. Die Nazis behielten ihn als ja tatsächlich gewählten Präsidenten nominell im Amte – auch mit dem Kalkül, dass die Westalliierten deshalb das Protektorat als Staat anerkannten und die eigentliche Exilregierung in London im Regen stehen ließen (als Folge des Münchner Abkommens). Machtlos und gedemütigt musste er zusehen, wie nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich 1942 die Mordmaschinerie der Nazis im Lande immer brutaler agiert. Er konnte nicht verhindern, dass die Nazis den von ihm benannten Ministerpräsidenten Alois Eliáš (siehe früherer Beiträge hier und hier) gnadenlos ermordeten. Die Nazis verfolgten Hácha nun mit Hohn, der Widerstand mit tiefem Misstrauen. Er galt als Kollaborateur. Und die braunen Machthaber spannten ihn immer wieder in ihre Propaganda ein. Er selbst war überzeugt, er habe die Tschechen 1939 vor einem Blutbad geschützt. Als im Mai 1945 die Nazis vertrieben wurden und die Rote Armee das Land besetzte, wurde Hácha verhaftet und ins Gefängnis von Pankrác gesteckt, wo er im Juni unter ungeklärten Umständen starb. Viele Tschechen glauben heute, dass man das Ende des bereits Todkranken damals vorsätzlich ein wenig „beschleunigte“.

Es ist schwer bei dem Vergleich zwischen Havel und Hácha, die nun so nahe beieinander in ihren Gräbern liegen, ein faires Urteil zu fällen. Havel hatte sich nicht kompromittiert. Der Erfolg der Samtenen Revolution krönte seinen Willen zum Widerstand, den er leistete. Er wurde zum Vorbild aller Freiheitsliebenden. Aber der Erfolg ist ein Kriterium, das man erst hinterher anlegen kann, und dass vorher nicht als Maßstab für die ethische Bewertung seiner Handlungen angeführt werden kann. Denn: Fundamentaler Widerstand, der nur Opfer erfordert, aber keine Besserung? Wäre das eine Option? Havel hatte Glück, dass er im wesentlichen sich selbst durch seine Taten gefährdete. Hácha war amtierender Präsident und verantwortlich für Millionen Menschen. Eine unbeugsame Haltung gegenüber Hitler hätte tausenden Unschuldigen das Leben kosten können. Was wäre gewesen, wenn Hácha tatsächlich durch Kollaboration unzähligen Menschen hätte helfen können? Die demokratische Regierung Dänemarks arbeitete nach der Besetzung des Landes pragmatisch mit den Nazis zusammen und es gelang ihr dabei, fast sämtliche Juden im Lande vor dem Holocaust zu retten – wofür man sie heute noch feiert. Hácha war dieser Erfolg nicht vergönnt, sondern nur tiefste Demütigung.

Die Geschichte der beiden Präsidenten auf dem Friedhof von Vinohrady lässt einen jedenfalls ins Grübeln kommen. (DD)

Die Geburt der Nationalhymne

Der Park Fidlovačka. Am Rande des Stadtteils Nusle. Wenig oder gar nichts deutet darauf hin, wie eng dieser Ort mit der tschechischen Nationalhymne verbunden ist. Aber hier befindet sich der fiktive Ort ihrer Geburt.

Nun, diese Nationalhymne war ursprünglich nur ein Lied aus der Theaterkomödie Fidlovačka aneb Žádný hněv a žádná rvačka (wörtlich: Fidlovačka, keine Wut und keine Schlägerei; im Deutschen aber meist als „Das Schusterfest“ übersetzt) des böhmischen Dramatikers Josef Kajetán Tyl, der sie 1834 erstmals im Ständetheater aufführen ließ (früherer Beitrag hier).

Fidlovačka (eigentlich die tschechische Bezeichnung für ein Werkzeug zur Lederpolitur) war die Bezeichnung für eine Wiesenaue am Ufer des Botič, auf der im 19. Jahrhundert das berüchtige Frühlingsfest der Schustergesellen stattfand. Dort strömten Anfang Mai Volkmassen aus ganz Prag herbei, um sich mal so richtig volllaufen zu lassen. Es muss dabei recht derb zugegangen sein. Der heutige Park bildet nur noch einen Teil des ursprünglichen Areals. Tyls leichte Komödie Fidlovačka, die sich um die Liebe des Müllers Jeník zur schönen Liduška dreht, deren böse Tante (am Ende vergeblich) eine andere Partie für sie will, spielt vor dem Hintergrund des Festes. Allerdings brachte der tschechisch-patriotisch gesonnene Tyl (seine Büste aus dem Nationaltheater sieht man oberhalb rechts) , der sich später auch an der 1848er Revolution in Prag beteiligte, ab und an kleine politische Spitzen ein. So ist der Mitbewerber um die Hand der schönen Liduška ein deutscher Baron Dudek, der kaum Tschechisch spricht und auch sonst überaus einfältig ist.

Der Höhepunkt ist jedoch ein Lied, das im Stück der blinde Geiger Mareš singt: Kde domov můj (Wo ist meine Heimat?) Vertont wurde es für das Stück von dem Komponisten ‎František Škroup (hier das Lied aus der Verfilmung des Stücks im Jahre 1930, gesungen von Otakar Mařák). Zusammen mit der Darstellung der Deutschen wurde das Stück zum patriotischen Fanal und das Lied, das die Heimat Böhmen besang, die inoffizielle Hymne all derjenigen, die der Fremdherrschaft der Habsburger kritisch gegenüber standen. Das Lied bewahrte seinen Platz in den Herzen der Tschechen (Beispiel hier).

Der Ort, wo der Geiger Mareš im Stück sein Lied singt, befindet sich direkt neben dem damaligen Wiesengelände der Fidlovačka. Es ist die Brauerei von Nusle (Nuselský pivovar). Die gab es schon seit 1694, als sie vom Grafen Jan Josef von Vrtby ins Leben gerufen wurde. Im Jahre 1897, als sie schon lange nicht mehr in gräflichem Besitz war, wurde sie in eine Aktienbrauerei umgewandelt. Ab da ging es aufwärts und bald war dies hier die größte Brauerei in ganz Mitteleuropa. Weder Tyl noch sein Mareš hätten die Braugaststätte, in der das Stück spielte, wiedererkannt. Mit ihren Schornsteinen war die Brauerei zur Industrieanlage geworden. Die wiederum ging in den Zeiten des Kommunismus (1960 wurde sie zur Mälzerei degradiert) vor die Hunde. Zur Zeit arbeiten Investoren an der Wiederbelebung dieses wunderschönen, aber leider auch heruntergekommenen Industriedenkmals.

Und dann ist da noch das Theater am Fidlovačka (Divadlo Na Fidlovačce) am anderen Ende des Parks, in dem heute primär Komödien und Musicals aufgeführt werden. Als es 1921 gegründet wurde, nannte man es Tyl-Theater, womit man einen klaren Bezug herstellte. Stücke von Tyl, darunter auch Fidlovačka, standen hier regelmäßig auf dem Programm. Es war das erste Theater, das in der neuen Tschechoslowakischen Republik eröffnete. Das (1998 nach kommunistscher Verwahrlosung teuer renovierte) Gebäude gehörte damals mit seiner funktionalistischen Architekur zu den avantgardistischsten der Stadt. Bürokratische Nichtigkeiten bei der Betriebsgenehmigung verhinderten 1921, dass das Theater zum dritten Gründungstag der Republik mit Tyls Stück eröffnet wurde. Es eröffnete erst 10 Tage später.

Zu diesem Zeitpunkt war Kde domov můj schon längst die Nationalhymne des nun von den Habsburgern unabhängigen Landes. (DD)

Freiheit/Bier

Noch kurz bevor gestern in Tschechien der Corona-Notstand ausgerufen wurde, mussten wir dann doch ein wenig die Freiheit genießen, die uns danach genommen wurde. Besser als in einer Brauerei, die den Namen der Freiheit trägt, geht das wohl kaum.

Brauerei Libertas (Pivovar Libertas) heißt die in der Škvorecká 725 in Úvaly, einer schön im Grünen gelegenen Ortschaft östlich des Prager Zentrums. Und libertas ist ja bekanntlich das lateinische Wort für Freiheit. Um sich richtig den Durst anzutrinken, bietet die Umgebung viele schöne Ausflugs- und Wandermöglichkeiten. Selten sieht man auswärtige Touristen, aber dafür Unmengen tschechische Familienausflügler. Die Brauerei mit ihrer Gaststätte liegt etwas außerhalb des kleinen Ortskerns nahe eines Einkaufszentrums.

Das Gebäude sieht ultra-modern aus und ist es auch. Denn die Brauerei gibt es erst seit 2019. Sie hat sich allerdings schnell einen Namen gemacht. Kleinbrauereien liegen ja zur Zeit im Trend und mittlerweile ist Libertas-Bier auch in zahlreichen Restaurants und Kneipen in Prag und außerhalb erhältlich. Man kann daher die Hoffnung hegen, dass die Brauerei Libertas die Zeit des Corona-Autoritarismus irgendwie übersteht (Also: Hingehen und dort etwas trinken, solange es noch geht!!!) Am besten genießt man das natürlich an einem schönen Sonnentag im überdachten Biergarten der Brauereigaststätte selbst.

Obwohl, wie gesagt, ultra-modern eingerichtet, ist die Gaststätte der Brauerei sehr gemütlich und einladend, aber eben nicht im Sinne alt-böhmischer Gemütlichkeit. Modern mit Geschmack eben. Die Ästhetik bezieht das „Fabrikhafte“ einer Bier-Produktionsstätte clever mit ein.

Aber man geht ja hauptsächlich wegen des Bieres und nicht wegen der Architektur zu einer Kleinbrauerei. Gründer Jaroslav Weis, der die tragende Firma schon 2016 als kleine Aktiengesellschaft ins Leben rief, heuerte für die Herstellung des Bieres den Braumeister Robert Franěk an, der sich schon zuvor bei der Brauerei Kamence einen Namen gemacht hatte. Der ist experimenterfreudig. Neben Klassikern wie dem traditionellen Hellen bietet er ach die gerade unter jüngeren Menschen beliebten Pale Ales an. Insgesamt gab es acht verschiedene Biere als wir die Brauerei besuchten, darunter das rechts abgebildete Himbeerbier.

Einen besoneren Schwerpunkt legt Franěk anscheinend aber auf eher deutsche Biertypen. Weizenbier ist etwas, das erst seit kurzem in Tschechien Einzug gehalten hat. Meist stimmt dann die Qualität nicht so ganz. Aber das Hefeweizen von Libertas (großes Bild oben, neben einem 12%-stammwürzigen Hellen stehend) muss den Vergleich mit keiner bayerischen Spitzenmarke scheuen! Auch eine Berliner Weiße wurde angeboten, die gut, aber eher wie ein klassisches Sauerbier (tsch.: Kyselka) schmeckte, und daher auch ohne den typischen Berliner Sirupzusatz serviert wurde. Gut schmeckte es allerdings!

Dazu gibt es deftige Küche in altböhmischer, aber auch etwas originellerer Variante. Hier eine Bratwurst vom Hirsch! Kriegt man nicht alle Tage! An warmen Tagen, an denen der Biergarten geöffnet ist, wird das Ganze von einer eigenen Grillstube draußen serviert. So kann man den Abschied von der Freiheit bei einem Libertas wenigstens einigermaßen glücklich überstehen! (DD)