Idylle und Widerstand

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Das Treffen im schönen Pfarrhaus von Vinoř wurde ihr zum Verhängnis. Heute vor 72 Jahren, am 27. Juni 1950, wurde die unbeugsame Demokratin und Widerstandskämpferin Milada Horáková durch das kommunistische Regime hingerichtet. Der Hinrichtung ging ein absurder Schauprozess stalinistischer Prägung vorweg, der mit Hilfe fabrizierter Indizien den Vorwurf des Landesverrats bestätigen sollte. Der Schuldspruch und das Todesurteil standen von vornherein fest.

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Horáková, die unter den Nazis ins Konzentrationslager gesteckt worden war, um nur zu sehen, dass nur drei Jahre nach dem Krieg ein neues totalitäres Regime – diesmal im roten Gewande – die Demokratie im Lande zerstörte, war natürlich keine Landesverräterin. Aber sie stand dazu, für die Demokratie zu kämpfen, und als das Regime beim Abschlussplädoyer der Angeklagten eine Selbstbezichtigung mit anschließender Loyalitätserklärung zum „Großen Bruder“ Klement Gottwald verlangte, verweigerte sie sich – anders als ihre Mitangeklagten, die glaubten, sie könnten so ihr Leben retten.

Tatsächlich basierte der Vorwurf des Landesverrates nur darauf, dass Horáková sich einmal mit anderen Oppositionellen getroffen hatte, um mit ihnen die Lage zu erörtern. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Kommunisten, die im Februar 1948 an die Macht gekommen waren, bereits alle nicht-kommunistischen Parteien verboten. Am 25. September 1948 fand daher ein geheimes Treffen statt, das Horáková mit einberufen hatte, um die verschiedenen demokratischen Oppositionsgruppen zusammenzubringen. Der Ort des Treffens war das alte Pfarrhaus im Norden Prags etwas auswärts gelegenen nördlichen Stadtteil Vinoř.

Mit bei dem Treffen waren der Pädagoge (und Bruder des Ex-Präsidenten Edvard Beneš) Vojta Beneš von den Sozialdemokraten, der Anwalt und Politiker Vojtěch Jandečka von den Christdemokraten, der Verwaltungsbeamte und ehemalige Abgeordnete Josef Nestával, der wie Horáková der linksliberalen Nationalsozialen Partei angehörte, und der parteilose Verfassungsrechtler Zdeněk Peška. Die Möglichkeit gewalttätigen Widerstandes, den die Kommunisten später unterstellten, war nicht einmal ein Gedankenspiel. Es ging um die Frage, ob es so etwas wie ein koordinierendes Dachgremium des bürgerlichen Widerstandes geben sollte, aber auch dieser Vorschlag fiel als zu weitreichend und gefährlich durch. Man verblieb, dass man sich ab un an mit Informationen austauschte, um eventuelle Gegensätze besprechen zu können.

Alles in allem ein recht mageres Ergebnis und gewiss weit entfernt von irgendeiner auch nur ansatzweise sinnvollen Definition des Begriffs Landesverrat. Aber 1949 nahm die Verfolgung von Oppositionellen neue Dimensionen an und die Teilnehmer des Treffens fielen umgehend der Verfolgung zum Opfer. Beneš konnte sich der Verhaftung noch entziehen und floh in die USA, wo er zwei Jahre später starb. Jandečka wurde verhaftet und zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, Peška wurde zu 25 Jahren verurteilt, aber 1960 begnadigt, Nestával sollte lebenslang im Gefängnis sitzen, wurde aber 1963 unter Auflagen freigelassen. Horáková, die bekannteste unter ihnen, ging jedoch in den Tod.

An dem hübschen Pfarrhaus in Vinoř wurde im Oktober 2002 eine Gedenktafel angebracht, auf der den Widerstandskämpfern, die sich hier dereinst trafen, gedacht wird. Das Haus am idyllischen Vinořské náměstí (Vinořplatz) mit seiner ebenso idyllischen barocken Dorfkirche und der Statue des Heiligen Nepomuk davor stammt aus dem Jahre 1738 und wurde von dem Architekten Johann Christian Spannbrucker erbaut. Das Haus verfügt über zusätzliche Wirtschaftsgebäude und einen großen Hof. Deshalb war hier auch ein kleines Haus des Mönchsordens der Salesianer untergebracht.

Und daher erinnert die Plakette auch zugleich an eine andere kommunistische Schandtat, nämlich die berüchtigte Aktion K (Akce kláštery, dt.: Aktion Klöster), die ebenfalls 1950 einsetzte. Mit ihr lösten die Kommunisten gewaltsam alle Orden und Klöster auf und internierten die meisten Mönche und Nonnen. In der ersten Nacht, vom 13. auf den 14. April 1950, wurden im Salesianerhaus des Pfarrhauses die Ordensbrüder Metoděj Hasilík, Augustin Holík und František Mikulík von der Geheimpolizei verhaftet, interniert und mit Berufsverbot belegt.

Geht man über den so idyllischen Dorfplatz, ahnt man kaum, was sich hier dereinst an Verbrechen abspielte. (DD)

Kleiner Toleranzfriedhof

Der Toleranzfriedhof (Toleranční hřbitov) in der Huberova im Stadtteil Ruzyně (Prag 6) ist eine Rarität. Es gab in Prag überhaupt nur zwei davon und der zweite, der 1795 im Ortsteil Strašnice angelegte Toleranzfriedhof, existiert schon lange nicht mehr. Aber was ist ein Toleranzfriedhof überhaupt?

Um das zu verstehen, muss man zurück in das Jahr 1620. In diesem Jahr fand bei Prag die Schlacht am weißen Berg statt, der den (österreichischen) Habsburgern die Herrschaft sicherte und de facto die Unabhängigkeit und Freiheit der Böhmen beseitigte. Im religiös bis dato recht toleranten und weitgehend protestantischen Böhmen setzte nun eine rigorose Katholisierungspolitik ein. Die Protestanten wurden systematisch unterdrückt. Es gab für sie keine Gottesdienste, Kirchen oder Friedhöfe mehr.

Dann kam das Jahr 1781. Kaiser Joseph II. dekretierte in diesem Jahr sein Toleranzpatent. Für die Protestanten bedeutete das ein wenig mehr an Freiheit. Sie durften wieder Gottesdienste abhalten. Auch durften sie Kirchen haben, die aber nicht so aussehen sollten. Toleranzkirchen (über ein Beispiel in Prag berichteten wir hier) hatten etwa keine Glockentürme und mussten wie normale Wohnhäuser aussehen, damit sich die Katholiken nicht vom Anblick provoziert fühlten. Die Toleranz hatte also noch enge Grenzen. Nun, und die Protestanten durften von nun an auch eigene Friedhöfe haben – und die nannte man Toleranzfriedhöfe.

Der hier in Ruzyně wurde zwischen 1784 und 1788 angelegt. So genau weiß man es gar nicht. Aber es war auf jeden Fall bald nach der Verkündung des Toleranzpatents. Dass der Friedhof damals etwas außerhalb der Stadt (deren Randgebiete ihn inzwischen Dank des Bevölkerungswachstums seither eingeholt haben) angelegt wurde, hat nichts mit seinem Status als letzte Ruhestätte von Angehörigen einer eher als randständig gesehenen Religionsgemeinschaft zu tun. Unter Joseph II. wurden generell aus Gründen der Krankheitsverhütung die kleinen Kirchhöfe in der Innenstadt aufgelöst und durch größere Friedhöfe weiter außerhalb ersetzt.

Ein großer Friedhof war der Toleranzfriedhof jedoch nicht. Nur 16,5 mal 10,5 Meter maß das Grundstück ursprünglich. Das ist winzig, aber es reichte aber für lange Zeit aus, da der Friedhof nur die Angehörigen der protestantischen Minderheit in einigen sehr, sehr kleinen Gemeinden abdeckte, nämlich Střešovice, Ruzyně, Lysolaje, Veleslavín, Šárka, Podbaba, Sedlec, Podhoří und Stodůlky – auch sie lagen damals noch außerhalb von Prag. Ursprünglich war der Friedhof damit sogar noch kleiner als er es heute ist. 1860 erfolgte eine kleine Erweiterung, bei der die kleine Mauer, die ihn heute umgibt, neu gebaut wurde.

Während der Revolution von 1848 in Prag rückte der Toleranzfriedhof noch einmal in den Mittelpunkt der Geschichte. Hier versammelten Angehörige der revolutionären Studentenbewegung, um einer Brandrede ihres radikalen Anführers, dem Schriftsteller Josef Václav Frič, zuzuhören. Der Friedhof liegt ganz in der Nähe des Schlachtfelds der Schlacht am Weißen Berg, wo die Habsburger sich gegen die aufständischen Böhmen durchsetzten und danach die Unabhängigkeit und die Glaubenfreiheit des Landes beseitigten. Die Studenten forderten hier an dem symbolträchtigen Toleranzfriedhof, dass die Gefallenen der Schlacht hier ein nachträgliches Heldenbegräbnis bekommen sollten. Daraus wurde nichts, weil die Revolution schon sehr bald niedergeschlagen wurde.

Als Kaiser Franz Josef im Jahr 1867 die völlige Religionsfreiheit verkündete, gab es keine formale Begründung mehr für einen gesonderten Toleranzfriedhof. Multikonfessionelle öffentliche Friedhöfe (Beispiel hier) begannen auch in Prag das Bild der Begräbniskultur zu bestimmen. Trotzdem fanden immer noch ab und zu Beerdigungen auf dem alten Toleranzfriedhof statt. Die letzte erfolgte 1945, als hier Václav Kubát zu Grabe getragen wurde, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg einem Mord zum Opfer gefallen war. Sein Grab sieht man im kleinen Bild rechts.

Der Friedhof liegt in einem kleinen Waldstückchen an einem Hang. Etliche der Grabsteine sind im Laufe der Zeit verschwunden, aber man kann die Grabfelder noch gut erkennen. Seit 1958 ist er geschütztes Kulturdenkmal und seit 1963 sogar ein Nationales Kulturdenkmal. Und man findet noch viele schöne alte und neuere Grabsteine. Viele sind mit dem Symbol des Kelches geschmückt, das in Tschechien seit der Zeit der Hussiten für ein reformatorisches Verständnis von Christentum steht. Der Friedhof gehört übrigens zu den kleinsten in ganz Prag. (DD)

Havel im Stil von Havel

Heute vor 10 Jahren starb Václav Havel. Der Schriftsteller, Dramaturg, Bürgerrechtler, Dissident und der erste frei gewählte Präsident nach dem Ende der kommunistischen Tyrannei nimmt immer noch einen besonderen Platz im Herzen der Tschechen ein.

Unzählige kleine und große Gedenkorte erinnern an ihn und es gibt sogar spezielle Touren für Touristen. Ein solcher Ort ist sein Geburtshaus, ein fünfstöckiges Jugendstilwohnhaus direkt am Rašín-Ufer (genauer: Rašínovo nábřeží 2000/78) in der Neustadt – mit Blick auf Moldau und Burg, wie es dem Spross einer bekannten großbürgerlichen Familie entsprach.

Hier lebte er von seiner Geburt im Jahre 1936 bis zum Jahr 1971 als er in den Stadtteil Dejvice auf der anderen Seite des Flusses zog. Zwischen 1986 und 1993 lebte er dann zusammen mit seiner ersten Frau Olga wieder im diesem Hause – ständig observiert von der Staatssicherheit, die sich im nebenan gelegenen barocken Šítkov Wasserturm (Šítkovská vodárenská věž) eingenistet hatte (unser Bericht hier). Die Agenten beobachteten 24 Stunden um die Uhr, wer denn so alles im Hause Havels einkehrte, der als Begründer der gegen das kommunistische Regime gerichteten Bewegung Charta 77 zu den bekanntesten Dissidenten im Lande gehörte. Erst 1993 zog er in den Präsidententrakt der Burg ein. Das hätte er womöglich schon 1989 tun können, aber er war halt kein Mann der Paläste und Staatskarossen (darüber berichteten wir hier).

Die kleine Gedenkktafel, die man am 18. Dezember 2019 in Gegenwart von Havels Bruder Ivan, anderen Verwandten und Prager politischer Prominenz einegweiht wurde, kann man glatt übersehen. Sie entspricht aber der bescheidenen und unprätenziösen Art Havels, der den heroischen Pomp anderer Gedenktafeln kaum zu schätzen wußte. Eigentlich ist neben dem Eingang des Gebäudes nur eine kleine Akrylplatte zu sehen, in die ein Papier eingegossen ist mit dem Text: „zde jsem taky žil“ – auf Deutsch: Hier habe ich auch gelebt!

Gestaltet hat das Ganze der Architekt und Designer Petr Hájek. Der Schriftzug ist in dem Schrifttyp von Havels Schreibmachine nachempfunden, mit der er seine ersten Stücke, etwa Das Gartenfest (Zahradni slavnost, 1963), geschrieben hatte. Überhaupt soll hier wohl mehr an den Schriftsteller erinnert werden, der über dem Dissidenten und Politiker oft vergessen wird. Wer meint, dass diese Tafel doch ein wenig absurd wirke mit ihrem seltsamen Text, hat recht. Havel, das sollten wir nicht vergessen, war vor allem ein Meister des absurden Theaters, das ihm am besten geeignet schien, die Absurdität des kommunistischen Regimes bloßzustellen. Man gedenkt hier also Havel im Stile von Havel. Havel hätte es gefallen. (DD)

Frühstück mit Mitterand

Es war ein weiterer Nagel im Sarg des kommunistischen Regimes: Das berühmte Frühstück mit Präsident François Mitterrand in der französischen Botschaft in Prag. Mit einer Denkmalsbüste haben es ihm die Prager gedankt. Die findet man fast überraschend am Eingang zu den idyllischen Palastgärten unterhalb der Burg an der Valdštejnská 158/14 auf der Kleinseite

Es erinnert an den denkwürdigen 9. Dezember 1988 (also heute vor 33 Jahren!). Am Vortag war mit Mitterand zum ersten Mal seit der Gründung der Tschechoslowakei 1918 ein französisches Staatsoberhaupt zum Staatsbesuch nach Prag gekommen. Treffen mit Präsident Gustáv Husák und allen wichtigen Granden des Landes waren angesagt. Und dann kam es: Am Morgen des 9. Dezember hatte Mitterand zu einem opulenten Arbeitsfrühstück in die französische Botschaft eingeladen – allerdings nicht die Repräsentanten der kommunistischen Obrigkeit, sondern eine Gruppe von acht Dissidenten aus dem Umfeld der Bürgerrechtsorganisation Charta 77 unter der Führung des Dramatikers Václav Havel. Einer der Teilnehmer, Karel Srp, Chef der 1984 verboteten und seither im Untergrund operierenden Jazz Sektion (die Kommunisten hielten Jazz für westlich-bourgeois-dekadent) sollte später resümieren: „Für mich war das besonders überraschend, weil ich ein halbes Jahr vorher noch Gefangener im Pilsener Gefängnis Bory war. Und plötzlich werde ich vom französischen Staatspräsidenten empfangen. Das war irgendwie ein irreales Erlebnis.“

Aber nicht nur irreal, sondern auch potentiell gefährlich. Denn jedem teilnehmer drohten schwee Repressalien durch das Regime. Das hatte sich mit der Unterzeichnung der Helsinki Schlussakte im Jahr 1975 zwar international rechtlich zur Einhaltung von Menschenrechten verpflichtet, meinte aber, dass der Westen schon nicht zu arg darauf drängen werde. Mitterand hingegen sandte mit dem Frühstück, das von langer Hand geplant war, ein für die Kommunisten schmerzhaftes Signal aus. Diese Art von Staatbesuchen, die nicht nur der kommunistischen Führung galten, sondern stets auch mehr oder minder geheime Treffen mit demokratisch und freiheitlich gesonnenen Dissidenten beinhalteten, nannte man „Doppeldiplomatie“. Begonnen hatte damit der niederländische Außenminister Max van der Stoel (wir berichteten), der sich 1977 mit dem Vizevorsitzenden der neu gegründeten Charta 77, dem Philosophen Jan Patočka, hatte. Und das hatten viele der Teilnehmer des Frühstück mit Mitterand noch in trauriger Erinnerung. Präsident Husák lud nicht nur umgehend van der Stoel von einem vorgesehenen Treffen aus, sondern er ließ den herzkranken Patočka ins Gefängnis stecken, wo er so brutal gefoltert wurde, dass er kurz darauf starb. Eine Welle von Repression gegen Dissidenten folgte. Das nutzte zwar auch langfristig der Charta 77, weil der wahre Charakter des Regimes nun einer großen Weltöffentlichkeit vor Augen gehalten wurde, aber der Preis dafür war hoch.

Nur: Diesmal passierte nichts. Oder noch weniger als nichts. Mitterand konnte es sich leisten, das Gespräch so in die Länge zu ziehen, dass er deutlich zu spät zu dem danach vorgesehenen Empfang bei Präsident Husák kam. Mehr noch: Am nächsten Tag, dem 10. Dezember, stand ausgerechnet Tag der Menschenrechte (dem Jahrestag der 1948 von den UN verabschiedeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) auf dem Kalenderblatt. Und Charta 77 und andere oppositionelle Gruppen hatten – noch während Mitterand in Prag weilte – zu großen Demonstrationen eingeladen, an denen tatsächlich Tausende Menschen teilnahmen. Es war ein mediales Debakel für das Regime. Wie knnte es dazu kommen? Nun, Mitterand war Staatspräsident eines mächtigen Landes, und man konnte mit ihm nicht umspringen wie man es sich anscheinend gerade noch mit einem Außenminister eines kleinen Landes, vie van der Stoel, erlauben konnte. Aber es gab eine tiefere Ursache. Mit der Unterzeichnung der Helsinki Akte hatten sich die kommunistischen Herrscher erhofft, für rein nominelle Zugeständnisse bei den Menschenrechte westliche Wirtschaftsunterstützung zu bekommen, um ihre marode Planwirtschaft aufrechtzuerhalten. Aber 1988 merkte man, dass die durch kein Geld der Welt gerettet werden konnte. Und die Unterstützung der des sozialistischen Mutterlandes, der Sowjetunion, für verschärfte Repression, war auch nicht mehr das, was sie früher einmal war. Dort regierte Michail Gorbatschow, der auf vorsichtige Liberalisierung abzielende Reformen lancierte, so dass Hardliner wie Husák auch in der kommunistischen Welt immer mehr in die Defensive gerieten. Kurz: Der 1989 erfolgende Zusammenbruch des Kommunismus zeichnete sich ab, und fast wehrlos ertrugen die Prager Kommunisten, wie Mitterand einen weiteren Nagel in den Sarg trieb.

Schon im nächsten Jahr sollten die Dissidenten, die sich angst-, aber hoffnungsvoll mit Mitterand trafen, Vertreter eines erneuerten demokratischen Landes werden. Václav Havel war Präsident. Ein anderer Teilnehmer, Jiří Dienstbier, war Außenminister. Und einige jahre später war zum Beispiel Petr Uhl Menschenrechtsbeauftragter der Regierung des Landes. Er sollte später über das Frühstück mit Mitterand später sagen: „Für uns war das eine großartige Unterstützung, denn er war das erste Staatsoberhaupt, das sich mit uns getroffen hat.“ Für alle damaligen Dissidenten und aller Freiheitsliebenden in Tschechien überhaupt, hat der 9. Dezember einen hohen historischen Symbolwert. Seit langem gibt es an jedem 9. Dezember ein tschechisch-französisches Frühstück, bei dem sich nunmehr Repräsentanten zweier Demokratien treffen. Aber natürlich bedurfte es einer permanenteren und öffentlicheren Form des Andenkens. Ein Denkmal musste her. Und das initiierte nun Karel Srp, dessen immer noch aktive Jazz Sektion rund 300.000 Kronen sammelte.

Als Künstler wählten man den Maler und Bildhauer Jan Zelenka, der eine Bronzebüste mit dem lebensnahen Portrait Mitterands auf einem Steinsockel schuf. Die Büste wurde am 13. Juli 2015 in Gegenwart des tschechischen Präsidenten Miloš Zeman enthüllt, der in seiner Rede die „Tapferkeit von François Mitterrand“ lobte ihn dafür, dass er Gustáv Husák für dieses Frühstück oben auf der Burg habe warten lassen – womit der die Ironie der Geschichte und auch die Demütigung, die die Kommunisten dabei gefühlt haben mussten, fein beschrieb. Der ehemalige Außenminister Tomáš Petříček fasste zum 30. Jahrestag im Jahre 2018 die Bedeutung von Mitterands Geste treffend zusammen: „Das Frühstück in der Botschaft war gewiss auch einer der Schritte, die uns bis hin zur Samtenen Revolution geführt haben.“ (DD)

Bulgarischer Aufklärer beim Roten Adler?

Aus den schönen Hausschildern, die man vor allem auf den Fassade von Barockhäusern findet, kann man häufig auf den Namen des Hauses schließen. Das Haus zum Roten Adler (dům U Červeného orla) und sein in Stuck gerahmtes Schild in der Nerudova 207/6 auf der Kleinseite belegen das trefflich.

Das Haus wurde 1403 erstmals in Dokumenten erwähnten. Im 15. Jahrhundert gab es wohl einige Modifikationen, bis es dann beim Großen Feuer von 1541, das die Kleinseite verwüstete, zerstört wurde. Es folgte ein schrittweiser Wiederaufbau im Renaissancestil und 17. Jahrhundert setzte die Barockisierung ein. Ihr verdankt man den gemalten Adler, der 1633 als Hausschild hier über dem ersten Stock angebracht wurde. Die schönen Stuckornamente, die ihn umgeben, wurden im dritten Viertel des 18. Jahrhunderts gestaltet, und zwar bei einem Umbau, bei dem noch ein Stockwerk hinzugefügt wurde. Dadurch passt sich das Haus heute auch besser in des architektonische Umfeld ein.

Interessant ist auch, was man hier nicht mehr hier sieht. 1964 wurde hier eine von der Bildhauerin Taťána Konstantinová gestaltete Gedenkplatte für Petar Beron angebracht, der in diesem Haus das Jahr 1864 in Prag verbracht haben soll. Der vielseitig gebildete Universalwissenschaftler (er schrieb Bücher über Physik, Astronomie, Geschichte, Sprache, Pädogogik) versuchte in seiner bulgarischen Heimat die Ideale der Aufklärung zu verbreiten.

Das stieß bei den damaligen türkisch-osmanischen Machthabern, die schon seit Jahrhunderten Bulgarien unter ihrer Herrschaft hatten, nicht auf Gegenliebe. Beron verbrachte Jahrzehnte seines Lebens im Exil. Schon 1848 war er in Prag gewesen, um beim dort stattfindenden Slawenkongress für die Freiheit der unterdrückten Bulgaren zu werben. In Prag erschienen auch zahlreiche seiner Werke, die in seiner Heimat nicht hätten erscheinen dürfen.

Die Tafel ist allerdings in den 1990er Jahren abgenommen worden, weil man tatsächlich keinen Beweis erbringen konnte, ob Beron tatsächlich 1864 in genau diesem Haus, in dessen Erdgeschoss heute ein Geschenkeladen residiert, gewohnt hatte. Da zählte auch nicht, dass es keinen Beweis gibt, dass er hier nicht gewohnt haben könnte. Man ging auf Nummer sicher und brachte die Tafel mit Büste in einer Passage des Gebäudes der Tschechischen Nationalbank in der Na Příkopě 860/24 (Prager Neustadt) an, wo sich dereinst ein Hotel befand, in dem er sich 1864 tatsächlich und nachweislich aufgehalten hatte. Und hier befindet er sich auch heute noch, wie man rechts sieht. Denn sein Andenken hat er sich mit seinem Lebenswerk verdient – ganz gleich, ob er je im Haus zum Roten Adler gewohnt hatte oder nicht. (DD)

Vor 100 Jahren geboren: Alexander Dubček

Er war die große Leitfigur des Prager Frühlings von 1968. Vor genau 100 Jahren, am 27. November 1921, wurde Alexander Dubček in der slowakischen Stadt Uhrovec geboren. Der Sohn eines Tischlers hatte sich schon in den späten 1930er Jahren den Kommunisten angeschlossen. Aber schon bald nach der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei 1948 wurde klar, dass seine Auffassung von sozialistischer Entwicklung sich von denen seiner zu dieser Zeit strikt stalinistischen Parteigenossen deutlich unterschied.

Obwohl schon Parteisekretär in Bratislava, äußerte er offen Kritik an der Verfassungsrefom von 1958, die das Monopol der Kommunistischen Partei verankerte. Immer wieder setzte er sich für Opfer interner Säuberungen der Kommunistischen Partei ein und erreichte deren Rehabilitierung – ironischerweise galt das auch ausgerechnet für Gustáv Husák, der 1954 in einem Schauprozess als „bourgeoiser Nationalist“ zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, und der dann nach der Niederschlagung des Prager Frühlings Dubček absetzen und dessen Reformen rückgängig machen sollte.

Und in den frühen 1960er Jahren erreichte Dubček im slowakischen Landesteil tatsächlich einige Lockerungen in Sachen Meinungsfreiheit. Seine große Stunde kam, als er im Januar 1968 den Hardliner Antonín Novotný als Ersten Sekretär der KP ablöste und nun ein nationales Reformprogramm initiieren konnte. Die Abschaffung der Zensur, eine vorsichtige Dezentralisierung des Staates und sehr behutsame Anpassungen des Wirtschaftssystems an marktwirtschaftliche Prinzipien standen auf der Tagesordnung.

Im August war alles vorbei. Die Sowjetunion wollte derartige „liberale“ Alleingänge nicht tolerieren und 500.000 Soldaten des Warschauer Pakts marschierten ins Land ein. Dubček wurde schrittweise entmachtet und durch Husák ersetzt, der das Land einer „Normalisierung“ unterzog, wie die Machthaber damals die Rückkehr zur harten Diktatur euphemistisch nannten. Dubček wurde 1970 aus der KP ausgeschlossen und musste sich als Beschaffungsinspektor der Forstverwaltung von Bratislava verdingen.

Im November 1989 gehörte er mit Václav Havel zu den Anführern der großen Demonstrationen in Prag, die die Samtene Revolution einleiteten. Noch im Dezember des Jahres wurde er Präsident des Parlaments und konnte wesentliche Beiträge leisten, den Kommunismus zu beenden und eine neue Ära der Demokratie einzuleiten. Er hatte gerade den Vorsitz der slowakischen Sektion der neu gegründeten Sozialdemokratischen Partei übernommen, als er am 7. November 1992 bei einem Verkehrsunfall auf der Autobahn nahe der Stadt Humpolec ums Leben kam.

Im November 2009 wurde am heutigen Gebäude des Neuen Nationalmuseums in der Wilsonova 52/2 (Prag 1), das ab 1972 unter den Kommunisten als tschechoslowakisches Parlament (siehe unseren früheren Beitrag hier) fungierte, eine Gedenktafel mit einer Büste Dubčeks eingeweiht. Sie ist ein Werk des Bildhauers Teodor Baník. Das Gebäude diente noch nach dem Sturz des Kommunismus bis zur Auflösung der Tschechoslowakei als Parlament und es war Dubčeks letzte politische Wirkungsstätte als Parlamentspräsident.

Dubček zu ehren, war ein Anliegen, das tschechische und slowakische Repräsentanten gleichermaßen bewegte, und so nahmen bei der Einweihung des Denkmals der Präsident des Slowakischen Nationalrats Pavol Paška, der slowakische Kulturminister Marek Maďarič, die Präsidenten der Abgeordnetenkammer und des Senats des Parlaments der Tschechischen Republik Miloslav Vlček und Přemysl Sobotka teil. Die Inschrift auf dem Marmortafel ist sowohl in Tschechisch als auch Slowakisch gehalten und lautet übersetzt: „In diesem Gebäude arbeitete 1989-1992 als Präsident der Bundesversammlung der ČSFR Alexander Dubček.“ (DD)

Ironie der Geschichte: Das Denkmal für die Studentenkolonie

Der heutige 17. November ist bekanntlich Nationalfeiertag in Tschechien, der Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (Den boje za svobodu a demokracii). Für die Kommunisten bedeutete er im Jahre 1989 etwas, das sie anscheinend nicht einmal ansatzweise verstehen oder vorhersehen konnten. Das kleine Denkmal auf der Letnáhöhe ist jedenfalls zugleich ein würdiger Gedenkort für die kleinen Helden der Freiheit als auch ein Dokument von falscher Selbsteinschätzung der Mächtigen.

Man findet es an einem etwas abgelegenen Ort auf einer Grünanlage bei der Tramhaltestelle Špejchar an der großen ul. Milady Horákové in Prag 7 Bubeneč. Es wurde buchstäblich an dem Tag errichtet, an dem die Samtene Revolution das Schicksal derer politisch besiegelte, die es errichteten. Worum ging es? Am 17. November 1939 hatten Studenten in Prag massiv gegen die Nazibesetzung demonstriert. Die Demonstration wurde blutig niedergeschlagen (siehe früheren Beitrag hier), blieb aber im Gedächtnis der Menschen als Freiheitsfanal bestehen. Obwohl es den meisten Demonstranten damals um Freiheit und Demokratie ging, versuchten die sich „antifaschistisch“ gerierenden Kommunisten nach ihrer Machtergreifung 1948, die Heldentat der Studenten für sich plakativ zu vereinnahmen. Der Ort hier schien genau der richtige zu sein.

Auf der Freifläche, wo heute das Denkmal steht, befand sich ab 1921 die Studentenkolonie Kolonka. Anfang der 1920er Jahre wuchs die Bevölkerung Prags und die Wohnungen wurden knapp. Das betraf vor allem auch die wachsende Zahl von Studenten, die zunehmend von Armut und Not betroffen war. Eine sehr engagierte Gruppe von Studenten gründete daraufhin eine Genossenschaft (die eine Art Vorläufer heutiger Studentenwerke war), die spezielle Wohnheime für Studenten bauen und betreiben wollte. Die Idee funktionierte. Es gab viele Spender, von denen Präsident Tomáš Garrigue Masaryk der prominenteste war. Schließlich gab es auch einen staatlichen Zuschuss für das Projekt. Der Architekt Miloš Vaněček entwarf eine Wohnanlage im kubistischen Stil, die von den Studenten größtenteils in Eigenarbeit errichtet wurde. Der Komplex wurde von den Studenten selbst verwaltet. Natürlich nahmen viele der Studenten am 17. November 1939 an den Demonstrationen gegen die Nazis teil. Die gnadenlose Antwort blieb nicht aus. SS-Einheiten stürmten das Areal, lösten die Kolonie gewaltsam auf, legten die Gebäude in Schutt und Asche und brachten vor allem die führenden Studenten in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Nach dem Ende der Nazizeit wurde die Kolonie wieder aufgebaut und betrieben, aber sie war nur noch ein Teil des (sozialistischen) staatlichen Studentenwohnheimbetriebs. 1979 wich sie der Straßenbahnschleife, die sich jetzt hier befindet.

Mit dem Denkmal sollte seitens der regierenden Kommunisten der 50. Jahrestag der Proteste von 1939 gebührend gefeiert werden. Es handelt sich um eine Steinstele, deren Umrisse vage einer menschlichen Figur entsprechen. Darauf befindet sich die Inschrift: „1921 – 1939 . Zde stála studentská kolonie Kolonka. Bašta pokrokové inteligence. 17. listopad 1989“ (auf Deutsch: 1921 – 1939. Hier stand die Studentenkolonie Kolonka. Bastion der fortschrittlichen Intelligenz. 17. November 1989). Unter der Inschrift befindet sich eine Skizze des Grundrisses der Kolonie. Entworfen wurde das Denkmal von der Malerin Marie Hlobilová – Mrkvičková. Es ist im Stil der Gründungszeit der Kolonie gehalten und enthält immerhin keinerlei kommunistische Symbolik, die heute irgendwie störend wirken könnte. Es strahlt angemessene Würde aus.

Trotzdem war die damalige Intention die einer Vereinnahmung. Sie funktionierte aber nicht mehr. Wenn sich Totalitäre (Kommunisten) als Gegenspieler zu anderen Totalitären (Nazis) und als Verteidiger der Demokratie (wie es die Studenten waren) aufspielen, ist das in der Tat schon unglaubwürdig. Parallel zu der Errichtung des Denkmals erlaubten die Kommunisten auch noch Gedenkdemonstrationen zu den Ereignissen vom 17. November 1939, an denen dann aber auffallend viele recht aufmüpfige Studenten teilnahmen. Sie schlugen in eine große Protestaktion gegen die Kommunisten und ihr Unterdrückungsregime um und markierten den Beginn der Samtenen Revolution. Ganz im Geist der Studenten von 1939 kämpfte man nun für die Freiheit – während die Kommunisten ihnen zur gleichen Stunde noch auf dem Letná dieses Denkmal setzten. Das nennt man Ironie der Geschichte. (DD)

Reine Rechtslehre am Einkaufszentrum

Er gilt als der Vater der modernen österreichischen Verfassung. Bei seinem Namen denkt man eigentlich gleich an Österreich: Hans Kelsen. Da staunt man doch, wenn man plötzlich entdeckt, dass der Rechtsgelehrte in Wirklichkeit vor genau 140 Jahren, am 11. Oktober 1881 hier in Prag geboren wurde.

Nun gut, als er geboren wurde, gehörte Prag ja irgendwie zur österreichischen Reichshälfte der Doppelmonarchie. Trotzdem gilt: Mit drei Jahren verließen er und seine Familie Böhmen und die eigentliche akademische Karriere Kelsens nahm dann in Wien ihren Anfang. Kelsen gilt als der führende Vertreter des modernen Rechtspositivismus. Er nannte seine juristische und rechtsphilosophische Theorie Reine Rechtslehre, die die Autonomie des Rechts gegenüber Moral oder vorstaatlichen Werten (Naturrecht) postulierte. Liberale Kritiker wie Friedrich August von Hayek haben ihm vorgeworfen, eine solch moralfreie Theorie des Rechts leiste leicht Unrechtsregimen Vorschub. Das hätte er von sich gewiesen, denn für ihn war wissenschaftliche Jurisprudenz die Ableitung einer Rechtssystematik von einer Grundnorm. Die war für ihn nicht Gegenstand der Wissenschaft, wohl aber von moralischen Überzeugungen. Er betonte stets, dass für ihn demokratische Grundnormen vorzuziehen seien. Die Verfassung Österreichs verdankt ihm bis heute wesentliche Impulse, etwa die Etablierung des unabhängigen Verfassungsgerichts.

Für die Demokratie setzte er sich so sehr ein, dass er 1933 seinen Lehrstuhl in Köln verlassen musste, weil ihn die Nazis verfolgten. Er floh nach Wien, dann 1936 in seine Geburtsstadt Prag, wo ihn die Nazis bald einholten. 1940 landete er in den USA, wo er bis zu seinem Tod 1974 als hochgeachteter Jurist wirkte. Hier in Prag, wo er geboren wurde, wollte man seiner dann auch gedenken und so wurde 2014 in Gegenwart des Bürgermeister von Prag 1, Oldřich Lomecký, eine Gedenktafel zu seinen Ehren eingeweiht. Um es vorsichtig zu sagen: Die Tafel (großes Bild oben) und die Lokation wirken leider ein wenig lieblos. Es handelt sich um eine bloße Blechtafel mit der Aufschrift, dass der große Rechtsgelehrte hier dereinst geboren wurde. Das Ganze befindet sich in der unansehnlichen Ecke eines Nebeneingangsbereichs eines Kaufhauses. Nur wenigen Menschen, die hier vorbeikommen, dürfte die Plakette überhaupt auffallen.

Dass das Umfeld so aussieht, wie es aussieht, dafür können die Initiatoren der Plakette allerdings nichts. Denn das eigentliche Geburtshaus wurde schon lange zuvor abgerissen. Heute steht hier eben das Einkaufszentrum Máj (Obchodní dům Máj) in der Národní 63/26, Ecke Spalená, am Rande der Altstadt (Prag 1), das in den Jahren von 1972 bis 1975 von den Architekten John Eisler, Miroslav Masák und Martin Rajniš erbaut wurde. Der Koloss aus Stahl, Beton und Glas gilt als ein typisches Werk des sozialistischen Brutalismus und wurde als solches gefeiert. Das war damals verständlich, da es im kommunistischen Ostblock überhaupt nur sehr wenige große Einkaufszentren gab. Um dieses hier aufzubauen, musste man auch schwedische Baufirmen anheuern. Heute ist hier immer noch ein recht hochwertiges Einkaufzentrum, das einer britischen Lebensmittelkette gehört, die den tschechischen Namen Máj (dt.: Mai) in My umnannte, wohl um ein internationaleres Publikum anzulocken. (DD)

Präsidentenkarosse

Heute wäre Václav Havel 85 Jahre alt geworden. Der Schriftsteller, Dramatiker und Dissident, der 1989 nach dem Fall des Kommunismus der erste demokratische Präsident des Landes wurde, prägt die Politik in Tschechien bis heute. Wenn man verstehen will, warum Havel bis heute als die Verkörperung demokratischer und liberaler Werte so sehr verehrt wird, könnte ein Besuch beim Technischen Nationalmuseum (Národní technické muzeum) möglicherweise erhellender sein als jede politische Präsentation. Man muss sich dort nur nach dem unscheinbarsten Ausstellungsstück umschauen.

Nichts sieht irgendwie besonders präsentationswürdig an dem PKW des Typs Renault 21 TSE aus, aber die Geschichte dahinter ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Seit Mitte der 1990er Jahre steht er hier im Museum und das Besondere ist: Dieses Auto gehörte Václav Havel, ja es diente sogar als präsidentielle Staatskarosse zu Beginn seiner Präsidentschaft. Im November 1989 war die Samtene Revolution ausgebrochen und das kommunistische Regime kollabierte innerhalb kürzester Zeit. Die Demokratiebewegung war nur wenig institutionell konsolidiert und musste bei der Übernahme der Verantwortung anfänglich viel improvisieren.

Aber es gab auch Hilfe. Zu den hilfreichen Geistern gehörte u.a. auch der portugiesische Präsident Mário Soares. Der Sozialist hatte zuvor als erster demokratisch gewählter Ministerpräsident 1976 sein Land nach langer Militärdiktatur in die Freiheit geführt und unterstützte von vornherein die Bestrebungen Havels und seines Dissidentenkreises. Im November trat er als Schirmherr einer Aktion auf, bei der Jugendliche aus Porto 50.000 Rosen nach Prag brachten, um die Revolution symbolisch zu unterstützen. Am 28. Dezember kam er selbst nach Prag, um die Wahl Havels zum Präsidenten am nächsten Tag mitzuerleben. Er war das erste westliche Staatsoberhaupt, das der nunmehr freien Tschechoslowakei einen Besuch abstattete. Als Havel gewählt worden war, stellte sich heraus, dass der keine präsidentielle Limousine hatte, oder besser: Es gab zwar welche, aber die waren sowjetische Protzkarren vom Typ ZiL-41045, die so sehr ein visuelles Symbol des alten Regimes waren, dass Havel sie auf keinen Fall benutzen wollte. Als Soares das Problem mitbekam, reagierte er schnell. Er rief den lokalen Repräsentanten von Renault an und am nächsten Tag hatte Havel eine „Staatskarosse“.

Nun ist der R 21 nicht wirklich eine Staatskarosse, sondern ein doch eher unscheinbarer Mittelklassewagen. Aber gerade das schien Havel zu gefallen. Ohne Chauffeur nutzte er den Wagen immer noch über die nächsten Monate, obwohl er bis dahin schon längst ein Gefährt im Luxussegment hätte fahren können, so wie dereinst Tomáš Garrigue Masaryk, der erste demokratische Präsident der Republik nach 1918, dessen prachtvoller (aber nicht auch übertrieben prachtvoller) Staatswagen von Typ Tatra 80 aus dem Jahr 1935 (Bild links) nur wenige Meter entfernt von Havels Renault steht.

Havels neuer Renault stand für den Abschied vom roten Staatsbonzentum. Und es war ein westliches Auto. Und schon aus Trotz gegenüber den Kommunisten hatte Havel schon als junger Dissident sich gerne westliche Autos besorgt (was nicht immer leicht war). 1964 war sein erstes Auto ein französischer Simca 1000. Als 1968 mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts den Prager Frühling beendet wurde, besaß Havel gerade einen deutschen Mercedes W114. Wegen seines Protestes gegen die Unterdrückung der neugewonnen Freiheiten erhielt er Berufsverbot als Schriftsteller und musste eine zeitlang als Lagerarbeiter in einer Brauerei arbeiten. Den leitenden Funktionären dort missfiel es ungeheuer, dass der Lagerarbeiter neben ihren Autos mit sichtlicher Freude ein viel größeres und prestigeträchtigeres Auto auf dem Firmenparkplatz abstellte. Er musste sich bald einen Parkplatz außerhalb des Geländes suchen… Havel und seine Autos – das war immer auch eine Frage der Politik. Der bescheidene Renault im Technikmuseum führt das dem Betrachter auf sympathische Weise vor. (DD)

Toleranz für den Turm

Das Besondere an dieser Kirche ist ihr Turm. Eigentlich hätte es den da nicht geben dürfen. Dass es ihn gibt, verdankt man einer Ausnahmeregelung. Aber weshalb sollte eine Kirche wie die St. Michaelskirche in der Neustadt keinen Turm haben dürfen?

Nun, nach der Niederlage des Ständeaufstandes bei der Schlacht am Weißen Berg im Jahre 1620 und dem Sieg der katholischen Habsburger war es mit der Glaubensfreiheit in Böhmen erst einmal für lange Zeit vorbei. Allen nicht-katholischen Bekenntnissen wurden grundsätzlich öffentliche Gottesdienste und der Bau und Betrieb von Kirchen untersagt. Die Lage besserte sich erst 1781 ein wenig, als Kaiser Joseph II., ein aufgeklärter Monarch, der sich oft mit der Kirche anlegte, sein berühmtes Toleranzpatent erließ. Aber er musste vorsichtig sein, um nicht die katholische Kirche allzu sehr gegen sich aufzubringen.

Die Toleranz war daher eng begrenzt. Protestantische Gläubige durften sich zwar wieder zum Gottesdienst versammeln und Gotteshäuser einrichten, aber nur so diskret, dass kein pedantischer Katholik daran Anstoß nehmen konnte. Die Gotteshäuser mussten klein sein und durften von außen auf keinen Fall wie eine echte Kirche aussehen. Also bloß keine bunt beglasten Kirchenfenster und schon gar keine Türme! Ein evangelisches Gotteshaus musste idealtypisch wie ein normales Wohnhaus aussehen. Ein Beispiel, das man in Prag findet, haben wir schon hier vorgestellt.

Zurück zur ursprünglich natürlich katholischen St.-Michaelskirche (Kostel svatého Michala v Jirchářích) in der V jirchářích 152/14 in Prag 1. Deren Ursprünge liegen im 12. Jahrhundert. Als Pfarrkirche sollte die einschiffige romanische Kirche dienen. Mitte des 14. Jahrhunderts wurde sie um einen gotischen CHor erweiter und Ende des 14./Anfang des 15. Jahrhunderts kamen zwei Seitenschiffe hinzu. 1511 verfeinerte man den Bau noch einmal um ein spätgotisches Kreuzrippengewölbe. Der große Turm ist neueren Datums, denn er wurde erst 1717, nunmehr im Barockstil, errichtet. Auch im Innenraum gab es eine vorsichtige Barockisierung, insbesondere durch den um 1770 eingefügten Hauptaltar mit seinem Jesus Christus zeigenden Altarbild.

1787 war erst einmal Schluss für die Kirche. Im Zuge seiner Kirchenreformen ließ der aufklärerisch gesinnte Kaiser Joseph II. viele Klöster, aber auch etliche Gemeindekirchen schließen und säkularisieren – so auch St. Michael. Sie wurde kurzerhand in einen Lagerraum verwandelt. Das blieb gottlob nur ein kurzes Zwischenspiel, so dass sich der Schaden, der dadurch dem Bauwerk zugefügt wurde, in Grenzen hielt. 1790 kaufte ein evangelischer Kaufmann namens Franz Kehrn die „Lagerhalle“ und schenkte sie der neu gegründeten „Protestantischen deutschen Civil-Gemeinde“, wie die Gemeinde der deutschsprachigen evangelischen Bürger Prag damals hieß. Die deutschen Proetstanten durften bis dato seit 1784 das Bethaus, d.h. die Toleranzkirche, der tschechischsprachigen Protestanten, in der Tischlergasse (heute: Truhlářská 1113/8) in der Neustadt mit benutzen. Das konnte aber nur ein Provisorium sein. Also freute man sich über das Geschenk Kehrns sehr.

Die Kirche wurde instand gesetzt und 1791 unter ihrem Pfarrer Johann Friedrich Christoph Götschel geweiht. Nun war das Gebäude als „Lagerhalle“ theoretisch ja ideal für die Einrichtung einer vorgeschrieben bescheidenen Toleranzkirche. Aber real war sie nun einmal ein Kirchengebäude mit allem Drum und Dran – Turm und Kirchenfenster. Durch zähe Verhandlungen, die möglicherweise an den bekannten Instinkt der josephinischen Regierung appellierte, von den kirchlichen Institutionen Sparsamkeit zu verlangen, erreichte man die Ausnahmeregelung, dass weder der Turm abgerissen, noch die Fenster herausgebrochen werden mussten. Und so kam es, dass die Gemeinde der Michaelskirche zu den wenigen evangelischen Gemeinden gehörte, die eine richtige Kirche besaßen. Die kaiserlichen Behörden hatten Toleranz für den Turm walten lassen.

Der deutschsprachigen Gemeinde gehörte die Kirche auch immer noch, als durch das von Kaiser Franz Josef beschlossene Staatsgrundgesetz 1861 die letzten Relikte der Intoleranz fielen und die Glaubensgemeinschaften im Habsburgerreich vor dem Gesetz frei und gleichberechtigt wurden. Jetzt hätte es keienr Ausnahmegenehmigung bedurft, um einen Kirchturm zu besitzen.

Die Gemeinde pflegte unterdessen ihre Kirche gut. 1817 renovierte man sie und baute eine Kanzel im damals populären klassizistischen Stil ein. Eine Renovierung des Gebäudes erfolgte noch einmal 1832.

1882 wurde die Kirche noch einmal renoviert. Dem Zeitgeist entsprechend ging man zurück zu den Wurzeln. Viele barocke Bestandteile, die im 18. Jahrhundert hinzugefügt worden waren, wurden zurückgebaut und die Kirche weitgehend re-gotisiert. 1904 wurden neue Glasfenster eingesetzt. Auch sie sind im historistischen Stil gestaltet. Betont wird zudem, dass es sich um eine deutsch-lutheranische Gemeinde handelt, die hier ihre Kirche betreibt. Die Gestalt Martin Luthers thront sichtbar über dem Altar in einem Seitenfenster.

Und dann ist da noch etwas, worauf die gemeide in den Zeiten der Ersten Republik nach derm Ersten Weltkrieg recht stolz war. Albert Schweitzer, der große Theologe, Nobelpreisträger, Entwicklungshelfer (Stichwort: Urwaldkrankenhaus Lambarene) und Schriftsteller war bekanntlich auch ein bedeutender Musikwissenschaftler, Pianist und Organist. Die Gemeinde St. Michael hatte Schweitzer eingeladen und so gab er im Sommer 1923 und im Sommer 1928 je ein Konzert auf der im 19. jahrhundert hier aufgestellten Orgel. Eine Gedenktafel dazu wurde im Jahre 1993 direkt neben dem Eingang angebracht.

Mit der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei nach 1945 endet auch die Geschichte der deutschen lutheranischen Gemeinde hier. Die heutige Deutschsprachige Evangelische Gemeinde, die weniger aus Nachfahren der damaligen Gemeindemitglieder, denn aus Ex-Pats aus Deutschland und Österreich besteht, hat seit 1994 ihren Sitz nicht mer hier, sondern in der Kirche Sankt Martin in der Mauer (wir berichteten hier). In St. Michael gibt es nunmehr Gottesdienste für die Mitglieder der tschechischen, der slowakischen und der englischsprachigen lutheranischen Gemeinden – von denen vielleicht nicht viele finden, dass ein Turm an einer Kirche etwas Besonderes sein könnte. (DD).