Denkmal im ständigen Wandel

Der Strom der Geschichte nimmt oft unerwartete Verläufe und mit ihnen ist auch die Denkmalskultur ebenso unerwarteten Veränderungen ausgesetzt. Richtig anschaulich kann man das am Fall des Denkmals für die drei Widerstände (Památník Tří odbojů) am náměstí Generála Kutlvašra (General Kutlvašr Platz) im Stadtteil Nusle (Prag 4) studieren.

Es fängt schon damit an, dass der Platz, der den Namen des Generals trägt, der im Mai 1945 den Prager Aufstand (siehe u.a. auch hier und hier) gegen die Nazis organisiert hatte, noch bis 1997 Platz der Pariser Kommune (náměstí Pařížské komuny) hieß, weil die bis 1989 regierenden Kommunisten den mutigen General zu bürgerlich fanden. Wie dem auch sei: Das Denkmal wurde eigentlich 1927 errichtet, um den Gefallenen des Ersten Weltkriegs zu gedenken – vor allem den Legionären, die mit den Alliierten gegen die Habsburger und für die Unabhängigkeit gekämpft hatten. Damals hieß der Platz noch Jiráskovy sady (Jirásek Platz, nach dem Nationalhistoriker Alois Jirásek benannt).

In den 1980er Jahren fanden die Kommunisten, den Gefallenen des Ersten Weltkrieg und vor allem den – ebenfalls zu bürgerlichen – Legionären sei nun genug Gedenken zuteil geworden. Die dazugehörige Statue war bereits in den 1950er Jahren zerstört worden und nun wurde das Denkmal in eines zum Jubel über die „Befreiung“ durch die Rote Armee 1945 umgewandelt, ein Ereignis, dass viele Bürger eher ungut in Erinnerung hatten, weil es schließlich eine neuerliche, Jahrzehnte währende kommunistische Diktatur einläutete. Kurz: Man entfernte die Inschriften und nun standen dort Rotarmisten in Bronze, die Maschinenpistolen in den Händen hielten. Rundum war das Ganze mit Zitaten von Lenin gespickt.

1989 kam die Samtene Revolution und damit das Ende des Kommunismus. Schon Anfang 1990 waren die Rotarmisten und die Leninsprüche verschwunden. Aber es dauerte noch bis 1997, um eine Alternative zu schaffen. Die Architekten František Novotný und Jaroslav Suchan modifizierten das Denkmal noch einmal. Die Grundstruktur mit einem an den Hang gelehnten Brunnen blieb erhalten. Dafür prangt nun eine Inschrift mit den historischen Daten 1914 – 1918, 1939 – 1945, 1948 – 1989 daran. Die sollen daran erinnern, dass man sich zuerst gegen die Habsburgerherrschaft, dann gegen die Nazis, dann (besonders lange) gegen die Kommunisten auflehnen musste.

Möglicherweise, weil der Widerstand von 1914-18 etwas später (erste Verhaftungen erfolgten 1915; die Unabhängigkeit von Habsburg wurde als Thema erst 1917 einigermaßen aktuell) einsetzte, wird das Denkmal ab und zu auch nur Denkmal für drei Perioden der Unterdrückung der tschechischen Nation (Pomník tří období útlaku národa českého) genannt. Um entscheidende Epochen der Geschichte des Landes handelt es sich allemal. Da es über dem Platz thront und eine hübsche Aussicht erlaubt, kann man sich auf dem Denkmal mit seinen Bänken am plätschernden Wasser an Sonnentagen auch einmal ein wenig Ruhe gönnen, um über die ungeraden Verläufe der Geschichte nachzudenken. (DD)

Schlichter Brutalismus am Rande des Waldes

Der Beginn der Bauzeit der Prager Metro fiel in die Zeiten als der Kommunismus schon die Anzeichen jenes wirtschaftlichen Schwächelns aufwies, das ihn 1989 schließlich zu Fall brachte. Bei den prestigeträchtigeren Stationen im Innenstadtbereich verband man den (nicht nur) in den sozialistischen Ländern beliebten Beton-und-Stahl-Brutalismus immerhin noch mit zum Teil originellen künstlerischen Gestaltungen (wir präsentierten u.a. Beispiele hier und hier), um vielleicht auch vor ausländischen Besuchern Eindruck zu schinden.

Daher lohnt sich eine Fahrt mit der 1974 in (Teil-) Betrieb genommenen Linie C (rot) zu der Metrostation Roztyly, die in ihrer Kunstlosigkeit ein genaueres Bild der damaligen Lage widerspiegelt. Sie wurde 1980 am Rande der sogenannten Südstadt (Jižní město), der in den 1970er Jahren erbauten größten Plattenbausiedlung der Tschechoslowakei, eröffnet. Und dann hatte sie das Pech, dass das einzige auffällige Kunstwerk 1989 aus nachvollziehbaren Gründen spurlos entfernt wurde. Ursprünglich hieß sie nämlich nicht Roztyly, sondern Primátora Vacka (Oberbürgermeister Vacek). Damit gedachten die Kommunisten ihrem 1960 verstorbenen Genossen und Gründungsmitglied Václav Vacek, der erst 1945, dann aber vor allem von 1946 bis 1954 Prag als Bürgermeister in das (damals strikt stalinistische) realsozialistische System überführte. In der Metrostation ehrte man ihn mit einer großen Büste des Bildhauers Miloš Zet, der durchaus bedeutende Kunst schuf. Aber der dadurch Geehrte war dann 1989 doch zurecht aus Zeit und Gnade gefallen.

Und so können wir heute ein recht schmuckloses Gebäude bewundern. Es handelt sich um einen simplen rechteckigen Bau, der an den Längsseiten je einen Ein- bzw. Ausgang hat. Entworfen haben die Station der Architekt Vladimír Uhlíř (der in der Innenstadt mit der Station Florenc ein repräsentativeres Werk geschaffen hatte, wie wir hier zeigten) und seine Kollegin Daniela Marková-Dolejšová. Ganz ohne ästhetische Ausgestaltung wurde die Station jedoch nicht belassen. Wie an vielen Stationen der Linie C im äußeren Stadtbereich, verwendete man dazu abstrakte Keramikstrukturen auf den Wandflächen hinter den beiden Gleisen. Es handelt sich um unregelmäßie Streifen aus konkaven und konvexen Halbröhren aus Keramik.

Ein ähnliches Thema setzt sich außen fort, wo in der oberen Hälfte ein nunmehr sehr regelmäßiges Halbröhrenmuster als Band rund um das Gebäude gezogen wurde, um den Rohbeton, aus dem das Gebäude besteht, ein wenig zu überdecken. Von außen bietet die Station sowieso aufgrund ihrer Lage ein kontrastreiches Bild. Während auf der nördlichen Seite ein eintöniges Gewerbegebiet zur ebenso eintönigen Plattensiedung überleitet, betritt man vom Südausgang nach wenigen Metern ein ausgedehntes Waldgebiet. Pure Natur, die als Naherholungsgebiet bei den wanderfreudigen Pragern außerordentlich beliebt ist. Deshalb wird die Station auch oder gerade an Wochenenden reger genutzt als man es von der Südstadtlage und ihrem Image erwarten könnte – im Sommer wie im Winter, als die Aufnahmen zu diesem Beitrag entstanden. (DD)

Komplizierte Geschichte einer Verbrüderung

Prominent vor dem Prager Hauptbahnhof auf dem Vrchlický Garten steht diese Skulptur zweier sich inniglich umarmender und küssender Männer, in die heutige Betrachter anscheinend gerne eine homoerotische Note hineininterpretieren. Aber darum geht es bei dem Denkmal der Verbrüderung (Sbratření) definitiv nicht.

Denn schon die Tatsache, dass beide Männer offenkundig schwer bewaffnet sind und einer sogar eine Militäruniform trägt, zeigt, dass hier primär doch einem besonderen historischen Ereignis gedacht wird: dem Prager Aufstand (siehe auch hier), der heute vor 77 Jahren am 5. Mai 1945 begann. Während die Rote Armee schon auf Prag hin marschierte, begannen an diesem Tag vor allem auf Geheiß der bürgerlich-demokratischen Kräfte der Tschechoslowakei die Prager Bürger mit einem Aufstand gegen die Nazibesetzer. Ein Ziel des Aufstands war auch, den Lohn für den Sieg über Hitlers Armeen nicht alleine den Armeen Stalins zu überlassen. Tatsächlich kapitulierten die Deutschen am 8. Mai (heute ein Nationalfeiertag) vor General Karel Kutlvašr, dem Anführer des Aufstandes. Erst am 9. Mai zog die Rote Armee (nach verlustreichen Kämpfen) in Prag ein. Unter den Kommunisten wurde dieser Tag zum Nationalfeiertag des Siegs und man versuchte in den 1950er und 60er Jahren, das Andenken an den Aufstand zu verschweigen und zu unterdrücken.

Erst in den 1970er änderten die Kommunisten ihre Taktik. Von jetzt an vereinahmten (Beispiel hier) sie die Aufständischen für sich und interpretierten den Aufstand als ein freundschaftliches oder brüderliches Zusammenspiel von Prager Bürgern und Roter Armee. Aber wie passt das Denkmal vor dem Bahnhof in diesen geschichtlichen Ablauf? Der Künstler, der damals sehr bekannte Bildhauer Karel Pokorný, hatte den Auftrag für dieses Denkmal von 1947 bekommen – bevor die Kommunisten an die Macht kamen. Auftraggeber war ein Bürger der ostböhmischen Stadt Česká Třebová (früher auch: Böhmisch Trübau), wo auch das weit weniger bekannte Original der in Prag stehenden Skulptur steht, die – wie kaum jemand weiß – eine Kopie ist. Er war gerade von der Roten Armee aus einem deutschen Konzentrationslager befreit worden und hatte gesehen, wie Aufständische und Rote Armee die Nazis besiegten. Der Skulptur lag eine Photographie zugrunde, die der Photograph Karel Ludwig im Mai 1945 in Prag gemacht hatte, die einen aufständischen Arbeiter festhielt, der gerade vor Freude einen der einmarschierenden Offiziere der Roten Armee umarmte – im Sinne des Auftragsgebers eigentlich ein geeignetes Motiv, dass Pokorný dann künstlerlich verfremdet umsetzte.

Die Gestaltung des Denkmals vollendete Pokorný 1950 und im Jahr darauf wurde es aufgestellt. Da waren die Kommunisten schon längst an der Macht. Das Denkmal übernahm daher auch bereits Teile der sowjetischen Ikonographie, zum Beispiel, dass in Prag einmarschierende Soldaten immer einen Blumenstrauß als Friedenszeichen mit sich trugen. Auch sonst ließ sich Pokorný auf den sozialistischen Realismus ein, zu dessen Bannerträger er nun wurde. Man muss ihm aber zu Gute halten, dass er zuvor in der kurzen Zeit der demokratischen Regierung von 1946 bis 1948 deren Gedenkkultur für die demokratisches Seite des Prager Aufstandes wegweisend geprägt hatte – mit seinem Motiv der Schwurhand und dem Spruch „Věrni zůstaneme“ (Wir bleiben treu), worüber bereits hier berichtet wurde. Auch gehörte der Realismus in einer bürgerlichen Ausprägung als Zivilismus bereits in der (definitiv nicht-kommunistischen) Ersten Republik zu den prägenden Kunstströmungen (früherer Beitrag hier). Und schon damals war Pokorný einer der führenden Vertreter dieses Stils gewesen. Und er war nicht der einzige Künstler, der diesen Weg ging. Seine künstlerische Entwicklung war in gewisser Weise bereits vorgezeichnet und daher weniger mit Brüchen versehen, als man denken könnte. Das macht das Denkmal der Verbrüderung zu einem durchaus geschichts- und gedenkpolitisch komplexen Fall. (DD)

Freude mit Kacheln

Es ist vermutlich nicht jedermanns Lieblingsgebäude in Prag. Meins auch nicht, ehrlich gesagt. Der erste Eindruck ist der einer freudlosen Scheußlichkeit aus der Zeit des Kommunismus. Und dann heißt das Ding auch noch Dům Radost – Haus „Freude“.

So steht es in mageren Neon-Lettern auch auf dem Dach. Doch dann lernt man schnell, dass sich manche Dinge oft schon recht früh ankündigen. Denn dieses Gebäude stand bereits, als man an eine Machtübernahme durch die Kommunisten noch gar nicht ernsthaft nachdachte. Es hat deren architektonisches und städteplanerisches Wirken (Stichwort: Plattenbauten) irgendwie bereits vorweggenommen.

Nach dem berühmten Haus der Feuerwehr (Dům U hasičů) im nahem Vinohrady, das 1929 eingeweiht wurde, ist das Dům Radost, am heutigen Winston-Churchill-Platz (nám. Winstona Churchilla 1800/2) im Stadtteil Žižkov (Prag 3), eines der ältesten Hochhäuser Prags überhaupt. In den Jahren 1932 bis 1934 wurde es von den Architekten Karel Honzík und Josef Havlíček als Büro- und Wohnhaus (mit einigen Geschäften drinnen) erbaut. Und zwar im damals blitzmodernen funktionalistischen Stil. Das Gelände, auf dem man es aus viel Stahl, Beton und Glas erbaute, beherbergte vorher ein städtisches Gaswerk aus dem Jahr 1867, das nun abgerissen wurde. Die Architekten ließen bei Bau des Dům Radost einer vielfältig rechtwinklig angeordneten Kombination von Quadern als ästhetisches Prinzip freien Lauf. Großzügig verglaste Treppenhäuser lockern das Ganze ab und an auf. Das Gebäude beinhaltet rund 700 Büroräume – ein Gigant!

Der Clou war aber die gleichförmige Überziehung der gesamten Fassade mit kleinen, 20x40cm großen hellbeigen Keramikkacheln der heute noch in Betrieb befindlichen Fliesenfabrik RAKO. Die kleinteilige Bekachelung war in den 1930er Jahren im modernen Prag geradezu dernier cri und sie hilft dem Betrachter bisweilen dabei, ein funktionalistisches Gebäude zeitlich einzuordnen (Merksatz: Mit den kleinen Kacheln sind sie eigentlich nie kommunistischen Ursprungs). Aber in so großem Stil war die Kachelei selbst damals ungewöhnlich. Schon bald nannten die Prager Bürger das satte 52 Meter hohe Gebäude etwas respektlos „kachlíkárna“ – Kachelbude.

Im Jahre 1951 schlug hier die von den Kommunisten 1947 gegründete Revolutionäre Gewerkschaftsbewegung (Revoluční odborové hnutí) ihre Zentrale auf und man nannte das Gebäude nunmehr auch Haus der Gewerkschaften (Dům odborových svazů). Als kurz darauf der Gewerkschaft die Institution der staatlichen Rentenversicherung übertragen und in das Gebäude verlegt wurde, nannte man es bisweilen auch hochtrabend Palast des Allgemeinen Renteninstituts (palác Všeobecného penzijního ústavu). Inzwischen hat es aber wieder seinen ursprünglichen Namen – Haus „Freude“ – zurück bekommen. Die Büros innen blieben nach dem Ende des Kommunismus 1989 in Besitz des (allerdings demokratisch gezähmten) Rechtsnachfolgers der Revolutionären Gewerkschaftsbewegung, dem 1990 gegründeten Böhmisch-Mährischen Gewerkschaftsbund (Českomoravská konfederace odborových svazů).

In den Zeiten, in denen noch die Kommunisten bestimmten, wurde auch der Vorplatz nach ihrem Willen gestaltet. Der wurde 1955 zwei Jahre nach dessen Tod nach dem kommunistischen Industrieminister Gustav Kliment benannt. 1977 stellte man eine Statue von Antonín Zápotocký auf, der hier als (ein ausgesprochen stalinistischer) Gewerkschaftsführer wirkte, bevor er 1953 (ein ausgesprochen stalinistischer) Präsident des Landes wurde.

Das Denkmal des Unbeliebten verschwand mit dem Ende des Kommunismus 1989 schnell und wurde 1999 durch ein Denkmal für Winston Churchill (wir berichteten hier) ersetzt. Der hierzulande beliebte bullige britische Kriegpremier ist nun auch Namensgeber des gesamten Platzes und starrt nun geradewegs das Gebäude an, damit sich hier auch ja nicht wieder kommunistische Umtriebe herausbilden.

Im Jahr 2012 beschloss man, der unendlichen Kachelwüste einen kleinen Farbtupfer zu verleihen. In diesem Jahr stellte man vor den überdachten Eingang die über 3 Meter hohe Skulptur Pegasus auf, die – wie der Name sagt – einen Pegasus darstellt, der aus verschiedenen Materialien zusammengefügt wurde. Der Pegagus, der hier tatsächlich ein wenig Freude ins Haus „Freude“ bringt, stammt von dem jungen, in Deutschland aufgewachsenen Bildhauer Štěpán Čapek. Das Dům Radost wurde übrigens 2018 an die Immobilien-Aktiengesellschaft Dům Žižkov verkauft, die hier auch ihre Zentrale aufmachte. Das Gebäude soll in Bälde renoviert werden. Die Dachterrasse wurde bereits eröffnet und erlaubt einen weiten Blick auf Altstadt und Burg. (DD)

Studentenleben im Zuckerbäckerheim

Aus den Zeiten der beginnenden Moderne und der erwachenden Renaissance könnte dieses alte Gemäuer zu entstammen. Nur dieser seltsame fünfzackige Stern macht einen dann doch stutzig – unverkennbar ein Sowjetstern. Ja, der stalinistische Zuckerbäckerstil gehörte zu den eigenartigsten Kapiteln der Architekturgeschichte. Dass die Kommunisten als vermeintliche Speerspitze von Fortschritt und Weltrevolution ein derart rückwärtsgewandtes Kulturverständnis pflegten, mutet wie eine Groteske an.

In Prag sind die Podolí Schlafsäle (Koleje Podolí) in der Na lysině č.p. 772/12 im Stadtteil Podolí eines der erstaunlich seltenen Beispiele für waschecht stalinistische Architektur dieser Art. Ansonsten würde einem sonst nur noch das legendäre Hotel International in Prag Dejvice (wir berichteten) einfallen. Bei den Koleje Podolí handelt es um den Campus der Studentenwohnheime der Tschechischen Technischen Universität Prag (České vysoké učení technické v Praze, ČVUT), über die wir bereits hier berichteten. Im Gegensatz zum Hotel International (oder schlimmer noch: zum Kulturpalast in Warschau) leistete man sich hier aber nicht eine pompöse architektonische Machtdemonstration, die das ganze Umfeld dominiert, um den Sieg des Proletariats zu verkünden. Tatsächlich fügt sich das Ganze einigermaßen harmonisch in die wohl in der Ersten Republik zwischen den Weltkriegen entstandene Wohnbesiedlung des hoch über der Moldau befindlichen Podolí ein. Und es gibt auf dieser Welt, so muss man (Stalinismus hin oder her) feststellen, sicher weniger wohnliche Studentenwohnheime.

Dieses hier wurde in den Jahren 1953/54 nach den Plänen einer Arbeitsgruppe der Fakultät für Architektur der ČVUT unter der Leitung des Architektur-Professors Otakar Schmidt erbaut. Es solle eine Art standardisierte Blaupause für Studentenwohnheime in anderen tschechoslowakischen Universitätsstädten werden. Davon wurde nur wenig realisiert – etwa in Brno beim Bau der dortigen Wohnheime für Studenten. Denn ab 1956 setzte die Entstalinisierung – das sogenannte Tauwetter – in den kommunistischen Ländern ein, die auch das Ende des Zuckerbäckerstils dort einläutete. Insofern ist das Koleje Podolí gerade im städtebaulichen Kontext von Prag etwas ganz besonderes. Deshalb wurde die ganze Anlage auch im Jahre 2019 unter Denkmalschutz gestellt. Auch wenn die Gebäude mit einer politischen Schreckenszeit verbunden werden, kann man sie als ein Kapitel der Prager Architekturgeschichte schließlich nicht verbannen.

Es handelt sich um einen großen Gebäude-Komplex mit insgesamt acht Gebäuden. Da sind zunächst einmal die sechs eigentlichen Wohnheime mit den Zimmern für Studenten. Insgesamt fast 1500 Studenten konnten hier ursprünglich nach ihrem harten Studienalltag ihr Haupt zur Ruhe betten. Heute, wo mehr Komfort in den Räumlichkeiten gefragt ist, sind es nach einer eingehenden Renovierung 1993 bis 1998 immer noch über 1000. Die in zwei Reihen stehenden Wohnheime sind innen wie außen antikisierend üppig ornamentiert, insbesondere an den Eingängen. Das auffälligste Merkmal sind die geradezu italienisch anmutenden Loggien und Arkaden, die zum Teil die Gebäude einer Reihe miteinander verbinden. Damals war noch nicht so deutlich, dass eine sozialistische Wirtschaft Raubbau am Land betreibt, sondern man verwendete (verschwendete?) noch gute und solide Materialien. In den 1960er und 1970er Jahren frönte man dann andernorts der billigen Betonplattenbauweise und konnte sich so etwas nicht mehr leisten.

Neben den sechs Wohnheimen gibt es noch ein flacheres Verwaltungs-Gebäude am Eingangstor des umzäunten Areals. Dort befindet sich auch das oben im großen Bild gezeigte Portal mit dem Sowjetstern. Von dort aus hat man auch einen schönen Ausblick auf das kolossalste gebäude des ganzen Komplexes, der immer noch zur ČVUT gehört. Die Mensa ist geradezu ein Musterbeispiel für sozialistischen Neuklassizismus. Auf den ersten Blick erinnert es fast an eine leicht modernisierte Version des Moskauer Bolschoi Theaters, das allerdings dem frühen 19. Jahrhundert seine Existenz verdankt. Die Architekten des Stalinismus orientierten sich recht genau an den klassischen Vorbildern einer Zeit, deren Kultur sie vorgeblich ablehnten.

Betrieben wird das Ganze vom Studentenwerk der ČVUT (Studentská unie ČVUT), einem studentischen Selbstverwaltungsorgan. Dass die Mensa einem klassischen Theater früherer Zeiten gleicht, ist wohl kein Zufall. Denn die Mensa ist mehr als ein Ort zur Nahrungsaufnahme für Studenten. Sie ist auch ein wenig das Kulturzentrum für die Studenten, die hier wohnen. Die Kultur wird hier von einer Studentenvereinigung in Selbstverwaltung betrieben, die sich ganz amerikanisch cool Pod-O-Lee nennt, was aber nur eine Verballhornung des tschechischen Podolí ist. Ganz offiziell heißt es sowieso Studentská unie ČVUT. Es gibt einen Musikklub, Fitnessräume (Pod-O-Gym), Bars, Saunen, eine Teestube. Selbst in einem der Wohnheime gibt es eine Bierkneipe. Draußen befinden sich Spielplätze und Sportanlagen. Abgesehen davon, das der Weg zur eigentlichen Technischen Universität in der Neustadt etwas weit ist, scheint man das Studentenleben hier doch recht gut genießen zu können. (DD)

Subtiler Spott wider den Stalinismus

Kleine Putten – die männlichen mit Arbeitermütze, die weiblichen mit bäuerlichem Kopftuch. Das Gebäude, auf dem sie sich befinden, wurde 1954 erbaut. Ein typisches Werk des stalinistischen „Realismus“, gemeinhin auch Zuckerbäckerstil genannt? Nicht nur, wer sich mit Leben und Werk des Architekten auskennt, wird eher subtilen Spott und feine Ironie dahinter vermuten.

Sieben Stockwerke zählt das große Wohngebäude in der Anglická 225/18 im Stadtteil Vinohrady (Prag 2). Mit seiner klassizistisch inspirierten Fassade ist es eigentlich recht hübsch anzuschauen, was aber spätere Kritiker (natürlich erst als Stalin und sein tschechoslowakischer Statthalter Gottwald tot waren) noch einmal besonders erboste, weil derart konservativ historisierende Ästhetik doch mit politisch unangenehmen Erinnerungen und mit der Beschränkung künstlerischer Freiheit assoziiert wurden. Zudem stellte sie einen Rückschritt gegenüber den avantgardistischen Leistungen der Architektur der Tschechoslowakei (Funktionalismus, Kubismus) in der Zeit der Ersten Republik dar.

Aber man muss nur näher hinschauen, um dieses Bild dann doch ein wenig zu hinterfragen. Nehmen wir zum Beipiel die Putten auf dem Fries über dem Haupteingang. Putten waren vor allem in Prag um die Jahrhundertwende der Inbegriff bürgerlichen Kitsches, wie die kleine Abbildung rechts andeutet, die einen Fassadenausschnitt des 1893/94 entstandenen Wohnhaus in der nahegelegenen Italská 212/5 zeigt. Nun war es ja so, dass der stalinistische Zuckerbäckerstil realiter in der Regel gerade auf gerade die bürgerlichen Konventionen zurückgriff, die er vorgeblich bekämpfte und übersteigerte sie noch einmal geradezu ins Monumentale. Deutlich ist das sichtbar bei Prags größtem Architekturbeispiel für stalinistischen Klassizismus, dem Hotel International in Prag-Dejvice (wir berichteten hier) .

Nur so weit, dass man auch noch Putten anbrachte, ging man dann doch im Zeichen Stalins eher selten. Besonders in der (nicht so häufigen) geflügelten Variante glichen sie schließlich zu sehr kleinen Engeln, was als religiöses Symbol für Kommunisten nun gar nicht ging. Die Flügel wurden nun hier durch die üblichen Arbeiter- und Bauernaccessoires (Kappe/Kopftuch) ersetzt. Sie wirken wie ausgesprochen alberne Parodien auf die vorgeschriebene „realistische“ Darstellung des glücklichen Werktätigenlebens im Sozialismus, die man sonst auf Gebäuden dieser Zeit findet (wir stellten bereits hier ein Beispiel vor). Nicht mal ein kleiner, niedlicher Hund durfte fehlen.

Ansonsten werden bei diesem Haus die stalinistischen Geschmacksvorgaben zwar nicht direkt verletzt, aber die geforderte Monumentalität wird arg außer Acht gelassen. Bei der Fassade ist der Rückgriff auf die Vorbilder der Klassik und der Renaissance nicht totalitär-pompös, sondern stilistisch zurückhaltend, streng und einfach. Im Kontext der Architektur der Zeit außerhalb des kommunistischen Bannkreises wäre ein solches Gebäude vielleicht als zu wenig avantgardistsich betrachtet worden, aber nicht als verkitschte Geschmacklosigkeit (wozu man den Architekturstalinismus generell rechnen muss).

Der allgemeine Ironieverdacht bei diesem Gebäude verstärkt sich, wenn man weiß, wer der Schöpfer war. Auf einem der Ziegel über dem ersten Stock hat er sich verewigt, der Architekt Jaroslav Vaculík mit seinen beiden Ko-Planern Jiří Brusnický und Miroslav Skála. Und Vaculík war in der Tat kein Architekt, den man mit sozialistischem Realismus verbindet. Ganz im Gegenteil!

Nach Beendigung seines Studiums der Architektur im Jahre 1945 (noch vor der Machtergreifung der Kommunisten) konnte er in Paris studieren und wurde bald enger Mitarbeiter des berühmten Pioniers der funktionalistischen Moderne, Le Corbusier. Er arbeitete an einigen der großen Vorzeigeprojekte des Meister mit, etwa der Casa Curutchet (1948) im argentinischen La Plata und dem Monsterwohnblock Unité d´habitation (ab 1946). Besonders das letztere Gebäude war die Art von brutalistischer Stahl-und-Rohbeton-Orgie, die von den kommunistischen Machthabern erst in den 1970er Jahren ins Herz geschlossen, dann aber umso heftiger…

Als Vaculík – inzwischen in die Heimat zurückgekehrt – 1954 mit seinem Gebäude in der Anglická ein früheres Neorenaissance-Haus des Architekten Franz Kautsky aus den Jahren 1871/72 ersetzte, wäre ein Bauen im Stile Le Corbusiers undenkbar gewesen. Es wäre sofort unter den Verdacht des Formalismus geraten, was quasi einem Todesurteil gleichkam oder zumindest die Karriere beendete. Nun, irgendwie müssen die putzigen „Volksputten“ am Ende doch bei den Kommunisten den Verdacht geweckt haben, dass Vaculík vielleicht noch nicht ganz auf der Höhe der proletarisch-klassenkämpferischen Bewusstseinsbildung angekommen war. Jedenfalls wurde er einige Zeit nach Fertigstellung, als er an einem anderen Projekt arbeitete, zusammen mit Kollegen unter dem dubiosen Vorwurf des „Diebstahls von Volkseigentum“ verhaftet.

Als politischer Gefangener musste er anscheinend Pläne für die Villa des kommunistischen Präsidenten Antonín Novotný anfertigen. Da er die Entwürfe als Verfemter nicht abzeichnen durfte, ist das aber nicht ganz gesichert. 1960 kam er aber wieder vorzeitig frei und arbeitete wieder als Architekt. Zu seinen bekannteren Werken gehörten dann die bekannten Ferienhäuser am Stausee Slapy, ungefähr 20 Kilometer südlich von Prag gelegen. Aber das war schon in den 1960er Jahren als die Kommunisten den Stalinismus ad acta gelegt hatten und mit ihrer Vorliebe für Plattenarchitektur selbst dem brutalistischen Funktionalismus frönten. Folglich konnte sich Vaculík nun recht frei austoben und alles das zeigen, was er bei Le Corbusier gelernt hatte. Und hier in der Anglická blieb uns ein augenzwinkernder, in Stein gegossener Kommentar über die finsteren Zeiten des Stalinismus erhalten. (DD)

Frühstück mit Mitterand

Es war ein weiterer Nagel im Sarg des kommunistischen Regimes: Das berühmte Frühstück mit Präsident François Mitterrand in der französischen Botschaft in Prag. Mit einer Denkmalsbüste haben es ihm die Prager gedankt. Die findet man fast überraschend am Eingang zu den idyllischen Palastgärten unterhalb der Burg an der Valdštejnská 158/14 auf der Kleinseite

Es erinnert an den denkwürdigen 9. Dezember 1988 (also heute vor 33 Jahren!). Am Vortag war mit Mitterand zum ersten Mal seit der Gründung der Tschechoslowakei 1918 ein französisches Staatsoberhaupt zum Staatsbesuch nach Prag gekommen. Treffen mit Präsident Gustáv Husák und allen wichtigen Granden des Landes waren angesagt. Und dann kam es: Am Morgen des 9. Dezember hatte Mitterand zu einem opulenten Arbeitsfrühstück in die französische Botschaft eingeladen – allerdings nicht die Repräsentanten der kommunistischen Obrigkeit, sondern eine Gruppe von acht Dissidenten aus dem Umfeld der Bürgerrechtsorganisation Charta 77 unter der Führung des Dramatikers Václav Havel. Einer der Teilnehmer, Karel Srp, Chef der 1984 verboteten und seither im Untergrund operierenden Jazz Sektion (die Kommunisten hielten Jazz für westlich-bourgeois-dekadent) sollte später resümieren: „Für mich war das besonders überraschend, weil ich ein halbes Jahr vorher noch Gefangener im Pilsener Gefängnis Bory war. Und plötzlich werde ich vom französischen Staatspräsidenten empfangen. Das war irgendwie ein irreales Erlebnis.“

Aber nicht nur irreal, sondern auch potentiell gefährlich. Denn jedem teilnehmer drohten schwee Repressalien durch das Regime. Das hatte sich mit der Unterzeichnung der Helsinki Schlussakte im Jahr 1975 zwar international rechtlich zur Einhaltung von Menschenrechten verpflichtet, meinte aber, dass der Westen schon nicht zu arg darauf drängen werde. Mitterand hingegen sandte mit dem Frühstück, das von langer Hand geplant war, ein für die Kommunisten schmerzhaftes Signal aus. Diese Art von Staatbesuchen, die nicht nur der kommunistischen Führung galten, sondern stets auch mehr oder minder geheime Treffen mit demokratisch und freiheitlich gesonnenen Dissidenten beinhalteten, nannte man „Doppeldiplomatie“. Begonnen hatte damit der niederländische Außenminister Max van der Stoel (wir berichteten), der sich 1977 mit dem Vizevorsitzenden der neu gegründeten Charta 77, dem Philosophen Jan Patočka, hatte. Und das hatten viele der Teilnehmer des Frühstück mit Mitterand noch in trauriger Erinnerung. Präsident Husák lud nicht nur umgehend van der Stoel von einem vorgesehenen Treffen aus, sondern er ließ den herzkranken Patočka ins Gefängnis stecken, wo er so brutal gefoltert wurde, dass er kurz darauf starb. Eine Welle von Repression gegen Dissidenten folgte. Das nutzte zwar auch langfristig der Charta 77, weil der wahre Charakter des Regimes nun einer großen Weltöffentlichkeit vor Augen gehalten wurde, aber der Preis dafür war hoch.

Nur: Diesmal passierte nichts. Oder noch weniger als nichts. Mitterand konnte es sich leisten, das Gespräch so in die Länge zu ziehen, dass er deutlich zu spät zu dem danach vorgesehenen Empfang bei Präsident Husák kam. Mehr noch: Am nächsten Tag, dem 10. Dezember, stand ausgerechnet Tag der Menschenrechte (dem Jahrestag der 1948 von den UN verabschiedeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) auf dem Kalenderblatt. Und Charta 77 und andere oppositionelle Gruppen hatten – noch während Mitterand in Prag weilte – zu großen Demonstrationen eingeladen, an denen tatsächlich Tausende Menschen teilnahmen. Es war ein mediales Debakel für das Regime. Wie knnte es dazu kommen? Nun, Mitterand war Staatspräsident eines mächtigen Landes, und man konnte mit ihm nicht umspringen wie man es sich anscheinend gerade noch mit einem Außenminister eines kleinen Landes, vie van der Stoel, erlauben konnte. Aber es gab eine tiefere Ursache. Mit der Unterzeichnung der Helsinki Akte hatten sich die kommunistischen Herrscher erhofft, für rein nominelle Zugeständnisse bei den Menschenrechte westliche Wirtschaftsunterstützung zu bekommen, um ihre marode Planwirtschaft aufrechtzuerhalten. Aber 1988 merkte man, dass die durch kein Geld der Welt gerettet werden konnte. Und die Unterstützung der des sozialistischen Mutterlandes, der Sowjetunion, für verschärfte Repression, war auch nicht mehr das, was sie früher einmal war. Dort regierte Michail Gorbatschow, der auf vorsichtige Liberalisierung abzielende Reformen lancierte, so dass Hardliner wie Husák auch in der kommunistischen Welt immer mehr in die Defensive gerieten. Kurz: Der 1989 erfolgende Zusammenbruch des Kommunismus zeichnete sich ab, und fast wehrlos ertrugen die Prager Kommunisten, wie Mitterand einen weiteren Nagel in den Sarg trieb.

Schon im nächsten Jahr sollten die Dissidenten, die sich angst-, aber hoffnungsvoll mit Mitterand trafen, Vertreter eines erneuerten demokratischen Landes werden. Václav Havel war Präsident. Ein anderer Teilnehmer, Jiří Dienstbier, war Außenminister. Und einige jahre später war zum Beispiel Petr Uhl Menschenrechtsbeauftragter der Regierung des Landes. Er sollte später über das Frühstück mit Mitterand später sagen: „Für uns war das eine großartige Unterstützung, denn er war das erste Staatsoberhaupt, das sich mit uns getroffen hat.“ Für alle damaligen Dissidenten und aller Freiheitsliebenden in Tschechien überhaupt, hat der 9. Dezember einen hohen historischen Symbolwert. Seit langem gibt es an jedem 9. Dezember ein tschechisch-französisches Frühstück, bei dem sich nunmehr Repräsentanten zweier Demokratien treffen. Aber natürlich bedurfte es einer permanenteren und öffentlicheren Form des Andenkens. Ein Denkmal musste her. Und das initiierte nun Karel Srp, dessen immer noch aktive Jazz Sektion rund 300.000 Kronen sammelte.

Als Künstler wählten man den Maler und Bildhauer Jan Zelenka, der eine Bronzebüste mit dem lebensnahen Portrait Mitterands auf einem Steinsockel schuf. Die Büste wurde am 13. Juli 2015 in Gegenwart des tschechischen Präsidenten Miloš Zeman enthüllt, der in seiner Rede die „Tapferkeit von François Mitterrand“ lobte ihn dafür, dass er Gustáv Husák für dieses Frühstück oben auf der Burg habe warten lassen – womit der die Ironie der Geschichte und auch die Demütigung, die die Kommunisten dabei gefühlt haben mussten, fein beschrieb. Der ehemalige Außenminister Tomáš Petříček fasste zum 30. Jahrestag im Jahre 2018 die Bedeutung von Mitterands Geste treffend zusammen: „Das Frühstück in der Botschaft war gewiss auch einer der Schritte, die uns bis hin zur Samtenen Revolution geführt haben.“ (DD)

Vor 100 Jahren geboren: Alexander Dubček

Er war die große Leitfigur des Prager Frühlings von 1968. Vor genau 100 Jahren, am 27. November 1921, wurde Alexander Dubček in der slowakischen Stadt Uhrovec geboren. Der Sohn eines Tischlers hatte sich schon in den späten 1930er Jahren den Kommunisten angeschlossen. Aber schon bald nach der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei 1948 wurde klar, dass seine Auffassung von sozialistischer Entwicklung sich von denen seiner zu dieser Zeit strikt stalinistischen Parteigenossen deutlich unterschied.

Obwohl schon Parteisekretär in Bratislava, äußerte er offen Kritik an der Verfassungsrefom von 1958, die das Monopol der Kommunistischen Partei verankerte. Immer wieder setzte er sich für Opfer interner Säuberungen der Kommunistischen Partei ein und erreichte deren Rehabilitierung – ironischerweise galt das auch ausgerechnet für Gustáv Husák, der 1954 in einem Schauprozess als „bourgeoiser Nationalist“ zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, und der dann nach der Niederschlagung des Prager Frühlings Dubček absetzen und dessen Reformen rückgängig machen sollte.

Und in den frühen 1960er Jahren erreichte Dubček im slowakischen Landesteil tatsächlich einige Lockerungen in Sachen Meinungsfreiheit. Seine große Stunde kam, als er im Januar 1968 den Hardliner Antonín Novotný als Ersten Sekretär der KP ablöste und nun ein nationales Reformprogramm initiieren konnte. Die Abschaffung der Zensur, eine vorsichtige Dezentralisierung des Staates und sehr behutsame Anpassungen des Wirtschaftssystems an marktwirtschaftliche Prinzipien standen auf der Tagesordnung.

Im August war alles vorbei. Die Sowjetunion wollte derartige „liberale“ Alleingänge nicht tolerieren und 500.000 Soldaten des Warschauer Pakts marschierten ins Land ein. Dubček wurde schrittweise entmachtet und durch Husák ersetzt, der das Land einer „Normalisierung“ unterzog, wie die Machthaber damals die Rückkehr zur harten Diktatur euphemistisch nannten. Dubček wurde 1970 aus der KP ausgeschlossen und musste sich als Beschaffungsinspektor der Forstverwaltung von Bratislava verdingen.

Im November 1989 gehörte er mit Václav Havel zu den Anführern der großen Demonstrationen in Prag, die die Samtene Revolution einleiteten. Noch im Dezember des Jahres wurde er Präsident des Parlaments und konnte wesentliche Beiträge leisten, den Kommunismus zu beenden und eine neue Ära der Demokratie einzuleiten. Er hatte gerade den Vorsitz der slowakischen Sektion der neu gegründeten Sozialdemokratischen Partei übernommen, als er am 7. November 1992 bei einem Verkehrsunfall auf der Autobahn nahe der Stadt Humpolec ums Leben kam.

Im November 2009 wurde am heutigen Gebäude des Neuen Nationalmuseums in der Wilsonova 52/2 (Prag 1), das ab 1972 unter den Kommunisten als tschechoslowakisches Parlament (siehe unseren früheren Beitrag hier) fungierte, eine Gedenktafel mit einer Büste Dubčeks eingeweiht. Sie ist ein Werk des Bildhauers Teodor Baník. Das Gebäude diente noch nach dem Sturz des Kommunismus bis zur Auflösung der Tschechoslowakei als Parlament und es war Dubčeks letzte politische Wirkungsstätte als Parlamentspräsident.

Dubček zu ehren, war ein Anliegen, das tschechische und slowakische Repräsentanten gleichermaßen bewegte, und so nahmen bei der Einweihung des Denkmals der Präsident des Slowakischen Nationalrats Pavol Paška, der slowakische Kulturminister Marek Maďarič, die Präsidenten der Abgeordnetenkammer und des Senats des Parlaments der Tschechischen Republik Miloslav Vlček und Přemysl Sobotka teil. Die Inschrift auf dem Marmortafel ist sowohl in Tschechisch als auch Slowakisch gehalten und lautet übersetzt: „In diesem Gebäude arbeitete 1989-1992 als Präsident der Bundesversammlung der ČSFR Alexander Dubček.“ (DD)

Ironie der Geschichte: Das Denkmal für die Studentenkolonie

Der heutige 17. November ist bekanntlich Nationalfeiertag in Tschechien, der Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (Den boje za svobodu a demokracii). Für die Kommunisten bedeutete er im Jahre 1989 etwas, das sie anscheinend nicht einmal ansatzweise verstehen oder vorhersehen konnten. Das kleine Denkmal auf der Letnáhöhe ist jedenfalls zugleich ein würdiger Gedenkort für die kleinen Helden der Freiheit als auch ein Dokument von falscher Selbsteinschätzung der Mächtigen.

Man findet es an einem etwas abgelegenen Ort auf einer Grünanlage bei der Tramhaltestelle Špejchar an der großen ul. Milady Horákové in Prag 7 Bubeneč. Es wurde buchstäblich an dem Tag errichtet, an dem die Samtene Revolution das Schicksal derer politisch besiegelte, die es errichteten. Worum ging es? Am 17. November 1939 hatten Studenten in Prag massiv gegen die Nazibesetzung demonstriert. Die Demonstration wurde blutig niedergeschlagen (siehe früheren Beitrag hier), blieb aber im Gedächtnis der Menschen als Freiheitsfanal bestehen. Obwohl es den meisten Demonstranten damals um Freiheit und Demokratie ging, versuchten die sich „antifaschistisch“ gerierenden Kommunisten nach ihrer Machtergreifung 1948, die Heldentat der Studenten für sich plakativ zu vereinnahmen. Der Ort hier schien genau der richtige zu sein.

Auf der Freifläche, wo heute das Denkmal steht, befand sich ab 1921 die Studentenkolonie Kolonka. Anfang der 1920er Jahre wuchs die Bevölkerung Prags und die Wohnungen wurden knapp. Das betraf vor allem auch die wachsende Zahl von Studenten, die zunehmend von Armut und Not betroffen war. Eine sehr engagierte Gruppe von Studenten gründete daraufhin eine Genossenschaft (die eine Art Vorläufer heutiger Studentenwerke war), die spezielle Wohnheime für Studenten bauen und betreiben wollte. Die Idee funktionierte. Es gab viele Spender, von denen Präsident Tomáš Garrigue Masaryk der prominenteste war. Schließlich gab es auch einen staatlichen Zuschuss für das Projekt. Der Architekt Miloš Vaněček entwarf eine Wohnanlage im kubistischen Stil, die von den Studenten größtenteils in Eigenarbeit errichtet wurde. Der Komplex wurde von den Studenten selbst verwaltet. Natürlich nahmen viele der Studenten am 17. November 1939 an den Demonstrationen gegen die Nazis teil. Die gnadenlose Antwort blieb nicht aus. SS-Einheiten stürmten das Areal, lösten die Kolonie gewaltsam auf, legten die Gebäude in Schutt und Asche und brachten vor allem die führenden Studenten in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Nach dem Ende der Nazizeit wurde die Kolonie wieder aufgebaut und betrieben, aber sie war nur noch ein Teil des (sozialistischen) staatlichen Studentenwohnheimbetriebs. 1979 wich sie der Straßenbahnschleife, die sich jetzt hier befindet.

Mit dem Denkmal sollte seitens der regierenden Kommunisten der 50. Jahrestag der Proteste von 1939 gebührend gefeiert werden. Es handelt sich um eine Steinstele, deren Umrisse vage einer menschlichen Figur entsprechen. Darauf befindet sich die Inschrift: „1921 – 1939 . Zde stála studentská kolonie Kolonka. Bašta pokrokové inteligence. 17. listopad 1989“ (auf Deutsch: 1921 – 1939. Hier stand die Studentenkolonie Kolonka. Bastion der fortschrittlichen Intelligenz. 17. November 1989). Unter der Inschrift befindet sich eine Skizze des Grundrisses der Kolonie. Entworfen wurde das Denkmal von der Malerin Marie Hlobilová – Mrkvičková. Es ist im Stil der Gründungszeit der Kolonie gehalten und enthält immerhin keinerlei kommunistische Symbolik, die heute irgendwie störend wirken könnte. Es strahlt angemessene Würde aus.

Trotzdem war die damalige Intention die einer Vereinnahmung. Sie funktionierte aber nicht mehr. Wenn sich Totalitäre (Kommunisten) als Gegenspieler zu anderen Totalitären (Nazis) und als Verteidiger der Demokratie (wie es die Studenten waren) aufspielen, ist das in der Tat schon unglaubwürdig. Parallel zu der Errichtung des Denkmals erlaubten die Kommunisten auch noch Gedenkdemonstrationen zu den Ereignissen vom 17. November 1939, an denen dann aber auffallend viele recht aufmüpfige Studenten teilnahmen. Sie schlugen in eine große Protestaktion gegen die Kommunisten und ihr Unterdrückungsregime um und markierten den Beginn der Samtenen Revolution. Ganz im Geist der Studenten von 1939 kämpfte man nun für die Freiheit – während die Kommunisten ihnen zur gleichen Stunde noch auf dem Letná dieses Denkmal setzten. Das nennt man Ironie der Geschichte. (DD)

Rüde Rudé Právo

Als der Palais gebaut wurde, befand man sich hier im Grünen. Die Stadt wuchs und wuchs. Heute hat der Palais Desfour (Desfourský palác) an der Na Florenci 1023/21 (Neustadt) das Pech, dass er ein wenig arg von Eisenbahnschienen und Autobahnzubringern eingekesselt ist. Was schade ist, denn so wurde ein architektonisches Juwel dem Vergessen und dem allmählichen Verfall überantwortet.

Es ist ein Gebäude der Kontraste. Von außen sieht man eine klassizistische Fassade, die wegen ihrer feinen Strenge wenig von dem verrät, was sich dahinter verbirgt. Die klassizistische Klarheit der Form beeindruckt um so mehr, wenn man weiß, dass sie das Werk des Architekten Josef Kranner ist. Der war als Dombaumeister des Veitsdoms bekannt und galt deshalb als Spezialist für eher verspielte Gotik (Beispiel hier). Erst bei näherem Hinschauen erkennt man die Schönheit der Fassade.

Gebaut wurde der Palais (oder besser: die Stadtvilla) in den Jahren 1845 bis 1847 von dem in den Adelsstand erhobenen Industriellen Ritter Albert Freiherr Klein von Wisenberg, der es aber noch während der Bauarbeiten an seinen Ko-Unternehmer in diesem Projekt verkaufte, dem Landbesitzer und Politiker Franz Vincenz Graf Des Fours Walderode zu Mont und Athienville. Der gab dem Haus dann auch den Namen – jedenfalls in Kurzfassung…

Ein Teil des dreistöckigen Hauses diente fortan als gräfliche Wohnung, der Rest wurde vermietet. 1878, neun Jahre nach dem Tod des namensgebenden Grafen, verkaufte dessen Witwe das gesamte Anwesen – Palais samt dem dazu gehörenden Garten. Damit begann der Abstieg des Hauses, das nunmehr ausschließlich Mietshaus war und auch bald nicht mehr so recht im Grünen lag, sondern neben lauten Eisenbahngleisen. Aber irgendwie ging es weiter. Dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, kamen die Kommunisten an die Macht. Das bedeutete selten etwas Gutes für architektonische Kulturschätze. Und so war es auch in diesem Fall. Langsamer Verfall setzte ein.

Der wurde noch einmal beschleunigt, als 1951 der neue Inhaber erst einmal das hübsche Gewächshaus im Garten abriss. Es handelte sich bei dem Besitzer um die Redaktion und Verwaltung des kommunistischen Zentralorgans Rudé Právo (Rotes Recht). Mit der Inneneinrichtung ging Rudé Právo recht rüde um. Leitungen wurden durch Stuck gebrochen, Kabel verdrahteten die Räume und die Hässlichkeit der Einrichtungsgegenstände, die wahllos eingebaut wurden, besticht schon irgendwie auf eigene Art – hier ein Ofen und ein Telefon (beides vermutlich aus den 1970er Jahren) als Beispiele.

1983 wurde gar der ganze Westflügel abgerissen, um Platz für die Druckerei von Rudé Právo zu machen. Die wurde übrigens 1989 fertiggestellt und konnte eine Ausgabe des Blatts drucken. Dann kam das Ende des Kommunismus und damit das Ende der Rudé Pravo. Die Zeitung existiert – losgelöst von der Kommunistischen Partei – als unabhängiges linkes Presseorgan unter dem Namen Právo weiter, aber wesentlich kleiner als das Vorgängerblatt. Deshalb war der Palais Desfour zu groß und man residiert heute etwas außerhalb in kleineren Räumlichkeiten. Aber die Schäden im alten Gebäude blieben – bis heute.

Und seit den 1990er Jahren steht das Gebäude leer. Der alte Park hinter dem Haus wurde gestalterisch den luxuriösen neuen Gebäude- und Bürokomplexen der Umgebung zugeschlagen. Er wurde rundum erneuert, aber eben nicht mehr passend zum Stil des Palais‘. Immerhin – eine kleine Ruhezone inmitten der Stadt ist hier entstanden. Aber für das Haus schienen sich weder Käufer noch Nutzungsmöglichkeiten finden. 1995 erbarmte sich die Stadt selbst und das Gebäude wurde in deren Besitz überführt. Zu einem Aufleben der alten Pracht hat das aber seither noch nicht so recht geführt.

Wie traurig das ist, kann nur erahnen, wer einmal drinnen war. Das Haus wird leider nur selten für die Öffentlichkeit geöffnet. Die Gelegenheit zur Besichtigung bietet sich bisweilen bei dem Tag der offenen Tür für historische Gebäude, hier Open House Praha genannt. Bei der Gelegenheit wurden im September 2020 die Photos hier geknipst. Trotz des Verfalls und den kommunistischen Verunstaltungen kann man dann ein immer noch zutiefst beeindruckendes Bauwerk sehen. Das liegt vor allem an den farbenfohen Wand- und Deckenmalereien des Malers Karel Nacovský, die wundervoll von dem Stuckateur Ferdinand Pischelt in Stuck eingefasst wurden. In dieser Qualität sieht man selbst im schönen Prag so etwas selten.

Besonders im ersten Stock wechseln sich nachempfingen von Renaissance- und Barockmalereien ab. Die Decken sind in der Regel besser erhalten als die Wandgemälde – wohl aber nur deshalb weil sie sich möglicherweise etwas mehr außerhalb der Reichweite der Kulturschänder befanden, die hier dereinst hausten. Aber auch hier ist hoher Reparaturbedarf sichtbar. Immerhin hat die Stadt in den letzten Jahren mit der Restauration einiger Malereien angefangen. Stützgerüste sichern auch einige Deckenstrukturen vor dem Absturz. Aber das ersetzt nicht eine Vollrenovierung mit anschließender sinnvoller Nutzung.

Die sollte auch die verschiedenen Nutzungsphasen (nur bitte nicht zuviel von der kommunistischen!) präsentieren. Denn im zweiten Stock wollte man Anfang des 20. Jahrhunderts dem Neobarock bzw. der Neorenaissance des ersten Stocks eine damals moderne Note hinzuzufügen. So findet man hier auch Spuren einer hübschen Einrichtung im Jugendstil (Art Nouveau). Dazu gehört der außerordentlich hübsche von Holz und Marmor umfasste Kamin mit Spiegel auf dem Bild rechts mit seinen metallenen Schmuckgittern. Anscheinend war ein großer Teil dieser Etage völlig stimmig dazu gestaltet worden.

Das ästhetische Kernstück ist jedoch das große Treppenhaus. Es ist durch alle Stockwerke hindurch mit Marmor verkleidet. Ein Deckengemälde mit Stuck schließt es oberhalb ab. Klassische Säulen und kunstvoll geschmiedete Gußeisengeländer zieren das Ganze. Aber auch hier sind zurzeit Teile nicht begehbar und werden restauriert. Es wird Zeit, dass sich etwas tut. Immerhin: Seit 2016 diskutiert man, ob hier nicht ein Prager Archäologiemuseum als Abteilung des Museums der Hauptstadt Prag (wir berichteten) eingerichtet werden soll.

Die Planungen für den Ausbau des Hauptstadtmuseums sind allerdings gegenwärtig großen, politisch aufgeladenen Schwankungen ausgesetzt. Aber die Chancen, dass dieses sinnvolle und passende Projekt realisiert werden kann, sind durchaus gestiegen.

Man sollte sich aber beeilen. Denn es ist schade um jeden Tag, an dem der Verfall und die Vernachlässigung dieses doch recht außergewöhnlichen Gebäudes weiter voranschreitet. (DD)