Denkmal mit gebrochener Geschichte

Die Würdigung der Gründung ihrer Ersten Republik wollte sich die Tschechoslowakei etwas kosten lassen. Und so begann man 1928, also 10 Jahre nach der Gründung, mit dem Bau des Nationaldenkmals auf dem Vítkovberg.

Jedenfalls sind schon alleine die Maße des Bauwerks – ganz zu schweigen von der hier schon öfters erwähnten gigantischen Reiterstatue des Hussitenfeldherrn Jan Žižka – geradezu kolossal: 143 Meter lang ist das Gebäude, 31,6 Meter hoch (man kann dort oben eine Aussichtsplattform besuchen!) und 27,5 Meter breit. Unter dem Keller befinden eine Unzahl von Räumen. Das Photo mit einem Querschnittsmodell des Gebäudes, das sich im zweiten Stock davon befindet, gibt einen kleinen Eindruck davon wieder. Pläne zur architektonischen Zelebration der Nation hatte es schon Ende des 19. Jahrhunderts gegeben, als das Land noch zum Habsburgerreich gehörte. Die Gründung der Republik 1918 gab aber erst den richtigen Impetus. Und so legte im November 1928 der erste Präsident der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, den Grundstein.

Hier sollten gefallene Helden des Unabhängigkeits in einem Mausoleum begraben werden, womit vor allem besonders heldenhafte Kämpfer der Tschechoslowakischen Legion gemeint waren, die im Ersten Weltkrieg nicht für die Habsburger gekämpft hatten, sondern für die Entente-Mächte, die dem Land die Unabhängigkeit versprochen hatten. Auch Masaryk selbst hätte nach seinem Tode gemäß dem Willen der Erbauer dort seinen Platz bekommen können, aber der zog bescheiden einen Platz bei seinem Landsitz in Lány u Rakovníka vor.

Aber soweit kam es sowieso nie. Denn die Bauarbeiten zogen sich unendlich hin und wurden 1938 wegen des Münchner Abkommens und der anschließenden Besetzung des Landes durch die Nazis abgebrochen. Nach dem Ende der Nazi-Tyrannei 1945 baute man weiter, aber kam ebenfalls nicht viel weiter, den schon 1948 kam die nächste Tyrannei, die kommunistische. Und das bedeutete eine Konzeptänderung.

Ursprünglich sollte das Ganze ja eine etwas gigantoman geratene „Kultstätte“ einer neuen Demokratie werden. Deshalb sollte die Architektur auch ganz modernistisch sein. Funktionalismus war angesagt. Und Funktionalismus mit strengen Formen und nur wenigen klassizistischen Anspielungen lieferte der Architekt Jan Zázvorka mit seinem Entwurf. Besonders gut sieht man das bei der Betrachtung der Seitenfassade.

Auch drinnen herrschte stenger Art Dèco-Stil vor. Etliche große Künstler der Zeit gestalteten die Innenräume. Besonders in der Kapelle kann man Mosaiken des Malers Max Švabinský bewundern. Es dominierend dort patriotische Motive, wie etwa diese Allegorie der Bohemia mit einem Rock in tschechischen Farben und einer roten Freiheitsmütze als Symbol der republikanischen Ordnung.

Kernstück der Kapelle ist die überlebensgroße Plastik „Der Verwundete“ des Bildhauers Jan Štursa. Und rundherum finden sich bronzene Reliefs des Art-Dèco-Bildhauers Jaroslav Horejc, dessen Bild eines gefallenen Legionärs man im kleinen Bild links sieht. Beide Künstler stellten das Leiden, das für den Kampf im die nationale Selbstbestimmung erbracht wurde, in den Mittelpunkt.

Der ästhetische Kurswechsel mit der Machtübernahme der Kommunisten kam abrupt und man sieht das daran, dass die Horejcschen Reliefe aus den 1930ern zwar blieben, aber 1950 neue hinzugefügt wurden. Man kann nur erahnen, was Horejc empfand, als er statt der empfindsamen Darstellung des Leidens der Kriegsopfer nun platte Propaganda in Form von Hammer und Sichel produzieren musste.

Das Aneinanderreihen von Unpassendem ging weiter. Das geplante Mausoleum, in dem schwarze Marmorsärge ursprünglich gefallenen Legionären als würdige Ruhestätte dienen sollten, wurde nun für führende Kommunisten (die 1990 wieder entfernt wurden, was die Särge seither leer belässt). Die kurzlebige demokratische Regierung nach 1945 hatte noch die Fertigstellung des ursprünglich als letzte Ruhestätte für Masaryk vorgesehenen Mausoleums in einer nun anzubauenden Apsis geplant. Masaryk hatte sich entschieden, lieber be seinem Landsitz in Lány beerdigt zu wrden. Stattdessen sollte das Mausoleum nun den bürgerlichen Widerstandskämpfern gegen die Nazis gedenken. Das mochten die Kommunisten überhaupt nicht. Nach dem Coup der Kommunisten wurde die Halle zu einer Gedenkhalle für die Rotarmisten, die das Land „befreit“ hatten, umfunktioniert. Mosaike mit sowjetischen Soldaten, erstellt von dem Maler Vladimír Sychra, blicken seither von den Wänden – so wie es in der Kapelle republikanische Legionäre tun. 1953 wurde die Halle als Mausoleum für den gerade verstorbenen Kommunistenführer Klement Gottwald eingerichtet, der hier einbalsamiert in einem Glassarg die posthumen Huldigungen seiner Untertanen entgegennehmen konnte – bis er im Zuge der Entstalinierung 1962 wieder entfernt wurde.

Und im ersten Stock befindet sich die ursprünglich für den demokratischen Präsidenten Masaryk in einem sehr bürgerlichen Stil eingerichtete Präsidentensuite ebenfalls neben Mosaiken im realistisch-sozialistischen Stil.

Die künden von der Freude der Bürger über die Ankunft der Roten Armee und etlichen militärgeschichtlichen Themen aus der Geschichte des Landes aus ideologisch klar fixierter Sicht. Ja, man bekommt hier in Architektur und Kunst gegossene Geschichte mit großen Brüchen zu sehen. Aber gerade das macht den Ort so faszinierend.

Nach der Samtenen Revolution von 1989 ließ man diese Brüche bestehen, dass heißt, man versuchte erst garnicht, die Skulpturen und Mosaike aus der kommunistischen Zeit zu zerstören. Man restaurierte allenfalls einige damals verschwundene Artefakte wieder an ihren alten Ort. So zum Beispiel in der großen Haupthalle im zweiten Stock, deren nüchterner, aber kolossaler Funktionalismus schlicht atemberaubend ist (großes Bild oben), wo die alte Flagge der Tschechoslowakischen Republik (noch mit den Wappensymbolen von Slowakei und Transkarpatien!) wieder aufgehängt wurde.

Seither ist das Nationaldenkmal kein Mausoleum mehr, sondern eher ein Nationalmuseum. Die Dauerausstellung zeigt ausgewählte Artefakte, die Meilensteine in der demokratischen Entwicklung des Landes – und auch die Rückschläge – mustergültig repräsentieren. Das Original des Abschiedsbriefs von Milada Horáková, geschrieben vor ihrer Hinrichtung durch die Kommunisten 1950 (früherer Beitrag u.a. hier) oder das Original der Charta 77, dem von Václav Havel verfassten Dokument des Widerstandes sind Beispiele dafür. Auch einige gesellschaftliche Trends werden aufgegriffen, wie etwa die in der Ersten Republik aufkommende Pfadfinderbewegung, in eine wichtige Rolle im Widerstand gegen die Nazis spielte und 1948 von den Kommunisten verboten wurde. Das kleine Bild oberhalb rechts, zeigt eine Sammlung mit Memorabilia.

Umgeben ist die Ausstellung (die bisweilen durch wechselnde Ausstellungen ergänzt wird) immer noch von den riesigen Reliefen des Bildhauers Karel Pokorný (früherer Beitrag hier), die das Motiv gefallener Legionäre aus dem Ersten Weltkrieg und den Wirren danach wieder aufgreifen. Das Bild links zeigt einen Legionär, der in Russland kämpfte. Diese Bildwerke geben am ehesten die ursprüngliche Idee wieder, die hinter dem Nationaldenkmal stand. (DD)

Hilferuf aus Halle 19

Normalerweise freut man sich, wenn einem verzweifelten Hilferuf die Hilfe schnell folgt. Als am 30. Juli 1968 – heute vor 52 Jahren – in der Moskauer Prawda der „Hilferuf“ von 99 Arbeitern der Halle 19 der Maschinen- und Automobilbaufirma Praga im Stadtteil Vysočany (Prag 9) erschien, wünschten sich wohl nur wenige Bürger der Tschechoslowakei die „Hilfe“, die dann keine drei Wochen später tatsächlich kam. Am 20. August marschierten Truppen des Warschauer Paktes in das Land ein, um den Prager Frühling und die damit verbundene Liberalisierungspolitik im Lande zu beenden. Mit der gerade errungenen Freiheit war es Dank dieser „brüderlichen Hilfe“ erst einmal für viele Jahre vorbei.

Die neuen Machthaber feierten die 99 Arbeiter der Halle 19 (Hala č. 19) als Helden. Eine große Plakette zu ihren Ehren wurde am Firmentor angebracht – die allerdings 1989 zusammen mit dem Kommunismus verständlicherweise wieder verschwand. Den Brief umgeben viele Mythen. Die Initiatoren hatten ihn wohl gar nicht an die Prawda nach Moskau, sondern an das Zentralkommittee tschechoslowakischen Kommunistischen Partei schicken wollen, um ihre Ablehnung jedweder Aufweichung der bisherigen streng sowjetkommunistischen Linie auszudrücken. Insbesondere äußerten sie ihre Besorgnis, darüber dass die Reformer darüber diskutierten, ob man in der Tschechoslowakei noch sowjetische Truppen und den Warschauer Pakt brauche.

Aber der Brief war genau das, was man in Moskau hören wollte: Die Arbeiterklasse schien weiterhin vom großen Bruder in Moskau vor jeglicher bürgerlichen Tendenz beschützt werden wollen. Das war eindeutig Unsinn. Die 99 repräsentierten schon rein numerisch nicht einmal ansatzweise die 4500 Arbeiter der Firma, geschweige denn, die gesamte Arbeiterklasse. Meist waren es kleinere Kader der Partei. Aber in den gleichgeschalteten Sowjetmedien wurde es als der langersehnte Ruf des Volkes verbreitet, dass eine militärische Intervention von der arbeitenden Klasse in der Tschechoslowakei sehnlichst herbeigewünscht wurde. Der Vorwand war da, die Tat folgte.

Die Halle 19 und ihr Umfeld sehen heute recht verfallen aus. Die Praga-Werke wurden privatisiert und 2006 an eine britische Firma verkauft. Sie schrumpften sich erst einmal halbwegs gesund. Die Autoproduktion wurde vorläufig eingestellt, man fokussierte sich auf die Zulieferung von Flugzeugteilen. Immer mehr Hallen des riesigen Komplexes – darunter eben auch Halle 19 – standen leer und verfielen langsam. Wenige Menschen, die an die Zeit der Repression nach der Niederschlagung des Prager Frühlings zurückdenken, werden darüber allzu sehr trauern. Und die 99 Helden von damals stehen heute eher als Verräter da.

Trotzdem wurde Halle 19 im Jahre 2005 unter Denkmalschutz gestellt, denn das Gebäude hat neben dem zeithistorischen auch einen architektonischen Wert. Es wurde 1942 von den Architekten Franz Anton Dischinger und Ulrich Finsterwalder für die Flugzeugfirma Junkers erbaut. Beide waren die Pioniere der Spannbetonweise, die neue Formen von Tonnengewölben und Kuppelschalen ermöglichten und für die leichte Kombination von Glas, Stahl und Beton berühmt wurden. Das, was man bei Halle 19 als Oberlichtkonstruktion sieht (großes Bild oben), ist heute fast schon gewöhnlicher Standard, damals bedeutete es eine Innovation ersten Ranges. Dass das Gebäude so der deutschen Kriegswirtschaft diente, macht sein historisches Erbe nicht leichter – vor allem wenn man dann das des Briefes der 99 Arbeiter von 1968 dazurechnet. Aber es ist eben auch ein Denkmal der Industriearchitektur und als solches durchaus erhaltenswert. Öffentlich zugänglich ist das Innere zur Zeit nicht. Ab und zu finden dort Dreharbeiten für Filme statt. Eine Infotafel an dem am Gebäude vorbei führenden Wanderweg macht auf die am Ende doch zumindest spannende Geschichte der Halle 19 aufmerksam. (DD)

Vor 70 Jahren: Milada Horákovás Hinrichtung

Heute vor genau 70 Jahren, am 27. Juni 1950, wurde im Gefängnis von Pancrác Milada Horáková nach einen perfiden stalinistischen Schauprozess hingerichtet. Die mutige Kämpferin für Freiheit und Frauenrechte war in der Zeit der Ersten Republik einer der Stützen der Demokratie im Lande gewesen. Von den Nazis wurde sie als Widerständlerin ins Konzentrationslager gesteckt. Nach ihrer Befreiung bekämpfte sie die Kommunisten, die mit ihrer Machtübernahme 1948 die die Demokratie abermals zerstören wollten. Die rächten sich an ihr, indem sie sie mit gefälschten Indizien für „Landesverrat“ an den Galgen brachten. Trotz Folter ließ sie sich beim Prozess – im Gegensatz zu vielen Mitangeklagten – nicht zu einer Selbstbezichtigung mit Huldigung der Kommunistenherrschaft bewegen, sondern beharrte auf ihren demokratischen Grundsätzen.

Milada Horáková ist für die Tschechen das Symbol für die Opfer des Kommunismus und den Heldenmut des Widerstands geworden. Nach kaum einer historischen Persönlichkeit sind so viele Straßen und Plätze benannt worden, für keine anti-kommunistische Widerstandskämpferin gibt es in Prag so viele Denkmäler (siehe u.a. frühere Beiträge hier und hier). Eines davon steht auf dem Heldenplatz (náměstí Hrdinů) im Stadtteil Pancrác – unweit des Gefängnisses, in dem sie ermordet wurde.

Das Denkmal wurde im Oktober 2009 enthüllt. Für die Aufstellung hatten viele Organisationen ehemaliger politischer Gefangener, Geschichts- und Gedenkvereine, darunter der Milada Horáková-Klub (Klub dr. Milady Horákové), gesammelt. Es wurde ein Künstlerwettbewerb ausgeschrieben und am Ende wurde das Denkmal für Milada Horáková und die Opfer des Kommunismus (so der ganze Titel des Werks) von den Bildhauern Ctibor Havelka, Milan Knobloch und Jan Bartoš und der Sockel vom Architekten Jiří Kantůrek realisiert.

Wie der Titel des Denkmals schon besagt, wird hier zwar Milada Horáková hervorgehoben, aber auch zugleich aller von den Kommunisten in der Tschechoslowakei hingerichteten politischen Gefangenen gedacht. Auf einer Tafel unterhalb des Sockels sind 234 Namen von Ermordeten verzeichnet. Schon bei der Einweihung wurde darauf hingewiesen, dass sich diese Liste wohl noch verlängern werde und die Entdeckung vergessener Opfer auch in Zukunft auf dem Denkmal Berücksichtigung finden werde.

Das ist ein Hinweis, dass die historische Erfassung der Opfer nicht immer so eindeutig erfolgen kann wie im Falle Horákovás selbst. Es gibt viele Grenzfälle. Sollen frühere Mittäter, die sich aber später gegen die Kommunisten wandten und ihr Opfer wurden, ebenbürtig neben Horáková geehrt werden? Das ist nur eine von vielen schwierigen Fragen.

Eine zusätzliche politische Wirrnis ergab sich kurz vor der Einweihung. Ausgerechnet die Kommunistische Partei Böhmens und Mährens (Komunistická strana Čech a MoravyKSČM) wollte mit einer Geldspende für das Denkmal den Anschein erwecken, für die Schandtaten der Kommunisten von damals Abbitte leisten zu wollen. Da sich die tschechischen Kommunisten auch nach 1989 nie wirklich demokratisch reformiert hatten und bis heute noch über einen veritablen stalinistischen Flügel verfügen, erhob sich dagegen erheblicher Protest von Verfolgtenverbänden.

Aufgstellt wurde das Denkmal trotzdem. In der von soziaistischer Plattenarchitektur aus den 1970er Jahren geprägten Umgebung wirkt der Platz wie eine idyllische Friedensoase, in deren Mittelpunkt nun im Schatten großer Bäume auf einem leichten Hügel stehend das Denkmal steht. Auf einem schräg nach vorne ragenden kantigen Granitsockel befindet sich die bronzene Büste von Milada Horáková, die so den Platz überschauen kann. (DD)


Propaganda am Wohnhaus

Als die Kommunisten 1948 die Macht im Lande ergriffen, versuchten sie noch, auch in der normalen Wohnarchitektur den Anschein zu erwecken, das Arbeiter- und Bauernparadies stünde schon kurz vor der Ankunft. Noch waren nicht schmucklose Plattenbauten angesagt. Man versuchte, den Gebäuden noch einige – oft nicht so recht ästhetisch passende – skulpturale Ornamente hinzuzufügen, die natürlich stets auch ideologischen Zwecken dienten.

So auch hier über dem Eingang des nicht sonderlich ansehnlichen oder bemerkenswerten fünfstöckigen Wohnblock in der Blanická 589/5. Das Relief, das in drei Teile aufgeteilt ist, zeigt v.l.n.r. Kinder die sich glücklich zum Musizieren sammeln, pflichtbewusste Eltern aus der Arbeiterklasse mit von Idealen durchdrungenem Kind und Neugeborenen (großes Bild oben) und sportlich sich ertüchtigende Jungen. Alle dienen dem Sozialismus, alle sind glücklich. Ach, waren das Zeiten …

Diese Scheinidylle wurde an das Gebäude, das (wie viele Neubauten der 1950er Jahre) architektonisch noch in etwa dem Funktionalismus der Vorkriegszeit entspricht, 1955 angebracht. Der Entwurf für das Relief stammte von dem Bildhauer Miroslav Václavík, der immerhin ein Schüler des damals sehr bekannten Bildhauers Otakar Španiel war, dem man zum Beispiel das berühmte Denkmal für Tomáš Garrigue Masaryk vor der Burg verdankt (früherer Beitrag hier). Für so ein einfaches Objekt wie dieses Haus war das schon etwas Besonderes. Die Ausführung des Entwurfs oblag dem Steinmetz Jiři Ducháček.

Die Propaganda, die damit betrieben wurde, wirkt heute – rund 30 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus – recht obsolet und aus der Zeit gefallen. Aber das war sie sowieso schon sehr bald. Die Zeit spät-stalinistischer Ästhetik war 1955 schon fast vorbei. Danach machte man sich solche Mühen, die leeren Versprechungen ästhetisch zu verbrämen, nicht mehr. Auch ließen sich Künstler mit Selbstachtung und avantgardistischem Hintergrund schon bald nicht mehr so einfach dafür einspannen. (DD)

Roter Dichter, früh verstorben

Wie geht man mit Denkern und Künstlern um, die als Apologeten des Kommunismus in Erscheinung traten, die aber selbst keiner aktiven Beteiligung an Verbrechen schuldig waren? Vor allem in einem Land, das die kommunistische Unterdrückung durchleiden musste?

Nun, auch dann gilt im Zweifelsfalle die Unschuldsvermutung, zumindest, wenn kein direkter Aufruf zu Gewalt erfolgte. Kunst muss schließlich frei sein. Deshalb steht das Denkmal von  Jiří Wolker immer noch im Park Přátelství (Park der Freundschaft) im von Plattenbauten beherrschten Stadttteil Prosek. Es wurde dort auch noch in kommunistischer Zeit, genauer: 1987, aufgestellt. Gestaltet wurde die Statue 1984 von dem Bildhauer Miloslav Šonka, der in diesen Zeiten recht häufig der realsozialistischen Heldendarstellung frönte. Heute befindet sich eine kleine Infotafel neben dem Denkmal, das über den Dargestellten informiert.

Aber wer war Wolker? Der war 1921, als er im Alter von 21 Jahren seine erste Gedichtsammlung Host do domu (deutscher Titel: Gast ins Haus) veröffentlichte, ein Jungstar unter den tschechischen Dichtern der Zeit. Mit seiner einfachen und klaren Poesie versuchte er, die Not der proletarischen Bevölkerung hautnah zu schildern. Theaterstücke und Prosawerke folgten. Er wurde zu einem der Hauptvertreter der tschechischen proletarischen Dichtung. Wie viele seiner Gesinnungsgenossen in der Künstlerwelt kam er allerdings, so muss hinzugefügt werden, aus einen großbürgerlichen Hause.

1921 gehörte er zu den Gründern der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei. Man wird nie wissen, wie er sich verhalten hätte, als der KP-Vorsitzende  Klement Gottwald die Partei 1929 nach stalinistischem Muster organisierte („säuberte“) und damit den Exodus oder Hinauswurf vieler freigeistiger Schriftsteller, etwa Vladislav Vančura (früherer Beitrag hier), bewirkte. Einen gewissen Hang zum Dogmatismus zeigte er, als er 1922 die Künstlervereinigung Devětsil, der auch bürgerlich-demokratische Dichter wie František Halas angehörten, verließ, weil sie ihm zu unpolitisch war. Auf jeden Fall konnte er sich aber nicht mehr wehren, dass die Kommunisten ihn posthum zur proletarischen Kultfigur stilisierten (wovon das Denkmal in Prosek Zeugnis ablegt).

1923 erkrankte er an Tuberkulose. Auch ein Sanatoriumsaufenthalt in der Tatra erbrachte keine Besserung. Das Ende war abzusehen. Er blickte ihm mutig ins Auge und schrieb sogar das Epitaph für seinen Grabstein:

Hier liegt Jiří Wolker,
ein Dichter, der die Welt geliebt,
und für deren Gerechtigkeit ging er sich schlagen.
Doch noch bevor zum Kampf er zog sein Herz,
starb er – mit 24 Jahren.

Sein frühzeitiger tragischer Tod als junger Mensch und die Gradlinigkeit seiner Dichtung machten ihn auch über das eigene politische Lager hinaus populär und sicherten trotz seiner kommunistischen Anschauungen seinen Nachruhm. (DD)

Kommunistische Symbolik im Überfluss

429 Soldaten der Roten Armee liegen hier begraben. Die Sowjets waren am 9. Mai 1945 – heute vor 75 Jahren – in Prag einmarschiert. Der 9. Mai war deshalb während der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei der offizielle Tag der Befreiung. Dabei hatten die deutschen Militärs schon am Tag zuvor vor den Anführern des Prager Aufstands kapituliert, der am 5. Mai begonnen hatte, und den die Bürger der Stadt mit Todesmut unternommen hatten, um sich Unabhängigkeit und Demokratie zu erkämpfen (früherer Beitrag hier).

Deshalb ist heute auch der 8. Mai, der Tag des Sieges, offizieller Feiertag in der Tschechischen Republik. Dennoch bleibt unbestritten, dass die Rote Armee im Vorfeld des Kriegsende vor Prag schwere Verluste im Kampf gegen SS und Wehrmacht hinnehmen musste. Und deshalb wurde schon bald nach dem Krieg ein Teil des großen Olšany Friedhofs (auch hier) zu einem Ehrenfriedhof (vojenské pohřebiště) der gefallenen Rotarmisten umgewandelt. Man betritt ihn am leichtesten über den Eingang in der U Nákladového nádraží 1949/2 (Prag 3).

Das Areal ist völlig im Sinne stalinistischer Ästhetik gestaltet. In Reih und Glied stehen die Gräber der Soldaten. Alle sind bauidentisch als Obelisken gestaltet, auf denen in kyrillisch der jeweilige Name des gefallenen Soldaten steht über dem wiederum ein standardisiertes Ornament mit Siegesflaggen, Kalaschnikows und Rotem Stern angebracht ist (Bild rechts).

Zentral in der Mitte steht ein Denkmal (großes Bild oben), bestehend aus einem großen Steinsockel mit Sowjetstern, Hammer und Sichel, eingerahmt von zwei bronzenen Rotarmisten, die heldhaft ihre Kalaschnikow bzw. ein Gewehr mit Bajonett in den Händen tragen. Unweit davon ist ein riesiger Roter Stern in den Boden eingelassen.

Auch drumherum fehlt es nicht an kommunistischer Symbolik und Erinnerungskultur. Ringsum finden sich zusätzliche Denkmäler, so unter anderem (Bild rechts) eines für die tschechischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg mit der Habsburger Armee brachen, um 1917-22 auf Seiten der Bolschewiki im Russischen Bürgerkrieg zu kämpfen. Mit der Herausstellung dieser relativ kleinen militärischen Einheit wollte man ein ideologisches Gegengewicht zu der in der Tschechoslowakei verbreiteten Heldenverehrung aufbauen, die der sogenannten Tschechischen Legion (frühere Beiträge hier und hier) bis dato entgegengebracht wurde. Die Legionen hatten auf Seite der Entente, d.h. der Westmächte, für eine unabhängige und westlich-demokratische Tschechoslowakei und im Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki gekämpft. Für die Kommunisten waren die Legionen und ihr Mythos naturgemäß ein rotes Tuch. Deshalb dieses Denkmal (Bild oberhalb rechts). Allerdings schafften es die pro-bolschewistischen Tschechen von 1917ff nie wirklich, die Herzen der Tschechen so zu erobern wie es die Legionäre taten.

Daneben gibt es noch monumentale Denkmäler für Julius Fučík, einem populären kommunistischen Schriftsteller, der 1944 von den Nazis hingerichtet worden war und darob in den Heldenkult der Kommunisten einbezogen wurde, oder für Jan Šverma (Bild links), einem kommunistischen Politiker, der 1944 beim slowakischen Nationalaufstand sein Leben verlor und ebenfalls zur Märtyrergestalt wurde. Und es gibt noch etliche Beispiele mehr. Man schaut um sich und denkt man habe eine Zeitreise in die finstere Vergangenheit vor 1989 gemacht.

Kurzum: Soviel Sowjet- und Kommunismuskult kann in einem Land, das sich dereinst mit soviel Freude aus den Fängen dieser Ideologie und ihrer Schreckensherrschaft befreit hatte, nicht ganz unumstritten sein. Aber der Friedhof ist durch einen tschechisch-russischen Vertrag geschützt, der beide Länder verpflichtet, Soldatengräber mit den Toten der jeweiligen Länder zu sichern und in Stand zu halten. Angesichts der Tatsache, dass die hier beerdigten Rotarmisten als Opfer eines grauenvollen Krieges die Respektierung ihrer Totenruhe und den Respekt vor dem Leid, das sie einst erlitten hatten, verdient haben, ist das auch völlig recht und billig.

In diesem Sinne ist es traurig, dass ihr Schicksal bisweilen politisch missbraucht wird. 2014 musste die örtliche Friedhofsverwaltung ein neues Denkmal entfernen, das russische Veteranen des Krieges in Afghanistan auf dem Areal hatten aufstellen lassen. Darauf befand sich eine zweisprachige Plakette, die auf Tschechisch dem Gedenken von russischen Soldaten gewidmet war, die bei Friedensmissionen gefallen waren. Der Haken war nur, dass beim russischen Text nicht nur von Friedensmissionaren, sondern auch von „Internationalisten“ die Rede war, was bei der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 oft der Terminus war, mit dem die Sowjets die Invasion gerechtfertigt hatten. Es hagelte Proteste und die Plakette musste verschwinden.

Auch heute nutzen Teile der offiziösen oder nicht offiziösen russischen Community in Prag den Ehrenfriedhof, um politische Zeichen zu setzen. Zum Jahrestag des Kriegsendes ist das Denkmal mit Blumen und Kränzen in den russischen Nationalfarben (vereinzelt auch die der tschechischen Kommunisten) geradezu überschüttet – aber natürlich ist das dann nicht der 8., sondern der 9. Mai (die Photos entstanden 2019 einen Tag später). Das Verdienst der Befreiung will man wohl weiterhin für sich und die Rote Armee reklamieren. (DD)

Vereinnahmte Aufständische bei der Metro

Heute vor 75 Jahren, am 5. Mai 1945, begann in der Stadt der Prager Aufstand (Pražské povstání) gegen die deutschen Besetzer. Unter den Kommunisten war es Teil der offiziellen Geschichtsschreibung, Prag sei von der Roten Armee am 9. Mai befreit worden, aber tatsächlich erfolgte die Kapitulation nach heftigen Kämpfen schon einen Tag zuvor gegenüber Anführer der aufständigen Prager Bürger, General Karel Kutlvašr. Da den meisten Aufständischen der Stalinismus nicht die beste Alternative zu Hitlers Gewaltherrschaft zu sein schien, und es auch ein Ziel des Aufstands war, den Sowjets zuvorzukommen, unterdrückten die Kommunisten nach ihrer Machtübernahme 1948 zunächst das Andenken an die mutigen Freiheitskämpfer.

Das funktionierte nie so recht und der Aufstand behielt seinen Platz im Herzen der Prager. Deshalb versuchten es die Kommunisten in den 1970er Jahren mit einer anderen Taktik. Sie vereinnahmten den Aufstand für sich – sozusagen als Hilfsmaßnahme der Prager für die anrückenden Rotarmisten.

Es entstanden etliche Denkmäler (siehe z.B. früherer Beitrag hier), aber vor allem wurde einer der Bahnhöfe der neuen Metro nach dem Ereignis benannt – die Station Pražského povstání im Stadtteil Pankrác (Prag 4). Die liegt sicher nicht in der schönsten Ecke von Prag, aber immerhin. Hier in der Nähe hatten blutige Barrikadenkämpfe zwischen den Aufständischen und Teilen der SS-Division „Wallenstein“ stattgefunden. Die Station, die nach den Entwürfen des Architekten Vladimír Uhlíř gebaut wurde, wurde 1974 eröffnet, und zwar gemäß den ideologischen Vorgaben am 9. Mai, der nach offizieller Lesart der Tag der Befreiung und des Endes des Aufstands, aber realiter der Tag des Einmarsches der Roten Armee war.

Vor der Metro-Station wurde im Jahre 1977 ein relief-förmiges Denkmal angebracht, das dem Gedenken an den Aufstandes dient. Das Werk stammt von dem Bildhauer Stanislav Hanzík. Das Denkmal am Ausgang an der Děkanská Vinice I zeigt eine aus Steinquadern bestehende Barrikade – ganz im Stil der brutalistischen Variante des Sozialistischen Realismus, so wie er sich in den 1970er/1980er Jahren gerne in grauem Stahl und Beton präsentierte. Das passt sich harmonisch in die ebenfalls etwas brutalistische Architektur der Station und ihrer Umgebung (siehe kleines Bild oberhalb links). Über die Barrikade ist ein großes Tuch ausgebreitet, das an eine Fahne erinnert. Hierbei wurde auf jede Vereinnahmung durch kommunistische Symbolik verzichtet. Es könnte sich durchaus um die tschechoslowakische Fahne handeln.

Ebenfalls auf kommunistische Agitation verzichtet hat man bei den Inschriften für das Denkmal, die sich auf …. befinden. Dort werden auf einer Bronzetafel die folgenden Zeilen des Dichters František Halas zitiert: „Jen dedička května barikáda Praha strmět bude do bezčasí“ (in Deutsch etwa: Das Erbe der Mai-Barrikade von Prag wird zeitlos sein)

Man muss in diesem Zusammenhang wissen, dass Halas während der Nazi-Besetzung ein Mitglied des bürgerlichen Widerstandes war und nach der Machtübernahme der Kommunisten 1948 keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber dem Regime machte, indem er sich zum Beispiel weigerte, dem kommunistisch gesteuerten nationalen Schriftstellerverband beizutreten.

In den 1970er Jahren scheuten sich die Kommunisten also nicht, auch Teilnehmer des Aufstandes für sich zu einzuvernehmen, die sich das wahrscheinlich deutlich verbeten hätten, aber sich nicht mehr wehren konnten – wie etwa František Halas, der bereits 1949 gestorben war. Die positive Kehrseite des Ganzen war jedoch, dass man dieses Denkmal nach der Samtenen Revolution und dem Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft nicht entfernen brauchte wie andere politische Denkmäler der Zeit. Im Kern hat Hanzlik hier ein Mahnmal für die gefallenen Freiheitskämpfer des Mais 1945 geschaffen, das zeitlos bleiben sollte. (DD)

PS: Da das ganze Areal um die heutige Metrostation im Mai 1945 war heftig umkämpft. Deshalb gibt es neben dem Park gegenüber der Station noch ein kleines Denkmal aus den 1970er Jahren, und zwar am Gebäude des Hohen Gerichts am Heldenpark (náměstí Hrdinů) 1300/11 (siehe kleines Bild unten rechts).

Dort wird der Satz über die Zeitlosigkeit des Erbes der Mai-Barrikade des Aufstands fortgesetzt: „Za ní její mrtví a mrtví z koncentráků a mrtví z káznic rozestaví hlídky k střežení budoucnosti“ (dt.: Hinter ihr werden ihre Toten und die Toten der Konzentrationslager und die Toten der der Gefängnisse Wache halten, um die Zukunft zu schützen). (DD)

Die Schlacht von Sokolowo im Metro-Vestibül

Im Vestibül der Metrostation Florenc (Linie B und C) im Stadtteil Karlín findet sie immer noch statt, die Schlacht um Sokolowo. Sie findet hier natürlich nicht wirklich statt, sondern nur als Kunstwerk. Genauer gesagt, auf einem riesigen Mosaik im Vestibül. Es wurde gestaltet von den beiden Malern Oldřich Oplt und Sauro Ballardini, ein italienischer Künstler, der aber an der Hochschule für Bildende Künste in Prag wirkte.

Das in der damals üblichen Variante realsozialistischer Kunst gehaltene Mosaik erinnert daran, dass die ansonsten recht schmucklose Station bei ihrer Eröffnung im Jahre 1974 nicht Florenc, sondern Sokolovská hieß, wie auch die davor gelegene Straße. Die Straße wurde später nicht umbenannt und eine kleine Tafel unter dem Straßenschild erinnert sogar an die Ereignisse, die sich damit verbinden.

Aber die Station selbst, die in der Nähes des Fernbus-Bahnhofs liegt, taufte man nach der Samtenen Revolution dann doch um, und zwar schon 1990 – ein Jahr nach dem Ende des Kommunismus.

Und das mag etwas mit dem eher ambivalenten Verhältnis der Tschechen zu dieser Schlacht des Zweiten Weltkriegs zu tun haben – eine mutige Heldentat gegen die Nazis, derer gewiss angemessen gedacht werden musste, leider aber eine im Bündnis mit Stalin…

Die Schlacht fand am 8. und 9. März 1943 in der heutigen Ukraine – damals noch Teil der Sowjetunion – statt. Die Verteidigung des kleinen Ortes Sokolowo war ein wichtiger Teil der Strategie der Roten Armee, um Hitlers Wehrmacht an der Eroberung von Charkiw zu hindern. Die Rote Armee beschloß, diese Aufgabe erstmals dem 1. Tschechoslowakischen Unabhängigen Feldbataillon zu überlassen. Es war das erste Mal, dass auf sowjetischer Seite ausländische Soldaten in einer autonomen Einheit kämpften. Unter der Führung von Ludvík Svovoda, der von 1968 bis 1975 Präsident der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik werden sollte, kämpfte die Truppe mit großem Mut und Einsatzwillen, um die Deutschen aufzuhalten. Rund 90 Soldaten der Truppe fielen, 114 wurden schwer verwundet. Den Deutschen gelang mit Mühen der Durchbruch, aber sie wurden länger aufgehalten als erwartet.

Der mutige Einsatz der Truppen wurde honoriert. Der bei der Schlacht gefallene Leutnant Otakar Jaroš bekam als erster Ausländer postum den Orden Held der Sowjetunion. Der sowjetischen Führung kam der Kampfeinsatz gelegen, konnte sie doch mit dem Einsatz ihren solidarischen Internationalismus beweisen. Die Kontingente tschechoslowakischer (und anderer internationaler) Truppen wurden nach den guten Erfahrungen deutlich erhöht. Normalerweise hätte das im Lichte der Erfahrungen nach 1948 (Machtübernahme der Kommunisten im Lande) genügt, um den heutigen Tschechen das Andenken daran zu vermiesen, sieht das doch arg nach Paktieren mit den späteren Besatzern aus.

Dem ist aber nicht ganz so – schon alleine, weil der Einsatz in Absprache und mit Genehmigung der damaligen bürgerlichen und pro-westlichen Exilregierung Beneš erfolgt war. Die Soldaten waren Exiltschechen. Oder sie waren Soldaten der Tschechoslowakischen Republik, die manchmal nirgendwo anders hin fliehen konnten als in die Sowjetunion. Oder es waren slowakische Kriegsgefangene. Insgesamt galt die Truppe als eher unpolitisch und sich vor hauptsächlich nur in der Frage einig, dass die Nazitruppen auf jeden Fall und um jeden Preis vertrieben gehörten. Und dann ist da noch Ludvík Svoboda, der tatsächlich (auch wegen seines Heldenruhms von Sokolowo) populär war und als Präsident wegen seiner Nähe zu den Liberalisierungsbestrebungen des Prager Frühlings einen positiveren Nachruhm genoss als die meisten anderen Vertreter der kommunistischen Führung. Er war vergleichsweise volksnah.

Und deshalb regt sich auch niemand über das spät-real-sozialistische Mosaik in der Station auf. Die Propaganda-Maschinerie, die ständig das Lied von der unverbrüchlichen Völkerfreundschaft mit der ewig siegreichen Sowjetunion spielte, ist seit 1989 zum Stillstand gekommen. Vermutlich ist das Ganze schon deshalb nicht mehr so kontrovers, weil die Erinnerung an Sokolowo bereits verblasst ist und nur wenige Menschen noch wissen, was hier in der Metrostation überhaupt dargestellt ist. (DD)

Ort des Martyriums

Am 25. Februar 1950, also vor genau 70 Jahren, erlag hier der Priester Josef Toufar den Folgen der Folterungen durch die Staatssicherheit. Am 19. Januar 1969 starb im selben Gebäude Jan Palach (früherer Beitrag hier), der sich drei Tage zuvor aus Protest gegen die Unterdrückung des Prager Frühlings und die sich ausbreitende Gleichgültigkeit der Menschen selbst angezündet hatte. Es ist fast ein gespenstischer Zufall, dass sie beide als Märtyrer für ihre Überzeugungen an diesem Ort, einem kleinen Krankenhaus in der Neustadt, starben. Ihr Schicksal gemahnt daran, welche Gräuel das Land in den Zeiten des Kommunismus durchmachte. Und es mutet fast wie Ironie an, dass beide hier an diesem Ort nicht offiziell durch den Staat, sondern durch ein illegales Grafitti an der Fassade des Gebäudes Legerova 1627/61 geehrt werden, das der Designer und Künstler Otakar Dušek dort 2014 anbrachte.

Jan Palach ist vielen Menschen bekannt. Mit seiner Selbstverbrennung sandte er ein Fanal an die Welt – ein Protestsignal gegen die Gleichgültigkeit seiner Mitmenschen gegenüber der Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahr zuvor. Seiner wird bis heute gedacht. Beim 50. Jahrestag seines Todes war sein Denkmal am Wenzelsplatz mit Blumen überhäuft. Im selben Jahr wurde seine Geschichte verfilmt. Er ist zum Sinnbild des Widerstands gegen den Kommunismus geworden.

Weniger bekannt – und das auch nur im Lande selbst und nicht außerhalb – ist das grauenvolle Schicksal des katholischen Priesters Josef Toufar. Im Dezember 1949 hatten bei einer seiner Gottesdienste in der Kirche der kleinen Gemeinde von Číhošť einige Gläubige angeblich beobachtet, dass sich hinter dem Priester (der das nicht sehen konnte) ein aufgestelltes Kreuz ein wenig hin und her bewegte. Eine richtige Erklärung (nicht einmal, ob das Ganze stattgefunden hatte) konnten Toufar und einige seiner Kollegen, die er heranzog (darunter der Botschafter des Vatikans in Prag) nicht finden. Aber es strömten Gläubige in die Kirche, um den Ort eines „Wunders“ zu besichtigen.

Zu dieser Zeit führten die Kommunisten, die im Vorjahr die Macht an sich gerissen hatten, eine Hetzkampagne gegen die Kirchen durch. Toufar wurde beschuldigt, das „Wunder“ selbst in betrügerischer Absicht inszeniert zu haben, um die „wissenschaftliche“ Staatsdoktrin des Historischen Materialismus zu untergraben. Am 28. Januar 1950 verhaftete man ihn. Von da an begann ein Martyrium für den unschuldigen Priester, das seinesgleichen sucht. Er wurde gefoltert, um ein Geständnis aus ihm herauszuholen, das man dann für einen großangelegten Schauprozess hätte verwenden können. Toufar hielt der immer brutaler werden Folter lange stand. Erst am 22. Februar unterschrieb er das Geständnis, das Kreuz manipuliert zu haben. Obendrein schob man noch die absurde Lüge nach, er habe Kinder missbraucht. Der Zynismus der kommunistischen Schergen kannte nun keine Grenzen mehr. Die Staatssicherheit hatte angefangen, einen kleinen Propagandafilm über Toufars „Vergehen“ zu drehen und am 23. Februar sollte er vor die Kamera gezerrt werden, um sein Geständnis zu wiederholen. Zu diesem Zeitpunkt war er aber durch die Folter so sehr geschwächt, dass er nicht mehr vor der Kamera stehen konnte. Zudem weigerte er sich standhaft. Die Folter ging weiter. Drei Tage später, am 25. Februar 1950, wurde er in das kleine Krankenhaus in der Legerova eingeliefert. Die Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun. Er starb innerhalb kürzester Zeit. Die Mediziner wurden gezwungen, auf dem Totenschein ein „Magengeschwür“ als Todesursache einzutragen. Nach dem Fall des Kommunismus berichtete einer der Ärzte: „Bei der Operation von Josef Toufar habe ich damals assistiert. Wir taten alles, was in menschlicher Macht steht, aber dieser Mensch konnte nicht gerettet werden. Er wurde auf ungewöhnlich brutale Weise zu Tode geprügelt. Ich würde sagen – ein klarer Mord.“

Und genau in jene Klinik wurde rund 19 Jahre später Jan Palach eingeliefert – eher durch Zufall, weil ein Krankenwagen gerade in der Nähe vorbeikam und die Klinik die nächstgelegene war.

Die Klink, in der beide ihr Ende fanden, wurde übrigens 1984 geschlossen und das Gebäude wurde der Akademie der Wissenschaften übertragen, die aber 2007 wieder auszog. Pläne, das Haus der Feuerwehr als Zentrum für Prävention anzudienen, scheiterten an den hohen Renovierungskosten. Sehr zum Bedauern vieler Historiker und Denkmalschützer ließ man das ansonsten nicht sehr bedeutsam aussehende Gebäude im einfachen (und im Stadtteil 2 quasi ortsüblichen) Neorenaissance-Stil verfallen. Als Obdachlose dort zu übernachten begannen, vernagelte man Türen und Fenster. Und so steht es dort nun – hässlich verkommen und baufällig.

Otakar Dušeks Kunstaktion, die Portraits der beiden Märtyrer an die Fassade zu malen, war somit ein Protest gegen die Art, wie die Stadt mit einem solch wichtigen Gedenkort umgeht. Obwohl man im Augenblick, also fünf Jahre später, immer noch keine Ansätze einer Renovierung des Hauses beobachten kann, scheint die Stadt immerhin ein wenig schuldbewusst zu sein. Jedenfalls wurde die illegale Sprayarbeit des Künstlers nicht geahndet. Und mittlerweile betrachtet man sie schon als so etwas wie eine Art inoffizieller Gedenkstätte. (DD)

Ein Bunker, der gottlob nie getestet wurde

Der Kalte Krieg hinterließ auch seine Spuren in Prag. In den 1950er und frühen 1960er schien die Gefahr eines Nuklearkrieges durchaus real (Stichwort: Kubakrise) zu sein. Mehr als im Westen bestand die Antwort in den kommunistischen Ländern im Bau von unzähligen riesigen Bunkern. Sie dienten nicht nur direkten militärischen Zwecken der Landesverteidigung, sondern vor allem in besonders großem Umfang als Schutzeinrichtungen für die Zivilbevölkerung.

Eine solche Einrichtung befindet sich in Prag 2 im Folimanka Park (ul. Pod Karlovem). Es gab wohl schon eine kleine Bunkereinrichtung, die während des Zweiten Weltkriegs erbaut worden war. An einigen Stellen sieht man heute noch deutsche Schrifttafeln und Hinweise (wie die lebenswichtige Information im Bild links), aber ansonsten weiß man erstaunlich wenig über diesen ursprünglichen Bunker.

Aber nötig war er wohl, denn die Ausstellung drinnen beginnt mit einigen Tafeln über die Bombardierung Prags am 14. Februar 1945 durch amerikanische Bomber, die eigentlich an der Bombardierung Dresdens hätten teilnehmen sollen, sich aber verflogen hatten. Über 700 Menschen kamen ums Leben und besonders der Stadtteil 2 war schwer betroffen. Eine entschärfte Fliegerbom beim Eingangsbereich des Bunkers, die gottlob nicht explodierte, erinnert daran.

Im großen Stil wurde der Bau des Folimanka-Bunkers aber erst in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre in Angriff genommen. 1962 wurde er fertiggestellt. Tief in den Schieferfelsen des Areals gehauen, sollte er sogar atombombensicher sein. Statiker sagen heute, man solle froh sein, dass das nie ausgetestet wurde. Wie dem auch sei: Die Anlage war jedenfalls beeindruckend groß und gut ausgestattet.

Schon die bloßen Daten sprechen für sich. 125 Meter sind die Korridore lang, die die verschiedenen Räume innen verbinden. 1332 Quadratmeter misst die Grundfläche. Für 1300 Menschen waren die Schutzräume geplant, die für 72 Stunden hier in Sicherheit gebracht werden sollten. Schlappe 0.8 qm pro Person waren von den Planern der Anlage vorgesehen, was eher knapp bessen ist, aber immer noch besser als draußen verstrahlt zu werden.

1989 verschwand der Spuk des Kommunismus und mit ihm der Kalte Krieg. Der Bunker gehörte weiterhin dem Zivilschutz, war aber geschlossen und verfiel. 1994 gab man ihn der Stadtverwaltung von Prag 2, die aber zunächst wenig damit anfangen konnte. Aber der Speleologenverein der Stadt und andere Aktivisten zeigten immer mehr Interesse an diesem in Stein, Stahl und Beton gegossenen Zeitdokument. Sie betrieben Lobbying und die Stadtverwaltung 2 investierte ordentlich Geld für eine allfällige Renovierung. Seit 2014 ist der Bunker einmal im Monat an einem Samstag (zu erfahren hier) geöffnet. Ginge es nach der Besuchernachfrage, könnte der Bunker noch öfter geöffnet werden, denn der Andrang ist jedesmal enorm.

Die Besucher bekommen auch einiges geboten. Ausstellungstafeln (leider meist nur in Tschechisch, aber es gibt kleine Infoblätter auch in Englisch, die über das Nötigste Auskunft geben) geben Auskunft über technische Details und die Geschichte. Man kann Lagerräume, Generatoren, medizinische Fazilitäten, Luftfilter, Staubfilter, Toiletten (die sich durch besonders wenig Privatsphäre auszeichneten) bewundern. Oder die Kommunikationseinrichtungen und die vier kärglich aussehenden Duschen, die übrigens nicht der allgemeinen Hygiene dienten, sondern der Dekontaminierung von Menschen, die gerade noch ein wenig nuklearen Fallout mitbekommen hatten. Oder den Raum, in dem man hätte die Toten unterbringen müssen, die dort mit Löschkalk bedeckt worden wären.

Kurz: Das ist ein informatives und spannendes Museum für die ganze Familie (sogar Hunde sind erlaubt)! Ein Ausflug in dieses Labyrinth aus den Zeiten des Kalten Krieges lohnt sich in jedem Fall. Anschließend kann man noch einwenig durch den Park schlendern und die damals sorgfältig versteckten Hinweise auf den Bunker suchen, wie zum Beispiel den deutlich oberhalb liegenden Lüftungsschacht im Bild links. (DD)