Vor 100 Jahren geboren: Alexander Dubček

Er war die große Leitfigur des Prager Frühlings von 1968. Vor genau 100 Jahren, am 27. November 1921, wurde Alexander Dubček in der slowakischen Stadt Uhrovec geboren. Der Sohn eines Tischlers hatte sich schon in den späten 1930er Jahren den Kommunisten angeschlossen. Aber schon bald nach der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei 1948 wurde klar, dass seine Auffassung von sozialistischer Entwicklung sich von denen seiner zu dieser Zeit strikt stalinistischen Parteigenossen deutlich unterschied.

Obwohl schon Parteisekretär in Bratislava, äußerte er offen Kritik an der Verfassungsrefom von 1958, die das Monopol der Kommunistischen Partei verankerte. Immer wieder setzte er sich für Opfer interner Säuberungen der Kommunistischen Partei ein und erreichte deren Rehabilitierung – ironischerweise galt das auch ausgerechnet für Gustáv Husák, der 1954 in einem Schauprozess als „bourgeoiser Nationalist“ zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, und der dann nach der Niederschlagung des Prager Frühlings Dubček absetzen und dessen Reformen rückgängig machen sollte.

Und in den frühen 1960er Jahren erreichte Dubček im slowakischen Landesteil tatsächlich einige Lockerungen in Sachen Meinungsfreiheit. Seine große Stunde kam, als er im Januar 1968 den Hardliner Antonín Novotný als Ersten Sekretär der KP ablöste und nun ein nationales Reformprogramm initiieren konnte. Die Abschaffung der Zensur, eine vorsichtige Dezentralisierung des Staates und sehr behutsame Anpassungen des Wirtschaftssystems an marktwirtschaftliche Prinzipien standen auf der Tagesordnung.

Im August war alles vorbei. Die Sowjetunion wollte derartige „liberale“ Alleingänge nicht tolerieren und 500.000 Soldaten des Warschauer Pakts marschierten ins Land ein. Dubček wurde schrittweise entmachtet und durch Husák ersetzt, der das Land einer „Normalisierung“ unterzog, wie die Machthaber damals die Rückkehr zur harten Diktatur euphemistisch nannten. Dubček wurde 1970 aus der KP ausgeschlossen und musste sich als Beschaffungsinspektor der Forstverwaltung von Bratislava verdingen.

Im November 1989 gehörte er mit Václav Havel zu den Anführern der großen Demonstrationen in Prag, die die Samtene Revolution einleiteten. Noch im Dezember des Jahres wurde er Präsident des Parlaments und konnte wesentliche Beiträge leisten, den Kommunismus zu beenden und eine neue Ära der Demokratie einzuleiten. Er hatte gerade den Vorsitz der slowakischen Sektion der neu gegründeten Sozialdemokratischen Partei übernommen, als er am 7. November 1992 bei einem Verkehrsunfall auf der Autobahn nahe der Stadt Humpolec ums Leben kam.

Im November 2009 wurde am heutigen Gebäude des Neuen Nationalmuseums in der Wilsonova 52/2 (Prag 1), das ab 1972 unter den Kommunisten als tschechoslowakisches Parlament (siehe unseren früheren Beitrag hier) fungierte, eine Gedenktafel mit einer Büste Dubčeks eingeweiht. Sie ist ein Werk des Bildhauers Teodor Baník. Das Gebäude diente noch nach dem Sturz des Kommunismus bis zur Auflösung der Tschechoslowakei als Parlament und es war Dubčeks letzte politische Wirkungsstätte als Parlamentspräsident.

Dubček zu ehren, war ein Anliegen, das tschechische und slowakische Repräsentanten gleichermaßen bewegte, und so nahmen bei der Einweihung des Denkmals der Präsident des Slowakischen Nationalrats Pavol Paška, der slowakische Kulturminister Marek Maďarič, die Präsidenten der Abgeordnetenkammer und des Senats des Parlaments der Tschechischen Republik Miloslav Vlček und Přemysl Sobotka teil. Die Inschrift auf dem Marmortafel ist sowohl in Tschechisch als auch Slowakisch gehalten und lautet übersetzt: „In diesem Gebäude arbeitete 1989-1992 als Präsident der Bundesversammlung der ČSFR Alexander Dubček.“ (DD)

Ironie der Geschichte: Das Denkmal für die Studentenkolonie

Der heutige 17. November ist bekanntlich Nationalfeiertag in Tschechien, der Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (Den boje za svobodu a demokracii). Für die Kommunisten bedeutete er im Jahre 1989 etwas, das sie anscheinend nicht einmal ansatzweise verstehen oder vorhersehen konnten. Das kleine Denkmal auf der Letnáhöhe ist jedenfalls zugleich ein würdiger Gedenkort für die kleinen Helden der Freiheit als auch ein Dokument von falscher Selbsteinschätzung der Mächtigen.

Man findet es an einem etwas abgelegenen Ort auf einer Grünanlage bei der Tramhaltestelle Špejchar an der großen ul. Milady Horákové in Prag 7 Bubeneč. Es wurde buchstäblich an dem Tag errichtet, an dem die Samtene Revolution das Schicksal derer politisch besiegelte, die es errichteten. Worum ging es? Am 17. November 1939 hatten Studenten in Prag massiv gegen die Nazibesetzung demonstriert. Die Demonstration wurde blutig niedergeschlagen (siehe früheren Beitrag hier), blieb aber im Gedächtnis der Menschen als Freiheitsfanal bestehen. Obwohl es den meisten Demonstranten damals um Freiheit und Demokratie ging, versuchten die sich „antifaschistisch“ gerierenden Kommunisten nach ihrer Machtergreifung 1948, die Heldentat der Studenten für sich plakativ zu vereinnahmen. Der Ort hier schien genau der richtige zu sein.

Auf der Freifläche, wo heute das Denkmal steht, befand sich ab 1921 die Studentenkolonie Kolonka. Anfang der 1920er Jahre wuchs die Bevölkerung Prags und die Wohnungen wurden knapp. Das betraf vor allem auch die wachsende Zahl von Studenten, die zunehmend von Armut und Not betroffen war. Eine sehr engagierte Gruppe von Studenten gründete daraufhin eine Genossenschaft (die eine Art Vorläufer heutiger Studentenwerke war), die spezielle Wohnheime für Studenten bauen und betreiben wollte. Die Idee funktionierte. Es gab viele Spender, von denen Präsident Tomáš Garrigue Masaryk der prominenteste war. Schließlich gab es auch einen staatlichen Zuschuss für das Projekt. Der Architekt Miloš Vaněček entwarf eine Wohnanlage im kubistischen Stil, die von den Studenten größtenteils in Eigenarbeit errichtet wurde. Der Komplex wurde von den Studenten selbst verwaltet. Natürlich nahmen viele der Studenten am 17. November 1939 an den Demonstrationen gegen die Nazis teil. Die gnadenlose Antwort blieb nicht aus. SS-Einheiten stürmten das Areal, lösten die Kolonie gewaltsam auf, legten die Gebäude in Schutt und Asche und brachten vor allem die führenden Studenten in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Nach dem Ende der Nazizeit wurde die Kolonie wieder aufgebaut und betrieben, aber sie war nur noch ein Teil des (sozialistischen) staatlichen Studentenwohnheimbetriebs. 1979 wich sie der Straßenbahnschleife, die sich jetzt hier befindet.

Mit dem Denkmal sollte seitens der regierenden Kommunisten der 50. Jahrestag der Proteste von 1939 gebührend gefeiert werden. Es handelt sich um eine Steinstele, deren Umrisse vage einer menschlichen Figur entsprechen. Darauf befindet sich die Inschrift: „1921 – 1939 . Zde stála studentská kolonie Kolonka. Bašta pokrokové inteligence. 17. listopad 1989“ (auf Deutsch: 1921 – 1939. Hier stand die Studentenkolonie Kolonka. Bastion der fortschrittlichen Intelligenz. 17. November 1989). Unter der Inschrift befindet sich eine Skizze des Grundrisses der Kolonie. Entworfen wurde das Denkmal von der Malerin Marie Hlobilová – Mrkvičková. Es ist im Stil der Gründungszeit der Kolonie gehalten und enthält immerhin keinerlei kommunistische Symbolik, die heute irgendwie störend wirken könnte. Es strahlt angemessene Würde aus.

Trotzdem war die damalige Intention die einer Vereinnahmung. Sie funktionierte aber nicht mehr. Wenn sich Totalitäre (Kommunisten) als Gegenspieler zu anderen Totalitären (Nazis) und als Verteidiger der Demokratie (wie es die Studenten waren) aufspielen, ist das in der Tat schon unglaubwürdig. Parallel zu der Errichtung des Denkmals erlaubten die Kommunisten auch noch Gedenkdemonstrationen zu den Ereignissen vom 17. November 1939, an denen dann aber auffallend viele recht aufmüpfige Studenten teilnahmen. Sie schlugen in eine große Protestaktion gegen die Kommunisten und ihr Unterdrückungsregime um und markierten den Beginn der Samtenen Revolution. Ganz im Geist der Studenten von 1939 kämpfte man nun für die Freiheit – während die Kommunisten ihnen zur gleichen Stunde noch auf dem Letná dieses Denkmal setzten. Das nennt man Ironie der Geschichte. (DD)

Rüde Rudé Právo

Als der Palais gebaut wurde, befand man sich hier im Grünen. Die Stadt wuchs und wuchs. Heute hat der Palais Desfour (Desfourský palác) an der Na Florenci 1023/21 (Neustadt) das Pech, dass er ein wenig arg von Eisenbahnschienen und Autobahnzubringern eingekesselt ist. Was schade ist, denn so wurde ein architektonisches Juwel dem Vergessen und dem allmählichen Verfall überantwortet.

Es ist ein Gebäude der Kontraste. Von außen sieht man eine klassizistische Fassade, die wegen ihrer feinen Strenge wenig von dem verrät, was sich dahinter verbirgt. Die klassizistische Klarheit der Form beeindruckt um so mehr, wenn man weiß, dass sie das Werk des Architekten Josef Kranner ist. Der war als Dombaumeister des Veitsdoms bekannt und galt deshalb als Spezialist für eher verspielte Gotik (Beispiel hier). Erst bei näherem Hinschauen erkennt man die Schönheit der Fassade.

Gebaut wurde der Palais (oder besser: die Stadtvilla) in den Jahren 1845 bis 1847 von dem in den Adelsstand erhobenen Industriellen Ritter Albert Freiherr Klein von Wisenberg, der es aber noch während der Bauarbeiten an seinen Ko-Unternehmer in diesem Projekt verkaufte, dem Landbesitzer und Politiker Franz Vincenz Graf Des Fours Walderode zu Mont und Athienville. Der gab dem Haus dann auch den Namen – jedenfalls in Kurzfassung…

Ein Teil des dreistöckigen Hauses diente fortan als gräfliche Wohnung, der Rest wurde vermietet. 1878, neun Jahre nach dem Tod des namensgebenden Grafen, verkaufte dessen Witwe das gesamte Anwesen – Palais samt dem dazu gehörenden Garten. Damit begann der Abstieg des Hauses, das nunmehr ausschließlich Mietshaus war und auch bald nicht mehr so recht im Grünen lag, sondern neben lauten Eisenbahngleisen. Aber irgendwie ging es weiter. Dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, kamen die Kommunisten an die Macht. Das bedeutete selten etwas Gutes für architektonische Kulturschätze. Und so war es auch in diesem Fall. Langsamer Verfall setzte ein.

Der wurde noch einmal beschleunigt, als 1951 der neue Inhaber erst einmal das hübsche Gewächshaus im Garten abriss. Es handelte sich bei dem Besitzer um die Redaktion und Verwaltung des kommunistischen Zentralorgans Rudé Právo (Rotes Recht). Mit der Inneneinrichtung ging Rudé Právo recht rüde um. Leitungen wurden durch Stuck gebrochen, Kabel verdrahteten die Räume und die Hässlichkeit der Einrichtungsgegenstände, die wahllos eingebaut wurden, besticht schon irgendwie auf eigene Art – hier ein Ofen und ein Telefon (beides vermutlich aus den 1970er Jahren) als Beispiele.

1983 wurde gar der ganze Westflügel abgerissen, um Platz für die Druckerei von Rudé Právo zu machen. Die wurde übrigens 1989 fertiggestellt und konnte eine Ausgabe des Blatts drucken. Dann kam das Ende des Kommunismus und damit das Ende der Rudé Pravo. Die Zeitung existiert – losgelöst von der Kommunistischen Partei – als unabhängiges linkes Presseorgan unter dem Namen Právo weiter, aber wesentlich kleiner als das Vorgängerblatt. Deshalb war der Palais Desfour zu groß und man residiert heute etwas außerhalb in kleineren Räumlichkeiten. Aber die Schäden im alten Gebäude blieben – bis heute.

Und seit den 1990er Jahren steht das Gebäude leer. Der alte Park hinter dem Haus wurde gestalterisch den luxuriösen neuen Gebäude- und Bürokomplexen der Umgebung zugeschlagen. Er wurde rundum erneuert, aber eben nicht mehr passend zum Stil des Palais‘. Immerhin – eine kleine Ruhezone inmitten der Stadt ist hier entstanden. Aber für das Haus schienen sich weder Käufer noch Nutzungsmöglichkeiten finden. 1995 erbarmte sich die Stadt selbst und das Gebäude wurde in deren Besitz überführt. Zu einem Aufleben der alten Pracht hat das aber seither noch nicht so recht geführt.

Wie traurig das ist, kann nur erahnen, wer einmal drinnen war. Das Haus wird leider nur selten für die Öffentlichkeit geöffnet. Die Gelegenheit zur Besichtigung bietet sich bisweilen bei dem Tag der offenen Tür für historische Gebäude, hier Open House Praha genannt. Bei der Gelegenheit wurden im September 2020 die Photos hier geknipst. Trotz des Verfalls und den kommunistischen Verunstaltungen kann man dann ein immer noch zutiefst beeindruckendes Bauwerk sehen. Das liegt vor allem an den farbenfohen Wand- und Deckenmalereien des Malers Karel Nacovský, die wundervoll von dem Stuckateur Ferdinand Pischelt in Stuck eingefasst wurden. In dieser Qualität sieht man selbst im schönen Prag so etwas selten.

Besonders im ersten Stock wechseln sich nachempfingen von Renaissance- und Barockmalereien ab. Die Decken sind in der Regel besser erhalten als die Wandgemälde – wohl aber nur deshalb weil sie sich möglicherweise etwas mehr außerhalb der Reichweite der Kulturschänder befanden, die hier dereinst hausten. Aber auch hier ist hoher Reparaturbedarf sichtbar. Immerhin hat die Stadt in den letzten Jahren mit der Restauration einiger Malereien angefangen. Stützgerüste sichern auch einige Deckenstrukturen vor dem Absturz. Aber das ersetzt nicht eine Vollrenovierung mit anschließender sinnvoller Nutzung.

Die sollte auch die verschiedenen Nutzungsphasen (nur bitte nicht zuviel von der kommunistischen!) präsentieren. Denn im zweiten Stock wollte man Anfang des 20. Jahrhunderts dem Neobarock bzw. der Neorenaissance des ersten Stocks eine damals moderne Note hinzuzufügen. So findet man hier auch Spuren einer hübschen Einrichtung im Jugendstil (Art Nouveau). Dazu gehört der außerordentlich hübsche von Holz und Marmor umfasste Kamin mit Spiegel auf dem Bild rechts mit seinen metallenen Schmuckgittern. Anscheinend war ein großer Teil dieser Etage völlig stimmig dazu gestaltet worden.

Das ästhetische Kernstück ist jedoch das große Treppenhaus. Es ist durch alle Stockwerke hindurch mit Marmor verkleidet. Ein Deckengemälde mit Stuck schließt es oberhalb ab. Klassische Säulen und kunstvoll geschmiedete Gußeisengeländer zieren das Ganze. Aber auch hier sind zurzeit Teile nicht begehbar und werden restauriert. Es wird Zeit, dass sich etwas tut. Immerhin: Seit 2016 diskutiert man, ob hier nicht ein Prager Archäologiemuseum als Abteilung des Museums der Hauptstadt Prag (wir berichteten) eingerichtet werden soll.

Die Planungen für den Ausbau des Hauptstadtmuseums sind allerdings gegenwärtig großen, politisch aufgeladenen Schwankungen ausgesetzt. Aber die Chancen, dass dieses sinnvolle und passende Projekt realisiert werden kann, sind durchaus gestiegen.

Man sollte sich aber beeilen. Denn es ist schade um jeden Tag, an dem der Verfall und die Vernachlässigung dieses doch recht außergewöhnlichen Gebäudes weiter voranschreitet. (DD)

Der polnische Palach

Am 8. September 1968 – heute vor 53 Jahren – feierten die polnischen Kommunisten im damaligen Stadion Dziesięciolecia in Warschau das Erntedankfest. Tage zuvor, am 20. August, hatten Truppen des Warschauer Paktes (auch polnische) begonnen, den Prager Frühling niederzuschlagen. Unter den 100.000 Besuchern im Stadion befand sich auch Ryszard Siwiec. Kaum hatte Parteichef Władysław Gomułka seine Rede gehalten, warf Siwiec Flugblätter gegen das Regime ins Publikum, begoss sich mit Benzin und zündete sich mit dem Ruf „Ich protestiere“ (Protestuję!) an.

Sanitäter und Polizisten stürmten herbei und versuchten, das Feuer zu löschen, doch Siwiec wehrte sich heftig. Schließlich brach er zusammen, man löschte das Feuer und er wurde weggetragen. Im Krankenhaus starb er am 12. September an den Folgen seiner schweren Verbrennungen. Die Öffentlichkeit erfuhr davon nichts. Die von den Kommunisten kontrollierte Presse schwieg den Vorfall tot. Den Zeugen im Stadion, die die Selbstverbrennung beobachtet hatten, wurde später erzählt, Siwiec sei halt geistesgestört gewesen. Inwieweit sich die Nachricht trotzdem in Untergrundmedien, den Samisdat, verbreitete, lässt sich heute schwer nachverfolgen. Man weiß daher nicht, ob man damals in der Tschechoslowakei von dieser solidarischen Selbstaufopferung erfuhr, insbesondere, ob Siwiecs Tat als Inspiration für die ungleich berühmtere Selbstverbrennung von Jan Palach (wir berichteten u.a. hier) am 16. Januar 1969 diente, die allerdings schnell ihren Weg in die westlichen Medien fand. Von Siwiecs Tod erfuhr die Weltöffentlichkeit in größerem Umfang erst im April 1969 durch Radio Free Europe (über das wir hier berichteten) – also erst nach Palachs Fanal in Prag.

Wer war Ryszard Siwiec? Siwiec kam aus dem heutigen Lviv (Lemberg) in der Ukraine, das vor dem Zweiten Weltkrieg aber noch zu Polen gehörte, und wo er Philosophie studierte. Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 kämpfte er im Untergrund für die Polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa), die der legitimen Exilregierung in London unterstand. Er musste ansehen, wie die Sowjets nach der „Befreiung“ 1945 die Heimatarmee vernichteten, um so die Macht zu ergreifen. Seinen Beruf als Lehrer gab Siwiec, der von den kommunistischen Verbrechen angeekelt war, auf, weil er dort gezwungen worden wäre, Kinder im Sinne des Regimes zu indoktrinieren. Stattdessen schlug er sich als Buchhalter durchs Leben. Nebenbei schrieb und verteilte er (illegal) kleine Handzettel gegen die roten Herrscher, die er mit dem Pseudonym „Jan Polak“ unterzeichnete. Als 1968 der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in der Tschechoslowakei den Prager Frühling beendete, fand er, dass jetzt den Worten eine entschiedene Tat folgen müsse. Und so kam es zur Selbstverbrennung im Warschauer Stadion.

Erst nach dem Sturz des Kommunismus wurde Siwiecs Tat die Anerkennung zuteil, die sie verdiente. Schon 1991 machte in Polen und der Tschechoslowakei der preisgekrönte Film Hört meinen Schrei (Usłyszcie mój krzyk) des polnischen Regisseurs Maciej Drygas Furore, der viele Menschen erstmals auf den in Tschechien oft „der polnische Palach“ genannten Siwiec aufmerksam machte. Ehrungen folgten: Im Jahr 2001 verlieh der Präsident der Tschechischen Republik, Václav Havel, Ryszard Siwiec posthum den Tomáš-Garrigue-Masaryk-Orden 1. Klasse – die höchste Auszeichnung des Landes. 2003 kam es in Polen zum Eklat, als Präsident Alexander Kwasniewski ihm ebenfalls postum einen hohen Orden verleihen wollte. Die Familie Siwiecs lehnte die Annahme ab, weil Kwasniewski ehemaliger (wenngleich geläuterter) Kommunist war und von der postkommunistischen Partei, der Bund der Demokratischen Linken (Sojusz Lewicy Demokratycznej), als Kandidat aufgestellt worden war. 2006 wurde Siwiec dann noch einmal vom slowakischen Präsidenten Ivan Gašparovič mit dem Orden des Weißen Doppelkreuzes ausgezeichnet.

Seit dem August 2010 gibt es in Prag ganz in der Nähe der Wirtschaftsuniversität (Vysoká škola ekonomická v Praze) ein Denkmal für Siwiec aufgestellt und in Gegenwart von prominenten Persönlichkeiten aus Tschechien und Polen – etwa der tschechische Innenminister Radek John, der Vizepräsident des polnischen Senats Zbigniew Romaszewski und der polnische Botschafter Jan Pastwa – feierlich eingeweiht. Betrieben wurde die Aufstellung vom Institut für das Studium für totalitärer Regime (Ústav pro studium totalitních režimů, ÚSTR), das sich mit der historischen Aufarbeitung nationalsozialistischer und kommunistischer Verbrechen und der Erinenrungs daran befasst, und dessen Büro sich in der Nähe befindet. Schon im Jahr zuvor hatte man die Straße in Žižkov (Prag 3), wo das Denkmal heute steht, nach ihm Siwiecova benannnt. Leider handelt es sich um einen städteplanerisch eher unattraktiven Platz, der dem Andenken vielleicht nicht ganz würdig wird. Trotz der abgelegenen Lage kommen immer wieder Menschen, um eine Kerze zu seinem Gedenken vor dem Stein aufzustellen.

Das Denkmal hat die Form eines Obelisken, der nach oben hin aufgespalten ist. Die rote Namensinschrift für Siwiec deutet an, dass hier Flammen symbolisiert sind, die einen Riss in den monolithischen Stein (steht er für das System?) treiben. Auf den Seiten sind in Polnisch, Tschechisch und Englisch die Lebensdaten, sein Dienst bei der Heimatarmee, seine Selbstverbrennung in Solidarität mit der Tschechoslowakei als größtmögliches Opfer im Dienste der Wahrheit aufgezählt. Erschaffen wurde das Denkmal von dem polnischen Bildhauer Marek Moderau, der in Polen durch etliche Denkmäler zur Erinnerung an totalitäre Gräuel bekannt wurde. Es handelt sich bei dem Denkmal um eine exakte Kopie des Gedenksteins für Siwiec, der heute vor dem Warschauer Nationalstadion (Stadion Narodowy) steht, das hier 2012 anstelle des 2008 wegen Baufälligkeit abgerissenen Stadion Dziesięciolecia, wo Siwiec sich 1968 selbst verbrannt hatte, errichtet wurde. (DD)

Der letzte Brief

Am 26. Juni 1950 – heute vor 71 Jahren – saß Milada Horáková in der Todeszelle im Gefängnis von Prag-Pankrác . Am nächsten Morgen würde sie am Galgen hingerichtet werden. Die tapfere demokratische Parlamentarierin, die schon von den Nazis verfolgt worden war, hatte auch gegen die Kommunisten Widerstand geleistet und war dafür nach einem farcenhaften Schauprozess zu Tode verurteilt worden (wir berichteten u.a. hier).

In ihrer letzten Nacht in der Zelle vor der Hinrichtung schrieb sie noch einen langen Brief an ihre 16jährige Tochter Jana. Er ist heute im Nationaldenkmal auf dem Vítkov ausgestellt – als eines der erschütterndsten und Herz ergreifendsten menschlichen Zeugnisse, die an die Grauen des Kommunismus in den Zeiten des Stalinismus im Lande erinnern.

In dem Brief (vollständige englische Übersetzung hier) sucht sie nach Worten des Trostes für die Tochter: “Bedauere mich nicht! Ich hatte ein wunderbares Leben. Ich akzeptiere meine Verurteilung mit Resignation und unterwerfe mich voll Demut. Mein Bewußtsein ist klar und ich hoffe, glaube und bete darum, vor dem Hohen Gericht Gottes bestehen zu können.”

Und als Lebensrat: „Untersuche, denke, kritisiere, ja, kritisiere hauptsächlich dich selbst. Schäme dich nicht, eine Wahrheit zuzugeben, die du erkannt hast, auch wenn du vor einiger Zeit das Gegenteil verkündet hast. Sei nicht hartnäckig in deinen Ansichten, aber wenn du etwas für richtig hältst, dann sei so bestimmt, dass du dafür kämpfen und sterben kannst. … Du musst deine Wurzeln dort niederlegen, wo das Schicksal für dich bestimmt ist, um zu leben. Du mussst Deinen eigenen Weg finden. Suche unabhängig danach, lasse Dich sich von nichts abbringen… Gehe einfach nicht auf einen falschen, unehrlichen und nicht mit dem Leben harmonierenden Weg. Ich habe meine Meinung oft geändert, viele Werte neu geordnet, aber was als wesentlicher Wert übrig blieb, ohne den ich mir mein Leben nicht vorstellen kann, ist die Freiheit meines Gewissens.“

Die Kommunisten hatten versprochen, den Brief nach der Hinrichtung der Tochter zuzustellen. Wie von ihnen zu erwarten war, taten sie das nicht und so lag er Jahrzehnte in einem Aktenschrank. Erst nach der Samtenen Revolution von 1989 wurde er gefunden und der Tochter Jana Kansky Horakova übergeben, die ihn nunmehr dem Museum des Nationaldenkmals überließ. (DD)

Arbeiterromantik in der Bahnhofshalle

Heute ist der 1. Mai. Der Tag der Arbeit. Zu keiner Epoche wurde die Arbeiterschaft künstlerisch so bejubelt, wie in den Zeiten der kommunistischen Herrschaft. Spuren davon findet man davon in Prag, wenn man nur ein wenig sucht. Das riesige Wandgemälde in der Halle des Bahnhofs von Smíchov (Prag 5) gehört zum Feinsten vom Feinen und Pompösesten vom Pompösen, auf das man dabei stoßen kann.

Wir verdanken dieses etwas über 40 Meter lange Bild dem Maler Richard Wiesner. Der war ein akademisch ausgebildeter Künstler und hatte in der Zwischenkriegszeit unter anderem bei keinem geringeren als František Kupka studiert. Der war zunächst dem Impressionismus verpflichtet, wurde dann aber zum Begründer der abstrakten Kunst im Lande. Die war später, nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 nicht mehr so recht gewünscht, aber Kupka lebte da schon in Paris, wo er 1957 starb. Sein Schüler Wiesner entwickelte hingegen schon früh einen Faible für den Sozialistischen Realismus. 1971 kürte man ihn sogar zum Nationalkünstler der ČSSR. Auch war er zum Beispiel Gründungsmitglied der 1958 von seinem Künstlerkollegen Josef Brož (Nationalkünstler 1968) ins Leben gerufene Skupina 58 (Gruppe 58), eine Künstlervereinigung, die sich für ein Kunstverständnis im Sinne des sozialistischen Aufbaus einsetzte.

Und das sehen wir hier in seiner perfekten Ausformung. In einer sehr konservativ anmutenden Sgrafitto-Technik (auch Kratzputztechnik genannt, weil dabei verschiedenfarbige Putzschichten je nach Bedarf freigekratzt werden) hat Wiesner den Vorgaben des Sozialistischen Realität von Genüge getan und dem damals verfemten Formalismus (d.h. der abstrakten Kunst) keine Chance gegeben. Handwerklich gibt es hier an der naturalistischen Ausführung wenig zu kritisieren. Eigentlich sieht es irgendwie sogar putzig und fast schon karikaturenhaft aus. Die Linientreue zeigt sich natürlich auch und vor allem auf der inhaltlichen Ebene. Nun gut: Der Arbeiter im großen Bild schiebt etwas mürrisch seine Schubkarre vor sich hin. Vielleicht, weil er auch heute weder den Russen Stachanow, noch den „DDR“-Deutschen Hennecke bei der Plansoll-Verzehnfachung überbieten hatte können, ja nicht einmal den landeseigenen tschechoslowakischen Václav Svobodá. Dann heißt das aber nur, dass sein Wunsch, dem Sozialismus aufopfernd zu dienen, nur noch gestärkt wurde. Morgen klappt es ja vielleicht. Denn, wie man dazu so schön singt: „In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute, wir sind die stärkste der Partei’n. Die Müßiggänger schiebt beiseite! Diese Welt muss unser sein.“ Und ansonsten sieht man nur Leute, die hochmotiviert sind oder es sich sogar richtig gut gehen lassen, so wie das wild tanzende Paar im Bild links oberhalb.

Auch befindet sich die Arbeiterklasse im festen und unauflöslichen Bündnis mit den Intellektuellen, die im realen Sozialismus stets bemüht sind, bei der der Herausbildung des richtigen revolutionären Klassenbewusstseins die eigentliche Speerspitze des Proletariats zu sein. Unentwegt schmieden Sie Pläne zum Aufbau der neuen Gesellschaft, wie man es hier oberhalb rechts sieht. Sie scheinen vergessen zu haben, dass man sie zwecks Umerziehung dereinst simple Frondienste machen ließ (etwa beim Brückenbau worüber wir hier berichteten). Ein klarer Fall von revolutionärer Bewusstseinsveränderung. Nicht zu vergessen, dass die Arbeiterklasse sich hier auch im natürlichen Einklang mit der Bauernschaft befindet, die sich noch begeistert erinnert, wie sie vor einigen Jahren in der sogenannten „Aktion Kulak“ zu ihrem eigenen Glück (zu dem man ja selbstredend ab und an gezwungen werden muss) zwangskollektiviert wurde (wir berichteten hier). Aber jetzt, im Jahre 1956, hat die Kollektivierung mental gewirkt und die landwirtschaftlichen Arbeiter und Arbeiterinnen schwingen fröhlich ihre Harken.

Überhaupt bediente sicher der Künstler einer künstlerischen Sprache, die eher der eines klassisch antikisierenden pastoralen Idylls entspricht – auch, wenn die Arbeit dargestllt werden. Das war damals nicht unüblich, ist aber merkwürdig, wenn man bedenkt, dass im ideologischen Mittelpunkt ja das Industrieproletariat und die Industrialisierung steht und nicht der „Idiotismus des Landlebens“ (wie Marx es ausdrückte). Aber es gibt da wohl noch mehr Widerspüche.

Was dachte wohl der tschechoslawische Arbeiter darüber, dass er mit so viel Arbeiterromantik gefeiert wurde? Das ist schwer zu sagen. Allerdings war es hier beim Bahnhof Smíchov nie schwer, die Diskrepanz zwischen der hier präsentierten Idylle und der Realität des Realsozialismus zu bemerken. Die Umgebung am Rande des alten Arbeiterviertels Smíchov ist ein wenig heruntergekommen. Drumherum befindet sich nur graue und monotone sozialistische Einheitsarchitektur, die sich doch arg von der pastoralen Idylle der künstlerischen Imagination unterscheidet (wobei die nachkommunistischen Gebäude auch nicht beeindrucken). Das gilt auch von außen gesehen für das Bahnhofsgebäude selbst. Gebaut wurde der heutige Bahnhof in den Jahren 1953 bis 1956 aber immerhin von zwei recht bedeutenden Architekten des Funktionalismus, nämlich Jan Zázvorka, der immerhin in der Zeit der Republik das Nationaldenkmal auf dem Vítkovberg entworfen hatte, worüber wir hier berichteten) und Ladislav Žák, der in den 1930ern an der Mustersiedlung Baba mitgewirkt hatte. Das war immerhin ein Fortschritt, denn in dieser Zeit endete die Phase des Stalinismus im Lande, der kunstpolitisch ausgesprochen anti-modern war und in der Architektur den Zuckerbäckerstil bevorzugte.

Das heutige Bahnhofsgebäude, das 1985 an die mit eigener Station an die Metro angeschlossen wurde, ist nicht das ursprüngliche Gebäude. Denn ursprünglich stand hier für die k.k. privilegierte Böhmische Westbahn (Česká západní dráha) ein historistisch gestalteter Bahnhof aus dem Jahr 1862. Der verband Prag mit Bayern – zunächst nur als Güterbahnhof, ab 1888 auch für den Personenverkehr. obwohl Smíchov erst 1992 zu Prag eingemeindet wurde, nannte man ihn von 1909 bis 1920 Prager Westbahnhof (Západní nádraží). Der zu den zentralen (und nicht mehr nach Bayern führenden) Verkehrsknotenpunkten des Westufers der Stadt gehörende Bahnhof, war zu Beginn der 1950er Jahre weder in Sachen Kapazität noch bei der Technik hinreichend – deshalb auch der Neubau in den 1950er Jahren. Immerhin knüpften die Architekten beim Inneren der Bahnhofshalle doch noch an die feinere Ästhetik des Funktionalismus der 1930er Jahre an, was sich an der schönen Kasstettendecke und der geschickten Beleuchtung des Wiesnerschen Bildes durch die gegenüberliegenden Fenster zeigt.

Ach ja: Eigentlich hätte man hier noch zeigen können, wie am linken Bildrand kommunistische Sicherheitskräfte stehen, die bewaffnet das dargestellte Arbeiteridyll bewachen. Als ich das gerade photographieren wollte, machten mich heutige Sicherheitskräfte darauf aufmerksam, dass ich hier drinnen überhaupt nicht photographieren dürfe. Ein ältere Dame, die gerade vorbei ging, kommentierte das die Szene mit einem kräftigen „Nesmysl!“ (Unsinn!). Die Szene muss sie wohl an die Zeiten erinnert haben, die oben auf dem Bild doch etwas verzerrt dargestellt wurden. (DD)

PS: Nachtrag September 2021. Ach, was soll’s! Mit dem Mobilphon habe ich doch noch unbemerkt die kommunistischen Sicherheitskräfte geknipst. Man sieht sie auf dem Bild rechts etwas mißmutig gestimmt mit ihren Waffen dastehen. Die Leute, die beschützt werden, sehen auch missmutig, obwohl doch die gesellschaftlichen Verhältnisse Dank der Vergesellschaftung der Produktionsverhältnisse so sind, dass sie das eigentlich nicht sein sollten. Hmmm. Immerhin sieht der Hund sehr motiviert aus… Vermutlich lauert im nahen Wald nicht der Klassenfeind, sondern ein Kaninchen.

Panzer hin, Panzer her, mal rosa, mal nicht…

Da ragt doch tatsächlich ein Teil eines Panzers aus der Erde! Wir befinden uns am westlichen Teil des Kinský Platzes (Náměstí Kinských) im Stadtteil Smíchov (Prag 5), wo Kunst und Panzer schon öfters eine Symbiose eingegangen waren.

Dieses Stück Panzer hat David Černý, der zu anarchischen Provokationen neigende Bildhauer (wir berichteten schon unter anderem hierhier, hier und hier) im schönen Rasen des Platzes versenkt, so dass nur noch ein Stück hinausschaut. Das tat er mit Billigung der Smíchover Stadtregierung, denn es gab einen aktuellen Anlass. Der Tag, an dem der Künstler sein Werk hier installierte, war der 21. August 2018. Es war der 50. Jahrestag der Niederschlagung des Prager Frühlings, bei dem Panzer der Sowjetunion und ihrer Verbündeten in die Stadt rollten, um die politische Liberalisierung, die sich das Regime in der Tschechoslowakei erlaubt hatte, zu unterdrücken. Dies und die Tatsache, dass Russland wieder eine expansive Politik – etwa die Annexion der Krim 2014 – betrieb, war für Černý der gegebene Anlass, dass Panzerkunstwerk hier aufzustellen bzw. einzugraben.

Nicht immer waren die Stadtoberen mit David Černýs Panzerkunst so einverstanden. Am Ostteil des Platzes stand nämlich zur Zeit des Kommunismus ein pompöses Denkmal für die Rote Armee, die 1945 die Stadt „befreit“ hatte, was aber realiter die stalinistische Diktatur im Lande einläuten sollte. Im April 1991, zwei Jahre nach dem Ende des Kommunismus und rechtzeitig zum Abzug der letzten Sowjettruppen stand das Denkmal, auf dem sich ein großer Sowjetpanzer befand, immer noch da. David Černý – noch immer über die Tyrannei der Kommunisten empört – malte darob in einer Nachtaktion den Panzer rosa an. Die Prager Behörden reagierten unpassend und humorlos und ließen den Panzer wieder in seinen Originalzustand zurückversetzen. Es gab Strafandrohungen, am Ende sogar mit einer kurzfristigen Verhaftung des Künstlers. Schließlich nutzte eine Gruppe von 15 Parlamentariern ihre Immunität und malte am hellen Tage aus Solidarität mit dem Künstler den Panzer wieder rosa an. Er wechselte noch etliche Male die Farbe. Das Parlament strich schließlich am Ende den Status des Denkmals als nationales (schützenswertes) Monument. Ende Mai wurde der Panzer – in rosa! – ins  Militär Museum Lešany, rund 20 Kilometer südlich von Prag umversetzt.

Zu diesem Zeitpunkt war er bereits für alle Humorvollen und Freiheitsliebenden zum Kultgegenstand geworden und Černý wurde eine Art Robin Hood im Künstlergewand. Ab und an wurde der rosa Panzer aus dem Museum geholt, um auf Tour zu gehen. 2011 durfte er auf einem Ponton (um den Asphalt zu schützen) zum 20. Jahrestag des Abzugs der Sowjettruppen über den Wenzelsplatz kurven. 2019 wurde er sogar in Stockholms Straßen vorgestellt. Selbst frühere Skeptiker waren nun mit Černý versöhnt.

Im August 2008 befand sich eines Morgens wieder ein Stück rosa Panzer auf dem Kinský Platz. So wie heute und am selben Ort ragte der Vorderteil (es wurde wohl kein ganzer Panzer eingegraben) aus dem Boden heraus. In rosa, aber kein Panzer der Sorte, die 1945 hier einfuhr, sondern einer mit dem charakteristischen weißen Streifen, der ihn als Panzer der Invasionstruppen von 1968 auszeichnete (man beging ja auch gerade den 40. Gedenktag). Nach Protesten des russischen Botschafters und des im Verdacht von starken Sympathien für die Politik von Putins Russland stehenden Ministerpräsidenten Miloš Zeman, wurde der Panzertorso anfang 2009 unter Protesten des Künstlers und Teilen der Bevölkerung wieder entfernt.

Pünktlich zum 50. Jahrestag der Invasion stellte Černý 2018 den Torso wieder auf, diesmal im originalen grün. Die bürgerliche Stadtregierung schien sich nun aber mit mehr Offenheit dem Ganzen zu nähern. Wegen des Jahrestages wurde für die Monate August und September eine Sondergenehmigung erteilt. Erstmals befand sich ein Panzerkunstwerk des Künstlers legal auf dem Kinský Platz. Am Ende gab sich der Stadtteilbürgermeister Pavel Richter einen Ruck und verlängerte die Genehmigung bis auf weiteres. Nun kann man zu jeder Tag- und Nachtzeit mit Černý der kommunistischen Tyrannei und ihrem Ende gedenken Auf seine Weise. (DD)

Wo Hermes prangt

Der Gott Hermes war für die alten Griechen der Beschützer des Handels (und der Diebe, aber das spielt hier jetzt keine Rolle). Wen wundert es, dass sein geflügeltes Konterfei gleich über dem Portal der alten Tschechoslowakischen Handelsakademie (Českoslovanská akademie obchodní) in der Resslova 1780/8 (Neustadt) prangt?

Die wurde schon 1872 gegründet – allerdings an einem anderen Standort nahe des Hauses bei Rott (Dům U Rotta) am Malé náměstí nahe des Altstädter Rathauses. Unter dem ersten Rektor, Emanuel Tonner, gab es 135 Schüler, die damals satte 120 Goldstücke für den Unterricht zahlen mussten. Die Nachfrage war so groß, dass man 1882 auf dem kurz zuvor aufgelassenen Gefängniskomplexes nahe der Kirche des Heiligen Wenzel von Zderaz (Kostel sv. Václava na Zderaze), über den wir hier berichteten, ein neues und großes Gebäude errichtete – eben das hier vorgestellte. Der Architekt war der Baumeister Václav Nekvasil, der es in einem feinen Neorenaissancestil erbaute, der harmonisch zu dem antiken Hermes passt.

Die Handelsakademie erwies sich als ein sehr fortschrittliches Institut. Schon im Semester 1906/07 wurden erstmals 49 Mädchen zum Studium zugelassen, die nicht nur als Heimchen am Herd enden, sondern beruflich in bisherige Männerdomänen eindringen wollten. Das passte auch „geographisch“, da schon 1896 der Böhmische Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český) genau auf der anderen Straßenseite (Resslova 1940/5) seine Schule für Mädchen aus armen Elternhäusern aufgemacht hatte, worüber wir bereits hier berichteten. Der progressive tschechische Geist war den Bürokraten der Habsburgermonarchie in den Zeiten des Ersten Weltkriegs suspekt. Lehrbücher wurden verboten, einige Lehrer verhaftet. Nur Notunterricht lief noch. In der Ersten Republik wuchs die Akademie zwar, aber die Planungen für ein neues Haus andernorts liefen schleppend. Als 1939 die Nazis kamen, wurde der Betrieb erst einmal bis 1945 gewaltsam geschlossen, weil er als Hort des Widerstands galt. Die Machtergreifung der Kommunisten im Februar 1948 stieß bei den Studenten ebenfalls auf Protest. Viele beteilgten sich an dem Demonstrationsmarsch von Studenten zum Präsidentenpalast, der von der bereits kommunistisch unterwanderten Polizei gewaltsam niedergeschlagen wurde. Mehrere Professoren wurden entlassen, 17 Studenten und 2 Professoren wurden vor Gericht gezerrt, etliche von ihnen zur Zwangsarbeit in die Uranminen geschickt. Andere konnten noch in den Westen fliehen. Der Lehrplan wurde auf Marx/Engels umgestellt und man durfte keine „unabhängigen Unternehmer für kapitalistische Unternehmen“ mehr ausbilden. Um die Sache abzurunden, wurde die Akademie in Hochschule für Wirtschaft umbenannt.

Auf der anderen Straßenseite erfolgte währenddessen die Gleichschaltung und dann 1971 die Auflösung des Frauen-Erwerb-Vereins. Dessen Gebäude wurde 1961 enteignet und der Handelsakademie übergeben, die dorthin umziehen musste. Der Umzug, so vermerkte man damals bitter, war eine Zwangsaktion und kostete die Akademie auch mehr als das beschlagnahmte Vermögen des aufgelösten Vereins hergab. Und populär wurde der Kommunismus hier nie. 1989 bildete sich mit der Samtenen Revolution ein Bürgerforum von Studenten und Professoren, das nach Kräften beim Sturz der Tyrannei mithalf und Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht forderte. Am Ende konnte man doch auf eine schöne Tradition zurückblicken, die sich 1993 auch in dem Beschluss wiederspiegelte, den alten Namen – Tschechoslowakische Handelsakademie – wieder einzuführen, obwohl es seit dem 1. Januar dieses Jahres gar keine Tschechoslowakei mehr gab.

Und auch das Gebäude erinnert immer noch an die gute ale Zeit. Das ist der Hermes, der über dem Portal ist, aber auch der Hermes, den man oben im Giebel bewundern kann, oder die zahlreichen anderen skupturalen Elemente in einem feinen Jugendstil, der sich perfekt in die Neorenaissance-Fassade einschmiegt. Dazu passt auch der jugendstilige Schriftzug průmyslobchodpeněžnictví (Industrie, Handel, Finanzen) über dem ersten Stock.

An der Fassade im Erdgeschoss befindet sich auch noch eine Gedenktafel mit Portraitreflief für den Dichter Josef Václav Sládek, der sich als Übersetzer der Werke Shakespeares, Byrons und Hawthornes hervorgetan hatte, und von 1872 bis 1900 in der Handelsakademie als Englischlehrer wirkte. Der intellektuelle Horizont des Hauses reichte wohl immer über die bloße Ökonomie hinaus.

Das Hauptgebäude der Akademie liegt immer noch gegenüber im aten Gebäude des Frauen-Erwerb-Vereins, aber hier wurde die weiterführende Berufschule und die Business Academy (Českoslovanská akademie obchodní dr. Edvarda Beneše) untergebracht, die der Akademie angeschlossen sind. Die Kontiunität der Nutzung des Gebäudes ist also gewahrt. (DD)

Reportage unter dem Galgen

Einen Mangel an Denkmälern und Gedenktafeln für ihn gibt es in Prag wohl nicht: Julius Fučík. Diese Tafel mit einem Reliefportrait befindet sich in der Bulharská 587/3 im Stadtteil Vršovice (Prag 10) und ist nur ein Beispiel von vielen.

Der gleichnamige Neffe des politisch wohl unbedenklicheren Komponisten Julius Fučík (dem wir den berühmten Einzug der Gladiatoren verdanken) hatte sich schon als Jugendlicher literarisch und politisch zugleich engagiert. 1921 gehörte er zu den Gründern der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, die sich gerade von den Sozialdemokraten abgespalten hatte. Mit der Partei blieb er seitdem immer im Reinen. Selbst als 1929 Klement Gottwald als neuer Anführer die Partei im Auftrag Stalin gleichschaltete, und andere kommunistische Schriftsteller, wie etwa Vladislav Vančura, mit ihrem Manifest der Sieben gegen die Gleichschaltung protestierten, blieb er linientreu. 1930 – zur Zeit des größten stalinistischen Terrors – schrieb er eine Reiseschilderung in die Sowjetunion unter dem Titel V zemi, kde zítra již znamená včera (Eine Welt, in der das Morgen schon Geschichte ist), die die Verhältnisse dort propagandistisch verherrlichte und dabei natürlich völlig verharmloste.

Aber er hatte auch Mut und literarisches Geschick als Literaturkritiker und Autor von Reportagen. Als 1939 die Nazis einmarschierten ging er in den Widerstand, wurde Mitglied des Untergrundzentralkomittees der Partei und gab illegale Zeitungen heraus. Ständig wechselte er den Wohnsitz, um nicht gefasst zu werden. Die Inschrift auf der Gedenktafel in der Bulharská lautet: „Hier versteckte er sich und arbeitete in den Jahren 1940-1941 illegal. Julius Fučík“. Sie wurde 1961 von dem Bildhauer Josef Smetánka mit allem kommunistischem Dekor – rote Flagge und Sowjetstern – angefertigt.

1942 wurde er bei einer Razzia verhaftet und ins  Gefängnis Pankrác gesteckt. Er wusste, dass sein Ende gekommen war. Im Angesicht des Todes schrieb er hier sein wohl bedeutendstes und erschütterndstes Werk Reportáž psaná na oprátce (Reportage unter dem Strang geschrieben). Zwei Wärter schmuggelten das Manuskript heraus, dass dann erst 1945 erschien. 1943 wurde Fučík nach Berlin verschleppt, wo der „Volksgerichtshof“ unter dem Vorsitz des berüchtigten Blutrichters Roland Freisler ihn zum Tode verurteilte. Die Hinrichtung erfolgte kurz darauf in Berlin-Plötzensee. Die Kommunisten errichteten nach 1948 einen Kult um ihren Märtyrer, der bisweilen überzogen wirkte. Zugleich kürzten und veränderten sie die Ausgaben seiner Werke, wenn irgendetwas nicht mehr in die aktuelle Parteilinie passte. Erst mit dem Ende des Kommunismus konnte man – eine Ironie der Geschichte! – ihn im Echttext lesen. Er blieb seither umstritten als überzeugter Stalinist einerseits und als mutiges Opfer im Widerstand gegen die Nazis andererseits. Seine unter den Kommunisten errichteten Denkmäler gibt es daher noch immer, wie dieses hier in Vršovice. (DD)

Spannende Geschichte einer mysteriösen Villa

Ein wenig gespenstisch sieht die große Villa in der Na Pavím vrchu 1949/2 hoch über dem Park Santoška in Smíchov schon aus. Die Aussicht, die man hier über die Stadt genießen kann, ist atemberaubend. Aber irgendwie verleihen die großen Antennen, die das Gebäude hinter hohen Zäunen und Hecken geradezu wie ein Wald umgeben, dem Ganzen nicht so recht den Eindruck, dass es sich hier noch um einen Ort des müßigen Genießens der umgebenden Landschaft handelt.

Dabei hatte sich der ursprüngliche Eigner der Villa, der Industrielle und Bauunternehmer Otokar Kruliš-Randa, der das Gebäude in den späten 1920er Jahren bauen ließ (weshalb es oft als Krulišova-Villa bezeichnet wird), sicherlich so gedacht. Der war eine beeindruckende Persönlichkeit, ein bibliophiler Büchersammler, ein Schachmeister (und Vorsitzender der Schachvereinigung der Tschechoslowakei) und eine zeitlang sogar Präsident des Böhmisch-Mährischen Industriellenverbandes. Während der Nazizeit legte er sich mit den neuen Machthabern des öfteren mutig an und musste sich 1940 schließlich von seinem Posten und aus der Villa zurückziehen. Stattdessen baute er seine renommierte Bibliothek in seinem neuen Anwesen im südböhmischen Defurovy Lažany auf.

Seine Prager Villa machte währenddessen harte Zeiten durch. Als im Mai 1945 der Prager Aufstand (siehe auch hier und hier) begann, zog sich eine Einheit der SS hierher zurück und verteidigte sich zwei Tage lang verbissen bevor die Aufständischen endlich den wegen seiner Höhenlage strategisch wichtigen Punkt eroberten. Man hätte erwarten können, dass OtokarKruliš-Randa danach die Villa wieder in Stand setzen und friedlich bewohnen hätte können. Doch der wurde erst einmal von Denunzianten der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt. Es folgte ein glänzender Freispruch. Der half aber nichts, denn 1948 kamen die Kommunisten an die Macht und verhafteten ihn trotzdem wieder. Der Mann war ja Kapitalist und somit per se schuldig – zumindest in den Augen der Kommunisten… Die Jahre 1949/50 verbrachte er im Arbeitslager. 1953 wurde er mit fabrizierten „Beweisen“ wieder verhaftet und zu elf Jahren Haft verurteilt, die er nicht überlebte. 1958 starb er im Gefängnis. Erst 1969 wurde er postum rehabilitiert.

Die Villa in Smíchov wurde von den Kommunisten folgerichtig 1948 verstaatlicht und zu sinistren Zwecken genutzt, d.h. sie wurde der Staatssicherheit übergeben. Hier residierte deren „6. Verwaltung“ (VI. správa), wie die High-Tech-Abteilung mit ihren großen Abhöranlagen genannt wurde. Vor allem wurde von hier der ausländische Funk- und Radiobetrieb abgehört. Kurz vor dem Zusammenbruch des Kommunismus ließ man das Gebäude umfassend renovieren, wobei man hauptsächlich politischen Gefangenen in Zwangsarbeit die schwersten Arbeiten überließ. Die wurden jeden Tag in Bussen aus dem Gefängnis hier hinauf gekarrt.

Ein wenig über alle diese Ereignisse erfährt man heute von einer Infotafel (nur in Tschechisch), die auf dem Aussichtplatz davor aufgestellt wurde. Versuche, das Gebäude nach dem Fall des Kommunismus einer völlig anderen Bestimmung zuzuführen, scheiterten. Die Villa gehört nunmehr dem Innenministerium, das hier ein „Funkkommunikations- und Messzentrum“ betreibt. Das soll jetzt aber die Demokratie im Lande beschützen und nicht mehr dem Totalitarismus dienen. Aber eins ist klar: Der erste Eindruck, dass sich hinter dem mysteriösen Erscheinungsbild der Villa aufdrängt, trügt nicht: Hinter dem Haus verbirgt sich tatsächlich eine spannende Historie. (DD)