Der letzte Brief

Am 26. Juni 1950 – heute vor 71 Jahren – saß Milada Horáková in der Todeszelle im Gefängnis von Prag-Pankrác . Am nächsten Morgen würde sie am Galgen hingerichtet werden. Die tapfere demokratische Parlamentarierin, die schon von den Nazis verfolgt worden war, hatte auch gegen die Kommunisten Widerstand geleistet und war dafür nach einem farcenhaften Schauprozess zu Tode verurteilt worden (wir berichteten u.a. hier).

In ihrer letzten Nacht in der Zelle vor der Hinrichtung schrieb sie noch einen langen Brief an ihre 16jährige Tochter Jana. Er ist heute im Nationaldenkmal auf dem Vítkov ausgestellt – als eines der erschütterndsten und Herz ergreifendsten menschlichen Zeugnisse, die an die Grauen des Kommunismus in den Zeiten des Stalinismus im Lande erinnern.

In dem Brief (vollständige englische Übersetzung hier) sucht sie nach Worten des Trostes für die Tochter: “Bedauere mich nicht! Ich hatte ein wunderbares Leben. Ich akzeptiere meine Verurteilung mit Resignation und unterwerfe mich voll Demut. Mein Bewußtsein ist klar und ich hoffe, glaube und bete darum, vor dem Hohen Gericht Gottes bestehen zu können.”

Und als Lebensrat: „Untersuche, denke, kritisiere, ja, kritisiere hauptsächlich dich selbst. Schäme dich nicht, eine Wahrheit zuzugeben, die du erkannt hast, auch wenn du vor einiger Zeit das Gegenteil verkündet hast. Sei nicht hartnäckig in deinen Ansichten, aber wenn du etwas für richtig hältst, dann sei so bestimmt, dass du dafür kämpfen und sterben kannst. … Du musst deine Wurzeln dort niederlegen, wo das Schicksal für dich bestimmt ist, um zu leben. Du mussst Deinen eigenen Weg finden. Suche unabhängig danach, lasse Dich sich von nichts abbringen… Gehe einfach nicht auf einen falschen, unehrlichen und nicht mit dem Leben harmonierenden Weg. Ich habe meine Meinung oft geändert, viele Werte neu geordnet, aber was als wesentlicher Wert übrig blieb, ohne den ich mir mein Leben nicht vorstellen kann, ist die Freiheit meines Gewissens.“

Die Kommunisten hatten versprochen, den Brief nach der Hinrichtung der Tochter zuzustellen. Wie von ihnen zu erwarten war, taten sie das nicht und so lag er Jahrzehnte in einem Aktenschrank. Erst nach der Samtenen Revolution von 1989 wurde er gefunden und der Tochter Jana Kansky Horakova übergeben, die ihn nunmehr dem Museum des Nationaldenkmals überließ. (DD)

Arbeiterromantik in der Bahnhofshalle

Heute ist der 1. Mai. Der Tag der Arbeit. Zu keiner Epoche wurde die Arbeiterschaft künstlerisch so bejubelt, wie in den Zeiten der kommunistischen Herrschaft. Spuren davon findet man davon in Prag, wenn man nur ein wenig sucht. Das riesige Wandgemälde in der Halle des Bahnhofs von Smíchov (Prag 5) gehört zum Feinsten vom Feinen und Pompösesten vom Pompösen, auf das man dabei stoßen kann.

Wir verdanken dieses etwas über 40 Meter lange Bild dem Maler Richard Wiesner. Der war ein akademisch ausgebildeter Künstler und hatte in der Zwischenkriegszeit unter anderem bei keinem geringeren als František Kupka studiert. Der war zunächst dem Impressionismus verpflichtet, wurde dann aber zum Begründer der abstrakten Kunst im Lande. Die war später, nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 nicht mehr so recht gewünscht, aber Kupka lebte da schon in Paris, wo er 1957 starb. Sein Schüler Wiesner entwickelte hingegen schon früh einen Faible für den Sozialistischen Realismus. 1971 kürte man ihn sogar zum Nationalkünstler der ČSSR. Auch war er zum Beispiel Gründungsmitglied der 1958 von seinem Künstlerkollegen Josef Brož (Nationalkünstler 1968) ins Leben gerufene Skupina 58 (Gruppe 58), eine Künstlervereinigung, die sich für ein Kunstverständnis im Sinne des sozialistischen Aufbaus einsetzte.

Und das sehen wir hier in seiner perfekten Ausformung. In einer sehr konservativ anmutenden Sgrafitto-Technik (auch Kratzputztechnik genannt, weil dabei verschiedenfarbige Putzschichten je nach Bedarf freigekratzt werden) hat Wiesner den Vorgaben des Sozialistischen Realität von Genüge getan und dem damals verfemten Formalismus (d.h. der abstrakten Kunst) keine Chance gegeben. Handwerklich gibt es hier an der naturalistischen Ausführung wenig zu kritisieren. Eigentlich sieht es irgendwie sogar putzig und fast schon karikaturenhaft aus. Die Linientreue zeigt sich natürlich auch und vor allem auf der inhaltlichen Ebene. Nun gut: Der Arbeiter im großen Bild schiebt etwas mürrisch seine Schubkarre vor sich hin. Vielleicht, weil er auch heute weder den Russen Stachanow, noch den „DDR“-Deutschen Hennecke bei der Plansoll-Verzehnfachung überbieten hatte können, ja nicht einmal den landeseigenen tschechoslowakischen Václav Svobodá. Dann heißt das aber nur, dass sein Wunsch, dem Sozialismus aufopfernd zu dienen, nur noch gestärkt wurde. Morgen klappt es ja vielleicht. Denn, wie man dazu so schön singt: „In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute, wir sind die stärkste der Partei’n. Die Müßiggänger schiebt beiseite! Diese Welt muss unser sein.“ Und ansonsten sieht man nur Leute, die hochmotiviert sind oder es sich sogar richtig gut gehen lassen, so wie das wild tanzende Paar im Bild links oberhalb.

Auch befindet sich die Arbeiterklasse im festen und unauflöslichen Bündnis mit den Intellektuellen, die im realen Sozialismus stets bemüht sind, bei der der Herausbildung des richtigen revolutionären Klassenbewusstseins die eigentliche Speerspitze des Proletariats zu sein. Unentwegt schmieden Sie Pläne zum Aufbau der neuen Gesellschaft, wie man es hier oberhalb rechts sieht. Sie scheinen vergessen zu haben, dass man sie zwecks Umerziehung dereinst simple Frondienste machen ließ (etwa beim Brückenbau worüber wir hier berichteten). Ein klarer Fall von revolutionärer Bewusstseinsveränderung. Nicht zu vergessen, dass die Arbeiterklasse sich hier auch im natürlichen Einklang mit der Bauernschaft befindet, die sich noch begeistert erinnert, wie sie vor einigen Jahren in der sogenannten „Aktion Kulak“ zu ihrem eigenen Glück (zu dem man ja selbstredend ab und an gezwungen werden muss) zwangskollektiviert wurde (wir berichteten hier). Aber jetzt, im Jahre 1956, hat die Kollektivierung mental gewirkt und die landwirtschaftlichen Arbeiter und Arbeiterinnen schwingen fröhlich ihre Harken.

Überhaupt bediente sicher der Künstler einer künstlerischen Sprache, die eher der eines klassisch antikisierenden pastoralen Idylls entspricht – auch, wenn die Arbeit dargestllt werden. Das war damals nicht unüblich, ist aber merkwürdig, wenn man bedenkt, dass im ideologischen Mittelpunkt ja das Industrieproletariat und die Industrialisierung steht und nicht der „Idiotismus des Landlebens“ (wie Marx es ausdrückte). Aber es gibt da wohl noch mehr Widerspüche.

Was dachte wohl der tschechoslawische Arbeiter darüber, dass er mit so viel Arbeiterromantik gefeiert wurde? Das ist schwer zu sagen. Allerdings war es hier beim Bahnhof Smíchov nie schwer, die Diskrepanz zwischen der hier präsentierten Idylle und der Realität des Realsozialismus zu bemerken. Die Umgebung am Rande des alten Arbeiterviertels Smíchov ist ein wenig heruntergekommen. Drumherum befindet sich nur graue und monotone sozialistische Einheitsarchitektur, die sich doch arg von der pastoralen Idylle der künstlerischen Imagination unterscheidet (wobei die nachkommunistischen Gebäude auch nicht beeindrucken). Das gilt auch von außen gesehen für das Bahnhofsgebäude selbst. Gebaut wurde der heutige Bahnhof in den Jahren 1953 bis 1956 aber immerhin von zwei recht bedeutenden Architekten des Funktionalismus, nämlich Jan Zázvorka, der immerhin in der Zeit der Republik das Nationaldenkmal auf dem Vítkovberg entworfen hatte, worüber wir hier berichteten) und Ladislav Žák, der in den 1930ern an der Mustersiedlung Baba mitgewirkt hatte. Das war immerhin ein Fortschritt, denn in dieser Zeit endete die Phase des Stalinismus im Lande, der kunstpolitisch ausgesprochen anti-modern war und in der Architektur den Zuckerbäckerstil bevorzugte.

Das heutige Bahnhofsgebäude, das 1985 an die mit eigener Station an die Metro angeschlossen wurde, ist nicht das ursprüngliche Gebäude. Denn ursprünglich stand hier für die k.k. privilegierte Böhmische Westbahn (Česká západní dráha) ein historistisch gestalteter Bahnhof aus dem Jahr 1862. Der verband Prag mit Bayern – zunächst nur als Güterbahnhof, ab 1888 auch für den Personenverkehr. obwohl Smíchov erst 1992 zu Prag eingemeindet wurde, nannte man ihn von 1909 bis 1920 Prager Westbahnhof (Západní nádraží). Der zu den zentralen (und nicht mehr nach Bayern führenden) Verkehrsknotenpunkten des Westufers der Stadt gehörende Bahnhof, war zu Beginn der 1950er Jahre weder in Sachen Kapazität noch bei der Technik hinreichend – deshalb auch der Neubau in den 1950er Jahren. Immerhin knüpften die Architekten beim Inneren der Bahnhofshalle doch noch an die feinere Ästhetik des Funktionalismus der 1930er Jahre an, was sich an der schönen Kasstettendecke und der geschickten Beleuchtung des Wiesnerschen Bildes durch die gegenüberliegenden Fenster zeigt.

Ach ja: Eigentlich hätte man hier noch zeigen können, wie am linken Bildrand kommunistische Sicherheitskräfte stehen, die bewaffnet das dargestellte Arbeiteridyll bewachen. Als ich das gerade photographieren wollte, machten mich heutige Sicherheitskräfte darauf aufmerksam, dass ich hier drinnen überhaupt nicht photographieren dürfe. Ein ältere Dame, die gerade vorbei ging, kommentierte das die Szene mit einem kräftigen „Nesmysl!“ (Unsinn!). Die Szene muss sie wohl an die Zeiten erinnert haben, die oben auf dem Bild doch etwas verzerrt dargestellt wurden (DD)

Panzer hin, Panzer her, mal rosa, mal nicht…

Da ragt doch tatsächlich ein Teil eines Panzers aus der Erde! Wir befinden uns am westlichen Teil des Kinský Platzes (Náměstí Kinských) im Stadtteil Smíchov (Prag 5), wo Kunst und Panzer schon öfters eine Symbiose eingegangen waren.

Dieses Stück Panzer hat David Černý, der zu anarchischen Provokationen neigende Bildhauer (wir berichteten schon unter anderem hierhier, hier und hier) im schönen Rasen des Platzes versenkt, so dass nur noch ein Stück hinausschaut. Das tat er mit Billigung der Smíchover Stadtregierung, denn es gab einen aktuellen Anlass. Der Tag, an dem der Künstler sein Werk hier installierte, war der 21. August 2018. Es war der 50. Jahrestag der Niederschlagung des Prager Frühlings, bei dem Panzer der Sowjetunion und ihrer Verbündeten in die Stadt rollten, um die politische Liberalisierung, die sich das Regime in der Tschechoslowakei erlaubt hatte, zu unterdrücken. Dies und die Tatsache, dass Russland wieder eine expansive Politik – etwa die Annexion der Krim 2014 – betrieb, war für Černý der gegebene Anlass, dass Panzerkunstwerk hier aufzustellen bzw. einzugraben.

Nicht immer waren die Stadtoberen mit David Černýs Panzerkunst so einverstanden. Am Ostteil des Platzes stand nämlich zur Zeit des Kommunismus ein pompöses Denkmal für die Rote Armee, die 1945 die Stadt „befreit“ hatte, was aber realiter die stalinistische Diktatur im Lande einläuten sollte. Im April 1991, zwei Jahre nach dem Ende des Kommunismus und rechtzeitig zum Abzug der letzten Sowjettruppen stand das Denkmal, auf dem sich ein großer Sowjetpanzer befand, immer noch da. David Černý – noch immer über die Tyrannei der Kommunisten empört – malte darob in einer Nachtaktion den Panzer rosa an. Die Prager Behörden reagierten unpassend und humorlos und ließen den Panzer wieder in seinen Originalzustand zurückversetzen. Es gab Strafandrohungen, am Ende sogar mit einer kurzfristigen Verhaftung des Künstlers. Schließlich nutzte eine Gruppe von 15 Parlamentariern ihre Immunität und malte am hellen Tage aus Solidarität mit dem Künstler den Panzer wieder rosa an. Er wechselte noch etliche Male die Farbe. Das Parlament strich schließlich am Ende den Status des Denkmals als nationales (schützenswertes) Monument. Ende Mai wurde der Panzer – in rosa! – ins  Militär Museum Lešany, rund 20 Kilometer südlich von Prag umversetzt.

Zu diesem Zeitpunkt war er bereits für alle Humorvollen und Freiheitsliebenden zum Kultgegenstand geworden und Černý wurde eine Art Robin Hood im Künstlergewand. Ab und an wurde der rosa Panzer aus dem Museum geholt, um auf Tour zu gehen. 2011 durfte er auf einem Ponton (um den Asphalt zu schützen) zum 20. Jahrestag des Abzugs der Sowjettruppen über den Wenzelsplatz kurven. 2019 wurde er sogar in Stockholms Straßen vorgestellt. Selbst frühere Skeptiker waren nun mit Černý versöhnt.

Im August 2008 befand sich eines Morgens wieder ein Stück rosa Panzer auf dem Kinský Platz. So wie heute und am selben Ort ragte der Vorderteil (es wurde wohl kein ganzer Panzer eingegraben) aus dem Boden heraus. In rosa, aber kein Panzer der Sorte, die 1945 hier einfuhr, sondern einer mit dem charakteristischen weißen Streifen, der ihn als Panzer der Invasionstruppen von 1968 auszeichnete (man beging ja auch gerade den 40. Gedenktag). Nach Protesten des russischen Botschafters und des im Verdacht von starken Sympathien für die Politik von Putins Russland stehenden Ministerpräsidenten Miloš Zeman, wurde der Panzertorso anfang 2009 unter Protesten des Künstlers und Teilen der Bevölkerung wieder entfernt.

Pünktlich zum 50. Jahrestag der Invasion stellte Černý 2018 den Torso wieder auf, diesmal im originalen grün. Die bürgerliche Stadtregierung schien sich nun aber mit mehr Offenheit dem Ganzen zu nähern. Wegen des Jahrestages wurde für die Monate August und September eine Sondergenehmigung erteilt. Erstmals befand sich ein Panzerkunstwerk des Künstlers legal auf dem Kinský Platz. Am Ende gab sich der Stadtteilbürgermeister Pavel Richter einen Ruck und verlängerte die Genehmigung bis auf weiteres. Nun kann man zu jeder Tag- und Nachtzeit mit Černý der kommunistischen Tyrannei und ihrem Ende gedenken Auf seine Weise. (DD)

Wo Hermes prangt

Der Gott Hermes war für die alten Griechen der Beschützer des Handels (und der Diebe, aber das spielt hier jetzt keine Rolle). Wen wundert es, dass sein geflügeltes Konterfei gleich über dem Portal der alten Tschechoslowakischen Handelsakademie (Českoslovanská akademie obchodní) in der Resslova 1780/8 (Neustadt) prangt?

Die wurde schon 1872 gegründet – allerdings an einem anderen Standort nahe des Hauses bei Rott (Dům U Rotta) am Malé náměstí nahe des Altstädter Rathauses. Unter dem ersten Rektor, Emanuel Tonner, gab es 135 Schüler, die damals satte 120 Goldstücke für den Unterricht zahlen mussten. Die Nachfrage war so groß, dass man 1882 auf dem kurz zuvor aufgelassenen Gefängniskomplexes nahe der Kirche des Heiligen Wenzel von Zderaz (Kostel sv. Václava na Zderaze), über den wir hier berichteten, ein neues und großes Gebäude errichtete – eben das hier vorgestellte. Der Architekt war der Baumeister Václav Nekvasil, der es in einem feinen Neorenaissancestil erbaute, der harmonisch zu dem antiken Hermes passt.

Die Handelsakademie erwies sich als ein sehr fortschrittliches Institut. Schon im Semester 1906/07 wurden erstmals 49 Mädchen zum Studium zugelassen, die nicht nur als Heimchen am Herd enden, sondern beruflich in bisherige Männerdomänen eindringen wollten. Das passte auch „geographisch“, da schon 1896 der Böhmische Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český) genau auf der anderen Straßenseite (Resslova 1940/5) seine Schule für Mädchen aus armen Elternhäusern aufgemacht hatte, worüber wir bereits hier berichteten. Der progressive tschechische Geist war den Bürokraten der Habsburgermonarchie in den Zeiten des Ersten Weltkriegs suspekt. Lehrbücher wurden verboten, einige Lehrer verhaftet. Nur Notunterricht lief noch. In der Ersten Republik wuchs die Akademie zwar, aber die Planungen für ein neues Haus andernorts liefen schleppend. Als 1939 die Nazis kamen, wurde der Betrieb erst einmal bis 1945 gewaltsam geschlossen, weil er als Hort des Widerstands galt. Die Machtergreifung der Kommunisten im Februar 1948 stieß bei den Studenten ebenfalls auf Protest. Viele beteilgten sich an dem Demonstrationsmarsch von Studenten zum Präsidentenpalast, der von der bereits kommunistisch unterwanderten Polizei gewaltsam niedergeschlagen wurde. Mehrere Professoren wurden entlassen, 17 Studenten und 2 Professoren wurden vor Gericht gezerrt, etliche von ihnen zur Zwangsarbeit in die Uranminen geschickt. Andere konnten noch in den Westen fliehen. Der Lehrplan wurde auf Marx/Engels umgestellt und man durfte keine „unabhängigen Unternehmer für kapitalistische Unternehmen“ mehr ausbilden. Um die Sache abzurunden, wurde die Akademie in Hochschule für Wirtschaft umbenannt.

Auf der anderen Straßenseite erfolgte währenddessen die Gleichschaltung und dann 1971 die Auflösung des Frauen-Erwerb-Vereins. Dessen Gebäude wurde 1961 enteignet und der Handelsakademie übergeben, die dorthin umziehen musste. Der Umzug, so vermerkte man damals bitter, war eine Zwangsaktion und kostete die Akademie auch mehr als das beschlagnahmte Vermögen des aufgelösten Vereins hergab. Und populär wurde der Kommunismus hier nie. 1989 bildete sich mit der Samtenen Revolution ein Bürgerforum von Studenten und Professoren, das nach Kräften beim Sturz der Tyrannei mithalf und Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht forderte. Am Ende konnte man doch auf eine schöne Tradition zurückblicken, die sich 1993 auch in dem Beschluss wiederspiegelte, den alten Namen – Tschechoslowakische Handelsakademie – wieder einzuführen, obwohl es seit dem 1. Januar dieses Jahres gar keine Tschechoslowakei mehr gab.

Und auch das Gebäude erinnert immer noch an die gute ale Zeit. Das ist der Hermes, der über dem Portal ist, aber auch der Hermes, den man oben im Giebel bewundern kann, oder die zahlreichen anderen skupturalen Elemente in einem feinen Jugendstil, der sich perfekt in die Neorenaissance-Fassade einschmiegt. Dazu passt auch der jugendstilige Schriftzug průmyslobchodpeněžnictví (Industrie, Handel, Finanzen) über dem ersten Stock.

An der Fassade im Erdgeschoss befindet sich auch noch eine Gedenktafel mit Portraitreflief für den Dichter Josef Václav Sládek, der sich als Übersetzer der Werke Shakespeares, Byrons und Hawthornes hervorgetan hatte, und von 1872 bis 1900 in der Handelsakademie als Englischlehrer wirkte. Der intellektuelle Horizont des Hauses reichte wohl immer über die bloße Ökonomie hinaus.

Das Hauptgebäude der Akademie liegt immer noch gegenüber im aten Gebäude des Frauen-Erwerb-Vereins, aber hier wurde die weiterführende Berufschule und die Business Academy (Českoslovanská akademie obchodní dr. Edvarda Beneše) untergebracht, die der Akademie angeschlossen sind. Die Kontiunität der Nutzung des Gebäudes ist also gewahrt. (DD)

Reportage unter dem Galgen

Einen Mangel an Denkmälern und Gedenktafeln für ihn gibt es in Prag wohl nicht: Julius Fučík. Diese Tafel mit einem Reliefportrait befindet sich in der Bulharská 587/3 im Stadtteil Vršovice (Prag 10) und ist nur ein Beispiel von vielen.

Der gleichnamige Neffe des politisch wohl unbedenklicheren Komponisten Julius Fučík (dem wir den berühmten Einzug der Gladiatoren verdanken) hatte sich schon als Jugendlicher literarisch und politisch zugleich engagiert. 1921 gehörte er zu den Gründern der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, die sich gerade von den Sozialdemokraten abgespalten hatte. Mit der Partei blieb er seitdem immer im Reinen. Selbst als 1929 Klement Gottwald als neuer Anführer die Partei im Auftrag Stalin gleichschaltete, und andere kommunistische Schriftsteller, wie etwa Vladislav Vančura, mit ihrem Manifest der Sieben gegen die Gleichschaltung protestierten, blieb er linientreu. 1930 – zur Zeit des größten stalinistischen Terrors – schrieb er eine Reiseschilderung in die Sowjetunion unter dem Titel V zemi, kde zítra již znamená včera (Eine Welt, in der das Morgen schon Geschichte ist), die die Verhältnisse dort propagandistisch verherrlichte und dabei natürlich völlig verharmloste.

Aber er hatte auch Mut und literarisches Geschick als Literaturkritiker und Autor von Reportagen. Als 1939 die Nazis einmarschierten ging er in den Widerstand, wurde Mitglied des Untergrundzentralkomittees der Partei und gab illegale Zeitungen heraus. Ständig wechselte er den Wohnsitz, um nicht gefasst zu werden. Die Inschrift auf der Gedenktafel in der Bulharská lautet: „Hier versteckte er sich und arbeitete in den Jahren 1940-1941 illegal. Julius Fučík“. Sie wurde 1961 von dem Bildhauer Josef Smetánka mit allem kommunistischem Dekor – rote Flagge und Sowjetstern – angefertigt.

1942 wurde er bei einer Razzia verhaftet und ins  Gefängnis Pankrác gesteckt. Er wusste, dass sein Ende gekommen war. Im Angesicht des Todes schrieb er hier sein wohl bedeutendstes und erschütterndstes Werk Reportáž psaná na oprátce (Reportage unter dem Strang geschrieben). Zwei Wärter schmuggelten das Manuskript heraus, dass dann erst 1945 erschien. 1943 wurde Fučík nach Berlin verschleppt, wo der „Volksgerichtshof“ unter dem Vorsitz des berüchtigten Blutrichters Roland Freisler ihn zum Tode verurteilte. Die Hinrichtung erfolgte kurz darauf in Berlin-Plötzensee. Die Kommunisten errichteten nach 1948 einen Kult um ihren Märtyrer, der bisweilen überzogen wirkte. Zugleich kürzten und veränderten sie die Ausgaben seiner Werke, wenn irgendetwas nicht mehr in die aktuelle Parteilinie passte. Erst mit dem Ende des Kommunismus konnte man – eine Ironie der Geschichte! – ihn im Echttext lesen. Er blieb seither umstritten als überzeugter Stalinist einerseits und als mutiges Opfer im Widerstand gegen die Nazis andererseits. Seine unter den Kommunisten errichteten Denkmäler gibt es daher noch immer, wie dieses hier in Vršovice. (DD)

Spannende Geschichte einer mysteriösen Villa

Ein wenig gespenstisch sieht die große Villa in der Na Pavím vrchu 1949/2 hoch über dem Park Santoška in Smíchov schon aus. Die Aussicht, die man hier über die Stadt genießen kann, ist atemberaubend. Aber irgendwie verleihen die großen Antennen, die das Gebäude hinter hohen Zäunen und Hecken geradezu wie ein Wald umgeben, dem Ganzen nicht so recht den Eindruck, dass es sich hier noch um einen Ort des müßigen Genießens der umgebenden Landschaft handelt.

Dabei hatte sich der ursprüngliche Eigner der Villa, der Industrielle und Bauunternehmer Otokar Kruliš-Randa, der das Gebäude in den späten 1920er Jahren bauen ließ (weshalb es oft als Krulišova-Villa bezeichnet wird), sicherlich so gedacht. Der war eine beeindruckende Persönlichkeit, ein bibliophiler Büchersammler, ein Schachmeister (und Vorsitzender der Schachvereinigung der Tschechoslowakei) und eine zeitlang sogar Präsident des Böhmisch-Mährischen Industriellenverbandes. Während der Nazizeit legte er sich mit den neuen Machthabern des öfteren mutig an und musste sich 1940 schließlich von seinem Posten und aus der Villa zurückziehen. Stattdessen baute er seine renommierte Bibliothek in seinem neuen Anwesen im südböhmischen Defurovy Lažany auf.

Seine Prager Villa machte währenddessen harte Zeiten durch. Als im Mai 1945 der Prager Aufstand (siehe auch hier und hier) begann, zog sich eine Einheit der SS hierher zurück und verteidigte sich zwei Tage lang verbissen bevor die Aufständischen endlich den wegen seiner Höhenlage strategisch wichtigen Punkt eroberten. Man hätte erwarten können, dass OtokarKruliš-Randa danach die Villa wieder in Stand setzen und friedlich bewohnen hätte können. Doch der wurde erst einmal von Denunzianten der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt. Es folgte ein glänzender Freispruch. Der half aber nichts, denn 1948 kamen die Kommunisten an die Macht und verhafteten ihn trotzdem wieder. Der Mann war ja Kapitalist und somit per se schuldig – zumindest in den Augen der Kommunisten… Die Jahre 1949/50 verbrachte er im Arbeitslager. 1953 wurde er mit fabrizierten „Beweisen“ wieder verhaftet und zu elf Jahren Haft verurteilt, die er nicht überlebte. 1958 starb er im Gefängnis. Erst 1969 wurde er postum rehabilitiert.

Die Villa in Smíchov wurde von den Kommunisten folgerichtig 1948 verstaatlicht und zu sinistren Zwecken genutzt, d.h. sie wurde der Staatssicherheit übergeben. Hier residierte deren „6. Verwaltung“ (VI. správa), wie die High-Tech-Abteilung mit ihren großen Abhöranlagen genannt wurde. Vor allem wurde von hier der ausländische Funk- und Radiobetrieb abgehört. Kurz vor dem Zusammenbruch des Kommunismus ließ man das Gebäude umfassend renovieren, wobei man hauptsächlich politischen Gefangenen in Zwangsarbeit die schwersten Arbeiten überließ. Die wurden jeden Tag in Bussen aus dem Gefängnis hier hinauf gekarrt.

Ein wenig über alle diese Ereignisse erfährt man heute von einer Infotafel (nur in Tschechisch), die auf dem Aussichtplatz davor aufgestellt wurde. Versuche, das Gebäude nach dem Fall des Kommunismus einer völlig anderen Bestimmung zuzuführen, scheiterten. Die Villa gehört nunmehr dem Innenministerium, das hier ein „Funkkommunikations- und Messzentrum“ betreibt. Das soll jetzt aber die Demokratie im Lande beschützen und nicht mehr dem Totalitarismus dienen. Aber eins ist klar: Der erste Eindruck, dass sich hinter dem mysteriösen Erscheinungsbild der Villa aufdrängt, trügt nicht: Hinter dem Haus verbirgt sich tatsächlich eine spannende Historie. (DD)

Dokument der Freiheit und des Mutes

In der Freiheitsgeschichte des Landes spielt sie eine nicht zu überschätzende Rolle: Die Charta 77. Heute vor 44 Jahren, am 6. Januar 1977, gelangte das bescheiden aussehende, mit einer Schreibmaschine handgetippte Dokument an die Öffentlichkeit. Das Dokument, das heute als einer der Nägel zum Sarg der kommunistischen Tyrannei gilt, ist eines der bedeutendsten Ausstellungsstücke im großen Nationaldenkmal auf dem Vítkovberg.

Im Zuge der Entspannungspolitik hatten die westlichen Demokratien dem Sowjetblock für Versprechen in Sachen Wirtschaftshilfe ein Bekenntnis zur Wahrung von Menschenrechten abgetrotzt, etwa in der Helsinkischlussakte von 1975. Man dachte sich unter den kommunistischen Regierenden, das sei ein bloßes Lippenbekenntnis, und der Westen, der sich zum Prinzip der Nichteinmischung bekannt hatte, könne nichts tun, um die Verletzungen von Rechten zu ahnden.

Aber die Bürger der kommunistischen Staaten – auch in der damaligen Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (ČSSR) – machten einen Strich durch diese Rechnung. Sie beschlossen, ihre Regierungen beim Wort zu nehmen, und das einzufordern, was die in Helsinki unterschrieben hatten. Als 1976 die Mitglieder der systemkritischen Band Plastic People of the Universe in Prag auf offener Bühne verhaftet werden, setzte sich eine Gruppe Oppositioneller – vor allem, aber nicht nur Kulturschaffende – zusammen, um ein Signal zu setzen. Ende Dezember verfassten sie eine Petition. Darin klagten sie an, in ihrem Lande herrsche „ein System faktischer Unterordnung sämtlicher Institutionen und Organisationen im Staat unter die politischen Direktiven des Apparats der regierenden Partei und unter die Beschlüsse machthaberisch einflussreicher Einzelpersonen“

Das Recht, nicht in Furcht vor Repression zu leben, das Recht auf Bildung (das vor allem Kindern von Dissidenten verweigert wurde), das Recht auf Meinungsäußerung, das Recht auf Religionsausübung – alles dies nehme das System den Menschen, klagen die Autoren ein. Die Gruppe nahm den Namen der Petition – Charta 77 – an und blieb unter dieser Bezeichnung bis nach der Samtenen Revolution (1989) aktiv.

Die Autoren, das waren hauptsächlich der Schriftsteller (und später der erste demokratische Präsident des Landes) Václav Havel und der Philosoph Jan Patočka. Als das Dokument veröffentlicht wurde, hatten bereits 242 Menschen unterzeichnet, darunter der spätere Außenminister Jiří Dienstbier, der Schriftsteller Pavel Kohout oder die Pop-Sängerin Marta Kubišová. Fast alle Erstunterzeichner mussten schwere Repressalien – Verhaftung, Bespitzelung, Berufsverbot, Exil – hinnehmen. Patočka starb einige Zeit nach der Veröffentlichung an den Folgen von Verhören durch die Staatssicherheit, nachdem er sich heimlich mit dem niederländischen Außenminister Max van der Stoel getroffen hatte, der damals auf Besuch im Land war.

Von einer echten Veröffentlichung konnte man erst Reden, als westliche Medien wie Times, Le Monde und FAZ, denen man den Text zugespielt hatte, intensiv darüber berichteten. Die Regierenden konnten die Sache nicht mehr diskret unter den Tisch kehren. Eine Gegenkampagne wurde initiiert, die möglicherweise der Charta 77 erst richtig zur Bekanntheit im Lande verhalf. Am 28. Januar ließen die Machthaber im Nationaltheater öffentlich eine Anti-Charta unterzeichnet. Insbesondere prominente Künstler wie Karel Gott unterzeichneten, dass sie die Charta 77, die sie eigentlich hätten gar nicht lesen dürfen, für ein reaktionäres Machwerk hielten.

Ende der 1980er Jahre hatten bereits über 6000 Menschen die echte Charta unterschrieben – trotz der zahlreichen Repressionen, die mit so einem Akt des Mutes verbunden waren. Sie trugen so zur Delegitimierung des Regimes bei, das dann 1989 zusammenbrach. (DD)

Familie vor dem Umzug?

Freudig und in familiärer Geborgenheit sieht das Kind der klassenlosen Gesellschaft entgegen… Obwohl die Kommunisten eigentlich die Familie als Teil des Überbaus der kapitalistischen Gesellschaft und folglich als repressiven Ideologieapparat betrachteten, gab sich die offizielle Kunstpolitik in dieser Hinsicht oft recht konservativ. Zumindest in der Spätphase des Regimes in den 1970ern/1980ern versuchten sie offenbar das Ausmaß der gesellschaftlichen Zersetzung, das sie angerichtet hatten, mit viel Heile-Welt-Ästhetik zu kaschieren.

Wie dem auch sei: die Skulptur Familie (Rodina) des Bildhauers Bohumil Teplý präsentiert uns die klassische Kernfamilie. Der Arbeiterklassen-Hintergrund ist allenfalls vage durch die Kleidung angedeutet. Teplý war übrigens ein auch kein kommunistischer Staatskünstler. 2004 schuf er zum Beispiel das Denkmal für den Kampf für Demokratie und Freiheit vor der Rechtsfakultät der Universität Olomouc, das der Samtenen Revolution von 1989 gewidmet war. Er ist zudem Schüler des berühmten Bildhauers Karel Pokorný, der zu den großen Künstlern der Ersten Republik gehörte. Und irgendwie ist die Skulptur der glücklichen Familie doch auch ganz nett.

Wer sie heute sehen will, kann das auf dem Busbahnhof vor der Metrostation Depo Hostivař tun. Einen trostloseren Ort kann man sich kaum vorstellen. Als die Skulptur 1980 eingeweiht wurde, stand sie noch an einem prominenteren Ort im Stadtteil Prag 3, ganz nahe beim großen Olšany Friedhof. Allerdings wurde im Jahr 2000 an der Stelle das moderne Einkaufszentrum Atrium erbaut, was die Umsetzung der Skulptur zur Folge hatte. Immer wieder gab es Anläufe der Stadtteilregierung von Prag 3, die Skulptur wieder von Prag 10 zurückzuholen, was der Bildhauer Teplý auch kräftig unterstützte. Ende 2019 berichteten die Medien, dass ein Beschluss gefasst worden sei, nach einem geeigneten neuen Standort zu suchen. Kann sein, dass die Familie also bald vor dem Umzug steht. (DD)

Wo die Staatsicherheit Havel bespitzelte

Er ist heute in das Gebäude der Galerie Mánes, einem modern-funktionalistischen Kulturzentrum aus dem Jahre 1930, integriert. Aber der Šítkov Wasserturm (Šítkovská vodárenská věž) am Masarykovo nábřeží 250/1 (Masaryk Ufer) in der Neustadt hat auch seine eigene, höchst spannende Geschichte, die in den Jahren des Kalten Krieges einen Höhepunkt erreichte, als er zu einem Agentennest der tschechoslowakischen Staatsicherheit (Státní bezpečnost, StB) wurde.

Aber zurück zum Anfang: Im Spätmittelalter wurden erstmals in Prag Wassertürme gebaut (frühere Beiträge hier und hier), um die Versorgung der Bürger mit sauberem Wasser zu erreichen. Zwischen 1488 und 1495 wurde an der Stelle des heutigen Turms ein Holzturm errichtet, der diesen Zweck erfüllte. Er war in eine große Mühlenanlage integriert, die einem gewissen Jan Šítka gehörte, der zum Namensgeber des Ganzen wurde. Die Wassermühle betrieb auch die Pumpe, die das Wasser hinaus beförderte, das dann hydraulisch durch die Wirkung der Schwerkrat wieder nach unten in die Röhren floß.

Ende des 16. Jahrhundert fielen Mühle und Turm einem Feuer zum Opfer und zwischen 1588 und 1591 baute man ihn wieder auf. Man hatte inzwischen durch das Feuer gelernt und so wich der Holzturm einem Steinturm, weil Stein nun einmal nicht so leicht brennt. Rund 3/4 des Wasserbedarfs der Neustadt wurden nun von diesem Turm gedeckt. Vor Schaden gefeit war er aber trotzdem nicht, denn als die Schweden zu Ende des Dreissigjährigen Krieges 1648 erfolglos Prag erobern wollten, richteten sie durch Artilleriefeuer größere Schäden am Bauwerk an. 1651 reparierte man die Schäden und setzte das nunmehr so typische Kuppeldach auf, das im 18. Jahrhundert mit Kupferblech überzogen wurde.

Im 19. Jahrhundert wurden immer mehr Stauseen außerhalb der Stadt und moderne Türme mit Dampfpumpen errichtet (früherer Beitrag hier). Der alte Turm war nicht mehr state-of-the-art. 1847 stellte er seine Funktion ein. Das Wasserwerk mit seinen Pumpen wurde 1882 abgerissen, nur der Turm blieb erhalten. 1930 wurde er in die neue Galerie Mánes (früherer Beitrag hier) baulich integriert und bietet einen wunderschönen optischen Kontrast zum kühlen Funktionalismus des neuen Gebäudes. Dabei musste man zunächst einmal das Fundament des Turmes mit einer Betonkonstruktion stabilisieren. Der 47 Meter hohe Turm stand nämlich immer schon auf sumpfigem Boden. Im Grunde ist er das, was der Schiefe Turm von Pisa für Pisa ist, nur eben für Prag. Man kann es ein wenig auf dem Photo oberhalb links erkennen: ganze 1,15 Meter weicht er Richtung Ufer von der vertikalen Achse ab. Das ist eine Menge und er ist definitiv der schiefste Turm von Prag. Einsturzgefahr besteht allerdings Dank des Fundaments von 1930 nicht mehr.

Doch nun zur Staatssicherheit: Die zog in den 1980er Jahren in die oberste Etage und die Kuppel ein. Gegenüber, am Rašínovo nábřeží 2000/78 (Rašín Ufer), direkt neben dem Ort, wo heute das berühmte Tanzende Haus (früherer Beitrag hier) steht, wohnte kein geringerer als der berühmte Dramaturg und Dissident Václav Havel. Es handelte sich um sein Geburtshaus, das er zunächst von 1936 bis 1971 bewohnte. 1986 zog er wieder ein, diesmal mit seiner Frau Olga. Von den oberen Fenstern des Turmes war der Eingang des Hauses perfekt zu erkennen. Die StB-Agenten machten es sich dort gemütlich mit Heizkörpern, Kochgelegenheit, Geschirr, Betten, Schreibmaschine und Telefon. Niemand sonst hatte Zugang zum Turm. 24 Stunden am Tag wurde Havels Haus beobachtet. Immer durch zwei Agenten gleichzeitig.

Keiner, der mit Havel dort Kontakt hatte, blieb unbemerkt, was wiederum selbst unbemerkt blieb. Nun ja, bis zum magischen Glücksjahr 1989 als die Samtene Revolution – auch mit Hilfe Havels – die Kommunisten wegfegte. Kurz darauf wurde aus dem Dissidenten der frei gewählte Präsident und die Mitarbeiter der Staatssicherheit musste still und leise gehen. Und ihre Machenschaften wurden publik. (DD)

Die Geschichte zweier Präsidenten

War es der Zufall, der es so wollte? Auf dem Friedhof Vinohrady (Vinohradský hřbitov) in Prag befinden sich die letzten Ruhestätten zweier Präsidenten, die beide gezwungen waren, sich mit den Schrecken eines totalitären Regimes auseinanderzusetzen, und die beide dabei einen unterschiedlichen Weg wählten: Václav Havel und Emil Hácha – sie beide mussten harte Gewissensentscheidungen treffen angesichts des ungehemmten Bösen, das ihnen gegenüberstand. Für den einen endete die Begegnung mit dem Bösen mit Ruhm, für den anderen mit einer Tragödie.

Václav Havel ist heute zweifellos der bekanntere von beiden. Und er ist derjenige, den die Menschen im Lande immer noch – fast ein Jahrzehnt nach seinem Tode – verehren und feiern. Sein Grab, das von dem bekannten Bildhauer Olbram Zoubek (frühere Beiträge hier und hier) gestaltet wurde, ist immer noch eine wahre Pilgerstätte und ständig mit Blumen und Kränzen überschüttet.

Havel, der schon als Schüler wegen seiner bürgerlichen Herkunft schweren Repressalien seitens der Kommunisten ausgesetzt war, hatte sich früh dem Theater zugewandt. Seine Stücke, etwa Zahradní slavnost (Das Gartenfest) von 1963, standen in der Tradition des absurden Theaters, die ihm besonders geeignet schien, die echten Absurditäten des realexistierenden Sozialismus bloßzustellen. Als Vorsitzender eines von den Kommunisten unabhängigen Schriftstellerverbandes rückte er zur Zeit des Prager Frühlings von 1968 in die erste Reihe der Dissidenten auf. In der „Normalisierung“ genannten Zeit der Repression wurde er dreimal verhaftet und verbrachte insgesamt fünf Jahre im Gefängnis. Aber er gab nicht auf. Mit einigen Mitstreitern lancierte er die Charta 77, die zum zentralen Dokument der Opposition und am Ende die Grundlage der Samtene Revolution von 1989 wurde, die den kommunistischen Spuk beendete. Im Dezember 1989 wurde er der erste Präsident der neuen Demokratie und behielt diese Funktion auch nach der Trennung der Slowakei von Tschechien (1993) bis zum Ende seiner zweiten Amtszeit 2003. Fortan setzte er sich für Menschenrechte in aller Welt und für die europäische Einigung ein. 2011 starb er – zurecht bewundert und verehrt von den Bürgern seines Landes und Menschen in aller Welt.

Das Grab Havels, in dem er zusammen mit seiner ersten Frau Olga ruht, liegt im Friedhof deshalb auch an prominentester Stelle, in den Arkaden der Kapelle des Heiligen Wenzel (Kaple svatého Václava). Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Familie Havel zum Großbürgertum der Stadt gehörte und hier schon lange ihre Familiengruft hatte, die jetzt noch einmal ausgebaut wurde. Neben dem Grab des Präsidenten befindet sich hier die Grabtafel seines Großvaters Václav Havel, eines bekannten Großunternehmers. Auch der Vater, ebenfalls Václav Havel mit Namen, liegt dort. Er war in den 1930er Jahren einer der Begründer der Barrandov Studios und damit der tschechoslowakischen Filmindustrie. Havel – das war in Prag von je her ein besonderer Name. Und Václav Havel, der große Dissident und Präsident, wurde zu einer Lichtgestalt in seinem Land und in der Welt.

Ganz anders steht es um das Grab von Emil Hácha. Es liegt abseits von den Wegen im hinteren Teil des Friedhofs und ein wenig versteckt hinter Büschen. Während der Zeit des Kommunismus durfte nicht einmal sein Name auf dem Stein stehen. Das hat sich geändert und ab und an legen Menschen hier doch einen Kranz nieder. Aber es sind nicht anähernd so viele wie bei Havel. Die Monstrosität, mit der Hácha sich auseinandersetzen musste, war nicht der Kommunismus, sondern der Nationalsozialismus, der mit der deutschen Besatzung 1939 kam.

Die Tschechoslowakei war 1938 mit dem schändlichen Münchner Abkommen von seinen westlichen Alliierten Frankreich und Großbritannien im Stich gelassen worden und musste große Gebiete an Nazideutschland abtreten. Der bisherige Präsident, Edvard Beneš, trat zurück. Auf Hácha, ein anerkannter Jurist und überzeugter Demokrat, fiel nunmehr das schwere Los, Präsident einer untergehenden Republik zu werden. Am 14. März 1939 sorgte Hitler dafür, dass sich die Slowakei als Nazi-Vasallenstaat von der Tschechoslowakischen Republik abspaltete. Hácha wurde nach Berlin zitiert. Den bereits herzkranken Hácha ließ man zunächst stundenlang warten, während er einen schweren Herzschwächeanfall erlitt. Dann drohten Hitler und Göring ihm, Prag in Schutt und Asche zu bomben, wenn sich die Rest-Tschechei nicht umgehend als nur noch formell unabhängiges „Protektorat Böhmen und Mähren“ unter den „Schutz“ Hitlers stellen würde. Wissend, dass niemand seinem (ohne Bündnispartner) nun militärisch schutzlosem Land helfen würde, gab er nach. Am nächsten Tag verwarf auch das Kabinett die Idee, einen aussichtslosen Kampf zu führen, und stimmte zu. Deutsche Panzer rollten nun durch die Straßen Prags.

Anfänglich versuchte Hácha noch, sein Amt so zu nutzen, dass er die Folge nder Nazidiktatur abmildern konnte. Er hielt zunächst noch geheimen Kontakt zum Widerstand. In der Folge wurde er aber immer mehr durch die Nazis isoliert und auch seine Gesundheit erlaubte ihm kaum mehr sein Amt zu führen. Die Nazis behielten ihn als ja tatsächlich gewählten Präsidenten nominell im Amte – auch mit dem Kalkül, dass die Westalliierten deshalb das Protektorat als Staat anerkannten und die eigentliche Exilregierung in London im Regen stehen ließen (als Folge des Münchner Abkommens). Machtlos und gedemütigt musste er zusehen, wie nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich 1942 die Mordmaschinerie der Nazis im Lande immer brutaler agiert. Er konnte nicht verhindern, dass die Nazis den von ihm benannten Ministerpräsidenten Alois Eliáš (siehe früherer Beiträge hier und hier) gnadenlos ermordeten. Die Nazis verfolgten Hácha nun mit Hohn, der Widerstand mit tiefem Misstrauen. Er galt als Kollaborateur. Und die braunen Machthaber spannten ihn immer wieder in ihre Propaganda ein. Er selbst war überzeugt, er habe die Tschechen 1939 vor einem Blutbad geschützt. Als im Mai 1945 die Nazis vertrieben wurden und die Rote Armee das Land besetzte, wurde Hácha verhaftet und ins Gefängnis von Pankrác gesteckt, wo er im Juni unter ungeklärten Umständen starb. Viele Tschechen glauben heute, dass man das Ende des bereits Todkranken damals vorsätzlich ein wenig „beschleunigte“.

Es ist schwer bei dem Vergleich zwischen Havel und Hácha, die nun so nahe beieinander in ihren Gräbern liegen, ein faires Urteil zu fällen. Havel hatte sich nicht kompromittiert. Der Erfolg der Samtenen Revolution krönte seinen Willen zum Widerstand, den er leistete. Er wurde zum Vorbild aller Freiheitsliebenden. Aber der Erfolg ist ein Kriterium, das man erst hinterher anlegen kann, und dass vorher nicht als Maßstab für die ethische Bewertung seiner Handlungen angeführt werden kann. Denn: Fundamentaler Widerstand, der nur Opfer erfordert, aber keine Besserung? Wäre das eine Option? Havel hatte Glück, dass er im wesentlichen sich selbst durch seine Taten gefährdete. Hácha war amtierender Präsident und verantwortlich für Millionen Menschen. Eine unbeugsame Haltung gegenüber Hitler hätte tausenden Unschuldigen das Leben kosten können. Was wäre gewesen, wenn Hácha tatsächlich durch Kollaboration unzähligen Menschen hätte helfen können? Die demokratische Regierung Dänemarks arbeitete nach der Besetzung des Landes pragmatisch mit den Nazis zusammen und es gelang ihr dabei, fast sämtliche Juden im Lande vor dem Holocaust zu retten – wofür man sie heute noch feiert. Hácha war dieser Erfolg nicht vergönnt, sondern nur tiefste Demütigung.

Die Geschichte der beiden Präsidenten auf dem Friedhof von Vinohrady lässt einen jedenfalls ins Grübeln kommen. (DD)