Wo die Staatsicherheit Havel bespitzelte

Er ist heute in das Gebäude der Galerie Mánes, einem modern-funktionalistischen Kulturzentrum aus dem Jahre 1930, integriert. Aber der Šítkov Wasserturm (Šítkovská vodárenská věž) am Masarykovo nábřeží 250/1 (Masaryk Ufer) in der Neustadt hat auch seine eigene, höchst spannende Geschichte, die in den Jahren des Kalten Krieges einen Höhepunkt erreichte, als er zu einem Agentennest der tschechoslowakischen Staatsicherheit (Státní bezpečnost, StB) wurde.

Aber zurück zum Anfang: Im Spätmittelalter wurden erstmals in Prag Wassertürme gebaut (frühere Beiträge hier und hier), um die Versorgung der Bürger mit sauberem Wasser zu erreichen. Zwischen 1488 und 1495 wurde an der Stelle des heutigen Turms ein Holzturm errichtet, der diesen Zweck erfüllte. Er war in eine große Mühlenanlage integriert, die einem gewissen Jan Šítka gehörte, der zum Namensgeber des Ganzen wurde. Die Wassermühle betrieb auch die Pumpe, die das Wasser hinaus beförderte, das dann hydraulisch durch die Wirkung der Schwerkrat wieder nach unten in die Röhren floß.

Ende des 16. Jahrhundert fielen Mühle und Turm einem Feuer zum Opfer und zwischen 1588 und 1591 baute man ihn wieder auf. Man hatte inzwischen durch das Feuer gelernt und so wich der Holzturm einem Steinturm, weil Stein nun einmal nicht so leicht brennt. Rund 3/4 des Wasserbedarfs der Neustadt wurden nun von diesem Turm gedeckt. Vor Schaden gefeit war er aber trotzdem nicht, denn als die Schweden zu Ende des Dreissigjährigen Krieges 1648 erfolglos Prag erobern wollten, richteten sie durch Artilleriefeuer größere Schäden am Bauwerk an. 1651 reparierte man die Schäden und setzte das nunmehr so typische Kuppeldach auf, das im 18. Jahrhundert mit Kupferblech überzogen wurde.

Im 19. Jahrhundert wurden immer mehr Stauseen außerhalb der Stadt und moderne Türme mit Dampfpumpen errichtet (früherer Beitrag hier). Der alte Turm war nicht mehr state-of-the-art. 1847 stellte er seine Funktion ein. Das Wasserwerk mit seinen Pumpen wurde 1882 abgerissen, nur der Turm blieb erhalten. 1930 wurde er in die neue Galerie Mánes (früherer Beitrag hier) baulich integriert und bietet einen wunderschönen optischen Kontrast zum kühlen Funktionalismus des neuen Gebäudes. Dabei musste man zunächst einmal das Fundament des Turmes mit einer Betonkonstruktion stabilisieren. Der 47 Meter hohe Turm stand nämlich immer schon auf sumpfigem Boden. Im Grunde ist er das, was der Schiefe Turm von Pisa für Pisa ist, nur eben für Prag. Man kann es ein wenig auf dem Photo oberhalb links erkennen: ganze 1,15 Meter weicht er Richtung Ufer von der vertikalen Achse ab. Das ist eine Menge und er ist definitiv der schiefste Turm von Prag. Einsturzgefahr besteht allerdings Dank des Fundaments von 1930 nicht mehr.

Doch nun zur Staatssicherheit: Die zog in den 1980er Jahren in die oberste Etage und die Kuppel ein. Gegenüber, am Rašínovo nábřeží 2000/78 (Rašín Ufer), direkt neben dem Ort, wo heute das berühmte Tanzende Haus (früherer Beitrag hier) steht, wohnte kein geringerer als der berühmte Dramaturg und Dissident Václav Havel. Es handelte sich um sein Geburtshaus, das er zunächst von 1936 bis 1971 bewohnte. 1986 zog er wieder ein, diesmal mit seiner Frau Olga. Von den oberen Fenstern des Turmes war der Eingang des Hauses perfekt zu erkennen. Die StB-Agenten machten es sich dort gemütlich mit Heizkörpern, Kochgelegenheit, Geschirr, Betten, Schreibmaschine und Telefon. Niemand sonst hatte Zugang zum Turm. 24 Stunden am Tag wurde Havels Haus beobachtet. Immer durch zwei Agenten gleichzeitig.

Keiner, der mit Havel dort Kontakt hatte, blieb unbemerkt, was wiederum selbst unbemerkt blieb. Nun ja, bis zum magischen Glücksjahr 1989 als die Samtene Revolution – auch mit Hilfe Havels – die Kommunisten wegfegte. Kurz darauf wurde aus dem Dissidenten der frei gewählte Präsident und die Mitarbeiter der Staatssicherheit musste still und leise gehen. Und ihre Machenschaften wurden publik. (DD)

Die Geschichte zweier Präsidenten

War es der Zufall, der es so wollte? Auf dem Friedhof Vinohrady (Vinohradský hřbitov) in Prag befinden sich die letzten Ruhestätten zweier Präsidenten, die beide gezwungen waren, sich mit den Schrecken eines totalitären Regimes auseinanderzusetzen, und die beide dabei einen unterschiedlichen Weg wählten: Václav Havel und Emil Hácha – sie beide mussten harte Gewissensentscheidungen treffen angesichts des ungehemmten Bösen, das ihnen gegenüberstand. Für den einen endete die Begegnung mit dem Bösen mit Ruhm, für den anderen mit einer Tragödie.

Václav Havel ist heute zweifellos der bekanntere von beiden. Und er ist derjenige, den die Menschen im Lande immer noch – fast ein Jahrzehnt nach seinem Tode – verehren und feiern. Sein Grab, das von dem bekannten Bildhauer Olbram Zoubek (frühere Beiträge hier und hier) gestaltet wurde, ist immer noch eine wahre Pilgerstätte und ständig mit Blumen und Kränzen überschüttet.

Havel, der schon als Schüler wegen seiner bürgerlichen Herkunft schweren Repressalien seitens der Kommunisten ausgesetzt war, hatte sich früh dem Theater zugewandt. Seine Stücke, etwa Zahradní slavnost (Das Gartenfest) von 1963, standen in der Tradition des absurden Theaters, die ihm besonders geeignet schien, die echten Absurditäten des realexistierenden Sozialismus bloßzustellen. Als Vorsitzender eines von den Kommunisten unabhängigen Schriftstellerverbandes rückte er zur Zeit des Prager Frühlings von 1968 in die erste Reihe der Dissidenten auf. In der „Normalisierung“ genannten Zeit der Repression wurde er dreimal verhaftet und verbrachte insgesamt fünf Jahre im Gefängnis. Aber er gab nicht auf. Mit einigen Mitstreitern lancierte er die Charta 77, die zum zentralen Dokument der Opposition und am Ende die Grundlage der Samtene Revolution von 1989 wurde, die den kommunistischen Spuk beendete. Im Dezember 1989 wurde er der erste Präsident der neuen Demokratie und behielt diese Funktion auch nach der Trennung der Slowakei von Tschechien (1993) bis zum Ende seiner zweiten Amtszeit 2003. Fortan setzte er sich für Menschenrechte in aller Welt und für die europäische Einigung ein. 2011 starb er – zurecht bewundert und verehrt von den Bürgern seines Landes und Menschen in aller Welt.

Das Grab Havels, in dem er zusammen mit seiner ersten Frau Olga ruht, liegt im Friedhof deshalb auch an prominentester Stelle, in den Arkaden der Kapelle des Heiligen Wenzel (Kaple svatého Václava). Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Familie Havel zum Großbürgertum der Stadt gehörte und hier schon lange ihre Familiengruft hatte, die jetzt noch einmal ausgebaut wurde. Neben dem Grab des Präsidenten befindet sich hier die Grabtafel seines Großvaters Václav Havel, eines bekannten Großunternehmers. Auch der Vater, ebenfalls Václav Havel mit Namen, liegt dort. Er war in den 1930er Jahren einer der Begründer der Barrandov Studios und damit der tschechoslowakischen Filmindustrie. Havel – das war in Prag von je her ein besonderer Name. Und Václav Havel, der große Dissident und Präsident, wurde zu einer Lichtgestalt in seinem Land und in der Welt.

Ganz anders steht es um das Grab von Emil Hácha. Es liegt abseits von den Wegen im hinteren Teil des Friedhofs und ein wenig versteckt hinter Büschen. Während der Zeit des Kommunismus durfte nicht einmal sein Name auf dem Stein stehen. Das hat sich geändert und ab und an legen Menschen hier doch einen Kranz nieder. Aber es sind nicht anähernd so viele wie bei Havel. Die Monstrosität, mit der Hácha sich auseinandersetzen musste, war nicht der Kommunismus, sondern der Nationalsozialismus, der mit der deutschen Besatzung 1939 kam.

Die Tschechoslowakei war 1938 mit dem schändlichen Münchner Abkommen von seinen westlichen Alliierten Frankreich und Großbritannien im Stich gelassen worden und musste große Gebiete an Nazideutschland abtreten. Der bisherige Präsident, Edvard Beneš, trat zurück. Auf Hácha, ein anerkannter Jurist und überzeugter Demokrat, fiel nunmehr das schwere Los, Präsident einer untergehenden Republik zu werden. Am 14. März 1939 sorgte Hitler dafür, dass sich die Slowakei als Nazi-Vasallenstaat von der Tschechoslowakischen Republik abspaltete. Hácha wurde nach Berlin zitiert. Den bereits herzkranken Hácha ließ man zunächst stundenlang warten, während er einen schweren Herzschwächeanfall erlitt. Dann drohten Hitler und Göring ihm, Prag in Schutt und Asche zu bomben, wenn sich die Rest-Tschechei nicht umgehend als nur noch formell unabhängiges „Protektorat Böhmen und Mähren“ unter den „Schutz“ Hitlers stellen würde. Wissend, dass niemand seinem (ohne Bündnispartner) nun militärisch schutzlosem Land helfen würde, gab er nach. Am nächsten Tag verwarf auch das Kabinett die Idee, einen aussichtslosen Kampf zu führen, und stimmte zu. Deutsche Panzer rollten nun durch die Straßen Prags.

Anfänglich versuchte Hácha noch, sein Amt so zu nutzen, dass er die Folge nder Nazidiktatur abmildern konnte. Er hielt zunächst noch geheimen Kontakt zum Widerstand. In der Folge wurde er aber immer mehr durch die Nazis isoliert und auch seine Gesundheit erlaubte ihm kaum mehr sein Amt zu führen. Die Nazis behielten ihn als ja tatsächlich gewählten Präsidenten nominell im Amte – auch mit dem Kalkül, dass die Westalliierten deshalb das Protektorat als Staat anerkannten und die eigentliche Exilregierung in London im Regen stehen ließen (als Folge des Münchner Abkommens). Machtlos und gedemütigt musste er zusehen, wie nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich 1942 die Mordmaschinerie der Nazis im Lande immer brutaler agiert. Er konnte nicht verhindern, dass die Nazis den von ihm benannten Ministerpräsidenten Alois Eliáš (siehe früherer Beiträge hier und hier) gnadenlos ermordeten. Die Nazis verfolgten Hácha nun mit Hohn, der Widerstand mit tiefem Misstrauen. Er galt als Kollaborateur. Und die braunen Machthaber spannten ihn immer wieder in ihre Propaganda ein. Er selbst war überzeugt, er habe die Tschechen 1939 vor einem Blutbad geschützt. Als im Mai 1945 die Nazis vertrieben wurden und die Rote Armee das Land besetzte, wurde Hácha verhaftet und ins Gefängnis von Pankrác gesteckt, wo er im Juni unter ungeklärten Umständen starb. Viele Tschechen glauben heute, dass man das Ende des bereits Todkranken damals vorsätzlich ein wenig „beschleunigte“.

Es ist schwer bei dem Vergleich zwischen Havel und Hácha, die nun so nahe beieinander in ihren Gräbern liegen, ein faires Urteil zu fällen. Havel hatte sich nicht kompromittiert. Der Erfolg der Samtenen Revolution krönte seinen Willen zum Widerstand, den er leistete. Er wurde zum Vorbild aller Freiheitsliebenden. Aber der Erfolg ist ein Kriterium, das man erst hinterher anlegen kann, und dass vorher nicht als Maßstab für die ethische Bewertung seiner Handlungen angeführt werden kann. Denn: Fundamentaler Widerstand, der nur Opfer erfordert, aber keine Besserung? Wäre das eine Option? Havel hatte Glück, dass er im wesentlichen sich selbst durch seine Taten gefährdete. Hácha war amtierender Präsident und verantwortlich für Millionen Menschen. Eine unbeugsame Haltung gegenüber Hitler hätte tausenden Unschuldigen das Leben kosten können. Was wäre gewesen, wenn Hácha tatsächlich durch Kollaboration unzähligen Menschen hätte helfen können? Die demokratische Regierung Dänemarks arbeitete nach der Besetzung des Landes pragmatisch mit den Nazis zusammen und es gelang ihr dabei, fast sämtliche Juden im Lande vor dem Holocaust zu retten – wofür man sie heute noch feiert. Hácha war dieser Erfolg nicht vergönnt, sondern nur tiefste Demütigung.

Die Geschichte der beiden Präsidenten auf dem Friedhof von Vinohrady lässt einen jedenfalls ins Grübeln kommen. (DD)

Gottwalds Horrorshow

Die Tradition will, dass hier in diesem Blog am 31. Oktober, also zum Halloweenstag, ein gruseliges Bild zu erscheinen habe. Dieses hier stammt aus der Gruselkammer des Kommunismus, einer Gruft des roten Grauens, sozusagen. Und man kann nur hoffen, dass die Geister, die hier hausen mögen, nie mehr wieder erwachen werden.

Klement Gottwald war einer der gnadenlosesten Vollstrecker von Stalins Willen unter den Staatschefs, die Moskau in seinem Machtkreis nach dem Zweiten Weltkrieg in den unterjochten Ländern installierte. Morde, Folterungen, Schauprozesse, Bespitzelung, Pressezensur, Zwangsarbeit (vorzugsweise in radioaktiv verseuchten Uranminen), Unterdrückung aller persönlichen und politischen Freiheiten, Abschaffung aller Parteien außer der Kommunistischen standen unter ihm auf der Tagesordnung. Und natürlich auch: Der Personenkult.

Der führte dazu, dass man seinen einbalsamierten Körper dauerhaft in einem Mausoleum öffentlich aufbahrte, als er am 14. März 1953 – von Syphilis und Trunksucht gebeutelt – wenige Tage nach dem Besuch von Stalins Begräbnis verstarb. Das brauchte man einen Ort für die letzte Ruhestätte und bald fand man auch einen, den man dadurch so richtig entwürdigen konnte: Das Nationaldenkmal auf den Vítkov-Berg. Das war eigentlich als eine monumentale Gedenkstätte für alle diejenigen gedacht gewesen, die sich nach 1918 für die Republik, die Freiheit und die Demokratie eingesetzt hatten, als man in den 1930er Jahren mit dem Bau begann. Dann wurde die Republik durch die Nazis zerstört und die Arbeiten kamen zum Erliegen. Die erste – noch demokratische – Regierung nach 1945 wollte das Projekt weiterführen.

In der Apsis sollte nun ein Raum entstehen, in dem demokratische Widerstandskämpfer gegen die Nazis beerdigt werden sollten. Soweit kam es nicht. Im Februar 1948 kamen die Kommunisten mit einem Coup an die Macht und begannen Schritt für Schritt das Gebäude für ihre geschichtspolitischen Zwecke umzufunktionieren. Als er starb, sollte nun statt der demokratischen Widerständler ausgerechnet der undemokratische Gottwald zwecks Anbetung durch die „Arbeiterklasse“ hier als Mumie im Glassarg präpariert (Vorbild: Lenin) seine (vermeintlich) letzte Ruhestätte finden. Im Dezember 1953 wurde das Mausoleum mit dem toten Gottwald eröffnet. Nur das mit dem fachgerechten Ausstopfen hatte nicht so recht geklappt.

Schon im April 1959 entdeckte man leichte Auflösungs-erscheinungen am Körper des Verblichenen, die seine Attraktivität als Ausstellungs- und Anbetungsobjekt merklich zu schmälern begannen. Es begannen hektische Arbeiten in den Kellerräumen unter der Gruft. Es wurde ein Aufzug installiert, mit dem der Körper fast jeden Abend nach Ende der Besuchszeit in ein eilig eingerichtetes klinisches Laboratorium heruntergefahren wurde, wo Experten ihn sorgfältig behandelten, pflegten und – ab November des Jahres – gegebenfalls echte Teile durch künstliche Prothesen austauschten, wenn sie zu unansehnlich geworden waren.

Man sieht heute noch die große Schaltzentrale außerhalb dieses „Behandlungsraums“, die den Lift betrieb und für die richtige Klimatisierung sorgte, damit wenigstens unten im Keller die Verwesungsprozesse eingedämmt werden konnten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ja bereits Dank des Chruschtschowschen Tauwetters (ab 1956) in der Sowjetunion selbst die Entstalinisierung und das Ende des Personenkults eingesetzt. In der Tschechoslowakei brauchte das etwas länger. Aber im April 1962 konnten die Ärzte und Balsamierer endlich aufhören, an Gottwalds Leichnam zu retten, was noch zu retten war. Er wurde herausgebracht, eingeäschert und in einer unauffälligen Ecke des Denkmals untergebracht. 1989 wurde die Urne im Zuge der Samtenen Revolution in einem Sammelgrab im Olšany-Friedhof (früherer Beitrag hier) zusammen mit anderen zu diesem Zeitpunkt in Ungnade gefallenen Kommunistenfunktionären beerdigt.

Mit der Samtenen Revolution , die den kommunistischen Spuk beendete, begann auch für das Nationaldenkmal eine neue Zeit. Die Kellergruft, wo man damals beständig an Gottwalds Leiche herumwerkelte, ist nun der schauerliche Teil einer Ausstellung. Dort sieht man – großes Bild oben – Einrichtungsgegenstände des Labors und die Totenmaske Gottwald. Überall herum befinden sich weiße Kacheln, das Licht ist dunkel. Irgendwie grauslich düster! In einer Nische, die fast die Optik einer Toilette hat, wurde nun die Gedenkplatte, die damals oben im „Showroom“ bei der Mumie angebracht war, platziert. Eine kleine multimediale Ausstellung begleitet die kleine Horrorshow.

Oben im Mausoleumsraum hat man statt des Glassargs nun einen marmornen Sarg hingestellt, der dem ursprünglich geplanten entspricht. Drumherum befinden sich noch an den Wänden Mosaike von siegreichen Rotarmisten, die einen zynischen Kontrast zu dem demokratischen und republikanischen Pathos des restlichen Gebäudes bilden. Man hat den Raum hier so – zur Erinnerung und Mahnung – so belassen, wie ihn die Kommunisten damals gestaltet hatten. Man verlässt diesen Bereich des Nationaldenkmals in dem Gefühl, etwas völlig Surreales gesehen zu haben. Wie konnte das alles nur geschehen? (DD)

Denkmal mit gebrochener Geschichte

Die Würdigung der Gründung ihrer Ersten Republik wollte sich die Tschechoslowakei etwas kosten lassen. Und so begann man 1928, also 10 Jahre nach der Gründung, mit dem Bau des Nationaldenkmals auf dem Vítkovberg.

Jedenfalls sind schon alleine die Maße des Bauwerks – ganz zu schweigen von der hier schon öfters erwähnten gigantischen Reiterstatue des Hussitenfeldherrn Jan Žižka – geradezu kolossal: 143 Meter lang ist das Gebäude, 31,6 Meter hoch (man kann dort oben eine Aussichtsplattform besuchen!) und 27,5 Meter breit. Unter dem Keller befinden eine Unzahl von Räumen. Das Photo mit einem Querschnittsmodell des Gebäudes, das sich im zweiten Stock davon befindet, gibt einen kleinen Eindruck davon wieder. Pläne zur architektonischen Zelebration der Nation hatte es schon Ende des 19. Jahrhunderts gegeben, als das Land noch zum Habsburgerreich gehörte. Die Gründung der Republik 1918 gab aber erst den richtigen Impetus. Und so legte im November 1928 der erste Präsident der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, den Grundstein.

Hier sollten gefallene Helden des Unabhängigkeits in einem Mausoleum begraben werden, womit vor allem besonders heldenhafte Kämpfer der Tschechoslowakischen Legion gemeint waren, die im Ersten Weltkrieg nicht für die Habsburger gekämpft hatten, sondern für die Entente-Mächte, die dem Land die Unabhängigkeit versprochen hatten. Auch Masaryk selbst hätte nach seinem Tode gemäß dem Willen der Erbauer dort seinen Platz bekommen können, aber der zog bescheiden einen Platz bei seinem Landsitz in Lány u Rakovníka vor.

Aber soweit kam es sowieso nie. Denn die Bauarbeiten zogen sich unendlich hin und wurden 1938 wegen des Münchner Abkommens und der anschließenden Besetzung des Landes durch die Nazis abgebrochen. Nach dem Ende der Nazi-Tyrannei 1945 baute man weiter, aber kam ebenfalls nicht viel weiter, den schon 1948 kam die nächste Tyrannei, die kommunistische. Und das bedeutete eine Konzeptänderung.

Ursprünglich sollte das Ganze ja eine etwas gigantoman geratene „Kultstätte“ einer neuen Demokratie werden. Deshalb sollte die Architektur auch ganz modernistisch sein. Funktionalismus war angesagt. Und Funktionalismus mit strengen Formen und nur wenigen klassizistischen Anspielungen lieferte der Architekt Jan Zázvorka mit seinem Entwurf. Besonders gut sieht man das bei der Betrachtung der Seitenfassade.

Auch drinnen herrschte stenger Art Dèco-Stil vor. Etliche große Künstler der Zeit gestalteten die Innenräume. Besonders in der Kapelle kann man Mosaiken des Malers Max Švabinský bewundern. Es dominierend dort patriotische Motive, wie etwa diese Allegorie der Bohemia mit einem Rock in tschechischen Farben und einer roten Freiheitsmütze als Symbol der republikanischen Ordnung.

Kernstück der Kapelle ist die überlebensgroße Plastik „Der Verwundete“ des Bildhauers Jan Štursa. Und rundherum finden sich bronzene Reliefs des Art-Dèco-Bildhauers Jaroslav Horejc, dessen Bild eines gefallenen Legionärs man im kleinen Bild links sieht. Beide Künstler stellten das Leiden, das für den Kampf im die nationale Selbstbestimmung erbracht wurde, in den Mittelpunkt.

Der ästhetische Kurswechsel mit der Machtübernahme der Kommunisten kam abrupt und man sieht das daran, dass die Horejcschen Reliefe aus den 1930ern zwar blieben, aber 1950 neue hinzugefügt wurden. Man kann nur erahnen, was Horejc empfand, als er statt der empfindsamen Darstellung des Leidens der Kriegsopfer nun platte Propaganda in Form von Hammer und Sichel produzieren musste.

Das Aneinanderreihen von Unpassendem ging weiter. Das geplante Mausoleum, in dem schwarze Marmorsärge ursprünglich gefallenen Legionären als würdige Ruhestätte dienen sollten, wurde nun für führende Kommunisten (die 1990 wieder entfernt wurden, was die Särge seither leer belässt). Die kurzlebige demokratische Regierung nach 1945 hatte noch die Fertigstellung des ursprünglich als letzte Ruhestätte für Masaryk vorgesehenen Mausoleums in einer nun anzubauenden Apsis geplant. Masaryk hatte sich entschieden, lieber be seinem Landsitz in Lány beerdigt zu wrden. Stattdessen sollte das Mausoleum nun den bürgerlichen Widerstandskämpfern gegen die Nazis gedenken. Das mochten die Kommunisten überhaupt nicht. Nach dem Coup der Kommunisten wurde die Halle zu einer Gedenkhalle für die Rotarmisten, die das Land „befreit“ hatten, umfunktioniert. Mosaike mit sowjetischen Soldaten, erstellt von dem Maler Vladimír Sychra, blicken seither von den Wänden – so wie es in der Kapelle republikanische Legionäre tun. 1953 wurde die Halle als Mausoleum für den gerade verstorbenen Kommunistenführer Klement Gottwald eingerichtet, der hier einbalsamiert in einem Glassarg die posthumen Huldigungen seiner Untertanen entgegennehmen konnte – bis er im Zuge der Entstalinierung 1962 wieder entfernt wurde.

Und im ersten Stock befindet sich die ursprünglich für den demokratischen Präsidenten Masaryk in einem sehr bürgerlichen Stil eingerichtete Präsidentensuite ebenfalls neben Mosaiken im realistisch-sozialistischen Stil.

Die künden von der Freude der Bürger über die Ankunft der Roten Armee und etlichen militärgeschichtlichen Themen aus der Geschichte des Landes aus ideologisch klar fixierter Sicht. Ja, man bekommt hier in Architektur und Kunst gegossene Geschichte mit großen Brüchen zu sehen. Aber gerade das macht den Ort so faszinierend.

Nach der Samtenen Revolution von 1989 ließ man diese Brüche bestehen, dass heißt, man versuchte erst garnicht, die Skulpturen und Mosaike aus der kommunistischen Zeit zu zerstören. Man restaurierte allenfalls einige damals verschwundene Artefakte wieder an ihren alten Ort. So zum Beispiel in der großen Haupthalle im zweiten Stock, deren nüchterner, aber kolossaler Funktionalismus schlicht atemberaubend ist (großes Bild oben), wo die alte Flagge der Tschechoslowakischen Republik (noch mit den Wappensymbolen von Slowakei und Transkarpatien!) wieder aufgehängt wurde.

Seither ist das Nationaldenkmal kein Mausoleum mehr, sondern eher ein Nationalmuseum. Die Dauerausstellung zeigt ausgewählte Artefakte, die Meilensteine in der demokratischen Entwicklung des Landes – und auch die Rückschläge – mustergültig repräsentieren. Das Original des Abschiedsbriefs von Milada Horáková, geschrieben vor ihrer Hinrichtung durch die Kommunisten 1950 (früherer Beitrag u.a. hier) oder das Original der Charta 77, dem von Václav Havel verfassten Dokument des Widerstandes sind Beispiele dafür. Auch einige gesellschaftliche Trends werden aufgegriffen, wie etwa die in der Ersten Republik aufkommende Pfadfinderbewegung, in eine wichtige Rolle im Widerstand gegen die Nazis spielte und 1948 von den Kommunisten verboten wurde. Das kleine Bild oberhalb rechts, zeigt eine Sammlung mit Memorabilia.

Umgeben ist die Ausstellung (die bisweilen durch wechselnde Ausstellungen ergänzt wird) immer noch von den riesigen Reliefen des Bildhauers Karel Pokorný (früherer Beitrag hier), die das Motiv gefallener Legionäre aus dem Ersten Weltkrieg und den Wirren danach wieder aufgreifen. Das Bild links zeigt einen Legionär, der in Russland kämpfte. Diese Bildwerke geben am ehesten die ursprüngliche Idee wieder, die hinter dem Nationaldenkmal stand. (DD)

Hilferuf aus Halle 19

Normalerweise freut man sich, wenn einem verzweifelten Hilferuf die Hilfe schnell folgt. Als am 30. Juli 1968 – heute vor 52 Jahren – in der Moskauer Prawda der „Hilferuf“ von 99 Arbeitern der Halle 19 der Maschinen- und Automobilbaufirma Praga im Stadtteil Vysočany (Prag 9) erschien, wünschten sich wohl nur wenige Bürger der Tschechoslowakei die „Hilfe“, die dann keine drei Wochen später tatsächlich kam. Am 20. August marschierten Truppen des Warschauer Paktes in das Land ein, um den Prager Frühling und die damit verbundene Liberalisierungspolitik im Lande zu beenden. Mit der gerade errungenen Freiheit war es Dank dieser „brüderlichen Hilfe“ erst einmal für viele Jahre vorbei.

Die neuen Machthaber feierten die 99 Arbeiter der Halle 19 (Hala č. 19) als Helden. Eine große Plakette zu ihren Ehren wurde am Firmentor angebracht – die allerdings 1989 zusammen mit dem Kommunismus verständlicherweise wieder verschwand. Den Brief umgeben viele Mythen. Die Initiatoren hatten ihn wohl gar nicht an die Prawda nach Moskau, sondern an das Zentralkommittee tschechoslowakischen Kommunistischen Partei schicken wollen, um ihre Ablehnung jedweder Aufweichung der bisherigen streng sowjetkommunistischen Linie auszudrücken. Insbesondere äußerten sie ihre Besorgnis, darüber dass die Reformer darüber diskutierten, ob man in der Tschechoslowakei noch sowjetische Truppen und den Warschauer Pakt brauche.

Aber der Brief war genau das, was man in Moskau hören wollte: Die Arbeiterklasse schien weiterhin vom großen Bruder in Moskau vor jeglicher bürgerlichen Tendenz beschützt werden wollen. Das war eindeutig Unsinn. Die 99 repräsentierten schon rein numerisch nicht einmal ansatzweise die 4500 Arbeiter der Firma, geschweige denn, die gesamte Arbeiterklasse. Meist waren es kleinere Kader der Partei. Aber in den gleichgeschalteten Sowjetmedien wurde es als der langersehnte Ruf des Volkes verbreitet, dass eine militärische Intervention von der arbeitenden Klasse in der Tschechoslowakei sehnlichst herbeigewünscht wurde. Der Vorwand war da, die Tat folgte.

Die Halle 19 und ihr Umfeld sehen heute recht verfallen aus. Die Praga-Werke wurden privatisiert und 2006 an eine britische Firma verkauft. Sie schrumpften sich erst einmal halbwegs gesund. Die Autoproduktion wurde vorläufig eingestellt, man fokussierte sich auf die Zulieferung von Flugzeugteilen. Immer mehr Hallen des riesigen Komplexes – darunter eben auch Halle 19 – standen leer und verfielen langsam. Wenige Menschen, die an die Zeit der Repression nach der Niederschlagung des Prager Frühlings zurückdenken, werden darüber allzu sehr trauern. Und die 99 Helden von damals stehen heute eher als Verräter da.

Trotzdem wurde Halle 19 im Jahre 2005 unter Denkmalschutz gestellt, denn das Gebäude hat neben dem zeithistorischen auch einen architektonischen Wert. Es wurde 1942 von den Architekten Franz Anton Dischinger und Ulrich Finsterwalder für die Flugzeugfirma Junkers erbaut. Beide waren die Pioniere der Spannbetonweise, die neue Formen von Tonnengewölben und Kuppelschalen ermöglichten und für die leichte Kombination von Glas, Stahl und Beton berühmt wurden. Das, was man bei Halle 19 als Oberlichtkonstruktion sieht (großes Bild oben), ist heute fast schon gewöhnlicher Standard, damals bedeutete es eine Innovation ersten Ranges. Dass das Gebäude so der deutschen Kriegswirtschaft diente, macht sein historisches Erbe nicht leichter – vor allem wenn man dann das des Briefes der 99 Arbeiter von 1968 dazurechnet. Aber es ist eben auch ein Denkmal der Industriearchitektur und als solches durchaus erhaltenswert. Öffentlich zugänglich ist das Innere zur Zeit nicht. Ab und zu finden dort Dreharbeiten für Filme statt. Eine Infotafel an dem am Gebäude vorbei führenden Wanderweg macht auf die am Ende doch zumindest spannende Geschichte der Halle 19 aufmerksam. (DD)

Vor 70 Jahren: Milada Horákovás Hinrichtung

Heute vor genau 70 Jahren, am 27. Juni 1950, wurde im Gefängnis von Pancrác Milada Horáková nach einen perfiden stalinistischen Schauprozess hingerichtet. Die mutige Kämpferin für Freiheit und Frauenrechte war in der Zeit der Ersten Republik einer der Stützen der Demokratie im Lande gewesen. Von den Nazis wurde sie als Widerständlerin ins Konzentrationslager gesteckt. Nach ihrer Befreiung bekämpfte sie die Kommunisten, die mit ihrer Machtübernahme 1948 die die Demokratie abermals zerstören wollten. Die rächten sich an ihr, indem sie sie mit gefälschten Indizien für „Landesverrat“ an den Galgen brachten. Trotz Folter ließ sie sich beim Prozess – im Gegensatz zu vielen Mitangeklagten – nicht zu einer Selbstbezichtigung mit Huldigung der Kommunistenherrschaft bewegen, sondern beharrte auf ihren demokratischen Grundsätzen.

Milada Horáková ist für die Tschechen das Symbol für die Opfer des Kommunismus und den Heldenmut des Widerstands geworden. Nach kaum einer historischen Persönlichkeit sind so viele Straßen und Plätze benannt worden, für keine anti-kommunistische Widerstandskämpferin gibt es in Prag so viele Denkmäler (siehe u.a. frühere Beiträge hier und hier). Eines davon steht auf dem Heldenplatz (náměstí Hrdinů) im Stadtteil Pancrác – unweit des Gefängnisses, in dem sie ermordet wurde.

Das Denkmal wurde im Oktober 2009 enthüllt. Für die Aufstellung hatten viele Organisationen ehemaliger politischer Gefangener, Geschichts- und Gedenkvereine, darunter der Milada Horáková-Klub (Klub dr. Milady Horákové), gesammelt. Es wurde ein Künstlerwettbewerb ausgeschrieben und am Ende wurde das Denkmal für Milada Horáková und die Opfer des Kommunismus (so der ganze Titel des Werks) von den Bildhauern Ctibor Havelka, Milan Knobloch und Jan Bartoš und der Sockel vom Architekten Jiří Kantůrek realisiert.

Wie der Titel des Denkmals schon besagt, wird hier zwar Milada Horáková hervorgehoben, aber auch zugleich aller von den Kommunisten in der Tschechoslowakei hingerichteten politischen Gefangenen gedacht. Auf einer Tafel unterhalb des Sockels sind 234 Namen von Ermordeten verzeichnet. Schon bei der Einweihung wurde darauf hingewiesen, dass sich diese Liste wohl noch verlängern werde und die Entdeckung vergessener Opfer auch in Zukunft auf dem Denkmal Berücksichtigung finden werde.

Das ist ein Hinweis, dass die historische Erfassung der Opfer nicht immer so eindeutig erfolgen kann wie im Falle Horákovás selbst. Es gibt viele Grenzfälle. Sollen frühere Mittäter, die sich aber später gegen die Kommunisten wandten und ihr Opfer wurden, ebenbürtig neben Horáková geehrt werden? Das ist nur eine von vielen schwierigen Fragen.

Eine zusätzliche politische Wirrnis ergab sich kurz vor der Einweihung. Ausgerechnet die Kommunistische Partei Böhmens und Mährens (Komunistická strana Čech a MoravyKSČM) wollte mit einer Geldspende für das Denkmal den Anschein erwecken, für die Schandtaten der Kommunisten von damals Abbitte leisten zu wollen. Da sich die tschechischen Kommunisten auch nach 1989 nie wirklich demokratisch reformiert hatten und bis heute noch über einen veritablen stalinistischen Flügel verfügen, erhob sich dagegen erheblicher Protest von Verfolgtenverbänden.

Aufgstellt wurde das Denkmal trotzdem. In der von soziaistischer Plattenarchitektur aus den 1970er Jahren geprägten Umgebung wirkt der Platz wie eine idyllische Friedensoase, in deren Mittelpunkt nun im Schatten großer Bäume auf einem leichten Hügel stehend das Denkmal steht. Auf einem schräg nach vorne ragenden kantigen Granitsockel befindet sich die bronzene Büste von Milada Horáková, die so den Platz überschauen kann. (DD)


Propaganda am Wohnhaus

Als die Kommunisten 1948 die Macht im Lande ergriffen, versuchten sie noch, auch in der normalen Wohnarchitektur den Anschein zu erwecken, das Arbeiter- und Bauernparadies stünde schon kurz vor der Ankunft. Noch waren nicht schmucklose Plattenbauten angesagt. Man versuchte, den Gebäuden noch einige – oft nicht so recht ästhetisch passende – skulpturale Ornamente hinzuzufügen, die natürlich stets auch ideologischen Zwecken dienten.

So auch hier über dem Eingang des nicht sonderlich ansehnlichen oder bemerkenswerten fünfstöckigen Wohnblock in der Blanická 589/5. Das Relief, das in drei Teile aufgeteilt ist, zeigt v.l.n.r. Kinder die sich glücklich zum Musizieren sammeln, pflichtbewusste Eltern aus der Arbeiterklasse mit von Idealen durchdrungenem Kind und Neugeborenen (großes Bild oben) und sportlich sich ertüchtigende Jungen. Alle dienen dem Sozialismus, alle sind glücklich. Ach, waren das Zeiten …

Diese Scheinidylle wurde an das Gebäude, das (wie viele Neubauten der 1950er Jahre) architektonisch noch in etwa dem Funktionalismus der Vorkriegszeit entspricht, 1955 angebracht. Der Entwurf für das Relief stammte von dem Bildhauer Miroslav Václavík, der immerhin ein Schüler des damals sehr bekannten Bildhauers Otakar Španiel war, dem man zum Beispiel das berühmte Denkmal für Tomáš Garrigue Masaryk vor der Burg verdankt (früherer Beitrag hier). Für so ein einfaches Objekt wie dieses Haus war das schon etwas Besonderes. Die Ausführung des Entwurfs oblag dem Steinmetz Jiři Ducháček.

Die Propaganda, die damit betrieben wurde, wirkt heute – rund 30 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus – recht obsolet und aus der Zeit gefallen. Aber das war sie sowieso schon sehr bald. Die Zeit spät-stalinistischer Ästhetik war 1955 schon fast vorbei. Danach machte man sich solche Mühen, die leeren Versprechungen ästhetisch zu verbrämen, nicht mehr. Auch ließen sich Künstler mit Selbstachtung und avantgardistischem Hintergrund schon bald nicht mehr so einfach dafür einspannen. (DD)

Roter Dichter, früh verstorben

Wie geht man mit Denkern und Künstlern um, die als Apologeten des Kommunismus in Erscheinung traten, die aber selbst keiner aktiven Beteiligung an Verbrechen schuldig waren? Vor allem in einem Land, das die kommunistische Unterdrückung durchleiden musste?

Nun, auch dann gilt im Zweifelsfalle die Unschuldsvermutung, zumindest, wenn kein direkter Aufruf zu Gewalt erfolgte. Kunst muss schließlich frei sein. Deshalb steht das Denkmal von  Jiří Wolker immer noch im Park Přátelství (Park der Freundschaft) im von Plattenbauten beherrschten Stadttteil Prosek. Es wurde dort auch noch in kommunistischer Zeit, genauer: 1987, aufgestellt. Gestaltet wurde die Statue 1984 von dem Bildhauer Miloslav Šonka, der in diesen Zeiten recht häufig der realsozialistischen Heldendarstellung frönte. Heute befindet sich eine kleine Infotafel neben dem Denkmal, das über den Dargestellten informiert.

Aber wer war Wolker? Der war 1921, als er im Alter von 21 Jahren seine erste Gedichtsammlung Host do domu (deutscher Titel: Gast ins Haus) veröffentlichte, ein Jungstar unter den tschechischen Dichtern der Zeit. Mit seiner einfachen und klaren Poesie versuchte er, die Not der proletarischen Bevölkerung hautnah zu schildern. Theaterstücke und Prosawerke folgten. Er wurde zu einem der Hauptvertreter der tschechischen proletarischen Dichtung. Wie viele seiner Gesinnungsgenossen in der Künstlerwelt kam er allerdings, so muss hinzugefügt werden, aus einen großbürgerlichen Hause.

1921 gehörte er zu den Gründern der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei. Man wird nie wissen, wie er sich verhalten hätte, als der KP-Vorsitzende  Klement Gottwald die Partei 1929 nach stalinistischem Muster organisierte („säuberte“) und damit den Exodus oder Hinauswurf vieler freigeistiger Schriftsteller, etwa Vladislav Vančura (früherer Beitrag hier), bewirkte. Einen gewissen Hang zum Dogmatismus zeigte er, als er 1922 die Künstlervereinigung Devětsil, der auch bürgerlich-demokratische Dichter wie František Halas angehörten, verließ, weil sie ihm zu unpolitisch war. Auf jeden Fall konnte er sich aber nicht mehr wehren, dass die Kommunisten ihn posthum zur proletarischen Kultfigur stilisierten (wovon das Denkmal in Prosek Zeugnis ablegt).

1923 erkrankte er an Tuberkulose. Auch ein Sanatoriumsaufenthalt in der Tatra erbrachte keine Besserung. Das Ende war abzusehen. Er blickte ihm mutig ins Auge und schrieb sogar das Epitaph für seinen Grabstein:

Hier liegt Jiří Wolker,
ein Dichter, der die Welt geliebt,
und für deren Gerechtigkeit ging er sich schlagen.
Doch noch bevor zum Kampf er zog sein Herz,
starb er – mit 24 Jahren.

Sein frühzeitiger tragischer Tod als junger Mensch und die Gradlinigkeit seiner Dichtung machten ihn auch über das eigene politische Lager hinaus populär und sicherten trotz seiner kommunistischen Anschauungen seinen Nachruhm. (DD)

Kommunistische Symbolik im Überfluss

429 Soldaten der Roten Armee liegen hier begraben. Die Sowjets waren am 9. Mai 1945 – heute vor 75 Jahren – in Prag einmarschiert. Der 9. Mai war deshalb während der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei der offizielle Tag der Befreiung. Dabei hatten die deutschen Militärs schon am Tag zuvor vor den Anführern des Prager Aufstands kapituliert, der am 5. Mai begonnen hatte, und den die Bürger der Stadt mit Todesmut unternommen hatten, um sich Unabhängigkeit und Demokratie zu erkämpfen (früherer Beitrag hier).

Deshalb ist heute auch der 8. Mai, der Tag des Sieges, offizieller Feiertag in der Tschechischen Republik. Dennoch bleibt unbestritten, dass die Rote Armee im Vorfeld des Kriegsende vor Prag schwere Verluste im Kampf gegen SS und Wehrmacht hinnehmen musste. Und deshalb wurde schon bald nach dem Krieg ein Teil des großen Olšany Friedhofs (auch hier) zu einem Ehrenfriedhof (vojenské pohřebiště) der gefallenen Rotarmisten umgewandelt. Man betritt ihn am leichtesten über den Eingang in der U Nákladového nádraží 1949/2 (Prag 3).

Das Areal ist völlig im Sinne stalinistischer Ästhetik gestaltet. In Reih und Glied stehen die Gräber der Soldaten. Alle sind bauidentisch als Obelisken gestaltet, auf denen in kyrillisch der jeweilige Name des gefallenen Soldaten steht über dem wiederum ein standardisiertes Ornament mit Siegesflaggen, Kalaschnikows und Rotem Stern angebracht ist (Bild rechts).

Zentral in der Mitte steht ein Denkmal (großes Bild oben), bestehend aus einem großen Steinsockel mit Sowjetstern, Hammer und Sichel, eingerahmt von zwei bronzenen Rotarmisten, die heldhaft ihre Kalaschnikow bzw. ein Gewehr mit Bajonett in den Händen tragen. Unweit davon ist ein riesiger Roter Stern in den Boden eingelassen.

Auch drumherum fehlt es nicht an kommunistischer Symbolik und Erinnerungskultur. Ringsum finden sich zusätzliche Denkmäler, so unter anderem (Bild rechts) eines für die tschechischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg mit der Habsburger Armee brachen, um 1917-22 auf Seiten der Bolschewiki im Russischen Bürgerkrieg zu kämpfen. Mit der Herausstellung dieser relativ kleinen militärischen Einheit wollte man ein ideologisches Gegengewicht zu der in der Tschechoslowakei verbreiteten Heldenverehrung aufbauen, die der sogenannten Tschechischen Legion (frühere Beiträge hier und hier) bis dato entgegengebracht wurde. Die Legionen hatten auf Seite der Entente, d.h. der Westmächte, für eine unabhängige und westlich-demokratische Tschechoslowakei und im Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki gekämpft. Für die Kommunisten waren die Legionen und ihr Mythos naturgemäß ein rotes Tuch. Deshalb dieses Denkmal (Bild oberhalb rechts). Allerdings schafften es die pro-bolschewistischen Tschechen von 1917ff nie wirklich, die Herzen der Tschechen so zu erobern wie es die Legionäre taten.

Daneben gibt es noch monumentale Denkmäler für Julius Fučík, einem populären kommunistischen Schriftsteller, der 1944 von den Nazis hingerichtet worden war und darob in den Heldenkult der Kommunisten einbezogen wurde, oder für Jan Šverma (Bild links), einem kommunistischen Politiker, der 1944 beim slowakischen Nationalaufstand sein Leben verlor und ebenfalls zur Märtyrergestalt wurde. Und es gibt noch etliche Beispiele mehr. Man schaut um sich und denkt man habe eine Zeitreise in die finstere Vergangenheit vor 1989 gemacht.

Kurzum: Soviel Sowjet- und Kommunismuskult kann in einem Land, das sich dereinst mit soviel Freude aus den Fängen dieser Ideologie und ihrer Schreckensherrschaft befreit hatte, nicht ganz unumstritten sein. Aber der Friedhof ist durch einen tschechisch-russischen Vertrag geschützt, der beide Länder verpflichtet, Soldatengräber mit den Toten der jeweiligen Länder zu sichern und in Stand zu halten. Angesichts der Tatsache, dass die hier beerdigten Rotarmisten als Opfer eines grauenvollen Krieges die Respektierung ihrer Totenruhe und den Respekt vor dem Leid, das sie einst erlitten hatten, verdient haben, ist das auch völlig recht und billig.

In diesem Sinne ist es traurig, dass ihr Schicksal bisweilen politisch missbraucht wird. 2014 musste die örtliche Friedhofsverwaltung ein neues Denkmal entfernen, das russische Veteranen des Krieges in Afghanistan auf dem Areal hatten aufstellen lassen. Darauf befand sich eine zweisprachige Plakette, die auf Tschechisch dem Gedenken von russischen Soldaten gewidmet war, die bei Friedensmissionen gefallen waren. Der Haken war nur, dass beim russischen Text nicht nur von Friedensmissionaren, sondern auch von „Internationalisten“ die Rede war, was bei der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 oft der Terminus war, mit dem die Sowjets die Invasion gerechtfertigt hatten. Es hagelte Proteste und die Plakette musste verschwinden.

Auch heute nutzen Teile der offiziösen oder nicht offiziösen russischen Community in Prag den Ehrenfriedhof, um politische Zeichen zu setzen. Zum Jahrestag des Kriegsendes ist das Denkmal mit Blumen und Kränzen in den russischen Nationalfarben (vereinzelt auch die der tschechischen Kommunisten) geradezu überschüttet – aber natürlich ist das dann nicht der 8., sondern der 9. Mai (die Photos entstanden 2019 einen Tag später). Das Verdienst der Befreiung will man wohl weiterhin für sich und die Rote Armee reklamieren. (DD)

Vereinnahmte Aufständische bei der Metro

Heute vor 75 Jahren, am 5. Mai 1945, begann in der Stadt der Prager Aufstand (Pražské povstání) gegen die deutschen Besetzer. Unter den Kommunisten war es Teil der offiziellen Geschichtsschreibung, Prag sei von der Roten Armee am 9. Mai befreit worden, aber tatsächlich erfolgte die Kapitulation nach heftigen Kämpfen schon einen Tag zuvor gegenüber Anführer der aufständigen Prager Bürger, General Karel Kutlvašr. Da den meisten Aufständischen der Stalinismus nicht die beste Alternative zu Hitlers Gewaltherrschaft zu sein schien, und es auch ein Ziel des Aufstands war, den Sowjets zuvorzukommen, unterdrückten die Kommunisten nach ihrer Machtübernahme 1948 zunächst das Andenken an die mutigen Freiheitskämpfer.

Das funktionierte nie so recht und der Aufstand behielt seinen Platz im Herzen der Prager. Deshalb versuchten es die Kommunisten in den 1970er Jahren mit einer anderen Taktik. Sie vereinnahmten den Aufstand für sich – sozusagen als Hilfsmaßnahme der Prager für die anrückenden Rotarmisten.

Es entstanden etliche Denkmäler (siehe z.B. früherer Beitrag hier), aber vor allem wurde einer der Bahnhöfe der neuen Metro nach dem Ereignis benannt – die Station Pražského povstání im Stadtteil Pankrác (Prag 4). Die liegt sicher nicht in der schönsten Ecke von Prag, aber immerhin. Hier in der Nähe hatten blutige Barrikadenkämpfe zwischen den Aufständischen und Teilen der SS-Division „Wallenstein“ stattgefunden. Die Station, die nach den Entwürfen des Architekten Vladimír Uhlíř gebaut wurde, wurde 1974 eröffnet, und zwar gemäß den ideologischen Vorgaben am 9. Mai, der nach offizieller Lesart der Tag der Befreiung und des Endes des Aufstands, aber realiter der Tag des Einmarsches der Roten Armee war.

Vor der Metro-Station wurde im Jahre 1977 ein relief-förmiges Denkmal angebracht, das dem Gedenken an den Aufstandes dient. Das Werk stammt von dem Bildhauer Stanislav Hanzík. Das Denkmal am Ausgang an der Děkanská Vinice I zeigt eine aus Steinquadern bestehende Barrikade – ganz im Stil der brutalistischen Variante des Sozialistischen Realismus, so wie er sich in den 1970er/1980er Jahren gerne in grauem Stahl und Beton präsentierte. Das passt sich harmonisch in die ebenfalls etwas brutalistische Architektur der Station und ihrer Umgebung (siehe kleines Bild oberhalb links). Über die Barrikade ist ein großes Tuch ausgebreitet, das an eine Fahne erinnert. Hierbei wurde auf jede Vereinnahmung durch kommunistische Symbolik verzichtet. Es könnte sich durchaus um die tschechoslowakische Fahne handeln.

Ebenfalls auf kommunistische Agitation verzichtet hat man bei den Inschriften für das Denkmal, die sich auf …. befinden. Dort werden auf einer Bronzetafel die folgenden Zeilen des Dichters František Halas zitiert: „Jen dedička května barikáda Praha strmět bude do bezčasí“ (in Deutsch etwa: Das Erbe der Mai-Barrikade von Prag wird zeitlos sein)

Man muss in diesem Zusammenhang wissen, dass Halas während der Nazi-Besetzung ein Mitglied des bürgerlichen Widerstandes war und nach der Machtübernahme der Kommunisten 1948 keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber dem Regime machte, indem er sich zum Beispiel weigerte, dem kommunistisch gesteuerten nationalen Schriftstellerverband beizutreten.

In den 1970er Jahren scheuten sich die Kommunisten also nicht, auch Teilnehmer des Aufstandes für sich zu einzuvernehmen, die sich das wahrscheinlich deutlich verbeten hätten, aber sich nicht mehr wehren konnten – wie etwa František Halas, der bereits 1949 gestorben war. Die positive Kehrseite des Ganzen war jedoch, dass man dieses Denkmal nach der Samtenen Revolution und dem Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft nicht entfernen brauchte wie andere politische Denkmäler der Zeit. Im Kern hat Hanzlik hier ein Mahnmal für die gefallenen Freiheitskämpfer des Mais 1945 geschaffen, das zeitlos bleiben sollte. (DD)

PS: Da das ganze Areal um die heutige Metrostation im Mai 1945 war heftig umkämpft. Deshalb gibt es neben dem Park gegenüber der Station noch ein kleines Denkmal aus den 1970er Jahren, und zwar am Gebäude des Hohen Gerichts am Heldenpark (náměstí Hrdinů) 1300/11 (siehe kleines Bild unten rechts).

Dort wird der Satz über die Zeitlosigkeit des Erbes der Mai-Barrikade des Aufstands fortgesetzt: „Za ní její mrtví a mrtví z koncentráků a mrtví z káznic rozestaví hlídky k střežení budoucnosti“ (dt.: Hinter ihr werden ihre Toten und die Toten der Konzentrationslager und die Toten der der Gefängnisse Wache halten, um die Zukunft zu schützen). (DD)