Freiheitsort Botschaft

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Zu Beginn des Sommers waren es 40, Anfang September schon 500. Als Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989, um 18.59 Uhr auf den Balkon trat, befanden sich bereits 4000-5000 Flüchtlinge aus der „DDR“ auf dem Gelände der Deutschen Botschaft im Palais Lobkowitz auf der Kleinseite. Die Botschaft – obwohl mit einer großen Gartenanlage ausgestattet – war schließlich kein Flüchtlingslager und auf diesen Ansturm nicht vorbereitet. Die Flüchtlinge verteilten sich überall im Garten und im Treppenhaus – eng zusammengepfercht und unter schrecklichen sanitären Bedingungen. Das Personal half, wo es nur konnte. Alle warteten bang, ob es den Flüchtlingen von der Botschaft aus gelingen würde, in die Bundesrepublik ausreisen zu können.

IMG_1930Dann kamen vom Balkon die 16 Worte (von denen man die letzten drei im Jubel der Massen nicht mehr verstehen konnte), die Geschichte schrieben: „Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise möglich geworden ist.“

Die Balkonrede ermöglichte die Ausreise der Flüchtlinge und läutete zugleich das Ende des Kommunismus ein.

Die Botschaft wurde damit zum historischen Freiheitsort. Und daran erinnert heute noch vieles. Um es zu Gesicht zu bekommen, muss man allerdings Teil einer Besuchergruppe oder Teilnehmer einer Veranstaltung/eines dienstlichen Anlasses sein, denn aus Sicherheitsgründen ist das Innere des Gebäudes und Areals für die allgemeine Öffentlichkeit geschlossen. Vom Petřín-Berg kann man IMG_7589zwar den „Genscher-Balkon“ sehen, aber die Nahsicht auf seine barocke Pracht ist doch beeindruckender – insbesondere, wenn er bei Festveranstaltungen nachts  beleuchtet ist (siehe großes Bild oben). Nähert man sich von innen, d.h. dem Festsaal, dem Balkon, kann man auch die kleine Tafel sehen, die an das große Ereignis erinnert.

Aber Erinnerungskultur muss natürlich nicht immer nur bieder und ernsthaft daherkommen. Dafür sorgte im IMG_7592Garten der berühmte Aktionskünstler David Černý (den wir schon hier und hier kennengelernt haben), der mit seiner Skulptur Quo Vadis auch heute noch dem Besucher ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Für die Prager blieben nämlich vor allem die vielen von ihren Besitzern verlassenen Trabis, die bald die Straßen der Kleinseite verstopften, als eine ganz wesentliche Erinnerung an die Ereignisse von 1989 im Gedächtnis haften. Ein Jahr später stellte Černý deshalb seinen auf vier Beinen IMG_7590auswandernden Trabi am Altstädter Ring auf. Da passte er historisch nicht so recht hin und deswegen wurde er 2002 auf das Botschaftsgelände gebracht. Da macht er sich hübsch und passt auch historisch – allerdings zu dem Preis, dass ihn der Normalbesucher nun nicht mehr aus der Nähe betrachten kann. Vom Petřín aus kann man ihn vielleicht entfernt sehen, aber man verpasst die für den Künstler so typischen kleinen „schrägen“ Details. Dazu gehören etwa die männlichen Primärgeschlechtsmerkmale, die der Trabi zwischen seinen Beinen aufweist.

IMG_7598Das anrührendste Stück Erinnerung findet sich allerdings im Treppenhaus des Gebäudes. Es handelt sich um eine kleine deutsche Fahne mit einem kleinen Begleitbrief einer Familie, die damals hier ihre Freiheit erlangt hatte. Die Fahne hatten sie aus Freude über Genschers Rede, die „uns den Weg in die Freiheit verkündete“, aus den armseligen Textilresten angefertigt, die sie noch in ihrem Gepäck fanden –  Kinderschlafanzug, Sporttrikot und Kinder-T-Shirt. Während ihrer Ausreise in die Bundesrepublik mit dem Zug trugen sie die Fahne bei sich und aus Dank schenkten sie sie später dem Botschafter. Wem bei diesem Anblick nicht die Tränen kommen, ist herzlos. (DD)

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