Steinblume – ironisches Statement?

Sie passt irgendwie in ihre Umgebung, diese Steinblume (Kamenný květ). Die Häuser, die an drei Seiten die kleine Grünanlage umgeben, auf der sich die Skulptur befindet, sind meist recht einfallslose Plattenblöcke aus Beton. Und die Blume wirkt auch ein wie aus Beton gegossen. Ist sie aber nicht. Bei dem Material handelt es sich um Trachyt, ein recht grobkörniger Stein, den Bildhauer gut bearbeiten können, aber auch ein wenig wie Beton aussehen kann.

Die Bildhauerin Zdena Fibichová stand im Jahre 1971 mit ihrer Steinblume vor Herausforderungen, die sie gut meisterte. In den Jahren 1967 bis 1971 schlugen die Prager Stadtplaner nämlich eine tiefe Bresche in Form einer mehrspurigen Verkehrsachse durch den Prager Bezirk 6. Die heutige Evropská (also Europastraße, die allerdings bis 1991 noch nach Lenin benannt war) schuf eine verkehrsplanerisch durchaus sinnvolle Ost-West-Achse, die die Ortesteile Dejvice und Ruzyně verband und damit die Verbindung von Innenstadt und Flughafen schneller und effizienter gestaltete. Schöner wäre da noch eine zusätzliche Linie der Metro oder wenigstens eine durchgängige Straßenbahnverbindung gewesen, aber auf die warten wir noch heute.

Wie dem auch sei: Es entstand (außer dort, wo sie ältere Straßen mit älterem Hausbestand einbezog) eine riesige real-sozialistische Umgestaltung des architektonischen Umfelds der Verkehrsachse. Möglicherweise, so sage ich mal vorsichtig, ist das nicht der allerschönste Teil Prags. Siehe Bild rechts. Dessen war man sich wohl auch damals schon bewusst. Deshalb versuchte man, die Riesenfahrbahn am Wegesrand mit rund sieben Skulpturen zu schmücken (von denen heute einige nicht mehr am Ort stehen). Einige davon waren bereits bekannte Werke, die etwas die kleine Skulpturengruppe Treffen am Brunnen (Setkání u studny) , die schon 1932 von Bedřich Stefan erarbeitet worden war. Die meisten davon wurden aber extra für das Projekt erstellt, darunter eben auch die Steinblume von Zdena Fibichová.

Weder die sieben Skulpturen noch die winzige und ansonsten schmucklose Kleinstgrünanlage an der Evropská, Ecke Vlastina im Ortsteil Liboc, so die Steinblume blüht, haben wohl das Gesamtbild der über sieben Kilometer langen Großallee entscheidend verändert. Aber das mindert ja nicht ihren intrinsischen Wert. Womit wir bei Zdena Fibichová und der Steinblume sind. Die senkrecht gestellte und sehr abstrakt gehaltene Blüte (möglicherweise so etwas wie ein Veilchen) ist 2,10 Meter hoch und 2,50 Meter breit. Sie ist in der Mitte geteilt und die beiden Hälften stehen gerade versetzt zueinander. Der Blütenboden ist ausgekerbt und sieht wie ein Loch aus. Es ist optisch ganz clever und stilistisch ans Umfeld geschickt angepasst.

Zdena Fibichová gehört zu den ganz wenigen Frauen der Bildhauerzunft in der damaligen Zeit. Sie war Urenkelin des berühmten Komponisten und Smetana-Zeitgenossen Zdeněk Fibich. Das Bildhauerhandwerk lernte sie auf höchstem Niveau unter anderen an der Prager Akademie für Kunst, Architektur und Design (Vysoká škola umělecko-průmyslová) bei Josef Wagner (wir erwähnten ihn u.a. hier). Die Kombination von Abstraktheit und Emotion sei ihre Spezialität gewesen, insbesondere bei zoomorphen Darstellungen. Aber auch die Steinblume kommt bei genauerem Hinsehen recht witzig und abstrakt daher. War sie ein ironisches Statement gegenüber dem Umfeld und der Großstraße? Wer weiß? Die Ironie an der Lage ist, dass zwar auf der Seite der Evropská, auch der die Skulptur steht, ein wenig Einöde herrscht, aber man von der gegenüber liegenden Seite in das wunderschöne und schluchtenreiche Naturschutzgebiet der Wilden Šarka (wir berichteten hier) hinabsteigen kann. Von der Steinblume angelockt, kann man also hier in die Natur ausschwärmen. (DD)

Auf den Spuren von Bohumil Hrabal III: Die Mauer, wo das Haus stand

Der gehörte zu den Großen der modernen tschechischen Literatur: Der Schriftsteller Bohumil Hrabal. Und den verbindet man mit Prag, genauer: mit dem Stadtteil Libeň, wo man sein obiges Konterfei auf einem Wandgemälde bewundern kann.

Hrabal trieb in seinen Werken meist den vielleicht für die tschechische Literatur typischen Hang zum Grotesken und Schwarzhumorigen auf die Spitze. Das Ganze verband sich zu einer eher äußerst pessimistischen Weltsicht, die wohl tief in seiner Psyche eingegraben war. Man findet das schon ausgeprägt in seinem in Deutschland wohl bekanntesten Roman Ich habe den englischen König bedient (Obsluhoval jsem anglického krále) von 1971 (unzensiert erst nach 1989 erschienen), der die Biographie des Scheitern des Protagonisten in den Zeitläufen von Republik über Nazibesetzung zum Kommunismus nachverfolgt. Wie überthaupt zeitgeschichtliche Themen eine wichtige Rolle bei ihm spielt, wie etwa bei der zu Ende des Zweiten Weltkriegs spielenden Geschichte Reise nach Sondervorschrift, Zuglauf überwacht (Ostře sledované vlaky) von 1965 und schon 1966 erfolgreich verfilmt, in der die anfänglich noch mit Humor gespickte Geschichte in infernalischem Grauen endet. Die Schrecken der Nazizeit wurden auch sonst von ihm oft – und wohl mit autobiographischen Hinweisen versetzt – thematisch verarbeitet. Aber auch die Kommunisten verabscheute er wohl. Er galt deshalb als ideologisch unzuverlässig und geriet mit dem Regime immer wieder in Konflikt. Offen dem Widerstand – etwa der Charta 77 – hat er sich als Eigenbrötler allerdings nie angeschlossen, was ihm von manchen Dissidenten später vorgehalten wurde.

Eine zeitlang wurde er sogar mit einem Publikationsverbot belegt. Sein in Tschechien vielleicht bekanntester Roman Allzu laute Einsamkeit (Příliš hlučná samota) von 1976 handelt von einem Intellektuellen, der in einem Papierpresswerk alleine arbeitet und maschinell Bücher zu Altpapierpacken zerstampfen muss. Eine klare Anspielung darauf, dass er nach 1970 Hilfsarbeiterjobs annehmen musste, um zu überleben. Ein für ihn erniedrigender Selbstbezichtigungsartikel ermöglichte ihm, unter eingeschränkten Bedingungen ab 1975 wieder schriftstellerisch tätig zu sein. Um so mehr zeigten ihm die Tschechen ihre Zuneigung als 1989 der Kommunismus auf dem Müllhaufen der Geschichte landete. So wurde ab 1991 eine Werkausgabe publiziert, die viele Werke erstmals ungekürzt und unzensiert präsentierte. Das wahre Genie des Autors wurde nun noch deutlicher sichtbar.

Hrabal hat überall in Prag Spuren hinterlassen, aber nirgendwo ist er heute noch so präsent wie eben im Stadtteil Libeň, einem damals industriell geprägten Arbeiterdistrikt, der sich heute damit rühmt, sozusagen Hrabals Kiez gewesen zu sein. „Meins ist Libeň! Ich bleibe hier, ich werde nie von hier wegziehen!“, schrieb er 1987 in einem seiner Bücher, obwohl er realiter 1973 in den Stadtteil Kobylisy umgezogen war. Aber irgendwie blieb er stets der Bewohner von Libeň, wo auch alles an ihn erinnert. Insbesondere die Liste der Kneipen, in den er Bier getrunken hat oder getrunken haben soll, ist lang.

Und er ließ sich von der Umgebung literarisch inspirieren, worüber wir bereits hier berichteten. Und dann gab es noch das Haus in der kleinen und unscheinbaren Na Hrázi 24/326, wo er von 1950 bis 1973 mit seiner Frau und vielen Katzen (Individualisten wie er!) wohnte. Das Haus wurde allerdings leider 1988 zu Beginn der Bauarbeiten für die dann 1990 eröffnete Metrostation Palmovka, abgerissen. An der Stelle, wo es stand, befindet sich nunmehr die Nordseite des angeschlossenen Busbahnhof. Die wird allerdings durch eine an sich öde Betonmauer begrenzt. Das bot immerhin – mit etwas Phantasie – Möglichkeiten, daraus einen Gedenkort zu machen.

Im Jahre 1999 dekorierte die Malerin Tatiana Svatošová, die dafür später sogar prestigereiche Preise einheimste, die von Garagen durchsetzte und hinter einem Parkplatz befindliche Wand mit einem Gemälde, das sich über satte 333 Quadratmeter erstreckte: Die Hrabal-Mauer, die mittlerweile zu den zentralen Hauptsehenswürdigkeiten des abseits er Touristenströme liegenden Stadtteils gehört. Dort sieht man im Stil der Pop-Art portraitiert, Hrabal (man sieht ihn mit einem einmontierten gerasterten Photo des Gesichts im großen Bild oben) und alles, was im wichtig war: Seine Katzen, das Bier, seine Bücher und auch seine berühmte altertümliche Schreibmaschine vom Typ Perkeo, die von der Dresdner Clemens Müller AG produziert worden war. Die war so etwas wie ein Markenzeichen des Schriftstellers.

Auch sonst lässt man sich in Libeň nicht lumpen, wenn es um die Pflege des Andenkens an Hrabal geht. Der Platz vor dem Wandgemälde bzw. dem früheren Wohnort wurde 1999 erst einmal Bohumil Hrabal Platz (Náměstí Bohumila Hrabala) umbenannt. Der ist allerdings so trübe gestaltet, wie man es von der Rückseite eines Busbahnhofs nur erwarten kann. Deshalb gab es schon früh engagierte Initiativen, den Platz würdiger zu gestalten. Zunächst ergriff der örtliche Kulturförderverein Serpens 2004 die Initiative, dass hier ein hauptsächlich Hrabal gewidmetes Kulturzentrum mit Ausstellungen und einem Buchladen erbaut werden solle. Ein Stück Land stand bereit und wartete darauf, erworben zu werden. Aber zunächst einmal schaffte der Verein es lediglich, hier als Signal für die Welt einen Grundstein für ein Bohumil Hrabal Zentrum (Centrum Bohumila Hrabala) einzuweihen, der jetzt etwas unmotiviert in der Gegend herumsteht. Aber das Signal wurde gehört.

Die Stadtregierung von Prag 8 sagte Unterstützung zu. Aber wie es mit Verwaltungen so ist… Planungen und Grundstückskäufe zogen sich ein wenig hin. 2020 schrieb man einen Architektenwettbewerb aus, Umbaupläne für den Platz vor, der zur Bedingung machte, dass der Platz dadurch ein architektonisches Denkmal für Hrabal mit entsprechenden Einrichtungen sein soll. Dadurch würde auch ein echtes Denkmal (im Sinne einer Skulptur, die den Schriftsteller darstellt) vermieden – etwas, was Hrabal wohl zu Lebzeiten strikt abgelehnt hatte. Es tut sich also langsam etwas in der Umgebung des Wandgemäldes. Mal sehen, was dabei herauskommt.

Was Hrabal zu all diesen Ehrungen gesagt hätte? Wir wissen es nicht. Denn der allem offiziösem Pomp eher abholde Schriftsteller war seit 1997 tot. Er hatte sich im nahen, Bulovka genannten Krankenhaus in Libeň zu einer behandlung eingefunden. Angeblich fiel er beim Versuch, an dem hoch gelegenen Zimmer, indem er sich befand, Tauben zu füttern, aus dem Fenster. Aber die meisten Menschen glauben, dass er Selbstmord begangen hatte. Suizid ist eines der Themen, mit denen er sich fast zwanghaft in seinen recht schwarzen Romanen und Geschichten befasst hat. Noch am Morgen des Todestages soll er einem Krankenhausarzt gesagt haben, er habe eine „Einladung“ von einem längst verstorbenen Dichter bekommen, der in der Nähe begraben sei. Aber restlos geklärt ist das alles nicht. Aber man kann sich kaum des Gedankens erwehren, dass das rätselhafte und tragische Ende in einer engen Beziehung zu dem so grimmig schwarz anmutenden Werk des großen Schriftstellers stehen muss. (DD)

Siehe auch:

Auf den Spuren von Bohumil Hrabal I: Rätselhafter Tod

Auf den Spuren von Bohumil Hrabal II: Palast mit Automatenrestaurant

Symbolismus für das Gaswerk

Industrialisierung, Wohlstand und Technik. Darauf war man vor Zeiten noch stolz. Jedenfalls kann man sich in unseren heutigen, von Fortschrittspessimismus geprägten Zeiten kaum mehr vorstellen, dass man eine profane Industrieanlage so voller Pathos künstlerisch zelebriert wie damals das neue Gaswerk von Michle (Michelska plynarna).

Die Skulptur, die eine modern-funktionalistische Ummauerung abschließt, stammt von keinem Geringeren als dem Bildhauer Ladislav Šaloun. Der gehörte zu den Großen seines Fachs im Lande und hatte 1915 sein gigantisches Denkmal für Jan Hus auf dem Altstädter Ring aufgestellt, das so etwas wie einen Status als Nationalmonument in Tschechien innehat. Nur dieses Mal ehrte der Künstler keinen Religionsreformator und Nationalhelden, sondern eben ein Gaswerk. aber auf das war man eben damals auch stolz!

In Teilen von Prag wurde bereits in den 1840er Jahren Straßenbeleuchtung mit Gaslicht eingeführt (wir berichteten hier). Ab den 1860er Jahren begann man in Städten Žižkov, Holešovice und Smíchov, die damals noch nicht zu Prag gehörten, mit dem Bau von eigenen Gaswerken. In den 1920er Jahren waren diese – und andere! – Städte in die sich rapide vergrößernde Stadt Prag integriert, die ein enormes Bevölkerungswachstum erfuhr. Die bestehenden drei kleinen „Stadtteil-Gaswerke“ reichten nicht mehr aus, um den Bedarf zu decken, zumal die Ansprüche an den Gaskonsum gewachsen waren. Es ging nicht mehr nur um Straßenbeleuchtung. Heizungen und Herde in den Wohnungen wurde zunehmend mit Gas betrieben und nicht mehr mit der luftverschmutzenden Kohle, die zu einem veritablem Problem für die Lebensqualität geworden war. Schon 1911 kaufte die Stadt Prag in Michle ein rund 190.000 m2 großes Areal zum Bau eines zentralen Gaswerks.

Der Erste Weltkrieg verhinderte erst einmal die Realisierung aller Pläne. Das alte Habsburgerreich ging, die Erste Republik kam. 1921 bis 1923 lief unter neuen Bedingen eine Ausschreibung, wer denn die Anlage auf dem Grundstück aufbauen und betreiben dürfe. Den Zuschlag bekamen am Ende das französische Unternehmen Compagnie des Compteurs und das englische Unternehmen West’s Gas Improvement Ltd, die beide für das recht aufwendige Projekt fusionierten. Die moderne Anlage wurde von dem Architekten Josef Kalous, der in den 1920er Jahren u.a. durch die hoch-avantgardistische Messehalle in Brno (Brünn) berühnt wurde – einem Meisterwerk des Funktionalismus. Die feierliche Eröffnung (zugegebenermaßen nur eines Teilstücks) erfolgte im März 1925. Die weiteren Bauabschnitte wurden 1927 bis1930 (was die Produktion auf 40 Millionen Kubikmeter pro Jahr steigerte) und 1941 bis 1944 eröffnet.

Die Eigentümer wechselten fortan öfters. Die französischen und britischen Investoren waren unter den Nazis nicht geduldet. Und unter den Kommunisten war alles Staatseigentum. Große kommunale Gaswerke wurden ab den 1960er Jahren überall – in Ost und West – immer mehr durch Verbundsysteme ersetzt. Diese Entwicklung ging auch an der Anlage in Prag nicht vorbei. Das Bewusstsein für die Problematik wurde unfreiwillig im Januar 1961 verstärkt, als ein 84 Meter hoher Gastank mit 147.000 Kubikmetern Gas Feuer fing und explodierte. Der Stadtteil musste wegen des ausbrechenden Feuers evakuiert werden. Nur dem Glück verdankte man, dass niemand ums Leben kam. Große Gastanks inmitten einer Stadt – nun ja… Auf jeden Fall: 1975 wurde hier in Michle die Gasproduktion eingestellt.

Die Tanks und Teile des Werks wurden nach und nach abgerissen. Verwaltungsgebäude blieben. Ein Teil des Gases für Prag kam nun aus einem Verbund. Ein kleineres Gaswerk wurde im etwas außerhalb gelegenen Horní Měcholupy erbaut. Das Areal gehört den seit Ende des Kommunismus wieder einem privaten Gasversorger, der Pražská plynárenská, die hier ihre Verwaltung für das Verbundnetz eingerichtet hat. Einige Bürogebäude sind auch an andere Firmen vermietet. Pražská plynárenská hat große Teile der Gebäude renoviert oder grundlegend umgebaut sowie neue Gebäude hinzugefügt. Behutsam hat man die neue Architektur an die funktionalistische Architektur der Ursprungszeit angepasst.

Und die wird immer noch durch die bronzene Skulptur am Eingang repräsentiert, die den sich über die Hauptstraße nähernden Besucher schon von weitem begrüßt. Das sehr pompös und ein wenig traditionalistisch daherkommende Kunstwerk wurde 1937 aufgestellt. Ladislav Šaloun war der wohl wichtigste Vertreter des Symbolismus und in der Tat handelt es sich hier um eines der Spätwerke dieses Kunststils. Wissenschaft und Arbeit (Věda a Práce), wie der Künstler das Werk betitelte, ist eine Allegorie, die eine Männergestalt mit nacktem Oberkörper (Arbeit) und eine Frauengestalt im Gewand (Wissenschaft) zeigt, die eine Fackel in der Hand hält. Letztere hielt nachts, wenn es dunkel war, einen besonderen optischen Effekt bereit. Aus der Fackel strömte nämlich eine helle Gasflamme, die die Umgebung erleuchtete. Das wird anscheinend nur noch selten vorgeführt.

Wie dieser Beitrag bereits andeutet, ist das Kapitel Gasversorgung durchaus eines der interessanteren in der Stadtgeschichte Prags. Es gibt seit 1999 ein kleines Museum, das über die Gasproduktion im allgemeinen und die Gasversorgung in Prag im speziellen aufklärt und unter anderem ein Modell der gesamten Anlage bereithält, wie sie im Jahre 1937 aussah, als Šalouns große Skulptur das erste Mal seine Gasflamme erleuchten ließ. Über das Museum werden wir vielleicht später berichten. Aber auch ohne das Museum ist das, was von der Anlage übrig blieb – zuvörderst die Allegorie! – schon eine veritable Erinnerung daran, wie sehr die Geschichte der Gasversorgung auch die Geschichte Prag geprägt hat, und dass die Prager einen gewissen Stolz für dieses Kapitel menschlichen Fortschritts in ihrer Stadt empfinden. Und so hat es sich Ladislav Šaloun auch nicht nehmen lassen, am Fuß der Säule mit der Skulptur das Stadtwappen Prags in Bronze zu verewigen. (DD)

Lokaler verbundener Künstler

František Jakub war ein damals selbst im Ausland, wo er viele Ausstellungen gewidmet bekam, ein sehr bekannter tschechischer Maler, dessen Nachruhm nicht zuletzt durch eine Gedenktafel mit Büste in der Slezská 1313/66 in Prag-Vinohrady aufrecht erhalten wird.

Jakub gehörte zu den böhmischen/tschechischen Vertretern des Intimismus, einer in Richtung Symbolismus tendierenden Stilrichtung des Post-Impressionismus. Er war hierin ein Gefolgsmann und Bewunderer des französischen Zeitgenossen Henri Le Sidaner. Sein Malerhandwerk hatte er als Schüler der in Prag lehrenden akademischen Malers Vojtěch Antonín Hynais und Maxillián Pirner erlernt. Er fühlte sich wohl immer dem Stadtteil Vinohrady (bis 1922 eine eigenständige Stadt) verbunden. Wenn man will kann man seine schönen Wandmalereien in der dortigen Sparkasse (wir berichteten hier) bewundern. Deshalb hat man ihn hier wohl auch besonders geehrt.

Unweit des und mit Blick auf den schönen Gartens der Brüder Čapek (Sady bratří Čapků), über den wir hier berichteten, hatte Jakub sein Domizil und Atelier in ebenjenem Gebäude, dessen Fassade nun mit seiner Gedenktafel geschmückt wird.Es handelt sich bei dem Gebäude um ein vierstöckiges Wohn- und Mietshaus, das um 1905 im Stil der Neorenaissance erbaut wurde. „Zde žil a tvořil český malíř František Jakub, 1875-1940“ (Hier lebte und wirkte der tschechische Maler František Jakub, 1875-1940), lautet der Text unter der Büste auf der Tafel.

Geschaffen wurde die Plakette/Büste einige Jahre nach Jakubs Tod im Jahr 1940 von dem Bildhauer und Medailleur Rudolf Březa. Angebracht wurde sie jedoch erst lange nach dem Tod Březas 1955, nämlich im Jahr 1968. Man kann nur spekulieren, warum das so war. Vielleicht war es in der 1968 stattfindenden kurzen Liberalisierungsphase des Prager Frühlings auch unter dem Kommunismus erstmals möglich, einen bürgerlichen Maler zu ehren, der keine entsprechenden ideologischen Referenzen aufwies – und dann noch angefertigt von einem Künstler wie Březa, der als aktiver Anhänger und Unterstützer der demokratischen Ersten Republik bekannt war.

Jakub ist als lokal verbundener Künstler natürlich auch ganz in der Nähe beerdigt, nämlich im Kolumbarium (auch Urnenwand genannt; d.h. Aufbewahrungsort für Urnen Verstorbener), der berühmten funktionalistischen Kirche des Hus Haus (Husův sbor) von Vinohrady, über das wir bereits hier berichteten. (DD)

Bei den Nilpferdbadewannen

Hroší lázeň – auf Deutsch: Nilpferdbadewanne – nannte der offenbar mit Humor gesegnete Bildhauer Josef Klimeš seine Kreation, eine Kombination von Großskulptur und Treppe, die das Herz eines jeden Freundes des brutalistischen Stils der 1970er/1980er Jahre höher schlagen lassen muss. Roher Beton in Fülle – und das ohne ein unnötig ablenkendes Umfeld! Denn drumherum sieht man auch sonst nichts anderes als Beton.

Auf den ersten Blick könnte der Spaziergänger, den es in das graue Gewirr von Eisenbahngleisen, Auffahrten und Zubringern zur Barrandov Brücke (Barrandovský most) verschlagen hat, denken, dass es sich um Stützpfeiler mit einer Aufhängung für eine dann doch nicht gebaute weitere Zubringertrasse handelt. Aber es handelt sich in der Tat um echte Kunst am Bau. Und hier, auf dem östlichen Ufer der Moldau gibt es in Sichtweite noch ein zweites Exemplar, das recht ähnlich aussieht und deshalb auch Hroší lázeň II heißt (Bild links). Man muss sich allerdings auf komplizierten Wegen am Rand der dicht befahrenen Schnellstraße dahin durchkämpfen. Echte Nilpferde dürften weder in Hroší lázeň I noch in Hroší lázeň II jemals gebadet haben, aber man muss zugeben, dass die Bezeichnung irgendwie doch den Nagel auf den Kopf trifft.

Die hiesige Ufer-Schnellstaße, die hier mit Zubringern des Prager Autobahnrings zusammentrifft, führt durch ein sehr schmales Terrain, denn der Uferstreifen wird eng durch die steil aufsteigenden Barrandov-Felsen begrenzt. Deshalb ist hier auch solch ein dichtes Gewirr von Straßen auf allen Ebenen (plus einer am Ufer fahrenden Eisenbahn). Und natürlich alles in rohem Beton, der die wachsende Zahl der Anhänger des einstmals verschrienen Brutalismus nur so verzücken muss (ansonsten ist das natürlich immer noch nicht unbedingt jedermanns Ästhetik).

Das war natürlich der angesagte Baustil als die Barrandov Brücke erbaut wurde. Sie wurde nämlich in den Jahren 1978 bis 1988 nach den Plänen des Architekten Karel Filsak (dem wir u.a. das berühmte Hotel Intercontinental in der Altstadt verdanken) gebaut. Auf dem Bild rechts kann man die Brücke von den Stufen von Hroší lázeň II aus schön begutachten. Die Brücke aus Spannbeton ist insgesamt 352 Meter lang und bis zu 55 Meter breit. Sie besteht aus zwei separaten Fahrbahnen mit je vier Fahrspuren, von denen die erst (südliche) schon 1983 eröffnet wurde. Sie verbindet die Stadtteile Barrandov (Westufer) und Braník (Ostufer). Weil das ganze Arrangement auch den Verkehr zum Autobahnring hin- und wegleitet, herrscht hier heftigster Autoverkehr. 2017 sollen hier 142.000 Autos am Tage im Durchschnitt über die Moldau gefahren sein. Die Brücke gilt als hoffnungslos überlastet.

Wie dem auch sei: nach der Eröffnung im Jahre 1988 wurden hier die beiden Nilpferdwannen (die der Volkmund auch manchmal als „Krmítko pro slony“ bezeichnet, auf Deutsch: Elefantenfutterstelle) als Kunstwerke aufgestellt, wobei die architektonisch in die Brückenkonstruktion intergriert sind. Neben ihrem Status als Kunstwerk dienen sie auch als Überdachung von Treppenaufstiegen. Wer unbedingt im Zubringerchaos die Straße wechseln oder eine der bewachsenen Verkehrsinseln aufsuchen möchte, kommt von hier aus auf das „Erdgeschoss“ und kann andernort wieder aufsteigen. Und zwar in unterschiedlicher Weise.

Bei Hroší lázeň II ruht die eigentliche „Wanne“ auf einem Treppenhaus, das um eine Ecke führt. Im Zwischendeck hat man eine Blicknische gelassen, die – vor allem am Umfeld gemessen – eine schöne Aussicht auf die Felslandschaft des gegenüber liegenden Ufers erlaubt (Bild links). Das ist schon fast Illusionskunst. Man muss sich ein wenig die Ohren zuhalten, damit man den Verkehrslärm nicht hört, aber dann konnte man an eine Idylle glauben – aber nur von diesem Blickwinkel aus.

Biegt man um die Ecke und geht herunter, dann verliert sich die Illusion. Man befindet sich zwischen Betonwänden am Straßenrand und kann sich auf einem kleinen Bürgersteig langsam auf den Weg machen.

Eine Unterführung weiter steht man vor Hroší lázeň I. Der sieht ähnlich aus, aber die Wanne ist nicht in die Treppe intergiert. Die Wanne schwebt geradezu frei auf einem umfänglichen Rundpfeiler, der längs geriefelt ist. Dadurch, so könnte man als Phantasiebegabter meinen, spielt das Ganze auf klassisch-antike Säulen mit ihren Kanneluren an. In dieser Weise freischwebend wirkt die Wanne noch brutalistischer als die von Hroší lázeň II, obwohl bei doch ungefähr gleich groß konstruiert sind. Die Treppe hinauf auf den Zubringer führt jetzt nicht durch ein Treppenhaus, sondern diagonal an der Säule vorbei unter der Wanne (die hier Regendach wird) hindurch.

Die beiden Nilpferdbadewannen konnten übrigens froh sein, dass sie erst 1989 hier aufgestellt wurden. In dem Jahr endete ja bekanntlich auch der Kommunismus. Das hatte die Umbenennung der ursprünglich nach dem ehemaligen kommunistischen Staatspräsidenten Antonín Zapotocký damals Antonín Zapotocký Brücke (most Antonína Zápotockého) benannten Brücke zur Folge. Nilpferdbadewannen sind eine viel zu lustige Idee, als dass man sie mit einem verstorbenen Stalinisten in Verbindung bringen sollte. Neben einer politisch neutralen Barrandov-Brücke dürften sich die grundsätzlich demokratie-freundlichen Nilpferde, so sie sich doch einmal hierhin zu einem erfrischenden Bade einfinden sollten, erheblich wohler fühlen.

Wie dem auch sei, so sehr sie von der Straßenperspektive auch ein wenig aussehen mögen, als ob hier ein Stück Zubringer unvollendet geblieben wäre, so sehr beeindruckt der Blick von unten (links wieder Hroší lázeň II). Man sieht, wie sehr der Bildhauer versucht hat, dass sein Kunstwerk inmitten der gigantischen Brücken- und Zubringerarchitektur immer noch optisch herausragend wirkt. Es ist die schiere Wucht des Betons, die man hier bewundern kann. Das Ganze erinnert ein wenig an einen alten Schiffsrumpf, wobei dieser Eindruck durch die Abdrücke der Holzverschalungen, die für den Guss verwendet wurden, noch einmal verstärkt wird.

Man soll aber bei dieser Gelegenheit nicht annehmen, das der Bildhauer, Josef Klimeš, nur ein Mann für’s Grobe war, der Gigantomanie in Beton goß. Vielmehr konnte er auch anders. Nämlich durchaus figürliche und feine Darstellungen (Beispiel hier). Kurz: Er war ein vielseitiger Künstler. Hier hatte er sich eben – wie es ein guter Künstler tun muss – über den Kontext seines Werkes (der nun einmal eine Betonbrücke ist) Gedanken gemacht, und dies durchaus sehr passend mit mit augenzwinkernder Phantasie realisiert. Es nur schade, dass die Barrandov-Brücke nicht so prominent und bekannt ist wie die Karlsbrücke, sondern eher abgelegen. Deshalb sehen sich wohl nur wenige Touristen je die beiden Nilpferdbadewannen an. Nur hartgesottene Brutalismus-Fans verirren sich hierher.

Komplett ist die Beschreibung der beiden Wannen aber noch nicht, wenn man sich nicht mit dem gegenüber liegenden Ufer befasst. Dort in Braník ist das Gewirr der Zubringer etwas geringfügiger wirr als drüben in Barrandov, aber eben immer noch recht komplex. Und so kann man im Vorbeifahren mit der Ufer-Straßenbahn die Skulptur Rovnováha (Balance/Gleichgewicht) bewundern – ebenfalls ein Werk von Klimeš. Der Titel des Werkes ist natürlich nicht so lustig wie der der „Nilpferdbadewannen“, aber doch recht sinnfällig. Leider ist sie von einer Werbetafel am Wegesrand etwas verstellt. Die Skulptur besteht wieder aus einer Säule mit Kanneluren (wie Hroší lázeň I). Darauf befindet sich aber keine Wanne, sondern ein auf dem „Rücken“ liegender Betonhalbkreis, der aber an einer Seite unregelmäßig „ausflattert“. Das erweckt den Eindruck eines schwer zu stabilisierenden Gleichgewichts. Die Möglichkeiten, die uns Stahl und Beton geben, um schwierige Gleichgewichte zu meistern, werden also recht augenscheinlich gemacht. Auch hier ließ der Künstler seinen Hintersinn walten. (DD)

Heilkundige Heilige

Heute ist der 7. April und somit Weltgesundheitstag. Dazu hat die Karlsbrücke mit ihrer Galerie von 30 Heiligenstatuen auch die richtigen Schutzheiligen parat: Kosmas und Damian.

Man könnte annehmen, die Heiligen auf Prags Wahrzeichen hätten meist irgendeinen direkten Bezug zu Prag oder zumindest Böhmen. Bei Lokalheiligen wie Ludmilla oder Kyrill und Method stimmt das, aber in den meisten Fällen lässt sich der direkte Bezug nicht herstellen. So scheint es auch mit Kosmas und Damian zu sein, die niemals auch nur vage entfernt in die Nähe der böhmischen Länder kamen, als sie noch lebten.

Denn eigentlich lebten die beiden Brüder (manche sagen: Zwillingsbrüder) im 3. Jahrhundert im heutigen Syrien. Bei Kyrrhos arbeiteten sie in einem Hospital. Da ihnen Engel beistanden, verbrachten sie wahre medizinische Wunder. So konnten sie einem Menschen, der ein zerfressenes Bein hatte, im Schlaf das Bein eines anderen, verstorbenen Menschen ansetzen. Die Heilung kam in Sekundenschnelle und verlief perfekt. Und mit dieser göttlichen Heilkunst bekehrten sie auch die nunmehr genesenen Ungläubigen in Massen zum christlichen Glauben. Und vor allem: Aus Glaubensgründen lehnten sie es ab, für ihr medizinisches Wirken Geld anzunehmen. Als der Märtyrertod nahte, wollte Kosmas erst nicht mit Damian zusammen begraben werden, weil der einmal einer wohl recht empfindlichen Patientin, die ihm Geschenke anbot, nicht beleidigen wollte und die Gabe doch annahm. Aber gottlob kam nach dem Tod eine Art orientalischer Vorläufer von Mr. Ed, nämlich ein sprechendes Kamel, das veranlasste, dass die beiden Brüder doch gemeinsam ihre letzte Ruhe fanden.

Über die Art, wie sie den Märtyrertod fanden, gibt es verschiedenene Legenden. Eine besagt, dass unter Kaiser Carinus ein eifersüchtiger (heidnischer?) Kollege sie umbringen ließ. Eine andere, dass sie in der Regierungszeit des Christenverfolgers Kaiser Diokletian mehrere Hinrichtunsgversuche (Ertränken, Erschießen durch Pfeile, Steinigen) überlebten, bevor sie enthauptet wurden. Auf jeden Fall machten ihr wundersames Wirken und ihr Martyrium einen eine so großen Eindruck auf die Menschen, dass schon im 4. Jahrhundert erste Kirchen überliefert sind, die die Namen der beiden schon recht bald Heiligen trugen. Das Grab wurde zur Pilgerstätte. Vom Mittleren Osten breitete sich der Kult nach Russland und über den Balkan aus, gelangte nach Italien und ließ auch die deutschen Lande nicht unberührt. Die Schatzkammer des Essener Doms erfreut daran, als ganz besondere Reliquie das angebliche Schwert zu besitzen, mit dem gemäß einer Legendenversion die beiden Heiligen enthauptet wurden.

Also warum stehen Kosmas und Damian zur Rechten und zur Linken von Jesus Christus, der sein Kreuz trägt, auf der Prager Karlsbrücke. Nun, die Statuen der Heiligen auf der Karlsbrücke wurden natürlich noch nicht von der Europäischen Kulturförderung finanziert. Es ging – ganz im Sinner katholischer (und liberaler) Soziallehre – sehr subsidiär zu. Freiwillige Gönner und Spender waren gefragt, nicht der Staat. Und die Medizinische Fakultät der Karlsuniversität war bereit zu einer guten Tat zur Verschönderung des Stadtbilds. Und als Spender wollte die Fakultät bestimmen, wer das geehrt wird. Und wer wäre da passender gewesen als die beiden heilkundigen Heiligen Kosmas und Damian? Schließlich sind sie die bedeutendsten unter den Heiligen Ärzten, die auf Altgriechisch Ανάργυροι (Anargyroi) genannt wurden, also „ohne Silber“, weil sie unentgeltlich arbeiteten.

Mit der Ausfertigung ihres Denkmals beauftragte die Fakultät den Bildhauer Johann Ulrich Mayer, der das Werk 1709 fertigstellte. Mayer gehörte damals zu den bekannten Vertretern der Barockbildhauerei und hatte mit anderen Meistern des Fachs, insbesondere Mathias Braun und Johann Ferdinand Brokoff zusammengearbeitet, die ebenfalls Statuen auf der Karlsbrücke hinterließen. Neben der Statuengruppe von Kosmas und Damian fertigte Mayer für die Karlsbrücke auch noch die Statue des Heiligen Judas Thaddäus an. Um ihr christliches Wirken stärker zu symbolisieren, hat Mayer die beiden Heiligen um den Gekreuzigten gruppiert. Rechts (aus der Sicht von Christus) sehen wir Kosmas (linkes Bild). Das erkennt man eigentlich nur an der Inschrift auf dem Sockel, denn Mayer hat sie als die Zwillinge dargestellt, die sie ja wohl auch waren.

Und so sieht man links von Jesus den Heiligen Damian. WIe sein Bruder trägt auch er einen Palmzweig, auch Märtyrerpalme genannt, auf dem Arm, ein häufiges Symbol für Heilige, die für ihren Glauben ihr Leben gaben. Und beide halten eine Salbenbüchse, wie Apotheker sie zur Zeit der Errichtung der Statuen benutzten. Die von Kosmas ist etwas bauchiger als die von Damian. In jedem Fall sind sie Attribute der Heilkunst. Desgleichen gilt für die eng anliegenden Kopfbedeckungen aus Stoff, die in der barocken Ikonographie häufig als Berufskleidung für Ärzte vorkommen. Alles zusammen macht die Heiligen unverwechselbar. (DD)

Gute Konstellation

Kunst am Bau ist eine gute Sache. Gerade von allzu funktionaler Architektur überzogene Stadtteile mit riesigen Bürokomplexen bedürfen ab und an der optischen Auflockerung mit geistig-künstlerischem Gehalt. Wie das geht, sieht man hier in der Pikrtova im Stadtteil Pankrác (Prag 4), der wegen seiner Bürohochhäuser bisweilen als „Prager Manhattan“ bezeichnet wird.

Die hier abgebildete sechs Meter hohe Skulptur trägt den Namen Passagierkonstellation (Souhvězdí pasažérky) und ist das Werk der mittlerweile international anerkannten und mit Ehrenpreisen überhäuften (etwa dem Jindřich Chalupecký Award) Bildhauerin Pavla Sceranková. Das Kunstwerk, das sich gut in die architektonisch durchaus originell gestaltete Umgebung des Bürohauses einpasst, stellt in abstrakten Elementen (Kugeln, Stangen) eine Frau dar, die mit einem Koffer eine Reise antritt, die aber nicht unbedingt an unsere Erde gebunden ist. Konstellationen, also das räumliche Verhältnis von Dingen zueinander (ein Begriff der häufig von Astronomen verwendet wird), ist generell ein Thema, dessen sich die Künstlerin annimmt. 2013 zeigte sie zum Beispiel in der Mährischen Galerie in Brünn (Moravská galerie v Brně) ein Kunstwerk unter dem Titel Konstallationen ausgestellt, das mit Stangen verbundenen Bürostühlen das Sternbild des Großen Bären geradezu galaktisch nachempfand.

Die Skulptur der die irdischen Sphären verlassenden Reisenden, deren Einzelteile selbst wie Planeten im All (oder Atommoleküle?) auszusehen scheinen, wurde 2017 entworfen und im Jahr darauf hier vor dem erst 2015 errichteten 13stöckigen Bürokomplex aufgestellt, der wiederum ein Werk des Ateliers des Architekten Vladimír Krátký ist. Das Enterprise Office Center, (auf Tschechisch: Budova Enterprise) wie es genannt wird, beherbergt auffallend viele Büros von Hightech- und Computerfirmen. Das passt zu dem sehr zukunftsgewandten Thema des Kunstwerks von Pavla Sceranková. Oder anders ausgedrückt: Das Bürogebäude und das Kunstwerk bilden zusammen eine ausgesprochen gute Konstellation. (DD)

Kein 50-Pfennig-Stück, aber viel Funktionalismus

Die Dame, die da im Felde die Ähren absichelt, erinnert ein wenig an die 50-Pfennig-Münze aus der Zeit der guten alten D-Mark. Damit hat sie aber nichts zu tun. Wir sind hier nämlich im Prager Stadtteil Karlín in der Sokolovská 371/1 und nicht bei der Münze der Deutschen Bundesbank in Weiden.

Das Relief befindet sich neben dem Eingang eines Gebäudes, das ästhetisch in grobem Kontrast zu der biederen Konventionalität der Darstellung steht. Bei dem Gebäude handelt es um den palác Atlas (Atlas Palast), der in den Jahren 1939 bis 1942 von den Architekten František Stalmach und Jan Hanuš Svoboda. Die Ausführung fiel in die Zeit der Nazibesetzung und lange hätten die beiden nicht mehr Gebäude in einem derartig avantgardistisch funktionalistischen Stil bauen können. Als sich nach der Vertreibung der Nazis die Lage nicht verbesserte, weil die Kommunisten 1948 die nächste Runde Totalitarismus (mit der damit verbundenen Kulturöde) eröffneten, verließen übrigens beide Architekten das Land. Svoboda ging 1948 in die USA, wo er 1978 starb, Stalmach nach Kanada, wo 1985 sein Leben endete.

Das Relief der Landarbeiterin, zu dem sich auf der anderen Seite der Tür ein behelmter Industriearbeiter hinzugesellt, könnte auf dem ersten Blick unpassend wirken und eher in die Zeiten des Kommunismus gehören. Aber das künstlerische Lob des Wertes der Arbeit war auch während der Ersten Republik (1918-38) en vogue – allerdings im Kontext demokratisch-republikanischer Werte und bezeichnenderweise oft im Verbund mit funktionalistischer Architektur, die unter Hitler und dem Stalinismus verpönt war. Ein Beispiel stellten wir hier vor.

Diese beiden Reliefs mit Arbeiter ind Landarbeiterin waren das Werk von Václav Markup, einem Schüler der beiden großen Meisterbildhauer Josef Mařatka und Bohumil Kafka, dem wir u.a. das große Reiterdenkmal auf dem Vítkovberg verdanken. Es ging hier auch nicht um Klassenkampf, sondern um die Tugend des Arbeitsfleißes. Denn das Gebäude wurde für die Česká spořitelna (Tschechische Sparkasse) als Filiale gebaut, was sie übrigens immer noch ist. Im Erdgeschoss befand und befindet sich noch immer ein großes Kino.

Die Sparkasse renovierte das oft „Dampfer“ genannte Gebäude in den 1990er Jahren grundlegend. Elegant geschwungene Glaselemente wurden dabei begradigt und viel Blechverkleidung angebracht. Das ganze habe „Eleganz der Fassade sicherlich nicht begünstigt“, meinte der Architekturkritiker Zdeněk Lukeš später. Der Eingang selbst (mit dem böhmischen Löwen darüber) wirkt noch einigermaßen authentisch und kontrastiert daher auch weniger scharf mit den Reliefs., als es nun der Rest des etwas unsensibel renovierten Gebäudes tut, das eigentlich zu den Meisterwerken des tschechischen Spätfunktionalismus gehört. (DD)

Bedeutende Krippe mit Hund

Man ist immer wieder erstaunt, welch Reichtum an schönen Krippen sich zur Weihnachtszeit in Prags Kirchen auftut! Unter ihnen dürfte die in der Kirche der Maria der Engelsgleichen (Kostel Panny Marie Andělské) in der Burgstadt (Hradčany), Černínská 98/3, befindliche Krippe bei den Kapuzinern (Betlém u kapucínů) die beeindruckendste und wohl auch die kunsthistorisch bedeutsamste sein.

Man findet sie ab dem 25. Dezember bis Mitte Januar in einem Nebenraum der 1600 bis 1602 erbauten Klosterkirche des Ordens der Kapuziner (wir berichteten bereits hier). Der kleine Raum ist von allen Seiten mit teils lebensgroßen Figuren gefüllt. 48 sind es, davon 32 Menschen und 16 Tierdarstellungen. Die menschlichen Figuren sind bis zu 175cm groß. Sie stehen nicht nur unmittelbar bei der Krippe mit dem Jesuskind, sondern sind überall im Raum in Gruppen aufgestellt. Es wimmelt im ganzen Raum nur so von Hirten, Schafen und Königen.

Der Schöpfer dieses Werkes ist uns heute nicht mehr bekannt, aber es dürfte ein handwerklich begabter Mönch des Klosters im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts gewesen sein. Sein Name könnte Kašpar gelautet haben, wenn man einigen Dokumenten im Kloster glauben darf. Mehr weiß man nicht. Er kannte sich aber auf jeden Fall wohl gut mit der Kunst der neapolitanischen Krippen aus. In Neapel entstanden wohl die ersten Krippen im 13. Jahrhundert, was die Stadt zum Urzentrum der Krippenkunst macht. Und im barocken 17. Jahrhundert und frühen 18. Jahrundert erreichte der Krippenbau hier seinen künstlerischen Höhepunkt und begann, den Rest Europas – darunter eben auch Prag – zu beeinflussen.

Einzelne Figuren wurden schon einmal restauriert, aber dadurch wissen wir trotzdem nicht so recht, wie sie hergestellt wurden, da wohl verschiedene Techniken bei den Figuren verwendet wurden. Bei den größeren und wichtigen Figuren sind Hände und Köpfe aus polychromen Holz geschnitzt. Die Körper sind bestehen wohl in der Regel aus Holzgestellchen, die mit Papiermaché umhüllt sind. Darüber zog man Stoffkleidung (bei Menschen) oder künstliches Fell (bei Tieren). Bei etlichen „minder bedeutenden“ menschlichen Figuren scheinen aber auch Köpfe und Hände aus Papiermaché zu bestehen und nicht aus Holz. Das könnte bei den hinteren der im Bild rechts abgebildteten Hirten der Fall sein. Um die genauen Techniken zu erfahren, müsste man sämtliche Figuren komplett restaurieren, wozu aber noch kein Grund bestand.

Die Krippe ist die älteste Kirchenkrippe in Prag. Die erste Krippe, deren Existenz überliefert ist, gab es bereits 1562, aber die ist verschollen. Für den Erhalt der alten Krippen war es geradezu verheerend, dass in den 1780er Jahren Kaiser Joseph II. Krippen für unaufgeklärten Aberglauben hielt und aus den Kirchen (als öffentlicher Raum) verbannte. Die Böhmen liebten aber ihre Krippen, was dazu führte, dass im 19. Jahrhundert eine grandiose Tradition der privaten Hauskrippen entstand. Allerdings waren Kirchenkrippen auch schon bald nach Ableben Josephs II. wieder legal. Und die Klosterkrippe in der Kirche der Maria der Engelsgleichen hatte die Zeit im Keller eingemottet überlebt. Seit 1969 wird die Krippe nach Weihnachten größtenteils nicht mehr abgebaut, weil das doch sehr aufwendig wäre. Sie bleibt in dem rechts neben dem Haupteingang befindlichen kleinen Raum, der nach der Saison einfach zugeschlossen wird. Das schont auch die historisch so wertvollen und fragilen Figuren. Zur Eröffnung wird dann über dem Türchen des Raums ein großer Stern von Betlehem – jener, der die Ankunft Jesu Christi ankündigte (Bibel Matthäus 2.1; 9).

Die Krippe wurde immer wieder einmal ergänzt und überarbeitet. 1830 entstand zum Beispiel das Hintergrundbild. Das wachsene Jesuskind in der Krippe stammt aus dem Jahr 1951, weil das Original – wahrscheinlich auch aus Wachs, weil das im Barock so üblich war – verschollen gegangen war. Der Aufbnau der Szenierie, so wie wir sie heute zur Weihnachtszeit sehen können wurde 1965 bis 1967 von dem akademischen Bildhauer und Restaurator Karel Stádník entworfen. Er sorgte dafür, dass der Raum entsprechend umgebaut wurde. Er achtete darauf, dass das Ganze sehr authentisch barock wurde, baute aber einige neue Elemente – etwa einen sprudelnden Wasserquell und Lichteffekte – ein. Mobil ist in der nun so festgelegten Szenerie nur noch das Jesuskind, dass erst bei der Mitternachtsmesse zu Weihnachten vom Hauptaltar zur Krippe getragen wird. Bleibt nur noch zu erwähnen, dass meine Lieblingsfigur der zweifarbige Hund ist, der die Schafe sorgfältig und treu bewacht, während die Hirten das Jesuskind anbeten. (DD)

Im Lada-Land

Ladův kraj – pohádkový region (auf Deutsch: Lada-Land – die Märchenregion) nennt man die romantisch bewaldete Gegend um die Ortschaften Hrusice, Mnichovice Velké Popovice und 21 anderen Gemeinden, die sich freiwillig zusammengeschlossen haben, um ihn zu feiern: Josef Lada. In Deutschland ist er primär als der grandiose Original-Illustrator von Jaroslav Hašeks Roman vom guten Soldaten Švejk bekannt. In Tschechien liebt ihn Jung und Alt auch, weil er sie um eine wahre Märchenwelt bereichert hat. In diese Welt kann man direkt vor den Toren Prags – etwa 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt – bei schönen Wanderungen eintauchen.

Geboren wurde er 1887 im Dorf Hrusice, wo man ihm 1951 ein von dem Bildhauer Zdeněk Šejnost entworfenes Denkmal setzte. Mit 14 zog es den Schusterjungen nach Prag, wo er sich als Autodidakt zum Maler, Illustrator, politischen Karikutaristen, Schriftsteller, Biographen, Theater-Szenographen, Dichter und Saufkumpan von Hašek, mit dem er sich eine zeitlang aus Geldmangel eine kleine Wohnung teilte (und später darüber humorig lesenswerte Erinnerungen schrieb), weiterentwickelte. 121 Bücher für Kinder 197 Bücher für Erwachsene verfasste er. Ein Weihnachten ohne Karten oder Kalender nach seinen Motiven ist in Tschechien undenkbar. Aber seine große Liebe schien dem Genre des Märchens zu gehören, wie er nicht nur in seinen Pohádky naruby (Verdrehte Märchen) von 1938 zeigte. Ob Nachempfindungen tradtioneller Märchen, selbst erfundene oder parodierte Märchen – hier lief er zu Hochform auf. Ein Grund dafür, dass das in Deutschland nicht so bekannt ist, ist die Tatsache, dass viele seiner Märchen nur in indirekter Form hierhin kamen. Denn eigentlich kennt in Deutschland fast jedermann einige von Ladas Kreationen. So zum Beispiel den berühmten Vodník von 1939, eine alte Legende, die man in Deutschland durch Otfried Preußler als Der kleine Wassermann kennt.

Und wer kennt ihn nicht, den Kocour Mikeš, den Lada im Jahre 1936 veröffentlichte? In Deutschland heißt er Kater Mikesch und wurde dort ebenfalls zunächst nur durch die gelungene Nachempfindung Otfried Preußlers (1962) berühmt – und dann noch viel berühmter durch die putzige Fernsehadaption der Augsburger Puppenkiste (1964; in Farbe 1976), durch die ich ihn zum Beispiel kennen lernte. Durch diese – zugegebenermaßen recht genialen – Adaptionen geriet Lada in Deutschland als Originalautor ein wenig ins unverdiente Abseits. Aber nicht in Tschechien, wo man vor allem die lokale Gebundenheit der Ladaschen Geschichten viel deutlicher vor Augen hat. Das sieht man hier im oben erwähnten Lada-Land in der Umgebung seines Geburtsortes Hrusice. Dort wurde vor einigen Jahren zwischen Hrusice und Mnichovice ein Kater-Mikesch-Wanderweg (Cesta kocoura Mikeše) angelegt. Denn in Ladas Buch lebt der sprechende Kater tatsächlich in Hrusice. Nachdem er aus Versehen den Rahmtopf der Großmutter kaputtgemacht hat, zieht er aus Angst vor Bestrafung in die Welt hinaus. Der rechts abgebildeten Tafel auf dem Wanderweg entnimmt man, dass er genau an dieser Stelle, der Lederhöhe (Kožený vrch), noch einmal sehnsüchtig hinunter auf das Dorf schaute, bevor er weiter ging. Man sieht, das Lada den Kater in eine reale Welt eingebettet hat.

Und davon findet man überall Spuren im Lada-Land. Und der Wanderweg bzw. Lehrpfad ist nur ein Beispiel, wie die lokale Tourismusbehörde die Berühmtheit Ladas für ihr Marketing nutzt. Aber nicht nur die Behörde. Der Name Lada wirkt hier so inspirierend für jedermann, dass die Privatinitiative blüht. Kaum aus Mnichovice in den Wald gekommen, kommt man zum Beipiel an der links abgebildeten Gartenfront eines Hauses vorbei, dessen Besitzer wohl ein wahrer Lada-Enthusiast ist, und handgemachte überlebensgroße Figuren aus Ladas Märchenwelt. Man ist beeindruckt, ob der Kreativität und des Einsatzes!

Lada-Garten (Ladova zahrádka) hat der Besitzer das Ganze getauft, was mittlerweile zur lokalen Sensation geworden ist. Und so trifft man hier alte Bekannte aus verschiedenen Märchen. Neben den Charakteren aus dem Kater Mikesch etwa auch den kleinen Wassermann (Vodnik), den man hier seine Pfeife rauchend beim Angeln zusehen kann. Das Gesamtkunstwerk steht nicht in den Reiseführern, gehört aber zu den großartigsten Sehenswürdigkeiten der Gegend, weshalb es hier ausführlich erwähnt werden muss.

Weiter geht es nach Hrusice selbst. Da steht das Geburtshaus Ladas (/Bild links), das ein wenig so aussieht, als ob es seit Ladas Zeiten mehrfach renoviert, ausgebaut und stark verändert wurde. Aber man kann trotzdem erahnen, dass Lada nicht aus sehr reichem Elternhaus kam. Hier ein von Lada gemaltes Bild des Hauses im Ursprungszustand. Als arrivierter Künstler, der dann etwas wohlhabender war, kaufte er sich ein Sommerhaus im Orte, in dem sich heute ein kleines Museum befindet. Gestorben ist er allerdings 1957 in Prag, wo er seine Karriere begonnen hatte und berühmt wurde. Aber weder Geburtshaus noch Museum sind für die meisten Ausflügler, die sich meist zum Wochenende hier einfinden, die Hausptattraktion des Ortes.

Das ist ohne Zweifel die Hrusická Hospoda (Hrusicer Gasthaus). Die ist – wie das meiste an Gebäuden im Orte – zunächst einmal architektonisch recht unscheinbar. Es ist ein einstöckiges Gebäude schlichter Bauart, dass er möglicherweise hier 1943 zeichnerisch verewigte. Lada ist hier zu Lebzeiten oft eingekehrt und kannte den Wirt und die Gäste, die ihn vielleicht zu seinen Zeichnungen inspirierten.

Nicht nur das verbindet das Gebäude mit dem großen Künstler, sondern vor allem die üppige Bermalung mit Lada-Themen im Lada-Stil. Außen sind das vor allem Motive aus den Ladaschen Märchen – allen voran der Mikeš als die populärste Figur, die hier gerade einzukehren scheint. Nach ein paar Schluck Bier wird er weiter in die Welt ziehen, und – wie uns die Geschichte lehrt – Geld als sprechender Kater beim Zirkus verdienen, um nach der Rückkehr den Rahmtopf der Oma zu ersetzen. Happy End.

Und natürlich sind auf die tierischen Freunde des Katers dabei, denen er auch das Sprechen beigebracht hat, wie die Geiß Bobeš (bei Preußler: Bobesch) und der junge Kater Nácíček (dt.: Maunzerle), der die Menschensprache noch nicht ganz so gut beherrscht wie Mikeš. Die wichtigste Figur ist jedoch Mikeš‘ bester Freund Pašík (Paschik), ein Schwein, das nicht nur sprechen, sondern auch auf der Ziehharmonika lustig musizieren kann. Möglicherweise ist er sogar der beliebteste Charakter der Ladaschen Märchenerzählung. Entsprechend findet man das Schwein an prominenter Stelle auf die Außenwand der Hrusická Hospoda gemalt.

Im Inneren der Gaststätte half bei der Ausgestaltung die Tatsache, dass Lada neben Märchenmotiven auch liebend gerne raue Kneipen- und Gaststättenszenen festhielt. Aus einer davon entstammt im großen Bild oben sichtbare herrlich in die Holzeinrichtung eingepasste Blaskapelle, die in einer Gaststätte zum Tanz aufspielt. Es handelt sich um die vergrößerte Kopie eines Ausschnitts aus dem 1929 von Lada gemalten Bild Tancovačka (Tanzvergnügen). Die ganze Gaststätte ist drinnen mit überlebensgroßen Kopien dieser Kneipenbilder Ladas bedeckt. Verantwortlich zeichnete sich der Miloslav Milostný, der sie im Jahre 2008 (mit späteren Ergänzungen) liebevoll anfertigte. Milostný war kein Berufsmaler, sondern eigentlich Wirtschaftsingenieur. Aber die Hobbymalereien sind einfach kongenial!

Im Mittelpunkt der Milostnýschen Malereien gemäß Lada steht wohl dessen bekannteste Wirtshausszene, die Rvačka v hospodě (Schlägerei in der Kneipe) aus dem Jahr 1943. Das war für die Tschechen eine traurige Zeit und nichts in der Szenerie, in der die Obrigkeit in Form eines Nachtwächters mit Hellebarde erscheint, an die Nazibesetzung. Es ist die gute alte Habsburgerzeit, die man hier fast schon putzig verklärt sieht (und für die Lada wohl früher nicht viel übrig hatte). Hier sieht man die lustigste Szene, in der ein Hund sein Herrchen verteidigt, während der Nachtwächter dabei ist, jemandem möglicherweise mit der Hellebarde die Hose herunterzuziehen.

Schlägereien waren in früheren Zeit, die Lada noch mit erlebt hat, in Wirtshäusern auf dem Lande anscheinend noch sehr verbreitet. Das kann man jedenfalls mutmaßen, wenn man sich vor Augen führt, wie oft der Künstler das Thema (mit sichtbar verschiedenen Lokalitäten) in seinen Bildern verarbeitet hat. Auch in den Geschichten seines Freundes Hašek wird ja häufig darauf rekurriert. Die Wirte schienen das ob der hohen Reparaturrechnungen, die dabei anfielen, nicht so recht goutiert habe.Deshalb gehört zu meinen Lieblingsszenen hier der in den Gastraum eintretende und wutentbrannte Wirt, der mit aufgekrämpelten Armen und einem Knüppel in der Hand jetzt für Ruhe sorgen will.

Der Fairness halb sollten an dieser Stelle nicht nur die genialen Lada-Bilder von Milostný, sondern auch das Wirtshaus Hrusická Hospoda an sich gewürdigt werden, dass seit langem erfolgreich von Wirt Pavel Mach geführt wird. Es ist, wie gesagt, kongenial im Lada-Stil für alle Lada-Fans, die das Lada-Land erwandern, eingerichtet. Man könnte vom eigentlichen Herz des Lada-Landes reden. Es scheint gleichermaßen die Dorfkneipe der einheimischen und der Anlaufort für Ausflügler zu sein, die aber meist aus der Umgebung Prags kommen (Ausländer verirren sich hier eher selten hin). Es gibt gutes Markenbier und klassisch deftiges tschechisches Wirtshausessen (manchmal sogar heute rare Traditionsgerichte wie die Prdelačka, eine Schweineblutsuppe). Alles in allem: Man wird reell und preisgünstig bewirtet und das Essen passt wie maßgeschneidert zu Lada-Land und Lada-Ambiente.

Aber die Hospoda mag in Hrusice ein Höhepunkt-Erlebnis für alle lada-Fans sein, aber keineswegs die einzige Attraktion, die der Geburtsort bietet. Jeder macht hier mit beim Lada-Kult. Läden und Bauernhöfe mit Verkauf werben überall mit Mikeš und Co.. Und es gibt überall an den Wanderwegen innerhalb des Ortes kleine Statuen mit den Lada-Märchenhelden wie Vodnik, Pašik oder eben Mikeš. Im Bild links sieht man einen seltenen Schnappschuss, wie die bronzene Figur des kleinen örtlichen Mikeš-Denkmals auf eine echte Katze zu schauen scheint – vielleicht ein Nachfahre von Nácíček/Maunzele?

Kurz: Es gibt noch viel zu sehen im Lada-Land, und das, worüber an dieser Stelle berichtet wurde, ist nur die Spitze des Eisbergs. In der ganzen Umgebung wird auf Lehrpfade und auch andernorts (in Velké Popvice ist sogar eine Schule nach Lada benannt) wimmelt es nur so von Lada -Memorabilia und -Attraktionen, die auch noch in eine so schöne Landchaft eingebettet ist, dass sich gleich mehrere Ausflüge hierhin lohnen.

Die traumhafte bewaldete Landschaft mit ihren sanften Hügeln, erklärt vielleicht auch, warum bei der örtlichen Präsentation des Lada-Landes die Märchengeschichte so sehr das Bild bestimmen. Und nicht der in Deutscland bekanntere Soldat Švejk. Aber ganz unter den Tisch fällt er dennoch nicht. In der Hrusická findet er sich als Gipsrelief im Lada-Stil (von unbekannter Hand geschaffen) versteckt in einer Ecke neben dem Gang zur Toilette. Immerhin: Besser als nichts. Und Josef Lada selbst, der volkstümlichste aller tschechischen Künstler hätte diese Art volkstümlichen Humors sicher auch zu schätzen gewusst. (DD)