Bildhauer des Sports

Das Areal am Moldauufer beim Stadtteil Libeň (Prag 9) war früher ein verfallenes und verlassenes Industriegebiet, das heute mit Luxuswohnungen und -büros heftig „gentrifiziert“ (also aufgewertet) wird. Nur am westlichen Teil, der Libeň Insel (Libeňský ostrov), sieht man noch zwischen kleinen Schrebergärten Spuren von Verfall. Umso erstaunter ist man, wenn man bei Spazieren plötzlich und unwerwartet vor einer Wiese mit vielen Skulpturen steht.

Wir befinden uns beim ehemaligen Bildhaueratelier Zdeněk Němeček (Sochařský ateliér Zdeňka Němečka), dessen Gelände heute so etwas wie ein Skulpturenpark ist. Er dient dem Andenken des Bildhauers Zdeněk Němeček, von dessen Werk man hier eine recht repräsentative Auswahl bewundern kann. Němeček hatte nicht nur ein profunde Töpferausbildung genossen, sondern hatte in den 1950er Jahren auch ein Studium an der Prager Akademie der Bildenden Künste unter anderem bei keinem Geringeren als Professor Jan Lauda absolviert. Der war in der Zeit der Ersten Republik zwischen den Weltkriegen einer der Begründer der modernen Bildhauerei im Lande und verfolgte zudem mit seiner Kunst immer auch soziale Anliegen. Und damit inspirierte er auch seinen Schüler.

Der bekannte sich aber darob klar und eindeutig zu den kommunistischen Machthabern, die 1948 die Tschechoslowakei übernahmen. Es war offenbar kein Opportunismus, sondern Überzeugung. Und tatsächlich gibt es eine Menge Werke von ihm, die klar der politisch-ideologischen Parteilinie dienten, darunter etliche Denkmäler für den von den Nazis ermordeten kommunistischen Schriftsteller Julius Fučík (über den wir u.a. hier berichteten), von denen übrigens das in (Ost-) Berlin eines der größten ist. Als im Herbst 1989 das Ende des Kommunismus nahte, empfand er das (aus für uns wohl schwer nachvollziehbaren Gründen) als eine menschliche Tragödie. Am 17. November 1989 – also jenem Tag, der heute als Tag der Freiheit und Demokratie ein nationaler Feiertag ist – begannen die großen Demonstrationen, die die Samtene Revolution und damit das Ende der roten Tyrannei einläuteten. Und am nächsten Tag beging Zdeněk Němeček Selbstmord. Ob politische Gründe alleine entscheidend waren, ist nicht klar, aber sie schienen eine Rolle gespielt zu haben. Zumindest verbirgt sich eine persönliche Tragödie dahinter. Vereinzelt gibt es den Verdacht, dass Němeček wegen seiner kommunistischen Überzeugungen hinterher nicht die posthume Anerkennung fand, die er als Künstler verdiente. So fehlt etwa sein Name in einem der Standardlexika zur bildenden Kunst in Tschechien. Andererseits sind in der Regel andere Künstler, die regimetreue Kunst machten, nie der damnatio memoriae anheimgefallen. Wer weiß? Jedenfalls ist seine völlig zurecht anerkannte Kunst nie aus dem öffentlichen Raum entfernt worden. Ich werde mich also nicht in Verschwörungstheorien ergehen. Wer weiß? Man kann sogar sagen, dass etliche seiner Skulpturen zeitlos populär blieben.

Das hat auch etwas mit seinem offenkundigen Lieblingsgenre in Sachen Bildhauerei zu tun. Die Darstellung von kommunistischen Heldfiguren wie Fučík machte realiter nur einen sehr kleinen Teil seines Oeuvres aus. Seine Leib- und Magenspezialität war das Thema Sport bzw. Sportler in allen Arten und Ausführungen, das er mit viel Lebensnähe, Witz und auch ohne allzu plumpen sozialistischen Körperkult behandelte. Im Kontext des stalinistischen Kunstverständnisses hätte sich das meiste davon als ausgesprochener Fremdkörper ausgenommen.

Das bekannteste Werk dieser Art sehen wir im großen Bild oben, die Skulptur Kouzelník s míčem (Ein Zauberer mit Ball), die er 1983 für den Vorplatz des Stadions von Hradec Králové schuf. Wir stellten bereits hier seine Statue eines Basketballspielers vor der Sporthalle Folimanka (Sportovní hala Folimanka) vor. Kaum weniger bekannt ist seine schon sehr viel mehr abstrahierende Skulptur Cyklisti (Radfahrer), die (wie wir im Bild oberhalb links erkennen) ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen zu zeigen scheint. Oder auch die nur als Torsos erkennbaren Läufer im Bild links unter dem Titel Zvítězím (Ich werde gewinnen), die der Künstler 1973 kreierte. Und nicht zu vergessen die Olympijská lípa v Libni (Olympische Linde von Libeň) aus dem Jahre 1966, eine baumförmige Metallskulptur, die wir im Bild oberhalb rechts sehen.

Ein ähnliches Thema hat er vier Jahre später, im Jahre 1977, mit seiner Skulpturengruppe Závod (Das Rennen) noch einmal aufgenommen. Im Titel steht schon weniger individueller Siegeswille im Mittelpunkt wie bei Zvítězím. Vielleicht ist das der Grund, warum die nunmehr drei (nicht vier, wie im anderen Werk) mit weniger eckigen Formen gestaltete wurde.

Warum findet man den Skulpturenpark hier in Libeň? Nun, der Künstler hatte hier von seinem Lehrer Jan Lauda nach dessen Tod im Jahr 1959 dessen Atelier übernommen, das sich heute am Rande deeses Parks befindet, auf dem wiederum heute eben eine Auswahl von Němečeks Werken zu sehen ist.

Wie etwa – um noch ein Beispiel zu präsentieren – die seltsame Bodenturnerin, die sehr abstrakt gestaltet nur ein Bein zu haben scheint (Bild links). Genaueres habe ich aber nicht herausfinden können. Es fehlen in der Regel Informationsschilder; wie das Ganze sowieso etwas spontan improvisiert aussieht (was irgendwie auch seinen Charme ausmacht).

Heute residieren in dem Atelier übrigens die Designstudios Olgoj Chorchoj. Dahinter verbirgt sich eine Gruppe von Kunsthandwerkern und Designern, die sich um keinen Geringeren als den Bildhauer Jan Němeček geschart hat – dem Sohn von Zdeněk Němeček. Der hat nach dem Zusammenbruch des Kommunismus neue Standards in der Designkultur des Landes gesetzt und wurde unter anderem mit seinen Designs für Gläser der Biermarke Pilsner Urquell 2006 weltbekannt. Das Kunsttalent liegt also in der Familie. Und dieses Familienerbe pflegt der Sohn mit dem seinem Vater, dem großen Bildhauer des Sports, gewidmeten Skulpturenpark. (DD)

Erdmännchen und Hollywoodsterne

Erdmännchen gehören zu den großen Sympathieträgern und Publikumslieblingen in jedem Zoo. Die im südlichen Afrika lebenden und zu der Familie der Mangusten gehörenden Kleintierchen leben gesellig in Kolonien. Immer halten einer oder mehrere von ihnen Wache, um die Gruppe zu beschützen. Dabei stehen sie aufrecht und haben tatsächlich etwas von kleinen putzigen Männchen an sich.

Der Prager Zoo (wir berichteten schon hier und hier) hat deshalb gut daran getan, sie als Kunst- und Werbeattraktion an vorderster Stelle zu präsentieren, um die Besucher richtig einzustimmen. Seit 2003 steht mitten auf dem Vorplatz der Bushaltestelle, wo alle Zoobesucher ankommen, eine große Skulptur. Bei dem Werk Sedm Surikat (Sieben Erdmännchen) handelt es sich um sieben kleine bronzene Erdmännchen, die sich auf einem hohen Felsblock tummeln – die meisten davon arttypisch Wache haltend. Der Fels, auf dem sie sich befinden ist über 3 Meter hoch, während die Erdmännchen in wenig mehr als in Lebendgröße dargestellt werden. Sonst hätten sie sicher auch nicht so niedlich gewirkt.

Erschaffen wurde die Skulpturengruppe von der Bildhauerin Veronika Richterová. Die hat seither die klassische Bildhauerei künstlerisch an den Nagel gehängt. Stein meißeln und Bronze gießen sei körperlich zu anstrengend, meinte sie, und beschloss, fortan Kunst aus recycelten Pet-Flaschen herzustellen. Das ist originell – und im übrigen gibt es dafür auch von anderen Künstlern sehr witzige Beispiele in Prag, die sich großer Popularität erfreuen (wir berichteten hier).

Hat man sich an den Erdmännchen sattgesehen, kann man ja Richtung Eingang zur Kasse gehen. Auf dem Wege tritt man auf ein andere Kunstwerk von Veronika Richterová. Zusammen mit dem Designer Michal Cihlář schuf sie 2001 den berühmten Walk of Fame (chodník slávy) 2002, der so etwas wie die animalische Fassung des berühmten Walk of Fame auf dem Hollywood Boulevard in Los Angeles ist. In Hollywood sind es – von einigen Ausnahmen wie Lassie abgesehen – vor humanoide Filmstar, die ihren Handabdruck auf einem Zementstern auf dem Bürgersteig hinterließen. Hier im Zoo sind es ausgewählte Tiere desselben.

Die Herstellung der Abdrücke war wohl in einigen Fällen schwierig, da es möglicherweise einen Unterschied in der Kooperationskultur von Zootieren und Hollywoodstars gibt. Zugegeben: Einige der Tiere, die hier verewigt sind, machten es den Künstlern leicht – etwa Ameisenbärin Linda und Leguan Pepino. Bei anderen traute man sich aber nur heran, wenn sie schliefen. Man kann sich den Nervenkitzel vorstellen, den die Künstler bei der Anfertigung des hier abgebildeten Sterns mit dem Prankenabdruck der Löwin Josefina verspürten. Große Tiere wurden durch einen stabilen Rahmen über feuchten Zement geführt, um das Ganze sicher zu gestalten.

Lässt man den Walk of Fame hinter sich und betritt den Zoo, kann man sich ja in das große Afrika-Areal des Zoologischen Gartens begeben, um Kunstwerk und Original zu vergleichen. Dort befinden sich nämlich die lebendigen und nicht aus Bronze erstellten Erdmännchen. Man weiß dann, warum sie Dank Richterová zum Werbeträger des Zoos erkoren wurden. Sie sind und bleiben einfach putzig! (DD)

Frischgebackener Heiliger

Heute ist der 16. Mai; der Tag des Heiligen Nepomuk. In Tschechien, aber auch in Österreich und Süddeutschland ist er als der Schutzheilige der Brücken bekannt. Den Grund dafür sieht man hier im Bilde. Am März 1393 endete das Leben des guten Nepomuk vorzeitig und gewaltsam, weil der böhmische König Wenzel IV. ihn kopfüber die Karlsbrücke hinunter in die Moldau werfen ließ.

Nepomuk, der Generalvikar des Erzbischofs von Prag, war in die Machtkämpfe zwischen Erzbistum und dem König geraten, der das Bistum zu schwächen und zu verkleinern begonnen hatte. Erst später erfand man die Geschichte, dass Nepomuk dem stets eifersüchtigen König nicht berichten wollte, was dessen Frau ihm unter dem Beichtgeheimnis anvertraut hatte. Die Legende beförderte später Nepomuk zusätzlich zum Heiligen der Brücken auch noch zum Heiligen des Beichtgeheimisses. Zum richtigen Kultheiligen der Böhmen wurde Nepomuk aber erst nach dem Dreissjährigen Krieg als die Habsburger zur Festigung ihrer Macht die Gegenreformation betrieben und einen guten lokalen Heiligen für die Böhmen brauchten, der sich nicht gegen die Dynastie wenden ließ. 1670 verfasste der jesuitische Historiker Bohuslav Balbín seine Vita und popularisierte ihn. 1721 wurde er selig- und schließlich am 19. März 1729 von Papst Benedikt XIII. heiliggesprochen.

Der die Brücke hinunterfallende Nepomuk, den wir hier sehen, wurde im Jahr der Heiligsprechung in Sandstein gemeißelt und befindet sich im knapp nördlich von Prag gelegenen Ort Chlumín. Dort steht auf dem etwas schläfrigen, aber mit einigen Kulturschätzen gesegneten Dorfplatz vor der barocken Kirche eine große und mutmaßliche Marien- oder Pestsäule. Ob sie nämlich wirklich das Ende der letzten großen Pest in Böhmen von 1713/14 gedenken sollte, ist nämlich fraglich, da einige typische „Pestheilige“, wie etwa der Heilige Rochus, darauf fehlen. Wie dem auch sei: Die Stifterin, die in Böhmen lebende Prinzessin Anna Maria Franziska Großherzogin von Toskana von der Toskana gedachte, mit dieser Säule ein frommes Werk zu tun.

Was den Reichtum der skulpturalen Ausstattung angeht, so muss sich die Säule in Chlumín vor keinem ihrer Gegenstücke in der Königsstadt Prag verstecken (die wir u.a. hier, hier und hier vorstellten). Mehr noch als die namensgebende Maria stellte der Bildhauer Jan Pursch, der u.a. auch den Hauptaltar der Ludmillakirche im nahen Mělník gestaltet hatte, böhmische Nationalheilige mit Märtyrerstatus in den Mittelpunkt seines Schaffens. Drei von ihnen befinden sich an prominenter Stelle am Hauptsockel: Ludmilla (kleines Bild links), Wenzel (rechts), und eben Nepomuk. Und über jeder Statue gibt es ein kleines Relief, das den Märtyrtod darstellt. Bei Ludmilla das Erwürgen mit dem Schal, bei Wenzel der Schwerthieb vor der Kirchentür und – wie wir oben sehen – beim frischgebackenen heiligen Nepomuk der Sturz von der Brücke.

Damit bastelte der Künstler an der Heiligenlegende, indem er Nepomuk in eine Reihe mit bereits eingeführten Nationalheiligen stellte. Seine Statue entspricht der sich damals entwickelnd Konvention, was die Attribute angeht – mit der einen Ausnahme, dass er keinen Heiligenschein mit Sternen trägt. Nepomuk ist nämlich der einzige Heilige außer der Jungfrau Maria, der bei der Darstellung Sterne im Heiligenschein tragen darf, wenngleich nur fünf und nicht 12 (Beispiel hier). Man erkennt ihn aber trotzdem.

Chlumín ist wohl eine wirtschaftlich etwas abgehängte Ortschaft und seine durchaus sehenswerten Kulturdenkmäler – Kirche und Schloss – machen einen etwas heruntergekommenen Eindruck. Dass ihre Mariensäule mit dem Heiligen Nepumuk (und anderen) etwas wirklich besonderes ist, dessen war man sich wohl immer bewusst. Sie wurde immer gehegt und gepflegt. 1958 renovierten selbst die Kommunisten sie und 2000 wurde sie noch einmal auch neuesten Stand gebracht. Blitzblank sieht das Ganze jetzt aus. (DD)

Ukrainischer Nationaldichter, auch in Prag beliebt

Am südlichen Rand des Kinský Platzes (Náměstí Kinských) im Stadtteil Smíchov (Prag 5) steht sein Denkmal: Taras Hryhorowytsch Schewtschenko. Der wird in der Ukraine als der große Nationaldichter schlechthin gefeiert.

Ein Denkmal hat er sich schon deshalb verdient, weil seine künstlerische Entfaltung als Maler und Literat unter den schweren Bedingungen der russischen Zarenherrschaft stattfinden musste. Er wurde 1814 noch in Leibeigenschaft geboren und konnte nur deshalb die Künste erlernen, weil sein Herr und Gebieter zufällig sein Talent erkannte (nachdem er ihn erst wegen seiner heimlich betriebenen Malerei auspeitschen ließ) und irgendwann die Idee gut fand, einen echten Künstler als Leibeigenen zu besitzen. Immerhin durfte Schewtschenko ab 1831 in St. Petersburg recht frei bei den dort lebenden Künstlern lernen, die schließlich eine Kunstauktion veranstalteten, um ihn zu einem maßlos hohen Preis freizukaufen, was nur mit Hilfe einer Spende der Zarenfamilie im Jahre 1838 gelang. Ab 1840 wandte er sich neben der Malerei auch der Dichtung zu, u.a. mit dem Gedichtband Kobsar, der ihn berühmt machte. Es war das erste größere literarische Werk der neueren ukrainischen Sprache, die im Zarenreich nicht als Sprache, sondern als primitiver Dialekt galt, und deren Verbreitung man zu unterdrücken trachtete. Es folgten andere erfolgreiche Werke, etwa das Gedicht Hajdamaken von 1841 (das später Modest Mussorgsky vertont wurde).

1846 trat er der Kyrill-und-Method-Bruderschaft bei, einer liberalen Vereinigung von Intellektuellen, die sich um die Reifung eines ukrainischen Nationalbewusstsein bemühte und für die Abschaffung der Leibeigenschaft (mit friedlichen Mitteln) kämpfte – die er erst 1861, eine Woche vor seinem Tode, erleben durfte. 1847 wurde er deshalb verhaftet und verurteilt, lebenslang zwangsweise als einfacher Soldat in der Zarenarmee zu dienen. Zar Nikolaus I. fügte dem Urteil noch handschriftlich zu, dass ihm die Malerei und das Schreiben fortan verboten seien. Er hatte Glück im Unglück, denn einige Offiziere waren von ihm und seinem Talent so angetan, dass er als Begleitsoldat für Forschungsexpeditionen, etwa zum Aralsee, eingesetzt wurde und das Malverbot als „wissenschaftlicher Skizzenzeichner“ umgangen werden konnte, was zu einigen seiner schönsten Landschaftsdarstellungen führte.

Als Nikolaus I. 1857 starb, erreichten Freunde seine Freilassung. Er wollte sich in der Ukraine niederlassen und suchte wieder Kontakt zu regimekritischen Intellektuellen und polnischen Unabhängigkeitskämpfern. 1859 wurde er darob wieder verhaftet, aber schon kurz darauf Dank des Wohlwollens des Gouverneurs wieder entlassen. 1861 starb er in Sankt Petersburg und wurde dort unter Teilnahme vieler Schriftstellerkollegen, darunter Fjodor Dostojewski, beerdigt. Nur wenige Wochen später wurde das Grab geöffnet und der Sarg nach Kaniw, einer ukrainischen Stadt am Dnjepr überführt, wobei tausende von Ukrainern die Straße in Ehrfurcht säumten. Wie er es sich in seinem Gedicht Sapowit (Das Vermächtnis, 1845) gewünscht hatte, wurde er am Ufer des Flusses begraben.

Aber warum steht sein Denkmal ausgerechnet in Prag? Nun, in Prag wurden 1876 zum ersten Mal seine Werke unzensiert veröffentlicht, was im Zarenreich nicht möglich war. Deshalb war es auch ein ukrainischer Bildhauer, Valentyn Znoba, der das Werk für die Prager in dankbarer Erinnerung an die damalige Prager Toleranz schuf. Die Skulptur wurde in Anlehnung an ein frühes Selbstportrait Schewtschenkos aus dem Jahr 1840 entworfen und gestaltet.

Kein Geringerer als der damalige ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko weihte das Denkmal im März 2009 ein. Die Prager begleiteten dies mit viel Sympathie, denn Juschtschenko galt damals als ein Garant der Demokratie in der Ukraine und für die Unabhängigkeit des Landes. Ein Giftanschlag auf ihn im Jahre 2004, so vermutet man, ging auf das Moskauer Konto. Da war Solidarität der Tschechen gefragt. Zudem leben viele Ukrainer im Lande. Sie stellen 30% der hier lebenden Ausländer und sind somit die größte Gruppe unter ihnen. In Prag rechnet man mit einem satt zweistelligen Anteil an der Bevölkerung. Auch historisch fühlt man sich mit der Ukraine verbunden, gehörte doch die Karpatenukraine in der Zwischenkriegszeit zut Tschechoslowakischen Republik. Jedenfalls steht Schewtschenko hier am Kinský Platz nicht so unerwartet, wie man es zunächst annehmen müssen. Und die hiesigen Ukrainer lieben ihn sowieso und überhäufen das Denkmal mit Blumen und Schmuckbändern in den Landesfarben blau und gelb. (DD)

Frohes Weihnachtsfest!

Weihnachtskrippe vor dem Veitsdom in Prag. Entworfen von der bekannten Kinderbuchillustratorin Emma Srncová, 2019/Nativity scene in front of St. Vitus Cathedral in Prague. Designed by the well-known illustrator of children’s books, Emma Srncová in 2019/ Betlém před katedrálou sv. Víta v Praze. Navrhla známá ilustrátorka dětských knih Emma Srncová v roce 2019/ プラハの聖ヴィート大聖堂の前のキリスト降誕のシーン。 子供向けの本のなイラストレーター、エマ・スルコヴァーによって設計された2019

Heilige und Patriotismus

Der Veitsdom (Katedrála sv. Víta ) hoch oben auf der Burg ist eine wahre Schatzkammer. Selbst unter den unendlich vielen Sehenswürdigkeiten der Spitzenklasse ragt dabei das berühmte von Alphonse Mucha (siehe auch hier) entworfene Kirchenfenster auf der Nordseite des Schiffs heraus.

Mucha war der „Popstar“ unter den vielen bedeutenden Künstlern des Jugendstils in Prag möglicherweise sogar der bekannteste Künstler der Tschechen überhaupt. Zudem war er ein politischer Mensch, der als tschechischer Patriot von einem unabhängigeren und demokratischeren Böhmen träumte. Er unterstützte die liberale Politik der Ersten Republik unter Präsident Tomáš Garrigue Masaryk von Herzen – weshalb ihn übrigens die Nazis nach ihrem Einmarsch 1939 kurz vor seinem Tod im selben Jahr internierten.

Als er 1928 mit dem ersten Entwurf für das große Kirchenfenster der Kathedrale begann, war klar, dass er religiöse mit patriotischen politischen Themen verbinden würde. Das ist bei dem im Fenster nun realisierten Entwurf von 1930 überdeutlich ersichtlich. Muchas politische Ideenwelt kreiste um einen durchaus westlich-demokratisch gebundenen (nicht-russophilen) Panslawismus, der sich mit einer deutlichen Prise tschechischen Nationalismus liberaler Prägung verband.

Um dies durch das Spektrum des religiösen (immerhin handelt es sich ja um ein Kirchenfenster) sichtbar zu machen, verbindet Mucha auf dem Fenster zwei ineinander verwobene historische Motive, die sich um Heiligenviten und das politische Erwachen slawisch-tschechischer Identität: Der Aufstieg der christianisierten Dynastie der Přemysliden und das Wirken der beiden Heiligen Kyrill und Method, den „Slawenaposteln“ die dereinst im 9. Jahrhundert die Slawen in Südost- und Mitteleuropa christlich missioniert hatten (früherer Beitrag u.a. hier).

Dabei stellt die kombinierte Szene in der Mitte des Fensters (siehe großes Bild oben) den Aspekt der Identitätsbildung der Herrscherdynastie der Přemysliden, die im 9. Jahrhundert dabei war, den böhmischen Staat auf christlicher Grundlage zu formieren. Im Hintergrund sieht man den böhmischen Herrscher Bořivoj I., der gerade als erster des Geschlechts von besagten Kyrill und Method getauft wird und somit di Geschichte des christlichen Böhmens einleitet. Davor sieht man – historisch gesehen nur wenige Jahrzehnte später – die Heiligen Ludmilla, eine aus dem selben Geschlecht stammende böhmische Nationalheilige, die ihren Enkel Václav, sprich: den späteren Heilige Wenzel, aufzieht. Den sieht man hier als betendes Kleinkind bereits mit visionärem (und etwas süßlich dargestelltem) Blick, die große Zukunft Böhmens erahnend. Das ist tschechische Nationalmythologie pur!

Die kleineren Bilder rechts und links von diesen großen Zentralmotiv stellen Episoden aus dem Leben der beiden Heiligen Kyrill und Method (die übrigens nicht Böhmen, sondern nur Mähren missionierten. Bořivoj I. (der erste wirklich historisch nachweisbare Přemyslidenherrscher) wurde nämlich um das Jahr 883 im mährischen Velehrad getauft. Auf der rechten Seite des Fensters sieht man die Vita des Heiligen Method, der 867 vom Papst zum Bischof geweiht worden war. Man erkennt ihn deshalb an der Mitra auf seinem Haupt. Das Bild Bild oberhalb links zeigt seinen Tod 885 im mährischen Velehrad.

Links wiederum sieht man das Leben und Wirken des Heiligen Kyrill, dem die Welt unter anderem das nach ihm benannte kyrillische Alphabet verdankt. Er übersetzte unter anderem die Bibel ins Kirchenslawische, das für die weit umfassende Missionstätigkeit der beiden Heiligen unerlässlich war. Das Bild links zeigt Kyrill, der 869 in Rom starb, bei der Übersetzungsarbeit.

Direkt unter dem zentralen Bild kommt ein rein säkularer Aspekt zum Tragen, nämlich zwei weibliche Allegorien, die die Slavia und die Bohemia darstellen sollen. Die Slavia als panslawistisches Symbol wird mit einem Blätterkranz abgebildet und hält einen Kreis in der Hand, der für die Einheit der slawischen Völker steht. Darunter die Bohemia, die eine Art Szepter als Verkörperung der neuen Staatlichkeit der Tschechen seit 1918. Mucha hatte schon zuvor die Slavia (hier) und die Bohemia (hier) mit ähnlichen Attributen dargestellt, die nicht unbedingt der christlichen Ikonographie entspringen.

Die wiederum steht ganz oben, in einem sternförmigen kleinen Fenster im Mittelpunkt, in dem Christus der ganzen Szenerie seinen Segen gibt.

Mucha wählte übrigens für sein Fenster nicht die im Mittelalter (und daher bei fast allen anderen Fenstern im Veitsdom) übliche Bleiglastechnik, bei der einzelne, meist monochrome Glasstücke miteinander mit Blei verlötet werden. Die großflächigere Glasmalerei Muchas erhöht den Licht- und Farbeffekt dramatisch. (DD)

Familie vor dem Umzug?

Freudig und in familiärer Geborgenheit sieht das Kind der klassenlosen Gesellschaft entgegen… Obwohl die Kommunisten eigentlich die Familie als Teil des Überbaus der kapitalistischen Gesellschaft und folglich als repressiven Ideologieapparat betrachteten, gab sich die offizielle Kunstpolitik in dieser Hinsicht oft recht konservativ. Zumindest in der Spätphase des Regimes in den 1970ern/1980ern versuchten sie offenbar das Ausmaß der gesellschaftlichen Zersetzung, das sie angerichtet hatten, mit viel Heile-Welt-Ästhetik zu kaschieren.

Wie dem auch sei: die Skulptur Familie (Rodina) des Bildhauers Bohumil Teplý präsentiert uns die klassische Kernfamilie. Der Arbeiterklassen-Hintergrund ist allenfalls vage durch die Kleidung angedeutet. Teplý war übrigens ein auch kein kommunistischer Staatskünstler. 2004 schuf er zum Beispiel das Denkmal für den Kampf für Demokratie und Freiheit vor der Rechtsfakultät der Universität Olomouc, das der Samtenen Revolution von 1989 gewidmet war. Er ist zudem Schüler des berühmten Bildhauers Karel Pokorný, der zu den großen Künstlern der Ersten Republik gehörte. Und irgendwie ist die Skulptur der glücklichen Familie doch auch ganz nett.

Wer sie heute sehen will, kann das auf dem Busbahnhof vor der Metrostation Depo Hostivař tun. Einen trostloseren Ort kann man sich kaum vorstellen. Als die Skulptur 1980 eingeweiht wurde, stand sie noch an einem prominenteren Ort im Stadtteil Prag 3, ganz nahe beim großen Olšany Friedhof. Allerdings wurde im Jahr 2000 an der Stelle das moderne Einkaufszentrum Atrium erbaut, was die Umsetzung der Skulptur zur Folge hatte. Immer wieder gab es Anläufe der Stadtteilregierung von Prag 3, die Skulptur wieder von Prag 10 zurückzuholen, was der Bildhauer Teplý auch kräftig unterstützte. Ende 2019 berichteten die Medien, dass ein Beschluss gefasst worden sei, nach einem geeigneten neuen Standort zu suchen. Kann sein, dass die Familie also bald vor dem Umzug steht. (DD)

Giraffe mit Duschkopf

Vor kurzem machte noch die Aufstellung einer Statue Maria Theresias Schlagzeilen (wir berichteten), jetzt ist es eine Giraffe. Prag erlebt zur Zeit einen Boom beim Aufstellen von Skulpturen.

Seit dem 10. November steht die Žirafa (so heißt „Giraffe“ auf Tschechisch) in der Pikrtova im eher sehr modern und gewerblich bebauten Stadttteil Pankrác. Und so steht sie nun wie ein bunter Farbklecks inmitten großer Bürokomplexe. Trotz ihrer stolzen 10 Meter an Höhe nimmt sie sich fast schon ein wenig verloren aus, wenn man sich ihr von der Ferne nähert – was sich ändert, wenn man direkt davorsteht.

Von der Größe kann auch der Schöpfer der Giraffe ein Lied singen: Jaroslav Róna. Von ihm hatten wir hier bereits sein Franz-Kafka-Denkmal neben der Spanischen Synagoge vorgestellt, das bereits zeigte, was man auch bei der Giraffe sieht: Mut zum Unorthodoxen und ein wenig Schrägen. Die Giraffe hat zum Beispiel keinen Giraffenkopf, sondern stattdessen eine Duschkopf. Zurück zur Größe: Róna hatte hier gelernt. 2015 hatte er in seinem Atelier seine berühmte, lediglich 8 Meter hohe Reiterstatue von Markgraf Jobst von Mähren für die Innenstadt von Brno (Brünn) gestaltet. Dafür musste er zeitweise das Dach des abbauen. Das musste er bei der Giraffe nicht mehr tun. Obwohl man es nicht sieht, besteht die nämlich aus mehren Teilen zusammengesetzt, die erst vor Ort in Pankrác zusammengesetzt wurden.

Die Skulptur wurde in der Tat aus 180 Kupferteilen und etlichen Stücken anderen Metalls zusammengefügt. Und warum der Duschkopf? „Es ist eine fiktive Kreatur. Es wurde von einer Giraffe inspiriert, aber als ich es entwarf, sahen meine Tochter und ich Pokémon-Filme und ich wollte, dass die Statue so verspielt ist wie diese seltsamen Charaktere “, sagte Róna nach der Aufstellung vor der Presse. Das erklärt den Duschkopf- und auch, warum die Giraffe rot ist und so einen putzigen Schwanz hat.

Finanziert wurde die Giraffe nicht von den Stadtvätern bzw. -müttern im Rat, wie das so oft bei Skulpturen im öffentlichen Raum der Fall ist, sondern von einem kunstsinnigen privaten Investor, der anscheinend in der Nähe ein Büro hat. Der ließ Róna künstlerisch freie Hand, um das an dieser Stelle nicht so übermäßig attraktive Umfeld zu verschönern. Und so meinte der Künstler, es sei seine „Absicht, Skulpturen herzustellen, die in dem Raum funktionieren, in dem sie vorgesehen sind.“ Die Skulptur lockt bereits in dieser sonst eher besucherfreien Zone etliche Besucher an. Besonders bei keinen Kindern scheint sie ausgesprochen beliebt zu sein. Das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass Rónas rote Giraffe tatsächlich hier „funktioniert“.

Maria Theresia als elegante Schachfigur

Die Habsburger waren eigentlich nie unumstritten und wurden in Böhmen oft als Fremdherrscherdynastie angesehen. Als sich 1918 die Erste Tschechoslowakische Republik gründete, wurden viele Denkmäler der Habsburger demontiert. Plante man aus denkmalpflegerischen Gründen in den letzten Jahren eine Wiederaufstellung, gab es jedes Mal heftige politische Diskussionen (wir berichteten u.a. hier). Um so erstaunlicher ist es, dass es seit Oktober in Prag sogar ein neu angefertigtes Denkmal für Kaiserin Maria Theresia – ganz klar eine Habsburgerin! – gibt.

Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass Maria Theresia, die übrigens nebenbei auch die einzige Frau war, die je auf dem böhmischen Thron saß, in jedem Fall besser erschien als die Alternativen, die sich den Tschechen in ihrer Regierungszeit boten. Die Franzosen mit ihrem damals recht ruppigen Absolutismus wären wohl kaum besser gewesen als die Österreicher. Die Franzosen waren nämlich 1742 dabei, Prag zu besetzen. Das geschah im Zuge des Österreichischen Erbfolgekrieges, der deshalb entbrannte, weil trotz der Bemühungen ihres Vater Karls VI., durch ein Sondergesetz (Pragmatische Sanktion) ihre erzherzögliche Thronfolge (was oft ein „Sprungbrett“ zum Kaisertum war) im Reich abzusichern, der Widerstand so groß war, dass er gewalttätig eskalierte. Frauen war der Zugang zu diesem Job nämlich eigentzlich verweigert.

Die Gegner im Reich hatten sich mit den Franzosen verbündet, weil die sich immer als europäische Rivalen der Habsburger in Europa sahen. Aber in Frankreich herrschte ein wirtschaftlich verantwortungsloser Absolutismus der unaufgeklärten Sorte. Österreich unter Maria Theresia, die als die aufgeklärte Monarchin schlechthin galt, war da auch für die Böhmen attraktiver. Unter ihr gab es eine effizientere Verwaltung, mehr Volksbildung und wenigstens einige kleine Einschränkungen der Leibeigenschaft (die dann ihr Sohn Joseph II. 1781 ganz abschaffte). Bei dem Krieg kam Maria Theresia mit einem blauen Auge davon. Sie verlor ein paar Territorien und formell wurde ihr Ehemann,  Franz Stephan von Lothringen, Kaiser, aber sie konnte de facto regieren.

Oder hätten die Prager lieber von einem Hohenzollern regiert werden sollen? 1757 hatte im Verlauf des Siebenjährigen Krieges der preußische König Friedrich II. Prag mit seiner Armee belagert und hätte die Stadt samt Böhmen Maria Theresia um ein Haar entrissen, wenn nicht die Niederlage gegen die Österreicher bei der Schlacht von Kolín einen Abzug der Truppen notwendig gemacht hätte. Aber ein preußisches Prag? Undenkbar! Dann ginge es ja heute hier zu wie in Berlin. Das wollte man vorausschauenderweise schon damals nicht. Deshalb lernte man vielleicht am Ende, Maria Theresia um so mehr zu lieben.

Und so hat vor einiger Zeit der Rat des Stadtteil Prag 6 beschlossen, den bekannten Bildhauer Jan Kovářík mit der Anfertigung einer Maria-Theresia-Statue zu beauftragen. Eine kleine, nunmehr Maria Theresia Park (Park Marie Terezie) genannte Grünlage wurde als Standort ausgewählt. Die Anlage entstand erst 2017 und befindet sich über einer neu eingerichteten Tiefgarage und einer Tunneleinfahrt. Richtig schön war der Park bisher nicht, vor allem, da an vielen Stellen Lüftungsschächte herausragen. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass die große Statue den Park deutlich verschönert und attraktiver gemacht hat.

Warum ausgerechnet hier? Nun, der Park liegt an der Außenmauer der nach ihr benannten Marianischen Stadtbefestung (Mariánské hradby) des Burgbezirks – ein noch weitgehend erhaltenes Stück der großen Bastionen, die den Statdteil bis ins 19. Jahrhundert umgaben. Obwohl der Ort dadurch zum Denkmal historisch passte, gab es einige kleine Proteste. Denn „Habsburg“ ist immer noch ein Reizwort für manche Tschechen, selbst wenn es um die gute Maria Theresia geht. Kritiker erinnerten, dass auf dem Gelände dort einer der führenden tschechischen Widerstandskämpfer gegen die Nazis, Václav Morávek, 1942 bei einem Gefecht mit Gestapo-Schergen getötet worden war. Es gab Petitionen, statt die Kaiserin lieber ihn hier mit einer Statue zu ehren.

Der Rat schloss sich diesen Petitionen nicht an, zumal auf der anderen Straßenseite schon 2014 ein großes Denkmal zu seinen Ehren errichtet worden war. Und man sah auch vielleicht keinen Grund, die in Sachen Naziverbrechen ja definitiv historisch unbelastete Maria Theresia nun wieder abzuwerten. Sie eignete sich nicht, um gegen den mutigen Widerstand von Tschechen gegen die Nazis ausgespielt zu werden. Und deshalb wurde am 20. Oktober 2020 – dem 280 Jahrestag ihres Regierungsantritts – die Statue von den Stadtväter und -müttern feierlich eingeweiht. Die Statue selbst ist 5,50 Meter hoch und besteht außen aus einem optisch Beton ähnelnden Kunststein-Material. Der (nicht sichtbare) Kern ist aus Polystyrol angefertigt. Eine eingeprägte Inschrift nennt den Namen, die Lebensdaten und die Herrschafttitel (Erzherzogin Österreichs, Königin Ungarns und Böhmens – und korrekterweise nicht der inoffizielle Kaisertitel des Reiches).

Kovářík hat bei der Statue kein historisch korrektes Abbild der Kaiserin liefern wollen. Es handelt sich um eine abstrakte Darstellung der Form einer Frau im typischen höfischen Kostüm aus der Mitte des 18. Jahrhundert. Spötter verglichen sie in der Presse sogleich mit einer Schachfigur (šachová figurka). Aber objektiv kann man der Statue eine angemessene Eleganz schwerlich abstreiten. Und vereinzelt haben Historiker wohl schon darauf aufmerksam gemacht, dass die Schachmetapher gar nicht so schlecht zu der absolutistischen Idee von geostrategischer Machtpolitik in den Zeiten Maria Theresia, bei der Länder wie auf einem Schachbrett zwischen den Dynastien verschoben wurden, passt. (DD)

Avantgardearchitektur für Avantgardekünstler

Als der wahre Begründer einer eigenständigen tschechischen Malerei galt Josef Mánes für viele Zeitgenossen. Der spätromantische Maler stand für fortschrittliche künstlerische, aber auch politische Ideen, im Sinne einer liberalen Opposition gegen das verknöchert wirkende Habsburgertum.

Kein Wunder, dass man in Prag nicht nur eine Brücke nach ihm benannte (früherer Beitrag hier), sondern dass sich nach seinem Tod die bekanntesten Vertreter der künstlerischen Moderne unter seinem Namen versammelten. 1897 gründeten sie nämlich die Vereinigung bildender Künstler Mánes (Spolek výtvarných umělců Mánes, SVU Mánes). Und zu der gehörten große Namen des tschechischen Kulturlebens – etwa der Schriftsteller und kubistische Maler Josef Čapek, der historistische Maler Mikoláš Aleš (frühere Beiträge hier und hier), der frühfunktionalistische Architekt Jan Kotěra, der kubistische Bildhauer Otto Gutfreund, und, und, und…

Es war klar, dass sich die Vereinigung auf dem Höhepunkt ihres Wirkens in der Ersten Republik ein kulturelles Zentrum erbauen ließ, dass das avantgardistischste vom Avantgardistischen war. Dazu gewann man den Architekten Otakar Novotný (der selbst Mitglied der Mánes-Vereinigung war), der 1930 den streng funktionalistischen Bau der Galerie Mánes fertigstellte. Schon 1923 hatte man den Beschluss zum Bau gefasst und 1927 mit den Arbeiten begonnen. Zu den Spendern, die die kostspieligen Bauarbeiten möglich machten, gehörten zum Beispiel Louis Nathaniel von Rothschild oder auch Präsident Tomáš Garrigue Masaryk, der nicht zuletzt mit den republikanischen Vorstellungen der meisten Künstler der Vereinigung sympathisierte.

Am Masaryk Ufer (Masarykovo nábřeží 250/1) gelegen, verbindet das Gebäude wie eine Brücke die Uferpromenade mit der Slawischen Insel (Slovanský ostrov, früherer Beitrag hier). Darunter befindet sich sogar eine Schleuse. Typisch für die funktionalistische Avantgarde der Zeit sind die klaren geometrischen Formen, die die von Klarheit und Helligkeit geprägt sind. Stahl, Beton und viel Glas werden in den Vordergrund gestellt.

Kernstück ist die große Haupthalle mit ihren 300 Quadratmetern, die für Ausstellungen, aber aber für hochkarätige Veranstaltungen flexibel genutzt wird. Das Bild rechts zeigt z.B. eine Veranstaltung der tschechischen Menschenrechtsorganisation Forum2000 im Oktober 2016 mit einer Diskussion zwischen dem Dalai Lama und dem damaligen tschechischen Kulturminister Daniel Herman.

Daneben gibt es noch zahlreiche kleinere Ausstellungsräume, die vor allem für Wechselausstellungen mit moderner künstlerischer ausrichtung reserviert sind. Die Mánes-Vereinigung nutzt das Gebäude auch noch für diesen Zweck. Nur 1956 wurde diese löbliche Tätigkeit unterbrochen, denn den Kommunisten war avantgardistische Kunst zu bürgerlich und, wenn sie es nicht war, dann doch zu formalistisch. Kurz nach dem Ende der kommunistischen Tyrannei, genauer: im Jahre 1990, konnte der Verein sich wieder voll entfalten.

Eine Beschreibung der Mánes Galerie wäre unvollkommen, erwähnte man nicht das dazugehörige Art Restaurant (zu dem noch ein Terrassenlokal und ein Café gehört). Das bietet nicht nur eine sehr gute Küche (gehoben tschechisch und international). Es zeigt auch, wie schön funktionalistische Innenarchitektur sein kann. Die großen Fenster zur Flussseite erlauben dabei noch einen wundervollen Ausblick auf die dort träge vorbeifließende Moldau. Das Restaurant passt schlichtweg zu dem gesamten Gebäude als Rückzugsort für Kultiviertheit.

Man sollte bei einem Besuch des Restaurants übrigens nicht nur nach unten auf die Genüsse des Tellers, sondern auch nach oben auf die in große Kassetten unterteilte Decke. Die ist nämlich mit hübschen Deckenfresken versehen, die einer der großen Vertreter des tschechischen Kubismus, der Maler und Bildhauer Emil Filla, vor der Eröffnung des Gebäude angefertig hatte – auch er übrigens ein Mitglied der Künstlervereinung Mánes.

Und noch etwas fällt von außen auf. Am Gebäude und in dasselbe integriert befindet sich ein alter Turm, der stilistisch reizvoll mit dem Funktionalismus kontrastiert. Es handelt sich um den spätmittelalterlichen Šítkov Wasserturm (Šítkovská vodárenská věž) aus dem Jahr 1495 (dem man im 18. Jahrhundert eine barocke Kuppel aufsetzte), der Teile von Alt- und Neustadt gravitativ mit Wasser versorgte, war Teil einer Mühle. Die verschwand im 19. Jahrhundert und 1882 wurde der Betrieb des Wasserwerks eingestellt. Nur mit Mühe konnte der Abriss des Turms verhindert werden. Als die Mánes-Galerie erbaut wurde, sah Architekt Novotný den Turm als eine Chance, eine harmonische Kombination von alt und neu zu erschaffen Die Baukosten erhöhten sich erheblich, weil der auf weichem Grund gebaute Turm erst durch eine Betonkonstruktion am Fundament stabilisiert werden musste. Der heutige Betrachter wird es den damaligen Geldgebern sicher danken, dass sie diese Kosten auf sich genommen haben, und so etwas besonders Bemerkenswertes entstehen ließen. (DD)