Giraffe mit Duschkopf

Vor kurzem machte noch die Aufstellung einer Statue Maria Theresias Schlagzeilen (wir berichteten), jetzt ist es eine Giraffe. Prag erlebt zur Zeit einen Boom beim Aufstellen von Skulpturen.

Seit dem 10. November steht die Žirafa (so heißt „Giraffe“ auf Tschechisch) in der Pikrtova im eher sehr modern und gewerblich bebauten Stadttteil Pankrác. Und so steht sie nun wie ein bunter Farbklecks inmitten großer Bürokomplexe. Trotz ihrer stolzen 10 Meter an Höhe nimmt sie sich fast schon ein wenig verloren aus, wenn man sich ihr von der Ferne nähert – was sich ändert, wenn man direkt davorsteht.

Von der Größe kann auch der Schöpfer der Giraffe ein Lied singen: Jaroslav Róna. Von ihm hatten wir hier bereits sein Franz-Kafka-Denkmal neben der Spanischen Synagoge vorgestellt, das bereits zeigte, was man auch bei der Giraffe sieht: Mut zum Unorthodoxen und ein wenig Schrägen. Die Giraffe hat zum Beispiel keinen Giraffenkopf, sondern stattdessen eine Duschkopf. Zurück zur Größe: Róna hatte hier gelernt. 2015 hatte er in seinem Atelier seine berühmte, lediglich 8 Meter hohe Reiterstatue von Markgraf Jobst von Mähren für die Innenstadt von Brno (Brünn) gestaltet. Dafür musste er zeitweise das Dach des abbauen. Das musste er bei der Giraffe nicht mehr tun. Obwohl man es nicht sieht, besteht die nämlich aus mehren Teilen zusammengesetzt, die erst vor Ort in Pankrác zusammengesetzt wurden.

Die Skulptur wurde in der Tat aus 180 Kupferteilen und etlichen Stücken anderen Metalls zusammengefügt. Und warum der Duschkopf? „Es ist eine fiktive Kreatur. Es wurde von einer Giraffe inspiriert, aber als ich es entwarf, sahen meine Tochter und ich Pokémon-Filme und ich wollte, dass die Statue so verspielt ist wie diese seltsamen Charaktere “, sagte Róna nach der Aufstellung vor der Presse. Das erklärt den Duschkopf- und auch, warum die Giraffe rot ist und so einen putzigen Schwanz hat.

Finanziert wurde die Giraffe nicht von den Stadtvätern bzw. -müttern im Rat, wie das so oft bei Skulpturen im öffentlichen Raum der Fall ist, sondern von einem kunstsinnigen privaten Investor, der anscheinend in der Nähe ein Büro hat. Der ließ Róna künstlerisch freie Hand, um das an dieser Stelle nicht so übermäßig attraktive Umfeld zu verschönern. Und so meinte der Künstler, es sei seine „Absicht, Skulpturen herzustellen, die in dem Raum funktionieren, in dem sie vorgesehen sind.“ Die Skulptur lockt bereits in dieser sonst eher besucherfreien Zone etliche Besucher an. Besonders bei keinen Kindern scheint sie ausgesprochen beliebt zu sein. Das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass Rónas rote Giraffe tatsächlich hier „funktioniert“.

Maria Theresia als elegante Schachfigur

Die Habsburger waren eigentlich nie unumstritten und wurden in Böhmen oft als Fremdherrscherdynastie angesehen. Als sich 1918 die Erste Tschechoslowakische Republik gründete, wurden viele Denkmäler der Habsburger demontiert. Plante man aus denkmalpflegerischen Gründen in den letzten Jahren eine Wiederaufstellung, gab es jedes Mal heftige politische Diskussionen (wir berichteten u.a. hier). Um so erstaunlicher ist es, dass es seit Oktober in Prag sogar ein neu angefertigtes Denkmal für Kaiserin Maria Theresia – ganz klar eine Habsburgerin! – gibt.

Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass Maria Theresia, die übrigens nebenbei auch die einzige Frau war, die je auf dem böhmischen Thron saß, in jedem Fall besser erschien als die Alternativen, die sich den Tschechen in ihrer Regierungszeit boten. Die Franzosen mit ihrem damals recht ruppigen Absolutismus wären wohl kaum besser gewesen als die Österreicher. Die Franzosen waren nämlich 1742 dabei, Prag zu besetzen. Das geschah im Zuge des Österreichischen Erbfolgekrieges, der deshalb entbrannte, weil trotz der Bemühungen ihres Vater Karls VI., durch ein Sondergesetz (Pragmatische Sanktion) ihre erzherzögliche Thronfolge (was oft ein „Sprungbrett“ zum Kaisertum war) im Reich abzusichern, der Widerstand so groß war, dass er gewalttätig eskalierte. Frauen war der Zugang zu diesem Job nämlich eigentzlich verweigert.

Die Gegner im Reich hatten sich mit den Franzosen verbündet, weil die sich immer als europäische Rivalen der Habsburger in Europa sahen. Aber in Frankreich herrschte ein wirtschaftlich verantwortungsloser Absolutismus der unaufgeklärten Sorte. Österreich unter Maria Theresia, die als die aufgeklärte Monarchin schlechthin galt, war da auch für die Böhmen attraktiver. Unter ihr gab es eine effizientere Verwaltung, mehr Volksbildung und wenigstens einige kleine Einschränkungen der Leibeigenschaft (die dann ihr Sohn Joseph II. 1781 ganz abschaffte). Bei dem Krieg kam Maria Theresia mit einem blauen Auge davon. Sie verlor ein paar Territorien und formell wurde ihr Ehemann,  Franz Stephan von Lothringen, Kaiser, aber sie konnte de facto regieren.

Oder hätten die Prager lieber von einem Hohenzollern regiert werden sollen? 1757 hatte im Verlauf des Siebenjährigen Krieges der preußische König Friedrich II. Prag mit seiner Armee belagert und hätte die Stadt samt Böhmen Maria Theresia um ein Haar entrissen, wenn nicht die Niederlage gegen die Österreicher bei der Schlacht von Kolín einen Abzug der Truppen notwendig gemacht hätte. Aber ein preußisches Prag? Undenkbar! Dann ginge es ja heute hier zu wie in Berlin. Das wollte man vorausschauenderweise schon damals nicht. Deshalb lernte man vielleicht am Ende, Maria Theresia um so mehr zu lieben.

Und so hat vor einiger Zeit der Rat des Stadtteil Prag 6 beschlossen, den bekannten Bildhauer Jan Kovářík mit der Anfertigung einer Maria-Theresia-Statue zu beauftragen. Eine kleine, nunmehr Maria Theresia Park (Park Marie Terezie) genannte Grünlage wurde als Standort ausgewählt. Die Anlage entstand erst 2017 und befindet sich über einer neu eingerichteten Tiefgarage und einer Tunneleinfahrt. Richtig schön war der Park bisher nicht, vor allem, da an vielen Stellen Lüftungsschächte herausragen. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass die große Statue den Park deutlich verschönert und attraktiver gemacht hat.

Warum ausgerechnet hier? Nun, der Park liegt an der Außenmauer der nach ihr benannten Marianischen Stadtbefestung (Mariánské hradby) des Burgbezirks – ein noch weitgehend erhaltenes Stück der großen Bastionen, die den Statdteil bis ins 19. Jahrhundert umgaben. Obwohl der Ort dadurch zum Denkmal historisch passte, gab es einige kleine Proteste. Denn „Habsburg“ ist immer noch ein Reizwort für manche Tschechen, selbst wenn es um die gute Maria Theresia geht. Kritiker erinnerten, dass auf dem Gelände dort einer der führenden tschechischen Widerstandskämpfer gegen die Nazis, Václav Morávek, 1942 bei einem Gefecht mit Gestapo-Schergen getötet worden war. Es gab Petitionen, statt die Kaiserin lieber ihn hier mit einer Statue zu ehren.

Der Rat schloss sich diesen Petitionen nicht an, zumal auf der anderen Straßenseite schon 2014 ein großes Denkmal zu seinen Ehren errichtet worden war. Und man sah auch vielleicht keinen Grund, die in Sachen Naziverbrechen ja definitiv historisch unbelastete Maria Theresia nun wieder abzuwerten. Sie eignete sich nicht, um gegen den mutigen Widerstand von Tschechen gegen die Nazis ausgespielt zu werden. Und deshalb wurde am 20. Oktober 2020 – dem 280 Jahrestag ihres Regierungsantritts – die Statue von den Stadtväter und -müttern feierlich eingeweiht. Die Statue selbst ist 5,50 Meter hoch und besteht außen aus einem optisch Beton ähnelnden Kunststein-Material. Der (nicht sichtbare) Kern ist aus Polystyrol angefertigt. Eine eingeprägte Inschrift nennt den Namen, die Lebensdaten und die Herrschafttitel (Erzherzogin Österreichs, Königin Ungarns und Böhmens – und korrekterweise nicht der inoffizielle Kaisertitel des Reiches).

Kovářík hat bei der Statue kein historisch korrektes Abbild der Kaiserin liefern wollen. Es handelt sich um eine abstrakte Darstellung der Form einer Frau im typischen höfischen Kostüm aus der Mitte des 18. Jahrhundert. Spötter verglichen sie in der Presse sogleich mit einer Schachfigur (šachová figurka). Aber objektiv kann man der Statue eine angemessene Eleganz schwerlich abstreiten. Und vereinzelt haben Historiker wohl schon darauf aufmerksam gemacht, dass die Schachmetapher gar nicht so schlecht zu der absolutistischen Idee von geostrategischer Machtpolitik in den Zeiten Maria Theresia, bei der Länder wie auf einem Schachbrett zwischen den Dynastien verschoben wurden, passt. (DD)

Avantgardearchitektur für Avantgardekünstler

Als der wahre Begründer einer eigenständigen tschechischen Malerei galt Josef Mánes für viele Zeitgenossen. Der spätromantische Maler stand für fortschrittliche künstlerische, aber auch politische Ideen, im Sinne einer liberalen Opposition gegen das verknöchert wirkende Habsburgertum.

Kein Wunder, dass man in Prag nicht nur eine Brücke nach ihm benannte (früherer Beitrag hier), sondern dass sich nach seinem Tod die bekanntesten Vertreter der künstlerischen Moderne unter seinem Namen versammelten. 1897 gründeten sie nämlich die Vereinigung bildender Künstler Mánes (Spolek výtvarných umělců Mánes, SVU Mánes). Und zu der gehörten große Namen des tschechischen Kulturlebens – etwa der Schriftsteller und kubistische Maler Josef Čapek, der historistische Maler Mikoláš Aleš (frühere Beiträge hier und hier), der frühfunktionalistische Architekt Jan Kotěra, der kubistische Bildhauer Otto Gutfreund, und, und, und…

Es war klar, dass sich die Vereinigung auf dem Höhepunkt ihres Wirkens in der Ersten Republik ein kulturelles Zentrum erbauen ließ, dass das avantgardistischste vom Avantgardistischen war. Dazu gewann man den Architekten Otakar Novotný (der selbst Mitglied der Mánes-Vereinigung war), der 1930 den streng funktionalistischen Bau der Galerie Mánes fertigstellte. Schon 1923 hatte man den Beschluss zum Bau gefasst und 1927 mit den Arbeiten begonnen. Zu den Spendern, die die kostspieligen Bauarbeiten möglich machten, gehörten zum Beispiel Louis Nathaniel von Rothschild oder auch Präsident Tomáš Garrigue Masaryk, der nicht zuletzt mit den republikanischen Vorstellungen der meisten Künstler der Vereinigung sympathisierte.

Am Masaryk Ufer (Masarykovo nábřeží 250/1) gelegen, verbindet das Gebäude wie eine Brücke die Uferpromenade mit der Slawischen Insel (Slovanský ostrov, früherer Beitrag hier). Darunter befindet sich sogar eine Schleuse. Typisch für die funktionalistische Avantgarde der Zeit sind die klaren geometrischen Formen, die die von Klarheit und Helligkeit geprägt sind. Stahl, Beton und viel Glas werden in den Vordergrund gestellt.

Kernstück ist die große Haupthalle mit ihren 300 Quadratmetern, die für Ausstellungen, aber aber für hochkarätige Veranstaltungen flexibel genutzt wird. Das Bild rechts zeigt z.B. eine Veranstaltung der tschechischen Menschenrechtsorganisation Forum2000 im Oktober 2016 mit einer Diskussion zwischen dem Dalai Lama und dem damaligen tschechischen Kulturminister Daniel Herman.

Daneben gibt es noch zahlreiche kleinere Ausstellungsräume, die vor allem für Wechselausstellungen mit moderner künstlerischer ausrichtung reserviert sind. Die Mánes-Vereinigung nutzt das Gebäude auch noch für diesen Zweck. Nur 1956 wurde diese löbliche Tätigkeit unterbrochen, denn den Kommunisten war avantgardistische Kunst zu bürgerlich und, wenn sie es nicht war, dann doch zu formalistisch. Kurz nach dem Ende der kommunistischen Tyrannei, genauer: im Jahre 1990, konnte der Verein sich wieder voll entfalten.

Eine Beschreibung der Mánes Galerie wäre unvollkommen, erwähnte man nicht das dazugehörige Art Restaurant (zu dem noch ein Terrassenlokal und ein Café gehört). Das bietet nicht nur eine sehr gute Küche (gehoben tschechisch und international). Es zeigt auch, wie schön funktionalistische Innenarchitektur sein kann. Die großen Fenster zur Flussseite erlauben dabei noch einen wundervollen Ausblick auf die dort träge vorbeifließende Moldau. Das Restaurant passt schlichtweg zu dem gesamten Gebäude als Rückzugsort für Kultiviertheit.

Man sollte bei einem Besuch des Restaurants übrigens nicht nur nach unten auf die Genüsse des Tellers, sondern auch nach oben auf die in große Kassetten unterteilte Decke. Die ist nämlich mit hübschen Deckenfresken versehen, die einer der großen Vertreter des tschechischen Kubismus, der Maler und Bildhauer Emil Filla, vor der Eröffnung des Gebäude angefertig hatte – auch er übrigens ein Mitglied der Künstlervereinung Mánes.

Und noch etwas fällt von außen auf. Am Gebäude und in dasselbe integriert befindet sich ein alter Turm, der stilistisch reizvoll mit dem Funktionalismus kontrastiert. Es handelt sich um den spätmittelalterlichen Šítkov Wasserturm (Šítkovská vodárenská věž) aus dem Jahr 1495 (dem man im 18. Jahrhundert eine barocke Kuppel aufsetzte), der Teile von Alt- und Neustadt gravitativ mit Wasser versorgte, war Teil einer Mühle. Die verschwand im 19. Jahrhundert und 1882 wurde der Betrieb des Wasserwerks eingestellt. Nur mit Mühe konnte der Abriss des Turms verhindert werden. Als die Mánes-Galerie erbaut wurde, sah Architekt Novotný den Turm als eine Chance, eine harmonische Kombination von alt und neu zu erschaffen Die Baukosten erhöhten sich erheblich, weil der auf weichem Grund gebaute Turm erst durch eine Betonkonstruktion am Fundament stabilisiert werden musste. Der heutige Betrachter wird es den damaligen Geldgebern sicher danken, dass sie diese Kosten auf sich genommen haben, und so etwas besonders Bemerkenswertes entstehen ließen. (DD)

Dorfkirche mit Wandmalereien

Der Ortsteil Hostivař gehört erst seit 1922 zu Prag. Zuvor war er ein kleines, bäuerlich geprägtes Dorf außerhalb der Stadtmauern gewesen. Mit der Expansion Prags holte (vor allen in den 1970er Jahren) eine wahre Wüstenei von Plattenbauten das Areal ein, so dass man heute fast schon überrascht ist, wenn man sich nach soviel Großstadt, Stahl und Beton plötzlich im alten Dorfkern befindet. Der ist allerdings entzückend und birgt mit seiner Dorfkirche, der Kirche der Enthauptung des Heiligen Johannes des Täufers (Kostel Stětí sv. Jana Křtitele), ein wahres Juwel in sich.

Die noch deutlich sichtbaren romanischen Ursprünge gehen wahrscheinlich ins 11. Jahrhundert zurück. Der damalige Bau wurde wohl vom rund 30 Kilometer entfernten Kloster Sázava betrieben. Als Pfarrkirche wird sie allerdings erstmals 1352 erwähnt. Im 13. wurde die Kirche im frühgotischen Stil umgebaut und erweitert. Sie erhielt ihre charakteristische rechteckige Form, wobei gottlob die alte romanische Apsis erhalten blieb.

Dort befinden sich auch noch umfangreiche und ausgesprochen gut erhaltenene Wandmalereien (kleines Bild rechts; großes Bild oben) aus dem 13. Jahrhundert – der eigentliche Schatz des Gebäudes. Sie stellen in der Halbkuppel den Herrgott und den gekreuzigten Jesus dar; darunter befinden sich die Heiligen Johannes (der Namenspatron der Kirche) und Katherina, sowie die Apostel Petrus und Paulus. Am unteren Rand sieht man eine Darstellung der Geburt Christi. Man ist beeindruckt, wie frisch sich die kontrastreichen Farben erhalten haben.

Der unbekannte Künstler hatte sich damals wohl an bekannten Vorbildern orientiert, die er in Manuskripten aus dem 12. Jahrhundert, wie etwa dem Westminster Psalter, fand. Derartiges findet man auch in Deutschland. Es ist ein Beleg dafür, wie die Schriftkultur de Zeit schon für eine Art Globalisierung in der Kunst sorgte. Jedenfalls würde man in einer Dorfkirche in einer (damals) so kleinen Gemeinde ein solches Niveau sonst nicht erreicht haben.

Die Kirche steht frei in einer großen ummauerten Rasenfläche, die dereinst der Kirchhof war. Am nördlichen Eingang befindet sich heute an der Stelle, wo einst die Leichenhalle war, ein hölzerner Glockenturm.

Auch nach dem 14. Jahrhundert wurde die Kirche immer wieder einmal ein wenig umgebaut und verändert. Vor allem 1864 ging man daran, die Kirche, die im späten 18. Jahrhundert im Stil des Klassizismus umgestaltet worden war, wieder „authentisch“ ins stilistische Mittelalter zurückzuversetzen, was recht gut gelang. Die schönen Malereien befinden sich jedenfalls ein einem geschmacklich sehr passenden Umfeld. (DD)

Wahre Kunst mit lokalem Bier

Biergaststätten mit „Craft Beer“ sind derzeit überall in der Welt der letzte Schrei. Das sind Lokale, in denen nicht das Bier von Großbrauereien zum Zuge kommt, sondern oft eine große Vielzahl von Besonderheiten kleiner lokaler Brauereien. Ein nettes Beispiel bei uns in der Nähe Zubatý Pes, was etwa so viel bedeutet wie „Bezahnter Hund“.

Das Lokal liegt in Vinohrady (Prag 2) ganz nahe am Náměstí Míru (Friedensplatz) an der Slezská 1357/1. Erst seit dem letztem Jahr befindet sich das Zubatý Pes hier in den kleinen und engen, dafür zweistöckigen Räumlichkeiten (großes Bild oben). Vorher war hier eine andere Bierkneipe angesiedelt. In der Bierszene sind die Dinge halt im wahrsten Sinne des Wortes immer im Fluß…

Warum das Lokal so heißt, wie es heißt, entzieht sich meiner Kenntnis. Zumindest fällt der Name auf. Und Auffälligkeit ist bekanntlich schon die halbe Miete in Sachen Werbewirksamkeit. Außerdem mögen die Tschechen bekanntlich Hunde, weshalb die Idee, einen Hund in die Corporate Identity einzubeziehen, grundsätzlich schon einmal nicht schlecht ist. Ein breit grinsender Hund, der frohgemut seine Zähne zeigt, ist folglich auch das Logo des Hauses. Ein wenig erinnert der Logo-Hund des Zubatý Pes an den amerikanischen Trickfilm-Hund Scooby-Doo. Das mag aber schierer Zufall sein.

Zwei Dinge machen das Zubatý Pes zur Besonderheit. Zum Ersten: Natürlich das Bier! Das Publikum ist in der regel reichlich jünger als wir, weshalb auch etliche modische/nicht-traditionelle ausländische Biersorten (belgische Biere, Pale Ales etc.) vertreten sind. Aber das macht nur einen Teil der 24 (in Worten: vierundzwanzig) wechselnden Biersorten aus, die hier frisch gezapft (!) werden. Interessant ist vor allem nämlich die Fokussierung auf Kleinbrauerein der Prager Vororte und Randgebiete, die man als Kenner der Innenstadtbereiche selten zu sehen oder gar zu schmecken bekommt.

Ohne das Zubatý Pes würde der Innenstädter vielleicht gar nichts erfahren von der Brauerei Cobolis. Die befindet sich im Stadtteil Kobylisy (Cobolis ist die lateinisierte Bezeichnung des Ortstteils) und braut das dunkle Weizenbock, das in Tschechien etwas anders schmeckt als sein deutscher Namensvetter – etwas weniger süß, dafür etwas mehr säuerlich; eher wie belgische Weizenbiere. Man sieht es im kleinen Bild oberhalb. Oder auch – um ein zweites von vielen Beispielen zu nennen – die Brauerei Antoš aus der etwas nördlich von Prag gelegenen Kleinstadt Slaný, die u.a. das oben abgebildete Lagerbier braut, das sich durch einen angenehmenen milden Geschmack auszeichnet (sprich: es ist nicht überhopft).

Zum Zweiten: Die Einrichtung. Die ist gemütlich. Und, überall an den Wänden hängen gerahmte Kopien berühmter Gemälde aus aller Welt. Erst bei näherem Hinschauen bemerkt man, dass die abgebildeten Personen alle ein Bierglas in der Hand halten. Links sieht man das berühmteste Gemälde des amerikanischen Malers James McNeill Whistler, nämlich das Portrait seiner Mutter. Selbst Nichtkenner in Sachen Kunst kennen es aus dem ersten Mr- Bean-Film (1997) von Rowan Atkinson. Auch die Mutter scheint gerne im Zubatý Pes ein Bierchen zu kippen. Eine witzige Idee. (DD)

Der Hirschgraben – bald öffentlich

Die Prager Burg (Pražský hrad) wurde, wie man es von einer alten Wehranlage erwarten kann, an einer durch die natürlichen Gegebenheiten geschützten Stelle erbaut. Und so wurde sie dereinst von einer tiefen und steilen Schlucht an ihrer Nordseite vor feindlichen Kriegern verteidigt. Heute nennt man diese Schlucht Hirschgraben (Jelení příkop) und die Burg braucht hier gegen niemanden verteidigt zu werden. Sie ist nunmehr ein schöner Park.

In der Regierungszeit von Rudolf II., zu Beginn des 17. Jahrhunderts, war weit und breit keine Bedrohung der Burg in Sicht und so beschloss der König, aus dem Graben eine Art Park, Wildgehege und Jagdrevier zu machen. Damit verband er auch ein wenig die schon von Ferdinand I. auf der gegenüber liegenden Seite der Schlucht gelegenen Königsgärten organisch mit dem eigentlichen Burgareal.

Links und rechts des die Schlucht durchfließenden Bachs Brusnice ließ Rudolf Bäume anpflanzen. Nun hatte der König von der Burg oben eine schöne Aussicht auch eine schöne Landschafts-gartenanlage und von unten konnte er Burg und Veitsdom bestaunen wie bei einem Waldspaziergang (siehe großes Bild oben).

Unter Kaiserin Maria Theresia wurde im 18. Jahrhundert die hölzerne Brücke, die über den Garben zum Burgeingang führte, durch einen Stein- und Erdwall ersetzt, der die Schlucht in zwei Hälften teilte, weshalb der Bach unterirdisch verlegt wurde. Der Tunnel für den Bach, der inzwischen modernisiert wurde, dient auch als Fußgängertunnel, der die beiden Parkhälften verbindet. Maria Theresia hatte allerdings mit Schwierigkeiten zu kämpfen, was die Anerkennung ihrer Herrschaft (Frauen kriegten den Job normalerweise nicht) anging, worüber der Östereichische Erbfolgekrieg ausbrach. Die feindlichen Franzosen eroberten 1741 kurzfristig Prag und verwüsteten dabei auch den Hirschgraben. Mit besonderer Genugtuung schlachteten sie vor allem die Wildtiere ab.

Danach ging es aber wieder friedlicher zu. Der Hirschgraben blieb Teil der königlichen Parks an der Burg und beherbergte bald wieder Wildtiere. 1918 verschwand das Königtum und die Republik kam. Der erste Präsident, Tomáš Garrigue Masaryk, veränderte das Aussehen des Hirschgrabens tiefgehend. Der Geist der neuen Demokratie gebot es, dass der neue Burgherr Teile des Anwesens etwas mehr der Öffentlichkeit zugänglich machen sollte. Durch seinen Hausarchitekten Josip Plečnik ließ er auf dem gegenüberliegendem Abhang ein rundes Aussichtspavillon (kleines Bild oberhalb rechts) erbauen.

Masaryks Amtszeit hinterließ auch sonst Spuren im Hirschgraben Aus dem Krieg in Russland nach 1920 zurückkehrende Legionäre schenkten ihm einige Bären. Für die wurde ein Gehege eingerichtet, wo ein Veteran sie hütete. Erst in den Zeiten des Kommunismus in den frühen 1950er Jahren wurde die Bärenhaltung, die inzwischen nicht mehr ganz den modernen Vorstellungen von Tierschutz entsprach, eingestellt. Das ein wenig an Bauten der Gotik erinnernde (nunmehr leere) Gehege ist aber noch immer zu besichtigen.

Und im Jahre 1925 stellten direkt gegenüber Schüler der Kunstschule Hořice eine von ihnen unter der Leitung des bekannten (und sehr republikanisch gesonnenen) Bildhauers Franta Úprka angefertigte Skultur unter dem Titel Nachtwächter (ponocný) auf, um damit Masaryks 75. Geburtstag zu würdigen. Der Präsident freute sich über das Geschenk seiner Bewunderer. Die Republik endete leider mit der Nazi-Besetzung 1939. Kurz bevor die deutschen Truppen abzogen, verübten sie am 8. Mai 1945 noch einmal ein Massaker hier im Hirschgraben, bei dem 21 Zivilisten (darunter Teilnehmer des Prager Aufstands) brutal ermordet und verstümmelt wurden.

Mit dem Abzug der Nazitruppen endete das Zeitalter des Totalitarismus nicht. Schon 1948 kamen die Kommunisten an die Macht. Der Garten blieb für das Publikum geschlossen. Aber auch in dieser wurden immer wieder interessante Skulpturen im Gelände aufgestellt. So etwa die Statue des Rübezahl (Tschech.: Krakonoš), die von der Bildhauerin Františka Stupecká im Jahre 1957 gestaltet wurde.

Nach der Samtenen Revolution von 1989, die den Kommunismus beendete, wollte der neue Präsident Václav Havel das Areal gänzlich für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Zumindest den unteren Teil der Anlage sperrte allerdings einer seiner Nachfolger, Miloš Zeman, aus Sicherheitsgründen (wegen einer angeblich erhöhten Terroismusgefahr) ab. Inzwischen lässt er aber größere Renovierungen durchführen, die den Hirschgraben in besserem Zustand als bisher für alle Menschen betretbar machen.

Bis dahin wird der Hirschgraben immerhin ein- bis zweimal im Jahr zu besonderen Feiertagen (die Photos stammen vom Tag des Kampfes für Freiheit und für die Demokratie am 17. November 2019) für die Öffentlichkeit geöffnet. Da der eigentliche untere Eingang in Sachen Verkehrssicherheit noch nicht hinreichend ausgestattet ist, kann man diese Besichtigung nur auf einer sehr abenteuerlichen Kletterpartie auf notdürftig hergerichteten Holztreppen und Leitern beginnen. Aber das ist die Sache wert! (DD)

Kubistischer Zaun um kleinen Brunnen

Man mag es nicht glauben, dass nicht der Brunnen mit der Skulptur, sondern der kleine Zaun, der ihn umgibt, die eigentliche kunsthistorische Attraktion ist. Denn genau hier, zog mit ihm im altstädtischsten Teil der Altstadt, dem Altstädter Ring (Staroměstské náměstí), die Moderne ein.

Zunächst einmal denkt man sich wohl wenig, wenn man direkt bei der barocken St.-Nikolaus-Kirche (Kostel svatého Mikuláše), dort wo die Pařížská einmündet, den winzigen Brunnen mit den Delphinen (Kašna s delfíny) bemerkt. Der steht hier seit 1906 und war damals als eine Art optischer Übergang von der modernisierten Pařížská und dem Ring gedacht.

Als Architekten der Brunnenanlage traf man eine sehr konventionelle Wahl. Rudolf Kříženecký war ein Spezialist für Neo-Renaissance und damit geradezu prädestiniert, etwas zu entwerfen, dass sich ganz und gar in das traditionelle Umfeld einpasste. Er gab den drei zu einer Einheit zusammengefügten Brunnenbecken die Form eines dreiblättrigen Kleeblatts und lehnte dessen Gestaltung an die geschwungenen Barockformen der Kirche an.

In der Mitte des Brunnens setzte man eine Skulptur mit drei ineinander verschlungenen Delphinen – die dann ja auch dem Brunnen den Namen gaben. Sie wurden lange dem bekannten Bildhauer Jan Štursa (dem wir u.a. schon hier und hier begegneten) zugeschrieben. In letzter Zeit gibt es Zweifel daran. Möglicherweise sind sie auch ein Werk des Malers, Bildhauers und Dramatikers František Hnátek. Angeblich war dem Rat der auf dem Höhepunkt seiner großen Karriere befindliche Štursa zu teuer gewesen und so entschied man sich für den weniger bekannten/teueren (aber dennoch talentierten) Hnátek, heißt es.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich beide Bildhauer zu einem eher modernen Stil hin bewegt. Štursa experimentierte mit dem Kubismus, Hnátek mit dem Symbolismus. Wer immer hier am Werke war, die Delphine sind jedoch immer noch sehr historistisch und konventionell gehalten. Im Grunde entspricht auch das Trio der Meeressäuger ziemlich vollständig den Konventionen des Barock.

Aber schon sechs Jahre später zog die Moderne kraftvoll ein. Was wahrscheinlich kaum jemand unter den sich hier drängenden Touristen bemerkt. Weil in der Nische in der er sich befindet, auch gerne allerlei Unrat abgelegt wurde, beschloss man 1912 den Brunnen zu umzäunen. Damit beauftrage man einen der damaligen „Stars“ des Kubismus, Josef Chochol (dessen Bauwerke wir u.a. bereits hier und hier vorstellten). Ganz schön viel Prominenz für solch ein winziges, nur wenige Zentimeter hohes Zäunchen! Chochol schuf nun ein aus typisch geometrischen Formen zusammenegsetztes Gitterwerk, das durch oktagone Steinpfosten getragen wird. Klein, aber fein, und typisch kubistisch ist das Ganze. Der Kubismus wurde bald eine Art tschechischer Nationalstil. Und wer in der Altstadt nach dem Beginn ebendieses Kubismus‘ sucht, der sollte diesen kleinen Zaun um diesen kleinen Brunnen nicht übersehen. (DD)

Denkmal mit gebrochener Geschichte

Die Würdigung der Gründung ihrer Ersten Republik wollte sich die Tschechoslowakei etwas kosten lassen. Und so begann man 1928, also 10 Jahre nach der Gründung, mit dem Bau des Nationaldenkmals auf dem Vítkovberg.

Jedenfalls sind schon alleine die Maße des Bauwerks – ganz zu schweigen von der hier schon öfters erwähnten gigantischen Reiterstatue des Hussitenfeldherrn Jan Žižka – geradezu kolossal: 143 Meter lang ist das Gebäude, 31,6 Meter hoch (man kann dort oben eine Aussichtsplattform besuchen!) und 27,5 Meter breit. Unter dem Keller befinden eine Unzahl von Räumen. Das Photo mit einem Querschnittsmodell des Gebäudes, das sich im zweiten Stock davon befindet, gibt einen kleinen Eindruck davon wieder. Pläne zur architektonischen Zelebration der Nation hatte es schon Ende des 19. Jahrhunderts gegeben, als das Land noch zum Habsburgerreich gehörte. Die Gründung der Republik 1918 gab aber erst den richtigen Impetus. Und so legte im November 1928 der erste Präsident der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, den Grundstein.

Hier sollten gefallene Helden des Unabhängigkeits in einem Mausoleum begraben werden, womit vor allem besonders heldenhafte Kämpfer der Tschechoslowakischen Legion gemeint waren, die im Ersten Weltkrieg nicht für die Habsburger gekämpft hatten, sondern für die Entente-Mächte, die dem Land die Unabhängigkeit versprochen hatten. Auch Masaryk selbst hätte nach seinem Tode gemäß dem Willen der Erbauer dort seinen Platz bekommen können, aber der zog bescheiden einen Platz bei seinem Landsitz in Lány u Rakovníka vor.

Aber soweit kam es sowieso nie. Denn die Bauarbeiten zogen sich unendlich hin und wurden 1938 wegen des Münchner Abkommens und der anschließenden Besetzung des Landes durch die Nazis abgebrochen. Nach dem Ende der Nazi-Tyrannei 1945 baute man weiter, aber kam ebenfalls nicht viel weiter, den schon 1948 kam die nächste Tyrannei, die kommunistische. Und das bedeutete eine Konzeptänderung.

Ursprünglich sollte das Ganze ja eine etwas gigantoman geratene „Kultstätte“ einer neuen Demokratie werden. Deshalb sollte die Architektur auch ganz modernistisch sein. Funktionalismus war angesagt. Und Funktionalismus mit strengen Formen und nur wenigen klassizistischen Anspielungen lieferte der Architekt Jan Zázvorka mit seinem Entwurf. Besonders gut sieht man das bei der Betrachtung der Seitenfassade.

Auch drinnen herrschte stenger Art Dèco-Stil vor. Etliche große Künstler der Zeit gestalteten die Innenräume. Besonders in der Kapelle kann man Mosaiken des Malers Max Švabinský bewundern. Es dominierend dort patriotische Motive, wie etwa diese Allegorie der Bohemia mit einem Rock in tschechischen Farben und einer roten Freiheitsmütze als Symbol der republikanischen Ordnung.

Kernstück der Kapelle ist die überlebensgroße Plastik „Der Verwundete“ des Bildhauers Jan Štursa. Und rundherum finden sich bronzene Reliefs des Art-Dèco-Bildhauers Jaroslav Horejc, dessen Bild eines gefallenen Legionärs man im kleinen Bild links sieht. Beide Künstler stellten das Leiden, das für den Kampf im die nationale Selbstbestimmung erbracht wurde, in den Mittelpunkt.

Der ästhetische Kurswechsel mit der Machtübernahme der Kommunisten kam abrupt und man sieht das daran, dass die Horejcschen Reliefe aus den 1930ern zwar blieben, aber 1950 neue hinzugefügt wurden. Man kann nur erahnen, was Horejc empfand, als er statt der empfindsamen Darstellung des Leidens der Kriegsopfer nun platte Propaganda in Form von Hammer und Sichel produzieren musste.

Das Aneinanderreihen von Unpassendem ging weiter. Das geplante Mausoleum, in dem schwarze Marmorsärge ursprünglich gefallenen Legionären als würdige Ruhestätte dienen sollten, wurde nun für führende Kommunisten (die 1990 wieder entfernt wurden, was die Särge seither leer belässt). Die kurzlebige demokratische Regierung nach 1945 hatte noch die Fertigstellung des ursprünglich als letzte Ruhestätte für Masaryk vorgesehenen Mausoleums in einer nun anzubauenden Apsis geplant. Masaryk hatte sich entschieden, lieber be seinem Landsitz in Lány beerdigt zu wrden. Stattdessen sollte das Mausoleum nun den bürgerlichen Widerstandskämpfern gegen die Nazis gedenken. Das mochten die Kommunisten überhaupt nicht. Nach dem Coup der Kommunisten wurde die Halle zu einer Gedenkhalle für die Rotarmisten, die das Land „befreit“ hatten, umfunktioniert. Mosaike mit sowjetischen Soldaten, erstellt von dem Maler Vladimír Sychra, blicken seither von den Wänden – so wie es in der Kapelle republikanische Legionäre tun. 1953 wurde die Halle als Mausoleum für den gerade verstorbenen Kommunistenführer Klement Gottwald eingerichtet, der hier einbalsamiert in einem Glassarg die posthumen Huldigungen seiner Untertanen entgegennehmen konnte – bis er im Zuge der Entstalinierung 1962 wieder entfernt wurde.

Und im ersten Stock befindet sich die ursprünglich für den demokratischen Präsidenten Masaryk in einem sehr bürgerlichen Stil eingerichtete Präsidentensuite ebenfalls neben Mosaiken im realistisch-sozialistischen Stil.

Die künden von der Freude der Bürger über die Ankunft der Roten Armee und etlichen militärgeschichtlichen Themen aus der Geschichte des Landes aus ideologisch klar fixierter Sicht. Ja, man bekommt hier in Architektur und Kunst gegossene Geschichte mit großen Brüchen zu sehen. Aber gerade das macht den Ort so faszinierend.

Nach der Samtenen Revolution von 1989 ließ man diese Brüche bestehen, dass heißt, man versuchte erst garnicht, die Skulpturen und Mosaike aus der kommunistischen Zeit zu zerstören. Man restaurierte allenfalls einige damals verschwundene Artefakte wieder an ihren alten Ort. So zum Beispiel in der großen Haupthalle im zweiten Stock, deren nüchterner, aber kolossaler Funktionalismus schlicht atemberaubend ist (großes Bild oben), wo die alte Flagge der Tschechoslowakischen Republik (noch mit den Wappensymbolen von Slowakei und Transkarpatien!) wieder aufgehängt wurde.

Seither ist das Nationaldenkmal kein Mausoleum mehr, sondern eher ein Nationalmuseum. Die Dauerausstellung zeigt ausgewählte Artefakte, die Meilensteine in der demokratischen Entwicklung des Landes – und auch die Rückschläge – mustergültig repräsentieren. Das Original des Abschiedsbriefs von Milada Horáková, geschrieben vor ihrer Hinrichtung durch die Kommunisten 1950 (früherer Beitrag u.a. hier) oder das Original der Charta 77, dem von Václav Havel verfassten Dokument des Widerstandes sind Beispiele dafür. Auch einige gesellschaftliche Trends werden aufgegriffen, wie etwa die in der Ersten Republik aufkommende Pfadfinderbewegung, in eine wichtige Rolle im Widerstand gegen die Nazis spielte und 1948 von den Kommunisten verboten wurde. Das kleine Bild oberhalb rechts, zeigt eine Sammlung mit Memorabilia.

Umgeben ist die Ausstellung (die bisweilen durch wechselnde Ausstellungen ergänzt wird) immer noch von den riesigen Reliefen des Bildhauers Karel Pokorný (früherer Beitrag hier), die das Motiv gefallener Legionäre aus dem Ersten Weltkrieg und den Wirren danach wieder aufgreifen. Das Bild links zeigt einen Legionär, der in Russland kämpfte. Diese Bildwerke geben am ehesten die ursprüngliche Idee wieder, die hinter dem Nationaldenkmal stand. (DD)

Durchgestylte Residenz für den Bürgermeister

Wenn man eine in Architektur und Interieur gegossene Zelebration der Unabhängigkeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik bewundern will, dann sollte man versuchen, sich vom Oberbügermeister in dessen Residenz (Rezidence primátora) – etwa zu einem Festakt – einladen zu lassen.

Die Prager Stadt-Versicherungs-Gesellschaft (Pražská městská pojišťovna) , über die wir bereits hier berichteten, schenkte die in das Gebäude der Großen Stadtbibliothek (Mariánské náměstí 1/98 in Prag 1) baulich von außen kaum unterscheidbar integrierte Residenz der Moldaumetropole, um damit das 60. Jubiläum ihrer Gründung gebührend wohltätig zu feiern. In den Jahren 1925 bis 1928 (gerade zurecht, um auch noch gleich den 10. Jahrestag der Republik zu feiern) erbaute der Architekt František Roith, dem wir unter anderem auch das Gebäude der Nationalbank verdanken, die Residenz direkt unmittelbar neben dem Neuen Rathaus.

Der Bürgermeister hatte also nicht weit zu gehen, wenn er von der Residenz ins Rathaus gehen wollte. Allerdings wurden die Räumlichkeiten überhaupt nur von dem 1919 bis 1937 amtierenden Oberbürgermeister Karel Baxa tatsächlich als Residenz im Sinne von Dienstwohnung genutzt. Ansonsten nutzt der Bürgermeister das Gebäude nur dienstlich bei Festakten, Empfängen, Kulturveranstaltungen oder Konferenzen zu denen er einlädt oder deren Schirmherr er ist – wobei er dann die Gäste meist in der Großen Empfangshalle (kleines Bild oberhalb rechts) begrüßt.

Das ganze Gebäude sollte die Modernität ausstrahlen, die die Republik verkörperte. Es handelt sich folglich um eines der frühesten öffentlichen Gebäude, die im Stil des Funktionalismus gebaut wurden, wobei man diese allerdings mit einer klassizistischen Formensprache kombinierte. DIe Vorderfront wird eigentlich von dem Haupteingang zur Stadtbibliothek dominiert und man betritt die Residenz nur über einen gesonderten Eingang an der Ostseite. Ab dem ersten Stock erstrecken sich die repräsentativen Räume der Residenz über die ganze Front. Von innen wirken daurch die acht klassizistischen Statuen des Bildhauers Ladislav Kofránek, die das Portal der Bibliothek schmücken, wie ein Teil der Residenz.

Innen in der Residenz herrscht ein gediegener und auf würdige Pracht bedachter Art Dèco-Stil vor. Das ganze ist konsequent „durchgestylt“ und wirkt auch heute noch so, denn gottlob ist das komplette Original-Interieur (selbst die Vorhänge!) erhalten geblieben. Angesichts der Zeitläufe – Naziherrschaft, Kommunismus seien genannt – ist das fast schon ein Wunder. Alleine die Möbel – meist aus zu den Wandpanelen passendem Holz hergestellt – könnten eine eigene Galerie füllen.

Schon, wenn man den Eingangsbereich betritt, beeindruckt einen das Treppenhaus, das mit einem noch im Original erhaltenen Aufzug im Innenkern verbunden ist. Vor den getönten Fenstern ergibt das einen enormen visulellen Effekt. Die Liftkultur war übrigens damals anscheinend viel luxuriöser als heute. Der Lift verfügt über ein kleines, mit dicken Lederpolstern gezogenes Sitzsofa. Das bereitet auf geradezu grandiose Art auf den Rest des Gebäudes vor. Die Erwartungen, die nun gehegt sind, werden nicht enttäuscht.

Es gibt natürlich für Gäste etliche Salons – übrigens damals noch strikt nach Damen und Herren getrennt. Besondere Gäste werden zum Diner eingeladen. Dafür gibt es einen Speisesaal, dessen Möbiliär mit der oben im großen Bild abgebildeten Porzellanfigur eines weiblichen Aktes mit blauem Band geschmückt ist. Sie stammt von der in ihrer Zeit als eifrige Republikanerin und Frauenrechtlerin bekannten Bildhauerin Helena Johnová. Und hoch über der Tafel hängt das Gemälde „Überfluss“ (Hojnost) des Malers Jaroslav Malínský, das nicht nur die Gäste auf die üppigen Tafelfreuden einstimmen soll, sondern auch auf das eigentliche Streben des öffentlichen Amtes hinweisen, den Wohlstand der Menschen zu mehren.

Womit wir bei den politischen Botschaften sind, die sich überall mal mehr, aber meist etwas weniger aufdringlich (aber stets stilistisch passend) überall verstreut finden. DIe drehen sich zum einen natürlich um die Stadt Prag selbst. Das in Stein gemeißelte Wappen Prags in der Empfangshalle ist nur ein Beipiel. Es wurde in einem recht vorsichtig angedeutet modernen, aber sehr repräsentativen Stil von dem Bildhauer und Architekten Karel Štipl erschaffen,

Ebenfalls Prag zum Thema hat der opulente Wandteppich im Herrensalon. Er ist das Werk des Malers, Textildesigners und Bildhauers František Kysela. Der damals überaus berühmte Künstler hat seine allegorische Darstellung „Prag – Mutter aller Städte“ (Praha matka měst) ein wenig dem Stil frühneuzeitlicher Gobelins nachempfunden. Der Teppich wurde hier um 1930 aufgehängt.

Im Empfangsaal kommt aber auch ein „überstädtisches“ Thema zum Tragen, das dem Stadtrepräsentanten gerade bei der Eröffnung am Jahrestag der Republikgründung besonders am Hwerzen liegen musste – die Unabhängigkeit und Freiheit der Republik!

Auf den Bronzegittern ,die die beiden Heizungen abdecken, sind jeweils vier kleine Statuen (ebenfalls aus Bronze) angebracht, die Bürger aus allen Schichten und Berufsgruppen fröhlich beim Erwirtschaften des gemeisamen Volkswohlstands zeigen – welch ein Fortschritt gegenüber den früheren Zeiten, als man noch vom Kaiser unterjocht wurde! Der Bauarbeiter, den wir etwas oberhalb links sehen, arbeitet jedenfalls mit Inbrunst für die Republik.

Nun ja, bei alledem muss der Prager Stadt-Versicherungsgesellschaft geradezu schwindlig geworden sein, wie sehr sie nun ihre Gemeinwohlorientierung über den Profit stellte, als sie die schöne Residenz des Oberbürgermeisters der Öffentlichkeit schenkte. Deswegen durfte ein wenig Schleichwerbung in eigener Sache sein. So darf auch ein Versicherungsangestellter frohgemut auftreten. Den Namen der Stadtversicherung ( městská pojišťovna) kann man als Reklamebeitrag über dem Türeingang, aus dem der hochmotivierte Mitarbeiter kommt, gut erkennen.

Nun aber zum Highlight republikanischen Freiheitspathos`, das man auf der Rückwand der Empfangshalle findet, dort wo meist das Rednerpult steht. Zentral auf einem Sockel steht die Büste des Gründungspräsidenten und der moralischen Autorität der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk. Die Büste, die wir heute sehen, wurde von dem Bildhauer Antonín Lhota erschaffen. Die ursprünglich hier platzierte Masaryk-Büste (urspr. Beutler, Nazis) war ein Werk des Medailleurs und Bildhauers Miroslav Beutler. Die wurde aber von den Nazis, die natürlich den liberalen und menschlichen Masaryk und sein Andenken nicht mochten, während der Protektoratszeit eingeschmolzen.

Übersehen haben die Nazis allerdings die beiden links und rechts darüber vor Fenstergittern positionierten bronzenen allegorischen Figurengruppen, die in zwei Bildern fast alles zusammenfassen, was man über das nationale Geschichtsverständnis der Ersten Republik wissen muss. Das Schwert für die Hinrichtung hält der Henker bereit, so sieht man es auf der ersten Gruppe. Die allegorisch dargestellte Bohemia – ihrer Krone beraubt, aber mutig gefasst – ist das kommende Opfer. Eine weibliche Trauerallegorie beweint sie und ihr Schicksal. Darunter die Lettern „1621“… Das bezieht sich auf die Hinrichtung der 27 Rädelsführer des Böhmischen Ständeaufstandes von 1618, dessen Scheitern die Unabhängigkeit und Freiheit Böhmens beseitigte und für Jahrhunderte die Habsburgerherrschaft festigte (früherer Beitrag hier). Die Bluttat leitete für alle patriotischen Tschechen die „Temno“ (Finsternis) genannte Zeit ein.

Und dann „1918“. Die Unabhängigkeit ist da. Ein mit einem Gewehr bewaffneter Legionär, der auf Seiten der Alliierten gegen Habsburg und die Mittelmächte gekämpft haben mag (früherer Beitrag hier), steht zum Schutz der Republik bereit. In der Mite ist Bohemia wiedererstanden und sie wird von einer Allegorie der Freiheit (mit phrygischer Freiheitsmütze) wieder gekrönt. Die Schmach der Geschichte ist getilgt, die Republik gegründet! Dieser an die Grenzen des Kitsches gehende Pathos geht letztlich doch unter die Haut. Möglicherweise – ich konnte es noch nicht verifizeren – sind die beiden Statuenbilder ebenfalls, wie die ursprüngliche Masaryk-Büste, ein Werk von Miroslav Beutler.

Wer von soviel Pathos geschafft ist, kann sich ein wenig Ruhe verschaffen im Wintergarten, der wunderschön hell und licht gestaltet ist. Ausgeschmückt ist er mit zwei geradezu klassisch im Stil des Art Dèco gehaltenen weiblichen Statuen bei einem plätschernden Brunnen (leider abgeschaltet, als ich zugegen war). Die Skulpturen sind ein Werk des Bildhauers Ladislav Beneš. Eine geschmackvoll eingerichtete Oase der Ruhe in einem beeindruckenden Gebäude. (DD)

Im Türkenkerker

Verzweifelt schauen sie aus ihrem engen Kerker heraus. Ob sie jemals befreit werden von ihrem schrecklichen Los?

Der besondere Reiz der Karlsbrücke (Karlův most; früherer Beitrag hier) , die ja bekanntlich im 14. Jahrhundert erbaut wurde, liegt nicht zuletzt in den Heiligenfiguren, die vor allem seit dem frühen 18. Jahrhundert auf beiden Seiten aufgestellt wurden. Und diese Statuengruppe ganz nah bei den Altstädter Türmen ist unter ihnen wohl die eindrucksvollste. Die im Gefängnis leidenden Gefangenen sind unschuldige Christen, die in die Hände der Türken geraten sind, was 1714, als der Bildhauer Johann Brokoff die Skulptur anfertigte, so im wesentlichen der Sammelbegriff für alle Muslime – also auch die arabischen – war.

Aber die Rettung ist nahe, denn drei Heilige nehmen sich ihrer an. Und die sind das Thema der Skulptur. Einer von ihnen ist der Heilige Johannes von Matha, der tatsächlich um 1198 auszog, um in Marokko von den „Heiden“ (die gewiss keine Türken waren) christliche Gefangene freizukaufen. Dabei half ihm später der Heilige Felix von Valois, der deshalb auch seine wohlbegründete Präsenz auf dem Sockel zeigt. Zusammen begründeten die beiden Franzosen dann den Trinitarierorden.

Etwas aus der Reihe – möglicherweise als Proporz-Böhme – fällt der Heilige Iwan, ein Einsiedler, der unweit von Prag bei Burg Karlštejn (genauer gesagt: hier) in einer Höhle seinem Eremitendasein frönte. Dabei lebte er nur von Pflanzen, die er im Walde fand, und der Milch einer Hirschkuh, die ihn – auf göttliche Fügung – begleitete. Die Hirschkuh und die goldenen Insignien weltlichen Besitzes liegen ihm hier zu Füßen. Von Muslimen in Gefangenschaft gehaltene Christen hat er allerdings nicht befreit – wohl aus Mangel an günstigen Gelegenheiten in den böhmischen Wäldern. Aber seine Frömmigkeit rechtfertigt in jedem Falle die Präsenz auf einem der Denkmalssockel auf der Karlsbrücke. Und bei so einer großen Sache musste ja auch irgendwie ein Böhme mit dabei sein.

Aber sind es wirklich die Heiligen, die den Betrachtern am meisten auffallen? Natürlich nicht, denn dazu ist der Türke mit seinem großen Turban und dem Schwert vor dem Kerker zu beeindruckend. Das Krummschwert ist aus Metall und nicht aus Stein. Seit der Errichtung wurde der Säbel immer wieder gestohlen und danach auch immer wieder ersetzt. Als das Denkmal errichtet wurde, wurde es von aufgebrachten Pragern immer wieder mit Exkrementen und Dreck beworfen. Denn, dass der muslimische Wächter eben wie ein Türke aussieht, war eine politische Aussage. Der Große Türkenkrieg (1683-1699) lag ja noch nicht lange zurück als die Statuengruppe errichtet wurde. Der sehr zeitgenössische Türke mit Turban war daher das personifizierte Feindbild schlechthin.

Ganz authentisch ist er in einer Hinsicht nicht. Da gleicht er mehr einem Tschechen. Er scheint nämlich Hundebesitzer zu sein. Und Hunde gelten im Islam als unrein, weshalb das Ganze nicht so recht zu passen scheint. Allerdings, so meinen einige islamische Rechtsgelehrte, dürfen sie als Wachhunde eingesetzt werden und sich so nützlich machen. Das macht der Hund vor der kleinen Zelle der Gefangenen mit Verve, wie man auf dem großen Bild oben sehen kann. Wenn der Türke den Hund allerdings nach der Arbeit mit zu sich nach Hause nimmt und als Schoßtier behandelt, ist es mit seiner Glaubensfestigkeit nicht weit her. (DD)