Dobřichovice – kleiner Ort mit viel Skulptur

Haifischalarm? Mitten in Böhmen? Nein, es handelt sich um ein Kunstwerk, eine Skulptur. Und wo die steht, stehen noch mehr davon. Žralok červený (Roter Hai) heißt dieses Werk der Bildhauer Ivana Junková und Jan Slovenčík, das hier 2014 aufgestellt wurde.

Wir befinden uns in Dobřichovice, einer kleinen Ortschaft mit hübschem Schloss an der Berounka, rund 20 Kilometer südwestlich von Prag und ganz nahe bei Burg Karlštejn. Der kleine Ort ist voll von modernen Skulpturen und man fragt sich bald, warum es davon eine so hohe Konzentration gibt wie man sie selbst in Großstädten selten findet.

Und damit sind wir bei Petr Váňa. Der umtriebige Bildhauer organisiert hier im Orte seit 2003 das alle zwei bis drei Ajhre stattfindende Symposion Cesta Mramoru (Marmorweg) für tschechische und auch einige ausländische Künstler. Die hinterlassen seit diesem Jahr im Orte Unmengen von Skulpturen. Und jedes Jahr kommen neue dazu. Sie verteilen sich in der ganzen Ortschaft, aber vor allem auf dem rund einen Kilometer langen Stück Landstraße, das Dobřichovice mit dem benachbarten (noch kleineren) Dörfchen Karlík verbindet.

Váňa gilt als exzentrischer, weil dezidiert katholischer Künstler (was den areligiösen Tschechen meist suspekt ist). Seit 1997 löst er immer wieder heftige öffentliche Diskussionen aus, weil er eigenständig die Mariensäule aus dem 17. Jahrhundert auf dem Altstädter Ring in Prag wiederherstellen will (früherer Beitrag hier). Die war bei Ausrufung der Unabhängigkeit der Tschechoslowakischen Republik 1918 von der wütenden Menge zerstört worden, weil sie ein zentrales Symbol der Habsburgischen Fremdherrschaft darstellte. Der Plan Váňas verletzte mithin patriotische Gefühle. Erst 2013 raffte sich der Stadtrat dazu auf, die Genehmigung im Sinne des alten Stadtbilds zu erteilen. Seither weigert sich aber das Ordnungsamt, die zum Aufbau des bereits fertigen Denkmals nötige Absperrung zu genehmigen. Der Streit geht weiter und ist nicht ganz frei von Kleingeist…

Der Output von Váňas Symposion zeichnet sich hingegen durch Abwesenheit jenes Kleingeistes aus und ist tolerant in seiner Auswahl. Avantgardistisch Modernes steht neben Skurrilem und (immer noch modernen) Rückgriffen auf traditionellere Bildhauerei. Selbst moderne Verfremdungen sakraler Themen finden hier ihren Platz, wie das rechts gezeigte Werk Květ z mojí zahrady (Blume aus meinem Garten) des Bildhauers Václav Gatarik aus dem Jahr 2009, das eine als Pflanze wuchernde Pietà darstellt, mit einer fast unheimlich gesichtslosen Jungfrau Maria.

Konventioneller ist hingegen die Skulptur Zasněný mramor (Verträumter Marmor) aus dem Jahr 2017 – ein Werk des Bildhauers Petr Novák. Mit dem Mädchen, das sich an einen Pferdehals schmiegt, können sich sicher die reitbegeisterten kleinen Mädchen der Umgebung identifizieren. Jedenfalls ist es irgendwie doch eher niedlich, denn provokant-modern.

Wiederum geradezu reduktionistisch modern und daher zu vielfältigen Interpretationen einladend ist das rechts gezeigte Werk Elementární postava (Elementare Figur) des Bildhauers Jura Plieštik. Und so findet man eigentlich als Liebhaber von Skulpuren etwas für jeden Gechmack in Dobřichovice. Und das Material, der Marmor, fügt sich ja auch schön in die Natur und das dörfliche Umfeld der ja sehr idyllischen Umgebung ein. Das empfand Váňa übrigens schon lange bevor im die Idee mit dem Symposion und dem Marmorweg kam.

Schon 1999 kam er auf die Idee, im nur zwei Kilometer entfernten Dorf Mořinka auf einem Hügel einen Menhir (bzw. einen Pseudomenhir) zu errichten, der der Landschaft dort ein geradezu vorzeitliches Gepräge gibt. Man sieht also: In der Umgebung von Dobřichovice lässt sich mittlerweile Kunst erwandern, die weit in der Gegend verstreut ist. Man kann also Kunst- mit Wandertour verbinden. Dafür sei allen Beteiligten gedankt! (DD)

Brückenbauer am Busbahnhof

Heute ist der 1. Mai – der Tag der Arbeit. Das ist die Gelegenheit, mal wieder ein wenig gute alte Arbeiterromantik zu zelebrieren. Davon gibt es in Prag genügend künstlerische Rückstände aus früheren Zeiten.

Die hier gezeigte Skulptur Mostaři (Brückenbauer) gilt unter Liebhabern des Genres als ein Meisterwerk. Erschaffen hat diese Darstellung zweier hart und motiviert Arbeitenden der damals sehr renommierte Bildhauer Karel Hladík. Das war 1946, als die Kommunisten zwar bereits stark, aber noch nicht an der Macht waren. Hladík war kein Staatskünstler des Gottwald-Regimes. Der Realsozialismus lag aber schon künstlerisch in der Luft. Zudem knüpfte er an die realistischen Tendenzen an, die schon in der Zeit der Ersten Republik vor dem Zweiten Weltkrieg en vogue waren.

Aus Gründen, die sich nicht so recht erschließen, wurde das von Beton gerahmte Bronzewerk damals nicht öffentlich aufgestellt. Das geschah erst im Jahre 1982 (als tatsächlich noch die Kommunisten regierten), weswegen Hladík und sein Werk in Gefahr gerät, in eine ideologische Ecke gestellt zu werden, für die es nicht wirklich gedacht war (prinzipiell ist ja an der künstlerischen Würdigung von Arbeit nichts falsch).

Der Ort, den man für die Skulptur wählte, ist denkbar scheußlich, nämlich direkt vor dem Fernbus-Bahnhof im Stadtteil Florenc (Prag 8). Dort ist er von viel Beton, Asphalt und vor allemWerbung umgeben. Wenn man die optisch kaum erahnbare vor-kommunistische Geschichte des Werkes nicht kennt, könnte man vor allem letzteres für eine verdiente Ironie der Geschichte halten. Tatsächlich wird das Ganze aber vielleicht Hladík nicht wirklich gerecht. (DD)

Das Leben in Jugendstil

Im Jahre 1905 eröffnete der Geschäftsmann Ondřej Dörfler hier in der Na Příkopě 391/7 in der Nähe des Wenzelsplatzes sein Kaufhaus. Das existiert schon lange nicht mehr, aber geblieben das passend U Dörflerů genannte Gebäude. Es ist ein kleines Meisterwerk des Jugendstils.

Erbaut wurde das Haus von dem Baumeister Matěj Blecha, der das Areal um den Wenzelplatz zu Beginn des 20. Jahrhundert maßgeblich mitbestimmt hatte (siehe u.a.früherer Beitrag hier).

Die Entwürfe für das Haus stammten vom Architekten Jiří Justich, der wiederum ein Schüler des damals sehr berühmten österreichischen Architekten Friedrich Ohmann war (siehe u.a. früheren Beitrag hier), dem Prag etlich bedeutende Gebäude verdankt.

Der eigentliche Held im Stück war jedoch der Bildhauer Karel Novák. Ihm verdankt man die Stuckarbeiten der Fassade vom ersten Stock an. Seine thematisch und künstlerisch stringente Gestaltung kommt schon deshalb so schön zur Geltung, weil das Ganze nicht überladen wirkt, sondern geschmackvoll dezent – aber dennoch prunkvoll. Schon weil der Stuck fast ausschließlich in weiß und einem zurückhaltenden grau gehalten ist, können die Vergoldungen, die dazwischen eingefügt sind, sich besonders wirkungsvoll entfalten.

Das Leben ist das eigentliche (und im Jugendstil sehr beliebte) Thema. Oben auf dem Giebel symbolisiert eine Urne das Ende, aber darunter sind zwei Lebenssymbole miteinander verwoben. Da findet sich direkt unter dem Giebel gleich zweimal der Baum, als vom Wind gebeugter Lebensbaum gedacht. Das entsprach dem in dieser Zeit populären vorchristlich inspirierten Mystizismus (siehe großes Bild oben).

Darunter sieht man Pfauen, wobei deren Körper sich so um die Fensterrahmung winden, dass sie auf den ersten Blick schwer erkennbar sind, und anscheinend von oberflächlichen Betrachtern oft mit Fischen verwechselt werden. Der Pfau wiederum ist in der christlichen Mythologie ein Symbol der Unsterblichkeit. Die Pfauen sind sicher der auffälligste Teil der Stuckgestaltung.

Daneben gibt es noch einige typische Jugendstil-Ornamente wie Kränze oder Girlanden. Aber Dörfler wäre ja kein guter Geschäftsmann oder Warenhausleiter gewesen, hätte er sich nur um Lebensphilosophie und Mystik gekümmert. Ein bisschen Werbung für sein Kaufhaus musste schon sein. Und so sieht man auf dem Gitter des Balkons auf dem dritten Stock das geschmiedete und vergoldete Firmenlogo – ein zierlich gestaltetes D, das natürlich für den Namen Dörfler steht. (DD).

Renaissance mit Hammer und Sichel (gut versteckt)

Das Hammer- und Sichelsymbol täuscht. Es handelt sich keineswegs um ein Gebäude aus der Zeit des Stalinismus. Oben in den Königsgärten neben der Prager Burg befindet sich der berühmte Ballsaal (Míčovna). Neben dem ebenfalls in den Gärten gelegenen Lustschlösschen der Königin Anna (Letohrádek královny Anny, siehe auch hier) gehört er zu den bedeutendsten Gebäuden der böhmischen Renaissance überhaupt.

Nun ja, die Gärten wurden ja auch 1534 – zur Blütezeit der Renaissance – von Kaiser Ferdinand I. angelegt und daher erstaunt die hohe Konzentration dieser Architektur an diesem Orte wenig. Das Gebäude wurde von den Architekten Bonifaz Wohlmut (siehe u.a. auch früheren Beitrag hier) und Ulrico Aostallis 1567 bis 1569 für Kaiser Maximilian II. erbaut. 68 Meter lang ist der Ballsaal, die Front mit ionischen Halbsäulen und Sgraffiti (bis in 14 Meter Höhe!) prächtig ausgeschmückt.

Drinnen fanden nicht, wie man meinen könnte, Tanzbälle statt, sondern Ballspiele, genauer ein Ringspiel, das anscheinend so ein Zwischending von Tennis und Baseball war. Damit war es 1723 allerdings vorbei, denn in diesem Jahr verwandelte man den Ballsaal in einen Pferdestall. In den 1780er Jahren dekretierte Kaiser Joseph II., dass der Pferdestall nunmehr in eine Kaserne für seine Soldaten umgebaut werden müsse. Das blieb das Gebäude auch bis zum Mai 1945 als es während des Prager Aufstandes (früherer Beitrag hier) von Geschossen getroffen wurde und bis auf die Außenmauer zerstört wurde.

Auch die ab 1948 regierenden Kommunisten sahen ein, dass es einen Bedarf an Wiederaufbau gab, und ab 1952 renovierte der in der Zwischenkriegszeit durch seine avantgardistischen Gebäude bekannt gewordene Architekt  Pavel Janák  (siehe u.a. diesen früheren Beitrag) das Ballhaus. Innen wurde das entkernte Gebäude modernisiert, während die äußere Fassade erhalten blieb. Lediglich die bis dato offenen Bögen zwischen den Halbsäulen wurden verglast, was drinnen Innenräume schuf, die sich glänzend für Empfänge und Ausstellungen eignen. Dass die Verglasungen nicht original sind, bemerkt der Beobachter kaum.

In den Jahren 1971 bis 1973 restaurierten dann in aufwendigster Arbeit die beiden Bildhauer Miroslav Kolář und Dušan Kříčka die Sgraffiti. Sie hielten sich präzise an den originalen Stil und die originalen Vorlagen. Die zeigen Allegorien auf die Naturelemente, Wissenschaften und vor allem die Tugenden (oberhalb rechts die Tugend der Prudentia, d.h. der Klugheit).

Direkt gegenüber der von den von den Kommunisten so oft wie fälschlich für sich reklamierten Tugend der Gerechtgkeit direkt unter dem Dachsims malten bzw. kratzten sie die oben gezeigte pseudoallegorische Figur mit dem in eine Machinenzahnrad eingerahmtes Sowjetsymbol von Hammer und Sichel. Man fragt sich unwillkürlich, ob die beiden Künstler hier Politagitation betrieben oder sich einen augenzwinkernden Scherz mit Ironie erlaubt hatten. Man muss das Symbol auf jeden Fall suchen, bis man es versteckt findet – eine Aufgabe für den Kenner! Es ist in jedem Fall eine solche Kuriosität, das niemand auf die Idee käme, es zu entfernen.

Vor dem Gebäude steht sehr dekorativ die barocke Statue einer Allegorie auf die „Nacht“. Sie ist ein Werk des Bildhauers  Matthias Bernhard Braun, der sie 1734 schuf. Zurecht würde der Kunstkenner einwerfen, dass zu solchen Darstellungen der Nacht es eigentlich immer eine korrespondierende Allegorie auf den Tag geben müsse. Die gab es ursprünglich auch, aber sie wurde schon 1757 bei der Belagerung Prag während des Siebenjährigen Kriegs von den Preußen durch Artilleriebeschuss zerstört. Im Gegensatz zu den Sgraffiti hat man sie jedoch nicht wieder restauriert – weder mit Hammer und Sichel noch ohne dieselben… (DD)

Sgraffiti-Gewimmel

Es waren keine berühmten Persönlichkeiten der böhmischen Geschichte, die das Haus zur Minute (Dům U Minuty) am Altstädter Ring (Staroměstské náměstí 3/2) erbauten.

Das Haus, im heute täglich von Tausenden von Touristen besuchten Teil der Altstadt, ist auch viel zu klein für einen Sitz vornehmer Adliger oder reicher Patrizier. Trotz alledem gehört es mit seiner opulenten Fassaden-Ausstattung wohl zu den bekanntesten und auffälligsten Bürgerhäusern der Altstadt. Mit seinen hübschen schwarz-weißen Sgraffiti („Kratztechnik“) handelt sich um ein geradezu archetypisches Beispiel für ein bürgerliches Wohngebäude im böhmischen Renaissancestil.

Ursprünglich stand hier wohl ein spätgotisches Haus aus dem 15. Jahrhundert, das aber um 1564 grundlegend im Renaissancestil umgebaut wurde. Kurz darauf setzte man noch eine dritte Etage auf, die mit spitz zulaufenden Lünetten (gerahmte Wandfelder) über den Fenstern ausgestattet wurde. Im frühen 18. Jahrhundert befand sich hier eine Apotheke, deren Hauszeichen ein Löwe war, weshalb das Haus damals noch U Bílého lva (Zum Weißen Löwen) hieß. Das Hauszeichen – eine Löwenskulptur mit Kartusche im klassischen Stil – befindet sich noch immer in einer Ecknische im ersten Stock.

Nach der Apotheke kam ein Tabaksladen. Man muss etwas kompliziert denken, um herauszufinden, warum das Haus ab diesem Zeitpunkt nicht mehr nach dem Löwen benannt wurde, sondern als Haus zur Minute weitergeführt wurde. Das hat nichts mit Zeitmessungen oder Zeitabschnitten zu tun. Es leitet sich von dem Wort „minuziös“ ab und spielt darauf an, dass es hier sehr fein (und klein) geschnittenen Tabak gab.

Anfang des 20. Jahrhundert wollte man das Areal um das Rathaus am Altstädter Ring städteplanerisch großzügiger gestalten und plante den Abriss des Hauses (und des Nachbarhauses). Denkmalschützer wehrten sich dagegen heftig und erreichten 1905 den Schutz des Gebäudes. Wie recht sie damit taten, zeigte sich 1919 als man beim Renovieren die obere Putzschicht abtrug und das entdeckte, was das Haus heute so sehr zu einer sensationellen Sehenswürdigkeit macht: Die Sgraffiti, die vom ersten Stock an aufwärts die ganze Fassade dicht bedecken.

Der Reichtum der Verzierung erstaunte die Forscher, weil das Haus ja keine Vergangenheit als Sitz hoher Herrschaften und großer Mäzene aufwies. Das Ganze ist schon fast ein wenig rätselhaft. Anscheinend wurde die äußerst feinen Sgraffiti in zwei Phasen aufgetragen – ein Teil um 1590/1600 und der Rest um 1615. Es ist im übrigen unbekannt geblieben, wer der Künstler oder die Künstler dieser kleinen Meisterwerke waren.

Auch muss man nach Erklärungen suchen, warum die Sgraffiti irgendwann überputzt wurden und völlig in Vergessenheit gerieten. Nachdem sie 1919 entdeckt worden waren, wurden sie übrigens umgehend von dem Bildhauer Jindřich Václav Čapek restauriert.

Es wimmelt von Szenen und Darstellungen, die alle den für die Renaissance-Zeit typischen Moral- und Kulturvorstellungen widerspiegeln. Das sind natürlich zum einen christliche Themen, wie zum Beispiel das Bild von Adam und Eva, die mit einem liegenden Hirschen unter dem verbotenen Baum der Erkenntnis stehen – den Apfel schon in bedrohlicher Nähe. Auch Darstellungen der klassischen Tugenden wie Weisheit und Gerechtigkeit (Bild rechts) finden sich – wie es überhaupt geradezu von realen, fiktiven und allegorischen Gestalten nur so wimmelt. Alles ist umrahmt von bildlich dargestellten klassisch-antiken Architekturelementen wir Nischen oder Pilaster.

Aber die Renaissance wäre nicht die Renaissance, ginge es nicht auch ganz spezifisch um die Wiederbelebung der römischen Antike und ihres Wertekanons. Altrömische Tapferkeit und Selbstaufopferung finden sich zum Beispiel durch Gaius Mucius Scaevola repräsentiert (Bild links). Der war während eines Krieges mit den Etruskern in Gefangenschaft geraten und beeindruckte deren König so sehr dadurch, dass er seine Hand ohne einen Schmerzenslaut in ein Feuer hielt, dass besagter König den Feldzug abbrach. Dabei kann man den schmerzunempfindlichen Helden heute noch auf der Fassade des Hauses hier in Prag beobachten.

Ein Highlight sind aber vor allem die Portraits zeitgenössischer Herrscher oben unter dem Dach zwischen den Lünetten. Da wimmelt es natürlich in erster Linie von Habsburgern, die ja zur Zeit der Anfertigung der Sgraffiti in Böhmen herrschten und dementsprechend verständlicherweise besonders herausgestellt werden mussten. Im Bild links sieht man als Beispiel den spanischen König Philipp II. (Bild links). Ebenfalls mit von der Partie sind unter anderem Maximilian II. und Rudof II., auch alles gute Habsburger der damaligen Zeit.

Nur ein Herrscher fällt ob seiner Turbantracht auf den ersten Blick etwas aus der Reihe, weil er weder Habsburger, noch Böhme, noch ein christlicher Herrscher ist: Sultan Selim II., der Beherrscher des Osmanischen Reiches (Bild rechts). Den hat man wohl dankbar einbezogen, weil er 1568 zusammen mit Maximilian II. den Frieden von Adrianopel unterzeichnet hatte, der für eine Weile erfolgreich den Frieden zwischen den beiden Großreichen garantierte. Dafür musste man ihm dann doch so dankbar sein, dass er auf der Fassade des Minutenhauses verewigt wurde.

Ach ja, Franz Kafka war ja ein wenig unstet, was seine Wohnorte in Prag anging (frühere Beispiele u.a. hier und hier) und so gehört auch dieses Haus zu den Gebäuden, in denen er einen Teil seines Lebens verbrachte. Er lebte hier als Kind mit seinen Eltern von 1889 bis 1896 und seine drei Schwestern Gabriele, Valerie und Ottilie wurden hier geboren. (DD)

Der Böhmische Löwe: Langlebiges Wappentier

Heute: Kleine Prager Löwenkunde! Man sieht ihn nämlich überall in der Stadt – in Holz geschnitzt, in Stein gemeißelt, in Keramik gebrannt, als Teppich geknüpft oder in Bronze gegossen. Und ihm alleine könnte man schon eine eigene Stadttour widmen, dem Böhmischen Löwen. Er ist schließlich das stolze Wappentier der Tschechen. Im großen Bild sieht man ein Prachtexemplar, nämlich die 1848 von dem Bildhauer Joseph Max geschaffene Skulptur, die heute unter der Burg an der Chotkova auf der Kleinseite steht.

Wenn man hier in der Stadt einen Löwen sieht, sollte man ihn aber zunächst untersuchen, ob er auch der echte Wappenlöwe ist. Er muss nämlich aussehen, wie der links abgebildete Wappenlöwe auf der Fassade des dům U Bílého lva (Haus zum Weißen Löwen) in der Celetná 555/6 (Altstadt), einem ursprünglich gotischen Haus, das im dritten Viertel des 17. Jahrhunderts barockisiert wurde, weshalb der Löwe von einer schön schnörkeligen Kartusche im barocken Stil umrahmt ist, die später im Jugendstil überarbeitet wurde. Ein wesentliches Kriterium ist dabei der Doppelschwanz bzw. gespaltene Schwanz. Der findet sich in der Heraldik eher selten und kann daher als primäres Erkennungsmerkmal der böhmischen Spezies gelten.

Als Repräsentant eines Königreiches hat der Böhmische Löwe auch stets eine Krone auf dem Haupte. Bei zweidimensionalen Darstellungen muss er nach links (für Fachheraldiker ist das übrigens rechts) schauen. Immer auf Wappen, nicht immer auf anderen Darstellungsformen, muss er aufsteigen. Die amtliche Farbgebung ist heute auch immer weiß auf rotem Grund. Aber, wie gesagt, im Zweifelsfalle genügt der Doppelschwanz zur Identifizierung. Zumindest erkennt man ihn dann auch noch, wenn er etwa in Form jenes blauen Löwens im Bild oberhalb rechts auftritt (nicht aufsteigend, ohne Krone), der sich in der Altstadt oben an der Fassade des dům U modrého lva (Haus zum Blauen Löwen) in der Havelská 506/11-13 befindet. Das waren ursprünglich zwei mittelalterliche Häuser, die 1810 hinter einer klassizistischen Fassade zusammengelegt wurden. Entsprechend klassizistisch kommt auch der blaue Löwe daher.

Nun sind Löwen in den böhmischen Wäldern ja eher eine seltene Spezies. Wie kam er also auf das Wappen? Dazu gibt es zunächst einmal eine populäre Erklärung, die der hiesigen Sagenwelt entspringt, genauer einem Ritterroman des frühen 15. Jahrhunderts, dessen Autor leider unbekannt blieb. Demnach war es ein gewisser Ritter Bruncvík, dem der bisherige Adler als böhmisches Wappentier nicht machtvoll genug war. Er wollte einen Löwen auf dem Wappen sehen, und da es die in Böhmen nicht gab, zog er in die Welt, um eine echte „Vorlage“ zu finden. Er erlebte ungeheuere Abenteuer und befreite dabei einen echten Löwen aus den Klauen eines Monsters, der ihn dann als treuer Freund nach Böhmen zurückgeleitete und Modell für das Wappen stand. Die treuen Prager haben dem guten Ritter dafür ein Denkmal an der Karlsbrücke errichtet, über das wir schon hier berichteten, und zu dessen Füßen der Löwe nun liegt (Bild oberhalb links).

Eine schöne Geschichte! Die wirkliche historische Erklärung ist wesentlich unspektakulärer. Der Löwe war seit dem Mittelalter sowieso neben dem Adler der meistgenutzte heraldische Tiersymbol. Löwe und Adler konkurrierten vor allem in der frühen böhmischen Geschichte um die Position des Staatsemblems. Die beiden kleinen Bilder links und rechts, bei denen es sich um Deckengemälde des späten 19. Jahrhunderts im Nationalmuseum handelt, stellen sie gegenüber.

Der schwarze Adler war das Wappentier des seit Anbeginn der Geschichte in Böhmen regierenden Geschlechts der Přemysliden. Er wird auch oft mit Bezug auf den Heiligen Wenzel (wohl der bekannteste der Přemysliden-Herrscher) als Wenzelsadler bezeichnet. Der Nationalheilige wird oft mit den Attributen Banner und den Adlerwappen als Schild dargestellt; letzteres sieht man im Bild rechts bei einer Fassadenskulptur an einem funktionalistischen Miets- und Bürohaus aus den Jahren 1934/35 in der Anglická 242/16 in Prag 2. Wegen der Verbindung mit Wenzel und den Přemysliden war der Adler im Prinzip auch zugleich das Wappentier des Landes. Die Herrscher hatten ein Interesse daran, dass Dynastie und Land so auch optisch identisch repräsentiert wurden. Der Löwe taucht als heraldisches Wahrzeichen allerdings nicht erst im Jahre 1311 auf, als mit König Johann dem Blinden die Přemysliden-Herrschaft zu Ende ging und das unbeadlerte Haus von Luxemburg den Thron bestieg.

Für die Böhmen war der Löwe nämlich schon vorher heraldisch präsent. Das hat etwas damit zu tun, dass der Přemyslide Vladislav II. 1158 als böhmischer Herrscher den durch den (deutschen) Kaiser verliehenen Königstitel tragen durfte – wenngleich auch nur auf Lebenszeit und nicht erblich. Da passte der Löwe besser, der oft auch als Symbol für die direkte Lehensabhängigkeit zum Kaiser galt. Unter Otakar II. Přemysl, der bereits zu den erblichen Königstitelträgern gehörte, wurde der Löwe im 13. Jahrhundert weiter verbreitet, vor allem als Stadtwappen von Städten, die in seinen Herrschaftsbereich gerieten. In die Zeit Otakars II. fällt auch das erste Auftauchen des Doppelschwanzes auf Wappen. Es wird oft mit seiner Krönung zum erblichen König 1253 in Verbindung gebracht. Man muss sich daher nicht wundern, dass das Löwenwappen auch auf seinem Grab (Bild oberhalb links) im Veitsdom in der Burg zu finden ist, wo er einige Jahre nach seinem Tod bei der Schlacht auf dem Marchfeld gegen die Habsburger (bei der er nicht nur sein Leben, sondern auch seine österreichischen Besitzungen verlor) seine letzte Ruhestätte fand.

Tatsache bleibt jedoch, dass der Löwen seinen großen Siegeszug als Wappentier Böhmens (zu Lasten des Adlers) mit den Luxemburgern ab 1311 (Krönung von König Johann) begann. Denn das Haus Luxemburg führte zufälligerweise (!) den zweischwänzigen Löwen schon mindestens seit dem frühen 13. Jahrhundert im Wappen als man noch gar nicht in Böhmen regierte. Und es unterstrich den Anspruch als neue Dynastie auf dem böhmischen Thron, dass man nun das Symbol der alten Dynastie, den Adler der Přemysliden, durch das hauseigene Wappentier, eben den Löwen, ersetzte, der aber eigentlich schon vor Ort als „Marke“eingeführt war. Auf dem Bild oberhalb rechts sieht man einen solchen Löwen (in Kopie für eine Ausstellung) aus der Zeit des Luxemburger-Königs Wenzel IV., dessen Original den Veitsdom auf der Prager Burg zierte.

Der Löwe war von da an äußerst resistent gegen Dynastiewechsel. Auch unter den Habsburgern blieb er unangefochten das Wappentier. Die hübsche neobarocke Skulptur der beiden Genien, die das Löwenwappen krönen, ist ein schönes Beispiel aus der Zeit von Kaiser Franz Josef. Sie ist ein Werk des Bildhauers Antonín Popp aus dem Jahre 1888 und ist Teil der Sammlung des Nationalmuseums. Die Ironie der Geschichte ist übrigens, dass die Habsburger im 13. Jahrhundert, als sie noch „nur“ den Grafentitel führten, den Löwen (blau vor goldenem Hintergrund, einfacher Schwanz) im Wappen trugen, und in der Zeit, in der sie ab dem 16. Jahrhundert in Böhmen herrschten, den Adler als Symbol trugen, wenngleich den Doppeladler und nicht den einköpfigen Adler wie zuvor die Přemysliden. Trotzdem blieb der Löwe böhmisches Wappentier.

Das Ulkige dabei war, dass der Löwe somit zugleich das offizielle Herrschaftssymbol der Habsburger war, die damit klar machten, dass sie neben dem Kaisertitel auf noch die böhmische Königskrone trugen, aber dass er zugleich das politische Symbol aller tschechischen Nationalisten war, die die Bande des Landes mit den Habsburgern eher lockern wollten. Gerade die bürgerlichen Bauten des späten 19. oder frühen 20. Jahrhunderts wiesen oft selbstbewusste tschechische Löwensymbolik auf. Das von Osvald Polívka 1894-96 erbaute Bankhaus in der Na příkopě 858/20 (unweit des Wenzelsplatzes) weist ein besonders wuchtiges Beispiel dafür auf – das bunte Mosaik des für seine nationale Gesinnungsmalerei berühmten Historienmalers Mikoláš Aleš (früherer Beitrag hier) unter dem Dachsims (Bild oberhalb rechts).

Und als das Jahr 1918 hierzulande jede Form dynastischer Herrschaft durch die Ausrufung der Ersten Tschecho-slowakischen Republik beendete, blieb der Löwe – soagar immer noch mit der höchst un-republikanischen Krone bestückt. Die Tschechoslowakei war ein Vielvölkerstaat, bei dem die Tschechen (also die Kern-Böhmen) politisch dominierten. So stand im großen Staatswappen der Ersten Republik der Böhmische Löwe im Zentrum und die Wappen der anderen Landesteile bzw. Bevölkerungen umrahmten ihn – u.a. die Slowakei (Patriarchenkreuz), Mähren (karierter Adler), Schlesien (schwarzer Adler mit Brustmond) und Transkarpatien (Bär, blau-gelbe Streifen). Die großen Minderheiten der Ungarn und Deutschen wurden bezeichnenderweise nicht repräsentiert. Ein Beispiel für die neue Fahne ist der oberhalb links abgebildete Wandteppich aus der Sammlung des Nationalmuseums. Er wurde von dem Maler František Kysela (etwas farbverfremdet) im Jahre 1921 gestaltet. Typisch ist, dass zwei Löwen das Wappen als Schildhalter einrahmen.

Es gab übrigens offziell auch eine kleine Variante des Staatswappens, das den weißen Löwen auf rotem Grund zeigt, wobei der Löwe das slowakische Patriarchenkreuz auf der Brust trug. Diese Version findet man zum Beispiel noch auf dem Sockel des Denkmals für den Hussitenheerführer Jan Žižka vor dem Nationaldenkmal auf dem Vítkov-Berg, dessen Bau 1931 begann als dieses – nun in Stein für die Ewigkeit fixierte – Wappen noch offiziell gültig war. Mähren und Transkarpatien hatte man bei der kleinen Variante der Einfachheit halber weggelassen, was ein wenig dem allzu zentralistischen Selbstverständnis der Tschechoslowakischen Republik in dieser Zeit geschuldet war.

Später gab es einige Wappen, die gottlob wieder verschwanden, wie etwa das des von den Nazis kontrollierten Reichsprotektorats Böhmen und Mähren, das nur den böhmischen Löwen und den weiß-roten mährischen Adler zeigte. Oder das Wappen, das die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR) 1960 einführte – der Böhmische Löwe ohne Krone, aber ab und zu mit rotem Stern. Auf der Brust trug er das Symbol der Slowakei, aber nicht das christliche Patriarchenkreuz (das für Kommunisten undenkbar war), sondern ein neu entworfenes Flammensymbol. Man findet davon in Prag verständlicherweise nur noch wenige Exemplare. Das kleine Bild oberhalb links zeigt eines davon. Es handelt sich um ein Relief im Vestibül der Metro-Station Hradčanská. Die neue, doch arg künstliche Kreation setzte sich in den Herzen der Menschen nie durch. Sie verschwand nach 1989. Auch das 1990 eingeführte Wappen der Tschechoslowakei – zwei Böhmische Löwen (wieder mit Kronen), zwei slowakische Patriarchenkreuze – war kurzlebig, da sich Tschechien und die Slowakei am 1. Januar 1993 trennten.

Im heutigen Wappen der Tschechischen Republik nimmt der gekrönte und zweischwänzige Löwe wieder den Spitzenplatz ein. Er ist gleich zweimal vertreten, gefolgt von je einem (rot-weiß karierten) mährischen und einem (schwarzen) schlesischen Adler. So sieht man das viergeteilte Wappen an jedem Amtsgebäude, etwa hier am Eingang des Rathauses von Vinohrady (Prag 2). Dass er gleich zweimal präsentiert wird, ist ein kleiner historischer Restbestand der Vergangenheit, in der Böhmen das große Königreich war, während die anderen Landesteile wie Mähren (das im Mittelalter „nur“ eine Markgrafschaft war) oder Schlesien (immerhin noch Herzogtum) dem an Rang untergeordnet waren.

Und ist man erst einmal in Kern-Böhmen, so herrscht der Löwe alleine, wie es sich für einen Monarchen mit Krone gebührt. Böhmische Naturschutzgebiete (und andere öffentliche Einrichtungen), die der Regionalverwaltung im eigentlich recht zentralistisch regierten Tschechien unterstehen, zeigen nur und ausschließlich den Löwen, wie hier die Hinweistafel zum Naturschutzgebiet bei Liběchov. Bei großen Nationalparks käme dann wiederum das Staatswappen mit allen Landesteilsymbolen zum Zuge.

Auf jeden Fall gilt: Der Löwe lebt! In den Prager Souvenirshops findet man ihn auf T-Shirts, Biergläsern oder Keramikwaren. Auch dieser Metzgerladen in der Altstadt in der Haštalská ulice, dessen Schaufenster wir hier rechts zeigen, macht sich das enorme Werbepotential, das in dem Löwen immer noch schlummert, zunutze. In rotem Neon bewirbt er mit einem Metzgerbeil in der Klaue die leckeren Fleischwaren im Schaufenster. Das passt, denn die Tschechien sind ja bekannt für ihre sehr fleischreiche Nationalküche. Und man lernt daraus: Der Löwe hat auch deshalb überlebt, weil er es immer geschafft hat, mit der Zeit zu gehen. (DD)

Die Schlacht von Sokolowo im Metro-Vestibül

Im Vestibül der Metrostation Florenc (Linie B und C) im Stadtteil Karlín findet sie immer noch statt, die Schlacht um Sokolowo. Sie findet hier natürlich nicht wirklich statt, sondern nur als Kunstwerk. Genauer gesagt, auf einem riesigen Mosaik im Vestibül. Es wurde gestaltet von den beiden Malern Oldřich Oplt und Sauro Ballardini, ein italienischer Künstler, der aber an der Hochschule für Bildende Künste in Prag wirkte.

Das in der damals üblichen Variante realsozialistischer Kunst gehaltene Mosaik erinnert daran, dass die ansonsten recht schmucklose Station bei ihrer Eröffnung im Jahre 1974 nicht Florenc, sondern Sokolovská hieß, wie auch die davor gelegene Straße. Die Straße wurde später nicht umbenannt und eine kleine Tafel unter dem Straßenschild erinnert sogar an die Ereignisse, die sich damit verbinden.

Aber die Station selbst, die in der Nähes des Fernbus-Bahnhofs liegt, taufte man nach der Samtenen Revolution dann doch um, und zwar schon 1990 – ein Jahr nach dem Ende des Kommunismus.

Und das mag etwas mit dem eher ambivalenten Verhältnis der Tschechen zu dieser Schlacht des Zweiten Weltkriegs zu tun haben – eine mutige Heldentat gegen die Nazis, derer gewiss angemessen gedacht werden musste, leider aber eine im Bündnis mit Stalin…

Die Schlacht fand am 8. und 9. März 1943 in der heutigen Ukraine – damals noch Teil der Sowjetunion – statt. Die Verteidigung des kleinen Ortes Sokolowo war ein wichtiger Teil der Strategie der Roten Armee, um Hitlers Wehrmacht an der Eroberung von Charkiw zu hindern. Die Rote Armee beschloß, diese Aufgabe erstmals dem 1. Tschechoslowakischen Unabhängigen Feldbataillon zu überlassen. Es war das erste Mal, dass auf sowjetischer Seite ausländische Soldaten in einer autonomen Einheit kämpften. Unter der Führung von Ludvík Svovoda, der von 1968 bis 1975 Präsident der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik werden sollte, kämpfte die Truppe mit großem Mut und Einsatzwillen, um die Deutschen aufzuhalten. Rund 90 Soldaten der Truppe fielen, 114 wurden schwer verwundet. Den Deutschen gelang mit Mühen der Durchbruch, aber sie wurden länger aufgehalten als erwartet.

Der mutige Einsatz der Truppen wurde honoriert. Der bei der Schlacht gefallene Leutnant Otakar Jaroš bekam als erster Ausländer postum den Orden Held der Sowjetunion. Der sowjetischen Führung kam der Kampfeinsatz gelegen, konnte sie doch mit dem Einsatz ihren solidarischen Internationalismus beweisen. Die Kontingente tschechoslowakischer (und anderer internationaler) Truppen wurden nach den guten Erfahrungen deutlich erhöht. Normalerweise hätte das im Lichte der Erfahrungen nach 1948 (Machtübernahme der Kommunisten im Lande) genügt, um den heutigen Tschechen das Andenken daran zu vermiesen, sieht das doch arg nach Paktieren mit den späteren Besatzern aus.

Dem ist aber nicht ganz so – schon alleine, weil der Einsatz in Absprache und mit Genehmigung der damaligen bürgerlichen und pro-westlichen Exilregierung Beneš erfolgt war. Die Soldaten waren Exiltschechen. Oder sie waren Soldaten der Tschechoslowakischen Republik, die manchmal nirgendwo anders hin fliehen konnten als in die Sowjetunion. Oder es waren slowakische Kriegsgefangene. Insgesamt galt die Truppe als eher unpolitisch und sich vor hauptsächlich nur in der Frage einig, dass die Nazitruppen auf jeden Fall und um jeden Preis vertrieben gehörten. Und dann ist da noch Ludvík Svoboda, der tatsächlich (auch wegen seines Heldenruhms von Sokolowo) populär war und als Präsident wegen seiner Nähe zu den Liberalisierungsbestrebungen des Prager Frühlings einen positiveren Nachruhm genoss als die meisten anderen Vertreter der kommunistischen Führung. Er war vergleichsweise volksnah.

Und deshalb regt sich auch niemand über das spät-real-sozialistische Mosaik in der Station auf. Die Propaganda-Maschinerie, die ständig das Lied von der unverbrüchlichen Völkerfreundschaft mit der ewig siegreichen Sowjetunion spielte, ist seit 1989 zum Stillstand gekommen. Vermutlich ist das Ganze schon deshalb nicht mehr so kontrovers, weil die Erinnerung an Sokolowo bereits verblasst ist und nur wenige Menschen noch wissen, was hier in der Metrostation überhaupt dargestellt ist. (DD)