Die fünf Großen

IMG_6415

Als der Stadtteil Vinohrady Ende des 19. Jahrhunderts seine kommunalen Selbstverwaltungsrechte erhielt, war eines der ersten großen Prestigeprojekte der Gemeinde das Národní dům (Nationalhaus). 1894 wurde das von dem Architekten Antonín Turek im Neorenaissance-Stil erbaute Haus eröffnet. Bis heute erfüllt es die Funktion als Ort großer sozialer und IMG_6421kultureller Ereignisse – vom Tanzball zum politischen Parteitag. Der größte Festsaal kann bis zu 700 Personen fassen. Im Erdgeschoss gibt es neben einigen Läden ausgesuchte Restaurants wie das schon hier besprochene Bruxx.

Allerlei Stuckornamente zieren den außerordentlich pompösen Repräsentativbau. Die meisten davon haben irgendeinen allegorischen Gehalt. Denn die Frage stellt sich zurecht: Warum hat man das Gebäude nicht einfach „Festhalle“ genannt, sondern „Nationalhaus“? Ein öffentlicher Versammlungsort hat auch eine IMG_6422öffentliche Funktion. Das Národní dům sollte nach dem Willen der Gestalter den erwachenden Nationalgeist der Tschechen im Habsburgerreich repräsentieren.

Dahinter verbarg sich noch nicht der radikale Gedanke von Bruch mit dem Reich – der erreichte erst im Ersten Weltkrieg eine ernst zu nehmende Stärke. Aber es ging um mehr Autonomie und kulturelle/sprachliche Selbstbestimmung. Und genau das macht der Bau auch von außen recht deutlich.

Deshalb ist das Herzstück der politischen Ästhetik des Ganzen auch eine Reihe von fünf nebeneinander aufgestellten Büsten oben an der Frontseite des Gebäudes. Hier ist die „Message“ verborgen (bzw. eher recht dick aufgetragen). Es sind dies Büsten von fünf bedeutenden kulturellen und politischen Vertretern des Tschechentums des 19. Jahrhunderts:

5Böhmen

Obere Reihe von links nach rechts: Miroslav Tyrš (1832-1884), der eigentlich Friedrich Tiersch hieß und deutschstämmig war, sich aber schon früh zum tschechischen Nationalgedanken hingezogen fühlte. Er war der Gründer des Turnerverbandes Sokol, der sich (ähnlich wie die deutsche Turnerbewegung des Turnvater Jahn) als eine demokratisch-bürgerliche Nationalbewegung verstand und bei der Unabhängigkeit eine wichtige Rolle spielte. Karel Havlíček Borovský (1821-1856), ein Dichter und Literaturkritiker, der oft als Vater des tschechischen Journalismus gesehen wird. Als latent Russophiler verband er seinen tschechischen Nationalismus mit panslawistischen Elementen. František Palacký (1798-1876), der große Historiker und Politiker war das, was man heute den „Mastermind“ des tschechischen Nationalgedankens nennen würde. Seine Bedeutung wurde in diesem Blog bereits hier gewürdigt.

Untere Reihe von links nach rechts: Der Name Bedřich Smetana (1824-1884) bedarf eigentlich keiner weiteren Erläuterung. Er ist der große tschechische Komponist, der mit Libuše so etwas wie die Nationaloper und mit der Moldau (Vltava) so etwas wie die inoffizielle Nationalhymne komponiert hat. Außerdem wurde er bereits hier abgehandelt. Josef Kajetán Tyl (1808 -1856) war ein heute eher vergessener Dramatiker, dessen Stücke aber damals wegen ihrer Begeisterung für Demokratie und nationale Bestimmung (z.B. „Hus“, 1848) die Stimmungslage der Zeit trafen und der in einem seiner Stücke den Text der Nationalhymne erdichtet hatte. (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s