Die erste „Platte“ – noch recht wohnlich

Eigentlich ist das ein normales, sogar recht human dimensioniertes und ästhetisch ansprechendes Mietshaus. Der hier gezeigte Eingang sieht nicht einmal nach „Platte“ aus. Es war ja auch der Prototyp, den wir hier in der U Prefy 771/25 im Prager Stadtteil Ďáblice sehen. Der Prototyp aller Plattenbauten in der damals kommunistischen Tschechoslowakei. Und Prototypen machen ja meist mehr her als das, was der Endverbraucher am Schluss kriegt…

Bei Plattenbauten denkt man an einförmige Quaderblöcke zur Massenhaltung von Menschenmaterial in kommunistischen Vorstädten. Und das war ja auch größtenteils die Realität. In der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik wurden rund drei Millionen Wohnungen so fabriziert. Aber an für sich ist die Idee, Häuser mit vorgegossenen Betonteilen, aufgehängt in Stahlskeletten zu bauen, ja durchaus sinnvoll und muss nicht dort enden, wo sie im Kommunismus endete. Schon in den (vorkommunistischen) 1920er Jahren hatte es immer wieder zuerst in den Vereinigten Staaten, dann auch in Deutschland Wohnungsbauprojekte dieser Art gegeben.

In der Tschechoslowakei musste man noch etwas warten. Im Jahre 1948 beauftragte man den Architekten Miloslav Wimmer, das hier vorgestellte Haus in Ďáblice zu enwerfen – als Prototyp der später in geringer Stückzahl verbreiteten Serie T16. Und so wurde hier 1953 das erste vollständig in Plattenbautechnik hergestellte Wohnhaus fertiggestellt. Aber den Behörden kamen auf einmal Bedenken ob der statischen Sicherheit. Man zog den Architekten Stanislav Bechyně hinzu, der als Meister gewagter Betonbrückenprojekt damals über Weltruhm verfügte. Der rechnete noch einmal nach und fand, dass die Statik doch völlig in Ordnung sei. 1955 zogen darob die ersten Mieter ein.

Nun hätten ja etliche Vordenker der eintönigen Plattenbaubatterien – als Negativbeispiel sei Le Corbusier genannt – niemals selbst in solchen Wohnungen wohnen wollen, die sie voll ideologischer Inbrunst der Arbeiterklasse anempfahlen. Wimmers Haus war immerhin so ansprechend, dass Wimmer dort selbst als einer der ersten Mieter einzog und bis zu seinem Tod im Jahr 2010 dort blieb. Das hatte vielleicht auch etwas damit zu tun, dass der doch recht wohnliche Prototyp im ländlichen Dorfkern von Staré Ďáblice (Alt Dablitz) steht – gleich neben einem alten Schlösschen. Das ist idyllisch. Im heutigen modernen Teil von Ďáblice, der etwas außer Sichtweite liegt, tobten sich Wimmers Nachfolger in hoher Konzentration mit Plattenmonstrositäten aus, wie wir sie halt so kennen (Bild oberhalb links). Das ist nicht ganz so idyllisch – um es vorsichtig auszudrücken. Wäre man doch besser auch hier bei Wimmers Dimensionen geblieben…. (DD)

V-Tower in Prags Manhattan

Als es mit der Planung ernst wurde, drohte die UNESCO mit dem Verlust des Status der Altstadt als Weltkulturerbe. Von 2008 bis zur Fertigstellung 2018 tobte die Auseinandersetzung darüber, ob das Erbe nicht daduch entwertet werde, dass in – wenngleich einige Kilometer entfernter – Sichtweite moderne Hochhäuser gebaut werden. Inzwischen finden nicht wenige Betrachter, dass der berühmte V-Tower im modernen Stadtteil Pankrác schon selbst ein Gebäude von hohem Kulturwert ist.

Zumindest hat Prag den Status als Weltkulturerbe noch nicht verloren. Das Investorenprojekt wurde in den Jahren 2015 bis 2018 nach den Plänen des Architekten Radan Hubička realisiert. Das Gebäude ist 104 Meter hoch und hat 30 Stockwerke. Es handelt sich um ein Wohn- und Apartmenthaus im Luxussegment, was angesichts der Aussicht auf die Burg und die Altstadt nicht erstaunt. Mit Dachgärten, Swimmingpools, Fitnesszentren, Haustierbetreuung (was besonders wichtig für die hundevernarrten Tschechen ist!) und anderen Einrichtungen bietet das Ganze noch zusätzlichen Wohnkomfort. Zudem ist das Haus energetisch und umwelttechnologisch auf allerneuestem Stand.

Das Areal, in dem sich das Hochhaus befindet, ist sowohl geologisch (wie Untersuchungen in den 1970er Jahren zeigten als auch von seiner Lage in akzeptabler Distanz zur Innenstadt besonders für solche Bebauung geeignet. Die sogenannte Pankrác-Ebene beherbergt daher etliche große Hochhäuser und wird bisweilen als das Manhattan Prags bezeichnet. Es hat sich hier ein großes Wohn- und Geschäftszentrum entwickelt. Drumherum befinden sich viele Grünanlagen. Die moderne Hochhausarchitektur kann auf den ersten Blick übersehen lassen, welche Lebensqualität dieser Teil der Stadt bietet.

Was den V-Tower angeht, so ist er mittlerweile als ein Musterbeispiel für tschechische postmoderne Architektur allgemien anerkannt. Die beiden von einander gespreizten Türme sehen wie das Fingersymbol für Sieg aus, sollen aber auch Freiheit und Offenheit symbolisieren.

Die ersten zwei Drittel der Höhe sind die Türme mit etwas zurückversetzen Stockwerken verbunden. Das Ganze überzeugt wohl optisch auch diejenigen, die in Prag normalerweise weniger moderne Architektur bevorzugen. (DD)

Baba-Haus näher betrachtet

Es sollte die Mustersiedlung der Moderne werden, was in den Jahren 1928 bis 1932 von einer Gruppe avantgardistischer Architekten unter der Führung von Pavel Janák (wir erwähnten ihn u.a. hier, hier und hier) sorgfältg geplant wurde: die Werkbundsiedlung Baba (Výstavní kolonie na Babě, Osada Baba) im Nordosten des Stadtteils Dejvice (Prag 6). Und in der Tat strahlt das, was dann in den Jahren 1932 bis Anfang 1940 hier erbaut wurde, noch heute eine Aura von Modernität aus, die ihresgleichen sucht.

Die innovative Architektur wird natürlich in vollem Umfang erst sichtbar, wenn man die Häuser von innen betrachten kann, was angesichts der Tatsache, dass sie in Privatbesitz sind, natürlich normalerweise unmöglich ist. Bei der Vila Matějská in der Matějská 1985/19 hat sich die Möglichkeit für uns ergeben, weil wir die die Bewohner, Lucie Fejklová (Besitzerin) und Lebensgefährte Hans Weber, gut kennen und schätzen.

Die Villa gehört zu den letzten, die hier im Rahmen des Projekts der Werkbundsiedlung überhaupt gebaut wurden. Und sie repräsentiert in ihrer Art den Prager Spät-Funktionalismus in seiner reinsten und kompromisslosesten Ausprägung.

Worum ging es überhaupt bei dem Siedlungsprojekt Baba (über das wir übrigens schon hier berichteten)? Dessen treibende Kraft war der 1914 gegründete böhmische (bzw. ab 1918 tschechoslowakische) Werkbund (Svaz československého díla). Das war eine Vereinigung, die vom 1907 ins Leben gerufenen Deutschen Werkbund inspiriert war. Es handelte sich um eine „wirtschaftskulturelle“ Vereinigung von Architekten, Künstlern und Unternehmern, die sich der Förderung fortschrittlicher und sozialer Ideen im Bereich von Architektur und Kunsthandwerk widmete. Praktischer und den Kriterien avantgardistischer Ästhetik genügender Komfort und Lebensqualität für alle Menschen war das Programm. Und die Siedlung Baba sollte zeigen, wie man effizient, preisgünstig und kunsthandwerklich wertvoll geradezu luxuriösen Wohnraum für jedermann schaffen konnte. Die Initiative zur Gründung des Werkbundes stammte von dem berühmten Architekten Jan Kotěra (über den wir u.a. schon hier und hier berichteten). Kotěra wiederum gilt als der eigentliche Vater der modernen Architektur im Lande.

Pavel Janák, der die Rahmenplanung für die Baba-Siedlung übernahm, war Mitbegründer des Werkbundes und ein Schüler Kotěras. Er hatte vor dem Ersten Weltkrieg mit kubistischer Architektur begonnen (der damals die höchste Avangarde darstellte), hatte sich aber in späten 1920er Jahren in Richtung Funktionalismus entwickelt.

Als Gelände suchte er sich das Baba genannte Gebiet aus, das hoch über der Moldau liegt und sich auf der anderen Seite neben dem schönen Naturschutzgebiet der Wilden Šarka (Divoká Šarka) befindet. Die einzelnen Häuser hatten jedoch eigene Bauherren und vor allem autonom arbeitende Architekten.

Die Gruppe von Architekten, Künstlern, Stadtplanern, Bauunternehmern und Designern, die sich hier unter dem Dach des Werkbunds zusammenfand, war sich jedoch über die wesentlichen Grundsätze völlig einig. Das (und natürlich die Leitung durch Janák) garantierte in Sachen Ästhetik und Zielsetzungen eine deutliche Einheitlichkeit, die trotzdem vielfältig ist. Immer wieder setzten sie sich – auch nach Baubeginn – zusammen, um die Gesamtkonzeption zu modifizieren und anzupassen. Und das Resultat konnte sich am Ende definitiv sehen lassen.

Zu den Architekten und Designern, die hier mitwirkten, gehörten einige der großen Namen der tschechoslowakischen Architektur. Dazu gehörte unter anderem Josef Gočár, der – wie Janák – zuvor zu den Pionieren des Kubismus gehört hatte (wir berichteten u.a. hier und hier), aber sich nun ebenfalls dem Funktionalismus zugewandt hatte. Andere Architekten der Werkbundgruppe, die die Baba-Siedlung gestalteten, waren etwa František Kavalír, Josef Fuchs, František Zelenka und viele andere, Insbesondere Hana Kučerová-Záveská, die zugleich Architektin und Designerin war, entwickelte viele Ideen für maßgerechte und raumsparende Einbaumöbel. Gerade bei der Gestaltung von Küchen leisteten die Erbauer der Baba-Siedlung Bahnbrechendes.

Und dann war da noch der Architekt František Kerhart, der sich bereits früh einen Namen als führender Architekt des Funktionalismus einen Namen erworben hatte, etwa durch seine Entwürfe für das Gebäude der Sparkasse in Poděbrady im Jahr 1926. Kerhart hatte in der Baba Siedlung bereits zwischen1932 und 1936 fünf Häuser entworfen, und er war auch für die Planung des hier vorgestellten Hauses in der Matějská 1985/19 verantwortlich. Es handelte sich um eine Art „Nachzügler“. Die ersten 20 Häuser der Siedlung wurden schon 1932 fertiggestellt. Acht weitere folgten 1933/34 und zwei 1935/36. Es sollten danach eigentlich neben den Villen noch vier Reihenhäuser erstellt werden, die dann aber im Zuge einer der vielen Neuplanungen durch sechs Einzelvillen ersetzt wurden. Und zu diesen gehört die 1939 gebaute Vila Matějská.

Der im Mai 1939 fertiggestellte Plan des Hauses, das von Außen noch weitgehend im Urzustand erhalten ist, folgt funktionalistischen Grundideen. Man kann das an den Plänen (Bild rechts) studieren, die Kerhart für den Auftraggeber und Besitzer der Villa, einem gewissen Bohuslav Dušek, entworfen hat, denn sie blieben gottlob über die nachfolgenden Eigentümerwechsel hinweg erhalten und befinden sich im Besitz der gegenwärtigen Eigner.

Das Haus ist in klassisch-funktionalistischer Manier aus Quadern zusammengesetzt, die sich auf verschiedenen Ebenen befinden. Das wird durch die assymetrisch angeordneten Fenster unterstrichen, von denen das vertikale Fenster aus Glasziegel über dem Eingang optisch besonders herausragt (siehe Bild oberhalb links). Das Ganze ist freistehend von einem geräumigen Garten umrahmt.

Ja, und dann ist dann noch das Innere. Das ist wohl nur noch bei vier Häusern der Siedlung – darunter die von Gočár 1932 fertiggestellte Vila Maule – absolut vollständig im Original enthalten. Die Vila Matějská gehört leider nicht dazu. Deshalb wurden im Laufe der Zeit vereinzelt Veränderungen vorgenommen, die etwas verfremdend wirken – etwa die braunem Fußbodenkacheln im Flur, die ganz nach dem Geschmack der frühen 1980er Jahren aussehen. Aber das hält sich alles in allem in Grenzen. In den meisten Räumen ist das alte Originale Parkett im Fischgrätenmuster (das in den 1930er Jahren Mode wurde) in hervorragendem Zustand erhalten. Der Parkettboden wurde damals von vielen modernen Funktionalisten als eine Art wohnliches Gegengewicht zu der ansonsten eher „industriellen“ Ästhetik ihrer Architektur gesehen.

Ähnliche Wirkung sollten auch die dunkelbraunen Kacheln entfalten, die Treppenstufen (Bild oberhalb rechts) und Fensterbretter säumen. Erfreulich ist aber vor allem, dass die maßgefertigte Einbauküche noch weitgehend erhalten ist. Dazu gehören die praktischen kleinen gläsernen Schubladen in Greifhöhe, die heute fast nostalgisch wirken, aber damals das Modernste vom Modernsten waren. Funktionalismus hat schließlich etwas mit praktischem „Funktionieren“ zu tun. Ähnliches gilt natürlich auch für die kleine Durchreiche, die das effiziente Servieren von der Küche direkt in das Esszimmer ermöglicht. So etwas gab es auch früher (etwa in Klöstern mit Zellen), aber der Funktionalismus erkannte sie als praktisches Element zur Raumersparnis und -nutzung. Kein Geringerer Le Corbusiers hat diese Idee 1927 bei den Wohnhäusern der Berliner Weißenhofsiedlung (ein Projekt des DeutschenWerkbundes) weiterentwickelt.

Und so findet man viele Dinge im Haus, die den Geist des Funktionalismus atmen. Auch die Geländerkonstruktion im Treppenhaus ist raumsparend und leicht aus Stahl und gewelltem Draht zusammengesetzt.

Diese zukunftsweisende Architektur verlangte natürlich nach kompetenter Umsetzung. Die besorgte die Prager Baufirma Freiwald und Böhm. Die Firma (mit Architekturbüro) wurde 1921 von Jindřich Freiwald zusammen mit seinem Kompagnon Jaroslav Böhm gegründet. Freiwald war als Architekt selbst für einige bahnbrechende funktionalistische Entwürfe für Gebäude verantwortlich, etwa das Jirasek Theater (Jiráskovo divadlo) in Hronov von 1931, das Stadttheater von Kolín (Městské divadlo v Kolíně) von 1939 oder die Hussitische Kirche in Nové Město nad Metují (1936)

Er sollte den Bau der Vila Matějská leider nur wenige Jahre überleben. Als Freiwilliger nahm er im Mai 1945 am Prager Aufstand (siehe auch hier und hier) im Offizierrang eines Hauptmanns der Tschechoslowakischen Armee teil. Deutsche Truppen nahmen ihn auf ihrem Rückzug gefangen und erschossen ihn kurzerhand standrechtlich. Eine schreckliche Tragödie. Es war der 8. Mai – der letzte Tag des Krieges.

Und die Grundidee der Siedlung Baba? Die war ja gewesen, funktionalen, raumsparenden und preisgünstig zu erstellenden Wohnraum zu erschaffen. Trotzdem hatten wir es schon von Anfang an nicht mit einem Stück „sozialen Wohnungsbaus“ zu tun. Janák selbst, der gewiss kein Sozialfall war, zog in eines der von ihm geplanten Häuser ein. Man muss nur kurz von der kleinen Grünanlage vor der Vila Matějská die grandiose Aussicht auf die Burg genießen, um zu erahnen, dass hier de facto ein eher großbürgerliches Publikum bedacht wurde. Von Terrasse auf dem Dach des Hauses kann man das auch tun. Überhaupt wurde für fast jedes Haus eine schöne Aussicht garantiert. Moderner Wohnraum in schöner Lage. Auch heute ist das keine billige Wohnlage. In kommunistischer Zeit galt das, was hier zuvor als avantgardistisch angesehen war, unter regimetreuen Kunstkritikern als zu „bürgerlich“.

Aber trotzdem entsprach die Grundidee, des funktionalen Wohnungsbau doch einigen ihrer eigenen Ideen. Gewiss, in der Siedlung Baba war alles individuell maßgefertigt, aber die raumsparenden Einrichtungsideen und die zu Grunde liegende Stahlbautechnik ließen sich im Grunde sehr gut in die spätere Plattenbauarchitektur übersetzen. Auch wenn man die Baba-Siedlung schön und Plattensiedlungen (zu Recht) meist scheußlich findet, ist es nicht völlig falsch, das eine als die Fortführung des anderen zu sehen. Und tatsächlich beriefen sich die kommunistischen Stadtplaner in Prag später auf das „bürgerliche“ Vorbild. In den 1970er Jahren wurden in dem im Süden Prags (und damit am anderen Ende der Stadt) gelegenen Stadtteil Modřany zwei neue Plattensiedlungen erbaut, die Baba II und Baba III genannt wurden und so sind, wie man sich sozialistische Plattenarchitektur eben vorstellt. Der Wohnraum dort ist erschwinglicher als der der Originalsiedlung, dafür aber auch nicht ganz so schön. (DD)

Französische Renaissance, tschechischer Patriotismus

Zugegebenermaßen: Ich habe nichts darüber herausfinden können, wer dieses Haus bauen ließ und wann. Aber das macht nichts. Kann man eine solche Fassade unkommentiert lassen?

Dieses monumentale vierstöckige Mietshaus steht in der Polská 1675/52 im Stadtteil Vinohrady (Prag 2). Die Polská wurde zwischen 1900 und ca. 1905 städtebaulich erschlossen, weshalb der Bau wohl irgendwann in dieser Zeit erfolgt sein dürfte. Es dürfte zu den ersten dort gebauten Häusern gehört haben, denn die Häuser weiter unterhalb sind meist stilistisch moderner.

Die Straße hieß zu dieser Zeit noch Nerudová – nach dem Schriftsteller Jan Neruda. Der war zu sehr ein tschechischer Nationalschriftsteller, als dass es die Nazis nach 1939 so belassen wollten. Von 1940 bis 1945 wurde die Straße nach dem deutschen Schriftsteller Adalbert Stifter benannt (kein Nazi, sondern ein liberaler Teilnehmer der 1848er Revolution, der sich – weil seit 1868 tot – nicht gegen den Missbrauch durch die Nazis wehren konnte). Damit sie nicht mit der berühmten Nerudová auf der Kleinseite verwechselt werden kann, heißt sie seit 1947 Polská (Polnische Straße).

Wie dem auch sei: Hier schwelgte der Architekt in Reminiszensen der französischen Renaissance, was sich besonders an den auf und über der Fassade befindlichen Spitztürmen zeigt. Sie ähneln ein wenig den Neorenaissance-Phantasien von Schloss Neuschwanstein oder Disneyland. Aber wie alle guten tschechischen Historisten in der Architektur, kam auch der Baumeister dieses Hauses nicht ohne Anspielungen auf die böhmische Geschichte aus. Über dem ersten Stock sieht man Stuckreliefs mit Darstellungen von Waffen-Trophäen aus den Hussitenkriegen – ein in der Zeit des Baus beliebtes Thema für die Zurschaustellung von tschechischem Patriotismus. (DD)

Ein großer Industrieller, der schrecklich endete

Seine Pracht und den Wohlstand verdankt Prag nicht zuletzt seinen großen Industriellen, die im 19. Jahrhundert Böhmen zum wohlhabendsten Teil des Habsburgerreichs machten. Einer von ihnen war Emil Kolben, dessen Villa man heute noch in der Hradešínská 976/1 im Stadtteil Vinohrady (Prag 10) bewundern kann, und dem ein schreckliches Schicksal widerfuhr.

Kolben war Sprößling einer deutschsprachig jüdischen Familie aus Prag. 1888 hatte er in Amerika als Chefingenieur in der Firma des großen Erfinders Thomas Edison gearbeitet. 1889 lernte er bei keinem Geringeren als Nikola Tesla die neue Wechselstromtechnik. Derart mit Fachwissen gewappnet gründete er 1896 die Firma Kolben a spol, a.s. (Kolben & Co.). Die entwickelte sich bald zu einem führenden Unternehmen der Elektrotechnik in Böhmen. 1927 entstand durch Fusion mit zwei anderen Firmen die immer noch existierende ČKD (Českomoravská-Kolben-Daněk), ein Industriegigant der Elektrotechnik und des Maschinenbaus, der in der Zwischenkriegszeit zu den größten Arbeitgebern der Tschechoslowakei wurde. Noch heute kann man Teile der alten Anlagen im Prager Industrieviertel Vysočany bewundern, dessen Hauptverkehrsader bezeichnenderweise die ul. Kolbenova ist.

Gewohnt hat er allerdings nicht hier, sondern im weitaus vornehmeren Vinohrady. Dort ließ er sich 1897 – ein Jahr nach Gründung von Kolben a spol – von dem Architekten Josef Svoboda die Kolbenova vila, manchmal auch Červená vila (Rote Villa) genannt, bauen. 1916/17 ließ er noch einige geringfügige Änderungen im Zuge einer Instandsetzung durch den Baumeister Josef Domek durchführen. Der große Turm verleiht dem Haus ein wenig den Charakter einer Burg. Von hier aus konnte Kolben den Blick über den heute Garten der Brüder Čapek (Sady bratří Čapků) genannten Park schauen (früherer Beitrag hier).

Überhaupt hatte der innovative Unternehmer sich ein stilistisch erstaunlich konservatives Domizil geschaffen. Es handelt sich um ein typisch historistisches Gebäude, dessen großes Satteldach auf dem Turm von Renaissancebauten inspiriert ist. Optisch herausragend wird es durch die vorstehende Veranda im Erdgeschoss und vor allem durch die Holzarbeiten des Giebels, die ein wenig daran erinnern, dass damals der Jugendstil en vogue war. Sie sind erst im Zuge der Umgestaltung von 1916/17 entstanden. Das Ganze wirkt eigentlich recht heimelig und nicht sonderlich großprotzig.

Kolben konnte seinen Erfolg als Unternehmer und das Leben in seiner Villa nur bis 1939 genießen. Als die Naziarmeen einmarschierten, wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft aus der Leitung des Unternehmens entfernt.

Das war erst der Anfang, denn die Nazis waren gnadenlos. Schon kurz darauf wurden er und seine gesamte Familie ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Er starb dort an Auszehrung und Erschöpfung im September 1943. Außer ihm wurden noch 26 andere Mitglieder seiner Familie von den Nazis ermordet; nur sein 1926 geborener Enkel  Jindřich überlebte.

In den Zeiten des Kommunismus verkam das Haus ein wenig. 1992 wurde eine Renovierung durchgeführt und schließlich, im Jahre 2014, übernahm die Stadtregierung von Prag 10 das Haus – anscheinend ohne einen richtigen Plan, was sie damit machen wollte. Immerhin wurde eine Tafel angebracht, die an das Schicksal Kolbens erinnert. Seither wird das Gebäude sporadisch für öffentliche Anlässe genutzt, bleibt aber ein Zankapfel der lokalen Politik. Einer der Pläne, die diskutiert werden, ist die Einrichtung eines Museums, das an Kolben, seine Verdienste als Industrieller und an sein schreckliches Ende erinnert. Das wäre in der Tat eine sehr angemessene Nutzung. (DD)

Spannende Geschichte einer mysteriösen Villa

Ein wenig gespenstisch sieht die große Villa in der Na Pavím vrchu 1949/2 hoch über dem Park Santoška in Smíchov schon aus. Die Aussicht, die man hier über die Stadt genießen kann, ist atemberaubend. Aber irgendwie verleihen die großen Antennen, die das Gebäude hinter hohen Zäunen und Hecken geradezu wie ein Wald umgeben, dem Ganzen nicht so recht den Eindruck, dass es sich hier noch um einen Ort des müßigen Genießens der umgebenden Landschaft handelt.

Dabei hatte sich der ursprüngliche Eigner der Villa, der Industrielle und Bauunternehmer Otokar Kruliš-Randa, der das Gebäude in den späten 1920er Jahren bauen ließ (weshalb es oft als Krulišova-Villa bezeichnet wird), sicherlich so gedacht. Der war eine beeindruckende Persönlichkeit, ein bibliophiler Büchersammler, ein Schachmeister (und Vorsitzender der Schachvereinigung der Tschechoslowakei) und eine zeitlang sogar Präsident des Böhmisch-Mährischen Industriellenverbandes. Während der Nazizeit legte er sich mit den neuen Machthabern des öfteren mutig an und musste sich 1940 schließlich von seinem Posten und aus der Villa zurückziehen. Stattdessen baute er seine renommierte Bibliothek in seinem neuen Anwesen im südböhmischen Defurovy Lažany auf.

Seine Prager Villa machte währenddessen harte Zeiten durch. Als im Mai 1945 der Prager Aufstand (siehe auch hier und hier) begann, zog sich eine Einheit der SS hierher zurück und verteidigte sich zwei Tage lang verbissen bevor die Aufständischen endlich den wegen seiner Höhenlage strategisch wichtigen Punkt eroberten. Man hätte erwarten können, dass OtokarKruliš-Randa danach die Villa wieder in Stand setzen und friedlich bewohnen hätte können. Doch der wurde erst einmal von Denunzianten der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt. Es folgte ein glänzender Freispruch. Der half aber nichts, denn 1948 kamen die Kommunisten an die Macht und verhafteten ihn trotzdem wieder. Der Mann war ja Kapitalist und somit per se schuldig – zumindest in den Augen der Kommunisten… Die Jahre 1949/50 verbrachte er im Arbeitslager. 1953 wurde er mit fabrizierten „Beweisen“ wieder verhaftet und zu elf Jahren Haft verurteilt, die er nicht überlebte. 1958 starb er im Gefängnis. Erst 1969 wurde er postum rehabilitiert.

Die Villa in Smíchov wurde von den Kommunisten folgerichtig 1948 verstaatlicht und zu sinistren Zwecken genutzt, d.h. sie wurde der Staatssicherheit übergeben. Hier residierte deren „6. Verwaltung“ (VI. správa), wie die High-Tech-Abteilung mit ihren großen Abhöranlagen genannt wurde. Vor allem wurde von hier der ausländische Funk- und Radiobetrieb abgehört. Kurz vor dem Zusammenbruch des Kommunismus ließ man das Gebäude umfassend renovieren, wobei man hauptsächlich politischen Gefangenen in Zwangsarbeit die schwersten Arbeiten überließ. Die wurden jeden Tag in Bussen aus dem Gefängnis hier hinauf gekarrt.

Ein wenig über alle diese Ereignisse erfährt man heute von einer Infotafel (nur in Tschechisch), die auf dem Aussichtplatz davor aufgestellt wurde. Versuche, das Gebäude nach dem Fall des Kommunismus einer völlig anderen Bestimmung zuzuführen, scheiterten. Die Villa gehört nunmehr dem Innenministerium, das hier ein „Funkkommunikations- und Messzentrum“ betreibt. Das soll jetzt aber die Demokratie im Lande beschützen und nicht mehr dem Totalitarismus dienen. Aber eins ist klar: Der erste Eindruck, dass sich hinter dem mysteriösen Erscheinungsbild der Villa aufdrängt, trügt nicht: Hinter dem Haus verbirgt sich tatsächlich eine spannende Historie. (DD)

Funktionalismus für Eigengebrauch

Mit wundervoller Aussicht über dem Park Santoška in Smíchov (Prag 5) thronend, mit Blick auf die Altstadt, liegt ein Juwel des frühen Funktionalismus: Die Říha Villa (Říhova vila).

Zur Zeit scheint sich das Gebäude in der Na Pavím vrchu 1911/1 leer und im Zustand der Renovierung befinden. Selbst mit dem etwas bröckelnden Putz auf der Fassade sieht es immer noch recht beeindruckend aus. Jedenfalls erfreut die Aussicht, dass sich das Gebäude schon bald wieder in properem Zustand befinden wird. Es wirkt – was bei modernem Funktionalismus nicht selbstverständlich ist – ausgesprochen wohnlich.

Eine Erklärung dafür ist, dass der Architekt selbst darin wohnen wollte. Es wurde nämlich in den Jahren 1929/1930 von dem Architekten Josef Karel Říha für seinen eigenen Gebrauch erbaut. Říha war einer der tschechischen Pioniere des Funktionalismus im Geiste des großen Le Corbusier – vergleichbar nur mit dessen Schüler Karel Stráník, über den wir hier berichteten. Říha selbst wiederum war Schüler von Jan Kotěra (auch hier), der zu den Pionieren der Moderne im Lande gehörte.

Das Haus erfüllt die meisten der Kriterien der Architektur von Le Corbusier. Dazu gehören Fenster, die die Breite des Gebäudes und auch Rundungen der Fassade bedecken, was erst durch die Entwicklung der Skelettbauweise möglich wurde. Auch die viertelrunde Terrasse ist typisch. Sie und die Flachdachbauweise ermöglichte eine großzügigere Begrünung. Das lag dem an Fragen der Landschaftsplanung interessierten Říha besonders am Herzen. Architektur, Gartenbau und Natur sollten für ihn immer eine Einheit sein – ein Anspruch, dem er mit seinem Haus gerecht werden wollte. (DD)

Tag und Nacht in Neobarock

Ella Fitzgeralds berühmtes Lied Night and Day kommt einem sofort in den Sinn, wenn man dieses Haus in der Karmelitská 299/24 auf der Kleinseite betrachtet. Denn zwei sehr barock aussehende Allegorien auf die Nacht und auch den Tag prägen das Äußere des Gebäudes.

Das Haus, über dessen Eingang sie sich befinden, ist allerdings kein originaler Barock, sondern ein besonders originelles Stück Neobarock. Es wurde in den Jahren 1913 bis 1914 von den Architekten Josef und František Kadlec – Letztgenannter ein Schüler des berühmten kubistischen Architekt Josef Gočár (führere Beiträge u.a. hier, hier und hier) – erbaut.

Das vierstöckige Miets- und Wohnhaus, in dessen Erdgeschoss sich heute Läden und ein kleines Restaurant befinden, trägt auch einen Namen: U Svatého Václava (Beim Heiligen Wenzel). Und der Heilige Wenzel befindet sich ebenfalls auf der Fassade. In der Mitte über dem zweiten Stock befindet sich sein von einer sehr opulent gestalteten Kartusche mit Putten sein sehr farbig gehaltenes Portrait. In der Zeit als das Haus erbaut wurde, schmückte er als nationalpatriotische Symbolfigur viele Gebäude (Beispiel hier). Der Einfachheit halber hat sich das kleine Restaurant unten gleich denselben Namen gegeben – U Svatého Václava.

Zurück zu Nacht und Tag: Die mögen von dem 1722 gebauten Privathaus des berühmten böhmischen Barockarchitekten Kilian Ignaz Dientzenhofer inspiriert worden sein, das sich in der Štefánikova im Stadtteil Smíchov befindet (heute Portheimka genannt; früherer Beitrag hier). Jedenfalls sehen sich die Darstellungen schon ein wenig ähnlich – vor allem die Darstellung der Nacht mit ihrem charakteristischen Mond im Haar. Dazu passt, dass sich eines der bekanntesten Gebäude Dientzenhofers, die St. Nikolaus-Kirche (Kostel sv. Mikuláše) am Kleinseitner Ring, in Sichtweite befindet.

Erkennbar ist an den einfach gestalteten Fensterrahemn und den seitlichen Erkertürmen, dass es sich nicht um ein echtes barockes, sondern um ein modernes Haus handelt, das an barocke Formen anknüpft. Der Kontrast wird in den hübschen kleinen Relief-Medaillons über den Seitenfenstern im zweiten Stock sichtbar, die im barocken Stil gehalten sind, aber Portraits von Frauen zeigen, die den modischen Haarstil aus der Zeit der Erbauung des Hauses tragen. (DD)

Modernes Verlagshaus

Über dem Globus schwebt ein offenes Buch, gehalten von zwei Adlern. Eigentlich sagt diese Skulptur, von der es über dem Eingang zwei identische gibt, alles über den Zweck des Gebäudes aus.

Das Haus des Orbis Verlags (nakladatelství Orbis) in der Vinohradská 1896/46 (Prag 2) wurde nämlich 1925 von dem Architekten und Universitätsprofessor Alois Dryák für den vom Außenministerium der Tschechoslwakischen Republik gegründeten Buch- und Presseverlag Orbis und dessen Druckerei gebaut. Den Verlag gibt es nicht mehr und heute residiert hier CzechTourism, der Verband öffentlicher Tourismusagenturen. Aber die Attribute des ursprünglichen Zecks sind erhalten geblieben, nicht nur die Adler, sondern auch der große Schriftzug O.R.B.I.S. über dem dritten Stock.

Dass möglichst viel vom ursprünglichen Zustand des sechsgeschossigen Bauwerks erhalten geblieben ist, dafür sorgt schon der seit 1964 bestehende Denkmalschutz. Unter dem steht es natürlich zu Recht. Denn es gehört zu dem Trio bedeutender Gebäude, die Dryák dicht beieinander hier in Vinohrady hinterlassen hat. Dazu gehört der unmittelbar benachbarte Radiopalast (früherer Beitrag hier) und den nahen Hauptsitz der nationalen tschechoslowakischen Tabak-Direktion (Beitrag hier). Von einem Dryákschen „Triptychon“ spricht man manchmal.

Dryák war ein mit einer großen Freude am Experiment begabter Architekt, der eine Vorliebe für ausgesprochen originelle Fassadengestaltung hatte. In seiner Frühphase dem Jugendstil verpflichtet (früheres Beispiel hier), versuchte er sich bald in frühfunktionalistischen oder kubistischen Entwürfen (Beispiel hier). Den Einfluss des Kubismus erkennt man besonders schön an dem aus Dreiecksformen gebildeten Dachgiebel.

Das fünfstöckige Gebäude schuf Platz für viele Büros (nicht nur des Verlages), ein Papierlager, Druckereien und Redaktionsräume. In modernster Skelettbauweise konstruiert, beinhaltet das Gebäude auch viele funktionalistische Elemente, was vor allem auch für den Erweiterungsbau, den Dryák 1927/28 innen im Hof errichtete. Das Orbis-Gebäude hat jedenfalls viel dazu beigetragen, dass Dryák unter Kennern als eine der großen modernen Architektengestalten Prags gilt.(DD)

Kubistisch und archaisch

Zu den etwas außerhalb der Touristenrouten der Stadt gelegenen, aber dennoch äußerst sehenswerten Meisterwerken des Kubismus in Prag gehört das genossenschaftliche Wohnhaus in der Kamenická ulice 811/35 im Stadttteil Holešovice (Prag 7).

Es wurde in den Jahren 1923 bis 1924 von dem Architekten Otakar Novotný, einem Schúler des bekannten frühfunktionalistischen Architekten Jan Kotěra (früherer Beitrag hier), erbaut. Novotný ist den meisten Kubismus-Kennern eher als der Erbauer der ungleich berühmteren Häuser der Lehrergenossenschaft (Učitelské domy) in der Altstadt (früherer Beitrag hier) aus den Jahren 1919-21 bekannt. Zwischen beiden doch recht kurz hintereinander fertiggestellten Bauwerken kann man besonders schön eine Weiterentwicklung innerhalb der Stilrichtung des Kubismus verfolgen.

Die Lehrerhäuser waren noch ein Dokument der „reinen Lehre“ des Kubismus und stellten mit ihrer Betonung rein geometrischer und kristallförmiger Formelemente die vorhgerige historistische Orthodoxie (Neorenaissance, Klassizismus etc.) zugunsten von moderner Funktionalität in Frage. 1919-21 war dieser Stil, der typisch für die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg war (Beispiel hier), eigentlich schon ein wenig aus der Mode gekommen.

Das Haus in der Kamenická hingegen repräsentiert eine Neuformulierung der kubistischen Ästhetik. Der Kubismus war so etwas wie die Nationalarchitektur der Tschechen und repräsentierte die Modernität Böhmens gegenüber dem Habsburgerreich. Nach der Unabhängig musste man aber auch eine historische Perspektive aufnehmen. Das Resultat war der sogenannte Rondokubismus, der die geometrischen Formen des Kubismus zur Darstellung folkloristischer und historischer Anspielungen verwendete (Beispiel hier). Mit dem Wohnhaus war Novotný, der 1921 noch ein wenig stilistisch der Mode hinterherhinkte, nun einer der ersten Architekten, die auf den Rondokubismus setzten.

Entsprechend ist der erste Eindruck, den man von dem sechstöckigen Haus bekommt, der einer wuchtigen klassischen Fassaden-Struktur mit großen Säulen. Erst bei genauerem Hinsehen bemerkt man, das es sich um kurze, oben abgerundete Zylinder handelt, die sich abgeschirmt in Nischen mit Bögen zwischen den Fenstern der ersten drei Stockwerke befinden. Je nachdem, wie man sie betrachtet, können sie im Zusammenhang mit den beiden Fenstern neben jeder Säule den ersten optischen Eindruck eines im Mittelteil blinden venezianischen Fensters.

Die anders gefärbte Säulenfront im Erdgeschoss unterstreicht die Botschaft des Hauses. Vage an altägyptische Säulen erinnernd, aber dennoch eben nur ein kubistisches Spiel mit geometrischen Formen, verleiht sie dem Gebäude einen geradezu archaischen und vormodernen Charakter – eigentlich das Gegenteil dessen, was der Kubismus in seiner Frühphase bewirken wollte. (DD)