Architektenpantheon

Hier feiert die Architektur sich selbst! Man könnte Stunden vor dem Gebäude verbringen, um die Geschichte der Baukunst in Böhmen zu studieren.

Wir stehen vor dem Bondy Haus (Bondyho dům)  Na poříčí  1059/43, Ecke Těšnov, in der Neustadt. Und hier findet man fast alle der großen Baumeister, die in Böhmen bis zur Zeit des Barock gewirkt haben. Allerdings nur in Stuck. Das vierstöckige Wohnhaus selbst wurde in den Jahren 1891/92 an Stelle eines früheren einstöckigen Gebäudes innerhalb eines Jahres gebaut, was im Kontext der Zeit eine erstaunliche Leistung war. Entworfen und gebaut wurde es von dem Architekten und Bauherrn František Kindl. Daher wird das Haus manchmal auch Kindlův dům genannt.

Eigentlicher Namensgeber und Bauherr des Bondyho dům war Gottlieb Lazar Bondy (für Tschechen auch: Bohumil Bondy). Der war ein jüdischer Geschäftsmann, der sich vor allem durch sein soziales und politisches Engagement einen guten Namen verschafft hatte. Er wirkte unter anderem in der Tschechisch-Jüdischen Bewegung (českožidovského hnutí) mit, die die liberalen Bestrebungen tschechischer Nationalreformer im Habsburgerreich untersützte. Ab 1883 war er sogar direkt gewähltes Mitglied im Böhmischen Landtag. Nebenbei bereicherte er noch die Geschichtsforschung mit seinem bahnbrechenden Quellenwerk K historii Židů v Čechách, na Moravě a ve Slezsku, 906-1620 (Zur Geschichte der Juden in Böhmen, Mähren und Schlesien), das 1906 erschien.

An sich handelt es sich bei seinem Haus bautechnisch um eine damals nicht unübliche moderne Konstruktion aus Stahl, aber mit einer historisierenden Fassade, die das ein wenig verschleiert. Aber die skulpturale Ausstattung ist dennoch bemerkenswert. Bondy hatte dafür den berühmten Bildhauer Bohuslav Schnirch (wir berichteten über ihn u.a. hier, hier hier und hier) gewonnen. Der war ein Spezialist für Neorenaissance, weshalb man viele der üblichen klassisch-antik anmutenden Motive wiederfindet (Bild oberhalb links).

Um die Besonderheit der skulpturalen Ausstattung zu erkennen, die das Gebäude von der üblichen historistischen Mietshaus-Architektur des späten 19. Jahrhunderts abhebt, muss man den Blick nach oben schweifen lassen. Es beginnt bei dem charakteristischen Eckturm, der von drei Statuen gerahmt ist. Es handelt sich um Allegorien, die sich bereits um die Architektur drehen: Architektur, Baumeisterei und Ingenieurskunst.

Darunter, d.h. zwischen den Fenstern des obersten Stockwerks, befindet sich ein wahres Pantheon der böhmischen Architektur. Jeweils von einer Muschel gerahmt, befinden sich hier Büsten großer böhmischer Architekten bzw. von Architekten, die in Prag wirkten. Geordnet sind sie in chronologischer Reihe mit ihren Lebensdaten vom Mittelalter bis zum Barock im 18. Jahrhundert.

Die große Blüte der Gotik im Mittelalter ist präsentiert durch Abt Božetěch (Baumeister der romanischen Teile der Prager Burg), Matthias von Arras, Peter Parler (der Erbauer des Veitsdoms), Johann Parler (Bild links) , Peter von Prachatitz, Matěj Rejsek (siehe auch hier), Benedikt Ried.

Aus der Zeit der böhmischen Renaissance finden wir hier Meister Staněk (Bild rechts), der Erbauer der Dekanatskirche im nahen Tábor, und den im Tessin geborenen Architekten Paolo della Stella. Letzterer erlangte durch die Gestaltung der Königsgärten bei der Burg und das architektonisch originelle Jagdschloss Stern unsterbliche Berühmtheit in Prag.

Und dann sind da noch Baumeister der Barockzeit. Carlo Lurago, Giovanni de Capauli, Christoph Dientzenhofer, Johann Bernhard Fischer von Erlach, Marco Antonio Canevale und Kilian Ignaz Dientzenhofer (Bild links), der u.a. in Prag die Johann-Nepomuk-Kirche auf dem Felsen (wir berichteten hier) erbaut hat. Insbesondere wegen der Tschechisierung der Orthographie bei den deutschen Namen (etwa Fišer statt Fischer bei Fischer von Erlach) muss man manchmal raten, wer hier wer ist. Aber das macht das Gebäude noch mehr zu dem Kultur- und Bildungsspaß, das es so schon ist. (DD)

Subtiler Spott wider den Stalinismus

Kleine Putten – die männlichen mit Arbeitermütze, die weiblichen mit bäuerlichem Kopftuch. Das Gebäude, auf dem sie sich befinden, wurde 1954 erbaut. Ein typisches Werk des stalinistischen „Realismus“, gemeinhin auch Zuckerbäckerstil genannt? Nicht nur, wer sich mit Leben und Werk des Architekten auskennt, wird eher subtilen Spott und feine Ironie dahinter vermuten.

Sieben Stockwerke zählt das große Wohngebäude in der Anglická 225/18 im Stadtteil Vinohrady (Prag 2). Mit seiner klassizistisch inspirierten Fassade ist es eigentlich recht hübsch anzuschauen, was aber spätere Kritiker (natürlich erst als Stalin und sein tschechoslowakischer Statthalter Gottwald tot waren) noch einmal besonders erboste, weil derart konservativ historisierende Ästhetik doch mit politisch unangenehmen Erinnerungen und mit der Beschränkung künstlerischer Freiheit assoziiert wurden. Zudem stellte sie einen Rückschritt gegenüber den avantgardistischen Leistungen der Architektur der Tschechoslowakei (Funktionalismus, Kubismus) in der Zeit der Ersten Republik dar.

Aber man muss nur näher hinschauen, um dieses Bild dann doch ein wenig zu hinterfragen. Nehmen wir zum Beipiel die Putten auf dem Fries über dem Haupteingang. Putten waren vor allem in Prag um die Jahrhundertwende der Inbegriff bürgerlichen Kitsches, wie die kleine Abbildung rechts andeutet, die einen Fassadenausschnitt des 1893/94 entstandenen Wohnhaus in der nahegelegenen Italská 212/5 zeigt. Nun war es ja so, dass der stalinistische Zuckerbäckerstil realiter in der Regel gerade auf gerade die bürgerlichen Konventionen zurückgriff, die er vorgeblich bekämpfte und übersteigerte sie noch einmal geradezu ins Monumentale. Deutlich ist das sichtbar bei Prags größtem Architekturbeispiel für stalinistischen Klassizismus, dem Hotel International in Prag-Dejvice (wir berichteten hier) .

Nur so weit, dass man auch noch Putten anbrachte, ging man dann doch im Zeichen Stalins eher selten. Besonders in der (nicht so häufigen) geflügelten Variante glichen sie schließlich zu sehr kleinen Engeln, was als religiöses Symbol für Kommunisten nun gar nicht ging. Die Flügel wurden nun hier durch die üblichen Arbeiter- und Bauernaccessoires (Kappe/Kopftuch) ersetzt. Sie wirken wie ausgesprochen alberne Parodien auf die vorgeschriebene „realistische“ Darstellung des glücklichen Werktätigenlebens im Sozialismus, die man sonst auf Gebäuden dieser Zeit findet (wir stellten bereits hier ein Beispiel vor). Nicht mal ein kleiner, niedlicher Hund durfte fehlen.

Ansonsten werden bei diesem Haus die stalinistischen Geschmacksvorgaben zwar nicht direkt verletzt, aber die geforderte Monumentalität wird arg außer Acht gelassen. Bei der Fassade ist der Rückgriff auf die Vorbilder der Klassik und der Renaissance nicht totalitär-pompös, sondern stilistisch zurückhaltend, streng und einfach. Im Kontext der Architektur der Zeit außerhalb des kommunistischen Bannkreises wäre ein solches Gebäude vielleicht als zu wenig avantgardistsich betrachtet worden, aber nicht als verkitschte Geschmacklosigkeit (wozu man den Architekturstalinismus generell rechnen muss).

Der allgemeine Ironieverdacht bei diesem Gebäude verstärkt sich, wenn man weiß, wer der Schöpfer war. Auf einem der Ziegel über dem ersten Stock hat er sich verewigt, der Architekt Jaroslav Vaculík mit seinen beiden Ko-Planern Jiří Brusnický und Miroslav Skála. Und Vaculík war in der Tat kein Architekt, den man mit sozialistischem Realismus verbindet. Ganz im Gegenteil!

Nach Beendigung seines Studiums der Architektur im Jahre 1945 (noch vor der Machtergreifung der Kommunisten) konnte er in Paris studieren und wurde bald enger Mitarbeiter des berühmten Pioniers der funktionalistischen Moderne, Le Corbusier. Er arbeitete an einigen der großen Vorzeigeprojekte des Meister mit, etwa der Casa Curutchet (1948) im argentinischen La Plata und dem Monsterwohnblock Unité d´habitation (ab 1946). Besonders das letztere Gebäude war die Art von brutalistischer Stahl-und-Rohbeton-Orgie, die von den kommunistischen Machthabern erst in den 1970er Jahren ins Herz geschlossen, dann aber umso heftiger…

Als Vaculík – inzwischen in die Heimat zurückgekehrt – 1954 mit seinem Gebäude in der Anglická ein früheres Neorenaissance-Haus des Architekten Franz Kautsky aus den Jahren 1871/72 ersetzte, wäre ein Bauen im Stile Le Corbusiers undenkbar gewesen. Es wäre sofort unter den Verdacht des Formalismus geraten, was quasi einem Todesurteil gleichkam oder zumindest die Karriere beendete. Nun, irgendwie müssen die putzigen „Volksputten“ am Ende doch bei den Kommunisten den Verdacht geweckt haben, dass Vaculík vielleicht noch nicht ganz auf der Höhe der proletarisch-klassenkämpferischen Bewusstseinsbildung angekommen war. Jedenfalls wurde er einige Zeit nach Fertigstellung, als er an einem anderen Projekt arbeitete, zusammen mit Kollegen unter dem dubiosen Vorwurf des „Diebstahls von Volkseigentum“ verhaftet.

Als politischer Gefangener musste er anscheinend Pläne für die Villa des kommunistischen Präsidenten Antonín Novotný anfertigen. Da er die Entwürfe als Verfemter nicht abzeichnen durfte, ist das aber nicht ganz gesichert. 1960 kam er aber wieder vorzeitig frei und arbeitete wieder als Architekt. Zu seinen bekannteren Werken gehörten dann die bekannten Ferienhäuser am Stausee Slapy, ungefähr 20 Kilometer südlich von Prag gelegen. Aber das war schon in den 1960er Jahren als die Kommunisten den Stalinismus ad acta gelegt hatten und mit ihrer Vorliebe für Plattenarchitektur selbst dem brutalistischen Funktionalismus frönten. Folglich konnte sich Vaculík nun recht frei austoben und alles das zeigen, was er bei Le Corbusier gelernt hatte. Und hier in der Anglická blieb uns ein augenzwinkernder, in Stein gegossener Kommentar über die finsteren Zeiten des Stalinismus erhalten. (DD)

Lebensbaum

Der Lebensbaum war ein beliebtes Motiv bei den Künstlern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts Man findet es immer wieder auch auf Häuserfassaden der Zeit (früheres Beispiel hier). Ein besonders beeindruckendes Exemplar sieht man bei diesem Wohnhaus in der Sokolovská 416/124 im Stadtteil Karlín (Prag 8).

Das vierstöckige Haus wurde im Jahr 1903, als Karlín sich zu einem städtischen Zentrum entwickelte, von dem Architekten und Bauunternehmer Bohumil Štěrba, einem Schüler des ungleich bekannteren Architekten Josef Blecha, erbaut.

Štěrba hatte sich mit historistischen Gebäuden einen Namen gemacht, wie etwa der 1910 gebauten Kirche St. Peter und Paul (Kostel svatého Petra a Pavla) im nordböhmischen Semily. Bei dem Gebäude in der Sokolovská lässt sich das auch beobachten. Die Dekoration des Hauses ist eine vorsichtige Nachempfindung des Stils der böhmischen Renaissance., der mit Elementen des Jugendstils angereichert ist

Das Haus – somit im Grunde ein Reihenhaus – hat Štěrba zusammen mit dem daneben stehenden Gebäude der Nummer 415/122 gebaut, das aber wesentlich schlichter daherkommt. Haus 416/124 ist jedenfalls reichhaltig ornamentiert. Dazu gehört nicht nur der ungeheuer symbolistisch wirkende Lebensbaum, der im Zentrum der Fassade sich über zwei Stockwerke erstreckt, und sich sehr symmetrisch aus ineinander rankenden Stämmen nach oben erstreckt. Das Baummotiv taucht in kleinerer Form (als Sprößling sozusagen) auch an anderen Stellen auf der Fassade auf, wie man auf dem Bild oberhalb links sieht. Daneben (oberhalb rechts) tauchen auch konventionellere Motive auf..

Darüber befindet sich noch zentral auf Höhe des dritten Stocks ein hübsches, im Stil der Neorenaissance gehaltenes Madonnenbild. Es handelt sich im ein Keramikrelief in rechteckiger Kartusche, das Maria mit dem Jesuskind zeigt. Das könnte in einem Sinnzusammenhang mit dem heilsgeschichtlichen biblischen Motiv des Lebensbaums nach Offenbarung 2,7 („…wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der in der Mitte des Paradieses Gottes ist“). Das Marienmotiv war in dieser Zeit ein recht gängiger Fassadenbestandteil. (DD)

Rosa Torte oder Schmetterling?

Als die „rosa Torte“ bezeichnet die Presse das Gebäude in der Regel, wenn die Rede vom Hotel Don Giovanni ist. „Kitsch“ ist noch eines der milderen Attribute, die man in Architektenkreisen sonst so verwendet. Und auch drinnen – nun, man sieht es ja im großen Bild… Aber über Geschmack kann man ja bekanntlich immer und unendlich streiten. Sicher ist: Dieser Hotelbau gehört zu den auffälligsten seiner Art in ganz Prag.

Auf jeden Fall gibt es auch übertriebene Kritik. Etwa die, dass es optisch ein störender Fremdkörper in der Umgebung sei. Nun muss der Fairness halber gesagt werden, dass die Adresse in der Vinohradská 2733/157a im Stadtteil Žižkov, gelegen zwischen der Metrostation Želivského (wir berichteten hier) und Neuem Jüdischen Friedhof (auch hier), für Touristen und andere Gäste des Hotels sehr verkehrsgünstig gelegen ist. Aber bei dem unmittelbaren Umfeld handelt es sich gewiss nicht um das schönste in Prag. Drumherum verlaufen große Verkehrsachsen. Die Gebäude in der Nähe sind meist phantasielose Betonklötze. Unmittelbar vor dem Hotel befindet sich (was eigentlich sehr praktisch ist) ein unschöner Busbahnhof. Was immer man über Hotel sagen kann, es zerstört kein schönes historisches Stadtbild.

Weil aber das Hotel so verbissene Kritik seitens der Architekturkritiker erfuhr, ist es nur fair, dass an dieser Stelle auch einmal der Architekt Ivo Nahálky zu Wort kommen kann, der das postmoderne Gebäude in den Jahren 1993 bis 1995 erbaut hat. Der war den Kollegen sowieso ein Dorn im Auge, weil man sich bis dato in dem Mythos erging, dass hässliche Hotelgebäude in Prag ja immer das Werk von ausländischen Architekten im Dienste ausländischer Hotelketten seien. Nun ist Nahálky Tscheche. Und das Hotel ist heute (nachdem es erst der österreichischen Bogner- und dann der deutschen Dorint-Gruppe gehörte) auch noch seit 2016 in der Hand einer genuin tschechischen Hotelkette namens Czech Inn Hotels. Das kratzt das tschechische Selbstwertgefühl (zumindest in der höheren Liga der Architekturkritiker) arg an.

In einem Interview erklärte Nahálky 2018 im Nachhinein, er wollte „ein Gebäude … bauen, das zeitgemäß ist und gleichzeitig kein anderes kopiert“. Dann noch schwärmerischer: „Ich suche Inspiration in der Natur, die für alle Künstler eine unerschöpfliche Ressource ist.“ Und so, als ob er die Kritiker, die ihn unter Kitschverdacht stellten, noch einmal so richtig provozieren wollte, erzählte er von einem kleinen Laden am Rande der Altstadt, den er einst besuchte, und der präparierte Schmetterlinge verkaufte. Das hätte ihm die Idee gegeben: „In diesem Moment wurde mir klar, warum sollte ich nicht die Form eines Schmetterlings in das Gebäude einbetten? Die Idee wurde verwirklicht und ist da.“

Ja, die ein wenig versetzt übereinander gesetzten Stockwerke mit ihren geschwungenen Fassaden und ihren abgerundeten Ecken erinnern mit einiger Phantasie im Grundriss tatsächlich an Schmetterlinge, aber ganz aus der Welt schafft die Schichtung der Etagen mit ihrer Höhe den Rosa-Torten-Verdacht nicht wirklich. Macht nichts, denn es geht um mehr, denn – ganz und gar poetisch ausgedrückt – es sei ein „Gebäude, das ich als die perfekte Einheit von Außen und Innen betrachte, und für mich ist es der Höhepunkt menschlichen Einfallsreichtums.“

In der Tat: Betritt man die Hotelhalle, so steigert sich der außen gewonnene Eindruck noch einmal um das Unermessliche. Die Treppe fließt geradezu um den Mann, dem das Hotel seinen Namen verdankt: Mozart! Er schuf mit seiner im schönen Prag 1787 urausgeführten Oper Don Giovanni den großen Charakter, der Nahálky zu seinen Inspirationen verhalf. Und so steht Mozart nun unter einem glitzernden Sternenhimmel, der … nun ja, ich wollte eigentlich das Wort „kitschig“ nicht verwenden, tue es also auch nicht…. Der Sternenhimmel soll an ein Herz erinnern und damit an die gebrochenen Herzen erinnern, die der alte Schwerenöter Don Giovanni hinterließ. Seufz! Oder um noch einmal Nahálky zu Wort kommen zu lassen: „Es ist eine Geschichte, die dem Gebäude Geist und Form gab.“

Überall im Haus (auch auf den Zimmern, wie mir Freunde erzählten, die dort übernachteten) sind Mozart und seine Musik allgegenwärtig. Kostüme aus Inszenierungen von Opern (meist Don Giovanni, natürlich) finden sich allerorten in Vitrinen. Schon im Foyer stehen zwei (!) Klaviere, eines davon an der Bar. Sämtliche Konferenzräume sind natürlich nach Charakteren aus der Oper benannt, wobei mir entfallen ist, welche Rolle eigentlich die Person „Business Lounge“ in der Handlung hat. Auf jeden Fall: Was immer man in Sachen Geschmack dazu sagen will; irgendwie ist das Ganze stimmig.

Dazu, nebenbei bemerkt, offeriert das 4-Sterne-Hotel allen erdenklichen Service: Restaurants, Bars, Shops, Spa, Wellnessbereich, Konferenzräume, Friseur, Massagestudio und was man sonst in einem Hotel von internationalem Standard erwarten kann. Bei den Gästen scheint das Haus auch beliebt zu sein. Und trotzdem: Auch Jahrzehnte nach der Einweihung verfolgen die Kritiker den Bau mit Hass und versuchen, ihm den Titel „hässlichstes Gebäude Prags“ anzuhängen. In entsprechenden Rankings (etwa hier auf Platz 9) schafft es das Hotel auch in die Spitzenränge. Wie kommt das?

Nun, ich muss gestehen, dass ich im kargen architektonischen Umfeld das Gebäude schon immer wie einen putzigen Farbtupfer, nicht wie einen Fremdkörper empfunden habe. Gerade weil es sich an der Grenze von Kunst und Kitsch befindet, kann ich mir ein erheitertes Lächeln nie verkneifen, wenn ich daran vorbeifahre. Vielleicht darf man hinter der Architektur, der Innenausstattung und der überschäumenden poetischen Auslassungen des Architekten auch ein wenig Ironie und Witz vermuten. Das wäre in der Tat sehr tschechisch! Und damit kommt man wieder zu der Frage: Warum dieser Hass?

Vielleicht steckt dahinter eine kommunistische Verschwörung. Wer weiß? Womit wir bei der Vorgeschichte des Hotels sind. Es befindet sich auf einem ehemaligen kommunalen Gelände von großen Ausmaßen. Die bürgerliche Stadtregierung wollte das Gelände nach dem Ende des Kommunismus verkaufen. Das Hotelunternehmen kaufte es für 80 Millionen Kronen, die nun ins Stadtsäckel flossen. Die örtliche Kommunistische Partei (KSČM Praha 3) war dagegen und wollte das Ganze nur verpachten. Endgültig als Stich in das kalte rote Herz empfanden sie es, dass man nicht nur Land an einen Hotelkapitalisten verkaufte, sondern den östlicheren Teil des Geländes an Radio Free Europe – Radio Liberty, das in den Zeiten des Kalten Krieges so viel zum Untergang des Sowjetkommunismus beigetragen hatte (früherer Beitrag hier). Und dem trauert die KSČM bekanntlich immer noch nach. Weder Radio Free Europe noch das Hotel konnten die Kommunisten verhindern. Die Wut darüber saß tief. Noch 2012 beschwerte sich ein Kandidat über die damaligen Ereignisse, „ich versichere Ihnen, dass es uns bei der Baukommission gelungen ist, noch schlechtere Optionen zu verhindern. Es hätte eine noch größere und aufgedunsene Schachtel sein können.“ Ärger kann man seine Empörung über den Kapitalismus und seine Werke nicht ausdrücken.

Leider ist es mir noch nicht gelungen, der Verschwörung tiefer auf den Grund zu gehen, und zu zeigen, warum auch ausgesprochen bürgerliche Architektur-Kritiker sich ebenfalls recht despektierlich äußerten, wie etwa Zdeněk Lukeš („Dies ist die Art von Architektur, die Prag entehrt.“), der ehemalige Architekturberater von Präsident Václav Havel. Der war ja gewiss nicht des Kommunismus‘ verdächtig. Vielleicht gibt es ja keine Verschwörung. Vielleicht versteht nur keiner die Ironie hinter dem Gebäude. Ironisch zu sein, ist ja immer gefährlich, weil nur die wenigsten Ironie verstehen. Oder vielleicht steckt in dem Entwurf auch keine Ironie, sondern es handelt sich tatsächlich um Kitsch pur. Ist egal, ich finde das Gebäude irgendwie einfach schräge und mag es. Punkt! (DD)

Beeindruckender Hauseingang, beeindruckender Jugendstil

Es mag in Prag noch beeindruckendere Hauseingänge geben, aber man muss schon sehr suchen. Und es mag auch beeindruckenderen Jugendstil geben, aber auch hier muss man den erst einmal finden.

Die Rede ist vom Mottl Haus (Mottlův dům), benannt nach dem Architekten Karel Mottl und dem Besitzer (und Bruder des Architekten), dem Textilunternehmer Vendelín Mottl. Es ist zentral in der Neustadt am Jungmann Platz (genauer: Jungmannovo náměstí 761/1) gelegen und bildet den optischen Abschluss der großen Nationallee (Národní Třída) – und verbindet sie mit dem Zugang zum Wenzelsplatz. Dieser optische Abschluss musste natürlich spektakulär ausfallen. Und Architekt Mottl hat die Chance genutzt, hier einen sogenannten „Hingucker“ zu schaffen.

In einer Umgebung, in dem 1905/06, als das Haus erbaut wurde, noch ein konservativer Historismus vorherrschte, war Mottls Entwurf so etwas wie eine sanfte Revolution, die heute nicht mehr so auffällt wie damals, weil es inzwischen zahlreiche deutlich modernere avantgardistische Bauten dort gibt – etwa der benachbarte Palác ARA (ARA Palast), ein Kaufhaus im Art Déco-Stil, das wir bereits hier besprachen. Aber damals war der Jugendstil revolutionär und repräsentierte die Moderne schlechthin. Mottl passte ihn aber harmonisch durch etliche neobarock anmutende Elemente in in das bisherige architektonische Umfeld ein.

In die strukturell barock anmutende Fassade des fünststöckigen Mietshauses, in dessen Erdgeschoss sich Läden befinden, hat der Architekt immer wieder typische Jugendstil-Motive eingebaut – etwa den Lebensbaum, ein von Jugendstilkünstlern gerne verwendetes Thema, das die enge Symbiose mit dem Symbolismus verdeutlichte. Diese Pflanzenthematik kehrt auch bei der Eingangspforte (großes Bild oben) immer wieder auf.

Dieser Eingang (großes Bild oben) fasst wiederum das Programm des Hauses geschickt zusammen, in dem die vertikalen Achsen ganz konventionell durch korinthische Säulen herbeigeführt werden, während die extrem ungewöhnliche, längliche Ovalform der Umrahmung eine seltsame horizontalere Dimension gibt und den konventionellen Charakter der Barocksäulen relativiert. Daneben gibt es noch Skurrilitäten, die klassische Motive zu parodieren scheinen. Auf der Fassade kriechen unter dem Flügelhelm des Hermes zwei putzige Schlangen hervor, die sich irgendwie von ihrem Hermesstab entfernt zu haben scheinen.

Karel Mottl war sich als Architekt wohl sehr bewusst, was für einen Prachtbau in bester Umgebung er da hingelegt hatten. Jedenfalls verewigte er sich selbst recht stolz dabei. Über dem Giebel der Gaube hin zum Jungmann Platz hat er seine Initialen MK zusammen mit dem Baudatum 1906 in einer Kartusche in Stuck platziert – ebenfalls von üppigen Lebensbäumen Karel flankiert.

Karel Mottl, der sich dann noch einmal auf einer Plakette neben dem schönen Plakette in abermalige Erinnerung brachte, leitete wohl 1908 und 1913 noch einige Umbauten durch, die aber vor allem wohl die Innenräume (z.B. die Einfügung von Wendeltreppen) betrafen. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 befand sich das einst so prachtvolle Haus in einem recht heruntergekommenen Zustand, aber vor einigen Jahren fand eine umfassende Renovierung statt. Es sieht nun so blitzblank aus wie zu jener Zeit als die beiden Mottls es einweihten. (DD)

Eklektik mit Hubertus

Heute ist der 30. Mai und damit der Tag des Heiligen Hubertus. Hier in der Na Švihance 1476/1 im Stadtteil Vinohrady kniet er reumütig vor dem Hirschen mit dem Kreuz im Geweih, den Gott ihm geschickt hat, damit er endlich seiner mordgierigen Jagdfreude abschwöre und zum frommen Menschen werde. Dem Rat folgte Hubertus bekanntlich, was ihm immerhin am Ende sogar den Bischofstitel von Lüttich einbrachte. Reue und Einkehr lohnen sich also.

Das dreistöckige Haus an dessen Fassade sich der Hubertus in Stuck auf Höhe des ersten Stockes unter einem kleinen Baldachin befindet, ist ein Meisterwerk des Historismus in seiner eklektischen Ausprägung. In anderen Worten: Es wurden in phantasiereicher Mischung verschiedene historische Stile miteinander kombiniert. Erbaut hat das Gebäude direkt neben dem Rieger Park (Riegrovy sady) in den Jahren 1907/08 der Architekt Alois Zima, dessen bekanntestes Gebäude in Prag wohl die ebenfalls historistische Hussitenkirche aus dem Jahr 1927 in Dejvice ist. Die Aussicht über den Park dürfte von den oberen Stockwerken aus umwerfend sein.

Müsste man es typisieren, wäre Zimas Haus hier ein Beispiel für Neogotik-Neorenaissance-Neobarock. Aber das wäre natürlich viel zu akademisch gedacht, denn es ging wohl nicht um die Reinheit des Stils, sondern um einen besonders einmaligen und überwältigenden optischen Gesamteindruck, um eine romantsiche Imagination von Vergangenheit. Und das ist Zima sicherlich gelungen.

Der knieende Hubertus mit dem Hirschen ist eindeutig im Barockstil gehalten und er kommt dem Prag-Kenner auch irgendwie doch schon recht bekannt vor. In etwas abgewandelter Form (z.B. spiegelverkehrt) scheint er nämlich dem wohl berühmtesten Hubertus-Abbild in Prag nachempfunden zu sein, der vom Bildhauer Ferdinand Maximilian Brokoff um 1723 geschaffenen Skulptur am Haus zum goldenen Hirschen (dum u zlatého jelena) auf der Kleinseite, die wir bereits in diesem früheren Beitrag hier vorgestellt haben.

Aber Barock ist eben nicht das Einzige, was Zima in die Gestaltung des Hauses gepackt hat. Die Turmaufbauten und die über dem Hubertus befindliches Sonnenuhr lehnen sich an an spätmittelalterliche Architektur an, sind also auf sehr romantische Art neogotisch gehalten. Der Giebel zur Na Švihance hin sowie zahlreiche Ornamente rund um die Erker zitieren wiederum die böhmische Renaissance.

Und überall kreuchen und fleuchen auf der Fassade ganz im Stil gotischer Kirchenausstattung seltsam groteske Tiere und Ungeheuer herum. Dazu zählt der Drache, den man oberhalb rechts sieht, aber auch eine Reihe putziger Krähen oder Raben, die sich überall verteilen. Kurz: Das ist mal wieder eines jener schönen Häuser in Prag, vor denen man lange verweilen kann, um immer wieder etwas Neues zu entdecken. (DD)

Die erste „Platte“ – noch recht wohnlich

Eigentlich ist das ein normales, sogar recht human dimensioniertes und ästhetisch ansprechendes Mietshaus. Der hier gezeigte Eingang sieht nicht einmal nach „Platte“ aus. Es war ja auch der Prototyp, den wir hier in der U Prefy 771/25 im Prager Stadtteil Ďáblice sehen. Der Prototyp aller Plattenbauten in der damals kommunistischen Tschechoslowakei. Und Prototypen machen ja meist mehr her als das, was der Endverbraucher am Schluss kriegt…

Bei Plattenbauten denkt man an einförmige Quaderblöcke zur Massenhaltung von Menschenmaterial in kommunistischen Vorstädten. Und das war ja auch größtenteils die Realität. In der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik wurden rund drei Millionen Wohnungen so fabriziert. Aber an für sich ist die Idee, Häuser mit vorgegossenen Betonteilen, aufgehängt in Stahlskeletten zu bauen, ja durchaus sinnvoll und muss nicht dort enden, wo sie im Kommunismus endete. Schon in den (vorkommunistischen) 1920er Jahren hatte es immer wieder zuerst in den Vereinigten Staaten, dann auch in Deutschland Wohnungsbauprojekte dieser Art gegeben.

In der Tschechoslowakei musste man noch etwas warten. Im Jahre 1948 beauftragte man den Architekten Miloslav Wimmer, das hier vorgestellte Haus in Ďáblice zu enwerfen – als Prototyp der später in geringer Stückzahl verbreiteten Serie T16. Und so wurde hier 1953 das erste vollständig in Plattenbautechnik hergestellte Wohnhaus fertiggestellt. Aber den Behörden kamen auf einmal Bedenken ob der statischen Sicherheit. Man zog den Architekten Stanislav Bechyně hinzu, der als Meister gewagter Betonbrückenprojekt damals über Weltruhm verfügte. Der rechnete noch einmal nach und fand, dass die Statik doch völlig in Ordnung sei. 1955 zogen darob die ersten Mieter ein.

Nun hätten ja etliche Vordenker der eintönigen Plattenbaubatterien – als Negativbeispiel sei Le Corbusier genannt – niemals selbst in solchen Wohnungen wohnen wollen, die sie voll ideologischer Inbrunst der Arbeiterklasse anempfahlen. Wimmers Haus war immerhin so ansprechend, dass Wimmer dort selbst als einer der ersten Mieter einzog und bis zu seinem Tod im Jahr 2010 dort blieb. Das hatte vielleicht auch etwas damit zu tun, dass der doch recht wohnliche Prototyp im ländlichen Dorfkern von Staré Ďáblice (Alt Dablitz) steht – gleich neben einem alten Schlösschen. Das ist idyllisch. Im heutigen modernen Teil von Ďáblice, der etwas außer Sichtweite liegt, tobten sich Wimmers Nachfolger in hoher Konzentration mit Plattenmonstrositäten aus, wie wir sie halt so kennen (Bild oberhalb links). Das ist nicht ganz so idyllisch – um es vorsichtig auszudrücken. Wäre man doch besser auch hier bei Wimmers Dimensionen geblieben…. (DD)

V-Tower in Prags Manhattan

Als es mit der Planung ernst wurde, drohte die UNESCO mit dem Verlust des Status der Altstadt als Weltkulturerbe. Von 2008 bis zur Fertigstellung 2018 tobte die Auseinandersetzung darüber, ob das Erbe nicht daduch entwertet werde, dass in – wenngleich einige Kilometer entfernter – Sichtweite moderne Hochhäuser gebaut werden. Inzwischen finden nicht wenige Betrachter, dass der berühmte V-Tower im modernen Stadtteil Pankrác schon selbst ein Gebäude von hohem Kulturwert ist.

Zumindest hat Prag den Status als Weltkulturerbe noch nicht verloren. Das Investorenprojekt wurde in den Jahren 2015 bis 2018 nach den Plänen des Architekten Radan Hubička realisiert. Das Gebäude ist 104 Meter hoch und hat 30 Stockwerke. Es handelt sich um ein Wohn- und Apartmenthaus im Luxussegment, was angesichts der Aussicht auf die Burg und die Altstadt nicht erstaunt. Mit Dachgärten, Swimmingpools, Fitnesszentren, Haustierbetreuung (was besonders wichtig für die hundevernarrten Tschechen ist!) und anderen Einrichtungen bietet das Ganze noch zusätzlichen Wohnkomfort. Zudem ist das Haus energetisch und umwelttechnologisch auf allerneuestem Stand.

Das Areal, in dem sich das Hochhaus befindet, ist sowohl geologisch (wie Untersuchungen in den 1970er Jahren zeigten als auch von seiner Lage in akzeptabler Distanz zur Innenstadt besonders für solche Bebauung geeignet. Die sogenannte Pankrác-Ebene beherbergt daher etliche große Hochhäuser und wird bisweilen als das Manhattan Prags bezeichnet. Es hat sich hier ein großes Wohn- und Geschäftszentrum entwickelt. Drumherum befinden sich viele Grünanlagen. Die moderne Hochhausarchitektur kann auf den ersten Blick übersehen lassen, welche Lebensqualität dieser Teil der Stadt bietet.

Was den V-Tower angeht, so ist er mittlerweile als ein Musterbeispiel für tschechische postmoderne Architektur allgemien anerkannt. Die beiden von einander gespreizten Türme sehen wie das Fingersymbol für Sieg aus, sollen aber auch Freiheit und Offenheit symbolisieren.

Die ersten zwei Drittel der Höhe sind die Türme mit etwas zurückversetzen Stockwerken verbunden. Das Ganze überzeugt wohl optisch auch diejenigen, die in Prag normalerweise weniger moderne Architektur bevorzugen. (DD)

Baba-Haus näher betrachtet

Es sollte die Mustersiedlung der Moderne werden, was in den Jahren 1928 bis 1932 von einer Gruppe avantgardistischer Architekten unter der Führung von Pavel Janák (wir erwähnten ihn u.a. hier, hier und hier) sorgfältg geplant wurde: die Werkbundsiedlung Baba (Výstavní kolonie na Babě, Osada Baba) im Nordosten des Stadtteils Dejvice (Prag 6). Und in der Tat strahlt das, was dann in den Jahren 1932 bis Anfang 1940 hier erbaut wurde, noch heute eine Aura von Modernität aus, die ihresgleichen sucht.

Die innovative Architektur wird natürlich in vollem Umfang erst sichtbar, wenn man die Häuser von innen betrachten kann, was angesichts der Tatsache, dass sie in Privatbesitz sind, natürlich normalerweise unmöglich ist. Bei der Vila Matějská in der Matějská 1985/19 hat sich die Möglichkeit für uns ergeben, weil wir die die Bewohner, Lucie Fejklová (Besitzerin) und Lebensgefährte Hans Weber, gut kennen und schätzen.

Die Villa gehört zu den letzten, die hier im Rahmen des Projekts der Werkbundsiedlung überhaupt gebaut wurden. Und sie repräsentiert in ihrer Art den Prager Spät-Funktionalismus in seiner reinsten und kompromisslosesten Ausprägung.

Worum ging es überhaupt bei dem Siedlungsprojekt Baba (über das wir übrigens schon hier berichteten)? Dessen treibende Kraft war der 1914 gegründete böhmische (bzw. ab 1918 tschechoslowakische) Werkbund (Svaz československého díla). Das war eine Vereinigung, die vom 1907 ins Leben gerufenen Deutschen Werkbund inspiriert war. Es handelte sich um eine „wirtschaftskulturelle“ Vereinigung von Architekten, Künstlern und Unternehmern, die sich der Förderung fortschrittlicher und sozialer Ideen im Bereich von Architektur und Kunsthandwerk widmete. Praktischer und den Kriterien avantgardistischer Ästhetik genügender Komfort und Lebensqualität für alle Menschen war das Programm. Und die Siedlung Baba sollte zeigen, wie man effizient, preisgünstig und kunsthandwerklich wertvoll geradezu luxuriösen Wohnraum für jedermann schaffen konnte. Die Initiative zur Gründung des Werkbundes stammte von dem berühmten Architekten Jan Kotěra (über den wir u.a. schon hier und hier berichteten). Kotěra wiederum gilt als der eigentliche Vater der modernen Architektur im Lande.

Pavel Janák, der die Rahmenplanung für die Baba-Siedlung übernahm, war Mitbegründer des Werkbundes und ein Schüler Kotěras. Er hatte vor dem Ersten Weltkrieg mit kubistischer Architektur begonnen (der damals die höchste Avangarde darstellte), hatte sich aber in späten 1920er Jahren in Richtung Funktionalismus entwickelt.

Als Gelände suchte er sich das Baba genannte Gebiet aus, das hoch über der Moldau liegt und sich auf der anderen Seite neben dem schönen Naturschutzgebiet der Wilden Šarka (Divoká Šarka) befindet. Die einzelnen Häuser hatten jedoch eigene Bauherren und vor allem autonom arbeitende Architekten.

Die Gruppe von Architekten, Künstlern, Stadtplanern, Bauunternehmern und Designern, die sich hier unter dem Dach des Werkbunds zusammenfand, war sich jedoch über die wesentlichen Grundsätze völlig einig. Das (und natürlich die Leitung durch Janák) garantierte in Sachen Ästhetik und Zielsetzungen eine deutliche Einheitlichkeit, die trotzdem vielfältig ist. Immer wieder setzten sie sich – auch nach Baubeginn – zusammen, um die Gesamtkonzeption zu modifizieren und anzupassen. Und das Resultat konnte sich am Ende definitiv sehen lassen.

Zu den Architekten und Designern, die hier mitwirkten, gehörten einige der großen Namen der tschechoslowakischen Architektur. Dazu gehörte unter anderem Josef Gočár, der – wie Janák – zuvor zu den Pionieren des Kubismus gehört hatte (wir berichteten u.a. hier und hier), aber sich nun ebenfalls dem Funktionalismus zugewandt hatte. Andere Architekten der Werkbundgruppe, die die Baba-Siedlung gestalteten, waren etwa František Kavalír, Josef Fuchs, František Zelenka und viele andere, Insbesondere Hana Kučerová-Záveská, die zugleich Architektin und Designerin war, entwickelte viele Ideen für maßgerechte und raumsparende Einbaumöbel. Gerade bei der Gestaltung von Küchen leisteten die Erbauer der Baba-Siedlung Bahnbrechendes.

Und dann war da noch der Architekt František Kerhart, der sich bereits früh einen Namen als führender Architekt des Funktionalismus einen Namen erworben hatte, etwa durch seine Entwürfe für das Gebäude der Sparkasse in Poděbrady im Jahr 1926. Kerhart hatte in der Baba Siedlung bereits zwischen1932 und 1936 fünf Häuser entworfen, und er war auch für die Planung des hier vorgestellten Hauses in der Matějská 1985/19 verantwortlich. Es handelte sich um eine Art „Nachzügler“. Die ersten 20 Häuser der Siedlung wurden schon 1932 fertiggestellt. Acht weitere folgten 1933/34 und zwei 1935/36. Es sollten danach eigentlich neben den Villen noch vier Reihenhäuser erstellt werden, die dann aber im Zuge einer der vielen Neuplanungen durch sechs Einzelvillen ersetzt wurden. Und zu diesen gehört die 1939 gebaute Vila Matějská.

Der im Mai 1939 fertiggestellte Plan des Hauses, das von Außen noch weitgehend im Urzustand erhalten ist, folgt funktionalistischen Grundideen. Man kann das an den Plänen (Bild rechts) studieren, die Kerhart für den Auftraggeber und Besitzer der Villa, einem gewissen Bohuslav Dušek, entworfen hat, denn sie blieben gottlob über die nachfolgenden Eigentümerwechsel hinweg erhalten und befinden sich im Besitz der gegenwärtigen Eigner.

Das Haus ist in klassisch-funktionalistischer Manier aus Quadern zusammengesetzt, die sich auf verschiedenen Ebenen befinden. Das wird durch die assymetrisch angeordneten Fenster unterstrichen, von denen das vertikale Fenster aus Glasziegel über dem Eingang optisch besonders herausragt (siehe Bild oberhalb links). Das Ganze ist freistehend von einem geräumigen Garten umrahmt.

Ja, und dann ist dann noch das Innere. Das ist wohl nur noch bei vier Häusern der Siedlung – darunter die von Gočár 1932 fertiggestellte Vila Maule – absolut vollständig im Original enthalten. Die Vila Matějská gehört leider nicht dazu. Deshalb wurden im Laufe der Zeit vereinzelt Veränderungen vorgenommen, die etwas verfremdend wirken – etwa die braunem Fußbodenkacheln im Flur, die ganz nach dem Geschmack der frühen 1980er Jahren aussehen. Aber das hält sich alles in allem in Grenzen. In den meisten Räumen ist das alte Originale Parkett im Fischgrätenmuster (das in den 1930er Jahren Mode wurde) in hervorragendem Zustand erhalten. Der Parkettboden wurde damals von vielen modernen Funktionalisten als eine Art wohnliches Gegengewicht zu der ansonsten eher „industriellen“ Ästhetik ihrer Architektur gesehen.

Ähnliche Wirkung sollten auch die dunkelbraunen Kacheln entfalten, die Treppenstufen (Bild oberhalb rechts) und Fensterbretter säumen. Erfreulich ist aber vor allem, dass die maßgefertigte Einbauküche noch weitgehend erhalten ist. Dazu gehören die praktischen kleinen gläsernen Schubladen in Greifhöhe, die heute fast nostalgisch wirken, aber damals das Modernste vom Modernsten waren. Funktionalismus hat schließlich etwas mit praktischem „Funktionieren“ zu tun. Ähnliches gilt natürlich auch für die kleine Durchreiche, die das effiziente Servieren von der Küche direkt in das Esszimmer ermöglicht. So etwas gab es auch früher (etwa in Klöstern mit Zellen), aber der Funktionalismus erkannte sie als praktisches Element zur Raumersparnis und -nutzung. Kein Geringerer Le Corbusiers hat diese Idee 1927 bei den Wohnhäusern der Berliner Weißenhofsiedlung (ein Projekt des DeutschenWerkbundes) weiterentwickelt.

Und so findet man viele Dinge im Haus, die den Geist des Funktionalismus atmen. Auch die Geländerkonstruktion im Treppenhaus ist raumsparend und leicht aus Stahl und gewelltem Draht zusammengesetzt.

Diese zukunftsweisende Architektur verlangte natürlich nach kompetenter Umsetzung. Die besorgte die Prager Baufirma Freiwald und Böhm. Die Firma (mit Architekturbüro) wurde 1921 von Jindřich Freiwald zusammen mit seinem Kompagnon Jaroslav Böhm gegründet. Freiwald war als Architekt selbst für einige bahnbrechende funktionalistische Entwürfe für Gebäude verantwortlich, etwa das Jirasek Theater (Jiráskovo divadlo) in Hronov von 1931, das Stadttheater von Kolín (Městské divadlo v Kolíně) von 1939 oder die Hussitische Kirche in Nové Město nad Metují (1936)

Er sollte den Bau der Vila Matějská leider nur wenige Jahre überleben. Als Freiwilliger nahm er im Mai 1945 am Prager Aufstand (siehe auch hier und hier) im Offizierrang eines Hauptmanns der Tschechoslowakischen Armee teil. Deutsche Truppen nahmen ihn auf ihrem Rückzug gefangen und erschossen ihn kurzerhand standrechtlich. Eine schreckliche Tragödie. Es war der 8. Mai – der letzte Tag des Krieges.

Und die Grundidee der Siedlung Baba? Die war ja gewesen, funktionalen, raumsparenden und preisgünstig zu erstellenden Wohnraum zu erschaffen. Trotzdem hatten wir es schon von Anfang an nicht mit einem Stück „sozialen Wohnungsbaus“ zu tun. Janák selbst, der gewiss kein Sozialfall war, zog in eines der von ihm geplanten Häuser ein. Man muss nur kurz von der kleinen Grünanlage vor der Vila Matějská die grandiose Aussicht auf die Burg genießen, um zu erahnen, dass hier de facto ein eher großbürgerliches Publikum bedacht wurde. Von Terrasse auf dem Dach des Hauses kann man das auch tun. Überhaupt wurde für fast jedes Haus eine schöne Aussicht garantiert. Moderner Wohnraum in schöner Lage. Auch heute ist das keine billige Wohnlage. In kommunistischer Zeit galt das, was hier zuvor als avantgardistisch angesehen war, unter regimetreuen Kunstkritikern als zu „bürgerlich“.

Aber trotzdem entsprach die Grundidee, des funktionalen Wohnungsbau doch einigen ihrer eigenen Ideen. Gewiss, in der Siedlung Baba war alles individuell maßgefertigt, aber die raumsparenden Einrichtungsideen und die zu Grunde liegende Stahlbautechnik ließen sich im Grunde sehr gut in die spätere Plattenbauarchitektur übersetzen. Auch wenn man die Baba-Siedlung schön und Plattensiedlungen (zu Recht) meist scheußlich findet, ist es nicht völlig falsch, das eine als die Fortführung des anderen zu sehen. Und tatsächlich beriefen sich die kommunistischen Stadtplaner in Prag später auf das „bürgerliche“ Vorbild. In den 1970er Jahren wurden in dem im Süden Prags (und damit am anderen Ende der Stadt) gelegenen Stadtteil Modřany zwei neue Plattensiedlungen erbaut, die Baba II und Baba III genannt wurden und so sind, wie man sich sozialistische Plattenarchitektur eben vorstellt. Der Wohnraum dort ist erschwinglicher als der der Originalsiedlung, dafür aber auch nicht ganz so schön. (DD)

Französische Renaissance, tschechischer Patriotismus

Zugegebenermaßen: Ich habe nichts darüber herausfinden können, wer dieses Haus bauen ließ und wann. Aber das macht nichts. Kann man eine solche Fassade unkommentiert lassen?

Dieses monumentale vierstöckige Mietshaus steht in der Polská 1675/52 im Stadtteil Vinohrady (Prag 2). Die Polská wurde zwischen 1900 und ca. 1905 städtebaulich erschlossen, weshalb der Bau wohl irgendwann in dieser Zeit erfolgt sein dürfte. Es dürfte zu den ersten dort gebauten Häusern gehört haben, denn die Häuser weiter unterhalb sind meist stilistisch moderner.

Die Straße hieß zu dieser Zeit noch Nerudová – nach dem Schriftsteller Jan Neruda. Der war zu sehr ein tschechischer Nationalschriftsteller, als dass es die Nazis nach 1939 so belassen wollten. Von 1940 bis 1945 wurde die Straße nach dem deutschen Schriftsteller Adalbert Stifter benannt (kein Nazi, sondern ein liberaler Teilnehmer der 1848er Revolution, der sich – weil seit 1868 tot – nicht gegen den Missbrauch durch die Nazis wehren konnte). Damit sie nicht mit der berühmten Nerudová auf der Kleinseite verwechselt werden kann, heißt sie seit 1947 Polská (Polnische Straße).

Wie dem auch sei: Hier schwelgte der Architekt in Reminiszensen der französischen Renaissance, was sich besonders an den auf und über der Fassade befindlichen Spitztürmen zeigt. Sie ähneln ein wenig den Neorenaissance-Phantasien von Schloss Neuschwanstein oder Disneyland. Aber wie alle guten tschechischen Historisten in der Architektur, kam auch der Baumeister dieses Hauses nicht ohne Anspielungen auf die böhmische Geschichte aus. Über dem ersten Stock sieht man Stuckreliefs mit Darstellungen von Waffen-Trophäen aus den Hussitenkriegen – ein in der Zeit des Baus beliebtes Thema für die Zurschaustellung von tschechischem Patriotismus. (DD)