Architekt und Baumeister

Dieser elegante Schwung der Formen! Vinohrady – in dieser Zeit noch außerhalb Prags gelegen – ist eine Schatztruhe für die Freunde elegantester Jugendstil-Architektur.

Ein grandioses Musterbeispiel ist das vierstöckige Wohnhaus in der Římská 1199/35 (Prag 2). Es steht hier seit 1903 und wurde damals auf dem Gebiet eines ehemaligen Gartens erbaut, Eichmanka genannt. Eigentümer, Bauherr und Architekt waren ein und die elbe Person, nämlich ein gewisser Karel Horák. Der war in Vinohrady wohl etabliert und angesehen – vor allem als lokaler Vorsitzender des Turnerbunds Sokol (Falke), über den wir schon hier berichtet hatten. Da versammelten sich auch Unsportliche, denn im Grunde war der Sokol die große Sammelbewegung aller patriotischen und liberal gesinnten Tschechen, die sich für eine größere demokratische Selbstbestimmung Böhmen im Habsburgerreich einsetzten.

Die Verbindung von kommunalpolitischer Vernetzung, Architektenbüro und Baufirma war profitabel und Horák war wohl ein reicher Mann. Das zeigt sich nicht nur darin, dass er sich gleich nebenan, in der Římská 1222/33, noch ein großes Mietshaus bauen konnte, sondern auch in der luxuriösen Gestaltung. So steht schon über dem Eingang in großen vergoldeten Jugendstil-Lettern der Schriftzug: „Karel Horák – Architekt a Stavitel“, d.h. Architekt und Baumeister.

Damit nicht genug der Selbstdarstellung, denn das Thema tauch noch einmal auf der Höhe des ersten Stocks auf, wo zwei allegorische Plastiken in Stuck die Architektur (eine weibliche Figur mit einem Gebäude in der Hand) und die Baumeisterei (eine männliche Figur mit Hammer und Maschinenrad) symbolisch darstellen. Beide sind künstlerisch hochwertig und Kritiker finden bisweilen, sie kämen denen des damals überaus bekannten Bildhauers Stanislav Sucharda im Geiste nahe, der unter anderem das große Palacký-Denkmal am Moldauufer erschaffen hatte (früherer Beitrag hier).

Oben unter dem Giebel findet man eher ein pastorales Motiv als Stuckrelief. Je eine männliche und eine weibliche (kleines Bild links) Figur können beim Pflücken von Früchten beobachtet werden. Stilistisch passt das harmonisch zu den beiden Allegorien weiter unten.

An der Fassade hat sich gottlob seit 1903 wenig nichts geändert – außer dass sie nach der Wende 1989 wieder ein wenig restauriert wurde. Ansonsten gab es innen noch einige Umbauten. Horák konnte die Frucht seiner Arbeit nur ein Jahr genießen; er starb 1904. Schon im Jahr darauf ließ seine Witwe und Erbin Marie Horáková (beide Häuser gehörten ihr nun) von dem Architekten Jindřich Břeněk insbesondere den Hof vergrößern und im obersten Stock ein Fotoaltelier einrichten. Weitere Umbauten erfolgten 1928 und 1930.

Und so fehlt heute ein klassisches Merkmal vieler der damals in Vinohrady gebauten Miets- und Wohnhäuser, nämlich dass sich im Erdgeschoß ein einziger großer Wohnungsbereich befand. Das ist heute nicht mehr so. Das Erdgeschoss wird heute gewerblich genutzt. Ein kleiner Buchladen hat hier vor einigen Jahren seine Pforten aufgemacht.

Anscheinend hat der Denkmalschutz hier so seine strikten Auflagen gemacht. Jedenfalls hat die kommerzielle Nutzung den optischen Eindruck kein bisschen beeinträchtigt. Die schönen Stuckaturen und die schnörkeligen Balkon- und Türgitter erfreuen immer noch das Auge des Betrachters. Horák sei Dank! (DD)

Synomym für Luxus

Als es 1956 eröffnet wurde, galt es als das „Synomym für Luxus“ – was per se eine Seltenheit in den Zeiten des Kommunismus war. Und das Dům Módy (Haus der Mode) an der östlichen Hälfte des Wenzelsplatzes (Václavské náměstí 804/58) ist seither geblieben, was es war: Der Ort, wo man wertvolles Textil einkaufen kann.

Der Architekt Josef Hrubý hatte Glück gehabt. Ein Jahr vor dem Beginn der Planungen war Stalin gestorben. Das politische Tauwetter setzte allmählich ein. Kleine Freiräume im Bereich des Künstlerischen taten sich auf und niemand wurde mehr gezwungen, im realsozialistischen Zuckerbäckerstil (ein Beispiel dafür findet sich in Prag hier) zu bauen. Und so konnte Hrubý bei seinen Plänen wieder an der avantgardistischen Funktionalismus der Ersten Republik anknüpfen. So steht nun neben dem Pomp des alten Wenzelsdenkmals ein modernes Gebäude, dessen Fassade mit Panelen aus heimischem gelbem Granit und graubraunem Travertin klar strukturiert wird.

Drinnen gab es Technik vom Feinsten. Ein zentrales Ventilationssystem sorgte für gute Belüftung, eine automatische Feueralarmanlage und drei Hochgeschwindigkeits-Aufzüge für den Transport der Kunden zu den einzelnen Etagen. Dazu gab es noch ein Café. Ganz oben auf dem Dach wurde eine Dachterrasse eingerichtet, auf der bis heute Modeschauen veranstaltet werden. Vor allem, wenn man daran denkt, dass das Modehaus in kommunistsichen Zeiten entstanden ist, wirkt es auch heute noch ausgesprochen mondän.

Nun ja, ein wenig Realsozialismus musste man 1956 natürlich schon vorgeben. Dazu brachte man über dem Eckeingang ein Relief des Bildhauers Vladimír Janoušek an. Der dürfte möglicherweise darunter geltten haben, dass er das so machen musste. Janoušek war nämlich ein moderner Avantgardist und beeinflusst von Henry Moore. Er liebte die abstrakte Kunst definitiv mehr als den Brutalklassizismus des Stalinismus. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 galt er sogar als verfemter Künstler, der nicht mehr öffentlich ausstellen durfte.

Aber bei diesem Relief wird das glückliche Leben der (Textil-) Arbeiterklasse in naturalistischer Weise idealisiert, wie das damals halt so üblich sein musste. Trotzdem ist das Ganze irgendwie putziger (vielleicht sogar ironischer) als das sonst bei diesem Genre der Fall ist. Der Schäfer, der das blökende Schaf in den Armen trägt, konstrastiert in seiner Pastoralität mit einer modernen Textilverarbeitungsmaschine. Die wird wiederum von einer Frau mit Schutzbrille bedient. Die für „Realsoz“ so typische Verbindung von ideologischem Modernismus und reaktionärer Ästhetik wirkt hier so seltsam wie sie ja eigentlich auch grundsätzlich ist.

2019 wurde das Gebäude innen modernisiert. Wie es sich für ein Modehaus gehört, bleibt man modern. Der Kommunismus, unter dem es entstanden war, ist inzwischen passé. Und zur neuen, kapitalistischen Welt passt das Modehaus heute auch wesentlich besser. (DD)

Kotěras Frühwerk

Als man in den 1870er Jahren den ehemaligen Pferdemarkt Prags zu dem großen Wenzelsplatz (Václavské náměstí) ausbaute, den wir heute kennen, konnten sich Architekten aller Richtungen im großen Stile selbst verwirklichen. Das Haus mit der Nummer 777/12 gehört zu den Pionierbauten am Orte.

Es handelt sich um das Peterka-Haus (Peterkův dům), das in den Jahren 1898/99 von dem Architekten Jan Kotěra (siehe auch hier) erbaut wurde. Der wurde in der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg so etwas wie der große Vorläufer der funktionalistischen Moderne in Böhmen. Das Peterka-Haus ist allerdings ein Frühwerk und ein ebenfalls bedeutendes Werk des frühen Jugendstils. Entworfen hatte es Kotěra für einen Bankier namens Peterka, der sich eine erstklassige Lage für sein Haus ausgesucht hatte. Von der Rückseite hat man heute noch einen Blick auf den Franziskanergarten und die schöne Barockirche St. Maria Schnee (Kostel Panny Marie Sněžné), über die wir hier berichteten.

An der Stelle stand zuvor ein barockes Gebäude aus der Zeit um 1732, von dem nur wenig im Untergeschoss erhalten sein soll. Bei der Gestaltung des fünfstöckigen Wohn- und Bürohauses lehnte sich Kotěra noch an Vorbilder an, die von dem Architekten Vilém Tierhier entworfen waren. Das Haus ist horizontal dadurch optisch aufgeteilt, dass es einen gewerblichen Teil in den unteren zwei Stockwerken (mit unterschiedlichen Deckenhöhen, Bogenfenstern und Rustifizierungen) und den regelmäßiger und schlichter gestalteten oberen Wohnteil gibt. Der untere Teil zeichnet sich dazu noch durch einen burgartigen Toreingang aus, über dem sich eine vergoldete Marienskulptur befindet.

Die Fassade der oberen drei Geschosse ist mit floralen Motiven in Stuck geschmückt. Die sind das Werk des Architekten und Bildhauers Josef Pekáreks, der später durch seine allegorische Skulptur der Moldau am Janáček-Kai (Janáčkovo nábřeží) am westlichen Moldauufer nahe der Schützeninsel (Střelecký ostrov) berühmt wurde. Im gegensatz zu anderen Werken des „floralen“ Frühjugendstil ist das ganze aber nicht überladen, sondern kultiviert zurückhaltend. Dieser Stil setzt sich wohl auch im inneren Teil des Gebäudes fort.

Die Krönung des Gebäudes ist jedoch der im großen Bild oben gezeigteSkulturenschmuck auf Höhe des obersten Stockwerks – eine weibliche Allegorie des Ruhms und eine männliche Allegorie des Arbeitsfleißes. Sie sind das Werk des Bildhauers Stanislav Sucharda, der später durch das Denkmal für den Nationalhistoriker František Palacký am Moldauufer berühmt wurde.

Architekt Kotěra hat sich übrigen selbst im Erdgeschoss mit einer kleinen, sehr jugendstiligen Plakette am Gebäude verewigt…. (DD)

Studentenleben im Zuckerbäckerheim

Aus den Zeiten der beginnenden Moderne und der erwachenden Renaissance könnte dieses alte Gemäuer zu entstammen. Nur dieser seltsame fünfzackige Stern macht einen dann doch stutzig – unverkennbar ein Sowjetstern. Ja, der stalinistische Zuckerbäckerstil gehörte zu den eigenartigsten Kapiteln der Architekturgeschichte. Dass die Kommunisten als vermeintliche Speerspitze von Fortschritt und Weltrevolution ein derart rückwärtsgewandtes Kulturverständnis pflegten, mutet wie eine Groteske an.

In Prag sind die Podolí Schlafsäle (Koleje Podolí) in der Na lysině č.p. 772/12 im Stadtteil Podolí eines der erstaunlich seltenen Beispiele für waschecht stalinistische Architektur dieser Art. Ansonsten würde einem sonst nur noch das legendäre Hotel International in Prag Dejvice (wir berichteten) einfallen. Bei den Koleje Podolí handelt es um den Campus der Studentenwohnheime der Tschechischen Technischen Universität Prag (České vysoké učení technické v Praze, ČVUT), über die wir bereits hier berichteten. Im Gegensatz zum Hotel International (oder schlimmer noch: zum Kulturpalast in Warschau) leistete man sich hier aber nicht eine pompöse architektonische Machtdemonstration, die das ganze Umfeld dominiert, um den Sieg des Proletariats zu verkünden. Tatsächlich fügt sich das Ganze einigermaßen harmonisch in die wohl in der Ersten Republik zwischen den Weltkriegen entstandene Wohnbesiedlung des hoch über der Moldau befindlichen Podolí ein. Und es gibt auf dieser Welt, so muss man (Stalinismus hin oder her) feststellen, sicher weniger wohnliche Studentenwohnheime.

Dieses hier wurde in den Jahren 1953/54 nach den Plänen einer Arbeitsgruppe der Fakultät für Architektur der ČVUT unter der Leitung des Architektur-Professors Otakar Schmidt erbaut. Es solle eine Art standardisierte Blaupause für Studentenwohnheime in anderen tschechoslowakischen Universitätsstädten werden. Davon wurde nur wenig realisiert – etwa in Brno beim Bau der dortigen Wohnheime für Studenten. Denn ab 1956 setzte die Entstalinisierung – das sogenannte Tauwetter – in den kommunistischen Ländern ein, die auch das Ende des Zuckerbäckerstils dort einläutete. Insofern ist das Koleje Podolí gerade im städtebaulichen Kontext von Prag etwas ganz besonderes. Deshalb wurde die ganze Anlage auch im Jahre 2019 unter Denkmalschutz gestellt. Auch wenn die Gebäude mit einer politischen Schreckenszeit verbunden werden, kann man sie als ein Kapitel der Prager Architekturgeschichte schließlich nicht verbannen.

Es handelt sich um einen großen Gebäude-Komplex mit insgesamt acht Gebäuden. Da sind zunächst einmal die sechs eigentlichen Wohnheime mit den Zimmern für Studenten. Insgesamt fast 1500 Studenten konnten hier ursprünglich nach ihrem harten Studienalltag ihr Haupt zur Ruhe betten. Heute, wo mehr Komfort in den Räumlichkeiten gefragt ist, sind es nach einer eingehenden Renovierung 1993 bis 1998 immer noch über 1000. Die in zwei Reihen stehenden Wohnheime sind innen wie außen antikisierend üppig ornamentiert, insbesondere an den Eingängen. Das auffälligste Merkmal sind die geradezu italienisch anmutenden Loggien und Arkaden, die zum Teil die Gebäude einer Reihe miteinander verbinden. Damals war noch nicht so deutlich, dass eine sozialistische Wirtschaft Raubbau am Land betreibt, sondern man verwendete (verschwendete?) noch gute und solide Materialien. In den 1960er und 1970er Jahren frönte man dann andernorts der billigen Betonplattenbauweise und konnte sich so etwas nicht mehr leisten.

Neben den sechs Wohnheimen gibt es noch ein flacheres Verwaltungs-Gebäude am Eingangstor des umzäunten Areals. Dort befindet sich auch das oben im großen Bild gezeigte Portal mit dem Sowjetstern. Von dort aus hat man auch einen schönen Ausblick auf das kolossalste gebäude des ganzen Komplexes, der immer noch zur ČVUT gehört. Die Mensa ist geradezu ein Musterbeispiel für sozialistischen Neuklassizismus. Auf den ersten Blick erinnert es fast an eine leicht modernisierte Version des Moskauer Bolschoi Theaters, das allerdings dem frühen 19. Jahrhundert seine Existenz verdankt. Die Architekten des Stalinismus orientierten sich recht genau an den klassischen Vorbildern einer Zeit, deren Kultur sie vorgeblich ablehnten.

Betrieben wird das Ganze vom Studentenwerk der ČVUT (Studentská unie ČVUT), einem studentischen Selbstverwaltungsorgan. Dass die Mensa einem klassischen Theater früherer Zeiten gleicht, ist wohl kein Zufall. Denn die Mensa ist mehr als ein Ort zur Nahrungsaufnahme für Studenten. Sie ist auch ein wenig das Kulturzentrum für die Studenten, die hier wohnen. Die Kultur wird hier von einer Studentenvereinigung in Selbstverwaltung betrieben, die sich ganz amerikanisch cool Pod-O-Lee nennt, was aber nur eine Verballhornung des tschechischen Podolí ist. Ganz offiziell heißt es sowieso Studentská unie ČVUT. Es gibt einen Musikklub, Fitnessräume (Pod-O-Gym), Bars, Saunen, eine Teestube. Selbst in einem der Wohnheime gibt es eine Bierkneipe. Draußen befinden sich Spielplätze und Sportanlagen. Abgesehen davon, das der Weg zur eigentlichen Technischen Universität in der Neustadt etwas weit ist, scheint man das Studentenleben hier doch recht gut genießen zu können. (DD)

Architektenvilla

Als sie gebaut wurde, stand sie inmitten von unberührter Landschaft mit einem wunderschönen Blick über die Stadt Prag. Ganz so sieht es heute im Umfeld der Villa Rothmayer (Rothmayerova vila) nicht mehr aus. Das ändert aber nichts daran, dass es sich um ein architektonisches Meisterwerk des Prager Funktionalismus aus der Zeit der Ersten Republik handelt.

Die kleine Villa, die der Architekt Otto Rothmayer in der U páté baterie 896/50 im Stadtteil Břevnov (Prag 6) für sich selbst und seine Frau baute, ist heute von drei Seiten von moderneren Gebäuden – darunter ein großes Krankenhaus – umbaut. Immerhin gibt es noch den Garten und das Umfeld zur Talseite ist schön begrünt. Man kann also noch erraten, warum Rothmayer hier wohnen wollte.

Rothmayer war ein Schüler von Josip Plečnik (siehe auch hier), der als Lieblingsarchitekt von Präsident Tomáš Garrigue Masaryk und moderner Gestalter des Präsidententraktes auf der Burg in die Geschichte einging. Wie sein Lehrmeister wollte auch Rothmayer eine Architektur schaffen, die dem Modernisierungsanspruch der Ersten Republik entsprach. Und das galt auch für sein eigenes Haus. Dafür schwebte ihm eine auf Wohnlichkeit bedachte funktionalistische Konstruktion vor, die ästhetisch aber an traditionelle mediterrane Baukunst anknüpfte. Der zylindrische Turm (mit eine Wendeltreppe innen) und die Gartenveranda sind der sichtbare Ausdruck dieser Verbindung von Modernem und Traditionellen.

Das Haus überlebte die Zeiten von Krieg und Kommunismus einigermaßen intakt, weil es immer von Nachfahren Rothmayers als Einfamilienhaus genutzt wurde, die sich bewusst waren, dass es sich bei dem Bauwerk um ein erhaltenswertes Kulturdenkmal handelte. 1981 erklärte der Staat es auch offiziell zu einem ebensolchen. Große Teile der Inneneinrichtung und vor allem der Garten (links) blieben somit auch erhalten. 1992 – der Kommunismus war passé – wurde es sogar als besonders geschütztes Denkmal eingetragen. 2008 zogen die letzten Privatnutzer aus und die Stadt nutzte die Gelegenheit zum Kauf. Mit den Nachfahren vereinbarte die Stadt eine umfassende Renovierung und die Eröffnung als Museum. Als Teil des Museums der Hauptstadt Prag (Muzeum Hlavního Mesta Prahy) – wir berichteten – kann man es seit 2015 nun ab und an in Führungen besuchen.

Das ermöglicht die Besichtigung des auf den Stil des Hauses abgestimmten Interieurs und des modernen Gartens (mit Pool). Für die geschmackvolle Gestaltung, die mit Sammlerstücken aus dem ganz Land – etwa die im rechten Bild gezeigte kleine Madonnenstatue im Vordergarten im passend modernen Stil – angereichert ist, zeichnete sich auch Rothmayers Frau, die Künstlerin und Textildesignerin Božena Horneková-Rothmayerová verantwortlich. Prag ist eben mehr als nur die Altstadt, sondern auch ein Mekka für die Moderne, wie dieses sehenswerte Stück Architektur zeigt. (DD)

Brutalistisches Zollamt

Der Brutalismus scheint als Architekturstil umso mehr Anhänger zu finden, desto mehr er in unseren Städten der Abrissbirne anheimfällt. Der ungebremste Gestaltungswille in den rohen Materialien Beton, Stahl und Glas, der sich städteplanerisch in den 1960er und 1970er Jahren in Ost und West Bahn brach, war nie jedermanns Geschmack. Und manches der Gebäude war so, dass man nie wusste, ob man beim Anblick fasziniert oder erschaudert sein sollte. Schon wegen dieses prickelnden Gefühls sollte man diesen Stil nicht verschwinden lassen.

Manche Gebäude nach brutalistischer Manier findet man per Zufall. So ging es mir. Wer in Prag ein zu verzollendes Päckchen aus dem Ausland empfängt, muss selbiges meistens beim Postamt von Košíře (Plzeňská 290/139, Praha 5) abholen, wo im dritten Stock praktischerweise auch das örtliche Zollamt residiert. Man muss also nicht lange herumirren, um alles abzuwickeln. Steigt man, wie ich es vor einiger Zeit eben wegen einer solchen Postsendung tun musste, an der Straßenbahnhaltestelle Klamovka aus, um dorthin zu gelangen, sieht man schon von weitem eine wahre Orgie in gewellter Metallverschalung, Glasfenstern und Beton.

Alles sieht hier schon ein wenig abgenutzt aus und passt sich somit der Umgebung in diesem nicht sonderlich prachtvollen Teil von Prag an. Von weitem erinnert einen das Gebäude an die Aufbauten eines großen modernen Ozeanriesen. Die schräge Vorderseite scheint dabei dem Seewind zu trotzen. Die blaue oder manchmals auch dunkelrotte Metallverschalung und die durchgehenden Fensterfronten strukturieren das Gebäude vor allem in den mittleren Stockwerken horizontal.

Die Verschalung des den brutalistischen Stil geradezu definierenden Rohbetons findet sich in Prag ansonsten noch bei dem etwas bekannteren Einkaufszentrum Kotva, das in den Jahren 1972 bis 1975 von dem Architektenpaar Věra Machoninová und Vladimír Machonin erbaut worden war (wir berichteten hier). Allerdings hatte man im Kotva kein Wellblech für die Verschalung verwendet, sondern eine besondere Metalllegierung. Aber das Kotva steht ja auch in der mondänen Neustadt. Für das abgelegenere und ärmere Košíře reichte anscheinend auch billigeres Material.

Innen herrscht schiere Funktionalität. Die Post- und Zollbürokraten arbeiten in nüchternen und schmucklosen Büros. Die Räume für größere Öffentlichkeiten, also die Wartesäle und die Schalterhalle im Erdgeschoss sind, wie häufig in derartigen Gebäuden, ausgesprochen niedrig. Das wirkt schon ein wenig niederdrückend. Man merkt, dieser Bau soll nicht zum beeindruckten Verweilen einladen, sondern eine reibungs- und ablenkungsfreie Regularität bürokratischer Abläufe unterstreichen. Immerhin hat man sich im Eingangsbereich zu ein wenig Ornamentik in bunter Bekachelung hinreißen lassen – in den modischen Violetttönen, wie sie damals beliebt waren.

Das Gebäude entstand in den Jahren 1980 bis 1983. Entworfen haben es die Architekten Jindřich Malátek und vor allem auch Václav Aulický, dem wir u.a. den Fernsehturm Žižkov (Žižkovská televizní věž, siehe auch hier) und den leider inzwischen abgerissenen Transgas-Bau (wir berichteten hier) verdanken – beides für Aficionados des Brutalismus geradezu Krönungen der Schöpfung. Dieses Bauwerk wirkt – trotz der „Kunst am Bau“, die sich davor befindet (großes Bild oben, Bild rechts) weniger avantgardistisch und experimentell als die beiden zuvor genannten Gebäude. Nicht als spektakuläres, sondern eher als typisches und (immer noch) alltagstaugliches Werk des Brutalismus muss man es wohl bezeichnen. (DD)

Architektenpantheon

Hier feiert die Architektur sich selbst! Man könnte Stunden vor dem Gebäude verbringen, um die Geschichte der Baukunst in Böhmen zu studieren.

Wir stehen vor dem Bondy Haus (Bondyho dům)  Na poříčí  1059/43, Ecke Těšnov, in der Neustadt. Und hier findet man fast alle der großen Baumeister, die in Böhmen bis zur Zeit des Barock gewirkt haben. Allerdings nur in Stuck. Das vierstöckige Wohnhaus selbst wurde in den Jahren 1891/92 an Stelle eines früheren einstöckigen Gebäudes innerhalb eines Jahres gebaut, was im Kontext der Zeit eine erstaunliche Leistung war. Entworfen und gebaut wurde es von dem Architekten und Bauherrn František Kindl. Daher wird das Haus manchmal auch Kindlův dům genannt.

Eigentlicher Namensgeber und Bauherr des Bondyho dům war Gottlieb Lazar Bondy (für Tschechen auch: Bohumil Bondy). Der war ein jüdischer Geschäftsmann, der sich vor allem durch sein soziales und politisches Engagement einen guten Namen verschafft hatte. Er wirkte unter anderem in der Tschechisch-Jüdischen Bewegung (českožidovského hnutí) mit, die die liberalen Bestrebungen tschechischer Nationalreformer im Habsburgerreich untersützte. Ab 1883 war er sogar direkt gewähltes Mitglied im Böhmischen Landtag. Nebenbei bereicherte er noch die Geschichtsforschung mit seinem bahnbrechenden Quellenwerk K historii Židů v Čechách, na Moravě a ve Slezsku, 906-1620 (Zur Geschichte der Juden in Böhmen, Mähren und Schlesien), das 1906 erschien.

An sich handelt es sich bei seinem Haus bautechnisch um eine damals nicht unübliche moderne Konstruktion aus Stahl, aber mit einer historisierenden Fassade, die das ein wenig verschleiert. Aber die skulpturale Ausstattung ist dennoch bemerkenswert. Bondy hatte dafür den berühmten Bildhauer Bohuslav Schnirch (wir berichteten über ihn u.a. hier, hier hier und hier) gewonnen. Der war ein Spezialist für Neorenaissance, weshalb man viele der üblichen klassisch-antik anmutenden Motive wiederfindet (Bild oberhalb links).

Um die Besonderheit der skulpturalen Ausstattung zu erkennen, die das Gebäude von der üblichen historistischen Mietshaus-Architektur des späten 19. Jahrhunderts abhebt, muss man den Blick nach oben schweifen lassen. Es beginnt bei dem charakteristischen Eckturm, der von drei Statuen gerahmt ist. Es handelt sich um Allegorien, die sich bereits um die Architektur drehen: Architektur, Baumeisterei und Ingenieurskunst.

Darunter, d.h. zwischen den Fenstern des obersten Stockwerks, befindet sich ein wahres Pantheon der böhmischen Architektur. Jeweils von einer Muschel gerahmt, befinden sich hier Büsten großer böhmischer Architekten bzw. von Architekten, die in Prag wirkten. Geordnet sind sie in chronologischer Reihe mit ihren Lebensdaten vom Mittelalter bis zum Barock im 18. Jahrhundert.

Die große Blüte der Gotik im Mittelalter ist präsentiert durch Abt Božetěch (Baumeister der romanischen Teile der Prager Burg), Matthias von Arras, Peter Parler (der Erbauer des Veitsdoms), Johann Parler (Bild links) , Peter von Prachatitz, Matěj Rejsek (siehe auch hier), Benedikt Ried.

Aus der Zeit der böhmischen Renaissance finden wir hier Meister Staněk (Bild rechts), der Erbauer der Dekanatskirche im nahen Tábor, und den im Tessin geborenen Architekten Paolo della Stella. Letzterer erlangte durch die Gestaltung der Königsgärten bei der Burg und das architektonisch originelle Jagdschloss Stern unsterbliche Berühmtheit in Prag.

Und dann sind da noch Baumeister der Barockzeit. Carlo Lurago, Giovanni de Capauli, Christoph Dientzenhofer, Johann Bernhard Fischer von Erlach, Marco Antonio Canevale und Kilian Ignaz Dientzenhofer (Bild links), der u.a. in Prag die Johann-Nepomuk-Kirche auf dem Felsen (wir berichteten hier) erbaut hat. Insbesondere wegen der Tschechisierung der Orthographie bei den deutschen Namen (etwa Fišer statt Fischer bei Fischer von Erlach) muss man manchmal raten, wer hier wer ist. Aber das macht das Gebäude noch mehr zu dem Kultur- und Bildungsspaß, das es so schon ist. (DD)

Subtiler Spott wider den Stalinismus

Kleine Putten – die männlichen mit Arbeitermütze, die weiblichen mit bäuerlichem Kopftuch. Das Gebäude, auf dem sie sich befinden, wurde 1954 erbaut. Ein typisches Werk des stalinistischen „Realismus“, gemeinhin auch Zuckerbäckerstil genannt? Nicht nur, wer sich mit Leben und Werk des Architekten auskennt, wird eher subtilen Spott und feine Ironie dahinter vermuten.

Sieben Stockwerke zählt das große Wohngebäude in der Anglická 225/18 im Stadtteil Vinohrady (Prag 2). Mit seiner klassizistisch inspirierten Fassade ist es eigentlich recht hübsch anzuschauen, was aber spätere Kritiker (natürlich erst als Stalin und sein tschechoslowakischer Statthalter Gottwald tot waren) noch einmal besonders erboste, weil derart konservativ historisierende Ästhetik doch mit politisch unangenehmen Erinnerungen und mit der Beschränkung künstlerischer Freiheit assoziiert wurden. Zudem stellte sie einen Rückschritt gegenüber den avantgardistischen Leistungen der Architektur der Tschechoslowakei (Funktionalismus, Kubismus) in der Zeit der Ersten Republik dar.

Aber man muss nur näher hinschauen, um dieses Bild dann doch ein wenig zu hinterfragen. Nehmen wir zum Beipiel die Putten auf dem Fries über dem Haupteingang. Putten waren vor allem in Prag um die Jahrhundertwende der Inbegriff bürgerlichen Kitsches, wie die kleine Abbildung rechts andeutet, die einen Fassadenausschnitt des 1893/94 entstandenen Wohnhaus in der nahegelegenen Italská 212/5 zeigt. Nun war es ja so, dass der stalinistische Zuckerbäckerstil realiter in der Regel gerade auf gerade die bürgerlichen Konventionen zurückgriff, die er vorgeblich bekämpfte und übersteigerte sie noch einmal geradezu ins Monumentale. Deutlich ist das sichtbar bei Prags größtem Architekturbeispiel für stalinistischen Klassizismus, dem Hotel International in Prag-Dejvice (wir berichteten hier) .

Nur so weit, dass man auch noch Putten anbrachte, ging man dann doch im Zeichen Stalins eher selten. Besonders in der (nicht so häufigen) geflügelten Variante glichen sie schließlich zu sehr kleinen Engeln, was als religiöses Symbol für Kommunisten nun gar nicht ging. Die Flügel wurden nun hier durch die üblichen Arbeiter- und Bauernaccessoires (Kappe/Kopftuch) ersetzt. Sie wirken wie ausgesprochen alberne Parodien auf die vorgeschriebene „realistische“ Darstellung des glücklichen Werktätigenlebens im Sozialismus, die man sonst auf Gebäuden dieser Zeit findet (wir stellten bereits hier ein Beispiel vor). Nicht mal ein kleiner, niedlicher Hund durfte fehlen.

Ansonsten werden bei diesem Haus die stalinistischen Geschmacksvorgaben zwar nicht direkt verletzt, aber die geforderte Monumentalität wird arg außer Acht gelassen. Bei der Fassade ist der Rückgriff auf die Vorbilder der Klassik und der Renaissance nicht totalitär-pompös, sondern stilistisch zurückhaltend, streng und einfach. Im Kontext der Architektur der Zeit außerhalb des kommunistischen Bannkreises wäre ein solches Gebäude vielleicht als zu wenig avantgardistsich betrachtet worden, aber nicht als verkitschte Geschmacklosigkeit (wozu man den Architekturstalinismus generell rechnen muss).

Der allgemeine Ironieverdacht bei diesem Gebäude verstärkt sich, wenn man weiß, wer der Schöpfer war. Auf einem der Ziegel über dem ersten Stock hat er sich verewigt, der Architekt Jaroslav Vaculík mit seinen beiden Ko-Planern Jiří Brusnický und Miroslav Skála. Und Vaculík war in der Tat kein Architekt, den man mit sozialistischem Realismus verbindet. Ganz im Gegenteil!

Nach Beendigung seines Studiums der Architektur im Jahre 1945 (noch vor der Machtergreifung der Kommunisten) konnte er in Paris studieren und wurde bald enger Mitarbeiter des berühmten Pioniers der funktionalistischen Moderne, Le Corbusier. Er arbeitete an einigen der großen Vorzeigeprojekte des Meister mit, etwa der Casa Curutchet (1948) im argentinischen La Plata und dem Monsterwohnblock Unité d´habitation (ab 1946). Besonders das letztere Gebäude war die Art von brutalistischer Stahl-und-Rohbeton-Orgie, die von den kommunistischen Machthabern erst in den 1970er Jahren ins Herz geschlossen, dann aber umso heftiger…

Als Vaculík – inzwischen in die Heimat zurückgekehrt – 1954 mit seinem Gebäude in der Anglická ein früheres Neorenaissance-Haus des Architekten Franz Kautsky aus den Jahren 1871/72 ersetzte, wäre ein Bauen im Stile Le Corbusiers undenkbar gewesen. Es wäre sofort unter den Verdacht des Formalismus geraten, was quasi einem Todesurteil gleichkam oder zumindest die Karriere beendete. Nun, irgendwie müssen die putzigen „Volksputten“ am Ende doch bei den Kommunisten den Verdacht geweckt haben, dass Vaculík vielleicht noch nicht ganz auf der Höhe der proletarisch-klassenkämpferischen Bewusstseinsbildung angekommen war. Jedenfalls wurde er einige Zeit nach Fertigstellung, als er an einem anderen Projekt arbeitete, zusammen mit Kollegen unter dem dubiosen Vorwurf des „Diebstahls von Volkseigentum“ verhaftet.

Als politischer Gefangener musste er anscheinend Pläne für die Villa des kommunistischen Präsidenten Antonín Novotný anfertigen. Da er die Entwürfe als Verfemter nicht abzeichnen durfte, ist das aber nicht ganz gesichert. 1960 kam er aber wieder vorzeitig frei und arbeitete wieder als Architekt. Zu seinen bekannteren Werken gehörten dann die bekannten Ferienhäuser am Stausee Slapy, ungefähr 20 Kilometer südlich von Prag gelegen. Aber das war schon in den 1960er Jahren als die Kommunisten den Stalinismus ad acta gelegt hatten und mit ihrer Vorliebe für Plattenarchitektur selbst dem brutalistischen Funktionalismus frönten. Folglich konnte sich Vaculík nun recht frei austoben und alles das zeigen, was er bei Le Corbusier gelernt hatte. Und hier in der Anglická blieb uns ein augenzwinkernder, in Stein gegossener Kommentar über die finsteren Zeiten des Stalinismus erhalten. (DD)

Lebensbaum

Der Lebensbaum war ein beliebtes Motiv bei den Künstlern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts Man findet es immer wieder auch auf Häuserfassaden der Zeit (früheres Beispiel hier). Ein besonders beeindruckendes Exemplar sieht man bei diesem Wohnhaus in der Sokolovská 416/124 im Stadtteil Karlín (Prag 8).

Das vierstöckige Haus wurde im Jahr 1903, als Karlín sich zu einem städtischen Zentrum entwickelte, von dem Architekten und Bauunternehmer Bohumil Štěrba, einem Schüler des ungleich bekannteren Architekten Josef Blecha, erbaut.

Štěrba hatte sich mit historistischen Gebäuden einen Namen gemacht, wie etwa der 1910 gebauten Kirche St. Peter und Paul (Kostel svatého Petra a Pavla) im nordböhmischen Semily. Bei dem Gebäude in der Sokolovská lässt sich das auch beobachten. Die Dekoration des Hauses ist eine vorsichtige Nachempfindung des Stils der böhmischen Renaissance., der mit Elementen des Jugendstils angereichert ist

Das Haus – somit im Grunde ein Reihenhaus – hat Štěrba zusammen mit dem daneben stehenden Gebäude der Nummer 415/122 gebaut, das aber wesentlich schlichter daherkommt. Haus 416/124 ist jedenfalls reichhaltig ornamentiert. Dazu gehört nicht nur der ungeheuer symbolistisch wirkende Lebensbaum, der im Zentrum der Fassade sich über zwei Stockwerke erstreckt, und sich sehr symmetrisch aus ineinander rankenden Stämmen nach oben erstreckt. Das Baummotiv taucht in kleinerer Form (als Sprößling sozusagen) auch an anderen Stellen auf der Fassade auf, wie man auf dem Bild oberhalb links sieht. Daneben (oberhalb rechts) tauchen auch konventionellere Motive auf..

Darüber befindet sich noch zentral auf Höhe des dritten Stocks ein hübsches, im Stil der Neorenaissance gehaltenes Madonnenbild. Es handelt sich im ein Keramikrelief in rechteckiger Kartusche, das Maria mit dem Jesuskind zeigt. Das könnte in einem Sinnzusammenhang mit dem heilsgeschichtlichen biblischen Motiv des Lebensbaums nach Offenbarung 2,7 („…wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der in der Mitte des Paradieses Gottes ist“). Das Marienmotiv war in dieser Zeit ein recht gängiger Fassadenbestandteil. (DD)

Rosa Torte oder Schmetterling?

Als die „rosa Torte“ bezeichnet die Presse das Gebäude in der Regel, wenn die Rede vom Hotel Don Giovanni ist. „Kitsch“ ist noch eines der milderen Attribute, die man in Architektenkreisen sonst so verwendet. Und auch drinnen – nun, man sieht es ja im großen Bild… Aber über Geschmack kann man ja bekanntlich immer und unendlich streiten. Sicher ist: Dieser Hotelbau gehört zu den auffälligsten seiner Art in ganz Prag.

Auf jeden Fall gibt es auch übertriebene Kritik. Etwa die, dass es optisch ein störender Fremdkörper in der Umgebung sei. Nun muss der Fairness halber gesagt werden, dass die Adresse in der Vinohradská 2733/157a im Stadtteil Žižkov, gelegen zwischen der Metrostation Želivského (wir berichteten hier) und Neuem Jüdischen Friedhof (auch hier), für Touristen und andere Gäste des Hotels sehr verkehrsgünstig gelegen ist. Aber bei dem unmittelbaren Umfeld handelt es sich gewiss nicht um das schönste in Prag. Drumherum verlaufen große Verkehrsachsen. Die Gebäude in der Nähe sind meist phantasielose Betonklötze. Unmittelbar vor dem Hotel befindet sich (was eigentlich sehr praktisch ist) ein unschöner Busbahnhof. Was immer man über Hotel sagen kann, es zerstört kein schönes historisches Stadtbild.

Weil aber das Hotel so verbissene Kritik seitens der Architekturkritiker erfuhr, ist es nur fair, dass an dieser Stelle auch einmal der Architekt Ivo Nahálky zu Wort kommen kann, der das postmoderne Gebäude in den Jahren 1993 bis 1995 erbaut hat. Der war den Kollegen sowieso ein Dorn im Auge, weil man sich bis dato in dem Mythos erging, dass hässliche Hotelgebäude in Prag ja immer das Werk von ausländischen Architekten im Dienste ausländischer Hotelketten seien. Nun ist Nahálky Tscheche. Und das Hotel ist heute (nachdem es erst der österreichischen Bogner- und dann der deutschen Dorint-Gruppe gehörte) auch noch seit 2016 in der Hand einer genuin tschechischen Hotelkette namens Czech Inn Hotels. Das kratzt das tschechische Selbstwertgefühl (zumindest in der höheren Liga der Architekturkritiker) arg an.

In einem Interview erklärte Nahálky 2018 im Nachhinein, er wollte „ein Gebäude … bauen, das zeitgemäß ist und gleichzeitig kein anderes kopiert“. Dann noch schwärmerischer: „Ich suche Inspiration in der Natur, die für alle Künstler eine unerschöpfliche Ressource ist.“ Und so, als ob er die Kritiker, die ihn unter Kitschverdacht stellten, noch einmal so richtig provozieren wollte, erzählte er von einem kleinen Laden am Rande der Altstadt, den er einst besuchte, und der präparierte Schmetterlinge verkaufte. Das hätte ihm die Idee gegeben: „In diesem Moment wurde mir klar, warum sollte ich nicht die Form eines Schmetterlings in das Gebäude einbetten? Die Idee wurde verwirklicht und ist da.“

Ja, die ein wenig versetzt übereinander gesetzten Stockwerke mit ihren geschwungenen Fassaden und ihren abgerundeten Ecken erinnern mit einiger Phantasie im Grundriss tatsächlich an Schmetterlinge, aber ganz aus der Welt schafft die Schichtung der Etagen mit ihrer Höhe den Rosa-Torten-Verdacht nicht wirklich. Macht nichts, denn es geht um mehr, denn – ganz und gar poetisch ausgedrückt – es sei ein „Gebäude, das ich als die perfekte Einheit von Außen und Innen betrachte, und für mich ist es der Höhepunkt menschlichen Einfallsreichtums.“

In der Tat: Betritt man die Hotelhalle, so steigert sich der außen gewonnene Eindruck noch einmal um das Unermessliche. Die Treppe fließt geradezu um den Mann, dem das Hotel seinen Namen verdankt: Mozart! Er schuf mit seiner im schönen Prag 1787 urausgeführten Oper Don Giovanni den großen Charakter, der Nahálky zu seinen Inspirationen verhalf. Und so steht Mozart nun unter einem glitzernden Sternenhimmel, der … nun ja, ich wollte eigentlich das Wort „kitschig“ nicht verwenden, tue es also auch nicht…. Der Sternenhimmel soll an ein Herz erinnern und damit an die gebrochenen Herzen erinnern, die der alte Schwerenöter Don Giovanni hinterließ. Seufz! Oder um noch einmal Nahálky zu Wort kommen zu lassen: „Es ist eine Geschichte, die dem Gebäude Geist und Form gab.“

Überall im Haus (auch auf den Zimmern, wie mir Freunde erzählten, die dort übernachteten) sind Mozart und seine Musik allgegenwärtig. Kostüme aus Inszenierungen von Opern (meist Don Giovanni, natürlich) finden sich allerorten in Vitrinen. Schon im Foyer stehen zwei (!) Klaviere, eines davon an der Bar. Sämtliche Konferenzräume sind natürlich nach Charakteren aus der Oper benannt, wobei mir entfallen ist, welche Rolle eigentlich die Person „Business Lounge“ in der Handlung hat. Auf jeden Fall: Was immer man in Sachen Geschmack dazu sagen will; irgendwie ist das Ganze stimmig.

Dazu, nebenbei bemerkt, offeriert das 4-Sterne-Hotel allen erdenklichen Service: Restaurants, Bars, Shops, Spa, Wellnessbereich, Konferenzräume, Friseur, Massagestudio und was man sonst in einem Hotel von internationalem Standard erwarten kann. Bei den Gästen scheint das Haus auch beliebt zu sein. Und trotzdem: Auch Jahrzehnte nach der Einweihung verfolgen die Kritiker den Bau mit Hass und versuchen, ihm den Titel „hässlichstes Gebäude Prags“ anzuhängen. In entsprechenden Rankings (etwa hier auf Platz 9) schafft es das Hotel auch in die Spitzenränge. Wie kommt das?

Nun, ich muss gestehen, dass ich im kargen architektonischen Umfeld das Gebäude schon immer wie einen putzigen Farbtupfer, nicht wie einen Fremdkörper empfunden habe. Gerade weil es sich an der Grenze von Kunst und Kitsch befindet, kann ich mir ein erheitertes Lächeln nie verkneifen, wenn ich daran vorbeifahre. Vielleicht darf man hinter der Architektur, der Innenausstattung und der überschäumenden poetischen Auslassungen des Architekten auch ein wenig Ironie und Witz vermuten. Das wäre in der Tat sehr tschechisch! Und damit kommt man wieder zu der Frage: Warum dieser Hass?

Vielleicht steckt dahinter eine kommunistische Verschwörung. Wer weiß? Womit wir bei der Vorgeschichte des Hotels sind. Es befindet sich auf einem ehemaligen kommunalen Gelände von großen Ausmaßen. Die bürgerliche Stadtregierung wollte das Gelände nach dem Ende des Kommunismus verkaufen. Das Hotelunternehmen kaufte es für 80 Millionen Kronen, die nun ins Stadtsäckel flossen. Die örtliche Kommunistische Partei (KSČM Praha 3) war dagegen und wollte das Ganze nur verpachten. Endgültig als Stich in das kalte rote Herz empfanden sie es, dass man nicht nur Land an einen Hotelkapitalisten verkaufte, sondern den östlicheren Teil des Geländes an Radio Free Europe – Radio Liberty, das in den Zeiten des Kalten Krieges so viel zum Untergang des Sowjetkommunismus beigetragen hatte (früherer Beitrag hier). Und dem trauert die KSČM bekanntlich immer noch nach. Weder Radio Free Europe noch das Hotel konnten die Kommunisten verhindern. Die Wut darüber saß tief. Noch 2012 beschwerte sich ein Kandidat über die damaligen Ereignisse, „ich versichere Ihnen, dass es uns bei der Baukommission gelungen ist, noch schlechtere Optionen zu verhindern. Es hätte eine noch größere und aufgedunsene Schachtel sein können.“ Ärger kann man seine Empörung über den Kapitalismus und seine Werke nicht ausdrücken.

Leider ist es mir noch nicht gelungen, der Verschwörung tiefer auf den Grund zu gehen, und zu zeigen, warum auch ausgesprochen bürgerliche Architektur-Kritiker sich ebenfalls recht despektierlich äußerten, wie etwa Zdeněk Lukeš („Dies ist die Art von Architektur, die Prag entehrt.“), der ehemalige Architekturberater von Präsident Václav Havel. Der war ja gewiss nicht des Kommunismus‘ verdächtig. Vielleicht gibt es ja keine Verschwörung. Vielleicht versteht nur keiner die Ironie hinter dem Gebäude. Ironisch zu sein, ist ja immer gefährlich, weil nur die wenigsten Ironie verstehen. Oder vielleicht steckt in dem Entwurf auch keine Ironie, sondern es handelt sich tatsächlich um Kitsch pur. Ist egal, ich finde das Gebäude irgendwie einfach schräge und mag es. Punkt! (DD)