Architektenpantheon

Hier feiert die Architektur sich selbst! Man könnte Stunden vor dem Gebäude verbringen, um die Geschichte der Baukunst in Böhmen zu studieren.

Wir stehen vor dem Bondy Haus (Bondyho dům)  Na poříčí  1059/43, Ecke Těšnov, in der Neustadt. Und hier findet man fast alle der großen Baumeister, die in Böhmen bis zur Zeit des Barock gewirkt haben. Allerdings nur in Stuck. Das vierstöckige Wohnhaus selbst wurde in den Jahren 1891/92 an Stelle eines früheren einstöckigen Gebäudes innerhalb eines Jahres gebaut, was im Kontext der Zeit eine erstaunliche Leistung war. Entworfen und gebaut wurde es von dem Architekten und Bauherrn František Kindl. Daher wird das Haus manchmal auch Kindlův dům genannt.

Eigentlicher Namensgeber und Bauherr des Bondyho dům war Gottlieb Lazar Bondy (für Tschechen auch: Bohumil Bondy). Der war ein jüdischer Geschäftsmann, der sich vor allem durch sein soziales und politisches Engagement einen guten Namen verschafft hatte. Er wirkte unter anderem in der Tschechisch-Jüdischen Bewegung (českožidovského hnutí) mit, die die liberalen Bestrebungen tschechischer Nationalreformer im Habsburgerreich untersützte. Ab 1883 war er sogar direkt gewähltes Mitglied im Böhmischen Landtag. Nebenbei bereicherte er noch die Geschichtsforschung mit seinem bahnbrechenden Quellenwerk K historii Židů v Čechách, na Moravě a ve Slezsku, 906-1620 (Zur Geschichte der Juden in Böhmen, Mähren und Schlesien), das 1906 erschien.

An sich handelt es sich bei seinem Haus bautechnisch um eine damals nicht unübliche moderne Konstruktion aus Stahl, aber mit einer historisierenden Fassade, die das ein wenig verschleiert. Aber die skulpturale Ausstattung ist dennoch bemerkenswert. Bondy hatte dafür den berühmten Bildhauer Bohuslav Schnirch (wir berichteten über ihn u.a. hier, hier hier und hier) gewonnen. Der war ein Spezialist für Neorenaissance, weshalb man viele der üblichen klassisch-antik anmutenden Motive wiederfindet (Bild oberhalb links).

Um die Besonderheit der skulpturalen Ausstattung zu erkennen, die das Gebäude von der üblichen historistischen Mietshaus-Architektur des späten 19. Jahrhunderts abhebt, muss man den Blick nach oben schweifen lassen. Es beginnt bei dem charakteristischen Eckturm, der von drei Statuen gerahmt ist. Es handelt sich um Allegorien, die sich bereits um die Architektur drehen: Architektur, Baumeisterei und Ingenieurskunst.

Darunter, d.h. zwischen den Fenstern des obersten Stockwerks, befindet sich ein wahres Pantheon der böhmischen Architektur. Jeweils von einer Muschel gerahmt, befinden sich hier Büsten großer böhmischer Architekten bzw. von Architekten, die in Prag wirkten. Geordnet sind sie in chronologischer Reihe mit ihren Lebensdaten vom Mittelalter bis zum Barock im 18. Jahrhundert.

Die große Blüte der Gotik im Mittelalter ist präsentiert durch Abt Božetěch (Baumeister der romanischen Teile der Prager Burg), Matthias von Arras, Peter Parler (der Erbauer des Veitsdoms), Johann Parler (Bild links) , Peter von Prachatitz, Matěj Rejsek (siehe auch hier), Benedikt Ried.

Aus der Zeit der böhmischen Renaissance finden wir hier Meister Staněk (Bild rechts), der Erbauer der Dekanatskirche im nahen Tábor, und den im Tessin geborenen Architekten Paolo della Stella. Letzterer erlangte durch die Gestaltung der Königsgärten bei der Burg und das architektonisch originelle Jagdschloss Stern unsterbliche Berühmtheit in Prag.

Und dann sind da noch Baumeister der Barockzeit. Carlo Lurago, Giovanni de Capauli, Christoph Dientzenhofer, Johann Bernhard Fischer von Erlach, Marco Antonio Canevale und Kilian Ignaz Dientzenhofer (Bild links), der u.a. in Prag die Johann-Nepomuk-Kirche auf dem Felsen (wir berichteten hier) erbaut hat. Insbesondere wegen der Tschechisierung der Orthographie bei den deutschen Namen (etwa Fišer statt Fischer bei Fischer von Erlach) muss man manchmal raten, wer hier wer ist. Aber das macht das Gebäude noch mehr zu dem Kultur- und Bildungsspaß, das es so schon ist. (DD)

Und oben thront Venus

Die Liebe steht über allem! Jedenfalls sieht sie von diesem hohen Giebel des vierstöckigen Wohnhauses in der Chopinova 1493/24 an der Ostseite des Rieger Parks (Riegrovy sady) im Stadtteil Vinohrady (an der Grenze zum Stadtteil Žižkov wohlwollend auf uns herab.

Das hübsche Relief der antiken Liebesgöttin Venus, die von einem Paar zweier Liebenden umrahmt ist, ist in einen Giebel mit vielen Rundbögen eingebettet, der bewusst an die Architektur der böhmischen Renaissance nachempfunden ist. Die Kombination von Historismus und Jugendstil verdanken wir dem Architekten Ladislav Čapek, der sich später unter anderem durch einige moderne Kirchenbauten hervortat (Beispiel hier).

Das Haus wurde im Jahre 1908 nach seinen Entwürfen erbaut. Mit seiner dreiflügeligen Fassade und dem großen Mittelerker passt es zu dem großbürgerlichenAmbiente der Umgebung, die um die Jahrhundertwende baulich erschlossen wurde – Aussicht auf den Park inbegriffen. Auch unterhalb des Giebels besticht das Haus, das 1913 einige unwesentliche Baumodifikationen erfuhr, durch seine opulenten Stuckarbeiten.

Aber das optische Herzstück des Gebäudes ist immer noch die Liebesgöttin hoch oben, die den Liebe Suchenden ihre Gunst erweist. Sie erinnert ein wenig an Sandro Botticellis berühmte schaumgeborene Venus – die klassische Darstellung aus der Zeit der frühen italienischen Renaissance. Möglicherweise handelt es sich um eine bewusste Nachempfindung mit einigen künstlerischen Freiheiten. (DD)

Tschechische Zeitmessung

Gehen bei den Tschechen die Uhren anders? Zumindest früher war das tatsächlich so. Diese Sonnenuhr aus dem Jahre 1608 bemisst das altböhmische Zeitmaß, bei dem nicht die Uhrzeit, sondern die Zeit, die seit dem Sonnenaufgang vergangen ist, in Stunden dargestellt wird. Die gemalte Sonnenuhr war übrigens lange unter dem Putz des Hauses verschwunden und wurde erst 1995 wiedergefunden und frisch rekonstruiert.

Zurecht kann man erwarten, dass ein Haus mit solch einer Uhr noch mehr zu bieten hat. Und so ist es auch mit dem Velikovský Haus (Velikovský dům) in der Tomášská 518/1, Ecke Malostranské náměstí (Kleinseitner Ring) auf der Prager Kleinseite. Auf eine lange Geschichte kann dieses dreistöckige Wohnhaus an zurückblicken. Zum ersten Mal wurde es 1354 schriftlich erwähnt. Während der Hussitenkriege nahm es um 1420 schweren Schaden, wurde aber wieder aufgebaut. Ein größerer Umbau mit Vergrößerungen fand um 1470 statt. Einer der mittelalterlichen Besitzer gab dem Haus wohl den Namen. Bisweilen wurde es auch Lázeň (Bad) genannt, was wohl auf einen früheren Verwendungszweck hindeutet.

Beim Großen Feuer von 1541, das große Teile der Kleinseite verwüstet hatte, wurde das bis dato gotische Haus arg in Mitleidenschaft gezogen. Aber zwischen 1543 und 1552 baute man es wieder neu auf. Beim Wiederaufbau wurde es allerdings – dem Geschmack der Zeit entsprechend – in ein Renaissancegebäude umgewandelt. Mehr Wandel erfolgte: Die Uhr von 1608 war wohl Teil von einem von mehreren Umbauten im Stil des Barock, die im Laufe des 17. Jahrhunderts erfolgten – insbesondere in den Jahren 1638, 1653 und zuletzt 1680. Aber tatsächlich sieht man von allen diesen barocken Um- und Neubauten heutzutage zumindest äußerlich relativ wenig.

Denn der „alte“ Eindruck, den das Haus von außen heute beim Betrachter hinterläßt, geht auf sehr historistische Renovierungen des 19. Jahrhunderts zurück. Es begann im Jahre 1838 mit der klassizistisch angehauchten Fassadengestaltung durch den Architekten Josef Tredrovský, der hier viele Elemente des böhmischen Renaissancestils, etwa den schönen Erkerturm, einfließen ließ. Das heißt, er griff dabei eher auf die vorbarocke Gestalt des Hauses zurück.

Vollendet wurde dieser Rückgriff durch die zierlichen Sgraffito mit feinem Blumenzierat (Akanthus), die man auf dem Erker und dem Giebel sehen kann. Die sind das Werk des Bildhauers Celestýn Klouček, der sie im Jahr 1899 anfertigte. Zu diesem Zeitpunkt gehörte das Gebäude übrigens dem Adelsgeschlecht der Grafen Sternberg. Franz Adam Graf von Sternberg, dem bereits das Nachbargebäude, der Sternberg Palais (Šternberský palác; siehe auch unseren Beitrag hier) gehörte, erwarb das Gebäude im Jahr 1761. Deshalb wird es manchmal statt Velikovský dům auch Šternberský dům (Sternberg Haus) genannt.

Obwohl die beiden Häuser architektonisch und stilistisch recht unterschiedlich sind, bilden sie im Erdgeschoss durch die spätmittelalterlichen Arkaden so etwas wie eine Einheit. Da sich der Arkadengang auch auf das neben dem Palais Sternberg gelegene Smiřický Palais (palác Smiřických) erstreckt, kann man heute bei Regen immer noch die gesamte Nordseite des Kleinseitner Rings trockenen Fußes bewältigen. Die angrenzende Ostseite des Kleinseitner Rings ist genauso gestaltet, was mit zur Schönheit des Ortes beiträgt.

Die Nachfahren von Graf Sternberg übergaben Haus und Palais übrigens 1901 dem Böhmischen Landesausschusses (was einer Landesregierung entsprach) hier statt, denn das Gebäude liegt sehr nahe beim Landtag im Palais Thun. Das Palais Thun ist heute der Sitz des tschechischen Abgeordnetenhauses. Beide Sternberg-Gebäude gehören seit 1993 zum Parlament. Um es als Verwaltungsgebäude des Parlaments nutzbar zu machen, renovierte man das Šternberský/Velikovský Haus. Dabei fand man auch die alte Sonnenuhr und setzte sie wieder instand. Ach ja, und wer mit der alt-tschechischen Zeitrechnung nichts anfangen kann, der findet eine zweite Sonnenuhr (zur Platzseite des Kleinseitner Rings hin), die die Stunden auch auch konventionelle Weise anzeigt. 1608 hat man halt an alles gedacht. (DD)

Die Akademie in der Sparkasse

Dieser Wissenschaftstempel in der Národní 1009/3 in der Altstadt lässt den Betrachter darüber schwärmen, wie viel den Bürgern Böhmens damals die Erforschung der Welt wert war. Aber damit liegt er nicht ganz richtig. Denn das heutige Gebäude der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik (Akademie věd České republiky) war ursprünglich eher ein Tempel des Geldes.

Für die 1823 gegründete Česká spořitelna (Böhmische Sparkasse, heute Tschechische Sparkasse) entwarf der bekannte Architekt Vojtěch Ignác Ullmann (siehe u.a. diesen und diesen früheren Beitrag) ursprünglich dieses Riesengebäude im Stil der Renaissance. Der schon recht groß dimensionierte Bau wurde 1895 durch den Wiener Architekten Friedrich Schachner erweitert. Wie Ullmann war auch Schachner ein Anhänger des Historismus, so dass die Geschlossenheit des Baukonzepts gewahrt blieb.

In dem schönen Treppenhaus im Eingangsbereich (man sieht es im großen Bild oben) hängt immer noch eine riesige Marmortafel, die an die feierliche Einweihung des Bauwerks durch die Sparkasse erinnert und einen Wegweiser zu den einzelnen (heute dort gar nicht mehr residierenden) Abteilungen derselben bietet. Einen Wegweiser brauchte der Bankkunde damals wohl. Man muss es nur von außen ansehen, um zu bemerken, dass das Gebäude an der Frontseite alleine 25 Fensterachsen hat, und um damit zu erkennen, wie groß und weitläufig das Ganze wohl sein muss. Es war das Zeitalter der Industriellen Revolution und das Bankwesen boomte im reichen Böhmen.

Das ging auch so weiter bis die Kommunisten 1953 das Sparkassenwesen im Lande zu umorganisierten, dass das Gebäude seine Funktion verlor. Aber man hatte auch gleichzeitig eine neue Nutzung im Sinn. Von 1954 bis 1956 wurde das Gebäude innen umgebaut, um die 1952 gegründete Tschechoslowakische Akademie der Wissenschaften zu beherbergen. Die war aus der Fusion der schon 1769 gegründeten Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften Böhmens (die bis dato im Buquoy Palast nahe der Karlsuniversität residiert hatte) und der 1888 initiierten Tschechischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Česká akademie věd a umění) entstanden.

Und so kommt es, dass die Akademie der Wissenschaft heute in einem Gebäude residiert, dessen künstlerische Ausschmückung immer noch auf den ursprünglichen Zweck als Sparkassenzentrale hinweist. Auf dem Dach befinden sich je über den beiden Risaliten Skulpturengruppen der akademischen Bildhauer Antonín Wildt und Otto Mentzel, die allesamt Allegorien zu Fleiß, Arbeit und Sparsamkeit darstellen.

Das gilt auch für das Treppenhaus am Haupteingang, das wir oben sehen. Die prachtvollen Löwen sind ebenso ein Werk des Bildhauers Josef Václav Myslbek (dem wir die Wenzelsstatue auf dem Wenzelsplatz verdanken) wie die an den Wänden befindlichen weiblichen Allegorien auf den Sieg der Sparsamkeit (beides 1895 gestaltet). Aber mal ehrlich: Gerade die Wissenschaft wird nicht immer so mit Geld gesegnet, wie sie es gerne hätte, und daher ist die Vermittlung des Ideals der Sparsamkeit an dieser Stelle vielleicht gar nicht so fehlplatziert.

Weiter drinnen kommen die Änderungen durch Schachner mehr zum Tragen, die sich durch eine besondere Opulenz auszeichnen – ganz im Gegensatz zu der eigentlich sehr nüchternen Außenfassade, die Ullmann gestaltete. Das beste Beispiel ist der zu einem Atrium umgestaltete ehemalige Innenhof. Er dient nun als Lesesaal der Akademie. Durch die geschmackvoll gestaltete Glasdecke kommt natürliches Licht. Vor allem die beiden unter einem Balkon angebrachten Karyatiden, die man rechts sieht, machen zweifellos etwas her! Dass das mal eine Bankhalle war, vergisst man da glatt. In solch einem Raum lässt sich auch wissenschaftliche Kontemplation genießen! Da die Akademie öfters auf Ausstellungen präsentiert, bietet sich auch die Gelegenheit, das Ganze mal innen zu inspizieren.

Von hier aus fördert die von der Vorsitzenden Eva Zažímalová geleitete Akademie, die hier und in ihren rund 50 Nebenstellen rund 6400 Mitarbeiter beschäftigt, Grundlagenforschung – wobei primär die Naturwissenschaften im Mittelpunkt stehen. Das überaus repräsentative Gebäude, das der historisch versierte Ullmann derein der Nationalbibliothek von St. Markus (Biblioteca Nazionale Marciana) des Frührenaissance-Architekten Jacopo Sansovino in Venedig nachempfunden hatte, hat sich in seiner neuen Funktion so bewährt, dass wohl niemand mehr etwas daran ändern möchte. (DD)

Lebensbaum

Der Lebensbaum war ein beliebtes Motiv bei den Künstlern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts Man findet es immer wieder auch auf Häuserfassaden der Zeit (früheres Beispiel hier). Ein besonders beeindruckendes Exemplar sieht man bei diesem Wohnhaus in der Sokolovská 416/124 im Stadtteil Karlín (Prag 8).

Das vierstöckige Haus wurde im Jahr 1903, als Karlín sich zu einem städtischen Zentrum entwickelte, von dem Architekten und Bauunternehmer Bohumil Štěrba, einem Schüler des ungleich bekannteren Architekten Josef Blecha, erbaut.

Štěrba hatte sich mit historistischen Gebäuden einen Namen gemacht, wie etwa der 1910 gebauten Kirche St. Peter und Paul (Kostel svatého Petra a Pavla) im nordböhmischen Semily. Bei dem Gebäude in der Sokolovská lässt sich das auch beobachten. Die Dekoration des Hauses ist eine vorsichtige Nachempfindung des Stils der böhmischen Renaissance., der mit Elementen des Jugendstils angereichert ist

Das Haus – somit im Grunde ein Reihenhaus – hat Štěrba zusammen mit dem daneben stehenden Gebäude der Nummer 415/122 gebaut, das aber wesentlich schlichter daherkommt. Haus 416/124 ist jedenfalls reichhaltig ornamentiert. Dazu gehört nicht nur der ungeheuer symbolistisch wirkende Lebensbaum, der im Zentrum der Fassade sich über zwei Stockwerke erstreckt, und sich sehr symmetrisch aus ineinander rankenden Stämmen nach oben erstreckt. Das Baummotiv taucht in kleinerer Form (als Sprößling sozusagen) auch an anderen Stellen auf der Fassade auf, wie man auf dem Bild oberhalb links sieht. Daneben (oberhalb rechts) tauchen auch konventionellere Motive auf..

Darüber befindet sich noch zentral auf Höhe des dritten Stocks ein hübsches, im Stil der Neorenaissance gehaltenes Madonnenbild. Es handelt sich im ein Keramikrelief in rechteckiger Kartusche, das Maria mit dem Jesuskind zeigt. Das könnte in einem Sinnzusammenhang mit dem heilsgeschichtlichen biblischen Motiv des Lebensbaums nach Offenbarung 2,7 („…wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der in der Mitte des Paradieses Gottes ist“). Das Marienmotiv war in dieser Zeit ein recht gängiger Fassadenbestandteil. (DD)

Vom Schlachthof zum Kulturtreffpunkt

Betritt man die Prager Markthallen (Pražská tržnice) muss man an dieser Skulptur eines kräftigen Bullen, dem sich ein alter Slawe beigesellt hat, vorbei. Und darunter prangt das Wappen der Hauptstadt Prag. Das erinnert daran, dass der friedliche Markt dereinst einem anderen und blutigeren Zweck diente.

Die beiden Bullen, die von den berühmten Bildhauern Bohuslav Schnirch (wir berichteten über ihn u.a. hier und hier) und Čeněk Vosmík (hier und hier) geschaffen wurden, führen uns nämlich in das Areal des ehemaligen Zentralschlachthofes der Königlichen Stadt Prag (Ústřední jatka královského města Prahy). Deshalb auch das in Stein gemeißelte offizielle Wappen der Stadt auf dem Sockel der Statuen….

Ende des 19. Jahrhunderts brachte die Industrielle Revolution ein ungeheueres Wachstum der Bevölkerung – vor allem in den Städten – mit sich. Immer stärker professionalisierte Stadtverwaltungen versuchten, den neuen Gegebenheiten durch den Aufbau von Infrastruktur gerecht zu werden. Um die in Großstädten schon aus hygienischen Gründen problematischen Hausschlachtung der Vergangenheit einzudämmen, wurden Schlachthöfe angelegt; eine Idee, die aus Amerika kam. Hier konnte Fleischproduktion und -verkauf in industriellem Ausmaß betrieben werden.

So geschah es auch in Prag in den Jahren 1893 bis 1895 als die Bauunternehmer und Architekten Alois Elhenický und Josef Srdínko am Bubenské nábřeží, dem Moldauufer bei Holešovice (heute Prag 7), im Auftrag der Stadt das heute noch zu sehende Areal im damals modernen Stil der Neorenaissance bauten. Fast 30 Gebäude umfasst der Komplex, wobei einige davon mehrere Hallen umfassen. Dem wirtschaftlichen Zweck diente, dass sich hier zugleich Schlachthäuser und Großmarkthallen befanden. Für sie gab es Entladerampen. Um den Transport zu erleichtern, waren diese wiederum mit dem Eisenbahnsystem verbunden. Vom Bahnhof des nahen Ortsteils Bubeny führten Gleise in das Areal.

Auch sonst war man technisch up-to-date. Um gewisse Hygienestandards zu wahren, gab es ein eigenes, großzügig eingerichtetes Wasserversorgungssystem. Dessen Kernstück kann man immer noch bewundern, nämlich den quais zu mWahrzeichen der Anlage gewordenen Wasserturm des Prager Schlachthofs (Vodárenská věž Pražských jatek), ein Neorenaissance-Gebäude, das ebenfalls von Srdínko entworfen wurde. Da der Schlachthof 1920 an die normale öffentliche Wasserversorgung angeschlossen wurde, wird er seither auch nicht mehr für seien Ursprungszweck genutzt, sondern beherbergt heute Büros.

1932 wurden die Dampfheizungen durch ein zentrales Heizungssystem (das sich aus einem nahem Kraftwerk speiste) und die Gasbeleuchtung durch elektrisches Licht ersetzt. Moderne Ammoniak-Kühlhäuser sorgten dafür, dass das Fleisch auch frisch und gekühlt blieb. Auch der Zahlungsverkehr wurde 1919 modernisiert. Die Metzger- und Wurstwarengenossenschaft gründete dazu eine eigene Bank, die Řeznicko – uzenářská Banka, die bis 1942 existierte. Anhand ihrer Umsatzzahlen kann man sich ein Bild von der Größe des Schlachthofgeschäfts machen. Für das Jahr 1929 alleine konnten 73 Millionen Kilo Fleisch und 85 Millionen lebende Rinder zu einem Preis von 1.870.000.000 CZK verkauft werden.

Und so funktionierte es über lange Zeit. Erst 1983 wurde der Schlachtbetrieb beendet und beschlossen, die Anlage in Markthallen umzuwandeln. Ursprünglich sollte hier nur der Großhandel angesiedelt werden, aber inzwischen ist die Nutzung vielfältiger. Neben dem Großhandel findet man auch kleine Geschäfte, etwa ein Schuhgeschäft und eines für Gartengeräte.

Eine gewisse Attraktion ist der Asienmarkt, dessen Eingang man links sieht, und wo hauptsächlich Geschäftsleute der in Prag recht großen vietnamesischen Community ihre Waren anbieten.

Auch viele Firmenbüros haben sich hier angesiedelt. Einer der größten Online-Shops für Haushaltselektronik und Medien, alza.cz, hat hier seine Hauptgeschäftsstelle. Dienstleister wie eine Autowaschanlage finden hier ebenfalls. Auch Restaurants haben hier mittlerweile Einzug gehalten, was auf eine neuere Entwicklung hindeutet, nämlich der Markt als sozialer und kultureller Treffpunkt.

Schon etliche Jahre gibt es regelmäßig Bauernmärkte auf dem Areal. Andere öffentliche Veranstaltungen kamen dazu. 2020 fand hier zum ersten Mal großes Fest der tschechischen Kleinbrauereien Pivo v Tržnici statt; man sieht es rechts. Ein Spektakel! Und immer mehr reine Kulturveranstaltungen kommen dazu.

Der Trend verfestigt sich im wahrsten Sinne des Wortes in dem seit 1993 als Kulturdenkmal registrierten Areal. Es gibt nicht nur einen Tanzclub, sondern mit dem Rock Opera Theater hat sich auch ein großer und innovativer Spieler der Prager Kulturszene hier nunmehr angesiedelt. Das kommt nicht von ungefähr, denn trotz des ursprünglich so blutigen Zwecks des Gebäudekomplexes, ist die Architektur sehr geschmackvoll und ansprechend.

Das Gebäude der Verwaltung (kleines Bild rechts) sei erwähnt, an dem sich auch die oberhalb gezeigte klassische Büste befindet. So nett ist das Ganze, dass es 2012 sogar eine Diskussion unter den Stadträten von Prag 7 gab, ob man nicht hier ein neues Rathaus für den Stadtteil einziehen lassen könnte. Die Idee wurde aber am Ende fallengelassen. Am Boom des Ortes hat das nichts geändert. (DD)

Bier mit öffentlicher Unterstützung

Im späten 19. Jahrhundert entstand so etwas wie eine moderne Stadtverwaltung und Stadtregierung in Prag. Sie bemühte sich um die Versorgung der Bürger mit den notwendigsten Dingen, wie zum Beispiel sauberes Wasser. Aber welcher Tscheche trinkt schon Wasser? Also kamen die Stadtväter 1895 in der damals noch nicht zu Prag gehörenden Stadt Holešovice (heute Prag 7) auf die Idee, man müsse doch das Bierbrauen stärker unterstützen. Dem verdanken wir ein schönes Stück Architektur im Stadtteil, aber ansonsten zeigte sich mal wieder, dass gut gemeinte Staatseingriffe nicht immer nur Gutes bewirken…

In jenem Jahr beschloss der Rat, dass mit seiner Unterstützung eine (immerhin private) Aktiengesellschaft eingerichtet werden solle, damit es endlich eine richtige Großbrauerei geben möge. Und so konnte 1897 die riesige Bürgerbrauerei (měšťanský pivovar) auf einem für andere Brauereien unerschwinglich großen Areal von 36.000 Quadratmetern an der U Průhonu 800/13 (Ecke Komunardů) eröffnet werden.

Die Unternehmensleitung übertrug man Karel Vendulák, der bereits in der Altstadt die Brauerei U Medvídků (Zum Bärchen) besaß, über die wir hier schon berichteten. Man sieht heute noch an dem großen Schornstein (Bild rechts), wie industriell hier nun das Braugewerbe betrieben wurde. Schon im ersten Jahr konnte der Betrieb 56.000 Hektoliter vom guten Gerstensaft verkaufen, das sich 1914 schon auf 160.000 Hektoliter steigern ließ. In den Bilanzen las sich das auch gut, aber als Nebeneffekt gingen fast sämtliche kleinen Brauereien im Orte (meist nur Kneipen, die im Hinterraum brauten, was sie ausschenkten), von denen es bis dato viele gab, pleite.

In der Ersten Republik exportierte man sogar kräftig ins Ausland – bis hin nach Chicago. 1948 erfolgte die nächste Stufe der Staatsintervention. Die Brauerei wurde von den Kommunisten verstaatlicht und einem großen staatlichen Brauereiverband unterstellt. Gleichzeitig wurden noch mehr kleine Brauereien in Holešovice, in Prag, im ganzen Land gewaltsam geschlossen. Dadurch stieg der Output der nunmehr Pražské pivovary (Prager Brauereien) genannten Měšťanský pivovar (trotz des Verlustes kaufkräftiger westlicher Märkte) noch einmal auf 400.000 Hektoliter pro Jahr. Allerdings waren sich alle Bierfreunde des Landes einig, dass die Qualität merklich schlechter wurde – es gab ja schließlich auch keine Konkurrenz mehr, die Anstrengungen zur Geschmacksverbesserung hätte antreiben können.

Der Kommunismus landete 1989 auf dem Müllhaufen der Geschichte. Die Brauerei wurde nun privatisiert und 1990 vom englischen Traditionsbrauer Bass übernommen. Der modernisierte den durch Staatswirtschaft heruntergekommenen Laden. So war die Brauerei die erste im Lande, die Mitte der 1990er Bier in modernen Stahlfässern lieferte. Das nutzte aber nichts. Der vorherige Imageschaden war zu groß. 1998 wurde die Produktion von Bier hier eingestellt. Und der Stadtteil Holešovice weist – als Langzeiteffekt der Staatsintervention – immer noch eine der geringsten Dichten an Kleinbrauereien in Prag auf (Ausnahme hier).

Aber immerhin gibt es noch den großangelegten Gebäudekomplex. Mälzerei, Brauerei, Kornkammer, Maschinenraum, Verwaltungsgebäude – sie sind alle noch erhalten. Entworfen wurden sie in einem Guß von den Architekten Josef Bertl und Otakar Bureš (siehe auch hier), die dabei in einem geradezopulenten Historismus schwelgten.

Heute sind hier unzählige Büros und sogar eine Arztpraxis angesiedelt. Alles wurde luxuriös renoviert und ist schön anzuschauen. Die Atmosphäre kann man in eine Café mit Außengastronomie bewundern. Man betritt des Hof der dem Stil der böhmischen Renaissance nachempfundenen Gebäude durch einen herrlichen, einer Burg ähnelnden Toreingang mit putzig bezinnten Türmchen. Das hat was! Heutige Industriearchitektur strahlt in den meisten Fällen nicht nicht mehr solch eine gediegene Kultiviertheit aus. Immerhin hat so der Ratsbeschluss von 1895 auch etwas Positives hinterlassen.

Und überall sieht man das Prager Stadtwappen und Insignien, die alten Zunftzeichen der Brauer nachgebildet sind. Das gilt nicht nur für die Außenfassaden, sondern auch für die Innenräume, wo sie zum Teil noch mit neo-barockem Stuckwerk umgeben sind (Bild rechts aus der Arztpraxis). An der Ausstattung hat man damals jedenfalls nicht gespart. Und dass hier kein Bier mehr gebraut wird, muss niemanden erschüttern. Die Befürchtung von 1895, dass ohne öffentliche Intervention den Pragern das Bier ausgehen könnte, hat sich nicht bewahrheitet. Das Prager Brauereiwesen ist auch so immer noch äußerst lebendig! (DD)

Rüde Rudé Právo

Als der Palais gebaut wurde, befand man sich hier im Grünen. Die Stadt wuchs und wuchs. Heute hat der Palais Desfour (Desfourský palác) an der Na Florenci 1023/21 (Neustadt) das Pech, dass er ein wenig arg von Eisenbahnschienen und Autobahnzubringern eingekesselt ist. Was schade ist, denn so wurde ein architektonisches Juwel dem Vergessen und dem allmählichen Verfall überantwortet.

Es ist ein Gebäude der Kontraste. Von außen sieht man eine klassizistische Fassade, die wegen ihrer feinen Strenge wenig von dem verrät, was sich dahinter verbirgt. Die klassizistische Klarheit der Form beeindruckt um so mehr, wenn man weiß, dass sie das Werk des Architekten Josef Kranner ist. Der war als Dombaumeister des Veitsdoms bekannt und galt deshalb als Spezialist für eher verspielte Gotik (Beispiel hier). Erst bei näherem Hinschauen erkennt man die Schönheit der Fassade.

Gebaut wurde der Palais (oder besser: die Stadtvilla) in den Jahren 1845 bis 1847 von dem in den Adelsstand erhobenen Industriellen Ritter Albert Freiherr Klein von Wisenberg, der es aber noch während der Bauarbeiten an seinen Ko-Unternehmer in diesem Projekt verkaufte, dem Landbesitzer und Politiker Franz Vincenz Graf Des Fours Walderode zu Mont und Athienville. Der gab dem Haus dann auch den Namen – jedenfalls in Kurzfassung…

Ein Teil des dreistöckigen Hauses diente fortan als gräfliche Wohnung, der Rest wurde vermietet. 1878, neun Jahre nach dem Tod des namensgebenden Grafen, verkaufte dessen Witwe das gesamte Anwesen – Palais samt dem dazu gehörenden Garten. Damit begann der Abstieg des Hauses, das nunmehr ausschließlich Mietshaus war und auch bald nicht mehr so recht im Grünen lag, sondern neben lauten Eisenbahngleisen. Aber irgendwie ging es weiter. Dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, kamen die Kommunisten an die Macht. Das bedeutete selten etwas Gutes für architektonische Kulturschätze. Und so war es auch in diesem Fall. Langsamer Verfall setzte ein.

Der wurde noch einmal beschleunigt, als 1951 der neue Inhaber erst einmal das hübsche Gewächshaus im Garten abriss. Es handelte sich bei dem Besitzer um die Redaktion und Verwaltung des kommunistischen Zentralorgans Rudé Právo (Rotes Recht). Mit der Inneneinrichtung ging Rudé Právo recht rüde um. Leitungen wurden durch Stuck gebrochen, Kabel verdrahteten die Räume und die Hässlichkeit der Einrichtungsgegenstände, die wahllos eingebaut wurden, besticht schon irgendwie auf eigene Art – hier ein Ofen und ein Telefon (beides vermutlich aus den 1970er Jahren) als Beispiele.

1983 wurde gar der ganze Westflügel abgerissen, um Platz für die Druckerei von Rudé Právo zu machen. Die wurde übrigens 1989 fertiggestellt und konnte eine Ausgabe des Blatts drucken. Dann kam das Ende des Kommunismus und damit das Ende der Rudé Pravo. Die Zeitung existiert – losgelöst von der Kommunistischen Partei – als unabhängiges linkes Presseorgan unter dem Namen Právo weiter, aber wesentlich kleiner als das Vorgängerblatt. Deshalb war der Palais Desfour zu groß und man residiert heute etwas außerhalb in kleineren Räumlichkeiten. Aber die Schäden im alten Gebäude blieben – bis heute.

Und seit den 1990er Jahren steht das Gebäude leer. Der alte Park hinter dem Haus wurde gestalterisch den luxuriösen neuen Gebäude- und Bürokomplexen der Umgebung zugeschlagen. Er wurde rundum erneuert, aber eben nicht mehr passend zum Stil des Palais‘. Immerhin – eine kleine Ruhezone inmitten der Stadt ist hier entstanden. Aber für das Haus schienen sich weder Käufer noch Nutzungsmöglichkeiten finden. 1995 erbarmte sich die Stadt selbst und das Gebäude wurde in deren Besitz überführt. Zu einem Aufleben der alten Pracht hat das aber seither noch nicht so recht geführt.

Wie traurig das ist, kann nur erahnen, wer einmal drinnen war. Das Haus wird leider nur selten für die Öffentlichkeit geöffnet. Die Gelegenheit zur Besichtigung bietet sich bisweilen bei dem Tag der offenen Tür für historische Gebäude, hier Open House Praha genannt. Bei der Gelegenheit wurden im September 2020 die Photos hier geknipst. Trotz des Verfalls und den kommunistischen Verunstaltungen kann man dann ein immer noch zutiefst beeindruckendes Bauwerk sehen. Das liegt vor allem an den farbenfohen Wand- und Deckenmalereien des Malers Karel Nacovský, die wundervoll von dem Stuckateur Ferdinand Pischelt in Stuck eingefasst wurden. In dieser Qualität sieht man selbst im schönen Prag so etwas selten.

Besonders im ersten Stock wechseln sich nachempfingen von Renaissance- und Barockmalereien ab. Die Decken sind in der Regel besser erhalten als die Wandgemälde – wohl aber nur deshalb weil sie sich möglicherweise etwas mehr außerhalb der Reichweite der Kulturschänder befanden, die hier dereinst hausten. Aber auch hier ist hoher Reparaturbedarf sichtbar. Immerhin hat die Stadt in den letzten Jahren mit der Restauration einiger Malereien angefangen. Stützgerüste sichern auch einige Deckenstrukturen vor dem Absturz. Aber das ersetzt nicht eine Vollrenovierung mit anschließender sinnvoller Nutzung.

Die sollte auch die verschiedenen Nutzungsphasen (nur bitte nicht zuviel von der kommunistischen!) präsentieren. Denn im zweiten Stock wollte man Anfang des 20. Jahrhunderts dem Neobarock bzw. der Neorenaissance des ersten Stocks eine damals moderne Note hinzuzufügen. So findet man hier auch Spuren einer hübschen Einrichtung im Jugendstil (Art Nouveau). Dazu gehört der außerordentlich hübsche von Holz und Marmor umfasste Kamin mit Spiegel auf dem Bild rechts mit seinen metallenen Schmuckgittern. Anscheinend war ein großer Teil dieser Etage völlig stimmig dazu gestaltet worden.

Das ästhetische Kernstück ist jedoch das große Treppenhaus. Es ist durch alle Stockwerke hindurch mit Marmor verkleidet. Ein Deckengemälde mit Stuck schließt es oberhalb ab. Klassische Säulen und kunstvoll geschmiedete Gußeisengeländer zieren das Ganze. Aber auch hier sind zurzeit Teile nicht begehbar und werden restauriert. Es wird Zeit, dass sich etwas tut. Immerhin: Seit 2016 diskutiert man, ob hier nicht ein Prager Archäologiemuseum als Abteilung des Museums der Hauptstadt Prag (wir berichteten) eingerichtet werden soll.

Die Planungen für den Ausbau des Hauptstadtmuseums sind allerdings gegenwärtig großen, politisch aufgeladenen Schwankungen ausgesetzt. Aber die Chancen, dass dieses sinnvolle und passende Projekt realisiert werden kann, sind durchaus gestiegen.

Man sollte sich aber beeilen. Denn es ist schade um jeden Tag, an dem der Verfall und die Vernachlässigung dieses doch recht außergewöhnlichen Gebäudes weiter voranschreitet. (DD)

Tyrš mit Fügner in der Fassade

Der gebogene Straßenzuschnitt und eine auf Rundbögen ruhende Eisenbahntrasse direkt vor der Tür haben nicht nur dazu geführt, dass das Gebäude einen eigenwillig asymmetrischen Zuschnitt hat. Vor allem kann es optisch seine Pracht so kaum mehr entfalten. Die symbolisiert daher zunächst nur der weit oben auf dem Dachgiebel seine Schwingen entfaltende Falke.

Die Rede ist von der Sokolovna in der Malého 319/1 im Stadtteil Karlín – ein recht ansehnliches Bauwerk im Stil der Neorenaissance, dessen Verbleib im architektonisch unverdienten Aschenputteldasein sich schön durch die mit Teleobjektiv gemachte Aufnahme von der Höhe des Vítkovberges erklären lässt (Bild links). In der Tat: Das Gebäude ist schon recht eingepfercht worden!

Die eigentliche Pracht lässt sich wiederum mit dem Bauherrn erklären. Die Sokolovna in Karlín gehörte, wie der Name bereits suggeriert, dem Turnerbund Sokol (das tschechische Wort für Falke, daher der Falke auf dem Dach!). Der war, als er 1862 von Miroslav Tyrš gegründet wurde, nicht nur etwas für Freunde des Sports, sondern das eigentliche Rückgrat der tschechischen Nationalbewegung, die sich für mehr Selbstbestimmung und Freiheit im Habsburgerreich einsetzte (siehe auch früheren Beitrag hier). Jeder patriotische Tscheche, der etwas auf sich hielt, war Mitglied beim Sokol – ganz egal, ob er wirklich der fitte Typ war oder eher eine Couch Potato. Bedeutende Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Jan Neruda, der erste Präsident der Tschechoslowakischen Republik Tomáš Garrigue Masaryk, sogar Frauen (für deren Rechte man sich im Sokol auch einsetzte) wie die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Karolina Světlá, wirkten im Sokol mit.

Dieses lokale Sokol-Gebäude wurde 1886/67 von dem Architekten Josef Blecha erbaut, der in Karlín sein eigenes Bauunternehmen besaß. Es folgt den damals modernen Vorgaben der Renaissance bei der Gestaltung der Fassade – etwa durch die Strukturierung vermittels Pilastern oder dem hübschen Giebel und seinem kraftvoll wirkenden steinernen Falke mit der Aufschrift „Sokol“ darunter. Die Sporthalle drinnen wurde in den 1920er Jahren im Art Déco-Stil umgebaut, aber draußen blieb der Eindruck des Originalgebäudes erhalten.

Wie die meisten Sokol-Gebäude, die das ganze Land überziehen, wird auch hier der Gründer Miroslav Tyrš prominent verewigt. Seine Portraitbüste findet sich in einer Nische oben an der Fassade des zweiten Stocks (Bild rechts) – eingerahmt von einer opulenten Kartusche. Das Ulkige an Tyrš ist übrigens, dass er, der er die größte Nationalbewegung der Tschechen gründen sollte, eigentlich deutschstämmig war, und im realen Leben Friedrich Tiersch hieß.

Gegenüber auf der anderen Seiter der Fassade befindet sich – geradezu gleichberechtigt – die Büste von Jindřich Fügner (Bild links). Das musste sein, nicht nur weil Fügner einer der engsten Mitstreiter Tyrš’s war, sondern auch Gründer der Prager Sektion und zugleich Erbauer der ersten Turnhalle in Prag überhaupt. Ihm wird besonders positiv zugeschrieben, dass er sich dafür einsetzte, dass sich die Turnerbewegung nicht nur national, sondern vor allem auch liberal und demokratisch ausrichtete. Das setzte sie am Ende deutlich von der deutschen Turnerbewegung des antisemitisch angehauchten Turnvaters Jahn ab. (DD)

Kulturgeschichte in Stein gemeißelt

Als im 19. Jahrhundert in Böhmen das tschechische Nationalbewusstsein erwachte, stand das eigene Kulturerbe seine Pflege (in Abgrenzung zum österreichischen Habsburgertum) ganz im Mittelpunkt des bürgerschaftlichen Engagements. Fast alle der großen nationalen Museen in Prag haben hierin ihren Ursprung. So auch das Lapidarium, die Steinskulptursammlung des Nationalmuseums.

Die erste Idee für eine solche Sammlung kam von dem bisweilen als „Vater der Nation“ bezeichneten Historiker František Palacký (früherer Beitrag u.a. hier und hier), der 1842 ein erstes Konzept vorlegte. Eine kleine Sammlung wurde danach 1847 im Palais Nostitz, dem provisorischen Vorgängerbau des heutigen Nationalmuseums, untergebracht. In letzterem wurde sie nach 1891 untergebracht, aber es war klar, dass die Sammlung eine eigene Unterkunft brauchte. Die fand man im Stadtteil Holešovice. Dort war im Jahre 1891 anlässlich der Prager Jubiläumsausstellung 1891 (Jubilejní zemská výstava) ein großes Ausstellungsgelände entstanden, in dessen Mittelpunkt der berühmte Industriepalast (Průmyslový palác) stand.

Neben dem Industriepalast errichtete der Bauunternehmer Quido Bělský nach den Entwürfen des Architekten Antonín Wiehl (siehe u.a. hier) ein zusätzliches Pavillon im Neorenaissancestil auf, in dem im selben Jahr eine kleine Ausstellung mit einer Selektion der Skulpturensammlung des Nationalmuseums gezeigt wurde. Die Prager Vereinigung der Ingenieure und Architekten (Spolek architektů a inženýrů v Praze) organisierte darob 1898 eine größere Ausstellung, zu der sie sogar einige Gipsabdrücke bedeutender böhmischer Werke der Bildhauerei anfertigten, die heute noch zur Sammlung gehören. Es war nur noch eine Frage der Zeit, dass das wuchtige Gebäude zur Dauerherberge der Sammlung würde.

Das geschah zwischen 1905 und 1908, dem Jahr der Eröffnung als stehendes Museum. Das Gebäude wurde ein wenig vergrößert und umgebaut, die skulpturale Gestaltung der Fassaden durch die Bildhauer Bernard Otto Seeling und František Hergesel wurde besonders im Eingangsbereich von den Bildhauern Gustav Zoula und Antonín Procházka noch pompöser gestaltet. Auch später gab es immer wieder Umbauten. 1930 bis 1932 und 1945 wurden nach und nach die Innenhöfe mit Glass überdacht, um mehr Platz zu schaffen.

Von der Grundidee ist das Museum, allen Vergrößerungen zum Trotz, heute immer noch der Originalausstellung von 1908 verpflichtet. Sie wurde auch nicht zeitlich erweitert. Immer noch macht man einen Rundgang, der chronologisch von der frühmittelalterlichen Romanik bis zum späten 19. Jahrhundert führt. Das 20. und das 21. Jahrhundert sind nicht repräsentiert. Dafür geht die Ausstellung thematisch in die Breite. Nicht nur Statuen, sondern jede Form künstlerischer und handwerklicher Steinmetzarbeit – etwa der romanische Tympanon rechts – werden repräsentiert.

Ein Fokus liegt auf der Zeit der Gotik und Karls IV. im 14.Jahrhundert, jene Zeit, in der Prag erst wirklich zur Kulturmetropole von Weltrang wurde, und die im Nationalbewusstsein der Tschechen einen besonders hohen Stellenwert einnimmt. Das Konterfei des Kaisers (links) ist entsprechend oft zu sehen. Von der Hochgotik geht es weiter zum späten Mittelalter. Wie in allen Abteilungen geht es auch hier nicht nur um „hohe Kunst“, sondern auch um interessante Einblicke ins Alltägliche, wie etwa das im späten 15. Jahrhundert entstandene kuriose Hauszeichen aus Brandýs nad Labem, das wir oben im großen Bild sehen, und das einen Jungen darstellt, der mit einem Hund (ein recht groß geratener Dackel?) spielt. Die Tschechen waren halt immer schon Hundenarren.

Die Renaissance darf auch nicht fehlen. Zu den Highlights im Museum gehört hier der Krocín-Brunnen (Krocínova kašna), einer der schönsten Brunnen Prags überhaupt, der 1591 auf dem Altstädter Ring aufgestellt wurde, aber im 18. Jahrhundert allmählich verfiel und 1862 – trotz seines kulturhistorischen Wertes – abmontiert wurde. Selbst die Fragmente, die jetzt hier im Lapidarium überlebten, sind immer noch beeindruckend. Man sieht es auf dem Bild rechts. Der vom Steinmetz Jindřich Beránek in den Zeiten des kunstsinnigen Kaisers Rudolf II. erbaute Brunnen ist nach dem damaligen Bürgermeister der Altstadt Václav Krocín benannt.

Es folgt der Barock, der nach der endgültigen Machtsicherung der Habsburger in Böhmen durch die Gegenreformation eine besonders hohe Blüte in Prag erreichte. Zu der geradezu atemberaubenden Menge grandioser Kunstwerke dieser Zeit gehört die berühmte Reiterstatue des Heiligen Wenzel vom Wenzelsplatz, und zwar die originale, die 1678 vom Bildhauer Jan Jiří Bendl erschaffen wurde – lange bevor stattdessen 1912 die heute dort stehende Monumentalstatue von Josef Václav Myslbek ihren Platz fand. Neben Wenzel findet man auch hier etliche Originale der Barockstatuen der Karlsbrücke (was man auf der Brücke selbst sieht, sind nämlich gute Kopien).

Ganz von der Politik konnte man die Sammlung nie trennen. Das begann schon mit der Neugestaltung großer Teile der Altstadt, die Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Lokalpolitik beschlossen wurde. Alte Bausubstanz musste Neubauten weichen. Es galt zu retten, was zu retten war. Viele wertvolle Skulpturen von abgerissenen Häusern füllten nun die Bestände. Einschneidender war das Ende des Habsburgerreichs 1918. Die Erste Republik wollte dessen Denkmalskultur nicht mehr. Das zentral auf dem Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí) befindliche stolze Denkmal von General und Feldmarschall Johann Joseph Wenzel Anton Franz Karl Graf Radetzky von Radetz, den man zumindest dem Namens nach wegen des berühmten Radetzky Marsches kennt, wurde nun demontiert und in Lapidarium verfrachtet. Er wurde zu sehr mit dem Kaisertum und der Unterdrückung nach Unabhängigkeit strebender Teile Kakaniens verbunden. In kommunistischen Zeiten (nach 1948) verschwand Radetzky auch hier aus dem Licht der Öffentlichkeit ins Lager, aber seitdem kann man ihn wieder im alten Glanz bewundern. Ja, inzwischen hat sich das Verhältnis zu den alten Zeiten in Tschechien so entspannt, dass ab und an (wenngleich noch ergebnislos) diskutiert wird, ob man ihn nicht doch wieder am Kleinseitner Ring aufstellen sollte.

In den Zeiten des Kommunismus hatte es übrigens nicht nur Radetzky schwer, sondern das ganze Museum. Sonderlich gepflegt wurde es nach einer kleinen Renovierung 1958 nicht. 1967 kam es zu größeren Wasserschäden und das Gebäude wurde geschlossen. 1987 wollte man mit einer großen Sanierung beginnen. Bevor die richtig losging, kam das Ende des Kommunismus im Jahre 1989. Und so wurde der renovierte Bau 1993 feierlich eröffnet. Die Sammlung wurde von den Kunsthistorikern Jiří Fajt und Lubomír Sršeň behutsam so konzipiert, dass sie an die ursprüngliche Dauerausstellung von 1908 anknüpfte, aber doch vorsichtig Neuerungen einführte. Der prachtvolle Rahmen des palastartigen Gebäudes macht den gang durch die Geschichte der Steinmetzkunst in Böhmen vom 11. bis zum 19. Jahrhundert zu einem besonderen Genuss. (DD)