Das Schmuckstück unter den Feuerwehrgebäuden

Die einzelnen Stadtteile Prag, die bis ins 20. Jahrhundert hinein meist noch selbständige Gemeinden waren, verfügen oft über eine eigene gewachsene Infrastruktur, die bis ins 19. Jahrhundert zurückgeht. Dazu gehören natürlich auch die öffentlichen Feuerwehrgebäude. Unter ihnen ist der sogenannte Gemeindehof der Neustadt (Novoměstský obecní dvůr) in der Sokolská 1595/62 schon alleine wegen seiner Dimensionen herausragend.

Eine professionalisierte öffentliche Feuerwehr gibt es noch nicht so lange. Noch in der frühen Neuzeit hatten sich die Bürger bei Bränden mit Eimerketten mehr oder weniger selbst ums Löschen zu kümmern (wir berichteten hier). Wie zum Beispiel das  Feuer von 1541 auf der Kleinseite zeigte, konnte ein einzelner Hausbrand oft dazu führen, dass ganze Stadtviertel mit abgefackelt wurden. Die Gegenwehr bestand darin, dass man irgendwann die im Mittelalter üblichen Häuser in Holz- oder Fachwerkbauweise durch solide Steinbauten ersetzte. Aber je bevölkerungsreicher die Stadt wurde, desto weniger reichte auch das aus.

1821 hatte man immerhin öffentliche Feuerpatrouillien eingerichtet, damit es immerhin eine Früherkennung von Gefahren gab. Aber man brauchte mehr. 1853 kamen die Ratsherren der Neustadt zu dem Schluss, dass die Stadt nun ein wenig mehr öffentliche Infrastruktur benötigte. Man erkannte, dass echte Feuerbekämpfung immer wichtiger wurde, aber dass das Problem der Verdreckung der Straßen (den Pferdekutschen geschuldet) noch dringlicher war. Man kam zu einem Kompromiss. Es wurden 30 Straßenkehrer eingestellt, die aber beim Reinigen gleichzeitig nicht nur aufmerksam die Brandlage observieren sollten, sondern auch in der Bekämpfung kleinerer Brände geschult wurden. Acht von ihnen bekamen sogar kleine Feuerspritzen. Gottlob kam es in dieser Zeit in der Neustadt zu keinem Großbrand, um die Wirksamkeit dieser Maßnahmen zu testen. Aber vielleicht verhinderte die Löschung von Kleinbränden oft das Schlimmste. Und die Anzahl der Straßenkehrfeuerwehrleute wurde auch ständig vergrößert und immer mehr von ihnen beschäftigten sich nur noch mit der Brandbekämpfung. Trotzdem begann man 1857 mit Plänen, eine organisatorisch eigenständige Feuerwehr zu gründen, die sich ausschließlich mit der Brandbekämpfung befassen sollte. Aber es dauerte bis 1866 bis der letzte Feuerwehrmann nicht mehr Straßen fegen bzw. der letzte Straßenfeger nicht Feuer löschen musste.

Unterbezahlt und schlecht ausgerüstet stellten sich nun die tapferen Feuerleute wacker den lodernden Flammen entgegen – zum Wohle des bedrohten Bürgers. Im Dezember 1872 mussten sie das erste Opfer beklagen, als der brave Feuerwehrmann Václav Budějický beim Löschen eines Brandes im Gebäude der örtlichen Filiale Slavia Bank von einstürzenden Trümmern begraben wurde. Kurz: Die Feuerwehr musste weiter professionalisiert und erheblich besser ausgerüstet werden. Also schritt der Rat zur Tat. Klotzen, hieß die Devise. In den Jahren 1879/80 ließ das Bauamt in der heutigen Sokolská ein riesiges Gebäude mit Büros, Unterkünften und viel, viel Platz für moderne, pferdegetriebene Feuerwehrwagen nebst Ausrüstung (Pumpen etc.) bauen. Und das Prager Stadtwappen in Stuck und von allegorischen Statuen gerahmt schmückte das Ganze.

Es handelt sich um ein Gebäude im Neo-Renaissancestil. Die Gebäudestruktur (mit alten Läden, Werkstätten und Ställen) ist u-förmig und in der Mitte der Struktur steht ein separates zweistöckiges Haus, das den Hof in zwei Teile aufteilt, die durch Tore zu betreten sind. Genauso baute man übrigens 1883 auch den Gemeindehof im benachbarten und damals noch selbständigen Vinohrady, worüber wir hier berichteten. Nur eben viel größer! Schon 1881-83 setzte man noch eins drauf. Auf der Rückseite des Hofs und mit Front zur Straße Legerová wurde ein ebenfalls im Stil der Neorenaissance gehaltenes dreistöckiges Gebäude (Bild rechts) mit Mittelrisalit und zwei Ecktürmen (und ohne große Toreinfahrten) gebaut, das sich sich noch opulenter ausnahm und zusätzliche Raum- und Stallkapazität schuf.

So blieb es natürlich nicht, denn in den 1920er Jahren wurden die Pferde immer mehr durch Pferdestärken ersetzt. Im Jahre 1926 ging das letzte Feuerwehrpferd in Rente. Die Kutschen wurden durch moderne Automobile mit Pumpen und Wassertanks ersetzt. 1925/26 wurden darob innen imm Gebäude Umbauten vorgenommen, die im wesentlichen Ställe in Garagen umwandelten. Und die Wägen wurden immer größer und besser ausgestattet, sodass man irgendwann wieder Modernisierungsbedarf hatte. Wer heute von Sokolská durch eines der Tore in den Innenhof schaut, wird nicht mehr allzuviel Neorenaissance Architektur entdecken. Denn im Innenhof wurden zusätzlich in den Jahren 1940 bis 1942 durch den Architekten Václav Kolátor moderne Lager und Garagen im modernen funktionalistischen Stil eingebaut. Sie wurden vor das höhere Gebäude von 1881-83 gesetzt (und sogar einigermaßengut stilistisch angepasst), was den Hof etwas verkleinerte.

Das Feuerwehrgebäude hatte dadurch eine ungeheuere Kapazität bekommen und war zu diesem Zeitpunkt schon das eigentliche Zentralgebäude der Feuerwehr für ganz Prag (und nicht nur der Neustadt). In den anderen Stadtbezirken gibt es aber unterstellte Filialen, die eine ortsnahe Brandbekämpfung garantieren. aber der Neustädter Gemeindehof ist immer noch das Schmuckstück unter den Feuerwehrgebäuden.

Ach ja, der Beruf des Feuerwehrmannes (inzwischen auch der Feuerwehrfrau) erfordert schon eine Menge Mut. Kein Wunder, dass sich auch viele von ihnen im Mai 1945 am Prager Aufstand (siehe auch u.a. hier und hier) gegen die Nazis beteiligten. Eine Gedenkplatte aus Bronze neben einem der Tore erinnert an fünf Feuerwehrmänner, die hier im Gemeindehof ihren Dienst taten, und bei den Kämpfen als Widerstandskämpfer ihr Leben verloren. (DD)

Legendäre Herzöge – befördert!

Es besteht kein Zweifel, dass die Herrscherdynastie der Přemysliden Böhmens historische Größe im Mittelalter begründete. Ihre Ursprünge liegen aber im Dunklen. Erst mit Bořivoj I, der als erster von ihnen um das Jahr 883 getauft wurde, begegnet uns ein tatsächlich nachweisbarer Herrscher. Alle früheren gehören ins Reich der Legenden. Wer die kennenlernen will, sehe sich die lehrreiche Fassade des Hauses zu den Fünf Königen (Dům U Pěti králů) in der Vyšehradská 415/9 in der Neustadt (Prag 2) an.

Oft sieht man die lediglich legendären Herrscher nicht abgebildet. In der Regel sind nämlich auch die Legenden recht sparsam an echten Informationen und auch nicht sonderlich spannend. Keine Kämpfe mit wilden Drachen, die holde Jungfrauen bedrohen, kommen da vor. Deshalb ist die Aneinanderreihung von Bildern der Legendenherrscher auf Höhe des ersten Stocks schon etwas besonderes. Aus der Reihe dieser Herrscher ragt nur der Begründer der Dynastie, den wir oben im großen Bild sehen, heraus, was den Stoff angeht, aus dem Legenden gesponnen werden: Přemysl, genannt „der Pflüger“. Er taucht erst Jahrhunderte nach seinem Tod erstmals in der Chronik der Böhmen (Chronica Boemorum) des Cosmas aus dem frühen 12. Jahrhundert aus. Die erzählt, wie er Gründer der Dynastie wurde (dazu auch hier). Eigentlich hätte nämlich Fürstin Libuše, die Tochter des verstorbenen Herrschers Krok, regieren sollen. Das wollten die misogynen Ur-Tschechen nicht, gestateten ihr aber, dass sie den männlichen Herrscher durch die Heirat eines Mannes ihrer Wahl bestimmen könne. Diese Entscheidung überließ sie ihrem Pferd, das sie freiließ, um einen Mann für sie zu suchen. Durch gute Geister geleitet, lief das Pferd auf den ahnungslose auf dem Acker pflügenden Pflüger Přemysl zu, der dadurch zu seiner Überraschung Fürstinnenehemann und Herrscher wurde (hier übrigens passend mit Pflug dargestellt). Da er aber seine Sache gut machte, dachte danach auch niemand mehr an einen Dynastiewechsel, solange es männliche Thronfolger gab.

Der (vermutliche, denn explizit wird es in den Chroniken nicht gesagt) Sohn und Nachfolger befindet sich in der chronologischen Darstellung auf der Hausfassade direkt neben Přemysl. Es handelt sich um Nezamysl, über den man bei Cosmas wenig mehr erfährt, als dass er eben der Nachfolger war. Auch die zweite mittelalterliche Quelle, die Dalimil-Chronik aus dem 14. Jahrhundert, liefert nicht mehr Informationen.

Soll man vielleicht gar an Nezamysls Existenz zweifeln? Irgendwie ist schon der Name ein Witz. Er ist das Gegenteil des väterlichen Namens. Während „Přemysl“ soviel wie „der Nachdenkende“ bedeutet, heißt „Nezamysl“ im Tschechischen in etwa „der Nicht-Nachdenkende“. Daraus hätte man witzige Geschichten machen können – eine Gelegenheit, die die mittelalterlichen Chronisten leider nicht nutzten. So sieht man ihn denn unverspottet mit einem kleinen Hammer in der Hand (wie einst Chris Howland vor dem Öffnen des Sparschweins) stehen, den Blick dem in den Legenden viel prominenter dastehenden Vater zugewandt.

Es folgt: Nezamysls Stammhalter und Nachfolger Mnata, über den sonst nichts gesagt wird. Ihm folgt chronologisch Vojen, von dem ein wenig mehr überliefert ist, denn es wird immerhin in den Chroniken festgestellt, dass er jung und kräftig gewesen sei. Was er mit seinen Kräften so genau gemacht hat, wissen wir nicht. Auch hier wieder eine von den Chronisten verpasste Gelegenheit. Und noch etwas ist überliefert, was aber Konfusion verursachte – auch hier an der Häuserfassade.

Bei Cosmas heißt es, sein Nachfolger sei Vněslav gewesen. Dalimil erzählt, dass Vojen sein Reich unter zwei Söhne aufgeteilt habe, von denen einer Vlatislav hieß. Der ist hier als Vratislav abgebildet. Den Grund, warum das hier so ist, weiß man nicht. Das macht aber nichts, weil hier die Kette sowieso abreißt. Die drei nächsten legendären Herrscher Křesomysl, Neklan und Hostivít fehlen. Die Fassade erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Aber warum sieht man auf dieser Hausfassade überhaupt die alten Legendenherrscher? Deren überlieferte Taten waren ja – bis auf das Wahlverfahren per Pferd bei Přemysl – nicht gerade spektakulär. Das hat etwas mit dem barocken Haus zu tun, das hier vor diesem neueren Gebäude stand. Um dieses frühere Haus hatte sich nämlich irgendwann die Legende gebildet, dass darunter (am Fuß der alten Königsburg Vyšehrad) die fünf Herrscher begraben seien. Deshalb gab es schon auf dem barocken Vorgängerbau der legendären Herrscher Gemälde, die diese darstellten. Sie stammten von Wenzel Bernhard Ambrozy, dem Hofmaler von Kaiserin Maria Theresia, der sie um 1750 anfertigte. In dem Gebäude befand sich ein Gasthaus. Als es abgerissen wurde, um den heutigen Bau Platz zu schaffen, fand man natürlich keine früh-přemyslidischen Herrschergräber darunter.

Nun zu dem, was man heute sieht: Das neue vierstöckige Haus wurde 1906 vom Architekten Otakar Václavík im Stil der Neorenaissance erbaut, über den ich sonst nicht viel erfahren konnte. Den alten Legenden um das Haus wollte man aber Ehre erweisen und deshalb schuf der bekannte Historienmaler Láďa Novák, den viele Touristen als den Schöpfer der Wandmalereien in der berühmten Gaststätte U Fleků kennen (wir berichteten hier), neue und sehr phantasiereiche „Portraits“ der alten Herrscher. Der Name Haus zu den Fünf Königen wurde oben am Giebel angebracht. Bei dem alten Haus waren übrigens sechs Herrscher abgebildet, denn man hatte den Heiligen Wenzel (Svatý Václav) hinzugefügt, der aber nicht zu den legendären Herrschern gehörte, sondern sehr real war (und definitiv im Veitsdom begraben ist).

Ansonsten ist der Hausname historisch sowieso inkorrekt. Denn die fünf Herrscher hatten es stets nur zum Herzogentitel gebracht. Der erste Přemyslide mit einem Königstitel war Vratislav II., der erst 1085 gekrönt wurde. Das Haus müsste eigentlich also Dům U pěti vévodům (Haus zu den Fünf Herzögen) heißen. Aber die Beförderung sei den alten Herzögen posthum von Herzen gegönnt. Und bei Wenzel passiert das sowieso oft, vor allem wegen des vor allem in der angelsächsichen Welt bekannten Weihnachtsliedes Good King Wenceslas, das den Herzog als König besingt.

Ach ja, im jahre 1908 – zwei Jahre nach Einweihung des Hauses – eröffnete die Modedesignerin Hana Podolská hier ihren ersten Modesalon. 1915 zog sie allerdings näher in die Innenstadt. Dort begann sie eine Karriere, die sie für viele Menschen hier zu tschechischen Coco Chanel werden ließ. Und so erzählt dieses Haus nicht nur von Legenden, sondern ließ auch eine wahr werden. (DD)

Lokaler verbundener Künstler

František Jakub war ein damals selbst im Ausland, wo er viele Ausstellungen gewidmet bekam, ein sehr bekannter tschechischer Maler, dessen Nachruhm nicht zuletzt durch eine Gedenktafel mit Büste in der Slezská 1313/66 in Prag-Vinohrady aufrecht erhalten wird.

Jakub gehörte zu den böhmischen/tschechischen Vertretern des Intimismus, einer in Richtung Symbolismus tendierenden Stilrichtung des Post-Impressionismus. Er war hierin ein Gefolgsmann und Bewunderer des französischen Zeitgenossen Henri Le Sidaner. Sein Malerhandwerk hatte er als Schüler der in Prag lehrenden akademischen Malers Vojtěch Antonín Hynais und Maxillián Pirner erlernt. Er fühlte sich wohl immer dem Stadtteil Vinohrady (bis 1922 eine eigenständige Stadt) verbunden. Wenn man will kann man seine schönen Wandmalereien in der dortigen Sparkasse (wir berichteten hier) bewundern. Deshalb hat man ihn hier wohl auch besonders geehrt.

Unweit des und mit Blick auf den schönen Gartens der Brüder Čapek (Sady bratří Čapků), über den wir hier berichteten, hatte Jakub sein Domizil und Atelier in ebenjenem Gebäude, dessen Fassade nun mit seiner Gedenktafel geschmückt wird.Es handelt sich bei dem Gebäude um ein vierstöckiges Wohn- und Mietshaus, das um 1905 im Stil der Neorenaissance erbaut wurde. „Zde žil a tvořil český malíř František Jakub, 1875-1940“ (Hier lebte und wirkte der tschechische Maler František Jakub, 1875-1940), lautet der Text unter der Büste auf der Tafel.

Geschaffen wurde die Plakette/Büste einige Jahre nach Jakubs Tod im Jahr 1940 von dem Bildhauer und Medailleur Rudolf Březa. Angebracht wurde sie jedoch erst lange nach dem Tod Březas 1955, nämlich im Jahr 1968. Man kann nur spekulieren, warum das so war. Vielleicht war es in der 1968 stattfindenden kurzen Liberalisierungsphase des Prager Frühlings auch unter dem Kommunismus erstmals möglich, einen bürgerlichen Maler zu ehren, der keine entsprechenden ideologischen Referenzen aufwies – und dann noch angefertigt von einem Künstler wie Březa, der als aktiver Anhänger und Unterstützer der demokratischen Ersten Republik bekannt war.

Jakub ist als lokal verbundener Künstler natürlich auch ganz in der Nähe beerdigt, nämlich im Kolumbarium (auch Urnenwand genannt; d.h. Aufbewahrungsort für Urnen Verstorbener), der berühmten funktionalistischen Kirche des Hus Haus (Husův sbor) von Vinohrady, über das wir bereits hier berichteten. (DD)

Gemüseapostel?

Die Büste im grotesken Renaissancestil erinnert ein wenig an einen Klingonen aus neueren Star Trek-Episoden. Nur, dass die Gemüse- und Sonnensymbolik auf ein Wesen mit deutlich weniger ausgeprägtem Kriegerkastenethos und mehr vegetarischen Instinkten hinweist. Was wollte der Künstler dieser Skulptur an der Fassade des vierstöckigen Hauses n der Na Moráni 1313/13 in der Neustadt uns damit sagen?

Aber wir wissen immerhin: Die Pläne dieses Hauses stammen von dem Architekten Bohdan Pudlač, über den man tatsächlich wenig mehr weiß als das Geburtsjahr 1858 und die Tatsache, dass er an der neuen tschechischen Technischen Universität in Prag Architektur studiert hatte. Es ist nicht einmal klar, ob er Tscheche oder nicht gar „Südslawe“ – vielleicht ein Slowene oder Kroate – war, aber immerhin auf jeden Fall ein Bürger des Habsburgerreichs, das ja ein Vielvölkerstaat war. Der Mangel an Information über ihn ist seltsam, denn er war offensichtlich sehr produktiv und hätte mehr Nachruhm verdient.

Denn er hat anscheinend um die Jahrhundertwende in Prag zahllose Gebäude entworfen (etwa das Nachbarhaus hier), die ihn als begabten Architekten und als ausgesprochen originellen Vertreter eines sehr aussdrucksstarken Historismus ausweisen. Vor allem in der Prager Alt- und der Neustadt fand er seine Wirkungsstätte.

Dass diese Charakterisierung stimmt, beweist das hier vorgestellte Haus. Der Historismus in seiner Neorenaissance-Ausformung hat hier tatsächlich das sogenannte „gewisse Etwas“, das ihn aus der Menge anderer Gebäude in diesem Stil herausragen lässt. Es beginnt schon mit dem schwungvoll gestalteten Giebeln, an dessen Seite sich zwei kleine Fachwerktürmchen befinden – ein Baudetail, das dazu führte, dass Architekturhistoriker im Zusammenhang mit diesem Haus von einem „Schweizer Stil“ sprechen. Auf jeden Fall folgt das Gebäude architektonisch insgesamt weniger den Konventionen der italienischen Renaissance, sondern eher denen im deutschsprachigen Raum.

Das Grundstúck zu dem Haus wurde erstmals 1378 schriftlich erwähnt, als es ein Zimmermann mit Namen Valentin vom nah benachbarten Emmaus Kloster kaufte. Dessen damaliges Haus gibt es aber schon lange nicht mehr. 1845 wurde hier von einem Baumeister namens Alois Bretschneider ein mehrstöckiges Wohngebäude im Stil des Klassizismus erbaut. Das wiederum wurde 1898 durch das heute hier zu sehende vierstöckige Miets- und Wohnhaus nach den Plänen von Pudlač ersetzt. Das war sicher deutlich mondäner als seine Vorgängerbauten.

In dieser Zeit wurde nämlich dieser, Podskalí genannte Teil der Neustadt, der bisher eher ein Armenviertel für die Flößer und Fischer am Flussufer der Moldau (wir berichteten u.a. hier) war, gründlich gentrifiziert, wie man die Aufwertung der Bausubstanz und der Einwohner-Mileus heute nennt. Angesichts des schönen Blicks, den man von hier auf die Moldau genießen kann, verwundert es nicht, dass das heute gewiss keine billige Wohnlage mehr ist.

Vor der Fassade kann man länger verweilen und die Augen schweifen lassen, denn sie hat viel optische Abwechslung zu bieten. Die Fensterrahmen mit ihren Verzierungen und die unzähligen Stuckaturen (daruter sehr viel groteske Maskaronen, d.h. Fratzengesichter) machen schon für sich genommen das Haus zu einem Schmuckstück. Allerdings würde sich das Ganze nicht übermäßig originell von anderen Neo-Renaissance-Gebäuden der Zeit unterscheiden. Damals zu Ende des 19. Jahrhunderts war dieser Stil in Prag generell ein dominierender Modetrend und man musste schon etwas tun, um wirklich aufzufallen.

Herausragend wird das Gebäude dann aber durch den fein beschnitzten hölzernen Balkon in dr Mitte auf Höhe des zweiten Stocks und über einem konventionell steinernen auf Höhe des ersten Stocks. Zusammen mit den Fachwerktürmen hat Architekt Pudlač hier für historistische Wohnhäuser in sehr ungewöhnlicher Weise Holz als Material in den Mittelpunkt der Fassadenästhetik gestellt.

Zurück zu der grotesken Büste über dem Mittelfenster des vierten Stocks, die Sonnenstrahlen auf der Brust hat, und der Kohlblätter aus dem Kopf wachsen. Und die von kleinen Füllhörnern und Gemüsen umgeben ist. Ist einem Kunstdenkmalsführer (hier, S. 617) ist von der Darstellung eines Apostels die Rede. Von weitem sieht es vielleicht so aus, weil die Figur eine segnende Pose einnimmt. Aber bei näherer Betrachtung? Wenn das ein Apostel sein soll, dann konnte Pudlač froh sein, dass er das Haus in den Zeiten der Neorenaissance des späten 19. Jahrhunderts gebaut hat – und nicht in der Zeit der echten Renaissance, wo er dafür auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden wäre. Der Glaube an Gemüseapostel wäre vermutlich von allen Kirchen als schwer häretisch eingestuft worden. Meine Vermutung ist, dass die sehr pflanzenhafte Figur von den italienischen Spätrenaissance-Maler Giuseppe Arcimboldo inspiriert sein könnte, der für Portraits von Menschen in Gemüseformen berühmt war. Das passte auch zu Prag, denn Arcimboldo war ab 1575 Hofmaler des in Prag regierenden Kaisers Rudolf II., einem Regierenden mit viel feinem Sinn für Kunst und Ironie. Wer eine bessere Erklärung für die Figur hat als eine Arcimboldo-Nachempfindung, der melde sich bitte! (DD)

Schlachtgetümmel, fürchterlich

Das Schlachtgetümmel ist fürchterlich… Und auf dieser Fassade gleich dreimal! Wer denkt, der militärscheue brave Soldat Schwejk sei tatsächlich der typische Tscheche, der wird immer wieder erstaunt sein, wie gerne und stolz die Tschechen ihr Militär und seine Geschichte feiern. Man sollte keinen Klischees aufsitzen.

Wir befinden uns vor dem Haus in der Ječná 508/10. Das hat in den Jahren 1905/06 der Architekt Jan Voráček erbaut, der auch das gegenüber liegende Haus Zu den Vierzehn Nothelfern (U čtrnácti pomocníků), über das wir bereits berichtet haben, entworfen hatte. Es handelt sich um ein vierstöckiges Miets- und Wohnhaus, das in einem opulenten floralen Jugendstil mit historischen Elementen ausgestaltet ist. Beeindruckend ist nicht zuletzt die im Stil der böhmischen Renaissance gehaltene Giebelkonstruktion.

Dort dominieren auch florale Malereien mit ornamentalem Charakter. Über dem zweiten Stock befindet sich jedoch die eigentliche Attraktion, nämlich drei große Fresken, die kriegerische Heldentaten aus der tschechischen Geschichte darstellen. Nicht nur das Thema, sondern auch der historisierende Stil, der der böhmischen Frührenaissance nachempfunden ist, passen zu dem ansteigenden Nationalbewusstsein, dass in dieser Zeit von den Tschechen im Habsburgerreich gerne auch auf Fassaden zur Schau getragen wurde. Diese Art von Neorenaissancestil wurde in Böhmen zur Zeit des Baus vor allem von den Historienmalern Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier und hier) und Adolf Liebscher (hier und hier) repräsentiert. Liebscher hat einige Gebäude in der Nähe gestaltet. Ob er für die Fresken hier in der Ječná verantwortlich war, lässt sich aber nicht belegen.

Die Schlachtgetümmel sind von links nach rechts chronologisch geordnet. Es beginnt mit der Zeit der frühen slawischen Geschichte – eine Zeit, von der nur Legenden überliefert sind. Links sieht man frühe Slawen im Kampf gegen die Feinde. Solche Schlachtlegenden fand man damals in der vermeintlich mittelalterlichen Königinhofer Handschrift, wo die Sagenhelden Záboj and Slavoj, gegen böse Germanen Siege grandiose errungen. Das passte ins nationalistische Weltbild der Zeit – auch wenn sich leider die Handschriften als neuzeitliche Fälschungen erwiesen (wir berichteten hier). Der Tscheche von damals fühlte sich aber von solchen Bildern in seinem anti-habsburgischen (und somit leicht anti-deutschen) Nationalismus bestätigt.

Das zentrale Bild zeigt ein Schlachtgetümmel aus den Hussitenkriegen nach 1420, in denen die Böhmen tapfer und mit tatsächlich großem militärischen Geschick (die Hussiten waren zumindest keine Schwejks!) sich gegen fremde Kreuzritter verteidigten und so ihre Glaubensfreiheit bewahrten. Ja, und die Szene im großen Bild oben zeigt uns die Schlacht am Weißen Berg von 1620, in der sich die Böhmen ein letztes Mal – doch erfolglos – gegen die Habsburgerherrschaft wehrten. Aber der tapfere Versuch zählte und das Bild erinnerte immerhin daran, dass man den Habsburgern mal wieder den Verlust der eigenen Freiheit vorwerfen konnte. (DD)

Drei Standartenträger – nicht ganz zur Legende passend

Wir schreiben das Jahr 1736. Gerade ist mal wieder ein neuer Österreichischer Türkenkrieg ausgebrochen und drei Soldaten – Fähnriche (Standartenträger) von Rang – treffen sich das letzte Mal hier, in der Schenke in der heutigen Husova 231/12. Die Freunde versprechen, dass sie sich allesamt hier nach dem Krieg wieder treffen würden. Als der Krieg 1739 endet, haben nur zwei von ihnen überlebt. Der dritte Soldat, von der Erinnerung an das Versprechen verfolgt, erscheint ihnen als Geist. Sie würden ihm schon innerhalb eines Jahres folgen, prophezeit er den Kameraden. Vor Schreck beschließen die beiden, die Armee zu verlassen und als Mönche in das nahe Franziskanerkloster bei der Kirche St. Maria Schnee (Kostel Panny Marie Sněžné) einzutreten. Doch auch der fromme Lebenswandel hilft nichts, denn noch im selben Jahr sterben beide eines natürlichen Todes.

Diese Legende, die sich u.a. hier überliefert findet, hat dem Haus der Drei Standartenträger (dům U Tří praporečníků) hier in der Husova, wo die Altstadt am altstädtischsten ist, den Namen gegeben. Sie scheint aber eine recht neue Erfindung zu sein. Und irgendwie stimmen Legende und die Bilder von den Fähnrichen auch nicht überein. Die Uniformen der drei abgebildeten Soldaten im Renaissancestil passen nämlich eher zum Zweiten Österreichischen Türkenkrieg von 1566 bis 1568, und nicht zu dem des Jahres 1736. Man muss also der Sache dann doch auf den Grund gehen – ohne dabei zu vergessen, dass sowohl die Legende als auch das Haus letztlich doch sehr schön sind.

Die Geschichte des Hauses selbst ist eigentlich nicht ungewöhnlich für die meisten Häuser der Altstadt. Es begann sein Leben als mittelalterliches Haus in der Gotik des 14. Jahrhunderts. Immer wieder gab es grundlegende Umbauten, vor allem in der Renaissance (wovon die Torbögen des Eingangs überlebt haben) und der Zeit des Barock. Doch im Grunde ist das, was wird heute von der Straße aus sehen, erst im Jahre 1877 entstanden. In diesem Jahr fand eine radikale Rundum-Erneuerung im Stil der damals hyper-modernen Neo-Renaissance statt. Dabei wurde u.a. ein zusätzliches Stockwerk aufgesetzt. Und zwischen den Fenstern des ersten Stocks wurden die gekrümmten Blechplatten mit den aufgemalten Bildern der drei Standartenträger angebracht.

Die Legende wurde möglicherweise für die Bilder kreiert – und nicht umgekehrt. Es heißt aber, dass die Architekten der Umgestaltung von 1877 auf früher hier befindliche Motive zurückgriffen. Es heißt, dass hier ein im Haus ein Schneider seine Werkstatt hatte, der 1586 über dem Eingang Schilder mit schicken Soldatenuniformen, die zu schneidern er in der Lage war, angebracht hatte. Damals hieß das Haus auch noch Haus zu den Drei Engeln (dům tří andělů). Die heute hier zu sehenden Bilder von 1877, die recht gute Nachempfindungen des originalen Renaissancestils darstellen, erinnern letztlich daran. Aber das ist natürlich keine solch schöne Geschichte wie die Legende von den drei Soldaten, von denen einer als Geist wiederkehrte. (DD)

Nicht ganz harmonisch

Mit dem Begriff „bizarr“ wird dieses Hauses in der Spálená 103/41 in der Neustadt oft belegt. Es handelt sich um das Haus der Mariä Lichtmess (dům U Panny Marie hromničné) und tatsächlich passen die einzelnen Teile der Fassade irgendwie nicht so recht zusammen. Immerhin fällt das ganze auf.

Es ist die übliche Geschichte, wie man sie in der Alt- und der Neustadt häufiger hört. Erst standen hier zwei mittelalterliche (gotische) Häuser aus dem 14. Jahrhundert. Nach einem zerstörerischen Feuer im Jahr 1506 lagen die eine Weile brach, aber 1527 baute man sie im Stil der Renaissance wieder auf. 1674 wurden große Umbaumaßnahmen durchgeführt. Die beiden Häuser wurden zusammengelegt und im Barockstil einheitlich gestaltet. Das Relief mit der Heiligen Maria samt Jesuskind unter dem Giebel stammt wohl aus dieser Zeit, in der möglicherweise auch das Haus seinen dazu passenden Namen bekam.

Es sollte nicht der letzte Umbau sein. Im Jahre 1791 wurde die Fassade im Stil des Klassizismus umgearbeitet, der damals im Kommen war. Das barocke Marienrelief behielt man aber bei. Das gleiche gilt für die Giebelverlängerungen. Insgesamt sieht man dem Haus an, dass es eine umgearbeitetes Barockhaus ist. Bis zu diesem Zeitpunkt wäre das Haus nicht besonders aufgefallen. Das änderte sich im 19. Jahrhundert.

Im Jahre 1885 gründete ein Bäcker namens Kajetán Kříž in dem Haus seine neue Bäckerei. Im Innenhof errichtete er zu diesem Zweck zwei große Backöfen. Vor allem aber gestaltete er den Teil des Hauses, der die Ladenfront ausmachte, um. Dazu veränderte er nicht etwa die Fassade, sondern setzte an dieser Stelle einfach einen Aufsatz auf die existierende Wand. Es sieht wie „angeklebt“ aus. Zudem passt der etwas überladene Stil der böhmischen Renaissance (war damals Mode!) nicht so recht zur bewusst schlichten klassizistischen eigentlichen Fassade. Der – wahrscheinlich eher recht neue – giftgrüne Anstrich, den man heute sieht, macht es nicht besser.

Für sich genommen, wirkt der Neo-Renaissance-Aufsatz sogar recht beeindruckend. Das gilt besonders für die reich beschnitzte Türe. Aber dem Haus fehlt es dadurch doch ein wenig an optischer Harmonie, zumal der Tabakladen und der Juwelier, die heute dort residieren, dem Ganzen nicht viel Glanz verleihen. Aber wie gesagt: Auffallen tut es. (DD)

Sanitäranlagen der Luxusklasse

Die putzigen Reliefs auf der Fassade sind das erste, was dem Betrachter an diesem Haus auffällt. Kleine Putten tummeln sich hier auf einem Fries im Wasser. Sie planschen herum, segeln im Wasser oder reiten auf Meeresfischen oder Hippokampen.

Warum? Das hat auch etwas mit dem Inneren zu tun, dessen Ausstattung seinerzeit als geradezu hyper-luxuriös galt – jedenfalls für größere Mietshäuser. Das Haus in der Italská 212/5 in Vinohrady wurde 1883/84 im Auftrag von Jan Friedländer gebaut. Der war Bauunternehmer und von 1875 bis zu seinem Tod 1892 Bürgermeister in der damals noch nicht zu Prag gehörenden Stadt Vinohrady. Er war ein umtriebiger Kommunalpolitiker, dem vor allem die Einführung des Straßenbahnsystems am Herzen lag, und der u.a. den Bau der großen Ludmillakirche (wir berichteten hier) förderte.

Und auch in Sachen Wohnungsbau war er engagiert. Ab 1868 baute er in Vinohrady alleine rund 30 Mietshausprojekte. Und das in der Italská war so etwas wie das Flaggschiff darunter. Ende des 19. Jahrhunderts war die Vorstellung, dass jede Wohnung in einem Mietshaus ein eigenes Bad und eine eigene Wassertoilette brauche, außerordentlich exotisch. Selbst die die gemeinschaftlichen Etagenklos waren wenige und auch spärlich ausgestattet.

Das für Friedländer von dem Bauingenieur Ferdinand Hauptmann erbaute Haus sollte nun wenigstens, was die gemeinschaftlichen Sanitäranlagen anging, neue und bahnbrechende Maßstäbe setzen. Auch wenn die Toiletten weiterhin wohl nur über eine Galerie erreichbar waren, gab es einen großen Badebereich. Das war nicht nur eine Badewanne für alle, sondern eine Art Spa. 1893 wurde sogar noch ein echtes Dampfbad (Sudatorium) eingerichtet. Und es kamen noch zahlreiche Duschen dazu! Es zählte nicht nur die Körperpflege, sondern der Erlebnis- und Wellnesseffekt (wie man es heute ausdrücken würde). Und weil es dabei immer irgendwie um Wasser ging, geht es auch bei der Fassadendekoration immer irgendwie um Wasser.

Im Jahre 1919 erweiterte der prominente Architekt Emil Králíček, ein Pionier des Kubismus, über den wir u.a. hier, hier und hier berichteten, den Spa-und Wellnessbereich in dem Haus, in dessen Erdgeschoss sich auch noch ein Restaurant befand (und übrigens auch immer noch befindet), noch einmal deutlich.

Ganz klar: Das war als ein Wohnhaus für die etwas gehobenere Gehaltsklasse gedacht, aber als solches Maßstäbe für weiteren sozialen Fortschritt setzend. 1957, 1983 und (nach dem Ende des Kommunismus, unter dem das Haus etwas vernachlässigt wurde) noch einmal 1992 wurde das Haus blitzblank renoviert. Sanitäranlagen in jeder Wohnung sind natürlich heute eine Selbstverständlichkeit. Das Haus ist mit der Zeit gegangen, ja hat sich sogar weiterentwickelt, denn für die Bewohner der Apartments steht nun im Innenhof ein luxuriöses Swimming Pool bereit.

Auf jeden Fall wurden schon damals, als Friedländer die Wohnungen bauen ließ, selbige von Kritikern in Sachen Architektur als besonders „schön und bequem eingerichtet“ gelobt. Die Pracht setzt sich, wie schon festgestellt, auch auf der Fassade fort. Die ist ein schönes Beispiel für den damals modernen Neorenaissancestil. Neben dem putzigen, über dem ersten Stock befindlichen Fries mit den Putten, die im mit Schilf gesäumten Wasser spielen passen auch die beiden riesigen Stuckstatuen über dem Portal. Sie stellen – ebenfalls zum Thema des Hauses beitragend – klassisch-antike Wassernymphen dar. (DD)

Sokolovna mit ortsspezifischem Nationalismus

Sie machten immer etwas her, die Sportzentren des Sokol, Sokolovna genannt. So auch die Sokolovna im Stadtteil Žižkov (Prag 3) in der Koněvova 929/17, die man hier sieht. Denn hier ging es nicht nur um Sport.

Als im Jahre 1862 Miroslav Tyrš (man sieht ihn hier in Žižkov auf dem Stuckmedaillon im Bild unterhalb rechts) und Jindřich Fügner (Bild links) die Turnerbewegung Sokol (über die wir u.a. hier, hier und hier schon berichtet haben) ins Leben riefen, ging es ihnen nicht primär um persönliche Fitness. Die Bewegung sollte ein Teil des „nationalen Erwachens“ sein und dazu beitragen, dass die Tschechen im (österreichischen) Habsburgerreich mehr Selbstbestimmung und ihren verdienten Platz in der Geschichte bekamen.

Massenturnfeste, die man von nun an organisierte, waren immer auch politische Demonstrationen. Und Versammlungen waren immer auch politische Treffen und Ort für politische Organisation. Hier bildete sich die tschechische nationale Elite heraus. Aus den Reihen des Sokol kamen Personen wie der erste Präsident der Tschechoslowakei Tomáš Garrigue Masaryk, der Maler Josef Mánes oder der Schriftsteller Jan Neruda. Und viele, viele mehr.

Sokol in Žižkov wurde 1872 gegründet (da war der Ort noch Teil von Vinohrady). Zwei Jahre nachdem Žižkov 1881 zur eigenständigen zur Stadt erhoben worden war (zu Prag gehört es erst seit 1922), im März 1883, wurde ein Komitee zum Bau einer geeigneten Räumlichkeit für dier sportlichen Aktivitäten gebildet und mit einem kleinen Zuschuss vom Rat wurde von 1895 bis 1898 ein großes neues Gebäude errichtet, das dem Stil der böhmischen Renaissance nachempfunden war. Der Architekt, von dem die Pläne dazu stammten, war František Josef Hodek, dem wir u.a. die 1903 fertiggestellten neogotischen Türme der Peter-und-Paul-Basilika (Bazilika svatého Petra a Pavla) auf dem Vyšehrad verdanken.

Schon der Rückgriff auf einen alten böhmischen Stil verdeutlicht die Botschaft, die dann durch das Stuckwerk auf der Fassade noch einmal unterstrichen wird. Es geht um eine Manifestation des tschechischen Nationalismus. Weshalb dieser Sokol-Bau (wie die meisten dieser Zeit) auch bewusst so repräsentativ gestaltet ist. In der Mitte prangt groß ein Wappen mit dem Böhmischen Löwen, flnkiert von kleinen mährischen und schlesischen Adlern. Das war nicht unüblich bei Sokolovnas. Desgleichen gilt für die Portraits von Tyrš und Fügner. Die örtliche Sokolgruppe wuchs in der folgenden Zeit gewaltig an. 1913 sinnierte man schon über einen Erweiterungsbau, was aber der Erste Weltkrieg unterbrach. Nach dem Krieg kam die Erste Republik und der Sokol (jetzt eine staatstragende Organisation) wuchs weiter. 1919 wurde ein Grundstück direkt neben dem alten gekauft. 1920 wurde eine kleine Übungshalle und 1921 ein Übungsplatz dahinter angelegt. Aber das war am Ende nicht genug.

1928 wurde das Architekturbüro Krč–Novotný–Tomka aus Litomyšl mit Plänen für eine größere Sporthalle beauftragt, die links an das alte Gebäude angebaut werden sollte. 1930 genehmigte die Stadtverwaltung den Bau und in den Jahren 1932/33 hatte die Baufirma Hrůza-Rosenberg das Bauwerk vollendet. Hier gab es allerdings keine historisierende Neorenaissance mehr. In der Republik war man zwar national, aber zugleich progressiv-liberal. Man baute modern im Stil des Funktionalismus. So auch hier. Und das Ergebnis konnte sich sehen lassen.

Das moderne Gebäude bietet einen denkbar großen stilistischen Kontrast zum alten, obwohl man geschickt versuchte, die Fassadenstruktur mit ihrem Risaliten mit ein wenig klassischer Formgebung zu versehen. Die skulpturale Ausstattung tut dazu ihr Übriges. An der östlichen Seite kann man zum Beispiel das riesige Relief Zdraví-síla-krása bewundern, einem Schlachtruf der Sokol: Gesundheit-Kraft-Schönheit. Es beweist, dass es vieles, was man dem sozialistischen Realismus zuschreibt, in Wirklichkkeit vorher schon gab. Ach ja, der Laden im Erdgeschoss war von Anfang an so geplant.

Zur Straßenseite befinden sich übe rden Fenstern des Risaliten noch vier schicke Reliefs, die allesamt Motive zeigen, die etwas mit einem Falken zu tun haben. Links ein Beispiel, wo man sogar den Falken dabei zusehen kann, wie er schützend seine Flügel vor den Böhmischen Löwen hält. Das fasste das Verhältnis des Sokol zur republik zusammen, als deren Schutzschild er sich verstand. Und Sokol ist übrigens das tschechsiche Wort für Falke. Und Sokolovna heißt eigentlich nichts anderes als Falknerei…

Eine kleinere Relief-Skulptur am Westteil des neuen Gebäudes, die man leicht übersehen kann, verdient aber noch Interesse. Es handelt sich um das spezielle Logo des Sokol von Žižkov. Man sieht hier erkennbar auf einem Wappen die Anfangsbuchstaben des Sokol „So“. Dazu sieht man einen Kelch und zwei primitive mittelalterliche Waffen (einen Dreschflegel und einen Morgenstern). Der Stadtteil Žižkov wurde nämlich von seinen sehr patriotischen Gründervätern im 19. Jahrhundert nach Jan Žižka benannt, dem Heerführer der Hussiten, der 1420 hier auf dem Vítkovberg nebenan seinen ersten großen Sieg errang, was ihn zum tschechischen Nationalhelden machte. Da Žižka ein Volksheer gegen die (meist deutschen) Ritter kommandierte, sind die Waffen daher romantisch primitiv dargestellt. Man sieht hier sozusagen die ortsspezifische Variante des Sokol-Nationalismus.

Und wie ging es weiter? In der Zeit der Naziherrschaft wurden Sokol-Mitglieder verfolgt. Während des Prager Aufstands (siehe auch hier, hier und hier) gegen die Nazis im Mai 1945 diente das Gebäude als Lazarett für die Aufständischen. Und auch im ab 1948 folgenden Kommunismus erging es dem Sokol kaum besser. Sokol – das stand für die bürgerliche Demokratie, die man als Kommunist bekämpfte. Ab 1952 wurde er mit dem kommunistischen Einheitssport mehr oder minder zwangsfusioniert. Die Ortsgruppe in Žižkov hieß eine zeitlang u.a. TJ Spartak Žižkov Tesla. Aber das ist ja gottlob seit 1989 vorbei. Seither nutzt der Sokol wieder den Komplex mit den beiden so unterschiedlichen Gebäudeteilen. (DD)

Erst Schule, später Staatssicherheit

In Prag findet sich manches Schloss, das keines ist. Zum Beispiel das Schlösschen in Strašnice, auf Tschechisch Strašnický zámeček genannt.

In der Tat sieht das Gebäude in der V Zátočce 42/1 so aus, wie es heißt – eben wie ein kleines Schloss. Doch tatsächlich wurde das Bauwerk im Stil der Neorenaissance 1877 im Auftrag der damals noch nicht von Prag eingemeindeten Gemeinde Strašnice (heute Prag 10) von dem Architekten und Bauunternehmer Emil Brabec (der u.a. auch die Kreditgenossenschaft im Stadtteil Karlín gebaut hat) als weiterführende Schule gebaut. Der putzige Turm, der etwas später aufgesetzt wurde, beherbergte anscheinend (so vermute ich) die Schulglocke. Neben dem „Schloss“ gab es damals einige „Pavillons“ genannte kleine Gebäude, die für Grundschüler der ersten bis achten Klasse gedacht waren.

Der Schulbetrieb endete 1909 als in der Nähe eine größere Schule erbaut wurde. 1950 verschaffte sich das Gebäude einen schlechten Ruf, weil hier die örtliche Sektion der kommunistischen Staatssicherheit einzog, um die Bevölkerung der Umgebung zu bespitzeln und einzuschüchtern. Die von der Stadt errichtete Infotafel neben dem Gebäude zeigt ein gestelltes Photo, wie ein Sicherheitsdienstler gerade einen dissidenten Jugendlichen abführt. Heute befindet sich hier die örtliche Polzeiwache, die aber dem Schutz der Bürger in einem nunmehr demokratischen Staat, und nicht der Terrorisierung der Bevölkerung wie unter dem Kommunismus dient. (DD)