Sgrafitti im Überschwang

Dort, wo enge und verschlungene Gassen und uralte Häuser die Prager Kleinseite so romantisch und verwunschen aussehen lassen, wie kaum irgendwo sonst, ragt dieses Haus wie der Inbegriff feinster böhmischer Renaissancekunst noch einmal besonders heraus.

Dieser erste Eindruck täuscht allerdings, was das berühmte Kremlovský dům (Kremlov Haus) in der Jánská 315/2 allerdings nicht im geringsten weniger entzückend erscheinen lässt. In Wirklichkeit wurde das Haus im 17. Jahrhundert (möglicherweise auf den Fundamenten eines früheren mittelalterlichen Gebäudes) zunächst einmal im Barockstil erbaut. Davon sieht man heute allerdings nur noch wenig.

Denn das heutige Aussehen verdankt das Haus eines Umbaus Anfang des 19. Jahrhunderts im klassizistischen Stil und vor allen Dingen einer grundlegenden Renovierung im Jahre 1878, die den nicht vollständig umgesetzten Plänen des Baumeister František Liebl folgte. Die Neugestaltung wurde in dem damals geradezu modischen Stil der Neorenaissance durchgeführt, die sich besonders harmonisch zu der klassizistischen Gebäudestruktur verhält. Um dem Gebäude einen Flair von Renaissance zu verleihen, wurde die gesamte Fassade in einem Überschwang mit Sgraffiti überzogen. Das geschah selten so überbordend wie bei diesem Haus.

Dabei handelt es sich um eine Kratzechnik für Bilder, bei denen verschiedenfarbige Stuckschichten auf die Wand aufgetragen und anschließend in den für das Bild sinnvollen Schichten freigelegt werden (früheres Beispiel hier). Das war in der Zeit der böhmischen Renaissance äußerst populär, etwa zu sehen beim Palais Schwarzenberg nahe der Burg, und wurde im späten 19. Jahrhundert in Prag gerne wieder aufgegriffen.

Die Sgrafitti greifen klassische Themen der Renaissance wieder auf – insbesondere antike Fabelwesen und Gryphen, aber auch pure Ornamentik. Und so steht das Haus heute in einer der schönsten Lagen der Stadt, direkt unterhalb des  Palais Bretfeld (auch hier) und ist zu einem besonderen Blickfang für die vorbeikommenden Besucher der Stadt geworden, denen es nicht ausmachen dürfte, dass die Renaissance, die sie hier sehen, in Wirklichkeit „nur“ gut gemachte Neorenaissance ist. (DD)

Nusles Nationalhaus

Ende des 19. Jahrhunderts gehörte es in jeder böhmischen Stadt zum guten Ton, einen Ort zu schaffen, wo tschechische Kultur und Geselligkeit in großen Räumlichkeiten und Sälen zelebriert werden konnte – ein Stück nationaler Selbstvergewisserung im österreichisch bestimmten Habsburgerreich.

Auch die Stadt Nusle leistete sich anlässlich der Verleihung der Stadtrechte durch die k.u.k.-Regierung im Jahre 1898 ein solches, durch Bürgerengagement entstandenes Nationalhaus (Národní dům). Nusle verlor seine kurzlebige Eigenständigkeit zwar schon wieder im Jahre 1922 durch die Eingemeindung zur Hausptstadt Prag (heute daher ganz prosaisch Prag 4), aber das Gebäude steht hier immer noch in alter Pracht und altem Glanz an der Nuselská 2/1, Ecke Čestmírova – allerdings nicht mehr als Kulturzentrum, sondern primär als Bürogebäude, in dessen Erdgeschoss die örtliche Sparkasse ihre Filiale hat.

Schon im Jahre 1897, als sich abzeichnete, dass im nächsten Jahr Nusle eigenständige Stadt werden sollte, begann der Architekt Antonín Frič mit den Plänen für das Gebäude im Stil der Neorenaissance. Der Bau symbolisierte auch architektonisch den Beginn der neuen Ära, denn mit ihm verschwanden die letzten Reste des kleinen Dorfs, das hier noch bis vor kurzem existierte. Das Nationalhaus befindet sich auf dem ehemaligen Gelände eines kleinen Bauernhofs – heute ist es quasi das urbane Zentrum Nusles.

Wie bei Nationalhäusern üblich geriet man bei der Fassadengestaltung in wilde Tschechentümelei und patriotischen Überschwang. Das kann man schon bei dem bekanntesten Prager Bauwerk dieser Art, dem Národní dům in Vinohrady (früherer Beitrag hier) von 1894 beobachten. Meist sieht man Skulpturen oder Büsten von tschechischen Mythengestalten oder wichtigen historischen Persönlichkeiten des tschechischen Kulturlebens. Das Nationalhaus in Nusle ist da keine Ausnahme. Und schon gleich oben im Giebel thront als Schutzpatron des Landes der Heilige Wenzel mit wehendem Banner und stolzem Blick.

Etwas darunter sieht man rechts die der böhmischen Sagenwelt entsprungene Seherin Libuše, die dereinst in vorgeschichtlichen Zeiten Prag eine große Zukunft weissagte, und die durch ihre Heirat mit Přemysl, für den sie ihren Anspruch auf die Herrschaft Böhmens aufgeben musste, das bis ins 14. Jahrhundert im Lande regierende Geschlecht der Přemysliden begründete – jedenfalls, wenn man der Chronica Boemorum des Mönches Cosmas von Prag aus dem 12. Jahrhundert Glauben schenkt. Diese Hintanstellung der Seherin zugunsten ihres Mannes (aus geschlechterdiskriminierenden Gründen) sollte später zu Konflikten zwischen Männern und Frauen, die ja bekanntlich sowieso nicht zueinander passen, führen. Aber die patriotische Darstellung auf der Fassade des Nationalhauses stellt die beiden als harmonierende Nationsgründer dar.

Aber damals wollte man schon nicht mehr nur in der Sagenwelt schwelgen. Über dem Eingang befindet sich ein etwas revolutionäreres Statement, nämlich die Büste von Karel Havlíček Borovský, einem Teilnehmer der 1848er Revolution, der als Publizist mit seinen radikalen Forderungen nach mehr demokratischer Mitbestimmung Böhmens so sehr bei der Obrigkeit aneckte, dass er mehrfach verbannt wurde. Der Nationalheld thront mit trotzendem Blick über dem böhmischen Löwen.

Der neu angelegte Platz vor dem Nationalhaus wurde dazu übrigens passend Rieger Platz (Riegrovo náměstí) genannt, was die revolutionäre Botschaft unterstrich. Denn František Ladislav Rieger war ebenfass 1848er-Revolutionär und wirkte lange Zeit als Abgeordneter im Reichtsag und im böhmischen Landtag für die Rechte der Böhmen im Reiche. Das ist übrigens der Grund, warum die Nazis nach 1939, denen er definitiv zu liberal war, den Platz sofort nach dem irgendwie unverfänglicheren Heiligen Method benannten. Die Kommunisten, die 1948 die Macht ergriffen, fanden ihn auch zu liberal, weshalb der Platz seither Platz der Brüder Synek (náměstí Bratří Synků) benannt ist – nach den Brüdern Otto und Viktor Synek, die 1941/42 als Mitglieder des kommunistischen Widerstandes von den Nazis brutal hingerichtet worden waren. (DD)

Robuster Maschinenraum

So hübsch kann Industriearchitektur sein. Dieses Gebäude befindet sich in der Pernerova 635/57 (Ecke Šaldova) im Stadtteil Karlín (Prag 8). Karlín entstand im 19. Jahrhundert und wurde neben Smíchov zu einem der wichtigsten Industriezentren Prags.

Es handelt sich um den Heiz- und Maschinenraum der damaligen Maschinenbau-Aktiengesellschaft vorm. Breitfeld, Danek & Co. aus der nach einer größeren Fusion mit anderen Unternehmen (siehe z.B. hier) im jahre 1927 die Firma ČKD (Českomoravská-Kolben-Daněk) hervorging – der größte Maschinenbauer Mitteleuropas. Die Firma wurde natürlich 1948 von den Kommunisten verstaatlicht und geriet nach dem Ende des Kommunismus in den 1990er Jahren etwas ins Schlingern. Sie zerlegte sich in kleine Einzelunternehmen, die aber seit 2004 teilweise wieder unter dem Namen Skupina ČKD Praha (Gruppe ČKD Prag) zusammengeschlosse.

Im Zuge dieses Prozesses wurde die Nutzung der Maschinenhalle durch die Firma eingestellt. Die war im Jahre 1898 nach den Plänen von Josef Rixy und Viktor Beneš in einem robusten Neorenaissance-Stil erbaut worden, der den Geist industrieller Kraft atmen sollte. Der zeigte sich durch die schwere Rustifizierung und die soliden Rundbogenfenster. 2004 wurde das nun funktionslose Gebäude von dem italienischen Architekten Claudio Silvestrini innen völlig umgebaut und enthält nun auf 1200 Quadratmetern Büros und größere Studios, unter anderem für die avantgardistische Architektengruppe Quarta. Als Machine House repräsentiert es den neuen Charme Karlíns als nunmehr gentrifiziertes Hip-Viertel Prags. (DD)

Venezianische Renaissance für den Industriellen

Die Neorenaissance war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mithin der bestimmende Stil in Prag. Es gab ihn in verschienen Variationen. Der tschechische Patriotismus gebot meist die Nachempfindung des böhmischen Renaissancestils – Beispiele hier und hier -, aber manchmal finden sich auch Beispiele für einen schlichten und wenig überladenen venezianischen Stil.

Eines davon ist der Lannův palác (Lanna Palast) in der Havlíčkova 1380/1, Ecke Hybernská in der Neustadt, gleich gegenüber des Masaryk Bahnhofs. Der Dombaumeister Josef Kranner (siehe auch hier) hatte für das zweistöckige Haus die Pläne geliefert, die von dem Baumeister und Architekten Jan Ripota in den JAhren 1857 bis 1859 umgesetzt wurden. Aber wirklich zu einem bemerkenswerten Gebäude wurde der Palast durch die Fassadengestaltung, für die sich der Architekt Vojtěch Ignác Ullmann verantwortlich zeigte, den wir u.a. schon hier und hier vorstellten, und der geradezu ein Spezialist für Neorenaissance-baukunst war.

Die Fassade besticht dadurch, dass sie die Strukturierung der Fassade durch das rustifizierte Erdgeschoss, die Fenster mit Rundbögen und das gezahnte Gesims für sich wirken lässt. Nur über den Fenstern im ersten Stock gibt es eher zurückhaltend gestaltete florale Stuckarbeiten. Dass Erdgeschoss und Gesims weiß und die beiden Stockwerke in roter Ziegelnachahmung gestaltet sind, verstärkt dies Strukturierung.

Erbaut wurde das Gebäude als Wohnpalast für Karl Adalbert Lanna, eine der großen Industriellefiguren Böhmens im Zeitalter der Industriellen Revolution. In den 1830 Jahren war er Betreiber der Pferdeeisenbahn Budweis–Linz–Gmunden, um 1846 in Kladno in die Kohle- und Eisenidustrie groß einzusteigen. Später erwarb er sich einen Ruf als Erbauer von Brücken, von denen unter anderem die Kettenbrücke in Stádlec als Denkmal überlebt hat. Der Kaiser erhob ihn bald in den RItterstand ob seiner Leistungen. Nach Lannas Tod 1866 ließ sein gleichnamiger Sohn das Gebäude innen durch die Architekten Anton Viktor Barvitius und Josef Schulz, die aber den Grundcharakter des Hauses nicht veränderten.

Der Familie Lanna gehört der Palast heute nicht mehr. Stattdessen gibt es hier viele Büros und im Erdgeschoss verschiedene Geschäfte. 1958 wandelte man an der Straßenecke die Rundfenster in eine Arkade um, was Architekturhistoriker leise aufheulen ließ. Aber inzwischen hat man damit zu leben gelernt und der Gesamteindruck des Lanna Palastes ist dadurch nicht wesentlich geschmälert. (DD)

Strenger Kindergarten

Das hätte dem alten Pädagogen, der da streng von seinem Sockeln herunterschaut, gefallen: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich auch in Böhmen immer mehr die Idee des Kindergartens durch. Die Industrielle Revolution (die in Böhmen weiter fortgeschritten war als in anderen Teilen des Habsburgerreichs) hatte dazu geführt, das Kinder arbeitender Eltern (insbesondere in den ärmeren Schichten) oft ohne Betreuung blieben und Gefahr liefen, der Verwahrlosung anheimzufallen.

Anfangs waren sie bisweilen bloße Aufbewahrungsstätten, aber nun sah man sie in vielen Kommunen als Teil eines umfassenden pädagogischen Konzepts zur Volksbildung. So auch in Vinohrady (Prag 2), wo die heutige Grundschule in der Jana Masaryka 360/25 im Jahre 1887 ursprünglich als Kindergarten gegründet worden wurde. Es war die zweite Einrichtung dieser Art überhaupt in der damals von nicht zu Prag gehörenden Gemeinde Vinohrady (die Eingemeindung erfolgte erst 1922).

Dem Gebäude merkt man an, dass hier den Kindern nicht das spielerische Lernkonzept heutiger Kindergärten, sondern knallharte Pädagogik im Vordergrund stand. Es mutet nach strenger Erziehung an und es sieht nicht so aus wie ein Kindergarten, sondern eher wie eine Schule – was es aber erst in den späten 1940er Jahren wurde.

Das zweistöckige Gebäude ist in dem für diesen Teil Vinohradys das Stadtbild prägenden Neo-Renaissance-Stil erbaut. In dieser Zeit herrschte in der Stadt bereits eine gewisse Separation zwischen dem deutschen und dem tschechischen Teil der Bevölkerung, was öffentliche Einrichtungen anging. Dies hier war definitiv ein tschechischer Kindergarten gewesen. Das aufkommende Nationalbewusstsein wird auch optisch zelebriert. Über dem Eingangsportal schaut mit ernstem Blick die Büste von Tomáš Štítný herab, den wir schon hier erwähnt hatten (großes Bild oben). Der war ein Theologe und Volksbildungsschriftsteller, der viele spätere Ideen des Hussitentums vorwegnahm und als einer der ersten Theologen auf Tschechisch predigte und auch auf Tschechisch religiöse Schriften schrieb – eine in der Zeit der Erbauung des Kindergartens zum Nationalhelden stilisierte Figur. Die Kinder, die hier erzogen wurden, sollten also nicht nur gebildet, sondern auch national gesonnen sein. (DD)

Wo Hermes prangt

Der Gott Hermes war für die alten Griechen der Beschützer des Handels (und der Diebe, aber das spielt hier jetzt keine Rolle). Wen wundert es, dass sein geflügeltes Konterfei gleich über dem Portal der alten Tschechoslowakischen Handelsakademie (Českoslovanská akademie obchodní) in der Resslova 1780/8 (Neustadt) prangt?

Die wurde schon 1872 gegründet – allerdings an einem anderen Standort nahe des Hauses bei Rott (Dům U Rotta) am Malé náměstí nahe des Altstädter Rathauses. Unter dem ersten Rektor, Emanuel Tonner, gab es 135 Schüler, die damals satte 120 Goldstücke für den Unterricht zahlen mussten. Die Nachfrage war so groß, dass man 1882 auf dem kurz zuvor aufgelassenen Gefängniskomplexes nahe der Kirche des Heiligen Wenzel von Zderaz (Kostel sv. Václava na Zderaze), über den wir hier berichteten, ein neues und großes Gebäude errichtete – eben das hier vorgestellte. Der Architekt war der Baumeister Václav Nekvasil, der es in einem feinen Neorenaissancestil erbaute, der harmonisch zu dem antiken Hermes passt.

Die Handelsakademie erwies sich als ein sehr fortschrittliches Institut. Schon im Semester 1906/07 wurden erstmals 49 Mädchen zum Studium zugelassen, die nicht nur als Heimchen am Herd enden, sondern beruflich in bisherige Männerdomänen eindringen wollten. Das passte auch „geographisch“, da schon 1896 der Böhmische Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český) genau auf der anderen Straßenseite (Resslova 1940/5) seine Schule für Mädchen aus armen Elternhäusern aufgemacht hatte, worüber wir bereits hier berichteten. Der progressive tschechische Geist war den Bürokraten der Habsburgermonarchie in den Zeiten des Ersten Weltkriegs suspekt. Lehrbücher wurden verboten, einige Lehrer verhaftet. Nur Notunterricht lief noch. In der Ersten Republik wuchs die Akademie zwar, aber die Planungen für ein neues Haus andernorts liefen schleppend. Als 1939 die Nazis kamen, wurde der Betrieb erst einmal bis 1945 gewaltsam geschlossen, weil er als Hort des Widerstands galt. Die Machtergreifung der Kommunisten im Februar 1948 stieß bei den Studenten ebenfalls auf Protest. Viele beteilgten sich an dem Demonstrationsmarsch von Studenten zum Präsidentenpalast, der von der bereits kommunistisch unterwanderten Polizei gewaltsam niedergeschlagen wurde. Mehrere Professoren wurden entlassen, 17 Studenten und 2 Professoren wurden vor Gericht gezerrt, etliche von ihnen zur Zwangsarbeit in die Uranminen geschickt. Andere konnten noch in den Westen fliehen. Der Lehrplan wurde auf Marx/Engels umgestellt und man durfte keine „unabhängigen Unternehmer für kapitalistische Unternehmen“ mehr ausbilden. Um die Sache abzurunden, wurde die Akademie in Hochschule für Wirtschaft umbenannt.

Auf der anderen Straßenseite erfolgte währenddessen die Gleichschaltung und dann 1971 die Auflösung des Frauen-Erwerb-Vereins. Dessen Gebäude wurde 1961 enteignet und der Handelsakademie übergeben, die dorthin umziehen musste. Der Umzug, so vermerkte man damals bitter, war eine Zwangsaktion und kostete die Akademie auch mehr als das beschlagnahmte Vermögen des aufgelösten Vereins hergab. Und populär wurde der Kommunismus hier nie. 1989 bildete sich mit der Samtenen Revolution ein Bürgerforum von Studenten und Professoren, das nach Kräften beim Sturz der Tyrannei mithalf und Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht forderte. Am Ende konnte man doch auf eine schöne Tradition zurückblicken, die sich 1993 auch in dem Beschluss wiederspiegelte, den alten Namen – Tschechoslowakische Handelsakademie – wieder einzuführen, obwohl es seit dem 1. Januar dieses Jahres gar keine Tschechoslowakei mehr gab.

Und auch das Gebäude erinnert immer noch an die gute ale Zeit. Das ist der Hermes, der über dem Portal ist, aber auch der Hermes, den man oben im Giebel bewundern kann, oder die zahlreichen anderen skupturalen Elemente in einem feinen Jugendstil, der sich perfekt in die Neorenaissance-Fassade einschmiegt. Dazu passt auch der jugendstilige Schriftzug průmyslobchodpeněžnictví (Industrie, Handel, Finanzen) über dem ersten Stock.

An der Fassade im Erdgeschoss befindet sich auch noch eine Gedenktafel mit Portraitreflief für den Dichter Josef Václav Sládek, der sich als Übersetzer der Werke Shakespeares, Byrons und Hawthornes hervorgetan hatte, und von 1872 bis 1900 in der Handelsakademie als Englischlehrer wirkte. Der intellektuelle Horizont des Hauses reichte wohl immer über die bloße Ökonomie hinaus.

Das Hauptgebäude der Akademie liegt immer noch gegenüber im aten Gebäude des Frauen-Erwerb-Vereins, aber hier wurde die weiterführende Berufschule und die Business Academy (Českoslovanská akademie obchodní dr. Edvarda Beneše) untergebracht, die der Akademie angeschlossen sind. Die Kontiunität der Nutzung des Gebäudes ist also gewahrt. (DD)

Französische Renaissance, tschechischer Patriotismus

Zugegebenermaßen: Ich habe nichts darüber herausfinden können, wer dieses Haus bauen ließ und wann. Aber das macht nichts. Kann man eine solche Fassade unkommentiert lassen?

Dieses monumentale vierstöckige Mietshaus steht in der Polská 1675/52 im Stadtteil Vinohrady (Prag 2). Die Polská wurde zwischen 1900 und ca. 1905 städtebaulich erschlossen, weshalb der Bau wohl irgendwann in dieser Zeit erfolgt sein dürfte. Es dürfte zu den ersten dort gebauten Häusern gehört haben, denn die Häuser weiter unterhalb sind meist stilistisch moderner.

Die Straße hieß zu dieser Zeit noch Nerudová – nach dem Schriftsteller Jan Neruda. Der war zu sehr ein tschechischer Nationalschriftsteller, als dass es die Nazis nach 1939 so belassen wollten. Von 1940 bis 1945 wurde die Straße nach dem deutschen Schriftsteller Adalbert Stifter benannt (kein Nazi, sondern ein liberaler Teilnehmer der 1848er Revolution, der sich – weil seit 1868 tot – nicht gegen den Missbrauch durch die Nazis wehren konnte). Damit sie nicht mit der berühmten Nerudová auf der Kleinseite verwechselt werden kann, heißt sie seit 1947 Polská (Polnische Straße).

Wie dem auch sei: Hier schwelgte der Architekt in Reminiszensen der französischen Renaissance, was sich besonders an den auf und über der Fassade befindlichen Spitztürmen zeigt. Sie ähneln ein wenig den Neorenaissance-Phantasien von Schloss Neuschwanstein oder Disneyland. Aber wie alle guten tschechischen Historisten in der Architektur, kam auch der Baumeister dieses Hauses nicht ohne Anspielungen auf die böhmische Geschichte aus. Über dem ersten Stock sieht man Stuckreliefs mit Darstellungen von Waffen-Trophäen aus den Hussitenkriegen – ein in der Zeit des Baus beliebtes Thema für die Zurschaustellung von tschechischem Patriotismus. (DD)

Der Schwan: Im Dienst von Sauberkeit und Gesundheit

Ist das Göttervater Zeus, der sich als Schwan der badenden Leda unsittlich nähern will? Auf jeden Fall signalisiert das stolz über dem Giebel thronende Tier, dass das darunter befindliche Gebäude die Möglichkeit eines gepflegten Bades bot. Der Schwan: Im Dienst von Sauberkeit und Gesundheit!

Zeus hätte sich tatsächlich gut tarnen müssen, denn als das kleine Kur- oder Badehaus (Lázeňský dům) in der Dukelských hrdinů 848/17 im Stadtteil Holešovice (Prag 7) im Jahre 1899 erbaut wurde, achtete man natürlich noch streng auf Züchtigkeit. Die Bäder waren nach Geschlechtern getrennt, was auch für die Umziehkabinen galt, von denen es im Erdgeschoss (wo es auch je einen Warteraum für Damen und Herren und eine Kasse gab) je drei für kleine Jungen und Mädchen, 11 für Männer und 10 für Frauen gab. Im ersten Stock befanden sich die Bäder (Spa) und im Nordflügel eine Saunaanlage. Das Ganze war eine öffentliche Einrichtung. Deshalb prangt über dem Eingang auch stolz das Stadtwappen Prags. Damals waren für die meisten Menschen in Prag saubere und gesunde Bäder ein unerreichbarer Luxus, denn nur reiche Haushalte konnten sich fließendes und reines Wasser leisten. Die Stadtväter, nun um Hygiene und Volksgesundheit besorgt, sahen die Errichtung eines Kur- und Badehauses als öffentliche Aufgabe an.

Das Kurbad wurde von dem Architekten František Velich erbaut, der gleichzeitig Leiter des Prager Baubüros war (und als solcher z.B. den Tunnel unter dem Vyšehrad geplant hatte, über den wir hier berichteten). Ausführen ließ Velich den Bau von dem Bauunternehmer Josef Kindl, während die Tischlerarbeiten innen von Václav Hrabě und die skulpturale Ausstattung (also wohl auch den Schwan!) dem Steinmetz und Bildhauer Ferdinand Palouš übertrug. Von außen hat das Gebäude seither seine Gestalt bewahrt. Es handelt sich um ein freistehende Gebäude im Stil der Neo-Renaissance (mit kleinen Anleihen von Klassizismus und Jugendstil).

Die davor entlang laufende Straße ist heute eine zentrale Verkehrsachse. Und die ist lärmig. Umso mehr ist man erstaunt, dass man hinter dem Kurbadhaus eine kleine Ruheoase findet. Zwischen dem Haus und der nahen kleinen Kirche des Heiligen Klemens (Kostel svatého Klimenta) befindet sich ein sehr kleiner, aber hübscher Park, der zum Verweilen einlädt. Die Ruhe und Erholung an der frischen Luft nach dem Bade dürfte damals ein Teil des gesundheitsfördernden Gesamtanliegens gewesen sein. Und es war sicher sehr angenehm, so etwas inmitten der Großstadt geboten zu bekommen. Hinzu kommt, dass das Gebäude, das den Park irgendwie ein wenig vom Straßenlärm abschirmt, sich sehr geschmackvoll ausnimmt – mit dem Schwan, zwei Wandmedaillons mit Portraits und den dorischen Säulen des Portikus.

Wer nach dem Lesen dieser Zeilen nun die Badehose einpackt, sich die Flipflops anzieht und das Badetuch einrollt, um nun hier entspannt im Wasser zu relaxen, wird allerdings enttäuscht werden, wenn er hier ankommt. Das Haus wurde insbesondere nach dem Weltkrieg enorm umgebaut (Hraběs Holzvertäfelungen verschwanden zum Beispiel) und am Ende sogar zweckentfremdet. Die Sauna verschwand in den 1980ern als letztes. Seither wird hier nicht mehr gebadet. Heute residieren hier primär medizinische Zentren und eine Reha-Praxis. Nun ja, das Problem von 1899, dass die Wohnungen der meisten Menschen über kein fließendes Wasser verfügen, besteht ja heute auch zum Glück nicht mehr. Und der Gesundheit verpflichtet ist man im Hause ja immer noch – nur eben anders. Und immer noch unter dem Zeichen des Schwans. (DD)

Ein großer Industrieller, der schrecklich endete

Seine Pracht und den Wohlstand verdankt Prag nicht zuletzt seinen großen Industriellen, die im 19. Jahrhundert Böhmen zum wohlhabendsten Teil des Habsburgerreichs machten. Einer von ihnen war Emil Kolben, dessen Villa man heute noch in der Hradešínská 976/1 im Stadtteil Vinohrady (Prag 10) bewundern kann, und dem ein schreckliches Schicksal widerfuhr.

Kolben war Sprößling einer deutschsprachig jüdischen Familie aus Prag. 1888 hatte er in Amerika als Chefingenieur in der Firma des großen Erfinders Thomas Edison gearbeitet. 1889 lernte er bei keinem Geringeren als Nikola Tesla die neue Wechselstromtechnik. Derart mit Fachwissen gewappnet gründete er 1896 die Firma Kolben a spol, a.s. (Kolben & Co.). Die entwickelte sich bald zu einem führenden Unternehmen der Elektrotechnik in Böhmen. 1927 entstand durch Fusion mit zwei anderen Firmen die immer noch existierende ČKD (Českomoravská-Kolben-Daněk), ein Industriegigant der Elektrotechnik und des Maschinenbaus, der in der Zwischenkriegszeit zu den größten Arbeitgebern der Tschechoslowakei wurde. Noch heute kann man Teile der alten Anlagen im Prager Industrieviertel Vysočany bewundern, dessen Hauptverkehrsader bezeichnenderweise die ul. Kolbenova ist.

Gewohnt hat er allerdings nicht hier, sondern im weitaus vornehmeren Vinohrady. Dort ließ er sich 1897 – ein Jahr nach Gründung von Kolben a spol – von dem Architekten Josef Svoboda die Kolbenova vila, manchmal auch Červená vila (Rote Villa) genannt, bauen. 1916/17 ließ er noch einige geringfügige Änderungen im Zuge einer Instandsetzung durch den Baumeister Josef Domek durchführen. Der große Turm verleiht dem Haus ein wenig den Charakter einer Burg. Von hier aus konnte Kolben den Blick über den heute Garten der Brüder Čapek (Sady bratří Čapků) genannten Park schauen (früherer Beitrag hier).

Überhaupt hatte der innovative Unternehmer sich ein stilistisch erstaunlich konservatives Domizil geschaffen. Es handelt sich um ein typisch historistisches Gebäude, dessen großes Satteldach auf dem Turm von Renaissancebauten inspiriert ist. Optisch herausragend wird es durch die vorstehende Veranda im Erdgeschoss und vor allem durch die Holzarbeiten des Giebels, die ein wenig daran erinnern, dass damals der Jugendstil en vogue war. Sie sind erst im Zuge der Umgestaltung von 1916/17 entstanden. Das Ganze wirkt eigentlich recht heimelig und nicht sonderlich großprotzig.

Kolben konnte seinen Erfolg als Unternehmer und das Leben in seiner Villa nur bis 1939 genießen. Als die Naziarmeen einmarschierten, wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft aus der Leitung des Unternehmens entfernt.

Das war erst der Anfang, denn die Nazis waren gnadenlos. Schon kurz darauf wurden er und seine gesamte Familie ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Er starb dort an Auszehrung und Erschöpfung im September 1943. Außer ihm wurden noch 26 andere Mitglieder seiner Familie von den Nazis ermordet; nur sein 1926 geborener Enkel  Jindřich überlebte.

In den Zeiten des Kommunismus verkam das Haus ein wenig. 1992 wurde eine Renovierung durchgeführt und schließlich, im Jahre 2014, übernahm die Stadtregierung von Prag 10 das Haus – anscheinend ohne einen richtigen Plan, was sie damit machen wollte. Immerhin wurde eine Tafel angebracht, die an das Schicksal Kolbens erinnert. Seither wird das Gebäude sporadisch für öffentliche Anlässe genutzt, bleibt aber ein Zankapfel der lokalen Politik. Einer der Pläne, die diskutiert werden, ist die Einrichtung eines Museums, das an Kolben, seine Verdienste als Industrieller und an sein schreckliches Ende erinnert. Das wäre in der Tat eine sehr angemessene Nutzung. (DD)

Kafkas Domizil in Vinohrady

Franz Kafka ist mit Sicherheit der international bekannteste Schriftsteller Prags. Sein Museum, sein Geburtshaus, seine Denkmäler (hier und hier) sind Touristenmagneten und überall kann man Kafka-Souvenirs kaufen.

Um so mehr verwundert es, dass an seinem Wohndomizil in der Polská 1532/48 im damals noch nicht zu Prag gehörenden Vinohrady (das erst 1922 eingemeindet wurde) keine Plakette daran erinnert, dass der Schriftsteller hier vom September 1914 bis zum Februar 1915 lebte. Hier in diesem Haus schrieb er den größten Teil seines postum veröffentlichten und unvollendet geblieben Romans Der Process, in dem er wohl die Trennung von seiner ersten Verlobten Felice Bauer verarbeitete. Die Verlobung war kurz zuvor, im August 1914, nach fast zwei Jahren beendet worden.

In das Haus in der Polská, die erst seit 1948 so benannt ist und damals noch Nerudagasse hieß, zog er zusammen mit seiner ältesten Schwester Gabriele, genannt Elli, ein, die – genau wie die beiden jüngeren Schwestern Valli und Ottla – 1942 von den Nazis ermordet werden sollte. Während der Zeit, in der er hier wohnte, musste Kafka sich widerwillig um die Geschäfte der Firma Prager Asbestwerke Hermann und Co. kümmern, bei der er ebenso widerwillig auf Wunsch seines Vater stiller Teilhaber geworden war. Seine literarische Produktivität schien darunter kaum zu leiden, schrieb er hier doch neben Der Process unter anderem die Erzählung In der Strafkolonie.

Das Haus in der Polská ist ein für die Umgebung in Vinohrady typisches vierstöckiges Mietshaus im Stil der Neorenaissance. Es liegt in einer sehr angenehmen Gegend direkt in der Nähe des Rieger Parks (Riegrovy sady) Heute befindet sich im Erdgeschoss eine kleine Kneipe. Ob Kafka hier eingekehrt wäre, hätte es die schon damals gegeben? Wiedem auch sei: Im März 1915 zog Kafka hier aus und zog in das Haus zum Goldenen Hecht in der Altstadt ein (früherer Beitrag hier), wo er bis 1917 lebte. (DD)