Zwei Tonnen Silber für Nepomuk

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Fast zwei Tonnen Silber sollen für die Errichtung seines Grabes im Veitsdom auf der Burg verwendet worden sein. Es ist die letzte Ruhestätte des Heiligen Nepomuk, dessen Gedenktag man in Tschechien heute (16. Mai) feiert – in Mähren sogar als gebotenen IMG_1178Feiertag! Und das, obwohl der eigentliche kirchliche Feiertag (nicht geboten) auf den 20. März, dem Todestag des Heiligen, fällt.  Auf jeden Fall hat man sich dereinst sein Grabmal etwas kosten lassen.

Errichtet wurde es 1736 von dem Wiener Architekten und Bildhauer Joseph Emanuel Fischer von Erlach, wobei die silberne Statue des Heiligen von dem italienischen Rokokobildhauer Antonio Corradini gestaltet und vom Silberschmied Johann Joseph Würth umgesetzt wurde. Warum so groß, warum zu diesem Zeitpunkt – denn der Heilige war ja bereits 1393 aus dem Leben geschieden (worden)?

IMG_5962Nun ja, als das Denkmal 1733 in Auftrag gegeben wurde, war der gute Nepomuk gerade erst einmal vier Jahre lang heilig gesprochen worden. In den ersten Jahrhunderten nach seinem Tode war er lange Zeit als Märtyrer vereehrt worden, aber doch in vergleichsweise bescheidenen Ausmaßen.

Möglicherweise hat der Nepomuk-Kult etwas mit dem Ausgang der Schlacht am Weißen Berge zu tun. Dort wurden 1620 die mehrheitlich protestantischen Böhmen von den Habsburgern unterworfen und anschließend recht rüde zwangskatholisiert. Die katholische Kirche hat seither (im Kern bis heute!) deshalb im Lande das, was man modern als „Imageproblem“ bezeichnen würde. Deshalb brauchte die Kirche populäre heilige Identifikationspersönlichkeiten. Unter den Tschechen war stets eine gewisse Neigung verbreitet, den von der Kirche verbrannten Frühreformator Jan Hus als nationalen Ersatzheiligen zu verehren. Das ging ebenso wenig wie der weniger ketzerische Heilige Wenzel, der aber als Spross einer tschechischen Herrscherdynastie, IMG_1182den Přemysliden, kein ganz überzeugendes Rollenmodell für die Etablierung einer österreichischen Fremdherrschaft lieferte.

Da kam Nepomuk gerade wie gerufen. Er war der Stoff, aus dem man Legenden schnitzen konnte. 1393 war er von einem böhmischen König, Wenzel IV., von der Karlsbrücke heruntergeworfen worden. Dieser Wenzel war der Kirche nie so recht wohlgesonnen, war als deutscher Kaiser wegen Trunksucht und Unfähigkeit abgesetzt worden und hatte später Sympathie für die häretischen Hussiten gezeigt – ein finsterer Schurke also, vor dem das leuchtende Bild des Heiligen um so heller leuchtet! Bischof IMG_5961Nepomuk hingegen hatte sich, so eine erst nach seinem Ableben erfundene Legende, edelmütig geweigert, das Beichtgeheimnis zu verletzen, als der krankhaft eifersüchtige König ihn bat, den möglicherweise pikanten Inhalt der Beichte seiner Frau preiszugeben. Der sich standhaft weigernde und glaubensstarke Nepomuk wurde darob grausam gefoltert (vom König selbst natürlich!) und an der Karlsbrücke ebenso grausam ertränkt.

1729 wurde er nun dafür als Heiliger des Beichtgeheimisses und der Brücken installiert, verbunden mit einer Imagekampagne, die ihn als treuen Sohn der Kirche und Kämpfer gegen das Unrecht darstellte – ein urböhmischer dazu! Als einziger Heiliger darf er bei Darstellung mit einem Sternenkranz über dem Kopf dargestellt werden, ein Attribut, das sonst nur Maria vorbehalten ist (bei der es allerdings 12 und nicht fünf Sterne sind). Seine sonstigen Attribute sind das Kreuz, das er in den Armen hält, und manchmal auch der Finger vor dem Mund (Schweigegebot!).

Betrachtet man die Unmenge von Nepomukdenkmälern im Lande (von denen das auf seiner Hinrichtungsstätte, der Karlsbrücke, das bekannteste ist), so war der Heilige ein IMG_8823echter PR-Erfolg. Rechts – ganz wahllos herausgegriffen – die Statue des Heilgen vor der Kirche des  Heiligen Prokop im Stadtteil Braník (Kostel sv. Prokopa v Braníku) als ein Beispiel von unzähligen. Kurz: Nepomuk hat es tatsächlich zu einem populären Heiligen gebracht. Dass die Sache mit dem Beichtgeheimis wohl in Wirklichkeit gar nicht stimmte, sondern dass es um Machtfragen (Zuschnitt von Diözesen, Kircheneigentum) ging, stört da wenig – abgesehen davon, dass es den Mord trotzdem nicht rechtfertigte. Jedenfalls setzte die massenhafte Verbreitung von Nepomukstatuen und -kirchenmalereien und Kirchenbenennungen erst  Ende des 17. Jahrhunderts nach dem Dreissigjährigen Krieg und der Etablierung der Habsburger ein. Nepomuks silberbeladenes Grab im Veitsdom ist der vollendete Ausdruck der damals nunmehr neu gewonnenen Stellung des Heiligen in Böhmen.  (DD)

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