Vom Wal verschluckt in Mnichovice

Es geht das Gerücht umher, dass hier auf der Kanzel predigende Priester einfach spurlos verschwunden seien. Wie vom Walfisch verschluckt. Scherz beiseite: Nur 27 Kilometer vom Prager Stadtzentrum entfernt liegt am passend so genannten Flüsschen Mnichovka die kleine Ortschaft Mnichovice u Říčan. Das ist ein kleiner Ort mit einer beeindruckenden Barockkirche, der Kirche Mariä Geburt (Kostel Narození Panny Marie). Und drinnen findet man die ebenso beeindruckende Kanzel mit einem recht pittoresken Wal.

Wir dürfen annehmen, dass der Schnitzer und Bildhauer Lazar Widmann niemals einen echten Wal in der Moldau oder sonstwo hat schwimmen gesehen, als er um 1754 uns die alttestamentarische Geschichte des Propheten Jona (Bibel: Jona 2,1-11) in vergoldetem Stuck erzählen wollte. Dabei geht es um Jonas Weigerung, bei einer Reise einen göttlichen Auftrag auszuführen, was Gott damit bestraft, dass Jona von einem Wal verschluckt wird, was – wie mir ein Walkenner versicherte – anatomisch in der Regel nicht möglich ist. Drei Tage schmachtete Jona im Walbauch, bevor Gott in erlöst und vom Wal ausspucken lässt. Um die Dramatik der Szene zu erhöhen, hat Widmann dem Wal ein eher drachenähnliches Äußeres gegeben. Er ist schuppig, während echte Wale eine glatte Haut haben, kann sich schlängeln und verfügt über stichelige Flossen. Geschickt stülpt er sein scharf bezahntes Maul so über die Kanzel, dass die Besucher von Gottesdiensten Angst um ihren Priester haben müssen, wenn sich er es wagt, dort drinnen zu predigen. Unterhalb kann man dann Jona beobachten, wie er kopfüber aus dem Wal purzelt. Eine sehr originelle Darstellung!

Und nun aber auch ein paar Worte zur Kirche selbst.Ursprünglich stand hier eine romanische Kirche, die im Jahre 1134 von den Mönchen des nahen Klosters Sázava erbaut wurde, und die sogar in der berühmten böhmischen Chronik des Kosmas aus dem 12. Jahrhundert Erwähnung fand. Um 1330 war Mnichovice größer und die Kirche zu klein geworden. Eine neue gotische Kirche wurde gebaut. Die überlebte mehr oder minder unverändert bis zum 23. August 1746, als ein großes Feuer Teile der Stadt und die Kirche zerstörte. Man begann sogleich mit dem Wiederaufbau im Barockstil und schon 1754 konnte der Stellvertetende Bischof von Prag, Antonín Jan Václav Vokoun, die neue Kirche einweihen. Im wesentlichen hat die Kirche seither die Gestalt, die wir heute kennen. Über den Architekten des imposanten Bauwerks, mit seinen schönen, von großen Voluten verzierten Giebeln, konnte ich nichts herausfinden.

Auf jeden Fall dürften die Kosten das überstiegen haben, was sich die die Dörfler von Mnichovice damals leisten konnten, aber bei so etwas gab es ja sowieso meist adlige Spender. In diesem Fall war es Johann Joseph Fürst von Khevenhüller-Metsch, ein enger Vertrauter von Kaiserin Maria Theresia und Wahlgesandter des Kurfürstentums Böhmen bei der Kaiserwahl. Der Mann war mächtig, reich und auch großzügig. Und deshalb brachte man damals auch – in Dankbarkeit und rotem Stein gemeißelt – das Wappen der Familie Khevenhüller-Metsch über dem Eingang der Kirche. Leider ist es aufgrund der Zeitläufe seither so verwaschen, dass man das Motiv der Eichel und Eichenblätter nicht mehr so recht erkennen kann.

Das Innere korrespondiert fast durchgängig und sehr harmonisch mit dem barocken Äußeren. Nicht nur die Kanzel mit Jona und dem Wal – das mit Sicherheit interessanteste Kuriosum unter en Kustwerken der Kirche -, sondern die gesamte skulpturale Ausstattung ist künstlerisch auf einem sehr hohem Niveau. Neben einigen Engelsdarstellungen, einer Pieta, einer Statue des Heiligen Antonius von Padua ist es vor allem die Darstellung der Taufe Jesu Christus durch Johannes den Täufer (Bibel: Markus 1,9–11) mit dem Heiligen Geist, der als von Sonnenstrahlen umgebene Taube herabkommt, die eine besonders intensive Bildwirkung ausstrahlt (siehe Bild rechts).

Daneben gibt es noch einige kleinere barocke Heiligengemälde (etwas des Heiligen Nepomuk und des Heiligen Franz Xaver). Aber darüber darf man natürlich nicht den großen Hauptaltar in der Apsis der Kirchevergessen – auch ein Werk des Barock, allerdings mit einem Altargemälde aus dem Jahre 1838 versehen. Das Gemälde mit der Darstellung der Geburt der Jungfrau Maria (das namensgebende Motiv der Kirche) stammt vom Prager Maler Václav Ignác Markovský, dessen Spezialität normalerweise patriotische Historienbilder waren. Markovský war übrigens Schüler des ungleich bekannteren Joseph Bergler, dem Direktor der Akademie der Bildenden Künste in Prag.

Bei dem Feuer von 1746 brannte übrigens auch das gotische Pfarrhaus hinter der Kirche ab. Aber auch das wurde natürlich wieder (und zwar selbstredend im Barockstil) aufgebaut. Im 19. Jahrhundert wurde es wohl klassizistisch überarbeitet. Aber so vorsichtig, dass das Pfarrhaus immer noch harmonisch zur Kirche passt. Darüber hinaus muss der Haupt- und Kirchplatz im Zentrum Mnichovices, über dem das Ganze thront, früher die Grandiosität des Ganzen ästhetisch unterstrichen haben.

Leider haben die Stadtplaner der 1970er Jahre vieles von den alten Häuseresembles abreißen lassen, um sie durch recht eintönige sozialistische Einheitsarchitektur zu ersetzen. Das mindert den (trotzdem immer noch recht stattlichen) Gesamteindruck der Kirche im Stadtbild ein wenig. Einen Ausflug am Wochenende ist Mnichovice trotzdem und allemal wert, denn die Umgebung ist sehr schön und lädt zu angenehmen Wanderungen ein. Und dabei sollte man es nicht verabsäumen, die Kirche im Dorfe zu besuchen, wo der Wal gerade den Jona ausspuckt. (DD)

Wo die Tschechen christlich wurden

Ein älteres Gotteshaus als dieses wird man in Tschechien nicht finden. Die Kirche des Heiligen Klement (Kostel sv. Klimenta) gibt es seit dem Jahr 884. Da war es erst ein Jahr her, dass sich der böhmische Herzog Bořivoj I. am Hofe des großmährischen Herrschers Svatopluk I. hatte taufen lassen.

Bořivoj und vor allem seine Frau, die spätere Heilige Ludmilla, betrieben darob in ihren böhmischen Landen (die damals mehr oder weniger den heutigen Großraum Prag umfassten) eine forcierte Politik der Christianisierung. Dazu gehörte auch, dass sie auf dem Gelände ihrer Stammburg Levý Hradec nahe der Ortschaft nur wenige Kilometer nördlich von Prag gelegenen Ortschaft Roztoky oben auf dem Berg eine Kirche errichteten. Nach dem Tode Bořivojs konnte auch in der Regierungszeit der seiner beiden Söhne Ludmilla offenbar über das Gefolge und große Teile des herzoglichen Besitzes verfügen. Vor allem wurde sie Vormund des Enkels, dem späteren Herzog und Heiligen Wenzel.

Das brachte sie in Konflikt mit Wenzels Mutter Drahomíra, die sich um ihren Einfluss gebracht sah, und 921 die Schwiegermutter mit einem Halstuch erwürgen ließ. Dem guten Wenzel wiederfuhr 928 oder 935 (genau weiß man das nicht) ebenfalls ein blutiges Ende zuteil als er von seinem Bruder (und Nachfolger) Boleslav ermordet wurde. Bei allen diesen innerfamiliären Mördereien unter den Přemysliden ging es nicht zuletzt darum, was für ein Christentum sich von der Kirche des Heiligen Klement aus verbreitete. Sollte man sich religiös, kirchenorganisatorisch und machtpolitisach nach Westen – zum Deutschen Reich – orientieren, wie Ludmilla und Wenzel es wollten? Oder Distanz halten, wie es Boleslav (langfristig erfolglos) versuchte?

Diese Fragen wurden allerdings schon bald nach dem Bau der Kirche andernorts entschieden, denn schon um 885 hatte Herzog Bořivoj damit begonnen, den Stammsitz von Levý Hradec auf die von ihm gegründete Prager Burg zu verlegen. Dort gab es auch eine neue Kirche, die heute nicht mehr erhaltenen Kirche der Jungfrau Maria, und bald darauf die zu einem Kloster gehörende Georgsbasilika (wo u.a. die Heilige Ludmilla beerdigt wurde). In deren Besitz fiel übrigens Levý Hradec 1233. Da war es mit der Burg aber schon vorbei, denn der deutsche Kaiser Heinrich III. zerstörte Burg und Kirche im Zuge seines Feldzugs gegen den böhmischen Herzog Břetislav I.. Während die Burg aufgegeben wurde und verfiel, wurde die Kirche immerhin wieder aufgebaut, diesmal im romanischen Stil. Im 14. Jahrhundert fügte man dem Gebäude ein Presbyterium hinzu und gotisierte es durchgängig.

Aus dieser Zeit stammen die sensationellen Fresken in der Apsis. Sie sind sowohl wegen ihres Erhaltungsstandes als auch wegen ihrer künstlerischen Gestaltung bemerkenswert. Sie zeigen Szenen aus dem Leben der Jungfrau Maria, die Passion Christi (Bild rechts) und Darstellungen der Kirchenväter Augustinus, Hieronymus, Gregor und Ambrosius.

Auch böhmische Heilige werden berücksichtigt. Aus einer Nische schaut uns der Heilige Adalbert (im Tschechischen Vojtěch genannt) an. Der wurde 983 unter Herzog Boleslav II. zweiter Bischof von Prag, das er zum eigentlichen Kirchenzentrum Böhmens machte. Insofern steckt eine gewisse Ironie darin, dass er hier abgebildet ist, trug er dadurch zum weiteren Niedergang der Bedeutung der ersten Kirche des Landes bei, die heute eine einfache katholische Gemeindekirche ist. Dass neben ihm auch die heilige Ludmilla in Ehren gehalten wird, versteht sich von selbst, da sie tatsächlich eng mit der Blütezeit der Kirche verbunden ist.

1684 wurde die Kirche umfassend vergrößert. Ein barockes Schiff wurde angebaut, was wohl einige Fresken zerstörte. Dabei wurde auch der Glockenturm errichtet. Von außen sieht man nun eine für viele Kirchen im Lande typische Mischung von Gotik und Barock am Werke. Wenn man es nicht wüsste, könnte man auf den ersten Blick so nicht erkennen, wie alt die Kirche in Wirklichkeit ist.

Aber auf den zweiten Blick! Dazu bedurfte es der Ausgrabungen, die in den Jahren 1939 bis 1941 unter der Kirche vorgenommen wurden. Die förderten die Grundmauern einer Rotunde mit kleiner Apsis zu Tage, die lange Zeit vor dem heute sonst sichtbaren Kirchengebäude gebaut worden sein muss. Das Ganze kann man heute bei einer Führung durch einen kleinen Treppeneinstieg im Inneren der heutigen Kirche besichtigen.

Man kann sogar durch ein Gitter einen kleinen Eindruck vom Innenraum dieser uralten Kirchenrotunde gewinnen (Bild rechts). Die Kirche aus der Frühzeit des hiesigen Christentums war damals wohl recht klein. Zunächst glaubte man, dass es sich tatsächlich um jenen Bau von Herzog Bořivoj und seiner Ludmilla handelte, in dem das Christem in Böhmen begann. Neuere Forschungen des Archäologen und Mediävisten Petr Sommer haben jedoch ergeben, dass die Mauern wohl auf die Zeit um das Jahr 1000 zu datieren sind. Es ist hochwahrscheinlich, dass die Urkirche in Wirklichkeit nur ein kleiner Holzbau war, der die Zeitläufe nicht lange überstanden hat.Nichts ist von ihm geblieben.

Wieder aus dem Keller mit den alten Grundmauern aufgestiegen, kann man noch einige schöne Grabsteine aus dem 16. Jahrhundert bewundern. Hier posiert Lady Edith (der Kirchenführer hatte erlaubt, dasss sie in die Kirche durfte, weil es draußen furchtbar regnete – so sind die Tschechen, wen es um Hunde geht!) vor dem Grabdenkmal von David Boryně ze Lhoty, einem Adligen, der 1565 unterhalb im Moldautal das Schloss Roztoky erworben hatte, das er danach im Renaissancestil umbaute. Die Nachfahren verloren das Schloss nach dem gescheiterten Ständeaufstand von 1618 als die siegreiche Habsburger Seite das Anwesen konfiszierte. David Boryně ze Lhoty, der das gottlob nicht mehr erleben musste, ließ sich bezeichnenderweise nicht unten im Tal beerdigen, sondern in der Klementkirche – ein Zeichen, welch eine Symbolkraft hinter dem Gebäude immer noch steckte.

Und draußen kann man noch ein wenig die alte Burganlage erkennen, zu der die Kirche gehörte. Es hanelt sich um eine Anlage aus dem 9. Jahrhundert. Bořivoj war der erste böhmische Herrscher, dessen Existenz wirklich erwiesen ist. Bei Burgen aus dieser Vorzeit gab es keine Zinnen, Steinmauern und Burgfriede. Meist wurde ein großes Areal mit einem Erdwall umgeben, auf den dann Pallisaden aus Holz gesetzt wurden. Und so sieht man von der Burg Levý Hradec eigentlich heute nur die recht großen Erdwälle.

Die kann man umwandern. Im ganzen Areal ist ein Lehrpfad mit Tafeln errichtet, die über archäologische und historische Details von Burg und Kirche informieren. Die Kirche kann man normalerweise nur von außen besichtigen, außer an Wochenenden. Dann steht ein Führer bereit, der einem die Kulturschätze der doch recht kunstvollen Kirche erklärt. Sollte er nicht unmittelbar auffindbar sein, sollte man in die nahegelegene Medová Kavárna (Honig Café) gehen, und zwar aus zwei Gründen: (a) weil dort ausgezeichneten Kuchen und Kaffee gibt und (b) weil die beim Guide anrufen, der dann auch sofort kommt. Die Hilfsbereitschaft (auch auf Englisch) kennt keine Grenzen. (DD)

Dass Beinhaus in Kolín

Heute ist Halloween! Etwas passenderes als die von der Decke des Ossuariums von Kolín von oben herunter schauenden Totenschädel kann man sich kaum vorstellen für unseren Beitrag zu diesem heutigen Tage.

In der frühen Neuzeit wuchs die Bevölkerung in den Städten rapide. Besonders in Städten reichten deshalb die meist kleinen und nicht mehr erweiterbaren Kirchhöfe, in denen die Verstorbenen zwangsläufig beerdigt wurden, nicht mehr aus. Große Friedhöfe in den Außenbezirken fingen sich erst langsam nach der Friedhofsrefom unter Kaiser Joseph II.in den 1780er Jahren an durchzusetzen, die die Auflösung zu kleiner Kirchhöfe in Innenstädten anordnete – auch wegen der mit ihnen verbundenen Seuchengefahr, die entstand, weil die Toten manchmal in mehreren Lagen übereinander begraben werden mussten, und die obersten Gräber schon dicht unter der Oberfläche lagen, was sogar oft zu Geruchsbelästigungen führte.

Bevor es moderne kommunale Friedhöfe gab (was meist erst im späten 19. Jahrhundert der Fall war), hatte mein eine andere Lösung für das Problem, nämlich Ossuarien, auch Beinhäuser genannt. Die verbreiteten sich vor allem im 17. und 18. jahrundert in Süddeutschland, Österreich und auch Böhmen, wo – recht nahe bei Kolín! – sich das wohl berühmteste Ossuarium befindet, nämlich das Sedletz-Beinhaus in Kutná Hora (wir berichteten hier). Das Raumproblem wurde durch die Ossuarien dadurch gelöst, dass man ältere Gräber (bei denen sicher war, dass nur noch Skelette von den Verstorbenen übrig waren) aushob, und die Gebeine in einem besonderen Gebäude eng aufeinander stapelte. Aus Effizienzgründen wurden nich die ganzen Skelette zusammnegehalten, sondern die Gebeinarten sortiert. Schädel wuerde auf Schädel, Ellenbogen auf Ellenbogen gestapelt. Manchmal sah man die dann zugänglichen Ossuarien auch als Memento Mori (Bedenke, dass Du sterben wirst), dass man entsprechend gestaltete. Die Knochen wurden geradezu zu Kunstwerken arrangiert. So auch hier in Kolín, das etwa 40 Kilometer östlich von Prag gelegen ist.

Das Beinhaus gehört zum Areal des ehemaligen Kirchhofs der großen Bartholomäuskirche (Kostel svatého Bartoloměje) von Kolín, einer wunderschönen Kathedrale, die in den Jahren 1360 bis 1398 von keinem geringeren als dem Baumeister Peter Parler erbaut, dem Prag den Veitsdom verdankt. Die Kirche war groß, aber 1733 fand Dekan Antonín František Formandl, der seit 1728 für das wohl der Kirche arbeitete, dass der Kirchhof hingegen zu klein sei, und dass ein Ossuarium hermüsse, wo die Überreste der ausgegrabenen Verstorbenen würdig ihre allerletzte Ruhe finden sollten. Das Bauwerk wurde in einer Ecke des Kirchhofs gebaut, die direkt an die alte Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert grenzte. Wer der Architekt war, den er mit eigenem Geld (!) anheuerte, weiß man nicht genau, vermutlich ein gewisser Josef Jedliček, über den sich aber nur wenig herausfinden lässt. Wer immer es war, ihm gelang ein schönes Barockgebäude mit quadratischem Grundriss und vier halbrunden Apsiden an den Seiten (solche eine Konstruktion nennt man Tetrakonchos). Oben auf dem Turm befindet sich die typische barocke zwiebelförmige Laterne, die Licht durch runde Öffnungen in der Decke des Hauptraums lässt, so wie man es oben im großen Bild sieht.

Das Kirchenareal und vor allem auch das Beinhaus wurden während des Siebenjährigen Krieges 1757 und der vor den Toren der Stadt stattfindenden Schlacht von Kolín durch die Preußen arg ramponiert, aber 1768 auf Initiative von Dekan Liborius Dittmann wieder in Stand gesetzt. Beim Großen Feuer von 1796 gehörte das Ossuarium zu den wenigen Gebäuden, die weitgehend unbeschädigt blieben.Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war keine gute Zeit für das Beinhaus. Es wurde vernachlässigt und verfiel so, dass der Rat es abreißen wollte. Nur der Initiatve des Dekans und Pfarrers Jan Nepomuk Svoboda wurde es gerettet. Er investierte eigenes Geld für die Reparaturen und führte einige Änderungen, insbesondere am Dach durch. 1884 drohte abermals Ungemach. Die schon recht prachtvolle Kirche (Bild rrechts) sollte renoviert und noch einmal so richtig im neogotischen Stil „aufgebessert“ werden. Abermals wollte man das Ossarium abreißen und zwar mit expliziter Unterstüzumg des Architekten des Umbaus. Das war der berühmte Josef Mocker (siehe  u.a. diesen und diesen früheren Beitrag), der ein Großmeister eines sehr puristischen gotischen Stils war, und fand, dass ein solches Barockgebäude den Gesamteindruck zerstöre. Wieder rettete Dekan Svoboda das Gebäude und gab sogar wieder Geld für neue Renovierungen aus. Seiher gab es kein neues Ansinnen, das Gebäude zu zerstören. In den 1920er, 1930er und sogar den kommunistischen 1970 gab es immer wieder Reparaturarbeiten. 1996 war das Dach in Gefahr, einzustürzen, es gab eine neue Reparatur und den Plan einer Rundumerneuerung.

Und nun zum Ossarium von Kolín selbst, das dann in den Jahren 2018 bis 2020 aufwendig renoviert wurde. Außen, d.h. rechts vom Eingang, ist eine steinerne Tafel an der Wand angebracht. An ihr wird deutlich, warum hier Anfang des 18. Jahrhunderts ein Ossarium gebaut wurde. Da ist von der großen Pest von 1680 die Rede, die in Kolín und ganz Böhmen wütete. Einige der Geistlichen und Stadthonoratioren, die ihr zum Opfer fielen, sind namentlich erwähnt. Darunter wird noch beiläufig erwähnt, das in vier Monaten 826 Menschen daran gestorben seien. Kolín war damals eine nach heutgen Maßstäben kleine Stadt. Die Pest hatte also einen enormen Blutzoll gefordert. Man kann heute immer noch erschließen, wie groß bzw. klein der Kirchhof gewesen war. Auch wenn Pesttote meist verbrannt wurden, überstieg das jedes Fassungsvermögen. Und es war ja nicht die letzt Seuche, den die nächste Pest kam schon 1713/14. Die Platz sparende, aber würdige Unterbringung von menschlichen Überresten in einem Beinhaus ergab sehr viel Sinn.

Vom Inneren kann man tatsächlich nur die vordere Apsis mit dem Eingang und den sehr hohen quadratischen Zentralraum sehen. Die drei anderen Apsiden sind nämlich proppenvoll mit Knochen. Da ist kein Platz mehr und es gibt einen Grund, warum seit dem 19. Jahrhundert hier niemand mehr seine letzte Ruhe fand. gegenüber des Eingangs sieht man polychrome barocke Statuen des gekreuzigten Jesus Christus (mit Himmelsschlüsseln darüber), der Jungfau Maria und des Evangelisten Johannes. Sie sind Werke des bekannten deutsch-böhmischen Bildhauers Ignaz Rohrbach. Und sie sind auch so ziemlich das einzige, was man drinnen sieht, das nicht aus menschlichen Knochen besteht.

Ansonsten ist die Dekoration der Ossuariumskapelle reine Knochenkunst.EIn großer Teil davon entstand erst 1851 unter besagtem Dekan Svoboda.Damals kam noch eine Knochenlieferung vom aufgelösten Kirchhof der Kirche des Heiligen Johannes des Täufers (kostel sv. Jana Křtitele) im nahen Kutná Hora dazu. Mit ihnen wurden unter anderem die beiden Obeliske neben der Statuengruppe gestaltet. Die Wände bestehen aus dicht gestapelten Beinknochen. Aus aneinander gereihten Totenschädeln wurden Gesimse und Girlanden zur optischen Auflockerung hinzugefügt. Überall wird man an die Vergänglichkeit des Lebens erinnert.

Und rechts neben dem Eingang wartet der Sensenmann daselbst – ein komplettes Skelett mit einer Sense in der Hand. Daneben ist ein Schild mit der (tschechischen) Inschrift: „Was ich bin, wirst Du in Kürze sein!“ Es heißt, dass Skelett aus dem Jahr 1849 seien die Überreste eines Studenten, der bei der Revolution von 1848 in Prag getötet worden war. Das könnte aber bloß eine später erfundene Legende sein, ebenso wie die Theorie, es handle sich um zusammengesetzte Überreste von verschiedenen Verwandten eines Onkels von Dekan Svoboda. Ein Ort wie dieser lädt ja auch förmlich dazu ein, sich makabre Geschichten auszudenken. Also: Happy Halloween! (DD)

Imposant über der Moldau

Über 190 Meter erstreckt sich die imposante Front von Schloss Chvatěruby (Zámek Chvatěruby) hoch über dem Ufer der Moldau. Für die Spaziergänger auf dem schönen Uferwanderweg einige Kilometer flussabwärts von Prag ist sie eine echte Sehenwürdigkeit.

Die Ursprünge des Schlosses, das oberhalb des gleichnamigen kleinen Dorfes thront, liegen ein wenig im Dunklen. Man findet für das 13. Jahrhundert in Urkunden die Erwähnung eines befestigten Hofes mit Turm, der einem gewissen Rüdiger von Chvatěruby gehörte. Erst 1366 wird sie als richtige Burgbefestigung wieder erwähnt, die im Besitz eines Prager Patriziers war.

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts ging sie in den Besitz der Familie Zajíc von Hasenburg über, die sich aber unklugerweise einem katholischen Aufstand gegen König Jiří z Poděbrad (Georg von Podiebrad) anschloss, dem einzigen Hussiten auf dem böhmischen Königsthron (wir berichteten u.a. hier). Der ließ die Burg 1467 stürmen und übereignete sie dem befreundeten Staatsmann und humanistischen Schriftsteller Georg von Heimburg. Als der König starb 1471 starb, musste Heimburg allerdings Burg und Land verlassen, da er vom katholischen Nachfolger als ein wegen papstkritischer Pamphlete Exkommunizierter in Böhmen keinen Schutz mehr genoss.

Es folgten in recht rascher Abfolge etliche Besitzerwechsel. Einer der Besitzer war der Landrichter Johann von Waldstein (Wallenstein), der es 1567 erwarb. Er baute die stattliche Vorderfront, die noch mittelalterlichen Ursprungs war, im Stil der Renaissance um – so, wie wir es heute (allerdings als Ruine) noch sehen. Johann von Waldstein war noch ein gemäßigter Hussit. Später schlug sich die Familie auf die katholische Seite und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die kaiserlich-katholischen Truppen des durch Schillers Drama Wallenstein berühmt gewordenen Heerführers Albrecht von Wallenstein (wir berichteten u.a. hier) die Burg im Dreissigjährigen Krieg eroberten und ausplünderten.

Nach dem Krieg kam das Gebäude in die Hände des adligen Geschlechts Voračičtí z Paběnic. Unter der Familie wurde aus der Burg ein barockes Schloss, das den veränderten Wohnbedürfnissen des Adels der Zeit entsprach. Oder genauer ausgedrückt: An die alte Vorderfont wurde im rechten Winkel ein neues Barockschloss gesetzt, sodass der heute noch bestehende Eindruck zweier aneinandergefügter Bauwerke entstand.

Offensichtlich hätte die Familie gerne das ganze Schloss konsequent barockisiert, aber wahrscheinlich ging das Geld aus. Jedenfalls blieb das Projekt halb vollendet. Das war kein gutes Omen. Das Schloss verfiel allmählich. 1752 wurde das Dach des alten Teils bei einem Sturm zerstört. Ein neuer Besitzer montierte 1816 die schönen Außenverkleidungen von Türen und Fenstern ab, um sie einem anderen seiner Anwesen einzuverleiben. Darob nutzte auch dei Bevölkerung im Ort das Schloss zunehmen als eine Art Steinbruch. 1817 stürzte der noch erhaltene Teil des Daches im östlichen Bauteil ein.

Und schließlich ließ man 1891 einen Teil des Gebäudes abreißen, weil er einsturzgefährdet war. Nur der barocke Teil blieb einigermaßen erhalten – allem voran das schöne Eingangstor. Wieder folgten etliche Wechsel der Eigentümer. 1918 erwarb der damals bekannte Schaupieler František Matějovský das Schloss. 1947 fiel es dann in Staatsbesitz. Nach dem Ende des Kommunismus wurde Schloss Chvatěruby 1991 privatisiert. Die neue Besitzerfamilie renoviert zurzeit den bewohnbaren Teil sehr sorgfältig – eine geradezu titanische Aufgabe.

Es lohnt sich, vom Uferweg aus, einmal hoch zum Schloss zu wandern und es zu umrunden. Man kann dann das Gebäude in seinem schönen Umfeld bewundern. Das Dorf ist nämlich recht hübsch und direkt neben dem Schloss liegt die Kirche der Heiligen Peter und Paul (kostel sv. Petra a Pavla), deren Ursprünge sich auf das Jahr 1222 zurückdatieren lassen, und die um 1715 im Zuge des Schlossumbaus ordentlich barockisiert wurde.

Wer beim Anblick der Vorderfront vom anderen anderen Moldauufer bereits von der Imposanz der Anlage beeindruckt ist, wird bei der Perspektive vom Dorfinneren her noch mehr überwältigt sein. Über die Jahrhunderte hat sich das Dorf in die unter der Burg gelegenen zusätzlichen Bastion integriert. Die Häuser des Ortes sind zum Teil regelrecht eingebaut. Trotzdem erkennt man die Bastion noch deutlich und sie zeigt, dass die Gesamtanlage der Burg dereinst viel größer war als man es von der Ferne sieht. (DD)

Mehr als nur eine Brauerei

Im letzten Beitrag berichten wir über das hübsche Landschloss Dolní Počernice mit seinem großen Park. Aber wer über Schloss Dolní Počernice (wir berichteten hier) spricht, darf vom Bier nicht schweigen!

Es ist natürlich aus historischer Sicht nichts Ungewöhnliches, dass zu einem Schloss, das ja ursprünglich immer so etwas wie ein Wirtschaftsbetrieb mit Selbstversorgung war, selbstredend auch eine Brauerei gehörte. Aber nicht alle von ihnen gibt es noch. Dafür, dass es die pivovar Počerňák (Počernicer Brauerei) gibt, kann und muss man auf jeden Fall dankbar sein. Das Gründungsdatum ist der Juni 2016, was nicht besonders alt und traditionsreich klingt. Aber die Brauerei baut auf viel Geschichte auf.

Die ursprüngliche Schlossbrauerei, die wohl schon im Mittelalter bestand, wurde 1884 zu einem größeren Wirtschaftsbetrieb erweitert, der dann die trinkfreudigen Bürger der Umgebung mit gutem Bier versorgte. In dieser Form bestand sie bis 1936. Zu diesem Zeitpunkt gehörte das Schloss, dessen integraler baulicher Bestandteil sie war und ist, bereits der Gemeinde Dolní Počernice. Pünktlich zum 70. Jahrestag der Schließung erstand die Brauerei wieder auf. Als Brauer war zunächst Marcel Jelínek für die Produktion des guten Gerstensafts zuständig, der bereits für etliche andere maßgeschneiderte Biersorten kreiert hatte. 2017 folgte ihm David Urban, der u.a. schon bei der Únětický pivovar (wir berichteten hier), einer der profiliertesten Kleinbrauerein in Prag, seine Sporen verdient hatte.

Rund drei hervorragende Sorten Bier sind fast immer im Angebot, etwa ein sehr süffiges Lager (tsch.: ležák), das quasi immer erhältlich ist. Nun darf man sich das ganze nicht als schlichte kleine Braugaststätte vom Lande vorstellen. Im Grund ist heute der ganze östliche Flügel des Schlosses ein einziger, aber vielschichtiger biergastronomischer Komplex. Der besteht aus drei Grundkomponenten. Die erste ist das eigentliche Braulokal an der Národních hrdinů 3 (Prag 9), was geradezu die Hauptstraße des kleinen Ortsteils Dolní Počernice. Obwohl in einem barocken Gebäude befindlich, ist es innen modern, aber gemütlich eingerichtet. Zum Bier kann man tschechische Bierlokalküche in guter Art genießen. Hier befindet sich auch die eigentliche Brauerei.

Komponente Nummer zwei ist das Restaurant Léta Páně (das heißt: Im Jahres des Herrn oder Anno Domini). Da kriegt man das Bier natürlich auch. Braugaststätte und Restaurant verbindet ein Innenhof, der oft im Sommer für Hochzeiten u.ä. genutzt wird. Das Restaurant, das am auf der anderen Seite der alten Burg am Schlosspark (daher auch eine große Terrasse!) gelegen ist, ist riesig und mit vielen Räumen ausgestattet, die für jede Feier geeigent sind. Die Einrichtung ist modern und geschmackvoll. Alles macht einen gediegenen Eindruck.

Auch die Kulinarik darf nicht unerwähnt bleiben. Die ist durchaus gehoben. Neben einigen tschechischen Klassikern gibt es auch internationale Cuisine. Rundum tiptop! Das gilt nicht nur, aber vor allem auch für die Deserts. Die Gebackenen Pflaumen mit Lebkuchen und Marzipaneis, die man links sehen kann, hatten es jedenfalls in sich!

Wie gesagt: Der Gebäudekomplex, der auch Panský Dvůr (Herrenhof) genannt wird, der zu Brauerei und Umfeld gehört, ist groß. Mit seinem Turm ist das alte Schlossgebäude fast ein Wahrzeichen der Gemeinde. Deswegen war auch noch eine Übernachtungsmöglichkeit für alle, die nach vielen guten Bieren nicht mehr nach Hause gehen können oder wollen, drin, die Penzion u Hastrmana, die ebenfalls dem höheren Qualitätssegment angehört. Für den lebensbejahenden Biertrinker ist die Brauerei in Dolní Počernice eben mehr als nur eine Brauerei. (DD)

Kleines Schloss mit allem Drum und Dran

Je weiter man sich aus dem Zentrum Prags entfernt und in die ländlicheren Vororte kommt, um so mehr stößt man auf reizende kleine Landsitze und Schlösser. Schloss Dolní Počernice in dem gleichnamigen kleinen und noch sehr dörflichen Ortsteil ist ein Beispiel dafür.

Das Schlossgelände ist direkt an einem malerischen Stau- und Fischsee des kleinen Flüsschens Rokytka gelegen, das den Schlosspark angenehm mit Wasser speist. Von der Burg liest man das erste Mal in einer Chronik von 1401, wo von einer Vergrößerung die Rede ist. Die Burg selbst ist also schon älter, wohl aus dem frühen 13. Jahrhundert, was auch archäologische Forschungen neueren Datums bestätigten. Die Eigentümer – meist Kleinadlige und reiche Bürger aus Prag – wechselten häufig.

Dann, im Jahre 1562 gelangte die Burg in den Besitz des gerade gegen die Türken siegreichen Königs Ferdinand I., der sie aber umgehend glan einen Bürger namens Matěj Hůlek verkaufte, der zugleich auch geadelt wurde und nun Matěj Hůlek z Počernic hieß. Der baute erst einmal kräftig um. Der ganze östliche und mittlere Teil des Gebäudes wurde im Stil der Renaissance erneuert. Und so sieht der größte Teil des Gebäudes, dass sich nun von einer befestigten Burg in ein gut bewohnbares Schloss verwandelt hatte, heute noch vom Außenbild her aus.

Wieder gab es Besitzerwechsel. Die Angehörigen des Landadels wehrten sich meist gegen den Absolutismus und die religiöse Intoleranz der Habsburger im 17. Jahrhundert, was 1618 zum berühmten Böhmischen Ständeaufstand und dem Dreissigjährigen Krieg führte. Nach der Niederlage der Böhmen wurde das Eigentum der Verlierer enteignete, wodurch in den Reihen der Sieger bald enorm reiche Kriegsprofiteure befanden. Einer von ihnen, Jan Kapr z Kaprštejna (ein Richter, der sich selbst mit seinen Urteilen bereicherte) übernahm 1621 das und andere Schlösser der Umgebung. Da er neben der Neigung zur Raubjustiz auch noch seine Frau misshandelte, wurde er 1625 von ihr und ihrem Liebhaber umgebracht, worüber wir hier berichteten.

Es folgten nochmals Besitzerwechsel, bis 1664 die Familie der Grafen von Colloredo-Wallsee Schloss und Grund erwarben. Sie bauten den westlichen Teil ganz schick im Stil des Barock um, womit es im Grunde die heutige Gestalt bekam (siehe großes Bild oben). In der Zeit wurde auch der Garten verschönert (Gewächshäuser). Allerdings zog die Familie Colloredo-Wallsee 1769 wieder aus. Die nächsten bedeutenden Besitzer – nach einigen erneuten Wechseln – war dann 1856 die ungarische Familie der Freiherren Dercsényi de Dercsény, die bis 1923 blieben, als die Stadt das Gebäude übernahm. Die modernisierten in den Jahen 1856 bis 1866 das Gebäude unter der Leitung des Architekten Jan Bělský. Insbesondere fügten sie die große klassizistische Orangerie (kleines Bild oberhalb rechts), die heute (nach baulichen Modernisierungen) einen Kindergarten beherbergt.

Die Kirche Mariä Himmelfahrt (kostel Nanebevzetí Panny Marie) von Dolní Počernice ist heute die katholische Gemeindekirche, aber eigentlich ist sie sichtbar ein Teil der Burganlage. Sie war um das Jahr 1200, als sie im romanischen Stil erbaut wurde, wohl die Privatkirche des Schlossherren. Sie wurde mehrfach umgebaut, erst im gotischen Stil, dann nach 1562 mit Renaissancefenstern versehen. Forschungen haben ergeben, dass der Kirchturm im Mittelalter ein Teil der Verteidigungsanlage der Burg war. Im 18. Jahrhundert gab es eine vorsichtige Barockisierung, von der die Statue des Heiligen Laurentius vor dem Turm noch Zeugnis gibt.

Um 1890 vergrößerte man sie noch ein wenig durch den Bau eines Oratoriums und baute sie in einem dem Original frei nachempfunden neo-romanischen Stil um. Bei Renovierungsarbeiten fand man 2004 eine Sensation, nämlich originale romanische Wandgemälde aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, also der Urspungszeit von Burg und Kirche. Sie wurden 2010 bis 2014 von dem Maler und Restaurator Miroslav Koželuh wieder instandgesetzt. Die alten Bilder der Romanik passen irgendwie gut zu der Neoromanik, die das Gebäude seit 1890 optisch bestimmt.

Und wenn man schon einmal das schöne Schlossareal inspiziert, sollte man sich auch das am Fischteich gelegene Gebäude der ehemaligen Mühle anschauen, das 1862 unter der Familie Dercsényi de Dercsény erbaut wurde. Es ist ganz im Stile der englischen Neogotik gehalten. Die Mühle wurde stets verpachtet. 1953 wurde die letzte Pächterfamilie, Görner, von den Kommunisten vertrieben, die das Ganze in eine landwirtschaftlichen Staatsbetrieb verwandelten. Der Kommunismus ist gottlob passé. Heute befindet sich hier ein italienisches Restaurant. Das ist nicht der einzige kulininarische Erlebnisort hier. Aber über die Brauerei berichten wir später. (DD)

Geballtes Wissen und schöne Bücher

Sie ist die große Sensation innerhalb des bereits sensationellen Klosters Strahov: Die Bibliothek! Man träumt davon, hier einmal abends aus Versehen eingeschlossen zu werden, um nach Herzenlust in alten Büchern und Handschriften zu schmökern. Aber das darf man leider nicht…

Nun gehören Bücher und Klöster irgendwie zusammen, sind doch Klöster als Orte des kontemplativen Lebens und theologischer Gelehrsamkeit gedacht. Folglich verfügten die Mönche schon im Jahr 1143, als die Prämonstratenser das Kloster Strahov gründeten, über eine kleine Bibliothek mit Handschriften. Aber erst unter Abt Jan Lohelius, der zwischen 1586 und 1622 das Kloster leitete, wurde ein eigenes Bibliotheksgebäude im Stil der Renaisance erbaut. Allerdings nicht am heutigen Standort, sondern dort, wo heute die Küche und das Refektorium für die Mönche betrieben wird.

Der als bedeutender philosophischer und theologischer Schriftsteller bekannte bekannte Abt Hieronymus Hirnhaim errichtete dann in den jahren 1670 bis 1674 eine größere Bibliothek dort, wo sich der heutige Theologische Saal der Bibliothek befindet. Dieses Gebäude, das unter der architektonischen Leitung von Giovanni Domenico Orsi de Orsini erbaut wurde, wurde dann von dem böhmischen Freskomaler Franz Siard von Nossek in den Jahren von 1723 bis 1727 mit schönen, in Stuck eingefassten Decken-Fresken ausgeschmückt. Die Bibliothek wuchs unter dessen, so dass hier am Ende nur der theologische Teil der Gesamtsammlung (plus einiger alter Globen und Enzyklopädien) im darob so benannten Theologischen Saal (großes Bild oben) ausgestellt wurde.

Das Wachstum der Bibliothek, das zur Notwendigkeit der Errichtung eines zusätzlichen und größeren Büchersaals führte, hatte eine für die katholische Kirche eher unerfreuliche Ursache. Durch die Kirchenreformen von Kaiser Joseph II. kam es zu vielen Klosterauflösungen und Säkularisierungen. Das betraf auch das mährische Kloster Prämonstratenserkloster in Louka bei Znojmo, das 1782 aufgelöst und danach zuerst in eine Tabakfabrik, dann in eine Militärakademie verwandelt wurde. Der damalige Abt von Strahov, Wenzel Josef Mayer, beschloss, wenigstens die Bibliothek zu retten. Er ließ die Bücher und die dazu gehörenden prachtvollen Möbel (Regale etc.), die ein Werk des Holzschnitzers und Schreiners Johann Lahofer waren, ins Kloster Strahov bringen. Um beides unterzubringen, ließ er von 1783 bis 1785 den großen zweistöckigen Philosophischen Saal (kleines Bild oberhalb links) für die nicht-theologischen Bücher errichten.

Der neue Saal gehört zu dem Schönsten, was die Biblithekenbaukunst der Zeit hervorgebracht hat. Der Architekt Ignaz Palliardi verwandelte dazu den ehemaligen Getreidespeicher des Klosters, der sich sehr nahe des Theologischen Saals befand, in einen großen Lesesaal, der ganze 32 Meter lang, 10 Meter breit und 14 Meter hoch ist. Um die obersten Bücherregale zu erreichen, muss man eine Galerie emporsteigen. Palliardi passte das Gebäude somit an die vorgegebenen Maße der aus Nußbaumholz geschnitzten Möbel Lahofers an. Alles erstrahlte nun in feinsten Barockstil.

Über allem stehen die riesigen Deckenfresken des Malers Franz Anton Maulbertsch – eine Allegorie „Der Weg der Menschheit zur Weisheit“. Es war dem Deckenfresko nachempfunden, das der Künstler zuvor für das Kloster Louka angefertigt hatte. Das Gemälde passte zum Fortschrittsglauben der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Abt Mayer verstand sich wohl persönlich mit dem Kaiser gut, weshalb der Transfer der Bibliothek von Louka nach Strahov problemlos verlief (normalerweise wurden bei so etwas die Bücher versteigert und in alle Welt verstreut). Beide – Kaiser und Abt – waren sehr aufgeklärte Menschen. Deshalb repräsentierte der neue Philosophische Saal den damals neuesten Stand der Wissenschaft.

Das bezog sich nicht nur auf die Bücher. Es gab auch eine wissenschaftliche Objektsammlung, die die Bücher durch Anschuungsmaterial ergänzte. Einiges kann der Besucher davon heute noch sehen und bestaunen. In Vorraum des Philosophischen Saals gibt es Vitrinen – oder, um den zeitgenössischen Ausdruck zu verwenden: Kabinette – mit exotischen Muscheln und getrockneten pazifischen Fischen, die dem damaligen Betrachter wie Weltwunder vorgekommen müssen sein. Auch hier war man auf demStand der damaligen Wissenschaft.

Aber das Kernthema sind dann doch die Bücher. In dem Verbindungsgang zwischen Philosophischem und Theologischem Saal stehen heute Vitrinen, in denen der Besucher einige der wertvollsten Präziosen genauer anschauen kann, die die Bibliothek über die Jahre gesammelt hat. Das älteste Buch ist das Strahov Evangeliar aus dem Jahre 860, das aus dem karolingischen Frankreich seinen Weg hierher fand. Ein besonders schönes Buch ist das hier abgebildete Alte Testament aus dem Jahr 1416 – eines der ältesten Exemplar in tschechischer Sprache überhaupt.

Man würde so etwas gerne mal in den Händen halten, was sich natürlich aus Gründen der Sicherheit und Konservierung verbietet…. Über 200.000 Bücher (wie das rechts abgebildete Buch aus dem Jahr 1489 mit einer Grafik der Heiligen Katharina), 3000 handschriftliche Manuskripte und 1500 wertvolle Erstausgaben von gedruckten Bücher verzeichnet die Bibliothek in ihrer sichtbaren Sammlung in den Lesesälen und im Depot – ein Ort geballten Wissens und schöner Bücher. (DD)

Kloster, von Rheinländern gegründet

Es gehört sicher in die oberen Ränge der Hitparade der größten Touristenattraktionen in Prag: Das Kloster Strahov (Strahovský klášter), das nahe der Burg über der Kleinseite thront.

Im Jahre 1143 erbaut, haben wir es mit dem ersten Kloster der Prämonstratenser zu tun, die sich von hier aus den in Böhmen ausbreiteten. Die ersten Mönche waren aus der Eifel, genauer: aus Kloster Steinfeld, importiert und der erste Abt, ein gewisser Gero, kam aus Köln. Das freut den Rheinländer, wenn er es vernimmt. Unterstützt wurde die Errichtung vom böhmischen Herzog Vladislav II. , was wohl erklärt, warum die Klosteranlage direkt an die Burg grenzt, in der er damals residierte und regierte – anscheinend nahe der Wachhäuser der Burg. Es heißt nämlich, dass sich der Name Strahov von dem alten tschechischen Wort „strahovati“ ableitet, was soviel wie „Wache halten“ bedeutet.

Die Mönche bauten ihre Wirtschafts-. und Wohngebäude und natürlich eine Kirche, und zwar im damals modernen romanischen Stil. Bei der Klosterkirche Mariä Himmelfahrt (Kostel Nanebevzeti Panny Marie), die dann im Jahr 1148 geweiht wurde, handelte es sich um ein dreischiffiges Gebäude. Im Jahr 1258 verursachte ein Feuer größere Schäden, worauf König Otakar II. einen zügigen Wiederaufbau veranlasste, der dann allerdings im Stil der Frühgotik erfolgte. Ein Querschiff und zwei Seitenkapellen wurden hinzugefügt.

Von da an spielte das Kloster alle wesentlichen Stilepochen durch und wurde dabei immer größer. Abt Jan Lohelius, der zwischen 1586 und 1622 das Kloster leitete, modernisierte insbesondere die Fassade der Kirche im Stil der Renaissance und fügte noch die großartige Bibliothek hinzu, die am Ende das Kloster so berühmt machen sollte, dass wir hierzu einen gesonderten Beitrag präsentieren. Während und nach dem Dreissigjährigen Krieg wurde das Kloster ein gelehrtes Zentrum der Gegenreformation.

Dem entsprach auch, dass Ende des 17. Jahrhunderts eine großzügige Umgestaltung im Stil des Barocks erfolgte. Insbesondere der Architekt und Maler Jean-Baptiste Mathey (siehe auch den früheren Beitrag hier) zeichnete sich für die Umgestaltung des gesamten Areals verantwortlich. Dabei ragt vor allem der um einen quadratischen Hof gebaute Wirtschafts- und Wohnbereich mit seinem schönen Toreingang heraus. Die Klosterkirche wurde dabei in den Jahren 1742 bis 1758 nach den Entwürfen des Architekten Anselmo Lurago (über den wir u.a. hier und hier berichteten) barockisiert.

Überbordenden Barock sieht man auch im Innenraum. Alleine die Decke ist atemberaubend. Der Bildhauer Ignaz Palliardi unterteilte die Decke in 40 mit Stuckkartuschen umrahmte Felder, die dann von den Malern Ignaz Raab und Josef Kramolín mit himmlischen Szenen aus dem Leben der Muttergottes Maria ausgefüllt wurden. Das Ganze unterstreicht den auf Höhe abzielenden Effekt des gotischen Vorbaus, desen Grundstruktur ja erhalten blieb.

Der Hauptaltar ist das Werk des böhmischen Bildhauers Ignaz Franz Platzer und ist verziert mit einem Altarbild des Malers  Johann Christoph Lischka. Bemerkenswert ist auch die barocke Kanel, die fast wie der Mittelpunkt des Raums erscheint. Leider ist die Kirche außerhalb der Gottesdienste fast immer geschlossen. Viele der skulpturalen Ausschmückungen kann man also normalerweise nicht besichtigen, sondern nur vom Vorraum den Blick durch ein Gitter genießen. Ebenso auch die Grabmäler und die Reliquien, darunter die des Heiligen Norbert, des Ordensgründers der Prämonstratenser, die hier sein 1626 ruhen.

Verlässt man die Kirche, gibt es auf dem Areal viel zu sehen. Schon am Eingang kann man das große barocke Tor mit der von dem Bildhauer Johann Anton Quittainer geschaffenen Statue des Heiligen Norbert oben auf (Bild links) bewundern. Direkt dahinter sieht man die ehemlaige (heute desekretierte und zur Galerie umgebaute) Kirche des Heiligen Rochus, über die wir noch berichten. Wer dann schon Rast und Erfrischung benötigt, kann in die Klášterní pivovar Strahov (Klosterbrauerei Strahov), die wir schon hier behandelten. Dann gibt es noch Bibliothek, Gemäldegalerie und Souvenirladen. Wo einst Mönche aus dem fernen Rheinland sich erstmals, ist heute eine Sehenswürdigkeit entstanden, für die man sich Zeit nehmen sollte. (DD)

Christliche Bescheidenheit

Direkt neben dem Palais Černín und der barocken Pracht des Prager Loreto nimmt sich diese Kirche ausgesprochen unauffällig und bescheiden aus. Das war auch urspünglich so gewollt. Die am Rande der Burgstadt (Hradčany) in der Černínská 98/3 befindliche Kirche der Maria der Engelsgleichen (Kostel Panny Marie Andělské) steht schon in ihrer Gestaltung für die Tugenden christlicher Bescheidenheit und Armut.

Einfacher Turm und gerade schlichte Wände zeichnen die

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Kirche aus, die in den Jahren 1600 bis 1602 erbaut waren Auftraggeber war der Orden der Kapuziner, der erst drei Jahre zuvor, 1599, vom Prager Erzbischof Zbyněk Berka z Dubé a Lipé ins Land gerufen worden war. Und die Kapuziner waren ein Bettelorden, dessen Mönche in Buße und Armut oft von Almosen lebten. Bettelorden waren in der Kirche oft umstritten und es soll kein Zufall gewesen sein, dass sie sich etwas außerhalb der weltlichen Metropole ansiedelten – noch bevor ringsum Palais erbaut wurden. 1663 wurde der Bau ein wenig durch die Umfassung eines zweiten Hofes erweitert, was aber den bescheidnene Grundcharakter nicht veränderte.

Eher überraschend wurde das Kloster während der Josephinischen Kirchenreformen um 1784 nicht säkularisiert, obwohl gerade Bettelorden in den Augen Josephs II. als unproduktiv galten. In Böhmen und Mähren fielen immerhin 29 Klöster den Reformen zum Opfer. Hier in Prag wurde nur die Zahl der Mönche von 70 auf 38 reduziert. Schlimmeres widerfuhr den Mönchen erst 1944 als die SS das Kloster beschlagnahmte und dort ein kleines Gefängnis für als widerständig eingestufte Deutsche und Deserteure einrichtete. Die Mönche bekamen ihr Eigentum 1946 zwar wieder zurück, aber nur um 1950 wieder enteignet zu werden, diesmal von den Kommunisten. Erst als die gottlob ebenfalls von der Bühne abtraten, wurde das kleine Kloster den Kapuzinern, die auch das Prager Loreto verwalten, wieder zurückerstattet.

Immer noch etwas abgeschlossen von der Welt wirkt die Kirche. Immerhin kann man tagsüber meist durch ein Gitter in den Innenraum schauen, der durchaus eine gewisse barocke Pracht entwickelt, die aber nicht aus der Gründungszeit um 1600 stammt. Vor allem der Hauptaltar mit dem Gemälde des italienischen Malers Paolo Piazza aus dem Jahr 1735 ist sehenswert. Es zeigt Heiligen Franziskus (dessen Idealen sich die Kapuziner verpflichtet fühlen), dem Jesus, Maria und einige Engel erscheinen. Berühmt ist die Kirche auch für ihre Krippe aus dem 18. Jahrhundert, die man in der Adventszeit bwundert kann. Darübert wird noch gesondert berichtet.

Ein Stück Gartenbaugeschichte

Er ist einer der schönsten Barockgärten Prag, der Černín Garten (Černínská zahrada). Seine Geschichte ist eng verwoben mit der des Palais Czernin (Černínský palác, wir berichteten darüber), dem heutigen Außenministerium, zu dem er gehört.

Palais und Garten sind in gewisser Weise ein Gesamtkunstwerk, nicht zuletzt, weil die Architekten des einen auch den anderen stets mitgestalteten. Schaut man von einem der oberen Stockwerke des (normalerweise für die Öffentlichkeit geschlossenen) Palais auf den Garten hinab, erkennt man die symmetrische und formale Struktur des Barockgartens am besten, den Hermann Jakob Graf Czernin von Chudenitz im Jahre 1683 in Auftrag gab. Ausgeführt wurden die Anlage von Palais und Garten von dem Tessiner Architekten Francesco Caratti und zusätzlich kurz darauf von seinem Landsmann Domenico Rossi.

In einer weiteren Bauphase des Palais kam dann der böhmische Architekt Franz Maxmilián Kaňka zum Zuge, der in den Jahren 1718 bis 1722 den Garten mit einem gegenüber des Palais gelegenen Lustschloss optisch abschloss. Das spätbarocke Gebäude ist heute nur von außen zu besichtigen und dient ab und an als Tagungsraum für das Außenministerium. Der dadurch irgendwie erst vervollständigte Garten wurde allerdings während des Siebenjährigen Krieges 1757 von den Truppen Preußens, die Prag eingeschlossen hatten, durch Artilleriebeschuss arg verwüstet.

Als er danach wieder aufgebaut wurde, waren formale Barockgärten mit Pflanzen in Reih‘ und Glied völlig aus der Mode gekommen. Der Englsiche Landschaftsgarten, der der Natur nachempfunden sein solle, war en vogue. Eine entsprechende Umgestaltung erfuhr der Garten Anfang des 19. Jahrhunderts. Auch sie überlebte nur recht und schlecht die Zeitläufe, denn inzwischen musste die Grafenfamilie Czernin Palais und Garten aus finanziellen Gründen aufgeben und so wurde das Areal von 1851 an das Militär verkauft und somit ein Kasernengelände. Teile des Gartens wurden zerstört und durch militärische Nutzgebäude (Pferdeställe etc.) ersetzt.

Mit dem Beschluss von 1928, den Komplex zum Außenministerium der Tschechoslowakei zu machen, musste eine gründliche Neugestaltung erfolgen. Der Palais wurde, um ihn für seine neue Funktion tauglich zu machen, von dem kubistischen Architekten Pavel Janák umgebaut, der vor allem bei der Wiederherstellung des Garten noch seinen Kollegen Otto Fierlinger hinzuzog. Dabei wurde der Garten sogar noch ein Stück erweitert, was es ermöglichte, den beiden Stilepochen der Gartenbaukunst – dem Barock und dem Landschaftsgarten – gleichermaßen zu ihrem recht zu verhelfen.

Dass der Garten (wie auch der Palais) unter der Kommunistenherrschaft vernachlässigt und den Verfall ausgeliefert wurde, dürfte nicht wirklich überraschen. Und so war es auch…

Im Jahre 1989 endete die kommunistische Barbarei gottlob. Von 1994 bis 1997 wurde nun der Garten von den Architekten Zdeněk Kuna und Jaroslav Zdražil in Zusammenarbeit mit der Garteningenieurin Vítězslava Ondřejová wieder auf Vordermann gebracht. Die heutigen Besucher wissen es ihnen zu danken.

Und so sieht man wieder vor den Seitenfassade des Palais hin zum Lustschlösschen einen authentischen formalen Barockgarten, was historisch und künstlerisch stimmig ist. Dadurch endet die Hauptachse des durch Brunnen in ihrer Symmetrie optisch verstärkten Gartens genau unter der riesigen Herkules-Statue des Barockbildhauers Ignaz Franz Platzer, die sich in einem Torbogen auf dem ersten Stock in der Fassades des Palais befindet. Mit 1,72 Hektar ist der Garten eigentlich nicht riesig dimensioniert, aber dadurch wirkt er schon optisch recht kolossal!

Westlich davon – in dem später hinzugekommenen Areal – befindet sich der Teil, der an den Englischen Garten des 19. Jahrhunderts erinnert. Der beeindruckende alte Baumbestand erweckt ein wenig den Eindruck eines echten kleinen Waldes. Ein wenig wird der Garten so zu einer kleinen Lektion zur Geschichte der Gartenbaukunst. Im Sommer lässt es sich auf den Parkbänken im Englischen Garten schön im kühlen Schatten rasten und ausruhen. Obwohl dem Außenministerium gehörend, ist der gesamte Garten übrigens in den Sommermonaten (Juli-Oktober) kostenlos der Öffentlichkeit zugänglich.

Und noch ein kleines Schmuckstück hat uns das Ende des Kommunismus und der europäischen Teilung des Kalten Krieges erbracht. Am Rande des Englischen Gartens steht ein kleiner Grenzstein aus dem Jahre 1766. Der Markstein (mit einem böhmischen Löwen darauf!) markierte dereinst die böhmisch-bayerische Grenze. Nachdem der Eiserne Vorhang 1989 gefallen war, und die Menschen wieder die Grenzen frei und friedlich überqueren konnten, bekam in der neue Außenminister und frühere Dissident Jiří Dienstbier am 16. Oktober 1990 von deutscher Seite geschenkt. Seitdem steht er hier in Prag – als Symbol grenzüberschreitender Freiheit. (DD)