Ich habe den schwedischen König bekocht (und den norwegischen auch)

Das Haus zur blauen Ente (dům U Modré kachny) in der Nebovidská 460/6 auf der Kleinseite hat schon für sich genommen eine interessante Baugeschichte. Zu schätzen wissen es allerdings die meisten Kenner für die exzellente Kulinarik, die heute darinnen bei passendem Ambiente geboten wird.

Wo das heutige Gebäude steht, gab es früher zwei Renaissance-Häuser aus dem 16. Jahrhundert, von denen eines 1661 neu im barocken Stil errichtet wurde und wohl den markanten Entennamen trug. Das ganze stand am Rande des damaligen Lazarovgartens (Lazarovská zahrada), der zu einem Jesuitenpalast gehörte. Der Park ist aber seither so geschrumpft, dass sich das Gebäude in einiger Entfernung davon befindet. In den Jahren 1811 bis 1815 waren dann schließlich beide Häuser entgültig zusammengelegt und wurden zu Musterexemplaren des biedermeierlichen Klassizismus umgebaut, wobei innen im Erdgeschoss noch einiges von der barocken Struktur erhalten blieb. Umbauten in den (kommunistischen) 1970er Jahren, wie die Hinzufügen eines Dachgeschosses und der Abriss einiger Nebengebäude im Innenhof, veränderten außen den optischen Grundcharakter wenig.

Der Kommunismus ging 1989 unter und man überließ gottlob der Privatwirtschaft wieder die Initiative. 1993 baute man das Innere gründlich um, um da

raus ein Restaurant zu machen, für dessen Namen man den Diminutiv des alten Hausnamens, nämlich U Modré Kachničky – Zum Blauen Entchen – wählte. Dabei wollte Besitzer Otakar Metlička nicht irgendein Touristenlokal aufmachen, sondern qualitativ geradezu nach den Sternen greifen. Das fing schon bei der Innengestaltung an.

Die sollte künstllerisch kreativ, geschichtsbewusst, gemütlich und edel wirken. Die verschiedenen Gasträume sind daher opulent mit echten Antiquitäten und gut gestalteten antikisierenden Möbeln ausgestattet. Alles wirkt eng gedrängt. Dazu kommen Wandfresken, die einerseits sehr gute Nachempfindungen eines Barockinterieurs darstellen, andererseits schon modern de- und rekonstruiert, ja geradezu mit einem ironischen Augenzwinkern übertrieben neuformuliert wurden. Sind sind einerseits sehr akurat dem Barock nachempfunden, aber auch surreal (man sieht es im großen Bild oben). Das ist schon originell und witzig, aber trotzdem authentisch. Und jeder Raum ist stilistisch etwas anders gestaltet.

Dieses gediegen luxuriöse Ambiente (in dem sich auch überall Figurinen und Bilder von Enten befinden) wäre natürlich nichts ohne die passende Speisekarte. Obwohl es vereinzelte Stimmen unter Restaurantkritikern gibt, früher sei alles besser gewesen, wüsste ich kaum ein Restaurant, das mehr zu empfehlen ist, wenn man eine gepflegte Edelvariante tschechischer Küche mit internationalem Flair genießen will. Dafür sorgt Chefkoch Michael Váňa. Bei dem denkt man unwillkürlich an Bohumil Hrabals berühmten Roman Ich habe den englischen König bedient (Obsluhoval jsem anglického krále) von 1971, denn Váňa hatte vor dem „Entchen“ im Laufe seiner Karriere schon unter anderem den schwedischen und den norwegischen König bekocht. Die Speisekarte wechselt oft mit der Saison, denn, wie Váňa in einem Interview sagte, „ich versuche, auf Traditionen aufzubauen und der Logik lokaler Zutaten und Bedingungen zu folgen. Deshalb machen wir viele saisonale Angebote, die sich an der jeweiligen Jahreszeit orientieren.“

Sogar das Brot wird im Hause selbst gebacken (gutes Brot ist in Prag schwierig zu bekommen) und man räuchert selbst. Neben vielen feinen Wildgerichten (wie der links abgebildete Hirschrücken – ein Teil des Degustationsmenüs) und anderen Leckereien serviert man hier natürlich auch in verschiedenen Varianten das, was dem Restaurant (und dem ursprünglichen Haus) den Namen gab: Ente! Ob gebraten am Stück, als klassisch tschechische Brust oder als Foie Gras zur Vorspeise – der Freund von Entenmenüs kommt voll auf seine Kosten. Dazu gibt es eine reichhaltige Weinliste, die sowohl internationale als auch tschechische Weine führt. Gerade letztere sind von hoher Qualität. Da nur wenigen Ausländern überhaupt die tschechische Weinkkultur bekannt ist, kann man hier eine positiv stimmende Einführung erleben. Bier ist zwar im höheren Segment selten so geschätzt wie Wein, aber – so ein kleiner Kritikpunkt – man hätte sich hier ein wenig soviel Mühe geben können, wie beim Wein. Es gibt leider nur eine Sorte recht handelsüblichen Urquellbieres. Da könnte man noch ein paar der berühmten Prager Kleinbrauereien ins Repertoire aufnehmen. Dafür kann sich allerdings die Liste der härteren Drinks (Rum, Whisky, tschechische Obstbrände, etc.) wiederum sehen lassen!

Ob es ein wenig nachgelassen haben mag oder auch nicht (ich habe jedenfalls über die Jahre nichts davon bemerkt): Das U Modré Kachničky wurde schnell ein Lokal, das von der (feinschmeckerischen) Prominenz gerne und oft frequentiert wurde und wird: Größen wie Helmut Kohl, Tom Cruise, Karel Gott, Roger Federer, die Scorpions, Sean Connery und vor allem Václav Havel sind hier schon eingekehrt. Damit macht man auch schon am Eingang stolz Werbung! Kurzum: Das Restaurant indem so passenden historischen Haus ist ein voller Erfolg geworden. So erfolgreich übrigens, dass man auf dem gegenüberliegenden Moldauufer, genauer: In der Michalská 434/16 inmitten der Altstadt eine Filiale gegründet hat, das U Modré Kachničky II. Das ist noch nicht ganz so bekannt wie das Mutterhaus, folgt ihm aber, was Angebot und Einrichtungsstil angeht, weitgehend. Aber ein Besuch im alten Stammhaus auf der Kleinseite gehört immer noch zum Pflichtprogramm aller Feinschmecker unter den Prag-Besuchern. (DD)

Unter dem Doppeladler

Spätestens mit der Niederlage bei der Schlacht am Weißen Berg 1620 mussten sich die Böhmen damit abfinden, endgültig unter der Herrschaft der Habsburger zu stehen und damit ihre Unabhängigkeit zu verloren zu haben. Der in in Stuck modellierte Doppeladler der Habsburger über dem Eingang des passend Haus zum Schwarzen Adler (dům U Černého orla) genannten Gebäudes in der Mostecká 279/11 auf der Kleinseite, ganz nahe der Karlsbrücke, unterstreicht diesen Machtanspruch Habsburgs deutlich.

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass der Doppeladler der Gründung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie 1867 sein Leben verdankt – Doppeladler und Doppelmonarchie, das scheint ja auch irgendwie zu passen. Aber der hier abgebildete Doppeladler ist deutlich vor 1867 zu datieren. Also: Das Heilige Römische Reich verwendete ursprünglich den einköpfigen Adler als Wappentier (was seit dem Bismarck-Reich 1871 für Deutschland übernommen wurde). Unter Kaiser Sigismunds wurde jedoch 1433 der Doppeladler eingeführt, weil der Kaiser des Reiches zugleich deutscher König war. In diesem Sinne war bereits das alte Reich eine Art Doppelmonarchie. Ab dem 16. Jahrhundert hatten die Habsburger die Kaiserwürde quasi durchgängig inne, weshalb die Familie den Doppeladler bald übernahm, womit klar war, dass sie Reich und Dynastie als ein unteilbares Ganzes dachten. Ihre jeweiligen unterschiedlichen Ländereien wurden nun durch ein Wappen in der Mitte (im Herzschild) markiert. Genau das sieht man hier: den Doppeladler mit dem  Böhmischen Wappenlöwen (wir berichteten hier) in der Mitte. Als das alte Heilige Römische Reich 1806 zusammenbrach, behielten die Habsburger einfach den Doppeladler für ihr restliches Österreichisches Kaisertum, das dann 1867 in die k.u.k. Österreich-Ungarische Doppelmonarchie (auch Kakanien genannt) überging.

Und nun zum Haus selbst: Dort, wo sich heute dieses dreistöckige Wohngebäude befindet, stand ursprünglich ein gotisches Gebäude. Kaiser Karl IV. (zugleich böhmischer König) hatte es zum Hof des mit ihm verbündeten Mainzer Erzbischofs Ludwig gemacht, der dafür 1376 den Ausschlag bei der Wahl von Karls Sohn Wenzel zum deutschen König gab – für Karl ein Herzenanliegen. Das Haus wurde später – längst nicht mehr im erzbischöflichen Besitz! – immer wieder umgebaut, im Jahre 1583 und noch einmal 1610 im Renaissancestil, wobei es dabei seinen heutigen Grundriss bekam.

Im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts, um 1732, bekam es im Kern die heutige spätbarocke Fassade, die sich durch einen späteren klassizistischen Umbau, der mehr das Innere betraf, nur unwesentlich veränderte. Ein neuerlicher Umbau um 1930 betraf ebenfalls nur den hinteren Teil zum Innenhof.

Selbst in der zum Königsweg gehörenden Mostecká, in der es von schönen Häusern nur so wimmelt, ragt dieses Haus als besonders schön heraus. Die reich bestuckte Fassade mit dem Doppeladler, etlichen zierlichen Schmiedearbeiten, aber auch etlichen hübschen Medaillons wird oben durch ein prachtvolles Gesims abgeschlossen, das Kenner an ein Werk des berühmten Architekten Giovanni Battista Alliprandi erinnert, jenen großen Barockmeister, dem wir die Schönheit der heutigen deutschen Botschaft verdanken (worüber wir hier berichteten).

Hoch über dem dreieckigen Giebel steht eine etwas überlebensgroße barocke Sandsteinstatue des Heiligen Florian. Der scheint seinem Zweck als Patron des Brandschutzes wirkungsvoll zu dienen, denn abgebrannt ist das Gebäude tatsächlich noch nie.

Wer den Doppeladler an der Fassade veranlasst hat, habe ich noch nicht herausgefunden, aber er war offenkundig ein flammend begeisterter Parteigänger der Habsburgerdynastie. Der Adler ist mit seinen fein ziselierten Federn und seiner polychromen Gestaltung so kunstvoll gestaltet (es gibt kaum einen schöneren in Prag!), dass selbst der größte tschechische Patriot nicht umhin kann, ihm etwas abzugewinnen. Auch ist die Schmach vom Weißen Berg schon so lange Geschichte und es hätte den Böhmen auch Schlimmeres an dynastischer Herrschaft passieren können als die Habsburger, so dass schon längst der Schwamm ordentlich drüber gewischt ist. Schön ist es jedenfalls, das Haus zum Schwarzen (Doppel-) Adler. (DD)

Wo Ludmilla zur Märtyrerkrone kam

Zumindest ist das ein schöner und imposanter Ort zum Sterben. Fast schon würdig einer künftigen Heiligen. Hoch über den Uferauen des idyllischen Flusses Berounka und rund 20 Kilometer südwestlich des Prager Stadtzentrums thront der kleine Ort Tetín, in dem heute vor 1101 Jahren – am 15. September 921 – Fürstin Ludmilla grausam ermordet wurde, was ihr posthum die Märtyrerkrone und einen Status als böhmische Nationalheilige einbrachte.

Den Ort umgibt seither eine Aura des Mystischen. Was nicht zuletzt von der pittoresken Landschaft und dem romantischen Ortskern unterstrichen wird, der seine entsprechende Wirkung kaum verfehlt. Es fängt schon damit an, dass Tetín nicht nur auf dem Rand der hohen Felsklippen des Böhmischen Karstes an der Berounka steht, sondern, dass hinter dieser „Fassade“, der Ort sich in einer Talmulde fortsetzt, die ebenfalls von Felsen und Wäldern umgeben ist – wie das Bild links zeigt.

Und außerdem: Der Blick von vom Fluss hinauf mag ja schon beeindruckend sein, aber der von oben auf den Fluss ist es nicht minder! So weit das Auge reicht – nichts als schöne Landschaft! Es gibt gute Gründe, warum Tetín und seine Umgebung ein äußerst beliebtes Nahausflugsziel für die Prager Stadtmenschen ist. Die Schönheit des Ortes stimmt den Betrachter schon auf die mythische Vergangenheit ein, die hier überall sicht- und fühlbar ist.

Es beginnt schon mit dem Namen Tetín. Der soll sich der mittelaterlichen Überlieferung zu Folge vom Namen Tetas ableiten. Teta war eine legendäre vorzeitliche Priesterin und Schwester von Libuše, der sagenhaften Stammmutter des (später tatsächlich historisch bedeutenden) böhmischen Herrschergeschlechts der Přemysliden, das bis zum 14. Jahrhundert das Land regierte. Die andere Schwester, die heilkundige Kazi, hatte angeblich ihre eigene Burg ganz in der Nähe (wir berichteten hier). Ob es Teta je gegeben hat und, ob sie den Ort wirklich gegründet hat, ist zweifelhaft. Was man Dank archäologische Forschung weiß, ist, dass der Ort schon in der Jungssteinzeit besiedelt war, und dass in der frühen Zeit der Přemysliden-Herrschaft hier tatsächlich ein befestigtes Dorf oder eine Dorffestung aufgebaut wurde.

Kommen wir zu Ludmilla, die hier irgendwie allgegenwärtig ist. Am sichtbarsten natürlich in Form einer großen Statue, die auf einer Säule ruht (Bild rechts). Auf „Burg Tetín“ soll sie ihr gewaltsames Ende gefunden haben. Tatsächlich gibt es am Rande des Ortes eine alte Burgruine (über die wir noch berichten werden). Die stammt aber aus dem späten 13. Jahrhundert und das war doch einige Jahrhunderte nach der Mordtat. Vielmehr muss man die zu Ludmillas zeiten existierende Siedlung als eine eigene Festung betrachten, in deren Mauern sie gemeuchelt wurde. Aber wie konnte es dazu kommen und wer war Ludmilla?

Sie war die Witwe des ersten überlieferten böhmischen Přemysliden-Herrschers Bořivoj I., der sich um das Jahr 883 als erster Fürst christlich taufen ließ. Nach dessen Tod 889 wurden nacheinander die Söhne Spytihněv und Vratislav I. Herrscher des Böhmen. Als letzter starb war Ärger vorprogrammiert, denn Vratislavs Frau Drahomíra wurde zwar Regentin für die minderjährigen Söhne, aber für deren Erziehung bis zur Volljährigkeit wurde Ludmilla eingesetzt. Ob Drahomira wirklich eine Heidin gewesen war, ist umstritten, aber zumindest ergab sich schnell eine unschöne Vermischung von religiösen Glaubens- und politischen Machtfragen. Wenn man sich an die Kirchenstrukturen des Westens anhängte bedeutete das eine enge politische Bindung an das deutsche Kaisertum, was Ludmilla favorisierte und ihrem Enkel, dem späteren Heiligen Wenzel einbläute. Oder sollte man andere kirchliche Wege – slawisch oder byzantinisch – gehen? Jedenfalls fand Drahomira, das Ludmilla ihre Kreise störte.

Sie ließ Ludmilla hierhin nach Tetín verbannen. Aber das war ja nicht weit weg gelegen und Drahomira wollte wohl auf Nummer sicher gehen, dass sich die ungeliebte Schwiegermutter nicht wieder in die Politik einmischt. Und auch Ludmilla soll der Legende nach geahnt haben, dass ihr gewaltsames Ende geplant sei. Sie versenkte sich in der kleinen Kirche zum Gebet und wartete auf die Mörder, zwei Wikinger aus dem Gefolge der Drahomira namens Tunna und Gommon. Ludmillas letzter Wunsch soll es gewesen sein, dass ganz stilecht ihr Märtyrerblut vergossen werden möge. Aus lauter Gemeinheit verweigerten ihr die Mörder das und erwürgten sie kurzerhand mit ihrem eigenen Halstuch. Die Bosheit machte sich nicht wirklich bezahlt, denn Ludmilla wurde trotzdem schon bald von der Kirche zur heiligen Märtyrerin eingestuft. So sieht man sie auch auf dem barocken Bild dargestellt, das man oberhalb rechts sieht, und das sich in der 1685 erbauten Gemeindekirche der Heiligen Ludmilla (Kostel sv. Ludmily) befindet, die wiederum an Stelle der Kirche errichtet wurde, wo sie ihre letzten Gebete getan hatte. Sie ist klassisch mit Märtyrerpalme, Herzoginnenkrone und dem Halstuck, mit dem sie erwürgt wurde, dargestellt.

Drahomira verjagte nun einige der deutschen Orden, die sich in Böhmen angesiedelt hatte, konnte aber ihre Macht nur so lange genießen bis Wenzel volljährig wurde. Der machte die Entscheidungen rückgängig und regierte im Geist der Großmutter, deren Erziehung anscheinend erfolgreich gewesen war. Und so wird Ludmilla ja auch durch die erwähnte (ebenfalls barocke) Statue vor der Kirche dargestellt: Als Erzieherin, die den kleinen Wenzel (der etwas pausbäckig erscheint) auf den Armen trägt – auch das Teil der klassischen Ludmilla-Ikonographie. Wenzel sollte übrigens später von seinem Bruder ermordet werden, was auch ihm die Märtyrerkrone einbrachte.

Zurück nach Tetín: Der kleine Ort hat – nicht zuletzt wegen seiner Heiligengeschichte – drei Kirchen. Die der Heiligen Ludmilla hatten wir erwähnt. Die steht auf mittelalterlichen Fundamenten. Der Grundriss folgt noch einem gotischen Bau, der tatsächlich anstelle der älteren Kirche gestanden haben mag, in der Ludmilla kurz vor ihrem Ende betete. Heute erkennt man aber nur den Barockbau des späten 17. Ajhrhundert. DIe Kirche war lange in Klosterbesitz, wurde aber nach den Klosterenteignungen unter Kaiser Joseph II. in den 1780er Jahren zur bloßen Gemeindekirche umfunktioniert. Bei den Bildern und Skulpturen im Innenraum dominieren böhmische Heilige – allen voran Ludmilla.

Direkt neben der Ludmilla-Kirche steht die Katherinen-Kirche (kostel sv. Kateřiny). Sie ist die kleinste der drei Kirchen im Orte. Der Bau wird wesentlich schlichter, nicht zuletzt weil er auch nicht im überbordenden Barockstil gehalten ist. Sie wurde um 1200 im romanischen Stil erbaut. 1858 erfolgten Renovierungs- und umbauarbeiten, die den schlichten Originalcharakter noch unterstrichen. Auch sie war ursprünglich Klosterbesitz und hatte bei der Enteignung mehr Pech als die Ludmilla-Kirche. Sie wurde als Lagerhalle verwendet bzw. misbraucht. Die Restauration von 1858 machte den Schaden, der dadurch entstand, ein wenig gut.

Die zweifellos am dekorativsten gelegene der drei Kirchen ist jene, die man unten vom Flussufer (großes Bild oben) erkennen kann: Die Kirche des Heiligen Nepomuk (kostel sv. Jana Nepomuckého). Die wurde bereits 1357 erbaut und zwar noch unter dem Namen Kirche des Heiligen Michael. Ging ja auch nicht anders, denn als die Kirche geweiht wurde, lebte Nepomuk noch und hatte sich seine Heiligkeit noch nicht durch Märtyrertod verdient (der erfolgte erst 1393). Wie die Ludmilla-Kirche wurde sie im späten 17. Jahrhundert barockisiert.

Die Säkularisierung im Zuge bekam ihr zunächst nicht gut, aber im 19. Jahrhundert fand sich ein Retter in Gestalt des Schlossbesitzers und Dichters Vácslav Vojáček (ein gebürtiger Tetíner), der in den 1870er Jahren die Instandsetzung betrieb, so dass die Kirche heute recht schmuck aussieht. Vojáček verdankt man übrigens auch ein 1843 verfasstes Drama über Ludmilla, die ja nun einmal die Ortheilige ist. Vojáček und seine Familie sind übrigens auf den kleinen Kirchhof begraben. Der ist übrigens recht hübsch und es gibt viele alte Grabmäler sehen. Der Blick über die Mauer offenbart zudem eine herrliche Aussicht auf die Umgebung.

Der Ortskern von Tetín ist in den letzten jahren recht schön aufgemöbelt worden. In der Mitte wird der Dorfplatz nun von einem großen rechteckigen Brunnen geschmückt. An dessen Rückseite brachte man eine große Gedenktafel für einen anderen Großen der Stadt an, nämlich dem berühmten frühneuzeitlichen Historiker Václav Hájek z Libočan, dem Autor einer bedeutenden und sehr anekdotenreichen Böhmischen Chronik von 1541 (eine Episode daraus erwähnten wir bereits hier). Der wirkte nämlich in den Jahren 1533 bis 1539 hier in Tetín als Pfarrer. Die Bronzetafel wurde hier im Jahre 2015 angebracht.

Und auch sonst lohnt sich der besuch des Ortes. Da ist zum Beispiel noch das barocke Schloss, das im 18. Jahrhundert für die oben erwähnte Familie Vojáček erbaut wurde und seither etliche bauliche Veränderungen durchmachte. Es befindet sich in Privatbesitz. Man kann es daher in der Regel nur von außen betrachten. Reingehen kann man allerdings in das interessante Museum und Infozentrum von Tetín, das direkt daneben liegt.

Man sieht: Tetín ist auf jeden Fall einen Ausflug wert. Es ist nicht nur der Mythos der ermordeten Ludmilla, der den Ort zum Anziehungspunkt macht. Selten sieht man auf so kleinem Ort soviel Geschichte, Kultur und malerische Natur konzentriert. Und von Prag ist es wirklich nicht weit! (DD)

Kirche mit wechselvoller Baugeschichte

Die Neustadt (Nové Město) war die von Böhmens großen König Karl IV. 1348 in Angriff genommene große Statdterweiterung Prags. Genauer: Rund um die Altstadt wurde eigentlich eine neue eigene Stadt mit eigenen Rechten gebaut. Und die brauchte natürlich auch eine Kirchen. Da war „think big“ angesagt. Eine der Kirchen sollte sogar größer werden als der Veitsdom auf der Burg. Aber auch die etwas kleinere Kirche St. Stephan (Kostel sv. Štěpána) in der Štěpánská 534/4 kann sich sehen lassen. Auf jeden Fall gehört sie zu den bedeutenderen gotischen Kirchen der Stadt.

Der König ließ sie 1351 durch einen Baumeister namens „Meister Georg“, über den wir sonst nichts wissen, als Pfarrkirche erbauen. Sie löste in dieser Eigenschaft die winzige, romanische Longinusrotunde (wir berichteten hier) ab, die sich nur wenige Meter entfernt befindet. Fertiggestellt wurde sie erst 1394 – lange nach dem Tod des Herrschers. Was da in mehr als vier Jahrzehnten errichtete wurde, war eine große dreischiffige Basilika. Richtig fertig war der Bau aber dann immer noch nicht. Erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts wird erstmals der große Turm an der Westseite der Kirche erwähnt. Karl IV. schenkte der Kirche übrigens Reliquien des namensgebenden Heiligen Stephanus, die er auf einer Romreise erworben hatte. Zudem ließ er einen Teil des Kirchhofs als Pilgerfriedhof weihen, der als Fremdenfriedhof bezeichnet wurde. Den Kirchhof mit seiner Pilgersektion gibt es aber seit der Friedhofsreform von Kaiser Joseph II. in den 1780er Jahren nicht mehr, die aus Gründen der Hygiene und Seuchenprävention innerstädtische Friedhöfe durch große Anlagen außerhalb des Statdtzentrums ersetzte. In der Tat waren die kleinen Kirchhöfe der Statd meist hoffnungslos erfüllt. Allein während der Pest von 1502 wurden bei St. Stephan rund 13-15.000 Tote begraben.

Die Ausstattung der Kirche war von Anfang an prachtvoll. Einige große mittelalterliche Altäre (etwa der schon 1383 gestiftete Wenzelsaltar) gibt es nicht mehr. Dafür wurde in der Zeit des Barock kräftig „aufgerüstet“. Alleine im nördlichen Seitenschiff sind es mehr als vier Altäre, von denen einige von so großen Künstlern gestaltet wurden wie dem Maler Karel Škréta, der Mitte des 17. Jahrhunderts zu den bedeutendsten böhmischen Malern der Zeit gehörte. Die Barockisierung erfolgte schrittweise, beginnend um 1600 nachdem ein Blitz 1593 verheerende Schäden angerichtet hatte. Im großen Stil ging es damit aber erst 1649 – nach dem Dreissigjährigen Krieg – los, als das Interieur völlig umgestaltet und die neuen barocken Altäre aufgebaut wurden.

Deren zentrales Prachtstück ist natürlich der große Hochaltar, den man auch auf dem großen Bild oben bewundern kann. Den Mittelpunkt des elaboriert aus Holz geschnitzten Altars bildet ein Gemälde, das die Steinigung des Heiligen Stephanus darstellt, der um das Jahr 38 n. Chr. zu den ersten frühchristlichen Märtyrern gehörte. Das dramatische Gemälde, das den vonm brutaliserten Mob umringten Heiligen bereits mit verklärtem Blick in Erwartung des Seelenheils zeigt, wurde im Jahre 1669 von dem bekannten (und ursprünglich aus Bayern stammenden) Maler Matthias Zimprecht erschaffen, der es bald sogar zum Vorsitz der Malergilde der Neustadt bringen sollte.

Aber nicht nur die Innenausstattung wurde im Zeitalter des Barock aufgemöbelt. Es kam auch zu Ausbauten und Anbauten. Zu letzteren gehörte eine zusätzliche Seitenkapelle, die man 1678 an der Südseite errichtete. Es handelt sich um die sogenannte Kornel-Kapelle (Kornelská kaple) Das war übrigens die erste Beeinträchtigung der bisher vollkommenen Symmetrie des Kirchenbaus. Spätere Anbauten verstärkten diesen Trend im Laufe der doch recht regen und wechselhaften Baugeschichte noch einmal. Innen befindet sich ein Altar, der – wie der Hauptaltar – wiederum mit Gemälden von Matthias Zimprecht geziert sind.

Schon zuvor hatte man um 1604 auf dem Areal des alten Friedhofs noch einen Glockenturm noch einen externen Glockenturm errichtet. Solche, auch Campanile genannten Glockentürme, die unverbunden neben dem Kirchenschiff stehen, waren in Böhmen seit dem Spätmittelalter sehr weit verbreitet. Der Turm ist sehr massiv aus Stein gebaut (die meisten Türme dieser Art in Böhmen waren nämlich aus Holz konstruiert). Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts hingen hier vier recht stattliche Glocken, die teilweise aus dem späten 15. Jahrhundert stammten. DIe letzte von Ihnen wurde 1729 gegossen. Drei der vier Glocken wurde jedoch leider während des Zweiten Weltkriegs für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen. Immerhin überlebte die älteste von Ihnen aus dem Jahr 1490 den Krieg.

Im Jahre 1736 gab es abermals einen Anbau an die Kirche und abermals war es eine Kapelle – diesmal aber an der Nordseite der Kirche. Es handelte sich um eine von innen nicht begehbare Nischenkapelle, die von der Neustädter Bürgerfamilie Branberger gestiftet wurde und deshalb auch Branberger Kapelle (Kaple Branbergerů) genannt wird. Drinnen befindet sich ein mit einer Pestsäule versehener Altar, der an die letzte große Pestseuche in Prag im Jahre 1713 erinnern soll, die rund 20.000 Todesopfer gefordert haben soll. Man sieht neben viel Todessymbolik hier Statuen dreier thematisch passender Heiliger, nämlich Rochus (der Heilige der Kranken). Sebastian (ebenfalls ein Patron gegen Seuchen) und die Heilige Rosalia (dito). Von außen ist die Kapelle durch ein schönes, schnörkeliges Barockgitter geschützt.

Aber die große Zeit des Barock ging irgendwann auch vorbei. Besonders in der zweiten Hälfte gehörte die Rückbesinnung auf die goldenen Zeiten der Gotik unter Karl IV. zum guten Ton unter tschechisch-sprachigen Patrioten. Unzählige neogotische Bauten entstanden oder es wurden barockisierte gotische Gebäude manchmal recht phantasievoll re-gotisiert. Letzteres tat man (zumindest teilweise) auch mit der ursprünglich gotischen, aber danach eben schrittweise im Stil des Barock überarbeiteten Kirche St. Stephan. Es begann im Jahre 1866 als man – unter nochmaliger Veränderung der Symmetrie – vor der Nordseite der Kirche einen neo-gotischen Vorbau hinzufügte – der eine Art Seiteneingang mit Treppe (Bild links) bildete

Das war aber nur der Startschuss. In den Jahren 1876 bis 1879 wurde die Kirche vom Architekten Josef Mocker (über den wir schon u.a. hier, hier und hier berichtet haben) gründlich umgebaut. Natürlich ging man nicht an die barocken Altäre (die waren zu kostbar), aber ansonsten war Neo-Gotik angesagt. Mocker war der große böhmische Experte für diesen Stil. Zu den vielen Änderungen, die er lancierte gehört zum Beispiel der Turmaufsatz, der mit seinen Seitentürmchen und Erkern ein wenig an den des Altstädter Brückenturms an der Karlsbrücke oder die Türme der Teynkirche am Altstädter Ring erinnert. Der originale gotische Turm dürfte nicht annähernd so gotisch ausgesehen haben wie dieser neo-gotische von Mocker.

Und einige Renovierungen Mockers blieben zeitlos, etwa das Maßwerk etliche der Spitzfenster und Bögen im Schiff. Und manches von den neo-gotischen Ergänzungen hat inzwischen einen eigenständigen kunsthistorischen Wert, wie zum Beipiel das aufgemalte Maßwerk mit den schönen Fresken oberhalb des Säulengänge, die Szenen aus dem Leben des Heiligen Wenzel (Bild links) darstellen. Spätere Renovierungen in den Jahren 1935-36 und 1974/75 waren etwas zaghafter und versuchten vor allem viel von der ursprünglichen mittelalterlichen Substanz sichtbar zu machen. Gerade die wechselhafte Baugeschichte macht die katholische Gemeindekirche St. Stephan zu einem der interssantesten Kirchengebäude Prags. (DD)

Vom Kräutergarten zum Freizeitort

Wir befinden uns ganz nahe beim Touristen-Hotspot Wenzelsplatz (Václavské náměstí) oder der vielbefahrenen Vodičkova. Aber weil er nur durch recht kleine Durchgänge oder Passagen erreichbar ist, hat sich der Franziskanergarten (Františkánská zahrada) ein wenig vom Charakter einer Ruheoase bewahrt.

Der Name allein suggeriert bereits, wer die Namensgeber der fast quadratischen Garten- und Parkanlage waren. Das hängt wiederum mit der großen Kirche, an die der Garten grenzt. Ursprünglich war die gotische Kirche St. Maria Schnee (Kostel Panny Marie Sněžné), über die wir bereits hier berichteten, von Kaiser Karl IV. 1348 als Teil eines Klosters des Karmeliterordens geplant. Das wurde nicht so recht fertig und im 15. Jahrhundert predigten hier stattdessen Hussiten, die von hier aus 1419 den Ersten Prager Fenstersturz organisierten. 1603 begann hier wieder richtiges Klosterleben als die Franziskaner einzogen. Und auf die geht auch der Garten zurück. Als die Mönche ihn anlegten, dachten sie noch nicht unbedingt an Ruhe suchende Touristen. Obwohl anscheinend schon im 17. Jahrhundert sehr formal-barock gestaltet, diente das Ganze doch als ein Nutzobjekt, nämlich als Obst- und Kräutergarten. Der Anbau von Heilkräutern unterstützte die karitative Arbeit der Mönche.

Die Mönche betrieben in Nebengebäuden der Kirche unter anderem eine Klosterapotheke. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde in der Mitte der Anlage ein kleiner Pavillon gebaut, dessen Inneres leider nicht öffentlich zugänglich ist, was schade ist, da sich drinnen wohl schöne barocke Deckenfresken befinden. Drumherum befindet sich tatsächlich noch ein kleiner Kräutergarten, der einen Eindruck vermittelt, wie es damals unter den Franziskanern war. Diese Nutzung hielt lange an, weshalb der Garten im Kern gut überlebte. Größeren Schaden richteten die deutschen Besatzer nach 1939 an. Während des Weltkriegs wurden hier nämlich große Wasserbecken für den Feuerschutz ausgehoben, was optisch doch recht nachteilig war. Erst 1985 schüttete man sie wieder zu.

Zu diesem Zeitpunkt war der Garten schon lange nicht mehr Privateigentum der Franziskaner. Unter dem Codenamen Aktion K hatten die Kommunisten, die 1948 die Macht ergriffen hatten, im Jahre 1950 begonnen, die Kirche zu verfolgen, Geistliche zu internieren und Klöster zu liquidieren. Das machte auch nicht vor den Franziskanern der Kirche Maria Schnee nicht halt, die brutal vertrieben wurden. Die Kommunisten öffneten noch im selben Jahr den Garten für die Öffentlichkeit. Nun konnte man den Garten für eine Rast oder als Durchgang, etwa vom Wenzelsplatz zum Jungmann-Platz, nutzen.

Anscheinend wurde er in dieser Zeit nicht so verschönert und/oder gepflegt, wie man es nun hätte erwarten sollen. Nach dem Ende des Kommunismus wurde er 1989 bis 1992 erst einmal geschlossen, um tiefgreifende Umbau- und Verschönerungsmaßnahmen durchzuführen. Die Franziskaner waren inzwischen restituiert worden und ins Kloster zurückgekehrt, aber der Garten sollte weiterhin öffentlich bleiben. Der Architekt Otakar Kuča (ein Gartenspezialist) und die Architektin Ivana Tichá realisierten ein Konzept, das Motive des alten formalen Barockgartens deutlich aufnahm, aber modern ergänzte. Alles wurde sehr geometrisch geordnet und es wurden viele Möglichkeiten geschaffen, im Schatten zu sitzen und den Anblick der Umgebung zu genießen. Dazu tragen insbesondere die bepflanzten Arkaden an den Seiten bei.

Vorsichtig ergänzt wurde die barocke Nachempfindung des Gartens durch einige passende Beispiele moderner Bildhauerkunst. So gibt es aus dieser Zeit einen Springsprunnen Der Junge mit der Muschel (Chlapec s mušlí) des Bildhauers Stanislav Hanzík. Bekannter ist die mysteriös wirkende Figurengruppe Die drei tanzenden Alraunen (Divoženky a Poletuchy) des Bildhauers Josef Klimeš, der die um einen Wasserbrunnen ergänzt wurden. Die Alraunen, eine Mischung von Pflanze und Sagenwesen, sind stabil konstruiert und werden gerne von kleinen Kindern als Spiel- und Klettergerät verwendet bzw. zweckentfremdet. Den Freizeitwert des Gartens, der auch von Einheimischen (und nicht nur Touristen) genossen wird, steigert das irgendwie.

Und im Jahre 2014 erfolgte sozusagen der „finishing touch“. An den beiden südlichen Eingängen des ummauerten Areals wurden zwei große metallene Türen angebracht. Auf ihnen erzählt der Bildhauer und Medailleur Petr Císařovský Etappen aus dem Leben des Heiligen Franziskus, dem Namensgeber des namensgebenden Ordens für den Garten. SIe sind zwar erkennbar modern, spielen aber – vor allem in der kassettenförmigen Struktur – auf Beispiele mittelalterlicher Kirchtüren (Beispiel hier) an.

Ein kleiner Spielplatz rundet die Sache ab. Man muss also nicht nur auf den Skulpturen der Alrauen klettern. Und die Hecken, die den Garten noch in quasi-barocker Weise geometrisch aufteilen, eignen sich hervorragend zum Versteckspielen. Trotzdem ist es hier nicht lärmig, sondern sehr beschaulich und erholsam.

Und so ist der Franziskanergarten mittlerweile zu einem Ausdruck echten Geschichtsbewusstseins geworden, der alte Traditionen mit moderner Freizeitkultur verbindet. (DD)

Zwei Kannen – nebeneinander

Einmal in Gold und einmal in Silber. Die Hausschilder des Hauses zur Goldenen Kanne (dům U Zlaté konvice) in der Melantrichova 477/20 und des Hauses zur Silbernen Kanne (dům U Stříbrné konvice) direkt daneben in der Melantrichova 476/18 scheinen Rätsel aufzugeben. Warum zweimal nebeneinander das gleiche Motiv; warum einmal in Gold und einmal in Silber?

Das Haus mit der silbernen Kanne als Hausschild wirkt jedenfalls auf den ersten Blick älter als das mit der goldenen. Der Kern und Ursprungsbau war zwar ursprünglisch hochgotisch (um 1400), aber die zur engen Melantrichova (eine der beliebtesten Touristenpromenaden der Altstadt) hingewandte Fassade ist eindeutig im Stil des Barock gehalten. Im frühen 18. Jahrhundert wurde das ursprünglich einstöckige Haus (was es auf der Rückseite hin zur Straße Kožná immer noch ist) in ein zweistöckiges umgebaut, wobei die Fassade eben völlig erneuert wurde. Dafür dürfte Jakub Minetti, der reiche Abkömmling einer Mailänder Händlerfamilie, die es in Prag zum Adelsstand brachte, verantwortlich gewesen sein, der das Haus Ende des 17. Jahrhunderts erworben hatte. Zuvor hatte er schon das in der unmitelbaren Nähe Prachthaus Na Kamenci an der Ecke Altstädter Ring (Nr.478/26) erworben, womit er zuden großen Immobilienbesitzern der Gegend gehörte (wir berichteten hier). Das Hausschild mit der Kanne ist auch von einer spätbarocken Kartusche im Rokokostil umgeben, die ausgesprochen fein mit Rocaillen elaboriert ist.

Das ebenfalls zweistöckige, aber etwas breitere Haus mit der Goldkanne ist auch im Mittelalter entstanden und wurde in der Renaissance um 1553 und um 1700 im Barockstil erheblich umgestaltet. Sein heutiges Aussehen, das deshalb etwas moderner wirkt als das „silberne“ Nachbarhaus, verdankt es aber einem Umbau Ende des 18. Jahrhundert, den der Architekt Zachariáš Fiegert (den wir bereits hier erwähnten) im klassizistischen Stil durchführte. Das Hausschild über dem breiten Eingangsportal ist daher auch nicht von solch einer fein ausgearbeiteten Kartusche umrahmt und strenger klassizistisch gehalten. Das oberste Stockwerk wurde übrigens erst im späten 19. Jahrhundert ergänzt, aber stilistisch so feinfühlig, dass man es nicht bemerkt.

Auf der Höhe des ersten Stocks befindet sich eine Gedenktafel mit Portraitrelief für Josef Král. Der war ein Philologe und Bibliothekswissenschaftler, der zu seiner Zeit besonders als tschechischer Übersetzer der Autoren der Antike bekannt und beliebt war, deren Werke er geschickt unter Berücksichtigung des alten Versmaßes in seine Muttersprache übertrug – was ich mir bei meinem mageren Wissen um das Tschechische als recht schwierig vorstelle. Der Text auf der Tafel lautet: „Der klassische Philologe Josef Král wurde am 18. Dezember 1853 in diesem Haus geboren. Gestiftet von der Union der tschechischen Philologen.“ Gestaltet wurde die Tafel 1937 von dem akademischen Bildhauer Josef Drahoňovský.

Was aber die Frage, warum hier zwei Häuser nebeneinander in verschiedenen Zeiten die Kanne als Hausschild bekamen, wenngleich in verschiedenen Farben. Hausschilder waren in Zeiten, als es noch keine regulären Hausnummern gab, so etwas wie das Identifizierungsmerkmal von Häusern. Aber nicht nur: Oft wiesen sie auch auch das Handwerk hin, das im Hause betrieben wurde (ein Beispiel zeigten wir hier). Gab es es hier benachbarte Kannenverkäufer oder Kannengießer? Im 18./19. Jahrhundert war die kleine Straße Melantrichova, wo die Häuser liegen, und die direkt zum Altstädter Ring (Staroměstské náměstí) führt, als die Schwefelgasse (Sirková) bekannt, weil hier die Schwefelhändler ihren Sitz hatten. Das hat wenig mit den Kannen zu tun. Die Sache bleibt also im Dunklen. Für Hinweise bin ich dankbar. (DD)

Idylisches Dorf und Filmkulisse

Die Umgebung von Prag ist reich an kleinen Dörfern mit idyllisch anmutendem Dorfkern. Das gilt auch für die ansonsten landschaftlich etwas eintönige Moldauebene im Kreisgebiet von Mělník, kurz bevor der Anstieg zum Erzgebirge (tsch.: Krušné hory) beginnt. Hier findet man etwa 25 Kilometer nördlich von Prag das kleine Örtchen Vrbno, dessen Kern seit 2004 zurecht eine geschützte Denkmalzone (památková zóna) ist, die sogar immer wieder einmal als Filmkulisse dient.

Die Ursprünge reichen tiefer in die Vorgeschichte zurück, als man es hier auf den ersten Blick sehen kann. Es lohnt sich, den kleinen historischen Lehrpfad um den Ort zu erwandern. Da lernt man, dass ganz in der unmittelbaren Umgebung Archäologen in den letzten Jahren reichliche Funde aus der Steinzeit (rund 5000 v. Chr.) und aus der Bronzezeit (rund 2000 v. Chr.) ausgegraben haben. Der Ort als feste dörfliche Siedlung dürfte im 11. Jahrhundert gegründet und seither kontinuierlich besiedelt worden sein, urkundlich erwähnt wird es aber erst im Jahre 1241. Die frühe Besiedlung mag viel damit zu tun haben, dass die die flache Flussauenlandschaft gut bewässert und auch recht fruchtbar ist. Aber die Nähe zum Fluss hat auch is heute ihre dunklen Schattenseiten, wie noch zu sehen sein wird.

Im Mittelalter gehörte das Dorf erst zur Herrschaft von Mělník, dann einer örtlichen Adelsfamilie namens Mléčkové z Vrbna. Schon im Jahr 1257 (hier, S.11f) ist dokumentiert, dass die Kirche (und damit wohl das ganze Dorf) dem soeben von der großen böhmischen Heiligen Agnes von Böhmen gegründeten Ritterorden der Kreuzherren mit dem roten Stern (Rytířský řád křižovníků s červenou hvězdou). Womit wir beim eigentlichen Kern des Kerns des Dorfes sind, der Kirche der Kreuzerhöhung (Kostel Povýšení sv. Kříže).

Deren Ursprünge gehen mindestens bis in das 12. Jahrhundert zurück. Bevor die Kirche in den Besitz der Kreuzherren überging, gehörte sie wohl einer Krankenhausbrunderschaft. Es handelte sich um einen einfachen rechteckigen Bau ohne Glockenturm im Stil der Romanik. Der ist im Kern und in seinen Dimensionen auch immer noch erkennbar. Die einfache und robuste Konstruktion weist darauf hin, das die Kirche auch als Wehrkirche konzipiert war. Bei Renovierungsarbeiten nach dem Hochwasser von 2002 fand man übrigens auch Reste eines romanischen Portals, das in gotischer Zeit übermauert worden war. Heute kann man den von den Restauratoren sorgfältig freigelegten Torbogen außen vom Kirchhof aus bewundern – direkt neben einer groß dimensionierten Grabstatue in Engelsform aus dem späten 19. Jahrhundert.

Ebenfalls bei den Renovierungen fand man eine mittelalterliche Wandmalerei der Kreuzerhöhung – und zwar im Chor, der im 14. Jahrhundert, also in Zeiten der Hochgotik, an die Kirche angebaut wurde. Immer wieder gab es auch danach kleinere Umbauten. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde erst der spätgotische Glockenturm hinzugefügt.

Und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts unternahm man schließlich eine behutsame Barockisierung, wie das bei Kirchen in dieser Zeit ausgesprochen häufig getan wurde. Die barocke Neugestaltung veränderte bei näherer Betrachtung den optischen Grundcharakter der kleinen Dorfkirche schon recht beträchtlich, ohne dass die romanisch/gotische Struktur verschwand. Von außen kann man das am deutlichsten bei dem kleinen Vorbau für den heutigen Haupteingang sehen (kleines Bild links), der sich durch einen sehr klassisch anmutenden Giebel auszeichnet.

Insgesamt repräsentierte die Barockzeit mit ihrem bescheidenen, aber dennoch sichtbaren Prunk auch ein wenig den ökonomischen, kulturellen und sozialen Auschwung in dieser Zeit. So ist im Jahr 1764 für die Kinder des Dorfes erstmals eine richtiggehende Schule für die dokumentiert. Nicht nur die Kirche, sondern auch das Dorf als solches wurde immer mehr modernisiert.

Im Jahre 1790 baute man noch auf dem Gelände des Kirchhofs eine kleine Kapelle an, die lange Zeit als Leichenhalle diente. Sie war der Heiligen Barbara (sv. Barbora) gewidmet. Sie ist achteckig im Grundriss. Innen sieht sie – anscheindend als Folge von Hochwassern – arg beschädigt und ebenso arg heruntergekommen aus. Aber von außen verleiht sie mit ihrer ungewöhnlichen Form dem Dorf eine originelle architektonische Note.

Der kleine Kirchhof wurde übrigens im Jahre 1880 aufgelöst. Nur wenige Grabsteine blieben erhalten, darunter das oben erwähnte Engelsgrab der Familie Plačký, die – wenn man von der Größe des Grab Schlüsse ziehen will – wohl im Dorf eine wichtigere Rolle spielte.

Die lange Prägung durch Kreuzherren und Kirche hat das Dorf auch sonst ihren Stempel aufgedrückt. Schon an der im 18. Jahrhundert errichteten Friedhofsmauer findet man außen eine kleine barocke Nischenkapelle, die dem böhmischen Nationalheiligen Nepomuk (sv. Nepomucký) geweiht ist (Bild links im Vordergrund), der allerdings schon seit langem die Nepomuk-Darstellung zu fehlen scheint. Und am Ausgang des Kirchplatzes hin zur Hauptstraße findet sich die ähnlich dimensionierte Kapelle der Fünf Wunden Christi (Kaplička Nejsvětějších Pěti ran Kristových) aus dem Jahr 1705 (kleines Bild rechts). Leider auch sie ein wenig renovierungsbedürftig.

Und rund um den Kirchplatz stehen allerlei hübsche alte Gebäude. Dazu gehört das katholische Pfarrhaus (Haus 1, Bild links), das in dieser Form hier seit 1862 steht. Sehen kann man unter anderem noch die alte Schule von 1878 (Haus 60), die alte Gaststätte (Haus 27) und natürlich hauptsächlich viele größere Bauernhöfe mit ihren typischen Hoftorbögen, von denen das Haus Nr. 4 (rechts) zu den schönsten gehört.

Haus Nr 25, gegenüber der Kapelle der Fünf Wunden Christi, stammt aus dem späten 19. Jahrhundert und wurde danach immer wieder umgebaut. Das ist aber nicht das Besondere daran. Man muss nahe herankommen, um neben der Haustür ein kleines Metallschild zu sehen (Bild links). Es zeigt uns, wie hoch das Wasser beim großen Moldauhochwasser von 2002 stand, das verheerende Verwüstungen verursachte. Insgersamt wurde 30 Häuser in Vrbno so zerstört, dass sie abgerissen wurde. Einer der Schutzdämme, die das Dorf von einem nahe vorbeilaufenden Nebenkanal der Moldau trennt, hielt dem Wasserdruck nicht mehr stand, und die Katastrophe nahm ihren Lauf. Trotz der Reparaturarbeiten, die danach erfolgten, brach an einer anderen Stelle beim (geringfügig kleineren) Hochwasser von 2013 abermals ein Damm. Und wieder richtete das Wasser Zerstörungen an. Das ist der Grund, warum die Schönheit des Dorfes sich bisweilen immer noch mit dem Eindruck eines gewissen Verfalls vermischt. Spuren einer solch geballten und doppelten Verwüstung sind halt schwer zu tilgen.

Aber die Gewalt der Wassermassen dürfte den Bewohnern des Ortes in früheren Zeiten gewiss ebenfalls vertraut gewesen sein – möglicherweise noch gravierender, denn bis Ende des 19. Jahrunderts war der Fluss noch ungebändigt. Vermutlich sind solche Ereignisse damals sogar wesentlich häufiger auf der Tagesordnung gewesen. Man denke an das große Hochwasser von 1890, das weiter oberhalb in Prag sogar Teile der Karlsbrücke zerstörte. Das betraf auch Vrbno und Umgebung. Der Fluss lag dereinst sogar näher am Dorfe, wie ein heute toter Flussarm zeigt, der sich nur wenige Meter vom Dorfkern befindet. Der lädt wiederum zu einem (Hunde-) Spaziergang in einer idyllischen Auenlandschaft ein und hat seine einstige Gefährlichkeit wohl weitgehend eingebüßt. Und man kann nur hoffen, dass die repararierten Dämme zum Kanal beim nächsten Hochwasser halten werden.

Trotz der noch verbliebenen Spuren der letzten Hochwasser-Katastrophen ist und bleibt das Dorf ein kleines romantisches Idyll. Die hübschen Häuser des Dorfkerns und die kleinen verwunschenen Sträßchen haben deshalb schon seit längerem als Drehort das Interesse der Filmschaffenden geweckt. Etliche tschechische, aber auch internationale Fernseh- oder Kinofilme wurden hier in Vrbno gefilmt. Dazu gehören die Artistenserie Circus Humberto aus dem Jahr 1988, die historische Krimiserie Dobrodružstvá kriminalistiky (in Deutschland.: Täter unbekannt – Sternstunden der Kriminalistik), die in den Jahren 1989 bis 1993 lief, die tschechische Maigret-Verfilmung Maigretův první případ (dt.: Maigrets erster Fall) von 1991 oder die internationale Victor Hugo-Verfilmung von Les Misérables mit Liam Neeson aus dem Jahr 1998. Bleibt zu hoffen, dass der Filmruhm dafür sorgt, dass Vrbno seine schönen Glanz bald wieder neu aufpolieren kann. (DD)

Beendete Leidensgeschichte einer Kirche?

Schon als geweihtes Gotteshaus durchlebte sie eine bewegte Geschichte, die aber nicht aufhörte, bewegt zu sein, als sie es nicht mehr war: Die Kirche des Heiligen Erzengels Michael (Kostel sv. Michaela archanděla) in der Michalská 662/29 inmitten der engen Gassen der Altstadt, eine Brutstätte der böhmischen Reformation, dann wieder biedere Klosterkirche und heute der ort einer Dauerausstellung eines bekannten Guerillakünstlers. Ein langer Weg also.

Wie alt sie ist, weiß man eigentlich nicht so genau. Anscheinend gab es hier schon eine Holzkirche aus der Zeit, in der im 10. Jahrhundert das böhmische Herrschergeschlecht der Přemysliden. Erst zwischen 1150 und 1200 entstand aber erst ein physisch nachweisbarer romanischer Steinbau einer Kirche, die dem Erzengel Michael gewidmet war. Wozu sie an diesem sehr zentralen Ort diente, ist noch ein wenig umstritten unter Historikern. Vielleicht war sie eine Kirche für itaienische (venezianische) Kaufleute, vielleicht eine für deutsche (fränkische). Im 13. Jahrhundert begann man mit der Gotisierung der Kirche, unter anderem durch die Hinzufügung von Seitenschiffen. In dieser Zeit besaßen schon die böhmischen Könige das Patronatsrecht und im 14. Jahrhundert unterstand sie Eliška, der Frau von König Johann von Luxemburg. Nach deren Tod 1330 wurde sie Klosterbesitz. Die Mönche ließen die Kirche ab 1364 fast völlig neu bauen, wozu man einen der bedeutendsten Architekten der Zeit, Matthias von Arras, gewann. Leider ist von dieser Bauphase nur noch wenig zu sehen. Die wieder freigelegten Fragmente von feinen gotischen Spitzbögen an der heute barocken Hauptfassade sind das offenkundigste Beispiel dafür (Bild links oberhalb).

Denn das aufregende Leben der Kirche ging weiter. Im Jahre 1400 wurde ein gewisser Jan Hus zum Priester geweiht und predigte häufig in der Kirche. Im Laufe der Zeit übernahm er immer radikalere, vom englischen Reformer John Wyclif inspirierte Thesen zur Erneuerung der Kirche (weniger Verweltlichung und Reichtum). Dass dieser Vorläufer der Lutherschen Reformation hier begann, wissen nur die wenigsten. Die meisten verbinden ihn eher mit der nahegelegenen Bethlehemskapelle (Betlémská kaple) in der Altstadt, über die wir schon hier berichteten. Hier konnte er ab 1402 seine Thesen (die ihm am Ende 1415 den Tod auf dem Scheiterhaufen wegen Ketzerei einbrachten) freier äußern, denn sie war im Gegensatz zur Michaelskirche keine geweihte Kirche, sondern nur ein Predigtraum – nach damaligen Maßstäben sozusagen ein Raum der freien Rede. Trotzdem gebührt der Michaelskirche der Ruhm, eine der Geburtsstätten der Reformation in Böhmen gewesen zu sein.

Die Kirche blieb auch dem Hussitentum treu, wobei es immer wieder zu innerhussitischen Konflikten kam. St. Michael war – wie die meisten Hussitenkirchen der Altstadt – ein Hort der moderaten Kräfte, während unter der Führung von Jan Želivský (dem Organisator des Ersten Fenstersturzes) in der Neustadt die Radikalen dominierten (das erwähnten wir schon hier). 1419 überfielen die Radikalen sogar die Kirche und verwüsteten sie. Die folgenden Hussitenkriege endeten 1435 und die Kirche hielt Kurs – bis 1620. In diesem Jahr siegten die katholischen Habsburger bei der Schlacht am Weißen Berg. Danach verlor Böhmen mehr oder minder seine staatliche Unabhängigkeit und die religiösen Freiheiten, die es zuvor genoss. Es folgte eine Zwangskatholisierung und 1627 wurde die Kirche Teil eines neuen Klosters des Ordens der Serviten (wir erwähnten das bereits hier). Und in der Zeit der Gegenreformation war bei Klöstern üppiger Barock angesagt. Und so verschwanden bei einem neuerlichen Umbau die meisten Reste der gotischen Kirche.

Im Dreissigjährigen Krieg erlitt sie noch einmal nach dem Einmarsch der Sachsen 1631 schweren Schaden, was zu einem noch konsequenteren barocken Umbau in den Jahren 1640 bis 1664 führte. Um 1730 führte noch einmal der Architekt Franz Ignaz Prée Erneuerungen im hochbarocken Stil durch. Dann änderten sich die Zeiten: 1786 wurde das Kloster samt der Kirche im Zuge der Kirchenreformen Kaiser Josephs II. aufgelöst und säkularisiert. 1789 folgte der Verkauf (inklusive der Interieurs) und danach fristete die Kirche ihr Dasein als Lagerraum für Kaufleute. Und das blieb sie auch nach der Verstaatlichung durch die Kommunisten 1948, die sie halt zum kollektivierten Industriewarenlager machte. Bedenkt man, welche wichtige Rolle Hus im Nationalbewusstsein der Tschechen spielte und noch spielt, war es erstaunlich, dass es in der ganzen Zeit kaum Stimmen gab, den Gedenkort museal zu nutzen und zu erhalten – was normalerweise (so etwa bei der Bethlemenskapelle) der Fall war. Immerhin wurde sie 1984 ein ein Depot der Staatsbibliothek umgewandelt.

In dem brach 1990 ein Feuer aus, das Teile der Kirche schwer beschädigte. Danach hatte 1995 erst einmal die Archäologen die Chance, das Gebäude zu studieren, die bei Ausgrabungen, auch im umgebenden alten Kirchhof, etliche interessante Dinge (auch aus der romanischen Zeit) zu Tage förderten, und eine Restaurierung nebst sensibler, möglichst musealer Nutzung eines enorm wichtigen Geschichts- und Kulturdenkmals empfahlen. Die Stadt (unterstützt von der Regierung) ging andere Wege.

Noch im gleichen Jahr verhandelte sie mit einem Finanzinstitut über einen Verkauf als Bankhaus. Bissige Kommentatoren sahen es damals als eine Ironie der Geschichte an, dass das einzige große Deckenfresko, dass aus der Barockzeit erhalten geblieben war, ausgerechnet die um 1740 von dem Maler Johann Wenzel Spitzer geschaffene biblische Szene Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel durch Jesus (Bild rechts) war (Joh. 2:13-16). Der Deal kam aber nicht zustande, und so wurde die Kirche 2004 an einen Investor verkauft, der anscheinend nicht so recht zu wissen schien, was er damit wollte.

2005 fand hier eine Technoparty statt. 2006 eröffnete eine Multimediashow, die aber nach eine Jahr pleite war. Aus einem Plan, eine Museum für böhmisches Kristallglas einzurichten, wurde darob nichts. 2009 gab es eine Einkaufgalerie. 2012 kam ein Club zum Abtanzen (man möchte gar nicht darüber nachdenken, was Jan Hus dazu gesagt hätte), den es bald aber nicht mehr gab und 2013 kursierten sogar Gerüchte, der nun eignende Investor nutze das nur noch Riesenverluste einfahrende Gebäude als Geldwäscheanlage. Die Anteile wurden darob an einen neuen Investor verkauft, der ab 2015 wieder eine Einkaufsgalerie plante. Ach, ich weiß gar nicht, ob ich das ganze Auf und Ab, das immer mal wieder von Protesten von Bürgerinitiativen begleitet wurde, wirklich umfassend korrekt wiedergegeben habe. Immerhin. Seit einiger Zeit wird das Gebäude für eine Ausstellung genutzt und erscheint innen wie außen stabilisiert und gut restauriert bzw. für den neuen Zweck umgebaut zu sein. Man soll ja nicht immer nur meckern! Eigentlich ist das Ganze nun recht gut gelungen.

Seit den späten 1970ern sind ja (die rechtlich meist umstrittenen) Grafitti zur Kunstform erhoben worden. Und tatsächlich kann man den künstlerischen Rang einiger Sprayer kaum bestreiten, etwa im Fall der Urvaters aller Grafittikünster, dem Schweizer Harald Naegeli, dessen Name inzwischen weltbekannt ist. Der Künstler Banksy, wie er sich pseudonymisiert, ist immer noch anonym. Das mag was mit seinen politischen Ansichten zu tun haben, die manchmal etwas wirr links sind. Wie auch immer, man kann nicht bestreiten, das viele seiner Werke, die in der Regel mit Schablonen aufgesprüht und so verbreitet werden, künstlerisch recht originell sind (Beispiel Bild rechts). Jedenfalls sind vor allem die durch die lange Fehlnutzung kargen Wände der Kirche im Kellerbereich atmosphärisch der ideale Ort für die nunmehr fast zwei Jahre laufende (teils multimediale) Ausstellung The World of Banksy.

Und sie hat die Kirche wieder schön zugänglich gemacht, die zuvor einige Jahre geschlossen war. Dabei kann man nicht nur die Kombination von Modernität – etwa die Treppenaufgänge – und alter Architektur bewundern. Man hat auch einige Funde der Ausgrabungen von 1995 öffentlich ausgestellt – vor allen etliche Grabsteine aus dem ehemaligen Kirchhof, in dem Mönche des alten Klosters, aber auch einige Stadthonoratioren begraben worden waren. Man kann nur hoffen, dass sich die sinnvolle Nutzung auch nach dieser Ausstellung weiter fortfsetzen wird. Denn die Leidensgeschichte dieses zu den historisch bedeutendsten Kirchen der Stadt gehörenden Gebäudes sollte allmählich beendet werden. (DD)

Dorfkirche und Glockenturm

Von der Autobahn aus fällt das Ensemble von Glockenturm und Kirche jedesmal auf, wenn man von Prag Richtung Norden fährt. Irgendwann wird man doch zu neugierig. Also befindet man sich irgendwann auf dem schönen Hügelgebiet im Ortsteil Vepřek von Nová Ves u Nelahozevsi im Kreis Mělník rund 25 Kilometer nördlich von Prag. Und man steht wirklich auf altehrwürdigem historischen Boden!

Eigentlich dürfte die Nähe der durchaus vielbefahrenen Autobahn D8 (E55) wegen des Lärms nicht für alle Bewohner als Glücksfall wahrgenommen werden. Für Historiker und Archäologen war es aber ein ebensolcher. Denn erst während des Baus der Autobahn legte man Kulturrelikte frei, die darauf hinwiesen, dass hier auf dem Gebiet des pittoresken kleinen Dörfchens (Bild links) schon in der Steinzeit hier Menschen siedelten. Die Siedlungsgeschichte blieb seither ungebrochen. Auch keltische Funde aus der Bronzezeit (Knovízer Kultur) grub man bei der Gelegenheit in Vepřek aus. Auch nach der Fertigstellung der Autobahn kamen immer wieder Archäologen hierher, um dann – wie etwa in den Jahren 1992 bis 1995 – in Sachen böhmischer Frühgeschichte reich fündig zu werden.

Aber richtig in die Geschichte trat Vepřek erst 1346 ein, also in der Regierungszeit von Karl IV., als Böhmen seinen Aufschwung nahm. Da wurde der Ort erstmals in einem Register schriftlich erwähnt. Und nur unwesentlich später, im Jahre 1352, erbaute man hier die Kirche Mariä Geburt (Kostel Narození Panny Marie), unter der Schutzherrschaft (Patrozinium) der Gottesmutter geweiht wurde. Zieht man vor seinem geistigen Auge alle moderneren Gebäude aus dem Ortsbild von Vepřek weg, dann muss man zu dem Schluss kommen, dass auch ohne die späteren Anbauten die Kirche recht stattlich und groß war für eine so kleine Gemeinde. Ursprünglich handelte es sich nur um einen fast quadratischen Bau, der etwa den mittleren Teil des heutigen Gebäudes (Bild rechts) ausmachte.

Primär diente die Kirche natürlich als örtliche Pfarrkirche für die anscheindend ebenfalls im Jahr 1352 ins Leben gerufene Pfarrgemeinde.

Aber es gab offentsichtlich noch einen „Nebenzweck“ für das Gebäude. Besonders auffallend sind nämlich bei dem ursprünglichen Bauteil die weit oben liegenden Fenster und die dicken Mauern mit ihren Stützstreben. Das sieht recht solide aus und sollte es wohl auch sein. Obwohl unter Karls Herrschaft in Böhmen recht große Rechtssicherheit herrschte, war man in diesen Zeiten trotzdem nie sicher vor Überfällen. Die Kirche wurde wohl möglicherweise als eine sogenannte Wehrkirche konzipiert, in der die Anwohner bei Gefahr Zuflucht suchten und sich verteidigen konnten – bis die Eindringlinge die Geduld verloren und abzogen oder Hilfe von außen kam. Diese Art von Kirchen nahm vor allem im 14. Jahrhundert erstmals einen größeren Aufschwung und verbreitet sich zunächst hauptsächlich in Süddeutschland und Böhmen.

In dieser Form blieb die Kirche bis zum 17. Jahrhundert bestehen. Der Dreissigjährige Krieg hinterließ auch in Vepřek seine Spuren. Nach der Niederlage Böhmens gegen die Habsburger in der Schlacht am Weißen Berg (1620) hatte die Kirche lange Zeit keinen eigenen Pfarrer, sondern wurde von einer anderen Gemeinde „mitbedient“. Ein eigener Pfarrer wurde erst 1737 hier wieder eingesetzt.

Das heißt aber nicht, dass sich in Sachen Erneuerung der Kirche sich in dieser Zeit nichts tat. In den Jahren 1684 bis 1697 wurde die Kirche grundlegend im Stil des Barock umgebaut und verändert. Das Schiff wurde durch eine Apsis und einen Vorbau deutlich verlängert. Die ursprünglich hochgotischen Fenster des alten Gebäudeteils wurden recht originell barockisiert, wie man im Bild rechts sehen kann. Die Kirche erhielt in dieser Zeit im wesentlichen damit die äußere Form, die sie auch heute noch hat.

Trotzdem gab es in der Folge immer wieder kleinere Erneuerungen. 1752 wurden vor allem im Innenraum weitere Barockisierungen vorgenommen. Kleinere Umbauten und Reparaturen gab es in den Jahren 1892, 1902 und 1907, die sich aber nicht übermäßig signifikant auf das Außenbild auswirkten. In den Zeiten des Kommunismus litt die Kirche, wie in dieser traurigen Epoche üblich, ein wenig an Vernachlässigung und auch heute denkt man, ein paar Eimer Farbe könnten gut tun. Aber insgesamt steht es um die Kirche, die von einem hübschen alten Kirchhof mit alten Gräbern umgeben ist, gut. Und irgendwann wurde oben auch ein kleiner Turm, Dachreiter genannt, angebracht, denn die Kirche hat keinen eigenen und integrierten Kirchturm.

Den brauchte sie auch eigentlich nicht. Denn die „Skyline“ von Vepřek prägt nicht nur die Kirche Mariäa Geburt, sondern vor allem der separate Glockenturm (zvonice), der die eigentliche Sehenswürdigkeit des Ortes ist (siehe auch großes Bild oben). Diese Art von freistehendem Campanile ist typisch für die Region nördlich von Prag um Slaný und Mělník, und der von Vepřek gehört zu den schönsten Exemplaren im regionstypischen Stil. Erbaut wurde er im Jahre 1456. Damals gehörte das Dorf dem Domkapitel des Prager Veitsdoms. Durch den Bau des Turmes wurde die Kirche, die sich nur wenige dutzend Meter entfernt befindet, in die Lage versetzt, die Menschen der Umgebung mit hinreichender Phonstärke auf anstehende Gottesdienste aufmerksam zu machen. Im 15. und 16. Jahrhundert war der Glockenturm mit zwei Glocken ausgestattet, mittlerweile sind es deren sogar drei.

Der Turm ist schon seit 1958 als geschütztes Denkmal registriert. Seit der letzten gründlichen Renovierung im Jahr 2002 sieht er blitzblank aus und ist in bestem Zustand. Eine Infotafel vor dem (für Besucher geschlossenen) Eingang des Glockenturms liefert Informationen über die Konstruktion und Geschichte des Turms und über die dazugehörige Kirche. Bei dem Glockenturm handelt es sich um ein gestuftes Gebäude mit quadratischem Grundriss. Nur das Erdgeschoss ist aus Stein gebaut und weiß verputzt. Ein fein verarbeitetes Gesims schließt diesen Teil oben ab. Der Überbau und das Walmdach sind aus Holz konstruiert. Die Dachkonstruktionen sind hübsch mit Holzschindeln bedeckt. Ein kleines vergoldetes Metallkreuz schließt den Turm oben auf dem Dach ab. Das Ganze steht in einer kleinen und wohl gepflegten Grünanlage, von der aus man hinunter auf die schöne umgebende Landschaft blicken kann.

Um diese Landschaft in ihrer Schönheit (trotz der Autobahn in der Nähe) zu bewundern, eignet sich Vepřek übrigens ausgezeichnet als Ausgangspunkt eines kleinen Wanderausfluges entlang der Moldau, die hier ruhig ihrem Zusammenfluss mit der Elbe entgegen strömt. (DD).

Verfall: Kein Licht am Ende des Tunnels

Bei dem Anblick schießen einem die Tränen in die Augen. Schloss Hořín (Zámek Hořín), gelegen nahe dem Zusammenfluss von Moldau und Elbe und rund 30 Kilometer nördlich von Prag entfernt, bietet ein Bild des Verfalls und Elends. Das einstige Prachtschloss des bedeutenden Adelsgeschlechts Lobkowicz ist durch Vernachlässigung und Fluten in einen Zustand geraten, den man wohl als hoffnungslos bezeichnen muss.

Beginnen wir, wie es ich gehört, am Anfang: Im Jahre 1696 ließ Hermann Jakob Czernin von Chudenitz durch den Architekten Giovanni Battista Alliprandi (wir erwähnten ihn bereits u.a. hier) in dem kleinen, 1319 erstmals als königliches Landgut erwähnten Ort Hořín ein großes barockes Jagdschloss bauen. Folgende Generationen bauten das Schloss stetig weiter aus. Franz Joseph Czernin von Chudenitz ließ dann in den Jahren 1713 bis 1720 das kleine Jagdschloss durch den Architekten Franz Maximilian Kaňka (uns u.a. hierdurch bekannt) in ein richtiges großes Prunk-Schloss verwandeln – zweistöckig mit großen Mansardendächern und drei Flügeln, an deren Bau noch der bekannte Barockarchitekt Filip Spannbrucker mitwirkte.

Zahlreiche Wirtschaftsgebäude wurden hinzugefügt und dazu noch ein großer Landschaftspark angelegt. 1744 ergänzte der Architekt Anselmo Lurago (der auch am Prager Stadtpalast, dem heutigen Außenminsterium, der Czernins mitgebaut hatte) das Schloss um eine stattliche Schlosskapelle. An der künstlerischen Ausstattung wirkten einige der großen „Kunststars“ des damaligen Böhmens mit, wie etwa der königliche Hofbildhauer Ignaz Franz Platzer (siehe auch früheren Beitrag hier) oder der Freskenmaler Johann Peter Molitor. Man sparte an nichts. Schloss Hořín gehörte nunmehr zweifellos zu den größten Schlössern im Umkreis von Prag.

Im Jahre 1753 heiratete eine Sprössin der Familie Czernin, Maria Ludmilla Czernin von und zu Chudenitz, keinen Geringeren als August Anton Joseph, Fürst von Lobkowicz. Damals wie heute gehörte das Geschlecht derer von Lobkowicz zu den wohlhabendsten und bedeutendsten Familien des Landes. Alleine in Prag nannten bzw. nennen sie zwei Paläste ihr eigen, über die wir hier und hier berichteten) und darüber hinaus gibt es unzählige andere in ganz Böhmen/Tschechien (Beispiel hier). Wenn man in solch eine Familie hineinheiratet, dann genügt als Mitgift keine Schachtel Pralinen. Das musste ein wenig mehr sein. Und so ging Schloss Hořín in den Besitz der Familie Lobkowicz über. Egal, wie teuer der Unterhalt eines solchen Schlosses auch sein mochte, die Zukunft des Gebäudes war gesichert. Bis zum Jahr 1939. Da verwandelten die Nazis das Land in das versklavte Reichsprotektorat Böhmen und Mähren. Die der Demokratie und der Ersten Republik treu ergebenen Lobkowiczs wurden enteignet. Als diese Episode zu Ende war, wurde der Besitz, der 1945 kurzfristig rückerstattet worden war, gleich 1948 durch die gerade an die Macht gekommenen Kommunisten abermals enteignet. Die Familie floh ins Exil. Die neuen Machthaber nutzten einen Teil von Schloss Hořín als Landwirtschaftsschule. Den Rest überließ man arger Vernachlässigung.

Als 1989 der kommunistische Spuk beendet wurde, bekamen die Lobkowiczs, die mit keiner totalitären Macht kollaboriert hatten, ihre Besitztümer zurück – was sich in vielen Fällen als große Bürde erwies. Schloss Hořín fiel bei der Restitution 1992 an Jan Jiři Lobkowicz, der aus seinem Exil in der Schweiz zurückgekehrt war, wo er ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen war. Er entstammte der Mělníker Linie des Hauses Lobkowicz, weshalb er auch das fast in Sichtweite auf dem anderen Elbeufer liegende Schloss Mělník restituiert bekam. Das war eine günstig gelegene Touristenattraktion, weshalb das Schloss und der dazugehörige Weinberg sich einigermaßen kostentragend restaurieren ließen. Die Anlage ist heute öffentlich zugänglich und in bestem Zustand. Für das etwas abgelegenere Hořín galt das nicht und die erlittenen Schäden waren auch vie größer. Projekte, das Schloss durch Millioneninvestitionen in etwas ökonomisch Sinnvolles zu verwandeln, verliefen früh im Sande.

Dann verwüstete auch noch im Jahr 2002 das große Moldauhochwasser Schloss und Areal. Und zwar gründlich. Was danach einigermaßen notdürftig reparariert wurde, fiel dem nächsten Hochwasser von 2013 zum Opfer. Alles das betraf nicht nur das Schloss selbst, sondern auch die einstmals prächtige Parkanlage und die Wirtschaftsgebäude, etwa die rechts abgebildete Wassermühle an einem der den Park durchfließenden Kanäle, die schon seit langem ohne Dach verfällt. Im Prinzip ist seither fast nichts mehr in Sachen Renovierung getan worden. Das ganze Areal ist gesperrt und für Besucher unzugänglich. Immer wieder versucht der Stadtrat den Besitzer dazu bewegen, Pläne für den Wiederaufbau vorzulegen – eine Bitte, die er aber bisher nicht nachgekommen ist. Nur wenn an den Grundstücksgrenzen durch eventuelle Einsturzrisiken der öffentliche Raum und Passanten gefährdet sind, kommt es zu Reparaturen, um die Gefahren abzuwenden. Ansonsten verfällt das Schloss zusehends. Und es scheint kein Licht am Ende des Tunnels. Man ist leicht deprimiert, wenn man durch den Zaun auf die Anlage guckt. Im April 2022 gab es Berichte, dass das Schloss verkauft werden solle. Ob dabei am Ende etwas herauskommt?

Einem zum Schlosskomplex gehörenden Bauwerk könnte es möglicherweise bald besser ergehen. Etwas außerhalb des Grundstück und heute mit dem örtlichen Friedhof verbunden, befindet sich nahe des Schlosses das große Mausoleum der Lobkowicz-Familie, genauer gesagt: die Friedhofskapelle des gesegneten Namens Jesu (hřbitovní kaple Nejsvětějšího jména Ježíšova), wo 23 Mitglieder der Familie Lobkowicz ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Die oktogonale Kapelle wurde irgendwann zwischen 1826 und 1849 von dem Wiener Architekten Hans Gasser erbaut. Der Stil ist neobarock und passt daher zum Baustil des – natürlich echt barocken – Schlosses. 1897 wurden hier einige MItglieder der Familie Lobkowicz, die vor dem Bau des Mausoleums verstorben waren, in einer großen Zeremonie, die vom Prager Erzbischof geleitet wurde, hierhin umgebettet.

Zu diesem Zeitpunkt war die Kapelle gerade (Bauzeit 1895-97) durch den berühmten Architekten Josef Schulz um eine halbkreisförmige Grablege ergänzt worden, wo sich nun die meisten der neueren Gräber befinden. Schulz galt als einer der Großmeister des Neobarock und hatte u.a. in Prag das Nationalmuseum (früherer Beitrag hier) und das Kunstgewerbemuseum (hier) gebaut – auch das ein Beleg für den Status der Familie Lobkowicz. Auch die Kapelle wurde bei den Hochwasser 2002 und 2013 schwer beschädigt und die Statik geriet in Gefahr. Vom Friedhof kann man die Anlage nicht mehr betreten. Sie ist abgesperrt. Allerdings dienen die Absperrungen seit 2018 dem Schutz der Baustelle, denn hier wird tatsächlich zur Zeit an der Restauration des Gebäudes gearbeitet. Das ist immerhin ein hoffnungsvolles Zeichen. Aber wann der Wunsch in Erfüllung geht, dass sich auch für das Schloss eine solche Perspektive eröffnet, das steht in den Sternen. (DD)