Schloss mit Mordgeschichte

In den Außenbezirken Prag gibt es eine schier unendliche Zahl von kleinen Burg- und Schlossanlagen. Sie liegen fast samt und sonders außerhalb der großen Touristenströme, die meist nur den Hradčany (Burgbezirk) oberhalb der Kleinseite erreichen. Für die Einheimischen sind sie aber beliebte Ausflugsziele – allen voran Schloss Chvaly (Chvalský zámek) im heutigen Stadtteil Horní Počernice (Prag 20)

Eigentlich handelt es sich sogar um einen alten und sehr pittoresken Ortskern, dessen Zentrum die Burg bildet. Der Ort Chvaly existiert wohl schon seit dem 11. Jahrhundert. Eine Urkunde aus der Zeit des böhmischen Herzogs Soběslav I. weist es 1130 als Kirchenbesitz des Kapitels Vyšehrad aus. Die Burg gibt es aber erst seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, was man ersten schriftlichen Erwähnungen in Chroniken von 1428 entnehmen konnte. Die Burg gehörte nacheinander verschiedenen adligen Bürgern Prags. Vom Unglück verfolgt war Ritter Jiří Vtelenský z Vtelno, der Burg und Gut 1615 erwarb, weil er sich an dem Ständeaustand 1618 beteiligt hatte, der sich gegen die absolutistischen Bestrebungen und die Abschaffung religiöser Toleranz durch die Habsburger wendete. Nach der Niederlage des Aufstands 1620 wurde sein Besitz konfisziert.

Einige Eigentümerwechsel weiter, im Jahre 1652, fiel der Besitz in die Hände der Jesuiten, die wiederum nach einem Brand die im Kern noch recht finster mittelalterliche Burg in ein modernes Barockschloss umwandelten – so wie wir es im Großen und Ganzen heute noch sehen können. Zudem bauten sie als integralen Bestandteil des Schlosses eine Kapelle an, die der Heiligen Anna gewidmet war. Der Jesuitenorden wurde 1773 von Papst Clemens XIV. aufgelöst und so kam das Schloss in den Besitz eines gemeinnützigen Studienfonds, der hier bis 1848 residierte. In dieser Zeit (genauer: 1793/94) wurde die Kapelle umgebaut und vergrößert. Sie diente nun unter dem Namen Kirche der Heiligen Ludmilla als reine Gemeindekirche und gehört heute der Katholischen Kirchengemeinde des Ortes. 1825 wurde sie nochmals im neoromanischen Stil umgebaut, der heute ihren äußeren Eindruck prägt.

Was das Schloss anging, so gab es abermals eine Folge von Besitzerwechseln, die dem Gebäude nicht gut bekamen. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde gar der südliche Flügel des Schlosses abgerissen. Die Substanz war in Gefahr. 1918 wurde deshalb das Schloss samt unmittelbarer Umgebung in Staatseigentum der neu gegründeten Tschechoslowakei überführt und vermietet. Der Verfall wurde dadurch allenfalls verlangsamt. Aber auch das endete 1951 mit dem Kommunismus. Das Ganze wurde nun in enen landwirtschaftlichen Staatsbetrieb überführt, was am Ende zur völligen Verwahrlosung und Zweckentfremdung führte. Gottlob verschwand der Kommunismus 1989 und man konnte sich endlich richtige Gedanken über eine angemessene Nutzung machen.

Seit 1993 befindet sich das Schloss nunmehr im Besitz der Stadt Prag bzw. seit einiger Zeit im Besitz des Stadtteils Horní Počernice. Nun plante man, das Schloss zu renovieren und einem Zwecks zuzführen, der seinem kulturellen und historischen Rang entsprach. Bis 2008 dauerten die Arbeiten, die zum Teil aus EU-Mittel finanziert wurden. Sie bezoegn die ganze Umgebung mit ein, denn das ummauerte Areal umfasst noch etliche barocke Wirtschaftsgebäude des Schlosses und einen um eine große Dorfplatzanlage gelegenen Ortskern mit alter Bausubstanz. Die Entwickler sahen hier das Potential für ein großes gehobenen Freizeit- und Kulturzentrum.

In einem der Wirtschaftsgebäude (kleines Bild links) befindet sich jetzt eine Kunstgalerie mit interessanten Wechsel-Ausstellungen. Auf dem Platz gibt es moderne Skulpturen, aber auch einen Kinderspielplatz. Mehrere Restaurants in historischen Gebäuden säumen den Dorfplatz. Alles ist in blitzblankem Zustand. Alles ist herrlich für Familienausflüge geeignet.

Das gilt auch für das Schloss selbst. Das enthält neben dem barocken Hochzeitssaal auch ein kleines Museum, das spielrisch und didaktisch stark auf Kinder als Publikum ausgerichtet ist, was aber keinesfalls Erwachsene abschrecken sollte. Dort kann man auch noch ein wenig zur Baugeschichte sehehn. Im ersten Augenblick denkt man im Keller, hier hätte sich damals ein Kerker befunden. Richtig düster, kalt und eng sieht es in dem finsteren Verließ aus. Stimmt aber nicht. Im Schloss gab es nie ein Gefängnis und in Wirklichkeit handelt es sich um eine Kühlkammer, wo man (der Kühlschrank war ja noch nicht erfunden) in der frühen Neuzeit im Winter gesammeltes Eis über den Sommer aufbewahren konnte.

Aber eigentlich geht es im Museum um Ortsgeschichte und um große Persönlichkkeiten, die Chvaly hervorgebracht hat. Dazu gehört unter anderem die Malerin und Graphikerin Ludmila Jiřincová. Den Tschechen noch bekannte dürfte der Trickfilmzeichner Zdeněk Smetana sein, der mit dazu beitrug, dass Tschechien in diesem Genre qualitativ so führend wurde. Dabei lernt man auch, das Smetana in den frühen 1960er Jahren Folgen der amerikanischen Kultserie Tom and Jerry in Prag gezeichnet hatte. Wer weiß heute noch, dass die amerikanischen Kapitalisten die Produktion ihren Serie aus Geldgründen outsourcten und die tschechoslowakischen Kommunisten – auch aus Geldgründen – diesen Job gerne übernahmen? Man lernt nie aus…. Im Museum von Schloss Chvaly kann man in einem kleinen Kino aber einen ur-tschechischen Trickfilm mit den von ihm geschaffenen Kobolden Křemílek und Vochomůrka (dt.: Fliegenpilz und Kasimir) bewundern.

Auch die Lokalgeschichte des Schlosses bietet Interessantes, wenn nicht gar Dramatisches, das didaktisch hübsch durch Comics-Wandtafeln präsentiert wird. Hier sieht man eine gruselige Mordgeschichte, die sich nach der oben erwähnten Enteignung des Ritter Jiří Vtelensk wegen seiner Beteiligung am Ständeaufstand 1618 abspielte. Einer der Justizräte, die die Prozesse gegen die Aufständischen leiteten, war ein gewisser Jan Daniel Kapr z Kaprštejn, der sich wie viele der Parteigänger der Habsburger hemmungslos am Besitz der Besiegten bereicherte. 1622 war er – nicht überraschend! – auf einmal zum Eigner von Schloss Chvaly geworden.

Lange konnte er die Früchte seiner Gier aber nicht genießen. Er behandelte seine Frau Anna, die ihn gegen ihren Willen heiraten musste, wohl recht schlecht. Zusammen mit ihrem eigentlichen Geliebten, dem Ritter Adam Zapský ze Zap, lauerte sie im November 1625 in einem nahegelegenen Wald dem bösen Ehemann auf, dessen Leben nun durch eine Kugel beendet wurde. Anna und Adam konnten ihr Liebesglück aber nicht lange genießen. Sie wurden schnell gefasst und zum Tode verurteilt. 1626 enthauptete der Scharfrichter Jan Mydlář , der schon 1621 die Hauptaufständischen hingerichtet hatte (wir berichteten hier), die beiden – erst sie, dann ihn. Diese schauerliche Geschichte (die eigentlich verfilmt werden könnte) wollte ich an dieser Stelle niemandem vorenthalten…

Ja, auch außerhalb des Zentrums kann Prag spannend sein. Ein Besuch von Schloss Chvaly bietet jedenfalls alles, was man sich für einen kleinen Wochenendausflug in der Umgebung Prags nur so wünschen kann, vor allem spannende Geschichten. (DD).

Rittersitz, renovierungsbedürftig

Über das nördlich und nahe Prags gelegene Dorf Chlumín und seine Barockkirche hatten wir im letzten Beitrag berichtet. Aber der Ort, der eigentlich ein Ausflugsort für die Prager sein könnte, wirkt wirtschaftlich recht abgehängt. So bleiben seine Sehenswürdigkeiten (die wirklich sehenswürdig sind) weitgehend unbeachtet. Das gilt nicht nur für die Kirche, sondern auch für das in der Nähe befindliche Schloss Chlumín (zámek Chlumín). Wie die Kirche befindet es sich ebenfalls in einem recht bemitleidenswerten Zustand.

Das wurde schon 1310 erstmals als kleine Burg im gotischen Stil erwähnt und gehörte damals einer Prager Patrizierfamilie namens Velflovic. Noch im selben Jahrhundert begann eine Reihe von Besitzerwechseln – inklusive einer kurzen Besetzung durch Hussiten um 1421. Die sehr fruchtbare Gegend ließ das Anwesen für Grundbesitzer recht attraktiv erscheinen. Große Neuerungen brachte aber erst die Übernahme durch den Ritter Jetřich Kyšperští z Vřesovic, einem Sohn von Jakub Kyšperský z Vřesovic, der als tapferer Kämpfer gegen die Türken 1526 in der Schlacht bei Mohács fiel und es spätestens dadurch zur Berühmtheit gebracht hatte. Der Ritter verwandelte die mittelalterliche Burg in ein Schloss im Stil der Renaissance. Es folgten weitere Besitzerwechsel bis es dann zwischen den Jahren 1675 und 1726 der Familie der Freiherren Údrčtí z Údrče, die das Schloss um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert im Barockstil neu umgestaltete. Und diese neue Form hat es bis heute im Kern beibehalten.

Eine neue Blüte entstand als 1726 Anna Maria Franziska Großherzogin von Toskana von der Toskana das Schloß, Dorf und Umgebung kaufte. Die anderen Sehenswürdigkeit Chlumíns – Kirche, Dorfplatz, Mariensäule – umrahmten Dank ihre Bautätigkeit nun das Schloß und es sah so aus, als ob sie in Chlumín den Wettbewerb Unser Dorf soll schöner werden gewinnen wollte – nur, dass es den damals noch nicht gab. Es muss halt noch ein wenig aufpoliert und renoviert werden, aber das Ensemble, das sie hinterließ, ist eigentlich sensationell. Die Großherzogin hatte keine direkten Erben und irgendwann wechselte das Schloss wieder den Besitzer. Ihr Wappen prangt jedoch weiterhin auf der Barockfassade des Gebäudes (Bild unterhalb links).

Die neuen Eigentümer, die Grafenfamilie von Chotek wollten das Schloss nicht mehr als Schloss nutzen, sondern richteten hier eine Schule und ein Pfarramt für die Kirche nebenan ein. Ein Feuer richtete 1859 großen Schaden an, der aber zügig wieder behoben wurde. Nach 1945 wurde das Ganze verstaatlicht und es wurde hier ein staatlicher Muster-Landwirtschaftsbetrieb aufgebaut. Das hörte in den 1980er Jahren auf, als man das Schloss renovierte. Seither wurde aber wenig zu seinem Erhalt getan. Genutzt wird es heute als für die Öffentlichkeit nicht zugänglicher Aufbewahrungsort für nicht ausgestellte Sammlungsobjekte des Kunstgewerbemuseums (wir berichteten über das Museum hier) in Prag.

Das erhält irgendwie mehr schlecht als recht das eigentliche Schloss, obwohl auch hier der Putz von den Fassaden bröckelt. Das eigentliche Opfer sind die ebenfalls historisch wertvollen Wirtschaftsgebäude. Schloss Chlumín wird gerade durch diese Gebäude zu dem, was es in archetypischer Weise repräsentiert: das klassische Rittergut. Und so gleicht die unmittelbare Umgebung, die schon mit improvisierten Zäunen gesichert wird, einer wahren Ruinenlandschaft. Man könnte heulen. Hoffentlich finden sich bald die Mittel, um Chlumín und sein Schloss wieder so schön auferstehen zu lassen, wie es in den Zeiten der Großherzogin war. (DD)

Prachtkirche, renovierungsbedürftig

Man darf sich vom modernen Glanz Prags nicht blenden lassen. In Tschechien gibt es Orte, denen man die soziale und und ökonomische Verwüstung als späte und andauernde Folge des Kommunismus noch ansieht. Dabei hatten viele von ihnen dereinst bessere Zeiten gesehen. So etwa der kleine Ort Chlumín, der nur rund 30 Kilometer von Prag darauf wartet, wie Dornröschen wieder wachgeküsst zu werden.

Nichts symbolisiert die frühere Pracht dabei so sehr wie die mitten auf dem Dorfplatz stehende Kirche der Heiligen Maria Magdalena (kostel sv. Maří Magdalény), die den Ort geradezu monumental optisch dominiert. Erst, wenn man sich nähert, sieht man, in welch herzzereißend deplorablen Zustand sich das Gebäude leider befindet. Doch beginnen wir am Anfang der Geschichte. Der Ort Chlumín wird erstmals 1336 schriftlich erwähnt und schon für 1362 ist auch die Kirche dokumentiert, die im damals modernen gotischen Stil erbaut worden war. Die fiel den Hussitenkriegen teilweise und dem Dreißigjährigen Krieg vollständig zum Opfer und musste danach lange warten, um wieder aufzuerstehen.

Im Jahre 1732 ließ die getrennt von ihrem (am weiblichen Geschlecht desinteressierten) italienischen Ehemann nunmehr in Böhmen lebende Prinzessin Anna Maria Franziska Großherzogin von der Toskana an der ursprünglichen Stelle eine neue große Barockkirche erbauen. Sie hatte offenbar eine so große Abneigung gegen ihren fernen Mann, dass sie über dem Eingang nicht das (wesentlich höherrangige) Wappen des Großherzogtums Toskana, sondern das Wappen ihres Geburtsgeschlechts, der Herzogenfamilie von Sachsen Lauenburg in Stein meißeln ließ.

Wie gesagt, die fromme Großherzogin ließ sich nicht lumpen und so entstand hier in Chlumín, wo sie die große Landbesitzerin war, ein einschiffiges Kirchengebäude mit großem Turm an der Westfassade, das zu den größten der Region nördlich von Prag gehört. Die Kirche wurde zugleich die Dekanatskirche für 19 umliegende Gemeinden. Die Kirche wirkt durch die sie umgebende, noch erhaltene Kirchhofsmauer noch bambastischer. Der Friedhof wurde allerdings 1830 aufgelöst.

Nur ab und an öffnet die katholische Kirche heute für Messen und Veranstaltungen. Draußen bröselt der Putz. Eine durch Spenden und EU-Mittel finanzierte Renovierung repararierte 2018/19 nur das Dach und die Turmfassade. Immerhin hat die Dachreparatur größere Schäden im Inneren abgewendet. Aber natürlich sieht man auch innen überall bröckelnden Stuck und tiefe Risse in den Mauern. Über das vermeldet die Homepage der Gemeinde, dass es seit 1989 bereits zu zehn Einbrüchen und Plünderungen gekommen sei: „Jetzt gibt es nichts mehr zu stehlen.“ Man kann das positiv wenden, weil durch den Mangel an Ornamentik die schönen geschwungenen Barockformen des Innenraums – insbesondere der Empore – jetzt voll zum Tragen kommen.

Und immerhin sind ja auch einige schlecht oder gar nicht stehlbare Attraktionen von künsterischem Wert erhalten geblieben. Dazu gehört das Deckengemälde der Zentralkuppel, das den Himmel voller Engelserscheinungen zeigt. Welcher Maler dieses grandiose und raumerweiternde Bild gemalt hat, ließ sich nicht feststellen, aber sicher ist, dass sich die reiche Großherzogin einen damals profilierten Vertreter des Faches leisten konnte. Trotz der absichtlichen Vernachlässigung der Kirche in den Zeiten des Kommunismus hat das Gemälde noch viel von seiner Farbfrische beibehalten.

Weiterhin dem Barock verpflichtet sind der große Altar, über dem sich wiederum das sächsisch-lauenburgische Wappen der Stifterin befindet, (kleines Bild links) und eine Kanzel, auf der eine große Engelsgestalt thront (rechts). Engel schienen das künstlerische Hauptmotiv bei der Innengestaltung der Kirche gewesen zu sein.

Von der ursprünglichen Kirche des Mittelalters und der frühen Neuzeit ist nur ist kaum noch etwas zu sehen. Tatsächlich ist nur ein Relikt noch augenfällig, und zwar die Grabplatte eines bärtigen Mannes in Ritterrüstung. Sie stammt aus dem Jahre 1599 – augenscheinlich ein Angehöriger des lokalen Adels der Zeit. Ein anderes wertvolles Relikt aus dem Mittelalter, ein prachtvolles Tryptichon aus der Zeit Karls IV. (der in der Kirche geschenkt hatte) mit Darstellungen aus dem Leben der Jungfrau Maria befindet sich seit längerem in der Galerie von Burg Křivoklát (wir berichten hier), was man in Chlumín bedauern wird, aber möglichwerweise den Diebstahl des Kunstwerkes verhinderte.

Man wünscht der Kirche, dass in nächster Zeit genügend Geld zusammenkommt, um die sie durchgängig zu renovieren. Sie könnte sich selbst (und damit Chlumín) zu einem Magneten für Prager Ausflügler entwickeln, die Naherholung in der Umgebung suchen. Aber es dauert lange, bis die Folgen der von den Kommunisten gewollten Herunterwirtschaftung in den Jahren 1948 bis 1989 wirklich beseitigt sind. Gegen die hat man sich hier durchaus gewehrt. Der für seinen Kampf gegen Kommunismus und für demokratische Verhältnisse bekannte Prager Erzbischof und Kardinal František Tomášek ließ es sich 1970 – zwei Jahre nach der Niederschlagung des Prager Frühlings – nicht nehmen, in der seit Jahren kaum mehr genutzten Kirche eine Heilige Kommunion abzuhalten. Sie wurde zur stillen Demonstration gegen die Machthaber, während über Hauptaltar und Turm die tschechoslowakische Fahne wehte. Es war ein Ereignis, dass die Gemeinde wohl bis heute mit einem gewissen Stolz erfüllt. (DD)

Die Klosterkapelle der Fürstäbtissin

Sie ist ein Schmuckstück des Barock, die Kapelle der Heiligen Anna (Kaple sv. Anny) in der Ortschaft Ort Panenské Břežany (dt: Jungfernbreschan) ganz im Norden Prags. Sie steht im Park des Oberen Schlosses des Ortes über das wir im letzten Beitrag berichteten. Ursprünglich war der ganze Komplex ein Kloster, genauer gesagt, eine „Nebenstelle“ des Benediktinerinnenklosters rund um die Basilika des Heiligen Georgs (Bazilika sv. Jiří) in der Prager Burg. Dessen Fürstäbtissin Franziska Helena Pieroni de Galliano Pieroni beauftragte 1705 einen der kommenden Stars der Barock-Architektenszene Böhmens, Johann Blasius Santini-Aichl, mit dem Bau der Kirche, der 1707 vollendet wurde.

Santini-Aichel legte sich mächtig ins Zeug. Vielleicht ein wenig inspiriert von der von Francesco Borromini erbauten Kirche Sant’Ivo alla Sapienza in Rom, die er während einer Studienreise in Italien kennengelernt hatte, schuf der Architekt in Bauwerk, das die dramatische räumliche Inszenierung, die für den böhmischen Barock so typisch werden sollte, auf die Spitze trieb. Von außen gibt sich die Kapelle als regelmäßiges Dreieck mit barock geschwungenen Seiten (ein Eindruck, der durch den späteren Anbau einer kleinen Sakristei etwas beeinträchtig wurde). Das Schiff wirkt innen jedoch radial in drei Richtungen verlängert. Die außen sechseckige Zentralkuppel (Tambour) erscheint innen kreisförmig. Das Gebäude ist voller optischer Spielereien.

Der Grund für den dreieckigen Grundriss liegt darin, dass die Kapelle der Heiligen Anna (der Mutter Marias) geweiht ist. Ikonographisch wird die Großmutter Jesus‘ meist mit Tochter und Enkel dargestellt, eine Kombination, die man gemeinhin Anna selbdritt nennt. Deshalb die zentrale Rolle der Zahl Drei. Und die Heilige Anna begegnet uns im Inneren gleich mit voller Wucht. Ihr Abbild ist das Zentrum des geradezu umwerfenden Hauptaltars, für dessen Entwurf und Ausführung sich die Fürstäbtissin auch einen damals hochprominenten Bildhauer leistete, nämlich Mathias Wenzel Jäckel, der uns u.a. schon hier begegnet ist. Das Portrait der Heiligen wird von zwei Engelsskulpturen getragen. An den Seiten stehen die beiden böhmischen Schutzheiligen Wenzel und Veit.

Daneben kann man eine kleine barocke Orgel und die beiden in Nebennischen befindlichen Seitenaltäre bewundern, die aber erst 1891 vom Maler Josef Mathauser geschaffen wurden und jeweils Gemälde des Heiligen Nepomuk (auch ein böhmischer Schutzpatron) und des Heiligen Isidor zeigen.

Die Kapelle ist nur im Zuge einer Führung zu besichtigen, die man sich aber nicht entgehen lassen sollte. Die Führung findet zwar in Tschechisch statt, aber es werden für Besucher, die der Sprache nicht kundig sind, gut gemachteAudio-Guides zur Verfügung gestellt. (DD)

Heydrichs und Franks Beuteschlösser

Die führenden Nazis nutzten ihre Verbrechen gerne zur Etablierung eines luxuriösen Lebenstils für sich selbst – einen, den sie mit redlichem Tun wohl kaum erreicht hätten. Einer von ihnen war Reinhard Heydrich, der am 4. Juni 1942 – heute vor 78 Jahren – den Folgen eines Attentats tschechoslowakischer Widerstandskämpfer erlag. Und nicht nur er. Reichsprotektor Karl-Hermann Frank, der nach dem Attentat das Land mit einer Mordwelle überzog, ließ es sich generell recht gut gehen.

Wer sich davon überzeugen will, der besichtige den kleinen Ort Panenské Břežany (damals auf Deutsch: Jungfernbreschan) im Norden Prags. Die beiden Nazi-Größen leisten sich hier je ein Schloss als Residenz – mit großem Landgut, das man sich von KZ-Insassen bewirtschaften ließ.

Die beiden kleinen Paläste des Ortes, das sind das Obere und das untere Schloss. Das Obere Schloss ist das wohl interessantere der beiden. Anscheinden hatte es hier schom im 13. Jahrhundert eine Burg gegeben, die 1441 noch einmal ausgebaut wurde. Von dieser Burg ist nichts mehr übrig geblieben. Denn in den Jahren 1705 bis 1707 wurde auf dieser Stelle der heute zu sehende Barockbau durch den Architekten Philipp Spannbrucker. Auftraggeberin war Franziska Helena Pieroni de Galliano Pieroni (die begabteTochter des berühmten Mathematikers Giovanni de Galliano Pieroni). Die war nicht nur Äbtissin eines Benediktinerinnenklosters, sondern die des böhmischen Benediktinerinnenklosters schlechthin – dem auf der Prager Burg rund um die Basilika des Heiligen Georgs (Bazilika sv. Jiří), über die wir bereits hier berichteten. Das war eine privilegierte Position mit Fürstenrang – etwas Ungewöhnliches für Frauen in dieser Zeit. Das Schloss in Panenské Břežany war somit die fürstliche Residenz in einem Kloster, das wiederum Außenstelle des Georgsklosters auf der Burg war. Wie es sich für ein Kloster gehört, gab es auch eine Kirche auf dem Grund, die Kapelle der Heiligen Anna (Kaple sv. Anny) – ein barockes Meisterwerk des Architekten Johann Blasius Santini-Aichl, über das wir in einem separaten Beitrag berichten werden.

Als solches überlebte es Ende der 1780er Jahre Kirchenreformen Kaiser Josephs II., die in der Auflösung vieler Klöster in Böhmen kulminierte. Als säkularisierte Gutsanlage verkam es zunächst ein wenig bis 1820 der Landwirtschaftsreformer Matthias Friedrich von Riese-Stallburg den Besitz erwarb. Der verwandelte ihn in eine Art Mustergut und baute ab 1828 unterhalb des alten – nunmehr: oberen – Schlosses ein neues Schloss. Das im klassizistischen Stil erbaute Gebäude wurde 1840 fertiggestellt. Man kann es vom Garten des alten Schlosses aus unterhalb schön sehen. Riese-Stallburgs Nachfahren gerieten in wirtschaftliche Schwierigkeiten und verkauften es 1909 an den Zuckerproduzenten Ferdinand Bloch-Bauer, dessen Ruhm als Unternehmer aber vom Ruhm seiner Frau Adele übertroffen wurde, die als Modell quasi die „Muse“ des berühmten Jugendstilmalers Gustav Klimt wurde und deren Portrait fast schon die Bekanntheit der Mona Lisa hat.

Das Obere Schloss wurde an den international bekannten Möbeldesigner und -fabrikanten Emil Gerstel verkauft. Sowohl Gerstel als auch Bloch-Bauer waren jüdischer Herkunft. Mit dem Einmarsch der Nazis und der Etablierung des Protektorats kam umgehend die Enteignung. Karl-Hermann Frank riss sich das obere, Heydrich später das untere Schloss unter die Nägel. Nach Heydrichs Ermordung durfte seine Witwe das Schloss weiter bewohnen. Nach dem Krieg wurde es in ein Forschungsinstitut für Metallurgie umgewandelt und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 als Privatvilla entstaatlicht. Heute ist das Gebäude nicht für die Öffentlichkeit zu besichtigen.

Zurück zum Oberen Schloss. Karl Hermann Frank wurde 1946 als schwere Kriegsverbrecher hingerichtet. Das Schloss wurde nunmehr in ein Altenheim verwandelt, was es bis zur Jahrtausendwende blieb. Dann begann ein langsamer Verfall, der Sorgen bereiten musste. Der Wunsch nach Restaurierung war groß, aber auch die Ungewissheit, was denn mit dem Gebäude nunmehr gemacht werden solle. Ein wenig Verwirrung entstand als 2011 in der Presse Gerüchte kursierten, Heydrichs Sohn, ein ansonsten politisch unverdächtiger Unternehmer, wolle für eine Renovierung viel Geld bereitstellen. Insbesondere Verbände der Opfer des Nationalsozialismus protestierten und der Sohn dementierte und die Sache verlief im Sande. 2012 beschloss die Kommunalvertretung des Bezirks Prag Ost, das der Ort eine Gedenkstätte mit Museum werden solle.

Und so kann man heute Franks Residenz besichtigen. Vom barocken Originalinterieur ist wegen der späteren Nutzung kaum etwas übrigen geblieben. Die Einrichtung im Stile der Firma Gerstel und einige Kunstwerke aus der Privatsammlung sind jedoch zu bewundern. Vor allem aber steht eine ständige Ausstellung über die Verbrechen der Nazis (insbesondere Heydrichs und Franks), den Widerstand, den sie hervorriefen und die Aburteilung der Verbrecher und Kollaborateure nach dem Krieg. Das Ganze ist didaktisch auf modernstem Stand. Beschriftungen gibt es in Tschechisch und Englisch. Dazu kommen auch deutsche Audioguides. Nicht nur gehaltvolle Infotafeln und viel Multimedia bietet das Museum, sondern auch Originalstücke. Dazu gehört der Ledermantel Franks, der ihn wohl damals so richtig naziverbrecherisch aussehen ließ.

Er wenn man nach dieser konzentrierten Dosis des Bösen wieder hinaus in den kunstvoll gestalteten Parkbereich vor dem Oberen Schloss geht, wird einem bewusst, welch einen doch wunderschönen Ort sich vor langer Zeit die große Fürstäbtissin hier im frühen 18. Jahrhundert eingerichtet hat. Es wäre schöner gewesen, wenn er später nicht in die falschen Hände geraten wäre.

Der geköpfte Bürgermeister

Das Haus zum Schwarzen Kreuz (dům U Černého křížku) in der Martinská 419/5 ist einer jener vielen hübschen Bauten, die die Altstadt zur Altstadt machen, aber auf den ersten Blick meist nicht besonders auffallen. Das Eckhaus steht hier schon seit dem finsteren Mittelalter. Damals trug sich hier, so ist es überliefert, eine Schrecken erregende Begebenheit zu, die dem Haus aber dann doch zu trauriger Berühmtheit verhalf.

Der Historiker Václav Hájek z Libočan erwähnt sie in seiner berühmten Böhmischen Chronik von 1541: Die grausige Geschichte des Georg Schwerhammer. Es war im Jahre 1386. Schwerhammer war just zum Bürgermeister der Altstadt gewählt worden. Eines Tages verließ er der Geschäfte wegen sein Haus. Seine Frau blieb mit der neugeborenen Tochter zuhause und wollte diese baden. Beim Baden war das Kind unruhig, und weil kein Spielzeug zur Hand war, griff die Frau in die Tasche einer in der Nähe hängenden Jacke ihres Mannes. Dort fand sie das Amtsiegel des Bürgermeisters und gab es dem Kind zum Spielen. Nach dem Baden schüttete sie, wie das damals so üblich war, den Zuber aus dem Fenster aus. Sie bemerkte nicht, dass sich das Siegel im Wasser befand und mit aus dem Fenster geschüttet wurde.

Ein vorbeikommender Bürger fand das Siegel auf der Straße und brachte es ins Rathaus zum Ratsvorsitzenden Jakub Wölflin. Der zitierte Schwerhammer zu sich und fragte ihn nach dem Siegel. Ahnungslos wähnte er es bei sich zu Hause und wollte dort suchen. Aber die Ratsherren, die grinsend beobachteten, wie er suchte und suchte, wussten nun leider Bescheid und ordneten nach einer kurzen Weile die sofortige Hinrichtung wegen des sorglosen Umgangs mit heiligen Amtinsignien an. Vor seinem eigenen Haus wurde der Arme enthauptet. Am nächsten Tag wurde an der Stelle der Hinrichtung ein schwarzes Kreuz aufgestellt. Ob diese Geschichte wirklich so stattgefunden hat, ist ungewiss. Im 19. Jahrhundert war sie manchmal Gegenstand von politisierten Geschichtsdebatten, weil Schwerhammer ein deutscher Bürger der Stadt war, und man unterstellte, die schnelle und überzogene Hinrichtung sei ein Werk voreiliger tschechischer Ratsherren gewesen.

Wie dem auch sei: Das Haus, in dem er gewohnt und vor dem er den Tod gefunden haben soll, heißt immer noch nach dem schwarzen Kreuz. Ein gemaltes schwarzes Kreuz befindet sich auch auf der Wand. Schwerhammer soll auf dem im späten 18. Jahrhundert aufgelösten Kirchhof der gegenüber liegenden Kirche Sankt Martin in der Mauer (früherer Beitrag hier) begraben worden sein. Angeblich – ich konnte es bei Gottesdiensten allerdings bisher noch nicht bestätigt sehen – soll er dort ab und an noch mit dem Kopf unter dem Arm herumspuken und die Gläubigen zur mehr Ordentlichkeit im Hause gemahnen. Aber zurück zu dem, was gesichert ist: Das Haus zum Schwarzen Kreuz steht tatsächlich auf gotischen Grundmauern. Allerdings fiel der mittelalterliche Bau, in dem Schwerhammer gelebt haben mag, 1678 einem Feuer zum Opfer. Im Kern ist das heutige Erscheinungsbild daher barock. Barocken Ursprungs ist auch das in eine Kartusche gefasste Hausschild, das die Dreieinigkeit darstellt. Im Innenhof wurden wohl 1846 einige Umbauten im klassizistischen Stil durchgeführt, die man aber von außen nicht sieht. Jedenfalls dürfte Schwerhammers Geist, falls er dort noch spuken sollte, das Gebäude nicht unbedingt wiedererkennen. (DD)

Palais der Verschwörer

Es ist der 22. Mai 1618 – heute vor 403 Jahren. Für den nächsten nächsten Tag ist ein Treffen der böhmischen Stände mit Vertretern von König Ferdinand II. anberaumt. Der steht im Verdacht, die Ständefreiheiten und die verbriefte religiöse Toleranz in Böhmen beiseite schaffen zu wollen. Seine bisherigen Taten lassen diesen Verdacht zur Gewissheit werden. In seinem österreichischen Herrschaftsbereich hatte er den Protestantismus bereits rücksichtslos unterdrückt. Die größtenteils protestantischen Teilnehmer des Treffens sehen an diesem Abend nur eine Lösung: Revolution!

Und so nahmen vom schönen Smiřický Palais (palác Smiřických) an der nördlichen Seite des Kleinseitner Rings (Malostranské náměstí 6/18) die Ereignisse ihren Lauf. Am nächsten Tag, dem 23. Mai 1618, wurden die königlichen Statthalter Jaroslaw Borsita Graf von Martinitz, Wilhelm Slavata von Chlum und Koschumberg und der Kanzleisekretär Philipp Fabricius von den revolutionären Ständevertretern aus einem Fenster der Burg hinausgeworfen. Es war der Zweite Prager Fenstersturz (wir berichteten hier) mit dem der Böhmische Aufstand und damit der Dreissigjährige Krieg begannen.

Dass der Plan für den Aufstand im Palais Smiřický entstand, war natürlich kein Zufall, sondern hatte etwas mit dem Besitzer zu tun. Im Mittelalter hatten an dieser Stelle fünf gotische Häuser gestanden, die dem großen Feuer von 1541 zum Opfer fielen. 1573 wurde das ganze Areal von einem Mitglied der Familie Smiřický ze Smiřic gekauft, der hier einen Renaissance-Palast als Prager Familiensitz baute. Die Familie war ungeheuer reich und für ihren rebellischen Geist bekannt. Einer der Vorfahren hatte schon zu den führenden böhmischen Adligen gehört, die 1415 gegen die Verbrennung des Frühreformators Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz protestiert hatten.

Zikmund II. Smiřický ze Smiřic, ein Königlicher Rat unter dem religiös toleranten Rudolf II., baute den Palast im Jahre 1612 im barocken Stil um und ließ die für das Gebäude so charakteristischen oktagonalen Ecktürme anfügen. Und es war wiederum sein Sohn Albrecht Jan Smiřický von Smiřice, der hier zu dem Verschwörertreffen der Ständevertreter eingeladen hatte. Er gehörte zu den zentralen Persönlichkeiten des Aufstands. Er war nicht nur am Fenstersturz beteiligt, sondern wurde auch Teil der Direktionsregierung, die nach der Absetzung König Ferdinands über die weitere Strategie und die Verfassung beschließen wollte. Er war sogar als neuer und gewählter König im Gespräch, aber am Ende entschied man sich für Friedrich von der Pfalz. Das war möglicherweise ein Fehlentscheidung, denn Friedrich war unerfahren und leichtsinnig. Unter ihm verloren die Aufständischen die Schlacht am Weißen Berg im November 1620. Weil er nur einen Winter regierte, verspottete man Friedrich nunmehr als den „Winterkönig“.

Der Historiker Golo Mann sollte später schreiben, „wenn überhaupt einer die böhmische Rebellion hätte zum Sieg führen können, so wäre es Albrecht Jan Smiřický gewesen.“ Aber es sollte nicht so sein. Albrecht Jan Smiřický ze Smiřic erlebte weder den Kampfbeginn, noch die Schmach der Niederlage, denn er war im November 1618 an einer Lungenentzündung gestorben, nachdem er noch aus eigenen Mitteln ein Regiment mit über 1000 Mann für den anstehenden Kampf aufgestellt hatte. Seine beiden Schwestern stritten sich um das Erbe, was aber im Grunde sinnlos war, denn nach der Niederlage beschlagnahmte der Kaiser den Besitz aller Aufständischen. Der Smiřický’sche Besitz fiel an den erfolgreichsten und berühmtesten General der kaiserlich-katholischen Seite, Albrecht von Wallenstein (den kennt man ja von Schiller). Nach dessen Ermordung wechselte der Palais an der Kleinseite mehrfach den Eigentümer.

1763 wurde das Schloss von Jan Pavel Montág erworben, weshalb der Palast auch manchmal dům U Montágů, d.h. Haus beim Montág genannt wird. Der neue Besitzer ließ das Gebäude in den Jahren 1764/65 nach einem Entwurf von Josef Jäger, der auch den nahegelegenen Palais Grömling erbaut hatte, umbauen und vor allem vergrößern. Insbesondere wurde ein zusätzliche Stockwerk eingezogen, sodass es endgültig die äußerliche Gestalt bekam, die wir heute beim Vorbeigehen bewundern können. 1895 erwarb der Böhmische Landtag das Gebäude, wo es das eigentliche Landtagsgebäude im nahegelegenen früheren Palais Thun räumlich ergänzte. Und so blieb es bis heute. Das tschechische Abgeordnetenhaus (der Nachfolger des Landtags) tagt immer noch im Palais Thun und im Palais Smiřický befinden sich zusätzliche Büros, unter anderem die des Informationszentrums des Parlaments. Um die Sache für einen modernen Parlamentsbetrieb tauglich zu machen, wurde zwischen 1993 und 1966 noch einmal ordentlich renoviert. Daran, dass hier einmal ein Aufstand begann, der Europa erschütterte, erinnert heute nur noch eine bronzene Plakette, die an einem der Pfeiler der Arkaden angesbracht wurde. (DD)

Frischgebackener Heiliger

Heute ist der 16. Mai; der Tag des Heiligen Nepomuk. In Tschechien, aber auch in Österreich und Süddeutschland ist er als der Schutzheilige der Brücken bekannt. Den Grund dafür sieht man hier im Bilde. Am März 1393 endete das Leben des guten Nepomuk vorzeitig und gewaltsam, weil der böhmische König Wenzel IV. ihn kopfüber die Karlsbrücke hinunter in die Moldau werfen ließ.

Nepomuk, der Generalvikar des Erzbischofs von Prag, war in die Machtkämpfe zwischen Erzbistum und dem König geraten, der das Bistum zu schwächen und zu verkleinern begonnen hatte. Erst später erfand man die Geschichte, dass Nepomuk dem stets eifersüchtigen König nicht berichten wollte, was dessen Frau ihm unter dem Beichtgeheimnis anvertraut hatte. Die Legende beförderte später Nepomuk zusätzlich zum Heiligen der Brücken auch noch zum Heiligen des Beichtgeheimisses. Zum richtigen Kultheiligen der Böhmen wurde Nepomuk aber erst nach dem Dreissjährigen Krieg als die Habsburger zur Festigung ihrer Macht die Gegenreformation betrieben und einen guten lokalen Heiligen für die Böhmen brauchten, der sich nicht gegen die Dynastie wenden ließ. 1670 verfasste der jesuitische Historiker Bohuslav Balbín seine Vita und popularisierte ihn. 1721 wurde er selig- und schließlich am 19. März 1729 von Papst Benedikt XIII. heiliggesprochen.

Der die Brücke hinunterfallende Nepomuk, den wir hier sehen, wurde im Jahr der Heiligsprechung in Sandstein gemeißelt und befindet sich im knapp nördlich von Prag gelegenen Ort Chlumín. Dort steht auf dem etwas schläfrigen, aber mit einigen Kulturschätzen gesegneten Dorfplatz vor der barocken Kirche eine große und mutmaßliche Marien- oder Pestsäule. Ob sie nämlich wirklich das Ende der letzten großen Pest in Böhmen von 1713/14 gedenken sollte, ist nämlich fraglich, da einige typische „Pestheilige“, wie etwa der Heilige Rochus, darauf fehlen. Wie dem auch sei: Die Stifterin, die in Böhmen lebende Prinzessin Anna Maria Franziska Großherzogin von Toskana von der Toskana gedachte, mit dieser Säule ein frommes Werk zu tun.

Was den Reichtum der skulpturalen Ausstattung angeht, so muss sich die Säule in Chlumín vor keinem ihrer Gegenstücke in der Königsstadt Prag verstecken (die wir u.a. hier, hier und hier vorstellten). Mehr noch als die namensgebende Maria stellte der Bildhauer Jan Pursch, der u.a. auch den Hauptaltar der Ludmillakirche im nahen Mělník gestaltet hatte, böhmische Nationalheilige mit Märtyrerstatus in den Mittelpunkt seines Schaffens. Drei von ihnen befinden sich an prominenter Stelle am Hauptsockel: Ludmilla (kleines Bild links), Wenzel (rechts), und eben Nepomuk. Und über jeder Statue gibt es ein kleines Relief, das den Märtyrtod darstellt. Bei Ludmilla das Erwürgen mit dem Schal, bei Wenzel der Schwerthieb vor der Kirchentür und – wie wir oben sehen – beim frischgebackenen heiligen Nepomuk der Sturz von der Brücke.

Damit bastelte der Künstler an der Heiligenlegende, indem er Nepomuk in eine Reihe mit bereits eingeführten Nationalheiligen stellte. Seine Statue entspricht der sich damals entwickelnd Konvention, was die Attribute angeht – mit der einen Ausnahme, dass er keinen Heiligenschein mit Sternen trägt. Nepomuk ist nämlich der einzige Heilige außer der Jungfrau Maria, der bei der Darstellung Sterne im Heiligenschein tragen darf, wenngleich nur fünf und nicht 12 (Beispiel hier). Man erkennt ihn aber trotzdem.

Chlumín ist wohl eine wirtschaftlich etwas abgehängte Ortschaft und seine durchaus sehenswerten Kulturdenkmäler – Kirche und Schloss – machen einen etwas heruntergekommenen Eindruck. Dass ihre Mariensäule mit dem Heiligen Nepumuk (und anderen) etwas wirklich besonderes ist, dessen war man sich wohl immer bewusst. Sie wurde immer gehegt und gepflegt. 1958 renovierten selbst die Kommunisten sie und 2000 wurde sie noch einmal auch neuesten Stand gebracht. Blitzblank sieht das Ganze jetzt aus. (DD)

Kreuzherrenschloss im Nordosten

Das Schloss Ďáblice (zámek Ďáblice) an der U Parkánu 25/1 im nordöstlichen Prager Stadtteil Ďáblice wurde 1235 erstmals urkundlich erwähnt als der von der böhmischen Nationalheiligen Agnes gegründete Ritterorden der Kreuzherren mit dem roten Stern es von Konstanze von Ungarn, der Witwe des böhmischen Königs Otakar I., erwarb.

Der Orden, der seine Besitzungen in der Gegend 1254 noch einmal vergrößerte, nutzte es hauptsächlich für die Landwirtschaft für die Versorgung der von ihm betriebenen Prager Klöster. Während der Hussitenkriege fiel das Schloss kurz an die Hussiten, wurde aber schon bald restituiert. Der gotische Originalbau brannte 1526 bei einem Feuer ab und wurde danach im Renaissancestil wieder aufgebaut. Dieser neue Bau fiel 1731 ebenfalls den Flammen zum Opfer und der 1755 vollendete Wiederaufbau erfolgte diesmal im Stil des Barock, der das Äußere heute weitgehend bestimmt.

Das Schloss in der Mitte des alten Dorfkerns des andernorts von Plattenbeton dominierten Stadtteils Ďáblice ist ein L-förmiges Gebäude. Die Vorderfront gesteht aus dem zweiflügeligen Barockschloss, dessen Zentrum die Schlosskapelle der heiligen Dreifaltigkeit und des Heiligen Wenzel (Zámecká kaple Největejší Trojice a sv. Václava) bildet. Die ist vor allem durch seine Deckengemälde bemerkenswert, die von dem Maler Jan Ezechiel Vodňanský angefertigt wurden. Leider ist das Gebäude heute nicht der Öffentlichkeit zugängig, so dass man das nicht sehen kann.

Etwas entschädigen tut das Äußere dann schon. Die schmucke Barockfassade ist von einem kleinen Zwiebelturm geschmückt, auf dessen Spitze sich das für den Orden typische rote Kreuz mit seinen acht Spitzen und das namensgebende sechseckige Kreuz befinden.

Auf dem Giebel befindet sich wiederum eine Dreiergruppe von barocken Statuen. Es handelt sich um den Heiligen Wenzel, der von zwei Engeln umgeben ist. Vermutlich sind sie ein Werk des königlichen Hofbildhauers Ignaz Franz Platzer (siehe auch früheren Beitrag hier), aber ganz gesichert scheint das jedoch nicht zu sein.

Rechtwinklig dazu positioniert befindet sich ein großes Wirtschaftsgebäude, das im 19. Jahrhundert ein wenig überarbeitet und stilistisch an die frühere Renaissancephase des Schlosses anknüpft. Das Schloss gehört übrigens nicht mehr dem Kreuzritterorden, sondern wurde 1948 der Prager Verwaltung unterstellt, die es teilweise noch so nutzt wie die Kreuzherren, nämlich landwirtschaftlich. Die Kapelle fungiert wiederum als Gemeindekirche. (DD)

Klosterbesitz

Das Bildnis der Jungfrau Maria mit dem Kinde sieht man häufig die Fassaden alter Prager Häuser schmücken. Dieses hier über dem Erdgeschoss des Hauses zum Goldenen Löwen (U zlatého lva) in der Pohořelec 23/113 in der Burgstadt (Hradčany) ist aber ein wenig ungewöhnlich. Eine barocke Hinterglasmalerei sieht man nämlich eher selten.

Das Haus selbst durchlief mehrere Bauphasen. Zunächst standen hier zwei mittelalterliche (gotische) Häuser, die durch Renaissancebauten ersetzt wurden. Ende des 17. oder Anfang des 18. Jahrhunderts wurden beide Häuser zusammengelegt und im barocken Stil vereinigt – so wie wir es heute hier sehen können. Es handelt sich um ein einfaches zweistöckiges Gebäude mit einer Arkade im Erdgeschoss, die sich auch über alle Nachbarhäuser in der Straße erstreckt.

Ab 1773 fungierte das Gebäude als Pfarrhaus für die an das direkt gegenüberliegende Kloster Strahov (Strahovský klášter). Schaut man etwas oberhalb des Marienbildes, sieht man deshalb auch das in Stein gemeißelte Wappen des Klosters. Die Zugehörigkeit zum Kloster wird auch durch die darüber thronende Figur des Heiligen Norbert betont, der Gründer des Prämonstratenserordens, der das Kloster betrieb. Und auch das Marienbild enthält einen Bezug zum Kloster, denn zu ihren Füßen sieht man eine Landschaftsmalerei mit dem Kloster im Hintergrund, vor dem man einen zufrieden aussehenden Böhmischen Löwen (früherer Beitrag hier) liegen sehen kann. (DD)