Idylisches Dorf und Filmkulisse

Die Umgebung von Prag ist reich an kleinen Dörfern mit idyllisch anmutendem Dorfkern. Das gilt auch für die ansonsten landschaftlich etwas eintönige Moldauebene im Kreisgebiet von Mělník, kurz bevor der Anstieg zum Erzgebirge (tsch.: Krušné hory) beginnt. Hier findet man etwa 25 Kilometer nördlich von Prag das kleine Örtchen Vrbno, dessen Kern seit 2004 zurecht eine geschützte Denkmalzone (památková zóna) ist, die sogar immer wieder einmal als Filmkulisse dient.

Die Ursprünge reichen tiefer in die Vorgeschichte zurück, als man es hier auf den ersten Blick sehen kann. Es lohnt sich, den kleinen historischen Lehrpfad um den Ort zu erwandern. Da lernt man, dass ganz in der unmittelbaren Umgebung Archäologen in den letzten Jahren reichliche Funde aus der Steinzeit (rund 5000 v. Chr.) und aus der Bronzezeit (rund 2000 v. Chr.) ausgegraben haben. Der Ort als feste dörfliche Siedlung dürfte im 11. Jahrhundert gegründet und seither kontinuierlich besiedelt worden sein, urkundlich erwähnt wird es aber erst im Jahre 1241. Die frühe Besiedlung mag viel damit zu tun haben, dass die die flache Flussauenlandschaft gut bewässert und auch recht fruchtbar ist. Aber die Nähe zum Fluss hat auch is heute ihre dunklen Schattenseiten, wie noch zu sehen sein wird.

Im Mittelalter gehörte das Dorf erst zur Herrschaft von Mělník, dann einer örtlichen Adelsfamilie namens Mléčkové z Vrbna. Schon im Jahr 1257 (hier, S.11f) ist dokumentiert, dass die Kirche (und damit wohl das ganze Dorf) dem soeben von der großen böhmischen Heiligen Agnes von Böhmen gegründeten Ritterorden der Kreuzherren mit dem roten Stern (Rytířský řád křižovníků s červenou hvězdou). Womit wir beim eigentlichen Kern des Kerns des Dorfes sind, der Kirche der Kreuzerhöhung (Kostel Povýšení sv. Kříže).

Deren Ursprünge gehen mindestens bis in das 12. Jahrhundert zurück. Bevor die Kirche in den Besitz der Kreuzherren überging, gehörte sie wohl einer Krankenhausbrunderschaft. Es handelte sich um einen einfachen rechteckigen Bau ohne Glockenturm im Stil der Romanik. Der ist im Kern und in seinen Dimensionen auch immer noch erkennbar. Die einfache und robuste Konstruktion weist darauf hin, das die Kirche auch als Wehrkirche konzipiert war. Bei Renovierungsarbeiten nach dem Hochwasser von 2002 fand man übrigens auch Reste eines romanischen Portals, das in gotischer Zeit übermauert worden war. Heute kann man den von den Restauratoren sorgfältig freigelegten Torbogen außen vom Kirchhof aus bewundern – direkt neben einer groß dimensionierten Grabstatue in Engelsform aus dem späten 19. Jahrhundert.

Ebenfalls bei den Renovierungen fand man eine mittelalterliche Wandmalerei der Kreuzerhöhung – und zwar im Chor, der im 14. Jahrhundert, also in Zeiten der Hochgotik, an die Kirche angebaut wurde. Immer wieder gab es auch danach kleinere Umbauten. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde erst der spätgotische Glockenturm hinzugefügt.

Und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts unternahm man schließlich eine behutsame Barockisierung, wie das bei Kirchen in dieser Zeit ausgesprochen häufig getan wurde. Die barocke Neugestaltung veränderte bei näherer Betrachtung den optischen Grundcharakter der kleinen Dorfkirche schon recht beträchtlich, ohne dass die romanisch/gotische Struktur verschwand. Von außen kann man das am deutlichsten bei dem kleinen Vorbau für den heutigen Haupteingang sehen (kleines Bild links), der sich durch einen sehr klassisch anmutenden Giebel auszeichnet.

Insgesamt repräsentierte die Barockzeit mit ihrem bescheidenen, aber dennoch sichtbaren Prunk auch ein wenig den ökonomischen, kulturellen und sozialen Auschwung in dieser Zeit. So ist im Jahr 1764 für die Kinder des Dorfes erstmals eine richtiggehende Schule für die dokumentiert. Nicht nur die Kirche, sondern auch das Dorf als solches wurde immer mehr modernisiert.

Im Jahre 1790 baute man noch auf dem Gelände des Kirchhofs eine kleine Kapelle an, die lange Zeit als Leichenhalle diente. Sie war der Heiligen Barbara (sv. Barbora) gewidmet. Sie ist achteckig im Grundriss. Innen sieht sie – anscheindend als Folge von Hochwassern – arg beschädigt und ebenso arg heruntergekommen aus. Aber von außen verleiht sie mit ihrer ungewöhnlichen Form dem Dorf eine originelle architektonische Note.

Der kleine Kirchhof wurde übrigens im Jahre 1880 aufgelöst. Nur wenige Grabsteine blieben erhalten, darunter das oben erwähnte Engelsgrab der Familie Plačký, die – wenn man von der Größe des Grab Schlüsse ziehen will – wohl im Dorf eine wichtigere Rolle spielte.

Die lange Prägung durch Kreuzherren und Kirche hat das Dorf auch sonst ihren Stempel aufgedrückt. Schon an der im 18. Jahrhundert errichteten Friedhofsmauer findet man außen eine kleine barocke Nischenkapelle, die dem böhmischen Nationalheiligen Nepomuk (sv. Nepomucký) geweiht ist (Bild links im Vordergrund), der allerdings schon seit langem die Nepomuk-Darstellung zu fehlen scheint. Und am Ausgang des Kirchplatzes hin zur Hauptstraße findet sich die ähnlich dimensionierte Kapelle der Fünf Wunden Christi (Kaplička Nejsvětějších Pěti ran Kristových) aus dem Jahr 1705 (kleines Bild rechts). Leider auch sie ein wenig renovierungsbedürftig.

Und rund um den Kirchplatz stehen allerlei hübsche alte Gebäude. Dazu gehört das katholische Pfarrhaus (Haus 1, Bild links), das in dieser Form hier seit 1862 steht. Sehen kann man unter anderem noch die alte Schule von 1878 (Haus 60), die alte Gaststätte (Haus 27) und natürlich hauptsächlich viele größere Bauernhöfe mit ihren typischen Hoftorbögen, von denen das Haus Nr. 4 (rechts) zu den schönsten gehört.

Haus Nr 25, gegenüber der Kapelle der Fünf Wunden Christi, stammt aus dem späten 19. Jahrhundert und wurde danach immer wieder umgebaut. Das ist aber nicht das Besondere daran. Man muss nahe herankommen, um neben der Haustür ein kleines Metallschild zu sehen (Bild links). Es zeigt uns, wie hoch das Wasser beim großen Moldauhochwasser von 2002 stand, das verheerende Verwüstungen verursachte. Insgersamt wurde 30 Häuser in Vrbno so zerstört, dass sie abgerissen wurde. Einer der Schutzdämme, die das Dorf von einem nahe vorbeilaufenden Nebenkanal der Moldau trennt, hielt dem Wasserdruck nicht mehr stand, und die Katastrophe nahm ihren Lauf. Trotz der Reparaturarbeiten, die danach erfolgten, brach an einer anderen Stelle beim (geringfügig kleineren) Hochwasser von 2013 abermals ein Damm. Und wieder richtete das Wasser Zerstörungen an. Das ist der Grund, warum die Schönheit des Dorfes sich bisweilen immer noch mit dem Eindruck eines gewissen Verfalls vermischt. Spuren einer solch geballten und doppelten Verwüstung sind halt schwer zu tilgen.

Aber die Gewalt der Wassermassen dürfte den Bewohnern des Ortes in früheren Zeiten gewiss ebenfalls vertraut gewesen sein – möglicherweise noch gravierender, denn bis Ende des 19. Jahrunderts war der Fluss noch ungebändigt. Vermutlich sind solche Ereignisse damals sogar wesentlich häufiger auf der Tagesordnung gewesen. Man denke an das große Hochwasser von 1890, das weiter oberhalb in Prag sogar Teile der Karlsbrücke zerstörte. Das betraf auch Vrbno und Umgebung. Der Fluss lag dereinst sogar näher am Dorfe, wie ein heute toter Flussarm zeigt, der sich nur wenige Meter vom Dorfkern befindet. Der lädt wiederum zu einem (Hunde-) Spaziergang in einer idyllischen Auenlandschaft ein und hat seine einstige Gefährlichkeit wohl weitgehend eingebüßt. Und man kann nur hoffen, dass die repararierten Dämme zum Kanal beim nächsten Hochwasser halten werden.

Trotz der noch verbliebenen Spuren der letzten Hochwasser-Katastrophen ist und bleibt das Dorf ein kleines romantisches Idyll. Die hübschen Häuser des Dorfkerns und die kleinen verwunschenen Sträßchen haben deshalb schon seit längerem als Drehort das Interesse der Filmschaffenden geweckt. Etliche tschechische, aber auch internationale Fernseh- oder Kinofilme wurden hier in Vrbno gefilmt. Dazu gehören die Artistenserie Circus Humberto aus dem Jahr 1988, die historische Krimiserie Dobrodružstvá kriminalistiky (in Deutschland.: Täter unbekannt – Sternstunden der Kriminalistik), die in den Jahren 1989 bis 1993 lief, die tschechische Maigret-Verfilmung Maigretův první případ (dt.: Maigrets erster Fall) von 1991 oder die internationale Victor Hugo-Verfilmung von Les Misérables mit Liam Neeson aus dem Jahr 1998. Bleibt zu hoffen, dass der Filmruhm dafür sorgt, dass Vrbno seine schönen Glanz bald wieder neu aufpolieren kann. (DD)

Beendete Leidensgeschichte einer Kirche?

Schon als geweihtes Gotteshaus durchlebte sie eine bewegte Geschichte, die aber nicht aufhörte, bewegt zu sein, als sie es nicht mehr war: Die Kirche des Heiligen Erzengels Michael (Kostel sv. Michaela archanděla) in der Michalská 662/29 inmitten der engen Gassen der Altstadt, eine Brutstätte der böhmischen Reformation, dann wieder biedere Klosterkirche und heute der ort einer Dauerausstellung eines bekannten Guerillakünstlers. Ein langer Weg also.

Wie alt sie ist, weiß man eigentlich nicht so genau. Anscheinend gab es hier schon eine Holzkirche aus der Zeit, in der im 10. Jahrhundert das böhmische Herrschergeschlecht der Přemysliden. Erst zwischen 1150 und 1200 entstand aber erst ein physisch nachweisbarer romanischer Steinbau einer Kirche, die dem Erzengel Michael gewidmet war. Wozu sie an diesem sehr zentralen Ort diente, ist noch ein wenig umstritten unter Historikern. Vielleicht war sie eine Kirche für itaienische (venezianische) Kaufleute, vielleicht eine für deutsche (fränkische). Im 13. Jahrhundert begann man mit der Gotisierung der Kirche, unter anderem durch die Hinzufügung von Seitenschiffen. In dieser Zeit besaßen schon die böhmischen Könige das Patronatsrecht und im 14. Jahrhundert unterstand sie Eliška, der Frau von König Johann von Luxemburg. Nach deren Tod 1330 wurde sie Klosterbesitz. Die Mönche ließen die Kirche ab 1364 fast völlig neu bauen, wozu man einen der bedeutendsten Architekten der Zeit, Matthias von Arras, gewann. Leider ist von dieser Bauphase nur noch wenig zu sehen. Die wieder freigelegten Fragmente von feinen gotischen Spitzbögen an der heute barocken Hauptfassade sind das offenkundigste Beispiel dafür (Bild links oberhalb).

Denn das aufregende Leben der Kirche ging weiter. Im Jahre 1400 wurde ein gewisser Jan Hus zum Priester geweiht und predigte häufig in der Kirche. Im Laufe der Zeit übernahm er immer radikalere, vom englischen Reformer John Wyclif inspirierte Thesen zur Erneuerung der Kirche (weniger Verweltlichung und Reichtum). Dass dieser Vorläufer der Lutherschen Reformation hier begann, wissen nur die wenigsten. Die meisten verbinden ihn eher mit der nahegelegenen Bethlehemskapelle (Betlémská kaple) in der Altstadt, über die wir schon hier berichteten. Hier konnte er ab 1402 seine Thesen (die ihm am Ende 1415 den Tod auf dem Scheiterhaufen wegen Ketzerei einbrachten) freier äußern, denn sie war im Gegensatz zur Michaelskirche keine geweihte Kirche, sondern nur ein Predigtraum – nach damaligen Maßstäben sozusagen ein Raum der freien Rede. Trotzdem gebührt der Michaelskirche der Ruhm, eine der Geburtsstätten der Reformation in Böhmen gewesen zu sein.

Die Kirche blieb auch dem Hussitentum treu, wobei es immer wieder zu innerhussitischen Konflikten kam. St. Michael war – wie die meisten Hussitenkirchen der Altstadt – ein Hort der moderaten Kräfte, während unter der Führung von Jan Želivský (dem Organisator des Ersten Fenstersturzes) in der Neustadt die Radikalen dominierten (das erwähnten wir schon hier). 1419 überfielen die Radikalen sogar die Kirche und verwüsteten sie. Die folgenden Hussitenkriege endeten 1435 und die Kirche hielt Kurs – bis 1620. In diesem Jahr siegten die katholischen Habsburger bei der Schlacht am Weißen Berg. Danach verlor Böhmen mehr oder minder seine staatliche Unabhängigkeit und die religiösen Freiheiten, die es zuvor genoss. Es folgte eine Zwangskatholisierung und 1627 wurde die Kirche Teil eines neuen Klosters des Ordens der Serviten (wir erwähnten das bereits hier). Und in der Zeit der Gegenreformation war bei Klöstern üppiger Barock angesagt. Und so verschwanden bei einem neuerlichen Umbau die meisten Reste der gotischen Kirche.

Im Dreissigjährigen Krieg erlitt sie noch einmal nach dem Einmarsch der Sachsen 1631 schweren Schaden, was zu einem noch konsequenteren barocken Umbau in den Jahren 1640 bis 1664 führte. Um 1730 führte noch einmal der Architekt Franz Ignaz Prée Erneuerungen im hochbarocken Stil durch. Dann änderten sich die Zeiten: 1786 wurde das Kloster samt der Kirche im Zuge der Kirchenreformen Kaiser Josephs II. aufgelöst und säkularisiert. 1789 folgte der Verkauf (inklusive der Interieurs) und danach fristete die Kirche ihr Dasein als Lagerraum für Kaufleute. Und das blieb sie auch nach der Verstaatlichung durch die Kommunisten 1948, die sie halt zum kollektivierten Industriewarenlager machte. Bedenkt man, welche wichtige Rolle Hus im Nationalbewusstsein der Tschechen spielte und noch spielt, war es erstaunlich, dass es in der ganzen Zeit kaum Stimmen gab, den Gedenkort museal zu nutzen und zu erhalten – was normalerweise (so etwa bei der Bethlemenskapelle) der Fall war. Immerhin wurde sie 1984 ein ein Depot der Staatsbibliothek umgewandelt.

In dem brach 1990 ein Feuer aus, das Teile der Kirche schwer beschädigte. Danach hatte 1995 erst einmal die Archäologen die Chance, das Gebäude zu studieren, die bei Ausgrabungen, auch im umgebenden alten Kirchhof, etliche interessante Dinge (auch aus der romanischen Zeit) zu Tage förderten, und eine Restaurierung nebst sensibler, möglichst musealer Nutzung eines enorm wichtigen Geschichts- und Kulturdenkmals empfahlen. Die Stadt (unterstützt von der Regierung) ging andere Wege.

Noch im gleichen Jahr verhandelte sie mit einem Finanzinstitut über einen Verkauf als Bankhaus. Bissige Kommentatoren sahen es damals als eine Ironie der Geschichte an, dass das einzige große Deckenfresko, dass aus der Barockzeit erhalten geblieben war, ausgerechnet die um 1740 von dem Maler Johann Wenzel Spitzer geschaffene biblische Szene Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel durch Jesus (Bild rechts) war (Joh. 2:13-16). Der Deal kam aber nicht zustande, und so wurde die Kirche 2004 an einen Investor verkauft, der anscheinend nicht so recht zu wissen schien, was er damit wollte.

2005 fand hier eine Technoparty statt. 2006 eröffnete eine Multimediashow, die aber nach eine Jahr pleite war. Aus einem Plan, eine Museum für böhmisches Kristallglas einzurichten, wurde darob nichts. 2009 gab es eine Einkaufgalerie. 2012 kam ein Club zum Abtanzen (man möchte gar nicht darüber nachdenken, was Jan Hus dazu gesagt hätte), den es bald aber nicht mehr gab und 2013 kursierten sogar Gerüchte, der nun eignende Investor nutze das nur noch Riesenverluste einfahrende Gebäude als Geldwäscheanlage. Die Anteile wurden darob an einen neuen Investor verkauft, der ab 2015 wieder eine Einkaufsgalerie plante. Ach, ich weiß gar nicht, ob ich das ganze Auf und Ab, das immer mal wieder von Protesten von Bürgerinitiativen begleitet wurde, wirklich umfassend korrekt wiedergegeben habe. Immerhin. Seit einiger Zeit wird das Gebäude für eine Ausstellung genutzt und erscheint innen wie außen stabilisiert und gut restauriert bzw. für den neuen Zweck umgebaut zu sein. Man soll ja nicht immer nur meckern! Eigentlich ist das Ganze nun recht gut gelungen.

Seit den späten 1970ern sind ja (die rechtlich meist umstrittenen) Grafitti zur Kunstform erhoben worden. Und tatsächlich kann man den künstlerischen Rang einiger Sprayer kaum bestreiten, etwa im Fall der Urvaters aller Grafittikünster, dem Schweizer Harald Naegeli, dessen Name inzwischen weltbekannt ist. Der Künstler Banksy, wie er sich pseudonymisiert, ist immer noch anonym. Das mag was mit seinen politischen Ansichten zu tun haben, die manchmal etwas wirr links sind. Wie auch immer, man kann nicht bestreiten, das viele seiner Werke, die in der Regel mit Schablonen aufgesprüht und so verbreitet werden, künstlerisch recht originell sind (Beispiel Bild rechts). Jedenfalls sind vor allem die durch die lange Fehlnutzung kargen Wände der Kirche im Kellerbereich atmosphärisch der ideale Ort für die nunmehr fast zwei Jahre laufende (teils multimediale) Ausstellung The World of Banksy.

Und sie hat die Kirche wieder schön zugänglich gemacht, die zuvor einige Jahre geschlossen war. Dabei kann man nicht nur die Kombination von Modernität – etwa die Treppenaufgänge – und alter Architektur bewundern. Man hat auch einige Funde der Ausgrabungen von 1995 öffentlich ausgestellt – vor allen etliche Grabsteine aus dem ehemaligen Kirchhof, in dem Mönche des alten Klosters, aber auch einige Stadthonoratioren begraben worden waren. Man kann nur hoffen, dass sich die sinnvolle Nutzung auch nach dieser Ausstellung weiter fortfsetzen wird. Denn die Leidensgeschichte dieses zu den historisch bedeutendsten Kirchen der Stadt gehörenden Gebäudes sollte allmählich beendet werden. (DD)

Dorfkirche und Glockenturm

Von der Autobahn aus fällt das Ensemble von Glockenturm und Kirche jedesmal auf, wenn man von Prag Richtung Norden fährt. Irgendwann wird man doch zu neugierig. Also befindet man sich irgendwann auf dem schönen Hügelgebiet im Ortsteil Vepřek von Nová Ves u Nelahozevsi im Kreis Mělník rund 25 Kilometer nördlich von Prag. Und man steht wirklich auf altehrwürdigem historischen Boden!

Eigentlich dürfte die Nähe der durchaus vielbefahrenen Autobahn D8 (E55) wegen des Lärms nicht für alle Bewohner als Glücksfall wahrgenommen werden. Für Historiker und Archäologen war es aber ein ebensolcher. Denn erst während des Baus der Autobahn legte man Kulturrelikte frei, die darauf hinwiesen, dass hier auf dem Gebiet des pittoresken kleinen Dörfchens (Bild links) schon in der Steinzeit hier Menschen siedelten. Die Siedlungsgeschichte blieb seither ungebrochen. Auch keltische Funde aus der Bronzezeit (Knovízer Kultur) grub man bei der Gelegenheit in Vepřek aus. Auch nach der Fertigstellung der Autobahn kamen immer wieder Archäologen hierher, um dann – wie etwa in den Jahren 1992 bis 1995 – in Sachen böhmischer Frühgeschichte reich fündig zu werden.

Aber richtig in die Geschichte trat Vepřek erst 1346 ein, also in der Regierungszeit von Karl IV., als Böhmen seinen Aufschwung nahm. Da wurde der Ort erstmals in einem Register schriftlich erwähnt. Und nur unwesentlich später, im Jahre 1352, erbaute man hier die Kirche Mariä Geburt (Kostel Narození Panny Marie), unter der Schutzherrschaft (Patrozinium) der Gottesmutter geweiht wurde. Zieht man vor seinem geistigen Auge alle moderneren Gebäude aus dem Ortsbild von Vepřek weg, dann muss man zu dem Schluss kommen, dass auch ohne die späteren Anbauten die Kirche recht stattlich und groß war für eine so kleine Gemeinde. Ursprünglich handelte es sich nur um einen fast quadratischen Bau, der etwa den mittleren Teil des heutigen Gebäudes (Bild rechts) ausmachte.

Primär diente die Kirche natürlich als örtliche Pfarrkirche für die anscheindend ebenfalls im Jahr 1352 ins Leben gerufene Pfarrgemeinde.

Aber es gab offentsichtlich noch einen „Nebenzweck“ für das Gebäude. Besonders auffallend sind nämlich bei dem ursprünglichen Bauteil die weit oben liegenden Fenster und die dicken Mauern mit ihren Stützstreben. Das sieht recht solide aus und sollte es wohl auch sein. Obwohl unter Karls Herrschaft in Böhmen recht große Rechtssicherheit herrschte, war man in diesen Zeiten trotzdem nie sicher vor Überfällen. Die Kirche wurde wohl möglicherweise als eine sogenannte Wehrkirche konzipiert, in der die Anwohner bei Gefahr Zuflucht suchten und sich verteidigen konnten – bis die Eindringlinge die Geduld verloren und abzogen oder Hilfe von außen kam. Diese Art von Kirchen nahm vor allem im 14. Jahrhundert erstmals einen größeren Aufschwung und verbreitet sich zunächst hauptsächlich in Süddeutschland und Böhmen.

In dieser Form blieb die Kirche bis zum 17. Jahrhundert bestehen. Der Dreissigjährige Krieg hinterließ auch in Vepřek seine Spuren. Nach der Niederlage Böhmens gegen die Habsburger in der Schlacht am Weißen Berg (1620) hatte die Kirche lange Zeit keinen eigenen Pfarrer, sondern wurde von einer anderen Gemeinde „mitbedient“. Ein eigener Pfarrer wurde erst 1737 hier wieder eingesetzt.

Das heißt aber nicht, dass sich in Sachen Erneuerung der Kirche sich in dieser Zeit nichts tat. In den Jahren 1684 bis 1697 wurde die Kirche grundlegend im Stil des Barock umgebaut und verändert. Das Schiff wurde durch eine Apsis und einen Vorbau deutlich verlängert. Die ursprünglich hochgotischen Fenster des alten Gebäudeteils wurden recht originell barockisiert, wie man im Bild rechts sehen kann. Die Kirche erhielt in dieser Zeit im wesentlichen damit die äußere Form, die sie auch heute noch hat.

Trotzdem gab es in der Folge immer wieder kleinere Erneuerungen. 1752 wurden vor allem im Innenraum weitere Barockisierungen vorgenommen. Kleinere Umbauten und Reparaturen gab es in den Jahren 1892, 1902 und 1907, die sich aber nicht übermäßig signifikant auf das Außenbild auswirkten. In den Zeiten des Kommunismus litt die Kirche, wie in dieser traurigen Epoche üblich, ein wenig an Vernachlässigung und auch heute denkt man, ein paar Eimer Farbe könnten gut tun. Aber insgesamt steht es um die Kirche, die von einem hübschen alten Kirchhof mit alten Gräbern umgeben ist, gut. Und irgendwann wurde oben auch ein kleiner Turm, Dachreiter genannt, angebracht, denn die Kirche hat keinen eigenen und integrierten Kirchturm.

Den brauchte sie auch eigentlich nicht. Denn die „Skyline“ von Vepřek prägt nicht nur die Kirche Mariäa Geburt, sondern vor allem der separate Glockenturm (zvonice), der die eigentliche Sehenswürdigkeit des Ortes ist (siehe auch großes Bild oben). Diese Art von freistehendem Campanile ist typisch für die Region nördlich von Prag um Slaný und Mělník, und der von Vepřek gehört zu den schönsten Exemplaren im regionstypischen Stil. Erbaut wurde er im Jahre 1456. Damals gehörte das Dorf dem Domkapitel des Prager Veitsdoms. Durch den Bau des Turmes wurde die Kirche, die sich nur wenige dutzend Meter entfernt befindet, in die Lage versetzt, die Menschen der Umgebung mit hinreichender Phonstärke auf anstehende Gottesdienste aufmerksam zu machen. Im 15. und 16. Jahrhundert war der Glockenturm mit zwei Glocken ausgestattet, mittlerweile sind es deren sogar drei.

Der Turm ist schon seit 1958 als geschütztes Denkmal registriert. Seit der letzten gründlichen Renovierung im Jahr 2002 sieht er blitzblank aus und ist in bestem Zustand. Eine Infotafel vor dem (für Besucher geschlossenen) Eingang des Glockenturms liefert Informationen über die Konstruktion und Geschichte des Turms und über die dazugehörige Kirche. Bei dem Glockenturm handelt es sich um ein gestuftes Gebäude mit quadratischem Grundriss. Nur das Erdgeschoss ist aus Stein gebaut und weiß verputzt. Ein fein verarbeitetes Gesims schließt diesen Teil oben ab. Der Überbau und das Walmdach sind aus Holz konstruiert. Die Dachkonstruktionen sind hübsch mit Holzschindeln bedeckt. Ein kleines vergoldetes Metallkreuz schließt den Turm oben auf dem Dach ab. Das Ganze steht in einer kleinen und wohl gepflegten Grünanlage, von der aus man hinunter auf die schöne umgebende Landschaft blicken kann.

Um diese Landschaft in ihrer Schönheit (trotz der Autobahn in der Nähe) zu bewundern, eignet sich Vepřek übrigens ausgezeichnet als Ausgangspunkt eines kleinen Wanderausfluges entlang der Moldau, die hier ruhig ihrem Zusammenfluss mit der Elbe entgegen strömt. (DD).

Modřany: Kirche und Kreuzweg

Trotz der Urbansierung, die der Stadtteil Modřany (Prag 12) ab dem 19. Jahrhundert durchmachte, und die sich nach der Eingemeindung zu Prag 1974 noch durch allerlei realsozialistische Stadtplanung nicht immer vorteilhaft für das Stadtbild entwickelte, findet man gerade hier noch viele Ortsteile, bei denen der alte dörfliche Charakter noch gut erhalten ist. Das gilt vor allem für die unmittelbare Umgebung der kleinen Kirche Mariä Himmelfahrt (Kostel Nanebevzetí Panny Marie).

Die auf einem Hügel befindliche Kirche (Adresse: K Dolům 31/5) ist tatsächlich sehr alt. So alt, dass man nicht genau weiß, wann sie entstand. Oft nimmt man die Erwähnung einer größeren Stiftung an den Ort Modřany durch den böhmischen Herzog Soběslav II. im 12. Jahrhundert als Startschuss für den Bau an. Erstmals direkt und völlig eindeutig erwähnt wird sie erst in einer Liste von Kirchen der Erzdiakonie Říčany im Jahre 1384. Anscheinend hatte der damalige Erzbischof sie schon 1380 einmal besucht. Aber es scheint sicher, dass das Gebäude da schon lange vorher stand. Es dürfte sich zur Zeit des Besuchs um eine gotische Kirche gehandelt haben, von der außen erkennbar nur noch der zugemauerte Rest eines alten Spitzbogenfensters (Bild links) zu sehen ist.

1420 begannen die Hussitenkriege. In deren Verlauf wurde der Ort samt Kirche zuerst 1427 von den (frühreformatorischen) Hussiten überrannt und niedergebrannt, 1429 dann gleich noch einmal von den katholischen „Herren“. Danach war sie weitgehend zerstört, wurde aber bald wieder aufgebaut. Sie befand sich nun im Besitz der gemäßigten Hussiten, den sogenannten Utraquisten, wenngleich die Gemeinde keinen eigenen Pfarrer mehr hatte. Das alles lief so weiter bis zur verhängnisvollen Schlacht am Weißen Berg von 1620 (wir berichteten u.a. hier), bei der die protestantisch-hussitischen Böhmen gegen die katholisch-österreichischen Habsburger verloren. Mit der Glaubensfreiheit und der Selbstbestimmung Böhmens war es vorbei und der Dreißigjährige Krieg tobte. Und das bekam auch die Kirche zu spüren. Zuerst wurde sie 1631 von sächsischen Truppen geplündert. 1639 benutzten die schwedischen Truppen unter General Johan Banér das Kirchengebäude als Lager und Waffenarsenal.

Inzwischen hatten sich die Besitzverhältnisse geändert. Unter der Herrschaft der Habsburger wurden Dorf und Kirche den Zisterziensern des Klosters von Zbraslav übereignet, das etwas südlich von Modřany auf dem gegenüber liegenden Moldauufer liegt. Nach dem Ende des Krieges 1648 begannen die Mönche damit, der Kirche das barocke Aussehen zu geben, das das Gebäude (nach etlichen späteren Modifikationen) im Kern noch heute auszeichnet. Ganz war die Leidenszeit der Kirche aber noch nicht vorbei. Das Areal um Modřany wurde 1742 zum Aufmarschgebiet französischer Truppen, die im Zuge des Österreichischen Erbfolgekrieges daran gingen, Prag zu besetzen. Die Kirche war Dank der Bemühungen der Zisterzienser mittlerweile viel zu schön ausgestattet, als dass man sie hätte unausgeplündert lassen können. Die Franzosen widerstanden dieser Verführung leider nicht und die Kirche wurde abermals arg demoliert. Im nächsten Jahr wurden sie allerdings wieder von den Österreichern vertrieben. 1754 lancierte der Abt von Zbraslav, Adam Aysl, ein großes Wiederaufbauprogramm. Die Kirche wurde von Grund auf renoviert, ein wenig vergrößert und der ebenfalls zerstörte Glockenturm neben der Kirche wurde neu errichtet.

Von nun an kehrte ein wenig mehr Ruhe und Frieden ein. Ein großes Feuer, das 1802 nebenan stehende Pfarrhaus samt Schule zerstörte, verschonte die Kirche. 1809 wurde das Pfarrhaus wieder frisch aufgebaut und eingeweiht. Zwischen 1881 und 1883 gab es größere Reparaturarbeiten an der Kirche, wobei insbesondere das große steinerne Kreuz vor dem Eingang des Kirchhof errichtet wurde – man sieht es im großen Bild oben.

1893 bekam die Kirche auch eine neue und moderne Orgel, die eine ältere kleine Orgel aus dem Jahr 1690 ersetzte. Die neue Orgel wurde von dem bekannten Orgelbauer Josef Vanický aus Třebechovice bei Hradec Králové (Königgrätz) erbaut. In dem außerhalb der Gotetsdienste nicht zugänglichen Inneren wurden auch sonst immer wieder modernisierende Anpassungen durchgeführt, zuletzt 1994.

In dieser Zeit wurde auch der alte Kirch- oder Friedhof, der die Kirche umgibt, ummauert. Der Friedhof wurde zuerst 1896 und dann noch einmal 1949 erweitert und die Ummauerung entsprechend angepasst. Vom Kirchhof aus kann man schön den separaten Glockenturm erkennen, den Abt Aysl 1754 bauen ließ und der außerhalb der Mauer auf eine höheren Hügel steht und von alten Bäumen umringt, in einer Art kleiner Parklandschaft steht. Bei dem Gebäude handelt es sich um ein auf einem quadratischen Sockel (mit abgeflachten Ecken) befindliches Oktogon. An allen Seiten befinden sich je drei Fenster mit neo-gotischen Spitzbögen – eine durchaus originelle Konstruktion. Im Turm befinden sich drei Glocken. Ursprünglich waren es nur zwei, die hier 1745 angebracht wurden. Die beiden Glocken, die nach den böhmischen Heiligen Nepomuk und Wenzel benannt wurden, wogen je 407 Kilogram. 1850 wurde noch die Glocke Maria mit einem Gewicht von 328 Kilo hinzugefügt. Leider wurde alle drei Glocken 1917 während des Ersten Weltkrieg eingeschmolzen, um Metall für Kanonen zu gewinnen. Sie wurden danach zwar 1923 wieder durch neue Glocken ersetzt, aber die wurden 1942 von der deutschen Wehrmacht konfisziert. In den unmittelbaren Nachkriegswirren und schon gar nicht unter den Kommunisten, die 1948 die Macht ergriffen, wurden die Glocken nicht erneuert. In den 1960er Jahren improvisierte man sogar mit Glockentönen, die man per Tonband irgendwo aufgenommen hatte, und die man dann per Lautsprecher verbreitete. Aber auch diese, für die Zeit des Kommunismus geradezu charakteristische Episode ging vorbei. Fünf Jahre nach dem Ende des Kommunismus, im Jahr 1994 wurden neue Glocken eingeweiht.

Und damit kommt man zu der eigentlichen Attraktion des Ortes, den neuen Kreuzweg (Křížová cesta). Dieser Kreuzweg (manchmal auch Passionsweg genannt) wurde erst 2015 errichtet und eingeweiht. Der Künstler, der Bildhauer Miroslav Beščec, wollte einen modernen Kreuzweg des 21. Jahrhunderts kreieren.

Es handelt sich – wie es mit wenigen Ausnahmen üblich ist – um einen Kreuzweg mit den 14 Stationen des Leiden Christi. Dafür wurden 14 grob in Kreuzform gehauene und rund 100 Kilogramm schwere Granit-Steine tief in den Boden eingelassen, so dass sie rund 60 Zentimeter herausragen. Jeder der Steine wurde von einem Gemeindemitglied als Stifter gespendet, d.h. bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung gekauft. Der Künstler selbst kaufte den ersten Stein für die Gemeinde. Stanisław Góra, der Vorsitzende der Caritas der Prager Erzdiözese (Arcidiecézní charita Praha) nahm am Ende im Oktober 2015 die Einweihung des Kreuzwegs vor. Gleichzeitig wurde auch die frisch instand gesetzte Parkanlage um den Glockenturm eingeweiht.

Der Bildhauer orientierte sich zwar an dem vorgeschriebenen Kanon der einzelnen 14 Stationen der Passion, wollte sie aber in eine moderne Bildsprache übersetzen, die den tieferen Gehalt der jeweiligen Ereignisse erläutern. Vier Beispiele seien hier gezeigt:

Von links nach rechts: (1) Die zweite Station; Jesus nimmt das Kreuz. DIe Hand soll dabei die Akzeptanz des Schicksal bedeuten, (2) die fünfte Station; Simon von Cyrene trägt das Kreuz Christi, die umarmenden Hände stellen den Gedanken der Nächstenliebe dahinter in den Mittelpunkt, (3) die zwölfte Station; Jesus stirbt am Kreuz, zweifellos die konventionellste Darstellung, (4) die dreizehnte Station, die eigentlich darstellen soll, wie Jesus vom Kreuz genommen wird, was sich in Beščecs Darstellung aber in Form der Darstellung des Kreuzes als Symbol einer Heilserwartung mit konzentrischen Lichtstrahlen zeigt.

Die sich nicht unbedingt selbst erklärenden Symbolbilder auf den Kreuzen werden nicht unmittelbar an „am Ort“ erläutert, aber am Eingang des Parkes gibt es eine große Tafel (Bild links), die nicht nur die Entstehungsgeschichte des Kreuzwegs, sondern auch jede einzelne Station und ihre künstlerische Bedeutung beleuchtet. Damit rundet sich sich jeder Ausflug zu dem kleinen Kirchenareal von Modřany, mit dem kleinen Gotteshaus, dem Friedhof, dem Glockenturm und vor allem dem Kreuzweg gelungen ab. Man bedauert es nicht, hierhin einen Ausflug gemacht zu haben. (DD)

Der Wissenschaftsstandort

Wir sind es gewohnt, die frühe Moderne als eine Art Kampf zwischen finsterer Religiosität und aufstrebender aufgeklärter Wissenschaft zu sehen. Wer so vereinfacht denkt, sollte sich vielleicht einmal näher mit dem Jesuitenorden befassen. Und das kann er in Prag am besten im Klementinum in der Altstadt tun.

Am besten schaut man dann einmal ganz nach oben auf die Spitze des großen Turmes: Dort sieht man die (schon recht heidnische) Figur des Atlas, der die Himmelssphären auf seinen Schultern trägt (großes Bild oben). Die Statue wurde von dem berühmten Barock-Bildhauer Matthias Bernhard Braun gestaltet und nach der Fertigstellung des Turmes 1722 dort aufgestellt . Das kann man kaum anders als eine klassische Allegorie auf die Wissenschaft der Astronomie interpretieren. Und richtig: In dem 68 Meter hohen Turm befindet sich tatsächlich eine – nach damaligen Standards hochmoderne – Sternwarte. Und die wurde hier von den Jesuiten eingerichtet. Aber wie kam es dazu?

Es fing damit an, dass dem böhmischen König Ferdinand I. (dem späteren deutschen Kaiser) bei seinem Amtsantritt missfiel, dass die Böhmen mehrheitlich für seinen erz-katholischen Geschmack viel zu protestantisch oder hussitisch waren. Besonders war ihm die Karlsuniversität (unser Bericht hier) als Hort protestantisch-hussitischer Intellektualität ein Dorn im Auge. Dass sie schon seit den Hussitenkriegen im 15. Jahrhundert eine rein tschechische Universität war, die von gemäßigten Hussiten (den Utraquisten) geführt war, stellte aber auch einen Schwachpunkt dar, den der König ausnutzen konnte. Die Universität war dadurch nämlich vom internationalen „Wissenschaftsbetrieb“ (meist katholisch, fast immer in der Weltsprache Latein lehrend) weitgehend abgekoppelt und nicht mehr die führende Bildungsstätte, die sie bei ihrer Gründung 1348 einmal war. Die 1540 in Spanien gegründeten Jesuiten, so fand Ferdinand, waren in der Lage, gegenüber den Utraquisten eine überlegene Konkurrenz aufzubauen. Die Mission des Ordens war es, Bildung und Kaderschulung zu betreiben und dem Glaubensgegner intellektuell etwas entgegen zu setzen. Die Jesuiten fingen jedenfalls nach der Einladung durch Ferdinand gleich 1556 mit dem Aufbau einer neuen Einrichtung und schon 1562 wurde ihr Klementinum offiziell in seine Universitätsrechte eingesetzt.

Der Anfang war trotzdem mühsam. Man bezog ein altes, verfallenes Dominikanerkloster in der Altstadt und litt unter Geldmangel. Die Lage änderte sich, als 1620 die katholisch-habsburgische Seite in der Schlacht  am Weißen Berg (auch hier) über die böhmischen Protestanten siegte, und nun eine rigide Politik der Zwangskatholisierung durchführte. Im Zuge dieser Gegenreformation nahm das Klementinum nun einen riesigen Aufschwung. Kaiser Ferdinand II. sorgte 1622 dafür, dass das Klementinum nun auch die Verwaltung der Karlsuniversität mit übernahm (und sie entsprechend umstrukturierte).

Die Studenten im Klementinum waren als gute Jesuitenschüler natürlich Gegner jeder Rückkehr des Protestantismus. In die Nationalmythologie der Tschechen ging der verzweifelte, aber erfolgreiche Kampf auf der Karlsbrücke ein, den sich Prager Studenten mit den Schweden lieferten, die ganz zu Ende des Dreissigjährigen Krieges 1648 noch einmal versuchten, Prag einzunehmen. Das waren natürlich primär die Studenten des Klementinums, was weniger häufig erwähnt wird. Nun ja, sie hätten auch bei einem Erfolg der protestantischen Schweden viel zu verlieren gehabt. Und außerdem lag das Klementinum genau am Ausgang der Brücke, die die Schweden für ihren Einmarsch zwangsläufig nutzen mussten, auf der Altstadtseite. Man war sozusagen gleich bei der Stelle.

Sein Sohn Ferdinand III. vereinigte 1654 die beiden Institutionen auch formell als Karl-Ferdinand-Universität (was bis 1882 so blieb). Das war auch baulich mit einem enormen Aufschwung verbunden. In den Jahren 1653 bis 1726 entstand hier der nach der Burg zweitgrößte Gebäudekomplex der Stadt. Er umfasst fünf große Innenhöfe und eine Fläche 2 Hektar (20.000 m²). Das kann man gar nicht mit einem Blick überschauen, aber gottlob stehen überall in den Innenhöfen Lagepläne mit einer Luftaufnahme, die einen Gesamteindruck vermitteln (kleines Bild links). Ein Großteil der oft skulptural wohldekorierten (Beispiel Bild oberhalb rechts) Barockgebäude wurde von dem renommierten Architekten Carlo Lurago und später von Franz Maximilian Kaňka geplant.

Zu dem Komplex gehörten gleich vier Kirchen, nämlich die Kirche zum Allerheiligsten Salvator (Kostel Nejsvětějšího Salvátora), über die wir schon hier berichteten (man sieht den Portikus im Bild rechts), die Spiegelkapelle (Zrcadlová kaple; über die wir hier schrieben), die Kapelle Mariä Himmelfahrt (Kaple Nanebevzetí Panny Marie) und die St.-Clemens-Kathdrale (Katedrála sv. Klimenta). Es wurden unzählige Unterkünfte für Gelehrte und Studenten sowie Hörsäle eingerichtet. Die Jesuiten machten Nägel mit Köpfen und bauten im Klementinum einen Wissenschaftsstandort mit allem Schikanen auf.

Ein Beispiel war der Turm mit der Sternwarte. Die Astronomen berechneten hier die Zeit so genau, dass sie mit einem Kanonenschuss den Pragern (die damals ja noch keine Armbanduhren kannten) präszise und unüberhörbar die Mittagszeit anzeigen konnten. Zur Sicherheit gab (bzw. gibt es am Turm auf eine Sonnenuhr – im Bild links zu sehen). Zum selben Gebäudetrakt gehört die riesige Bibliothek, die ebenfalls 1722 eingeweiht wurde und bald 20.000 Bände ihr eigen nennen durfte. Unter ihrem Leiter Karel Rafael Ungar wurde ab 1781 erstmals eine Abteilung für Literatur in tschechischer Sprache eröffnet. Einem Nebengebäude verdankt man, dass Prag zu den metereologisch am besten erforschten Städten gehört. Denn am 1. Januar 1775 begann hier der Mathematiker und Jesuit Joseph Stepling mit täglichen Wetteraufzeichnungen. Der hatte auch schon 1751 das Mathematikmuseum eröffnet. Stepling war ein herausragendes Beispiel für die wissenschaftlichen Talente, die die Jesuiten hier hervorbrachten.

Die gute Zeit für die Jesuiten endete 1773. In diesem Jahr löste die aufgeklärte Kaiserin Maria Theresia. (übrigens einem päpstlichen Beschluss folgend) den Jesuitenorden auf. Die Anlage kam in Staatsbesitz (wo sie sich – mit Ausnahme der Kirchen – immer noch befindet). Aber die Habsburger waren weiterhin an moderner Wissenschaft lebhaft interessiert. Das Observatorium wurde zunächst unter der Leitung des Mathematikmuseums weiterbetrieben. Kaiser Joseph II. erklärte die Bibliothek 1781 zur Nationalbibliothek, wodurch der Bestand erweitert wurde (teilsweise um wertvollste mittelalterliche Handschriften, die heute Stolz der Sammlung sind). Die aufgeklärten Habsburger waren Stolz auf ihre Forschungs- und Lehranstalt, weshalb man heute noch viele habsburgische Insignien aus jeosephinischer Zeit angebracht sehen kann – etwa im Bild oberhalb rechts der Doppeladler mit Inschrift zu Ehren Josephs II. über dem Hofeingang zur Straße Křižovnická.

Nebenbei pflegte man auch sonst die die Musen. Wolfgang Amadeus Mozart war zeitlebens gerne in Prag und ungekehrt war er auch in Prag ein gern gesehener Gast (und dort weitaus beliebter als im heimischen Wien). Die Spiegelkapelle (die immer noch ein beliebter Konzertsaal ist) war einer der Orte, wo er des öfteren seine Musik aufführte. 1837, zum 50 Jahrestag der Uraufführung der Oper Don Giovanni, wurde daher im Klementinum das erste Mozart-Museum der Welt eröffnet. Das wurde in der Vorhalle der Spiegelkapelle eingerichtet, wo sich heute noch eine Mozart-Büste (Bild links) befindet, die der Bildhauer Emanuel Max von Wachstein im Eröffnungsjahr gestaltet hat, und die angeblich sehr lebensnah den Komponisten portraitiert. Man konnte dort viele Originalhandschriften bewundern. Das Museum gibt es so nicht mehr, aber die wertvollen Dokumente, die damals gesammelt wurde, stehen heute in der Bibliothek der Forschung zur Verfügung.

Das Klementinum entwickelte sich weiter zu einem Wissenschafts- und Kulturzentrum – etwa als Ort der Gründung eines Kunstmuseums (1796), aus dem sich später die Nationalgalerie entwickelte oder als Erstsitz der Akademie der Bildenden Künste von 1799 bis 1886. Sogar das Erzbischöfliche Priesterseminar durfte hier bis 1929 wirken, denn ganz so antiklerikal war man denn doch nicht. Nur die Jesuiten, die 1814 nach einem Papstedikt wieder legal wurden, bekamen keine Restitution. Das Klementinum blieb in staatlicher Hand. 1882 wurde die Universität in eine deutsche und eine tschechische geteilt, wobei das Klementinum tschechisch blieb. 1918 kam die Erste Republik und die Habsburgerherrschaft endete. 1924 erweiterte man die Bibliothek ein wenig und modernisierte sie nach Plänen des Architekten Ladislav Machoň, über den wir schon hier und hier berichteten.

Das Klementinum ist heute noch eine staatliche Einrichtung und beherbergt hauptsächlich die Nationalbibliothek des Landes. Darüber hinaus sind Teile des Klementinums, insbesondere der prachtvolle barocke Bibliothekssaal, die Sternwarte , eine Gallerie für Ausstellungen, die drei Kirchen, für das Publikum zu besichtigen. Sternwarte und Bibliothek (hier leider Photographierverbot) kann man zusammen in einer geführten Tour besichtigen. Das lohnt sich neben anderem auch deshalb, weil man vom Turm aus eine unglaubliche und spektakuläre Aussicht über Prag genießen kann. Da die Jesuiten 1722 noch keine Aufzüge einbauen konnten, muss man allerdings die sämtlichen 172 Stufen selbst hochsteigen. Ach ja: In den Kirchen, die sich allesamt durch eine gute Akkustik auszeichnen, finden auch häufig qualitativ hochstehende Konzerte statt. Auch das macht einen Besuch beim Klementinum zu einem unerlässlichen Teil jedes Prag-Besuches. (DD)

Wirkungsvoller Florian

Heute ist der 4. Mai, was – wie jeder weiß – der Internationale Tag der Feuerwehrleute ist. Wie es der Zufall will, ist es auch der katholische Gedenktag für den Heiligen Florian, dem Schutzpatron gegen Brandgefahren. Was dafür spricht, dass das Zusammenfallen der beiden Gedenktage doch kein Zufall ist. Wie dem auch sei: Heute ziert der Heilige Florian diesen Blog.

So wie man ihn hier sieht, ist er mitten in der Altstadt, auf dem Altstädter Ring (genauer: Staroměstské náměstí 29/460) zu finden. Die überlebensgroße Statue befindet sich auf Höhe des ersten Stocks an der Ecke eines Hauses, das auf mittelalterliche Ursprünge zurückblicken kann. 1620 rückte es kurz in das Rampenlicht der Geschichte, weil unmittelbar nach der verlorenen Schlacht am Weißen Berg kein Geringerer als der „Winterkönig“ Friedrich von der Pfalz hier übernachtete, der die vergebliche Hoffnung der Böhmen verkörperte, sich vor Zwangskatholisierung und der Habsburgerherrschaft zu retten, verkörperte. Jetzt musste er vor den siegreichen Truppen der Feinde fliehen.

Im Jahre 1627 wurde dann hier ein Kloster des Ordens der Serviten errichtet . Und in der Zeit der Gegenreformation war bei Klöstern üppiger Barock angesagt. Und so wurde das Gebäude völlig umgestaltet. Ergo sehen wir heute hier eben ein prächtiges Barockhaus. Das Kloster wurde allerdings durch die Kirchenreformen Kaiser Josephs II. Anfang der 1780er Jahre aufgelöst und säkularisiert. Heute residieren hier ein Restaurant und ein Hotel.

Die Statue des Heiligen Florian wurde hier an diesem manchmal auch Dům U Zlatého anděla (Haus zum Goldenen Engel) genannten Gebäude um das Jahr 1760 angebracht. Sie ist das Werk des damals überaus bekannten böhmischen Barockbildhauers Ignaz Franz Platzer, der überall im barocken Prag damals seine Spuren hinterließ. Der Florian hat hier alle Attribute, die er bei solchen Darstellungen braucht: (Pseudo-) römische Rüstung, Lanze mit Fahne, ein Wassereimer mit dem er gerade ein brennendes Haus löscht. Eingefasst ist das Ganze in eine Kartusche aus Stuck – ebenfalls in einem spätbarocken Stil gehalten.

Die einst klösterliche Nutzung sieht man dem Haus heute beim besten Willen nicht mehr an. Erkennbar ist es mit seinen hübschen Erkern und der stuckenen Fensterverkleidungen ein kleines barockes Meisterwerk. Der Heilige Florian dominiert den äußeren Eindruck – übrigens so wirkungsvoll, dass bisher kein größeres Feuer im Haus zu verzeichnen war. Weil er so dominant ist, sei man auch noch auf die kleine Kartusche über dem Fronteingang hingewiesen, die einen putzigen Engel darstellt, der über den Wolken schwebt. (DD)

Nationalkirche mit Mietwohnungen

Der vergoldete Kelch auf dem Dach ist von weithin sichtbar und wohl fast so etwas wie ein Wahrzeichen des Stadtteils Holešovice (Prag 7). Überhaupt ist das Gemeindehaus der Hussitischen Kirche (Husův sbor) dort ein ungewöhnliches Gebäude. Das zeigt sich nicht zuletzt auch im Inneren des Gebetsraums, wie man hier sieht.

Aus der Nähe betrachtet weiß man nicht, ob man es bei dem Gebäude in der Farského 1386/3 mit einem funktionalistischen Wohnhochhaus oder einem hyper-modernistischen Gotteshaus zu tun hat. Tatsächlich ist es beides und noch viel mehr. Blicken wir erst einmal zurück in die Geschichte: Im Mai 1927 wurde in Holešovice die örtliche Gemeinde der Tschechoslowakischen Kirche (Církev československá, CČS) gegründet. Die CČS, die sich ab 1971 Tschechoslowakische Hussitische Kirche (Církev československá husitská) war 1920 vondem ehemals katholischen Theologen Karel Farský (nach dem die Straße Farsého benannt ist) als eine Art tschechischer Nationalkirche mit reformerischen Modernitätsanspruch gegründet worden. Um diesen Anspruch zu unterstreichen, waren die Kirchenneubauten der CČS oft in jeder Hinsicht – sowohl in Funktion als auch Architektur – ausgesprochen avantgardistisch (ein Beispiel stellten wir u.a. hier vor).

Soweit war man in Holešovice 1927 noch nicht. Ein Gotteshaus hatte man noch nicht und die Gründung der Gemeinde fand erst einmal im Freien statt. Man musste zunächst für das erste eine ehemalige kleine Turnhalle für Gottesdienste anmieten. Später diente ein Raum in einer Realschule demselben Zweck. Aber so konnte es natürlich nicht weitergehen. Schon im Juni 1927 gründete die neue Gemeinde eine Baugenossenschaft, die die Finanzierung eines Gotteshauses organisieren sollte. Man wählte als potentiellen Architekten Karel Truksa aus, der schon einige Erfahrung mit Kirchen der CČS hatte (ein Beispiel zeigten wir hier), den man allerdings nach den ersten Projektentwürfen durch František Kubelka ersetzte. Aber auch dessen Pläne ließen sich ohne Geld nicht umsetzen. Erst als der Abgeordnete Bohuš Rodovský, ein wohlhabendes Gemeindemitglied und Freund von Präsident Masaryk (dessen Familie er unterstützte, als sich dieser ab 1915 im Exil befand), eine günstige Hypothek vermittelte, konnte es losgehen. Und so wurde das Gebäude nach Kubelkas Entwürfen in den Jahren 1935 bis 1937 ganz und gar im Stil des Funktionalismus realisiert.

Nun waren Kirchen der Tschechoslowakischen Kirche nie nur Kirche, sondern auch Gemeinde-, Sozial- und Kulturzentrum für die Gemeinde. Das war auch hier so. Das Gebäude enthält neben dem Gebetsraum auch Räume der Kirchenverwaltung, Sozialeinrichtungen, einen Kindergarten und mehr. Typisch für Zentren der CČS ist auch die Einrichtung eines Kolumbariums, einer Urnenbegräbnisstätte, im Keller. Originell war hingegen, dass man das Ganze finanziell tragbar machte, indem es dort auch Mietwohnungen gab. Zu den prominenteren Bewohnern, die hier schon bald einzogen, gehörte der Dichter und Schriftsteller František Hrubín (der sich nach 1948 so gegen die Vereinnahmung von Schriftstellerei durch die Kommunisten wehrte, dass er Publikationsverbot erhielt). Das erklärt, warum das Gemeindehaus ohne den um ein Patriarchenkreuz ergänzten Kelch auch dem Dach (das Symbol aller reformerischen Kirchen im Lande) wohl eher wie ein bloßes Miets- oder Bürohaus aussähe.

Spätestens, wenn man sich dem Eingang nähert, verfliegt aber dieser Eindruck. Schon die weiten Eingangstüren sind mit dem roten Kelchsymbol der Hussiten geschmückt. Schon durch das Foyer sieht man die unglaublichen Lichteffekte des Gebetsraums, der das Kernstück des Ganzen bildet. Dessen Apsis wurde von dem Maler und Glaskünstler Čeněk Otakar Jandl mit Buntglasfenstern versehen. Das Halbrund beleuchtet den Altar mit dem großen Kreuz mit Christus, das ein noch nach Entwürfen des berühmten verstorbenen Bildhauers Josef Václav Myslbek, dem Schöpfer der berühmten Reisterstatue des Heiligen Wenzels auf dem Wenzelsplatz. Unter der Glasapsis befindet sich im Halbrund ein Relief des Bildhauers Ladislav Novák. Es stellt Szenen aus dem Leben von Karel Farský und der Gründung der Tschechoslowakischen Kirche dar.

An den Seiten des Gebetsraums finden sich weitere Glasfenster von Jandl, diesmal aber nicht abstrakt gehaltene, sondern an jeder Seite je drei Portraits bedeutender historischer Persönlichkeiten des böhmischen Christentums und des Hussitentums. Das sind v.l.n.r. der Nationalheilige Wenzel, der Hussitenfeldherr Jan Žižka, der Frühreformer Jan Hus (auf dem Scheiterhaufen) auf der einen Seite, den (einzigen hussitischen) böhmischen König Jiří z Poděbrad, die Slawenapostel Kyrill und Method, der reformatorische Pädagoge Jan Amos Komenský (Comenius) auf der anderen. Dass ein Nicht-Heiliger und Kriegsherr wie Žižka hier auf einem Kirchenfenster abgebildet ist, unterstreicht, dass es bei der Gründung der Tschechoslowakischen Kirche nicht nur um Religion, sondern vor allem auch um eine politische – also tschechisch-nationalistische – Angelegenheit ging. (DD)

Kreuzweg mit allem Zubehör

Heute ist Ostern. Und die Osterzeit ist die Zeit der Passion und der Auferstehung Christi. Der Petřín-Berg hoch über der Kleinseite ist so etwas wie der heilige Berg Prags. Neben einer großen Kirche ist es vor allem der berühmte Passionsweg oder Kreuzweg (křížová cesta) samt einer Grabeskirche und einer Kalvarienbergkapelle, die diesem Ort eine ganz besondere Atmosphäre verleihen. Man sollte also gerade Ostern nicht nur die touristische Hauptattraktion, den berühmten Aussichtsturm bewundern. Dass der Berg einen Passionsweg bekam, verdankt er möglicherweise einer alten Legende.

Gehen wir also in die graue Vorzeit zurück. In slawischer Vorzeit soll hier gemäß alter Legenden auf dem Berg eine Opferstätte für den dort hausenden Gott Perun gewesen sein, der für Donner, Blitz und Gewitter zuständig war (darin dem germanischen Thor vergleichbar), und in der ein ewiges Feuer loderte. Mit der Ankunft des Christentums nach der Taufe des böhmischen Herrschers Bořivoj I. im Jahre 883 wurden Peruns Kräfte schwächer und das das Feuer wurde schwächer und schwächer. Als schließlich Herzog Boleslav II. – auch Boleslav der Fromme genannt – den Petřín für den Bergbau erschließen wollte, sah sich Perun in seiner Not gezwungen, wieder zu erscheinen und furchterregend zu prophezeien:  „Und wieder werden die Menschen zu den alten Göttern zurückkehren, und wieder werden an dieser Stelle zu ihren Ehren die Feuer der heiligen Opfer brennen.“ Die Prager kriegten es mit der Angst tun und zündeten wieder Opferfeuer an, um den Zorn Peruns abzuwenden und ihn dadurch irgendwie auch wieder mächtiger zu machen. Die Aussicht auf ein Revival des „Heidentums“ bereitete dem frommen Boleslav nun überhaupt keine Freude. Er suchte nach Rat, wie man diesem Treiben ein Ende setzen könne. Er fand ihn beim Prager Bischof und Heilige Adalbert, der riet, die Feuer der Prager zu löschen und oben auf dem Berg ein Gotteshaus zu errichten.

Gesagt getan. Deshalb steht oben auf dem Gipfel des Berges heute die St. Laurentius-Kirche auf dem Petřín (Kostel sv. Vavřince pod Petřínem) Die heutige Kirche ist ein neuzeitliches Barockgebäude (Bild rechts), aber ihre Ursprünge gehen auf das Jahr 991 zurück, also tatsächlich in die Regierungszeit von Boleslav dem Frommen. Den Namensgeber, den Heiligen Laurentius, hatte man mit bedacht gewählt, den der war den Märtyrertod durch Verbrennen gestorben und wurde folglich der Patron gegen allerei mit Feuer verbunden Unheilen, etwa Feuersbrünsten oder Brandwunden. Gegen das befürchtete Unheil, das von Peruns Feuer auszugehen drohte, wirkte das jedenfalls. Der tauchte darob nicht wieder in der Gegend auf. Um ganz auf Nummer sicher zu gehen, nannte man den Berg auch Laurenziberg. Und noch eins setzte man im frühen 12. Jahrhundert drauf, indem man am Fuß des Berges noch eine nach dem Heiligen benannte Kirche, die Kirche St. Laurentius unter dem Berg Petřín (Kostel sv. Vavřince pod Petřínem, siehe auch hier), um Perun endgültig zu umzingeln. Er tut einem eigentlich schon fast Leid, der arme und nun chancenlose Perun…

Aber hier geht es weniger um die beiden Laurentiuskirchen, sondern um den Kreuzweg mit allem seinen Zubehör, der gerne mal übersehen wird. Dessen Geschichte beginnt viel später, wahrscheinlich in den Zeiten der späten Gegenreformation, um dadurch den Volksglauben zu stärken, der sich ja gerne mit dererlei Legenden verbindet. In den Jahren von 1738 bis 1740 wurde erstmals ein barocker Kreuzweg angelegt, der von einer der mittleren Trassen hinauf auf den Vorplatz der oberen St. Laurentius Kirche führte. Traditiongemäß wurden in kleinen Kapellen die 14 Stationen des Leidens Christ dargestellt. Vorbereitend hatte man schon im Jahr zuvor, 1737, eine kleine Grabeskirche gebaut, die der Heilig-Grab-Ädikula in Jerusalem nachempfunden worden war. Darauf kommen wir noch zurück. Das Pilgern auf Kalvarienbergen war jedoch anscheinend einige Jahre später dem aufgeklärten Habsburgerkaiser Joseph II. als Relikt des Aberglaubens arg zuwider, weshalb er sie 1785 im Zuge seiner Kirchenreformen verbot. Ungenutzt begannen die Stationskapellen ein zu verfallen.

Aber auch dieses traurige Kapitel der Geschichte ging bald vorbei. 1836 wurden die Stationskapellen abgerissen. Der Abriss erfolgte allerdings im Zusammenhang mit Planungen für einen frischen Neuaufbau, der dann auch 1838 auf Veranlassung und durch Spenden des Oberstburggrafen und Mäzens Karl Graf Chotek begann. Es wurden 14 neue nunmehr klassizistische Kapellen von dem späteren Dombaumeister Josef Kranner (siehe auch hier) als Architekten entworfen. Die wurden alle bauidentisch in Form einer Ädikula, gebaut, was eine Art Kleintempel ist, der sozusagen nur aus einer Front besteht. Auf den dreieckigen Giebeln befindet sich je ein Kreuz. In einer Bogennische befinden dann die Bilder der jeweiligen Stationen. Der durchschnittliche Abstand zwischen den Stationen beträgt 35 Meter, was diesen zu einem vergleichweise eher kurzen Kreuzweg macht.

Die Bilddarstellungen folgen aber dem traditionellen Kanon und wurden von dem Maler Joseph von Führich im damals populären Stil der Nazarener gemalt, weshalb stilistische Ähnlichkeiten mit den Bibelillustrationen des deutschen Mit-Nazareners Julius Schnorr von Carolsfeld auffallen. Führichs Gestaltung wurde übrigens vor allem in Mitteleuropa so stilprägend, dass man sogar von Führich-Kreuzwegen spricht.

Hier die Bilder im einzelnen:

Dargestellt wurden von links nach rechts: (Station 1) Jesus wird zum Tode verurteilt, (2) Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schulter, (3) Jesus fällt zum ersten Mal unter der Last des Kreuzes, (4) Jesus begegnet seiner Mutter Maria.

Weiter geht es mit: (5) Simon von Cyrene hilft Jesus, das Kreuz zu tragen, (6) Veronika reicht Jesus das Schweißtuch, (7) Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz und (8) Jesus begegnet den weinenden Frauen.

Und: (9) Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz, (10) Jesus wird seiner Kleider beraubt, (11) Jesus wird andas Kreuz genagelt und (12) Jesus stirbt am Kreuze.

Und:: Noch einmal ein Ausschnitt als dem Bild der Station 12, dann (13)  Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt und zuletzt (14) der heilige Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt. Die Motive folgen meist den Schilderungen des Neuen Testaments, aber auch hier bei diesem Beispiel wird der für Passionswege festgelegte eigene (ikonographische) Kanon verwendet, der Stationen enthält, die so in der Bibel nicht vorkommen – etwa die Geschichte vom Schweißtuch der Veronika oder, dass Jesus drei Mal fällt. Da es sich bei Passionswegen um gelebte Volksfrömmigkeit handelt, sind die Bildunterschriften natürlich in Tschechisch verfasst. Als die Farben der Führichschen Malerei etwas verblassten, unternahm übrigens der bekannte Maler Jakub Schikaneder 1884 eine umfassende Restauration.

Das wichtige an der Passionsgeschichte ist aus christlicher Sicht natürlich nicht nur der Kreuzestod und die Grablegung Christi, sondern vor allem die Auferstehung, die wir bekanntlich zu Ostern feiern. Die ist in der Regel kein Teil des Kanons der 14 üblichen Passionsstationen (nur ganz vereinzelt gibt es welche mit 15 Stationen, die die Auferstehung oder die Kreuzauffindung durch Kaiserin Helena einbeziehen), bildet aber beim Passionsweg auf dem Petřin/Laurenziberg konsequenterweise dessen ergänzenden und krönenden Abschluss.

An der Verlängerung des Endabschnitts befindet sich als entsprechende Ergänzung die beühmte Kalvarienbergkapelle des Petřinberges. Die wurde schon 1735 im Stil des Barock erbaut, was man noch schön an dem kleinen typischen Zwiebelturm erkennen kann. Allerdings wurde die Fassade 1898 historistisch so überarbeitet, dass das zunächst nicht auffällt. Bei der Neugestaltung entstanden die großen schwarz-weißen Sgraffiti von der Auferstehung Christi, die von keinem Geringeren als dem damaligen Star unter den Historienmalern, Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier und hier), entworfen wurden. Sie sind stilistisches eher der böhmischen Spätgotik (auch Jagellonengotik genannt) nachempfunden, was geradezu das Markenzeichen des Künstlers war.

Die Darstellung des unter dem Banner des Kreuzes hoch über den Wolken auferstehenden Jesus Christus ist äußerst plastisch. Über dem Eingang, der zu einem kleinen und (bis auf ein Kreuz) fast völlig schmucklosen Innenraum führt, hat Aleš den Schriftzug „Vstalt teto chvíle“ angebacht. Das ist eine etwas verkürzte Fassung des Liedtitels Vstalť jest této chvíle (Die Auferstehung ist in diesem Augenblick). Dabei handelt es sich um ein Osterlied der gemäßigten Hussiten (Utraquisten) aus dem 15. Jahrhundert, das erstmals 1522 in einem posthumen Hymnenbuch des 1492 verstorben Komponisten Václav Miřinský veröffentlicht worden war. Miřinský gehörte zu den ersten Komponisten, die Kirchenlieder in Tschechisch komponierten oder lateinische Lieder ins Tschechische übersetzten.

Mit dem Rückgriff auf das hussitische Erbe wurde durch Aleš ein wenig des im 19. Jahrhundert um sich greifenden tschechischen Patriotismus in die Passionsgeschichte hereingetragen. Aber nicht so viel, dass die christliche Botschaft durch zu viel Politik beschädigt wurde, denn das Lied war trotz seines hussitischen Ursprungs in dieser Zeit bereits Teil des von allen Konfessionen anerkannten Kanons. Früher wurde das Lied in Böhmen/Tschechien wohl häufig bei katholischen Prozessionen am Karsamstag (in Tschechien Weißer Samstag – bilá sobota – genannt) gesungen.

Während die erste Hälfte des Aufstiegs noch in einem Walstück stattfindet, befindet man sich bei Erreichen der Höhe sozusagen „im Freien“. Bevor der Passionsweg hier geradewegs auf die Kalvarienbergkapelle zusteuert, macht er auf dem Gipfelplateau noch einmal eine große Kurve.

Dabei kommt er dicht an dem allerdings völlig beziehungslos dazu stehenden und völlig säkularen Aussichtsturm (Baujahr 1891) vorbei, was einen lustigen Tradition-Moderne-Kontrast hervorruft (siehe Bild links).

Aber darum konnte es den Erbauern des Kreuzweges natürlich nicht gehen. In der Tat umrundet er gemäß Bauabsicht in Wirklichkeit die Heilig-Grab-Kapelle auf dem Petřin (Kaple Božího hrobu na Petříně). Die wurde bereits im Zuge der Errichtung des ersten Kreuzwegs im Jahre 1737 durch den bedeutenden Barock-Architekten Kilian Ignaz Dientzenhofer erbaut (frühere Beiträge u.a. hier, hier und hier). Sie wirkt aber nicht wie eine Barockkapelle. Das liegt zum einen daran, dass eine Kapelle mit offiziellem Grabkirchenanspruch sich in seiner Gestalt auch einigermaßen an das Original der Ädikula in Jerusalem halten muss, die ursprünglich ein stätrömischer Bau aus dem 4. Jahrhundert unter Kaiser Konstantin gewesen war, und die auch bei späteren Restaurationen und Umbauten (vor allem im 16. und 19. Jahrhundert) im Kern beibehalten wurde.

Und genau daran hielt sich Dientzenhofer auch in Größe und Gestaltung des Gebäudes. Folglich haben wir es mit einer klassischen kleinen Struktur in Form eines Hauses mit kleinem Dachturm zu tun, das innen (obwohl man als Tourist das kaum sieht, weil es eigentlich immer verschlossen ist) aus zwei Räumen besteht – einem Vorraum und einem Hauptraum als „Grabkammer“ oder auch „Engelskammer“. An den Außenfassaden befinden sich – wiederum vorbildgemäß – feine Spitzbögen.

Während die originale Ädikula (also die eigentliche Grablege Jesu) in Jerusalem noch einmal runum von einer riesigen Grabeskirche umbaut ist und sich somit „drinnen“ befindet, steht die Imitation auf dem Petřín allerdings frei „draußen“, was bei den Nachbauten, vor allem auch in Böhmen/Tschechien (Beispiel hier und hier) meistens der Fall war.

In diesem Fall ermöglichte dies noch einen besonderen, von Dientzenhofer beabsichtigten optischen „Show-Effekt“. Das Fenster der „Grabkammer“ wurde so platziert, das zu Ostern, punktgenau um drei Uhr nachmittags ein Sonnenstrahl auf den Opferstein in der Mitte des Raums. Auch dies ein künstlerischer Beitrag, der dem Gedanken der Volksfrömmigkeit entgegenkam.

Neben dieser künstlerischen Beschränkung auf die „Imitation“ des Originals waren es natürlich auch spätere Renovierungen, die dem Gebäude noch mehr den orignär-spezifischen Barockcharakter à la Dientzenhofer nahmen. Die erste größere fand 1845 statt und schlug sich in den Ornamenten in den Spitzbögen (Beispiel Bild links) oder der Darstellung des Christus Pantokrator (Weltenherrscher) über dem Eingang nieder. Sie sind ästhetisch an die Führichschen Darstellungen an dem damals frisch angelegten neuen Passionsweg angelehnt. Renoviert wurde die Kapelle natürlich auch danach immer wieder, so zum Beispiel 1881, 1968 und zuletzt 2018.

Der Eingang selbst ist mit einer Türe versehen, die ein Glalsfenster hat. Das erlaubt wenigstens den Blick in den Vorraum, wenngleich nicht in die durch eine kleinere Tür verbundene „Grabkammer“. Immerhin kann man über dieser Tür ein Gemälde das dem Jahr 1936 erkennen, das Christus darstellt, wobei die Darstellung der von Ikonen folgt. Das Ganze wurde sorgfältig bei der Restaurierung 2018 wiederhergestellt. Zuvor war es so vom Zahn der Zeit angenagt, dass es nicht mehr erkennbar war.

Kurz: Es gibt auf dem Petřín viel zu sehen, wenn man sich für die Kulturgeschichte des Kreuzweges interessiert. Der heutige Ostertag wäre nicht der schlechteste Tag für eine Erkundung. (DD)

Was vom Kloster übrig blieb

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dieses altertümliche Gebäude in der Na Zderaze 269/4 (Prager Neustadt) mit dem irgendwie nicht passenden Schornstein sei ein Zeugnis der frühen Industriellen Revolution in Böhmen. Tatsächlich ist es aber das, was von einem alten Kloster übrigblieb, das später verschiedenen, nicht-klösterlichen Zwecken zugeführt wurde. Das, was man hier sieht, ist die Probstei – eines von zwei Gebäuden, die vom alten Klosterkomplex erhalten sind.

Das Kloster von Zderaz (klášter Na Zderaze) wird im Jahr 1090 zum ersten Mal schriftlich erwähnt, als unter Vratislav II., dem ersten König Böhmens, hier von seinem getreuen Ritter Zderaz (daher der Name des Ortsteils) eine Kirche geründet wurde, die um 1190 zu einem Kloster des Ordens der Chorherren vom Heiligen Grab erweitert wurde. In dieser Zeit wurde auch die Klosterkirche Kirche St. Peter und Paul (Kostel sv. Petra a Pavla) vergrößert und im 14. Jahrhundert noch einmal gotisiert. Während der Hussitenkriege kam das Klosterleben zum Erliegen und die Kirche wurde verwüstet (die Neustadt, in der sie liegt, war Hochburg besonders radikaler Hussiten). Die Ordensleute waren darob so echauffiert, dass sie erst 1623 – als nach der Schlacht am Weißen Berg die Katholiken Böhmen wieder voll unter Kontrolle hatten – wieder hier einzogen und ihr Klosterleben zu führen.

1715 begann mit einer Großspende, die einen prachtvollen Ausbau ermöglichte, die große Zeit des Klosters. Nach den Entwürfen des italienisch-böhmischen Barockarchitekten Johann Blasius Santini-Aich (wir berichteten u.a. hier) wurde das Kloster vergrößert, modernisiert und auf Barock gestylt. 84 Mönche taten hier ihr Werk. Es gab ein Krankenhaus und eine Schule. Die Kirche wurde völlig neugebaut. Zusätzlich wurde noch eine kleine Kapelle zum Heiligen Geist (Kaple Božího hrobu, siehe Bild rechts) gebaut, eine damals in vielen europäischen Barockkirchen vorkommende Nachempfindung der Grabeskirche in Jerusalem. Die glückliche Zeit dauerte bis 1784 als im Zuge der Kirchenreform Kaiser Josephs II. das Kloster aufgelöst und säkularisiert wurde. 1789 war das Ganze in eine große Kaserne verwandelt, wo statt betenden Mönchen nun Soldaten, die gedrillt wurden, hausten. Und da die Soldaten eine Waffenschmiede brauchten, wurden auch Schornsteine errichtet.

Das ging so bis 1898. In diesem Jahr verschwanden die Kasernen innerhalb Prags und das Geländes des alten Klosters ging an die neu gegründete  Tschechische Technische Universität Prag (České vysoké učení technické v Praze; abgekürzt: ČVUT). Die hatte schon 1874 nebenan am Karlsplatz ihr neues Hauptgebäude errichtet (unser Bericht hier). In den Jahren 1904/05 wurden dann zur Erweiterung durch moderne Forschungseinrichtungen alle Gebäude (inklusive der Kirche St. Peter und Paul, was heutige Denkmalschütze zum Heulen bringen könnte) des Klosters abgerissen – bis auf die etwas gotisierte Grabkapelle zum Heiligen Geist, die nun in einem Innenhof abseits der Blicke der Touristen steht, und eben der Probstei, die neben der Kirche St. Peter und Paul zu den größten Bauwerken des Klosters gehörte.

Deren Gebäude gehört zu den späteren Ergänzungen der barocken Ausbauphase des Klosters und wurde im Jahre 1756 fertiggestellt. Hier residierte der (Stifts-) Probst, ein Titel, der bei den Chorherren soviel wie der Vorsteher eines eigenständigen Klosters bedeutet und in der Kirchenhierarchie direkt unter dem Bischof steht. Der brauchte natürlich so ein großes Amtsgebäude.

Die Barockfassade ist sehr schlicht und streng gehalten, weshalb sie aus der Ferne auf den ersten Blick schon fast wie ein Werk des Klassizismus wirkt. Deshalb wohl auch der erste, aber falsche Eindruck, dass es sich in Kombination mit dem Schornstein um ein frühes Fabrikgebäude handeltt. Heute befinden sich hier ein Teil der Verwaltung der ČVUT. (DD)

Romanisches Juwel in Podolí

Sie ist ein Stück Mittelalter in einem ansonsten baulich stark vom 20. Jahrhundert geprägten Umfeld: Die kleine Kirche des Heiligen Erzengels Michael (Kostel svatého Michaela archanděla) im Stadtteil Podolí (Prag 4), die an der Moldau unter den Felsen von Braník und des Vyšehrad gelegen ist.

Die heutige katholische Gemeindekirche stammt aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts und wurde im Jahre 1222 erstmals urkundlich erwähnt. Sie gehörte damals wohl zum (königlichen) Kapitel des Vyšehrad. Pfarrkirche für Podolí wurde sie erst 1856. Als kleine Ruheoase abseits der Touristenströme entpuppt sie sich bei näherem Hinsehen als ein kleines Juwel früher mittelalterlicher Sakralarchitektur, das auch von den künstlerischen Entwicklungsstufen, die in den Jahrhunderten danach kamen, nicht unberührt blieb, und von ihnen bereichert wurde.

Das fing im 14. Jahrhundert mit einer leichten Gotisierung der spätromanischen Kirche an. Im 17. Jahrhundert – es war die Zeit des Barocks – gab es mehr Neuerungen , etwa der Hauptaltar mit einem Altarbild des Erzengels Michael, dem Namensgeber der Kirche. Draußen im Kirchhof wurde ein Glockenturm aufgebaut, dessen oberer Teil als Holz mit Schindeldach ist. Drinnen hängt eine ältere Glocke aus dem Jahr 1482, die 1993 um zwei zusätzliche neue aus dem Hause der bekannten Glockengießerwerkstatt Tomášková-Dytrychová (siehe auch hier) ergänzt wurde

Im 19. Jahrhundert gab es noch einmal etliche Veränderungen. Der Kirchhof wurde 1885 geschlossen und ein neuer Friedhof etwas oberhalb der Kirche eingerichtet. Man findet aber noch viele erhaltene Grabsteine, sodass diese Kirche authentischer wirkt als viele andere Gemeindekirchen, deren Friedhöfe schon in den 1780er Jahren (aufgrund einer Verordnung Kaiser Josephs II.) aufgelöst wurden. 1887 führte man Umbauarbeiten durch, die auf eine Re-Romanisierung abzielten. Das heutige, im Kern neo-romanische Erscheinungsbild geht auf diesen Umbau zurück. Dazu gehört auf das Mosaik des Malers und Restaurators Bohumil Jaroš über dem westlichen Eingang, das den Erzengel Michael darstellt.

In den Zeiten des Kommunismus fiel sie der allgemein üblichen Vernachlässigung anheim, bis sich zu Ende das Blatt wendete. 1980 wurde Jan Rosůlek Pfarrer der Gemeinde. der war ausgebildeter Architekt und Verfechter des modernen Avantgardismus. Er hatte schon in der Ersten Republik der Gruppe Devětsil angehört, einer Architekten- und Künstlervereinigung, die sich einem progressiven Kunstverständnis verschrieben hatte. Rosůlek, ein Bruder der Schauspielerin Marie Rosůlková, hatte sich 1947 zum Priester weihen lassen (nachdem er eine zeitlang der Religion abgeschworen hatte). Danach war er zahlreichen Drangsalierungen und Berufsbeschränkungen durch die Kommunisten ausgesetzt, bevor er 1980 immerhin die kleine Pfarre in Podolí übernehmen durfte. Er nutze die Gelegenheit, die Kirche mit ein wenig moderner Avantgarde anzureichern. Dabei sind insbesondere die 1988 eingesetzten Buntglasfenster nach Entwürfen des Malers Antonín Klouda zu erwähnen. Die Glasmosaike – oberhalb links ein Ausschnitt eines Bildes des Gekreuzigten – verliehen dem Kirchenraum einige kräftige neue Farbtupfer.

Die Kirche als solche besteht aus einem schlichten, geradezu archaisch wirkenden einschiffigen Bau. Wenn es von der östlich vorbeigehenden Straße Pod Vyšehradem so aussieht, als ob sie zwei Schiffe hätte, dann liegt das nur daran, dass die Fassade eines Anbaus dem östlichen Abschluss des Schiffes mit dem Altarraum gleicht.

Das ist eines von vielen Dingen, die die äußere Gestaltung der Erzengel-Michaels-Kirche ausgesprochen abwechslungsreich erscheinen lassen. (DD)