Das Kloster, das nicht fertig wurde

Es sieht aus wie ein großes Landgasthaus am Straßenrande. Und tatsächlich wird das Gebäude in der Karlovarská 1/4 in Řepy im Nordwesten Prags meist als Große Gaststätte beim Weißen Berge mit der Kapelle des Heiligen Martin (Velká hospoda na Bílé Hoře s kaplí sv. Martina) bezeichnet. Aber ursprünglich war der arg heruntergekommene Bau einmal zu Höherem bestimmt.

Bei der Grundsteinlegung im Jahr 1628 war sogar Kaiser Ferdinand II. in Begleitung des Prager Erzbischofs und Kardinals Ernst Adalbert von Harrach mit dabei. Und die Leitung des Servitenordens. Denn hier wurde das Prager Kloster des Servitenordens (klášter servitů s kaplí sv. Martina) ins Leben gerufen. Direkt in der Nachbarschaft wurde fast gleichzeitig mit dem Ausbau der Kirche Maria vom Siege (Kostel Panny Marie Vítězné), über das wir hier berichteten, zu einem Kloster begonnen. Der Grund: Man befand sich nahe beim Schlachtfeld der Schlacht zum Weißen Berg von 1620. Die wurde von den siegreichen Habsburgern als ein Sieg des Katholizismus über die Protestanten gewertet und entsprechend mit triumphalistisch prunkvollen Barocksakralbauten gefeiert.

Weder das Marien-, noch das Servitenkloster haben es trotz des imperialen Aufwandes, der da betrieben wurde, je zur Betriebsaufnahme geschafft. 1631, als die Bauarbeiten noch im gange waren, besetzten die protestantischen Sachsen im Zuges des Dreissigjährigen Kriegs Prag. Die Lage außerhalb der Stadtmauern und in einem auch noch wasserarmen Areal schien plötzlich ungeeignet zu sein. Die Serviten verkaufte Teile des Klosterlandes und zog kurzerhand in ein neues Kloster in der Nähe der Kirche des Heiligen Erzengels Michael (Kostel svatého Michaela archanděla) in der Altstadt von Prag.

Das, was vom Klostergebäude fertiggestellt worden war, wurde dem Verfall anheimgegeben. 1673 erlaubte der Erzbischof, dass die Gebäude an Maximilian Valentin, Graf von Martinitz, den Oberstburggrafen der Prager Burg, verkauft werden durfte. Der Graf baute hier nun ein Kranken- und Armenhaus, das 1689 fertiggestellt war. Zu dem Komplex gehörte nun auch eine große Kapelle, die dem Heiligen Martin gewidmet war. Auch sonst wurde das Gebäude im barocken Stil neu gestaltet, wie zum Beispiel der Eingang im Bild oberhalb rechts belegt.

Ja, und eine große Gaststätte für vorbeiwandernde Pilger wurde auch eingerichtet. Im 18. Jahrhundert wurden – vor allem nach Bränden in den Jahren 1740 und 1757 – immer wieder Renovierungen und Ausbaumaßnahmen getroffen. Desgleichen passierte nach einem größeren Feuer 1842. Dann, im Jahre 1862 wurde der Krankenhausbetrieb eingestellt. Jetzt bleib ein landwirtschaftlicher Betrieb, der mit einem gastwirtschaftlichen verbunden war. Die Kapelle, die inzwischen deskiert worden war, wurde in ein Wohngebäude. Es wurden Stockwerke eingezogen. Die großen Fenster wurde verkleiner. Das ist vor allem bei den heutigen Fenstern nicht unbedingt schön anzusehen.

Da sie an einer Hauptverkehrsader gelegen ist, war die Gaststätte lange durchaus lukrativ. Heute ist alles geschlossen und sieht armselig und verfallen aus. 1948 hatten die frisch an die Macht gekommenen Kommunisten das ganze enteignet. Im Gebäude wurde das Welthauptquartier der Internationalen Organisation der Journalisten (IOJ)untergebracht, ein ursprünglich Gewerkschaften nahestehende, aber bald völlig kommunistisch gesteuerter Verband. Die nicht-kommunistischen westlichen Untereinheiten bildeten 1952 ihre eigene Internationale Journalisten-Föderation (IJF), aber die IOJ blieb in Prag und operierte von hier aus weiter. Außerdem gab es eines der wenigen argentinischen Steakhäuser, die man im Kommunismus finden konnte. Das machte den Ort bei den kulinarisch unter roter Herrschaft nicht gerade verwöhnten Prager populär.

1989 endete der Kommunismus und wurde an vier Miteigentümer restitutiert. Die konnten sich auf keine Nutzung einigen. Schon seit langem wird der Ort, der hohen denkmalspflegerischen Wert hat, dem Verfall überlassen. Wie es drinnen aussieht kann man nur erahnen. Immerhin kann man durch einen Spalt am Hoftor Teile des im 19. Jahrhundert im klassizistischen Stil gebauten Kutschenunterstand sehen, der recht beeindruckend aussieht. Umso mehr verspürt man den Wunsch, dass das Gebäude bald irgendeinem Nutzen zugeführt und grundlegend saniert wird. Es hätte Besseres verdient als das, was ihm gerade wiederfährt. (DD)

Bedeutende Krippe mit Hund

Man ist immer wieder erstaunt, welch Reichtum an schönen Krippen sich zur Weihnachtszeit in Prags Kirchen auftut! Unter ihnen dürfte die in der Kirche der Maria der Engelsgleichen (Kostel Panny Marie Andělské) in der Burgstadt (Hradčany), Černínská 98/3, befindliche Krippe bei den Kapuzinern (Betlém u kapucínů) die beeindruckendste und wohl auch die kunsthistorisch bedeutsamste sein.

Man findet sie ab dem 25. Dezember bis Mitte Januar in einem Nebenraum der 1600 bis 1602 erbauten Klosterkirche des Ordens der Kapuziner (wir berichteten bereits hier). Der kleine Raum ist von allen Seiten mit teils lebensgroßen Figuren gefüllt. 48 sind es, davon 32 Menschen und 16 Tierdarstellungen. Die menschlichen Figuren sind bis zu 175cm groß. Sie stehen nicht nur unmittelbar bei der Krippe mit dem Jesuskind, sondern sind überall im Raum in Gruppen aufgestellt. Es wimmelt im ganzen Raum nur so von Hirten, Schafen und Königen.

Der Schöpfer dieses Werkes ist uns heute nicht mehr bekannt, aber es dürfte ein handwerklich begabter Mönch des Klosters im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts gewesen sein. Sein Name könnte Kašpar gelautet haben, wenn man einigen Dokumenten im Kloster glauben darf. Mehr weiß man nicht. Er kannte sich aber auf jeden Fall wohl gut mit der Kunst der neapolitanischen Krippen aus. In Neapel entstanden wohl die ersten Krippen im 13. Jahrhundert, was die Stadt zum Urzentrum der Krippenkunst macht. Und im barocken 17. Jahrhundert und frühen 18. Jahrundert erreichte der Krippenbau hier seinen künstlerischen Höhepunkt und begann, den Rest Europas – darunter eben auch Prag – zu beeinflussen.

Einzelne Figuren wurden schon einmal restauriert, aber dadurch wissen wir trotzdem nicht so recht, wie sie hergestellt wurden, da wohl verschiedene Techniken bei den Figuren verwendet wurden. Bei den größeren und wichtigen Figuren sind Hände und Köpfe aus polychromen Holz geschnitzt. Die Körper sind bestehen wohl in der Regel aus Holzgestellchen, die mit Papiermaché umhüllt sind. Darüber zog man Stoffkleidung (bei Menschen) oder künstliches Fell (bei Tieren). Bei etlichen „minder bedeutenden“ menschlichen Figuren scheinen aber auch Köpfe und Hände aus Papiermaché zu bestehen und nicht aus Holz. Das könnte bei den hinteren der im Bild rechts abgebildteten Hirten der Fall sein. Um die genauen Techniken zu erfahren, müsste man sämtliche Figuren komplett restaurieren, wozu aber noch kein Grund bestand.

Die Krippe ist die älteste Kirchenkrippe in Prag. Die erste Krippe, deren Existenz überliefert ist, gab es bereits 1562, aber die ist verschollen. Für den Erhalt der alten Krippen war es geradezu verheerend, dass in den 1780er Jahren Kaiser Joseph II. Krippen für unaufgeklärten Aberglauben hielt und aus den Kirchen (als öffentlicher Raum) verbannte. Die Böhmen liebten aber ihre Krippen, was dazu führte, dass im 19. Jahrhundert eine grandiose Tradition der privaten Hauskrippen entstand. Allerdings waren Kirchenkrippen auch schon bald nach Ableben Josephs II. wieder legal. Und die Klosterkrippe in der Kirche der Maria der Engelsgleichen hatte die Zeit im Keller eingemottet überlebt. Seit 1969 wird die Krippe nach Weihnachten größtenteils nicht mehr abgebaut, weil das doch sehr aufwendig wäre. Sie bleibt in dem rechts neben dem Haupteingang befindlichen kleinen Raum, der nach der Saison einfach zugeschlossen wird. Das schont auch die historisch so wertvollen und fragilen Figuren. Zur Eröffnung wird dann über dem Türchen des Raums ein großer Stern von Betlehem – jener, der die Ankunft Jesu Christi ankündigte (Bibel Matthäus 2.1; 9).

Die Krippe wurde immer wieder einmal ergänzt und überarbeitet. 1830 entstand zum Beispiel das Hintergrundbild. Das wachsene Jesuskind in der Krippe stammt aus dem Jahr 1951, weil das Original – wahrscheinlich auch aus Wachs, weil das im Barock so üblich war – verschollen gegangen war. Der Aufbnau der Szenierie, so wie wir sie heute zur Weihnachtszeit sehen können wurde 1965 bis 1967 von dem akademischen Bildhauer und Restaurator Karel Stádník entworfen. Er sorgte dafür, dass der Raum entsprechend umgebaut wurde. Er achtete darauf, dass das Ganze sehr authentisch barock wurde, baute aber einige neue Elemente – etwa einen sprudelnden Wasserquell und Lichteffekte – ein. Mobil ist in der nun so festgelegten Szenerie nur noch das Jesuskind, dass erst bei der Mitternachtsmesse zu Weihnachten vom Hauptaltar zur Krippe getragen wird. Bleibt nur noch zu erwähnen, dass meine Lieblingsfigur der zweifarbige Hund ist, der die Schafe sorgfältig und treu bewacht, während die Hirten das Jesuskind anbeten. (DD)

Vom Wal verschluckt in Mnichovice

Es geht das Gerücht umher, dass hier auf der Kanzel predigende Priester einfach spurlos verschwunden seien. Wie vom Walfisch verschluckt. Scherz beiseite: Nur 27 Kilometer vom Prager Stadtzentrum entfernt liegt am passend so genannten Flüsschen Mnichovka die kleine Ortschaft Mnichovice u Říčan. Das ist ein kleiner Ort mit einer beeindruckenden Barockkirche, der Kirche Mariä Geburt (Kostel Narození Panny Marie). Und drinnen findet man die ebenso beeindruckende Kanzel mit einem recht pittoresken Wal.

Wir dürfen annehmen, dass der Schnitzer und Bildhauer Lazar Widmann niemals einen echten Wal in der Moldau oder sonstwo hat schwimmen gesehen, als er um 1754 uns die alttestamentarische Geschichte des Propheten Jona (Bibel: Jona 2,1-11) in vergoldetem Stuck erzählen wollte. Dabei geht es um Jonas Weigerung, bei einer Reise einen göttlichen Auftrag auszuführen, was Gott damit bestraft, dass Jona von einem Wal verschluckt wird, was – wie mir ein Walkenner versicherte – anatomisch in der Regel nicht möglich ist. Drei Tage schmachtete Jona im Walbauch, bevor Gott in erlöst und vom Wal ausspucken lässt. Um die Dramatik der Szene zu erhöhen, hat Widmann dem Wal ein eher drachenähnliches Äußeres gegeben. Er ist schuppig, während echte Wale eine glatte Haut haben, kann sich schlängeln und verfügt über stichelige Flossen. Geschickt stülpt er sein scharf bezahntes Maul so über die Kanzel, dass die Besucher von Gottesdiensten Angst um ihren Priester haben müssen, wenn sich er es wagt, dort drinnen zu predigen. Unterhalb kann man dann Jona beobachten, wie er kopfüber aus dem Wal purzelt. Eine sehr originelle Darstellung!

Und nun aber auch ein paar Worte zur Kirche selbst.Ursprünglich stand hier eine romanische Kirche, die im Jahre 1134 von den Mönchen des nahen Klosters Sázava erbaut wurde, und die sogar in der berühmten böhmischen Chronik des Kosmas aus dem 12. Jahrhundert Erwähnung fand. Um 1330 war Mnichovice größer und die Kirche zu klein geworden. Eine neue gotische Kirche wurde gebaut. Die überlebte mehr oder minder unverändert bis zum 23. August 1746, als ein großes Feuer Teile der Stadt und die Kirche zerstörte. Man begann sogleich mit dem Wiederaufbau im Barockstil und schon 1754 konnte der Stellvertetende Bischof von Prag, Antonín Jan Václav Vokoun, die neue Kirche einweihen. Im wesentlichen hat die Kirche seither die Gestalt, die wir heute kennen. Über den Architekten des imposanten Bauwerks, mit seinen schönen, von großen Voluten verzierten Giebeln, konnte ich nichts herausfinden.

Auf jeden Fall dürften die Kosten das überstiegen haben, was sich die die Dörfler von Mnichovice damals leisten konnten, aber bei so etwas gab es ja sowieso meist adlige Spender. In diesem Fall war es Johann Joseph Fürst von Khevenhüller-Metsch, ein enger Vertrauter von Kaiserin Maria Theresia und Wahlgesandter des Kurfürstentums Böhmen bei der Kaiserwahl. Der Mann war mächtig, reich und auch großzügig. Und deshalb brachte man damals auch – in Dankbarkeit und rotem Stein gemeißelt – das Wappen der Familie Khevenhüller-Metsch über dem Eingang der Kirche. Leider ist es aufgrund der Zeitläufe seither so verwaschen, dass man das Motiv der Eichel und Eichenblätter nicht mehr so recht erkennen kann.

Das Innere korrespondiert fast durchgängig und sehr harmonisch mit dem barocken Äußeren. Nicht nur die Kanzel mit Jona und dem Wal – das mit Sicherheit interessanteste Kuriosum unter en Kustwerken der Kirche -, sondern die gesamte skulpturale Ausstattung ist künstlerisch auf einem sehr hohem Niveau. Neben einigen Engelsdarstellungen, einer Pieta, einer Statue des Heiligen Antonius von Padua ist es vor allem die Darstellung der Taufe Jesu Christus durch Johannes den Täufer (Bibel: Markus 1,9–11) mit dem Heiligen Geist, der als von Sonnenstrahlen umgebene Taube herabkommt, die eine besonders intensive Bildwirkung ausstrahlt (siehe Bild rechts).

Daneben gibt es noch einige kleinere barocke Heiligengemälde (etwas des Heiligen Nepomuk und des Heiligen Franz Xaver). Aber darüber darf man natürlich nicht den großen Hauptaltar in der Apsis der Kirchevergessen – auch ein Werk des Barock, allerdings mit einem Altargemälde aus dem Jahre 1838 versehen. Das Gemälde mit der Darstellung der Geburt der Jungfrau Maria (das namensgebende Motiv der Kirche) stammt vom Prager Maler Václav Ignác Markovský, dessen Spezialität normalerweise patriotische Historienbilder waren. Markovský war übrigens Schüler des ungleich bekannteren Joseph Bergler, dem Direktor der Akademie der Bildenden Künste in Prag.

Bei dem Feuer von 1746 brannte übrigens auch das gotische Pfarrhaus hinter der Kirche ab. Aber auch das wurde natürlich wieder (und zwar selbstredend im Barockstil) aufgebaut. Im 19. Jahrhundert wurde es wohl klassizistisch überarbeitet. Aber so vorsichtig, dass das Pfarrhaus immer noch harmonisch zur Kirche passt. Darüber hinaus muss der Haupt- und Kirchplatz im Zentrum Mnichovices, über dem das Ganze thront, früher die Grandiosität des Ganzen ästhetisch unterstrichen haben.

Leider haben die Stadtplaner der 1970er Jahre vieles von den alten Häuseresembles abreißen lassen, um sie durch recht eintönige sozialistische Einheitsarchitektur zu ersetzen. Das mindert den (trotzdem immer noch recht stattlichen) Gesamteindruck der Kirche im Stadtbild ein wenig. Einen Ausflug am Wochenende ist Mnichovice trotzdem und allemal wert, denn die Umgebung ist sehr schön und lädt zu angenehmen Wanderungen ein. Und dabei sollte man es nicht verabsäumen, die Kirche im Dorfe zu besuchen, wo der Wal gerade den Jona ausspuckt. (DD)

Wo die Tschechen christlich wurden

Ein älteres Gotteshaus als dieses wird man in Tschechien nicht finden. Die Kirche des Heiligen Klement (Kostel sv. Klimenta) gibt es seit dem Jahr 884. Da war es erst ein Jahr her, dass sich der böhmische Herzog Bořivoj I. am Hofe des großmährischen Herrschers Svatopluk I. hatte taufen lassen.

Bořivoj und vor allem seine Frau, die spätere Heilige Ludmilla, betrieben darob in ihren böhmischen Landen (die damals mehr oder weniger den heutigen Großraum Prag umfassten) eine forcierte Politik der Christianisierung. Dazu gehörte auch, dass sie auf dem Gelände ihrer Stammburg Levý Hradec nahe der Ortschaft nur wenige Kilometer nördlich von Prag gelegenen Ortschaft Roztoky oben auf dem Berg eine Kirche errichteten. Nach dem Tode Bořivojs konnte auch in der Regierungszeit der seiner beiden Söhne Ludmilla offenbar über das Gefolge und große Teile des herzoglichen Besitzes verfügen. Vor allem wurde sie Vormund des Enkels, dem späteren Herzog und Heiligen Wenzel.

Das brachte sie in Konflikt mit Wenzels Mutter Drahomíra, die sich um ihren Einfluss gebracht sah, und 921 die Schwiegermutter mit einem Halstuch erwürgen ließ. Dem guten Wenzel wiederfuhr 928 oder 935 (genau weiß man das nicht) ebenfalls ein blutiges Ende zuteil als er von seinem Bruder (und Nachfolger) Boleslav ermordet wurde. Bei allen diesen innerfamiliären Mördereien unter den Přemysliden ging es nicht zuletzt darum, was für ein Christentum sich von der Kirche des Heiligen Klement aus verbreitete. Sollte man sich religiös, kirchenorganisatorisch und machtpolitisach nach Westen – zum Deutschen Reich – orientieren, wie Ludmilla und Wenzel es wollten? Oder Distanz halten, wie es Boleslav (langfristig erfolglos) versuchte?

Diese Fragen wurden allerdings schon bald nach dem Bau der Kirche andernorts entschieden, denn schon um 885 hatte Herzog Bořivoj damit begonnen, den Stammsitz von Levý Hradec auf die von ihm gegründete Prager Burg zu verlegen. Dort gab es auch eine neue Kirche, die heute nicht mehr erhaltenen Kirche der Jungfrau Maria, und bald darauf die zu einem Kloster gehörende Georgsbasilika (wo u.a. die Heilige Ludmilla beerdigt wurde). In deren Besitz fiel übrigens Levý Hradec 1233. Da war es mit der Burg aber schon vorbei, denn der deutsche Kaiser Heinrich III. zerstörte Burg und Kirche im Zuge seines Feldzugs gegen den böhmischen Herzog Břetislav I.. Während die Burg aufgegeben wurde und verfiel, wurde die Kirche immerhin wieder aufgebaut, diesmal im romanischen Stil. Im 14. Jahrhundert fügte man dem Gebäude ein Presbyterium hinzu und gotisierte es durchgängig.

Aus dieser Zeit stammen die sensationellen Fresken in der Apsis. Sie sind sowohl wegen ihres Erhaltungsstandes als auch wegen ihrer künstlerischen Gestaltung bemerkenswert. Sie zeigen Szenen aus dem Leben der Jungfrau Maria, die Passion Christi (Bild rechts) und Darstellungen der Kirchenväter Augustinus, Hieronymus, Gregor und Ambrosius.

Auch böhmische Heilige werden berücksichtigt. Aus einer Nische schaut uns der Heilige Adalbert (im Tschechischen Vojtěch genannt) an. Der wurde 983 unter Herzog Boleslav II. zweiter Bischof von Prag, das er zum eigentlichen Kirchenzentrum Böhmens machte. Insofern steckt eine gewisse Ironie darin, dass er hier abgebildet ist, trug er dadurch zum weiteren Niedergang der Bedeutung der ersten Kirche des Landes bei, die heute eine einfache katholische Gemeindekirche ist. Dass neben ihm auch die heilige Ludmilla in Ehren gehalten wird, versteht sich von selbst, da sie tatsächlich eng mit der Blütezeit der Kirche verbunden ist.

1684 wurde die Kirche umfassend vergrößert. Ein barockes Schiff wurde angebaut, was wohl einige Fresken zerstörte. Dabei wurde auch der Glockenturm errichtet. Von außen sieht man nun eine für viele Kirchen im Lande typische Mischung von Gotik und Barock am Werke. Wenn man es nicht wüsste, könnte man auf den ersten Blick so nicht erkennen, wie alt die Kirche in Wirklichkeit ist.

Aber auf den zweiten Blick! Dazu bedurfte es der Ausgrabungen, die in den Jahren 1939 bis 1941 unter der Kirche vorgenommen wurden. Die förderten die Grundmauern einer Rotunde mit kleiner Apsis zu Tage, die lange Zeit vor dem heute sonst sichtbaren Kirchengebäude gebaut worden sein muss. Das Ganze kann man heute bei einer Führung durch einen kleinen Treppeneinstieg im Inneren der heutigen Kirche besichtigen.

Man kann sogar durch ein Gitter einen kleinen Eindruck vom Innenraum dieser uralten Kirchenrotunde gewinnen (Bild rechts). Die Kirche aus der Frühzeit des hiesigen Christentums war damals wohl recht klein. Zunächst glaubte man, dass es sich tatsächlich um jenen Bau von Herzog Bořivoj und seiner Ludmilla handelte, in dem das Christem in Böhmen begann. Neuere Forschungen des Archäologen und Mediävisten Petr Sommer haben jedoch ergeben, dass die Mauern wohl auf die Zeit um das Jahr 1000 zu datieren sind. Es ist hochwahrscheinlich, dass die Urkirche in Wirklichkeit nur ein kleiner Holzbau war, der die Zeitläufe nicht lange überstanden hat.Nichts ist von ihm geblieben.

Wieder aus dem Keller mit den alten Grundmauern aufgestiegen, kann man noch einige schöne Grabsteine aus dem 16. Jahrhundert bewundern. Hier posiert Lady Edith (der Kirchenführer hatte erlaubt, dasss sie in die Kirche durfte, weil es draußen furchtbar regnete – so sind die Tschechen, wen es um Hunde geht!) vor dem Grabdenkmal von David Boryně ze Lhoty, einem Adligen, der 1565 unterhalb im Moldautal das Schloss Roztoky erworben hatte, das er danach im Renaissancestil umbaute. Die Nachfahren verloren das Schloss nach dem gescheiterten Ständeaufstand von 1618 als die siegreiche Habsburger Seite das Anwesen konfiszierte. David Boryně ze Lhoty, der das gottlob nicht mehr erleben musste, ließ sich bezeichnenderweise nicht unten im Tal beerdigen, sondern in der Klementkirche – ein Zeichen, welch eine Symbolkraft hinter dem Gebäude immer noch steckte.

Und draußen kann man noch ein wenig die alte Burganlage erkennen, zu der die Kirche gehörte. Es hanelt sich um eine Anlage aus dem 9. Jahrhundert. Bořivoj war der erste böhmische Herrscher, dessen Existenz wirklich erwiesen ist. Bei Burgen aus dieser Vorzeit gab es keine Zinnen, Steinmauern und Burgfriede. Meist wurde ein großes Areal mit einem Erdwall umgeben, auf den dann Pallisaden aus Holz gesetzt wurden. Und so sieht man von der Burg Levý Hradec eigentlich heute nur die recht großen Erdwälle.

Die kann man umwandern. Im ganzen Areal ist ein Lehrpfad mit Tafeln errichtet, die über archäologische und historische Details von Burg und Kirche informieren. Die Kirche kann man normalerweise nur von außen besichtigen, außer an Wochenenden. Dann steht ein Führer bereit, der einem die Kulturschätze der doch recht kunstvollen Kirche erklärt. Sollte er nicht unmittelbar auffindbar sein, sollte man in die nahegelegene Medová Kavárna (Honig Café) gehen, und zwar aus zwei Gründen: (a) weil dort ausgezeichneten Kuchen und Kaffee gibt und (b) weil die beim Guide anrufen, der dann auch sofort kommt. Die Hilfsbereitschaft (auch auf Englisch) kennt keine Grenzen. (DD)

Kleines Schloss mit allem Drum und Dran

Je weiter man sich aus dem Zentrum Prags entfernt und in die ländlicheren Vororte kommt, um so mehr stößt man auf reizende kleine Landsitze und Schlösser. Schloss Dolní Počernice in dem gleichnamigen kleinen und noch sehr dörflichen Ortsteil ist ein Beispiel dafür.

Das Schlossgelände ist direkt an einem malerischen Stau- und Fischsee des kleinen Flüsschens Rokytka gelegen, das den Schlosspark angenehm mit Wasser speist. Von der Burg liest man das erste Mal in einer Chronik von 1401, wo von einer Vergrößerung die Rede ist. Die Burg selbst ist also schon älter, wohl aus dem frühen 13. Jahrhundert, was auch archäologische Forschungen neueren Datums bestätigten. Die Eigentümer – meist Kleinadlige und reiche Bürger aus Prag – wechselten häufig.

Dann, im Jahre 1562 gelangte die Burg in den Besitz des gerade gegen die Türken siegreichen Königs Ferdinand I., der sie aber umgehend glan einen Bürger namens Matěj Hůlek verkaufte, der zugleich auch geadelt wurde und nun Matěj Hůlek z Počernic hieß. Der baute erst einmal kräftig um. Der ganze östliche und mittlere Teil des Gebäudes wurde im Stil der Renaissance erneuert. Und so sieht der größte Teil des Gebäudes, dass sich nun von einer befestigten Burg in ein gut bewohnbares Schloss verwandelt hatte, heute noch vom Außenbild her aus.

Wieder gab es Besitzerwechsel. Die Angehörigen des Landadels wehrten sich meist gegen den Absolutismus und die religiöse Intoleranz der Habsburger im 17. Jahrhundert, was 1618 zum berühmten Böhmischen Ständeaufstand und dem Dreissigjährigen Krieg führte. Nach der Niederlage der Böhmen wurde das Eigentum der Verlierer enteignete, wodurch in den Reihen der Sieger bald enorm reiche Kriegsprofiteure befanden. Einer von ihnen, Jan Kapr z Kaprštejna (ein Richter, der sich selbst mit seinen Urteilen bereicherte) übernahm 1621 das und andere Schlösser der Umgebung. Da er neben der Neigung zur Raubjustiz auch noch seine Frau misshandelte, wurde er 1625 von ihr und ihrem Liebhaber umgebracht, worüber wir hier berichteten.

Es folgten nochmals Besitzerwechsel, bis 1664 die Familie der Grafen von Colloredo-Wallsee Schloss und Grund erwarben. Sie bauten den westlichen Teil ganz schick im Stil des Barock um, womit es im Grunde die heutige Gestalt bekam (siehe großes Bild oben). In der Zeit wurde auch der Garten verschönert (Gewächshäuser). Allerdings zog die Familie Colloredo-Wallsee 1769 wieder aus. Die nächsten bedeutenden Besitzer – nach einigen erneuten Wechseln – war dann 1856 die ungarische Familie der Freiherren Dercsényi de Dercsény, die bis 1923 blieben, als die Stadt das Gebäude übernahm. Die modernisierten in den Jahen 1856 bis 1866 das Gebäude unter der Leitung des Architekten Jan Bělský. Insbesondere fügten sie die große klassizistische Orangerie (kleines Bild oberhalb rechts), die heute (nach baulichen Modernisierungen) einen Kindergarten beherbergt.

Die Kirche Mariä Himmelfahrt (kostel Nanebevzetí Panny Marie) von Dolní Počernice ist heute die katholische Gemeindekirche, aber eigentlich ist sie sichtbar ein Teil der Burganlage. Sie war um das Jahr 1200, als sie im romanischen Stil erbaut wurde, wohl die Privatkirche des Schlossherren. Sie wurde mehrfach umgebaut, erst im gotischen Stil, dann nach 1562 mit Renaissancefenstern versehen. Forschungen haben ergeben, dass der Kirchturm im Mittelalter ein Teil der Verteidigungsanlage der Burg war. Im 18. Jahrhundert gab es eine vorsichtige Barockisierung, von der die Statue des Heiligen Laurentius vor dem Turm noch Zeugnis gibt.

Um 1890 vergrößerte man sie noch ein wenig durch den Bau eines Oratoriums und baute sie in einem dem Original frei nachempfunden neo-romanischen Stil um. Bei Renovierungsarbeiten fand man 2004 eine Sensation, nämlich originale romanische Wandgemälde aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, also der Urspungszeit von Burg und Kirche. Sie wurden 2010 bis 2014 von dem Maler und Restaurator Miroslav Koželuh wieder instandgesetzt. Die alten Bilder der Romanik passen irgendwie gut zu der Neoromanik, die das Gebäude seit 1890 optisch bestimmt.

Und wenn man schon einmal das schöne Schlossareal inspiziert, sollte man sich auch das am Fischteich gelegene Gebäude der ehemaligen Mühle anschauen, das 1862 unter der Familie Dercsényi de Dercsény erbaut wurde. Es ist ganz im Stile der englischen Neogotik gehalten. Die Mühle wurde stets verpachtet. 1953 wurde die letzte Pächterfamilie, Görner, von den Kommunisten vertrieben, die das Ganze in eine landwirtschaftlichen Staatsbetrieb verwandelten. Der Kommunismus ist gottlob passé. Heute befindet sich hier ein italienisches Restaurant. Das ist nicht der einzige kulininarische Erlebnisort hier. Aber über die Brauerei berichten wir später. (DD)

Eklektik für Rudolf nach der Pest

An dieser Kirche könnte man das Fremdwort eklektisch erklären, was in der Kunst so viel bedeutet wie die Verwendung von Elementen verschiedener, möglicherweise nicht zusammenpassenden Stilepochen. Nicht nur das macht die Kirche des Heiligen Rochus (kostel sv. Rocha) interessant.

Vor allem steht die alte Gemeindekirche innerhalb der Mauern des Klosters Strahov, das ja mit der großen Basilika Mariä Himmelfahrt (Bazilika Nanebevzetí Panny Marie na Strahově) bereits über eine Kirche verfügt. Die Standortentscheidung fiel kurz nach der großen Pest in Prag von 1599. Der Hausherr der benachbarten Burg, Kaiser Rudolf II., zog sich währenddessen nach Pilsen zurück, um der Seuche nicht nicht zum Opfer zu fallen. Als er gesund zurückkam, beschloss er aus Dank mit dem Strahover Abt Jan Lohelius, eine Kirche bauen zu lassen, die dem Heiligen Rochus, dem Schutzpatron gegen schlimme Krankheiten, gewidmet werden sollte. 1603 wurde sie geweiht und diente fortan nicht etwa den Mönchen, sondern den Pfarrmitgliedern der umliegenden Gemeinde als Gotteshaus.

Das ging so bis 1784. Dann setzten die Kirchenreformen von Kaiser Joseph II. ein, die in der Schließung und Enteignung vieler Klöster und Kirchen endete. Das Argument war die Sparsamkeit und er meinte, dass man auch dem Klostergrund keine Gemeindekirche brauche, wo doch schon eine große Klosterkirche existierte und die Aufgabe mit übernehmen könnte. Aus der Kirche wurde erst eine Leichenhalle, dann eine Schmiede. 1882 weihte dann aber doch der Abt von Strahov, Zikmund Antonín Starý, die Kirche für die Gemeinde neu. Nach der Machtübernahme der Kommunisten im Lande im Jahr 1948 wurde sie allerdings wieder enteignet und zu einer Lagerhalle umfunktioniert.

Nach dem Ende des Kommunismus wurde die Kirche aber nicht wieder Kirche, sondern es zog 1994 die Miro Galerie hier ein. Die war bis dato eine hochkarätige Exil-Galerie im fernen (West-) Berlin, aber Dank der finanziellen Hilfe von Gott – gemeint ist in diesem Fall Karel Gott – konnte Betreiber Miro Smolák nach Prag umsiedeln und nun hier in dem frisch renovierten Gebäude in wechselnden und hochwertigen Ausstellungen Klassiker der modernen Kunst ausstellen. Auch kleine Musikabende gibt es hier ab und an. Die Kirche hat natürlich Dank der Enteignungen seit langer Zeit ohne ihre ursprünglichen Kirchenausschmückung verloren. Das hat aber auch seine Vorteile, denn so kommt die interessante Architektur optisch klarer und reiner zum Vorschein.

Und so sieht man die seltsame Mischung von (damals völlig unmoderner) Gotik- und Renaissancestil, die sich der unbekannt gebliebene Architekt erlaubt hat. Innen stehen die klassischen Pilaster in Kontrast zu den gotischen Spitzfenstern. Der Grundriss, der im Kern rechteckig ist, aber durch abgeflachte Ecken fast oval wirkt, sowie die im Vergleich zum Grundriss unglaubliche Höhe. Drinnen gibt es drei gleich große Altarnischen, in denen früher je ein Altar des Heiligen Rochus, des Heiligen Sebastian und des Heiligen Antonius standen (die alle auch Patrone gegen Krankheiten sind). Die sind nicht mehr da. Aber die moderne Kunst kommt heute in ihnen hervorragend zur Geltung. (DD)

Kloster, von Rheinländern gegründet

Es gehört sicher in die oberen Ränge der Hitparade der größten Touristenattraktionen in Prag: Das Kloster Strahov (Strahovský klášter), das nahe der Burg über der Kleinseite thront.

Im Jahre 1143 erbaut, haben wir es mit dem ersten Kloster der Prämonstratenser zu tun, die sich von hier aus den in Böhmen ausbreiteten. Die ersten Mönche waren aus der Eifel, genauer: aus Kloster Steinfeld, importiert und der erste Abt, ein gewisser Gero, kam aus Köln. Das freut den Rheinländer, wenn er es vernimmt. Unterstützt wurde die Errichtung vom böhmischen Herzog Vladislav II. , was wohl erklärt, warum die Klosteranlage direkt an die Burg grenzt, in der er damals residierte und regierte – anscheinend nahe der Wachhäuser der Burg. Es heißt nämlich, dass sich der Name Strahov von dem alten tschechischen Wort „strahovati“ ableitet, was soviel wie „Wache halten“ bedeutet.

Die Mönche bauten ihre Wirtschafts-. und Wohngebäude und natürlich eine Kirche, und zwar im damals modernen romanischen Stil. Bei der Klosterkirche Mariä Himmelfahrt (Kostel Nanebevzeti Panny Marie), die dann im Jahr 1148 geweiht wurde, handelte es sich um ein dreischiffiges Gebäude. Im Jahr 1258 verursachte ein Feuer größere Schäden, worauf König Otakar II. einen zügigen Wiederaufbau veranlasste, der dann allerdings im Stil der Frühgotik erfolgte. Ein Querschiff und zwei Seitenkapellen wurden hinzugefügt.

Von da an spielte das Kloster alle wesentlichen Stilepochen durch und wurde dabei immer größer. Abt Jan Lohelius, der zwischen 1586 und 1622 das Kloster leitete, modernisierte insbesondere die Fassade der Kirche im Stil der Renaissance und fügte noch die großartige Bibliothek hinzu, die am Ende das Kloster so berühmt machen sollte, dass wir hierzu einen gesonderten Beitrag präsentieren. Während und nach dem Dreissigjährigen Krieg wurde das Kloster ein gelehrtes Zentrum der Gegenreformation.

Dem entsprach auch, dass Ende des 17. Jahrhunderts eine großzügige Umgestaltung im Stil des Barocks erfolgte. Insbesondere der Architekt und Maler Jean-Baptiste Mathey (siehe auch den früheren Beitrag hier) zeichnete sich für die Umgestaltung des gesamten Areals verantwortlich. Dabei ragt vor allem der um einen quadratischen Hof gebaute Wirtschafts- und Wohnbereich mit seinem schönen Toreingang heraus. Die Klosterkirche wurde dabei in den Jahren 1742 bis 1758 nach den Entwürfen des Architekten Anselmo Lurago (über den wir u.a. hier und hier berichteten) barockisiert.

Überbordenden Barock sieht man auch im Innenraum. Alleine die Decke ist atemberaubend. Der Bildhauer Ignaz Palliardi unterteilte die Decke in 40 mit Stuckkartuschen umrahmte Felder, die dann von den Malern Ignaz Raab und Josef Kramolín mit himmlischen Szenen aus dem Leben der Muttergottes Maria ausgefüllt wurden. Das Ganze unterstreicht den auf Höhe abzielenden Effekt des gotischen Vorbaus, desen Grundstruktur ja erhalten blieb.

Der Hauptaltar ist das Werk des böhmischen Bildhauers Ignaz Franz Platzer und ist verziert mit einem Altarbild des Malers  Johann Christoph Lischka. Bemerkenswert ist auch die barocke Kanel, die fast wie der Mittelpunkt des Raums erscheint. Leider ist die Kirche außerhalb der Gottesdienste fast immer geschlossen. Viele der skulpturalen Ausschmückungen kann man also normalerweise nicht besichtigen, sondern nur vom Vorraum den Blick durch ein Gitter genießen. Ebenso auch die Grabmäler und die Reliquien, darunter die des Heiligen Norbert, des Ordensgründers der Prämonstratenser, die hier sein 1626 ruhen.

Verlässt man die Kirche, gibt es auf dem Areal viel zu sehen. Schon am Eingang kann man das große barocke Tor mit der von dem Bildhauer Johann Anton Quittainer geschaffenen Statue des Heiligen Norbert oben auf (Bild links) bewundern. Direkt dahinter sieht man die ehemlaige (heute desekretierte und zur Galerie umgebaute) Kirche des Heiligen Rochus, über die wir noch berichten. Wer dann schon Rast und Erfrischung benötigt, kann in die Klášterní pivovar Strahov (Klosterbrauerei Strahov), die wir schon hier behandelten. Dann gibt es noch Bibliothek, Gemäldegalerie und Souvenirladen. Wo einst Mönche aus dem fernen Rheinland sich erstmals, ist heute eine Sehenswürdigkeit entstanden, für die man sich Zeit nehmen sollte. (DD)

Christliche Bescheidenheit

Direkt neben dem Palais Černín und der barocken Pracht des Prager Loreto nimmt sich diese Kirche ausgesprochen unauffällig und bescheiden aus. Das war auch urspünglich so gewollt. Die am Rande der Burgstadt (Hradčany) in der Černínská 98/3 befindliche Kirche der Maria der Engelsgleichen (Kostel Panny Marie Andělské) steht schon in ihrer Gestaltung für die Tugenden christlicher Bescheidenheit und Armut.

Einfacher Turm und gerade schlichte Wände zeichnen die

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist img_7383.jpg.

Kirche aus, die in den Jahren 1600 bis 1602 erbaut waren Auftraggeber war der Orden der Kapuziner, der erst drei Jahre zuvor, 1599, vom Prager Erzbischof Zbyněk Berka z Dubé a Lipé ins Land gerufen worden war. Und die Kapuziner waren ein Bettelorden, dessen Mönche in Buße und Armut oft von Almosen lebten. Bettelorden waren in der Kirche oft umstritten und es soll kein Zufall gewesen sein, dass sie sich etwas außerhalb der weltlichen Metropole ansiedelten – noch bevor ringsum Palais erbaut wurden. 1663 wurde der Bau ein wenig durch die Umfassung eines zweiten Hofes erweitert, was aber den bescheidnene Grundcharakter nicht veränderte.

Eher überraschend wurde das Kloster während der Josephinischen Kirchenreformen um 1784 nicht säkularisiert, obwohl gerade Bettelorden in den Augen Josephs II. als unproduktiv galten. In Böhmen und Mähren fielen immerhin 29 Klöster den Reformen zum Opfer. Hier in Prag wurde nur die Zahl der Mönche von 70 auf 38 reduziert. Schlimmeres widerfuhr den Mönchen erst 1944 als die SS das Kloster beschlagnahmte und dort ein kleines Gefängnis für als widerständig eingestufte Deutsche und Deserteure einrichtete. Die Mönche bekamen ihr Eigentum 1946 zwar wieder zurück, aber nur um 1950 wieder enteignet zu werden, diesmal von den Kommunisten. Erst als die gottlob ebenfalls von der Bühne abtraten, wurde das kleine Kloster den Kapuzinern, die auch das Prager Loreto verwalten, wieder zurückerstattet.

Immer noch etwas abgeschlossen von der Welt wirkt die Kirche. Immerhin kann man tagsüber meist durch ein Gitter in den Innenraum schauen, der durchaus eine gewisse barocke Pracht entwickelt, die aber nicht aus der Gründungszeit um 1600 stammt. Vor allem der Hauptaltar mit dem Gemälde des italienischen Malers Paolo Piazza aus dem Jahr 1735 ist sehenswert. Es zeigt Heiligen Franziskus (dessen Idealen sich die Kapuziner verpflichtet fühlen), dem Jesus, Maria und einige Engel erscheinen. Berühmt ist die Kirche auch für ihre Krippe aus dem 18. Jahrhundert, die man in der Adventszeit bwundert kann. Darübert wird noch gesondert berichtet.

Toleranz für den Turm

Das Besondere an dieser Kirche ist ihr Turm. Eigentlich hätte es den da nicht geben dürfen. Dass es ihn gibt, verdankt man einer Ausnahmeregelung. Aber weshalb sollte eine Kirche wie die St. Michaelskirche in der Neustadt keinen Turm haben dürfen?

Nun, nach der Niederlage des Ständeaufstandes bei der Schlacht am Weißen Berg im Jahre 1620 und dem Sieg der katholischen Habsburger war es mit der Glaubensfreiheit in Böhmen erst einmal für lange Zeit vorbei. Allen nicht-katholischen Bekenntnissen wurden grundsätzlich öffentliche Gottesdienste und der Bau und Betrieb von Kirchen untersagt. Die Lage besserte sich erst 1781 ein wenig, als Kaiser Joseph II., ein aufgeklärter Monarch, der sich oft mit der Kirche anlegte, sein berühmtes Toleranzpatent erließ. Aber er musste vorsichtig sein, um nicht die katholische Kirche allzu sehr gegen sich aufzubringen.

Die Toleranz war daher eng begrenzt. Protestantische Gläubige durften sich zwar wieder zum Gottesdienst versammeln und Gotteshäuser einrichten, aber nur so diskret, dass kein pedantischer Katholik daran Anstoß nehmen konnte. Die Gotteshäuser mussten klein sein und durften von außen auf keinen Fall wie eine echte Kirche aussehen. Also bloß keine bunt beglasten Kirchenfenster und schon gar keine Türme! Ein evangelisches Gotteshaus musste idealtypisch wie ein normales Wohnhaus aussehen. Ein Beispiel, das man in Prag findet, haben wir schon hier vorgestellt.

Zurück zur ursprünglich natürlich katholischen St.-Michaelskirche (Kostel svatého Michala v Jirchářích) in der V jirchářích 152/14 in Prag 1. Deren Ursprünge liegen im 12. Jahrhundert. Als Pfarrkirche sollte die einschiffige romanische Kirche dienen. Mitte des 14. Jahrhunderts wurde sie um einen gotischen CHor erweiter und Ende des 14./Anfang des 15. Jahrhunderts kamen zwei Seitenschiffe hinzu. 1511 verfeinerte man den Bau noch einmal um ein spätgotisches Kreuzrippengewölbe. Der große Turm ist neueren Datums, denn er wurde erst 1717, nunmehr im Barockstil, errichtet. Auch im Innenraum gab es eine vorsichtige Barockisierung, insbesondere durch den um 1770 eingefügten Hauptaltar mit seinem Jesus Christus zeigenden Altarbild.

1787 war erst einmal Schluss für die Kirche. Im Zuge seiner Kirchenreformen ließ der aufklärerisch gesinnte Kaiser Joseph II. viele Klöster, aber auch etliche Gemeindekirchen schließen und säkularisieren – so auch St. Michael. Sie wurde kurzerhand in einen Lagerraum verwandelt. Das blieb gottlob nur ein kurzes Zwischenspiel, so dass sich der Schaden, der dadurch dem Bauwerk zugefügt wurde, in Grenzen hielt. 1790 kaufte ein evangelischer Kaufmann namens Franz Kehrn die „Lagerhalle“ und schenkte sie der neu gegründeten „Protestantischen deutschen Civil-Gemeinde“, wie die Gemeinde der deutschsprachigen evangelischen Bürger Prag damals hieß. Die deutschen Proetstanten durften bis dato seit 1784 das Bethaus, d.h. die Toleranzkirche, der tschechischsprachigen Protestanten, in der Tischlergasse (heute: Truhlářská 1113/8) in der Neustadt mit benutzen. Das konnte aber nur ein Provisorium sein. Also freute man sich über das Geschenk Kehrns sehr.

Die Kirche wurde instand gesetzt und 1791 unter ihrem Pfarrer Johann Friedrich Christoph Götschel geweiht. Nun war das Gebäude als „Lagerhalle“ theoretisch ja ideal für die Einrichtung einer vorgeschrieben bescheidenen Toleranzkirche. Aber real war sie nun einmal ein Kirchengebäude mit allem Drum und Dran – Turm und Kirchenfenster. Durch zähe Verhandlungen, die möglicherweise an den bekannten Instinkt der josephinischen Regierung appellierte, von den kirchlichen Institutionen Sparsamkeit zu verlangen, erreichte man die Ausnahmeregelung, dass weder der Turm abgerissen, noch die Fenster herausgebrochen werden mussten. Und so kam es, dass die Gemeinde der Michaelskirche zu den wenigen evangelischen Gemeinden gehörte, die eine richtige Kirche besaßen. Die kaiserlichen Behörden hatten Toleranz für den Turm walten lassen.

Der deutschsprachigen Gemeinde gehörte die Kirche auch immer noch, als durch das von Kaiser Franz Josef beschlossene Staatsgrundgesetz 1861 die letzten Relikte der Intoleranz fielen und die Glaubensgemeinschaften im Habsburgerreich vor dem Gesetz frei und gleichberechtigt wurden. Jetzt hätte es keienr Ausnahmegenehmigung bedurft, um einen Kirchturm zu besitzen.

Die Gemeinde pflegte unterdessen ihre Kirche gut. 1817 renovierte man sie und baute eine Kanzel im damals populären klassizistischen Stil ein. Eine Renovierung des Gebäudes erfolgte noch einmal 1832.

1882 wurde die Kirche noch einmal renoviert. Dem Zeitgeist entsprechend ging man zurück zu den Wurzeln. Viele barocke Bestandteile, die im 18. Jahrhundert hinzugefügt worden waren, wurden zurückgebaut und die Kirche weitgehend re-gotisiert. 1904 wurden neue Glasfenster eingesetzt. Auch sie sind im historistischen Stil gestaltet. Betont wird zudem, dass es sich um eine deutsch-lutheranische Gemeinde handelt, die hier ihre Kirche betreibt. Die Gestalt Martin Luthers thront sichtbar über dem Altar in einem Seitenfenster.

Und dann ist da noch etwas, worauf die gemeide in den Zeiten der Ersten Republik nach derm Ersten Weltkrieg recht stolz war. Albert Schweitzer, der große Theologe, Nobelpreisträger, Entwicklungshelfer (Stichwort: Urwaldkrankenhaus Lambarene) und Schriftsteller war bekanntlich auch ein bedeutender Musikwissenschaftler, Pianist und Organist. Die Gemeinde St. Michael hatte Schweitzer eingeladen und so gab er im Sommer 1923 und im Sommer 1928 je ein Konzert auf der im 19. jahrhundert hier aufgestellten Orgel. Eine Gedenktafel dazu wurde im Jahre 1993 direkt neben dem Eingang angebracht.

Mit der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei nach 1945 endet auch die Geschichte der deutschen lutheranischen Gemeinde hier. Die heutige Deutschsprachige Evangelische Gemeinde, die weniger aus Nachfahren der damaligen Gemeindemitglieder, denn aus Ex-Pats aus Deutschland und Österreich besteht, hat seit 1994 ihren Sitz nicht mer hier, sondern in der Kirche Sankt Martin in der Mauer (wir berichteten hier). In St. Michael gibt es nunmehr Gottesdienste für die Mitglieder der tschechischen, der slowakischen und der englischsprachigen lutheranischen Gemeinden – von denen vielleicht nicht viele finden, dass ein Turm an einer Kirche etwas Besonderes sein könnte. (DD).

Nicht anerkannte Heilige mit ergreifender Geschichte

Mimt Cochita Wurst hier den Jesus? Mit diesem ersten Gedanken, der sich schon ein wenig aufdrängt, liegt man natürlich falsch. Was man hier sieht, findet man nicht oft in Kirchen, weil die hier abgebildete Heilige nie heiliggesprochen wurde. Selbst aus dem offiziellen Märtyrerregister, wo sie im 16. Jahrhundert Eingang fand, wurde die Heilige Wilgefortis inzwischen gestrichen.

Insofern bietet Prag hier eine Rarität. Die Darstellung in der von Christoph Dientzenhofer erbauten „Kapelle der Jungfrau Maria-Schmerzen“ im Kreuzgang (kleines Bild) des Prager Loreto (über den wir hier berichteten) ist eine von recht wenigen in der Welt. Der wohl in den Niederlanden im 15. Jahrhundert entstandenen Volkssage nach war sie vor Urzeiten eine bekehrte Christin, die nach dem Willen ihres Vaters einen fiesen Heiden heiraten sollte. Sie bat Gott, er möge sie so verunstalten, dass der Bösewicht von ihr abließ. Gott ließ ihr darob einen Bart wachsen, was auch den gewünschten Effekt hatte. Aber der Vater wurde böse und ließ Wilgeportis, die im Deutschen auch Kümmernis genannt wird, wie einst Christus kreuzigen. Am Kreuz hängend lebte sie noch eine Weile, predigte und vollbrachte etliche Wunder, sodass kurz vor ihrem Ableben selbst der schlimme Vater reuig bekehrt war.

Und so sehen wir Wilgefortis mit allen ihren klassischen Attributen – weibliche Gestalt, Bart, Frauenbekleidung, ans Kreuze gebunden, Märtyrerkrone – hier an einem Seitenaltar der Kapelle. Und es ist ja auch eine ergreifende Geschichte, die es verdient hat, dass sie im Prager Loreto Dank eines unbekannten Barock-Bildhauers aus dem frühen 18. Jahrhundert noch in Ehren gehalten wird – unabhängig davon, ob die Heilige wirklich heiliggesprochen wurde. (DD).