Kleine Kapelle als Gemeindekirche

Die Kapelle Mariä Himmelfahrt (Kaple Nanebevzetí Panny Marie) ist eigentlich mehr als eine bloße Kapelle am Wegesrand, sondern eine kleine Gemeindekirche. Sie befindet sich im etwas außerhalb gelegenen westlichen Stadtteil Košíře (Prag 5) am Fuße des heutigen Klamovka Parks.

Košíře lag dereinst weit jenseits der Stadtgrenzen Prags. Erst 1921 wurde es eingemeindet. Seit dem Mittelalter lebten hier hauptsächlich Winzer, denn der Park war früher ein großer Weinberg aus der Zeit Karls IV. im 14. Jahrhundert. Die Bevölkerung wuchs im 17. Jahrhundert nach den Wirren des Dreissigjährigen Kriegs und lebte immer noch primär vom Weinbau. Es fehlte nach den Kriegswirren an katholischen Geistlichen, und so gab es keine eigene Kirchengemeinde. Die Menschen wurden von der Kirche (im 19. Jahrhundert abgerissenen) der Heiligen Philipp und Jakob (Kostel svatého Filipa a Jakuba) in Smíchov betreut. Wer Sonntags zur Kirche gehen wollte, musste ein recht langes Wegstück wandern. Immerhin baute man nach einer gewissen Zeit für den zur Gemeinde aus Smíchov kommenden Pfarrer eine kleine Kapelle für die Gottesdienste.

1752 wurde die Kapelle im Stil des Hochbarock neu gestaltet und dabei vergrößert, was sich auch als Notwendigkeit aus dem Bevölkerungswachstum ergab. Sie bekam die Gestalt, die sie im Kern heute noch hat. Es handelt sich um einen rechteckigen Bau mit Apsis und einem kleinen Dachreiter. Der Giebel wird durch hübsche Voluten geschmückt. Das Ganze passt ästhetisch zum Park, der zur selben Zeit angelegt wurde. Sie war oft Ziel von vielen Pilgerfahrten. Ab 1838 wurde die Gemeinde durch die Pfarrkirche der Heiligen Dreifaltigkeit (kostel Nejsvětější Trojice) beim Kleinseitner Friedhof (Malostranský hřbitov) in Smíchov betreut.

Unter dem Kommunismus litt sie ein wenig durch Vernachlässigung. Und so musste sie 1999 ordentlich renoviert werden. Die Eröffnung erfolgte am 15. August des Jahres, dem namensgebenden Tag Mariä Himmelfahrt. Sie ist meist geschlossen und wirkt etwas verlassen, aber einmal die Woche findet hier immer noch ein Gottesdienst für die Menschen der Nachbarschaft statt. (DD)

Nationalkirche

Der Katholizismus wurde in den letzten Jahrzehnten des Habsburgerreiches von vielen Tschechen mit der österreichischen Fremdherrschaft verbunden. Daraus erwuchs nach der Gründung der Ersten Republik ein gewisses Bedürfnis nach einer eigenen tschechoslowakischen Nationalkirche.

Diese Bestrebungen fanden fast vollkommen architektonischen Ausdruck in der Kirche der Tschechoslowakischen Hussitengemeinde in Smíchov (Prag 5), direkt neben dem schönen Park Santoška an der Na Václavce 117/1. Der Sakralbau stammt aus dem Jahr 1935 und wurde von den Architekten E. Sobotka und Stanislav Vachata entworfen – letzterer ein Spezialist für avantgardistische Sakralbauten, der 1939 in Zbraslav einen ähnlich modernen Kirchenbau gestalten sollte. Es handelt sich um ein nach damaligen Maßstäben hypermodernes funktionalistisches Gebäude.

Die Modernität und die architektonische Formenstrenge der Kirche entsprechen den Grundsätzen des ersten Patriarchen und Gründers der 1920 gegründeten Tschechoslowakischen Kirche (Církev československá), Karel Farský, die sich erst seit 1971 Tschechoslowakische bzw. ab 1993 Tschechische Hussitische Kirche nennt. Man wollte modern, republikanisch und national sein und dem Prunk der katholischen Kirche eine Absage erteilen. Die Kirche ist auch bekannt unter dem Namen Dr. Karel Farskýs Gemeinde der Hussiten (Husův sbor dr. Karla Farského).

Farský steht hier deshalb so besonders in Ehren, weil Smíchov am 8. Januar 1920 der Gründungsort dieser Kirchengemeinschaft war, woran ein Denkmal vor dem Gebäude erinnert. Wenngleich heutzutage die Nikolauskirche auf dem Altstädter Ring formell die tschechische Hauptkirche der Hussitenkirche ist, sieht man sich hier in Smíchov irgendwie immer noch als die eigentliche Stammkirche. Und Farský wird hier noch immerhoch in Ehren gehalten. Seine Büste befindet sich ganz prominent direkt neben dem Altar im Kirchen- bzw. Gemeinderaum.

Auch sonst präsentiert das Kirchengebäude die Botschaft ausgesprochen sichtbar für die Welt. Das beschränkt sich nicht nur auf die streng formale Bauweise mit ihren einfachen Rechteckformen, dem 21 Meter hohen Turm mit seinen in alle vier Richtungen zeigenden minimalistisch gestalteten Uhrblättern. Weithin erkennbares Symbol für die Glaubensrichtung ist der Kelch auf dem Turm. Seit die Hussiten im Mittelalter den Laienkelch als Kern ihres kirchlichen Ritus einführten, ist das Kelchsymbol Kennzeichen aller reformierten Gemeinden (auch der lutherisch-evangelischen).

Ungewöhnlicher als der Kelch ist vielleicht das Patriarchenkreuz (mit zwei Querbalken) oben auf dem Dach des Schiffes. Es hat – ebenso wie die Kreuze der russischen Orthodoxen Kirche – noch einen Schrägbalken hinzugefügt, was man auf dem großen Bild oben erkennen kann. Das erinnert daran, dass es in der Tschechoslowakischen Kirche auch immer eine panslawistische Strömung gab, die sich von der grundsätzlich westlich-liberalen Reformtheologie Farskýs im konservativen Sinne absetzte.Ein Teil spaltete sich daher 1921 ab und gründete eine eingene Tschechoslowakische Orthodoxe Kirche.

Die neuartige Stahl- und Betonbauweise (Skelettbau) ermöglichte 1935 auch eine besonders luftige Konstruktion, die viel Raum für stockwerkübergreifende Fenster ließ, besonders sichtbar bei den langen Fenster an allen vier Seiten des Turms. Und gerade bei den leicht zu übersehenden Fenstern kann man noch einmal den theologischen Grundgedanken, der hinter der Kirche steht, erkennen. Dazu gehören der Rückgriff auf das hussitische Kelchsymbol, die modern-abstrakte Darstellung und die Verwendung der 1920 eingeführten Farben der Tschechoslowakischen Fahne – rot/weiß/blau. Das es sich um eine nationale Kirche handelte, daran wollte man wohl keinen Zweifel aufkommen lassen. (DD)

Jakobsleiter in Kobylisy

Roher Beton und Stahl. Brutalistisch ragt der Turm 26 Meter in die Höhe. Nähert man sich von der Ferne, weiß man nicht, ob es sich bei ihm und dem dazugehörigen Gebäude nicht doch um eine Sendestation oder ähnliches handelt. Tatsächlich haben wir es aber mit einem besonders interessanten modernen Kirchenbau zu tun.

Es handelt sich um die Kostel U Jákobova žebříku (Kirche zur Jakobsleiter) in der U Školské zahrady 1 im Stadtteil Kobylisy (Prag 8), die Gemeindekirche der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (Českobratrská církev evangelická) in diesem Stadtteil. Ihr auf den ersten Blick merkwürdiges oder zumindest unkonventionelles Aussehen (das durch die architektonische Öde drumherum noch einmal herausgehoben wird) verdankt sie den zwei Bauphasen, die sie in ihrer spannenden Geschichte durchlief.

Als eigenständige Kirchengemeinde gibt es die in Kobylisy erst seit 1939. Das ehemalige Dorf war nach seiner Eingemeindung im Jahre 1922 stark gewachsen. In den 60er und 70er Jahren wurden zusätzlich große Plattensiedlungen erbaut, Nun wurde auch die seit den 50er Jahren als Gotteshaus genutzte ehemalige Schreinerei zu klein. Ein Ausbau wurde vom kommunistsichen Staat nicht genehmigt. Im Gegenteil: Das Areal sollte ebenfalls mit Plattenbauten überzogen werden. Es gelang der Gemeinde, die Behörden, die in dieser Zeit eine gewisse Entspannung des Verhältnisses zu den Kirchen suchten, zu überzeugen, dass ein neues Grundstück zur Verfügung gestellt wurde. Dank einer Teilfinanzierung aus dem Ausland seitens des Hieronymus-Vereins war der Bau 1968 gesichert.

So wurde die Kirche nun in den Jahren 1968 bis 1971 von dem renommierten Schweizer Architekten Ernst Gisel erbaut. Es handelte sich um ein modernes rechteckiges Gebäude, dessen funktionalistischer Stil durch die Holzarchitektur über dem ersten Stock unkonventionell aufgelockert wurde. Wie bei modernen evangelischen Kirchen üblich, fungierte der Bau nicht nur als bloßes Gotteshaus, sondern auch als soziales Zentrum mit Übernachtungsmöglichkeiten für Besucher. Ursprünglich hieß das Gebäude Heiliggeistkirche, der aber 1997 in Kirche zur Jakobsleiter geändert wurde. Der nunmehr gewählte Name der Kirche bezieht sich auf die im Alten Testament überlieferte Traumvision Jakobs in Genesis 28, 11-19, in der eine in den Himmel führende Leiter erscheint, auf der Engel auf- und absteigen.

Die schlechte Bauqualität (bedingt durch sozialistische Mangelwirtschaft) ließ die Kirche schon in den 80er Jahren leicht baufällig werden. Zudem stießen sich viele Gemeindemitglieder daran, dass die Kirche optisch durch nichts an eine Kirche erinnerte. Im Jahr 2000 ließ man die beiden tschechischen Architekten Radovan Schaufler und Jakub Roskovec die Kirche umfassend renovieren und umbauen. Ihre große Neuerung war der Turm mit zwei Glocken, der ein wenig durch seinen Stahlaufbau an das Motiv einer Leiter erinnerte. Architektonisch war dies eher ein Rückgriff auf den sozialistischen Brutalismus als der Ursprungsbau. Aber er passte und ließ die Kirche etwas kirchlicher aussehen, die nunmehr von vielen Architekturkritikern als ein besonderes Meisterwerk der Moderne in Prag hervorgehoben wird. (DD)

Buks Krippe in der Ludmilla Kirche

Zu sehen ist hier die hübsche Krippe in der Kirche der Heiligen Ludmilla (Kostel sv. Ludmily) im Stadtteil Vinohrady, wo wir wohnen. Die Kirche wurde in den Jahren 1888-92 im neogotischen Stil erbaut (früherer Beitrag dazu hier).

In den ersten Jahren ihres Daseins hatte die Kirche noch keine Krippe – obwohl sich das ja eigentlich so gehört (Beitrag hier). Die wird erst seit 1913 kurz vor Weihnachten in der Seitenkapelle direkt links neben dem Haupteingang aufgestellt. Anscheinend wurde die Krippe in diesem Jahr von dem Holzschnitzer und Bildhauer František Vratislav Buk angefertigt. Buk war damals bekannt für seine schönen und großen Krippen, etwa der Krippe in der Kirche St. Ägidius (Kostel sv. Jiljí) in der Altstadt (wir berichteten hier). Und die Krippe in der Kirche der heiligen Ludmilla gilt als eines seiner Meisterwerke.

Eine kleine Nebenfigur wurde wohl noch 1924 hinzugefügt. In den Jahren 1974-84 wurde die Kirche geschlossen, weil die Bauarbeiten an der Metro zu dieser Zeit zu einem akuten Einsturzrisiko geführt hatten. Während dieser Zeit wurde die Krippe unsachgerecht eingemottet. Einige der Originalfiguren sollen sogar verschwunden sein. So stellte man es fest als man den Bestand mit der Beschreibung in einer Zeitschrift aus dem Jahr 1934, die ein Inventar enthielt, verglich. Unmittelbar nach Wiedereröffnung der Kirche restaurierte man das, was man noch hatte, sorgfältig. Und das Resultat kann sich immer noch sehen lassen!

Jedenfalls tummelt sich um die Krippe Alles, was dahin gehört – und noch mehr: Die Heilige Familie, die drei Könige, die Hirten. Und darüber schwebt der Verkündigungsengel. Aber natürlich gibt es auch unzählige Schafe, ein Kamel, ein Pferd und sogar einen Elefanten. Die sprichwörtlichen Ochs und Esel hinter der Krippe fehlen selbstredend auch nicht.

Daneben strömen auch zeitgenössische Figuren zum frisch geborenen Jesuskind – ein Bauer und eine Bäuerin, ein Dudelsackspieler, ein Wildhüter und sogar drei der Spender der Krippe sollen hier verewigt sein. Nicht fehlen darf auch ein Junge, der einen großen Fisch in den Armen trägt – schließlich ist der Weihnachtskarpfen ein wichtiger Bestandteil jeder tschechischen Weihnacht.

Die Krippe ist vor einer malerischen Felsenlandschaft dargestellt, auf der die Stadt Bethlehem unter dem Weihnachtsstern liegt. Das ganze Ensemble aus zierlich polychrom bemalten Holzfiguren zieht in den letzten Tagen vor Weihnachten viele begeisterte Zuschauer an. Zurecht, wie wir finden. (DD)

PS: Die Photos wurden 2019 gemacht, als Kirchen noch nicht wegen Covid zwangsgeschlossen waren.

Heilige und Patriotismus

Der Veitsdom (Katedrála sv. Víta ) hoch oben auf der Burg ist eine wahre Schatzkammer. Selbst unter den unendlich vielen Sehenswürdigkeiten der Spitzenklasse ragt dabei das berühmte von Alphonse Mucha (siehe auch hier) entworfene Kirchenfenster auf der Nordseite des Schiffs heraus.

Mucha war der „Popstar“ unter den vielen bedeutenden Künstlern des Jugendstils in Prag möglicherweise sogar der bekannteste Künstler der Tschechen überhaupt. Zudem war er ein politischer Mensch, der als tschechischer Patriot von einem unabhängigeren und demokratischeren Böhmen träumte. Er unterstützte die liberale Politik der Ersten Republik unter Präsident Tomáš Garrigue Masaryk von Herzen – weshalb ihn übrigens die Nazis nach ihrem Einmarsch 1939 kurz vor seinem Tod im selben Jahr internierten.

Als er 1928 mit dem ersten Entwurf für das große Kirchenfenster der Kathedrale begann, war klar, dass er religiöse mit patriotischen politischen Themen verbinden würde. Das ist bei dem im Fenster nun realisierten Entwurf von 1930 überdeutlich ersichtlich. Muchas politische Ideenwelt kreiste um einen durchaus westlich-demokratisch gebundenen (nicht-russophilen) Panslawismus, der sich mit einer deutlichen Prise tschechischen Nationalismus liberaler Prägung verband.

Um dies durch das Spektrum des religiösen (immerhin handelt es sich ja um ein Kirchenfenster) sichtbar zu machen, verbindet Mucha auf dem Fenster zwei ineinander verwobene historische Motive, die sich um Heiligenviten und das politische Erwachen slawisch-tschechischer Identität: Der Aufstieg der christianisierten Dynastie der Přemysliden und das Wirken der beiden Heiligen Kyrill und Method, den „Slawenaposteln“ die dereinst im 9. Jahrhundert die Slawen in Südost- und Mitteleuropa christlich missioniert hatten (früherer Beitrag u.a. hier).

Dabei stellt die kombinierte Szene in der Mitte des Fensters (siehe großes Bild oben) den Aspekt der Identitätsbildung der Herrscherdynastie der Přemysliden, die im 9. Jahrhundert dabei war, den böhmischen Staat auf christlicher Grundlage zu formieren. Im Hintergrund sieht man den böhmischen Herrscher Bořivoj I., der gerade als erster des Geschlechts von besagten Kyrill und Method getauft wird und somit di Geschichte des christlichen Böhmens einleitet. Davor sieht man – historisch gesehen nur wenige Jahrzehnte später – die Heiligen Ludmilla, eine aus dem selben Geschlecht stammende böhmische Nationalheilige, die ihren Enkel Václav, sprich: den späteren Heilige Wenzel, aufzieht. Den sieht man hier als betendes Kleinkind bereits mit visionärem (und etwas süßlich dargestelltem) Blick, die große Zukunft Böhmens erahnend. Das ist tschechische Nationalmythologie pur!

Die kleineren Bilder rechts und links von diesen großen Zentralmotiv stellen Episoden aus dem Leben der beiden Heiligen Kyrill und Method (die übrigens nicht Böhmen, sondern nur Mähren missionierten. Bořivoj I. (der erste wirklich historisch nachweisbare Přemyslidenherrscher) wurde nämlich um das Jahr 883 im mährischen Velehrad getauft. Auf der rechten Seite des Fensters sieht man die Vita des Heiligen Method, der 867 vom Papst zum Bischof geweiht worden war. Man erkennt ihn deshalb an der Mitra auf seinem Haupt. Das Bild Bild oberhalb links zeigt seinen Tod 885 im mährischen Velehrad.

Links wiederum sieht man das Leben und Wirken des Heiligen Kyrill, dem die Welt unter anderem das nach ihm benannte kyrillische Alphabet verdankt. Er übersetzte unter anderem die Bibel ins Kirchenslawische, das für die weit umfassende Missionstätigkeit der beiden Heiligen unerlässlich war. Das Bild links zeigt Kyrill, der 869 in Rom starb, bei der Übersetzungsarbeit.

Direkt unter dem zentralen Bild kommt ein rein säkularer Aspekt zum Tragen, nämlich zwei weibliche Allegorien, die die Slavia und die Bohemia darstellen sollen. Die Slavia als panslawistisches Symbol wird mit einem Blätterkranz abgebildet und hält einen Kreis in der Hand, der für die Einheit der slawischen Völker steht. Darunter die Bohemia, die eine Art Szepter als Verkörperung der neuen Staatlichkeit der Tschechen seit 1918. Mucha hatte schon zuvor die Slavia (hier) und die Bohemia (hier) mit ähnlichen Attributen dargestellt, die nicht unbedingt der christlichen Ikonographie entspringen.

Die wiederum steht ganz oben, in einem sternförmigen kleinen Fenster im Mittelpunkt, in dem Christus der ganzen Szenerie seinen Segen gibt.

Mucha wählte übrigens für sein Fenster nicht die im Mittelalter (und daher bei fast allen anderen Fenstern im Veitsdom) übliche Bleiglastechnik, bei der einzelne, meist monochrome Glasstücke miteinander mit Blei verlötet werden. Die großflächigere Glasmalerei Muchas erhöht den Licht- und Farbeffekt dramatisch. (DD)

Die Pestkirche von Žižkov

1680 wütete die Pest in Prag. 31.000 Menschen fielen ihr zum Opfer – mehr als ein Viertel der Bevölkerung. Die Kirchhöfe in der Stadt konnten die Toten nicht mehr fassen und wurden selbst zu Seuchenherden.

Immer mehr überlegten sich die Stadtväter, ob nicht außerhalb der Stadtmauern Friedhöfe eingerichtet werden sollten. So entstand im heutigen Stadtteil Žižkov im Jahre 1682 ein Pestfriedhof. Dessen Mittelpunkt wurde die hübsche kleine St. Rochus Kirche (Kostel sv. Rocha). Sie ist auch das einzige wirkliche Relikt des Pestfriedhofs, der bis zur letzten großen Pest im Jahre 1716 weitergeführt wurde. In den 1840er Jahren wurde er aufgelöst; die Mauer fiel größtenteils dem Straßenbau zum Opfer. Heute steht die Kirche auf einer kleinen Grünanlage.

Nur am südlichen und östlichen Rand des kleinen Parks stehen an einer Wand einige Grabsteine. Es handelt sich um die Außenmauer des im 18. Jahrhundert angelegten Olšany-Friedhof (Olšanské hřbitovy), über den wir hier berichteten. Es wurde also Friedhof an Friedhof gebaut. Und ganz in der Nähe befindet auch der ebenfalls 1682 als Folge der Pest eröffnete Jüdische Friedhof (Beitrag hier).

Ganz gesichert ist es wohl nicht, aber gebaut wurde die Kirche, die nach dem Heiligen der Pestkranken, St. Rochus, benannt wurde, offenbar von dem französischen Maler und Architekten Jean Baptiste Mathey (siehe u.a. frühere Beiträge hier und hier). Auch den ersten Blick scheint es sich um eine kreisrunde Rotunda zu handeln, aber in Wirklichkeit ist es ein eher elliptischer Zentralbau mit großer Kuppel.

Ab 1842 fungierte die Kirche als normale Gemeindekirche der örtlichen katholischen Gemeinde. Es gab immer wieder Renovierungen und Ergänzungen, wie etwa den vom Architekten Antonín Baum entworfenen neobarocken Hauptaltar. Außer bei Gottesdiensten ist die Kirche geschlossen, aber es gibt in der Tür ein kleines Guckloch. Leider befindet sich zwischen Vor- und Hauptraum eine künstlerisch gestaltete Glastüre, die mit ihren bunten Linienformen und Milchglaselementen verunmöglicht, dass man den Altar und die innen ebenfalls befindlichen Barockbilder klar erkennen kann.

Bemerkenswert ist die Kirche aber auch von außen. Dazu gehören die Strukturierung der Fassade durch große dorische Doppelpilaster und das schöne Eingangsportal im feinsten Barockstil. Es zeigt das Wappen der Stadt Prag, obwohl das Areal damals noch außerhalb der Stadt lag. Erst 1881 erhielt hier die Ortschaft Žižkov eigene Stadtrechte und erst 1922 wurde das Ganze Teil Prags. Allerdings wurde die Kapelle samt Friedhof von der Stadt Prag errichtet, weshalb das Wappen durchaus Sinn ergab. (DD)

Ehemalige Schulkirche

Die katholische Pfarrgemeinde im Stadtteil Nusle (Prag 4) erlangte erst 1903 ihre Selbständigkeit. Ab 1702 hatte sie noch zum benachbarten Michle, ab 1863 zur Pfarrei Vršovice gehört. Um diese Zeit war das kleine Dorf aber schon dabei, eine recht industrialisierte Stadt (erst seit 1922 ist man Teil Prags) zu werden, verbunden mit enormem Bevölkerungswachstum. Eine eigene Gemeinde mit eigener Kirche musste her.

Dazu bediente man sich einer bestehenden Kirche, der Kirche des Heiligen Wenzel (Kostel svatého Václava). Die war 1901 als Gotteshaus eines Gymnasiums im neobraocken Stil erbaut worden und wurde 1903 dann der Gemeinde übertragen. Deren Gemeindekirche im Bezirk ist sie – neben der älteren Kirche St. Pankraz (Kostel svatého Pankráce) – immer noch.

Das Gebäude in der Vladimírova 333/2 (Prag 4) brannte 1962 bei einem Brand aus und wurde 1967/68 wieder renoviert. Das Innere mutet dadurch ein wenig spartanisch an. 1997 bekam der Kirchturm eine neue, 350 Kilogramm schwere Glocke, die von der deutschen Firma Rudolf Perner gegossen wurde. Die ursprüngliche Glocke war 1942 von den Nazis für ihre Kriegswirtschaft eingeschmolzen worden.

Da das alte Schulgebäude ja noch steht, sieht die Kirche ein wenig aus, als ob sie immer noch ein Teil davon wäre – was die Außenansicht übrigens eher reizvoller macht (großes Bild oben), da beides ja ursprünglich „in einem Guss“ entworfen worden war. Allerdings hat die Schule weiterhin formell nichts mit dem Kirchenbau zu tun. Heute residiert hier übrigens nicht mehr nur ein Gymnasium (Pražské humanitní gymnázium), sondern auch eine internationale Schule, die American Academy in Prague. (DD)

Kubismus mit Kelch

Die Tschechen sind ein ausgesprochen säkulares Volk. Vielleicht war es die Zwangskatholisierung nach der Schlacht  am Weißen Berg, die 1620 gleichermaßen die Glaubensfreiheit und die politische Selbstbestimmung Böhmens beendete, ein Grund dafür. Als 1918 die Erste Tschechoslowakische Republik gegründet wurde, spielte die Katholische Kirche jedenfalls kaum eine identitätsstiftende Rolle für den neuen Staat. In diese Rolle drängte es nun die 1919/20 gegründete Tschechoslowakische Kirche (Církev československá), die sich ab 1971 Tschechoslowakische Hussitische Kirche (Církev československá husitská), die sich als eine Art Nationalkirche der Republik definierte.

Den damit verbundenen fortschrittlichen Anspruch dieser reformistischen Abspaltung von der Katholischen Kirche (1947 wurde z.B. die Frauenordination eingeführt) versuchte man auch optisch in der Architektur neuer Gotteshäuser umzusetzen. Die erlaubten sich keine historisierenden Rückgriffe, sondern befanden sich stilistisch voll auf der Höhe der modernen Welt, wie wir u.a. schon hier und hier gezeigt haben. Insbesondere Kubismus und Funktionalismus waren angesagt. So auch hier bei dem Hussitischen Gemeindehaus (Husův sbor) in der Táborská 317/65 im Stadtteil Nusle.

Erbaut wurde das Gemeindehaus – gemäß ihrer reformistischem Selbstverständnis gibt es bei der Hussitischen Kirche kaum eigentliche Kirchen, sondern nur umfassende Gemeindehäuser, die als Gotteshaus und sozialkulturelle Einrichtung dienen – im Jahre 1925 von dem Architekten Václav Řezníček.

Die plakative Fassadengestaltung ist schon fast ein Musterbeispiel für kubistische Architektur, die in den 1920er Jahren in Prag en vogue war. Das gilt nicht zuletzt auch für den besonders riesigen Kelch, der hier in Stuck dargestellt. Der geht auf die hussitische Praxis des Laienkelchs beim Abendmahl zurück, die einer der theologischen Hauptstreitpunkte mit der Katholischen Kirche in der Zeit der Hussitenkriege im 15. Jahrhundert war und später zum Symbol für ein modern-demokratisches Glaubensverständnis wurde. Zwei Kelche und das Portrait von Jan Hus kann man übrigens auch als Bleiglasfenster des Gemeindesaals im ersten Stock bewundern. (DD)

Wein unterhalb des Klosters

Prag ist, wie in diesem Blog schon öfters erwähnt wurde, nicht nur eine Bier-, sondern auch eine Weinstadt. Kaum eine Hauptstadt kann sich rühmen, soviele Weinberge innerhalb ihres Stadtgebietes zu beherbergen. Und einige haben eine lange Geschichte aufzuweisen. Das gilt vor allem für die Klöster, die im Mittelalter und der frühen Neuzeit Landwirtschaft und Weinbau im großen Stil betrieben. Ein paar kleine Überreste davon kann man heute noch unterhalb des Klosters Strahov beobachten.

Heute ist der größte Teil des Areals, das sich von der Kleinseite hoch zum Burgviertel mit dem Kloster hinzieht, mehr oder minder eine öffentliche Parkanlage, von der aus man hoch zu den Aussichtspunkten des Petřínberges wandern kann. Sie erstreckt sich weit bis zur Hungermauer , einem von Kaiser Karl IV. im 14. Jahrhundert erbauten Abschnitt der Stadtbefestigung. Das halbrunde Tal direkt unter dem Kloster hat jedoch ein wenig den Charakter der großen alten Nutzgartenanlage bewahrt und wird von kleinen Obstbäumen geziert.

Nähert man sich dem Kloster, dann sieht man zwei winzige kleine Weinberge, die nur noch einen schwachen, aber doch lebhaften Eindruck davon geben, was hier einst an Weinbau betrieben wurde. Das ist zum einen der direkt unter den Klosterterrassen gelegene Vinice pod Strahovským klášterem (Weinberg unter dem Kloster Strahov). Der ist so winzig wie idyllisch gelegen (großes Bild oben). Deshalb befindet sich auch mittendrin (vom Klosterhof oder von unten über die Úvoz-Straße erreichbar) eine Aussichtplattform, die einen grandiosen Blick auf Burg, Kleinseite und Altstadt erlaubt. 1143 begannen die im Kloster ansässigen Prämonstratensermönche mit dem Weinbau auf dem damals viel größeren Weinberg. Die Weinsorte, die hier heute angebaut wird ist die weiße Traube Hibernal.

Etwas weiter unten befindet sich parallel zur Außenmauer an der von der Kleinseite hochführenden Úvoz der Svatojánská vinice – zu Deutsch: Weinberg des Heiligen Johann; benannt nach dem böhmischen Heiligen Johannes Nepomuk. Er war ursprünglich Teil der großen Anlage von 1143 und seine Reben wachsen um das Gebäude herum, in dem ursprünglich die große Weinpresse stand. Das Prager Stadtgrünamt hat Weinberg und Gebäude 2011 restaurieren lassen, womit uns ein schönes Stück Geschichte erhalten geblieben ist. Schließlich haben die Mönche damals den Weinbau mit Eifer und großer Unermüdlichkeit betrieben. Immer wieder gab es Kriege – die Hussitenkriege im 15. Jahrhundert, der Dreissigjährige Krieg im 17. Jahrhundert, der Österreichische Erbfolgekrieg im 18. Jahrhundert -, die mit der fast vollständigen Zerstörung des Klosterweinbergs endeten. Und immer wieder bauten die Mönche ihn wieder auf. Als im 19. und 20. Jahrhundert das Areal unterhalb des Klosters immer mehr zum öffentlichen Park wurde, schrumpfte der Weinbau auf die Größe zusammen, die man heute sehen und bewundern kann.

Der Ausstoß der beiden sehr kleinen Weinberge dürfte sehr gering sein und man kann den Wein nirgendwo öffentlich in Flaschen erwerben. Ab und an soll es Verköstigungen geben – wo und wann wissen die Eingeweihten. Wir bleiben dran! Aber es gibt ja noch mehr Weinberge in der Stadt, wo man gut bedient wird (frühere Beispiel u.a. hier, hier und hier). Und sonst kann man ja wieder auf das gute Prager Bier umschwenken, denn das liefert das Kloster bekanntlich auch vom Feinsten, wie wir schon einmal hier zu berichten wussten. (DD)

Dorfkirche mit Wandmalereien

Der Ortsteil Hostivař gehört erst seit 1922 zu Prag. Zuvor war er ein kleines, bäuerlich geprägtes Dorf außerhalb der Stadtmauern gewesen. Mit der Expansion Prags holte (vor allen in den 1970er Jahren) eine wahre Wüstenei von Plattenbauten das Areal ein, so dass man heute fast schon überrascht ist, wenn man sich nach soviel Großstadt, Stahl und Beton plötzlich im alten Dorfkern befindet. Der ist allerdings entzückend und birgt mit seiner Dorfkirche, der Kirche der Enthauptung des Heiligen Johannes des Täufers (Kostel Stětí sv. Jana Křtitele), ein wahres Juwel in sich.

Die noch deutlich sichtbaren romanischen Ursprünge gehen wahrscheinlich ins 11. Jahrhundert zurück. Der damalige Bau wurde wohl vom rund 30 Kilometer entfernten Kloster Sázava betrieben. Als Pfarrkirche wird sie allerdings erstmals 1352 erwähnt. Im 13. wurde die Kirche im frühgotischen Stil umgebaut und erweitert. Sie erhielt ihre charakteristische rechteckige Form, wobei gottlob die alte romanische Apsis erhalten blieb.

Dort befinden sich auch noch umfangreiche und ausgesprochen gut erhaltenene Wandmalereien (kleines Bild rechts; großes Bild oben) aus dem 13. Jahrhundert – der eigentliche Schatz des Gebäudes. Sie stellen in der Halbkuppel den Herrgott und den gekreuzigten Jesus dar; darunter befinden sich die Heiligen Johannes (der Namenspatron der Kirche) und Katherina, sowie die Apostel Petrus und Paulus. Am unteren Rand sieht man eine Darstellung der Geburt Christi. Man ist beeindruckt, wie frisch sich die kontrastreichen Farben erhalten haben.

Der unbekannte Künstler hatte sich damals wohl an bekannten Vorbildern orientiert, die er in Manuskripten aus dem 12. Jahrhundert, wie etwa dem Westminster Psalter, fand. Derartiges findet man auch in Deutschland. Es ist ein Beleg dafür, wie die Schriftkultur de Zeit schon für eine Art Globalisierung in der Kunst sorgte. Jedenfalls würde man in einer Dorfkirche in einer (damals) so kleinen Gemeinde ein solches Niveau sonst nicht erreicht haben.

Die Kirche steht frei in einer großen ummauerten Rasenfläche, die dereinst der Kirchhof war. Am nördlichen Eingang befindet sich heute an der Stelle, wo einst die Leichenhalle war, ein hölzerner Glockenturm.

Auch nach dem 14. Jahrhundert wurde die Kirche immer wieder einmal ein wenig umgebaut und verändert. Vor allem 1864 ging man daran, die Kirche, die im späten 18. Jahrhundert im Stil des Klassizismus umgestaltet worden war, wieder „authentisch“ ins stilistische Mittelalter zurückzuversetzen, was recht gut gelang. Die schönen Malereien befinden sich jedenfalls ein einem geschmacklich sehr passenden Umfeld. (DD)