Kleines Schloss mit allem Drum und Dran

Je weiter man sich aus dem Zentrum Prags entfernt und in die ländlicheren Vororte kommt, um so mehr stößt man auf reizende kleine Landsitze und Schlösser. Schloss Dolní Počernice in dem gleichnamigen kleinen und noch sehr dörflichen Ortsteil ist ein Beispiel dafür.

Das Schlossgelände ist direkt an einem malerischen Stau- und Fischsee des kleinen Flüsschens Rokytka gelegen, das den Schlosspark angenehm mit Wasser speist. Von der Burg liest man das erste Mal in einer Chronik von 1401, wo von einer Vergrößerung die Rede ist. Die Burg selbst ist also schon älter, wohl aus dem frühen 13. Jahrhundert, was auch archäologische Forschungen neueren Datums bestätigten. Die Eigentümer – meist Kleinadlige und reiche Bürger aus Prag – wechselten häufig.

Dann, im Jahre 1562 gelangte die Burg in den Besitz des gerade gegen die Türken siegreichen Königs Ferdinand I., der sie aber umgehend glan einen Bürger namens Matěj Hůlek verkaufte, der zugleich auch geadelt wurde und nun Matěj Hůlek z Počernic hieß. Der baute erst einmal kräftig um. Der ganze östliche und mittlere Teil des Gebäudes wurde im Stil der Renaissance erneuert. Und so sieht der größte Teil des Gebäudes, dass sich nun von einer befestigten Burg in ein gut bewohnbares Schloss verwandelt hatte, heute noch vom Außenbild her aus.

Wieder gab es Besitzerwechsel. Die Angehörigen des Landadels wehrten sich meist gegen den Absolutismus und die religiöse Intoleranz der Habsburger im 17. Jahrhundert, was 1618 zum berühmten Böhmischen Ständeaufstand und dem Dreissigjährigen Krieg führte. Nach der Niederlage der Böhmen wurde das Eigentum der Verlierer enteignete, wodurch in den Reihen der Sieger bald enorm reiche Kriegsprofiteure befanden. Einer von ihnen, Jan Kapr z Kaprštejna (ein Richter, der sich selbst mit seinen Urteilen bereicherte) übernahm 1621 das und andere Schlösser der Umgebung. Da er neben der Neigung zur Raubjustiz auch noch seine Frau misshandelte, wurde er 1625 von ihr und ihrem Liebhaber umgebracht, worüber wir hier berichteten.

Es folgten nochmals Besitzerwechsel, bis 1664 die Familie der Grafen von Colloredo-Wallsee Schloss und Grund erwarben. Sie bauten den westlichen Teil ganz schick im Stil des Barock um, womit es im Grunde die heutige Gestalt bekam (siehe großes Bild oben). In der Zeit wurde auch der Garten verschönert (Gewächshäuser). Allerdings zog die Familie Colloredo-Wallsee 1769 wieder aus. Die nächsten bedeutenden Besitzer – nach einigen erneuten Wechseln – war dann 1856 die ungarische Familie der Freiherren Dercsényi de Dercsény, die bis 1923 blieben, als die Stadt das Gebäude übernahm. Die modernisierten in den Jahen 1856 bis 1866 das Gebäude unter der Leitung des Architekten Jan Bělský. Insbesondere fügten sie die große klassizistische Orangerie (kleines Bild oberhalb rechts), die heute (nach baulichen Modernisierungen) einen Kindergarten beherbergt.

Die Kirche Mariä Himmelfahrt (kostel Nanebevzetí Panny Marie) von Dolní Počernice ist heute die katholische Gemeindekirche, aber eigentlich ist sie sichtbar ein Teil der Burganlage. Sie war um das Jahr 1200, als sie im romanischen Stil erbaut wurde, wohl die Privatkirche des Schlossherren. Sie wurde mehrfach umgebaut, erst im gotischen Stil, dann nach 1562 mit Renaissancefenstern versehen. Forschungen haben ergeben, dass der Kirchturm im Mittelalter ein Teil der Verteidigungsanlage der Burg war. Im 18. Jahrhundert gab es eine vorsichtige Barockisierung, von der die Statue des Heiligen Laurentius vor dem Turm noch Zeugnis gibt.

Um 1890 vergrößerte man sie noch ein wenig durch den Bau eines Oratoriums und baute sie in einem dem Original frei nachempfunden neo-romanischen Stil um. Bei Renovierungsarbeiten fand man 2004 eine Sensation, nämlich originale romanische Wandgemälde aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, also der Urspungszeit von Burg und Kirche. Sie wurden 2010 bis 2014 von dem Maler und Restaurator Miroslav Koželuh wieder instandgesetzt. Die alten Bilder der Romanik passen irgendwie gut zu der Neoromanik, die das Gebäude seit 1890 optisch bestimmt.

Und wenn man schon einmal das schöne Schlossareal inspiziert, sollte man sich auch das am Fischteich gelegene Gebäude der ehemaligen Mühle anschauen, das 1862 unter der Familie Dercsényi de Dercsény erbaut wurde. Es ist ganz im Stile der englischen Neogotik gehalten. Die Mühle wurde stets verpachtet. 1953 wurde die letzte Pächterfamilie, Görner, von den Kommunisten vertrieben, die das Ganze in eine landwirtschaftlichen Staatsbetrieb verwandelten. Der Kommunismus ist gottlob passé. Heute befindet sich hier ein italienisches Restaurant. Das ist nicht der einzige kulininarische Erlebnisort hier. Aber über die Brauerei berichten wir später. (DD)

Eklektik für Rudolf nach der Pest

An dieser Kirche könnte man das Fremdwort eklektisch erklären, was in der Kunst so viel bedeutet wie die Verwendung von Elementen verschiedener, möglicherweise nicht zusammenpassenden Stilepochen. Nicht nur das macht die Kirche des Heiligen Rochus (kostel sv. Rocha) interessant.

Vor allem steht die alte Gemeindekirche innerhalb der Mauern des Klosters Strahov, das ja mit der großen Basilika Mariä Himmelfahrt (Bazilika Nanebevzetí Panny Marie na Strahově) bereits über eine Kirche verfügt. Die Standortentscheidung fiel kurz nach der großen Pest in Prag von 1599. Der Hausherr der benachbarten Burg, Kaiser Rudolf II., zog sich währenddessen nach Pilsen zurück, um der Seuche nicht nicht zum Opfer zu fallen. Als er gesund zurückkam, beschloss er aus Dank mit dem Strahover Abt Jan Lohelius, eine Kirche bauen zu lassen, die dem Heiligen Rochus, dem Schutzpatron gegen schlimme Krankheiten, gewidmet werden sollte. 1603 wurde sie geweiht und diente fortan nicht etwa den Mönchen, sondern den Pfarrmitgliedern der umliegenden Gemeinde als Gotteshaus.

Das ging so bis 1784. Dann setzten die Kirchenreformen von Kaiser Joseph II. ein, die in der Schließung und Enteignung vieler Klöster und Kirchen endete. Das Argument war die Sparsamkeit und er meinte, dass man auch dem Klostergrund keine Gemeindekirche brauche, wo doch schon eine große Klosterkirche existierte und die Aufgabe mit übernehmen könnte. Aus der Kirche wurde erst eine Leichenhalle, dann eine Schmiede. 1882 weihte dann aber doch der Abt von Strahov, Zikmund Antonín Starý, die Kirche für die Gemeinde neu. Nach der Machtübernahme der Kommunisten im Lande im Jahr 1948 wurde sie allerdings wieder enteignet und zu einer Lagerhalle umfunktioniert.

Nach dem Ende des Kommunismus wurde die Kirche aber nicht wieder Kirche, sondern es zog 1994 die Miro Galerie hier ein. Die war bis dato eine hochkarätige Exil-Galerie im fernen (West-) Berlin, aber Dank der finanziellen Hilfe von Gott – gemeint ist in diesem Fall Karel Gott – konnte Betreiber Miro Smolák nach Prag umsiedeln und nun hier in dem frisch renovierten Gebäude in wechselnden und hochwertigen Ausstellungen Klassiker der modernen Kunst ausstellen. Auch kleine Musikabende gibt es hier ab und an. Die Kirche hat natürlich Dank der Enteignungen seit langer Zeit ohne ihre ursprünglichen Kirchenausschmückung verloren. Das hat aber auch seine Vorteile, denn so kommt die interessante Architektur optisch klarer und reiner zum Vorschein.

Und so sieht man die seltsame Mischung von (damals völlig unmoderner) Gotik- und Renaissancestil, die sich der unbekannt gebliebene Architekt erlaubt hat. Innen stehen die klassischen Pilaster in Kontrast zu den gotischen Spitzfenstern. Der Grundriss, der im Kern rechteckig ist, aber durch abgeflachte Ecken fast oval wirkt, sowie die im Vergleich zum Grundriss unglaubliche Höhe. Drinnen gibt es drei gleich große Altarnischen, in denen früher je ein Altar des Heiligen Rochus, des Heiligen Sebastian und des Heiligen Antonius standen (die alle auch Patrone gegen Krankheiten sind). Die sind nicht mehr da. Aber die moderne Kunst kommt heute in ihnen hervorragend zur Geltung. (DD)

Kloster, von Rheinländern gegründet

Es gehört sicher in die oberen Ränge der Hitparade der größten Touristenattraktionen in Prag: Das Kloster Strahov (Strahovský klášter), das nahe der Burg über der Kleinseite thront.

Im Jahre 1143 erbaut, haben wir es mit dem ersten Kloster der Prämonstratenser zu tun, die sich von hier aus den in Böhmen ausbreiteten. Die ersten Mönche waren aus der Eifel, genauer: aus Kloster Steinfeld, importiert und der erste Abt, ein gewisser Gero, kam aus Köln. Das freut den Rheinländer, wenn er es vernimmt. Unterstützt wurde die Errichtung vom böhmischen Herzog Vladislav II. , was wohl erklärt, warum die Klosteranlage direkt an die Burg grenzt, in der er damals residierte und regierte – anscheinend nahe der Wachhäuser der Burg. Es heißt nämlich, dass sich der Name Strahov von dem alten tschechischen Wort „strahovati“ ableitet, was soviel wie „Wache halten“ bedeutet.

Die Mönche bauten ihre Wirtschafts-. und Wohngebäude und natürlich eine Kirche, und zwar im damals modernen romanischen Stil. Bei der Klosterkirche Mariä Himmelfahrt (Kostel Nanebevzeti Panny Marie), die dann im Jahr 1148 geweiht wurde, handelte es sich um ein dreischiffiges Gebäude. Im Jahr 1258 verursachte ein Feuer größere Schäden, worauf König Otakar II. einen zügigen Wiederaufbau veranlasste, der dann allerdings im Stil der Frühgotik erfolgte. Ein Querschiff und zwei Seitenkapellen wurden hinzugefügt.

Von da an spielte das Kloster alle wesentlichen Stilepochen durch und wurde dabei immer größer. Abt Jan Lohelius, der zwischen 1586 und 1622 das Kloster leitete, modernisierte insbesondere die Fassade der Kirche im Stil der Renaissance und fügte noch die großartige Bibliothek hinzu, die am Ende das Kloster so berühmt machen sollte, dass wir hierzu einen gesonderten Beitrag präsentieren. Während und nach dem Dreissigjährigen Krieg wurde das Kloster ein gelehrtes Zentrum der Gegenreformation.

Dem entsprach auch, dass Ende des 17. Jahrhunderts eine großzügige Umgestaltung im Stil des Barocks erfolgte. Insbesondere der Architekt und Maler Jean-Baptiste Mathey (siehe auch den früheren Beitrag hier) zeichnete sich für die Umgestaltung des gesamten Areals verantwortlich. Dabei ragt vor allem der um einen quadratischen Hof gebaute Wirtschafts- und Wohnbereich mit seinem schönen Toreingang heraus. Die Klosterkirche wurde dabei in den Jahren 1742 bis 1758 nach den Entwürfen des Architekten Anselmo Lurago (über den wir u.a. hier und hier berichteten) barockisiert.

Überbordenden Barock sieht man auch im Innenraum. Alleine die Decke ist atemberaubend. Der Bildhauer Ignaz Palliardi unterteilte die Decke in 40 mit Stuckkartuschen umrahmte Felder, die dann von den Malern Ignaz Raab und Josef Kramolín mit himmlischen Szenen aus dem Leben der Muttergottes Maria ausgefüllt wurden. Das Ganze unterstreicht den auf Höhe abzielenden Effekt des gotischen Vorbaus, desen Grundstruktur ja erhalten blieb.

Der Hauptaltar ist das Werk des böhmischen Bildhauers Ignaz Franz Platzer und ist verziert mit einem Altarbild des Malers  Johann Christoph Lischka. Bemerkenswert ist auch die barocke Kanel, die fast wie der Mittelpunkt des Raums erscheint. Leider ist die Kirche außerhalb der Gottesdienste fast immer geschlossen. Viele der skulpturalen Ausschmückungen kann man also normalerweise nicht besichtigen, sondern nur vom Vorraum den Blick durch ein Gitter genießen. Ebenso auch die Grabmäler und die Reliquien, darunter die des Heiligen Norbert, des Ordensgründers der Prämonstratenser, die hier sein 1626 ruhen.

Verlässt man die Kirche, gibt es auf dem Areal viel zu sehen. Schon am Eingang kann man das große barocke Tor mit der von dem Bildhauer Johann Anton Quittainer geschaffenen Statue des Heiligen Norbert oben auf (Bild links) bewundern. Direkt dahinter sieht man die ehemlaige (heute desekretierte und zur Galerie umgebaute) Kirche des Heiligen Rochus, über die wir noch berichten. Wer dann schon Rast und Erfrischung benötigt, kann in die Klášterní pivovar Strahov (Klosterbrauerei Strahov), die wir schon hier behandelten. Dann gibt es noch Bibliothek, Gemäldegalerie und Souvenirladen. Wo einst Mönche aus dem fernen Rheinland sich erstmals, ist heute eine Sehenswürdigkeit entstanden, für die man sich Zeit nehmen sollte. (DD)

Christliche Bescheidenheit

Direkt neben dem Palais Černín und der barocken Pracht des Prager Loreto nimmt sich diese Kirche ausgesprochen unauffällig und bescheiden aus. Das war auch urspünglich so gewollt. Die am Rande der Burgstadt (Hradčany) in der Černínská 98/3 befindliche Kirche der Maria der Engelsgleichen (Kostel Panny Marie Andělské) steht schon in ihrer Gestaltung für die Tugenden christlicher Bescheidenheit und Armut.

Einfacher Turm und gerade schlichte Wände zeichnen die

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Kirche aus, die in den Jahren 1600 bis 1602 erbaut waren Auftraggeber war der Orden der Kapuziner, der erst drei Jahre zuvor, 1599, vom Prager Erzbischof Zbyněk Berka z Dubé a Lipé ins Land gerufen worden war. Und die Kapuziner waren ein Bettelorden, dessen Mönche in Buße und Armut oft von Almosen lebten. Bettelorden waren in der Kirche oft umstritten und es soll kein Zufall gewesen sein, dass sie sich etwas außerhalb der weltlichen Metropole ansiedelten – noch bevor ringsum Palais erbaut wurden. 1663 wurde der Bau ein wenig durch die Umfassung eines zweiten Hofes erweitert, was aber den bescheidnene Grundcharakter nicht veränderte.

Eher überraschend wurde das Kloster während der Josephinischen Kirchenreformen um 1784 nicht säkularisiert, obwohl gerade Bettelorden in den Augen Josephs II. als unproduktiv galten. In Böhmen und Mähren fielen immerhin 29 Klöster den Reformen zum Opfer. Hier in Prag wurde nur die Zahl der Mönche von 70 auf 38 reduziert. Schlimmeres widerfuhr den Mönchen erst 1944 als die SS das Kloster beschlagnahmte und dort ein kleines Gefängnis für als widerständig eingestufte Deutsche und Deserteure einrichtete. Die Mönche bekamen ihr Eigentum 1946 zwar wieder zurück, aber nur um 1950 wieder enteignet zu werden, diesmal von den Kommunisten. Erst als die gottlob ebenfalls von der Bühne abtraten, wurde das kleine Kloster den Kapuzinern, die auch das Prager Loreto verwalten, wieder zurückerstattet.

Immer noch etwas abgeschlossen von der Welt wirkt die Kirche. Immerhin kann man tagsüber meist durch ein Gitter in den Innenraum schauen, der durchaus eine gewisse barocke Pracht entwickelt, die aber nicht aus der Gründungszeit um 1600 stammt. Vor allem der Hauptaltar mit dem Gemälde des italienischen Malers Paolo Piazza aus dem Jahr 1735 ist sehenswert. Es zeigt Heiligen Franziskus (dessen Idealen sich die Kapuziner verpflichtet fühlen), dem Jesus, Maria und einige Engel erscheinen. Berühmt ist die Kirche auch für ihre Krippe aus dem 18. Jahrhundert, die man in der Adventszeit bwundert kann. Darübert wird noch gesondert berichtet.

Toleranz für den Turm

Das Besondere an dieser Kirche ist ihr Turm. Eigentlich hätte es den da nicht geben dürfen. Dass es ihn gibt, verdankt man einer Ausnahmeregelung. Aber weshalb sollte eine Kirche wie die St. Michaelskirche in der Neustadt keinen Turm haben dürfen?

Nun, nach der Niederlage des Ständeaufstandes bei der Schlacht am Weißen Berg im Jahre 1620 und dem Sieg der katholischen Habsburger war es mit der Glaubensfreiheit in Böhmen erst einmal für lange Zeit vorbei. Allen nicht-katholischen Bekenntnissen wurden grundsätzlich öffentliche Gottesdienste und der Bau und Betrieb von Kirchen untersagt. Die Lage besserte sich erst 1781 ein wenig, als Kaiser Joseph II., ein aufgeklärter Monarch, der sich oft mit der Kirche anlegte, sein berühmtes Toleranzpatent erließ. Aber er musste vorsichtig sein, um nicht die katholische Kirche allzu sehr gegen sich aufzubringen.

Die Toleranz war daher eng begrenzt. Protestantische Gläubige durften sich zwar wieder zum Gottesdienst versammeln und Gotteshäuser einrichten, aber nur so diskret, dass kein pedantischer Katholik daran Anstoß nehmen konnte. Die Gotteshäuser mussten klein sein und durften von außen auf keinen Fall wie eine echte Kirche aussehen. Also bloß keine bunt beglasten Kirchenfenster und schon gar keine Türme! Ein evangelisches Gotteshaus musste idealtypisch wie ein normales Wohnhaus aussehen. Ein Beispiel, das man in Prag findet, haben wir schon hier vorgestellt.

Zurück zur ursprünglich natürlich katholischen St.-Michaelskirche (Kostel svatého Michala v Jirchářích) in der V jirchářích 152/14 in Prag 1. Deren Ursprünge liegen im 12. Jahrhundert. Als Pfarrkirche sollte die einschiffige romanische Kirche dienen. Mitte des 14. Jahrhunderts wurde sie um einen gotischen CHor erweiter und Ende des 14./Anfang des 15. Jahrhunderts kamen zwei Seitenschiffe hinzu. 1511 verfeinerte man den Bau noch einmal um ein spätgotisches Kreuzrippengewölbe. Der große Turm ist neueren Datums, denn er wurde erst 1717, nunmehr im Barockstil, errichtet. Auch im Innenraum gab es eine vorsichtige Barockisierung, insbesondere durch den um 1770 eingefügten Hauptaltar mit seinem Jesus Christus zeigenden Altarbild.

1787 war erst einmal Schluss für die Kirche. Im Zuge seiner Kirchenreformen ließ der aufklärerisch gesinnte Kaiser Joseph II. viele Klöster, aber auch etliche Gemeindekirchen schließen und säkularisieren – so auch St. Michael. Sie wurde kurzerhand in einen Lagerraum verwandelt. Das blieb gottlob nur ein kurzes Zwischenspiel, so dass sich der Schaden, der dadurch dem Bauwerk zugefügt wurde, in Grenzen hielt. 1790 kaufte ein evangelischer Kaufmann namens Franz Kehrn die „Lagerhalle“ und schenkte sie der neu gegründeten „Protestantischen deutschen Civil-Gemeinde“, wie die Gemeinde der deutschsprachigen evangelischen Bürger Prag damals hieß. Die deutschen Proetstanten durften bis dato seit 1784 das Bethaus, d.h. die Toleranzkirche, der tschechischsprachigen Protestanten, in der Tischlergasse (heute: Truhlářská 1113/8) in der Neustadt mit benutzen. Das konnte aber nur ein Provisorium sein. Also freute man sich über das Geschenk Kehrns sehr.

Die Kirche wurde instand gesetzt und 1791 unter ihrem Pfarrer Johann Friedrich Christoph Götschel geweiht. Nun war das Gebäude als „Lagerhalle“ theoretisch ja ideal für die Einrichtung einer vorgeschrieben bescheidenen Toleranzkirche. Aber real war sie nun einmal ein Kirchengebäude mit allem Drum und Dran – Turm und Kirchenfenster. Durch zähe Verhandlungen, die möglicherweise an den bekannten Instinkt der josephinischen Regierung appellierte, von den kirchlichen Institutionen Sparsamkeit zu verlangen, erreichte man die Ausnahmeregelung, dass weder der Turm abgerissen, noch die Fenster herausgebrochen werden mussten. Und so kam es, dass die Gemeinde der Michaelskirche zu den wenigen evangelischen Gemeinden gehörte, die eine richtige Kirche besaßen. Die kaiserlichen Behörden hatten Toleranz für den Turm walten lassen.

Der deutschsprachigen Gemeinde gehörte die Kirche auch immer noch, als durch das von Kaiser Franz Josef beschlossene Staatsgrundgesetz 1861 die letzten Relikte der Intoleranz fielen und die Glaubensgemeinschaften im Habsburgerreich vor dem Gesetz frei und gleichberechtigt wurden. Jetzt hätte es keienr Ausnahmegenehmigung bedurft, um einen Kirchturm zu besitzen.

Die Gemeinde pflegte unterdessen ihre Kirche gut. 1817 renovierte man sie und baute eine Kanzel im damals populären klassizistischen Stil ein. Eine Renovierung des Gebäudes erfolgte noch einmal 1832.

1882 wurde die Kirche noch einmal renoviert. Dem Zeitgeist entsprechend ging man zurück zu den Wurzeln. Viele barocke Bestandteile, die im 18. Jahrhundert hinzugefügt worden waren, wurden zurückgebaut und die Kirche weitgehend re-gotisiert. 1904 wurden neue Glasfenster eingesetzt. Auch sie sind im historistischen Stil gestaltet. Betont wird zudem, dass es sich um eine deutsch-lutheranische Gemeinde handelt, die hier ihre Kirche betreibt. Die Gestalt Martin Luthers thront sichtbar über dem Altar in einem Seitenfenster.

Und dann ist da noch etwas, worauf die gemeide in den Zeiten der Ersten Republik nach derm Ersten Weltkrieg recht stolz war. Albert Schweitzer, der große Theologe, Nobelpreisträger, Entwicklungshelfer (Stichwort: Urwaldkrankenhaus Lambarene) und Schriftsteller war bekanntlich auch ein bedeutender Musikwissenschaftler, Pianist und Organist. Die Gemeinde St. Michael hatte Schweitzer eingeladen und so gab er im Sommer 1923 und im Sommer 1928 je ein Konzert auf der im 19. jahrhundert hier aufgestellten Orgel. Eine Gedenktafel dazu wurde im Jahre 1993 direkt neben dem Eingang angebracht.

Mit der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei nach 1945 endet auch die Geschichte der deutschen lutheranischen Gemeinde hier. Die heutige Deutschsprachige Evangelische Gemeinde, die weniger aus Nachfahren der damaligen Gemeindemitglieder, denn aus Ex-Pats aus Deutschland und Österreich besteht, hat seit 1994 ihren Sitz nicht mer hier, sondern in der Kirche Sankt Martin in der Mauer (wir berichteten hier). In St. Michael gibt es nunmehr Gottesdienste für die Mitglieder der tschechischen, der slowakischen und der englischsprachigen lutheranischen Gemeinden – von denen vielleicht nicht viele finden, dass ein Turm an einer Kirche etwas Besonderes sein könnte. (DD).

Nicht anerkannte Heilige mit ergreifender Geschichte

Mimt Cochita Wurst hier den Jesus? Mit diesem ersten Gedanken, der sich schon ein wenig aufdrängt, liegt man natürlich falsch. Was man hier sieht, findet man nicht oft in Kirchen, weil die hier abgebildete Heilige nie heiliggesprochen wurde. Selbst aus dem offiziellen Märtyrerregister, wo sie im 16. Jahrhundert Eingang fand, wurde die Heilige Wilgefortis inzwischen gestrichen.

Insofern bietet Prag hier eine Rarität. Die Darstellung in der von Christoph Dientzenhofer erbauten „Kapelle der Jungfrau Maria-Schmerzen“ im Kreuzgang (kleines Bild) des Prager Loreto (über den wir hier berichteten) ist eine von recht wenigen in der Welt. Der wohl in den Niederlanden im 15. Jahrhundert entstandenen Volkssage nach war sie vor Urzeiten eine bekehrte Christin, die nach dem Willen ihres Vaters einen fiesen Heiden heiraten sollte. Sie bat Gott, er möge sie so verunstalten, dass der Bösewicht von ihr abließ. Gott ließ ihr darob einen Bart wachsen, was auch den gewünschten Effekt hatte. Aber der Vater wurde böse und ließ Wilgeportis, die im Deutschen auch Kümmernis genannt wird, wie einst Christus kreuzigen. Am Kreuz hängend lebte sie noch eine Weile, predigte und vollbrachte etliche Wunder, sodass kurz vor ihrem Ableben selbst der schlimme Vater reuig bekehrt war.

Und so sehen wir Wilgefortis mit allen ihren klassischen Attributen – weibliche Gestalt, Bart, Frauenbekleidung, ans Kreuze gebunden, Märtyrerkrone – hier an einem Seitenaltar der Kapelle. Und es ist ja auch eine ergreifende Geschichte, die es verdient hat, dass sie im Prager Loreto Dank eines unbekannten Barock-Bildhauers aus dem frühen 18. Jahrhundert noch in Ehren gehalten wird – unabhängig davon, ob die Heilige wirklich heiliggesprochen wurde. (DD).

Barocke Schatzkammer

Unter den Baudenkmälern des Barocks in Prag ragt dieses als besonders wuchtig und prachtvoll heraus – was angesichts der der großen Konkurrenz etwas heißt. Die Rede ist vom Loreto in der Burgstadt (Hradčany) am Loretánské náměstí 100/7 (Loretoplatz).

Das Loreto und die dazu gehörige kolossale Wallfahrtskirche wurden in den Jahren 1626 bis 1631 im Auftrag und mit den Spenden der Hochadligen Benigna Katharina Gräfin von Lobkowicz von dem böhmischen Architekten aus italienischer Familie Giovanni Batista Orsi erbaut. Im Jahr der Fertigstellung wurde sie von Kardinal Ernst Adalbert von Harrach, dem damaligen Prager Erzbischof, feierlich eingeweiht. In den Zeiten des Glaubenskrieges – es tobte der Dreissigjährige Krieg zu dieser Zeit – sollte damit auch ein gegenreformatorisches Zeichen gesetzt werden.

Der Name Loreto leitet sich Die Basilika vom Heiligen Haus (Santuario Basilica Pontificia della Santa Casa di Loreto) in der italienischen Stadt Loreto. Der Legende nach soll nach einigen Umwegen hierhin das Haus der Gottesmutter Maria aus Nazareth geflogen sein, als 1291 das Heilige Land wieder von muslimischen Truppen erobert wurde. Um das nun durch ein Wunder nach Italien gelangte Haus würdig zu zelebrieren, wurde eine Wallfahrtskirche drumherum erbaut. Im 14. Jahrhundert begannen Wallfahrten zum diesem Ort, die im 16. Jahrhundert von den Jesuiten so gefördert wurden, dass an vielen Orten Nachbildungen des Heiligen Hauses entstanden, die unzählige Pilger anzogen.

Gräfin Lobkowicz hatte eine derartige Nachbildung der Loreto in der mährischen Stadt Mikulov gesehen und wollte so etwas auch in Prag sehen. Das von ihr gestiftete Gebäude wurde dem Orden der Kapuziner übergeben, der es hegte und pflegte und zu einem populären Wallfahrtsort machte. Der Ansturm (heute sind es sicher mehr Touristen als Pilger) war und ist gerechtfertigt. Der Andrang und das damit verbundene Spendenaufkommen ermöglichten die Erweiterung. In den bereits prachtvollen Kreuzgang (Bild oberhalb links), der um das Mariengebäude führte, wurden von 1710 bis 1717 durch den Architekten Christoph Dientzenhofer etliche prachtvolle Kapellen hinzugefügt.

Im Jahr 1721 baute dann Christoph Dientzenhofer zusammen mit seinem ebenso berühmten Sohn Kilian Ignaz Dientzenhofer die große Westfassade des Wallfahrtsorts auf, die heute dem Besucher von der Straße aus als erstes ins Auge sticht. Sie integrierte den früher erbauetn Glockenturm, dessen 1694 aus 30 Glocken angefertigtes Uhrwerk stündlich die Melodie Tausendmal stets wollen wir dich grüßen, dich, o reinste Mutter Jesu Christ spielt. Die reiche skulpturale Ausstattung der Fassade stammt von dem Hofbildhauer Johann Friedrich Kohl.

Die Kapelle hinter dem Haus wurde wiederum 1734 bis 37 von Johann Georg Eichbauer zu einer veritablen Wallfahrtskirche ausgebaut. Etliche bekannte Künstler der Zeit wirkten bei der Innengestaltung mit – vor allem der Bildhauer Matthias Schönherr, der unter anderem den Haputaltar und die überbordend ausgeschmückte Kanzel schuf. Das Altarbild zeigt die Anbetung des Jesuskindes in Nachempfindung eines Frührenaissancegemäldes des italienischen Malers Filippo Lippi. Die ganz dem Prunk der Gegenreformation verpflichtete Wallfahrtskirche wäre schon ohne den restlichen Loreto-Komplex einen eigenen Besuch wert.

Zurück zum eigentlichen Kern, dem Heiligen Haus. Das folgt ganz eng dem „Original“ in Loreto. Dort wurde das bescheidene Domizil der Maria, das seine Flugreise hinter sich hatte, in den Zeiten der Renaissance durch den Architekten Donato Bramante völlig um- und überbaut. man sieht keine Bescheidenheit, sondern dekorative Skulturen und architektonische Elemente im Stil der Hochrenaissance. Eine Überprüfung, ob darunter tatsächlich ein antikes Gebäude aus der Zeit Mariens steckt, ist nicht mehr so einfach möglich… Wie dem auch sei, das Prager Loreto folgt dem Renaissance-Vorbild in Italien recht detailgetreu. Überall befinden sich auf den Fassaden Darstellungen aus dem Leben der Maria (hier die Anbetung durch die Hirten) und einige Szenen aus Heiligenviten.

Und innen ist es ähnlich. Hier darf eine Nachahmung der in der Original-Loreto befindlichen Schwarzen Madonna nicht fehlen. In der Originalkapelle in Italien befand sich zunächst eine Ikone mit dem wahren Anlitz der Maria. Aber die verwitterte durch den rauch von Kerzen und Lampen immer mehr, sodass sie im späten 16. Jahrhundert durch eine Holzstatue ersetzt wurde. Und in dieser – ja eigentlich nicht-original Form – sehen wir sie als Kopie im Prager Loreto.

Zu beiden Seiten des Heiligen Hause befinden sich im Innenhof noch zwei bemerkenswerte Brunnen. Geschaffen wurden sie von dem Bildhauer Johann Michael Brüderle in den Jahren 1739 bis 1740. Nach dem Tod des Bildhauers im Jahre 1740, setzte sein Kollege Richard Prachner die Umsetzung des Entwurf fort. Einer der Brunnen zeigt – thematisch passend! – eine Darstellung Mariä Himmelfahrt. Der zweite Brunnen präsentiert die Auferstehung Christi. Die Verwendung des Sargs , dem Christus gerade entstiegen ist, als Brunnen ist eine künstlerisch geniale Idee…

Neben dem Marienhaus und der sie umgebenden architektur sind auch noch zwei Ausstellungen oder Museen bemerkenswert, die sich im ersten Stock befinden. Das eine ist die Schatzkammer. Die Wallfahrtsstätte hat in ihrer Blütezeit von reichen Pilgern, die damit Buße tun wollten, unzählige Schätze erhalten. Die Sammlung goldener und silberner Sakralgegenstände ist enorm und ihre Besichtigung nimmt schon eine gewisse Zeit in Anspruch. Aber zumindest einen muss man gesehen haben – nämlich die berühmte Prager Sonne. Dabei handelt es sich um eine 1699 angefertige große Monstranz, die aus massivem Gold (mit kleinen Silberornamenten) besteht. Ganze 6.222 Diamanten wurden darin verarbeitet – wahrhaft rekordverdächtig!

Und dann ist da noch eine Sensation, die man erst 2011 entdeckte, und die erst seit 2012 eine eigene Ausstellung eingerichtet bekam. Der Fund der alten Krypta unter der Kirche kam überraschend. Noch überraschender war, dass sie künstlerisch äußerst wertvolle Wandmalereien enthielt, die die ganze Gruft der Kapuziner umrahmten. Die 1664 entstandenen Bidler, deren Maler unbekannt blieb (möglicherweise ein Mönch), erinnern an Totentanzdarstellung und Gemälde über die Sterblichkeit der Menschen aus der Zeit des flämischen und niederländischen Barocks (etwa bei Rembrandt).

Leider wären die Bilder gefährdet, wenn man viele Besucher in die Krypta ließe. Sie bleibt für die Öffentlichkeit geschlossen. Man hat sich damit geholfen, dass nun originalgroße Kopien der düsteren Bilder auf Wandtafeln in einem Raum im ersten Stock so aufgestellt wurden, dass es der Gruft nachempfunden wirkt. Das ist gruselig und beeindruckend zugleich und somit ein besonderes Highlight des des an Highlights so reichen Loreto-Komplexes, der so viele Wunder beinhaltet, dass ein Besuch mit Sicherheit nicht ausreicht, um das ganze umfassend würdigen zu können. (DD)

Gespenstische Kapelle

Gespenstisch! Es gibt Orte, da möchte man nicht alleine nächtigen. Man glaubt ja eigentlich nicht an Geister. Aber möglicherweise könnte es dort doch spuken. Keine Frage, selbst tagsüber lässt einem der Blick in das Innere der Kapelle Unserer Lieben Frau Maria von Altöttingen (Kaple Panny Marie Altöttinské) in Břevnov leichten Schauer den Rücken hinunterlaufen. Selbst, wer nicht an Geister glaubt, wird sich ob des deplorablen Zustand des historisch bedeutsamen Gebäudes eines leichten Grauens nicht erwehren können.

Dabei hatte es so gut begonnen. Maria Eusebia von Sternberg hatte das Land, auf dem die Kapelle errichtet werden sollte, 1649 gekauft. Bernard Borsita von Martinitz, ihr Sohn aus der Ehe mit Jaroslav Borsita von Martinitz ließ die Kapelle dann 1665/66 erbauen, um sie kurz darauf dem Theatinerorden zu schenken. Der Bau orientierte sich klar an dem Vorbild der Gnadenkapelle von Altötting, die auch andernorts als Modell für Wallfahrtskapellen diente, etwa in Linz. Das erklärt, warum die Form der Kirche eher einer mittelalterlichen Kirche ähnelt, denn einer barocken. Der Kern der Kapelle in Altötting war nämlich eine karolingische Rotunde aus dem 9. Jahrhundert. Und genau die so aussehende Struktur ist von der Prager Kapelle heute noch übriggeblieben. Wie in allen dem Altöttinger Modell folgenden Kapellen, befand sich auch hier eine Kopie des dortigen Gnadenbilds der Schwarzen Madonna.

Die Theatiner betrieben die Kapelle als Wallfahrtsort der gehobenen Art. 1672 besuchte Kaiser Leopold I. den Ort, 1680 Kaiserin Eleonore und 1682 der bayerische Kurfürst Maximilian II. Emanuel. 1783 kam das abrupte Ende der Erfolgsgeschichte als durch die Kirchenreformen Kaiser Josephs II. die Enteignung des naheliegenden Theatinerkloster erfolgte, zu dem die Kapelle gehörte. Es folgten etliche weltliche Besitzer, die die Kirche kaum nutzten, bis schließlich Pauline Julie Gräfin von Kaunitz (geb. Gräfin Buquoy) Grund und Gebäude im Jahre 1815 erwarb. Das sollte sich für die Kapelle keineswegs positiv auswirken, denn die Gräfin ließ 1822 die Glocken einschmelzen, die Wertsachen zu anderen gräflichen Besitzungen transportieren und das Schiff abreißen, sodass nur der heute sichtbare Solitär des Turmes mit seiner Krypta, die es übrigens im Altöttinger Original nicht gibt, übrigblieb. Ein Eingreifen der Behörden verhinderte den kompletten Abriss.

Jetzt sah das Ganze nicht mehr so recht toll aus, weshalb die Gräfin 1832 beschloss, das Anwesen und die Kapelle zu verkaufen. Es gab mehrere Besitzerwechsel, während derer die Kapelle immer weier verfiel. Es gab aber auch erste Bestrebungen zur Rettung als Kulturdenkmal, ausgelöst durch die Popularität der Würdigung des Bauwerks durch den bekannten Kulturhistoriker Bernhard Grueber in seinem Werk Kunst des Mittelalters in Böhmen (1871). 1906 investierte die Stadt Prag tatsächlich ein wenig Geld für Reparaturen. Da der private Besitzer aber kein Nutzungsinteresse hatte, erwies sich das aber nicht als sonderlich nachhaltig. Der Verfall ging weiter.

1912 versuchte der Besitzer die Kapelle an den Orden der Unbeschuhten Karmeliter zu verkaufen, wo sie wohl in guten Händen gewesen wäre. Der Kauf kam am Ende genauso wenig zu Stande wie die geplante Veräußerung an die Tschechoslowakische Hussitische Kirche. Währenddessen wurde die Kirche wiederholt Opfer von Vandalismus. Insbesondere wurde das schöne neoromanische Portal mit seinen hübschen Kapitellen zerstört und immerhin dann doch kostspielig restauriert – heute wohl der schönste Teil des Gebäudes.

Innen sieht es nicht besser aus. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts befanden sich in den Nischen des Innenraums wertvolle Engelsstatuen, die seither verschwunden sind. Über dem Altar hat ein Sprayer, der hier eindrang, vor kurzem einen Engel mit schwarzen Flügeln – wohl ein satanistisches Symbol – aufgesprayt. Solche Barbareien waren möglich, weil die Kapelle über etliche Jahre nicht einmal zugeschlossen war und zum Teil Obdachlosen als Asyl galt. Immerhin wurde daran dann doch vor einiger Zeit etwas geändert und im Portal ein schweres und massives Stahlgitter eingebaut, das den Blick nach Innen hinein erlaubt, aber keinesfalls mehr ein Eindringen in das Gebäude.

Das war eine Folge des Untersuchungsberichts, den 1990 eine denkmalpflegerische Kommission der Stadt Prag veröffentlichte. Der entwarf ein unschönes Bild über den bemitleidenswerten Zustand der Kapelle – insbesondere der völlig vermüllten Krypta, die gottlob mittlerweile auch vergittert, wenngleich nicht gegen Wasser und Wetter gesichert ist. Immerhin fand man heraus, dass durch eine frühere Reparatur des Daches die Statik des Bauwerks noch recht gut intakt geblieben sei. Eine Restaurierung sei also prinzipiell möglich und sinnvoll, wenngleich gewiss nicht billig, so das Fazit. Aber wer soll das bezahlen, lautet die Frage…

2008 hat ein Bauinvestor das ganze Anwesen, bei dem es sich um attraktives Bauland hat, erworben. Er soll, so heißt es, vom Rathaus die Renovierung der Kapelle zur Bedingung für den Kauf bekommen haben. Es gibt Investoren, die ihre Versprechen halten, aber auch Beispiele für das Gegenteil – wie etwa hier. Immerhin wurde 2010 eine groß angelegte archäologische Untersuchung für das gesamte Gelände lanciert, die auch eventuell zu findende Teile des von der Gräfin Kaunitz abgerissenen Hauptschiffs der Kapelle betrafen. Dass solch eine Untersuchung getätigt wurde, stimmt optimistisch. Aber man weiß ja nie… Die Bauarbeiten auf dem Gelände beginnen wohl in Kürze. Bleibt zu hoffen, dass dies für die geschundene Kapelle den Beginn besserer Zeiten bedeutet. (DD)

Prachtkirche, renovierungsbedürftig

Man darf sich vom modernen Glanz Prags nicht blenden lassen. In Tschechien gibt es Orte, denen man die soziale und und ökonomische Verwüstung als späte und andauernde Folge des Kommunismus noch ansieht. Dabei hatten viele von ihnen dereinst bessere Zeiten gesehen. So etwa der kleine Ort Chlumín, der nur rund 30 Kilometer von Prag darauf wartet, wie Dornröschen wieder wachgeküsst zu werden.

Nichts symbolisiert die frühere Pracht dabei so sehr wie die mitten auf dem Dorfplatz stehende Kirche der Heiligen Maria Magdalena (kostel sv. Maří Magdalény), die den Ort geradezu monumental optisch dominiert. Erst, wenn man sich nähert, sieht man, in welch herzzereißend deplorablen Zustand sich das Gebäude leider befindet. Doch beginnen wir am Anfang der Geschichte. Der Ort Chlumín wird erstmals 1336 schriftlich erwähnt und schon für 1362 ist auch die Kirche dokumentiert, die im damals modernen gotischen Stil erbaut worden war. Die fiel den Hussitenkriegen teilweise und dem Dreißigjährigen Krieg vollständig zum Opfer und musste danach lange warten, um wieder aufzuerstehen.

Im Jahre 1732 ließ die getrennt von ihrem (am weiblichen Geschlecht desinteressierten) italienischen Ehemann nunmehr in Böhmen lebende Prinzessin Anna Maria Franziska Großherzogin von der Toskana an der ursprünglichen Stelle eine neue große Barockkirche erbauen. Sie hatte offenbar eine so große Abneigung gegen ihren fernen Mann, dass sie über dem Eingang nicht das (wesentlich höherrangige) Wappen des Großherzogtums Toskana, sondern das Wappen ihres Geburtsgeschlechts, der Herzogenfamilie von Sachsen Lauenburg in Stein meißeln ließ.

Wie gesagt, die fromme Großherzogin ließ sich nicht lumpen und so entstand hier in Chlumín, wo sie die große Landbesitzerin war, ein einschiffiges Kirchengebäude mit großem Turm an der Westfassade, das zu den größten der Region nördlich von Prag gehört. Die Kirche wurde zugleich die Dekanatskirche für 19 umliegende Gemeinden. Die Kirche wirkt durch die sie umgebende, noch erhaltene Kirchhofsmauer noch bambastischer. Der Friedhof wurde allerdings 1830 aufgelöst.

Nur ab und an öffnet die katholische Kirche heute für Messen und Veranstaltungen. Draußen bröselt der Putz. Eine durch Spenden und EU-Mittel finanzierte Renovierung repararierte 2018/19 nur das Dach und die Turmfassade. Immerhin hat die Dachreparatur größere Schäden im Inneren abgewendet. Aber natürlich sieht man auch innen überall bröckelnden Stuck und tiefe Risse in den Mauern. Über das vermeldet die Homepage der Gemeinde, dass es seit 1989 bereits zu zehn Einbrüchen und Plünderungen gekommen sei: „Jetzt gibt es nichts mehr zu stehlen.“ Man kann das positiv wenden, weil durch den Mangel an Ornamentik die schönen geschwungenen Barockformen des Innenraums – insbesondere der Empore – jetzt voll zum Tragen kommen.

Und immerhin sind ja auch einige schlecht oder gar nicht stehlbare Attraktionen von künsterischem Wert erhalten geblieben. Dazu gehört das Deckengemälde der Zentralkuppel, das den Himmel voller Engelserscheinungen zeigt. Welcher Maler dieses grandiose und raumerweiternde Bild gemalt hat, ließ sich nicht feststellen, aber sicher ist, dass sich die reiche Großherzogin einen damals profilierten Vertreter des Faches leisten konnte. Trotz der absichtlichen Vernachlässigung der Kirche in den Zeiten des Kommunismus hat das Gemälde noch viel von seiner Farbfrische beibehalten.

Weiterhin dem Barock verpflichtet sind der große Altar, über dem sich wiederum das sächsisch-lauenburgische Wappen der Stifterin befindet, (kleines Bild links) und eine Kanzel, auf der eine große Engelsgestalt thront (rechts). Engel schienen das künstlerische Hauptmotiv bei der Innengestaltung der Kirche gewesen zu sein.

Von der ursprünglichen Kirche des Mittelalters und der frühen Neuzeit ist nur ist kaum noch etwas zu sehen. Tatsächlich ist nur ein Relikt noch augenfällig, und zwar die Grabplatte eines bärtigen Mannes in Ritterrüstung. Sie stammt aus dem Jahre 1599 – augenscheinlich ein Angehöriger des lokalen Adels der Zeit. Ein anderes wertvolles Relikt aus dem Mittelalter, ein prachtvolles Tryptichon aus der Zeit Karls IV. (der in der Kirche geschenkt hatte) mit Darstellungen aus dem Leben der Jungfrau Maria befindet sich seit längerem in der Galerie von Burg Křivoklát (wir berichten hier), was man in Chlumín bedauern wird, aber möglichwerweise den Diebstahl des Kunstwerkes verhinderte.

Man wünscht der Kirche, dass in nächster Zeit genügend Geld zusammenkommt, um die sie durchgängig zu renovieren. Sie könnte sich selbst (und damit Chlumín) zu einem Magneten für Prager Ausflügler entwickeln, die Naherholung in der Umgebung suchen. Aber es dauert lange, bis die Folgen der von den Kommunisten gewollten Herunterwirtschaftung in den Jahren 1948 bis 1989 wirklich beseitigt sind. Gegen die hat man sich hier durchaus gewehrt. Der für seinen Kampf gegen Kommunismus und für demokratische Verhältnisse bekannte Prager Erzbischof und Kardinal František Tomášek ließ es sich 1970 – zwei Jahre nach der Niederschlagung des Prager Frühlings – nicht nehmen, in der seit Jahren kaum mehr genutzten Kirche eine Heilige Kommunion abzuhalten. Sie wurde zur stillen Demonstration gegen die Machthaber, während über Hauptaltar und Turm die tschechoslowakische Fahne wehte. Es war ein Ereignis, dass die Gemeinde wohl bis heute mit einem gewissen Stolz erfüllt. (DD)

Die Klosterkapelle der Fürstäbtissin

Sie ist ein Schmuckstück des Barock, die Kapelle der Heiligen Anna (Kaple sv. Anny) in der Ortschaft Ort Panenské Břežany (dt: Jungfernbreschan) ganz im Norden Prags. Sie steht im Park des Oberen Schlosses des Ortes über das wir im letzten Beitrag berichteten. Ursprünglich war der ganze Komplex ein Kloster, genauer gesagt, eine „Nebenstelle“ des Benediktinerinnenklosters rund um die Basilika des Heiligen Georgs (Bazilika sv. Jiří) in der Prager Burg. Dessen Fürstäbtissin Franziska Helena Pieroni de Galliano Pieroni beauftragte 1705 einen der kommenden Stars der Barock-Architektenszene Böhmens, Johann Blasius Santini-Aichl, mit dem Bau der Kirche, der 1707 vollendet wurde.

Santini-Aichel legte sich mächtig ins Zeug. Vielleicht ein wenig inspiriert von der von Francesco Borromini erbauten Kirche Sant’Ivo alla Sapienza in Rom, die er während einer Studienreise in Italien kennengelernt hatte, schuf der Architekt in Bauwerk, das die dramatische räumliche Inszenierung, die für den böhmischen Barock so typisch werden sollte, auf die Spitze trieb. Von außen gibt sich die Kapelle als regelmäßiges Dreieck mit barock geschwungenen Seiten (ein Eindruck, der durch den späteren Anbau einer kleinen Sakristei etwas beeinträchtig wurde). Das Schiff wirkt innen jedoch radial in drei Richtungen verlängert. Die außen sechseckige Zentralkuppel (Tambour) erscheint innen kreisförmig. Das Gebäude ist voller optischer Spielereien.

Der Grund für den dreieckigen Grundriss liegt darin, dass die Kapelle der Heiligen Anna (der Mutter Marias) geweiht ist. Ikonographisch wird die Großmutter Jesus‘ meist mit Tochter und Enkel dargestellt, eine Kombination, die man gemeinhin Anna selbdritt nennt. Deshalb die zentrale Rolle der Zahl Drei. Und die Heilige Anna begegnet uns im Inneren gleich mit voller Wucht. Ihr Abbild ist das Zentrum des geradezu umwerfenden Hauptaltars, für dessen Entwurf und Ausführung sich die Fürstäbtissin auch einen damals hochprominenten Bildhauer leistete, nämlich Mathias Wenzel Jäckel, der uns u.a. schon hier begegnet ist. Das Portrait der Heiligen wird von zwei Engelsskulpturen getragen. An den Seiten stehen die beiden böhmischen Schutzheiligen Wenzel und Veit.

Daneben kann man eine kleine barocke Orgel und die beiden in Nebennischen befindlichen Seitenaltäre bewundern, die aber erst 1891 vom Maler Josef Mathauser geschaffen wurden und jeweils Gemälde des Heiligen Nepomuk (auch ein böhmischer Schutzpatron) und des Heiligen Isidor zeigen.

Die Kapelle ist nur im Zuge einer Führung zu besichtigen, die man sich aber nicht entgehen lassen sollte. Die Führung findet zwar in Tschechisch statt, aber es werden für Besucher, die der Sprache nicht kundig sind, gut gemachteAudio-Guides zur Verfügung gestellt. (DD)