Die Pestkirche von Žižkov

1680 wütete die Pest in Prag. 31.000 Menschen fielen ihr zum Opfer – mehr als ein Viertel der Bevölkerung. Die Kirchhöfe in der Stadt konnten die Toten nicht mehr fassen und wurden selbst zu Seuchenherden.

Immer mehr überlegten sich die Stadtväter, ob nicht außerhalb der Stadtmauern Friedhöfe eingerichtet werden sollten. So entstand im heutigen Stadtteil Žižkov im Jahre 1682 ein Pestfriedhof. Dessen Mittelpunkt wurde die hübsche kleine St. Rochus Kirche (Kostel sv. Rocha). Sie ist auch das einzige wirkliche Relikt des Pestfriedhofs, der bis zur letzten großen Pest im Jahre 1716 weitergeführt wurde. In den 1840er Jahren wurde er aufgelöst; die Mauer fiel größtenteils dem Straßenbau zum Opfer. Heute steht die Kirche auf einer kleinen Grünanlage.

Nur am südlichen und östlichen Rand des kleinen Parks stehen an einer Wand einige Grabsteine. Es handelt sich um die Außenmauer des im 18. Jahrhundert angelegten Olšany-Friedhof (Olšanské hřbitovy), über den wir hier berichteten. Es wurde also Friedhof an Friedhof gebaut. Und ganz in der Nähe befindet auch der ebenfalls 1682 als Folge der Pest eröffnete Jüdische Friedhof (Beitrag hier).

Ganz gesichert ist es wohl nicht, aber gebaut wurde die Kirche, die nach dem Heiligen der Pestkranken, St. Rochus, benannt wurde, offenbar von dem französischen Maler und Architekten Jean Baptiste Mathey (siehe u.a. frühere Beiträge hier und hier). Auch den ersten Blick scheint es sich um eine kreisrunde Rotunda zu handeln, aber in Wirklichkeit ist es ein eher elliptischer Zentralbau mit großer Kuppel.

Ab 1842 fungierte die Kirche als normale Gemeindekirche der örtlichen katholischen Gemeinde. Es gab immer wieder Renovierungen und Ergänzungen, wie etwa den vom Architekten Antonín Baum entworfenen neobarocken Hauptaltar. Außer bei Gottesdiensten ist die Kirche geschlossen, aber es gibt in der Tür ein kleines Guckloch. Leider befindet sich zwischen Vor- und Hauptraum eine künstlerisch gestaltete Glastüre, die mit ihren bunten Linienformen und Milchglaselementen verunmöglicht, dass man den Altar und die innen ebenfalls befindlichen Barockbilder klar erkennen kann.

Bemerkenswert ist die Kirche aber auch von außen. Dazu gehören die Strukturierung der Fassade durch große dorische Doppelpilaster und das schöne Eingangsportal im feinsten Barockstil. Es zeigt das Wappen der Stadt Prag, obwohl das Areal damals noch außerhalb der Stadt lag. Erst 1881 erhielt hier die Ortschaft Žižkov eigene Stadtrechte und erst 1922 wurde das Ganze Teil Prags. Allerdings wurde die Kapelle samt Friedhof von der Stadt Prag errichtet, weshalb das Wappen durchaus Sinn ergab. (DD)

Ehemalige Schulkirche

Die katholische Pfarrgemeinde im Stadtteil Nusle (Prag 4) erlangte erst 1903 ihre Selbständigkeit. Ab 1702 hatte sie noch zum benachbarten Michle, ab 1863 zur Pfarrei Vršovice gehört. Um diese Zeit war das kleine Dorf aber schon dabei, eine recht industrialisierte Stadt (erst seit 1922 ist man Teil Prags) zu werden, verbunden mit enormem Bevölkerungswachstum. Eine eigene Gemeinde mit eigener Kirche musste her.

Dazu bediente man sich einer bestehenden Kirche, der Kirche des Heiligen Wenzel (Kostel svatého Václava). Die war 1901 als Gotteshaus eines Gymnasiums im neobraocken Stil erbaut worden und wurde 1903 dann der Gemeinde übertragen. Deren Gemeindekirche im Bezirk ist sie – neben der älteren Kirche St. Pankraz (Kostel svatého Pankráce) – immer noch.

Das Gebäude in der Vladimírova 333/2 (Prag 4) brannte 1962 bei einem Brand aus und wurde 1967/68 wieder renoviert. Das Innere mutet dadurch ein wenig spartanisch an. 1997 bekam der Kirchturm eine neue, 350 Kilogramm schwere Glocke, die von der deutschen Firma Rudolf Perner gegossen wurde. Die ursprüngliche Glocke war 1942 von den Nazis für ihre Kriegswirtschaft eingeschmolzen worden.

Da das alte Schulgebäude ja noch steht, sieht die Kirche ein wenig aus, als ob sie immer noch ein Teil davon wäre – was die Außenansicht übrigens eher reizvoller macht (großes Bild oben), da beides ja ursprünglich „in einem Guss“ entworfen worden war. Allerdings hat die Schule weiterhin formell nichts mit dem Kirchenbau zu tun. Heute residiert hier übrigens nicht mehr nur ein Gymnasium (Pražské humanitní gymnázium), sondern auch eine internationale Schule, die American Academy in Prague. (DD)

Kubismus mit Kelch

Die Tschechen sind ein ausgesprochen säkulares Volk. Vielleicht war es die Zwangskatholisierung nach der Schlacht  am Weißen Berg, die 1620 gleichermaßen die Glaubensfreiheit und die politische Selbstbestimmung Böhmens beendete, ein Grund dafür. Als 1918 die Erste Tschechoslowakische Republik gegründet wurde, spielte die Katholische Kirche jedenfalls kaum eine identitätsstiftende Rolle für den neuen Staat. In diese Rolle drängte es nun die 1919/20 gegründete Tschechoslowakische Kirche (Církev československá), die sich ab 1971 Tschechoslowakische Hussitische Kirche (Církev československá husitská), die sich als eine Art Nationalkirche der Republik definierte.

Den damit verbundenen fortschrittlichen Anspruch dieser reformistischen Abspaltung von der Katholischen Kirche (1947 wurde z.B. die Frauenordination eingeführt) versuchte man auch optisch in der Architektur neuer Gotteshäuser umzusetzen. Die erlaubten sich keine historisierenden Rückgriffe, sondern befanden sich stilistisch voll auf der Höhe der modernen Welt, wie wir u.a. schon hier und hier gezeigt haben. Insbesondere Kubismus und Funktionalismus waren angesagt. So auch hier bei dem Hussitischen Gemeindehaus (Husův sbor) in der Táborská 317/65 im Stadtteil Nusle.

Erbaut wurde das Gemeindehaus – gemäß ihrer reformistischem Selbstverständnis gibt es bei der Hussitischen Kirche kaum eigentliche Kirchen, sondern nur umfassende Gemeindehäuser, die als Gotteshaus und sozialkulturelle Einrichtung dienen – im Jahre 1925 von dem Architekten Václav Řezníček.

Die plakative Fassadengestaltung ist schon fast ein Musterbeispiel für kubistische Architektur, die in den 1920er Jahren in Prag en vogue war. Das gilt nicht zuletzt auch für den besonders riesigen Kelch, der hier in Stuck dargestellt. Der geht auf die hussitische Praxis des Laienkelchs beim Abendmahl zurück, die einer der theologischen Hauptstreitpunkte mit der Katholischen Kirche in der Zeit der Hussitenkriege im 15. Jahrhundert war und später zum Symbol für ein modern-demokratisches Glaubensverständnis wurde. Zwei Kelche und das Portrait von Jan Hus kann man übrigens auch als Bleiglasfenster des Gemeindesaals im ersten Stock bewundern. (DD)

Wein unterhalb des Klosters

Prag ist, wie in diesem Blog schon öfters erwähnt wurde, nicht nur eine Bier-, sondern auch eine Weinstadt. Kaum eine Hauptstadt kann sich rühmen, soviele Weinberge innerhalb ihres Stadtgebietes zu beherbergen. Und einige haben eine lange Geschichte aufzuweisen. Das gilt vor allem für die Klöster, die im Mittelalter und der frühen Neuzeit Landwirtschaft und Weinbau im großen Stil betrieben. Ein paar kleine Überreste davon kann man heute noch unterhalb des Klosters Strahov beobachten.

Heute ist der größte Teil des Areals, das sich von der Kleinseite hoch zum Burgviertel mit dem Kloster hinzieht, mehr oder minder eine öffentliche Parkanlage, von der aus man hoch zu den Aussichtspunkten des Petřínberges wandern kann. Sie erstreckt sich weit bis zur Hungermauer , einem von Kaiser Karl IV. im 14. Jahrhundert erbauten Abschnitt der Stadtbefestigung. Das halbrunde Tal direkt unter dem Kloster hat jedoch ein wenig den Charakter der großen alten Nutzgartenanlage bewahrt und wird von kleinen Obstbäumen geziert.

Nähert man sich dem Kloster, dann sieht man zwei winzige kleine Weinberge, die nur noch einen schwachen, aber doch lebhaften Eindruck davon geben, was hier einst an Weinbau betrieben wurde. Das ist zum einen der direkt unter den Klosterterrassen gelegene Vinice pod Strahovským klášterem (Weinberg unter dem Kloster Strahov). Der ist so winzig wie idyllisch gelegen (großes Bild oben). Deshalb befindet sich auch mittendrin (vom Klosterhof oder von unten über die Úvoz-Straße erreichbar) eine Aussichtplattform, die einen grandiosen Blick auf Burg, Kleinseite und Altstadt erlaubt. 1143 begannen die im Kloster ansässigen Prämonstratensermönche mit dem Weinbau auf dem damals viel größeren Weinberg. Die Weinsorte, die hier heute angebaut wird ist die weiße Traube Hibernal.

Etwas weiter unten befindet sich parallel zur Außenmauer an der von der Kleinseite hochführenden Úvoz der Svatojánská vinice – zu Deutsch: Weinberg des Heiligen Johann; benannt nach dem böhmischen Heiligen Johannes Nepomuk. Er war ursprünglich Teil der großen Anlage von 1143 und seine Reben wachsen um das Gebäude herum, in dem ursprünglich die große Weinpresse stand. Das Prager Stadtgrünamt hat Weinberg und Gebäude 2011 restaurieren lassen, womit uns ein schönes Stück Geschichte erhalten geblieben ist. Schließlich haben die Mönche damals den Weinbau mit Eifer und großer Unermüdlichkeit betrieben. Immer wieder gab es Kriege – die Hussitenkriege im 15. Jahrhundert, der Dreissigjährige Krieg im 17. Jahrhundert, der Österreichische Erbfolgekrieg im 18. Jahrhundert -, die mit der fast vollständigen Zerstörung des Klosterweinbergs endeten. Und immer wieder bauten die Mönche ihn wieder auf. Als im 19. und 20. Jahrhundert das Areal unterhalb des Klosters immer mehr zum öffentlichen Park wurde, schrumpfte der Weinbau auf die Größe zusammen, die man heute sehen und bewundern kann.

Der Ausstoß der beiden sehr kleinen Weinberge dürfte sehr gering sein und man kann den Wein nirgendwo öffentlich in Flaschen erwerben. Ab und an soll es Verköstigungen geben – wo und wann wissen die Eingeweihten. Wir bleiben dran! Aber es gibt ja noch mehr Weinberge in der Stadt, wo man gut bedient wird (frühere Beispiel u.a. hier, hier und hier). Und sonst kann man ja wieder auf das gute Prager Bier umschwenken, denn das liefert das Kloster bekanntlich auch vom Feinsten, wie wir schon einmal hier zu berichten wussten. (DD)

Dorfkirche mit Wandmalereien

Der Ortsteil Hostivař gehört erst seit 1922 zu Prag. Zuvor war er ein kleines, bäuerlich geprägtes Dorf außerhalb der Stadtmauern gewesen. Mit der Expansion Prags holte (vor allen in den 1970er Jahren) eine wahre Wüstenei von Plattenbauten das Areal ein, so dass man heute fast schon überrascht ist, wenn man sich nach soviel Großstadt, Stahl und Beton plötzlich im alten Dorfkern befindet. Der ist allerdings entzückend und birgt mit seiner Dorfkirche, der Kirche der Enthauptung des Heiligen Johannes des Täufers (Kostel Stětí sv. Jana Křtitele), ein wahres Juwel in sich.

Die noch deutlich sichtbaren romanischen Ursprünge gehen wahrscheinlich ins 11. Jahrhundert zurück. Der damalige Bau wurde wohl vom rund 30 Kilometer entfernten Kloster Sázava betrieben. Als Pfarrkirche wird sie allerdings erstmals 1352 erwähnt. Im 13. wurde die Kirche im frühgotischen Stil umgebaut und erweitert. Sie erhielt ihre charakteristische rechteckige Form, wobei gottlob die alte romanische Apsis erhalten blieb.

Dort befinden sich auch noch umfangreiche und ausgesprochen gut erhaltenene Wandmalereien (kleines Bild rechts; großes Bild oben) aus dem 13. Jahrhundert – der eigentliche Schatz des Gebäudes. Sie stellen in der Halbkuppel den Herrgott und den gekreuzigten Jesus dar; darunter befinden sich die Heiligen Johannes (der Namenspatron der Kirche) und Katherina, sowie die Apostel Petrus und Paulus. Am unteren Rand sieht man eine Darstellung der Geburt Christi. Man ist beeindruckt, wie frisch sich die kontrastreichen Farben erhalten haben.

Der unbekannte Künstler hatte sich damals wohl an bekannten Vorbildern orientiert, die er in Manuskripten aus dem 12. Jahrhundert, wie etwa dem Westminster Psalter, fand. Derartiges findet man auch in Deutschland. Es ist ein Beleg dafür, wie die Schriftkultur de Zeit schon für eine Art Globalisierung in der Kunst sorgte. Jedenfalls würde man in einer Dorfkirche in einer (damals) so kleinen Gemeinde ein solches Niveau sonst nicht erreicht haben.

Die Kirche steht frei in einer großen ummauerten Rasenfläche, die dereinst der Kirchhof war. Am nördlichen Eingang befindet sich heute an der Stelle, wo einst die Leichenhalle war, ein hölzerner Glockenturm.

Auch nach dem 14. Jahrhundert wurde die Kirche immer wieder einmal ein wenig umgebaut und verändert. Vor allem 1864 ging man daran, die Kirche, die im späten 18. Jahrhundert im Stil des Klassizismus umgestaltet worden war, wieder „authentisch“ ins stilistische Mittelalter zurückzuversetzen, was recht gut gelang. Die schönen Malereien befinden sich jedenfalls ein einem geschmacklich sehr passenden Umfeld. (DD)

Kelch und Kubismus

Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder (Českobratrská církev evangelická) wurde als unierte protestantische Kirche zu Beginn der Ersten Republik 1918 gegründet und sah sich stets auch als Träger eines republikanischen Fortschrittsgedankens.

Das schlug sich auch in der Architektur der kirchlichen Gebäude nieder, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden. Das Hus Haus (Husův dům) in der Jungmannova 22/9 in der Neustadt ist ein besonders interessantes Beispiel dafür. Das Gemeindezentrum ist besonders bemerkenswert als eines der wenigen Beispiele für ein kirchliches Bauerk im Stil des Kubismus (ein weiteres findet sich hier). Es wurde im Jahre 1923 durch den Architekten Bohumír Kozák, der übrigens Sohn eines evangelischen Pfarrers der Böhmischen Brüder war, erbaut.

Das fünfstöckige Haus hatte zuvor etliche Bauphasen hinter sich gebracht – Gotik, Renaissance und Barock -, bevor Kozák es für die Böhmischen Brüder völlig neu gestaltete. Die Fassade unterteilte er dabei in drei horizontale Abschnitte, von denen der obere durch Pilaster vertikal strukturiert ist, während der Mittlere freie Flächen für skulpurale Ausgestaltung belässt und das Erdgesoss für Schaufenster reserviert ist. Besonders im oberen Teil (drei Stockwerke) dominiert die geometrische Ästhetik des Kubismus mit seinen Kreuz-, Rechteck- und Dreieckformen.

Ebenfalls eine aus Rechtecken konzipierte konsequent kubistische Gestaltung findet man bei den Fensterumrahmungen im mittleren Gebäudeteil. Sie sind auch rechteckeckigen Formelementen zusammengesetzt, was zwar dem kubistischen Modernismusanspruch genügt, aber das Haus auch ein wenig traditionalistisch aussehen lässt. Kozák engagierte sich nämlich auch als Architekturhistoriker und Denkmalschützer und war bei seinen frühen Werken noch stark vom Klassizismus beeinflusst, bevor er sich dann dem Kubismus und später sogar dem Funktionalismus zuwandte.

Die kubistische Ästhetik des Gebäudes beschränkt sich indes nicht nur auf die Stuckatur der Fassade, sondern bedient sich auch metallener Elemente. Die kleinen diagonal kreuzförmigen Ornamente an der Fassade finden ihre Entsprechung beim Metallbeschlag des großen Haupt- und Hoftor. Sie wiederholen das diagonale Kreuzmuster in dicht komprimierter Form. Auch hier gelingt es Kozák sehr gechickt, kubistische Formensprache sehr traditionalistisch und dem kirchlich-religiösen Zweck des Gebäudes entsprechend wirken zu lassen.

Der optische Mittelpunkt sind jedoch die Skulpturen des Bildhauers Ladislav Kofránek über dem ersten Stockwerk. Im Zentrum steht dabei der tschechische Urvater der Reformation, Jan Hus, der dem Haus ja auch den Namen gibt. Hus war in der Zeit der Ersten Republik nicht nur eine religiöse Figur, sondern ein politisches Symbol der nationalen Unabhängigkeit. In den Händen hält er den Kelch, der für die Hussiten, die den Laienkelch einführten und darob mit der katholischen Kirche in Konflikt gerieten, das zentrale Glaubenssymbol war. Gerahmt wird Hus von zwei Medaillons, die je eine Heilige Schrift und ein Lamm Gottes darstellen. Heute resideren hier im Gebäude des Synodenrat und das Zentralbüro der Evangelischen Kirche, hautsächlich im vorderen Teil.

Bekannter ist jedoch ein anderer Bewohner, das passend zum Gebäude benannte Divadlo Kalich (Theater des Kelchs), das seit den 1990er Jahen im hinteren Teil residiert, aber dessen Namen groß über dem Toreingang prangt. Der Theaterbau selbst wurde in den Jahren 1935/36 von dem Architekten und Baumeister Antonín Belada hier erbaut. Heute – nach einer großangelegten Modernisierung im Jahre 1999 – zählt das Theater zu den renommierteren Kleinbühnen der Stadt, in dem (oft, aber nicht immer komödiantische) Theaterstücke, aber auch viele Musicals aufgeführt werden. (DD)

Um 31 Meter verschoben

Eine offenkundig barocke Kirche, die aber so seltsam auf einem recht neuen steinverkleideten Betonsockel steht – das kann eigentlich nicht der originale Zustand gewesen sein. Und richtig: Als sie ursprünglich gebaut wurde, stand sie woanders und schon gar nicht auf Beton. Dahinter steckt eine gewaltige technische Leistung.

Zurück zum Anfang: Die Kapelle der Heiligen Maria Magdalena (Kaple svaté Máří Magdaleny) am heutigen Edvard-Beneš-Ufer (Nábřeží Edvarda Beneše 337/8) im Stadtteil Holešovice entstand 1635. Sie war das Werk des aus Italien stammenden Architekten Giovanni Domenico de Barifis, der auch sonst etliche Spuren in Prag hinterlassen hat. Er baute sie im Auftrag des Probstes Chrysostomus Trembský für den im 13. Jahrhundert von der böhmischen Nationalheiligen Agnes von Böhmen gegründeten Ritterorden der Kreuzherren mit dem roten Stern. Der Orden besaß an dieser Stelle des Ufers auch Ländereien, insbesondere einen Weinberg.

Die Moldau war damals noch nicht so stark von von Uferbefestigungen eingemauert und das Wasser floß längst nicht so träge daher, wie es das heute tut, wo nur noch Touristenboote gemächlich auf- und abschippern. Daher war die Kapelle nicht nur als Außenposten der Klosterökonomie gedacht, sondern auch als Gebetsstätte für die Schiffer und Flößer (siehe auch hier), die hier Gott danken konnten, dass sie nicht von den gefährlichen Wogen und Stromschnellen des Flusses verschlungen worden waren.

Aber sie war eben dennoch Klosterbesitz und der wurde 1784 unausweichlich Ziel der berühmten/berüchtigten Kirchenreformen von Kaiser Joseph II., die in diesem Falle nichts weiter als Auflösung und Enteignung bedeuteten. Von nun an fristete die kleine Barockkapelle ihr Dasein als Lagerhaus. Zu Beginn des 20. Jahrhundert entwickelte sich allerdings eine höhere kulturelle Sensibilität in solchen Dingen und die Kapelle wurde deshalb renoviert und 1908 der Altkatholischen Kirche übertragen. Die recht kleine Gemeinde hatte in der Kapelle mit ihren rund 30 Sitzmöglichkeiten Platz genug, um sie als Gemeindekirche zu nutzen. Aber dieses Glück für die Kapelle und ihre Gemeinde drohte 1956 dramatisch zu Ende zu gehen.

Zu dieser Zeit baute man das Ufer mit einer großen Straße aus, veränderte die Ausfahrt der direkt daneben befindlichen Čech-Brücke (Čechův most) und plante oben auf dem Hügel das große Stalin Denkmal, das zwar im Zuge der Entstalinisierung 1962 wieder abgerissen wurde, das aber große landschaftliche Veränderungen mit sich brachte. Kurz: Die Kapelle stand im Wege. Sie sollte abgerissen werden. Doch da kam in letzter Sekunde der Retter in der Not! Der als Spezialist für Brückenbau bekannte Architekt und Konstrukteur Stanislav Bechyně hatte einen genialen Plan entwickelt, wie man das Gebäude retten konnte, ohne die Bauprojekte am Moldauufer zu beeinträchtigen.

In der Nacht vom 3. zum 4. Februar 1956 wurde die Kapelle mittels großer Maschinen in einem Stück um 31 Meter von ihren ursprünglichen Ort auf Schienen stromaufwärts transportiert und auf den vorher errichteten Betonsockel gestellt. Dazu mussten unter anderem die Mauern verstärkt und ein Betonsockel untergelegt werden, damit sie den Erschütterungen des Transports standhalten konnten. Das war ein kleines Meisterwerk der Ingenieurskunst. Und deshalb sieht die Kapelle der Heiligen Maria Magdalena heute so aus, wie sie aussieht, und steht da, wo sie steht.

Zum Gebäude selbst: Es handelt sich um eine elliptische Rotunde, deren Außenfassade regelmäßig durch große, rustifizierte Pilaster strukturiert ist. Das flache Pyramidendach wird von einem vierseitigen kleinen Glockenturm gekrönt. Sie wirkt für eine Barockkapelle recht schlicht; die Umrahmungen der weit oben liegenden Fenster stellen das einzige größere Schmuckelement dar. Der „bunte Fleck“ der Kapelle ist das in ein altes Quadrilob, in das ein moderner Maler Das wahre Bild Christi – auch vera ikon genannt – gefasst, d.h. das Bild Christi auf dem Schweißtuch der Veronika. Christus ist dabei von vier böhmischen Heiligen umgeben, von denen der Nationalheilige Wenzel an der Spitze oben steht.

Innen soll es eine kleine Galerie und durchaus üppige Stuckarbeiten an der Decke geben. Die bunten Fenster, die nur von innen gut erkennbar sich, sind das Werk von Alena Novotná-Gutfreund (der Tochter des berühmten kubistischen Bildhauers Otto Gutfreund) und stellen Episoden aus der im wahrsten Sinne des Wortes bewegten Geschichte der Kapelle dar – von den betenden Flößern bis zum Transport über 31 Meter. Zu sehen bekommen die durchaus zahlreichen Touristen, die ihren Weg hierhin finden, das Innere in der Regel allerdings nicht, da die Kapelle nur für Gottesdienste öffnet. Theoretisch könnte ein Guckloch in der Tür ein wenig Abhilfe schaffen, aber das ist von beiden Seiten so verschmutzt, dass man nur das erkennt, was man auf dem hier eher spaßeshalber präsentierten Bild links sieht. Man kann das zum Anreiz nehmen, noch einmal vorbeizukommen, wenn die Kirche geöffnet ist. (DD)

Mal mit, mal ohne Kreuzherren

Eine architektionische Besonderheit und vor allem eine sehr bewegte Geschichte zeichnen sie aus, die Kirche des Hl. Peter am Pořičí (Kostel sv. Petra) in der Neustadt.

Zu den Besonderheiten, die sie unter den gotischen Kirchen der Stadt eigentlich nur mit der nahegelegenen Kirche des Hl. Heinrich und der Hl. Kunigunde teilt, gehört der separat stehende Glockenturm. Als der im Jahre 1598 im Stile der Spätgotik errichtet wurde, hatte die Kirche selbst schon unzählige Metamorphosen durchlaufen.

Sie begann ihr Leben als eine deutlich kleinere romanische Kirche in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Damals lag sie noch ein wenig außerhalb der Mauern Prags in einer Ortschaft namens Poříčí, woher der Namen kommt. Die Kirche wurde bald dem Orden der Kreuzherren mit dem Roten Stern übertragen, der in der Nähe ein Spital betrieb.

Ab 1382 begann der gotische Umbau, der zunächst nur eines der beiden Kirchenschiffe betraf. 1406 wurde das alte Presbyterium abgerissen und und vergrößert im gotischen Stil erneuert. 1411 war dann auch das zweite Schiff gotisch gestaltet. Von der romanischen Urkirche sind nur noch wenige Spuren zu finden.

Aber auch im Kirchenbetrieb ergaben sich stets Neuerungen. Der Ordenspfarrer um 1414 war dem Hussitentum zunächst aufgeschlossen und führte sogar die Kelchkommunion für Laien durch – eine geradezu revolutionäre Tat. Das nutzte aber nichts, denn als 1419 die blutigen Hussitenkriege begannen, verjagten die Hussiten den Orden ganz. In der Hussitenzeit wurde als bedeutendste bauliche Änderung der Glockenturm erbaut. 1620 besiegten die katholischen Habsburger die bisher freien Böhmen und eine gewaltige Zwangskatholisierung setzte ein. Und so bekamen die Kreuzherren 1628 zunächst einmal ihre Kirche zurück. Nur 1631 verloren sie während der Besetzung Prags durch die Sachsen kurzfristig.

1648 versuchten die Schweden die Stadt einzunehmen, wobei die Kirche schwer beschädigt wurde. Die Bürgerschaft der Neustadt organisierte aber eine so effektive Verteidigung der Stadt, dass sich die Schweden nicht festsetzen konnten. Aus Dank nahm Kaiser Ferdinand II. die Kirche den Kreuzherren wieder ab und schenkte sie der Bürgerschaft als Gemeindekirche. Die hatte aber nur Pech damit. 1653, 1666, 1680 und 1689 gab es verheerende Brände, die jedes Mal kostspielige Wiederaufbaumaßnahmen nötig machten. Das war zu teuer und deshalb einigte man sich mit den Kreuzherren, dass diese doch die Kirche wieder in ihre Obhut nehmen mögen – was die auch taten. Zu den Reparaturen, die sie nun einleiteten, gehörte die Barockisierung des zerstörten alten Dachs des Glockenturms.

Als 1757 während des Siebenjährigen Krieges die Preußen Prag mit Artillerie beschießen und dabei die Kirche beschädigen, nahm der Orden die Reparaturen zum Anlass, das Gebäude so richtig fesch im Barockstil umzugestalten. Vieles davon sieht man heute noch, vor allem den Hauptaltar, der dem Heiligen Petrus gewidmet ist – mit einem passenden Gemälde von Václav Vavřinec Reiner.

Vor allem sieht man viele barocke Heiligenstatuen, wie die hier abgebildete Figur des Heiligen Laurentius, der noch seinen (bemerkenswert vergoldeten) Grill in den Händen hält, auf dem er den Märtyrertod erlitt. Und über 12 Altäre verfügte die Kirche nun – eine recht beträchtliche Zahl für eine so kleine Kirche.

Aber auch die kam in die Tage und Ende des 19. Jahrhunderts bestand Renovierungsbedarf. Der Rat der Neustadt stellte hierfür Mittel bereit und so konnte der Architekt und Neogotik-Spezialist  Josef Mocker in den Jahren 1874 bis 1879 die Kirche kräftig umgestalten, wobei er im Sinne des damaligen Zeitgeschmacks große Teile der Barockisierung zurücknahm und die Kirche re-gotisierte. Deshalb ist heute der Gesamteinduck der einer gotischen Kirche. Ach ja, und 1948 mussten die Kreuzherren wieder die Koffer packen, denn die gerade an die Macht gekommenen Kommunisten erwiesen sich als Verfolger und Enteigner. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 wurde das Gebäude den Kreuzherren restituiert. Neben dem Hauptaltar sieht man heute ihr Abzeichen deutlich.

Besichtigen kann man die Kirche nur während oder kurz vor den Gottesdiensten. Aber die durch die vielen Bauphasen etwas irreguläre Gestalt der Kirche und ihr Glockenturm machen auch ihr Äußeres zur Sehenswürdigkeit. Außerdem ist das Areal rundherum ein netter Ort der Ruhe. Der alte Kirchhof wurde im 18. jahrhundert aufgelöst und so hat man die Kirche nun mit einer kleinen Parkanlage umgeben, auch der Bänke zur rast einladen. Einen kleinen Eindruck vom alten Kirchhof gewinnt amn von einigen Grabmalen, die in einer Nische schön arrangiert erhalten wurden.

Und noch eine kleine Besonderheit aus der Geschichte von St. Peter findet man draußen, direkt rechts neben der Eingangstür. Hier wurde vor etlichen Jahren eine Gedenktafel angebracht, die daran erinnert, dass im Jahre 1873 in der Kirche der berühmte Komponist Antonín Dvořák seine Jugendliebe Anna Čermáková geheiratet hat – naja, eigentlich fand er erst deren ältere Schwester Josefina so richtig betörend, die ihn aber wohl nicht wollte. Aber mit Anna, die 13 Jahre jünger als er war, führte er dann doch bis zu seinem Lebensende eine sehr glückliche Ehe. (DD)

Kirche am Rande des Ghettos

Eine von vielen kleinen und oft von Besuchern übersehenen Kirchen in der Altstadt: Die Heilig Geist Kirche (Kostel svatého Ducha) in der Dušní in Prag 1.

Sie wurde in der großen Zeit der Gotik im Zeitalter Karls IV. erbaut, genauer gesagt, im zweiten Viertel des 14. Jahrhundert. Ursprünglich war sie Teil eines Klosters der Benediktinerinnen. Das Klosterleben kam allerdings zu Beginn des 15. Jahrhundert mit den Hussitenkriegen für einige Jahre zum Ende. Danach wurde der Klosterbetrieb zwar wieder aufgenommen, aber seine Bedeutung nahm immer mehr ab. Im 17. Jahrhundert erfolgte dann am Ende doch die Umwandlung der Heilig Geist Kirche in eine einfache Gemeindekirche.

Nach dem Großen Feuer von 1689 in der Altstadt wurde die Kirche wieder aufgebaut und dabei vorsichtig barockisiert. Die einschiffige Grundstruktur mit den originellen gestuften Stützpfeilern wurde aber beibehalten, so dass auf den ersten Blick das gotische Erscheinungsbild erhalten blieb. Im Inneren gewann die Kirche vor allem im späten 18. Jahrhundert ihre Gestalt. In dieser Zeit wurden einige andere Kirchen in der Umgebung geschlossen und etliche Ausstattungsteile – etwa die hölzerne Pìeta rechts – fanden in der Heilig Geist Kirche ein neues Zuhause.

Deshalb ist die Kirche gemessen an ihrer geringen Größe recht gut mit schönen Hochbarockaltären (vier insgesamt) ausgestattet. Der wichtigste davon ist natürlich der Hauptaltar, in dessen Mittelpunkt ein Gemälde des Barockmalers Johann Georg Heinsch steht, das den Heiligen Josef darstellt (großes Bild oben).

Und dann ist da noch ein beschämendes Kapitel in der Geschichte dieser Kirche. Sie liegt nämlich direkt am Rande des Jüdischen Ghettos von Josefov. Kaiser Ferdinand I. zwang im 16. Jahrhundert die Juden, in dieser Kirche an katholischen Gottesdiensten teilzunehmen. Zudem gab es das sogenannte „Glöckelgeld“. Das war eine Zwangsabgabe, die die Juden in Prag für das Läuten der Glocken der Kirche zum Zweck der Abwehr von Überschwemmungen und anderen Naturkatastrophen zu zahlen hatten. Erst 1785 wurde diese schändliche Zwangsmaßnahme im Zuge der Josephinischen Reformen abgeschafft. (DD)

Kirche als Kartonmodell erhältlich

Das Tal der Berounka im Südwesten Prags ist ein alter Siedlungsraum. Spuren von Besiedlung, die bis ins Neolithikum zurückreichen, finden sich in Hülle und Fülle. Und so befindet sich die Kirche des Heiligen Martin und des heiligen Prokop (Kostel svatého Martina a Prokopa) in dem kleinen, in der Nähe von Schloss Dobřichovice gelegenen Örtchen Karlík samt Kirchhof auf einen alten bronzezeitlichen Gräberfeld.

Und die Kirche selbst kann natürlich auch auf ein beträchtliches Stück Geschichte zruückblicken. Schon im 12. Jahrhundert stand hier eine Rotunde, die zunächst nur dem Heiligen Martin gewidmet war und 1180 erstmals in den Chroniken auftauchte. 1282 fiel das ganze Dorf in den Besitz des Ordens der Kreuzherren mit dem Roten Stern, die sich um den Ausbau der (ab dem 14. Jahrhundert namentlich um den regionalen Heiligen Prokop ergänzten) Kirche bemühten. Der Orden, der unter anderem seine Einkünfte vom Brückenzoll an der Karlsbrücke erhielt (siehe auch früheren Beitrag hier), behielt die Kirche bis in frühe 19. Jahrhundert. Seither ist sie eine katholische Gemeindekirche.

1767 schritt der Orden, dessen Insignien – ein rotes Kreuz über einem roten, sechseckigen Stern man noch über dem Eingang sieht, zu einem großzügigen Umbau. Die Rotunde wurde um ein langes barockes Kirchenschiff in Rechtsecksform mit drei großen Fenstern an jeder Seite ergänzt.

Es folgten noch einmal kleinere, für den äußeren Eindruck wohl nicht sonderlich ins Gewicht fallende Ergänzungen und Umbauten in den Jahren 1807 bis 1810 und im Jahre 1834.

Bedeutsamer nahmen sich die Veränderungen aus, die 1889 durch den Architekten Matěj Krch durchgeführt wurden. Das barocke Erscheinungsbild wurde nun in ein neo-romanisches umgewandelt. Das Zwiebeldach des Glockenturms wurde zum Spitzdach und die ursprüngliche Rotunde wurde optisch inden Vordergrund gestellt. Innen wie außen (über dem Eingang) wurden Malereien im neoromanischen Stil hinzugefügt.

Dieser bis heute den Gesamteindruck der Kirche prägenden Umbau, der den Originalcharakter des Ursprungsbaus wieder in den Vordergrund stellte, kann sich sehen lassen.

Die Architektur der hübschen Dorfkirche hat jedenfalls viele Freunde gefunden, vor allem auch unter den Modellbauern, denn die Kirche der Heiligen Martin und Prokop ist sogar als Kartonmodell zum Nachbauen auf dem Markt – eine Ehre, die selbst vielen großen Stadtkirchen Prags noch nicht zuteil wurde. (DD)