Ergreifendes Denkmal auf dem Bürgersteig

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Das kleine Denkmal auf dem Bürgersteig ist so bescheiden dimensioniert, dass die vielen Touristen es dort oft übersehen. Vor 50 Jahren, am 16. Januar 1969, übergross sich hier am Wenzelsplatz vor dem Nationalmuseum der zwanzigjährige Student Jan Palach mit Benzin und zündete IMG_3351sich an. In einem Abschiedsmanifest protestierte er gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch Sowjetpanzer und die apathische Hoffnungslosigkeit, mit der die Tschechoslowaken hinnahmen, dass ihnen die Freiheit abermals geraubt wurde.

Drei Tage später starb Palach. Die Bürger wachten auf. 200.000 protestierten noch am selben Tag auf dem Wenzelsplatz. Palachs Manifest gegen die Unterdrücker kursierte bereits überall. An den eigentlichen Machtverhältnissen änderte das zunächst einmal wenig. Unter dem Schutzschirm der Sowjetmacht setzte sich eine starre kommunistische Orthodoxie (genannt „Normalisierung“) durch, die erst 1989 ein Ende fand.

Aber es war ein Fanal gesetzt, auf dem spätere Dissidenten aufbauen konnten. Bis heute ist der Name Palach ein Symbol für den Freiheitswillen der Tschechen. Der unmittelbare Effekt war allerdings eher traurig, denn Palachs Tat fand bald Nachahmer. Junge IMG_3349idealistische Menschen wählten den Freitod als Form des Protestes gegen die kommunistische Gewalt.  Blanka Nacházelová erstickte sich kurz nach Palachs Tod mit Gas. Im Februar verbrannte sich der Student Jan Zajíc nur wenige Meter von der Stelle entfernt, wo sich Palach das Leben genommen hatte. Nichts kann den Zynismus der kommunistischen Machthaber besser illustrieren als die Tatsache, dass die Sicherheitsbehörden von nun an Palach und Zajíc unter den Aktennamen „Fackel 1“ und „Fackel 2“ führten. Und im April verbrannte sich in Jihlava der Mitarbeiter einer Autofirma Evžen Plocek aus Protest.

Die Märtyrer der Freiheit offziell zu feiern, war unmöglich, solange die Kommunisten noch an der Macht waren. Der bescheidene junge Freiheitsheld Palach blieb aber trotzdem in Erinnerung. Als die Samtene Revolution den Kommunismus wegfegt gab es kaum eine Persönlichkeit, derer von den Tschechen so inniglich gedacht wurde. In Prag (und anderswo) gibt es unzählige Gedenkorte (siehe früheren Beitrag hier).

IMG_3350Das von der Bildhauerin Barbora Veselá und den Architekten Čestmír Houska und Jiří Veselý  gestaltete Denkmal für Palach und Zajíc wurde im Jahre 2000 an jenem Ort errichtet und eingeweiht, wo Palach sich selbst angezündet hatte. Es ist kein pompöses Monument, sondern tritt bescheiden auf und  soll zum Nachdenken anregen. Man sieht es von weitem kaum und stolpert über kleine Erhöhungen im Straßenpflaster, die an zwei kleine Grabhügel gemahnen. Über sie wurde ein Metallkreuz als Symbol der Trauer liegend angebracht, auf dem die Namen Palachs und Zajícs eingraviert sind. Der Kontrast zum überbordenden heroischen Pathos des gut sichtbar nur einige Meter unterhalb liegenden Wenzelsdenkmals aus dem Jahre 1912 (siehe hier) könnte deutlicher nicht ausfallen. Aber vielleicht ist es gerade deshalb so ergreifend. (DD)

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