Die kubistische Brücke

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Wer sich die Moldaubrücken im Innenstadtbereich Prags anschaut, bekommt eigentlich schon eine kleine Geschichte der Architektur seit dem Mittelalter mitgeliefert. Gotik mit Barockausstattung (Karlsbrücke), Historismus (Brücke der Legionen), Jugendstil (Čech-Brücke) oder Funktionalismus (Jirásek-Brücke) – man findet alle möglichen Baustile. Die Manes-Brücke (Mánesův most) ist hingegen das IMG_0158kubistische Schmuckstück in der Sammlung.

Sie wurde 1911-16 nach den Entwürfen der Architekten Pavel Janák und Vlastimil Hofman gebaut – beides führende Vertreter des Kubismus. An der Stelle nahe des Rudolfinums, wo sie die Moldau zwischen Altstadt und Kleinseite quert, war seit dem Mittelalter eine Fähre und seit 1869 ein eiserner Fußgängersteg gewesen. Letzterer wurde durch die heutige Brücke ersetzt, denn das Wachstum Prags in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließ den Verkehr anschwellen, und das machte eine breitere Übergangsmöglichkeit notwendig, die auch für IMG_0160Straßenbahnen, Kutschen und die bald erstmals auftauchenden Automobile passierbar war.

Ganze 186 Meter ist sie lang und 16 Meter breit. Die Konstruktion aus Stahlbeton war eine Neuerung unter den Brücken der Stadt. Hinzu kam die nüchterne Struktur der gefächerten Pfeiler, auf denen die Fahrbahn ruht. Die Moderne hatte Einzug gehalten! Ganz radikal IMG_0163wurde das auf rein geometrischen Formen basierende ästhetische Konzept nicht durchgehalten, denn einige eher konventionelle Ornamente hat man weiter oben bei den Hauptstützen schon angebracht. Das sieht aber keineswegs hässlich oder störend aus, zumal der Kubismus ansonsten konsequent IMG_0148„durchdekliniert“ ist – etwa bei der Straßenbeleuchtung (links).

Ursprünglich war die Brücke nach dem österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand benannt, dessen Ermordung 1914 den Ersten Weltkrieg auslöste (siehe auch hier). Der Krieg brachte der Tschechoslowakei die Unabhängigkeit (nebst republikanischer Staatsform) und so beschloss man, die Brücke fortan nach Josef Mánes zu benennen. Der romantische Maler gilt als der Vater der tschechischen Nationalkunst. Um die Würdigung IMG_0161noch einmal zu verstärken, stellte man 1930 neben der Brückenauffahrt auf der Altstadtseite noch ein Denkmal für ihn auf, das von dem Bildhauer Bohumil Kafka entworfen worden wurde.

Die Brücke ist in ihrem Ursprungszustand gut erhalten. In den 60er Jahren – unter dem Kommunismus –  ersetzte man den klassischen Pflasterbelag der Fahrbahn durch Asphalt. Bei der Renovierung in den 90er Jahren wurde aber der alte Zustand weitgehend wiederhergestellt.

IMG_0156Zu empfehlen ist eine Begehung auch deshalb, weil man von der  Mánes-Brücke aus stromaufwärts einen schönen Ausblick auf die ganz nahegelegene Karlsbrücke genießen kann, die ja immer noch die berühmteste aller Moldaubrücken ist. Vielleicht kann man sich ja auch irgendwann eine richtige große Brückentour durch Prag vornehmen (DD)

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