Brücke in Not

Ein wenig mulmig kann es einem schon werden, wenn man mit der Straßenbahn mit maximal nur 20 Stundenkilometern über sie hinwegfährt. Schneller darf es nicht gehen. Denn die Libeň-Brücke (Libeňský most), die Libeň, also jenen Stadtteil, nach dem sie benannt ist, mit Holešovice auf der anderen Seite der Moldau verbindet, ist seit Jahren in gefährlichem Ausmaß baufällig. Eine zeitlang durften sogar außer Straßenbahnen keine Fahrzeuge mehr die Brücke queren.

Und was die Sache noch schlimmer macht: Die Brücke ist eine architektur-historische Rarität. 1928, zur Feier des 10. Jahrestags der Gründung der Ersten Tschechoslowakischen Republik, wurde sie eröffnet. Die Pläne dazu verdankte man den Architekten Pavel Janák und dem Ingenieur František Mencl, die schon zusammen die nahegelegene Hlávka-Brücke (Hlávkův most) gebaut, über die wir bereits hier berichteten. Insbesondere Janák gilt als einer der Großmeister der kubistischen Architektur (siehe auch hier), ein Stil, der so etwas wie eine nationale Besonderheit Tschechiens ist. Die kubistischen Brücken in dieser Welt kann man an den Fingern abzählen – und die von Libeň ist eine von ihnen. Und zwar in ihrer Formstrenge eine besonders avantgardistische, die schon auf spätere funktionalistische Strömungen der Architektur hindeutet. Es gibt tatsächlich unter Kunsthistorikern einen Streit, ob die Brücke kubistisch oder funktionalistisch ist. Auf jeden Fall ist das aber ein Beleg für Janáks Originalität. Man beachte die kühne Kombination geometrischer Formen im großen Bild oben.

Die Brücke (die übrigens einen 1903 gebauten hölzernen Fußgängersteg ersetzte) ist die 15. Brücke in Prag, flussabwärts gesehen. Als solche ist sie 370 Meter breit. Rechnet man die von Libeň aus leicht aufsteigende Rampe hinzu, kommt man sogar auf 780 Meter Länge, womit sie die längste Brücke der Stadt überhaupt wäre. Sie ist ganze 21 Meter breit und besteht aus fünf Bögen. Die Breite war damals ungewöhnlich. 16 Meter galt als Normalmaß. Aber die Planer handelten vorausschauend und sorgten dafür, das sowohl Straßenbahnen und auch der damals anwachsende Autoverkehr hier genügend Platz zur Flussüberquerung fanden. Es handelt sich um eine Betonkonstruktion und der längste der Bögen gilt mit 48 Meter Spannweite sogar als der größte Brückenbogen aus Normalbeton in Europa. Alles das, so könnte man meinen, müsste dazu führen, dass diese Brücke als ein schützenswertes Baudenkmal ersten Ranges eingestuft werden müsste. So einfach war es dann aber nicht.

Die Brücke funktionierte – gerade weil sie von ihren Planern so vorausschauend groß angelegt war – über Jahrzehnte reibungslos und diente als eine der zenrtalen Verkehradern der Stadt. Das Dramatischste, was ihr wiederfuhr, war ihre Umbenennung in Stalingrad-Brücke (Stalingradský most) im Jahr 1952, um an den Sieg der Roten Armee bei der Schlacht um Stalingrad (1942/43) zu erinnern. Allerdings fiel der darin enthaltene Name „Stalin“ schnell in Ungnade, weshalb sie ab 1962 wieder Libeň-Brücke hieß. Wo wir gerade beim Namen sind: Ursprünglich hatte man daran gedacht, sie Masaryk-Brücke zu nennen – nach dem ersten Präsidenten der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, aber man blieb dann doch zunächst bei Libeňský most. Nur in den Jahren 1939/40 und 1945 bis 1952 hieß sie offiziell Baxa-Brücke (Baxův most), benannt nach Karel Baxa, dem langjährigen Bürgermeister Prags von 1919 bis 1937.

Aber es lauerte ein langsam anwachsendes Problem. Die Maße waren zukunftsweisend, aber nicht unbedingt die Tragfähigkeit. Die Brücke musste immer mehr Gewicht tragen. Ein Vergleich: Eine Straßenbahn aus dem Jahre 1928 hatte ungefähr ein Gewicht von 10 Tonnen. Eine heutige Straßenbahn vom Typ Škoda 15T wiegt rund 42 Tonnen. Und der Autoverkehr (ebenfalls mit schwereren Fahrzeugen!) überstieg immer mehr das, was sich Janák und Mencl vorstellen könnten. 2003 fuhren im Schnitt 20.000 Autos pro Tag über die Brücke. Und immer noch schlug sich die Brücke, der nur wenig Pflege angediehen wurde, wacker. Selbst das Große Hochwasser von 2002 verursachte nur überraschend geringe Schäden. Aber irgendwann war Schluss. Im Jahre 2016 stellte eine Studie der Technischen Universität fest, die Brücke sei baufällig. Möglicherweise sei Abriss und Neubau eine gute Idee. Das hielt man in Libeň selbst für keine gute Idee. Es gab eine Bürgerinitiative, die Brücke unter Denkmalschutz zu stellen, um so die Option einer Reparatur statt eines Abrisses zu erzwingen. Damit war das Kulturministerium, am Zuge.

Das beschloss jedoch im Februar 2018 zu jedermanns Überraschung, dass die Brücke kein schützenswertes Denkmal sei. Anscheinend überdeckten Befürchtungen über die hohen Kosten der Renovierung eigentlich unabweisbare kulturhistorische Erwägungen. Der Rat der Stadt Prag beschloss umgehen den Abriss und Neubau, wozu schnell und beflissen der für Verkehrspolitik zuständigen stellvertretenden Bürgermeister Petr Dolínek (ein Sozialdemokrat) konkrete Pläne vorlegte. Nun ja: man hatte Angst: Der Einsturz einer Fußgängerbrücke im nahen Stadtteil Troja im Dezember 2017 lag da noch nicht lange zurück. Damals bekam man von Experten bescheinigt, dass eigentlich die meisten Brücken in Prag (ja, ganz Tschechien) ein wenig überholt werden sollten, dass aber die Libeň-Brücke mit am schlimmsten dran sei. Aber diese Brücke war für die Bürger Libeňs nicht irgendeine Brücke. Der Rat des Stadtteils protestierte. Eine gab eine große Bürgerinitiative und heftige Proteste (unter anderem eine Blockade). Die Prager Stadtregierung krebste zurück. Es standen Kommunalwahlen an und man beschloss, dass in der nächsten Ratsperiode ein (teueres) Konzept zur Reparatur vorgelegt werden müsse.

Da die Baufälligkeit als Faktum unbestreitbar war, wurde ab dem März nur noch der temopolimitierte Straßenbahn-Verkehr auf der Brücke zugelassen. Für andere Fahrzeuge blieb die Brücke zunächst gesperrt. Wer einmal herunter in Richtung Uferweg steigt, wird noch mehr finden, was den Eindruck der Baufälligkeit unterstreicht. Die meisten der kühn funktionalistisch konstruierten Treppenaufstiege sind wegen ihrer Gefährdungspotentiale zugesperrt. Der Uferweg ist unterbrochen, weil improvisierte Stützkonstruktionen einen Bogen versprerren. Immerhin erlaubte die nach einer Weile, dass auch wieder Autos die Brücke queen durften. Eine Lösung ist das langfristig natürlich nicht. Während ich photographierte, hörte man drinnen kleine Betonstücke herunterbröseln. Umher sieht es sowieso recht müllig und verkommen aus. Zwar wird die Uferpromenade des bisher eher nicht so wohlhabenden Stadtteils Libeň zur Zeit durch luxuriöse Bürokomplexe gründlich gentrifiziert, aber bis zu diesem Abschnitt ist das noch nicht gedrungen. Das wird sich irgendwann vielleicht verbessern. Eine richtige Reparatur der Brücke wäre da hilfreich, schon wegen der Autoanfahrten, die ein Büro- und Wirtschaftsgebiet benötigt. Immerhin: Wie gefordert legte der neue Prager Rat im September 2020 einen Plan vor, wie die Brücke (für sehr viel Geld) repariert und sogar hochwassersicher gemacht werden kann. 2022 will man mit dem Bauen anfangen. Hoffen wir das Beste! (DD)

Die einzige kubistische Straßenlaterne der Welt

In Sachen Laternen hat Prag ja bekanntlich einiges zu bieten. Aber diese hier ist einzigartig. Denn nur einmal in dieser Welt gibt es eine echte kubistische Straßenlaterne.

Die steht hier am Jungmann Platz (Jungmannovo náměstí) seit dem Jahr 1912. Entworfen wurde sie von dem Architekten Emil Králíček , der schon u.a. hier, hier, hier und hier Gegenstand unseres Blog war. Dessen Bedeutung für das Stadtbild Prags kan man kaum unterschätzen. Er arbeitete nämlich für den bekannten Bauunternehmer Matěj Blecha, der einen großen Teil der Umgestaltung des Wenzelsplatzes zur Zeit der Jahrhundertwende (Beispiel hier) zu verantworten. Und Králíček wurde dadurch zu einem führenden Repräsentanten des modernen und avantgardistischen Prags. Er versetzte dem zuvor das Stadtbild des neuen Prags dominierenden Historismus quasi den Todesstoß.

Begonnen hatte Králíček als Schüler eines der Pioniere des Jugendstils, Joseph Maria Olbrecht. Aber hier in Prag begann er um 1911/12, dem Jugendstil zu entwachsen und mit dem Kubismus zu liebäugeln. Dessen eigentlicher architektonischer Pionier in Böhmen wurde er. Die Straßenlaterne stellt einen Teil der künstlerischen Entwicklung Králíček dar. Sie gehört nämlich zu dem Gebäude der ebenfalls von ihm erbauten Adamova Lékárna (Adam Apotheke), über die wir bereits hier berichtet haben. Deren Vorderseite kann man auf dem Wenzelsplatz bewundern. Sie ist noch in einem seltsam anmutenden Spätjugendstil gehalten Die Rückseite des Gebäudes ist schon im streng geometrischen Kubismus gefasst und genau vor dieser Rückseite zum Jungmann Platz steht die Laterne.

Künstlerisch hat Králíček mit der Gestaltung der Laterne in mancher Hinsicht den kristallinen Kubismus in der Malerei (u.a. Picasso) vorweggenommen. Geometrische, meist „kristallin“ dreieckige Flächen werden ineinander verschoben. Der Steinsockel setzt dies nach unten in einer Weise fort, dass die Laterne dort – wie praktisch! – eine Sitzmöglichkeit bietet. Die eigentliche Laterne, die auf die Säule wie mit Krallen bewehrt aufgesetzt ist, setzt die Idee als feine Metallkonstruktion verspielt fort. Die innovative Idee des Architekten wird noch deutlicher, wenn man die Laterne nun – wie im großen Bild oben – in Kontrast mit dem historistischen Gebäude dahinter setzt.

Touristen setzen sich gerne mal auf den Sitzsockel der Laterne. Die Möglichkeit, auf einem bedeutenden Kunstwerk zu sitzen, sollte man sich auch nicht entgehen lassen. Wer das getan hat und anschließend noch mehr vom Leben erwartet, kann sich nur wenige Meter entfernt in den Biergarten der Gaststätte U Pinkasů (wir berichteten hier), der ältesten Pilsnerkneipe Prags. Aber man sollte dabei den Besuch der Laterne nicht nur als Vorwand nehmen. Sie hat unsere volle Aufmerksamkeit verdient – als eine kulturelle Rarität sondergleichen. (DD)

Die Brücke der Kommunalpolitiker

Sie haben es geschafft, ihr Andenken zu erhalten. Denn es ist nicht anzunehmen, dass sich sonst noch jemand an die meisten von ihnen erinnern würde. Als die Brücke 1912 nach fünfjähriger Bauzeit eröffnet wurde, gab es darüber in der Öffentlichkeit durchaus Unmut und Kritik über den bei Politikern durchaus üblichen Willen zur Selbstdarstellung. Aber worum ging es eigentlich?

Es ging zunächst einmal um die Hlávka-Brücke (Hlávkův most), die von den damaligen Kommunalpolitikern anscheinend genutzt wurde, sich selbst Denkmäler zu setzen. Mit der Brücke sollte eine Anbindung des Zentral-Schlachthofes (heute ein riesiges Markt-Gelände) in Holešovice zum am östlichen Ufer der Moldau gelegenen und heute nicht mehr existierenden Bahnhof Těšnov im Stadtteil Karlin geschaffen werden . Sie kreuzte dabei die im Fluss gelegene Štvanice-Insel mit der schönen Elektrárna Štvanice (Wasserkraftwerk Štvanice). Das war eine sinnvolle Infrastrukturmaßnahme.

Die Brücke trägt ihren Namen nach dem bedeutenden Architekten, Kunstförderer und Wissenschaftsmäzen Josef Hlávka, über den wir schon hier berichteten. Und an der Realisierung waren etliche große Architekten und Bildhauer beteiligt, so dass man sagen darf, dass es neben der Karlsbrücke kaum eine andere Prager Moldaubrücke gibt, die so reich und hochwertig skulptural ausgeschmückt ist. Erbaut wurde sie von 1909 bis 1912 von dem Architekten Pavel Janák und dem Ingenieur František Mencl. Vor allem Janák gilt als einer der bedeutendsten Architekten des frühen 20. Jahrhundert und als einer der Pioniere des Kubismus, von dem man schon bei dieser noch einem historisierenden Jugendstil verpflichtenden Brücke Spuren erkennen kann. Zusammen mit dem Architekten Vlastislav Hofman sollte er dann später 1911 bis 1916 die erste vollständig kubistische Brücke, die Mánes-Brücke, erbauen.

Jánaks und Mencls Brücke reichte vom Ostufer zur Insel, wo sie mit der 1908 bis 1910 von dem Architekten František Prášil Stahlbrücke zusammenwuchs, die Altstadt und Insel verband, und die wiederum eine Fußgängerbrücke aus dem Jahre 1869 ersetzt hatte. Die neue Gesamtbrücke war mit 16 Metern Breite (die 1958 bis 1962 auf 28 Meter verbreitert wurde) allerdings den neuen verkehrstechnischen Bedürfnissen der Großstadt angepasst. Der Straßenbelag bestand übrigens ursprünglich aus Hartholz. Mit zunehmendem Autoverkehr wurde der aber zu einer Gefahrenquelle ersten Ranges (Rutschrisiko) und nach dem Zweiten Weltkrieg durch Asphalt ersetzt. Prášils Brücke fiel im Gegensatz zu der Jánakschen/Menclschen Brúcke 1962 sozialistischer Stadtplanung zum Opfer und wurde durch ein recht brutalistisch anmutendes Konstrukt des Architekten Stanislav Hubička (wir berichteten hier) ersetzt, das man im Bild oberhalb links sehen kann.

Nun aber doch zum Stein des Anstoßes, den Skulpturen. Kein Zweifel: an Kunst und Qualität sparte man hier nicht. Nur die besten unter den böhmischen Bildhauern wurden angeheuert, um die aus drei großen (über den Fluß) und vier kleinen Bögen (auf der Insel) bestehende Brücke kulturell aufzurüsten. Schon am Ufer bei Holešovice fährt man beim Auffahren zwischen gigantischen (jeweils 5 Meter hoch, 16 Tonnen schwer!) Allegorien auf die Humanität (kleines Bild links) und auf die Arbeit (rechts) hindurch – beide ein Werk des bekannten Bildhauers Jan Štursa, den wir u.a. schon hier erwähnten.

Auch gegen die überlebensgroßen Reliefs mit Aktdarstellungen (m/w) der beiden damaligen Starbildhauer Bohumil Kafka, und Ladislav Kofránek lässt sich künstlerisch und auch sonst nichts einwenden. Beide waren Schüler des großen Josef Václav Myslbek, dem wir die Reiterstatue des Heiligen Wenzel auf dem Wenzelsplatz verdanken – ein Nationalbildhauer, sozusagen! Kafka sollte später die riesige Reiterstatue des Hussitenführers Jan Žižka auf dem Nationaldenkmal am Vítkov erschaffen. Die Skulpturen machen die Brücke jedenfalls zusammen mit ihren klassischen Versatzstücken zu einem echten Kunstwerk. Man findet sie dort, wo die Brücke die Insel überquert. Es handelt sich um frühe Moderne vom besten!

Nein, es geht vielmehr um die 12 Portraitbüsten, die den Brückenverlauf zum Ostufer an beiden Seiten säumen. Jede mit medaillenförmiger Rahmung in Stein rund 2,5 Meter hoch. Sie sollten ursprünglich und eigentlich bedeutende zeitgenössische Personen aus Technik und Gesellschaft darstellen. Auch sie sind künstlerisch über jeden Zweifel erhaben. Schließlich waren sie das Werk der großen Bildhauer Josef Mařatka und Otto Gutfreund (auch ein Pionier des Kubismus!), die bis heute ihren Ehrenplatz in der Kunstgeschichte innehaben. Aber die Auswahl der Porträtierten kam dann doch für die Öffentlichkeit überraschend.

Fand man den Namensgeber der Brücke, Josef Hlávka, darunter? Fehlanzeige! Oder gar den Architekten Jának? Auch Fehlanzeige! Eigentlich hatten nur die Ratsherren, die das Projekt genehmigt hatten, beschlossen, dass sie selbst und einige ihrer Vorgänger den Ehrenplatz an der Brücke verdient hätten. Motto: Kommunalpolitiker ehren Kommunalpolitiker. Die Zeitgenossen wunderten sich. Aber immerhin lernen wir dadurch heute, während wir die große Porträtkunst Mařatkas bewundern, dass es einmal (zur Zeit des Brückenbaus) einen zweiten Stellvertretenden Bürgermeister namens Václav Kasalický (kleines Bild links) gab, der einen großen Schnäuzer trug. Eine bedeutsame Erkenntnis, das mit dem Schnäuzer! Bildung schadet ja nicht.

Tomáš Černý, den man auf der gegenüber liegenden Seite der Brücke bewundern kann, hatte einen kleineren Schnäuzer (dafür durch einen Spitzbart ergänzt), aber dafür hatte er es immerhin 1882 zum Ersten Bürgermeister gebracht. Das ist ja nicht nichts, um es mit der typisch tschechischen Doppelnegation auszudrücken. Aber inzwischen ist ja sowieso Gras über die ganze Angelegenheit gewachsen. Was bleibt, ist der künstlerische Wert der Skulpturen, der ja nie bestritten wurde. Auch ihn kann man am besten erschließen, wenn man die Brücke von der übrigens recht großen und sogar per Fähre (und natürlich über die Brücke) erreichbaren Štvanice Insel aus besichtigt, die sowieso mit ihren gepflegten Grünanlagen zum Spazieren einlädt.

Und am Ende ereignete sich in den frühen 1980er Jahren die vielleicht oder vielleicht auch nicht günstige Schicksalsfügung, dass zwei der Büsten irreparabel zerstört waren. Das bot die Chance zu einer gewissen Wiedergutmachung. Der Bildhauer František Häckel wurde damit beauftragt, neue Büsten anzufertigen. Und so sind – wenngleich verspätet – Hlávka und Jának doch noch zu Ehren gekommen. Ihre beiden Büsten, von Häckel in Dampfbeton gestaltet, befinden sich seit 1984 an prominentester Stelle an der flussabwärts gewandten Seite der Brücke. Ästhetisch sind sie gut eingepasst. Auf dem Bild links sieht man den gabelbärtigen Hlávka links und den glatzköpfigen Jának rechts oberhalb eines Brückenpfeilers – wo sie auch hingehören. (DD)

Juwel des Kubismus

Wenn man ein schönes Beispiel für kubistische Architektur sucht, warum nicht das Portal dieses fünfstöckigen Hauses in der Polská 1751/56 und 58?

Das geschickt auf klassizistische Motive anspielende Portal, das trotzdem der abstrakten Modernität des Kubismus gehorcht, gehört zu einem fünfstöckigen Wohnhaus, das in den Jahren 1921/22 für eine Bau- und Einkaufsgenossenschaft gebaut wurde. Es passt sich harmonisch in die sonst recht streng funktionalistisch gehaltene Fassade des ganzen an. Entworfen und gebaut wurde es von den Architekten Viktor Lampl und Otto Ervin Fuchs, die zusammen die Architekturbüro und Baufirma Lampl und Fuchs betrieben. Sie galten damals als ausgesprochene Spezialisten für moderne Baustile wie Kubismus oder Art déco.

Beide Architekten waren jüdischer Herkunft. Fuchs wurde 1941 von den Nazis in ein Konzentrationslager in Łódź verschleppt. Sein genaues Todesdatum dort ist unbekannt. Lampl starb 1942 in Prag eines natürlichen Todes – kurz bevor man ihn für den Abtransport vorgesehen hatte. Seine Frau, sein Sohn und seine Geschwister wurden noch im selben Jahr von den Nazis ermordet. So erinnert dieses bemerkenswerte Juwel des Kubismus zugleich an eines der Schreckenszeiten der Menschheitsgeschichte. (DD)

Kubismus und Posthörner

Damals sorgte man sich anscheinend um das Wohl der in der Firma Beschäftigten. Die Wohnungen für dieselben befanden sich in den oberen Stockwerken eines Gebäudes, das sogar „Palast“ genannt wurde – der Radiopalast – Haus der Post- und Telegraphen-Angestellten (Radiopalác – Dům zaměstnanců pošt a telekomunikací) in der der Vinohradská 1789/40 in Prag 2.

Und in den unteren Stockwerken gab es ein reiches Kulturangebot. Dem dient das Gebäude mit seinem Restaurant und den zwei großen Sälen, in denen Bühnen- und Musikveranstaltungen, Feiern und Bälle, Konferenzen und Kongresse, Bankette und Hochzeiten, Theater und Kabarett stattfinden, auch immer noch. Der Radiopalast ist eines von drei Kolossalgebäuden, die der Architekt Alois Dryák hier in der direkten Umgebung in Vinohrady in den 1920er Jahren entworfen hatte – neben dem Orbis Palast (Palác Orbis, wir berichteten hier) in der Vinohradská 1896/46 under Nationalen tschechoslowakischen Tabak-Direktion (früherer Beitrag hier) in der Slezská 2000/9. Der Radiopalast entstand in den Jahren 1922 bis 25.

Selbst im Kontext der vielen Prachtfassaden, die man in diesem Stadtteil findet, ist die des Radioplastes ungewöhnlich. Es handelt sich um ein grandioses Beispiel für den Rondokubismus, der übrigens eine tschechische Spezialität ist. Dabei werden die für den Kubismus typischen geometrischen Elemente für eine eher ornamentreiche und folklorische Formensprache, setzt, was eigentlich dem funktionalistischen Grundgedanken des Kubismus früherer Zeit widerspricht, aber auf originelle Modernität und Tradition vereint. Besonders putzig sind die kleinen Posthörner in Stuck, die man allenthalben auf der Fassade findet, und die daran erinnern, dass das Gebäude ursprünglich für Post- und Telegraphenangestellte gebaut wurde.

Der Eingangsbereich deutet bereits darauf hin, das innen weniger der optisch überbordenen rondokubistische Stil angesagt ist, den Dryák so beherrschte (ein anderes Beispiel findet sich hier). Hier ist eher ein schlichter Art Déco-Stil angesagt. Hübsch ist auch das Sternsymbol mit den Blitzen, die wohl für die (damalige) Modernität des Telegraphenwesens stehen sollen.

Mit seinen 1550 Quadratmetern Nutzfläche ist das Gebäude mit seiner riesigen Fassade tatsächlich ein Bauwerk von palastartigen Dimensionen. Trotz der traditionell wirkenden Ornamentik der Fassade handelt es sich um ein äußerst modernes Gebäude – eine Skelettbaukonstruktion mit Ziegelfüllung. Zu der Modernität gehörte übrigens damals, dass neben traditionellen Bühnensälen auch ein Kino hier sein Domizil fand. Das wurde leider in den 1990er Jahren abgerissen. Heute beherbergt der Palast zwar nicht mehr nur Postbeamte, aber es gibt immer noch die kulturellen Einrichtungen und ein Restaurant. (DD)

Modernes Verlagshaus

Über dem Globus schwebt ein offenes Buch, gehalten von zwei Adlern. Eigentlich sagt diese Skulptur, von der es über dem Eingang zwei identische gibt, alles über den Zweck des Gebäudes aus.

Das Haus des Orbis Verlags (nakladatelství Orbis) in der Vinohradská 1896/46 (Prag 2) wurde nämlich 1925 von dem Architekten und Universitätsprofessor Alois Dryák für den vom Außenministerium der Tschechoslwakischen Republik gegründeten Buch- und Presseverlag Orbis und dessen Druckerei gebaut. Den Verlag gibt es nicht mehr und heute residiert hier CzechTourism, der Verband öffentlicher Tourismusagenturen. Aber die Attribute des ursprünglichen Zecks sind erhalten geblieben, nicht nur die Adler, sondern auch der große Schriftzug O.R.B.I.S. über dem dritten Stock.

Dass möglichst viel vom ursprünglichen Zustand des sechsgeschossigen Bauwerks erhalten geblieben ist, dafür sorgt schon der seit 1964 bestehende Denkmalschutz. Unter dem steht es natürlich zu Recht. Denn es gehört zu dem Trio bedeutender Gebäude, die Dryák dicht beieinander hier in Vinohrady hinterlassen hat. Dazu gehört der unmittelbar benachbarte Radiopalast (früherer Beitrag hier) und den nahen Hauptsitz der nationalen tschechoslowakischen Tabak-Direktion (Beitrag hier). Von einem Dryákschen „Triptychon“ spricht man manchmal.

Dryák war ein mit einer großen Freude am Experiment begabter Architekt, der eine Vorliebe für ausgesprochen originelle Fassadengestaltung hatte. In seiner Frühphase dem Jugendstil verpflichtet (früheres Beispiel hier), versuchte er sich bald in frühfunktionalistischen oder kubistischen Entwürfen (Beispiel hier). Den Einfluss des Kubismus erkennt man besonders schön an dem aus Dreiecksformen gebildeten Dachgiebel.

Das fünfstöckige Gebäude schuf Platz für viele Büros (nicht nur des Verlages), ein Papierlager, Druckereien und Redaktionsräume. In modernster Skelettbauweise konstruiert, beinhaltet das Gebäude auch viele funktionalistische Elemente, was vor allem auch für den Erweiterungsbau, den Dryák 1927/28 innen im Hof errichtete. Das Orbis-Gebäude hat jedenfalls viel dazu beigetragen, dass Dryák unter Kennern als eine der großen modernen Architektengestalten Prags gilt.(DD)

Mit Sixpacks Richtung Kubismus

Der Typ mit seinen kräftigen Sixpacks und den Windelhosen wirkt schon recht bombastisch. Zusammen mit zwei seiner Kumpel steht er für die zunehmende Revolutionierung der Architektur in Prag in der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg.

Zu sehen ist das Ganze auf der Fassade des großen vierstöckigen Mietshauses in der Šmeralova 390/15 im Stadtteil Bubeneč (Prag 7). Das Haus wurde nach dem Entwurf des Architekten Bohuslav Homoláč (1883-1962) in den Jahren 1911-13 durch den Baumeister Václav Hortlík erbaut. Homoláč hatte in dieser Zeit zahlreiche sehr avantgardistische Wohnhäuser in Prag in einem ähnlichen Stil entworfen.

Dieses Haus in der Šmeralova steht ganz besonders deutlich für einen Zeitenwandel in der Architektur, der sich damals abzuzeichnen begann.

Vieles an diesem Haus entspricht noch den Geschmacksvorstellungen des späten Jugendstils, auch „geometrischer Jugendstil“ genannt, der in dieser Zeit seinen Aufschwung nahm. Statt der asymmetrischen und floralen Gestaltungselemente, die frühere Spielarten des Jugendstils bestimmten (früherer Beitrag hier), dominierten nun immer mehr abstrakte Formen. Die sieht man auch hier besonders drei großen männlichen Statuen, den Balkongittern und den Wandornamenten. Diese Ausrichtung des Jugendstils war bereits eine revolutionäre Neuerung in Richtung funktionalistischer Abstraktheit in der Architektur.

Aber sie war kurzlebig, denn der Trend setzte fast zugleich in deutlicherer Form fort. Gerade in Tschechien wurde der Kubismus in dieser Zeit zum führenden Trend in der Architektur. Die Gestaltung der abgerundeten Erker mit ihren Fenstern (kleines Bild rechts) und die geometrischen Formen rund um die in Pilaster eingebetteten Gesichterskulpturen auf Höhe des dritten Stocks (Bild links) würden in jedem anderen baulichen Kontext wahrscheinlich als rein kubistisch wahrgenommen.

Aber der Hingucker sind doch die großen männlichen Skulpturen auf Höhe des ersten Stocks, die dem Haus konsequenterweise den Namen Bei den drei Atlanten (U tří Atlantů) eingetragen haben. Sie wurden wohl in ihrer Gestaltung bewusst an die der Atlanten im Portikus der Neuen Eremitage in St. Petersburg angelehnt, die der aus Bayern stammende klassizistische Architekt Leo von Klenze zwischen 1839 und 1852 entworfen hatte, die wiederum auf antikem Vorbild basierten. Aber eben ein wenig „jugendstilig“ ausgeführt im Stile des damals berühmten Bildhauers Franz Metzner. Recht archaisch sehen sie dadurch aus; und doch modern.

Wem das Haus gefällt, der kann auch dort verweilen. Im Erdgeschoss befindet sich nämlich ein sehr gepflegtes Café. (DD)

Kubistisch und archaisch

Zu den etwas außerhalb der Touristenrouten der Stadt gelegenen, aber dennoch äußerst sehenswerten Meisterwerken des Kubismus in Prag gehört das genossenschaftliche Wohnhaus in der Kamenická ulice 811/35 im Stadttteil Holešovice (Prag 7).

Es wurde in den Jahren 1923 bis 1924 von dem Architekten Otakar Novotný, einem Schúler des bekannten frühfunktionalistischen Architekten Jan Kotěra (früherer Beitrag hier), erbaut. Novotný ist den meisten Kubismus-Kennern eher als der Erbauer der ungleich berühmteren Häuser der Lehrergenossenschaft (Učitelské domy) in der Altstadt (früherer Beitrag hier) aus den Jahren 1919-21 bekannt. Zwischen beiden doch recht kurz hintereinander fertiggestellten Bauwerken kann man besonders schön eine Weiterentwicklung innerhalb der Stilrichtung des Kubismus verfolgen.

Die Lehrerhäuser waren noch ein Dokument der „reinen Lehre“ des Kubismus und stellten mit ihrer Betonung rein geometrischer und kristallförmiger Formelemente die vorhgerige historistische Orthodoxie (Neorenaissance, Klassizismus etc.) zugunsten von moderner Funktionalität in Frage. 1919-21 war dieser Stil, der typisch für die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg war (Beispiel hier), eigentlich schon ein wenig aus der Mode gekommen.

Das Haus in der Kamenická hingegen repräsentiert eine Neuformulierung der kubistischen Ästhetik. Der Kubismus war so etwas wie die Nationalarchitektur der Tschechen und repräsentierte die Modernität Böhmens gegenüber dem Habsburgerreich. Nach der Unabhängig musste man aber auch eine historische Perspektive aufnehmen. Das Resultat war der sogenannte Rondokubismus, der die geometrischen Formen des Kubismus zur Darstellung folkloristischer und historischer Anspielungen verwendete (Beispiel hier). Mit dem Wohnhaus war Novotný, der 1921 noch ein wenig stilistisch der Mode hinterherhinkte, nun einer der ersten Architekten, die auf den Rondokubismus setzten.

Entsprechend ist der erste Eindruck, den man von dem sechstöckigen Haus bekommt, der einer wuchtigen klassischen Fassaden-Struktur mit großen Säulen. Erst bei genauerem Hinsehen bemerkt man, das es sich um kurze, oben abgerundete Zylinder handelt, die sich abgeschirmt in Nischen mit Bögen zwischen den Fenstern der ersten drei Stockwerke befinden. Je nachdem, wie man sie betrachtet, können sie im Zusammenhang mit den beiden Fenstern neben jeder Säule den ersten optischen Eindruck eines im Mittelteil blinden venezianischen Fensters.

Die anders gefärbte Säulenfront im Erdgeschoss unterstreicht die Botschaft des Hauses. Vage an altägyptische Säulen erinnernd, aber dennoch eben nur ein kubistisches Spiel mit geometrischen Formen, verleiht sie dem Gebäude einen geradezu archaischen und vormodernen Charakter – eigentlich das Gegenteil dessen, was der Kubismus in seiner Frühphase bewirken wollte. (DD)

Legionärsbüsten

Die Erinnerung an die Tschechoslowakischen Legionen des Ersten Weltkriegs hat tiefe Spuren im Stadtbild Prags hinterlassen. Die Legionen waren autonome Truppeneinheiten, die die Alliierten der Entente aus Exiltschechen, Kriegsgefangenen und Überläufern aus der kakanischen Armee zusammengestellt hatten, die nicht mehr für das Habsburgerreich, sondern für die Unabhängigkeit und Freiheit der Tschechoslowakei kämpfen wollten (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier und hier). In Italien, Frankreich und vor allem in Russland entstanden solche Einheiten. Sie waren im Kern die erste funktionierende Institution des neuen Staates und wurden in der Folge ein konstituierender Nationalmythos der Republik.

Und so sieht man sie auch hoch oben auf der Fassade des großen fünfstöckigen Gebäudekomplexes in der Myslíkova 258/8 in der Neustadt. Aufgereiht nebeneinander sieht man im Bild oberhalb links (v.l.n.r.) Büsten von Legionären in den Uniformen der Länder, in denen sie dienten – Frankreich, Russland und Italien – und bisweilen sogar gegen ihre Landsleute in österreichischen Uniformen kämpften.

Das Gebäude sah nicht immer so aus. Weder die Legionärsbüsten, noch die kubistische Fassadengestaltung, noch die Statue eder Siegesallegorie auf dem Mittelerker waren zu sehen als das Haus 1868 fertiggestellt wurde. Da war es nämlich ein Gebäude im Stil der Neorenaissance, gebaut von dem Architekten  Josef Schulz, der ein Spezialist für diesen Stil war und dem wir u.a. das Gebäude des Nationalmuseums verdanken. Er hatte es im Auftrag des Holzhändlers Vincenc Bubeníček entworfen, der im Erdgeschoss das heute noch existierende Restaurant U Bubeníčků betreiben ließ.

In den Jahren 1923–1924 renovierte der Architekt František Tichna, der Prag unter anderem 1909-11 durch den Bau des Neuen Rathauses bekannt geworden war. In dieser Zeit war Neorenaissance-Architektur bereits völlig unmodern. Der Kubismus mit seinem avantgardistisch-modernen Anspruch war inzwischen so etwas wie der Nationalstil der Tschechen geworden. Deshalb sieht man links den Legionär in russischer Fellmütze in ein typisch kubistisches gestaltungselement mit geometrischer Formgebung eingebettet. Dass der Legionär recht grimmig dreinschaut, hat wahrscheinlich etwas damit zu tun, dass er viel Arges mitgemacht hat, weil die Legionäre dort in die Wirren des Russischen Bürgerkrieges gerieten. Die Bolschewiken hatten 1918 einen Sonderfrieden mit dem deutsch-österreichischen Feind geschlossen. Wechselweise versuchten die Legionäre mit alliierter Unterstützung, Russland durch „regime change“ wieder auf Seite der Entente zu bringen oder sie versuchten, den kommunistischen Terror einzudämmen. Erst 1920 wurden die letzten von ihnen nach einer gewaltigen Anabasis durch Sibirien von Wladiwostok aus zurück nach Böhmen verschifft.

Und dann ist da der Legionär in französischer Uniform, der den typischen Adrian-Stahlhelm trägt. Die Legionäre taten sich hier in den Gräben der Westfront hervor, insbesondere bei der Schlacht bei Vouziers und Terron 1918. Einer von ihnen, der Slowake und Legionsgeneral Milan Rastislav Štefánik wurde sogar der erste Verteidigungsminister der Ersten Tschechoslowakischen Republik (siehe auch früheren Beitrag hier). Stéfanik fand 1919 den Tod. Der flugbegeisterte Pilot stürzte bei Bratislava ab als er auf dem Weg zu Front war, denn die Tschechen waren gerade dabei, Ungarn die Slowakei militärisch abzutrotzen. Das Flugzeug, das er steuerte, gehörte der italienischen Luftwaffe.

Womit man bei der Legion in Italien ist, deren Repräsentanten man rechts in dem für die dortigen Gebirgstruppen typischen Trenker-Hut (mit Federschmuck) sieht. Die Legionäre kämpften hier unter hohen Verlusten an der Piave-Front. Und sie kämpften danach weiter. Der Krieg gegen Ungarn, bei dem Stéfanik ums Leben kam, war einer von mehreren, durch die die Tschechoslowakei erst ihre Grenzen erkämpfte – etwa der Siebentagekrieg gegen Polen. Die meisten Truppen standen dabei formell unter italienischen Kommando, was heute kaum mehr jemand weiß.

Über dem Portal befinden sich auch noch Skulpturen mit Szenen des Arbeits- und Familienlebens – das, wofür die Legionäre kämpften. Aber die auffällige Hauptattraktion sind die Büsten, die das Haus umrahmen. Und warum tummeln sich so viele Legionäre hier auf der Fassade des Hauses in der Myslíkova? Nun, das Haus gehörte in den 1920er Jahren der Legiobank, auch Bank der Tschechoslowakischen Legion genannt. Die wurde 1919 von und für Legionäre als Mittel sozialer Absicherung (was man den Helden auch schuldig war!) errichtet. Schon das Haupthaus in Prag (früherer Beitrag hier) war kubistisch gestaltet worden, weil dieser Stil gleichermaßen für Modernität und nationale Identität zu stehen schien. Diesem Beispiel folgte man bei der Filiale anscheinend.

Ach ja: Und das Erdgeschoss besteht aus weißem Stein, während der Rest aus rot bemaltem Putz besteht. Rot und Weiß – das sind die Farben, unter denen die Legionäre – vor allem in Russland – kämpften. 1918/19 war sie auch die Farben der Staatsflagge. Die heutige dreifarbige Fahne mit blauem Dreieck wurde erst nach 1920 offizielle Fahne der Tschechoslowakei (und seit 1993 Tschechiens). Die zweifarbige Variante ähnelte zu sehr der polnischen Fahne, was einer der Gründe für die Änderung war. Außerdem sollte das blaue Dreieck den slowakischen Teil des Landes symbolisieren. Die Farben der Legionäre waren aber Rot und Weiß. Und das hat das Gebäude in der Myslíkova architektonisch verewigt. Den vorbeigehenden Passanten wird das aber kaum auffallen. (DD)

Eklektischer Nationalstil

Mit der Gründung der Tschechoslowakischen Republik im Jahre 1918 setzte in der Architektur eine verstärkte Suche nach einem eigenen „Nationalstil“ ein, die ihre Wurzeln bereits in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg hatte.

Um sich von der „Rückständigkeit“ der Habsburgermonarchie abzusetzen, und sich modern und demokratisch zu präsentieren, kam schon vor dem Weltkrieg der Kubismus in Mode. In der Republik sah man dann auch ein verstärktes Experimentieren mit dem Funktionalismus. Aber andererseits erwartete man von einer „Nationalarchitektur“ auch Traditionsverbundenheit mit dem historischen Erbe. Deshalb findet man in Prag auch viele sehr ek­lek­tische Bauwerke, die gleichermaßen auf moderne und traditionelle Bauelemente zurückgreifen, um sie (manchmal etwas unsystematisch) miteinander zu verknüpfen.

Ein wunderschönes Beispiel dafür findet man in dem großen, vierstöckigen Bürohaus in der Nad štolou 1277/6 im Stadtteil Bubeneč. Erbaut wurde das Haus in den Jahren 1921/22 (über dem Eingang ist 1922 als Datum der Einweihung vermerkt). Die kühn konstruierte Fassde kombiniert Elemente von Klassizismus, Jugendstil und Kubismus. Über dem halbrunden, mehrstöckigen Erker, der an Gebäude des Spätjugendstil erinnert, thront ein Giebel mit typisch kubistischer Dreiecksform.

Auch die eleganten Skulpturen über dem Portal des Eingangs – sie zeigen jeweils einen weiblichen und ein männlichen Akt – sind stimmig im kubistischen Stil gehalten. Über den Bildhauer der sehr allegorischen Figuren (man beachte das Füllhorn der weiblichen Skulptur) konnte ich leider nichts herausfinden.

Ähnliches gilt auch für Decken unter den Balkonen. Sie sind mit ihren geometrischen Deckenmalereien ebenfalls im kubistischen Stil der frühen 1920er Jahre gehalten.

Trotzdem handelt es sich nicht um jene tschechische Sonderform des Kubismus , der sogenannte Rondokubismus, der mit den abstrakt-geometrischen Formelementen traditionalistische Formensprache andeutet (früheres Beispiel hier). Die Säulen, die den Balkon zwischen ersten und zweitem Stock durchbrechen sind klassische dorische Säulen. Die Doppelsäulen des dritten Stocks (kleines Bild oberhalb links) sind hingegen in der Tat kubistische Spielereien, die nur den Eindruck erwecken, klassisch zu sein. Ähnliches gilt für die Kapitelle neben dem Eingang.

Der Architekt, dem wir dieses beeindruckende Gebäude verdanken, passt perfekt zu der Idee eines progressiven republikanischen Nationalstil. Josef Záruba-Pfeffermann war nicht nur der Schöpfer zahlreicher Modernisierungsprojekte, wie etwa das Wasserkraftwerk Štěchovice, sondern auf ein politisch engagierter Fortschrittspatriot. Als der spätere erste Präsident der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, während des Ersten Weltkriegs vor den österreichsichen Behörden ins Exil fliehen musste, sorgte Záruba-Pfefferman für den Lebensunterhalt seiner Familie. 1919/20 saß er in der Nationalversammlung, und machte sich dort um den Aufbau der Demokratie verdient. Er gehörte unter anderem zu der Kommission, die Vorschläge für die Tschechoslowakische Flagge erarbeitete bzw. auswählte.

Das Haus in der Nad štolou, in dem sich heute u.a. ein Kindergarten befindet, ist eines der wenigen Stadthäuser, die der auf öffentliche Großprojekte fokussierte Záruba-Pfeffermann realisierte. (DD)