Originelles Provisorium und Tatort

IMG_8829.JPG

Provisorien leben oft länger als man ursprünglich dachte. In den Jahren 1947/48 baute die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder (Českobratrská církev evangelická), die sich aus der Tradition des Hussitentums ableitet, im südlichen Stadtteil Braník eine kleine Holzkirche als vorübergehendes Domizil. Durch die dicht IMG_8828befahrene Uferstraße auf der vorderen Seite und durch die berühmten Felsen von Branik (links) dicht an der Rückseite erscheint sie fast vom Rest der Welt abgeschnitten – fast wie eine Insel. Vielleicht liegt es daran, dass der Architekt Pavel Bareš (ein Spezialist für Kirchenbauten), ein sehr auffallendes und doch dem christlichen Bescheidenheitsanspruch genügendes Gebäude entworfen hatte, dass die ursprünglich vorgesehene Lebensdauer von maximal 20 Jahren weit überschritten wurde – und ein Ende ist nicht abzusehen. Sie scheint sich sogar einer solchen Beliebtheit zu erfreuen, dass 2016 ein kleiner Anbau zur Erweiterung erfolgte, der – entworfen von dem Architekten und Schauspieler David Vávra – erfreulicherweise die stilistische Kohärenz wahrte. Schlicht und simpel, strukturiert aus klaren geometrischen Elementen, steht sie nun da zwischen Verkehrsstau und schöner IMG_8832Landschaft. Das einzige Ornament ist das stilisierte Kelchsymbol (rechts), das für eines der großen Anliegen der Hussiten, dem Laienkelch, steht.

Auch wenn sie abgelegen liegt und Bescheidenheit ausstrahlt: Keiner soll sagen, dass sie langweilig ist. Hinter ihr liegt (leider nicht öffentlich zugänglich) ein großes Felsenlabyrinth, das für Höhlenforscher und Fledermausexperten interessant ist. Dramatischer ist jedoch ein Ereignis aus der Geschichte. Im Oktober 1969 drang ein Einbrecher in die Kirche ein, schoss auf den Pfarrer Timoteus Pokorný, fesselte ihn und stahl im einige persönliche Gegenstände. Der Täter entkam unerkannt. Mehrere Monate konnte der arme Pfarrer nicht mehr predigen. An den Spätfolgen des gemeinen Verbrechens starb er am 29. Dezember 1972. Solch schreckliche Ereignisse haben sich aber gottlob seither nicht mehr wiederholt. (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s