Sachsen, Sorben und ein Seminar

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Das Verbindungsbüro des Freistaats Sachsen konnte sich kaum ein schöneres und idyllischer gelegenes Haus als Standort suchen – und auch kaum eines, das die gemeinsame Geschichte Sachsens und Tschechiens so sehr symbolisiert. Die Rede ist vom Lausitzer Seminar ( Lužický seminář) .

IMG_0171Das Gebäude wurde von 1724 bis 1726 gebaut, im zeitüblichen Barockstil und inmitten einer der wenigen Straßen, in denen auch heute immer noch ausschließlich Barockhäuser stehen. Ein beeindruckendes Ensemble also! Aber die Vorgeschichte reicht noch weiter zurück – bis in die Zeit Karls IV., der so bedeutend ist, dass wir in diesem Blog schon unter anderem hier, hier, hier, hier und hier über ihn berichteten. Der hatte nämlich für die heute zu Sachsen gehörende Lausitzregion, die sein Vater für Böhmen erworben hatte, rechtliche Garantien gegeben, dass die kulturelle und sprachliche Autonomie der Sorben gesichert blieb. Die Sorben sind eine Ethnie, die eine westslawische Sprache spricht (die IMG_0172daher dem Tschechischen und Polnischen ähnelt). Als die Habsburger im Jahr 1635 die Region an Sachsen abtraten, lag ihnen auch die Sprachkultur, aber vor allem die Religion am Herzen. Die Sorben waren nämlich immer strikte Katholiken und hatten in den vielen Religionswirren Böhmens (etwa den Hussitenkriegen) klar auf der katholischen Seite gestanden. Diese Loyalität belohnten die Habsburger dadurch, dass sie den protestantischen Sachsen abverlangten, die katholische Religion der Sorben zu achten. Außerdem wurde die katholische Gemeinde der Sorben direkt dem Prager Erzbischof unterstellt – sicher ist sicher! Irgendwie überlappten sich dadurch Böhmen und Sachsen ein wenig.

Mit dem Bau des Seminars (auch manchmal Sorbisches Seminar genannt) vertiefte man die Bindungen noch einmal, denn hier wurden ab 1728 vor allem sorbische Priester ausgebildet, die dann in der Lausitz das fromme Wort verbreiteten. Der Petrus, der die Ecke des Hauses auf Höhe des ersten Stocks bewacht, zeugt vom tief religiösen Zweck des Ganzen. Die Zeit des friedlichen IMG_0173Zusammenlebens endete 1922 als die Tschechoslowakische Republik das Seminar schloss. Der Schließung vorausgegangen waren Querelen über die Finanzierung zwischen Deutschland, Sachsen und der Tschechoslowakei, die immer mehr nationalistisch aufgeladen wurden. Immerhin sorgte das Bistum Meißen ab 1927 dafür, dass nun auch in Sachsen sorbische Priester ausgebildet werden konnten. Und die tschechoslowakische Seite säkularisierte das Gebäude zwar, betrieb es aber lange Zeit als Studentenheim für sorbische Studenten in Prag. Zuletzt war es ein staatliches Verwaltungsgebäude bis dann 2012 wieder zusammengefügt wurde, was zusammengehört. Es wehen nun die sächsische und tschechische Fahne über dem Eingang (großes Bild oben), denn in diesem Jahr fand das Verbindungsbüro des Freistaats Sachsen hier sein Domizil und sorgt seither unter der rührigen Leitung von David Michel (Bild unten rechts bei einer Veranstaltungseröffnung) mit vielen Veranstaltungen, Ausstellungen und politischen Kontaktanknüpfungen dafür, dass es wieder rege gesellschaftliche Verbindungen gibt und der Geist der sächsisch-sorbisch-tschechischen Freundschaft blühend gedeiht. (DD)

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