Schöne Brücke zum einsamen Bahnhof

Wie wunderschön doch der Flusslauf der Moldau schon ein wenig außerhalb Prags ist – ganz gleich, ob der Weg flussaufwärts oder flussabwärts führt! Und dazu gehören auch die Brücken, die in immer größeren Abständen den Fluß queren, je weiter man sich aus Prag entfernt.

Sie ist weder groß, noch kann sie auf eine lange Geschichte zurückblicken, aber sie macht sich wirklich hübsch in der Landschaft: Die Fußgängerbrücke in Řež (Lávka v Řeži). Flussaufwärts in Richtung Prag sind es rund 10 Kilometer, flussabwärts bis Kralupy rund 9 Kilometer Uferweg bis zur nächsten (dann auch mit dem Auto befahrbaren) Brücke. Die Brücke eignet sich ergo als Ausgangs- oder Endpunkt schöner Spaziergänge oder Wanderungen durch das malerische und felsige Flusstal. Besonders die rechte Uferseite (Osten) eignet sich dafür vortrefflich. Aber nicht nur Wanderer und Ausflügler nutzen sie.

Für die Bewohner der kleinen, vier Kilometer südlich der Prager Stadtgrenze gelegene Ortschaft Řež (ein Teil der Gemeinde Husinec), die durch ihren Forschungsreaktor bekannt ist, den man von der Brücke aus auch sehen kann, erfüllt die Brücke einen durchaus elementaren und wichtigen Zweck. Die Eisenbahnlinie, die eine günstige Verbindung mit Prag bietet, befindet sich nämlich auf der anderen Uferseite der Moldau. Morgens und abends sieht man hier auch viele Berufspendler, die entweder von Řež nach Prag zur Arbeit oder von Prag nach Řež zum Reaktor fahren.

Der Bahnhof bzw. die Haltestelle von Řež liegt einsam und von keinem anderen Gebäude umgeben am gegenüberliegenden Ende der Brücke – angeschmiegt an die hohen Felswände des westlichen Uferareals. Man kann die Felsen auf dem großen Bild oben bewundern. Auf dem Bild links sieht man einen gerade einfahrenden Zug. Unter der Fußgängerbrücke verläuft übrigens noch eine kleine Gasleitung. Die heutige Stahlbrücke wurde erst im Jahr 2014 errichtet, allerdings auf Steinpfeilern einer älteren Brücke, die bei einem Hochwasser beschädigt worden war (über die konnte ich nichts herausfinden).

Bei der Fußgängerbrücke, die genau auf Flusskilometer 32,1 der Moldau liegt, handelt es sich um eine Stahlgitterkonstruktion. Sie ist rund 152 Meter lang und die Breite des Fußwegs beträgt 2,50 Meter. Die Maximalhöhe der Brücke ist genau 12,89 Meter. Damit ist sie ebenerdig zum Bahnhof gegenüber. Und da der Fluss hier allenfalls für Kanus und Paddelboote schiffbar ist, reicht die Höhe auch. Ansonsten wäre sie für große Schiffe ein Problem.

Mit ihrer feinen Gitterstruktur und ihrem teilweise grünen Anstrich fügt sie sich sehr harmonisch in die Umgebung ein. Und dann kann man natürlich auch die Aussicht von der Brücke selbst genießen, deren Fußweg mit auch bei Nässe rutschfest geriffeltem Tropenholz ausgelegt ist. Von dort aus erfreut man sich an dem ruhigen Lauf der Moldau durch die wildromantische Landschaft, die gerade hier besonders idyllisch ist. (DD)

Technisches Meisterwerk. Von Italienern gebaut

Kaum hat man das kleine, an der Sázava, einem Nebenfluß der Moldau, gelegene Dorf Žampach über einen kleinen asphaltierten Forstweg zu Fuß verlassen, wird man von dem Anblick fast erschlagen. Rund 25 Kilometer südlich von Prag findet man dieses einzigartige technische Kulturdenkmal

Keine Frage: Das Žampacher Viadukt (Žampašský viadukt) gehört zu den beindruckenderen der Sehenswürdigkeiten des Ortes. Man ist schier erstaunt, dass eine solch gewaltige Brückenkonstruktion für eine so kleine (30-35 Kilometer lange) lokale Eisenbahnlinie gebaut wurde wie diese es hier ist. Sie verbindet nämlich die unmittelbar südlich von Prag gelegenen Ort Vrané nad Vltavou mit dem östlich von Žampach an der Sázava gelegenen Dorf Čerčany. Es sind keine bedeutenden Weltstädte. Aber der Weg durch die pittoreske Berg- und Flusslandschaft führt bei Žampach eben über das sehr tiefe, schluchtartige Tal des kleinen Kocourský Baches. Dazu brauchte man eine hohe Brücke.

Die Bauarbeiten für die Brücke wurden 1898 begonnen und schon 1900 abgeschlossen. Es war eine der höchsten Steinbogenbrücken mit nur einer Etage in ganz Mitteleuropa. Und um die Superlative vollständig zu machen: Die 180 Meter lange Brücke verläuft in einem leichten Bogen und hat ein Gefälle. Die Krümmung kann man am besten sehen, wenn man den Hang weiter hoch steigt. In der Kategorie einetagiger Eisenbahnviadukte mit Krümmung und Gefälle ist die Brücke jedenfalls Weltrekordhalter, heißt es. Darauf sind die Menschen von Žampach – so stolz, dass sie die unter Prager Ausflugstouristen populäre Eisenbahnlinie damals stolz Posázavský Pacifik nannten, in Anspielung auf die amerikanische Bahngesellschaft Union Pacific, die in den Vereinigten Staaten den großen und Wilden Westen erschloss.

Die Umgebung von Žampach ist sowieso für Geologen eine Fundgrube (früher wurde hier sogar nach Gold gegraben) und so nimmt es nicht Wunder, dass die für die Brücke verwendeten Steine – genauer: Granodiorit – auch aus Steinbrüchen der Umgebung stammen. Rund 5 780 Kubikmeter gebrochene Steine und 600 Kubikmeter Steinquader wurden verbaut.

41,73 Meter ist die Brücke an der höchsten Stelle vom Boden aus hoch. Antiken Vorbildern folgend sind die Bögen regelmäßig strukturiert – immer mit 12 Metern Abstand. Der höchste Pfeiler ist 33 Meter hoch. Und das Ganze ist recht stabil. Seit 1900 fahren Züge über den Viadukt. Heute sind es rund 30 pro Tag. Kein irgendwie Bedeutsamer Schaden ist je aufgetreten. 2012 wurde die Brücke trotzdem renoviert und sieht seither aus, als ob sie gerade erst erbaut worden wäre.

Dabei ist sie schon seit langem ein nationales Kulturdenkmal, genauer gesagt, seit 1958. Bei den Bauarbeiten damals zu Ende des 19. Jahrhunderts hatte man übrigens über 200 Arbeiter aus dem fernen Italien angeheuert. Die Berge um Žampach erreichen, obwohl recht steil und felsig, nicht so ganz wirklich alpine Ausmaße. Aber die Erfahrungen, die die Italiener damals beim Bau von Brücken in den Alpen gewonnen hatten, waren auch hier an dieser Stelle im alten Böhmen sehr von Nutzen. Italien stand in dieser Zeit offenbar für gute Baumeisterarbeit unter schwierigen Bedingungen. (DD)

Technisches Meisterwerk mit toller Aussicht

Schon in den Zeiten von Kaiser Franz Josef war Böhmen ein Land der technischen Höchstleistungen. Die Eisenbahnbrücke Vyšehrad (Vyšehradský železniční most) ist ein schönes Beispiel dafür.

Sie wurde in den Jahren 1900 bis 1901 gebaut und verbindet den Ortsteil Vyšehrad über die Moldau hinweg mit dem damals noch selbständigen Stadtteil Smíchov. Die mächtige eiserne Konstruktion besteht auch drei großen Bögen, die jeweils satte 72 Meter überspannen. Sie ruhen auf zwei großen steinernen Pfeilern, die im Wasser der Moldau stehen.

Schon in den Jahren 1871 und 1872 war hier eine Eisenbahnbrücke errichtet worden – eine auf drei Pfeilern ruhende Eisenbrücke, die von der deutschen Firma Harkort nach den Plänen des Architekten August Köstlin gebaut worden. Die Brücke war aber nur einspurig, was in dem Maße, in dem der Zugverkehr im Zuge von Industrieller Revolution und Bevölkerungswachstum anwuchs, ein echtes Problem wurde. Es musste eine zweispurige Brücke her, um das Problem zu lösen.

Die neue Brücke wurde von einem Konsortium aus drei Firmen gebaut, die allesamt ihren Sitz in Libeň hatten, nämlich die První Českomoravská závodna na stroje (Erste Böhmisch-Mährische Maschinenfabrik) aus der später der Konzern ČKD hervorging, die 1886 gegründete Bratři Prášilové a spol. (Gebrüder Prášil und Gesellschafter) und die Firma Rustonka, die schon 1832 als Dampfmaschinenfabrik gegründet worden war. Der Entwurf stammt von dem Ingenieur und Architekten Jan Kolář.

Die drei Firmen legten ein echtes Beispiel höchster Ingenieurskunst hin. Es wurden zunächst zwei Steinpfeiler gebaut. Dann wurden die Brückenbögen vorkonstruiert. Eine Stahl- und Holzkonstruktion neben der alten Brücke wurde auf dem Ufer am Vyšehrad angefertigt, über das die neue Brücke nun auf die Pfeiler über den Fluß geschoben wurde. Im Prinzip organisierte man einen Brückentausch. Der Schiffsverkehr wurde überhaupt nicht unterbrochen. Und der Zugverkehr konnte nach nur einem Tag wieder aufgenommen werden.

Das war schon beeindruckend! Die nunmehr zweispurige Brücke kann bis heute den Bahnverkehr, der aus dem Hauptbahnhof kommt (und dorthin fährt) absorbieren. Und an die Fußgänger, die bis dato hier Fähren benutzen mussten, wurde auch gedacht. An beiden Seiten gibt es Fußgängerstege, auf die sehr geschmackvolle eiserne Treppen hinaufführen.

Und der Fortschritt ging weiter. Die Dampflokomotiven verschwanden, die E-Loks kamen. 1928 erfolgte die Elektrifizierung. Und die Nutzung wuchs an. So gut die Brücke auch gebaut wurde, der Zahn der Zeit hat seitdem an ihr genagt. 1994 begann eine Diskussion, ob die Brücke nicht verbreitert werden sollte, damit noch eine Schienenspur eingefügt werden konnte. Die Pläne verliefen allerdings erst einmal im Sande und 2004 wurde die Brücke völlig zurecht erst einmal zum geschützten Kulturdenkmal erklärt. Das beendete die Diskussion um eine Verbreiterung.

2015 stellte ein Gutachten fest, dass die Brücke, so wie sie genutzt wird, eine Lebenszeit von nur noch 30 Jahren hat. Neue Ideen müssen her. Zur Zeit laufen Planungen, eine neue Brücke direkt neben der alten Brücke zu bauen. Noch sind sie nicht weit gediehen. Es eilt. Es wäre ja schade, wenn man die langsame Zerstörung der Brücke in Kauf nähme. Die ist nicht nur ein wertvolles Stück Prager Technikhistorie. Schaut man von der Burg des Vyšehrad von oben auf sie hinunter (siehe großes Bild oben), sieht man auch ihre Schönheit. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man ihr erst einmal nahe gekommen ist, und von hier die wundervolle Sicht auf die Prager Burg genießt. (DD)

Masaryk fuhr über die Masaryk-Brücke

Die aus rohem Stahlbeton kühn konstruierten und ineinander verschachtelten Quader erinnern fast – aber nur fast – an den sozialistischen Brutalismus der 1960er und 1970er Jahre. Aber irgendwie ist das Ganze eleganter und leichter. Und es ist auch kein Relikt kommunistischer Architektur.

Die Rede ist von der T.G. Masaryk-Brücke (silniční most T. G. Masaryka) in Kralupy, einer kleinen Stadt wenige Kilometer nördlich von Prag. Die für den Straßenverkehr konzipierte Brücke, die über die Moldau führt, ist ein Stück Avantgarde-Architektur der Ersten Republik. Sie wurde in den Jahren 1926 bis 1928 von den Architekten Jiří Kroha und Jarolím Farský erbaut, die schon 1923 mit den Planungen angefangen hatten. Die Brücke sollte die Modernität der Republik und der Politik des Namensgebers, des damaligen Staatspräsidenten Tomáš Garrigue Masaryk, repräsentieren. Deshalb sollte das Bauwerk in einem hypermodernen Stil gehalten sein. Tatsächlich handelt es sich um eine der ersten Brücken des Landes, die in einem von konstruktivistischer Ästhetik geprägten Funktionalismus gestaltet wurden.

Die Brücke besteht aus drei elegant geschwungenen Rippenbögen, von denen je zwei über rund 60 Meter über Land gespannt sind. Der mittlere Bogen ist über 80 Meter lang und führt ohne Unterbrechung über den Fluss. Auch das war damals eine technische Neuerung ersten Ranges, dass man eine Brücke dieser Größe ohne Säule oder Pfeiler im Flussbett konstruieren konnte. Über den drei Bögen ist ein monolithisches Brückendeck mit der Fahrbahn gelegt. Die Breite zwischen den Geländern beträgt 10,5 Meter.

Am linken Ufer der Brücke wurde beim Bau der Brücke ein Relief mit dem Stadtwappen von Kralupy und vor allem eines mit dem Portrait von Präsident Masaryk angebracht. Beide wurden von dem akademischen Bildhauer Josef Novák entworfen. Wo wir gerade bei Masaryk sind: Masaryk selbst schätzte die nach ihm benannte Brücke übrigens sehr und fuhr mehrmals mit dem Auto darüber hinweg – das letzte Mal am 9. April 1937, nur sechs Monate vor seinem Tod. Als sie eröffnet wurde, musste der Autofahrer, der sie überqueren wollte, dafür eine Maut zahlen. Das Mauthäuschen auf der linken Uferseite kann man noch sehen. Heute befindet sich aber ein Kiosk darinnen (Bild oberhalb links)

Die Nazis, die mit der Republik und Masaryk nichts am Hut hatten, entfernten das Relief 1940. Nach der Wiederherstellung der Republik 1945 wurde es wieder angebracht, nur um Anfang der 1950er Jahre wieder entfernt zu werden, diesmal von den Kommunisten. Bei der Gelegenheit wurde auch die Brücke in Brücke der Befreiung (Most osvobození) umbenannt, womit man der (zweifelhaften) Befreiung durch die Rote Armee 1945 gedenken wollte. Als der Kommunismus verschwand, wurde die Brücke wieder umbenannt und Masaryks Portrait wieder angebracht.

Da heute kein Brückenzoll mehr erhoben wird, herrscht freie Fahrt auf der Brücke. Deshalb ist sie auch recht dicht befahren. Irgendwann machte das sie unattraktiv für Fußgänger und Radfahrer. Deshalb wurde 1996 nur wenige Meter flussabwärts eine 208 Meter lange und fünf Meter breite Fußgängerbrücke gebaut, die gerne genutzt wird, wenngleich sie nicht so ästhetisch ungewöhnlich und beeindruckend ist wie die alte Masaryk-Brücke. Die kann man aber von der neuen Brücke aus gut besichtigen. (DD)

Brücke in Not

Ein wenig mulmig kann es einem schon werden, wenn man mit der Straßenbahn mit maximal nur 20 Stundenkilometern über sie hinwegfährt. Schneller darf es nicht gehen. Denn die Libeň-Brücke (Libeňský most), die Libeň, also jenen Stadtteil, nach dem sie benannt ist, mit Holešovice auf der anderen Seite der Moldau verbindet, ist seit Jahren in gefährlichem Ausmaß baufällig. Eine zeitlang durften sogar außer Straßenbahnen keine Fahrzeuge mehr die Brücke queren.

Und was die Sache noch schlimmer macht: Die Brücke ist eine architektur-historische Rarität. 1928, zur Feier des 10. Jahrestags der Gründung der Ersten Tschechoslowakischen Republik, wurde sie eröffnet. Die Pläne dazu verdankte man den Architekten Pavel Janák und dem Ingenieur František Mencl, die schon zusammen die nahegelegene Hlávka-Brücke (Hlávkův most) gebaut, über die wir bereits hier berichteten. Insbesondere Janák gilt als einer der Großmeister der kubistischen Architektur (siehe auch hier), ein Stil, der so etwas wie eine nationale Besonderheit Tschechiens ist. Die kubistischen Brücken in dieser Welt kann man an den Fingern abzählen – und die von Libeň ist eine von ihnen. Und zwar in ihrer Formstrenge eine besonders avantgardistische, die schon auf spätere funktionalistische Strömungen der Architektur hindeutet. Es gibt tatsächlich unter Kunsthistorikern einen Streit, ob die Brücke kubistisch oder funktionalistisch ist. Auf jeden Fall ist das aber ein Beleg für Janáks Originalität. Man beachte die kühne Kombination geometrischer Formen im großen Bild oben.

Die Brücke (die übrigens einen 1903 gebauten hölzernen Fußgängersteg ersetzte) ist die 15. Brücke in Prag, flussabwärts gesehen. Als solche ist sie 370 Meter breit. Rechnet man die von Libeň aus leicht aufsteigende Rampe hinzu, kommt man sogar auf 780 Meter Länge, womit sie die längste Brücke der Stadt überhaupt wäre. Sie ist ganze 21 Meter breit und besteht aus fünf Bögen. Die Breite war damals ungewöhnlich. 16 Meter galt als Normalmaß. Aber die Planer handelten vorausschauend und sorgten dafür, das sowohl Straßenbahnen und auch der damals anwachsende Autoverkehr hier genügend Platz zur Flussüberquerung fanden. Es handelt sich um eine Betonkonstruktion und der längste der Bögen gilt mit 48 Meter Spannweite sogar als der größte Brückenbogen aus Normalbeton in Europa. Alles das, so könnte man meinen, müsste dazu führen, dass diese Brücke als ein schützenswertes Baudenkmal ersten Ranges eingestuft werden müsste. So einfach war es dann aber nicht.

Die Brücke funktionierte – gerade weil sie von ihren Planern so vorausschauend groß angelegt war – über Jahrzehnte reibungslos und diente als eine der zenrtalen Verkehradern der Stadt. Das Dramatischste, was ihr wiederfuhr, war ihre Umbenennung in Stalingrad-Brücke (Stalingradský most) im Jahr 1952, um an den Sieg der Roten Armee bei der Schlacht um Stalingrad (1942/43) zu erinnern. Allerdings fiel der darin enthaltene Name „Stalin“ schnell in Ungnade, weshalb sie ab 1962 wieder Libeň-Brücke hieß. Wo wir gerade beim Namen sind: Ursprünglich hatte man daran gedacht, sie Masaryk-Brücke zu nennen – nach dem ersten Präsidenten der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, aber man blieb dann doch zunächst bei Libeňský most. Nur in den Jahren 1939/40 und 1945 bis 1952 hieß sie offiziell Baxa-Brücke (Baxův most), benannt nach Karel Baxa, dem langjährigen Bürgermeister Prags von 1919 bis 1937.

Aber es lauerte ein langsam anwachsendes Problem. Die Maße waren zukunftsweisend, aber nicht unbedingt die Tragfähigkeit. Die Brücke musste immer mehr Gewicht tragen. Ein Vergleich: Eine Straßenbahn aus dem Jahre 1928 hatte ungefähr ein Gewicht von 10 Tonnen. Eine heutige Straßenbahn vom Typ Škoda 15T wiegt rund 42 Tonnen. Und der Autoverkehr (ebenfalls mit schwereren Fahrzeugen!) überstieg immer mehr das, was sich Janák und Mencl vorstellen könnten. 2003 fuhren im Schnitt 20.000 Autos pro Tag über die Brücke. Und immer noch schlug sich die Brücke, der nur wenig Pflege angediehen wurde, wacker. Selbst das Große Hochwasser von 2002 verursachte nur überraschend geringe Schäden. Aber irgendwann war Schluss. Im Jahre 2016 stellte eine Studie der Technischen Universität fest, die Brücke sei baufällig. Möglicherweise sei Abriss und Neubau eine gute Idee. Das hielt man in Libeň selbst für keine gute Idee. Es gab eine Bürgerinitiative, die Brücke unter Denkmalschutz zu stellen, um so die Option einer Reparatur statt eines Abrisses zu erzwingen. Damit war das Kulturministerium, am Zuge.

Das beschloss jedoch im Februar 2018 zu jedermanns Überraschung, dass die Brücke kein schützenswertes Denkmal sei. Anscheinend überdeckten Befürchtungen über die hohen Kosten der Renovierung eigentlich unabweisbare kulturhistorische Erwägungen. Der Rat der Stadt Prag beschloss umgehen den Abriss und Neubau, wozu schnell und beflissen der für Verkehrspolitik zuständigen stellvertretenden Bürgermeister Petr Dolínek (ein Sozialdemokrat) konkrete Pläne vorlegte. Nun ja: man hatte Angst: Der Einsturz einer Fußgängerbrücke im nahen Stadtteil Troja im Dezember 2017 lag da noch nicht lange zurück. Damals bekam man von Experten bescheinigt, dass eigentlich die meisten Brücken in Prag (ja, ganz Tschechien) ein wenig überholt werden sollten, dass aber die Libeň-Brücke mit am schlimmsten dran sei. Aber diese Brücke war für die Bürger Libeňs nicht irgendeine Brücke. Der Rat des Stadtteils protestierte. Eine gab eine große Bürgerinitiative und heftige Proteste (unter anderem eine Blockade). Die Prager Stadtregierung krebste zurück. Es standen Kommunalwahlen an und man beschloss, dass in der nächsten Ratsperiode ein (teueres) Konzept zur Reparatur vorgelegt werden müsse.

Da die Baufälligkeit als Faktum unbestreitbar war, wurde ab dem März nur noch der temopolimitierte Straßenbahn-Verkehr auf der Brücke zugelassen. Für andere Fahrzeuge blieb die Brücke zunächst gesperrt. Wer einmal herunter in Richtung Uferweg steigt, wird noch mehr finden, was den Eindruck der Baufälligkeit unterstreicht. Die meisten der kühn funktionalistisch konstruierten Treppenaufstiege sind wegen ihrer Gefährdungspotentiale zugesperrt. Der Uferweg ist unterbrochen, weil improvisierte Stützkonstruktionen einen Bogen versprerren. Immerhin erlaubte die nach einer Weile, dass auch wieder Autos die Brücke queen durften. Eine Lösung ist das langfristig natürlich nicht. Während ich photographierte, hörte man drinnen kleine Betonstücke herunterbröseln. Umher sieht es sowieso recht müllig und verkommen aus. Zwar wird die Uferpromenade des bisher eher nicht so wohlhabenden Stadtteils Libeň zur Zeit durch luxuriöse Bürokomplexe gründlich gentrifiziert, aber bis zu diesem Abschnitt ist das noch nicht gedrungen. Das wird sich irgendwann vielleicht verbessern. Eine richtige Reparatur der Brücke wäre da hilfreich, schon wegen der Autoanfahrten, die ein Büro- und Wirtschaftsgebiet benötigt. Immerhin: Wie gefordert legte der neue Prager Rat im September 2020 einen Plan vor, wie die Brücke (für sehr viel Geld) repariert und sogar hochwassersicher gemacht werden kann. 2022 will man mit dem Bauen anfangen. Hoffen wir das Beste! (DD)

Heiliger mit zahmen Löwen

Heute, am 15. Juni, ist der Gedenktag für den Heiligen Veit (auch: Vitus). Der spielt in den religiösen Traditionen slawischer Länder eine bsesondere Rolle. Sein Name erinnert vage an den vorchristlichen Slawengott Svantevit, weshalb er sich bei der Missionierung leichter vermitteln und für den sanften Übergang zur neuen, christlichen Religion einsetzen ließ. Nicht umsonst ist Prags größte Kirche der Veitsdom auf der Burg. Und dann ist da noch seine Statue auf der Karlsbrücke – eine der berühmten Heiligengalerie dort mit 30 Statuen insgesamt!

Der Heiligenlegende nach war Veit besonders hart im Nehmen, wenn es um Glaubensfestigkeit ging. Von seiner Amme, der Heiligen Crescentia, und seinem Lehrer, dem Heiligen Modestus, wurde der Sohn eines römischen Senators zum Christentum bekehrt und entwickelte schon als Kind die Fähigkeit, Wunder zu begehen. Man versuchte es mit Zuckerbrot, aber öfters noch mit Peitsche, um ihn davon wieder abzubringen. Sein Vater schlug ihn zuerst, was nichts bewirkte. Dann das Zuckerbrot: Der Vater sperrte ihn mit feschen Tänzerinnen in einen Raum, um ihn verführen zu lassen. Als der Vater durchs Schlüsselloch schaute, um den Stand der Dinge zu erfahren, sah er noch, wie Sohn Veit von himmlischen Engeln umgeben war. Dann erblindete er. Der Sohn heilte ihn zwar wundersam, aber der Vater trachtete ihm nun nach dem Leben. Veit floh mit Amme und Lehrer, wobei ihn – oh Wunder – ein Adler ernährte. Unter den Christenverfolgungen des Kaisers Diokletian geriet er an einen Richter, der eine Auspeitschung anordnete, aber den Schergen verdorrten die Arme. Veit heilte sie wundersam. In Sicherheit war er damit aber nicht.

Denn jetzt kommen wir zu der Szene, die man auf der Karlsbrücke sehen kann. Kaiser Diokletian hatte von dem Wunderknaben gehört und ließ ihn zu sich bringen, damit er seinen vom Wahn umfechelten Sohn heilen und anschließend dem Christentum abschwören möge. Ersteres tat er qua Wunder, zweiteres kam aber nicht in Frage. Folglich wurde Veit von dem bösen Kaiser (der seither zu Recht einen schweren Stand in der christlichen Geschichtsschreibung hat) den Löwen vorgeworfen. Die Statue, die der Bildhauer Ferdinand Maximilian Brokoff im Jahre 1714 anfertigte, zeigt auf eine fast schon putzige Weise, wie dieser heimtückische Plan schief ging. Schnurrend wie kleine Kätzchen liegen die Löwen – durch Gottes Intervention zahm geworden – dem Veit zu Füßen, ja einer ist sogar dabei selbige zu lecken.

Ein anderer Löwe hat so wenig Lust, den künftigen Heiligen zu fressen, dass er nicht einmal aus seiner Höhle herauskommt. Man kann sich vorstellen, dass Diokletian sauer war, und er versuchte es mit Folterung durch Eisenhaken, durch Erdrücken mit schweren Eisenplatten und am Schluss zusammen mit Crescentia und Modestus in siedendem Öl. Aus letzterem wurden die drei von Engeln gerettet, die sie nach Lukanien brachten, wo sie friedlich entschlummerten. Adler bewachten die Leichname bis eine von Nächstenliebe Beseelte sie beerdigen ließ.

Der Heiligenstatus war nach soviel Verführung und Qualen hart verdient, zumal vieles davon mit eindeutigen Wundern verbunden war (was die Heiligsprechung generell befördert). Er ist unter anderem Patron der Stummen und Tauben, der Landsknechte und Küfer, der Kupferschmiede und der Winzer, der Tänzer und der Apotheker und hilft unter anderem gegen leidige Fährnisse wie Schlangenbisse, Hysterie, Epilepsie (daher im Volksmund auch „Veitstanz“ genannt) oder Bettnässen. Und seine Statue steht nun auf der Karlsbrücke, wo er auch Schutzheiliger des Altstädter Brückenturms ist (obwohl er wesentlich näher am Kleinseitner Brückenturm steht). Außerhalb Prags ist er für die Tschechen auch der Schutzheilige der Pilzsammler, aus Gründen, die sich mir noch nicht so recht erschlossen haben. Auf jeden Fall ist eines ganz klar, nämlich dass er ein recht vielbeschäftigter Patron ist.

Wie dem auch sei: Er hat auf der Karlsbrücke seinen passenden Platz gefunden und eines der am schönsten gestalteten Barockdenkmäler dort bekommen. Und hoch über der Brücke thront der nach ihm benannte Veitsdom in Sichtweite (Bild links).

Und der große Veitsdom ist auch jener Ort, wo Kaiser  Karl IV., der ein begeisterter Sammler von Heiligenüberbleibseln war, das Haupt des Heiligen 1355 (das er sich von einem Kloster im italienischen Pavia erbeten hatte) als Reliquie bestatten ließ. Aber nur das Haupt, da die meisten übrigen Teile weiterhin in Deutschland in der Abtei Corvey blieben – bis im Zuge des Dreissigjährigen Kriegs 1634 so viele davon geraubt wurden, dass sich heute dort nur noch ein Schulterbein befindet. (DD)

Gedenken unter der Brücke

Als am 5. Mai 1945 – heute vor 76 Jahren – der Prager Aufstand (siehe auch hier und hier) ausbrach, um die Nazis endgültig aus der Stadt zu vertreiben, spielte die damals noch Troja-Brücke (Trojský most) genannte Brücke eine strategisch wichtige Rolle im Geschehen. Deshalb wurde sie schon 1947 in Brücke der Barrikaden (Most Barikádníků) umbenannt und damit zu einem Gedenkort für die hier gefallenen Aufständischen.

Unter ihrem alten Namen war die Brücke in den Jahren 1924 bis 1928 von den Architekten František Mencl und Josef Chochol im kubistischen Stil erbaut worden. Der damals immer reger werdende Autoverkehr fuhr dabei noch über einen Fahrweg mit Holzbelag, was zwar damals nicht unüblich war, aber sich als recht laut und lärmig erwies – und auch nicht als ganz verkehrssicher (Rutschgefahr bei Nässe!). Ansonsten war lange Zeit das tragischste Ereignis, das man mit der Brücke verband, der Selbstmord des bekannten Architekten Bedřich Feuerstein (dem Erbauer des berühmten Krematoriums in Nymburk), der sich hier im Mai 1936 hinunterstürzte. Eifrige Retter konnten ihn zwar nach kurzer Zeit aus den Moldaufluten fischen, aber er verstarb dennoch im Krankenhaus, ohne je das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

Aber das wirklich blutigste Kapitel der Geschichte wurde hier eben während des Prager Aufstandes geschrieben. Die Brücke wurde damals von den deutschen SS-Truppen unter dem Oberkommando von Obersturmbannführer Otto Weidinger (ein Nazi-Überzeugungstäter, der auch später noch in allerlei Büchern die Untaten der SS verherrlichen sollte) als strategisches Einfallstor für den gegenüberliegenden Stadtteil Holešovice verbissen verteidigt. Als die deutschen Truppen am 8. Mai kapitulierten, wurde hier von ihnen noch am Tag darauf ein Durchbruchversuch unternommen. Die Verteidigung durch die Aufständischen, die hier Barrikaden errichteten, forderte von ihnen 41 Todesopfer ein. Nach dem Misslingen ihres Angriffs und in Erwartung eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs der zur Hilfe eilenden Roten Armee, ergaben sich die deutschen Truppen, nachdem ihnen freies Geleit zugesichert worden war. Der Versuch, sich zu den amerikanischen Truppen, die am 6. Mai schon Pilsen befreit hatten, durchzuschlagen und so der Gefangennahme durch die Rote Armee zu entrinnen, scheiterte aber.

Zwar wurde die Brücke unter der ersten (noch) demokratischen Regierung 1947 zum Gedenken in Brücke der Barrikaden umbenannt, aber das blieb zunächst nur eine Episode. Schon im Jahr darauf ergriffen die Kommunisten die Macht. Sie verschwiegen in ihrer Geschichtspropaganda für lange Zeit die Aufständischen, die ihnen zu „bürgerlich“ waren und für Freiheit und Demokratie kämpften, sondern gedachten nur der „Befreiung“ durch die Rote Armee. Immerhin dreht man hier noch 1949 einen Spielfilm mit dem Titel Němá barikadá (Stumme Barrikade), der den tapferen Aufstand und die Geschehnisse an der Brücke zum Gegenstand hatte. Aber dann verschwand das Thema unter den Kommunisten. Das änderte sich erst in den 1970er Jahren. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 begannen die Kommunisten, die Aufständischen für sich zu reklamieren. Das war – angesichts der Tatsache, dass sie viele von ihnen nach ihrer Machtergreifung als Antikommunisten in Gefängnis warfen – faktisch absurd. Aber es schien ihnen so etwas wie eine Aura nationaler Identität zu sichern.

Kurz: In den 1970er und 1980er Jahren wurden unter kommunistischer Ägide unzählige recht stattliche Denkmäler zu Ehren des Aufstandes errichtet. In dieser Zeit war die alte Brücke baufällig geworden und zudem war sie schon längst zu klein und schmal für das wachsende Verkehrsaufkommen. Um das schlimmste zu verhindern, baute man einen provisorischen Steg für Fußgänger neben die Brücke, aber das war eine bloße Notlösung. Die alte Brücke musste durch eine neue Brücke ersetzt werden. Die wurde nun von den Architekten Jiří Trnka und Petr Dobrovský in den Jahren 1972 bis 1980 in einem einfachen funktionalistisch-brutalistischen Stil (wie er damals üblich war) erbaut. Sie war breit und groß genug und große Auffahrten sorgten für den guten Verkehrsabfluss – bis heute. Vor allem am Nordufer haben sich dafür viele von Beton überwölbte Stellen gebildet, die heute etwas verkommen sind und scheinbar vielen Obdachlosen Asyl gewähren.

Es ist also möglicherweise nicht der schönste und gepflegteste Ort Prags, den man nun unter der Brücke historisch bedingt als Platz für ein neues Denkmal für die an der (alten, möglicherweise schöneren) Brücke gefallenen Opfer der Kämpfe auswählte. Dafür hat man sich bei den Ausmaßen nicht lumpen lassen. Was im Jahre 1983 der Bildhauer Jan Hendrych (hauptverantwortlich) in Zusammenarbeit mit Petr Neumann (Architekt des Sockels), nebst seinen Kollegen Otakar Příhoda und Marcela Kačerová hier aufbaute, dürfte zu den größten Denkmälern für die Opfer des Aufstandes in ganz Prag gehören. Es handelt ich um einen größer angelegten Platz mit zwei breiten Treppen. In die zweite Treppe ist ein großer, aus Stein- und Betonplatten zusammengesetzter Quader eingelassen. Auf der Vorderseite befindet sich eine große Steinplatte, auf der der Kämpfe im Mai 1945 gedacht wird, und die die Namen aller dort gefallenen Aufständischen auflistet. Das Ganze ist sehr schlicht und würdig gestaltet – ohne falschen Pathos uns auch ohne vereinnahmende kommunistische Symbolik.

Trotzdem fand man anlässlich des 60. Jahrestages des Beginns des Aufstandes, am 5. Mai 2005, er für notwendig, ein Stück post- oder nichtkommunistischer Erinnerungskultur in Ergänzung zu der alten Gedenkstätte anzubringen. Auf den grauen steinernen Platten, die sich vor dem Hauptkorpus des alten Denkmals befinden, wurde in einer Zeremonie eine kleine Tafel angebracht, die an den Jahrestag und die Opfer des Krieges im allgemeinen und der des Aufstandes im speziellen erinnert. Über der Inschrift befindet sich das Stadtwappen des Stadtteils Holešovice (Prag 7), der am gegenüber liegenden Ufer des Flusses liegt, aus dem aber die meisten gefallenen Aufständischen stammten. (DD)

Adalbert ohne Ruder

Immer wieder überwältigend, die Karlsbrücke bei Nacht! Dieser Anblick ermuntert mich mal wieder, eine der vielen schönen Statuen auf der Brücke näher vorzustellen. Vor dem Hintergrund des beleuchteten Kleinseitner Brückenturms ragt die Figur des Heiligen Adalbert (in Tschechien Vojtěch genannt) empor.

Erschaffen wurde die Statue im Jahre 1709 von den Brüdern Michael Johann und Ferdinand Maximilian Brokoff, den Söhnen des ebenso berühmten Bildhauers Johann Brokoff. Es handelt sich um ein Werk des Hochbarock – wie es bei den meisten Statuen der Karlsbrücke der Fall ist. Insbesondere Ferdinand Maximilian Brokoff sicherte sich durch seine Statuen auf der Brücke eine Reputation, die ihm später viele Aufträge sicherte. Was man heute sieht, ist nicht das Original, das irgednwann durch Wind und Witterung bedroht war, sondern eine exakte Kopie aus dem jahr 1973, angefertigt von den Bildhauern und Restauratoren Vojtěch (Vater) und Karel Hořínek (Sohn). Das dennoch recht gut erhaltene Original kann man in den Kasematten auf dem Vyšehrad bewundern (früherer Beitrag hier).

Der gute Adalbert ist so etwas wie ein Prager Lokalheiliger. Er war im Jahr 982 einer der ersten Bischöfe von Prag geworden und hatte das erste Mönchskloster, das Kloster Břevnov, gegründet, das zum böhmischen Zentrum christlicher Bildung und Kultur wurde. 997 war er allerdings wieder andernorts unterwegs, diesmal im heutigen Baltikum, um dort die Pruzzen zu missionieren. Die waren wohl noch nicht richtig reif für die Sache und wollten nicht bekehrt werden. Stattdessen erschlugen sie ihn – mutmaßlich mit einem Ruder und durchbohrten ihn sicherheitshalber noch eimal mit Spießen. Schon im Jahr 999 wurde der Märtyrer des Glaubens heilig gesprochen.

Der böhmische Herzog Břetislav I. überführte im Zuge eines Krieges mit Polen die Gebeine aus der Kathedrale im polnischen Gniezno nach Prag. Seither ruht er im Prager Veitsdom (Katedrála sv. Víta) und wird von den Tschechen als einer ihrer großen Heiligen verehrt. Wie die meisten Statuen auf der Karlsbrücke, war die des Heiligen Adalbert auch eine Stiftung. Kaum lesbar steht auf dem von Putten geschmückten Sockel, dass sie vom Ratsherrn und Altstädter Bürgermeister Marcus de Joanelli gespendet wurde. Der Heilige ist übrigens nicht mit seinen üblichen Attributen, dem Ruder und den Spießen, mit denen er getötet wurde, dargestellt. Das würde ihn ja eher mit dem Baltikum verbinden. Stattdessen genügt die Bischofsmütze und ein Buch, was daran erinnert, dass er als Prager Bischof die christliche Gelehrsamkeit im Lande vorangetrieben hatte. (DD)

Die Brücke der Kommunalpolitiker

Sie haben es geschafft, ihr Andenken zu erhalten. Denn es ist nicht anzunehmen, dass sich sonst noch jemand an die meisten von ihnen erinnern würde. Als die Brücke 1912 nach fünfjähriger Bauzeit eröffnet wurde, gab es darüber in der Öffentlichkeit durchaus Unmut und Kritik über den bei Politikern durchaus üblichen Willen zur Selbstdarstellung. Aber worum ging es eigentlich?

Es ging zunächst einmal um die Hlávka-Brücke (Hlávkův most), die von den damaligen Kommunalpolitikern anscheinend genutzt wurde, sich selbst Denkmäler zu setzen. Mit der Brücke sollte eine Anbindung des Zentral-Schlachthofes (heute ein riesiges Markt-Gelände) in Holešovice zum am östlichen Ufer der Moldau gelegenen und heute nicht mehr existierenden Bahnhof Těšnov im Stadtteil Karlin geschaffen werden . Sie kreuzte dabei die im Fluss gelegene Štvanice-Insel mit der schönen Elektrárna Štvanice (Wasserkraftwerk Štvanice). Das war eine sinnvolle Infrastrukturmaßnahme.

Die Brücke trägt ihren Namen nach dem bedeutenden Architekten, Kunstförderer und Wissenschaftsmäzen Josef Hlávka, über den wir schon hier berichteten. Und an der Realisierung waren etliche große Architekten und Bildhauer beteiligt, so dass man sagen darf, dass es neben der Karlsbrücke kaum eine andere Prager Moldaubrücke gibt, die so reich und hochwertig skulptural ausgeschmückt ist. Erbaut wurde sie von 1909 bis 1912 von dem Architekten Pavel Janák und dem Ingenieur František Mencl. Vor allem Janák gilt als einer der bedeutendsten Architekten des frühen 20. Jahrhundert und als einer der Pioniere des Kubismus, von dem man schon bei dieser noch einem historisierenden Jugendstil verpflichtenden Brücke Spuren erkennen kann. Zusammen mit dem Architekten Vlastislav Hofman sollte er dann später 1911 bis 1916 die erste vollständig kubistische Brücke, die Mánes-Brücke, erbauen.

Jánaks und Mencls Brücke reichte vom Ostufer zur Insel, wo sie mit der 1908 bis 1910 von dem Architekten František Prášil Stahlbrücke zusammenwuchs, die Altstadt und Insel verband, und die wiederum eine Fußgängerbrücke aus dem Jahre 1869 ersetzt hatte. Die neue Gesamtbrücke war mit 16 Metern Breite (die 1958 bis 1962 auf 28 Meter verbreitert wurde) allerdings den neuen verkehrstechnischen Bedürfnissen der Großstadt angepasst. Der Straßenbelag bestand übrigens ursprünglich aus Hartholz. Mit zunehmendem Autoverkehr wurde der aber zu einer Gefahrenquelle ersten Ranges (Rutschrisiko) und nach dem Zweiten Weltkrieg durch Asphalt ersetzt. Prášils Brücke fiel im Gegensatz zu der Jánakschen/Menclschen Brúcke 1962 sozialistischer Stadtplanung zum Opfer und wurde durch ein recht brutalistisch anmutendes Konstrukt des Architekten Stanislav Hubička (wir berichteten hier) ersetzt, das man im Bild oberhalb links sehen kann.

Nun aber doch zum Stein des Anstoßes, den Skulpturen. Kein Zweifel: an Kunst und Qualität sparte man hier nicht. Nur die besten unter den böhmischen Bildhauern wurden angeheuert, um die aus drei großen (über den Fluß) und vier kleinen Bögen (auf der Insel) bestehende Brücke kulturell aufzurüsten. Schon am Ufer bei Holešovice fährt man beim Auffahren zwischen gigantischen (jeweils 5 Meter hoch, 16 Tonnen schwer!) Allegorien auf die Humanität (kleines Bild links) und auf die Arbeit (rechts) hindurch – beide ein Werk des bekannten Bildhauers Jan Štursa, den wir u.a. schon hier erwähnten.

Auch gegen die überlebensgroßen Reliefs mit Aktdarstellungen (m/w) der beiden damaligen Starbildhauer Bohumil Kafka, und Ladislav Kofránek lässt sich künstlerisch und auch sonst nichts einwenden. Beide waren Schüler des großen Josef Václav Myslbek, dem wir die Reiterstatue des Heiligen Wenzel auf dem Wenzelsplatz verdanken – ein Nationalbildhauer, sozusagen! Kafka sollte später die riesige Reiterstatue des Hussitenführers Jan Žižka auf dem Nationaldenkmal am Vítkov erschaffen. Die Skulpturen machen die Brücke jedenfalls zusammen mit ihren klassischen Versatzstücken zu einem echten Kunstwerk. Man findet sie dort, wo die Brücke die Insel überquert. Es handelt sich um frühe Moderne vom besten!

Nein, es geht vielmehr um die 12 Portraitbüsten, die den Brückenverlauf zum Ostufer an beiden Seiten säumen. Jede mit medaillenförmiger Rahmung in Stein rund 2,5 Meter hoch. Sie sollten ursprünglich und eigentlich bedeutende zeitgenössische Personen aus Technik und Gesellschaft darstellen. Auch sie sind künstlerisch über jeden Zweifel erhaben. Schließlich waren sie das Werk der großen Bildhauer Josef Mařatka und Otto Gutfreund (auch ein Pionier des Kubismus!), die bis heute ihren Ehrenplatz in der Kunstgeschichte innehaben. Aber die Auswahl der Porträtierten kam dann doch für die Öffentlichkeit überraschend.

Fand man den Namensgeber der Brücke, Josef Hlávka, darunter? Fehlanzeige! Oder gar den Architekten Jának? Auch Fehlanzeige! Eigentlich hatten nur die Ratsherren, die das Projekt genehmigt hatten, beschlossen, dass sie selbst und einige ihrer Vorgänger den Ehrenplatz an der Brücke verdient hätten. Motto: Kommunalpolitiker ehren Kommunalpolitiker. Die Zeitgenossen wunderten sich. Aber immerhin lernen wir dadurch heute, während wir die große Porträtkunst Mařatkas bewundern, dass es einmal (zur Zeit des Brückenbaus) einen zweiten Stellvertretenden Bürgermeister namens Václav Kasalický (kleines Bild links) gab, der einen großen Schnäuzer trug. Eine bedeutsame Erkenntnis, das mit dem Schnäuzer! Bildung schadet ja nicht.

Tomáš Černý, den man auf der gegenüber liegenden Seite der Brücke bewundern kann, hatte einen kleineren Schnäuzer (dafür durch einen Spitzbart ergänzt), aber dafür hatte er es immerhin 1882 zum Ersten Bürgermeister gebracht. Das ist ja nicht nichts, um es mit der typisch tschechischen Doppelnegation auszudrücken. Aber inzwischen ist ja sowieso Gras über die ganze Angelegenheit gewachsen. Was bleibt, ist der künstlerische Wert der Skulpturen, der ja nie bestritten wurde. Auch ihn kann man am besten erschließen, wenn man die Brücke von der übrigens recht großen und sogar per Fähre (und natürlich über die Brücke) erreichbaren Štvanice Insel aus besichtigt, die sowieso mit ihren gepflegten Grünanlagen zum Spazieren einlädt.

Und am Ende ereignete sich in den frühen 1980er Jahren die vielleicht oder vielleicht auch nicht günstige Schicksalsfügung, dass zwei der Büsten irreparabel zerstört waren. Das bot die Chance zu einer gewissen Wiedergutmachung. Der Bildhauer František Häckel wurde damit beauftragt, neue Büsten anzufertigen. Und so sind – wenngleich verspätet – Hlávka und Jának doch noch zu Ehren gekommen. Ihre beiden Büsten, von Häckel in Dampfbeton gestaltet, befinden sich seit 1984 an prominentester Stelle an der flussabwärts gewandten Seite der Brücke. Ästhetisch sind sie gut eingepasst. Auf dem Bild links sieht man den gabelbärtigen Hlávka links und den glatzköpfigen Jának rechts oberhalb eines Brückenpfeilers – wo sie auch hingehören. (DD)

Im Türkenkerker

Verzweifelt schauen sie aus ihrem engen Kerker heraus. Ob sie jemals befreit werden von ihrem schrecklichen Los?

Der besondere Reiz der Karlsbrücke (Karlův most; früherer Beitrag hier) , die ja bekanntlich im 14. Jahrhundert erbaut wurde, liegt nicht zuletzt in den Heiligenfiguren, die vor allem seit dem frühen 18. Jahrhundert auf beiden Seiten aufgestellt wurden. Und diese Statuengruppe ganz nah bei den Altstädter Türmen ist unter ihnen wohl die eindrucksvollste. Die im Gefängnis leidenden Gefangenen sind unschuldige Christen, die in die Hände der Türken geraten sind, was 1714, als der Bildhauer Johann Brokoff die Skulptur anfertigte, so im wesentlichen der Sammelbegriff für alle Muslime – also auch die arabischen – war.

Aber die Rettung ist nahe, denn drei Heilige nehmen sich ihrer an. Und die sind das Thema der Skulptur. Einer von ihnen ist der Heilige Johannes von Matha, der tatsächlich um 1198 auszog, um in Marokko von den „Heiden“ (die gewiss keine Türken waren) christliche Gefangene freizukaufen. Dabei half ihm später der Heilige Felix von Valois, der deshalb auch seine wohlbegründete Präsenz auf dem Sockel zeigt. Zusammen begründeten die beiden Franzosen dann den Trinitarierorden.

Etwas aus der Reihe – möglicherweise als Proporz-Böhme – fällt der Heilige Iwan, ein Einsiedler, der unweit von Prag bei Burg Karlštejn (genauer gesagt: hier) in einer Höhle seinem Eremitendasein frönte. Dabei lebte er nur von Pflanzen, die er im Walde fand, und der Milch einer Hirschkuh, die ihn – auf göttliche Fügung – begleitete. Die Hirschkuh und die goldenen Insignien weltlichen Besitzes liegen ihm hier zu Füßen. Von Muslimen in Gefangenschaft gehaltene Christen hat er allerdings nicht befreit – wohl aus Mangel an günstigen Gelegenheiten in den böhmischen Wäldern. Aber seine Frömmigkeit rechtfertigt in jedem Falle die Präsenz auf einem der Denkmalssockel auf der Karlsbrücke. Und bei so einer großen Sache musste ja auch irgendwie ein Böhme mit dabei sein.

Aber sind es wirklich die Heiligen, die den Betrachtern am meisten auffallen? Natürlich nicht, denn dazu ist der Türke mit seinem großen Turban und dem Schwert vor dem Kerker zu beeindruckend. Das Krummschwert ist aus Metall und nicht aus Stein. Seit der Errichtung wurde der Säbel immer wieder gestohlen und danach auch immer wieder ersetzt. Als das Denkmal errichtet wurde, wurde es von aufgebrachten Pragern immer wieder mit Exkrementen und Dreck beworfen. Denn, dass der muslimische Wächter eben wie ein Türke aussieht, war eine politische Aussage. Der Große Türkenkrieg (1683-1699) lag ja noch nicht lange zurück als die Statuengruppe errichtet wurde. Der sehr zeitgenössische Türke mit Turban war daher das personifizierte Feindbild schlechthin.

Ganz authentisch ist er in einer Hinsicht nicht. Da gleicht er mehr einem Tschechen. Er scheint nämlich Hundebesitzer zu sein. Und Hunde gelten im Islam als unrein, weshalb das Ganze nicht so recht zu passen scheint. Allerdings, so meinen einige islamische Rechtsgelehrte, dürfen sie als Wachhunde eingesetzt werden und sich so nützlich machen. Das macht der Hund vor der kleinen Zelle der Gefangenen mit Verve, wie man auf dem großen Bild oben sehen kann. Wenn der Türke den Hund allerdings nach der Arbeit mit zu sich nach Hause nimmt und als Schoßtier behandelt, ist es mit seiner Glaubensfestigkeit nicht weit her. (DD)