Von hier aus ging es nach Sarajewo

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Wäre er nur dageblieben. Vielleicht wäre es nicht zu der Katastrophe des Ersten Weltkriegs gekommen. Wer weiß? Schloss Konopiště ist doch ein schöner Ort zum Verweilen. Aber Erzherzog Franz Ferdinand, der kaiserliche Thronfolger, kam an jenem IMG_5260Tag im Juni 1914 seiner Pflicht nach, um mit seiner Frau Sophie nach Sarajewo zu einem Staatsbesuch zu fahren. Das Ende der Geschichte ist bekannt.

Knappe 40 Kilometer vom Stadtzentrum Prags liegt das schöne Schloss, das Franz Ferdinand sich 1887 gekauft hatte. An der Stelle war zuvor eine mittelalterliche Burg aus dem 13. Jahrhundert erbaut worden, die im 18. Jahrhundert in ein Barockschloss umgewandelt wurde. Der Erzherzog verfügte über ein riesiges Vermögen, das ihn in die Lage versetzte, das Schloss 1889-1894 noch einmal im ganz großen Stil umzugestalten. Der Um- und Ausbau erfolgte im neogotischen Stil. Und der Umfang des Schlosses wurde gewaltig. Das merkt man spätestens, wenn man eine Führung bucht. Es werden mehrere Führungen für verschiedene Teile des Schlosses angeboten (etwa in die Privatgemächer) und jede dauert rund 1 1/2 Stunden. Man sieht eine riesige Kunstsammlung, aber auch eine noch riesigere Galerie von Jagdtrophäen, der Franz IMG_5221Ferdinand war nicht nur ein kleiner Hobby- und Freizeitjäger, sondern geradezu jagdsüchtig. Die Schätzungen, wieviele Tiere er erlegt habe, schwanken zwischen 250.000 und 500.000. Man fragt sich nach dem Besuch, ob der Attentäter Gavrillo Princip wirklich ein serbischer Nationalist war, oder vielleicht doch nicht eher Tierschützer von PETA. Wie dem auch sei, man muss sich viel Zeit nehmen. Und man ist am Schluss beeindruckt, weil man bei den (soweit wir sahen, sehr kompetent gemachten) Führungen auch viel über den durchaus sympathischen Familienvater lernt – also über Dinge, die man so noch nicht wusste.

IMG_5209Mindestens so interessant wie das Programm im Schloss ist die Außenanlage – ein groß angelegter Park mit großem Stausee und einer schönen ruhigen Waldlandschaft, in der Franz Ferdinand sicher auch seiner Jagdleidenschaft nachging. Alles wirkt sehr naturbelassen und wenig verkünstelt. Nähert man sich aber wieder dem Schloss selbst, sieht man dann aber wieder mehr formale Gartenkunst. Geschickt hat man hier Teile des barocken Baustadium intakt gelassen, darunter IMG_5266der für die Zeit typische formale Garten mit vielen hübsch-verspielten Barockstatuen. Auch für den Park, der etwas für jedermann bietet, sollte man sich viel Zeit nehmen.

Ach ja, die beiden Söhne und die Tochter von Franz Ferdinand und Sophie, die an jenem verhängnisvollen Tag ihre Eltern zum letzten Male sahen, konnten sich nicht einmal des Erbes erfreuen. 1919 führte die IMG_5248tschechoslowakische Regierung vermittels eines Spezialgesetzes eine entschädigungslose Enteignung durch.

In Staatsbesitz ist das Schloss immer noch, aber gottlob hat sich der Zeitgeist sonst gewendet. Die nationalistisch aufgeladene Stimmung der Zeit nach nach dem Ersten Weltkrieg ist einer milderen Betrachtung der Geschichte gewichen. Und so bekommt der Besucher in Konopiště heute ein sehr ausgewogenes Bild einer an Tragik reichen Zeit präsentiert. (DD)

 

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