Wo Tschechen und Sachsen Freundschaft pflegten (und Ryšánek und Schlegl nicht miteinander redeten)

Sachsen und Böhmen lebten schon den europäischen Friedensgedanken vor, als von der EU noch keine Rede war. Das Sächsische Haus (Saský dům) in der Mostecká 55/3 (Ecke Lázeňská) auf der Prager Kleinseite ist das in Stein gebaute Denkmal dafür – wenngleich es heute nicht mehr ganz so aussieht, wie in seiner „sächsischen“ Zeit.

Im Jahre 1348 schenkte der deutsche Kaiser und böhmische König Kaiser Karl IV. den vormaligen, gemeinhin Vlašský dvorec (Welsches Gehöft) genannten Kaufmannsbesitz dem sächsischen Herzog Rudolf I. aus dem sächsischen Herrscherhaus der Askanier als Erbgut. Rudolf hatte als deutscher Kurfürst stets Karls Kaiserwahl unterstützt als diese anfänglich noch umstritten war. Das Verhältnis zwischen Böhmen und Sachsen hätte besser kaum sein können. Wenn er in Prag war, brachte Rudolf hier seinen Hofstaat mit. Im Kern war es fast so etwas wie eine Botschaft. Für die Sachsen in Böhmen war der Ort eine Anlaufstelle. Insbesondere gab es viele Studenten aus Sachsen, da das Land selbst keine Universität hatte, und Karl gerade die heutige Karlsuniversität (wir berichteten hier) gegründet hatte. Da die Wissenschaftssprache damals Latein war, ging das problemlos.

Zukunftsweisend war auch der von Karl mit dem Markgrafen von Meißen, Friedrich III. dem Strengen, geschlossene Vertrag von Pirna 1372, der die Grenzen regelte. Da Meißen ab 1423 in das Kurfürstentum Sachsen eingegliedert wurde, war damit auch im Grunde jede Grenzfrage zwischen Böhmen und Sachsen bereits vorab geklärt. Das geschah dann endgültig durch den Vertrag von Eger (heute Cheb) im Jahre 1459, den der böhmische König Jiří z Poděbrad (Georg von Podiebrad, über den wir bereits u.a. hier und hier berichteten) mit dem sächsischen Kurfürsten Herzog Wilhelm II. dem Tapferen abschloss. Diese Grenze wurde nie wieder verändert und ist eine der ältesten bestehenden in ganz Europa – ein Vorzeigeprodukt in Sachen europäischer Friedenspolitik. Dazu passt übrigens, dass König Jiří mit einer Denkschrift aus dem Jahr 1462, in der er eine föderative Friedensordnung für Europa vorschlug, so etwas wie der der geistige Erfinder der Europäischen Union ist.

Als das geschah, war das sächsische Herrscherhaus schon aus dem Saský dům in Prag ausgezogen. Als Karls Nachfolger und Sohn Wenzel IV. 1409 mit dem Kuttenberger Dekret die Karlsuniversität tschechisierte, verließen die deutschen (vor allem sächsischen) Dozenten und Studenten das Land. Dahinter steckte ein religiöser Konflikt zwischen Hussiten und Katholiken, der sich nationalistisch auflud. Während Böhmen in die Hussitenkriege schlingerte, war das aber für die Sachsen vielleicht sogar ein strukturpolitischer Glücksfall, denn sie nutzten die Chance, in Leipzig ihre erste eigene Universität zu gründen. Und Sachsen gehörte 1432 unter Kurfürst Friedrich II. von Sachsen zu den ersten deutschen Fürstentümern, das einen Sonderfrieden mit den Hussiten in Böhmen schloss und die Böhmen Böhmen sein ließ. Der oben erwähnte nachfolgende Frieden von Eger war nur eine Bestätigung einer Politik, die eine kleine „Delle“ erlebt hatte, aber im Kern konsequent fortbestand.

Und was geschah mit dem 1409 von den Sachsen verlassenen Saský dům? Das fiel 1503 einem Feuer zum Opfer, das auch zahlreiche Nachbarhäuser zerstörte. 1592 wurde es von Jan Rudolf Trčka von Lípa, einem der reichsten Adligen Böhmens und späterer Freund des berühmten Generals Wallensteins, Renaissancestil wieder aufgebaut. Möglicherweise war der Architekt der Tessiner Giovanni Battista Bussi di Campione, aber ganz genau weiß man das nicht. Auch von diesem Gebäude existiert nur noch das beeindruckende rustizierte Portal mit dem Wappen der Prager Kleinseite darauf. Ansonsten fiel das Renaissancegebäude einem völligen Umbau im klassizistischen Stil zum Opfer, der in den Jahren 1826 bis 1828 stattfand, und der sich durchaus gut ins bauliche Umfeld einpasst. Das ist im wesentlichen das, was man heute von außen sieht. Das Gebäude schmiegt sich an den mittelalterlichen Kleinseitner-Turm mit seinem Tor (siehe großes Bild oben), der die Karlsbrücke abschließt. Hier bei der Brücke hatte man eben dem Palast eine wirklich zentrale Lage in Prag gesichert.

Im späten 19. Jahrhundert erlangte das Gebäude durch den Schriftsteller und Journalisten Jan Neruda eine gewisse Berühmtheit. Damals existierte hier ein Gasthaus mit Namen „Zum Steinitz“ (U Štajniců). In einer seiner Kleinseitner Geschichten (Povídky malostranské), eine 1878 erschienene Sammlung von Erzählungen, die Neruda zwischen 1867 und 1877 in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht hatte, spielt das Lokal die Hauptrolle. Hier sitzen die beiden Herren Ryšánek und Schlegl jahrelang nebeneinander, ohne je ein Wort miteinander zu wechseln. Das berühmte Gasthaus existiert allerdings von lange nicht mehr. Heute befinden sich hier einige kleiner Läden, darunter eines der wenigen Lebensmittelgeschäfte der Kleinseite. Aber immerhin erinnert eine bronzene Gedenktafel neben dem Eingang daran, dass hier einmal das gedeihliche Verhältnis zwischen Tschechen und Sachsen seinen Anfang nahm. (DD)

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