Großer Dichter – von den Falschen geehrt

Taras Hryhorowytsch Schewtschenko, der große ukrainische Nationaldichter des 19. Jahrhunderts, war persönlich nie in Prag. Aber trotzdem verbindet ihn und seinen Nachruhm viel mit der goldenen Stadt an der Moldau. Die gusseiserne Gedenktafel in der Opletalova 929/22 (Ecke Politických vězňů) in der Neustadt zeugt davon.

Schewtschenko hatte das Pech geboren zu werden, als die Ukraine noch zum russischen Zarenreich gehörte. Dort gab es noch Leibeigenschaft und Schewtschenko wurde noch 1814 als Leibeigner geboren. Sein Leben lang sollte er gegen die Institution kämpfen. Gottlob fand er Gönner, die seine künstlerischen Talente erkannten und ihn förderten. Erst 1838 konnte er sich sogar aus der Leibeigenschaft freikaufen. Zunächst erwarb er sich einen Ruf als Maler, aber ab 1840 wandte er sich neben der Malerei auch der Dichtung zu, u.a. mit dem Gedichtband Kobsar, der ihn berühmt machte. Als liberaler Ukrainer wurde er den zaristischen Behörden allerdings bald zu unangepasst und so wurde er 1847 zwangsweise zum Militär eingezogen und erhielt Schreib- und Malverbot. Auch nach seiner Begnadigung 1857 wurde er immer wieder verhaftet. Aber da war er für die Ukrainer schon eine Art Volksheld. Als er 1861 starb, fanden sich unzählige Trauergäste ein, darunter Fjodor Dostojewski. In der Ukraine gibt es kaum eine Stadt ohne ein Denkmal für ihn.

Schewtschenko wird in Prag an zwei Orten geehrt, einmal im Stadtteil Smíchov (Prag 5), wo seit 2009 ein großes Denkmal steht, über das wir schon hier berichteten, und dann die hier gezeigte Tafel in der Opletalova. Das um 1830 entstandene Gebäude im Stil des Klassizismus, an dem sie sich befindet, ist tatsächlich mit Schewtschenkos Namen verbunden. In Russland durften seine Werke nie ungekürzt und unzensiert erscheinen. Im liberaleren Kakanien war das möglich. Und so erschienen tatsächlich viele Werke Schewtschenkos zuerst hier. Im Haus befand sich die Druckerei der von dem tschechisch-nationalliberalen Journalisten und Politiker Julius Grégr seit 1861 herausgegebenen politischen Zeitschrift Národní listy (Volksblätter). Die sah es als selbstverständliche Aufgabe an, dem verfolgten Dichter im Zarenreich zu helfen.

Der Text der Tafel lautet: „In Erinnerung an den großen ukrainischen Dichter und Revolutionäre Taras Schewtschenko, 1814-1861, Sein Gedichtband ‚Kobzar‘ es wurde zum ersten Mal unzensiert im Volltext von der Grégr’schen Druckerei in diesem Haus 1876 ​​in Prag veröffentlicht.“ Es ist also der richtige Ort, um den richtigen Mann zu ehren. Bizarr ist jedoch die Geschichte, wie die Tafel dahinkam. Sie wurde hier 1964 angebracht und ist das Werk des Bildhauers und Medailleurs Jiří Prádler. Unter dem Text steht, dass sie eine Spende der Union der Tschechoslowakisch-Sowjetischen Freundschaft (Svaz československo-sovětského přátelství) gewesen sei, einer Massenorganisation, die um diese Zeit in der Tschechoslowakei über 1,5 Millionen Mitglieder zählte, wohl weil man bisweilen einfach dazu drangsaliert wurde – es gab z.B. kollektive Eintritte von Fabrikbelegschaften, bei denen niemand fragte, ob man das wolle, und niemand sich traute zu sagen, dass er es nicht wolle.

Nun ja, die Ukraine hatte 1991 mit großer Referendums-Mehrheit sich aus der Sowjetunion gelöst. Und Schewtschenko wäre gewiss kein Freund der zurecht evil empire genannten UdSSR gewesen, deren Unterdrückungsapparat das Leben von vielen Millionen Ukrainern auf dem Gewissen hatte (Stichwort: Holodomor). Auch haben die Tschechen immer eine große Sympathie für die Ukraine und ihre Selbständigkeit gezeigt. Und heute wird die Ukraine von einem Herrscher in Moskau mit einem Krieg überzogen, der den Untergang der Sowjetunion von Anfang an als größte geopolitische Katastrophe bezeichnet hatte und seither an ihrer territorialen Wiederherstellung arbeitet. Und nur vier Jahre nach der Anbringung der Tafel, rollten sowjetische Panzer in Prag ein, um den Prager Frühling niederzuschlagen. Nein, dass passt nicht, dass ausgerechnet die Freunde der Sowjetunion hier Schewtschenko ehrten. Man sollte den Hinweis vielleicht als ein zeitgenössisches Dokument der geistigen Verwirrung des kommunistischen Regimes betrachten. Und der eigentliche Text ist ja völlig neutral und es ist gut, dass daran erinnert wird, dass der große Dichter einst hier im schönen Prag frei publiziert werden konnte. (DD)

Der Wissenschaftsstandort

Wir sind es gewohnt, die frühe Moderne als eine Art Kampf zwischen finsterer Religiosität und aufstrebender aufgeklärter Wissenschaft zu sehen. Wer so vereinfacht denkt, sollte sich vielleicht einmal näher mit dem Jesuitenorden befassen. Und das kann er in Prag am besten im Klementinum in der Altstadt tun.

Am besten schaut man dann einmal ganz nach oben auf die Spitze des großen Turmes: Dort sieht man die (schon recht heidnische) Figur des Atlas, der die Himmelssphären auf seinen Schultern trägt (großes Bild oben). Die Statue wurde von dem berühmten Barock-Bildhauer Matthias Bernhard Braun gestaltet und nach der Fertigstellung des Turmes 1722 dort aufgestellt . Das kann man kaum anders als eine klassische Allegorie auf die Wissenschaft der Astronomie interpretieren. Und richtig: In dem 68 Meter hohen Turm befindet sich tatsächlich eine – nach damaligen Standards hochmoderne – Sternwarte. Und die wurde hier von den Jesuiten eingerichtet. Aber wie kam es dazu?

Es fing damit an, dass dem böhmischen König Ferdinand I. (dem späteren deutschen Kaiser) bei seinem Amtsantritt missfiel, dass die Böhmen mehrheitlich für seinen erz-katholischen Geschmack viel zu protestantisch oder hussitisch waren. Besonders war ihm die Karlsuniversität (unser Bericht hier) als Hort protestantisch-hussitischer Intellektualität ein Dorn im Auge. Dass sie schon seit den Hussitenkriegen im 15. Jahrhundert eine rein tschechische Universität war, die von gemäßigten Hussiten (den Utraquisten) geführt war, stellte aber auch einen Schwachpunkt dar, den der König ausnutzen konnte. Die Universität war dadurch nämlich vom internationalen „Wissenschaftsbetrieb“ (meist katholisch, fast immer in der Weltsprache Latein lehrend) weitgehend abgekoppelt und nicht mehr die führende Bildungsstätte, die sie bei ihrer Gründung 1348 einmal war. Die 1540 in Spanien gegründeten Jesuiten, so fand Ferdinand, waren in der Lage, gegenüber den Utraquisten eine überlegene Konkurrenz aufzubauen. Die Mission des Ordens war es, Bildung und Kaderschulung zu betreiben und dem Glaubensgegner intellektuell etwas entgegen zu setzen. Die Jesuiten fingen jedenfalls nach der Einladung durch Ferdinand gleich 1556 mit dem Aufbau einer neuen Einrichtung und schon 1562 wurde ihr Klementinum offiziell in seine Universitätsrechte eingesetzt.

Der Anfang war trotzdem mühsam. Man bezog ein altes, verfallenes Dominikanerkloster in der Altstadt und litt unter Geldmangel. Die Lage änderte sich, als 1620 die katholisch-habsburgische Seite in der Schlacht  am Weißen Berg (auch hier) über die böhmischen Protestanten siegte, und nun eine rigide Politik der Zwangskatholisierung durchführte. Im Zuge dieser Gegenreformation nahm das Klementinum nun einen riesigen Aufschwung. Kaiser Ferdinand II. sorgte 1622 dafür, dass das Klementinum nun auch die Verwaltung der Karlsuniversität mit übernahm (und sie entsprechend umstrukturierte).

Die Studenten im Klementinum waren als gute Jesuitenschüler natürlich Gegner jeder Rückkehr des Protestantismus. In die Nationalmythologie der Tschechen ging der verzweifelte, aber erfolgreiche Kampf auf der Karlsbrücke ein, den sich Prager Studenten mit den Schweden lieferten, die ganz zu Ende des Dreissigjährigen Krieges 1648 noch einmal versuchten, Prag einzunehmen. Das waren natürlich primär die Studenten des Klementinums, was weniger häufig erwähnt wird. Nun ja, sie hätten auch bei einem Erfolg der protestantischen Schweden viel zu verlieren gehabt. Und außerdem lag das Klementinum genau am Ausgang der Brücke, die die Schweden für ihren Einmarsch zwangsläufig nutzen mussten, auf der Altstadtseite. Man war sozusagen gleich bei der Stelle.

Sein Sohn Ferdinand III. vereinigte 1654 die beiden Institutionen auch formell als Karl-Ferdinand-Universität (was bis 1882 so blieb). Das war auch baulich mit einem enormen Aufschwung verbunden. In den Jahren 1653 bis 1726 entstand hier der nach der Burg zweitgrößte Gebäudekomplex der Stadt. Er umfasst fünf große Innenhöfe und eine Fläche 2 Hektar (20.000 m²). Das kann man gar nicht mit einem Blick überschauen, aber gottlob stehen überall in den Innenhöfen Lagepläne mit einer Luftaufnahme, die einen Gesamteindruck vermitteln (kleines Bild links). Ein Großteil der oft skulptural wohldekorierten (Beispiel Bild oberhalb rechts) Barockgebäude wurde von dem renommierten Architekten Carlo Lurago und später von Franz Maximilian Kaňka geplant.

Zu dem Komplex gehörten gleich vier Kirchen, nämlich die Kirche zum Allerheiligsten Salvator (Kostel Nejsvětějšího Salvátora), über die wir schon hier berichteten (man sieht den Portikus im Bild rechts), die Spiegelkapelle (Zrcadlová kaple; über die wir hier schrieben), die Kapelle Mariä Himmelfahrt (Kaple Nanebevzetí Panny Marie) und die St.-Clemens-Kathdrale (Katedrála sv. Klimenta). Es wurden unzählige Unterkünfte für Gelehrte und Studenten sowie Hörsäle eingerichtet. Die Jesuiten machten Nägel mit Köpfen und bauten im Klementinum einen Wissenschaftsstandort mit allem Schikanen auf.

Ein Beispiel war der Turm mit der Sternwarte. Die Astronomen berechneten hier die Zeit so genau, dass sie mit einem Kanonenschuss den Pragern (die damals ja noch keine Armbanduhren kannten) präszise und unüberhörbar die Mittagszeit anzeigen konnten. Zur Sicherheit gab (bzw. gibt es am Turm auf eine Sonnenuhr – im Bild links zu sehen). Zum selben Gebäudetrakt gehört die riesige Bibliothek, die ebenfalls 1722 eingeweiht wurde und bald 20.000 Bände ihr eigen nennen durfte. Unter ihrem Leiter Karel Rafael Ungar wurde ab 1781 erstmals eine Abteilung für Literatur in tschechischer Sprache eröffnet. Einem Nebengebäude verdankt man, dass Prag zu den metereologisch am besten erforschten Städten gehört. Denn am 1. Januar 1775 begann hier der Mathematiker und Jesuit Joseph Stepling mit täglichen Wetteraufzeichnungen. Der hatte auch schon 1751 das Mathematikmuseum eröffnet. Stepling war ein herausragendes Beispiel für die wissenschaftlichen Talente, die die Jesuiten hier hervorbrachten.

Die gute Zeit für die Jesuiten endete 1773. In diesem Jahr löste die aufgeklärte Kaiserin Maria Theresia. (übrigens einem päpstlichen Beschluss folgend) den Jesuitenorden auf. Die Anlage kam in Staatsbesitz (wo sie sich – mit Ausnahme der Kirchen – immer noch befindet). Aber die Habsburger waren weiterhin an moderner Wissenschaft lebhaft interessiert. Das Observatorium wurde zunächst unter der Leitung des Mathematikmuseums weiterbetrieben. Kaiser Joseph II. erklärte die Bibliothek 1781 zur Nationalbibliothek, wodurch der Bestand erweitert wurde (teilsweise um wertvollste mittelalterliche Handschriften, die heute Stolz der Sammlung sind). Die aufgeklärten Habsburger waren Stolz auf ihre Forschungs- und Lehranstalt, weshalb man heute noch viele habsburgische Insignien aus jeosephinischer Zeit angebracht sehen kann – etwa im Bild oberhalb rechts der Doppeladler mit Inschrift zu Ehren Josephs II. über dem Hofeingang zur Straße Křižovnická.

Nebenbei pflegte man auch sonst die die Musen. Wolfgang Amadeus Mozart war zeitlebens gerne in Prag und ungekehrt war er auch in Prag ein gern gesehener Gast (und dort weitaus beliebter als im heimischen Wien). Die Spiegelkapelle (die immer noch ein beliebter Konzertsaal ist) war einer der Orte, wo er des öfteren seine Musik aufführte. 1837, zum 50 Jahrestag der Uraufführung der Oper Don Giovanni, wurde daher im Klementinum das erste Mozart-Museum der Welt eröffnet. Das wurde in der Vorhalle der Spiegelkapelle eingerichtet, wo sich heute noch eine Mozart-Büste (Bild links) befindet, die der Bildhauer Emanuel Max von Wachstein im Eröffnungsjahr gestaltet hat, und die angeblich sehr lebensnah den Komponisten portraitiert. Man konnte dort viele Originalhandschriften bewundern. Das Museum gibt es so nicht mehr, aber die wertvollen Dokumente, die damals gesammelt wurde, stehen heute in der Bibliothek der Forschung zur Verfügung.

Das Klementinum entwickelte sich weiter zu einem Wissenschafts- und Kulturzentrum – etwa als Ort der Gründung eines Kunstmuseums (1796), aus dem sich später die Nationalgalerie entwickelte oder als Erstsitz der Akademie der Bildenden Künste von 1799 bis 1886. Sogar das Erzbischöfliche Priesterseminar durfte hier bis 1929 wirken, denn ganz so antiklerikal war man denn doch nicht. Nur die Jesuiten, die 1814 nach einem Papstedikt wieder legal wurden, bekamen keine Restitution. Das Klementinum blieb in staatlicher Hand. 1882 wurde die Universität in eine deutsche und eine tschechische geteilt, wobei das Klementinum tschechisch blieb. 1918 kam die Erste Republik und die Habsburgerherrschaft endete. 1924 erweiterte man die Bibliothek ein wenig und modernisierte sie nach Plänen des Architekten Ladislav Machoň, über den wir schon hier und hier berichteten.

Das Klementinum ist heute noch eine staatliche Einrichtung und beherbergt hauptsächlich die Nationalbibliothek des Landes. Darüber hinaus sind Teile des Klementinums, insbesondere der prachtvolle barocke Bibliothekssaal, die Sternwarte , eine Gallerie für Ausstellungen, die drei Kirchen, für das Publikum zu besichtigen. Sternwarte und Bibliothek (hier leider Photographierverbot) kann man zusammen in einer geführten Tour besichtigen. Das lohnt sich neben anderem auch deshalb, weil man vom Turm aus eine unglaubliche und spektakuläre Aussicht über Prag genießen kann. Da die Jesuiten 1722 noch keine Aufzüge einbauen konnten, muss man allerdings die sämtlichen 172 Stufen selbst hochsteigen. Ach ja: In den Kirchen, die sich allesamt durch eine gute Akkustik auszeichnen, finden auch häufig qualitativ hochstehende Konzerte statt. Auch das macht einen Besuch beim Klementinum zu einem unerlässlichen Teil jedes Prag-Besuches. (DD)

Wo Tschechen und Sachsen Freundschaft pflegten (und Ryšánek und Schlegl nicht miteinander redeten)

Sachsen und Böhmen lebten schon den europäischen Friedensgedanken vor, als von der EU noch keine Rede war. Das Sächsische Haus (Saský dům) in der Mostecká 55/3 (Ecke Lázeňská) auf der Prager Kleinseite ist das in Stein gebaute Denkmal dafür – wenngleich es heute nicht mehr ganz so aussieht, wie in seiner „sächsischen“ Zeit.

Im Jahre 1348 schenkte der deutsche Kaiser und böhmische König Kaiser Karl IV. den vormaligen, gemeinhin Vlašský dvorec (Welsches Gehöft) genannten Kaufmannsbesitz dem sächsischen Herzog Rudolf I. aus dem sächsischen Herrscherhaus der Askanier als Erbgut. Rudolf hatte als deutscher Kurfürst stets Karls Kaiserwahl unterstützt als diese anfänglich noch umstritten war. Das Verhältnis zwischen Böhmen und Sachsen hätte besser kaum sein können. Wenn er in Prag war, brachte Rudolf hier seinen Hofstaat mit. Im Kern war es fast so etwas wie eine Botschaft. Für die Sachsen in Böhmen war der Ort eine Anlaufstelle. Insbesondere gab es viele Studenten aus Sachsen, da das Land selbst keine Universität hatte, und Karl gerade die heutige Karlsuniversität (wir berichteten hier) gegründet hatte. Da die Wissenschaftssprache damals Latein war, ging das problemlos.

Zukunftsweisend war auch der von Karl mit dem Markgrafen von Meißen, Friedrich III. dem Strengen, geschlossene Vertrag von Pirna 1372, der die Grenzen regelte. Da Meißen ab 1423 in das Kurfürstentum Sachsen eingegliedert wurde, war damit auch im Grunde jede Grenzfrage zwischen Böhmen und Sachsen bereits vorab geklärt. Das geschah dann endgültig durch den Vertrag von Eger (heute Cheb) im Jahre 1459, den der böhmische König Jiří z Poděbrad (Georg von Podiebrad, über den wir bereits u.a. hier und hier berichteten) mit dem sächsischen Kurfürsten Herzog Wilhelm II. dem Tapferen abschloss. Diese Grenze wurde nie wieder verändert und ist eine der ältesten bestehenden in ganz Europa – ein Vorzeigeprodukt in Sachen europäischer Friedenspolitik. Dazu passt übrigens, dass König Jiří mit einer Denkschrift aus dem Jahr 1462, in der er eine föderative Friedensordnung für Europa vorschlug, so etwas wie der der geistige Erfinder der Europäischen Union ist.

Als das geschah, war das sächsische Herrscherhaus schon aus dem Saský dům in Prag ausgezogen. Als Karls Nachfolger und Sohn Wenzel IV. 1409 mit dem Kuttenberger Dekret die Karlsuniversität tschechisierte, verließen die deutschen (vor allem sächsischen) Dozenten und Studenten das Land. Dahinter steckte ein religiöser Konflikt zwischen Hussiten und Katholiken, der sich nationalistisch auflud. Während Böhmen in die Hussitenkriege schlingerte, war das aber für die Sachsen vielleicht sogar ein strukturpolitischer Glücksfall, denn sie nutzten die Chance, in Leipzig ihre erste eigene Universität zu gründen. Und Sachsen gehörte 1432 unter Kurfürst Friedrich II. von Sachsen zu den ersten deutschen Fürstentümern, das einen Sonderfrieden mit den Hussiten in Böhmen schloss und die Böhmen Böhmen sein ließ. Der oben erwähnte nachfolgende Frieden von Eger war nur eine Bestätigung einer Politik, die eine kleine „Delle“ erlebt hatte, aber im Kern konsequent fortbestand.

Und was geschah mit dem 1409 von den Sachsen verlassenen Saský dům? Das fiel 1503 einem Feuer zum Opfer, das auch zahlreiche Nachbarhäuser zerstörte. 1592 wurde es von Jan Rudolf Trčka von Lípa, einem der reichsten Adligen Böhmens und späterer Freund des berühmten Generals Wallensteins, Renaissancestil wieder aufgebaut. Möglicherweise war der Architekt der Tessiner Giovanni Battista Bussi di Campione, aber ganz genau weiß man das nicht. Auch von diesem Gebäude existiert nur noch das beeindruckende rustizierte Portal mit dem Wappen der Prager Kleinseite darauf. Ansonsten fiel das Renaissancegebäude einem völligen Umbau im klassizistischen Stil zum Opfer, der in den Jahren 1826 bis 1828 stattfand, und der sich durchaus gut ins bauliche Umfeld einpasst. Das ist im wesentlichen das, was man heute von außen sieht. Das Gebäude schmiegt sich an den mittelalterlichen Kleinseitner-Turm mit seinem Tor (siehe großes Bild oben), der die Karlsbrücke abschließt. Hier bei der Brücke hatte man eben dem Palast eine wirklich zentrale Lage in Prag gesichert.

Im späten 19. Jahrhundert erlangte das Gebäude durch den Schriftsteller und Journalisten Jan Neruda eine gewisse Berühmtheit. Damals existierte hier ein Gasthaus mit Namen „Zum Steinitz“ (U Štajniců). In einer seiner Kleinseitner Geschichten (Povídky malostranské), eine 1878 erschienene Sammlung von Erzählungen, die Neruda zwischen 1867 und 1877 in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht hatte, spielt das Lokal die Hauptrolle. Hier sitzen die beiden Herren Ryšánek und Schlegl jahrelang nebeneinander, ohne je ein Wort miteinander zu wechseln. Das berühmte Gasthaus existiert allerdings von lange nicht mehr. Heute befinden sich hier einige kleiner Läden, darunter eines der wenigen Lebensmittelgeschäfte der Kleinseite. Aber immerhin erinnert eine bronzene Gedenktafel neben dem Eingang daran, dass hier einmal das gedeihliche Verhältnis zwischen Tschechen und Sachsen seinen Anfang nahm. (DD)

Auf den Spuren von Bohumil Hrabal II: Palast mit Automatenrestaurant

Alles ist zugenagelt. Das Gebäude zu betreten, um seine damals berühmte Innenarchitektur zu bewundern, ist unmöglich. Überall sieht man Verfall. Und der geht bereits an die Substanz. Wenn nicht bald etwas Einschneidendes passiert, könnte der Svět-Palast (Palác Svět) im Stadtteil Libeň (Prag 8) bald seine Zukunft hinter sich haben. Dabei handelt es sich um ein Kulturgut ersten Ranges. Denn kein Geringer als der Schriftsteller Bohumil Hrabal hat ihm ein literarisches Denkmal gesetzt.

Vielleicht hat man schon schönere Gebäude gesehen, was ja Geschmacksache ist. Vielleicht denkt mancher, es handle sich um ein brutalistisches Relikt des Kommunismus, was zu Recht meist negative Abwehrhaltungen hervorruft. Aber das ist nicht der Fall. Der Palác Svět war ursprünglich ein überaus interessantes funktionalistisches Experiment für eine neue städtische Wohnkultur und stammt aus den Zeiten der Ersten Republik. Zuvor stand hier ein barockes Landhaus, das Mitte des 19. Jahrhunderts vom damaligen Bürgermeister Libeňs (damals noch kein Teil von Prag!), Jan Svět, gekauft wurde. Einer seiner Nachfahren, Ladislav Svět, der als Investor zu Geld gekommen war, ließ es kurzer Hand abreißen und ließ in den Jahren 1932 bis 1934 durch den Bauunternehmer und Architekten František Havlena (wir berichteten auch hier) das heute hier am Elsnicovo náměstí 41/6 (Ecke Zenklova) zu sehende Gebäude errichten.

Das Konzept war neu. Der „Palast“ sollte Miets- und Wohnhaus, Ladenmeile, Kino und Kulturzentrum sein – alles integriert an einem Ort. Neueste Technik kam ins Spiel; nicht nur die im Funktionalismus ja meist übliche kühne Stahl- und Betonkonstruktion, sondern auch neue technische Maßnahmen gegen die Naturgewalten. Das Gebäude reichte mit seinen mehreren Kellern nämlich tief unter den Grundwasserspiegel des nahegelegenen Moldau-Nebenflusses Rokytka, weshalb es komplett in eine dicke Bleiwanne eingesetzt wurde. Hier wurden ingenieurstechnische Weltmaßstäbe gesetzt. Und um das Weltstädtische noch zu unterstreichen, erlaubte sich der Besitzer beim Namen auch ein Wortspiel, das natürlich nur im Tschechischen funktioniert. Das Wort „Svět“ ist nicht nur ein Name, sondern bedeutet auch so viel wie „Welt“. Vielleicht sollte „Palác Svět“ nicht nur Besitzverhältnisse markieren, sondern „Welt-Palast“ bedeuten. Deshalb erkor man auch eine tschechoslowakisch (heute tschechisch) beflaggte Weltkugel zum hoch über dem Eingangsbereich anmontierten Symbol des Gebäudes.

Da es sich eben nicht um billige kommunistische Plattenbauweise handelte, waren die Wohnungen hier durchaus beliebt. Die Konstruktion mit den beiden fünfstöckigen Flügeln, die im schrägen Winkel auf den zweistöckigen Eingangsbereich zulaufen, ist ja auch kühn gedacht und ebeidruckend. Und direkt neben dem hübschen Schloss von Libeň (Libeňský zámek) mit seinem schönen Park (wir berichten hier) gelegen, befand es sich ja auch in schönster Wohnlage. Kein Geringerer als der berühmte Schriftsteller Bohumil Hrabal wohnte lange Zeit in der Nähe. Etliche seiner Romane weisen daher Bezüge zum Palác Svět auf. Eine Kurzgeschichte von 1966 unter dem Titel Automat Svět beschreibt das ebenso genannte Büffetrestaurant im Palác Svět, in dem er tatsächlich oft und regelmäßig einkehrte. In der Geschichte geht es um einen Selbstmord während einer Hochzeitsfeier im Restaurant. Das Selbstmordthema ließ sich rückwirkend als „vorausschauend autobiographisch“ deuten, weil Hrabal tatsächlich wohl 1997 Selbstmord beging. Die Musikgruppe Jablkoň besang noch 1997 das im Gebäude befindliche berühmte Kino svět als ihren Sehnsuchtsort. So wunderbar es anscheinend die Musen inspirierte, so schlecht meinte es das Schicksal sonst mit dem Gebäude. Unter dem Nazi-Protektorat wurde die Familie Svět enteignet. Eine Versicherung kam nun hier unter. 1947 wurde das Gebäude restituiert, aber schon 1962 unter den Kommunisten abermals enteignet und der staatlichen Bezirkswohnungsverwaltung unterstellt. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 misslang die Privatisierung, weil das von Mietern des Gebäudes initiierte Projekt, das den Zuschlag bekam, nicht genug Kapital zur Sanierung des unter den Kommunisten arg heruntergekommen Bauwerks einsammeln konnte.

Seither hat der Staat es schon an etliche andere Investoren verkauft. Der heutige Besitzer, die Firma Crispino nemovitosti erwarb das Gebäude 1998 begann aber erst 2012 mit dem Wiederaufbau nachdem die Stadt ihm eine Strafe für Nichteinhaltung von Verträgen aufgebrummt hatte. Inzwischen hatten Risse in der Bleiwanne und das Hochwasser von 2002 dem Gebäude zugesetzt. Seit 2011 ist der Palast samt Kino geschlossen. Brisanz gewann die substanzzerstörende Vernachlässigung auch dadurch, dass das Gebäude 2003 unter Denkmalschutz gestellt wurde, was den Investor nicht davon abhielt, bei Baubeginn 2012 wertvolle Teile der Inneneinrichtung zu zerstören. Inzwischen sind die Bauarbeiten wieder weitgehend erlahmt. Einen anberaumten Treffen der Firma mit dem verantwortlichen Stadtrat blieb die Firma fern. Selbst über Abriss wird nun geredet. Möglicherweise hat sich der Investor finanziell verhoben (alleine die Reparatur oder der Neubau der Bleiwanne dürfte Unsummen verschlingen). Wie dem auch sei: Der Verfall geht weiter. Ein Trauerspiel. (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren von Bohumil Hrabal I: Rätselhafter Tod

Kafka und (viel) mehr

Es ist eines der vielen Gebäude Prags, in denen auch Franz Kafka wohnte: Das Sixt-Haus (Sixtův dům) in der Celetná 553/2. Allerdings wohnte er hier nur ganz kurz vom August 1888 bis zum Mai 1889 als Fünfjähriger mit seiner Familie. In dieser Zeit hatte wohl Kafkas Vater Hermann mit einer Anklage wegen Hehlerei zu kämpfen, die aber kurz nach dem Auszug aus dem Haus fallengelassen wurde. Aber mit den Kafkas erschöpft sich die spannende Geschichte dieses Hauses im Herzen der Altstadt und die seiner Einwohner bei weitem nicht.

Das Haus mit der hübschen barocken Fassade lässt sich bis in das frühe 13. Jahrhundert zurückverfolgen. An den romanischen Ursprungsbau sollen innen noch einige Kellergewölbe erinnern. Es gab immer wieder kleinere Umbauten, mal im Stil der Gotik, mal im Stil der Renaissance. Im späten Mittelalter muss sich hier die Prominenz nur so getummelt haben. So soll hier der Frühhumanist und römische Volkstribun Cola di Rienzo eine zeitlang während seines Exils von 1350 bis 1352 gewohnt haben, über den später Richard Wagner Hitlers Lieblingsoper komponierte. Rienzo führte bekanntlich mit dem in Prag ansässigen Kaiser und böhmischen König Karl IV. eine rege Korrespondenz. Dann gab es noch den kaisertreuen italienischen Dichter Francesco Petrarca (der ebenfalls engen Kontakt zu Karl IV. pflegte, den er 1356 sogar tatsächlich in Prag besuchte) und sogar den durch das berühmte Theaterstück des Shakespeare-Zeitgenossen Christopher Marlowe berühmt gewordene Johannes Faust Das dürfte aber endgültig ins Reich der Legenden gehören und es ist nicht das einzige Mal, dass die Prager versuchen, den guten Faust irgendwie mit der Stadt in Verbindung zu bringen, die er anscheinend aber nie besucht hat (wir berichteten hier).

Back to reality: Das Haus ist nach Sixt von Ottersdorf benannt, einem Humanisten und böhmischen Ständemitglied, das sich stets für die Rechte der böhmischen Länder gegenüber königlichen und kaiserlichen Machtansprüchen eingesetzt hatte. Der kaufte das Haus im Jahre 1560. Seinen Nachfahren wurde die vererbte Neigung, politisch nicht allzu königlich-absolutistisch positioniert zu sein, zum Verhängnis. Sie nahmen 1618 am Ständeaufstand gegen Ferdinand II. teil, um die Unabhängigkeit des Landes und die Glaubensfreiheit in Böhmen zu erhalten. Als das mit der verlorenen Schlacht am Weißen Berg (1620) schief ging, wurde der Besitz der Otterdorfs 1621 von den Siegern konfisziert – was auch das Haus in der Celetná betraf.

Die Ironie des Schicksals wollte es, dass nun ausgerechnet der Kanzleisekretär Philipp Fabricius für 5000 Gulden zum neuen Eigner wurde. Er war ein „Opfer“ des Ständeaufstandes, nämlich einer jener Kaiserteuen, die beim berühmten Zweiten Prager Fenstersturz im Mai 1618 aus dem Fenster des Königssaal der Burg (wir berichteten hier) geworfen worden waren, es aber überlebt hatten (hier unser Bericht). Ab dem frühen 18. Jahrhundert gab es viele Besitzerwechsel bis es Mitte 19. Jahrunderts Eigentum von Wenzel und Anna Löschner wurde. Der Löschner-Familie gehörte es noch, als die Kafkas zur Miete in das Haus einzogen.

Heute scheint hier niemand zu wohnen, der es in die Schlagzeilen oder gar in die Geschichtsbücher bringt. Im Erdgeschoss befinden sich Läden, die sich an das hier meist in Scharen vorbeiströmende Touristenpublikum wenden. Aber es ist schön anzusehen. So wie es heute zu sehen ist, entstand es durch einen grundlegenden Um- und Neubau in der ersten Hälfte 18. Jahrhunderts. Die Fassade ist Hochbarock. Dass hier mal rebellische Geister wie Rienzo oder Ottersdorf wohnten, wollte man wohl in diesen zeiten konsolidierter Habsburgerherrschaft vergessen machen. Ein durch eine Stuckkartusche gerahmtes Bild der Mariä Himmelfahrt befindet sich in der Mitte der reich geschmückten Fassade – ein deutliches katholisches Bekenntnis. Oben (und für die Vorbeigehenden in der engen Gasse kaum sichtbar) befinden sich auf dem Dach vier Statuen sehr wehrhaft aussehender und gerüsteter Habsburger Kaiser. Sie wurden 1736 von dem bekannten Bildhauer Anton Braun angefertigt. Unter ihnen wohnte eben auch einmal Kafka, der später keine Gelegenheit ausließ, sich über die administrativen Aspekte des Habsburgerreichs, etwa im Roman Das Schloss (1926), zu mokieren. (DD)

Auf den Spuren von Bohumil Hrabal I: Rätselhafter Tod

Wenn man weiß, was hier geschah, beschleicht einen ein unheimliches Gefühl. Heute vor 25 Jahren, am 3. Februar 1997 um 14.30 Uhr schlug hier in der Zenklova 830/169 im Stadtteil Libeň einer der Großen der tschechischen Literatur auf dem Asphaltboden des Parkplatzes auf. Genau unter dem Fenster jenes Zimmers Nummer 11 im dritten Stock des Krankenhauses, in das er zwei Monate zuvor eingeliefert worden war. Die herbeieilenden Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun. Bohumil Hrabal war zu Tode gestürzt.

Eine polizeiliche Untersuchung, wie der 82jährige Schriftsteller denn aus dem Fenster hatte stürzen können, legte einen Unfall nahe, kam aber zu keinem beweiskräftigen Schluss. Möglicherweise habe er die Tauben dort oben füttern wollen und sei dabei abgestürzt. Das glaubten aber schon damals nicht alle Menschen. War es nicht doch Selbstmord? Oder gar schlimmeres? Hrabal war im Dezember nach einer Rückverletzung mit einer schweren Neuralgie eingeliefert worden. Schon kamen Vermutungen – Verschwörungstheorien, gar? – auf, er wäre gar nicht mehr fähig gewesen, auf das Fensterbrett zu klettern. Abgesehen davon, dass niemand ein Motiv für einen solchen Mord gehabt hatte, stimmt der zugrundeliegende Befund nicht. Er konnte sich wohl noch (wenngleich mühsam) bewegen und hatte sich aus den Büchern in seinem Zimmer eine kleine Treppe gebaut. Aber die Selbstmordtheorie ist allerdings nicht vom Tisch. Und dafür gibt es gute Gründe dafür, obwohl letzte Beweise wohl heute nicht mehr zu finden sind.

Eine Quelle, die die Selbstmordhypothese stützt, sind die Aussagen des betreuenden Arztes Pavel Dungl, der später über sein letztes Gespräch (von vielen) am Vortag berichtete, dass Hrabal ihm gesagt habe“: „Hlaváček winkt mir heute zu. – Was?! „Hlaváček winkt mir vom Friedhof zu, er lädt mich zu sich ein, wiederholte er.“ Und in der Tat ist die Sache schon ein wenig spukig, denn Hrabals Lieblingsdichter und Maler Karel Hlaváček, ein Vertreter eines recht düsteren und dekadenten Symbolismus, der 1898 jung, aber qualvoll an Tuberkulose gestorben war, liegt tatsächlich in Sichtweite des Krankenhauses begraben. Und Dungl fügte noch hinzu, wie sehr in seinen letzten Gesprächen Hrabal von dem russischen Volksdichter Sergei Jessenin beeindruckt war, der 1925 mit nur 30 Jahren sein Leben mit eigener Hand beendete: „Er bewunderte Sergei Jessenin. Er sagte immer: Jessenin, er war ein Riese, er schrieb alles, was er für nötig hielt, und warf auch alles weg, vertrank den Familienbesitz und ging dann auf den Hof und erhängte sich. Das war das Ende des würdigen großen Schriftstellers. Jeder, der eine solche Entscheidung für sich treffen konnte, war für ihn ein großartiger Mensch. Er war sehr beeindruckt. Wenn er sich also entschied, Selbstmord zu begehen, war es eine bewusste Handlung.“

Aber nicht nur die Auslassungen des Arztes über die letzten und düsteren Gespräche mit dem Schriftsteller beflügelten die Annahme, dass Hrabal Selbstmord begangen habe. Der Selbstmordgedanke zieht sich fast wie ein roter Faden durch die Lebensgeschichte und das Werk Hrabals. „Mein Schreiben ist eine Art Schutz vor dem Selbstmord“, soll er einmal gesagt haben. Schon in einem frühen Werk, der Geschichte Automat Svět von 1965, geht es um eine Frau, die sich bei einer Hochzeitsfeier im Nebenraum erhängt. Auch, wo es nicht in Selbstmord endete, schlingerten in seinen Romanen – etwa seinem bekanntesten Werk Ich habe den englischen König bedient (Obsluhoval jsem anglického krále) von 1971 (unzensiert erst nach 1989 erschienen) oder der düsteren Reise nach Sondervorschrift, Zuglauf überwacht (Ostře sledované vlaky) von 1966 – die Charaktere durch ein düsteres und nihilistisch anmutendes Leben. Schwarzer und sarkastischer Humor war das Markenzeichen des Schrifsteller, der eine pessimistische Weltsicht zu verbreiten suchte. Die Erfahrungen mit den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts prägten ihn zutiefst und er verarbeitete sie immer wieder thematisch. Obwohl kein Widerständler im eigentlichen Sinn wurde er von den Kommunisten als nicht sonderlich linientreu eingestuft. Er erhielt eine zeitlang ein Publikationsverbot, das erst ein wenig gelockert wurde, als er notgedrungen auf Druck des Regimes eine erniedrigende Selbstbezichtigung veröffentlichte. Lange musste er als Hilfsarbeiter sein Geld verdienen, eine Erfahrung, die er in seinem Roman Allzu laute Einsamkeit (Příliš hlučná samota) von 1976 verarbeitete, das von einem Intellektuellen handelt, der alleine in einer Müllsammelstelle mit einer Papierpresse im Keller Bücher zerstampfen muss.

Auch persönlich schien der Schriftsteller sich am Vorabend seines Todes einsam zu fühlen. Seine geliebte Frau, die Künstlerin Eliska Plevová (von ihm Pipsi genannt), war schon vor 10 Jahren gestorben. Viele seiner engeren Freunde waren von ihm gegangen. Zudem war ihm bewusst, dass sein Leiden, das ihn ins Krankenhaus gebracht hatte, chronisch, wenn nicht tötlich sein werde. Und sowieso: Einem Grundpessimisten wie ihn verhalf selbst die Anerkennung, die ihm nach dem Fall des Kommunismus 1989 zuteil wurde, nicht zu einer weniger schwarzen Weltsicht, die sogar mit zunehmendem Alter immer schwärzer wurde. So ließ es sich etwa 1994 kein Geringerer als US-Präsident Bill Clinton nehmen, mit ihm und Vacláv Havel in einer Altstadtkneipe ein Bier zu trinken. Wie dem auch sei: Ein Selbstmord ist nicht mehr beweisbar (und auch nicht widerlegbar), aber ist psychologisch äußerst plausibel als Annahme. Aber zumindest hatte der Tod ihn an einem interessanten Platz heimgesucht. Das Krankenhausgebäude steht – von Bäumen und Büschen etwas von der an sich recht unattraktiven Umgebung abgeschirmt – einsam auf einem Hügel, von dem aus man die Stelle sehen kann, wo 1942 das Attentat auf den „Schlächter von Prag“ stattfand, wie man den von den Nazis berufenen „Stellvertetenden Reichsprotektor“ Reinhard Heydrich nannte, und wo heute ein Denkmal für die tapferen Attentäter steht (Bild oberhalb links).

Das Gebäude ist ein kolossaler und in der Tat recht auffälliger Bau im Stil des Neobarock, der eher an eine Schloss erinnert. Es wurde in den Jahren 1905 bis 1907 nach den Plänen des Architekten Jan Kříženecký fertiggestellt. Ursprünglich war es nicht als Krankenhaus, in dem Neuralgiepatienten behandelt werden, geplant, sondern als eine Erziehungsanstalt (Vychovatelna). Hier sollten „moralisch gestörte Jugendliche im Alter von 8 bis 18 Jahren“ gepflegt und auf den rechten oder zumindest besseren Weg geführt werden. Das Ganze wurde auf Veranlassung der Stadt Prag gegründet, deren Wappen man auch auf der Fassade in schönem Stuck prangen sehen kann. Eine solche Einrichtung – übrigens die erste ihrer Art in Böhmen -war damals etwas völlig Neues und sozial Fortschrittliches.

Als pädagogische Einrichtung bestand die Vychovatelna nur bis 1941. Dann wurde sie in das Fakultäts-Krankenhaus Bulovka (Fakultní Nemocnice Bulovka) eingegliedert, einem aus mehren Gebäuden, die über die Stadt verteilt sind, bestehenden Krankenhauskomplex. Von nun ab diente das Gebäude als „normales“ Krankenhaus. Schon ein Jahr nach dieser Umwandlung wurde hier kurz der gerade und nur Meter entfernt durch die Attentäter (letztlich tödlich) verletzte Naziverbrecher Heydrich als Notfall eingeliefert, der aber den tschechischen Ärzten nicht traute und sich umgehend in ein von deutschen Ärzten betriebenes Krankenhaus verlegen ließ.

Heute gehört der Krankenhausbau zu den bekanntesten der Stadt. Daran mag der es umfächelnde Atemhauch der Geschichte – der Anschlag auf Heydrich und vor allem der seltsam rätselhafte Tod Bohumil Hrabals – seinen Anteil haben. Und dass das Gebäude so prachtvoll ist, bleibt auch selten unbemerkt. Es wurde zurecht 2004 zum Kulturdenkmal erklärt. Alleine die oberhalb links abgebildete Vortreppe verfehlt selten seine Wirkung, den Besucher zu beeindrucken.

Und was Hrabal angeht, der auf dem Platz vor dem Krankenhaus sein Ende fand: War es Selbstmord? Oder doch der Unfall beim Füttern von Tauben? Hrabals Werk war düster und rätselhaft. Was soll man von den Todesvision und der Erzählung vom Erscheinen des toten Dichters Hlaváček halten? Mysteriös ist es. Alles ist möglich. Vielleicht ist es gut so und wird dem Schriftsteller besonders gerecht, wenn wir das nie wirklich herausfinden werden. (DD)

Auf den Spuren Jaroslav Hašeks VI: Großes Kino bei den Vierzehn Nothelfern

Das Hausschild über der Tür nennt die Vierzehn Heiligen Nothelfer als Namensgeber des Gebäudes. Und eine kleine Bronzetafel mit einer Himmelsallegorie erklärt, wer diese Heiligen sind. Man könnte meinen, dieses Haus sei eine Stätte des Glaubens. In Wirklichkeit war es eine Kneipe mit einem kleinen Kino. Hier kehrte kein Geringerer als Jaroslav Hašek, der Autor des „Braven Soldaten Schwejk“ (Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války) ein und trieb allerlei Schabernack.

Das schmucke vierstöckige Jugendstilhaus in der Ječná 547/15 (Neustadt) wurde im Jahre 1908 nach Plänen des Architekten Jan Voráček erbaut. Vorher befand sich hier neben etlichen Mietwohnungen ein Gasthaus mit dem Namen Zu den Vierzehn Nothelfern (U čtrnácti pomocníků), das ab 1900 auch als Kantine für die nahe Technische Universität Prag (wir berichteten hier) fungierte. Das Gebäude wurde aber 1907 abgerissen. Voráčeks neues Haus beherbergte wieder eine Gaststätte, die – wie man sieht – den Namen der Vierzehn Heiligen beibehielt. Es gab eine überdachte Veranda und eine Kegelbahn.

1916 wurde das Haus, auf dessen Fassade man bezeichnenderweise keine sonstige religiöse Symbolik findet, sondern eher eine historisierende Ornamentik, im Erdgeschoss noch einmal durch den Architekten und Bauunternehmer Matěj Blecha ausgebaut. Dabei wurde auch ein Kino eingerichtet. Das Kino wurde wohl gerne von Jaroslav Hašek frequentiert, wenn man den Schilderungen Josef Ladas glauben darf. Der Zeichner, Schriftsteller (dem wir den berühmten Kater Mikesch/Kocour Mikeš verdanken) und Illustrator des „Schwejk“ war ein guter Freund Hašeks und die beiden immer in Geldnot befindlichen Künstler teilten sich eine zeitlang sogar dieselbe Wohnung.

„Zu den Vierzehn Nothelfern“, schrieb Lada (Quelle hier, S. 312) später über die gemeinsamen Kinobesuche, „zog uns… das interessante Publikum. Dort wurden zwar nur lauter alte Filme gezeigt, manchmal so abgespielt, dass man kaum erkennen konnte, worum es ging, doch das Publikum war zufrieden und reagierte äußerst lebhaft auf die jeweils vorgeführte Handlung. Bei einer Szene, in der ein grimmiger Bandit ein Kind ins Feuer werfen wollte, sprang ein in den vorderen Reihen sitzender Junge auf, drohte dem Räuber mit geballter Faust und rief hysterisch: ‚Wohin willst du es werfen, du Galgenstrick!‘ Ein andermal wieder, als ein Zug anscheinend unmittelbar ins Publikum raste, zogen die Kinobesucher in den vorderen Reihen die Köpfe ein und krochen fast unter die Sitze, und einige Frauen schrien erschrocken auf. Damals erläuterten die Erklärer noch die einzelnen Phasen der Handlung, und das Publikum hatte das Recht, nach Einzelheiten zu fragen. Das nutzte Hašek weidlich aus und hatte dann die Lacher auf seiner Seite.“

Offenbar war der Schriftsteller oft eine größere Attraktion als es die Filme waren. Das Kino gibt es leider hier nicht mehr. Zusammen mit der Gaststätte (die heute durch eine kleine Imbissbude ersetzt ist) verschwand es mit einer der Renovierungen des Wohnhauses 1937 oder 1948. Was bleibt, ist eine schöne historisierende Jugendstilfassade (die nach dem Ende des Kommunismus 1989 noch einmal aufgefrischt wurde)) zu einem großen Mietshaus, in dessen Erdgeschoss sich heute auch noch ein kleiner Laden befindet.

An Ladas und Hašek gemeinsame Kinobesuche, ja auch an das Kino selbst erinnert hier rein gar nichts mehr.

Ach ja, vielleicht am Schluss doch noch ein paar aufklärende Worte zu den Vierzehn Heiligen Nothelfern – auch wenn sie hier eigentlich nur für den Namen einer Kneipe standen. Die sind für Katholiken eine Art Sammelpackung von Heiligen, die man in cumulo anrufen kann, wenn man irgendein größeres Problem hat, für das man himmlischen Beistand braucht. Zusammen decken sie tatsächlich einen Großteil der möglichen Varianten von Missgeschicksverhütung ab. Es sind dies die Heiligen Achatius (gegen Todesangst und Zweifel), Ägidius (Beichte), Barbara (Sterben), Blasius (Halsleiden), Christophorus (überraschender Tod), Cyriacus (Glaubenszweifel in der Todesstunde) Dionysius (Kopfschmerzen), Erasmus (Leibschmerzen), Eustachius (schwierige Lebenslagen), Georg (gegen Seuchen bei Haustieren), Katharina (logopädische Probleme), Margareta (Gebärende), Pantaleon, (für Ärzte), Veit (Epilepsie).

Mehr zu Hašek: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

Und auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks II: Im U Kalicha

Ebenso: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Und natürlich: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks IV: Geburtsort in der Gendarmeriewache

Nicht zu vergessen: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks V: Švejk mit Hundeköttel

Havel im Stil von Havel

Heute vor 10 Jahren starb Václav Havel. Der Schriftsteller, Dramaturg, Bürgerrechtler, Dissident und der erste frei gewählte Präsident nach dem Ende der kommunistischen Tyrannei nimmt immer noch einen besonderen Platz im Herzen der Tschechen ein.

Unzählige kleine und große Gedenkorte erinnern an ihn und es gibt sogar spezielle Touren für Touristen. Ein solcher Ort ist sein Geburtshaus, ein fünfstöckiges Jugendstilwohnhaus direkt am Rašín-Ufer (genauer: Rašínovo nábřeží 2000/78) in der Neustadt – mit Blick auf Moldau und Burg, wie es dem Spross einer bekannten großbürgerlichen Familie entsprach.

Hier lebte er von seiner Geburt im Jahre 1936 bis zum Jahr 1971 als er in den Stadtteil Dejvice auf der anderen Seite des Flusses zog. Zwischen 1986 und 1993 lebte er dann zusammen mit seiner ersten Frau Olga wieder im diesem Hause – ständig observiert von der Staatssicherheit, die sich im nebenan gelegenen barocken Šítkov Wasserturm (Šítkovská vodárenská věž) eingenistet hatte (unser Bericht hier). Die Agenten beobachteten 24 Stunden um die Uhr, wer denn so alles im Hause Havels einkehrte, der als Begründer der gegen das kommunistische Regime gerichteten Bewegung Charta 77 zu den bekanntesten Dissidenten im Lande gehörte. Erst 1993 zog er in den Präsidententrakt der Burg ein. Das hätte er womöglich schon 1989 tun können, aber er war halt kein Mann der Paläste und Staatskarossen (darüber berichteten wir hier).

Die kleine Gedenkktafel, die man am 18. Dezember 2019 in Gegenwart von Havels Bruder Ivan, anderen Verwandten und Prager politischer Prominenz einegweiht wurde, kann man glatt übersehen. Sie entspricht aber der bescheidenen und unprätenziösen Art Havels, der den heroischen Pomp anderer Gedenktafeln kaum zu schätzen wußte. Eigentlich ist neben dem Eingang des Gebäudes nur eine kleine Akrylplatte zu sehen, in die ein Papier eingegossen ist mit dem Text: „zde jsem taky žil“ – auf Deutsch: Hier habe ich auch gelebt!

Gestaltet hat das Ganze der Architekt und Designer Petr Hájek. Der Schriftzug ist in dem Schrifttyp von Havels Schreibmachine nachempfunden, mit der er seine ersten Stücke, etwa Das Gartenfest (Zahradni slavnost, 1963), geschrieben hatte. Überhaupt soll hier wohl mehr an den Schriftsteller erinnert werden, der über dem Dissidenten und Politiker oft vergessen wird. Wer meint, dass diese Tafel doch ein wenig absurd wirke mit ihrem seltsamen Text, hat recht. Havel, das sollten wir nicht vergessen, war vor allem ein Meister des absurden Theaters, das ihm am besten geeignet schien, die Absurdität des kommunistischen Regimes bloßzustellen. Man gedenkt hier also Havel im Stile von Havel. Havel hätte es gefallen. (DD)

Im Lada-Land

Ladův kraj – pohádkový region (auf Deutsch: Lada-Land – die Märchenregion) nennt man die romantisch bewaldete Gegend um die Ortschaften Hrusice, Mnichovice Velké Popovice und 21 anderen Gemeinden, die sich freiwillig zusammengeschlossen haben, um ihn zu feiern: Josef Lada. In Deutschland ist er primär als der grandiose Original-Illustrator von Jaroslav Hašeks Roman vom guten Soldaten Švejk bekannt. In Tschechien liebt ihn Jung und Alt auch, weil er sie um eine wahre Märchenwelt bereichert hat. In diese Welt kann man direkt vor den Toren Prags – etwa 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt – bei schönen Wanderungen eintauchen.

Geboren wurde er 1887 im Dorf Hrusice, wo man ihm 1951 ein von dem Bildhauer Zdeněk Šejnost entworfenes Denkmal setzte. Mit 14 zog es den Schusterjungen nach Prag, wo er sich als Autodidakt zum Maler, Illustrator, politischen Karikutaristen, Schriftsteller, Biographen, Theater-Szenographen, Dichter und Saufkumpan von Hašek, mit dem er sich eine zeitlang aus Geldmangel eine kleine Wohnung teilte (und später darüber humorig lesenswerte Erinnerungen schrieb), weiterentwickelte. 121 Bücher für Kinder 197 Bücher für Erwachsene verfasste er. Ein Weihnachten ohne Karten oder Kalender nach seinen Motiven ist in Tschechien undenkbar. Aber seine große Liebe schien dem Genre des Märchens zu gehören, wie er nicht nur in seinen Pohádky naruby (Verdrehte Märchen) von 1938 zeigte. Ob Nachempfindungen tradtioneller Märchen, selbst erfundene oder parodierte Märchen – hier lief er zu Hochform auf. Ein Grund dafür, dass das in Deutschland nicht so bekannt ist, ist die Tatsache, dass viele seiner Märchen nur in indirekter Form hierhin kamen. Denn eigentlich kennt in Deutschland fast jedermann einige von Ladas Kreationen. So zum Beispiel den berühmten Vodník von 1939, eine alte Legende, die man in Deutschland durch Otfried Preußler als Der kleine Wassermann kennt.

Und wer kennt ihn nicht, den Kocour Mikeš, den Lada im Jahre 1936 veröffentlichte? In Deutschland heißt er Kater Mikesch und wurde dort ebenfalls zunächst nur durch die gelungene Nachempfindung Otfried Preußlers (1962) berühmt – und dann noch viel berühmter durch die putzige Fernsehadaption der Augsburger Puppenkiste (1964; in Farbe 1976), durch die ich ihn zum Beispiel kennen lernte. Durch diese – zugegebenermaßen recht genialen – Adaptionen geriet Lada in Deutschland als Originalautor ein wenig ins unverdiente Abseits. Aber nicht in Tschechien, wo man vor allem die lokale Gebundenheit der Ladaschen Geschichten viel deutlicher vor Augen hat. Das sieht man hier im oben erwähnten Lada-Land in der Umgebung seines Geburtsortes Hrusice. Dort wurde vor einigen Jahren zwischen Hrusice und Mnichovice ein Kater-Mikesch-Wanderweg (Cesta kocoura Mikeše) angelegt. Denn in Ladas Buch lebt der sprechende Kater tatsächlich in Hrusice. Nachdem er aus Versehen den Rahmtopf der Großmutter kaputtgemacht hat, zieht er aus Angst vor Bestrafung in die Welt hinaus. Der rechts abgebildeten Tafel auf dem Wanderweg entnimmt man, dass er genau an dieser Stelle, der Lederhöhe (Kožený vrch), noch einmal sehnsüchtig hinunter auf das Dorf schaute, bevor er weiter ging. Man sieht, das Lada den Kater in eine reale Welt eingebettet hat.

Und davon findet man überall Spuren im Lada-Land. Und der Wanderweg bzw. Lehrpfad ist nur ein Beispiel, wie die lokale Tourismusbehörde die Berühmtheit Ladas für ihr Marketing nutzt. Aber nicht nur die Behörde. Der Name Lada wirkt hier so inspirierend für jedermann, dass die Privatinitiative blüht. Kaum aus Mnichovice in den Wald gekommen, kommt man zum Beipiel an der links abgebildeten Gartenfront eines Hauses vorbei, dessen Besitzer wohl ein wahrer Lada-Enthusiast ist, und handgemachte überlebensgroße Figuren aus Ladas Märchenwelt. Man ist beeindruckt, ob der Kreativität und des Einsatzes!

Lada-Garten (Ladova zahrádka) hat der Besitzer das Ganze getauft, was mittlerweile zur lokalen Sensation geworden ist. Und so trifft man hier alte Bekannte aus verschiedenen Märchen. Neben den Charakteren aus dem Kater Mikesch etwa auch den kleinen Wassermann (Vodnik), den man hier seine Pfeife rauchend beim Angeln zusehen kann. Das Gesamtkunstwerk steht nicht in den Reiseführern, gehört aber zu den großartigsten Sehenswürdigkeiten der Gegend, weshalb es hier ausführlich erwähnt werden muss.

Weiter geht es nach Hrusice selbst. Da steht das Geburtshaus Ladas (/Bild links), das ein wenig so aussieht, als ob es seit Ladas Zeiten mehrfach renoviert, ausgebaut und stark verändert wurde. Aber man kann trotzdem erahnen, dass Lada nicht aus sehr reichem Elternhaus kam. Hier ein von Lada gemaltes Bild des Hauses im Ursprungszustand. Als arrivierter Künstler, der dann etwas wohlhabender war, kaufte er sich ein Sommerhaus im Orte, in dem sich heute ein kleines Museum befindet. Gestorben ist er allerdings 1957 in Prag, wo er seine Karriere begonnen hatte und berühmt wurde. Aber weder Geburtshaus noch Museum sind für die meisten Ausflügler, die sich meist zum Wochenende hier einfinden, die Hausptattraktion des Ortes.

Das ist ohne Zweifel die Hrusická Hospoda (Hrusicer Gasthaus). Die ist – wie das meiste an Gebäuden im Orte – zunächst einmal architektonisch recht unscheinbar. Es ist ein einstöckiges Gebäude schlichter Bauart, dass er möglicherweise hier 1943 zeichnerisch verewigte. Lada ist hier zu Lebzeiten oft eingekehrt und kannte den Wirt und die Gäste, die ihn vielleicht zu seinen Zeichnungen inspirierten.

Nicht nur das verbindet das Gebäude mit dem großen Künstler, sondern vor allem die üppige Bermalung mit Lada-Themen im Lada-Stil. Außen sind das vor allem Motive aus den Ladaschen Märchen – allen voran der Mikeš als die populärste Figur, die hier gerade einzukehren scheint. Nach ein paar Schluck Bier wird er weiter in die Welt ziehen, und – wie uns die Geschichte lehrt – Geld als sprechender Kater beim Zirkus verdienen, um nach der Rückkehr den Rahmtopf der Oma zu ersetzen. Happy End.

Und natürlich sind auf die tierischen Freunde des Katers dabei, denen er auch das Sprechen beigebracht hat, wie die Geiß Bobeš (bei Preußler: Bobesch) und der junge Kater Nácíček (dt.: Maunzerle), der die Menschensprache noch nicht ganz so gut beherrscht wie Mikeš. Die wichtigste Figur ist jedoch Mikeš‘ bester Freund Pašík (Paschik), ein Schwein, das nicht nur sprechen, sondern auch auf der Ziehharmonika lustig musizieren kann. Möglicherweise ist er sogar der beliebteste Charakter der Ladaschen Märchenerzählung. Entsprechend findet man das Schwein an prominenter Stelle auf die Außenwand der Hrusická Hospoda gemalt.

Im Inneren der Gaststätte half bei der Ausgestaltung die Tatsache, dass Lada neben Märchenmotiven auch liebend gerne raue Kneipen- und Gaststättenszenen festhielt. Aus einer davon entstammt im großen Bild oben sichtbare herrlich in die Holzeinrichtung eingepasste Blaskapelle, die in einer Gaststätte zum Tanz aufspielt. Es handelt sich um die vergrößerte Kopie eines Ausschnitts aus dem 1929 von Lada gemalten Bild Tancovačka (Tanzvergnügen). Die ganze Gaststätte ist drinnen mit überlebensgroßen Kopien dieser Kneipenbilder Ladas bedeckt. Verantwortlich zeichnete sich der Miloslav Milostný, der sie im Jahre 2008 (mit späteren Ergänzungen) liebevoll anfertigte. Milostný war kein Berufsmaler, sondern eigentlich Wirtschaftsingenieur. Aber die Hobbymalereien sind einfach kongenial!

Im Mittelpunkt der Milostnýschen Malereien gemäß Lada steht wohl dessen bekannteste Wirtshausszene, die Rvačka v hospodě (Schlägerei in der Kneipe) aus dem Jahr 1943. Das war für die Tschechen eine traurige Zeit und nichts in der Szenerie, in der die Obrigkeit in Form eines Nachtwächters mit Hellebarde erscheint, an die Nazibesetzung. Es ist die gute alte Habsburgerzeit, die man hier fast schon putzig verklärt sieht (und für die Lada wohl früher nicht viel übrig hatte). Hier sieht man die lustigste Szene, in der ein Hund sein Herrchen verteidigt, während der Nachtwächter dabei ist, jemandem möglicherweise mit der Hellebarde die Hose herunterzuziehen.

Schlägereien waren in früheren Zeit, die Lada noch mit erlebt hat, in Wirtshäusern auf dem Lande anscheinend noch sehr verbreitet. Das kann man jedenfalls mutmaßen, wenn man sich vor Augen führt, wie oft der Künstler das Thema (mit sichtbar verschiedenen Lokalitäten) in seinen Bildern verarbeitet hat. Auch in den Geschichten seines Freundes Hašek wird ja häufig darauf rekurriert. Die Wirte schienen das ob der hohen Reparaturrechnungen, die dabei anfielen, nicht so recht goutiert habe.Deshalb gehört zu meinen Lieblingsszenen hier der in den Gastraum eintretende und wutentbrannte Wirt, der mit aufgekrämpelten Armen und einem Knüppel in der Hand jetzt für Ruhe sorgen will.

Der Fairness halb sollten an dieser Stelle nicht nur die genialen Lada-Bilder von Milostný, sondern auch das Wirtshaus Hrusická Hospoda an sich gewürdigt werden, dass seit langem erfolgreich von Wirt Pavel Mach geführt wird. Es ist, wie gesagt, kongenial im Lada-Stil für alle Lada-Fans, die das Lada-Land erwandern, eingerichtet. Man könnte vom eigentlichen Herz des Lada-Landes reden. Es scheint gleichermaßen die Dorfkneipe der einheimischen und der Anlaufort für Ausflügler zu sein, die aber meist aus der Umgebung Prags kommen (Ausländer verirren sich hier eher selten hin). Es gibt gutes Markenbier und klassisch deftiges tschechisches Wirtshausessen (manchmal sogar heute rare Traditionsgerichte wie die Prdelačka, eine Schweineblutsuppe). Alles in allem: Man wird reell und preisgünstig bewirtet und das Essen passt wie maßgeschneidert zu Lada-Land und Lada-Ambiente.

Aber die Hospoda mag in Hrusice ein Höhepunkt-Erlebnis für alle lada-Fans sein, aber keineswegs die einzige Attraktion, die der Geburtsort bietet. Jeder macht hier mit beim Lada-Kult. Läden und Bauernhöfe mit Verkauf werben überall mit Mikeš und Co.. Und es gibt überall an den Wanderwegen innerhalb des Ortes kleine Statuen mit den Lada-Märchenhelden wie Vodnik, Pašik oder eben Mikeš. Im Bild links sieht man einen seltenen Schnappschuss, wie die bronzene Figur des kleinen örtlichen Mikeš-Denkmals auf eine echte Katze zu schauen scheint – vielleicht ein Nachfahre von Nácíček/Maunzele?

Kurz: Es gibt noch viel zu sehen im Lada-Land, und das, worüber an dieser Stelle berichtet wurde, ist nur die Spitze des Eisbergs. In der ganzen Umgebung wird auf Lehrpfade und auch andernorts (in Velké Popvice ist sogar eine Schule nach Lada benannt) wimmelt es nur so von Lada -Memorabilia und -Attraktionen, die auch noch in eine so schöne Landchaft eingebettet ist, dass sich gleich mehrere Ausflüge hierhin lohnen.

Die traumhafte bewaldete Landschaft mit ihren sanften Hügeln, erklärt vielleicht auch, warum bei der örtlichen Präsentation des Lada-Landes die Märchengeschichte so sehr das Bild bestimmen. Und nicht der in Deutscland bekanntere Soldat Švejk. Aber ganz unter den Tisch fällt er dennoch nicht. In der Hrusická findet er sich als Gipsrelief im Lada-Stil (von unbekannter Hand geschaffen) versteckt in einer Ecke neben dem Gang zur Toilette. Immerhin: Besser als nichts. Und Josef Lada selbst, der volkstümlichste aller tschechischen Künstler hätte diese Art volkstümlichen Humors sicher auch zu schätzen gewusst. (DD)

Auf den Spuren Jaroslav Hašeks V: Švejk mit Hundeköttel

Ein wenig schwer tun sich die Tschechen manchmal schon damit, dass der gute Soldat Švejk ihr unangefochtener literarischer Nationalheld ist. Zugegeben, er ist eine urkomische Figur, aber auch Trinker, dubioser Hundehändler und schlaumeiernd-raffinierter Drückeberger. Keiner wird offen zugegeben, dass so einer sein Vorbild sein könne. Nun ja, alle außer den Bürgern von Kralupy.

Zudem hatte sich Autor Jaroslav Hašek, der sich die berühmten Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války (Die Erlebnisse des guten Soldaten Schwejk im Weltkrieg) ausgedacht hatte, deren erster Band 1921 erschien, ausgedacht hatte, im Weltkrieg den Bolschewisten angeschlossen, weshalb ihn die Kommunisten stets als den ihren feierten. Mit denen wäre er als anarchischer Geist eigentlich nicht lange gut ausgekommen, aber er war ja 1923 am Suff gestorben und konnte sich gegen seine Vereinnahmung nicht wehren.

Was immer die Tschechen im allgemeinen von ihm auch halten mögen, die Bürger von Kralupy lieben ihren guten Soldaten Švejk und bekennen sich mit Vehemenz dazu. Die direkt hinter der nördlichen Stadtgrenze Prags liegende Kleinstadt an der Moldau hat ihm fröhlich-feierlich ein Denkmal gesetzt, das trefflicher nicht gestaltet hätte werden können. Bei der Einweihung im Mai 2017 versammelten sich hunderte Bürger, von denen viele in k.u.k.-Uniformen à la Švejk steckten. Die Einweihung erfolgte – anders geht es ja gar nicht! – durch Begießen der Statue mit Bier.

Schon 2012 hatten sich in den Kneipen und Straßen Kralupys Anzeichen einer Švejk-Manie bemerkbar gemacht, wie man diesem Video entnehmen kann. 2014 formierte sich ein Verein zur Förderung eines Švejk-Denkmals. Man sammelte ordentlich Geld und beauftragte den Bildhauer Albert Králiček mit der Ausfertigung der lebendgroßen Bronzefigur. Der portraitierte den guten Soldaten auf einer Bank sitzend mit einem kleinen Hund auf dem Schoß – was daran erinnert, dass Švejk im Zivilleben mit Hunden handelte, über deren Herkunft man besser schweigt. Das Gesicht des Švejk ist dem des Schauspielers Rudolf Hrušínský nachempfunden, der durch die Romanverfilmung von 1957 die wohl bekannteste Verkörperung des guten Soldaten im Lande wurde. Jedenfalls ist das hier ein Švejk, wie er sein sollte. Und die Bank, auf der er sitzt, ist so groß, dass man sich – so wie im Bild links meine Tochter und Lady Edith – gemütlich zu ihm setzen kann.

Die Bürger von Kralupy, die das Denkmal wohl zurecht die größte Kulturattraktion der Stadt halten, wollten den Švejk auch nicht würdevoller erscheinen lassen, als er war. Deshalb ist das wichtigste Detail der Statue der kleine Hundeköttel, den der kleine Hund wohl hinterließ, und zwar neben dem linken Fuß des Švejk. Und auf dem Häufchen sitzt eine dicke Fliege, die sich dort gemütlich niedergelassen hat. Das ist derber Humor! Das ist was für Fans von Hašek und des guten Soldaten Švejk!

Aber wieso Kralupy? Nun, irgendwer, der das Buch genau gelesen hatte, stellte fest, dass Kralupy dort siebenmal beiläufig erwähnt wird und zwar in Zusammenhang mit einem von Švejks Kumpanen im Regiment. Am bekanntesten ist die Stelle, wo sich dem Švejk sein neuer Regimentskamerad Jan Vaněk mit den Worten vorstellt: “Já jsem takto drogista Vaněk z Kralup.“ Auf Deutsch: „Ich bin der Drogist Vaněk aus Kralupy.“ Vaněk gab es úbrigens wirklich und er hat auch mit Hašek im Regiment gedient. Er war wohl nicht der Drückeberger, wie es im Roman geschildert wird. Und die Apotheke in Kralupy, wo er tats§chlich arbeitete, gibt es sogar heute noch an jenem Palacký-Platz (Palackého náměstí), auf dem sich heute das Denkmal befindet. Deshalb ist die Selbstvorstellung des Rechnungsfeldwebels Vaněk auch auf der Plakette zu finden, die neben dem Denkmal im Boden eingelassen ist. (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

Und auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks II: Im U Kalicha

Ebenso: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Und natürlich: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks IV: Geburtsort in der Gendarmeriewache