Ukrainischer Nationaldichter, auch in Prag beliebt

Am südlichen Rand des Kinský Platzes (Náměstí Kinských) im Stadtteil Smíchov (Prag 5) steht sein Denkmal: Taras Hryhorowytsch Schewtschenko. Der wird in der Ukraine als der große Nationaldichter schlechthin gefeiert.

Ein Denkmal hat er sich schon deshalb verdient, weil seine künstlerische Entfaltung als Maler und Literat unter den schweren Bedingungen der russischen Zarenherrschaft stattfinden musste. Er wurde 1814 noch in Leibeigenschaft geboren und konnte nur deshalb die Künste erlernen, weil sein Herr und Gebieter zufällig sein Talent erkannte (nachdem er ihn erst wegen seiner heimlich betriebenen Malerei auspeitschen ließ) und irgendwann die Idee gut fand, einen echten Künstler als Leibeigenen zu besitzen. Immerhin durfte Schewtschenko ab 1831 in St. Petersburg recht frei bei den dort lebenden Künstlern lernen, die schließlich eine Kunstauktion veranstalteten, um ihn zu einem maßlos hohen Preis freizukaufen, was nur mit Hilfe einer Spende der Zarenfamilie im Jahre 1838 gelang. Ab 1840 wandte er sich neben der Malerei auch der Dichtung zu, u.a. mit dem Gedichtband Kobsar, der ihn berühmt machte. Es war das erste größere literarische Werk der neueren ukrainischen Sprache, die im Zarenreich nicht als Sprache, sondern als primitiver Dialekt galt, und deren Verbreitung man zu unterdrücken trachtete. Es folgten andere erfolgreiche Werke, etwa das Gedicht Hajdamaken von 1841 (das später Modest Mussorgsky vertont wurde).

1846 trat er der Kyrill-und-Method-Bruderschaft bei, einer liberalen Vereinigung von Intellektuellen, die sich um die Reifung eines ukrainischen Nationalbewusstsein bemühte und für die Abschaffung der Leibeigenschaft (mit friedlichen Mitteln) kämpfte – die er erst 1861, eine Woche vor seinem Tode, erleben durfte. 1847 wurde er deshalb verhaftet und verurteilt, lebenslang zwangsweise als einfacher Soldat in der Zarenarmee zu dienen. Zar Nikolaus I. fügte dem Urteil noch handschriftlich zu, dass ihm die Malerei und das Schreiben fortan verboten seien. Er hatte Glück im Unglück, denn einige Offiziere waren von ihm und seinem Talent so angetan, dass er als Begleitsoldat für Forschungsexpeditionen, etwa zum Aralsee, eingesetzt wurde und das Malverbot als „wissenschaftlicher Skizzenzeichner“ umgangen werden konnte, was zu einigen seiner schönsten Landschaftsdarstellungen führte.

Als Nikolaus I. 1857 starb, erreichten Freunde seine Freilassung. Er wollte sich in der Ukraine niederlassen und suchte wieder Kontakt zu regimekritischen Intellektuellen und polnischen Unabhängigkeitskämpfern. 1859 wurde er darob wieder verhaftet, aber schon kurz darauf Dank des Wohlwollens des Gouverneurs wieder entlassen. 1861 starb er in Sankt Petersburg und wurde dort unter Teilnahme vieler Schriftstellerkollegen, darunter Fjodor Dostojewski, beerdigt. Nur wenige Wochen später wurde das Grab geöffnet und der Sarg nach Kaniw, einer ukrainischen Stadt am Dnjepr überführt, wobei tausende von Ukrainern die Straße in Ehrfurcht säumten. Wie er es sich in seinem Gedicht Sapowit (Das Vermächtnis, 1845) gewünscht hatte, wurde er am Ufer des Flusses begraben.

Aber warum steht sein Denkmal ausgerechnet in Prag? Nun, in Prag wurden 1876 zum ersten Mal seine Werke unzensiert veröffentlicht, was im Zarenreich nicht möglich war. Deshalb war es auch ein ukrainischer Bildhauer, Valentyn Znoba, der das Werk für die Prager in dankbarer Erinnerung an die damalige Prager Toleranz schuf. Die Skulptur wurde in Anlehnung an ein frühes Selbstportrait Schewtschenkos aus dem Jahr 1840 entworfen und gestaltet.

Kein Geringerer als der damalige ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko weihte das Denkmal im März 2009 ein. Die Prager begleiteten dies mit viel Sympathie, denn Juschtschenko galt damals als ein Garant der Demokratie in der Ukraine und für die Unabhängigkeit des Landes. Ein Giftanschlag auf ihn im Jahre 2004, so vermutet man, ging auf das Moskauer Konto. Da war Solidarität der Tschechen gefragt. Zudem leben viele Ukrainer im Lande. Sie stellen 30% der hier lebenden Ausländer und sind somit die größte Gruppe unter ihnen. In Prag rechnet man mit einem satt zweistelligen Anteil an der Bevölkerung. Auch historisch fühlt man sich mit der Ukraine verbunden, gehörte doch die Karpatenukraine in der Zwischenkriegszeit zut Tschechoslowakischen Republik. Jedenfalls steht Schewtschenko hier am Kinský Platz nicht so unerwartet, wie man es zunächst annehmen müssen. Und die hiesigen Ukrainer lieben ihn sowieso und überhäufen das Denkmal mit Blumen und Schmuckbändern in den Landesfarben blau und gelb. (DD)

Reportage unter dem Galgen

Einen Mangel an Denkmälern und Gedenktafeln für ihn gibt es in Prag wohl nicht: Julius Fučík. Diese Tafel mit einem Reliefportrait befindet sich in der Bulharská 587/3 im Stadtteil Vršovice (Prag 10) und ist nur ein Beispiel von vielen.

Der gleichnamige Neffe des politisch wohl unbedenklicheren Komponisten Julius Fučík (dem wir den berühmten Einzug der Gladiatoren verdanken) hatte sich schon als Jugendlicher literarisch und politisch zugleich engagiert. 1921 gehörte er zu den Gründern der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, die sich gerade von den Sozialdemokraten abgespalten hatte. Mit der Partei blieb er seitdem immer im Reinen. Selbst als 1929 Klement Gottwald als neuer Anführer die Partei im Auftrag Stalin gleichschaltete, und andere kommunistische Schriftsteller, wie etwa Vladislav Vančura, mit ihrem Manifest der Sieben gegen die Gleichschaltung protestierten, blieb er linientreu. 1930 – zur Zeit des größten stalinistischen Terrors – schrieb er eine Reiseschilderung in die Sowjetunion unter dem Titel V zemi, kde zítra již znamená včera (Eine Welt, in der das Morgen schon Geschichte ist), die die Verhältnisse dort propagandistisch verherrlichte und dabei natürlich völlig verharmloste.

Aber er hatte auch Mut und literarisches Geschick als Literaturkritiker und Autor von Reportagen. Als 1939 die Nazis einmarschierten ging er in den Widerstand, wurde Mitglied des Untergrundzentralkomittees der Partei und gab illegale Zeitungen heraus. Ständig wechselte er den Wohnsitz, um nicht gefasst zu werden. Die Inschrift auf der Gedenktafel in der Bulharská lautet: „Hier versteckte er sich und arbeitete in den Jahren 1940-1941 illegal. Julius Fučík“. Sie wurde 1961 von dem Bildhauer Josef Smetánka mit allem kommunistischem Dekor – rote Flagge und Sowjetstern – angefertigt.

1942 wurde er bei einer Razzia verhaftet und ins  Gefängnis Pankrác gesteckt. Er wusste, dass sein Ende gekommen war. Im Angesicht des Todes schrieb er hier sein wohl bedeutendstes und erschütterndstes Werk Reportáž psaná na oprátce (Reportage unter dem Strang geschrieben). Zwei Wärter schmuggelten das Manuskript heraus, dass dann erst 1945 erschien. 1943 wurde Fučík nach Berlin verschleppt, wo der „Volksgerichtshof“ unter dem Vorsitz des berüchtigten Blutrichters Roland Freisler ihn zum Tode verurteilte. Die Hinrichtung erfolgte kurz darauf in Berlin-Plötzensee. Die Kommunisten errichteten nach 1948 einen Kult um ihren Märtyrer, der bisweilen überzogen wirkte. Zugleich kürzten und veränderten sie die Ausgaben seiner Werke, wenn irgendetwas nicht mehr in die aktuelle Parteilinie passte. Erst mit dem Ende des Kommunismus konnte man – eine Ironie der Geschichte! – ihn im Echttext lesen. Er blieb seither umstritten als überzeugter Stalinist einerseits und als mutiges Opfer im Widerstand gegen die Nazis andererseits. Seine unter den Kommunisten errichteten Denkmäler gibt es daher noch immer, wie dieses hier in Vršovice. (DD)

Nationaldichter in Jugendstil

Zumindest in Tschechien kennt man ihn als den Dichter, dessen 1884 uraufgeführtes Stück Noc na Karlštejně (Eine Nacht in Karlstein) im Jahre 1974 die Grundlage für ein ungeheuer populäres gleichnamiges (Kino-) Musical unter der Regie von Zdeněk Podskalský lieferte.

Aber Jaroslav Vrchlický war mehr. Der tschechische Übersetzer von Goethe, Dante und Poe, der eigentlich Emilius Jakob Frida hieß, schuf sich einen Ruhm unter Zeitgenossen durch nationalpatriotische Dichtungen, etwa die sozialkritischen Zlomky Epopeje (Landarbeiterballaden; 1886). Für Antonín Dvořák schrieb er unter anderem das Libretto zu dessen Oratorium über die böhmische Nationalheilige Ludmilla (Svatá Ludmila, 1886). An der Karlsuniversität lehrte er Philosophie. Sein patriotisches Engagement für Böhmen und die Rechte des Tschechen in Kakanien brachte ihm schließlich 1901 die Mitgliedschaft im Österreichischen Herrenhaus ein, was so etwas wie das Oberhaus im österreichischen Teil des Habsburgerreiches war.

Grund genug, ihn als Nationaldichter zu ehren. Das tat man zum Beispiel mit dem 1956 errichteten Denkmal auf der halben Höhe des Petřín-Berges; aber natürlich auch an jenem Haus, in dem er bis zu seinem Tode 1910 die letzten 12 Jahre seines Lebens mit schöner Aussicht auf Moldau und Burg verbrachte. Dort wurde 1929 auf Höhes des ersten Stocks des vierstöckigen Mietshauses am Rašínovo nábřeží 1897/72 (Rašín Ufer) eine bronzene Gedenkplakette mit Portraitrelief angebracht. Die Plakette wurde bereits 1911 von dem Bildhauer Ladislav Šaloun, einem der bedeutendsten Vertreter des Prager Jugendstils, dem wir unter anderem das große Hus-Denkmal auf dem Altstädter Ring (früherer Beitrag hier) verdanken, erschaffen. Die in einem sehr naturalistischen Jugendstil angefertigte Plakette ist jedenfalls schon für sich genommen ein kleines Kunstwerk. (DD)

Stadtbücherei und mehr

Kaum ein Land tut so viel für seine Belesenheit wie Tschechien. Im Juli 1919 erließ die neugegründete Tschechoslowakische Republik ihr bahnbrechendes Gesetz über die öffentlichen Gemeindebüchereien, das unter anderem vorschrieb, dass jede Gemeinde mit über 400 Einwohnern eine Bücherei für die Bürger betreiben sollte. Und das blieb im wesentlichen bis heute so. Dass man sich bei der Umsetzung dieses Gesetzes in der Hauptstadt selbst nicht lumpen lassen wollte, davon zeugt das imposante Gebäude der Städtischen Bücherei (Městská knihovna) am Mariánské nám. 98/1 (Marienplatz) in der Altstadt.

In den Jahren 1924-1929 erbaute der Architekt František Roith, dem Prag unter anderem auch die Zentrale der Tschechische Nationalbank verdankt (siehe früheren Beitrag hier), das in einem funktionalistisch angehauchten Klassizismus gehaltenen Gebäude. Die sechs klassizistischen Statuen, die über dem Haupteingang der Bücherei stehen – geschaffen von dem Bildhauer Ladislav Kofránek – unterstreichen den klassizistischen Charakter des Bauwerks und geben ihm zugleich eine kulturbeladene Note.

Das dreistöckige, mit 19 Fensterachsen sehr breite Gebäude ist an beiden Seiten durch zwei Risaliten begrenzt. Obenauf thront ein großes Walmdach. Die Statuen stehen auf einer weiten Portikus. Dieses gediegene klassische Äußere verdeckt ein wenig, dass es sich in Wirklichkeit um ein äußerst modernes, ja im Kern avantgardistisches Gebäude handelt, das (wie das direkt nebenan gelegene Neuen Rathaus, das wir hier vorgestellt haben) auf einem Stahlskelett mit sehr viel Beton dazwischen ruht. Auch sonst legte man darauf wert, dass die Bücherei technisch innen modernsten Standards entsprach.

In diesem Gebäude konnte die schon 1891 gegründete Stadtbücherei von Prag, die zuvor unter anderem sehr improvisiert in der Neustädter Kirche des Heiligen Wenzel von Zderaz (früherer Beitrag hier) 1929 endlich einen angemessenen Sitz finden. Und modernen Ansprüchen will man immer noch genügen. Hat man die pompöse Vorhalle (kleines Bild links) über Stufen durchquert, befindet man sich in einer modernen Bibliothek. Der große Büchersaal mit dem vom Maler František Kysela im Art Déco-Stil verzierten Gewölbe strahlt auch immer noch diese modernistische Wirkung aus (großes Bild oben).

Seit der Renovierung von 1996-98 hat sich die Fläche der öffentlichen Bibliothek noch einmal um 900 Quadratmeter erhöht. Die einzelnen Bibliotheken wurden verbunden und das ganze Verleihwesen digitalisiert. Man kann jedenfalls heute kaum mehr glauben, dass man 1891 bei der Gründung stolz war, insgesamt 3000 Bücher im Bestand zu haben. Heute kann man sich in den Filialen alleine rund 43.000 deutschsprachige Titel (inklusive CDs und Zeitschriften) ausleihen, die nur einen Bruchteil der (hauptsächlich tschechischen) Bestände ausmachen.

Bwegen wir uns kurz noch einmal nach draußen. Dort, am linken Risalit des Gebäudes, findet man übrigens eine aus Bronze angefertigte Gedenktafel mit Büste von Vincenc Kramář, ein Werk der bekannten Bildhauerin Vlasta Prachatická , das hier 1988 angebracht wurde. Der Text, der auf eine weitere Rolle des Gebäudes hindeutet, lautet ins Deutsche übersetzt:

„Hier wirkte in den Jahren 1929-1939 der Kunsthistoriker Dr.phil.Vincenc Kramář als Direktor der Gemäldegalerie der Gesellschaft der patriotischen Kunstfreunde und der Staatlichen Sammlung alter Kunst, den Vorreitern der heutigen Nationalgalerie in Prag “.

Das verweist uns gleich darauf, dass diese Bücherei immer mehr sein sollte als eine bloße Bücherei. Kramář, ein bedeutender Kunsttheoretiker und Kenner des Kubismus, übernahm nämlich 1919 die Kunstsammlung der Privat Gesellschaft patriotischer Kunst-Freunde (Společnost vlasteneckých přátel umění), einem Kunstmäzenatenverein der alten Habsburgerzeit. Im Namen der neuen Republik verwaltete er nun die ab 1929 in der Bücherei untergebrachte Sammlung des ehemaligen Vereins und führte sie in den 1930er Jahren der neuen staatlichen Nationalgalerie zu, deren Gründervater er damit wurde. Die betreibt im zweiten Stock (Eingang von der Valentinská) immer noch eine Ausstellungshalle der Nationalgalerie, deren Schwerpunkt auf Ausstellungen moderner Kunst liegt.

Diesem Anspruch, ein über bloßen Büchereibetrieb hinausgehendes Kulturzentrum zu sein, wird auch sonst noch gerecht. Es gibt Vortragssäle und ein großes Kino mit zwei Sälen, wo kostengünstig fremdsprachige oder avantgardistische Filme oder Kinderprogramme gezeigt werden – alles auf hohem Niveau. Dem humanistisch inspirierten Auftrag, Bildung umfassend für jedermann leicht zugänglich zu machen, wird die Bücherei jedenfalls gerecht.

Den macht sie übrigens schon in der Eingangshalle deutlich durch das gigantische Kunstwerk des Bücherturms, genannt Idiom, das 1998 vom dem in Prag lebenden slowakischen Künstler Matej Kren hier installiert wurde. Der über 5 Meter hohe Turm besteht aus mehr als 8000 Büchern. Man kann ins Innere hineinschauen, wo durch raffiniert positionierte Spiegel der Eindruck von Unendlichkeit erweckt wird.

Im ersten Stock (der Eingang befindet sich am rechten Risalit) befindet sich die Residenz des Bürgermeisters (Rezidence primátora), über die wir hier berichteten. Dieses Meisterwerk an Art Déco-Einrichtung ist in der Regel nicht öffentlich zugänglich. (DD)

Der Palast, in dem Kafka zur Schule ging

Der Altstädter Ring im Herzen der Stadt kennt keinen Mangel an schönen alten Gebäuden, weshalb er bei Touristen ja auch so außerordentlich beliebt ist. Das Palais Kinský (Palác Kinských) schafft es, selbst in diesem Umfeld als besonders stattlich aufzufallen.

Das Palais wurde in den Jahren 1755 bis 1765 von dem berühmten Architekten Anselmo Lurago (früherer Beitrag hier) im Auftrag von Johann Ernst Wenzel Graf von der Goltz erbaut- weshalb er auch bisweilen Palais Goltz-Kinský genannt wird. Zuvor standen hier mehrere Renaissancehäuser. Von der Goltz verstarb allerdings kurz nach der Fertigstellung des Gebäudes und Witwe verkaufte es an Franz de Paula Fürst Kinský , der sich im Siebenjährigen Krieg als Feldmarschall der österreichischen Armee ausgezeichnet hatte.

Im hinteren Gebäudeteil ließ Graf Kinský einige Erweiterungen anbauen, aber der Gesamteindruck entspricht von außen immer noch dem, was unter von der Goltz erbaut worden war. Es handelt sich im ein typisches Werk des späten Rokoko, das schon ein wenig formstrenger daherkommt als frühere Rokokobauten und bereits Elemente des Klassizismus vorwegnimmt. Die Fassade ist durch zwei Risalite mit zwei gleich großen Eingängen strukturiert. Darüber thronen auf Höhe des Daches einige recht kolossale Skulpturen, die von dem Bildhauer Ignaz Franz Platzer stammen. Sie stellen Themen aus der antiken Mythologie (hier Sänger Orpheus) und Allegorien auf die Kräfte der Natur dar.

Auf Platzers Konto gehen auch die Entwürfe der Stuckdekoration der Fassade zurück. Möglicherweise ließ er sie von dem italienisch-schweizerischen Künstler Santino Bussi ausführen, der es in Wien zum Hofstuckateur (dort z.B wegen seiner Arbeiten am Schloss Belvedere) gebracht hatte und damals zu den europäischen „Stars“ des Gewerbes gehörte. Sie nehmen sich jedenfalls prachtvoll aus. Zuvörderst sind hier die beiden großen Stuckverzierungen der Giebel der Risaltiten zu nennen. Beide Giebel sind mit Motiven der klassischen Mythologie verziert (links oben etwa die Entführung der Europa). Sie harmonieren thematisch mit Platzer Skulpturen weiter oben.

Während in den oberen Etagen die „heidnische“ Antike regiert, wird es weiter unten wird es wieder gehörig christlich. Über den seitlichen Fenstern findet man die Darstellung der Mutter Gottes Maria und des hier abgebildeten katholisch-böhmischen Nationalheiligen Johannes Nepomuk (früherer Beitrag hier) – beides typisch für die Zeit der Gegenreformation. Die polychrome Darstellung mit Goldfassung in sorgsam elaborierten Rokoko-Kartuschen der beiden Darstellungen deuten auf einen hohen künstlerischen und handwerklichen Standard mit Liebe zum Detail hin.

Die Stuckarbeiten wurden in der Zeit des Grafen Kinský nach dem Erwerb des Palais noch einmal überarbeitet und ergänzt. So findet sich nun in der Mitte des Gebäudes über einem Fenster im ersten Stock das Wappen der Grafenfamilie Kinský; drei silberne gekrümmte Wolfszähne auf rotem Grund. Damit wurde klar und deutlich, wem der Palais von nun an gehörte.

Außen und vor allem drinnen gibt es noch viele Erinnerungen an die Geschichtes des Palais‘. Eine Gedenkplatte im Eingangsbereich erinnert zum Beispiel daran, dass hier 1843 die berühmte Friedensaktivistin und Nobelpreisträgerin Bertha von Suttner geboren wurde, die eigentlich eine geborene Gräfin Kinský war (wir werden darüber berichten). 1882 eröffnete im Erdgeschoss Hermann Kafka, der Vater von Franz Kafka sein Galanteriewarengeschäft, das 1896 aber an einen anderen Ort zieht. Der Buchladen, der sich jetzt hier befindet, ehrt immer noch den Namen Kafka. Franz Kafka selbst blieb dem Ort verbunden, denn im Gebäude befand sich zu dieser Zeit auch das Staats-Gymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Prag Altstadt, das Kafka von 1893 bis 1901 (bis zum Abitur) besuchte. Von 1922 bis 1934 befand sich im Palais die Botschaft Polens. Und 1948 soll der stalinistische Gewaltherrscher Klement Gottwald auf dem Balkon des Palais dem Volk seine Machtübernahme verkündet haben, was aber inzwischen von Historikern bezweifelt wird, die meinen, er habe dies von der Ladefläche eine Lastwagen vor dem Palais getan (was irgendwie auch besser zu einem Kommunistenführer passt).

Nachdem man sich 1989 des Kommunismus wieder entledigt hatte, musste kräftig renoviert und restauriert werden, was in den Jahren 1995 bis 2000 geschah. Seither gehört das Gebäude der Nationalgalerie, die hier ihrer Verwaltung hat und Wechselausstellungen organisiert. besucht man eine der interessanten Ausstellung, so kann man nicht mehr viel, aber doch einiges von der einstigen Ausstattung des Palais erahnen, wozu des prachtvolle Treppenhaus (Bild oberhalb) gehört, aber auch vereinzelte Stuckaturen und vor allem noch einige schöne Kachelöfen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. (DD)

Auf den Spuren Jaroslav Hašeks IV: Geburtsort in der Gendarmeriewache

Er war ein böhmischer Bohémien (ja, dieser Kalauer würde sich auf Französisch – „bohémien bohémien“ – natürlich besser machen!), der gute Jaroslav Hašek. Ein verkorkstes Genie, das sich an keine konventionellen Normen hielt. Und er war der Autor der berühmten Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války (Die Erlebnisse des guten Soldaten Schwejk im Weltkrieg), die ihn unsterblich machten. Und er war vor allem ein waschechter Prager…

Und hier in Prag findet sich auch sein Geburtshaus, das sogenannte Haus der Familie Jaroslav Hašeks (rodný dům Jaroslava Haška) in der Školská 1325/16 (Neustadt). Der wohl berühmteste und möglicherweise anarchischste Schriftsteller des Landes sah hier als Sohn eines (wie später sein Sohn zur Trunksucht neigenden) Oberschulhilfslehrers am 30. April 1883 erstmals das Licht der Welt. Kurz: Hier begann das sehr unstete Leben eines Menschen, der feste Anstellungen und feste Bindungen nie liebte, als Hundedieb, Bigamist und zeitweiser Bolschewist (wenn nicht gar Landesverräter), als Trinker und Angeber, aber vor allem als das große literarische Genie bekannt wurde, dem man dafür gerne alles andere vergab.

Auch das Haus, in dem er geboren wurde, hat so seine Geschichte. Es wurde 1842 anstelle eines früheren Hauses im spätklassizistischen Stil erbaut (und seitdem durch mehrere Umbauten leicht verändert). Schon kurz nach Fertigstellung diente es lange als Gendarmeriewache. Das ein solcherart zweckbestimmtes Gebäude dereinst das Geburtshaus Hašeks werden konnte, erstaunt jedermann, der weiß, wie sehr der Schriftsteller jedwede Obrigkeit ablehnte und mit Hohn überzog. Aber man kann sich ja seinen Geburtsort nicht aussuchen.

Heute ist man hier sicher stolz auf den berühmten Sohn des Hauses. Eine mit einer Portraitbüste versehene metallene Gedenktafel, deren Aufschrift besagt, dass der Schriftsteller hier geboren wurde, brachte man 1958 über dem Eingang an. Sie ist das Werk des akademischen Bildhauers Václav Vokálek, einem Schüler des ungleich berühmteren Bildhauers Jan Štursa.

2002 wollte der Eigner das architektonisch nicht allzu bedeutende Gebäude abreißen und durch ein neues Gebäude ersetzen lassen. Eine švejkianisch inspirierte Bürgerinitiative schaffte es aber noch gerade rechtzeitig, bei der Statdverwaltung einen Antrag auf Anerkennung als Kulturdenkmal durchzupeitschen. Und so steht Hašeks Geburtshaus hier immer noch. (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

Und auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks II: Im U Kalicha

Ebenso: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Humanist ohne Sektiererei

Der europäische Humanismus – hatte der nicht seine Wiege in Italien? Oder zumindest in Westeuropa? Dass ausgerechnet das heutige Weißrussland einen frühen der großen Vertreter des Humanismus hervorgebracht hat, wissen nur die wenigsten Menschen im Westen.

Auf Francysk Skaryna (bisweilen auch Skoryna geschrieben) kommt man nur, wenn man die Straßenbahn im Burgbezirk kurz nach der Burg verlässt und den kleinen Park bei der Jelení 196/15 (Prag 1, Hradčany) aufsucht, wo etwas verloren und einsam sein Denkmal steht.

Der war Pionier der Druckkunst und veröffentlichte im Jahre 1517 – also in dem Jahr, als Martin Luther mit den 95 Thesen die Reformation startete – die erste Bibel in der Region, die nicht im offiziellen Kirchenslawisch geschrieben war, sondern sich der ortsüblichen aktuellen Sprache, des Altweißrussischen bediente. Das war revolutionäre Volkstheologie. Sein Nachruhm lebt hauptsächlich aus ebendieser Übersetzung der Bibel in eine moderne Sprache weiter, aber darin erschöpfte sich sein Talent bei weitem nicht.

Er war viel in der Welt herumgekommen, hatte in Polen an der Krakauer Universität studiert und machte 1512 sogar in Padua sein Diplom. Irgendwann war er als Orthodoxer zum Katholizismus konvertiert, publizierte aber weiterhin für ein orthodoxes Publikum. Enge Sektiererei lag ihm fern. Tatsächlich reklamieren beide Konfessionen ihn heutzutage für sich und die Experten streiten immer noch, was er denn in Wirklichkeit eigentlich so religiös vertreten habe.

1522 gründete er in Vilnius (heute Litauen) seine erste Druckerei, deren Bücher als ästhetisch besonders sorgfältig gemacht galten und heute gesuchte bibliophile Raritäten sind. Darunter waren vor allem viele Schriften zur religiösen Erbauung, aber auch Reiseberichte und ähnliches. In den 1530er Jahren versuchte er, sein Geschäft nach Moskau zu erweitern, was aber zum Misserfolg wurde. 1532 arbeite er wieder in Vilnius, diesmal als Arzt und als Berater des örtlichen Bischofs.

Und dann, um 1534, verschlug es ihn nach Prag, weshalb wir hier auch sein Denkmal sehen. In den Königlichen Gärten bei der Burg bewies er sein Talent als Chefbotaniker für Kaiser Ferdinand I.. Es heißt, er habe auch als Professor an der Karlsuniversität gelehrt. Und in Prag starb er auch um 1552.

Im Oktober 1996 stellte man hier am Jelení (Hirschgraben) bei den Königlichen Gärten eine Statue zu seinen Ehren auf. Die rund 2.30 Meter große Figur wurde von dem weißrussischen Bildhauer Eduard Astafiev erstellt. Die Beschriftung ist in Kyrillisch gehalten – inklusive der aufgeschlagenen Bibel, die der Gelehrte in den Händen hält. Deshalb steht am Wegesrand eine kleine Tafel, die auf Tschechisch besagt: „An diesen Orten arbeitete er als königlicher Botaniker, ein bedeutender weißrussischer Humanist, Gründer des ostslawischen Buchdrucks Francisk Skorina (Francišak Skaryna)“ (DD)

Roter Dichter, früh verstorben

Wie geht man mit Denkern und Künstlern um, die als Apologeten des Kommunismus in Erscheinung traten, die aber selbst keiner aktiven Beteiligung an Verbrechen schuldig waren? Vor allem in einem Land, das die kommunistische Unterdrückung durchleiden musste?

Nun, auch dann gilt im Zweifelsfalle die Unschuldsvermutung, zumindest, wenn kein direkter Aufruf zu Gewalt erfolgte. Kunst muss schließlich frei sein. Deshalb steht das Denkmal von  Jiří Wolker immer noch im Park Přátelství (Park der Freundschaft) im von Plattenbauten beherrschten Stadttteil Prosek. Es wurde dort auch noch in kommunistischer Zeit, genauer: 1987, aufgestellt. Gestaltet wurde die Statue 1984 von dem Bildhauer Miloslav Šonka, der in diesen Zeiten recht häufig der realsozialistischen Heldendarstellung frönte. Heute befindet sich eine kleine Infotafel neben dem Denkmal, das über den Dargestellten informiert.

Aber wer war Wolker? Der war 1921, als er im Alter von 21 Jahren seine erste Gedichtsammlung Host do domu (deutscher Titel: Gast ins Haus) veröffentlichte, ein Jungstar unter den tschechischen Dichtern der Zeit. Mit seiner einfachen und klaren Poesie versuchte er, die Not der proletarischen Bevölkerung hautnah zu schildern. Theaterstücke und Prosawerke folgten. Er wurde zu einem der Hauptvertreter der tschechischen proletarischen Dichtung. Wie viele seiner Gesinnungsgenossen in der Künstlerwelt kam er allerdings, so muss hinzugefügt werden, aus einen großbürgerlichen Hause.

1921 gehörte er zu den Gründern der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei. Man wird nie wissen, wie er sich verhalten hätte, als der KP-Vorsitzende  Klement Gottwald die Partei 1929 nach stalinistischem Muster organisierte („säuberte“) und damit den Exodus oder Hinauswurf vieler freigeistiger Schriftsteller, etwa Vladislav Vančura (früherer Beitrag hier), bewirkte. Einen gewissen Hang zum Dogmatismus zeigte er, als er 1922 die Künstlervereinigung Devětsil, der auch bürgerlich-demokratische Dichter wie František Halas angehörten, verließ, weil sie ihm zu unpolitisch war. Auf jeden Fall konnte er sich aber nicht mehr wehren, dass die Kommunisten ihn posthum zur proletarischen Kultfigur stilisierten (wovon das Denkmal in Prosek Zeugnis ablegt).

1923 erkrankte er an Tuberkulose. Auch ein Sanatoriumsaufenthalt in der Tatra erbrachte keine Besserung. Das Ende war abzusehen. Er blickte ihm mutig ins Auge und schrieb sogar das Epitaph für seinen Grabstein:

Hier liegt Jiří Wolker,
ein Dichter, der die Welt geliebt,
und für deren Gerechtigkeit ging er sich schlagen.
Doch noch bevor zum Kampf er zog sein Herz,
starb er – mit 24 Jahren.

Sein frühzeitiger tragischer Tod als junger Mensch und die Gradlinigkeit seiner Dichtung machten ihn auch über das eigene politische Lager hinaus populär und sicherten trotz seiner kommunistischen Anschauungen seinen Nachruhm. (DD)

Schriftsteller und Lehrer

Vinohrady (Prag 2) war vor allem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts so etwas wie ein Literatenviertel. Jaroslav Hašek oder die Brüder Karel und Josef Čapek sind nur einige der großen Namen, die man mit diesem Stadtteil verbindet. Einer der heute weniger bekannten, aber damals sehr angesehenen Schriftsteller, der hier wohnte, war Karel Václav Rais.

An zwei Orten erinnert man sich bis heute seiner. In der Čermákova 1154/3 befindet sich das Haus, in dem er im Juli 1926 starb. Eine Plakette mit Büste, die von dem Maler und Bildhauer Antonín Bílek, dem Bruder des ungleich bekannteren Bildhauers František Bílek, über den wir bereits hier berichtet haben, im November 1928 geschaffen wurde, befindet sich auf Höhe des ersten Stocks. Das Haus selbst, in dem Rais seine letzten Jahre verbrachte, wurde 1901/02 von dem Architekten Antonín Polívka im Neo-Barockstil erbaut und wird Dům U Matky Boží (Haus der Gottesmutter) genannt.

Eine Marienstatue mit Jesuskind in einer mit einem Baldachin überdeckten Nische ist auf Höhe des 2. Stocks über der Büste von Rais angebracht. Sie hat dem Haus wohl den Namen eingebracht. Sie ist passend zum neobarocken Stil des Hauses gehalten. Der Bildhauer ist nicht bekannt.

Und noch ein Gebäude erinnert an Rais, nämlich eine Schule. Rais gehörte nämlich zur literarischen Schule des Realismus. Seine manchmal hoch dramatischen Romane und Geschichten, drehten sich oft um familiäre und und soziale Spannungen. Viele spielen im böhmischen Bergland. Gleichzeitig hatte er eine Ader für das Didaktische, das sich in einigen lehrreichen Jugendbüchern niederschlug.

Das verwundert nicht, denn Rais war auch Lehrer in Vinohrady. Von 1887 bis 1899 arbeitete er am Mädchen-Gymnasium an der Šumavská 920/37, das heute ein Kindergarten ist. Das Gebäude wurde 1896/97 von dem Architekten  Antonín Turek (siehe auch hier) im Stil der Neorenaissance erbaut. Die Plakette, die den Schriftsteller im Seitenprofil zeigt, wurde dort 1929 angebracht. Sie wurde vom Bildhauer Karel Pokorný gestaltet (siehe auch hier) und trägt den seinem realistischen Anliegen entsprechenden Wahlspruch Rais‘: Já vždycky s lidem – Ich bin immer mit den Menschen. (DD)

Kafka beim Hecht

Man muss weit nach oben schauen, bis man den Hecht sieht. Die meisten Passanten bemerken ihn wohl gar nicht erst. Dabei sieht er mit seinem vergoldeten schnabelförmigen Maul, das zu grinsen scheint, eigentlich doch recht putzig aus.

Wirkliche Berühmtheit hat das fünfstöckige Haus U Zlaté Štiky (Zum Goldenen Hecht) an der Ecke Masná 705/1 und Dlouhá 705/16 inmitten der Altstadt aber nicht wegen des Hechtes erlangt. Vielmehr handelt es sich um eines der Häuser, die dereinst der große Schriftsteller Franz Kafka bewohnt hatte. Der unstete Kafka lebte hier in einer Wohnung mit Eckzimmer von März 1915 bis Februar 1917.

Kafka ging, der Hecht blieb. Er ist Relikt eines älteren Hauses, das hier vorher stand. Es handelt sich um ein barockes Hausschild, das zu einer kleinen Brauerei gehörte, die den Namen Zum Goldenen Hecht trug und anscheinend auf das 15. Jahrhundert zurückverfolgbar ist. Die barocke Umgestaltung des ursprünglich gotischen Hauses erfolgte im 17. Jahrhundert. 1913 ersetzte man das Ganze durch das Jugendstilgebäude, das man heute hier sieht, und das Kafka bewohnte.

Es ist anzunehmen, dass das Hausschild mit dem Goldhecht ursprünglich über dem Eingang im Erdgeschoss hing und somit deutlicher sichtbar war. Mit dem Neubau von 1913 verfrachtete man es – als einziges Überbleibsel des Barockbaus – nach oberhalb des dritten Stocks.

Unter dem in eine rechteckige Kartusche gefassten Fisch steht ein Hausmotto, das in Deutsch etwa lautet: „Dieses Haus wird von der Hand des Herrn geschützt, wir nennen es Zum Goldenen Hecht.“ (DD)