Zwei Kannen – nebeneinander

Einmal in Gold und einmal in Silber. Die Hausschilder des Hauses zur Goldenen Kanne (dům U Zlaté konvice) in der Melantrichova 477/20 und des Hauses zur Silbernen Kanne (dům U Stříbrné konvice) direkt daneben in der Melantrichova 476/18 scheinen Rätsel aufzugeben. Warum zweimal nebeneinander das gleiche Motiv; warum einmal in Gold und einmal in Silber?

Das Haus mit der silbernen Kanne als Hausschild wirkt jedenfalls auf den ersten Blick älter als das mit der goldenen. Der Kern und Ursprungsbau war zwar ursprünglisch hochgotisch (um 1400), aber die zur engen Melantrichova (eine der beliebtesten Touristenpromenaden der Altstadt) hingewandte Fassade ist eindeutig im Stil des Barock gehalten. Im frühen 18. Jahrhundert wurde das ursprünglich einstöckige Haus (was es auf der Rückseite hin zur Straße Kožná immer noch ist) in ein zweistöckiges umgebaut, wobei die Fassade eben völlig erneuert wurde. Dafür dürfte Jakub Minetti, der reiche Abkömmling einer Mailänder Händlerfamilie, die es in Prag zum Adelsstand brachte, verantwortlich gewesen sein, der das Haus Ende des 17. Jahrhunderts erworben hatte. Zuvor hatte er schon das in der unmitelbaren Nähe Prachthaus Na Kamenci an der Ecke Altstädter Ring (Nr.478/26) erworben, womit er zuden großen Immobilienbesitzern der Gegend gehörte (wir berichteten hier). Das Hausschild mit der Kanne ist auch von einer spätbarocken Kartusche im Rokokostil umgeben, die ausgesprochen fein mit Rocaillen elaboriert ist.

Das ebenfalls zweistöckige, aber etwas breitere Haus mit der Goldkanne ist auch im Mittelalter entstanden und wurde in der Renaissance um 1553 und um 1700 im Barockstil erheblich umgestaltet. Sein heutiges Aussehen, das deshalb etwas moderner wirkt als das „silberne“ Nachbarhaus, verdankt es aber einem Umbau Ende des 18. Jahrhundert, den der Architekt Zachariáš Fiegert (den wir bereits hier erwähnten) im klassizistischen Stil durchführte. Das Hausschild über dem breiten Eingangsportal ist daher auch nicht von solch einer fein ausgearbeiteten Kartusche umrahmt und strenger klassizistisch gehalten. Das oberste Stockwerk wurde übrigens erst im späten 19. Jahrhundert ergänzt, aber stilistisch so feinfühlig, dass man es nicht bemerkt.

Auf der Höhe des ersten Stocks befindet sich eine Gedenktafel mit Portraitrelief für Josef Král. Der war ein Philologe und Bibliothekswissenschaftler, der zu seiner Zeit besonders als tschechischer Übersetzer der Autoren der Antike bekannt und beliebt war, deren Werke er geschickt unter Berücksichtigung des alten Versmaßes in seine Muttersprache übertrug – was ich mir bei meinem mageren Wissen um das Tschechische als recht schwierig vorstelle. Der Text auf der Tafel lautet: „Der klassische Philologe Josef Král wurde am 18. Dezember 1853 in diesem Haus geboren. Gestiftet von der Union der tschechischen Philologen.“ Gestaltet wurde die Tafel 1937 von dem akademischen Bildhauer Josef Drahoňovský.

Was aber die Frage, warum hier zwei Häuser nebeneinander in verschiedenen Zeiten die Kanne als Hausschild bekamen, wenngleich in verschiedenen Farben. Hausschilder waren in Zeiten, als es noch keine regulären Hausnummern gab, so etwas wie das Identifizierungsmerkmal von Häusern. Aber nicht nur: Oft wiesen sie auch auch das Handwerk hin, das im Hause betrieben wurde (ein Beispiel zeigten wir hier). Gab es es hier benachbarte Kannenverkäufer oder Kannengießer? Im 18./19. Jahrhundert war die kleine Straße Melantrichova, wo die Häuser liegen, und die direkt zum Altstädter Ring (Staroměstské náměstí) führt, als die Schwefelgasse (Sirková) bekannt, weil hier die Schwefelhändler ihren Sitz hatten. Das hat wenig mit den Kannen zu tun. Die Sache bleibt also im Dunklen. Für Hinweise bin ich dankbar. (DD)

Große Schauspielerin mit Anliegen

Von ihrem Sockel aus könnte die Statue eine traumhafte Aussicht genießen, wäre sie lebendig. Auf jeden Fall hat man dem Gedenken an die ausgesprochen emanzipierte Schauspielerin Hana Kvapilová einen prominenten Platz eingeräumt. Direkt neben dem hübschen Sommerpalast (letohrádek Kinských) der Fürsten Kinský, in dem sich heute das Volkskundemuseum (wir berichteten hier) befindet – mit Blick auf die Auen des parkhaften Kinský Gartens (Zahrada Kinských) und die steilen Höhen des Petřínbergs.

Die 1860 als Johanna Kubesch (was sie später in Kubešová tschechisierte) Geborene hatte von Anfgang an viel Bildung und einen Drang zur persönlichen Freiheit und Selbstbestimmung mitbekommen. So war sie 1871-75 auf die Prager Höhere Schule für Mädchen (Vyšší dívčí škola) gegangen, die zu den ersten höheren Bildungseinrichtungen für Mädchen in Böhmen überhaupt zählte. Klavierunterricht nahm sie bei keinem Geringeren als Antonín Dvořák. Als 1873 die Firma ihres Vaters pleite ging und die Familie in Armut verfiel, arbeitete sie in mehreren Jobs, um zu helfen. 1884 stieß sie dabei auf ein Kleintheater, wo sie ihr Debut feierte. Ihr Talent wurde bereits erkannt und sie bekam ungehend mehrere Rollen in verschiedenen Theatern angeboten, so dass sie 1886 beschloss, die Schauspielerei voll beruflich zu betreiben. Sie heuerte bei dem in Prag-Smíchov ansässigen Švanda Theater (Švandovo divadlo) an, das Tourneen durch ganz Böhmen organisierte. Während der Tourneen verliebte sie sich in ihren damals ungleich bekannteren Kollegen Eduard Vojan (wir erwähnten ihn hier) und verlobte sich mit ihm 1887.

Sie war solch ein Erfolg, dass sie schon 1888 nicht mehr auf Tour musste. Sie stieg in den tschechischen Theater-Olymp auf und wurde beim prestigeträchtigen Nationaltheater (Národni divadlo) in Prag angestellt, wo sie in der zeitgenössischen, von Jaroslav Vrchlický verfassten Komödie Noc na Karlštejně (Eine Nacht in Karlstejn, 1884; heute in der Filmmusicalversion der 1970er Jahre bekannt) debütierte. Jetzt ging es nur noch aufwärts. Privat fand sie – Vojan war inzwischen „abgehäkelt“ – neues Glück, als sie 1890 bei den Proben zu dem Stück Die Sieben Raben (Sedm havranů) den Regisseur Jaroslav Kvapil kennen- und lieben lernte. Den damals schon berühmten Dichter, Schrifsteller, Librettisten (er schrieb 1901 das Libretto zu Antonín Dvořáks Oper Rusalka), Freimaurer und Regisseur heiratete sie 1894 und nahm fortan den Namen Kvapilová an.

Es kamen immer größere und anspruchsvollere Rollen, etwa die der Ophelia in Shakespeares Hamlet. Aber es waren nicht nur die bewährten Klassiker, die sie berühmt machten. Mit ihrem Mann teilte sie vor allem ausgesprochen fortschrittliche Überzeugungen. Das schlug sich auch Rollen nieder. Sie nahm immer mehr Rollen in zeitgenössischen sozialkritischen an, die sich mit der Selbstbestimmung (bzw. negativ mit der Fremdbestimmung) der Frau auseinandersetzten. Dazu gehörten Auftritte in Anton Tschechows Stück Drei Schwestern oder auch Henrik Ibsens Stück Nora oder ein Puppenheim (sie war die erste Nora-Darstellerin in Böhmen überhaupt). Wegen ihrer offen geäußerten Ansichten und ihrer darauf fußenden realistischen Schauspielkunst wurde sie unter konservativen Kritikern zur Zielscheibe, wie zum Beispiel der Dramatiker und Schriftsteller Jaroslav Hilbert (wir erwähnten ihn bereits hier), der sie 1903 in einem Beitrag heftig angriff. Dem standen aber unzählige begeistere Anhänger gegenüber und immer mehr Kritiker sahen in ihr eine große Pionierin der modernen Schauspielerei. Sowohl als Schauspielerin als auch als durchaus politische Person kam ihr letztlich allenfalls noch die berühmte Otýlie Sklenářová-Malá an Bedeutung nahe (wir berichteten hier). Sie war eine große Schauspielerin mit Anliegen.

Auch ihr internationaler Ruhm wuchs und wuchs. Sie ging auf internationale Kurz-Tourneen, von denen die nach Zagreb und Belgrad in den Jahren 1902 und 1906 besonders große Erfolge waren. In Belgrad bekam sie sogar den vom König gestifteten Sankt-Sava-Orden verliehen – eine der höchsten Auszeichnungen des Königreichs Serbien.

1907 verstarb sie plötzlich im Alter von nur 46 Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Eine in der Familie wohl als Erbkrankheit vorkommende Diabetes ließ sich nicht kurieren (das Insulin als Medizin wurde erst in den 1920er Jahren entdeckt). Ihr Mann wurde von dem Verlust schwer getroffen, und verschwand danach weitgehend aus der Öffentlichkeit (nur 1917 tauchte er noch einmal als Unterzeichner eines Manifests für die Unabhängigkeit des Landes von der Habsburger Monarchie prominent auf).

Die Asche seiner Frau ließ Kvapil im Kinský Garten begraben, in dessen Nähe sich bis heute das Švanda Theater befindet, wo Hana Kvapilová einst ihre Schauspielkarriere begann. Im Jahre 1914 wurde an ebendieser Stelle ein Denkmal für Hana Kvapilová errichtet. Die etwas überlebensgroße, auf einem Sockel sitzende Statue ist das Werk des bekannten Bildhauers Jan Štursa, den wir in diesem Blog u.a. schon hier und hier erwähnten. Štursa galt damals als einer der großen modernen Bildhauer, der zu den Hauptvertretern des Kubismus gehörte. Das Denkmal für Hana Kvapilová ist jedoch in hohem Maße dem traditionellen Klassizismus verpflichtet, was vielleicht nicht so ganz mit der Modernität der Ideenwelt der Schauspielerin im Einklang stehen mag. Aber umso mehr passt es sich ästhetisch in das architektonische Umfeld des Sommerpalastes ein. Es ist ein schöner Ort, der dem Denkmal, so wie es ist, viel Würde verleiht. (DD)

Sozialist aus dem Palast

Er wurde immerhin in einem ehemaligen Adelspalast geboren, der sozialiststische Publizist und Schriftsteller Josef Boleslav Pecka, der heute vor 125 Jahren, am 25. Juli 1897, im fernen Chicago starb.

Um fair zu bleiben: Im Gegensatz zu vielen heutigen Lifestyle-Linken war Pecka tatsächlich Arbeiter, der sich in seiner Jugend wechselweise als Weber und Gießer seinen Lebensunterhalt hart verdient hatte. Und sein Geburtsort, der Schlick Palast (Šlikův palác) war damals schon lange kein echter Palast mehr. Mitte des 17. Jahrhunderts hatte die Adelsfamilie Schlick hier tatsächlich aus älteren zwei Häusern einen Barockpalast zusammengebaut, der 1845 auf Veranlassung eines späteren Besitzers von dem Architekten Johann Heinrich Frenzel in das klassizistische Gebäude umgewandelt wurde, das wir heute hier sehen. Dabei wurden Wohnungen zum Vermieten eingerichtet. Ein Teil wurde ab 1875 sogar als Waisenhaus genutzt. Ergo wurde Pecka zwar im Palast, aber garantiert in einer kleinen Wohneinheit geboren.

Aber nun mehr zur Person: Als echter Arbeiter hatte er sich früh für die Lehren des deutschen Sozialisten Ferdinand Lassalle begeistert und gründete in den 1870er Jahren die ersten Zeitungen und Zeitschriften der Arbeiterbewegung, etwa die Zeitung Dělník (Arbeiter) oder ab 1878 die ungleich bekanntere Zeitschrift Dělnické listy (Arbeiter-Blätter). Im Jahr 1874 gehörte er zu den Gründern der Vereinten Österreichischen Sozialdemokratischen Partei (die Vorgängerin der heutigen SPÖ), die sich allerdings bald aufspaltete, so dass ab 1897 eine völlig eigenständische böhmische Partei der Sozialdemokraten entstand. Ab 1881 wurde der Obrigkeit das Ganze so ungeheuer, dass gezielt Sozialdemokraten wegen Aufruhranstiftung verurtelt wurden. Pecka wurde 14 Monate ins Gefängnis gesteckt. Seine weiteren Aktivitäten danach wurden immer wieder behindert, weswegen er 1885 in die Vereinigten Staaten auswanderte. An die publizistischen Erfolge seiner böhmischen Zeit konnte er dort nicht wieder voll anknüpfen. Er starb 1897 in Chicago, wo es eine große tschechische Exil-Community gab, für die 1877 sogar ein eigener Tschechischen Nationalfriedhof eingerichtet worden war, auf dem Pecka dann auch beerdigt wurde.

Es gibt kein Anzeichen dafür, dass Pecka totalitäres kommunistisches Gedankengut vertrat, aber die Kommunisten, die 1948 die Macht in der Tschechoslowakei ergriffen, sahen in ihm ein Teil des „progressiven“ Traditionsbestandes und vereinnahmten ihn einfach. Also wurde eine Gedenkplakette am Schlick Palast am Pohořelec 111/25 im Burgbezirk angebracht, dort wo Pecka geboren wurde. Die Aufschrift lautet: „In diesem Haus wurde am 19. Januar 1849 Josef Boleslav Pecka, einer der ersten Vorkämpfer des Sozialismus, geboren. Er starb 1897 in Chicago.“ Die Plakette mit einem kleinen Portraitmedaillon gestaltete der Bildhauer und Keramiker Václav Vokálek, immerhin ein Schüler des bedeutenden Josef Václav Myslbek (dem wir die Reiterstatue des Heiligen Wenzel auf dem Wenzelsplatz verdanken) und des ebenso bedeutenden Jan Štursa. Vokálek hatte schon vor den Zweiten Weltkrieg eine größere, auch internationale Bekanntheit erreicht, und blieb auch in kommunistischen Zeiten gefragt und nahm führend bei der Gestaltung der großen Prager Ausstellung zum 40. Gründungstag der Kommunistischen Partei 1961 teil. In den 1960er Jahren dürfte auch die Gedenkplatte für Pecka entstanden sein – handwerklich solide, aber nicht von den Vorgaben des biederen Sozialistischen Realismus abweichend. (DD)

Palais mit Musik

Heute sind es besonders die Musikliebhaber, die das Palais Liechtenstein (Lichtenštejnský palác) zu schätzen wissen. Er schließt mit seiner enormen Größe fast die ganze westliche Seite des Kleinseitner Rings (Malostranské náměstí 258/13) ab. Heute ist das Gebäude der Sitz der Fakultät für Musik und Tanz der Akademie der Darstellenden Künste. Es gibt den dazugehörigen Konzertsaal und ein Musiktheater. Ein Musikladen im Erdgeschoss rundet das Ganze ab.

Aber natürlich ging es ursprünglich nicht um Musik, als der Palast erbaut wurde. An der Stelle des heutigen Palais standen seit dem 15. Jahrhundert fünf kleinere Häuser, die ab 1620 baulich zu einem großen Palastgebäude im barocken Stil zusammengefasst wurden. Dafür zeichnete sich Karl I. von Liechtenstein verantwortlich. Der hatte sich beim Ständeaufstand von 1618 (den man mit dem Zweiten Prager Fenstersturz verbindet) klar auf die Seite der Habsburger gestellt. Für sie organisierte er anschließend 1621 die blutige Hinrichtung von 27 Anführern der protestantischen Seite auf dem Altstädter Ring (früherer Beitrag hier).

Das hat ihm bei den Tschechen, deren Freiheit er damit für lange Zeit beendete, einen nachhaltig schlechten Ruf eingetragen. Noch 1993 stellte man vor dem Palais 27 Poller als Parkplatzbegrenzung auf, die die stilisierten Gesichter der Hingerichteten tragen – ein Werk des Bildhauers Karel Nepraš, über das wir hier berichteten. Und wo einst am Giebel das Wappen der Liechtensteiner prangte, ist heute eine Leerstelle, wie man im kleinen Bild rechts sieht. Die Tschechen sind hier sehr nachtragend, wenn es um ihn geht.

Für ihn selbst war die Sache allerdings äußerst einträglich, nicht zuletzt, weil er sich an dem konfiszierten Eigentum der Besiegten gütlich tun konnte. Deshalb konnte er sich den neuen Palais, der 1638 fertiggestellt wurde, spielend leisten. Karls Nachfahren verpachteten den Palais von 1742 bis 1790 an die Post und lange Zeit war es dadurch Prags einziges – und eigentlich recht überdimensioniertes – Postamt.

1791 ließen die Liechtensteiner das Gebäude von dem Architekten Matthias Hummel grundlegend umgestalten. Die einheitliche klassizistische Fasade, die wir heute sehen, ist sein Werk. Bis 1848 nutzte es die Familie oft zur Förderung der Künste, etwa durch große Ausstellungen. Danach übernahm es das Militär. Bis 1918 diente das Palais als Hauptquartier der k.u.k.-Armee in Böhmen und auch die Tschechoslowakische Armee nutzte es nach der Unabhängigkeit entsprechend. Während der Nazi-Besetzung nahm es die Wehrmacht in Beschlag.

Erst nach dem zweiten Weltkrieg gelangte es – inzwischen enteignet und verstaatlicht (weil man die Liechtensteiner- möglichereise als späte Rache für Karls Taten – etwas dreist einfach unter „Deutsche“ subsummierte) , was immer noch zu Disputen mit der Fürstenfamilie Liechtenstein führt – in zivile Hände. Ab 1960 diente der Palais etwa als Ausbildungsstätte der Kommunistischen Partei. Nach dem Fall des Kommunismus renovierte man das etwas abgenutzte Gebäude und übergab es 1991 der Akademie der darstellenden Künste, die es immer noch erfolgreich nutzt. Heute bietet das inzwischen renovierte Gebäude eine Plattform, auf der sich die darstellenden Künstler auch tatsächlich darstellen können.

Heute befinden sich in dem Gebäude nicht nur Unterrichtsräume, ein Tonstudio, kleine Musikräume oder Musiklabore, oder auch ein kleines Theater für avantgardistische Aufführungen (das Inspirationstheater – Divadlo Inspirace) sondern vor allem der Bohuslav-Martinů-Saal (sál Bohuslava Martinů), der zu den renommiertesten Konzerthallen der Stadt gehört (siehe großes Bild oben). Der war schon zu Liechtensteiner Zeiten – wenngleich noch nicht nach dem modernen Komponisten Bohuslav Martinů benannt – ein Prachtsaal im klassizistischen Stil. Im Treppenhaus davor hat man eine Büste des unter den Kommunisten eher verpönten Komponisten aufgestellt. Mit der Gründung der Akademie der Darstellenden Künste wurde er dann zum Konzertsaal umfunktioniert. Das klappte auch, weil die Akkustik erstaunlich gut ist. Mitte der 1990er Jahre renovierte man das Ganze noch einmal aufs Neue. Dabei wurde eine neue Orgel der 1845 gegründeten, aber leider 2015 insolvent gewordenen böhmischen Traditionsfirma Rieger Kloss eingebaut.

Seit einigen Jahren gibt es auf noch Open-Air-Vorführungen, denn man hat die Potentiale des Innenhofes des Gebäudes entdeckt. An lauschigen Sommerabenden kann man oft Musik genießen, die man sonst nicht zu hören bekommt. Das Bild zeigt eine Inszenierung aus dem Jahr 2019, nämlich die lange verloren geglaubte und wieder rekonstruierte Barockoper Libussa e Primislao durch das Ensemble Music Florea, das aus der Akademie hervorgegangen ist. Ein Erlebnis – und nicht das einzige, dass hier schon geboten wurde.

Ach ja, hinter dem Trakt mit dem Konzertsaal liegt noch ein kleiner Garten, der normalerweise nicht öffentlich zugänglich ist, den man aber von oben aus dem Fenster des Saales schön betrachten kann. Da kann man in einer Ecke eine Statue von Franz Schubert beäugen, die bei ihrer Aufstellung 2009 ein wenig Furore machte. Sie ist ein Werk der Bildhauerin Anna Chromy, die bei ihren Werken immer ein wenig zwischen Kitsch und augenzwinkernder Ironie schwankt. Das können etablierte akademische Künstler meist nicht leiden. Dass das Publikum so etwas liebt, macht es noch schlimmer für sie. Jedesmal, wenn eines von Chromys Werken aufgestellt wird, gibt es Protest (wir berichteten hier). Eigentlich finde ich den Schubert, der während der Covid-Panik eine Maske aufgesetzt bekam, gar nicht so kitschig. Aber er wurde trotzdem inzwischen in den Hintergarten verbannt… So ist es, wenn sich Kunstakademien und Künstler zu ernst nehmen… (DD)

Umfassende Hilfe für Blinde

Als kleines Kind hatte Alois Klar sich nach einem Sturz eine schwere chronische Sehbehinderung zugezogen. Trotzdem legte er eine steile akademische Karriere hin. Erst Gymnasialprofessor in Litoměřice (1786), dann Professor für Altphilologie an der Karlsuniversität (1806), schließlich Dekan der Philosophischen Fakultät (1820). Er hatte gezeigt, dass man es auch mit Sehschwäche schaffen konnte. Und er wollte, dass andere auch diese Chance erhielten, um nicht als Blinde von bloßer Barmherzigkeit anderer abhängen zu müssen. Kurz: Er gründete das Klar’sche Institut für Blinde (Klárův ústav slepců).

1807 hatte Klar schon zusammen mit Prokop Ritter von Platzer die Prager Blinden-Erziehungs-Anstalt ins Leben gerufen, die später durch ein zweites Institut, die Heilanstalt für unbemittelte Augenkranke, ergänzt wurde. Die Finanzierung kleiner Gebäude und der Ausstattung in der Burgstadt verdankte man einer Sammlung und der Förderung des damaligen Oberstburggrafen Josef Graf von Wallis. Das war ein kleiner Anfang. Den Unterricht für die Kinder übernahm oft Klars Frau Rosina. Aber Klar strebte nach größerem. 1832 – ein Jahr nach seiner Emeritierung – rief er das Prager Privat-Institut für arme blinde Kinder und Augenkranke und begann mit einer großen Sammlung. Die wurde ein Erfolg. Sogar Kaiser Franz I. ließ sich nicht lumpen und spendete ein Stück Land an der Prager Kleinseite. Die Fertigstellung erlebte Klar nicht mehr, denn er starb 1833. Aber auf dem gespendeten Grundstück an der heutigen Pod Bruskou131/3 wuchs ab 1836 ein riesiges Gebäude heran, in dem Klars Werk vollendet werden sollte.

Klar hatte noch seine für damalige Zeit höchste modernen Vorstellungen über den Betrieb darlegen können, nach denen nun verfahren werden sollte. Es war ein „ganzheitliches“ Konzept, das lebensnahe Bildung, sportliche Leibesertüchtigung, Heilung und moralischen Beistand (wofür u.a. eine große Kapelle des Erzengels Rafael gebaut wurde) vereinte. Viele Ideen dazu hatte er sich bei Johann Wilhelm Klein geholt, der 1826 die Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde in Wien gegründete hatte und als eine der führenden Kapazitäten der Blindenfürsorge in Europa galt. Als 1844 das von den Architekten Vincenc Kulhánek und dem berühmten Dombaumeister Josef Kranner (siehe auch hier) eingeweiht wurde, führte bereits Alois Klars Sohn Paul Alois Klar dessen Lebenswerk fort und leitete die Anstalt. Ab 1880 übernahm der Enkel von Alois, Rudolf Maria Ritter von Klar (inzwischen wurden nämlich die Verdienste der Familie durch einen Adelstitel anerkannt) die Blindenanstalt, die weiterhin als eine vorbildliche Institution galt. Nach dessen Tod im Jahre 1898 wurde Emil Wagner der Direktor.

Unter dem Ritter von Klar hatte die Anstalt eine große Wachstumsphase durchlebt. In den Jahren 1884/85 wurde der Bau daher erweitert und damit endgültig fertiggestellt. Aber der Grundcharakter des streng und schlicht gestalteten zweiflügeligen klassizistischen Gebäudes mit seinem Mittelrisalit blieb. Auf dessen Giebel befindet sich ein Relief des Bildhauers und Malers Josef Max. Es stellt ein passendes alttestamentarisches Motiv dar, nämlich wie Tobias seinen blinden Vater (mit Fischgalle) wieder sehend macht (zum Nachlesen: Bibel Tobias 6). Er wird vom Erzengel Rafael begleitet, dem ja – recht folgerichtig – auch die recht große Kapelle der Anstalt gewidmet ist, deren kleinen Glockenturm mit seinem vergoldeten Ziffernblatt man über dem Gebäude sehen kann. Auf dem Relief sieht man auch einen kleinen Hund, der an dieser Stelle in der Bibel nicht vorkommt. Das musste aber einfach sein, weil die Tschechen ja Hundenarren sind und so etwas lieben.

Des Ritters Nachfolger Wagner baute die Anstalt noch einmal kräftig aus. Denn es gab ja noch viel Platz. Das Grundstück, auf dem das bereits recht groß dimensionierte Gebäude stand, bot die Möglichkeit eines zusätzlichen neuen Gebäudes. Ein kleiner Park trennte nun das alte vom neuen Haus, das dann in den Jahren von 1906 bis 1909 durch den Architekten Josef Piskač errichtet wurde. Das am heutigen Nábřeží Edvarda Beneše 627/3 erbaute Bauwerk war stilistisch grundverschieden von dem alten klassizistischen Gebäude.

Es herrschte ein opulenter, durch Erker und Türme dekorierter Neorenaissance-Historismus vor, der durch Jugendstil-Ornamentik ergänzt wurde. Unter anderem wurden ein Schwimmbad und eine Turnhalle eingebaut. Man blieb weiterhin an der Spitze des Fortschritts in Sachen Blindenpädogogik.

Die beiden Gebäude dienen heute nicht mehr ihrem gemeinsamen Zweck. Ein kleines Mäuerchen mit Zaun trennt sie heute sogar. Denn das neue, unter Wagner erbaute, Gebäude beherbergt heute die örtliche Bezirksstaatsanwaltschaft. Leider befindet sich das Haus in einem recht heruntergekommenen Zustand, er seiner historischen Bedeutung nich gerecht wird. Man kann nur hoffen, dass da irgendwann einmal etwas unternommen wird.

Und auch das alte Gebäude (das besser in Schuss gehalten wurde) ist schon lange keine Blindenanstalt im umfassenden Sinne, wie es Klar einst vorschwebte, mehr. Ihrem ursprünglichen Zweck diente sie bis kurz nach dem Zweiten weltkrieg. Dann wurde sie in eine Sekundarschule für Blinde verwandelt, die immerhin nach Alois Klar benannt wurde. Dann brachte das Ende des erfreuliche Kommunismus im Jahr 1989 einige bauliche Nebenwirkungen mit sich. Die neuen demokratischen Institutionen mussten sich räumlich neu einrichten. Das Parlament zum Beispiel, das von den Kommunisten in das heutige Neue Gebäude des Nationalmuseums verlegt worden war, wurde wieder in den alten Thun Palast zurückverlegt, und auch der Ministerpräsident brauchte ein provisorisches Domizil bis die dazu vorgesehene Villa Kramář wieder fertig restauriert war. Der wurde deshalb erst einmal hier untergebracht.

Aber dieses provisorische Zwischenspiel endete schließlich im Jahr 1993. In diesem Jahr übernahm das Abgeordnetenhaus, für dessen Betrieb der Thun Palast eigentlich zu klein war, einige Gebäude der Umgebung für administrative Zwecke, darunter auch den Smiřický Palais am nahen Kleinseitner Ring. Hier residierte bis dato die 1919 gegründete staatliche Institution der Tschechischen Geologischen Dienstes (Česká geologická služba), die nun ihrerseits ein neues Domizil brauchte und in der alten Blindenanstalt (genauer: im alten Gebäude) fand. Der Geologische Dienst betreibt hier nun Forschung und Datenerfassung, die für die Öffentlichkeit von Nutzen sind, etwa bei Planung von Infrastrukturprojekten und Umweltgutachten, und kümmert sich um Bildungsprojekte in Sachen Geologie. So endete die Verbindung des Gebäudes mit seinem ursprünglichen Zweck, dem umfassenden Wohl der Blinden, endgültig.

Heute erinnert äußerlich wenig an die bahnbrechende Sozialeinrichtung, die hier einst ins Leben gerufen wurde. Wenn man genau hinschaut, kann man unter den Jugendstil-Ornamenten auf der Fassade des neuen Gebäudes immerhin Motive entdecken, die noch daran erinnern – etwa das rechts abgebildete Relief mit dem Bild eines Blinden. In Ehren gehörten wird das Werk von Alois Klar jedoch immer noch. Das schlägt sich sogar im Ortsnamen nieder. Wir befinden uns ja hier am nördlichen Rand der Kleinseite, ganz nahe beim Waldstein Palast. Und dieser nur wenige Häuserblöcke umfassende Teil der Kleinseite wurde 1922 – also in den Zeiten der Ersten Republik (als man „Deutsche“ wie Klar an sich eher selten würdigte) – feierlich in Klárov umbenannt. Damit ehrten die Tschechen ihn als einen ihrer großen Wohltäter. Und dass er das war, daran bestand nie auch nur der geringste Zweifel. (DD)

Kultheiliger

16. Mai – heute begehen die Tschechen (und auch nur die Tschechen, denn der offizielle Gedenktag der katholischen Kirche ist der 20. März) den Tag des Heiligen Nepomuk. Der ist der Heilige der Brücken, was etwas mit seinem Ableben im Jahre 1393 zu tun hat, denn damals ließ ihn König Wenzel IV., der mit der katholischen Kirche in Prag im Zank lag, von der Karlsbrücke werfen. Das beendete das Leben des erzbischöflichen Generalvikars, sicherte ihm aber den Status als Märtyrer und – allerdings erst 1729 – den eines Heiligen. Auf vielen Brücken im alten Böhmen, aber auch in Süddeutschland und Österreich, findet man Statuen von ihm.

Der Nepomuk, den wir hier sehen, befindet sich allerdings nicht auf einer Brücke, sondern gemalt und von einer schlichten Kartusche umrahmt auf der Fassade des Stadthauses in der U lužického semináře 87/4 auf der Prager Kleinseite, das gemeinhin dům U Planičků genannt wird. Das Wohnhaus wurde im Jahre 1723 im Stil des Barock an Stelle eines früheren Haus aus dem Mittelalter erbaut. Die Fassade sieht allerdings sehr formenstreng aus. Das liegt an einem Umbau des Haus im Jahre 1800, bei dem der bekannte Architekt Johann Ignaz Palliardi (wir erwähnten ihn u.a. bereits hier und hier) nicht nur ein zusätzliches Stockwerk hinzufügte, sondern die Fassade gleich im Stil des Klassizismus umänderte.

Das hübsche, von unbekannter Hand angefertigte Gemälde des Heiligen Nepomuk ließ er aber bestehen. Es zeigt den Heiligen mit seinen typischen Attributen Sternenkranz (den neben der Gottesmutter Maria nur er tragen darf, und dann auch nur einen fünfsternigen), Priestergewand, Märtyerpalme, Kruzifix. Ganz schwach kann man im Hintergrund auch den „Tatort“, die Karlsbrücke, erkennen, in dessen Nähe das Haus sich befindet. Das (eindeutig barocke) Bild wurde offenbar für den barocken Vorgängerbau von 1723 angefertigt, also 6 Jahre vor der Heiligsprechung. Das mag ein Indiz dafür sein, dass sich die Heiligsprechung bereits vorher abzuzeichnen begann. Jedenfalls wurde Nepomuk damals zu einem der Kultheiligen des Landes. (DD)

Nicht ganz harmonisch

Mit dem Begriff „bizarr“ wird dieses Hauses in der Spálená 103/41 in der Neustadt oft belegt. Es handelt sich um das Haus der Mariä Lichtmess (dům U Panny Marie hromničné) und tatsächlich passen die einzelnen Teile der Fassade irgendwie nicht so recht zusammen. Immerhin fällt das ganze auf.

Es ist die übliche Geschichte, wie man sie in der Alt- und der Neustadt häufiger hört. Erst standen hier zwei mittelalterliche (gotische) Häuser aus dem 14. Jahrhundert. Nach einem zerstörerischen Feuer im Jahr 1506 lagen die eine Weile brach, aber 1527 baute man sie im Stil der Renaissance wieder auf. 1674 wurden große Umbaumaßnahmen durchgeführt. Die beiden Häuser wurden zusammengelegt und im Barockstil einheitlich gestaltet. Das Relief mit der Heiligen Maria samt Jesuskind unter dem Giebel stammt wohl aus dieser Zeit, in der möglicherweise auch das Haus seinen dazu passenden Namen bekam.

Es sollte nicht der letzte Umbau sein. Im Jahre 1791 wurde die Fassade im Stil des Klassizismus umgearbeitet, der damals im Kommen war. Das barocke Marienrelief behielt man aber bei. Das gleiche gilt für die Giebelverlängerungen. Insgesamt sieht man dem Haus an, dass es eine umgearbeitetes Barockhaus ist. Bis zu diesem Zeitpunkt wäre das Haus nicht besonders aufgefallen. Das änderte sich im 19. Jahrhundert.

Im Jahre 1885 gründete ein Bäcker namens Kajetán Kříž in dem Haus seine neue Bäckerei. Im Innenhof errichtete er zu diesem Zweck zwei große Backöfen. Vor allem aber gestaltete er den Teil des Hauses, der die Ladenfront ausmachte, um. Dazu veränderte er nicht etwa die Fassade, sondern setzte an dieser Stelle einfach einen Aufsatz auf die existierende Wand. Es sieht wie „angeklebt“ aus. Zudem passt der etwas überladene Stil der böhmischen Renaissance (war damals Mode!) nicht so recht zur bewusst schlichten klassizistischen eigentlichen Fassade. Der – wahrscheinlich eher recht neue – giftgrüne Anstrich, den man heute sieht, macht es nicht besser.

Für sich genommen, wirkt der Neo-Renaissance-Aufsatz sogar recht beeindruckend. Das gilt besonders für die reich beschnitzte Türe. Aber dem Haus fehlt es dadurch doch ein wenig an optischer Harmonie, zumal der Tabakladen und der Juwelier, die heute dort residieren, dem Ganzen nicht viel Glanz verleihen. Aber wie gesagt: Auffallen tut es. (DD)

Wo Tschechen und Sachsen Freundschaft pflegten (und Ryšánek und Schlegl nicht miteinander redeten)

Sachsen und Böhmen lebten schon den europäischen Friedensgedanken vor, als von der EU noch keine Rede war. Das Sächsische Haus (Saský dům) in der Mostecká 55/3 (Ecke Lázeňská) auf der Prager Kleinseite ist das in Stein gebaute Denkmal dafür – wenngleich es heute nicht mehr ganz so aussieht, wie in seiner „sächsischen“ Zeit.

Im Jahre 1348 schenkte der deutsche Kaiser und böhmische König Kaiser Karl IV. den vormaligen, gemeinhin Vlašský dvorec (Welsches Gehöft) genannten Kaufmannsbesitz dem sächsischen Herzog Rudolf I. aus dem sächsischen Herrscherhaus der Askanier als Erbgut. Rudolf hatte als deutscher Kurfürst stets Karls Kaiserwahl unterstützt als diese anfänglich noch umstritten war. Das Verhältnis zwischen Böhmen und Sachsen hätte besser kaum sein können. Wenn er in Prag war, brachte Rudolf hier seinen Hofstaat mit. Im Kern war es fast so etwas wie eine Botschaft. Für die Sachsen in Böhmen war der Ort eine Anlaufstelle. Insbesondere gab es viele Studenten aus Sachsen, da das Land selbst keine Universität hatte, und Karl gerade die heutige Karlsuniversität (wir berichteten hier) gegründet hatte. Da die Wissenschaftssprache damals Latein war, ging das problemlos.

Zukunftsweisend war auch der von Karl mit dem Markgrafen von Meißen, Friedrich III. dem Strengen, geschlossene Vertrag von Pirna 1372, der die Grenzen regelte. Da Meißen ab 1423 in das Kurfürstentum Sachsen eingegliedert wurde, war damit auch im Grunde jede Grenzfrage zwischen Böhmen und Sachsen bereits vorab geklärt. Das geschah dann endgültig durch den Vertrag von Eger (heute Cheb) im Jahre 1459, den der böhmische König Jiří z Poděbrad (Georg von Podiebrad, über den wir bereits u.a. hier und hier berichteten) mit dem sächsischen Kurfürsten Herzog Wilhelm II. dem Tapferen abschloss. Diese Grenze wurde nie wieder verändert und ist eine der ältesten bestehenden in ganz Europa – ein Vorzeigeprodukt in Sachen europäischer Friedenspolitik. Dazu passt übrigens, dass König Jiří mit einer Denkschrift aus dem Jahr 1462, in der er eine föderative Friedensordnung für Europa vorschlug, so etwas wie der der geistige Erfinder der Europäischen Union ist.

Als das geschah, war das sächsische Herrscherhaus schon aus dem Saský dům in Prag ausgezogen. Als Karls Nachfolger und Sohn Wenzel IV. 1409 mit dem Kuttenberger Dekret die Karlsuniversität tschechisierte, verließen die deutschen (vor allem sächsischen) Dozenten und Studenten das Land. Dahinter steckte ein religiöser Konflikt zwischen Hussiten und Katholiken, der sich nationalistisch auflud. Während Böhmen in die Hussitenkriege schlingerte, war das aber für die Sachsen vielleicht sogar ein strukturpolitischer Glücksfall, denn sie nutzten die Chance, in Leipzig ihre erste eigene Universität zu gründen. Und Sachsen gehörte 1432 unter Kurfürst Friedrich II. von Sachsen zu den ersten deutschen Fürstentümern, das einen Sonderfrieden mit den Hussiten in Böhmen schloss und die Böhmen Böhmen sein ließ. Der oben erwähnte nachfolgende Frieden von Eger war nur eine Bestätigung einer Politik, die eine kleine „Delle“ erlebt hatte, aber im Kern konsequent fortbestand.

Und was geschah mit dem 1409 von den Sachsen verlassenen Saský dům? Das fiel 1503 einem Feuer zum Opfer, das auch zahlreiche Nachbarhäuser zerstörte. 1592 wurde es von Jan Rudolf Trčka von Lípa, einem der reichsten Adligen Böhmens und späterer Freund des berühmten Generals Wallensteins, Renaissancestil wieder aufgebaut. Möglicherweise war der Architekt der Tessiner Giovanni Battista Bussi di Campione, aber ganz genau weiß man das nicht. Auch von diesem Gebäude existiert nur noch das beeindruckende rustizierte Portal mit dem Wappen der Prager Kleinseite darauf. Ansonsten fiel das Renaissancegebäude einem völligen Umbau im klassizistischen Stil zum Opfer, der in den Jahren 1826 bis 1828 stattfand, und der sich durchaus gut ins bauliche Umfeld einpasst. Das ist im wesentlichen das, was man heute von außen sieht. Das Gebäude schmiegt sich an den mittelalterlichen Kleinseitner-Turm mit seinem Tor (siehe großes Bild oben), der die Karlsbrücke abschließt. Hier bei der Brücke hatte man eben dem Palast eine wirklich zentrale Lage in Prag gesichert.

Im späten 19. Jahrhundert erlangte das Gebäude durch den Schriftsteller und Journalisten Jan Neruda eine gewisse Berühmtheit. Damals existierte hier ein Gasthaus mit Namen „Zum Steinitz“ (U Štajniců). In einer seiner Kleinseitner Geschichten (Povídky malostranské), eine 1878 erschienene Sammlung von Erzählungen, die Neruda zwischen 1867 und 1877 in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht hatte, spielt das Lokal die Hauptrolle. Hier sitzen die beiden Herren Ryšánek und Schlegl jahrelang nebeneinander, ohne je ein Wort miteinander zu wechseln. Das berühmte Gasthaus existiert allerdings von lange nicht mehr. Heute befinden sich hier einige kleiner Läden, darunter eines der wenigen Lebensmittelgeschäfte der Kleinseite. Aber immerhin erinnert eine bronzene Gedenktafel neben dem Eingang daran, dass hier einmal das gedeihliche Verhältnis zwischen Tschechen und Sachsen seinen Anfang nahm. (DD)

Studentenleben im Zuckerbäckerheim

Aus den Zeiten der beginnenden Moderne und der erwachenden Renaissance könnte dieses alte Gemäuer zu entstammen. Nur dieser seltsame fünfzackige Stern macht einen dann doch stutzig – unverkennbar ein Sowjetstern. Ja, der stalinistische Zuckerbäckerstil gehörte zu den eigenartigsten Kapiteln der Architekturgeschichte. Dass die Kommunisten als vermeintliche Speerspitze von Fortschritt und Weltrevolution ein derart rückwärtsgewandtes Kulturverständnis pflegten, mutet wie eine Groteske an.

In Prag sind die Podolí Schlafsäle (Koleje Podolí) in der Na lysině č.p. 772/12 im Stadtteil Podolí eines der erstaunlich seltenen Beispiele für waschecht stalinistische Architektur dieser Art. Ansonsten würde einem sonst nur noch das legendäre Hotel International in Prag Dejvice (wir berichteten) einfallen. Bei den Koleje Podolí handelt es um den Campus der Studentenwohnheime der Tschechischen Technischen Universität Prag (České vysoké učení technické v Praze, ČVUT), über die wir bereits hier berichteten. Im Gegensatz zum Hotel International (oder schlimmer noch: zum Kulturpalast in Warschau) leistete man sich hier aber nicht eine pompöse architektonische Machtdemonstration, die das ganze Umfeld dominiert, um den Sieg des Proletariats zu verkünden. Tatsächlich fügt sich das Ganze einigermaßen harmonisch in die wohl in der Ersten Republik zwischen den Weltkriegen entstandene Wohnbesiedlung des hoch über der Moldau befindlichen Podolí ein. Und es gibt auf dieser Welt, so muss man (Stalinismus hin oder her) feststellen, sicher weniger wohnliche Studentenwohnheime.

Dieses hier wurde in den Jahren 1953/54 nach den Plänen einer Arbeitsgruppe der Fakultät für Architektur der ČVUT unter der Leitung des Architektur-Professors Otakar Schmidt erbaut. Es solle eine Art standardisierte Blaupause für Studentenwohnheime in anderen tschechoslowakischen Universitätsstädten werden. Davon wurde nur wenig realisiert – etwa in Brno beim Bau der dortigen Wohnheime für Studenten. Denn ab 1956 setzte die Entstalinisierung – das sogenannte Tauwetter – in den kommunistischen Ländern ein, die auch das Ende des Zuckerbäckerstils dort einläutete. Insofern ist das Koleje Podolí gerade im städtebaulichen Kontext von Prag etwas ganz besonderes. Deshalb wurde die ganze Anlage auch im Jahre 2019 unter Denkmalschutz gestellt. Auch wenn die Gebäude mit einer politischen Schreckenszeit verbunden werden, kann man sie als ein Kapitel der Prager Architekturgeschichte schließlich nicht verbannen.

Es handelt sich um einen großen Gebäude-Komplex mit insgesamt acht Gebäuden. Da sind zunächst einmal die sechs eigentlichen Wohnheime mit den Zimmern für Studenten. Insgesamt fast 1500 Studenten konnten hier ursprünglich nach ihrem harten Studienalltag ihr Haupt zur Ruhe betten. Heute, wo mehr Komfort in den Räumlichkeiten gefragt ist, sind es nach einer eingehenden Renovierung 1993 bis 1998 immer noch über 1000. Die in zwei Reihen stehenden Wohnheime sind innen wie außen antikisierend üppig ornamentiert, insbesondere an den Eingängen. Das auffälligste Merkmal sind die geradezu italienisch anmutenden Loggien und Arkaden, die zum Teil die Gebäude einer Reihe miteinander verbinden. Damals war noch nicht so deutlich, dass eine sozialistische Wirtschaft Raubbau am Land betreibt, sondern man verwendete (verschwendete?) noch gute und solide Materialien. In den 1960er und 1970er Jahren frönte man dann andernorts der billigen Betonplattenbauweise und konnte sich so etwas nicht mehr leisten.

Neben den sechs Wohnheimen gibt es noch ein flacheres Verwaltungs-Gebäude am Eingangstor des umzäunten Areals. Dort befindet sich auch das oben im großen Bild gezeigte Portal mit dem Sowjetstern. Von dort aus hat man auch einen schönen Ausblick auf das kolossalste gebäude des ganzen Komplexes, der immer noch zur ČVUT gehört. Die Mensa ist geradezu ein Musterbeispiel für sozialistischen Neuklassizismus. Auf den ersten Blick erinnert es fast an eine leicht modernisierte Version des Moskauer Bolschoi Theaters, das allerdings dem frühen 19. Jahrhundert seine Existenz verdankt. Die Architekten des Stalinismus orientierten sich recht genau an den klassischen Vorbildern einer Zeit, deren Kultur sie vorgeblich ablehnten.

Betrieben wird das Ganze vom Studentenwerk der ČVUT (Studentská unie ČVUT), einem studentischen Selbstverwaltungsorgan. Dass die Mensa einem klassischen Theater früherer Zeiten gleicht, ist wohl kein Zufall. Denn die Mensa ist mehr als ein Ort zur Nahrungsaufnahme für Studenten. Sie ist auch ein wenig das Kulturzentrum für die Studenten, die hier wohnen. Die Kultur wird hier von einer Studentenvereinigung in Selbstverwaltung betrieben, die sich ganz amerikanisch cool Pod-O-Lee nennt, was aber nur eine Verballhornung des tschechischen Podolí ist. Ganz offiziell heißt es sowieso Studentská unie ČVUT. Es gibt einen Musikklub, Fitnessräume (Pod-O-Gym), Bars, Saunen, eine Teestube. Selbst in einem der Wohnheime gibt es eine Bierkneipe. Draußen befinden sich Spielplätze und Sportanlagen. Abgesehen davon, das der Weg zur eigentlichen Technischen Universität in der Neustadt etwas weit ist, scheint man das Studentenleben hier doch recht gut genießen zu können. (DD)

Landgut in der Stadt

Groß-Prag, wie wir es heute kennen, entstand erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Bevölkerung wuchs, die Verstädterung nahm zu und immer mehr früher recht ländliche Gemeinden wurden eingemeindet. So auch der Stadtteil Strašnice (Prag 10) im Jahr 1922. Und deshalb findet man mitten in der heutigen Wohnstadt noch ein echtes altes Landgut, das an alte Zeiten erinnert: den Bečvář Hof (Bečvářův dvůr). Landgüter werden hier aber nicht mehr verwaltet, vielmehr findet man hier hauptsächlich recht urbane Firmenbüros.

Der Bečvář Hof liegt in der Nähes des kleinen Bahnhofs an der Starostrašnická 16/25. Seit dem späten 14. Jahrhundert hatte es hier eine kleine Festung gegeben, die zeitweise auf Gerichtsstand war. Bei der Belagerung Prags (1757) im Siebenjährigen Krieg wurde sie von den Preußen beschädigt und die Ortschaft Strašnice verwüstet. Ein neuer Eigner, Jan Tykač, beendete 1781 die Nutzung als Festung. Einer der nächsten Besitzer namens Josef Popelář baute um 1830 das Ganze endgültig zu einem Landhaus im klassizistischen Stil um – so wie wir es heute sehen können. Im Jahre 1862 erwarb Tomáš Bečvář, der größte Landbesitzer der Umgebung, dem rund die Hälfte aller Felder um Strašnice gehörten, das Gutshaus. Und nach Bečvář ist das Gebäude heute immer noch benannt.

Es handelt sich um ein einstöckiges dreiflügeliges (U-förmiges) Gebäude rund um einen zur Rückseite offenen Innenhof. Die Hauptfassade wird von einem typisch klassizistischen Risaliten dominiert. An die Flügeln kann man noch Ansätze von Stützpfeilern sehen – einer der wenigen noch sichtbaren Anhaltspunkte dafür, dass sich hier einmal ein Festungsgebäude befand. Das Areal ist teilweise noch ummauert.

Die Nachfahren von Tomáš Bečvář waren, als 1948 die Kommunisten die Macht ergriffen, wegen ihres Status als Großgrundbesitzer bei den neuen Machthabern nicht wohlgelitten. Sie wurden umgehend enteignet und einige Famiienmitglieder gingen ins Exil. Das Landgut wurde zur Staatsfarm. Das umliegende Land wurde zum Teil großflächig mit Wohnsiedlungen überbaut. Heute befindet sich das Landgut in einem eher städtischen Umfeld. Immerhin gibt es hinter dem Gebäude eine kleine Grünfläche.

Das Ende des Kommunismus kam 1989 und man hätte nun ein Happy End erwarten können. Die Restitutierung des Landguts, zu dem eine riesige Menge lukrativen städtischen Grundbesitzes gehörte, wuchs sich indes zu einem der größten Skandale unter den misslungenen Beispielen von Privatisierungen aus. Das wurde erst 2019 gerichtlich einigermaßen geregelt, nachdem der tschechische Staat umgerechnet rund 53 Millionen Euro verloren hatte. Falsche und echte Erben, nachlässige Beamte, undurchsichtige Politiker, seltsame zypriotische Firmenbeteiligungen – auf die Schnelle lässt sich das Drama hier nicht darstellen. Wer Tschechisch kann (ich kann es nur wenig), der lese hier. (DD)