Löwen als Glücksbringer

Die beiden, auf einem bewachsenen grauen Felsen ruhenden Löwen geben dem Haus seinen Namen: Dům U dvou červených lvů (Haus zu den Zwei Roten Löwen) , zu finden in der Melantrichova 962/1 (Ecke Rytířská) in der Altstadt.

Die steinernen roten Löwen sind so symmetrisch im Winkel an der Hausecke über dem ersten Stock angebracht, dass man je nach Blickwinkel annehmen könnte, es sei nur einer da.

Das Haus selbst wurde in einem streng klassizistischen Stil von dem Architekten und Baumeister Martin Hausknecht, der in Prag etliche Wohnhäuser in diesem Stil der Biedermeierzeit entworfen hatte (ein Beispiel hier) im Jahr 1835 gebaut. Zuvor standen an dieser Stelle drei wesentlich kleinere mittelalterliche (gotische) Häuser, die bei späteren Renovierungen barockisiert wurden.

1923 wurde noch ein zusätzliches Stockwerk nach den Plänen des Architekten Jan Vodňaruk aufgesetzt, dessen Gauben sich geschickt an den klassizistischen Stil des Gebäudes anpassen. 1955 wurden bei größeren Umbauten die eingemauerten Löwen entdeckt, die aus der Zeit vor 1835 stammten. Sie wurden sorgfältig restauriert und an der Stelle angebracht, wo man sie heute bewundern kann.

Solche skulpturalen Fassadenelemente dienten insbesondere in der Zeit des Barock als Hauszeichen. Die sollten oft auf das Gewerbe aufmerksam machen, das im Haus betrieben wurde (Beispiel hier). Manchmal folgten sie aber auch Empfehlungen von Astrologen. Vorausgesetzt, dass hier dereinst kein Löwenbändiger wohnte und wirkte, liegt man wohl mit der Annahme richtig, dass die Löwen das gleichnamige Sternzeichen symbolisieren könnten. Irgendwie sollte das wohl Glück für das Haus und die Bewohner bringen. (DD)

Schlossruine tief im Gestrüpp

Wo nach Gold gegraben wird, da lauern Diebe. Deshalb hielt sich lange Zeit der Glaube, die kleine Burg oberhalb des rund 25 Kilometer südlich von Prag gelegenen Dorfes Žampach am malerischen Fluss Sázava sei zum Schutz der Goldgräber in der Umgebung gebaut worden.

Nun ist es tatsächlich so, dass die Landschaft, die die Burgruine (die zum Ort Jílové u Prahy gehört) umgibt, seit dem Mittelalter das Goldbergrevier ganz Mittelböhmens war. Überall kann man beim Wandern die Eingänge uralter Stollen (kleines Bild links) sehen, von denen einige wenige sogar für das Publikum geöffnet sind. Das ging noch bis Ende der 1960er Jahre so. Dann war das Ganze endgültig nicht mehr lukrativ und wurde eingestellt. Deshalb glaubte man lange einer vermeintlich mittelalterlichen Urkunde, dass die heute Včelní Hrádek genannte Burg im Jahre 1045 zum Schutz der örtlichen Goldgräber gebaut wurde. Inzwischen hat sich das Dokument als Fälschung des 18. Jahrhunderts herausgestellt.

Erst für das Jahr 1402 ist die kleine Burg sicher dokumentiert, und zwar als im Besitz des Prager Patriziers Johánek Šimonovic z Prahy, der sie damals unter dem Namen Nussberk weiter verkaufte. Als richtige Burg hatte das Ganze nach den Hussitenkriegen im frühen 15. Jahrhundert ausgedient. Die Besitzer wechselten und die Burg wurde eigentlich nur noch als Bauerngehöft geführt. Irgendwelchen Verteidigungszecken – ob für Goldgräber oder nicht – schien sie nicht zu dienen und auch nie gedient zu haben.

Zu den etwas berühmteren Besitzern des Anwesens in der Zeit der Renaissance gehörte nach 1591 für eine kurze Zeit der als Scharlatan verschrieene englische Alchimist Edward Kelley (den erwähnten wir schon hier), der in Prag wirkte – erst im Auftrag von Kaiser Rudolph II. in Prag, später für Fürst Wilhelm von Rosenberg. Im Dreissigjährigen Krieg wurde das Gehöft sogar verlassen und erst 1695 von dem böhmischen Adligen und Prager Ratsherrn Ferdinand Ignaz Schönpflug erworben und wieder aufgebaut. Es folgte eine lange Reihe von Besitzerwechseln, die sich bis ins Jahr 1789 hinzog.

In diesem Jahr erwarb nämlich Karl Joseph Biener Ritter von Bienenberg das Anwesen. Der war ein großer Wissenschaftler und Pionier der böhmischen Archäologie und zugleich Kaiserlicher Richter und Kreishauptmann für den Bezirk. Ihm verdankt, auch wenn man es sich einem zunächst nicht erschließt, Včelní Hrádek tatsächlich seinen Namen. Das tschechische Wort „Včel“ bedeutet im Deutschen soviel wie „Bienenzucht“, was sich wiederum klar auf den Namen des Ritters von Bienenberg bezieht. Man liegt wohl nicht fehl, wenn man dahinter so etwas wie tschechischen Wortwitz vermutet. Aber der gute Ritter tat noch mehr als bloß dem Ganzen einen putzigen Namen zu geben, den es heute noch trägt.

Er baute nämlich die alte und heruntergekommene Burg zu einem kleinen und hübschen Schloss im Stil des Klassizismus um. Das, was heute noch zu sehen ist, ist im wesentlichen dieses Gebäude, während der mittelalterliche Bau von der Zeit hinweggetragen wurde, so dass nur noch einige kleine Erdwälle im Wald – und die auch nur schwach – erkennbar sind. Das Schloss machte nun nicht einmal mehr den Eindruck, zur wehrhaften Verteidigung zu dienen. Die Zeit der Burgen war vorbei.

Als Ritter von Bienenberg 1798 starb, setzten abermals zahlreiche Besitzerwechsel ein. Das Schloss kam ein wenig herunter, aber es schien noch immer recht wohnlich zu sein. 1947 übernahm schließlich die Stadt Jílové das Schloss. Wer denkt, dass öffentlicher Besitz und kompetenter Denkmalschutz Hand in Hand gehen, wurde eines besseren belehrt. Dass das im Kommunismus ab 1948 erst recht nicht klappte, erstaunt nicht. Aber als der zu Ende ging, ließ die Stadt das schöne Kulturgut abreißen, nachdem Dank der vorherigen Vernachlässigung ein Dach einstürzte.

Trauriges Ende. Aber ein wenig ist doch noch übriggeblieben von den klassizistischen Außenmauern, insbesondere denen der Wirtschaftsgebäude. Sie zu finden, ist ein kleines Abenteuer. Man muss einen unmarkierten Abstecher durch ein Feld oder einen Wald machen, der neben einem anstelle alter Burgteile sich dort befindenden Landwirtschaftshof wuchert, und sich durch das Gestrüpp schlagen. Dann findet man die Ruinen, die sicher für Kinder ein idealer Abenteuerspielplatz sind. Und das, obwohl die Geschichte der Burg gar nicht so abenteuerlich war. Denn die Goldgräber haben sich damals anscheinend selbst zu helfen gewusst, und brauchten keine schwertbewaffneten Rittersleut zu ihrem Schutz. (DD)

Üppiger Barock

Man sieht in Prag viele beeindruckende Hausschilder, aber das hier ist eines der opulentesten. Man findet es an einer Hausfassade in der Úvoz 170/4 in der Burgstadt (Hradčany) gleich oberhalb der Kleinseite.

Das als Haus zu den Drei Rosen (dům U Tří zlatých růží) bekannte Gebäude entstand ursprünglich wohl zu Anfang des 16. Jahrhundert. Allerdings wurde das Renaissancehaus dann Ende des 17. oder zu Beginn des 18. Jahrhunderts umfassend barockisiert. Bei der Gelegenheit entstand wohl auch das Hausschild, das man als ein veritables Glaubenszeugnis werten kann. Es handelt sich um ein quadratisches Gemälde der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind, die über den Heiligen Florian und Sebastian himmlisch thront. Sebatian befindet sich an einen Baum gefesselt links, Florian in römischer Rüstung beim Feuerlöschen rechts. Noch mehr als das Gemälde aus unbekannter Meisterhand beeindruckt die Gestaltung der umrahmenden Kartusche aus Stuck, bei der nicht an Aufwand gespart wurde: Eine Krone darüber, ein drapierter Umhang, ein quadratischer Rahmen, darunter viel Akanthusschmuck (Pflanzenzierat) und ganz unten drei Rosen – die Namensgeber des Hauses.

Für normale Wohnhäuser war ein derartiger Aufwand bei Hausschildern eher selten. Der Grund, warum er hier so betrieben wurde, ist mir unbekannt. Wie dem auch sei: Im frühen 19. Jahrhundert wurde das zweistöckige Gebäude noch einmal ein wenig umgebaut, wobei die Fassade im Sinne des Klassizismus streng durch Gesimse gegliedert wurde. Die klassizistische Strenge der Fassade kontrastiert mit der überbordenden barocken Ornamentik des Marienbilds. Heute befindet sich im Gebäude ein Hotel. Der Eingangsbereich ist scheinbar in üppigem Originalbarock gestaltet, wurde aber erst im späten 19. Jahrhundert so gestaltet, als der Klassizismus aus der Mode kam und man sich im Sinne des Historismus (hier: Neobarock) wieder auf den früheren Barockstil des Hauses zurückbesinnte. (DD)

Botschaft auf dem Gräberfeld

Auf den ersten Blick sieht dieses so schlichte Wappen mit dem putzigen Ritterhelm ein wenig wie ein eher moderner Souvenirartikel aus. Es ist aber tatsächlich ein altes Wappen. Nämlich das des altehrwürdigen, im 15. Jahrhundert in die Geschichte eintretenden Adelsgeschlechts Vratislav z Mitrovic (auch: Wratislaw von Mitrowitz). Deshalb befindet es sich auch über dem Eingang des Vratislav Palasts (Vratislavský palác) in der Tržiště 366/13 auf der Kleinseite.

Und der ist immer noch erste Adresse. So residiert hier heute unter anderem die Botschaft der Republik Irland. Kryštof František Vratislav z Mitrovic erwarb 1671 das Grundstück auf der Kleinseite und legte mehrere spätmittelalterliche Häuser, die sich hier befanden, zusammen, um daraus einen Palast im frühbarocken Stil bauen zu lassen. Einer seiner Nachfahren, Jan Václav Vratislav z Mitrovic, der es in den Jahren 1711/12 sogar zum Posten des böhmischen Oberstkanzler gebracht hatte, ließ das Gebäude in dieser Zeit noch einmal im hochbarocken Stil umbauen. Die Familie führte dann noch einmal Ende des 18. Jahrhunderts unter der Leitung des Baumeisters Josef Zika (auch: Sicka) weiter Umbauten durch.

Aber das heutige Aussehen verdankt das Gebäude einem umfassenderen Umbauprojekt, das in den Jahren 1824 bis 1834 durchgeführt wurde. Die barocken Stilelemente wurden dabei fast völlig durch den damals modernen Klassizismus ersetzt. Das sieht man nicht nur an der sehr formstrengen Fassade, sondern teilweise auf noch an den teilweise erhaltenen Wandmalereien innen, wier man im Bild rechts sehen kann, dass einen Tagungsraum des US-Kulturinstituts American Center zeigt.

Wie beim unmittelbar benachbarte Schönborn Palast (Schönbornský palác), der heute die amerikanische Botschaft beherbergt, wollte sich die Familie in diesen Zeiten nicht mehr im Palast leben. Das Gebäude wurde vermietet. In den Jahren 1861 bis 1876 befand sich sogar ein für Schüler aus der Kleinseite bestimmtes Gymnasium in den Palasträumen. Das Gebäude eignete wahrscheinlich sich wegen seines Gartens (Schulhof?) und seinen schönen und sehr klassizistischen Atrien (von denen man eines im Bild links sehen kann) tatsächlich recht gut für diesen Zweck. Danach wurde der Palast wieder vielfältig vermietet.

Ab 1948 regierten im Land die Kommunisten. Wie es dann nicht selten geschah, ließen die das Gebäude ein wenig durch Missbrauch und Vernachlässigung verkommen. nachdem dieses unerfreuliche Kapitel 1989 abgeschlossen war, ging man in den Jahren 1992 bis 1992 an eine Vollrenovierung, die mit größeren Moderniserungsmaßnahmen (etwa einer Tiefgarage) verbunden war. Als man damit fertig war, konnte man damit gleich auch einen politischen Missstand beheben. Die Aufgaben der Botschaft der Irischen Republik wurden nämlich über Jahrzehnte von Wien aus erledigt – so als ob das Habsburgerreich nicht 1918 untergangen sei. Das ging natürlich nicht. 1995 hatte man ein Einsehen und seither residiert die Irische Botschaft für Tschechien an diesem Ort.

Die Botschaft nutzt nicht das ganze Gebäude, und so haben sich noch einige andere Institutionen (wie das erwähnte American Center) und Firmen hier angesiedelt.

Ach ja, bei den Bauarbeiten für die Garagen fand man in Keller und Teilen des Gartens Reste eines alten Friedhofs. Der muss wohl im 11. Jahrhundert angelegt worden sein, wie Archäologen herausfanden, und rund 200 Jahre genutzt worden sein. Danach geriet er in Vergessenheit und wurde überbaut. Wahrscheinlich wäre den Bewohnern, die hier später residierten, aber auch den Schülern, die hier im Gymnasium lernten, ein leichter Schauer über den Rücken gelaufen, hätten sie gewusst, dass sie sich die ganze Zeit auf einem Gräberfeld befanden. (DD)

Ministerium unterm Flügelrad

Das geflügelte Rad, das war schon in den Zeiten der Doppelmonarchie so etwas wie das Logo der k.u.k. Eisenbahn. Als das Habsburgerreich unterging, wurde es 1918 von der Bahn der neuen Tschechoslowakischen Republik nahtlos übernommen. Man muss sogar feststellen: So prachtvoll wie auf dem Dach des tschechoslowakischen Eisenbahnministeriums (Ministerstvo železnic) sah man das Symbol zuvor selten.

Damals stand die meist noch mit Dampf betriebene Eisenbahn fast unangefochten im Mittelpunkt aller verkehrspolitischen Bemühungen, doch schon begann erst das Auto, dann das Flugzeug und vielleicht irgendwann einmal das Raumschiff ihr den Rang abzulaufen. So wie davor die Eisenbahn die Pferdekutsche verdrängte.Es gibt folglich heute kein ausschließlich der Eisenbahn gewidmetes Ministerium mehr, sondern ein umfassendes Verkehrsministerium der Tschechischen Republik (Ministerstvo dopravy České republiky), das hier nun residiert und „ganzheitlich“ um alle Verkehrsmittel kümmert.

Das als Habsburgerreich hatte natürlich auch ein eigenes Ministerium für die Eisenbahn, das 1896 eingerichtet wurde und natürlich in Wien angesiedelt war. Die Tschechoslowakei richtete sich natürlich mit der Unabhängigkeit umgehend ein ebensolches unter der Führung von Isidor Bogdan Zahradník ein, auch schon deshalb, weil die verkehrsstrukturelle Verbindung des alten Böhmens mit der früher ungarischen Slowakei als eine für das Zusammenwachsen der Nation prioritäre Aufgabe angesehen wurde. Ein dieser großen Aufgabe angemessenes Gebäude hatte man aber noch nicht. Das in Wien konnte man ja nicht mehr nutzen…

Aber im Jahr 1927 begann man am heutigen Ludvík Svoboda Ufer (nábřeží Ludvíka Svobody 1222/12), das damals noch Petrské nábřeží hieß und erst 1979 nach dem (reform-) kommunistischen Präsidenten Ludvík Svovoda benannt wurde, mit den Bauarbeiten. Die waren 1931 abgeschlossen. Das Gebäude kam spät, dafür aber um so klotziger. Der Architekt Antonín Engel stellte hier ein monumentales Gebäude in einem modernisierten Klassizismus (besonders schön sichtbar am marmornen Eingangsportal) auf, bei dem an wenig gespart worden war.

Der riesige Bau mit einem sechs Etagen umfassenden Mittelbau und zwei fünfstöckigen Seitenflügeln besteht aus edelsten Materialien. Innen konnte man sich an 847 Zimmern mit 1770 Türen und 2470 Fenstern erfreuen. Die Telefonzentrale bediente die damalige Rekordzahl von 650 Telefonen. In der Öffentlichkeit herrschte nicht nur Freude, wenn man der damaligen Presse glauben darf, sondern man mokierte sich über die ungeheuere Verschwendung von Steuergeldern. Ein wenig weniger hätte auch gereicht.

Aber immerhin musste konzediert werden, dass man gerade bei einem Ministerium, das damals für Spitzentechnologie stand, auch die technische Ausstattung üppig und voll auf der Höhe der Zeit war. Das galt nicht nur für die vielen telefone in einer Zeit, da zuhause nur die wenigsten Menschen über so etwas verfügten. Es gibt im Hause heute noch drei Paternoster, die von der Firma Transporta Chrudim gebaut wurden. In solch einer Menge an einem Platz findet man die fast nirgendwo mehr in dieser Welt. Früher waren es noch mehr, aber einige wurden in den frühen 1980er Jahren durch herkömmliche Aufzüge ersetzt. Die Eingänge sind wunderschön in schwarzem Marmor gefasst.

Und es ist ja nicht nur die schiere Größe, sondern auch die künstlerische Ausstattung, die zum Pomp des Ganzen beiträgt. Oben auf dem Dach tummeln sich nur so die Skulpturen – und zwar nicht nur die Flügelräder. Dafür wurden einige der bekanntesten Bildhauer der Zeit gewonnen, insbesondere Josef Mařatka, Ladislav Jan Kofránek und Josef Pekárek. Dazu gehören vier überdimensionierte Adlerfiguren an den Ecken des Mittelbaus, von denen man einen rechts oberhalb sehen kann.

Die meisten der in Gruppen arrangierten Skulpturen stellen jedoch Allegorien auf den Gewerbefleiß dar. Nur die Flügelräder haben einen direkten Eisenbahnbezug. Die Statuen verkörpern Gewerbe wie Textilherstellung, Ackerbau, Metallurgie oder Bergbau – alles Tätigkeiten, die durch den segensreichen Ausbau der Verkehrsinfrastruktur zusätzlichen Aufschwung erfahren. Die Eisenbahn, so die Botschaft, treibt die Wirtschaft an.

Zwischen 1960 und 1989 ging es im Hause nicht mehr so sehr um die wohlwollende Verwaltung von Verkehrsfragen. Da fand nämlich das Zentralkomitee der Kommunisten hier seinen Sitz, die mit der Wahl dieses Marmorpalais‘ zeigten, wieviel gleicher die Herrschenden im sozialistischen Paradies der Gleichheit waren. Und der Allergleichste aller Gleichen, Generalsekretär Gustáv Husák, ließ sich hier sogar eine große und luxuriöse Dienstwohnung installieren, samt schönem Moldaublick. Die Samtene Revolution beendete das. Schon 1990 zog hier allerdings wieder das Verkehrsministerium ein.

Aber etwas ließ Husák noch zurück. Er hatte wohl irgendwie Angst, Opfer eines imperialistischen Anschlags seitens des Klassenfeinds im Westen zu werden. Jedenfalls ließ er neben dem Gebäude eine Flugabwehr-Anlage aufbauen. Die ließ man aus irgendeinem Grunde auch nach dem Ende des Kommunismus weiterhin da stehen. Wäre sie nicht dem Großen Hochwasser der Moldau im Jahr 2002 zum Opfer gefallen, stünde sie wohl noch immer da. (DD)

Rüde Rudé Právo

Als der Palais gebaut wurde, befand man sich hier im Grünen. Die Stadt wuchs und wuchs. Heute hat der Palais Desfour (Desfourský palác) an der Na Florenci 1023/21 (Neustadt) das Pech, dass er ein wenig arg von Eisenbahnschienen und Autobahnzubringern eingekesselt ist. Was schade ist, denn so wurde ein architektonisches Juwel dem Vergessen und dem allmählichen Verfall überantwortet.

Es ist ein Gebäude der Kontraste. Von außen sieht man eine klassizistische Fassade, die wegen ihrer feinen Strenge wenig von dem verrät, was sich dahinter verbirgt. Die klassizistische Klarheit der Form beeindruckt um so mehr, wenn man weiß, dass sie das Werk des Architekten Josef Kranner ist. Der war als Dombaumeister des Veitsdoms bekannt und galt deshalb als Spezialist für eher verspielte Gotik (Beispiel hier). Erst bei näherem Hinschauen erkennt man die Schönheit der Fassade.

Gebaut wurde der Palais (oder besser: die Stadtvilla) in den Jahren 1845 bis 1847 von dem in den Adelsstand erhobenen Industriellen Ritter Albert Freiherr Klein von Wisenberg, der es aber noch während der Bauarbeiten an seinen Ko-Unternehmer in diesem Projekt verkaufte, dem Landbesitzer und Politiker Franz Vincenz Graf Des Fours Walderode zu Mont und Athienville. Der gab dem Haus dann auch den Namen – jedenfalls in Kurzfassung…

Ein Teil des dreistöckigen Hauses diente fortan als gräfliche Wohnung, der Rest wurde vermietet. 1878, neun Jahre nach dem Tod des namensgebenden Grafen, verkaufte dessen Witwe das gesamte Anwesen – Palais samt dem dazu gehörenden Garten. Damit begann der Abstieg des Hauses, das nunmehr ausschließlich Mietshaus war und auch bald nicht mehr so recht im Grünen lag, sondern neben lauten Eisenbahngleisen. Aber irgendwie ging es weiter. Dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, kamen die Kommunisten an die Macht. Das bedeutete selten etwas Gutes für architektonische Kulturschätze. Und so war es auch in diesem Fall. Langsamer Verfall setzte ein.

Der wurde noch einmal beschleunigt, als 1951 der neue Inhaber erst einmal das hübsche Gewächshaus im Garten abriss. Es handelte sich bei dem Besitzer um die Redaktion und Verwaltung des kommunistischen Zentralorgans Rudé Právo (Rotes Recht). Mit der Inneneinrichtung ging Rudé Právo recht rüde um. Leitungen wurden durch Stuck gebrochen, Kabel verdrahteten die Räume und die Hässlichkeit der Einrichtungsgegenstände, die wahllos eingebaut wurden, besticht schon irgendwie auf eigene Art – hier ein Ofen und ein Telefon (beides vermutlich aus den 1970er Jahren) als Beispiele.

1983 wurde gar der ganze Westflügel abgerissen, um Platz für die Druckerei von Rudé Právo zu machen. Die wurde übrigens 1989 fertiggestellt und konnte eine Ausgabe des Blatts drucken. Dann kam das Ende des Kommunismus und damit das Ende der Rudé Pravo. Die Zeitung existiert – losgelöst von der Kommunistischen Partei – als unabhängiges linkes Presseorgan unter dem Namen Právo weiter, aber wesentlich kleiner als das Vorgängerblatt. Deshalb war der Palais Desfour zu groß und man residiert heute etwas außerhalb in kleineren Räumlichkeiten. Aber die Schäden im alten Gebäude blieben – bis heute.

Und seit den 1990er Jahren steht das Gebäude leer. Der alte Park hinter dem Haus wurde gestalterisch den luxuriösen neuen Gebäude- und Bürokomplexen der Umgebung zugeschlagen. Er wurde rundum erneuert, aber eben nicht mehr passend zum Stil des Palais‘. Immerhin – eine kleine Ruhezone inmitten der Stadt ist hier entstanden. Aber für das Haus schienen sich weder Käufer noch Nutzungsmöglichkeiten finden. 1995 erbarmte sich die Stadt selbst und das Gebäude wurde in deren Besitz überführt. Zu einem Aufleben der alten Pracht hat das aber seither noch nicht so recht geführt.

Wie traurig das ist, kann nur erahnen, wer einmal drinnen war. Das Haus wird leider nur selten für die Öffentlichkeit geöffnet. Die Gelegenheit zur Besichtigung bietet sich bisweilen bei dem Tag der offenen Tür für historische Gebäude, hier Open House Praha genannt. Bei der Gelegenheit wurden im September 2020 die Photos hier geknipst. Trotz des Verfalls und den kommunistischen Verunstaltungen kann man dann ein immer noch zutiefst beeindruckendes Bauwerk sehen. Das liegt vor allem an den farbenfohen Wand- und Deckenmalereien des Malers Karel Nacovský, die wundervoll von dem Stuckateur Ferdinand Pischelt in Stuck eingefasst wurden. In dieser Qualität sieht man selbst im schönen Prag so etwas selten.

Besonders im ersten Stock wechseln sich nachempfingen von Renaissance- und Barockmalereien ab. Die Decken sind in der Regel besser erhalten als die Wandgemälde – wohl aber nur deshalb weil sie sich möglicherweise etwas mehr außerhalb der Reichweite der Kulturschänder befanden, die hier dereinst hausten. Aber auch hier ist hoher Reparaturbedarf sichtbar. Immerhin hat die Stadt in den letzten Jahren mit der Restauration einiger Malereien angefangen. Stützgerüste sichern auch einige Deckenstrukturen vor dem Absturz. Aber das ersetzt nicht eine Vollrenovierung mit anschließender sinnvoller Nutzung.

Die sollte auch die verschiedenen Nutzungsphasen (nur bitte nicht zuviel von der kommunistischen!) präsentieren. Denn im zweiten Stock wollte man Anfang des 20. Jahrhunderts dem Neobarock bzw. der Neorenaissance des ersten Stocks eine damals moderne Note hinzuzufügen. So findet man hier auch Spuren einer hübschen Einrichtung im Jugendstil (Art Nouveau). Dazu gehört der außerordentlich hübsche von Holz und Marmor umfasste Kamin mit Spiegel auf dem Bild rechts mit seinen metallenen Schmuckgittern. Anscheinend war ein großer Teil dieser Etage völlig stimmig dazu gestaltet worden.

Das ästhetische Kernstück ist jedoch das große Treppenhaus. Es ist durch alle Stockwerke hindurch mit Marmor verkleidet. Ein Deckengemälde mit Stuck schließt es oberhalb ab. Klassische Säulen und kunstvoll geschmiedete Gußeisengeländer zieren das Ganze. Aber auch hier sind zurzeit Teile nicht begehbar und werden restauriert. Es wird Zeit, dass sich etwas tut. Immerhin: Seit 2016 diskutiert man, ob hier nicht ein Prager Archäologiemuseum als Abteilung des Museums der Hauptstadt Prag (wir berichteten) eingerichtet werden soll.

Die Planungen für den Ausbau des Hauptstadtmuseums sind allerdings gegenwärtig großen, politisch aufgeladenen Schwankungen ausgesetzt. Aber die Chancen, dass dieses sinnvolle und passende Projekt realisiert werden kann, sind durchaus gestiegen.

Man sollte sich aber beeilen. Denn es ist schade um jeden Tag, an dem der Verfall und die Vernachlässigung dieses doch recht außergewöhnlichen Gebäudes weiter voranschreitet. (DD)

Vielseitiger Physiker

Unter den großen Physikern, die in Prag wirkten, steht er in Sachen Bekanntheit ein wenig im Schatten des zur Pop-Ikone gewordenen Albert Einstein, aber ganz sicher ist auch er ein weiterer Beleg dafür, was für ein bedeutender Wissenschaftsstandort Prag immer war. Die Rede ist von Ernst Mach, dem man natürlich hier in der Stadt auch ein Denkmal gesetzt hat.

Mach ist den meisten Menschen dadurch bekannt, dass er der Maßeinheit für die Schallgeschwindigkeit (Mach-Zahl) den Namen gab, die er erforscht hatte. Daneben wurde Mach, der 1867 seine Professur in Prag antrat, 1872 Dekan der Philosophischen Fakultät und 1879 und 1883 sogar Rektor der Universität, durch vielseitige Impulse für die Wissenschaft bekannt. Sie erstreckten sich von der empiristischen Erkenntnistheorie über die Sinnespsychologie und der Erforschung der Dynamik fliegender Projektile hin zur Kritik der Newtonschen Mechanik. Mit letzterem inspirierte er wohl in einem nicht zu unterschätzenden Maße die Einsteinsche Relativitätstheorie. Kurz: Der Mann hat sich seine Gedenkplakette verdient.

Die findet man auch an der Fassade am Erdgeschoss des Gebäudes am Ovocný trh 562/7 (Obstmarkt) in der Prager Altstadt. Erst 2016 – zum 100. Todestag Machs – wurde die Tafel mit Büste hier angebracht. Sie ist ein Werk des Bildhauers Jakub Vlček. Die Büste ist von einer abstrakten Darstellung der konischne Druckwelle eines Projektils eingerahmt – ein Anspielung auch Machs Forschungen zur Schallgeschwindigkeit. Auf der Plakette darunter steht: „Ernst Mach 1838-1916. Der Physiker und Philosoph Ernst Mach arbeitete von 1867 bis 1879 in diesem Haus. Hier begann er als Leiter des Instituts für Physik der Universität seine bahnbrechenden Untersuchungen von Stoßwellen (Mach-Zahl). Seine Kritik an der Newtonschen Mechanik beeinflusste Albert Einstein (Machs Prinzip) tief.“

Bei dem Gebäude, an dem sich die Gedenktafel befindet, handelt es sich um den Buquoy Palast, ein klassizistische Bauwerk mit mittelalterlichen Wurzeln, das 1762 in den Besitz der Karlsuniversität (wir berichteten hier) überging. 1882 zog hier auch die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften Böhmens ein. Jiří Drahoš, ebenfalls ein Physiker und damaliger Präsident der Nachfolgeorganisation, der tschechischen Akademie der Wissenschaften, weihte die Gedenkplakette ein. (DD)

Versicherungswerbung als Kunst

Irgendwann wird gute Werbung zu im Laufe der Zeit zu gediegener Kunst. Das Mosaik über dem Eingang des an der Spálená 76/14 in der Neustadt gelegenen Gebäudes des Ersten Böhmischen Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit (První česká vzájemná pojišťovna) fehlt heute in kaum einem Kunstführer über Prager Jugendstil, der ja bekanntlich viel zu bieten hat.

Der Verein, der 1827 zunächst als Feuerversicherung mit sozialem Anspruch und von reichen Gönnern wie Joseph Matthias Graf von Thun-Hohenstein ins Leben gerufen wurde, hatte sich zur Zeit der Errichtung dieses Gebäudes bereits zu einer Großversicherung mit breiter Angebotspalette entwickelt. Deshalb konnte man sich auch den Umbau eines großen Palastes leisten, dem Hildprandt Palais, das seit dem 17. Jahrhundert dem Geschlecht Hildprandt von und zu Ottenhausen gehörte. In den Jahren 1803 bis 1804 ließ die Familie es von dem Architekten Zacharias Ziegert im klassizistischen Stil erneuern. Insbesondere im Treppenhaus und bei den Skulpturen kann man noch Spuren dieser Bauphase erkennen. Die Erben von Robert Freiherr von Hildprandt von und zu Ottenhausen, einem liberalen Reformpolitiker, der 1889 starb, veräußerten den Palais später.

In den Jahren 1907 bis 1909 baute der neue Eigner – eben der Versicherungsverein – das Gebäude noch einmal kräftig um. Dazu wurde der Architekt Osvald Polívka (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier und hier) angeheuert, der damals der ganz große Star unter den Vertretern des Jugendstils war. Die Fassade, die er gestaltete, verband den Jugendstil mit zahlreichen eher historistischen Elementen des Neobarock und Klassizismus. Letzteres zeigt sich vor allem auch an den Reliefs über dem ersten Stock, die antikisierende Allegorien auf Tätigkeitsfelder der Versicherung (oberhalb rechts die ursprüngliche Aufgabe der Feuerversicherung) zeigen.

Aber auch die kleinen Portraitreliefs über dem zweiten Stock seinen erwähnt. Sie sind in schöne und passende Kartuschen gefasst. Überhaupt finden sich noch zahlreiche Barockelemnete hier, etwa die Vasendarstellungen im obersten (vierten) Stock. Bewusst wurdebeim Umbau auf das stolze Erbe des Vorgängerpalastes angespielt.

Besonders großartig sind die klassizistischen Großreliefs an den beiden Seitengiebeln, die jeweils Tag und Nacht symbolisieren sollen. Rechts sieht man die Nacht. Eine Gottheit sorgt für die Sicherheit der selig schlafenden Menschen. Drumherum befinden sich auffallend viele Eulenvögel. Die für Weisheit und Vorhersicht stehenden Nachtvögel wurden in dieser Zeit gerne als allegorische Attribute für Versicherungen verwendet (Beispiel hier).

Innen entfaltet sich noch einmal Pracht, etwa das noch klassizistische Treppenhaus und die stilistische dazu passenden Skulpturen des Bildhauers Peter Prachner oder der 1938 vom Architekten Leo (Lev) Lauermann gestaltete funktionalistische Sitzungsraum von 1938. Leider handelt es sich um ein privates Bürogebäude, so dass man nicht einfach überall Sightseeing betreiben kann.

Oft ist aber die Haupttüre offen und man kann einen Blick in den Eingangsbereich werfen. Dort wird mann direkt von dem von Ladislav Šaloun, dem Schöpfer des großen Hus-Denkmals am Altstädter Ring, entworfenen Brunnen im Eingangsbereich überwältigt. Der visuelle Effekt des Brunnens, der eine Knabengestalt mit Blumen darstellt, wird durch das dahinter liegende Jugendstilfenster mit floralem Dekor noch verstärkt.

Und außerdem gilt: Außen gibt es ja genug zu sehen – nicht zuletzt oben am mittleren Giebel, wo noch einmal das Motiv des Böhmischen Löwen (Bild oberhalb links) der Werbung über dem Eingang vergrößert herausgestellt wird – passend zu dem ursprünglich sehr patriotischen Grundgedanken des Versicherungsvereins als soziale Hilfsmaßnahme. (DD)

Sgrafitti im Überschwang

Dort, wo enge und verschlungene Gassen und uralte Häuser die Prager Kleinseite so romantisch und verwunschen aussehen lassen, wie kaum irgendwo sonst, ragt dieses Haus wie der Inbegriff feinster böhmischer Renaissancekunst noch einmal besonders heraus.

Dieser erste Eindruck täuscht allerdings, was das berühmte Kremlovský dům (Kremlov Haus) in der Jánská 315/2 allerdings nicht im geringsten weniger entzückend erscheinen lässt. In Wirklichkeit wurde das Haus im 17. Jahrhundert (möglicherweise auf den Fundamenten eines früheren mittelalterlichen Gebäudes) zunächst einmal im Barockstil erbaut. Davon sieht man heute allerdings nur noch wenig.

Denn das heutige Aussehen verdankt das Haus eines Umbaus Anfang des 19. Jahrhunderts im klassizistischen Stil und vor allen Dingen einer grundlegenden Renovierung im Jahre 1878, die den nicht vollständig umgesetzten Plänen des Baumeister František Liebl folgte. Die Neugestaltung wurde in dem damals geradezu modischen Stil der Neorenaissance durchgeführt, die sich besonders harmonisch zu der klassizistischen Gebäudestruktur verhält. Um dem Gebäude einen Flair von Renaissance zu verleihen, wurde die gesamte Fassade in einem Überschwang mit Sgraffiti überzogen. Das geschah selten so überbordend wie bei diesem Haus.

Dabei handelt es sich um eine Kratzechnik für Bilder, bei denen verschiedenfarbige Stuckschichten auf die Wand aufgetragen und anschließend in den für das Bild sinnvollen Schichten freigelegt werden (früheres Beispiel hier). Das war in der Zeit der böhmischen Renaissance äußerst populär, etwa zu sehen beim Palais Schwarzenberg nahe der Burg, und wurde im späten 19. Jahrhundert in Prag gerne wieder aufgegriffen.

Die Sgrafitti greifen klassische Themen der Renaissance wieder auf – insbesondere antike Fabelwesen und Gryphen, aber auch pure Ornamentik. Und so steht das Haus heute in einer der schönsten Lagen der Stadt, direkt unterhalb des  Palais Bretfeld (auch hier) und ist zu einem besonderen Blickfang für die vorbeikommenden Besucher der Stadt geworden, denen es nicht ausmachen dürfte, dass die Renaissance, die sie hier sehen, in Wirklichkeit „nur“ gut gemachte Neorenaissance ist. (DD)

Wo heute Hoheiten nächtigen

Das Haus von Liechtenstein hat in Tschechien ein historisches Imageproblem. Es war Karl I. von Liechtenstein gewesen, der im Dienste der Habsburger am 21. Juni 1621 auf dem Altstädter Ring die Anführer des Ständeaufstandes von 1618 hinrichten ließ und den Böhmen damit vor Augen führte, dass es mit ihrer Freiheit nun vorbei war. Er selbst vergrößerte seine böhmischen Besitzungen durch das konfiszierte Eigentum der Besiegten. So richtig gerne erinnert man sich seiner hierzulande nicht.

Und trotzdem heißt der Palais Liechtenstein (Liechtensteinský palác) in der U Sovových mlýnů 506/4 auf der Kampa Insel der Kleinseite direkt am Ufer der Moldau tatsächlich noch Palais Liechtenstein – obwohl er nicht einmal von den Liechtensteinern erbaut wurde und ihnen im 19. Jahrhundert auch nur recht kurz gehörte. Warum denn nicht Palais Kaiserstein? Denn es war Franz Helfried von Kaiserstein, der den barocken Palast im Jahre 1696 von dem Architekten Giovanni Battista Alliprandi an Stelle zweier kleinerer Gebäude aus dem 16. Jahrhundert erbauen ließ. Der begabte Architekt dachte sich jene unregelmäßig sechseckige Grundrissform aus, die man von der Moldauseite als solche kaum wahrnimmt. Zudem gab er dem Palast einen Bootstunnel, der vom Fluss nach innen führte, der aber bei späteren Umbauten leider verschwand.

Oder warum nicht Palais Kustoš von Zubří? Denn 1729 kaufte Ferdinand Adam Kustoš ze Zubří, der erst 1725 von Kaiser Karl VI. in den böhmischen Grafenstand erhoben worden war und sich jetzt ein diesem Stande gemäßes Domizil suchte, das Gebäude für 24.000 Gulden. Er behielt es aber aus Geldnot nur 12 Jahre.

Oder warum nicht Palais Kolowrat? Denn 1741 ging das Gebäude mit der schönen Lage bei einer Auktion an das Geschlecht der Grafen Kolowrat über. Die behielten es immerhin für rund 90 Jahre. Dann verkaufte es Franz Anton von Kolowrat-Liebsteinsky, der übrigens ein liberaler Gegenspieler Metternichs war und bei der Revolution von 1848 (leider nur kurz) der erste konstitutionelle Ministerpräsident Österreichs war, im Jahre 1831 wieder. Und der neue Besitzer wurde Fürst Johann I. Josef von Liechtenstein. Und ihm verdankt der Palast nun seinen heutigen Namen: Palais Liechtenstein.

Nun war Johann I. Josef kein Karl, und tat sich hierzulande nicht mit Hinrichtungen, sondern eher als Kunstmäzen und in seinen mährischen Ländern als Agrarreformer hervor. So scheint er dem Misstrauen der Tschechen effektiv entgegengewirkt zu haben. Außerdem brachte er das Wappen des Hauses Liechtenstein in Stein gemeißelt über dem Portal an – eines der wenigen Insignien der Familie, die man in Prag findet. Zusätzlich nahm er noch einige bauliche Veränderungen vor, unter anderem den Abriss von zwei Türmen, die zu Alliprandis Ursprungsbau gehörten. Aber letztlich gehörte der Palais den Liechtensteinern auch nur 33 Jahre.

Inzwischen war das bürgerliche Zeitalter angebrochen und ein Nachfahre des Fürsten verkaufte das Anwesen 1864 nunmehr an einen Bürgerlichen, nämlich František Odkolek, dem Besitzer der nebenan gelegenen Sova-Mühle, in der sich heute das Kampa Museum für moderne Kunst befindet. Der ließ erst einmal den mittlerweile etwas heruntergekommenen Palast von seinem Baumeister František Srnec kräftig umbauen. Es wurde ein Stockwerk hinzugefügt und die Fassade – vor allem die Fenster – von Barock auf Klassizismus umgestellt. Wie dem auch sei: Obwohl er damit den Gesamteindruck des Gebäudes mehr als andere geprägt hat, käme irgendwie niemand auf die Idee, das Gebäude Palais Odkolek zu nennen. Es blieb bei Palais Liechtenstein.

Odkolek vermietete das Gebäude ab 1873 eine zeitlang an die Deutsche Technische Hochschule Prag. Aber schon 1897 gaben seine Nachkommen wegen einiger wirtschaftlicher Probleme – die Mühle hatte durch ein Feuer große Schäden genommen – das Gebäude wieder ab und verkauften es an die Stadt Prag. Die betrieb dort erst einmal eine Grundschule. Die Nazis beutzten den Palais 1940-45 als Hauptquartier der lokalen NSDAP und verwendeten die Gartenanlage daneben als Übungsplatz für die Hitlerjugend. Danach kam das Gebäude wieder unter die Obhut der Stadt, später dann übernahm der tschechoslowakische Staat das Ganze, um einige Behörden hier unterzubringen. Zwischen 1982 und 1991 wurde der Komplex, nun im Besitz des Präsidialamtes, zu einem hochrangigen Gästehaus der Regierung für ebenso hochrangige Staatsbesucher. Königin Elizabeth II. samt Prinzgemahl Philip und Sohn Charles oder der japanische Kaiser Akihito mit Kaiserin Mikoiko gehören zu denen, die hier nächtigen durften. Wo Hoheiten nächtigen, ist der Zugang für Normalsterbliche meist untersagt. Deshalb ist das Innere des Palais Liechtenstein normalerweise für Touristen nicht zu besichtigen. (DD)

PS: Wenn man den ungewöhnlichen Grundriss in Form eines unregelmäßigen Sechsecks deutlich erkennen will, kann man das wohl am besten, wenn man auf den Petřín-Berg steigt, wo man den Palast von oben sehen kann…