Visionärer König in der Metro

Jiří z Poděbrad (dt.: Georg von Podiebrad) nimmt unter den böhmischen Königen des Mittelalters im Herzen der Tschechen einen besonders hohen Rang ein – vergleichbar allenfalls mit Karl IV., dem Namensgeber der Karlsbrücke. Das größte Bauwerk in Prag, das König Georgs Namen trägt, ist allerdings eine Metrostation der Linie A in Vinohrady.

Warum? Nun, nach seinem Tode gab es zumindest etliche Denkmäler und Gedenkorte, die an ihn erinnern. Schließlich war er der letzte genuin tschechische Herrscher auf dem Thron gewesen. Zugleich war er der einzige Hussit, der das Land je regierte. Und er setzte sich gegen alle Anfeindungen für die religiöse Toleranz in Böhmen ein. Damit war er per se ein historischer Sympathieträger ersten Ranges.

Als die Habsburger nach der Schlacht am Weißen Berg (früherer Beitrag hier) 1620 ihre Fremdherrschaft in Böhmen festigten und das Land zwangsweise katholisierten, vernichteten sie recht systematisch alle Erinnerungen an den populären Georg (unter anderen zerstörten sie seine Statue an der Karlsbrücke). Gerade für die nationale Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts wurde diese Zeit als temno (Dunkelheit) bezeichnet, was Georgs Erbe fortan nur um so strahlender erscheinen ließ.

Sowohl die junge Erste Republik nach 1918 als auch die Kommunisten nach 1948, die ihn irgendwie als vage „progressiv“ perzipierten und ihn wegen seiner Popularität missbräuchlich instrumentalisierten, reklamierten sein Andenken für sich. Der König, der gewiss kein Kommunist war, konnte sich ja nicht mehr dagegen wehren. Und so kam es, dass die 45 Meter unter dem nach ihm benannten Náměstí Jiřího z Poděbrad (Georg von Podiebrad Platz) liegende Metrostation nunmehr auch nach ihm benannt wurde (siehe unter anderem früheren Beitrag hier).

1980, also noch in kommunistischer Zeit, wurde die Station eröffnet. Im Vestibül wird auch mit künstlerischen Mitteln des Monarchen gedacht. Die auffälligste Würdigung ist das große Relief mit dem Porträt des Königs (großes Bild oben). Der Bildhauer Jiří Dušek hat es in Anlehnung an Münzportraits als Profildarstellung gestaltet. Es ähnelt tatsächlich überlieferten Portraits des Königs, mit denen der Künstler, der zugleich auch als Restaurator alter Kunstwerke bekannt wurde, sich wohl recht gut auskannte. Georg, König Böhmens, lautet die lateinische Schrift auf dem Medaillon schlicht und einfach.

Nahe des östlichen Ausgangs findet man einige dunkelbraun gebrannte Keramikreliefs des Künstlers Lubomír Šilar. Sie alle spielen auf die Zeit Georgs und des Hussitentums an, darunter das Wappen des Hauses Podiebrad, dem er entstammte, und stilisierte Stadtansichten des Mittelalters, die durch spätgotische Architektur geprägt sind (siehe beide kleinen Bilder oberhalb)

Geht man die Treppe hoch und sieht sich auf dem Platz davor um, fällt sofort der aus Beton gegossene Brunnen auf. Was – wie so oft bei abstrakter Kunst – nicht sofort auffällt, ist der Bezug, den auch er zun Georg und sein Königtum hat. Das Werk des Künstlers Petr Šedivý heißt Sjednocená Evropa (Vereinigtes Europa). Es stammt ebenfalls aus dem Jahre 1980 und ist daher definitiv nicht aus dem Regionalfonds der EU herbeisubventioniert worden. Es spielt vielmehr auf eine Denkschrift des Königs aus dem Jahre 1462 an, in der er eine föderative Friedensordnung für Europa vorschlug – ein Plan, den seine katholischen Gegenspieler zu Fall brachten bevor er überhaupt ernsthaft diskutiert werden konnte. Diese visionäre Ader mochte man in den Zeiten des Spätkommunismus an Georg – nicht verstehend, dass das europäische Einigungsprojekt viel besser zum freien Westen passte, und dass Georg das sicher auch so gesehen hätte. (DD)

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