Ein Stück europäischer Bildungsgeschichte

In der Schule habe ich noch gelernt, sie sei die älteste deutsche Universität, die 1348 von Kaiser Karl IV. gegründete Karlsuniversität. Für die Tschechen ist sie als Univerzita Karlova die älteste tschechische Universität. Zu Zeiten der Gründung war man aber in Sachen Europa weiter. Die Charta der Universitas Carolina sah vor, dass sie allen Nationen in Böhmen offen sein solle und gelehrt wurde sowieso in Latein. Dieses hehre Ideal der universellen Gelehrtenrepublik erwies sich im Laufe der Zeit jedoch immer wieder als brüchig.

Karls Sohn Wenzel IV. sorgte im Zuge seiner Konfrontationen mit den weltlichen Machtansprüchen der Kirche 1409 mit der Ernennung des frühreformatorischen Predigers Jan Hus (dessen von dem Bildhauer Karel Lidický 1955 angefertigte Statue im Innenhof steht, Bild links) zum Rektor und der damit verbundenen Stärkung der tschechisch-böhmischen Fraktion in der Universität durch das Kuttenberger Dekret zu ersten Konflikten. Die deutschen Magister und Studenten zogen aus – akademisch gesehen ein schwerer Verlust.

Die Hussitenkriege verschärften die Lage, wurden doch die von der katholischen Seite initiierten Kreuzzüge gegen das hussitische Böhmen als Machtdemonstration des deutschen Kaisertums gesehen. In den Jahren 1417 bis 1622 war die Karlsuniversität tatsächlich eine von gemäßigten Hussiten und später Protestanten geprägte tschechische Universität. Nach der Niederlage der böhmischen Seite bei der Schlacht am Weißen Berg 1620 setzten die siegreichen Habsburger eine Politik der Zwangskatholisierung durch, die auch die Universität beeinflusste. 1654 setzte Kaiser Ferdinand III. sogar die Vereinigung mit dem Jesuitenkolleg des Clementinums durch. Das Pendel schwang jetzt gegen die Tschechen und gegen den Protestantismus und die Karlsuniversität hieß fortan Karl-Ferdinand-Universität, um dies zu untersteichen.

1773 verbot Kaiser Joseph II. die Jesuiten und die Universität wurde wieder in religiöser und auch anderweitiger Hinsicht für alle geöffnet. Deutsch und Tschechisch wurde beide als Lehrsprachen anerkannt. Das tat ihr akademisch gut und sie wurde zum Hort fortschrittlichen Denkens, was sich unter anderem darin zeigte, dass sich sowohl deutsche als auch tschechiche Professoren und Studenten 1848 an der Revolution, dem Pfingstaufstand, beteiligten.

So ganz gleichberechtigt waren Tschechen und Deutsche in der Realität aber nicht. Die Tschechischsprachigen bildeten ein Drittel der Stdentenschaft, aber nur ein Prozent der Vorlesungen war in Tschechisch. Es gab zunehmend Proteste dagegen. 1882 wagte man die radikale Reform und teilte die Universität de facto in zwei Universitäten auf – eine tschechische und eine deutsche. Dieses Arrangement überlebte auch den Untergang des Habsburgerreichs und die Gründung der Ersten Tschechoslowakischen Republik 1918. Der tschechische Teil nannte sich allerdings jetzt nur noch Karlsuniversität, der deutsche weiterhin Karl-Ferdinand-Universität.

Die Nazis beendeten nach der Besetzung das Nebeneinander der Bevölkerungsgruppen brutal. Es gab nur noch eine Universität, die sogenannte Deutsche Karls-Universität, in Prag. Die Protestaktionen tschechischer Studenten am 17. November 1939 wurden blutig erstickt.

Die Vertreibung der Nazis und die Rückkehr zur Demokratie bedeutete die Wiederherstellung akademischer Freiheit in der nun ausschließlich tschechischen Universität – aber nur bis zur Machtübernahme der Kommunisten 1948, die die ideologische Gleichschaltung zur Folge hatte. Aber man löckte ab und an wider den Stachel. Studenten und Professoren der Universität beteiligten sich an den Demonstrationen gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 und vor allem auch an der Samtenen Revolution von 1989, die den kommunistischen Spuk beendete. Seither ist die Universität wieder normal europäisch eingegliedert und folgt den dort üblichen Standards akademischer Freiheit.

Die doch recht dramatische Geschichte sieht man heute dem Karolinum genannten Hauptgebäude in der Altstadt an. An den Spitzbögen der Gewölbe im Erdgeschoss und im Keller sowie an dem schön verzierten Erker über dem Ovocný Trh (zweites kleines Bild von oben) erkennt man noch die mittelalterlichen Wurzeln aus der Zeit Karls IV..

An der Fassade hin zur Železná sieht man wiederum feine Barockarchitektur – Spuren des großangelegten Umbaus im jahre 1718, die von dem renommierten Architekten Franz Maxmilian Kaňka ausgeführt wurden. Auch drinnen sieht man, etwa beim Eingang der Aula, deutliche Spuren der barocken Bauphase.

Im Eingangsbereich befinden sich modernere Gebäudeteile. nach dem Zweiten Weltkrieg vergrößerte der Architekt Jaroslav Fragner das Gebäude. Er passte sich dabei aber dem gotischen Stil an und versuchte den Ausgleich von Mittelalter und Moderne. Das ist im wesentlichen gelungen, was man auch innen sehen kann.

Für Festveranstaltungen stehen vor allem zwei große Säle im Mittelpunkt. Da ist die große Aula des Karolinums. Es ist mit Wappen und Gobelins geschmückt und natürlich ist auch der Namensgeber, Karl IV., zugegegen. Seine überlebensgroße Statue, ein Werk des Bildhauers Karel Pokorný, überragt die Aula, wie das große Bild oben zeigt. Ebenfalls für Festveranstaltungen wird der Patriotische Saal (Vlastenecký sál) genutzt, unter anderem für die Verleihung des seit 1993 bestehenden Preis Karls IV. für demokratisches und europäisches Engagement. Auf dem kleinen Bild links sehen wir die Verleihung von 2018 an Bundespräsident Joachim Gauck – unter dem von Otto Peters 1932 angefertigten Portrait des ersten Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, auf dessen demokratische Tradition sich die Universität heute gerne rückbesinnt.

Und wer sich eingehender mit der abwechslungsreichen und spannenden Geschichte dieser großen Universität beschäftigen möchte, der findet im Keller des Gebäudes ein kleines Museum (Eintritt frei), das diese aufarbeitet. Da hat sich so manches schöne Fundstück angesammelt und sollte sich ein wenig Zeit nehmen für dieses bedeutende Kapitel europäischer Bildungsgeschichte. (DD)

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