Hort der Frauenrechte

Die drei Damen, die da als Büsten verewigt ihren Platz in der Fassade gefunden haben, sind nicht nur ein dekoratives Element. Sie machen klar: In diesem Gebäude in der Resslova 1940/5 in der Neustadt wurde ein großes Stück der Geschichte der Frauenrechte im Lande geschrieben.

Es begann mit dem Elend nach dem für Kakanien unglücklich verloren gegangenen Krieg gegen Preußen von 1866. Der hinterließ unzählige Frauen, die als Witwen oder Waisen ohne Chancen auf ein Auskommen unverschuldet ins Elend gerieten. Es gab kein Bildungssystem, das ihnen Wege hätte eröffnen können. Es war dies die Stunde von emanzipierten Frauen, wie die Schriftstellerin und bürgerliche Frauenrechtlerin Karolina Světlá (früherer Beitrag hier), Frauenbildung voranzutreiben und Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen. Zusammen mit einigen Mitstreiterinnen gründete Světlá 1871 den Böhmischen Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český), einem Bildungsverein für Frauen aus armen Verhältnissen. Der Verein gründete noch im gleichen Jahr eine Schule unter der Leitung von Johanna Kuffnerová.

Zur Finanzierung entfachten die Frauen ein Feuerwerk von Spendensammlungen, Auktionen, Lotterien, Basaren und Konzerten. Der Erfolg gab ihnen recht. In den ersten 30 Jahren absolvierten in der Schule (die 1890 um die höhere Bildungseinrichtung Minerva, das erste Mädchengymnasium in Böhmen überhaupt, ergänzt wurde) 18.000 Mädchen und junge Frauen eine Ausbildung – meist in praktischen Fähigkeiten, die das Auskommen sichern sollten. Flankiert wurde die Bildungsarbeit immer von politischen Forderungen. Světlá war zum Beispiel 1865 Mitbegründerin der Americký klub dam (Klub amerikanischer Damen), der mit seinem Namen ausdrücken wollte, dass man in Böhmen gerne das Ausmaß an Frauenrechten haben wollte, das man im liberaleren Amerika schon kannte.

Das setzte sich auch fort, als Světlá 1880 den Vorsitz des Vereins an Emilie Bártová weitergab, die sich ebenfalls beim Klub der Amerikanischen Damen engagierte. Ihr folgte 1891 Eliška Krásnohorská (früherer Beitrag hier), die wohl zu den bedeutendsten Gestalten der böhmischen Frauenrechtsbewegung gehört. In ihre Zeit als Vorsitzende des Frauen-Erwerb-Vereins fällt der Bau des hier vorgestellten Gebäudes. Verein und Schule hatten zur Zeit der Gründung in der Spálená Straße (nahe der Kirche der Dreifaltigkeit; früherer Beitrag hier) in der Neustadt und ab 1879 in der Bartolomějská (Altstadt) residiert. Das Gebäude war inzwischen zu klein geworden. 1894 erwarb man nach einer großen Spendenaktion das Gründstück an der Resslova (das zuvor erst Klosterbesitz, dann Gefängnisareal gewesen war; siehe hier). 1896 konnte das Gebäude, das von dem Architekten und Baumeister Josef Blecha im Stil der Neorenaissance erbaut worden war, in Anwesenheit des Prager Bürgermeisters Jan Podlipný (der für einen Zuschuss der Stadt gesorgt hatte) und anderer Prominenz eröffnet werden.

Über dem zweiten Stock befinden sich im Mittelrisalit drei Büsten, die von links nach rechts die Gründerinnen des Vereins Krásnohorská, Bártová und Světlá. Die Büsten sind dem Stil des Gebäudes angepasst, weshalb sie vielleicht ein wenig zu süßlich wirken und die drei Frauen nicht so recht wie harte Frauenrechtskämpferinnen aussehen lassen. Das Gebäude diente, wie gesagt, nicht nur als Ausbildungsstätte, sondern auch als Zentrum für politische Aktivitäten. Krásnohorská nutzte es beispielsweise als Redaktionsraum für die schon 1873 von ihr herausgegebene erste böhmische Frauenzeitschrift Ženske listy (Frauenblätter). Zusätzlich zur Büste erinnert eine 1931 von der Bildhauerin Karla Vobišová-Žáková erstellte Gedenktafel mit einem Reliefportrait an sie.

Der Erwerbsverein betrieb das Zentrum noch lange weiter. Die Nazis unterbrachen den Betrieb, aber 1945 konnte er wieder aufgenommen werden. Die Kommunisten, die 1948 die Macht ergriffen, versuchten, den Verein gleichzuschalten und von seinen liberalen Wurzeln zu lösen. 1961 wurde das Gebäude in der Resslova entschädigungslos enteignet. Seither gehört es der tschechoslowakischen Handlesakademie (Českoslovanská akademie obchodní), die schon zuvor ein Gebäude auf der anderen Straßenseite hatte (siehe kleines Bild oberhalb links). 1971 kam der Todesstoß und der Verein löste sich auf. (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s