Von der Kirche zum Gefängnis und zurück

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Kaum zu glauben, dass das mal ein Gefängnis war! Geht man vom Karlsplatz Richtung Moldauufer nur wenige hundert Meter die Resslova herunter, sieht man auf der linken Seite bald etwas erhöht die Kirche des Heiligen Wenzel von Zderaz (Kostel sv. Václava na Zderaze). Zderaz hieß dereinst dieser Ortsteil der Prager Neustadt, in dem es IMG_0981sogar früher einmal eine Burg aus dem 14. Jahrhundert gab, die aber dem Straßenbau im späten 19. Jahrhundert vollständig und restlos zum Opfer fiel. Quellen besagen, dass hier schon im frühen 12. Jahrhundert eine romanische Gemeindekirche stand. Seine heutige gotische Form verdankt der Bau allerdings der Zeit Karls IV., unter dem sie als eine der Gemeindekirchen der Neustadt geplant wurde. Fertiggestellt und geweiht wurde sie aber erst nach Karls Tod im Jahre 1399.  1623 wurde sie aufgrund einer Schenkung Kaiser Ferdinands II. zu einer Klosterkirche für den Orden der Augustiner. Die Kirche wurde innen teilweise behutsam barockisiert. Dann kam die Klösterenteignung IMG_0974unter Kaiser Josef II, im Jahre 1785, die aus der Kirche ein Gefängnis machte, das erst 1884 hier wieder auszog und seither in Pankrác residuiert. Dass die Kirche danach recht ramponiert und baufällig war, verwundert nicht. Die Stadt Prag übernahm das Gebäude. Immer wieder gab es Pläne für eine Renovierung, etwa 1904 und 1909, die tendenziell auf eine Regotisierung abzielten. Besonders die letzte Renovierung stabilisierte das Gebäude ein wenig, fügte eine Art Aussichtsterrasse IMG_0983hinzu (sichtbar auf dem großen Bild oben), aber zu Ende gebracht wurden die Reparaturarbeiten nicht. Das tat dann die Tschechoslowakische Hussitische Kirche, die das Bauwerk 1926 übertragen bekam und es im gleichen Jahr wieder neu als Gemeindekirche weihte. Der Kirche gehört das Gebäude, das leider außerhalb der Gottesdienstzeiten fast immer geschlossen ist, immer noch, was man an dem typischen Kelchsymbol der Hussiten im Eingangsbereich sehen kann. Auch innen ist die Kirche dem neuhussitischen Grundgedanken der Schlichtheit verpflichtet. Trotzdem hat sich hier noch viel von der früheren Pracht aus dem Mittelalter und der Barockzeit erhalten.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist img_4151-2.jpg.Angesichts der früheren Nutzung als Gefängnis erstaunt dies allerdings! Im Hauptschiff sieht man bis heute noch Überbleibsel der Wandmalereien aus dem frühen 15. Jahrhundert, die unter Kennern als besonders gelungen gelten. Es finden sich hier erstaunlich viele szenische Darstellungen, wie zum Beispiel die links gezeigte Vita des Heiligen Wenzel (erkennbar an seinem Adlerwappen auf dem Schild und ntürlich dem Heiligenschein). der der Kirche ja den Namen gegeben hat. Daneben gibt es etwa noch eine Mariendarstellung und Bilder, die die von Christus bewirkten Wunder beschreiben.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist img_4150.jpg.Auch die barocke Bauphase nach der Umwandlung in eine Klosterkirche, hat noch deutlich sichtbare Spuren hinterlassen. Dazu gehören die Malereien im herrlichen Kreuzgewölbe über dem Schiff. Zu den Malern, die damals die Kirche innen ausstatteten, gehörte unter anderem auch  Karel Škréta, der unter anderem auch an den Malereien in der ungleich bekannteren  Kirche St. Thomas (kostel svatého Tomáše) auf der Kleinseite mitgewirkt hatte.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist img_4152.jpg.Aber auch die moderne Zeit nach der Übertragung der Kirche auf die Neuhussiten hat beeindruckende Spuren hinterlassen. Kein Geringeren als der berühmte Meisterbildhauer des tschechischen Symbolismus, František Bílek (wir berichteten hier) gewann man 1930 für die Gestaltung der Kirchenbänke und des Chors. Die vielfältigen Tiergestalten – links sieht man eine Eule – machen die Sitzreihen zu den originellsten, die man überhaupt in Prag finden kann. Daneben wurde 1936 noch ein Kolumbarium (auch Urnenwand genannt; d.h. Aufbewahrungsort für Urnen Verstorbener) eingerichtet – etwas sehr Typisches für neuhussitische Kirchen.

IMG_0975Die Tatsache, dass man im 19. Jahrhundert drumherum den felsigen Berg, auf dem sie steht, für Straßen abgetragen hat, hatte für die Kirche aus optischer Sicht durchaus einen positiven Nebeneffekt. Das gotische Kirchengebäude thront nun majestätisch über den umgebenden Häusern und sieht dadurch recht imposant aus – insbesondere wenn man sich ihr bergaufwärts vom Moldauufer aus annähert. (DD)

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