1100 Jahre Mord an Ludmilla

Es ist statistisch belegt, dass die Mehrzahl aller Morde in der eigenen Familie stattfinden. Die Heilige Ludmilla (Svatá Ludmila) hätte als Mitglied der großen, von Machtinteressen durchsetzten Herrscherfamilie der Přemysliden gewarnt sein müssen. Dass sie dann tatsächlich wohl im Auftrage ihrer Schwiegertochter ermordet wurde, sicherte ihr aber immerhin den Märtyrerinnen- und Nationalheiligenstatus in Böhmen. Der Mord am 15. September jährt sich heuer zum 1100sten Male. Und des Ereignisses wird in Tschechien dieses Jahr ordentlich gedacht.

Auf der Karlsbrücke nimmt ihre Statue eine prominente Stelle in der Mitte ein. Sie durfte da auch nicht in der Galerie der dort befindlichen Heiligen fehlen, denn sie ist die böhmische „Ur-Christin“ schlechthin. Ludmilla war die Ehefrau des böhmischen Přemysliden-Herrschers Bořivoj I., der der erste wirklich historisch belegte Vertreter des Geschlechts ist. Die Christianslegende, eine im 10. Jahrhundert entstandene Geschichtschronik, überliefert, dass er sich um das Jahr 883 am mährischen Hof taufen ließ, um somit der erste christliche Herrscher in Böhmen zu werden. Und seine Frau Ludmilla, die ihn wohl um 874 im Alter von 14 Jahren geheiratet hatte, ließ sich bei dieser Gelegenheit oder möglicherweise kurze Zeit darauf in Böhmen ebenfalls taufen.

Aber es ging dabei nicht nur um das persönliche Seelenheil zweier Menschen. Bei alledem spielte natürlich auch die große Politik ihre Rolle. Die Taufe des Herrscherpaars warf Fragen auf. Irgendwie ging es dabei auch um die Frage der Zukunft Böhmens, das noch am Anfang seines Aufstieges als staatliches Machtzentrum stand. Das Christentum mag hier unter den einzelnen Stammesfürsten umstritten gewesen sein, wenngleich wohl weniger als später überliefert. Dann war da die Frage, ob man sich an die byzantinische Ostkirche, möglicherweise mit einer slawischen Liturgie verbunden, band, oder an die fränkische (deutsche) Kirche, die auf Latein bestand, und bei der Kirchenfürsten eine höhere politische Funktion ausübten. Letzteres kam den Macht- und Zentralisierungsbestrebungen der Přemysliden-Herrscher mehr entgegen.

Das alles braute sich über Ludmilla zusammen. Sie wurde um 889 Witwe. Zunächst regierte danach ihr ältester Sohn Spytihněv und nach dessen Tod 915 sein Bruder Vratislav I., der Böhmen durch den Bau zahlreicher Burgen und Kirchen weiterentwickelte. Nach dessen Tod wurde seine Frau Drahomíra, eine Westslawin, von den Stammesfürsten zur Regentin für den gemeinsamen minderjährigen Sohn Václav (Wenzel), dem späteren Heiligen Wenzel gewählt. Allerdings sollte ihre Schwiegermutter Ludmilla für die Erziehung des jungen Wenzels und dessen jüngeren Bruders Boleslav zuständig sein. Streit war damit geradezu vorprogrammiert. Die Hagiographie um Ludmilla behauptete später, dass Drahomíra eine Heidin gewesen sei, was möglicherweise nicht stimmte, aber als Behauptung später die Heiligsprechung Ludmillas beförderte. Eher schien sie den sächsisch/ostfränkischen (Stichwort: Heinrich I.) Einfluss in Böhmen zurückdrängen zu wollen, während Ludmilla eine engere Verbindung befürwortete. Es ging also primär um Politik. Und da besaß Drahomíra als Regentin kurzfristig mehr unmittelbare Machtmittel. An besagtem 15. September 2015 ließ sie Ludmilla kurzerhand von zwei gedungenen Mördern auf Burg Tetín südlich von Prag mit ihrem eigenen Halstuch erdrosseln. Und so wird die gute Ludmilla auch in der christlichen Ikonographie seither gerne dargestellt: Mit ihrem Halstuch in der Hand. So sehen wir sie oben im großen Bild als Statue auf der Karlsbrücke.

Drahomíra begann nach vollbrachter Tat sofort damit, hauptsächlich deutsche Mönche und Missionare aus dem Land zu vertreiben. Doch ihre Macht ging immer mehr dem Ende zu als der junge Wenzel irgendwann zwischen 922 und 925 volljährig wurde. Da zeigte sich, dass wohl die langfristigen pädagogischen Impulse der Großmutter wirksamer waren als die kurzfristigen Gewaltmethoden der Mutter. Wenzel fuhr einen deutschfreundlichen Kurs und verbannte Drahomíra aus dem Lande. Als er sie einige Jahre später wieder am Hofe aufnahm, war ihre Macht aber gebrochen. Die Geschichte war damit nicht zu Ende, denn bei dem jüngeren Bruder Boleslav hatte die Erziehung durch Großmutter Ludmilla nicht so recht gefruchtet. Oder vielleicht fühlte er sich als Zweitgeborener sowieso immer frustriert und zu kurz gekommen. Auf jeden Fall ließ der um das Jahr 929 oder 935 (weiß man leider nicht so genau) seinen Bruder Wenzel in Mladá Boleslav umbringen – nicht mit einem damenhaften Halstuch, sondern mit Hieb- und Stichwaffen. Auch diese Szene befindet sich auf dem Sockel der Ludmilla-Statue auf der Karlsbrücke, weil sie dorch eng mit der Geschichte der Heiligen verwoben ist. Bruder Boleslav, nun Herzog der Böhmen, ging nun im Geiste seiner Mutter gegen fränkische Gesitliche und auch mit Erfolg gegen sächsische Heere vor – bis er seinen Meister im deutschen Kaiser Otto I. (dem Großen) fand, dem er 950 die Treue schwur. Die hielt er auch und kämpfte 955 sogar tapfer an des Kaisers Seite bei der Schlacht auf dem Lechfeld gegen die ungarischen Invasoren. Er soll sogar persönlich deren Anführer Lehel besiegt haben. Und die Verbindung zwischen dem Deutschen/Römischen Reich gedieh von nun an fruchtbringend.

Jedenfalls durch ihren in den selben historischen Kontext gehörenden gewaltsamen Tod, haben es Ludmilla und ihr Zögling Wenzel zum Heiligenstatus gebracht – beide wohl schom im 10. Jahrhundert. Ironischerweise wurden gerade sie, die sie ihren deutschfreundlichen politischen Kurs mit dem Leben bezahlten, für die Tschechen immer mehr zu den eigentlichen großen Nationalheiligen. Deshalb durfte Ludmilla auf der Heiligengalerie der Karlsbrücke selbstredend nicht fehlen. Verlieren wir doch ein paar Worte zu dieser Statue: Die wurde im Jahre 1730 durch den Bildhauer Matthias Bernhard Braun gestaltet. Von dem findet man auf der Brücke noch Statue des Heiligen Ivo und der Heiligen Luitgard. Zu dieser Zeit war die Ikonographie der Heiligen Ludmilla bereits gefestigt und verbindlich. Neben dem Halstuch musste immer der eine (gute) ihrer Zöglinge, der Heilige Wenzel, mit dabei sein. Der böse Bruder hat seine Schande nicht wiedergutmachen können, und gehört nicht dazu. Und so sieht man den kleinen Wenzel liebevoll zu Füßen der Großmutter – wie üblich ein frommes Buch lesend. Beide – Großmutter und Enkel – tragen einen sogenannten Herzogshut auf dem Haupte. Das ist so eine Art Krone für Herzöge. Wenzel trägt ihn als tatsächlicher späterer Herzog, Ludmilla als Herzogswitwe. Könige mit richtiger Krone wurden die Přemysliden erst 1158 unter Vladislav II., der den Titel aber noch nicht vererben durfte.

Wie dem auch sei: Ludmilla war in Böhmen immer eine populäre Heilige. Unzählige Kirchen sind nach ihr benannt – ein Beispiel präsentierten wir hier. Schon im Mittelalter wuchs ein Kult um sie. In der Zeit der Gegenreformation nach 1620 brauchte man sie nicht propagandistsich aufzubauen, wie den Heiligen Nepomuk (das erwähnten wir u.a. hier), der erst über 400 Jahre nach seinem Tod zum Heiligen wurde. Und im 19. Jahrhundert, der Zeit des wachsenden tschechischen Patriotismus im Habsburgerreich, kam noch eine leicht nationalistische Komponente hinzu.

Ludmilla war und blieb immer allgegenwärtig – allenfalls übetroffen von ihrem Enkel Wenzel. Kein Wunder, dass dieses Jahr in Prag und ganz Tschechien zum Ludmilla-Jahr erklärt wurde. Es gibt Veranstaltungen, Festkonzerte, Sondergottesdienste, wissenschaftliche Kolloquien, Kunstaktionen und große Ausstellungen – im Bild oberhalb links sieht man an der Wand der Akademie der Wissenschaften ein Plakat, das für die Ausstellung drinnen wirkt. Aber das ist nur einer von vielen Events. Denn natürlich sind auch dieKirchen in der Stadt überall mit Bildern der Heiligen geschmückt und machen auf das Festjahr aufmerksam – allen voran an der rechts abgebildeten Ludmilla Kirche in Vinohrady. Die Heilige, so mag man sich erhoffen, lockt mit ihrer immerwährenden Popularität die Menschen in die Kirchen. (DD)

Gezähmter Wolf

Ganz brav wie ein dressierter Haushund sitzt er vor dem Heiligen. Aber was man hier in Stein gemeißelt auf einer Grünanlage in Prag-Břevnov sitzen sieht, ist in Wirklichkeit eine wilde Bestie, die schon viele Menschen getötet hat. Bei der Skulptur handelt es sich nämlich um um eine Darstellung der Heiligenlegende um den Heiligen Franziskus von Assisi und den Wolf von Gubbio, die uns durch die Fioretti di San Francesco (Blümchen des Hl. Franziskus), einer im 14. Jahrhundert verfassten anonymen Sammlung von Anekdoten über den Heiligen, überliefert ist.

Dieser Legende zu Folge soll der Wolf vor den Toren der umbrischen Stadt Gubbio gewütet haben. Er tötete zuerst Vieh, dann auch Menschen, wo immer er sie traf. Die Bürger erstarrten vor Angst, schlossen sich ein und gingen nie unbewaffnet außer Haus. Aber mit Gewalt schien der Wolf unbesiegbar. Erst als der Heilige Franziskus (zum Erstaunen der verängstigten Menschen) unbewaffnet hinausging und dem angreifenden Wolf das Kreuz entgegenhielt, hielt auch der Wolf plötzlich inne. Er hörte einer frommen Zurechtweisung des Heiligen zu. Der war ja so etwas wie der Dr. Doolittle unter den Heiligen und konnte mit den Tieren reden.

Franziskus löste die Angelegenheit durch einen Appell an das Gute im Wolf und an das Vergeben bei den Bürgern. Der Wolf sollte versprechen, dass er ab sofort friedlich und hilfbereit sein möge. Die Bürger Gubbios sollten wiederum vergeben und sich nicht in Rache ergehen. Sie sollten vielmehr dem Wolf ein wenig von ihren Speisen abgeben, damit er nicht verhungerte. An diesen Vorschlag des Heiligen hielten sich fortan Wolf und Bürger. Und ab sofort waren alle zufrieden und der Wolf starb erst im hohen Alter friedlich und war zu dieser Zeit bei den Bürgern hochgeschätzt.

Der aus Brno in Mähren stammende Bildhauer Vladimír Matoušek hat die in weißem Stein gemeißelte Skulptur im Jahre 2006 fertiggestellt. Der Wolf sitzt hier hier in aufmerksamer Zuhörposition, während der Heilige in vertrauenserweckender Pose leicht vorgebeugt auf ihn einredet. Der Heilige ist, wie es ja zur Überlieferung passt, als bescheidener Mensch dargestellt. Kein Heiligenschein oder ein sonstiges Pracht andeutendes Attribut wurde ihm beigefügt. Sein Heiligenstatus und seine Frömmigkeit werden nur durch einen aus der Kutte geradezu lässig heraushängenden Rosenkranz verdeutlicht.

Dass er Heilige Franziskus mit dem Wolf gerade hier an diesem Ort steht, ist natürlich kein Zufall. Die Skulptur befindet sich inmitten einer schön bewaldeten Grünanlage vor dem klassizistischen Gebäude der Schwesternschule des Franziskanerorden in Tschechien – im Stadtteil Břevnov (Prag 6), nicht weit entfernt vom dortigen Kloster (wir berichteten hier). Ein öffentlicher Spazierweg führt durch die Anlage. Und für das fromme pädagogische Anliegen der Schule ist die Geschichte des Wolfs von Gubbio und diese sehr anmutige Skulptur sicher eine gute Werbung. (DD)

Held der Parallel-Diplomatie

Ein ausländischer Politiker, nach dem in Prag ein großer Park benannt ist, und der dort ein bemerkenswertes Denkmal gesetzt bekam? Max van der Stoel hat das verdient für das Zeichen, dass er 1977 setzte. Auch wenn die Folgen unmittelbar zuerst tragisch waren.

Februar 1977: In diesem Jahr bereitete der niederländische Außenminister Max van der Stoel seine Auslandsreise in die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR) vor. Man befand sich mitten auf dem Höhepunkt der Entspannungspolitik zwischen freiem Westen und der kommunistischen Tyrannei. Man hatte erreicht, dass der Sowjetblock zumindest verbal die Menschenrechte anerkannte, um wirtschaftliche Hilfe vom Westen zu bekommen. Aber wer im politischen Establishment des Westens setzte sich wirklich dafür ein, dass diejenigen, die sich in den kommunistischen Ländern für Menschenrechte einsetzten, auch Unterstüzung signalisiert bekamen? Das Regime war sich sicher, dass die Unterzeichnung ohne Konsequenzen bliebe.

Umso größer war die Überraschung für die Regierung der ČSSR, als sie vernahm, dass van der Stoel sich im Hotel Intercontinental mit einem Dissidenten traf. Einige Wochen zuvor hatte sich die Bürgerrechtsorganisation Charta 77 unter der Führung des Dramatikers Václav Havel gegründet (wir berichteten bereits hier). Im Hotel traf sich van der Stoel mit dem Vizevorsitzenden von Charta 77, dem Philosophen Jan Patočka, zu einem Gespräch über die Menschrenrechtslage im Lande. Die kommunistische Führung, die jeden fremden Einsatz für Freiheitsrechte als „Einmischung in innere Angelegenheit“ sah, war empört. Der für den nächsten Tag geplante Termin van der Stoels mit dem kommunistsichen Staats- und Parteichef Gustáv Husák wurde umgehend abgesagt.

Offiziell hatte der sozialdemokratische Politiker vorher betont, dass er kein Treffen mit Dissidenten initiieren werde, aber mit ihnen sprechen werde, wenn sie ihn besuchten, Dass das geschah, dafür sorgte der (in Absprache mit van der Stoel) der niederländische Journalist Dick Verkijk, der ein Kenner der Szene und 1970 sogar wegen seiner oppositionellen Kontakte von der ČSSR-Staatssicherheit kurz inhaftiert worden war. Einige der bekannten Dissidenten, wie etwa Havel, wurden so bewacht, dass es Verkijk nicht gelang, sie mit van der Stoel in Kontakt zu bringen. Aber bei Patočka klappte es. Verkijk fuhr ihn mit dem Auto zum Treffpunkt.

Heute wissen wir von veröffentlichten Protokollen der Staatssicherheit, dass es am Abend noch ein geheimes Treffen mit Patočka gegeben hatte, bei dem auch die führenden Charta-77-Mitglieder Zdeněk Mlynář  und František Kriegel samt ihrer Frauen dabei waren. Zusätzlich waren vertrauenswürdige westliche Journalisten (und auch etliche tschechoslowakische, von denen sich einige später als die Staatssicherheitsagenten erweisen sollten, die die Protokolle geschrieben hatten) eingeladen. Das brachte die PR-Maschinerie für die Charta77 im Westen richtig in Schwung.

Kein Wunder, dass die kommunistische Führung sauer war. An dem Diplomaten van der Stoel konnten sie sich nicht mit Gewalt rächen. Also wurde Patočka einige Tage nach dem Treffen verhaftet. Obwohl sein schwacher Gesundheitszustand bekannt war, wurde er harten Verhören unterzogen. Bei einem kollabierte er und wurde ins Krankenhaus gebracht, wo jede Hilfe zu spät kam. Zwei Tage darauf, am 13. März 1977, starb er an einem Schlaganfall. Das war eine schreckliche und unbeabsichtigte Folge von van der Stoels treffen. Aber umsonst war da Opfer vielleicht nicht. Zum ersten: Der Niederländer ließ nicht vom Kampf gegen die Unterdrückung ab. Er engagierte sich stets an vorderster Front in Sachen Menschenrechte. Auch nach seiner Zeit als Außenminister. So war er 1991 bis 1999 Rapporteur der UNO für die Einhaltung der Menschenrechte im Irak und von 1993 bis 2001 Hoher Kommissar für nationale Minderheiten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).

Zum zweiten: Vor allem aber hatte er eine eine neue Strategie im Umgang mit dem Ostblock entwickelt, etwas, das man Parallel-Diplomatie nannte. Von nun an gehörte es zum guten Stile, dass Staatsgäste dort neben den offiziellen Gesprächen auch welche mit Dissidenten führten – immer daran erinnernd, dass die Machthaber in der Schlussakte von Helsinki zwei Jahre die Verpflichtung zur Achtung von Menschenrechten selbst unterschrieben hatten. Diese Besuche gaben den Dissidenten – allen voran Charta 77 – erheblichen Auftrieb, Publicity und Legitimität. Als im Dezember 1988 der französische Präsident Francois Mitterand bei einem Staatsbesuch führende Dissidenten zu einem Abendessen einlud, konnte sich Staatschef Husák nicht mehr leisten, ihn von einem Treffen fernzuhalten. Dissentenanführer Havel konnte einen Tag später sogar eine Demonstration für Menschenrechte anführen. Kurz: Van der Stoel hatte seinen Beitrag geleistet, dass eine Bewegung erwuchs, die 1989 dem Kommunismus ein Ende setzte.

Im März 2017 – fast genau 40 Jahre nach dem Treffen van der Stoels mit Patočka wurde zugleich der Park nahe der Bastion X der barocken Stadtbefestigung in Max van der Stoel Park (Park Maxe van der Stoela) umbenannt und ein Denkmal für den 2011 verstorbenen Diplomaten eingeweiht. Neben dem Prager Stadtteilbürgermeister Ondřej Kolář und dem niederländischen Botschafter Eduard Hoeks waren noch Frans Timmermans, Vizepräsident der EU Kommission und der tschechischen Außenminister Lubomír Zaorálek anwesend. Auch Dick Verkijk und führende Veteranen der Charta 77 wie Petr Pithart nahmen an der feierlichen Einweihung teil. Ein großes Ereignis – und auch angemessen!

Das originelle Denkmal wurde von dem tschechischen Bildhauer Dominik Lang gestaltet. Es handelt sich um einen ebenerdige, aus Beton gefertigten Umriss eines Baumes in Originalgröße, der genau bei dem Stamm eines echten Baumes beginnt. Dadurch wird der visuelle Effekt eines weißen Schatten erreicht. Das Denkmal, so meinte Lang bei der Einweihung, solle  „die Auswirkungen des Treffens auf die Geschichte der Tschechischen Republik“ symbolisieren. Und: „Es ist ein permanent eingefangener Schatten, der uns daran erinnert, dass viele vergängliche Ereignisse und Treffen um uns herum stattfinden und wir sie vergessen werden. Dieser besondere Schatten erinnert an das kurze Treffen von Professor Patočka mit Max van der Stoel. “ Und auch des tapferen Dissidenten, der als Konsequenz des Treffens sein Leben verlor, wurde gleichzeitig gedacht. Die große Verkehrsachse, die westlich des Max van der Stoel Parks verläuft, wurde nach ihm in Patočkova ulice (Patočka Straße) umgetauft. (DD)

Cooles Filmmuseum

Ob diese Ausdrucksweise meines Alters angemessen ist, weiß ich nicht, aber dieses Museum ist wirklich cool! Erst seit Anfang 2019 gibt es das Nationale Filmmuseum NaFilM (Národní filmové muzeum NaFilM) hier in Prag. Der Name klingt pompös, aber drinnen können Kinder und jung gebliebene Erwachsene ihren Spieltrieb austoben und dabei noch glatt etwas lernen.

Dazu muss man es allerdings erst einmal finden. Die offizielle Adresse, die Jungmannova 748/30 in der Neustadt, ist etwas irreführend, weil der Eingang die kleine gläserne Hintertür des Hauses ist und erst über den dahinter gelegenen Franziskanergarten (Františkánská zahrada) erreichbar – aber der ist ja auch sehenswert und muss als Zusatzbonus gesehen werden. Trotzdem muss man hoffen, dass die etwas versteckte Lage dem Museum nicht zu einem unverdientem Nachteil gereicht.

Nun hatte Prag, das ja eine Art Hollywood Mitteleuropas ist, schon vorher etliche Filmmuseen eingerichtet, von denen wir bereits zwei (hier und hier) vorgestellt haben. Die drehen sich aber meist um Aspekte der Geschichte der Filmkunst, also dem Wirken großer Schauspieler und Regisseure. Das NaFilM hingegen widmet sich mehr der Technik des Filmemachens und führt in dessen Geschichte ein. Und da bietet es einige Überraschungen, derer man gewahr wird, wenn man das Museum durch seine gemütliche kleine Cafeteria betritt.

Wer zum Beispiel weiß denn schon, dass die neurophysiologischen Grundlagen der Kinematographie (z.B. die Erklärung für den Trägheitseffekt) schon 1840 von einem Tschechen bzw. Böhmen erforscht wurden, nämlich von Jan Evangelista Purkyně, über den wir schon hier berichteten? Zugleich entwickelte er auch einen Apparat mit sich drehenden Scheiben, den Phorolyten (auch: Kinesiskop), der es ermöglichte Bewegliche Bilder an die Wand zu projezieren. Als Zoetrop weiterentwickelt fand es bald seinen Weg in Jahrmärkte. Das Photo links gibt einen vagen Eindruck wieder, wie das aussah.

Auch andere Vorläufertechnologien – etwa die Laterna Magica, die es schon seit dem 17. Jahrhundert gibt – lernt man kennen, bis hin zu jenem moderneren Filmprojektor, den man im großen Bild oben sehen kann. Und das Schöne daran: Der Besucher kann sie interaktiv nutzen und bedienen. Das ist ein Museum zum Anfassen. Deshalb scheint es auch gerne und oft von Schulklassen frequentiert zu werden. Und man kann sich vorstellen, dass die hier ihren Spaß haben – so wie wir unseren Spaß hatten, als wir in einem kleinen Studie selbst einen kleinen Kurzfilm mit Geräuscheffekten versehen konnten. (DD)

Hort der Frauenrechte

Die drei Damen, die da als Büsten verewigt ihren Platz in der Fassade gefunden haben, sind nicht nur ein dekoratives Element. Sie machen klar: In diesem Gebäude in der Resslova 1940/5 in der Neustadt wurde ein großes Stück der Geschichte der Frauenrechte im Lande geschrieben.

Es begann mit dem Elend nach dem für Kakanien unglücklich verloren gegangenen Krieg gegen Preußen von 1866. Der hinterließ unzählige Frauen, die als Witwen oder Waisen ohne Chancen auf ein Auskommen unverschuldet ins Elend gerieten. Es gab kein Bildungssystem, das ihnen Wege hätte eröffnen können. Es war dies die Stunde von emanzipierten Frauen, wie die Schriftstellerin und bürgerliche Frauenrechtlerin Karolina Světlá (früherer Beitrag hier), Frauenbildung voranzutreiben und Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen. Zusammen mit einigen Mitstreiterinnen gründete Světlá 1871 den Böhmischen Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český), einem Bildungsverein für Frauen aus armen Verhältnissen. Der Verein gründete noch im gleichen Jahr eine Schule unter der Leitung von Johanna Kuffnerová.

Zur Finanzierung entfachten die Frauen ein Feuerwerk von Spendensammlungen, Auktionen, Lotterien, Basaren und Konzerten. Der Erfolg gab ihnen recht. In den ersten 30 Jahren absolvierten in der Schule (die 1890 um die höhere Bildungseinrichtung Minerva, das erste Mädchengymnasium in Böhmen überhaupt, ergänzt wurde) 18.000 Mädchen und junge Frauen eine Ausbildung – meist in praktischen Fähigkeiten, die das Auskommen sichern sollten. Flankiert wurde die Bildungsarbeit immer von politischen Forderungen. Světlá war zum Beispiel 1865 Mitbegründerin der Americký klub dam (Klub amerikanischer Damen), der mit seinem Namen ausdrücken wollte, dass man in Böhmen gerne das Ausmaß an Frauenrechten haben wollte, das man im liberaleren Amerika schon kannte.

Das setzte sich auch fort, als Světlá 1880 den Vorsitz des Vereins an Emilie Bártová weitergab, die sich ebenfalls beim Klub der Amerikanischen Damen engagierte. Ihr folgte 1891 Eliška Krásnohorská (früherer Beitrag hier), die wohl zu den bedeutendsten Gestalten der böhmischen Frauenrechtsbewegung gehört. In ihre Zeit als Vorsitzende des Frauen-Erwerb-Vereins fällt der Bau des hier vorgestellten Gebäudes. Verein und Schule hatten zur Zeit der Gründung in der Spálená Straße (nahe der Kirche der Dreifaltigkeit; früherer Beitrag hier) in der Neustadt und ab 1879 in der Bartolomějská (Altstadt) residiert. Das Gebäude war inzwischen zu klein geworden. 1894 erwarb man nach einer großen Spendenaktion das Gründstück an der Resslova (das zuvor erst Klosterbesitz, dann Gefängnisareal gewesen war; siehe hier). 1896 konnte das Gebäude, das von dem Architekten und Baumeister Josef Blecha im Stil der Neorenaissance erbaut worden war, in Anwesenheit des Prager Bürgermeisters Jan Podlipný (der für einen Zuschuss der Stadt gesorgt hatte) und anderer Prominenz eröffnet werden.

Über dem zweiten Stock befinden sich im Mittelrisalit drei Büsten, die von links nach rechts die Gründerinnen des Vereins Krásnohorská, Bártová und Světlá. Die Büsten sind dem Stil des Gebäudes angepasst, weshalb sie vielleicht ein wenig zu süßlich wirken und die drei Frauen nicht so recht wie harte Frauenrechtskämpferinnen aussehen lassen. Das Gebäude diente, wie gesagt, nicht nur als Ausbildungsstätte, sondern auch als Zentrum für politische Aktivitäten. Krásnohorská nutzte es beispielsweise als Redaktionsraum für die schon 1873 von ihr herausgegebene erste böhmische Frauenzeitschrift Ženske listy (Frauenblätter). Zusätzlich zur Büste erinnert eine 1931 von der Bildhauerin Karla Vobišová-Žáková erstellte Gedenktafel mit einem Reliefportrait an sie.

Der Erwerbsverein betrieb das Zentrum noch lange weiter. Die Nazis unterbrachen den Betrieb, aber 1945 konnte er wieder aufgenommen werden. Die Kommunisten, die 1948 die Macht ergriffen, versuchten, den Verein gleichzuschalten und von seinen liberalen Wurzeln zu lösen. 1961 wurde das Gebäude in der Resslova entschädigungslos enteignet. Seither gehört es der tschechoslowakischen Handlesakademie (Českoslovanská akademie obchodní), die schon zuvor ein Gebäude auf der anderen Straßenseite hatte (siehe kleines Bild oberhalb links). 1971 kam der Todesstoß und der Verein löste sich auf. (DD)

Das Architektenbüro

In den Zeiten der Ersten Republik nach 1918 war die Tschechoslowakei geradezu ein Paradies für die moderne Avantgarde in der Architektur. Kubismus und Funktionalismus waren vor allem in den 1920ern en vogue. Wie überall in Europa zog allerdings in den späten 1930ern ein konservativer Traditionalismus ein.

Ein geradezu überschwängliches Beispiel dafür ist diese große Villa im Libeň (Prag 8) in der Na Stráži 1306/5. Auf einem Hügel platziert wirkt sie schon fast wie eine große Tempelanlage. Dazu passen auch die zeittypisch stark simplifizierten Anlehnungen an klassisch-antike Bauwerke, die aber in diesem Falle nicht zu dem damals in Nazi-Deutschland üblichen Brachial- oder Blut-und-Boden-Klassizismus herabsinken. Trotz der kolossalen Ausmaße entfaltet das Haus ein mediterranes Flair.

Nun ja, das Haus sollte auch so etwas wie eine Vistenkarte mit Werbeeffekt sein. Es wurde nämlich 1940 von dem Architekten Čestmír Vavrouš erbaut, der darin sein großes Architekturbüro betrieb. Die Firma war 1892 von seinem Vater Alois Vavrouš 1892 ursprünglich in Liberec geründet worden. Später wurde daraus die Firma Alois Vavrouš a syn (Alois Vavrouš und Sohn). In den Zeiten der Republik gehörte das Unternehmen mit recht hohem Personalbestand zu den größten der Art mit Filialen im ganzen Land. Ein Jahr nach dem Tod des Vaters verlegte Sohn Čestmír das Hauptquartier nach Prag.

Die Geschichte der Firma verliert sich in den Wirren der Nachkriegszeit und der kommunistischen Machtübernahme. Heute residiert hier eine große Anwaltskanzlei. (DD)

Wasserturm als Kulturzentrum

Wie man die Stadt mit trinkbarem Wasser versorgt, war über Jahrhunderte eines der großen Probleme der lokalen Politik. Und je größer die Stadt wurde, desto größer wurde das Problem.

Ende des 19. Jahrhunderts machte man Nägel mit Köpfen und begann mit dem systematischen Ausbau eines Wasserleitungssystems und dem Bau von Wassertürmen, die die Versorgung ermöglichten. Unter ihnen findet man kleine architektonische Perlen (siehe auch hier).

Zu ihnen gehört der Wasserturm von Letná (Vodárenská věž Letná) in der Korunovační/Ecke Letenské náměstí in Bubeneč (Prag 7). Der wurde 1888 nach den Entwürfen des Architekten Jindřich Fialka im Stil der damals modischen Neorenaissance fertiggestellt. Er sollte die Stadtteile Bubeneč und Holešovice mit Trinkwasser versorgen. Mit 38,3 Meter Höhe nahm er sich ausgesprochen imposant aus, ein Effekt, der damals dadurch verstärkt wurde, dass der Turm weitgehend im Freien stand, während er heute eng von großen sozialistischen Plattenbauten der 1970er Jahre flankiert ist.

Unter dem großen Walmdach mit kleinem Turmaufsatz befand sich ursprünglich ein Wasserbasin mit fast 198 Kubikmeter Wasser Fassunsgvermögen. Die technischen Einrichtungen – insbesondere jene, die zum Hochpumpen des Wasser nötig waren – wurden von der Firma Breifeld-Daňek eingebaut. Dazu gehörten auch Nebengebäude wie das Pumpenhaus und ein unteres Wasserreservoir. Sie gibt es schon lange nicht mehr. Denn der Wassertum von Letná hatte eine ungeheuer kurze Nutzungszeit. Die Technik und das Volumen galten 1913 schon als veraltet und unzulänglich und der Betrieb wurde kurzerhand eingestellt. Der Turm selbst war aber zu schön, um abgerissen zuwerden.

Nachdem die Wirtschaftsgebäude abgerissen worden waren, wurden im Turm erst einmal Wohnungen eingerichtet – mit schöner Aussicht, wie man annehmen darf, denn den Turm umrundet auf 20,5 Meter Höhe eine Aussichtsgalerie. Und die modernen Hochhäuser, die ihn heute teilweise umstellt haben, gab es noch nicht. Ganz oben soll sich sogar eine Teestube befunden haben. Später verkam das Ganze allerdings mehr zu einem Lagergebäude und 1978 zog hier der kommunistische Jugendverband Pionieren ein, womit der Tiefpunkt erreicht war. Schon kurz nach der Samtenen Revolution und dem Ende des Kommunismus wurde der Turm unter Denkmalschutz gestellt. Von 2016 bis 2018 fanden Renovierungs- und Umgestaltungsmaßnahmen statt, die von dem Architekten Petr Hájek durchgeführt wurden.

Aus dem Wasserturm wurde nun eine Art öffentliches Kulturzentrum des Stadtteils. Im übriggebliebenen Nebengebäude gibt es einen Jugendklub und Konferenzräume. Im Turm selbst befinden sich eine Bibliothek und Ausstellungsräume. Und man kann sogar zu den Öffnungszeiten hinauf auf die Galerie steigen, um die (auf einer Seite halt von Hochhäusern begrenzte) Aussicht zu genießen. Eine mit zierlichen Geländern versehene Treppe führt hinauf, in deren Kern sich ein Foucaultsches Pendel befindet (damit die jungen Menschen dort auch noch etwas über Physik lernen können).

Diesen Kulturstatus hat sich das Gebäude letztlich verdient, denn insbesondere Galerie und Walmdach strahlen Erhabenheit aus. Auf der Fassade prangt das Prager Stadtwappen. Ergänzt wird es durch eine Manifestation des lokalen Stolzes der Stadtregierung auf diesen Bau, nämlich ein großes Stuckmedaillon mit den vergoldeten Lettern OP, was für „Obec Pražská“ (Gemeinde Prag) steht. Das erschließt sich dem ausländischen Besucher nicht direkt.

Ja, und der Wasserturm ist auch ein Denkmal für den ungeheuren technischen, sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt, den uns das 19. Jahrhundert erbracht hat. Nicht nur die Wasserversorgung machte verbesserte damals das Leben der Menschen dramatisch. Die Infrastruktur der Städte wurde perfektioniert. Etwa auch durch die Einführung von Gaslampen zur Straßenbeleuchtung (früherer Beitrag hier). Eine ebensolche in historistischem Design gestaltete Leuchte befindet sich auch direkt vor dem Wasserturm. Im 19. Jahrhundert vernachlässigte man die Ästhetik nicht, aber man dachte auch zweckmäßig. So ist die Straßenlaterne ein Multifunktionsgerät, das gleichzeitig als Wasserbrunnen mit Handpumpe nutzbar ist. (DD)

Wenzel und Eulen

28. September: Heute ist der Tag des Heiligen Wenzel. Die säkularen Tschechen feiern ihn unter der Bezeichnung Tag der tschechischen Staatlichkeit offiziell als Nationalfeiertag.

An diesem Tag wurde nämlich der Heilige und Herrscher von seinem Bruder Boleslav ermordet. Das war im Jahr 935 oder 929. Genau weiß man das nicht. Aber auf jeden Fall am 28. September. Soviel ist sicher! Wenzel – hierzulande Václav genannt – hatte sich als Herzog von Böhmen um den Anschluss des Landes an das westliche oder lateinische Christentum verdient gemacht, was mit einer starken Annäherung an das noch im Entstehen begriffene Heilige Römische Reich verbunden war. Das war in Böhmen noch umstritten, weshalb der gute Wenzel mindestens so sehr ein politischer wie ein religiöser Märtyrer war.

Wie dem auch sei: Für die Tschechen ist er seit langem einer der zentralen Nationalheiligen. Und mit dem Erstarken des tschechischen Patriotismus gegenüber den Habsburgern im 19. Jahrhundert nahm seine Symbolfunktion noch einmal dramatisch zu. Daher tauchte er auch zunehmend als Schmuck und politisches Statement in Stuck und/oder gemalt auf Gebäudefassaden auf, wie wir u.a. schon hier, hier und hier gezeigt haben. Das hier gezeigte Beispiel befindet sich über dem ersten Stock eines Wohnhauses (erbaut ca. 1890) in der Rostovská 39/21 im Stadtteil Vršovice. Über den Wappen der Landesteile Mähren, Böhmen und Schlesien sieht man ihn mit den üblichen Heiligenattributen versehen: Hoch zu Ross, mit Krone und einem Banner. Nur der sonst meist übliche Schild mit Wenzelsadler fehlt ausnahmsweise. Aber auch so ist Wenzel erkennbar.

Über dem Heiligen steht der Schriftzug: Nedej zahynouti nám, ni budoucím. Der Spruch stammt aus dem St.-Wenzels-Choral (Svatováclavský chorál), einem der ältesten tschechischsprachigen Kirchenhymnen aus dem 12. Jahrhundert. In Übersetzung lautet der Text der Zeile etwa: „Heiliger Wenzel, lass uns und die Künftigen nicht untergehen!“

Aber dem Heiligen wird fast die Schau gestohlen, denn auf dem ornamentalen Fries unterhalb des ersten Stocks befinden sich kleine putzige Eulen in Stuck, die sofort ins Auge fallen. In welchem Verhältnis die Eule zum Heiligen Wenzel steht, muss eine offene Frage bleiben. (DD)

Auf den Prager Eiffelturm

Ein touristisches Muss für Schwindelfreie ist der Aufstieg auf den Aussichtsturm auf dem Petřín.

Er erinnert einen nicht nur zufällig an den Eiffelturm, nein, er ist eine relativ genaue Kopie der Pariser Sehenswürdigkeit, der Aussichtsturm auf dem Petřín-Berg. Zwar nur im Größenverhältnis 1:5 zum Original, aber dank des erhöhten Standorts auf dem an dieser Stelle 318 m hohen Berg erreicht er mit nur 63,50 Metern mit seiner Spitze die gleiche Höhe über dem Meeresspiegel wie das Pariser Vorbild.

Auf die Aussichtsplattform und den Balkon führen nicht ganz 300 Stufen (eine fehlt!) in einer doppelläufigen Wendeltreppe, von der man immer wieder wunderbare Blicke in die Umgebung und die Stahlkonstruktion hat. Im Kern des – im Gegensatz zum Vorbild – viereckigen Querschnitts befindet sich ein kleiner Aufzug, der für einen Aufpreis benutzt werden kann.

Oben angekommen kann man bei gutem Wetter (hier ist besonders die klare Sicht im Herbst zu empfehlen) bis zur Schneekoppe schauen. Ganz Prag liegt einem zu Füßen. Wäre der Turm etwas höher, hätte ich auf unsere Terrasse schauen können.

Und wieso kommt man auf die Idee, eine französische Attraktion zu kopieren?

Das war ein Projekt der großen Prager Jubiläumsindustrieausstellung von 1891. Die tschechische Wirtschaft wollte zeigen, was sie alles konnte. Neben dem beeindruckenden Industriepalast in Holešovice und dem Hanavský Pavilon (früherer Beitrag hier) auf der Letna Höhe, profitierte vor allem der Petřín von dieser Zurschaustellung tschechischen Könnens. Das Spiegelkabinett (siehe früheren Beitrag hier) und die Standseilbahn (hier) stammen auch von dieser Schau.

Die Anregung fúr den Aussichtsturm in Form des Eiffelturms kam vom Klub Tschechischer Touristen. Die beeindruckende Konstruktion des Architekten Vratislav Pasovský war in nur 6 Monaten beendet und hält, nachdem der Turm zwischenzeitlich als Fernsehturm gedient hatte und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich war, nach letzten Renovierungsarbeiten bis heute.

Man kann ihn täglich bis in die Abendstunden hinein besteigen. Und abends wird er dann angestrahlt und leuchtet in den tschechischen Nationalfarben, was auch ein wenig französisch wirkt. (LSD)

Bärchen für Metallwaren

Die kleinen schwarzen Bärchen findet wohl jeder putzig, der an diesem Haus vorbei geht. Es liegt in der Straße des 28. Oktober (28. října, Nr. 375/9) ganz nahe des westlichen Endes des Wenzelsplatzes.

Weshalb die Bären? Nun es handelt sich um das alte Gebäude der Berndorfska továrna na kovové zboží (Berndorfer Metallwarenfabrik), deren Name in feinen Jugendstillettern das Gebäude auch heute noch schmückt. Und die Bären sind natürlich Anspielungen auf den der Namen der Firma, die ihren Hauptsitz im niederösterreichischen Berndorf hatte, die wiederum einen schwarzen Bären im Stadtwappen trägt.

Das Gebäude wurde in den Jahren 1896 bis 1898 von den Architekten Quido Bělský und Eduard Sochor (wir stellten ihn schon hier vor) erbaut. Es handelt sich um ein Haus mit fünf Etagen, von denen die oberste in der Mansarde liegt. Die Dachgaube auf der linken Seite (vom Betrachter aus gesehen) sorgt für einen asymmetrichen Eindruck.

Der Stil entspricht dem damals modernen (historistischen) Neo-Barock mit etlichen Stilelementen des damals ebenfalls modernen Jugendstils.

Vor allem ist das Haus aber ästhetisch dem Zweck untergeordnet, für die Firma bzw. für Metallwaren im allgemeinen zu werben. Die Fassade ist nämlich recht ansprechen horizontal und vertikal durch Metallelemente strukturiert. Horizontal verlaufen zwischen den Stockwerken zierliche Gitterbalkons – die über dem ersten und dritten Stock durchgehend, die dazwischen unterbrochen. Besonders schön entfalten sie sich unterhalb der Dachgaube (kleines Bild links).

Noch auffälliger sind die schwarzen ionischen Pilaster, die wiederum das Erdgeschoss (wo die Verkaufsräume lagen) vertikal strukturieren. Sie sind nicht, wie sonst bei historisierenden Gebäuden der Zeit üblich, Teil des Fassadenstucks. Vielmehr sind sie mit ihren auffälligen Zierkanten aus schwarzem Edelstahl hergestellt und dann aufgesetzt worden. Sie bilden optisch mit den Bären, die zwar nicht aus Metall bestehen, aber die gleiche Farbe aufweisen und von einem Metallrahmen umgeben sind, eine ästhetisch geschlossene Einheit.

Darüber sollte man andere kleine Details nicht vergessen, auch wenn sie ganz konventionell aus Stuck bestehen. Dazu gehört zum Beispiel der eine Schlange verspeisende Reiher in der Dachgaube. Kurz: Das Haus ist einer von vielen Belegen, die man in Prag dafür findet, dass sich dereinst kommerzielle Architektur und ansprechende und ideenreiche Ästhetik nicht widersprechen müssen. (DD)