Die große Kathedrale

Was soll man über den Veitsdom (Katedrála sv. Víta ) schreiben? Jedermann kennt ihn, kein Tourist in Prag kommt um einen Besuch herum. Dieser Status als Prager Hauptattraktion ist allerdings auch rundum verdient. Die große Kathedrale überragt die Burg oben auf dem Berg – und damit die ganze Stadt. Sie ist die größte Kirche Tschechiens und eines der ganzen großen Meisterwerke der europäischen Gotik. 124 Meter ist sie lang, der höchste Turm ragt 99 Meter in die Höhe. Beeindruckend!

Und da sie auch Krönungskirche und Grablege der böhmischen Könige war, hat sich in ihren Innenräumlichkeiten die geballte Geschichte und Kunstgeschichte des Landes angesammelt. Trotz der Bedrängung durch hektisch von ihren Reiseführern zur Eile angetriebenen Touristenmassen sollte man sich daher nach Zahlung des Eintritts viel Zeit nehmen, sich alles anzuschauen.

Unter Kaiser Karl IV., der Prag erstmals zur Weltstadt machen wollte, wurde der gotische Bau 1344 begonnen, zunächst von dem französischen Baumeister Matthias von Arras , dann nach dessen Tod 1352 vom dem deutschen Baumeister Peter Parler und dessen Söhnen (das war dieselbe Dynastie, die auch den Kölner Dom erbaut hatte).

Das ist natürlich nicht die ganze Baugeschichte. Schon im 10. Jahrhundert hatte es hier eine mehrfach vergrößerte romanische Kirche gegeben. Und als die Parler mit dem Bauen aufhörten, war die Sache auch nicht zu Ende. Wie die meisten gotischen Großkathedralen in Europa, blieb auch diese unvollendet. Vor allem die Hussitenkriege im frühen 15. Jahrhundert setzten der Bauentwicklung zunächst einmal ein Ende.

Der Aufsatz des großen Turms an der Seite des Schiffes ist ein Werk des Architekten Bonifaz Wohlmut aus den Jahren 1560-62 und mithin ein Werk der Renaissance.

Und mit der Gegenreformation, die nach der Schlacht am Weißen Berg und dem Sieg der katholischen Habsburger im Jahre 1620 begann, setzte eine dramatische Barockisierung des Innenraums ein. Und noch immer waren Teile des Schiffs und die ganze Westfassade so unvollendet, wie sie die Parler zurückgelassen hatten.

Erst 1859 wurde ein Dombauverein gegründet, der mit der fertigstellung begann. Wie beim Kölner Dom muss sich der Besucher auch beim Veitsdom immer vergegenwärtigen, dass nicht alles echte Gotik ist, was wie Gotik aussieht. Die Architekten, die sich nun an die Vollendung machten, waren Vertreter einer werktreuen Neogotik – zunächst Joseph Kranner (siehe früheren Beitrag hier), dann ab 1873 Josef Mocker (siehe auch hier) und dann nach dessen Tod 1899 Kamil Hilbert , der es immerhin schaffte, dass die Kathedrale rechtzeitig zum 1000 Todestag des Heiligen Wenzel im Jahre 1929 fertiggestellt und eröffnet wurde.

Man sieht es vor allem der (damals sehr umstrittenen) Westfassade an, dass Mocker und Hilbert die früheren Werke der Parler intensiv studiert hatten – allen voran den Kölner Dom. Mit den beiden spitzen Türmen sieht die Fassade dem Kölner Vorbild (früherer Beitrag hier) verblüffender ähnlich als es die Parler wohl damals in Prag geplant hatten. Und deshalb ist auch das wunderschöne mittelalterlich wirkende Rossettenfenster in der Westfassade realiter ein Werk aus dem Jahre 1925. Der Maler František Kisela hatte es im Stil alter Vorbilder entworfen. Die Glasbilder stellen die Schöpfungsgeschichte dar.

Überhaupt sind schon alleine die farbigen Glasfenster, die vor allem im 19. und 20 Jahrhundert eingebaut wurde, ein Tour für sich wert. Sie sollen hier nicht alle aufgezählt werden, aber es sei gesagt, dass sich hier die besten und bekanntesten Künstler der Zeit verweigt haben. Am berühmtesten sind vor allem diejenigen des großen Jugendstilmalers Alfons Mucha (links) aus dem Jahre 1931 in der erzbischöflichen Seitenkapelle, die die Christianiserung der Slawen darstellen – ein Motiv, dass dem Nationalbewußtsein der Zeit der Fertigstellung des Domes entsprach.

Aber man sollte nicht nur die alte Gotik und die sie abbildende Neogotik des 19. und 20. Jahrhunderts im Auge behalten, sondern auch die Bau- und Kunstphasen dazwischen. Dazu bieten die kolossalen Königs- und Heligengrabmale eine Gelegenheit. Die meisten befinden sich inder Krypta, aber einige besonders prachtvolle auch im Hauptschiff. In der Mitte beeindruckt das monumentale Grabmal Kaiser Ferdinands I. (nebst Gemahlin aund Sohn). Das in weißem Marmor gestaltete Werk des flämischen Bildhauers Alexander Colin aus dem Jahre 1589 ist ein Meisterwerk der Spätrenaissance. Das Grab des Heiligen Nepomuk (Beitrag hier) wiederum ist Hochbarock vom Feinsten.

Unter allen Grabmalen ist natürlich das des Heiligen Wenzels das wichtigste. Der böhmische Herzog, der 935 von seinem Bruder Boleslav ermordet wurde, ist der Nationalheilige der Tschechen schlechthin. Sein Grab war schon Teil des ursprünglichen romanischen Baus, denn der reuige Bruder hatte ihn dort 938 bereits begraben lassen. Heute ist ihm eine große Kapelle, die Sankt-Wenzels-Kapelle (kaple sv. Václava) im Dom gewidmet, in der sein schlichter Sarg steht.

Der Veitsdom ist übrigens nicht nur Grablege für unzählige böhmische Herrscher seit dem 10. Jahrhundert, sondern auch die Krönungskathedrale. Hier werden auch (in der Regel unzugänglich) die Kronjuwelen samt Krone aufbewahrt. (DD)

Flugzeuge, Flugzeuge, Flugzeuge!

IMG_4225

Das ist, wenn man in tradierten Rollenklisschees denkt, das Museum für kleine Jungs schlechthin! So viele Flugzeuge an einem Ort! Ja, es sind rund 300 Stück, die man im Luftfahrtmuseum (Letecké Muzeum) von Prag Kbely bestaunen kann- von außen oder sogar mit Einblicken ins Cockpit. Und auch sonst so alles, was Flug- und Technikbegeisterte so begeistern kann!

IMG_4212Im Stadtteil 19, etwa 9 Kilometer nordöstlich vom Stadtzentrum wurde im Jahre 1923 ein kleiner Militärflughafen zu Prags erstem großen Zivilflughafen umgewandelt – eben der Flughafen Kbely. 1937 wurde der Passagierflughafen nach Praha-Ruzyně verlegt, wo er auch heute noch zu finden ist (siehe früherer Beitrag hier). Einige Wirtschaftgebäude des alten Zivilflughafens befinden sich heute übrigens im Zoo, wovon wir bereits hier berichteten. Kbely wurde wieder Miitärflughafen (und wird teilweise immer noch so genutzt). Und immer wieder wurde der Flugplatz seit den 1930er Jahren IMG_4282Austragungsort von großen Flugshows. Sowohl unter der Nazibesetzung als auch unter dem Kommunismus blieb das Gelände militärisch genutzt. 1967 erkannte man das Potential für die Öffentlichkeit wieder, aber nicht mehr in Form von Flugschauen, sondern als eine improvisierte Flugzeugausstellung. Die wurde im nächsten Jahr, dem 50. Jubiläum der Tschechoslowakischen Luftwaffe, als ständiges Museum permanent institutionalisiert.

Das Museum ist seither immer größer und moderner geworden. Tatsächlich handelt es um eines der größten Luftfahrtmuseen der Welt überhaupt. Es ist von Mai bis Oktober geöffnet. Der Eintritt ist frei und die IMG_4214erklärenden Tafeln sind sowohl in Tschechisch als auch in Englisch gehalten. Die Fluggeräte stehen teilweise draußen, aber meist doch in Hangars, die thematisch geordnet sind – die Pionierzeit 1918-24 (in der das Land eine florierende Flugzeugindustrie aufbaute), die Luftwaffe der späten Ersten Republik bis 1938, die Zeit des Zweiten Weltkriegs mit einer ausführlichen Würdigung des heldenhaften Einsatzes tschechischer Piloten IMG_4267bei den alliierten Luftwaffen (besonders bei der Luftschlacht um England), das Aufkommen der Jets und die Entwicklung der Luftwaffe nach 1945. Vereinzelt gibt es auch Zivilflugzeuge – insbesondere auch Segelgleiter – zu bewundern, aber der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der Entwicklung der Militärluftfahrt in der Tschechoslowakei und Tschechien. Neben Flugzeugen sind auch eine Reihe von Hubschraubern zu sehen, aber auch Marschflugkörper (kleines Bild rechts) und Luftabwehrkanonen und -raketen.

IMG_4284.JPGInsbesondere die früheren historischen Flugzeuge in den Hangaren hat man oft didaktisch originell und anschaulich aufbereitet, indem man mit Schaufensterpuppen in historisch korrekter Kleidung oder Uniformen szenisch mit den Flugzeugen kombinierte (kleines Bild links). Das schafft die Illusion von echter Flugpionierromantik.

Man lernt obendrein eine Menge interessanter historischer Details – etwa über den Widerstand gegen die Nazis. Dazu gehörte nicht nur subtil betriebene Sabotage der Arbeiter in den von den Deutschen übernommenen Flugzeugfabriken (wertvolle und knappe IMG_4271Materialien wurden zu Spielzeug verbaut), sondern auch Versuche, die eigentlich verbotene Hobbyfliegerei mit Segelfliegern weiter zu betreiben. Deshalb ist auch der kleine Hängegleiter (Bild links), den sich der Ingenieur Josef Kubát aus Lipnice 1941/42 bauen wollte, um damit über die Landschaft zu fliegen, die eigentliche kleine Sensation des Museums. Weniger das Fliegen selbst war lebensgefährlich, sondern dabei (oder beim Flugzeugbau) nicht von der Gestapo erwischt zu werden, die privaten Menschen (unter Androhung von Höchststrafen) diesen Freizeitspaß grundsätzlich IMG_4265untersagte. Er bekam eine Warnung, dass man ihm auf der Spur sei, weshalb er das halbfertige Gerät heimlich versteckte. In diesem Zustand ziert es heute das Museum.

Großen Raum nimmt natürlich die Luftwaffe in kommunistischer Zeit (etwa die MiG 15 auf dem Bild links) ein, die natürlich primär mit sowjetrussischen Kampfflugzeugen ausgestattet war. In der Anfangszeit nach dem Zweiten Weltkrieg musste man sich aber auch hier mit teilweise umgebauten Restbeständen deutscher Flugzeuge begnügen, die zum Teil noch unfertig in den Flugzeugwerken in der Tschechoslowakei standen. Die IMG_4260ersten Düsenjets waren tatsächlich unter der Bezeichnung Avia S-92 firmierende Varianten des ersten deutschen Düsenjägers, der Messerschmidt Me 262. Auch eine umgebaute Me 109 als Trainingsflugzeug mit rotem Stern (Bild rechts) findet sich. Ein seltsamer Schnörkel der Luftfahrtgeschichte.

Man muss sich schon mehrere Stunden Zeit nehmen, um das alles zu verarbeiten. Dafür wird man mit viel Technik und einigen sehr interessanten Geschichtslektionen belohnt. (DD)

Panzer auf der Brücke: Filmstadt Prag

Hilfe, ein sowjetisches Panzerfahrzeug rollt über die Mánesbrücke in die Altstadt ein! Prag wird besetzt? Ist es schon wieder soweit? Einen Moment bitte, aber die Sowjetunion gibt es doch schon seit 1991 nicht mehr! Nun, die Szene, die man da vom Burgberg sehen kann, ist auch nicht echt. Es handelt sich um die Dreharbeiten im August 2017 zu dem Mitte 2018 erschienenen tschechischen Film Jan Palach, über jenen Studenten, der sich im Januar 1969 aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings auf dem Wenzelsplatz selbst verbrannt hatte.

Womit wir beim Thema Prag als Filmstadt ist. Der Mozartfilm Amadeus (1984), der Horrorfilm Van Helsing, eine ganze Reihe von Agentenfilmen wie Mission Impossible I, Mission Impossible IV wurden hier gedreht, ja und James Bond läuft in dem Film Casino Royale keineswegs durch den Kreml, sondern durch den Innenhof der Prager Burg. Gérard Depardieu mimte in der Serie Les Misérables nur, dass er in Frankreich sei. In Wirklichkeit war er natürlich in Prag. Und das sind nur einige von unzähligen Beispielen. Der internationale Film ist präsent in Prag. Immer wieder sieht man Filmteams in den engen Gassen der Stadt.

Das hat natürlich auch seinen Grund darin, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Land (noch eher geringe Kosten, funktionierende Infrastruktur) gut sind, und dass keine Stadt der Welt soviel schöne und malerische Originalkulissen für historisch angehauchte Filme bietet. Wichtiger ist aber, dass Prag schon seit jeher ein tschechisches Filmzentrum war und damit aller Fazilitäten für erfolgreiche und professionelle Drehorten bereitstellt.

Das begann schon in der Ersten Republik, in der Film als neue und avantgardistische Kunstform ganz dem modernistischen Zeitgeist entsprach. 1933 wurden die Barrandov Studios gegründet, die bis heute existieren, und damals in Prag in die Liga der großen Filmzentren Europas katapultierten. Schauspieler und Schauspielerinnen wie  Anny OndraHugo Haas oder Adina Mandlová waren Weltstars. Kinos florierten überall in Prag (Beispiel hier).

Unter den Kommunisten war das Zensurregiment ein wenig weniger harsch als anderswo im Ostblock – jedenfalls so, dass der tschechoslowakische Film einen Teil seiner künstlerischen Reputation auch im Westen erhalten konnte – so etwa die phantasievollen Filme von Karel Zeman (früherer Beitrag hier). Es kam sogar vor, dass gemeinsame Produktionen mit westlichen Filmgesellschaften in oder bei Prag gedreht wurden, etwas der Deutsch-Western Die Goldsucher von Arkansas (gedreht hier) von 1964 oder auch der oben erwähnte US-FIlm Amadeus von 1984, bei dem sogar ein Exil-Tscheche – Miloš Forman – Regie führte..

Heute ist der tschechische Film wieder frei wie früher der westliche. Hollywood dominiert zwar die Kinos, aber der landeseigene Film ist weiterhin vital, wie nicht nur der Film über Jan Palach beweist, dessen Dreharbeiten wir beobachten konnten. (DD)

Idyllischer Teufelsbach

Die schöne Kampa-Insel auf der Kleinseite, die man beim Weg über die Karlsbrücke überquert, ist eigentlich eine künstliche Insel. Das ist sie seit dem 12. Jahrhundert; genauer gesagt: Der Kanal, der sie vom „Festland“ trennt, wurde im Jahr 1169 erstmals urkundlich erwähnt. Erst seit dem 19. Jahrhundert trägt er den legendenträchtigen Namen Teufelsbach (Čertovka), der sich auf eine alte Sage über eine dort lebende Teufelsfrau beziehen soll oder auf den Namen eines nahegelegenen Hauses, das „Haus der Sieben Teufel“ heißt. Man weiß es anscheinend nicht so genau. In den Jahrhunderten zuvor hatte man ihm prosaischere Namen wie etwa Strouha Malá (Kleiner Graben) gegeben.

Das Inselareal, das er von der Kleinseite abtrennte, war ursprünglich Besitz des Malteserordens, der in der Nähe immer noch seinen Sitz hat (früherer Beitrag hier). Im 16. Jahrhundert gehörte  der Familie Rožmberk (Rosenberg) der größte Teil des Areals, später wurde es von der Stadt übernommen. Kurz zuvor hatte man auf dem Gelände, das zuvor ausschließlich Garten- und Ackerland war, mit der Bebauung begonnen, und zwar hauptsächlich im Norden der Insel, während der südlichere Teil bis heute eher idyllisch grün anmutet.

Über 740 Meter Länge erstreckt sich die Čertovka. Das Wasser wird etwas unterhalb der Brücke der Legionen (früherer Beitrag hier) in den Kanal abgeleitet, wobei der Anfangsbereich heute über 40 Meter so überbaut und verrohrt ist, dass man ihn gar nicht mehr erkennen kann. Das Wasser kommt plötzlich unter einem Fußgängerüberweg zum Vorschein.

Insgesamt acht kleine Brücken führen über den Kanal zum „Festland“. Und nur wenige Meter flussabwärts der größten von ihnen, der Karlsbrücke, kann man sehen, wie das Wasser wieder in die Moldau zurückfließt.

Warum baute man diesen Kanal überhaupt? Primär ging es den Erbauern des Kanals wohl darum, einen ruhigen, aber stetigen Antrieb für Mühlen zu schaffen. Eine Unzahl von Mühlen sind seit dem 12. Jahrhundert überliefert, aber nur zwei von ihnen haben bis in die heutige Zeit überlebt. In der Nähe des Anfangs des Kanals liegt zum Beispiel die Huťský mlýn (Hüttenmühle) mit ihrem schönen Wasserrad. Sie wurde 1293 erstmals erwähnt. Heute befindet sich darin ein gemütliches Café.

Schon wunderschön von der Karlsbrücke aus sichtbar befindet sich die  Velkopřevorský mlýn (Großpriormühle), die 1597-1600 auf den Fundamenten einer früheren mittelalterlichen Mühle erbaut wurde und ursprünglich auch den Maltesern gehörte, aber im 18. Jahrhundert endgültig von der Stadt (Kleinseite) übernommen wurde. Sie bietet einen besonders malerischen Anblick, egal ob man sie von der Karlsbrücke (großes Bild oben) oder von der Rückseite aus betrachtet. Es gab früher noch mehr Mühlen, nicht nur am Kanal, sondern etwa auch an der Moldau selbst (etwa das Gebäude des heutigen Kampa-Museums, früherer Beitrag hier).

Ein Spaziergang entlang des Čertovka-Kanals bietet also viel für das Auge. Grünanlagen und üppiger Baumbewuchs an den Ufern wechseln sich mit engen mittelalterlichen Gassen und pittoresken Barockhäusern. Gerade in diesem Teil des Graben versteht man, warum man Čertovka und Kampa-Insel so oft und gerne als das Venedig Prags bezeichnet. Irgendwie hat er so gar nichts Teuflisches, dieser Teufelsbach… (DD)



Die Synagoge, die überlebte

Sie ist eng mit der Sage vom Golem verbunden und dessen Reste aus Lehm sollen sich auch noch im Dachboden befinden, heißt es. Wie dem auch sei: die Altneusynagoge (Staronová synagoga) in der Josefstadt ist die älteste in ihrer Ursprungsform weitgehend erhaltene Synagoge in Europa. Seit dem späten 13. Jahrhundert steht das solide und sehr gedrungen wirkende Steingebäude hier und hat Feuersbrünsten und anderen Gefahren getrotzt.

Tatsächlich hat der berühmte Rabbi Löw hier gewirkt, der angeblich den aus Lehm geformten Golem mit Leben erfüllte, damit der den immer bedrohten Juden in der Stadt als Helfer diene. Auf jeden Fall war sie das eigentliche relgiöse Zentrum der jüdischen Gemeinde. Sie dient auch heute noch als Haus für Gottesdienste – neben drei anderen Synagogen, von denen zwei in Museen umgewandelt wurden.

Der Name „Altneu“ klingt ein wenig seltsam und eine endgültige Erklärung für den Namen gibt es nicht. Es könnte die deutsche Fehlinterpretation eines hebräsischen Wortes dahinter liegen, aber auch die Mutmaßung, dass angeblich beim Bau damals die Überreste einer noch älteren Synagoge gefunden worden waren. Benutzt wird der Begriff aber auch erst seit dem 16. Jahrhundert.

Innen wie außen ist sie weitegehend noch im Originalzustand erhalten. Restaurationsarbeiten, wie die des neogotischen Architekten Josef Mocker (früherer Beitrag hier) oder die von 1967 fielen stets sehr behutsam aus und achteten die historische Struktur. Dadurch hat sie ihren besonders orthodoxen Charakter beibehalten (etwa die architektonisch sehr strikte Trennung von Frauen- und Männerbereich im Inneren).

Dass sie die Nazibesetzung – im Gegensatz zu den meisten Gemeindemitgliedern, die ermordet wurden – überlebte, verdankt sie dem grotesken Zynismus der Nazis, die in Prag ein Museum einer untergegangenen Rasse aufbauen wollten, in dem sie ihren Massenmord auch noch zu zelebrieren gedachten. Aber immerhin wurde sie deshalb wie durch ein Wunder nicht zerstört.

Diese Schreckenszeiten liegen gottlob hinter uns und heute ist die Synagoge wieder ein echtes Glaubenszentrum. Auch Besucher können das sehr dunkel wirkende und nur mit kleinen Fenstern versehene Gebäude gegen Eintrittsgeld besichtigen.

Neben der Synagoge befindet sich ein kleiner Park, der eine ungewohnt ruhige und schöne Aussicht auf das Gebäude bietet. Mittendrin steht – passend“ – eine lebendgroße Bronzeskulptur von Moses, die 1905 von dem berühmten symbolistischen Bildhauer František Bílek geschaffen worden war. Vor diesem Moses, der das Wort „Adam“ schreibt, hatten die Nazis allerdings keinen Respekt und schmolzen ihn 1940 ein. Zum Glück hatte Bileks Witwe das Gipsmodell der Skulptur aufbewahrt, so dass 1946 ein originalgetreuer Nachguss aufgestellt werden konnte. (DD)


Bücherpalast (früher ein Kino)

IMG_5448

Es handelt sich nicht nur um die größte Buchhandlung in Prag, nicht nur um die größte in Tschechien, sondern sogar in ganz Mitteleuropa.  Für uns ist das Luxor jedenfalls die erste Adresse, wenn  es um Bücher geht. Am oberen Teil des Wenzelsplatzes (Hausnummer 820/41) befindet sich der IMG_5450recht unauffällig anmutende Eingang. Erst innen erschließt sich nach und nach, wie groß der Laden ist.

85.000 Bücher führt das Luxor griffbereit in den Regalen. Die meisten davon sind auf Tschechisch, aber es gibt auch eine große Abteilung im Keller, die ausländische Literatur führt. Aber selbst wer des Tschechischen nicht so ganz mächtig ist, sollte die Bereiche mit tschechischen Büchern nicht ganz meiden. Da der Laden ja in der Touristenmeile liegt, sind die Abteilung für gut bebilderte Bücher über Prag und Umgebung und die Abteilung für Wanderkarten und Reiseführer (beide im erdgeschoss) ein Muß für jeden Prag- und Tschechienfan – selbst wenn man nicht jedes Wort im Buch versteht. Neben den Büchern gibt noch eine große und hochqualitative Schreibwarenabteilung und ein Café. Schmökern macht bekanntlich durstig.

IMG_5449Wer zum ersten Mal da ist, muss erst lernen, sich zurechtzufinden. Die vier Stockwerke sind in Halbstockwerke untergliedert, bei den Rolltreppen muss man herausfinden, welche wo hinauf- oder andernorts wieder hinunter geht. Die bauliche Verwirrung geht darauf zurück, dass das Gebäude ursprünglich nicht als Buchhandlung gedacht war. Ursprünglich befand sich in den unteren Räumen, wo heute das Luxor residiert (darüber befindet sich ein Hotel), ein großes Kino. In den Jahren 1925 bis 1927 bauten die Architekten Bohumír Kožak und Nikola Dobrović das in einem eher schlichten Funktionalismus gehaltene Kinogebäude, das aber den hochtrabenden Namen Palác Luxor (Luxor Palast) erhielt. Deshalb nannte man auch das Hauptgeschäft der nunmehr sechs weitere kleinere Prager Läden umfassenden Buchhandlung auch stolz Palác knih Luxor (Luxor Buchpalast). Die betreibende Firma wurde 2001 unter dem Namen Neoluxor gegründet und eröffnete 2003 hier in ihrem Palast den ersten Laden – der einzige, der sich auch Palast nennt, während alle anderen nur als bloße Buchhandlungen firmieren. (DD)

Der Warschauer Pakt endete im Barockschloss

IMG_4648

Mit 150 Metern Länge ist das Palais Czernin (Černínský palác) mit Abstand das längste barocke Gebäude Prags. Fast erschlagend wirkt die kolossale Vorderfront. So einen Bau hinzukriegen, IMG_4639dauert seine Zeit. Angefangen wurde er unter dem kaiserlichen Diplomaten Humprecht Johann Czernin Graf von Chudenitz, der 1669 den italienischen Architekten Francesco Caratti  mit dem Beginn des Baus beauftragte, der daran bis zum Tode des Grafen im Jahre 1682 arbeitete. Das Gebäude war „betriebsbereit“, aber es blieb dem Architekten František Maxmilián Kaňka vorbehalten, das Gebäude in den Jahren 1717 bis 1723 wirklich fertigzustellen. Ihm verdanken wir das grandiose Treppenhaus, vor dem eine gewaltige Statuengruppe des Bildhauers Matthias Bernhard Braun IMG_4660steht (großes Bild oben). Die Kuppel über dem Treppenhaus ist mit dem Deckengemälde „Der Fall des Titan“ (Bild rechts) des Malers  Wenzel Lorenz Reiner ausgefüllt.

Während des Österreichischen Erbfolgekriegs wurde der Palast 1742 beschossen und arg demoliert. Der italienisch-schweizerische Architekt Anselmo Lurago (dessen privates Wohnhaus auf der Kleinseite wir schon hier vorgestellt haben) nahm dies zum Anlass, die bisher etwas zu statisch wirkende Fassade mit neuem barocken Schwung zu versehen. Ihm verdankt man die IMG_4645gewundenen Balkone im ersten Stock und das kolossale Portal. Zur Gartenseite fügte er eine IMG_4646optisch beeindruckend wirkenden Durchgang mit einer Herkulesstatue des Bildhauers Ignaz Franz Platzer.

So groß war der Palast, dass die Grafenfamilie sich ab 1777 ihn nicht mehr leisten konnte. Immer wieder veränderten sich seine öffentlichen Funktionen – vom Lazarett über die Armenunterkunft und Mietshaus zur Kunstgalerie. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts diente es gar als Kaserne. Ende der 1920er Jahre war aber endlich eine höhere Bestimmung in Sicht. Ab 1928 IMG_4653modernisierte der Architekt Pavel Janák das Gebäude so, dass es zum Sitz eines modernen administrierten Außenministerium werden konnte, ohne dass der historische Charakter des Gebäudes darunter litt. Das gelang ihm recht gut und so zog das Außenministerium 1933 ein und residiert dort bis heute.

So durchlebte das Palais Czernin die Höhen und Tiefen der Politik. Zu den tragischen Ereignissen gehört der Tod des damaligen Außenministers Jan Masaryk im März 1948. Er hatte als letztes bürgerliches Kabinettsmitglied der kommunistischen Machtergreifung im Wege stehen wollen und lag des Morgens tot unter dem in fast 15 Meter Höhe befindlichen Fenster seiner Dienstwohnung. Die kommunistisch infiltrierten Untersuchungsbehörden erklärten den Tod zum Selbstmord, heute geht man eher davon aus, dass er von den IMG_4666Schergen des Regimes ermordet wurde. Wir berichteten hier.

Positiv ist hingegen zu vermerken, dass ein wesentliches Herrschaftsinstrument des Kommunismus, der von der Sowjetunion geführte Warschauer Pakt am 1. Juli 1991, in dem von Janák gestalteten Prachtsaal des Ministeriums unter dem Vorsitz Präsident Havels sein Ende fand. Eine Tafel im Treppenhaus erinnert daran. Das Photo links zeigt den Saal während einer Konferenz der Boris Nemtsov Foundation und der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit über Menschenrechte in Russland. So etwas wäre vor 1989 nicht möglich gewesen. Man sieht: Jetzt wird hier wieder die Außenpolitik für ein freies Land betrieben. (DD)