Hort der Frauenrechte

Die drei Damen, die da als Büsten verewigt ihren Platz in der Fassade gefunden haben, sind nicht nur ein dekoratives Element. Sie machen klar: In diesem Gebäude in der Resslova 1940/5 in der Neustadt wurde ein großes Stück der Geschichte der Frauenrechte im Lande geschrieben.

Es begann mit dem Elend nach dem für Kakanien unglücklich verloren gegangenen Krieg gegen Preußen von 1866. Der hinterließ unzählige Frauen, die als Witwen oder Waisen ohne Chancen auf ein Auskommen unverschuldet ins Elend gerieten. Es gab kein Bildungssystem, das ihnen Wege hätte eröffnen können. Es war dies die Stunde von emanzipierten Frauen, wie die Schriftstellerin und bürgerliche Frauenrechtlerin Karolina Světlá (früherer Beitrag hier), Frauenbildung voranzutreiben und Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen. Zusammen mit einigen Mitstreiterinnen gründete Světlá 1871 den Böhmischen Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český), einem Bildungsverein für Frauen aus armen Verhältnissen. Der Verein gründete noch im gleichen Jahr eine Schule unter der Leitung von Johanna Kuffnerová.

Zur Finanzierung entfachten die Frauen ein Feuerwerk von Spendensammlungen, Auktionen, Lotterien, Basaren und Konzerten. Der Erfolg gab ihnen recht. In den ersten 30 Jahren absolvierten in der Schule (die 1890 um die höhere Bildungseinrichtung Minerva, das erste Mädchengymnasium in Böhmen überhaupt, ergänzt wurde) 18.000 Mädchen und junge Frauen eine Ausbildung – meist in praktischen Fähigkeiten, die das Auskommen sichern sollten. Flankiert wurde die Bildungsarbeit immer von politischen Forderungen. Světlá war zum Beispiel 1865 Mitbegründerin der Americký klub dam (Klub amerikanischer Damen), der mit seinem Namen ausdrücken wollte, dass man in Böhmen gerne das Ausmaß an Frauenrechten haben wollte, das man im liberaleren Amerika schon kannte.

Das setzte sich auch fort, als Světlá 1880 den Vorsitz des Vereins an Emilie Bártová weitergab, die sich ebenfalls beim Klub der Amerikanischen Damen engagierte. Ihr folgte 1891 Eliška Krásnohorská (früherer Beitrag hier), die wohl zu den bedeutendsten Gestalten der böhmischen Frauenrechtsbewegung gehört. In ihre Zeit als Vorsitzende des Frauen-Erwerb-Vereins fällt der Bau des hier vorgestellten Gebäudes. Verein und Schule hatten zur Zeit der Gründung in der Spálená Straße (nahe der Kirche der Dreifaltigkeit; früherer Beitrag hier) in der Neustadt und ab 1879 in der Bartolomějská (Altstadt) residiert. Das Gebäude war inzwischen zu klein geworden. 1894 erwarb man nach einer großen Spendenaktion das Gründstück an der Resslova (das zuvor erst Klosterbesitz, dann Gefängnisareal gewesen war; siehe hier). 1896 konnte das Gebäude, das von dem Architekten und Baumeister Josef Blecha im Stil der Neorenaissance erbaut worden war, in Anwesenheit des Prager Bürgermeisters Jan Podlipný (der für einen Zuschuss der Stadt gesorgt hatte) und anderer Prominenz eröffnet werden.

Über dem zweiten Stock befinden sich im Mittelrisalit drei Büsten, die von links nach rechts die Gründerinnen des Vereins Krásnohorská, Bártová und Světlá. Die Büsten sind dem Stil des Gebäudes angepasst, weshalb sie vielleicht ein wenig zu süßlich wirken und die drei Frauen nicht so recht wie harte Frauenrechtskämpferinnen aussehen lassen. Das Gebäude diente, wie gesagt, nicht nur als Ausbildungsstätte, sondern auch als Zentrum für politische Aktivitäten. Krásnohorská nutzte es beispielsweise als Redaktionsraum für die schon 1873 von ihr herausgegebene erste böhmische Frauenzeitschrift Ženske listy (Frauenblätter). Zusätzlich zur Büste erinnert eine 1931 von der Bildhauerin Karla Vobišová-Žáková erstellte Gedenktafel mit einem Reliefportrait an sie.

Der Erwerbsverein betrieb das Zentrum noch lange weiter. Die Nazis unterbrachen den Betrieb, aber 1945 konnte er wieder aufgenommen werden. Die Kommunisten, die 1948 die Macht ergriffen, versuchten, den Verein gleichzuschalten und von seinen liberalen Wurzeln zu lösen. 1961 wurde das Gebäude in der Resslova entschädigungslos enteignet. Seither gehört es der tschechoslowakischen Handlesakademie (Českoslovanská akademie obchodní), die schon zuvor ein Gebäude auf der anderen Straßenseite hatte (siehe kleines Bild oberhalb links). 1971 kam der Todesstoß und der Verein löste sich auf. (DD)

Das Architektenbüro

In den Zeiten der Ersten Republik nach 1918 war die Tschechoslowakei geradezu ein Paradies für die moderne Avantgarde in der Architektur. Kubismus und Funktionalismus waren vor allem in den 1920ern en vogue. Wie überall in Europa zog allerdings in den späten 1930ern ein konservativer Traditionalismus ein.

Ein geradezu überschwängliches Beispiel dafür ist diese große Villa im Libeň (Prag 8) in der Na Stráži 1306/5. Auf einem Hügel platziert wirkt sie schon fast wie eine große Tempelanlage. Dazu passen auch die zeittypisch stark simplifizierten Anlehnungen an klassisch-antike Bauwerke, die aber in diesem Falle nicht zu dem damals in Nazi-Deutschland üblichen Brachial- oder Blut-und-Boden-Klassizismus herabsinken. Trotz der kolossalen Ausmaße entfaltet das Haus ein mediterranes Flair.

Nun ja, das Haus sollte auch so etwas wie eine Vistenkarte mit Werbeeffekt sein. Es wurde nämlich 1940 von dem Architekten Čestmír Vavrouš erbaut, der darin sein großes Architekturbüro betrieb. Die Firma war 1892 von seinem Vater Alois Vavrouš 1892 ursprünglich in Liberec geründet worden. Später wurde daraus die Firma Alois Vavrouš a syn (Alois Vavrouš und Sohn). In den Zeiten der Republik gehörte das Unternehmen mit recht hohem Personalbestand zu den größten der Art mit Filialen im ganzen Land. Ein Jahr nach dem Tod des Vaters verlegte Sohn Čestmír das Hauptquartier nach Prag.

Die Geschichte der Firma verliert sich in den Wirren der Nachkriegszeit und der kommunistischen Machtübernahme. Heute residiert hier eine große Anwaltskanzlei. (DD)

Wasserturm als Kulturzentrum

Wie man die Stadt mit trinkbarem Wasser versorgt, war über Jahrhunderte eines der großen Probleme der lokalen Politik. Und je größer die Stadt wurde, desto größer wurde das Problem.

Ende des 19. Jahrhunderts machte man Nägel mit Köpfen und begann mit dem systematischen Ausbau eines Wasserleitungssystems und dem Bau von Wassertürmen, die die Versorgung ermöglichten. Unter ihnen findet man kleine architektonische Perlen (siehe auch hier).

Zu ihnen gehört der Wasserturm von Letná (Vodárenská věž Letná) in der Korunovační/Ecke Letenské náměstí in Bubeneč (Prag 7). Der wurde 1888 nach den Entwürfen des Architekten Jindřich Fialka im Stil der damals modischen Neorenaissance fertiggestellt. Er sollte die Stadtteile Bubeneč und Holešovice mit Trinkwasser versorgen. Mit 38,3 Meter Höhe nahm er sich ausgesprochen imposant aus, ein Effekt, der damals dadurch verstärkt wurde, dass der Turm weitgehend im Freien stand, während er heute eng von großen sozialistischen Plattenbauten der 1970er Jahre flankiert ist.

Unter dem großen Walmdach mit kleinem Turmaufsatz befand sich ursprünglich ein Wasserbasin mit fast 198 Kubikmeter Wasser Fassunsgvermögen. Die technischen Einrichtungen – insbesondere jene, die zum Hochpumpen des Wasser nötig waren – wurden von der Firma Breifeld-Daňek eingebaut. Dazu gehörten auch Nebengebäude wie das Pumpenhaus und ein unteres Wasserreservoir. Sie gibt es schon lange nicht mehr. Denn der Wassertum von Letná hatte eine ungeheuer kurze Nutzungszeit. Die Technik und das Volumen galten 1913 schon als veraltet und unzulänglich und der Betrieb wurde kurzerhand eingestellt. Der Turm selbst war aber zu schön, um abgerissen zuwerden.

Nachdem die Wirtschaftsgebäude abgerissen worden waren, wurden im Turm erst einmal Wohnungen eingerichtet – mit schöner Aussicht, wie man annehmen darf, denn den Turm umrundet auf 20,5 Meter Höhe eine Aussichtsgalerie. Und die modernen Hochhäuser, die ihn heute teilweise umstellt haben, gab es noch nicht. Ganz oben soll sich sogar eine Teestube befunden haben. Später verkam das Ganze allerdings mehr zu einem Lagergebäude und 1978 zog hier der kommunistische Jugendverband Pionieren ein, womit der Tiefpunkt erreicht war. Schon kurz nach der Samtenen Revolution und dem Ende des Kommunismus wurde der Turm unter Denkmalschutz gestellt. Von 2016 bis 2018 fanden Renovierungs- und Umgestaltungsmaßnahmen statt, die von dem Architekten Petr Hájek durchgeführt wurden.

Aus dem Wasserturm wurde nun eine Art öffentliches Kulturzentrum des Stadtteils. Im übriggebliebenen Nebengebäude gibt es einen Jugendklub und Konferenzräume. Im Turm selbst befinden sich eine Bibliothek und Ausstellungsräume. Und man kann sogar zu den Öffnungszeiten hinauf auf die Galerie steigen, um die (auf einer Seite halt von Hochhäusern begrenzte) Aussicht zu genießen. Eine mit zierlichen Geländern versehene Treppe führt hinauf, in deren Kern sich ein Foucaultsches Pendel befindet (damit die jungen Menschen dort auch noch etwas über Physik lernen können).

Diesen Kulturstatus hat sich das Gebäude letztlich verdient, denn insbesondere Galerie und Walmdach strahlen Erhabenheit aus. Auf der Fassade prangt das Prager Stadtwappen. Ergänzt wird es durch eine Manifestation des lokalen Stolzes der Stadtregierung auf diesen Bau, nämlich ein großes Stuckmedaillon mit den vergoldeten Lettern OP, was für „Obec Pražská“ (Gemeinde Prag) steht. Das erschließt sich dem ausländischen Besucher nicht direkt.

Ja, und der Wasserturm ist auch ein Denkmal für den ungeheuren technischen, sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt, den uns das 19. Jahrhundert erbracht hat. Nicht nur die Wasserversorgung machte verbesserte damals das Leben der Menschen dramatisch. Die Infrastruktur der Städte wurde perfektioniert. Etwa auch durch die Einführung von Gaslampen zur Straßenbeleuchtung (früherer Beitrag hier). Eine ebensolche in historistischem Design gestaltete Leuchte befindet sich auch direkt vor dem Wasserturm. Im 19. Jahrhundert vernachlässigte man die Ästhetik nicht, aber man dachte auch zweckmäßig. So ist die Straßenlaterne ein Multifunktionsgerät, das gleichzeitig als Wasserbrunnen mit Handpumpe nutzbar ist. (DD)

Wenzel und Eulen

28. September: Heute ist der Tag des Heiligen Wenzel. Die säkularen Tschechen feiern ihn unter der Bezeichnung Tag der tschechischen Staatlichkeit offiziell als Nationalfeiertag.

An diesem Tag wurde nämlich der Heilige und Herrscher von seinem Bruder Boleslav ermordet. Das war im Jahr 935 oder 929. Genau weiß man das nicht. Aber auf jeden Fall am 28. September. Soviel ist sicher! Wenzel – hierzulande Václav genannt – hatte sich als Herzog von Böhmen um den Anschluss des Landes an das westliche oder lateinische Christentum verdient gemacht, was mit einer starken Annäherung an das noch im Entstehen begriffene Heilige Römische Reich verbunden war. Das war in Böhmen noch umstritten, weshalb der gute Wenzel mindestens so sehr ein politischer wie ein religiöser Märtyrer war.

Wie dem auch sei: Für die Tschechen ist er seit langem einer der zentralen Nationalheiligen. Und mit dem Erstarken des tschechischen Patriotismus gegenüber den Habsburgern im 19. Jahrhundert nahm seine Symbolfunktion noch einmal dramatisch zu. Daher tauchte er auch zunehmend als Schmuck und politisches Statement in Stuck und/oder gemalt auf Gebäudefassaden auf, wie wir u.a. schon hier, hier und hier gezeigt haben. Das hier gezeigte Beispiel befindet sich über dem ersten Stock eines Wohnhauses (erbaut ca. 1890) in der Rostovská 39/21 im Stadtteil Vršovice. Über den Wappen der Landesteile Mähren, Böhmen und Schlesien sieht man ihn mit den üblichen Heiligenattributen versehen: Hoch zu Ross, mit Krone und einem Banner. Nur der sonst meist übliche Schild mit Wenzelsadler fehlt ausnahmsweise. Aber auch so ist Wenzel erkennbar.

Über dem Heiligen steht der Schriftzug: Nedej zahynouti nám, ni budoucím. Der Spruch stammt aus dem St.-Wenzels-Choral (Svatováclavský chorál), einem der ältesten tschechischsprachigen Kirchenhymnen aus dem 12. Jahrhundert. In Übersetzung lautet der Text der Zeile etwa: „Heiliger Wenzel, lass uns und die Künftigen nicht untergehen!“

Aber dem Heiligen wird fast die Schau gestohlen, denn auf dem ornamentalen Fries unterhalb des ersten Stocks befinden sich kleine putzige Eulen in Stuck, die sofort ins Auge fallen. In welchem Verhältnis die Eule zum Heiligen Wenzel steht, muss eine offene Frage bleiben. (DD)

Auf den Prager Eiffelturm

Ein touristisches Muss für Schwindelfreie ist der Aufstieg auf den Aussichtsturm auf dem Petřín.

Er erinnert einen nicht nur zufällig an den Eiffelturm, nein, er ist eine relativ genaue Kopie der Pariser Sehenswürdigkeit, der Aussichtsturm auf dem Petřín-Berg. Zwar nur im Größenverhältnis 1:5 zum Original, aber dank des erhöhten Standorts auf dem an dieser Stelle 318 m hohen Berg erreicht er mit nur 63,50 Metern mit seiner Spitze die gleiche Höhe über dem Meeresspiegel wie das Pariser Vorbild.

Auf die Aussichtsplattform und den Balkon führen nicht ganz 300 Stufen (eine fehlt!) in einer doppelläufigen Wendeltreppe, von der man immer wieder wunderbare Blicke in die Umgebung und die Stahlkonstruktion hat. Im Kern des – im Gegensatz zum Vorbild – viereckigen Querschnitts befindet sich ein kleiner Aufzug, der für einen Aufpreis benutzt werden kann.

Oben angekommen kann man bei gutem Wetter (hier ist besonders die klare Sicht im Herbst zu empfehlen) bis zur Schneekoppe schauen. Ganz Prag liegt einem zu Füßen. Wäre der Turm etwas höher, hätte ich auf unsere Terrasse schauen können.

Und wieso kommt man auf die Idee, eine französische Attraktion zu kopieren?

Das war ein Projekt der großen Prager Jubiläumsindustrieausstellung von 1891. Die tschechische Wirtschaft wollte zeigen, was sie alles konnte. Neben dem beeindruckenden Industriepalast in Holešovice und dem Hanavský Pavilon (früherer Beitrag hier) auf der Letna Höhe, profitierte vor allem der Petřín von dieser Zurschaustellung tschechischen Könnens. Das Spiegelkabinett (siehe früheren Beitrag hier) und die Standseilbahn (hier) stammen auch von dieser Schau.

Die Anregung fúr den Aussichtsturm in Form des Eiffelturms kam vom Klub Tschechischer Touristen. Die beeindruckende Konstruktion des Architekten Vratislav Pasovský war in nur 6 Monaten beendet und hält, nachdem der Turm zwischenzeitlich als Fernsehturm gedient hatte und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich war, nach letzten Renovierungsarbeiten bis heute.

Man kann ihn täglich bis in die Abendstunden hinein besteigen. Und abends wird er dann angestrahlt und leuchtet in den tschechischen Nationalfarben, was auch ein wenig französisch wirkt. (LSD)

Bärchen für Metallwaren

Die kleinen schwarzen Bärchen findet wohl jeder putzig, der an diesem Haus vorbei geht. Es liegt in der Straße des 28. Oktober (28. října, Nr. 375/9) ganz nahe des westlichen Endes des Wenzelsplatzes.

Weshalb die Bären? Nun es handelt sich um das alte Gebäude der Berndorfska továrna na kovové zboží (Berndorfer Metallwarenfabrik), deren Name in feinen Jugendstillettern das Gebäude auch heute noch schmückt. Und die Bären sind natürlich Anspielungen auf den der Namen der Firma, die ihren Hauptsitz im niederösterreichischen Berndorf hatte, die wiederum einen schwarzen Bären im Stadtwappen trägt.

Das Gebäude wurde in den Jahren 1896 bis 1898 von den Architekten Quido Bělský und Eduard Sochor (wir stellten ihn schon hier vor) erbaut. Es handelt sich um ein Haus mit fünf Etagen, von denen die oberste in der Mansarde liegt. Die Dachgaube auf der linken Seite (vom Betrachter aus gesehen) sorgt für einen asymmetrichen Eindruck.

Der Stil entspricht dem damals modernen (historistischen) Neo-Barock mit etlichen Stilelementen des damals ebenfalls modernen Jugendstils.

Vor allem ist das Haus aber ästhetisch dem Zweck untergeordnet, für die Firma bzw. für Metallwaren im allgemeinen zu werben. Die Fassade ist nämlich recht ansprechen horizontal und vertikal durch Metallelemente strukturiert. Horizontal verlaufen zwischen den Stockwerken zierliche Gitterbalkons – die über dem ersten und dritten Stock durchgehend, die dazwischen unterbrochen. Besonders schön entfalten sie sich unterhalb der Dachgaube (kleines Bild links).

Noch auffälliger sind die schwarzen ionischen Pilaster, die wiederum das Erdgeschoss (wo die Verkaufsräume lagen) vertikal strukturieren. Sie sind nicht, wie sonst bei historisierenden Gebäuden der Zeit üblich, Teil des Fassadenstucks. Vielmehr sind sie mit ihren auffälligen Zierkanten aus schwarzem Edelstahl hergestellt und dann aufgesetzt worden. Sie bilden optisch mit den Bären, die zwar nicht aus Metall bestehen, aber die gleiche Farbe aufweisen und von einem Metallrahmen umgeben sind, eine ästhetisch geschlossene Einheit.

Darüber sollte man andere kleine Details nicht vergessen, auch wenn sie ganz konventionell aus Stuck bestehen. Dazu gehört zum Beispiel der eine Schlange verspeisende Reiher in der Dachgaube. Kurz: Das Haus ist einer von vielen Belegen, die man in Prag dafür findet, dass sich dereinst kommerzielle Architektur und ansprechende und ideenreiche Ästhetik nicht widersprechen müssen. (DD)

Pestsäule mit großem Heiligenaufgebot

Die letzte große Pest in Prag brach 1713 über die Stadt herein und kostete zehntausenden Pragern das Leben – ein Schreckensereignis, das die Menschen noch lange traumatisieren sollte. Die Überlebenden errichteten aus Dank für das Überleben an mehreren Stellen (zwei frühere Beiträge hier und hier) sogenannte Pestäulen – Monumente, mit denen man Gott für seine Gnade dankte.

Die riesige Pestsäule der Jungfrau Maria (Mariánský morový sloup) auf dem Burgplatz (Hradčanské náměstí) ist nicht nur aufgrund ihrer Höhe (die Marienstatue auf der Spitze ist über 2 Meter hoch) bemerkenswert. Sie ist auch stilistisch von den anderen, meist sehr überladen barocken Pestsäulen unterschieden, da sie mit Ausnahme der Statuen mit wenig Ornamentik und wenig überbordender Ästhetik auskommt. Sie wirkt ein wenig strenger als die anderen Pestsäulen in Prag.

Das hat möglicherweise etwas mit dem späten Zeitpunkt ihrer Aufstellung zu tun. Während die meisten Gedenksäulen zur Pest von 1713 unmittelbar nach dem Abebben der Seuche errichtet wurden, litt zu diesem Zeitpunkt der zuständige Stadtteil Hradčany an Geldmangel und konnte sich eine solche Säule nicht leisten. Erst 1725 sprang Kaiser Karl VI. ein und genehmigte eine Säule, die die Stadt allerdings erst 1736 fertigstellte. Das war reichlich spät und ein wenig hatte sich in diesem Zeitraum auch der Kunstgeschmack verändert. Deshalb sieht sie eben auch ein wenig anders aus als die anderen – früher erstellten – Pestsäulen.

Bis 1728 arbeitete der Bildhauer Ferdinand Maximilian Brokoff, dem wir viele der Heiligenfiguren auf der Karlsbrücke verdanken, an den Statuen, die die Pestsäule zieren. Nach dessen Tod setzte sein Kollege Ignác František Weiss die Arbeit bis 1731 kongenial fort. Die schlichte korinthische Säule wurde nunmehr von Heiligenfiguren gechmückt: Auf der Spitze steht die Jungfrau Maria. Am Fuß der Säule sind die in Böhmen besonders verehrten Heiligen Wenzel, Veit und Adalbert zu sehen. Eine Ebene tiefer auf dem Sockel befinden sich die Heiligen Karl Borromäus, Nepomuk, Florian, Petrus, Paulus und die Heilige Elisabeth von Thüringen, die die gerade mildtätige Almosen verteilt (großes Bild oben).†††††

Ein solches Aufgebot an Mega-Heiligen scheint in der Tat eine kraftvolle Wirkung zu entfalten. Die Pest ist jedenfalls nicht mehr zurückgekommen. (DD)

Gaslampen als Kunstwerk

1847 begann man in Prag mit der Einführung von Gaslaternen für die Straßenbeleuchtung. Das war ein Fortschritt, auf den man stolz war. Folglich gab man sich bei dem Design der Laternen richtig Mühe.

Ein wahres Statussymbol der öffentlichen Gasbeleuchtung findet man noch auf der Kleinseite, vor allem auf der Loretánská, dem Burgplatz und – weiter unten bei der Karlsbrücke – am Dražického náměstí. So beeindruckend können also öffentliche Struktureinrichtungen aussehen! Es handelt sich um genuine Kunstwerke.

Denn: Sowohl die Ausmaße als auch die enorm opulente Gestaltung machen die im damals aktuellen Neorenaissancestil gehaltenen großen Laternen zu einem echten Blickfang.

Die achtarmigen Kandelaber sind das Gemeinschaftswerk des Bildhauers Eduard Veselý und des Architekten Aleš Linsbauer, die sie 1867/68 entwarfen und aufstellten. Es handelt sich um achtarmige Kandelaber, die in einer Eisenhüte bei Komárov in Gußeisen hergestellt wurden. Lediglich die Laterne auf dem Dražického náměstí (früher: Draschitz Platz) verfügt nur über vier Lampenarme (kleines Bild rechts) – vermutlich weil der Platz beengter ist und ein achtarmiger Kandelaber den Rahmen des Ortes gesprengt hätte. Deshalb eine Nummer kleiner….

Die acht Flügel mit den Laternen sind mit floralen Mustern und Rachen geschmückt und an einer korinthischen Säule befestigt, auf deren Kapitell eine weibliche Statue einer Allegorie auf die Stadt Prag steht. Die Säule wiederum steht auf einer Gruppe von Karyatiden (weibliche Gestalten, die die Funktion von Säulen wahrnehmen), die sich auf einem steinernen Sockel befindet.

Das Ganze erreicht insgesamt eine Höhe von 8,5 Metern und wiegt rund 5 Tonnen. 1985 beschloss man, die Gaslampen durch elektrische zu ersetzen. Aber irgendwie war das doch recht unauthentisch, weshalb man im Mai 2006 anfing, sie wieder mit Gas zu betreiben. (DD)

Wo die Schlacht im Ausflugslokal tobte

Hier in diesem Gebäude – damals ein Wirtshaus – begann am 28. Juni 1881 die bedeutendste Schlacht des späten 19. Jahrhunderts auf dem heutigen Prager Stadtgebiet. Man findet die Schlacht von Kuchelbach (tsch.: Chuchelská bitva) allerdings in keinem Werk zur Militärgeschichte. Als „Schlacht“ wurde sie erst 1930 von keinem Geringeren als Erwin Kisch in einem rückblickenden Reportagenbeitrag bezeichnet, denn in Wirklichkeit war es eine große Wirtshausschlägerei, die in eine Straßenschlacht ausartete. Aber die Bezeichnung blieb hängen, denn die Ereignisse warfen ein dramatisches Schlaglicht auf die entstehenden politischen Spannungen, die von nun an zwischen den deutschen und den tschechischen Bewohnern Prags und Böhmens eskalierten.

War zuvor Prag hauptsächlich von deutschsprachigen Bürgern bewohnt, so hatten sich ab den 1860er Jahren die Verhältnisse hin zu einer tschechischen Bevölkerungsmehrheit verändert. Und die Vertreter der Tschechen begannen immer mehr, die Zweisprachigkeit im böhmischen Reichsteil des Habsburgerreichs einzufordern. Nur wenige Monate vor der Schlacht hatte deshalb der Reichsrat – recht großzügig! – beschlossen, die Karlsuniversität (siehe auch früheren Beitrag hier) in eine deutsche und eine tschechische Universität aufzuteilen. Das machte aber irgendwie niemanden glücklich. Die Deutschen befürchteten, dass ihre Universität nun unbedeutend würde, wie dies zuvor bei der Technischen Hochschule (wo nur der tschechische Teil florierte) geschehen war. Die Tschechen hätten am liebsten die Universität ganz übernommen, weil sie ja die Mehrheit stellten.

Das angekündigte Stiftungsfest der deutschen Studentenverbindung Corps Austria, das mit einem Dampferausflug in den kleinen Vorort Malá Chuchle (damals Kuchelbad; südlich von Prag gelegen) enden sollte, wo man im dem hübschen kleinen Wirtshaus am Waldesrand einkehren wollte, wurde von tschechischen Studenten und Nationalisten aller Arten zum Signal erkoren, nun ein Exempel zu statuieren. Die Laune der Beteiligten wurde noch aggressiver, weil tags zuvor bei den Vorstandswahlen bei der Prager Handelskammer sich die deutsche Seite durchgesetzt hatte. Zudem war wenige Wochen zuvor das Nationaltheater abgebrannt und es tauchten unbegründete Verschwörungstheorien auf, die Deutschen hätten den Brand gelegt. Kurz: Die Stimmung wurde so richtig mies.

In einer tschechischen Tageszeitung erschien kurz vor dem Ausflug der deutschen Studenten die kodierte Anzeige „Heute nachmittags Stelldichein in Kuchelbad, wer kann, der komme bis 4 Uhr, die Schraubendampfer verkehren während des ganzen Nachmittags.“ Sie lockte eine große, lärmige und gewaltbereite Menge an, die die Zahl der vorsorglich dort stationierten Polizisten weit übertraf. Nach dem ersten Austausch von gegenseitigen Beschimpfungen und dem Absingen der jeweiligen nationalistischen Lieder schien sich die Lage zu beruhigen, bis irgendwann der Ruf „Němečtí psi, domů!“ ertönte, was soviel wie „Deutsche Hunde, nach Hause!“ heißt, und einigen deutschen Studenten Gläser an den Kopf flogen. Eine wilde Prügelei begann und die mengenmäßig unterlegenen deutschen Studenten begannen den Rückzug zum Dampfer. Selbst dort waren sie nicht sicher, denn bei der Rückfahrt erwartete sie bei etlichen Brücken ein Steinhagel. Einige Studenten schafften es sowieso nicht zum Schiff und irrten noch bis zum nächsten Morgen im nahen Wald herum. Acht schwer verletzte und unzählige leicht verletzte Studenten mussten von Ärzten behandelt werden.

DIe unerfreulichen Ereignisse hatten Konsequenzen. Die Regierung ging unbeirrt in ihrem Plan voran, die Universität zu teilen, was übrigens keine der von beiden Seiten befürchteten Konsequenzen mit sich brachte. Etliche tschechische Studenten wurde bestraft und relegiert. Die Schlacht erregte reichsweit und sogar international mediales Aufsehen. Das Klima zwischen Deutschen und Tschechen verschlechterte sich noch mehr. In vielen Gemeinden des Landes kam es nun vor, das tschechische Gäste aus deutschen, und deutsche Gäste aus tschechischen Kneipen herausgeworfen wurden. Die chauvinistische Stimmung, die sich 1914 im Weltkrieg entlud, war vorbereitet.

Heute erinnert nichts mehr in Malá Chuchle an die Ereignisse. Friedlicher kann ein kleiner Ausflugsort gar nicht sein als dieser. Das Gebäude Nr. 42, wo die „Schlacht“ begann, ist schon lange kein Wirtshaus mehr, sondern gehört heute der Karlsuniversität und beherbergt einen Teil der Landwirtschaftlichen Fakultät. Es handelt sich um ein schönes Barockwohnhaus aus dem späten 18. Jahrhundert, dass ursprünglich zu der nebenan gelegenen Kirche der Mariengeburt (kostel Narození Panny Marie) gehörte, die mittelalterlichen Ursprungs ist, aber ihre heutige barocke Form erst 1774 bekam. 1785 fiel der Komplex der Säkularisierung durch Kaiser Joseph II. anheim. Als Malá Chuchle um 1900 zum „Bad“ erklärt wurde, war das Gebäude bereits als Wirtshaus bekannt und fand unter den nunmehr in Scharen zur Erholung Einkehrenden regen Zulauf – so auch bei den unglücklichen Studenten von 1881, die an der „Schlacht von Kuchelbad“ teilnahmen. (DD)

Kalkofen im Naturschutzgebiet

Hoch ragt die Burg über den Felsen. Und über den Zinnen schaut der wachsame Ritter weit ins Land hinein, ob der Feind naht…. Unsinn! Das, was da ein wenig wie eine mittelalterliche Burg aussieht, ist in Wirklichkeit ein Industriedenkmal aus dem 19. Jahrhundert.

Über dem im Südwesten Prags gelegenen Stadtteil Velká Chuchle wurden um das Jahr 1875 die berühmten Pacoldschen Kalköfen (Pacoldova vápenka) errichtet. Der Ingenieur und Professor an der Prager Technischen Hochschule Jiří Pacold hatte in dieser Zeit ein Patent erhalten für ein spezielles Verfahren der Kalkbrennung, das auch nicht sortierten Kalkstein effizient verwertete, unter anderem durch die Verwendung zweier verbundener Öfen mit je zwei Schornsteinen. Die Anlage in Velká Chuchle war die erste der Art, die er einrichtete.

Pacolds Kalkofen war ein solcher Erfolg, dass sehr bald Unternehmen zuerst in Böhmen, dann in der ganzen Habsburgermonarchie die Technologie einsetzten. Insgesamt um die 150 Pacoldöfen soll es gegeben haben. Aber auch die schönste Technologie veraltet irgendwann. Die Anlage in Velká Chuchle stellte 1938 ihren Betrieb ein.

Die verfallende Anlage wurde 1948 von den Kommunisten verstaatlicht, was ihr erwartungsgemäß auch nicht wieder auf die Beine half. Immer mehr von den metallenen Einrichtungen im Inneren wurden gestohlen oder abgebaut. Heutige Denkmalschützer können sich nur noch vor Verzweiflung die Haare raufen.

Um 1964 begann man das ansonsten recht stabile Gebäude als Sprengstofflager (zunächst für die gerade einsetzenden Bauarbeiten für die Prager Metro) zu nutzen. Diese Nutzung hält bis heute an, da nach dem Abhandenkommen der inneren Anlagen eine geplante Umwandlung in ein Industriemuseum nicht mehr in Frage kam. Immerhin stellte man das von außen immer noch beeindruckende Gebäude 1966 unter Denkmalschutz.

Warum Pacold seinerzeit den Ofen hier errichtete, ist klar. Er liegt inmitten des heutigen Homolka-Naurschutzgebietes, das in wunderschön waldiger Umgebung heute ein beliebtes Naherholungsareal für die Prager ist. Hier findet man neben einer interessanten Flora und Fauna vor allem dramatische Felsformationen als (übrigens sehr fossilienhaltigem) Kalkstein.

Und eben diesen Kalkstein baute man hier schon seit dem 15. Jahrhundert ab, so dass Pacold hier auf bestehende Strukturen aufbauen konnte. Dereinst führten von einigen der Steinbrüche kleine Eisenbahnen zu seinem Kalkofen. Von denen sieht man allerdings heute keine Spur mehr – auch schade…

Der Kalkabbau in Velká Chuchle wurde 1964 gänzlich eingestellt. Seit 1982 steht das ganze Areal unter Naturschutz. Jetzt vermischen sich die natürlichen Felsformationen mit den alten Steinbrücken zu einem malerischen Ganzen, das einen kleinen und erholsamen Ausflug in den Naturpark in hohem Maße empfehlenswert macht.

Und inmitten des Ganzen steht der Kalkofen wie eine alte Ritterburg. Ofen und Umgebung sind so stimmungsvoll, dass das natürlich auch der Filmindustrie Prags (früherer Beitrag hier) nicht verborgen geblieben ist. Etliche Filme wurden hier gedreht, etwa das Werk Streng geheime Premieren (Přísně tajné premiéry) des Regisseurs Martin Frič aus dem Jahre 1967 oder der Film Protektor von Marek Najbrt aus dem Jahr 2009.

Für Touristen von außerhalb ist das Areal immer noch ein Geheimtipp, aber die Prager wissen es zu schätzen und nutzen gerne die Gelegenheit zu einer kleinen Wanderung hier. (DD)