Gaslampen als Kunstwerk

1847 begann man in Prag mit der Einführung von Gaslaternen für die Straßenbeleuchtung. Das war ein Fortschritt, auf den man stolz war. Folglich gab man sich bei dem Design der Laternen richtig Mühe.

Ein wahres Statussymbol der öffentlichen Gasbeleuchtung findet man noch auf der Kleinseite, vor allem auf der Loretánská, dem Burgplatz und – weiter unten bei der Karlsbrücke – am Dražického náměstí. So beeindruckend können also öffentliche Struktureinrichtungen aussehen! Es handelt sich um genuine Kunstwerke.

Denn: Sowohl die Ausmaße als auch die enorm opulente Gestaltung machen die im damals aktuellen Neorenaissancestil gehaltenen großen Laternen zu einem echten Blickfang.

Die achtarmigen Kandelaber sind das Gemeinschaftswerk des Bildhauers Eduard Veselý und des Architekten Aleš Linsbauer, die sie 1867/68 entwarfen und aufstellten. Es handelt sich um achtarmige Kandelaber, die in einer Eisenhüte bei Komárov in Gußeisen hergestellt wurden. Lediglich die Laterne auf dem Dražického náměstí (früher: Draschitz Platz) verfügt nur über vier Lampenarme (kleines Bild rechts) – vermutlich weil der Platz beengter ist und ein achtarmiger Kandelaber den Rahmen des Ortes gesprengt hätte. Deshalb eine Nummer kleiner….

Die acht Flügel mit den Laternen sind mit floralen Mustern und Rachen geschmückt und an einer korinthischen Säule befestigt, auf deren Kapitell eine weibliche Statue einer Allegorie auf die Stadt Prag steht. Die Säule wiederum steht auf einer Gruppe von Karyatiden (weibliche Gestalten, die die Funktion von Säulen wahrnehmen), die sich auf einem steinernen Sockel befindet.

Das Ganze erreicht insgesamt eine Höhe von 8,5 Metern und wiegt rund 5 Tonnen. 1985 beschloss man, die Gaslampen durch elektrische zu ersetzen. Aber irgendwie war das doch recht unauthentisch, weshalb man im Mai 2006 anfing, sie wieder mit Gas zu betreiben. (DD)

Krankenhaus in Neobarock

Seit 1854 werden hier kranke Menschen gepflegt, womit es zu den ältesten noch in Betrieb befindlichen Krankenhäuser Prag gehört: Das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Karl Borromäus (Nemocnice Milosrdných sester sv. Karla Boromejského). Das Gebäude in der Vlašská 36 (Kleinseite) passt sich ästhetisch perfekt der Umgebung an. Diese Umgebung, das ist die Kleinseite unterhalb des Strahov Kloster; ein Areal, das vor allem in den Zeiten des Hochbarocks erschlossen und bebaut wurde (das Lobkowicz Palais – heute die deutsche Botschaft – befindet sich ganz in der Nähe). Bevor die Kongregation der Barmherzigen Schwestern das Gelände im Jahre 1842 kaufte, standen hier vor allem Wirtschaftsgebäude der umliegenden Güter aus dem 16./17. Jahrhundert.

Der Architekt Adalbert Gudera legte 1851 die Pläne für das Gebäude vor, das dann drei Jahre später realisiert wurde. Der Bau mit der dazugehörigen Kirche wurde ein Beispiel für einen sehr zurückhaltenden und wenig ornamentalen Neo-Barockstil, der sich zugleich in das architektonische Umfeld einpasst und die Nüchterneheit von Krankenhausarchitektur ausstrahlt. Kommt man von unten die Vlašská hinauf (oder blickt von oben hinab), fällt einem gar nicht auf, dass das Gebäude, das 1893 noch einmal im gleichen Stil erweitert wurde, fast 200 Jahre jünger ist als die umliegenden.

Zu dem für ein Krankenhaus ungewöhnlich stattlichen Anblick trägt natürlich auch die zugehörige Kirche bei. Die Kirche des Heilgen Karl Borromäus (Kostel sv. Karla Boromejského) war von Anfang integraler Teil des ja schließlich von Ordensschwestern betriebenen Krankenhauses. Die Schwestern wurden allerdings im August 1952 auf Geheiß der herrschenden Kommunisten hinausgeworfen. Das Krankenhaus wurde verstaatlicht. 1962 wurde auch die Kirche desekriert und in einen Lagerraum verwandelt.

Dies geschah im Zuge von Modernisierungsmaßnahmen, die bis heute das im Vergleich zum Äußeren optisch recht karge Innere des Krankenhauses prägen. Das Krankenhaus selbst hat übrigens auch unter Medizinern einen guten Ruf und giltals eines der besseren in Prag.

1990 wurden Krankenhaus und Kirche dem Orden restituiert. Ein paar bleibende Schäden hat das Gebäude schon durch die lange Zeit kommunistischen Misswirtschaft genommen. Der Innenraum der Kirche strahlt keine barocke Pracht mehr aus. Aber auch ohne barocke Ornamentik wirkt der Raum sehr beeindruckend und hell, jedenfalls entspricht das Ganze wieder ganz und gar dem Zweck als Gotteshaus. Dazu trug auch die sorgfältige Renovierung Ende der 1990er Jahre bei.

Immerhin ist das barocker Kunst nachempfundene Deckengemälde mit der Jungfrau Maria erhalten und renoviert worden.

Und wenn man sich ein wenig vor dem Eingang umschaut, findet man dann im Vorhof auch tatsächlich ein Stück echter Barockkunst, das so aussieht, als ob es schon immer dazu gehört hätte.

Die Bildhauer Johann Brokoff und Ferdinand Maximilian Brokoff (Sohn des Erstgenannten) hatten die Skulptur der Schmerzensmadonna zu Beginn des 18. Jahrhunderts für die Karlsbrücke geschaffen. 1859 wurde sie aber in den Hof des Krankenhauses übergesiedelt, wo sie seither das harmonische Zusammenleben von echtem Barock und Neobarock vorleben. (DD)

Wo die Schlacht im Ausflugslokal tobte

Hier in diesem Gebäude – damals ein Wirtshaus – begann am 28. Juni 1881 die bedeutendste Schlacht des späten 19. Jahrhunderts auf dem heutigen Prager Stadtgebiet. Man findet die Schlacht von Kuchelbach (tsch.: Chuchelská bitva) allerdings in keinem Werk zur Militärgeschichte. Als „Schlacht“ wurde sie erst 1930 von keinem Geringeren als Erwin Kisch in einem rückblickenden Reportagenbeitrag bezeichnet, denn in Wirklichkeit war es eine große Wirtshausschlägerei, die in eine Straßenschlacht ausartete. Aber die Bezeichnung blieb hängen, denn die Ereignisse warfen ein dramatisches Schlaglicht auf die entstehenden politischen Spannungen, die von nun an zwischen den deutschen und den tschechischen Bewohnern Prags und Böhmens eskalierten.

War zuvor Prag hauptsächlich von deutschsprachigen Bürgern bewohnt, so hatten sich ab den 1860er Jahren die Verhältnisse hin zu einer tschechischen Bevölkerungsmehrheit verändert. Und die Vertreter der Tschechen begannen immer mehr, die Zweisprachigkeit im böhmischen Reichsteil des Habsburgerreichs einzufordern. Nur wenige Monate vor der Schlacht hatte deshalb der Reichsrat – recht großzügig! – beschlossen, die Karlsuniversität (siehe auch früheren Beitrag hier) in eine deutsche und eine tschechische Universität aufzuteilen. Das machte aber irgendwie niemanden glücklich. Die Deutschen befürchteten, dass ihre Universität nun unbedeutend würde, wie dies zuvor bei der Technischen Hochschule (wo nur der tschechische Teil florierte) geschehen war. Die Tschechen hätten am liebsten die Universität ganz übernommen, weil sie ja die Mehrheit stellten.

Das angekündigte Stiftungsfest der deutschen Studentenverbindung Corps Austria, das mit einem Dampferausflug in den kleinen Vorort Malá Chuchle (damals Kuchelbad; südlich von Prag gelegen) enden sollte, wo man im dem hübschen kleinen Wirtshaus am Waldesrand einkehren wollte, wurde von tschechischen Studenten und Nationalisten aller Arten zum Signal erkoren, nun ein Exempel zu statuieren. Die Laune der Beteiligten wurde noch aggressiver, weil tags zuvor bei den Vorstandswahlen bei der Prager Handelskammer sich die deutsche Seite durchgesetzt hatte. Zudem war wenige Wochen zuvor das Nationaltheater abgebrannt und es tauchten unbegründete Verschwörungstheorien auf, die Deutschen hätten den Brand gelegt. Kurz: Die Stimmung wurde so richtig mies.

In einer tschechischen Tageszeitung erschien kurz vor dem Ausflug der deutschen Studenten die kodierte Anzeige „Heute nachmittags Stelldichein in Kuchelbad, wer kann, der komme bis 4 Uhr, die Schraubendampfer verkehren während des ganzen Nachmittags.“ Sie lockte eine große, lärmige und gewaltbereite Menge an, die die Zahl der vorsorglich dort stationierten Polizisten weit übertraf. Nach dem ersten Austausch von gegenseitigen Beschimpfungen und dem Absingen der jeweiligen nationalistischen Lieder schien sich die Lage zu beruhigen, bis irgendwann der Ruf „Němečtí psi, domů!“ ertönte, was soviel wie „Deutsche Hunde, nach Hause!“ heißt, und einigen deutschen Studenten Gläser an den Kopf flogen. Eine wilde Prügelei begann und die mengenmäßig unterlegenen deutschen Studenten begannen den Rückzug zum Dampfer. Selbst dort waren sie nicht sicher, denn bei der Rückfahrt erwartete sie bei etlichen Brücken ein Steinhagel. Einige Studenten schafften es sowieso nicht zum Schiff und irrten noch bis zum nächsten Morgen im nahen Wald herum. Acht schwer verletzte und unzählige leicht verletzte Studenten mussten von Ärzten behandelt werden.

DIe unerfreulichen Ereignisse hatten Konsequenzen. Die Regierung ging unbeirrt in ihrem Plan voran, die Universität zu teilen, was übrigens keine der von beiden Seiten befürchteten Konsequenzen mit sich brachte. Etliche tschechische Studenten wurde bestraft und relegiert. Die Schlacht erregte reichsweit und sogar international mediales Aufsehen. Das Klima zwischen Deutschen und Tschechen verschlechterte sich noch mehr. In vielen Gemeinden des Landes kam es nun vor, das tschechische Gäste aus deutschen, und deutsche Gäste aus tschechischen Kneipen herausgeworfen wurden. Die chauvinistische Stimmung, die sich 1914 im Weltkrieg entlud, war vorbereitet.

Heute erinnert nichts mehr in Malá Chuchle an die Ereignisse. Friedlicher kann ein kleiner Ausflugsort gar nicht sein als dieser. Das Gebäude Nr. 42, wo die „Schlacht“ begann, ist schon lange kein Wirtshaus mehr, sondern gehört heute der Karlsuniversität und beherbergt einen Teil der Landwirtschaftlichen Fakultät. Es handelt sich um ein schönes Barockwohnhaus aus dem späten 18. Jahrhundert, dass ursprünglich zu der nebenan gelegenen Kirche der Mariengeburt (kostel Narození Panny Marie) gehörte, die mittelalterlichen Ursprungs ist, aber ihre heutige barocke Form erst 1774 bekam. 1785 fiel der Komplex der Säkularisierung durch Kaiser Joseph II. anheim. Als Malá Chuchle um 1900 zum „Bad“ erklärt wurde, war das Gebäude bereits als Wirtshaus bekannt und fand unter den nunmehr in Scharen zur Erholung Einkehrenden regen Zulauf – so auch bei den unglücklichen Studenten von 1881, die an der „Schlacht von Kuchelbad“ teilnahmen. (DD)

Kalkofen im Naturschutzgebiet

Hoch ragt die Burg über den Felsen. Und über den Zinnen schaut der wachsame Ritter weit ins Land hinein, ob der Feind naht…. Unsinn! Das, was da ein wenig wie eine mittelalterliche Burg aussieht, ist in Wirklichkeit ein Industriedenkmal aus dem 19. Jahrhundert.

Über dem im Südwesten Prags gelegenen Stadtteil Velká Chuchle wurden um das Jahr 1875 die berühmten Pacoldschen Kalköfen (Pacoldova vápenka) errichtet. Der Ingenieur und Professor an der Prager Technischen Hochschule Jiří Pacold hatte in dieser Zeit ein Patent erhalten für ein spezielles Verfahren der Kalkbrennung, das auch nicht sortierten Kalkstein effizient verwertete, unter anderem durch die Verwendung zweier verbundener Öfen mit je zwei Schornsteinen. Die Anlage in Velká Chuchle war die erste der Art, die er einrichtete.

Pacolds Kalkofen war ein solcher Erfolg, dass sehr bald Unternehmen zuerst in Böhmen, dann in der ganzen Habsburgermonarchie die Technologie einsetzten. Insgesamt um die 150 Pacoldöfen soll es gegeben haben. Aber auch die schönste Technologie veraltet irgendwann. Die Anlage in Velká Chuchle stellte 1938 ihren Betrieb ein.

Die verfallende Anlage wurde 1948 von den Kommunisten verstaatlicht, was ihr erwartungsgemäß auch nicht wieder auf die Beine half. Immer mehr von den metallenen Einrichtungen im Inneren wurden gestohlen oder abgebaut. Heutige Denkmalschützer können sich nur noch vor Verzweiflung die Haare raufen.

Um 1964 begann man das ansonsten recht stabile Gebäude als Sprengstofflager (zunächst für die gerade einsetzenden Bauarbeiten für die Prager Metro) zu nutzen. Diese Nutzung hält bis heute an, da nach dem Abhandenkommen der inneren Anlagen eine geplante Umwandlung in ein Industriemuseum nicht mehr in Frage kam. Immerhin stellte man das von außen immer noch beeindruckende Gebäude 1966 unter Denkmalschutz.

Warum Pacold seinerzeit den Ofen hier errichtete, ist klar. Er liegt inmitten des heutigen Homolka-Naurschutzgebietes, das in wunderschön waldiger Umgebung heute ein beliebtes Naherholungsareal für die Prager ist. Hier findet man neben einer interessanten Flora und Fauna vor allem dramatische Felsformationen als (übrigens sehr fossilienhaltigem) Kalkstein.

Und eben diesen Kalkstein baute man hier schon seit dem 15. Jahrhundert ab, so dass Pacold hier auf bestehende Strukturen aufbauen konnte. Dereinst führten von einigen der Steinbrüche kleine Eisenbahnen zu seinem Kalkofen. Von denen sieht man allerdings heute keine Spur mehr – auch schade…

Der Kalkabbau in Velká Chuchle wurde 1964 gänzlich eingestellt. Seit 1982 steht das ganze Areal unter Naturschutz. Jetzt vermischen sich die natürlichen Felsformationen mit den alten Steinbrücken zu einem malerischen Ganzen, das einen kleinen und erholsamen Ausflug in den Naturpark in hohem Maße empfehlenswert macht.

Und inmitten des Ganzen steht der Kalkofen wie eine alte Ritterburg. Ofen und Umgebung sind so stimmungsvoll, dass das natürlich auch der Filmindustrie Prags (früherer Beitrag hier) nicht verborgen geblieben ist. Etliche Filme wurden hier gedreht, etwa das Werk Streng geheime Premieren (Přísně tajné premiéry) des Regisseurs Martin Frič aus dem Jahre 1967 oder der Film Protektor von Marek Najbrt aus dem Jahr 2009.

Für Touristen von außerhalb ist das Areal immer noch ein Geheimtipp, aber die Prager wissen es zu schätzen und nutzen gerne die Gelegenheit zu einer kleinen Wanderung hier. (DD)

Freimaurerei mit Jesus und Barock

Dieses Haus gibt Rätsel auf. Kaum ein Wohnhaus in Vinohrady (Prag 2) kann eine so üppig ausgestattete Fassade im Stil des Barock aufweisen – dem Baustil der katholischen Gegenreformation. Erst beim näheren Hinblicken fällt dem Betrachter die kleine Stucktafel mit Symbolen der Freimaurerei auf : Winkel, Zirkel, Dreieck (Symbol für Geometrie) und Zeichenlineal – und zwar geschmacklich passend in den Neo-Barockstil des Hauses eingepasst mit einem kleinen Putten in der Mitte (großes BIld oben).

Dann schwenkt der Blick nach oben. Dort steht in einer Nische unter einem Baldachin eine Statue von Jesus Christus, was nicht ganz zu dem pantheistischen Religionsverständnis und den Aufklärungsidealen der Freimaurer passt. Zumindest ist die Kombination ungewöhnlich.

Gerade die katholische Kirche steht den Freimaurern recht ungnädig gegenüber und hat 1983 die Mitgliedschaft in einer Loge zur schweren Sünde erklärt. Und auch umgekehrt haben viele Logen oft einen prononcierten Antiklerikalismus vertreten.

Wie es daher zu diesem Ringen der Weltanschauungen auf der Fassade kam, ist mir unbekannt und ließ sich auch noch nicht herausfinden. Aber gewiss ist, dass das vierstöckige Haus an der Šmilovského 1430/2 (Ecke Koperníkova) gerade deshalb ein echter „Hingucker“ ist. Dazu trägt vor allem auch die Fassade bei, die durch riesige durchgängige ionische Pilaster geradezu wuchtig strukturiert ist.

Florale Elemente, Kartuschen und Rocaillen aus weißem Stuck schmücken Zwischenflächen und Fensterumrahmungen. Über den Kapitellen der Pilaster befindet sich ein Stuckfries, das wieder Putten zeigt, die von Freimaurersymbolen umgeben sind oder damit hantieren.

Prag war schon früh ein Ort, an dem die Freimaurerei gedieh. Ja, amn kann fast von einer Hochburg sprechen. Angeblich soll die erste Loge schon 1726 durch Franz Anton Reichsgraf von Sporck gegründet worden sein (über dessen Prager Palais wir hier berichteten), aber das ist umstritten. Aber spätestens in den 1740er Jahren ist ein reges Freimaurerleben in der Stadt zu beobachten. Die habsburgische Zwangskatholisierung nach 1620 (hier) hat die widerwilligen Tschechen stets für konfessionslose, atheistische und agnostische Tendenzen geöffnet, so dass die Stärke der Freimaurerei (die nur durch die Verbote unter Nazis und Kommunisten unterbrochen wurde) im Lande nicht weiter erstaunt. Wichtige Gründungsväter der unabhängigen Tschechoslowakei nach 1918 – etwa Milan Ratislav Stefanik und Edvard Beneš – waren Freimaurer.

Bei vielen Prager Bauten des 18.,19. und beginnenden 20. Jahrhunderts findet man Freimaurersymbole auf der Fassade.

Das Haus in Vinohrady wurde 1906/7 auf dem Gelände eines ehemaligen Gutes von dem Baumeister Antonin Polivka erbaut. Das Haus und vor allem die grandiose Fassade in ihrem vom Jugendstil angehauchten Neobarock wurde von dem Architekten Josef Pospišil entworfen, der in seiner Zeit zu den gefragtesten Architekten in Europa gehörte. (DD)


Schwimmen in der Wilden Šárka – nichts für Warmduscher

Mitten im wildromantischen Tal der Divoká Šárka liegt ein schmuckes kleines Schwimmbad aus der Zeit der Ersten Republik unterhalb einer eindrucksvollen Felsenkulisse. Schon der Weg zum Badevergnügen ist ein Naturerlebnis, muss man doch von der Straßenbahn- bzw. Bushaltestelle an McDonalds vorbei (s. Beitrag hier) mindestens 10, eher 15 Minuten durch die tiefen Schluchten der wunderschöne Naturlandschaft entlang des plätschernden Baches auf einem breit geteerten Weg, der auch von Radfahrern genutzt werden kann, wandern bis man zum schlichten kleinen Freibad kommt.

An zwei Seiten begrenzt und geschützt vor zu neugierigen Blicken der Wanderer wird es durch eine Reihe von schmalen abschließbaren Kabinen, die man für den Aufenthalt oder sogar die ganze Saison mieten kann. Wer das nicht möchte, kann die Damen – oder Herrenumkleide benutzen, die, frisch lackiert und am Eingang mit Balkonblumen geschmückt, recht einladend wirkt. Ergänzt wird die Umrahmung von modernen Toilettenanlagen und zwei Imbissbüdchen mit Biergarten. Alles ist einstöckig, schlicht, funktional, sauber und liebevoll gepflegt.

Drinnen befinden sich zwei größere Becken von maximal 1,70 m Tiefe und ein kleines Schwimmbecken für Kinder. Die größeren Becken sind durch ein Mäuerchen getrennt und verschieden kalt – warm kann man hier wirklich nicht sagen, stammt das Wasser doch aus dem Bach. Immerhin warnt einen eine schön altmodische Temperaturanzeige vor dem Kälteschock.

Diese natürliche Quelle sorgt für die besondere Qualität des klaren und sauberen Wassers, das wohl nicht oder nur kaum gechlort ist. Kalte Freiduschen, ein Fußbecken, und eine Kinderrutsche runden das Bild ab. Alles ist einfach, praktisch, nicht luxuriös, aber sauber. Zum Wald hin erstrecken sich die Liegewiesen hangauf, durch die der Bach fließt. Wer sich sonst noch sportlich betätigen will, kann auf einem abgegrenzten Feld Beach-Volleyball spielen oder eine der Tischtennisplatten mieten. Kinder werden am Trampolin ihre Freude haben. Liegestühle und Sonnenschirme werden am Eingang vermietet.

Das Freibad wird heute noch von derselben Familie betrieben, die es in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts erbauen ließ. Das erklärt vielleicht auch die vielen liebevollen Details in der Ausstattung.

Kleines Museum im großen Studio

Prag ist eine Filmstadt (wir berichteten hier). Und zwar eine Filmstadt mit Tradition. Wo heute nicht nur tschechische, sondern auch internationale Filme (nicht alles, was wie Hollywood aussieht, ist auch aus Hollywood!) gedreht werden, gibt es schon seit den 1930er Jahren eines der größten Filmstudios Europas: Die berühmten Barrandov Studios.

Seine Entstehung verdankt der Studiokomplex nicht zuletzt dem Unternehmer Václav Havel, dem Vater des späteren Präsidenten gleichen Namens. In den mittlerweile 11 Ateliers wurden bereits über 2500 Filme gedreht.

Wie die meisten großen Filmstudios sind die in Barrandov nicht nur der Entstehungsort großer Filme, sondern auch selbst ein Touristenmagnet. Man geht doch gerne hin, wo die Stars zu Stars gemacht werden.

Dazu gibt es ein elaboriertes Besucherprogramm mit Touren durch die Ateliers, den Kostümfundus (mit rund 300.000 Kleidungsstücken!) oder der Requisitenkammer (rund 150.000 Stücke). Kern und absolutes Muss ist aber das kleine Museum, der Filmpoint, in der Kříženeckého nám. 322/5, Praha 5. Während man für die Touren meist (für Gruppen) vorbuchen muss, kann man das Museum ohne Buchung zu den Öffnungszeiten jederzeit besuchen.

Hier lernt man auf kleinem Raum alles über die Geschichte der Studios und der dort gedrehten Filme. Die Geschichte war in der Tat sehr von Höhen und Tiefen geprägt. Havel sen. hatte schon 1921 mit seinem Bruder Miloš einen Filmvertrieb gegründet, der 1931 mit dem Bau eines eigenen Studios begann. 1933 wurden die Barrandov Studios eröffnet. Noch im selben Jahr wurde der erste Film gedreht, der Krimi Vražda v Ostrovní ulici (Mord in der Ostrovní -Straße), der auch umgehend zum Riesenerfolg wurde. Es folgten unzählige weitere Filmhits. Unter den Nazis wurden die Studioanlagen noch einmal enorm vergrößert. Trotz der politischen Zensur gab es noch etliche passable Filme, aber die Spielräume wurden enger. Und natürlich nutzten die Nazis die Studios für ihre Zwecke. Etliche Szenen des berüchtigten antisemitischen Propagandafilms Jud Süß (1940) wurden in den Studios gefilmt.

Die Kommunisten verstaatlichten die Studios. Es wurde außerordentlich schwer, die Möglichkeiten auszunutzen, die die Zensur noch ließ. Mit dem Prager Frühling kam eine behutsame Öffnung und einige Regisseure produzierten Filme, die ungewöhnlich frech und unkonventionell waren, etwa die musikalische Westernparodie Limonádový Joe aneb Koňská opera (Limonaden Joe oder: eine Pferdeoper). Auf dem Bild rechts sieht man das Indianerkostüm der weiblichen Hauptdarstellerin Květa Fialová.

Auch nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 versuchte man Anschluss an die internationale Entwicklung zu halten. Man tat das erfolgreich mit unpolitischen Sujets wie Märchenfilmen (Beispiel: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, 1973) und durch Kooperationen mit westlichen Medien, wie etwa die Kinderserie Pan Tau (ab 1970), die mit dem westdeutschen WDR produziert wurde. Das überragende Beispiel internationaler Kooperation fand jedoch 1984 ausgerechnet mit einem Hollywoodregisseur statt, der in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik eigentlich persona non grata war, weil er 1969 das Land aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings verlassen hatte und aus seiner Abneigung gegen den Kommunismus keinen Hehl machte. Ausgerechnet dieser Miloš Forman drehte hier den vielleicht größten Hollywood-Barrandov-Blockbuster überhaupt, den Mozartfilm Amadeus. Darauf ist man in Barrandov immer noch stolz und viele Requisiten und Kostüme (siehe großes Bild oben) werden im Museum ausgestellt.

Aber es verschwanden auch etliche Filme im Giftschrank der Zensur und durften erst nach der Samtenen Revolution 1989 gezeigt werden.

Mit der Wende von 1989 kam die Privatisierung, die sich anfänglich als schwierig erwies, weil der heimische Filmmarkt und die heimischen Produktionen keine hinreichende Profitabilität zur Aufrechterhaltung des riesigen Studiobetriebs erreichten. Man entsann sich, dass man ja schon in kommunistischen Zeiten international kooperiert hatte. Wie gesagt: von Mission Impossible über Van Helsing bis James Bond – die Liste amerikanischer und anderer internationaler Produktionen, die hier gedreht wurden ist lang. Und sie machte die Studios wieder berühmt und profitabel.

Und so werden hier die heimischen, aber auch die internationalen Produktionen im Museum zelebriert – mit einer Dauerausstellung, aber ab und an auch mit kleinen Wechselausstellungen. Die kleine, aber sehr kompakt und didaktisch klar aufgebaute Ausstellung befindet sich im Erdgeschoss des ersten historischen Gebäudes des Studiogeländes. Die Havel-Brüder ließen es in einem für die Zeit typischen Funktionalismus durch den damaligen Stararchitekten Max Urban erbauen, der auch als Regisseur und Bühnenbildner wirkte und daher für die Ausfertigung besondere Qualifikationen mitbrachte.

Was noch besonders erwähnt werden sollte, ist die ausgesprochene Freundlichkeit des Personals. Zumindest wir bekamen von der freundlichen Dame an der Kasse viele Dinge besonders erläutert, etwa die rechts abgebildete Kamera aus den 1960er Jahren, die damals neue Maßstäbe setzte, weil fast ohne Eigengeräusche auskam. Kurz: Ein wirklich lehrreiche und unterhaltsame Angelegenheit! (DD)