Ernste Frau mit ernsten Anliegen

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1910, also 11 Jahre nach ihrem Tod, setzte man ihr schon auf dem Karlsplatz ein Denkmal. Der Bildhauer Gustav Zoula schuf die auf einem Sockel stehende Büste der recht grimmig dreinschauenden Schriftstellerin Karolina Světlá, die auf den meisten Photos, die von ihr überliefert sind, tatsächlich meist mit genau diesem Gesichtsausdruck zu sehen ist. Sie war eine wohl IMG_5419eine ernste Frau mit ernsten Anliegen. In ihren damals viel gelesenen Romanen setzte sie sich oft mit der Stellung der Frau in ihrer Zeit auseinander. Ihre Novelle Hubička (Der Kuß) wurde 1876 von keinem Geringeren als Bedřich Smetana als Oper herausgebracht.

Karolina Světlá war übrigens ihr Künstlername, denn eigentlich hieß sie Johanna Rottová, und nach ihrer Heirat mit dem Klavierlehrer Petr Mužák im Jahre 1852 Johanna Mužáková. Ihr Mann führte sie nicht nur in böhmische Künstlerkreise ein, sondern brachte sie in Kontakt mit politischen Zirkeln, die sich für ein liberaleres und selbständigeres Böhmen einsetzten. Sie begann sich politisch und sozial zu engagieren. 1871 gründete sie zum Beispiel den Böhmischen Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český) – eine Vereinigung, die jungen Frauen aus armen Elternhäusern zu mehr Bildung verhelfen sollte – und war zudem 1865 Mitbegründerin der Americký klub dam (Klub amerikanischer Damen), eine Intellektuellenvereinigung für Frauen, deren Namen schon ausdrücken sollte, dass die Mitglieder sich für Böhmen ein Ausmaß an Frauenrechten wünschten, wie es im progressiveren Amerika bereits gegeben war.

IMG_5417Die Aufstellung des Denkmals wurde daher aus Dankbarkeit von dem Frauen-Erwerb-Verein daselbst seit 1903 mit einer großen Geldsammelaktion betrieben. Das Denkmal steht in der Nähe des (heute nicht mehr existierenden) Hauses, in dem sie in Prag wohnte. Die überlebensgroße Bronzebüste steht auf einem fast zwei Meter hohen Granitsockel auf zwei Stufen, der von dem Architekten Josef Fanta entworfen wurde, der unter anderem auch den Prager Hauptbahnhof (siehe hier) gestaltet hatte. Neben dem Sockel sollen dereinst zwei große klassische Urnen gestanden haben, die aber seit langem verschwunden sind – vermutlich durch Diebstahl.

Von ihrem Sockel herab kann Karolina Světlá übrigens heute über die Straße schauen, um dort das seit 1931 dort stehende Denkmal ihrer Freundin und Mitstreiterin Eliška Krásnohorská (siehe früheren Beitrag hier) zu sehen, die als eigentliche Begründerin der tschechischen Frauenbewegung gilt. Dieser Teil des Karlsplatzes ist also besonders den emanzipierten Frauen Tschechiens und ihren Vorkämpferinnen gewidmet. (DD)

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