Botschaft auf dem Gräberfeld

Auf den ersten Blick sieht dieses so schlichte Wappen mit dem putzigen Ritterhelm ein wenig wie ein eher moderner Souvenirartikel aus. Es ist aber tatsächlich ein altes Wappen. Nämlich das des altehrwürdigen, im 15. Jahrhundert in die Geschichte eintretenden Adelsgeschlechts Vratislav z Mitrovic (auch: Wratislaw von Mitrowitz). Deshalb befindet es sich auch über dem Eingang des Vratislav Palasts (Vratislavský palác) in der Tržiště 366/13 auf der Kleinseite.

Und der ist immer noch erste Adresse. So residiert hier heute unter anderem die Botschaft der Republik Irland. Kryštof František Vratislav z Mitrovic erwarb 1671 das Grundstück auf der Kleinseite und legte mehrere spätmittelalterliche Häuser, die sich hier befanden, zusammen, um daraus einen Palast im frühbarocken Stil bauen zu lassen. Einer seiner Nachfahren, Jan Václav Vratislav z Mitrovic, der es in den Jahren 1711/12 sogar zum Posten des böhmischen Oberstkanzler gebracht hatte, ließ das Gebäude in dieser Zeit noch einmal im hochbarocken Stil umbauen. Die Familie führte dann noch einmal Ende des 18. Jahrhunderts unter der Leitung des Baumeisters Josef Zika (auch: Sicka) weiter Umbauten durch.

Aber das heutige Aussehen verdankt das Gebäude einem umfassenderen Umbauprojekt, das in den Jahren 1824 bis 1834 durchgeführt wurde. Die barocken Stilelemente wurden dabei fast völlig durch den damals modernen Klassizismus ersetzt. Das sieht man nicht nur an der sehr formstrengen Fassade, sondern teilweise auf noch an den teilweise erhaltenen Wandmalereien innen, wier man im Bild rechts sehen kann, dass einen Tagungsraum des US-Kulturinstituts American Center zeigt.

Wie beim unmittelbar benachbarte Schönborn Palast (Schönbornský palác), der heute die amerikanische Botschaft beherbergt, wollte sich die Familie in diesen Zeiten nicht mehr im Palast leben. Das Gebäude wurde vermietet. In den Jahren 1861 bis 1876 befand sich sogar ein für Schüler aus der Kleinseite bestimmtes Gymnasium in den Palasträumen. Das Gebäude eignete wahrscheinlich sich wegen seines Gartens (Schulhof?) und seinen schönen und sehr klassizistischen Atrien (von denen man eines im Bild links sehen kann) tatsächlich recht gut für diesen Zweck. Danach wurde der Palast wieder vielfältig vermietet.

Ab 1948 regierten im Land die Kommunisten. Wie es dann nicht selten geschah, ließen die das Gebäude ein wenig durch Missbrauch und Vernachlässigung verkommen. nachdem dieses unerfreuliche Kapitel 1989 abgeschlossen war, ging man in den Jahren 1992 bis 1992 an eine Vollrenovierung, die mit größeren Moderniserungsmaßnahmen (etwa einer Tiefgarage) verbunden war. Als man damit fertig war, konnte man damit gleich auch einen politischen Missstand beheben. Die Aufgaben der Botschaft der Irischen Republik wurden nämlich über Jahrzehnte von Wien aus erledigt – so als ob das Habsburgerreich nicht 1918 untergangen sei. Das ging natürlich nicht. 1995 hatte man ein Einsehen und seither residiert die Irische Botschaft für Tschechien an diesem Ort.

Die Botschaft nutzt nicht das ganze Gebäude, und so haben sich noch einige andere Institutionen (wie das erwähnte American Center) und Firmen hier angesiedelt.

Ach ja, bei den Bauarbeiten für die Garagen fand man in Keller und Teilen des Gartens Reste eines alten Friedhofs. Der muss wohl im 11. Jahrhundert angelegt worden sein, wie Archäologen herausfanden, und rund 200 Jahre genutzt worden sein. Danach geriet er in Vergessenheit und wurde überbaut. Wahrscheinlich wäre den Bewohnern, die hier später residierten, aber auch den Schülern, die hier im Gymnasium lernten, ein leichter Schauer über den Rücken gelaufen, hätten sie gewusst, dass sie sich die ganze Zeit auf einem Gräberfeld befanden. (DD)

Ironie der Geschichte: Das Denkmal für die Studentenkolonie

Der heutige 17. November ist bekanntlich Nationalfeiertag in Tschechien, der Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (Den boje za svobodu a demokracii). Für die Kommunisten bedeutete er im Jahre 1989 etwas, das sie anscheinend nicht einmal ansatzweise verstehen oder vorhersehen konnten. Das kleine Denkmal auf der Letnáhöhe ist jedenfalls zugleich ein würdiger Gedenkort für die kleinen Helden der Freiheit als auch ein Dokument von falscher Selbsteinschätzung der Mächtigen.

Man findet es an einem etwas abgelegenen Ort auf einer Grünanlage bei der Tramhaltestelle Špejchar an der großen ul. Milady Horákové in Prag 7 Bubeneč. Es wurde buchstäblich an dem Tag errichtet, an dem die Samtene Revolution das Schicksal derer politisch besiegelte, die es errichteten. Worum ging es? Am 17. November 1939 hatten Studenten in Prag massiv gegen die Nazibesetzung demonstriert. Die Demonstration wurde blutig niedergeschlagen (siehe früheren Beitrag hier), blieb aber im Gedächtnis der Menschen als Freiheitsfanal bestehen. Obwohl es den meisten Demonstranten damals um Freiheit und Demokratie ging, versuchten die sich „antifaschistisch“ gerierenden Kommunisten nach ihrer Machtergreifung 1948, die Heldentat der Studenten für sich plakativ zu vereinnahmen. Der Ort hier schien genau der richtige zu sein.

Auf der Freifläche, wo heute das Denkmal steht, befand sich ab 1921 die Studentenkolonie Kolonka. Anfang der 1920er Jahre wuchs die Bevölkerung Prags und die Wohnungen wurden knapp. Das betraf vor allem auch die wachsende Zahl von Studenten, die zunehmend von Armut und Not betroffen war. Eine sehr engagierte Gruppe von Studenten gründete daraufhin eine Genossenschaft (die eine Art Vorläufer heutiger Studentenwerke war), die spezielle Wohnheime für Studenten bauen und betreiben wollte. Die Idee funktionierte. Es gab viele Spender, von denen Präsident Tomáš Garrigue Masaryk der prominenteste war. Schließlich gab es auch einen staatlichen Zuschuss für das Projekt. Der Architekt Miloš Vaněček entwarf eine Wohnanlage im kubistischen Stil, die von den Studenten größtenteils in Eigenarbeit errichtet wurde. Der Komplex wurde von den Studenten selbst verwaltet. Natürlich nahmen viele der Studenten am 17. November 1939 an den Demonstrationen gegen die Nazis teil. Die gnadenlose Antwort blieb nicht aus. SS-Einheiten stürmten das Areal, lösten die Kolonie gewaltsam auf, legten die Gebäude in Schutt und Asche und brachten vor allem die führenden Studenten in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Nach dem Ende der Nazizeit wurde die Kolonie wieder aufgebaut und betrieben, aber sie war nur noch ein Teil des (sozialistischen) staatlichen Studentenwohnheimbetriebs. 1979 wich sie der Straßenbahnschleife, die sich jetzt hier befindet.

Mit dem Denkmal sollte seitens der regierenden Kommunisten der 50. Jahrestag der Proteste von 1939 gebührend gefeiert werden. Es handelt sich um eine Steinstele, deren Umrisse vage einer menschlichen Figur entsprechen. Darauf befindet sich die Inschrift: „1921 – 1939 . Zde stála studentská kolonie Kolonka. Bašta pokrokové inteligence. 17. listopad 1989“ (auf Deutsch: 1921 – 1939. Hier stand die Studentenkolonie Kolonka. Bastion der fortschrittlichen Intelligenz. 17. November 1989). Unter der Inschrift befindet sich eine Skizze des Grundrisses der Kolonie. Entworfen wurde das Denkmal von der Malerin Marie Hlobilová – Mrkvičková. Es ist im Stil der Gründungszeit der Kolonie gehalten und enthält immerhin keinerlei kommunistische Symbolik, die heute irgendwie störend wirken könnte. Es strahlt angemessene Würde aus.

Trotzdem war die damalige Intention die einer Vereinnahmung. Sie funktionierte aber nicht mehr. Wenn sich Totalitäre (Kommunisten) als Gegenspieler zu anderen Totalitären (Nazis) und als Verteidiger der Demokratie (wie es die Studenten waren) aufspielen, ist das in der Tat schon unglaubwürdig. Parallel zu der Errichtung des Denkmals erlaubten die Kommunisten auch noch Gedenkdemonstrationen zu den Ereignissen vom 17. November 1939, an denen dann aber auffallend viele recht aufmüpfige Studenten teilnahmen. Sie schlugen in eine große Protestaktion gegen die Kommunisten und ihr Unterdrückungsregime um und markierten den Beginn der Samtenen Revolution. Ganz im Geist der Studenten von 1939 kämpfte man nun für die Freiheit – während die Kommunisten ihnen zur gleichen Stunde noch auf dem Letná dieses Denkmal setzten. Das nennt man Ironie der Geschichte. (DD)

Schule unter Denkmalschutz – leerstehend…

Jan Amos Komenský, den meisten Nicht-Tschechen als Johann Amos Comenius bekannt, war der große Vordenker der Pädagogik, dessen moderne Konzepte bis heute als bahnbrechend gelten (wir berichteten u.a. hier). Kein Wunder, dass der Theologe aus dem 17. Jahrhundert gerne als eine Art Schutzpatron von Bildungseinrichtungen verewigt wurde. Und so sieht man hier Comenius in Stuck auf der Fassade der Neuen Strašnicer Schule (Nová strašnická škola), wie er einem lesenden Schüler geistige Inspiration zukommen lässt.

Das im Stadtteil Strašnice an der Hauptstraße V Olšinách 200/69 gelegene Schulgebäude gehört zu den schönsten in Prag überhaupt. Die Freude über den Anblick wäre ungetrübter, wenn die Schule nicht öde und verlassen wäre und elendig vor sich hin verfallen würde. Dabei hatte alles gut begonnen, als sie im Jahre 1909 von dem Bauunternehmer Antonín Belada nach den Plänen des lokalen Architekten Josef Domek, dem Strašnice unter anderem auch die schöne Villa Miramare verdankt, erbaut wurde. Das Gebäude, das in einem historisierenden Jugendstil dekoriert ist, fungierte zunächst als Grundschule von Strašnice, das damals noch eine selbständige Stadt war und erst 1922 von Prag eingemeindet wurde.

Das auf dem großen Bild oben gezeigte Relief von Comenius ist nicht das einzige, das man jeweils unterhalb der Dachkante des Gebäudes findet. Ein anderes zeigt ebenfalls Comenius, und zwar seinen Tod. Als Protestant war er nach dem Sieg der katholischen Seite im Dreissigjährigen Krieg ins Exil geflohen, um dort seine pädagogischen Ideen zu verbreiten. Als sich 1670 der Tod nahte, bat er, am Ufer sitzend, das Meer beobachten zu dürfen, um so sein Leben friedvoll zu beenden. Das Bild ging tief in die tschechische Nationalmythologie ein.. Und so sieht man ihn auf dem rechts abgebildeten Relief mit segnender Gebärde zusammen mit einem trauernden Begleiter an der Nordsee sitzen.

Aber in Sachen Bildung dreht sich in Böhmen ja historisch gesehen nicht alles nur um Comenius. An der seitlichen Fassade findet man einen anderen Bildungshelden des Landes: Kaiser Karl IV. Der hat ja bekanntlich 1348 die erste Universität im Lande, die nach ihm benannte Karlsuniversität, gegründet, worüber wir u.a. hier berichteten. Das links abgebildete Relief zeigt ihn in der Mitte des Bildes neben einem Studenten beim Gründungsakt mit Urkunde. Es begleitet ihn dabei der erste Erzbischof Prags, Ernst von Pardubitz (rechts im Bild). Der umtriebige Erzbischof, der auch als Gründer des  Veitsdoms (auch hier) in die Geschichte einging, wurde als Vertrauter des Kaisers auch zugleich der erste Kanzler der Universität.

Beim vierten der Reliefs, das sich ebenfalls an der Seitenfassade befindet, zeigt kein Kapitel der Bildungsgeschichte, sondern ein Sück Nationalmythologie, dass damals im Jahre 1909 fester Bestandteil des tschechischen Bildungskanons war. Wir dehen drei Gestalten aus der vorgeschichtlichen Legendenwelt. Man sieht Fürstin  Libuše, die Stammmutter des Herrschergeschlechts der Přemysliden, das Böhmen zu historischer Größe verhalf. Man sieht sie hier in der Mitte ihrer Schwestern, der Heilerin Kazi und der Priesterin Teta.) siehe u.a. unseren Beitrag hier) bei einer ihrer berühmten Weissagung auf der alten Burg des Vyšehrad, das Prag dereinst eine große und bedeutende Stadt werde – da lag sie richtig. Hellseherei ist eben nicht immer Aberglaube…

Über Jahre fungierte das Gebäude als Grundschule von Strašnice. Den Zweck des Gebäudes zelebrierte man schon über dem Haupteingang mit der Inschrift Našim dětem (Unseren Kindern) – über einer pastoralen Szene platziert.

Zu Ende des Zweiten Weltkriegs rückte das Gebäude kurz in den Mittelpunkt der Stadtgeschichte. Während des Prager Aufstandes gegen die Nazibesetzer im Mai 1945 (siehe auch hier, hier und hier), waren hier kurz Truppen der Aufständischen untergebracht. Dessen gedenkt man mit einer (für tschechische Verhältnisse recht unauffälligen) Gedenktafel neben dem Eingang.

Anderer Helden gedachte man auch dem Schulgelände mit größerem Aufwand. Auf der Grünfläche davor steht seit 1921 ein großes Denkmal für die Tschechoslowakischen Legionäre im Ersten Weltkrieg. Bei den Legionen (wir berichteten u.a. hier und hier), die der zentrale Nationalmythos der Ersten Republik waren, handelte es sich um Kampftruppen von Tschechen, die nicht auf Seiten des Habsburgerreichs (dessen Bürger sie ja waren), die auf Seiten der gegnerischen Entente (Russland, Italien und Frankreich) in autonomen Einheiten kämpften, um ihr Land (d.h. Böhmen und später auch die slowakischen Gebiete Ungarns) in die Unabhängigkeit zu führen. Das stattliche Denkmal wurde von dem Bildhauer Josef Jílek gestaltet. Es zeigt eine etwa lebensgroße, muskulöse Männergestalt auf einem Sockel, die einen Kranz über einen Helm legt. Als Modell für den Soldaten hatte Jílek sein Bildhauer-Kollege František Duchač-Vyskočil gestanden, der selbst in Italien bei der Legion gedient hatte. Das Denkmal aus Kunststein war über die Jahre ein wenig verfallen und wurde 2020 wieder sorgfältig restauriert.

2009 endete jeglicher Schulbetrieb. In einem etwas undurchsichtigen Verfahren schloss die Stadtregierung von Prag 10 die Schule, um das Gebäude angeblich für sinnvollere Projekte zu nutzen, aus denen aber nie etwas wurde. Dazu gehörte irgendwann, dass es Sitz eines neuen Rathauses werden sollte. Stattdessen wählte man aber die teurere Lösung, ein Neues Rathaus zu bauen. Alles scheint dubios zu sein. Auf jeden Fall steht die Schule seither leer. Eine Bürgerinitiative hatt sich gegründet, um die Stadt zu einer sinnvollen Nutzung des überaus schönen Gebäudes zu drängen. Ab und an wird es für Kulturveranstaltungen genutzt. Ende 2016 wurden hier zum Beispiel Szenen der amerikanischen Serie Genius über Albert Einstein (einen anderen Drehort der Serie stellten wir hier vor) gedreht.

Die ungewöhnlich langen und vielen Jahre des Leerstands beginnen sich langsam in katastrophaler Weise bemerkbar zu machen. Als „Warnschuss“ an die Stadtregierung hat die Denkmalschutzbehörde das Gebäude 2014 zu erhaltenswerten Denkmal erklärt. Bewirkt hat das noch wenig. Besonders beim Anblick der langsam überwucherten Rück- und Schulhofseite (die insgesamt weniger schön gestaltet wurde als die Vorderseite) könnte man ins Heulen geraten. Das muss nicht sein, was da geschieht. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die Verantwortlichen bald einmal einen Ruck geben, und das Gebäude fesch renoviert einer sinnvollen Nutzung zuführen. (DD)

Strenger Kindergarten

Das hätte dem alten Pädagogen, der da streng von seinem Sockeln herunterschaut, gefallen: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich auch in Böhmen immer mehr die Idee des Kindergartens durch. Die Industrielle Revolution (die in Böhmen weiter fortgeschritten war als in anderen Teilen des Habsburgerreichs) hatte dazu geführt, das Kinder arbeitender Eltern (insbesondere in den ärmeren Schichten) oft ohne Betreuung blieben und Gefahr liefen, der Verwahrlosung anheimzufallen.

Anfangs waren sie bisweilen bloße Aufbewahrungsstätten, aber nun sah man sie in vielen Kommunen als Teil eines umfassenden pädagogischen Konzepts zur Volksbildung. So auch in Vinohrady (Prag 2), wo die heutige Grundschule in der Jana Masaryka 360/25 im Jahre 1887 ursprünglich als Kindergarten gegründet worden wurde. Es war die zweite Einrichtung dieser Art überhaupt in der damals von nicht zu Prag gehörenden Gemeinde Vinohrady (die Eingemeindung erfolgte erst 1922).

Dem Gebäude merkt man an, dass hier den Kindern nicht das spielerische Lernkonzept heutiger Kindergärten, sondern knallharte Pädagogik im Vordergrund stand. Es mutet nach strenger Erziehung an und es sieht nicht so aus wie ein Kindergarten, sondern eher wie eine Schule – was es aber erst in den späten 1940er Jahren wurde.

Das zweistöckige Gebäude ist in dem für diesen Teil Vinohradys das Stadtbild prägenden Neo-Renaissance-Stil erbaut. In dieser Zeit herrschte in der Stadt bereits eine gewisse Separation zwischen dem deutschen und dem tschechischen Teil der Bevölkerung, was öffentliche Einrichtungen anging. Dies hier war definitiv ein tschechischer Kindergarten gewesen. Das aufkommende Nationalbewusstsein wird auch optisch zelebriert. Über dem Eingangsportal schaut mit ernstem Blick die Büste von Tomáš Štítný herab, den wir schon hier erwähnt hatten (großes Bild oben). Der war ein Theologe und Volksbildungsschriftsteller, der viele spätere Ideen des Hussitentums vorwegnahm und als einer der ersten Theologen auf Tschechisch predigte und auch auf Tschechisch religiöse Schriften schrieb – eine in der Zeit der Erbauung des Kindergartens zum Nationalhelden stilisierte Figur. Die Kinder, die hier erzogen wurden, sollten also nicht nur gebildet, sondern auch national gesonnen sein. (DD)

Wo Hermes prangt

Der Gott Hermes war für die alten Griechen der Beschützer des Handels (und der Diebe, aber das spielt hier jetzt keine Rolle). Wen wundert es, dass sein geflügeltes Konterfei gleich über dem Portal der alten Tschechoslowakischen Handelsakademie (Českoslovanská akademie obchodní) in der Resslova 1780/8 (Neustadt) prangt?

Die wurde schon 1872 gegründet – allerdings an einem anderen Standort nahe des Hauses bei Rott (Dům U Rotta) am Malé náměstí nahe des Altstädter Rathauses. Unter dem ersten Rektor, Emanuel Tonner, gab es 135 Schüler, die damals satte 120 Goldstücke für den Unterricht zahlen mussten. Die Nachfrage war so groß, dass man 1882 auf dem kurz zuvor aufgelassenen Gefängniskomplexes nahe der Kirche des Heiligen Wenzel von Zderaz (Kostel sv. Václava na Zderaze), über den wir hier berichteten, ein neues und großes Gebäude errichtete – eben das hier vorgestellte. Der Architekt war der Baumeister Václav Nekvasil, der es in einem feinen Neorenaissancestil erbaute, der harmonisch zu dem antiken Hermes passt.

Die Handelsakademie erwies sich als ein sehr fortschrittliches Institut. Schon im Semester 1906/07 wurden erstmals 49 Mädchen zum Studium zugelassen, die nicht nur als Heimchen am Herd enden, sondern beruflich in bisherige Männerdomänen eindringen wollten. Das passte auch „geographisch“, da schon 1896 der Böhmische Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český) genau auf der anderen Straßenseite (Resslova 1940/5) seine Schule für Mädchen aus armen Elternhäusern aufgemacht hatte, worüber wir bereits hier berichteten. Der progressive tschechische Geist war den Bürokraten der Habsburgermonarchie in den Zeiten des Ersten Weltkriegs suspekt. Lehrbücher wurden verboten, einige Lehrer verhaftet. Nur Notunterricht lief noch. In der Ersten Republik wuchs die Akademie zwar, aber die Planungen für ein neues Haus andernorts liefen schleppend. Als 1939 die Nazis kamen, wurde der Betrieb erst einmal bis 1945 gewaltsam geschlossen, weil er als Hort des Widerstands galt. Die Machtergreifung der Kommunisten im Februar 1948 stieß bei den Studenten ebenfalls auf Protest. Viele beteilgten sich an dem Demonstrationsmarsch von Studenten zum Präsidentenpalast, der von der bereits kommunistisch unterwanderten Polizei gewaltsam niedergeschlagen wurde. Mehrere Professoren wurden entlassen, 17 Studenten und 2 Professoren wurden vor Gericht gezerrt, etliche von ihnen zur Zwangsarbeit in die Uranminen geschickt. Andere konnten noch in den Westen fliehen. Der Lehrplan wurde auf Marx/Engels umgestellt und man durfte keine „unabhängigen Unternehmer für kapitalistische Unternehmen“ mehr ausbilden. Um die Sache abzurunden, wurde die Akademie in Hochschule für Wirtschaft umbenannt.

Auf der anderen Straßenseite erfolgte währenddessen die Gleichschaltung und dann 1971 die Auflösung des Frauen-Erwerb-Vereins. Dessen Gebäude wurde 1961 enteignet und der Handelsakademie übergeben, die dorthin umziehen musste. Der Umzug, so vermerkte man damals bitter, war eine Zwangsaktion und kostete die Akademie auch mehr als das beschlagnahmte Vermögen des aufgelösten Vereins hergab. Und populär wurde der Kommunismus hier nie. 1989 bildete sich mit der Samtenen Revolution ein Bürgerforum von Studenten und Professoren, das nach Kräften beim Sturz der Tyrannei mithalf und Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht forderte. Am Ende konnte man doch auf eine schöne Tradition zurückblicken, die sich 1993 auch in dem Beschluss wiederspiegelte, den alten Namen – Tschechoslowakische Handelsakademie – wieder einzuführen, obwohl es seit dem 1. Januar dieses Jahres gar keine Tschechoslowakei mehr gab.

Und auch das Gebäude erinnert immer noch an die gute ale Zeit. Das ist der Hermes, der über dem Portal ist, aber auch der Hermes, den man oben im Giebel bewundern kann, oder die zahlreichen anderen skupturalen Elemente in einem feinen Jugendstil, der sich perfekt in die Neorenaissance-Fassade einschmiegt. Dazu passt auch der jugendstilige Schriftzug průmyslobchodpeněžnictví (Industrie, Handel, Finanzen) über dem ersten Stock.

An der Fassade im Erdgeschoss befindet sich auch noch eine Gedenktafel mit Portraitreflief für den Dichter Josef Václav Sládek, der sich als Übersetzer der Werke Shakespeares, Byrons und Hawthornes hervorgetan hatte, und von 1872 bis 1900 in der Handelsakademie als Englischlehrer wirkte. Der intellektuelle Horizont des Hauses reichte wohl immer über die bloße Ökonomie hinaus.

Das Hauptgebäude der Akademie liegt immer noch gegenüber im aten Gebäude des Frauen-Erwerb-Vereins, aber hier wurde die weiterführende Berufschule und die Business Academy (Českoslovanská akademie obchodní dr. Edvarda Beneše) untergebracht, die der Akademie angeschlossen sind. Die Kontiunität der Nutzung des Gebäudes ist also gewahrt. (DD)

Hort der Frauenrechte

Die drei Damen, die da als Büsten verewigt ihren Platz in der Fassade gefunden haben, sind nicht nur ein dekoratives Element. Sie machen klar: In diesem Gebäude in der Resslova 1940/5 in der Neustadt wurde ein großes Stück der Geschichte der Frauenrechte im Lande geschrieben.

Es begann mit dem Elend nach dem für Kakanien unglücklich verloren gegangenen Krieg gegen Preußen von 1866. Der hinterließ unzählige Frauen, die als Witwen oder Waisen ohne Chancen auf ein Auskommen unverschuldet ins Elend gerieten. Es gab kein Bildungssystem, das ihnen Wege hätte eröffnen können. Es war dies die Stunde von emanzipierten Frauen, wie die Schriftstellerin und bürgerliche Frauenrechtlerin Karolina Světlá (früherer Beitrag hier), Frauenbildung voranzutreiben und Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen. Zusammen mit einigen Mitstreiterinnen gründete Světlá 1871 den Böhmischen Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český), einem Bildungsverein für Frauen aus armen Verhältnissen. Der Verein gründete noch im gleichen Jahr eine Schule unter der Leitung von Johanna Kuffnerová.

Zur Finanzierung entfachten die Frauen ein Feuerwerk von Spendensammlungen, Auktionen, Lotterien, Basaren und Konzerten. Der Erfolg gab ihnen recht. In den ersten 30 Jahren absolvierten in der Schule (die 1890 um die höhere Bildungseinrichtung Minerva, das erste Mädchengymnasium in Böhmen überhaupt, ergänzt wurde) 18.000 Mädchen und junge Frauen eine Ausbildung – meist in praktischen Fähigkeiten, die das Auskommen sichern sollten. Flankiert wurde die Bildungsarbeit immer von politischen Forderungen. Světlá war zum Beispiel 1865 Mitbegründerin der Americký klub dam (Klub amerikanischer Damen), der mit seinem Namen ausdrücken wollte, dass man in Böhmen gerne das Ausmaß an Frauenrechten haben wollte, das man im liberaleren Amerika schon kannte.

Das setzte sich auch fort, als Světlá 1880 den Vorsitz des Vereins an Emilie Bártová weitergab, die sich ebenfalls beim Klub der Amerikanischen Damen engagierte. Ihr folgte 1891 Eliška Krásnohorská (früherer Beitrag hier), die wohl zu den bedeutendsten Gestalten der böhmischen Frauenrechtsbewegung gehört. In ihre Zeit als Vorsitzende des Frauen-Erwerb-Vereins fällt der Bau des hier vorgestellten Gebäudes. Verein und Schule hatten zur Zeit der Gründung in der Spálená Straße (nahe der Kirche der Dreifaltigkeit; früherer Beitrag hier) in der Neustadt und ab 1879 in der Bartolomějská (Altstadt) residiert. Das Gebäude war inzwischen zu klein geworden. 1894 erwarb man nach einer großen Spendenaktion das Gründstück an der Resslova (das zuvor erst Klosterbesitz, dann Gefängnisareal gewesen war; siehe hier). 1896 konnte das Gebäude, das von dem Architekten und Baumeister Josef Blecha im Stil der Neorenaissance erbaut worden war, in Anwesenheit des Prager Bürgermeisters Jan Podlipný (der für einen Zuschuss der Stadt gesorgt hatte) und anderer Prominenz eröffnet werden.

Über dem zweiten Stock befinden sich im Mittelrisalit drei Büsten, die von links nach rechts die Gründerinnen des Vereins Krásnohorská, Bártová und Světlá. Die Büsten sind dem Stil des Gebäudes angepasst, weshalb sie vielleicht ein wenig zu süßlich wirken und die drei Frauen nicht so recht wie harte Frauenrechtskämpferinnen aussehen lassen. Das Gebäude diente, wie gesagt, nicht nur als Ausbildungsstätte, sondern auch als Zentrum für politische Aktivitäten. Krásnohorská nutzte es beispielsweise als Redaktionsraum für die schon 1873 von ihr herausgegebene erste böhmische Frauenzeitschrift Ženske listy (Frauenblätter). Zusätzlich zur Büste erinnert eine 1931 von der Bildhauerin Karla Vobišová-Žáková erstellte Gedenktafel mit einem Reliefportrait an sie.

Der Erwerbsverein betrieb das Zentrum noch lange weiter. Die Nazis unterbrachen den Betrieb, aber 1945 konnte er wieder aufgenommen werden. Die Kommunisten, die 1948 die Macht ergriffen, versuchten, den Verein gleichzuschalten und von seinen liberalen Wurzeln zu lösen. 1961 wurde das Gebäude in der Resslova entschädigungslos enteignet. Seither gehört es der tschechoslowakischen Handlesakademie (Českoslovanská akademie obchodní), die schon zuvor ein Gebäude auf der anderen Straßenseite hatte (siehe kleines Bild oberhalb links). 1971 kam der Todesstoß und der Verein löste sich auf. (DD)

Barock für gehobene Frauenbildung

In unerwartete Höhen schaut man, wenn man den kleinen Raum betritt. Man befindet sich in der Kapelle der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria (Kaple Nejsvětější Trojice a Neposkvrněného početí Panny Marie) in einem Gebäude, das als das Rosenberg Palais – Institut für Edelfrauen (Rožmberský palác–Ústav šlechtičen) bekannt ist.

Und das wiederum befindet sich an bester Adresse, nämlich mitten der Burg, wo nur die nobelsten der noblen Familien Böhmen sich in des Königs Nähe einen Palais bauen durften – etwa die Lobkowiczs, die nebenan residierten, aber eben auch die Rožmberks, deren ehemaliger Palast heute fester Bestandteil jeder großen Burgtour ist. Und bei einem Besuch des riesigen Palais‘ (besser: des kleinen Teils, der der Öffentlichkeit zugänglich ist), ist die Kapelle das erste, was man zu Gesicht bekommt.

Zur der Empfindung von Höhe trägt bei der Kapelle des Palais‘ nicht nur deren tatsächlichen Höhe bei, die sich über drei Stockwerke erstreckt, sondern auf die Malereien an Wänden und Decken. Dazu wurden 1754/55 zwei der damals bedeutendsten Barockmaler Böhmens verpflichtet, nämlich Josef Hager, der die Wände verzierte und Johann Peter Molitor, dem man das prachtvolle Deckengemälde der Dreifaltigkeit verdankt, das man oben im großen Bild sieht. Beide Maler waren Meister des Illusionismus. Und tatsächlich erweckt die Himmelsdarstellung Molitors Tiefeneffekt, der den Raum noch höher erscheinen lässt, als er in Wirklichkeit ist.

Und dann sind da zwei kleine Balkone, die mit schmuckvollen Metallgittern übereinander ins Bild ragen. Mit ihnen sind wir auch schon bei dem Zweck, dem das Gebäude lange Zeit diente. 1753 hatte Kaiserin Maria Theresia (zugleich einzige Frau, die je auf dem böhmischen Thron saß) als Ausdruck ihrer aufklärerischen Überzeugung, dass Frauenbildung gestärkt werden müsse, das Institut für Edelfrauen gegründet, mit dem Auftrag, 30 Adelstöchtern im Alter von 24 Jahren und älter Erziehung angedeihen zu lassen (für Waisenkinder war das schon im Alter von 18 Jahren möglich). Geleitet werden konnte das Institut nur von unverheirateten Erzherzoginnen aus der Familie Maria Theresias, dem Geschlecht Habsburg-Lothringen – weshalb die erste Leiterin erste von Ihnen wurde die Tochter von Maria Theresia – die Erzherzogin Maria Anna, die nicht nur wegen ihres Geblüts geeignet war, sondern auch wegen ihrer für Damen von Stand ungewöhnlich großen wissenschaftlichen Bildung.

Nun, um auf die Balkone zurückzukommen: Die dienten dazu, die Damen von eventuell zu weltlichem Treiben fernzuhalten, dem die Gottesdienstbesucher weiter unten frönen könnten. Tugend war schließlich ein wichtiger Teil der Ausbildung, was erklärt, warum die Kapelle der unbefleckten Empfängnis geweiht ist. So ging es natürlich hier nicht immer zu. Als die Familie Rožmberk das Areal erwarb, baute sie hier schrittweise einen normalen Adelssitz im Renaissancestil auf. 1600 erwarb Kaiser Rudolf II. diesen Palast, womit er in Habsburger Hände geriet (aber immer noch den alten Namen trug).

So konnte dann Maria Theresia als Eignerin auch den Auftrag an den italienisch-schweizerischen Architekten Anselmo Lurago (dessen privates Wohnhaus auf der Kleinseite wir schon hier vorgestellt haben) zu geben, das Anwesen nach den Plänen von Nicolò Pacassi für den neuen Zweck als Institut für Edelfrauen im modernsten Barockstil umzubauen. Diese Arbeit wurde Anfang 1756 vollendet. Trotz einiger kleinerer Umbauten ist das Gebäude seither so erhalten geblieben. Umbauten 1787/88 brachten nämlich nur kleinere Veränderungen und Anpassungen.

Der Bedarf an der Sondererziehung adliger Damen sank mit der Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik am 28. Oktober 1918 dramatisch auf Null. 1919 wurde das Institut aufgelöst. Der Bau war von nun an kaum der Öffentlichkeit zugänglich. Eine zeitlang residierte hier das Innenministerium. Dass in den Zeiten des Kommunismus die Vernachlässigung traurige Ausmaße annahm, versteht sich von selbst. 1996 bis 2008 führte man daher umfangreiche Renovierungs- und Restaurierungsarbeiten durch und seit 2010 kann man einen Teil des Gebäudes besichtigen. Die Ausstellung zeigt, wie die Räumlichkeiten für die jungen Damen zu verschiedenen Zeiten im späten 18. und frühen 19. Jahrundert eingerichtet waren – erwartungsgemäß sehr nobel und geschmackvoll. Dazu konnte man immer den atemberaubend schönen Blick auf Altstadt und Kleinseite genießen!

Den Abschluss nach der Besichtigung der kleinen Museumsräume bildet der große Renaissancesaal, auch Rosenberg-Saal genannt. Der ist sozusagen noch ein Erinnerungsstück an die ursprünglichen Besitzer, die Rožmberks. Die Halle mit ihren schönen Gewölben wird heute ab und an für kleine Wechselausstellungen genutzt. Und wenn man damit fertig ist, kann man im Innenhof im Café des Gebäudes noch das Leben bei ein wenig Kaffee und Kuchen genießen. (DD)

Comenius und die Bildung

Am 15. November 1670, also genau vor 350 Jahren, starb in seinem Amsterdamer Exil Jan Amos Komenský, der den meisten Nicht-Tschechen als Johann Amos Comenius bekannt ist. Dessen historische Verdienste um die Entwicklung der modernen europäischen Pädagogik sind so enorm, dass es in keiner Weise verwundert, dass das Nationale Pädagogische Museum und Bibliothek (voller Name: Národní pedagogické muzeum a knihovna J. A. Komenského) in Prag nach ihm benannt ist.

Das Museum (zur Zeit ein Corona-Opfer) befindet sich in der Valdštejnská 18/20 auf der Kleinseite in einem um 1541 entstanden Renaissancehaus, genannt Haus zur Goldenen Sonne (dům U Zlatého slunce). Es präsentiert die geschichtliche Entwicklung der Erziehungswissenschaft in den böhmischen Ländern von den Anfängen bis heute. Und dem großen Comenius wird dabei ein besonderer Platz eingeräumt. Zu seinem Todesjahr wurde sogar eine Ausstellung mit seinem Leben als Comic eröffnet (Bild oberhalb links).

Das mit vielen Schautafeln in Tschechisch und Englisch, aber auch etlichen Ausstellungstücken ausgestattete Museum ist – wie man es bei dem Thema erwarten sollte – didaktisch sorgfältig gestaltet. Auf überbordende Digitalisierung wird noch nicht gesetzt, aber die Nachbildung originaler historischer Klassenräume (großes Bild oben) ist am Ende auch irgendwie interessanter als die virtuelle Nachbildung derselben.

Die Dauerausstellung folgt den Weg der Bildung und Bildungsideen durch die Jahrhunderte. Vom Mittelalter mit der Kirche als einziges Zentrum für Bildung über die Modernisierung im Zeitalter von Humanismus und Aufklärung bishin zur Moderne. Auch die Erziehung (oder besser: Indoktrination) in den Zeiten des Kommunismus wird detailliert einbezogen, wie dieses Plakat zeigt, dass die Schüler auffordert, den Jahrestag der „Befreiung“ durch die Sowjetarmee am 9. Mai 1945 zu feiern hätten (die Kapitulation der Nazis erfolgte realiter einen Tag zuvor vor den nicht-kommunistischen tschechischen Truppen des Prager Aufstands, siehe auch hier, was man unter den Kommunisten aber nicht beigebracht bekam).

Das Museum wurde schon 1892 gegründet, ist also weltweit eines der ältesten seiner Art. Es war als Quelle von Information (deshalb die große Bibliothek) und Inspiration für tschechische Lehrer in den Zeiten der österreichisch geprägten Habsburgerzeit gedacht. Es hatte daher eine stark nationale Komponente, die man dem Ganzen auch heute noch ein wenig anmerkt. Das Museum legt den thematischen Schwerpunkt immer noch stark auf Aspekte wie tschechische Sprachentwicklung oder Ausformung eines parallel zum deutschen entstehenden tschechischen Bildungswesens.

Und da kommt Comenius ins Spiel, der als Tscheche (genauer: Mähre) im 17. Jahrhundert der große Pädagoge der Tschechen schlechthin wurde, aber – und das ermöglicht eine Brücke zu post-nationalistischeren, europäischen Bildungsideen – schon damals die europäische Bildungswelt inspirierte. Das tat er möglicherweise nicht freiwillig. Als Pfarrer und Theologe der Unität der Böhmischen Brüder (Vorgänger der heutigen evangelischen Kirche im Lande) konzipierte er ein Bildungskonzept, das nicht bloßes Einpauken des tradieren Kanons, sondern Lebenstauglichkeit und Anpassung an die Fähigkeiten des Kindes in den Mittelpunkt stellte. Mit dem Orbis sensualium pictus schrieb er das erste Kinder- und Jugendbuch – ein lehrreiches, natürlich.

Seine Zeit in Mähren endete 1620 mit der Schlacht  am Weißen Berg (siehe auch hier), die die katholischen Habsburger an die Macht brachte, die der religiösen Freiheit ein Ende setzten. Comenius floh ins Exil – erst in Polen, dann nach Deutschland, Schweden und Holland. Überall hinterließ er Schüler und begeisterte Nachahmer. In England wollte Oliver Cromwell die universitäre Bildung mit Hilfe von Comenius‘ Schüler Samuel Hartlib ausweiten. Das, was heute in Europa als moderne Bildung gilt, hat größtenteils seine Wurzeln in den Ideen von Comenius.

Neben dem internationalen „Star“ der tschechischen Pädagogik, Comenius, bilden die national-tschechischen Bildungsreformer den wohl größten Schwerpunkt, etwa die Sprachforscher Josef Dobrovský (auch hier) oder Josef Jungmann (hier), die sich um die Kodifizierung der tschechischen Sprache bemühten. Auf jeden Fall lernt man viel Neues in diesem sehr ansprechenden Museum, dessen Rundgang mit dem Wiederaufbau des Bildungssystems nach dem Fall des Kommunismus endet. (DD)

Ehemalige Schulkirche

Die katholische Pfarrgemeinde im Stadtteil Nusle (Prag 4) erlangte erst 1903 ihre Selbständigkeit. Ab 1702 hatte sie noch zum benachbarten Michle, ab 1863 zur Pfarrei Vršovice gehört. Um diese Zeit war das kleine Dorf aber schon dabei, eine recht industrialisierte Stadt (erst seit 1922 ist man Teil Prags) zu werden, verbunden mit enormem Bevölkerungswachstum. Eine eigene Gemeinde mit eigener Kirche musste her.

Dazu bediente man sich einer bestehenden Kirche, der Kirche des Heiligen Wenzel (Kostel svatého Václava). Die war 1901 als Gotteshaus eines Gymnasiums im neobraocken Stil erbaut worden und wurde 1903 dann der Gemeinde übertragen. Deren Gemeindekirche im Bezirk ist sie – neben der älteren Kirche St. Pankraz (Kostel svatého Pankráce) – immer noch.

Das Gebäude in der Vladimírova 333/2 (Prag 4) brannte 1962 bei einem Brand aus und wurde 1967/68 wieder renoviert. Das Innere mutet dadurch ein wenig spartanisch an. 1997 bekam der Kirchturm eine neue, 350 Kilogramm schwere Glocke, die von der deutschen Firma Rudolf Perner gegossen wurde. Die ursprüngliche Glocke war 1942 von den Nazis für ihre Kriegswirtschaft eingeschmolzen worden.

Da das alte Schulgebäude ja noch steht, sieht die Kirche ein wenig aus, als ob sie immer noch ein Teil davon wäre – was die Außenansicht übrigens eher reizvoller macht (großes Bild oben), da beides ja ursprünglich „in einem Guss“ entworfen worden war. Allerdings hat die Schule weiterhin formell nichts mit dem Kirchenbau zu tun. Heute residiert hier übrigens nicht mehr nur ein Gymnasium (Pražské humanitní gymnázium), sondern auch eine internationale Schule, die American Academy in Prague. (DD)

Patriotischer Schulbau

Man möchte glatt noch einmal in Schule gehen, wenn man vor so einem Gebäude steht. Bei diesem Prachtbau handelt es sich um die Grundschule und den Kindergarten (Základní škola a mateřská škola) am Lyčkovo náměstí 460/6 (Lyčka Platz) im Stadtteil Karlín (Prag 8).

Die Bauarbeiten nach den Entwürfen des Architekten Josef Sakař, der ein Spezialist für den Bau von großen Bildungseinrichtungen war (u.a. die Akademie der Wissenschaften, 1912) begannen 1903 und wurden zwei Jahre später abgeschlossen. 1906 wurde die Schule vom damaligen Erzbischof von Prag, Lev Skrbenský z Hříště, einem tschechisch-patriotischen Tendenzen gegenüber offenen Reformkatholiken, feierlich als Kindergarten, Grund- und Mittelschule für Jungen und Mädchen (für beide gab es züchtig getrennte Eingänge) eröffnet.

Die schiere Größe des Schulgebäudes überwältigt den Betrachter. Vor allem aber sollte die Schule nach dem Willen der Gemeindeväter auch schon ästhetisch dem höheren und edlen Zweck der Vermittlung von Bildung entsprechen. Man sieht also ein wahres Kunstwerk im Stil der böhmischen Neorenaissance (mit einigen modernen Elementen des Jugendstils) wor sich. Auf der Vorderseite zum Platz hin zeigt sich das in sorgfältig elaborierten Stuckaturen und Skulpturen – beginnend beim Giebel mit dem großen Relief des Heiligen Wenzel des Jugendstilbildhauers Karel Novák (wurde bereits erwähnt hier und hier).

Und über dem Hauptportal des zweiflügligen Gebäudes sieht man in Stuck das Portait von Jan Amos Comenius, dem Theologen der Kirche der Böhmischen Brüder, der als der Begründer der modernen Pädagogik in Tschechien gilt und im 17. Jahrhundert wirkte. Comenius galt gerade den tschechischen Patrioten im 19. Jahrhundert als ein nationales Symbol. Die Stuckarbeit ist das Werk der Bildhauer Antonín Štrunc und Antonín Mára – beide, wie man an der Ornamentik, die das Portrait umgibt, sieht, dem Jugendstil verpflichtet.

Aber der wirkliche „Eye-catcher“ des Gebäudes sind die beiden riesigen (je 7 Quadratmeter!) Historiengemälde der Maler Jan Köhler and Karel Ludvík Klusáček angefertigt wurden. Das linke der beiden Gemälde zeigt wieder eine Szene, die an das tschechische Nationalgefühl appellierte. Im September 1424 einigten sich auf dem nahe der Schule gelgenen heutigen Spitalsgelände die gemäßigten Hussiten (Utraquisten) unter Bischof Jan Rokycana und der Radikalen unter dem Heerführer Jan Žižka von Trocnov, um ihre Zwistigkeiten beizulegen. Dies ermöglichte den Hussiten, die böhmische Freiheit vor den kaiserlichen und katholischen Invasioren unter Kaiser Sigismund effektiv zu verteidigen. Die sehr pastoral in Szene gesetzte Szene des Friedenschlusses zwischen den beiden Gruppen ließ damals sicher die Herzen tschechischer Nationalisten höher schlagen.

Da man es wohl trotzdem nicht ganz mit den herrschenden Habsburgern verderben wollte (nicht umsonst ist der immer flexible Soldat Švejk der literarische Nationalheld der Tschechen), zeigt das rechte Gemälde eine Szene, die den habsburgischen Österreichern in der Stadt wohl Tränen der Rührung in die Augen getrieben haben muss: Die Feierlichkeiten zur Krönung von Kaiser Ferdinand I. (auch der „Gütige“ genannt), der zugleich als Ferdinand V. auch böhmischer König war, die 1836 ebenfalls auf dem Spitalsplatz stattgefunden hatten.

Die Rückseite des Gebäudes ist übrigens viel schlichter gestaltet als die Front zum Platz. Die Architektur mit ihrem Renaissanceeinfluss kommt dadurch deutlicher zur Geltung. Beeindruckend ist sie auch hier immer noch.

Die Schule, die nach 1945 nur als Mittelschule und ab 1989 nur als Kindergarten und Grundschule fungierte, dominiert den Platz immer noch als patriotischer Prachtbau des frühen 20. Jahrhunderts und als ein sichtbarer Ausdruck des Wohlstands des damaligen Prager Bürgertums und seines Willens, die nationale Bildung für die Tschechen im Habsburgerreich dynamisch voranzutreiben. (DD)