Großer Biochemiker aus Prag

Prag als Wissenschaftsstadt – an vielen Orten der Stadt wird man an die Geschichte großer Forscher erinnert, die hier wirkten. So etwa in der U Nemocnice čp. 497/4 in der Neustadt, wo sich diese Gedenkplatte befindet.

Man gedenkt hier Professor Franz Hofmeister, dessen Todestag sich heute zum 100. Male jährt. Die Plakette wurde allerdings 2010 zu Ehren des 160. Geburtstags des gebürtigen Pragers angebracht. Gleichzeitig fand in dem Gebäude ein Symposium statt, das seine außerordentlichen wissenschaftlichen Leistungen würdigte. Hier, in der heutigen Medizinfakultät der Karlsuniversität, wirkte Hofmeister auch viele Jahre. Damals (d.h. seit 1882) war die Universität in eine deutsche und eine tschechische Universität aufgeteilt, und das Gebäude gehörte zum deutschen Teil. Deshalb ist die Gedenkplakette auch zweisprachig in Tschechisch und Deutsch gehalten.

Hofmeister ist bekannt als großer Pionier der Biochemie. Nach ihm ist die sogenannte Hofmeister-Reihe benannt, bei der es um eine Klassifizierung von Ionen in Bezug auf die Löslichkeit von Proteinen handelt. Er war auch der erste, der darauf kam, dass Eiweisse eine Struktur aus Aminosäuren und Peptidbindungen aufweisen. Ich bin kein Biochemiker und mir ist das zu hoch, aber der Experte wird sich freuen, dass die Plakette zu seinen Ehren die passende und alle Fragen klärende chemische Formel bereithält.

Die Plakette mit dem Portraitrelief des bärtigen Forschers, die sich schön an die Ästhetik des klassizistischen Fakultätsgebäudes aus dem Jahr 1844 anpasst, ist das Werk des bekannten Medailleurs und Bildhauers Milan Knobloch (siehe auch diesen früheren Beitrag). Er hat die schwungvolle Unterschrift des am 26. Juli 1922 verstorbenen Wissenschaftlers, der die letzten drei Jahre seines Lebens in Würzburg lehrte, in die Gedenktafel einbezogen. (DD)

Umfassende Hilfe für Blinde

Als kleines Kind hatte Alois Klar sich nach einem Sturz eine schwere chronische Sehbehinderung zugezogen. Trotzdem legte er eine steile akademische Karriere hin. Erst Gymnasialprofessor in Litoměřice (1786), dann Professor für Altphilologie an der Karlsuniversität (1806), schließlich Dekan der Philosophischen Fakultät (1820). Er hatte gezeigt, dass man es auch mit Sehschwäche schaffen konnte. Und er wollte, dass andere auch diese Chance erhielten, um nicht als Blinde von bloßer Barmherzigkeit anderer abhängen zu müssen. Kurz: Er gründete das Klar’sche Institut für Blinde (Klárův ústav slepců).

1807 hatte Klar schon zusammen mit Prokop Ritter von Platzer die Prager Blinden-Erziehungs-Anstalt ins Leben gerufen, die später durch ein zweites Institut, die Heilanstalt für unbemittelte Augenkranke, ergänzt wurde. Die Finanzierung kleiner Gebäude und der Ausstattung in der Burgstadt verdankte man einer Sammlung und der Förderung des damaligen Oberstburggrafen Josef Graf von Wallis. Das war ein kleiner Anfang. Den Unterricht für die Kinder übernahm oft Klars Frau Rosina. Aber Klar strebte nach größerem. 1832 – ein Jahr nach seiner Emeritierung – rief er das Prager Privat-Institut für arme blinde Kinder und Augenkranke und begann mit einer großen Sammlung. Die wurde ein Erfolg. Sogar Kaiser Franz I. ließ sich nicht lumpen und spendete ein Stück Land an der Prager Kleinseite. Die Fertigstellung erlebte Klar nicht mehr, denn er starb 1833. Aber auf dem gespendeten Grundstück an der heutigen Pod Bruskou131/3 wuchs ab 1836 ein riesiges Gebäude heran, in dem Klars Werk vollendet werden sollte.

Klar hatte noch seine für damalige Zeit höchste modernen Vorstellungen über den Betrieb darlegen können, nach denen nun verfahren werden sollte. Es war ein „ganzheitliches“ Konzept, das lebensnahe Bildung, sportliche Leibesertüchtigung, Heilung und moralischen Beistand (wofür u.a. eine große Kapelle des Erzengels Rafael gebaut wurde) vereinte. Viele Ideen dazu hatte er sich bei Johann Wilhelm Klein geholt, der 1826 die Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde in Wien gegründete hatte und als eine der führenden Kapazitäten der Blindenfürsorge in Europa galt. Als 1844 das von den Architekten Vincenc Kulhánek und dem berühmten Dombaumeister Josef Kranner (siehe auch hier) eingeweiht wurde, führte bereits Alois Klars Sohn Paul Alois Klar dessen Lebenswerk fort und leitete die Anstalt. Ab 1880 übernahm der Enkel von Alois, Rudolf Maria Ritter von Klar (inzwischen wurden nämlich die Verdienste der Familie durch einen Adelstitel anerkannt) die Blindenanstalt, die weiterhin als eine vorbildliche Institution galt. Nach dessen Tod im Jahre 1898 wurde Emil Wagner der Direktor.

Unter dem Ritter von Klar hatte die Anstalt eine große Wachstumsphase durchlebt. In den Jahren 1884/85 wurde der Bau daher erweitert und damit endgültig fertiggestellt. Aber der Grundcharakter des streng und schlicht gestalteten zweiflügeligen klassizistischen Gebäudes mit seinem Mittelrisalit blieb. Auf dessen Giebel befindet sich ein Relief des Bildhauers und Malers Josef Max. Es stellt ein passendes alttestamentarisches Motiv dar, nämlich wie Tobias seinen blinden Vater (mit Fischgalle) wieder sehend macht (zum Nachlesen: Bibel Tobias 6). Er wird vom Erzengel Rafael begleitet, dem ja – recht folgerichtig – auch die recht große Kapelle der Anstalt gewidmet ist, deren kleinen Glockenturm mit seinem vergoldeten Ziffernblatt man über dem Gebäude sehen kann. Auf dem Relief sieht man auch einen kleinen Hund, der an dieser Stelle in der Bibel nicht vorkommt. Das musste aber einfach sein, weil die Tschechen ja Hundenarren sind und so etwas lieben.

Des Ritters Nachfolger Wagner baute die Anstalt noch einmal kräftig aus. Denn es gab ja noch viel Platz. Das Grundstück, auf dem das bereits recht groß dimensionierte Gebäude stand, bot die Möglichkeit eines zusätzlichen neuen Gebäudes. Ein kleiner Park trennte nun das alte vom neuen Haus, das dann in den Jahren von 1906 bis 1909 durch den Architekten Josef Piskač errichtet wurde. Das am heutigen Nábřeží Edvarda Beneše 627/3 erbaute Bauwerk war stilistisch grundverschieden von dem alten klassizistischen Gebäude.

Es herrschte ein opulenter, durch Erker und Türme dekorierter Neorenaissance-Historismus vor, der durch Jugendstil-Ornamentik ergänzt wurde. Unter anderem wurden ein Schwimmbad und eine Turnhalle eingebaut. Man blieb weiterhin an der Spitze des Fortschritts in Sachen Blindenpädogogik.

Die beiden Gebäude dienen heute nicht mehr ihrem gemeinsamen Zweck. Ein kleines Mäuerchen mit Zaun trennt sie heute sogar. Denn das neue, unter Wagner erbaute, Gebäude beherbergt heute die örtliche Bezirksstaatsanwaltschaft. Leider befindet sich das Haus in einem recht heruntergekommenen Zustand, er seiner historischen Bedeutung nich gerecht wird. Man kann nur hoffen, dass da irgendwann einmal etwas unternommen wird.

Und auch das alte Gebäude (das besser in Schuss gehalten wurde) ist schon lange keine Blindenanstalt im umfassenden Sinne, wie es Klar einst vorschwebte, mehr. Ihrem ursprünglichen Zweck diente sie bis kurz nach dem Zweiten weltkrieg. Dann wurde sie in eine Sekundarschule für Blinde verwandelt, die immerhin nach Alois Klar benannt wurde. Dann brachte das Ende des erfreuliche Kommunismus im Jahr 1989 einige bauliche Nebenwirkungen mit sich. Die neuen demokratischen Institutionen mussten sich räumlich neu einrichten. Das Parlament zum Beispiel, das von den Kommunisten in das heutige Neue Gebäude des Nationalmuseums verlegt worden war, wurde wieder in den alten Thun Palast zurückverlegt, und auch der Ministerpräsident brauchte ein provisorisches Domizil bis die dazu vorgesehene Villa Kramář wieder fertig restauriert war. Der wurde deshalb erst einmal hier untergebracht.

Aber dieses provisorische Zwischenspiel endete schließlich im Jahr 1993. In diesem Jahr übernahm das Abgeordnetenhaus, für dessen Betrieb der Thun Palast eigentlich zu klein war, einige Gebäude der Umgebung für administrative Zwecke, darunter auch den Smiřický Palais am nahen Kleinseitner Ring. Hier residierte bis dato die 1919 gegründete staatliche Institution der Tschechischen Geologischen Dienstes (Česká geologická služba), die nun ihrerseits ein neues Domizil brauchte und in der alten Blindenanstalt (genauer: im alten Gebäude) fand. Der Geologische Dienst betreibt hier nun Forschung und Datenerfassung, die für die Öffentlichkeit von Nutzen sind, etwa bei Planung von Infrastrukturprojekten und Umweltgutachten, und kümmert sich um Bildungsprojekte in Sachen Geologie. So endete die Verbindung des Gebäudes mit seinem ursprünglichen Zweck, dem umfassenden Wohl der Blinden, endgültig.

Heute erinnert äußerlich wenig an die bahnbrechende Sozialeinrichtung, die hier einst ins Leben gerufen wurde. Wenn man genau hinschaut, kann man unter den Jugendstil-Ornamenten auf der Fassade des neuen Gebäudes immerhin Motive entdecken, die noch daran erinnern – etwa das rechts abgebildete Relief mit dem Bild eines Blinden. In Ehren gehörten wird das Werk von Alois Klar jedoch immer noch. Das schlägt sich sogar im Ortsnamen nieder. Wir befinden uns ja hier am nördlichen Rand der Kleinseite, ganz nahe beim Waldstein Palast. Und dieser nur wenige Häuserblöcke umfassende Teil der Kleinseite wurde 1922 – also in den Zeiten der Ersten Republik (als man „Deutsche“ wie Klar an sich eher selten würdigte) – feierlich in Klárov umbenannt. Damit ehrten die Tschechen ihn als einen ihrer großen Wohltäter. Und dass er das war, daran bestand nie auch nur der geringste Zweifel. (DD)

Was vom Kloster übrig blieb

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dieses altertümliche Gebäude in der Na Zderaze 269/4 (Prager Neustadt) mit dem irgendwie nicht passenden Schornstein sei ein Zeugnis der frühen Industriellen Revolution in Böhmen. Tatsächlich ist es aber das, was von einem alten Kloster übrigblieb, das später verschiedenen, nicht-klösterlichen Zwecken zugeführt wurde. Das, was man hier sieht, ist die Probstei – eines von zwei Gebäuden, die vom alten Klosterkomplex erhalten sind.

Das Kloster von Zderaz (klášter Na Zderaze) wird im Jahr 1090 zum ersten Mal schriftlich erwähnt, als unter Vratislav II., dem ersten König Böhmens, hier von seinem getreuen Ritter Zderaz (daher der Name des Ortsteils) eine Kirche geründet wurde, die um 1190 zu einem Kloster des Ordens der Chorherren vom Heiligen Grab erweitert wurde. In dieser Zeit wurde auch die Klosterkirche Kirche St. Peter und Paul (Kostel sv. Petra a Pavla) vergrößert und im 14. Jahrhundert noch einmal gotisiert. Während der Hussitenkriege kam das Klosterleben zum Erliegen und die Kirche wurde verwüstet (die Neustadt, in der sie liegt, war Hochburg besonders radikaler Hussiten). Die Ordensleute waren darob so echauffiert, dass sie erst 1623 – als nach der Schlacht am Weißen Berg die Katholiken Böhmen wieder voll unter Kontrolle hatten – wieder hier einzogen und ihr Klosterleben zu führen.

1715 begann mit einer Großspende, die einen prachtvollen Ausbau ermöglichte, die große Zeit des Klosters. Nach den Entwürfen des italienisch-böhmischen Barockarchitekten Johann Blasius Santini-Aich (wir berichteten u.a. hier) wurde das Kloster vergrößert, modernisiert und auf Barock gestylt. 84 Mönche taten hier ihr Werk. Es gab ein Krankenhaus und eine Schule. Die Kirche wurde völlig neugebaut. Zusätzlich wurde noch eine kleine Kapelle zum Heiligen Geist (Kaple Božího hrobu, siehe Bild rechts) gebaut, eine damals in vielen europäischen Barockkirchen vorkommende Nachempfindung der Grabeskirche in Jerusalem. Die glückliche Zeit dauerte bis 1784 als im Zuge der Kirchenreform Kaiser Josephs II. das Kloster aufgelöst und säkularisiert wurde. 1789 war das Ganze in eine große Kaserne verwandelt, wo statt betenden Mönchen nun Soldaten, die gedrillt wurden, hausten. Und da die Soldaten eine Waffenschmiede brauchten, wurden auch Schornsteine errichtet.

Das ging so bis 1898. In diesem Jahr verschwanden die Kasernen innerhalb Prags und das Geländes des alten Klosters ging an die neu gegründete  Tschechische Technische Universität Prag (České vysoké učení technické v Praze; abgekürzt: ČVUT). Die hatte schon 1874 nebenan am Karlsplatz ihr neues Hauptgebäude errichtet (unser Bericht hier). In den Jahren 1904/05 wurden dann zur Erweiterung durch moderne Forschungseinrichtungen alle Gebäude (inklusive der Kirche St. Peter und Paul, was heutige Denkmalschütze zum Heulen bringen könnte) des Klosters abgerissen – bis auf die etwas gotisierte Grabkapelle zum Heiligen Geist, die nun in einem Innenhof abseits der Blicke der Touristen steht, und eben der Probstei, die neben der Kirche St. Peter und Paul zu den größten Bauwerken des Klosters gehörte.

Deren Gebäude gehört zu den späteren Ergänzungen der barocken Ausbauphase des Klosters und wurde im Jahre 1756 fertiggestellt. Hier residierte der (Stifts-) Probst, ein Titel, der bei den Chorherren soviel wie der Vorsteher eines eigenständigen Klosters bedeutet und in der Kirchenhierarchie direkt unter dem Bischof steht. Der brauchte natürlich so ein großes Amtsgebäude.

Die Barockfassade ist sehr schlicht und streng gehalten, weshalb sie aus der Ferne auf den ersten Blick schon fast wie ein Werk des Klassizismus wirkt. Deshalb wohl auch der erste, aber falsche Eindruck, dass es sich in Kombination mit dem Schornstein um ein frühes Fabrikgebäude handeltt. Heute befinden sich hier ein Teil der Verwaltung der ČVUT. (DD)

Erst Schule, später Staatssicherheit

In Prag findet sich manches Schloss, das keines ist. Zum Beispiel das Schlösschen in Strašnice, auf Tschechisch Strašnický zámeček genannt.

In der Tat sieht das Gebäude in der V Zátočce 42/1 so aus, wie es heißt – eben wie ein kleines Schloss. Doch tatsächlich wurde das Bauwerk im Stil der Neorenaissance 1877 im Auftrag der damals noch nicht von Prag eingemeindeten Gemeinde Strašnice (heute Prag 10) von dem Architekten und Bauunternehmer Emil Brabec (der u.a. auch die Kreditgenossenschaft im Stadtteil Karlín gebaut hat) als weiterführende Schule gebaut. Der putzige Turm, der etwas später aufgesetzt wurde, beherbergte anscheinend (so vermute ich) die Schulglocke. Neben dem „Schloss“ gab es damals einige „Pavillons“ genannte kleine Gebäude, die für Grundschüler der ersten bis achten Klasse gedacht waren.

Der Schulbetrieb endete 1909 als in der Nähe eine größere Schule erbaut wurde. 1950 verschaffte sich das Gebäude einen schlechten Ruf, weil hier die örtliche Sektion der kommunistischen Staatssicherheit einzog, um die Bevölkerung der Umgebung zu bespitzeln und einzuschüchtern. Die von der Stadt errichtete Infotafel neben dem Gebäude zeigt ein gestelltes Photo, wie ein Sicherheitsdienstler gerade einen dissidenten Jugendlichen abführt. Heute befindet sich hier die örtliche Polzeiwache, die aber dem Schutz der Bürger in einem nunmehr demokratischen Staat, und nicht der Terrorisierung der Bevölkerung wie unter dem Kommunismus dient. (DD)

Botschaft auf dem Gräberfeld

Auf den ersten Blick sieht dieses so schlichte Wappen mit dem putzigen Ritterhelm ein wenig wie ein eher moderner Souvenirartikel aus. Es ist aber tatsächlich ein altes Wappen. Nämlich das des altehrwürdigen, im 15. Jahrhundert in die Geschichte eintretenden Adelsgeschlechts Vratislav z Mitrovic (auch: Wratislaw von Mitrowitz). Deshalb befindet es sich auch über dem Eingang des Vratislav Palasts (Vratislavský palác) in der Tržiště 366/13 auf der Kleinseite.

Und der ist immer noch erste Adresse. So residiert hier heute unter anderem die Botschaft der Republik Irland. Kryštof František Vratislav z Mitrovic erwarb 1671 das Grundstück auf der Kleinseite und legte mehrere spätmittelalterliche Häuser, die sich hier befanden, zusammen, um daraus einen Palast im frühbarocken Stil bauen zu lassen. Einer seiner Nachfahren, Jan Václav Vratislav z Mitrovic, der es in den Jahren 1711/12 sogar zum Posten des böhmischen Oberstkanzler gebracht hatte, ließ das Gebäude in dieser Zeit noch einmal im hochbarocken Stil umbauen. Die Familie führte dann noch einmal Ende des 18. Jahrhunderts unter der Leitung des Baumeisters Josef Zika (auch: Sicka) weiter Umbauten durch.

Aber das heutige Aussehen verdankt das Gebäude einem umfassenderen Umbauprojekt, das in den Jahren 1824 bis 1834 durchgeführt wurde. Die barocken Stilelemente wurden dabei fast völlig durch den damals modernen Klassizismus ersetzt. Das sieht man nicht nur an der sehr formstrengen Fassade, sondern teilweise auf noch an den teilweise erhaltenen Wandmalereien innen, wier man im Bild rechts sehen kann, dass einen Tagungsraum des US-Kulturinstituts American Center zeigt.

Wie beim unmittelbar benachbarte Schönborn Palast (Schönbornský palác), der heute die amerikanische Botschaft beherbergt, wollte sich die Familie in diesen Zeiten nicht mehr im Palast leben. Das Gebäude wurde vermietet. In den Jahren 1861 bis 1876 befand sich sogar ein für Schüler aus der Kleinseite bestimmtes Gymnasium in den Palasträumen. Das Gebäude eignete wahrscheinlich sich wegen seines Gartens (Schulhof?) und seinen schönen und sehr klassizistischen Atrien (von denen man eines im Bild links sehen kann) tatsächlich recht gut für diesen Zweck. Danach wurde der Palast wieder vielfältig vermietet.

Ab 1948 regierten im Land die Kommunisten. Wie es dann nicht selten geschah, ließen die das Gebäude ein wenig durch Missbrauch und Vernachlässigung verkommen. nachdem dieses unerfreuliche Kapitel 1989 abgeschlossen war, ging man in den Jahren 1992 bis 1992 an eine Vollrenovierung, die mit größeren Moderniserungsmaßnahmen (etwa einer Tiefgarage) verbunden war. Als man damit fertig war, konnte man damit gleich auch einen politischen Missstand beheben. Die Aufgaben der Botschaft der Irischen Republik wurden nämlich über Jahrzehnte von Wien aus erledigt – so als ob das Habsburgerreich nicht 1918 untergangen sei. Das ging natürlich nicht. 1995 hatte man ein Einsehen und seither residiert die Irische Botschaft für Tschechien an diesem Ort.

Die Botschaft nutzt nicht das ganze Gebäude, und so haben sich noch einige andere Institutionen (wie das erwähnte American Center) und Firmen hier angesiedelt.

Ach ja, bei den Bauarbeiten für die Garagen fand man in Keller und Teilen des Gartens Reste eines alten Friedhofs. Der muss wohl im 11. Jahrhundert angelegt worden sein, wie Archäologen herausfanden, und rund 200 Jahre genutzt worden sein. Danach geriet er in Vergessenheit und wurde überbaut. Wahrscheinlich wäre den Bewohnern, die hier später residierten, aber auch den Schülern, die hier im Gymnasium lernten, ein leichter Schauer über den Rücken gelaufen, hätten sie gewusst, dass sie sich die ganze Zeit auf einem Gräberfeld befanden. (DD)

Ironie der Geschichte: Das Denkmal für die Studentenkolonie

Der heutige 17. November ist bekanntlich Nationalfeiertag in Tschechien, der Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (Den boje za svobodu a demokracii). Für die Kommunisten bedeutete er im Jahre 1989 etwas, das sie anscheinend nicht einmal ansatzweise verstehen oder vorhersehen konnten. Das kleine Denkmal auf der Letnáhöhe ist jedenfalls zugleich ein würdiger Gedenkort für die kleinen Helden der Freiheit als auch ein Dokument von falscher Selbsteinschätzung der Mächtigen.

Man findet es an einem etwas abgelegenen Ort auf einer Grünanlage bei der Tramhaltestelle Špejchar an der großen ul. Milady Horákové in Prag 7 Bubeneč. Es wurde buchstäblich an dem Tag errichtet, an dem die Samtene Revolution das Schicksal derer politisch besiegelte, die es errichteten. Worum ging es? Am 17. November 1939 hatten Studenten in Prag massiv gegen die Nazibesetzung demonstriert. Die Demonstration wurde blutig niedergeschlagen (siehe früheren Beitrag hier), blieb aber im Gedächtnis der Menschen als Freiheitsfanal bestehen. Obwohl es den meisten Demonstranten damals um Freiheit und Demokratie ging, versuchten die sich „antifaschistisch“ gerierenden Kommunisten nach ihrer Machtergreifung 1948, die Heldentat der Studenten für sich plakativ zu vereinnahmen. Der Ort hier schien genau der richtige zu sein.

Auf der Freifläche, wo heute das Denkmal steht, befand sich ab 1921 die Studentenkolonie Kolonka. Anfang der 1920er Jahre wuchs die Bevölkerung Prags und die Wohnungen wurden knapp. Das betraf vor allem auch die wachsende Zahl von Studenten, die zunehmend von Armut und Not betroffen war. Eine sehr engagierte Gruppe von Studenten gründete daraufhin eine Genossenschaft (die eine Art Vorläufer heutiger Studentenwerke war), die spezielle Wohnheime für Studenten bauen und betreiben wollte. Die Idee funktionierte. Es gab viele Spender, von denen Präsident Tomáš Garrigue Masaryk der prominenteste war. Schließlich gab es auch einen staatlichen Zuschuss für das Projekt. Der Architekt Miloš Vaněček entwarf eine Wohnanlage im kubistischen Stil, die von den Studenten größtenteils in Eigenarbeit errichtet wurde. Der Komplex wurde von den Studenten selbst verwaltet. Natürlich nahmen viele der Studenten am 17. November 1939 an den Demonstrationen gegen die Nazis teil. Die gnadenlose Antwort blieb nicht aus. SS-Einheiten stürmten das Areal, lösten die Kolonie gewaltsam auf, legten die Gebäude in Schutt und Asche und brachten vor allem die führenden Studenten in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Nach dem Ende der Nazizeit wurde die Kolonie wieder aufgebaut und betrieben, aber sie war nur noch ein Teil des (sozialistischen) staatlichen Studentenwohnheimbetriebs. 1979 wich sie der Straßenbahnschleife, die sich jetzt hier befindet.

Mit dem Denkmal sollte seitens der regierenden Kommunisten der 50. Jahrestag der Proteste von 1939 gebührend gefeiert werden. Es handelt sich um eine Steinstele, deren Umrisse vage einer menschlichen Figur entsprechen. Darauf befindet sich die Inschrift: „1921 – 1939 . Zde stála studentská kolonie Kolonka. Bašta pokrokové inteligence. 17. listopad 1989“ (auf Deutsch: 1921 – 1939. Hier stand die Studentenkolonie Kolonka. Bastion der fortschrittlichen Intelligenz. 17. November 1989). Unter der Inschrift befindet sich eine Skizze des Grundrisses der Kolonie. Entworfen wurde das Denkmal von der Malerin Marie Hlobilová – Mrkvičková. Es ist im Stil der Gründungszeit der Kolonie gehalten und enthält immerhin keinerlei kommunistische Symbolik, die heute irgendwie störend wirken könnte. Es strahlt angemessene Würde aus.

Trotzdem war die damalige Intention die einer Vereinnahmung. Sie funktionierte aber nicht mehr. Wenn sich Totalitäre (Kommunisten) als Gegenspieler zu anderen Totalitären (Nazis) und als Verteidiger der Demokratie (wie es die Studenten waren) aufspielen, ist das in der Tat schon unglaubwürdig. Parallel zu der Errichtung des Denkmals erlaubten die Kommunisten auch noch Gedenkdemonstrationen zu den Ereignissen vom 17. November 1939, an denen dann aber auffallend viele recht aufmüpfige Studenten teilnahmen. Sie schlugen in eine große Protestaktion gegen die Kommunisten und ihr Unterdrückungsregime um und markierten den Beginn der Samtenen Revolution. Ganz im Geist der Studenten von 1939 kämpfte man nun für die Freiheit – während die Kommunisten ihnen zur gleichen Stunde noch auf dem Letná dieses Denkmal setzten. Das nennt man Ironie der Geschichte. (DD)

Schule unter Denkmalschutz – leerstehend…

Jan Amos Komenský, den meisten Nicht-Tschechen als Johann Amos Comenius bekannt, war der große Vordenker der Pädagogik, dessen moderne Konzepte bis heute als bahnbrechend gelten (wir berichteten u.a. hier). Kein Wunder, dass der Theologe aus dem 17. Jahrhundert gerne als eine Art Schutzpatron von Bildungseinrichtungen verewigt wurde. Und so sieht man hier Comenius in Stuck auf der Fassade der Neuen Strašnicer Schule (Nová strašnická škola), wie er einem lesenden Schüler geistige Inspiration zukommen lässt.

Das im Stadtteil Strašnice an der Hauptstraße V Olšinách 200/69 gelegene Schulgebäude gehört zu den schönsten in Prag überhaupt. Die Freude über den Anblick wäre ungetrübter, wenn die Schule nicht öde und verlassen wäre und elendig vor sich hin verfallen würde. Dabei hatte alles gut begonnen, als sie im Jahre 1909 von dem Bauunternehmer Antonín Belada nach den Plänen des lokalen Architekten Josef Domek, dem Strašnice unter anderem auch die schöne Villa Miramare verdankt, erbaut wurde. Das Gebäude, das in einem historisierenden Jugendstil dekoriert ist, fungierte zunächst als Grundschule von Strašnice, das damals noch eine selbständige Stadt war und erst 1922 von Prag eingemeindet wurde.

Das auf dem großen Bild oben gezeigte Relief von Comenius ist nicht das einzige, das man jeweils unterhalb der Dachkante des Gebäudes findet. Ein anderes zeigt ebenfalls Comenius, und zwar seinen Tod. Als Protestant war er nach dem Sieg der katholischen Seite im Dreissigjährigen Krieg ins Exil geflohen, um dort seine pädagogischen Ideen zu verbreiten. Als sich 1670 der Tod nahte, bat er, am Ufer sitzend, das Meer beobachten zu dürfen, um so sein Leben friedvoll zu beenden. Das Bild ging tief in die tschechische Nationalmythologie ein.. Und so sieht man ihn auf dem rechts abgebildeten Relief mit segnender Gebärde zusammen mit einem trauernden Begleiter an der Nordsee sitzen.

Aber in Sachen Bildung dreht sich in Böhmen ja historisch gesehen nicht alles nur um Comenius. An der seitlichen Fassade findet man einen anderen Bildungshelden des Landes: Kaiser Karl IV. Der hat ja bekanntlich 1348 die erste Universität im Lande, die nach ihm benannte Karlsuniversität, gegründet, worüber wir u.a. hier berichteten. Das links abgebildete Relief zeigt ihn in der Mitte des Bildes neben einem Studenten beim Gründungsakt mit Urkunde. Es begleitet ihn dabei der erste Erzbischof Prags, Ernst von Pardubitz (rechts im Bild). Der umtriebige Erzbischof, der auch als Gründer des  Veitsdoms (auch hier) in die Geschichte einging, wurde als Vertrauter des Kaisers auch zugleich der erste Kanzler der Universität.

Beim vierten der Reliefs, das sich ebenfalls an der Seitenfassade befindet, zeigt kein Kapitel der Bildungsgeschichte, sondern ein Sück Nationalmythologie, dass damals im Jahre 1909 fester Bestandteil des tschechischen Bildungskanons war. Wir dehen drei Gestalten aus der vorgeschichtlichen Legendenwelt. Man sieht Fürstin  Libuše, die Stammmutter des Herrschergeschlechts der Přemysliden, das Böhmen zu historischer Größe verhalf. Man sieht sie hier in der Mitte ihrer Schwestern, der Heilerin Kazi und der Priesterin Teta.) siehe u.a. unseren Beitrag hier) bei einer ihrer berühmten Weissagung auf der alten Burg des Vyšehrad, das Prag dereinst eine große und bedeutende Stadt werde – da lag sie richtig. Hellseherei ist eben nicht immer Aberglaube…

Über Jahre fungierte das Gebäude als Grundschule von Strašnice. Den Zweck des Gebäudes zelebrierte man schon über dem Haupteingang mit der Inschrift Našim dětem (Unseren Kindern) – über einer pastoralen Szene platziert.

Zu Ende des Zweiten Weltkriegs rückte das Gebäude kurz in den Mittelpunkt der Stadtgeschichte. Während des Prager Aufstandes gegen die Nazibesetzer im Mai 1945 (siehe auch hier, hier und hier), waren hier kurz Truppen der Aufständischen untergebracht. Dessen gedenkt man mit einer (für tschechische Verhältnisse recht unauffälligen) Gedenktafel neben dem Eingang.

Anderer Helden gedachte man auch dem Schulgelände mit größerem Aufwand. Auf der Grünfläche davor steht seit 1921 ein großes Denkmal für die Tschechoslowakischen Legionäre im Ersten Weltkrieg. Bei den Legionen (wir berichteten u.a. hier und hier), die der zentrale Nationalmythos der Ersten Republik waren, handelte es sich um Kampftruppen von Tschechen, die nicht auf Seiten des Habsburgerreichs (dessen Bürger sie ja waren), die auf Seiten der gegnerischen Entente (Russland, Italien und Frankreich) in autonomen Einheiten kämpften, um ihr Land (d.h. Böhmen und später auch die slowakischen Gebiete Ungarns) in die Unabhängigkeit zu führen. Das stattliche Denkmal wurde von dem Bildhauer Josef Jílek gestaltet. Es zeigt eine etwa lebensgroße, muskulöse Männergestalt auf einem Sockel, die einen Kranz über einen Helm legt. Als Modell für den Soldaten hatte Jílek sein Bildhauer-Kollege František Duchač-Vyskočil gestanden, der selbst in Italien bei der Legion gedient hatte. Das Denkmal aus Kunststein war über die Jahre ein wenig verfallen und wurde 2020 wieder sorgfältig restauriert.

2009 endete jeglicher Schulbetrieb. In einem etwas undurchsichtigen Verfahren schloss die Stadtregierung von Prag 10 die Schule, um das Gebäude angeblich für sinnvollere Projekte zu nutzen, aus denen aber nie etwas wurde. Dazu gehörte irgendwann, dass es Sitz eines neuen Rathauses werden sollte. Stattdessen wählte man aber die teurere Lösung, ein Neues Rathaus zu bauen. Alles scheint dubios zu sein. Auf jeden Fall steht die Schule seither leer. Eine Bürgerinitiative hatt sich gegründet, um die Stadt zu einer sinnvollen Nutzung des überaus schönen Gebäudes zu drängen. Ab und an wird es für Kulturveranstaltungen genutzt. Ende 2016 wurden hier zum Beispiel Szenen der amerikanischen Serie Genius über Albert Einstein (einen anderen Drehort der Serie stellten wir hier vor) gedreht.

Die ungewöhnlich langen und vielen Jahre des Leerstands beginnen sich langsam in katastrophaler Weise bemerkbar zu machen. Als „Warnschuss“ an die Stadtregierung hat die Denkmalschutzbehörde das Gebäude 2014 zu erhaltenswerten Denkmal erklärt. Bewirkt hat das noch wenig. Besonders beim Anblick der langsam überwucherten Rück- und Schulhofseite (die insgesamt weniger schön gestaltet wurde als die Vorderseite) könnte man ins Heulen geraten. Das muss nicht sein, was da geschieht. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die Verantwortlichen bald einmal einen Ruck geben, und das Gebäude fesch renoviert einer sinnvollen Nutzung zuführen. (DD)

Strenger Kindergarten

Das hätte dem alten Pädagogen, der da streng von seinem Sockeln herunterschaut, gefallen: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich auch in Böhmen immer mehr die Idee des Kindergartens durch. Die Industrielle Revolution (die in Böhmen weiter fortgeschritten war als in anderen Teilen des Habsburgerreichs) hatte dazu geführt, das Kinder arbeitender Eltern (insbesondere in den ärmeren Schichten) oft ohne Betreuung blieben und Gefahr liefen, der Verwahrlosung anheimzufallen.

Anfangs waren sie bisweilen bloße Aufbewahrungsstätten, aber nun sah man sie in vielen Kommunen als Teil eines umfassenden pädagogischen Konzepts zur Volksbildung. So auch in Vinohrady (Prag 2), wo die heutige Grundschule in der Jana Masaryka 360/25 im Jahre 1887 ursprünglich als Kindergarten gegründet worden wurde. Es war die zweite Einrichtung dieser Art überhaupt in der damals von nicht zu Prag gehörenden Gemeinde Vinohrady (die Eingemeindung erfolgte erst 1922).

Dem Gebäude merkt man an, dass hier den Kindern nicht das spielerische Lernkonzept heutiger Kindergärten, sondern knallharte Pädagogik im Vordergrund stand. Es mutet nach strenger Erziehung an und es sieht nicht so aus wie ein Kindergarten, sondern eher wie eine Schule – was es aber erst in den späten 1940er Jahren wurde.

Das zweistöckige Gebäude ist in dem für diesen Teil Vinohradys das Stadtbild prägenden Neo-Renaissance-Stil erbaut. In dieser Zeit herrschte in der Stadt bereits eine gewisse Separation zwischen dem deutschen und dem tschechischen Teil der Bevölkerung, was öffentliche Einrichtungen anging. Dies hier war definitiv ein tschechischer Kindergarten gewesen. Das aufkommende Nationalbewusstsein wird auch optisch zelebriert. Über dem Eingangsportal schaut mit ernstem Blick die Büste von Tomáš Štítný herab, den wir schon hier erwähnt hatten (großes Bild oben). Der war ein Theologe und Volksbildungsschriftsteller, der viele spätere Ideen des Hussitentums vorwegnahm und als einer der ersten Theologen auf Tschechisch predigte und auch auf Tschechisch religiöse Schriften schrieb – eine in der Zeit der Erbauung des Kindergartens zum Nationalhelden stilisierte Figur. Die Kinder, die hier erzogen wurden, sollten also nicht nur gebildet, sondern auch national gesonnen sein. (DD)

Wo Hermes prangt

Der Gott Hermes war für die alten Griechen der Beschützer des Handels (und der Diebe, aber das spielt hier jetzt keine Rolle). Wen wundert es, dass sein geflügeltes Konterfei gleich über dem Portal der alten Tschechoslowakischen Handelsakademie (Českoslovanská akademie obchodní) in der Resslova 1780/8 (Neustadt) prangt?

Die wurde schon 1872 gegründet – allerdings an einem anderen Standort nahe des Hauses bei Rott (Dům U Rotta) am Malé náměstí nahe des Altstädter Rathauses. Unter dem ersten Rektor, Emanuel Tonner, gab es 135 Schüler, die damals satte 120 Goldstücke für den Unterricht zahlen mussten. Die Nachfrage war so groß, dass man 1882 auf dem kurz zuvor aufgelassenen Gefängniskomplexes nahe der Kirche des Heiligen Wenzel von Zderaz (Kostel sv. Václava na Zderaze), über den wir hier berichteten, ein neues und großes Gebäude errichtete – eben das hier vorgestellte. Der Architekt war der Baumeister Václav Nekvasil, der es in einem feinen Neorenaissancestil erbaute, der harmonisch zu dem antiken Hermes passt.

Die Handelsakademie erwies sich als ein sehr fortschrittliches Institut. Schon im Semester 1906/07 wurden erstmals 49 Mädchen zum Studium zugelassen, die nicht nur als Heimchen am Herd enden, sondern beruflich in bisherige Männerdomänen eindringen wollten. Das passte auch „geographisch“, da schon 1896 der Böhmische Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český) genau auf der anderen Straßenseite (Resslova 1940/5) seine Schule für Mädchen aus armen Elternhäusern aufgemacht hatte, worüber wir bereits hier berichteten. Der progressive tschechische Geist war den Bürokraten der Habsburgermonarchie in den Zeiten des Ersten Weltkriegs suspekt. Lehrbücher wurden verboten, einige Lehrer verhaftet. Nur Notunterricht lief noch. In der Ersten Republik wuchs die Akademie zwar, aber die Planungen für ein neues Haus andernorts liefen schleppend. Als 1939 die Nazis kamen, wurde der Betrieb erst einmal bis 1945 gewaltsam geschlossen, weil er als Hort des Widerstands galt. Die Machtergreifung der Kommunisten im Februar 1948 stieß bei den Studenten ebenfalls auf Protest. Viele beteilgten sich an dem Demonstrationsmarsch von Studenten zum Präsidentenpalast, der von der bereits kommunistisch unterwanderten Polizei gewaltsam niedergeschlagen wurde. Mehrere Professoren wurden entlassen, 17 Studenten und 2 Professoren wurden vor Gericht gezerrt, etliche von ihnen zur Zwangsarbeit in die Uranminen geschickt. Andere konnten noch in den Westen fliehen. Der Lehrplan wurde auf Marx/Engels umgestellt und man durfte keine „unabhängigen Unternehmer für kapitalistische Unternehmen“ mehr ausbilden. Um die Sache abzurunden, wurde die Akademie in Hochschule für Wirtschaft umbenannt.

Auf der anderen Straßenseite erfolgte währenddessen die Gleichschaltung und dann 1971 die Auflösung des Frauen-Erwerb-Vereins. Dessen Gebäude wurde 1961 enteignet und der Handelsakademie übergeben, die dorthin umziehen musste. Der Umzug, so vermerkte man damals bitter, war eine Zwangsaktion und kostete die Akademie auch mehr als das beschlagnahmte Vermögen des aufgelösten Vereins hergab. Und populär wurde der Kommunismus hier nie. 1989 bildete sich mit der Samtenen Revolution ein Bürgerforum von Studenten und Professoren, das nach Kräften beim Sturz der Tyrannei mithalf und Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht forderte. Am Ende konnte man doch auf eine schöne Tradition zurückblicken, die sich 1993 auch in dem Beschluss wiederspiegelte, den alten Namen – Tschechoslowakische Handelsakademie – wieder einzuführen, obwohl es seit dem 1. Januar dieses Jahres gar keine Tschechoslowakei mehr gab.

Und auch das Gebäude erinnert immer noch an die gute ale Zeit. Das ist der Hermes, der über dem Portal ist, aber auch der Hermes, den man oben im Giebel bewundern kann, oder die zahlreichen anderen skupturalen Elemente in einem feinen Jugendstil, der sich perfekt in die Neorenaissance-Fassade einschmiegt. Dazu passt auch der jugendstilige Schriftzug průmyslobchodpeněžnictví (Industrie, Handel, Finanzen) über dem ersten Stock.

An der Fassade im Erdgeschoss befindet sich auch noch eine Gedenktafel mit Portraitreflief für den Dichter Josef Václav Sládek, der sich als Übersetzer der Werke Shakespeares, Byrons und Hawthornes hervorgetan hatte, und von 1872 bis 1900 in der Handelsakademie als Englischlehrer wirkte. Der intellektuelle Horizont des Hauses reichte wohl immer über die bloße Ökonomie hinaus.

Das Hauptgebäude der Akademie liegt immer noch gegenüber im aten Gebäude des Frauen-Erwerb-Vereins, aber hier wurde die weiterführende Berufschule und die Business Academy (Českoslovanská akademie obchodní dr. Edvarda Beneše) untergebracht, die der Akademie angeschlossen sind. Die Kontiunität der Nutzung des Gebäudes ist also gewahrt. (DD)

Hort der Frauenrechte

Die drei Damen, die da als Büsten verewigt ihren Platz in der Fassade gefunden haben, sind nicht nur ein dekoratives Element. Sie machen klar: In diesem Gebäude in der Resslova 1940/5 in der Neustadt wurde ein großes Stück der Geschichte der Frauenrechte im Lande geschrieben.

Es begann mit dem Elend nach dem für Kakanien unglücklich verloren gegangenen Krieg gegen Preußen von 1866. Der hinterließ unzählige Frauen, die als Witwen oder Waisen ohne Chancen auf ein Auskommen unverschuldet ins Elend gerieten. Es gab kein Bildungssystem, das ihnen Wege hätte eröffnen können. Es war dies die Stunde von emanzipierten Frauen, wie die Schriftstellerin und bürgerliche Frauenrechtlerin Karolina Světlá (früherer Beitrag hier), Frauenbildung voranzutreiben und Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen. Zusammen mit einigen Mitstreiterinnen gründete Světlá 1871 den Böhmischen Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český), einem Bildungsverein für Frauen aus armen Verhältnissen. Der Verein gründete noch im gleichen Jahr eine Schule unter der Leitung von Johanna Kuffnerová.

Zur Finanzierung entfachten die Frauen ein Feuerwerk von Spendensammlungen, Auktionen, Lotterien, Basaren und Konzerten. Der Erfolg gab ihnen recht. In den ersten 30 Jahren absolvierten in der Schule (die 1890 um die höhere Bildungseinrichtung Minerva, das erste Mädchengymnasium in Böhmen überhaupt, ergänzt wurde) 18.000 Mädchen und junge Frauen eine Ausbildung – meist in praktischen Fähigkeiten, die das Auskommen sichern sollten. Flankiert wurde die Bildungsarbeit immer von politischen Forderungen. Světlá war zum Beispiel 1865 Mitbegründerin der Americký klub dam (Klub amerikanischer Damen), der mit seinem Namen ausdrücken wollte, dass man in Böhmen gerne das Ausmaß an Frauenrechten haben wollte, das man im liberaleren Amerika schon kannte.

Das setzte sich auch fort, als Světlá 1880 den Vorsitz des Vereins an Emilie Bártová weitergab, die sich ebenfalls beim Klub der Amerikanischen Damen engagierte. Ihr folgte 1891 Eliška Krásnohorská (früherer Beitrag hier), die wohl zu den bedeutendsten Gestalten der böhmischen Frauenrechtsbewegung gehört. In ihre Zeit als Vorsitzende des Frauen-Erwerb-Vereins fällt der Bau des hier vorgestellten Gebäudes. Verein und Schule hatten zur Zeit der Gründung in der Spálená Straße (nahe der Kirche der Dreifaltigkeit; früherer Beitrag hier) in der Neustadt und ab 1879 in der Bartolomějská (Altstadt) residiert. Das Gebäude war inzwischen zu klein geworden. 1894 erwarb man nach einer großen Spendenaktion das Gründstück an der Resslova (das zuvor erst Klosterbesitz, dann Gefängnisareal gewesen war; siehe hier). 1896 konnte das Gebäude, das von dem Architekten und Baumeister Josef Blecha im Stil der Neorenaissance erbaut worden war, in Anwesenheit des Prager Bürgermeisters Jan Podlipný (der für einen Zuschuss der Stadt gesorgt hatte) und anderer Prominenz eröffnet werden.

Über dem zweiten Stock befinden sich im Mittelrisalit drei Büsten, die von links nach rechts die Gründerinnen des Vereins Krásnohorská, Bártová und Světlá. Die Büsten sind dem Stil des Gebäudes angepasst, weshalb sie vielleicht ein wenig zu süßlich wirken und die drei Frauen nicht so recht wie harte Frauenrechtskämpferinnen aussehen lassen. Das Gebäude diente, wie gesagt, nicht nur als Ausbildungsstätte, sondern auch als Zentrum für politische Aktivitäten. Krásnohorská nutzte es beispielsweise als Redaktionsraum für die schon 1873 von ihr herausgegebene erste böhmische Frauenzeitschrift Ženske listy (Frauenblätter). Zusätzlich zur Büste erinnert eine 1931 von der Bildhauerin Karla Vobišová-Žáková erstellte Gedenktafel mit einem Reliefportrait an sie.

Der Erwerbsverein betrieb das Zentrum noch lange weiter. Die Nazis unterbrachen den Betrieb, aber 1945 konnte er wieder aufgenommen werden. Die Kommunisten, die 1948 die Macht ergriffen, versuchten, den Verein gleichzuschalten und von seinen liberalen Wurzeln zu lösen. 1961 wurde das Gebäude in der Resslova entschädigungslos enteignet. Seither gehört es der tschechoslowakischen Handlesakademie (Českoslovanská akademie obchodní), die schon zuvor ein Gebäude auf der anderen Straßenseite hatte (siehe kleines Bild oberhalb links). 1971 kam der Todesstoß und der Verein löste sich auf. (DD)