Kubistischer Zaun um kleinen Brunnen

Man mag es nicht glauben, dass nicht der Brunnen mit der Skulptur, sondern der kleine Zaun, der ihn umgibt, die eigentliche kunsthistorische Attraktion ist. Denn genau hier, zog mit ihm im altstädtischsten Teil der Altstadt, dem Altstädter Ring (Staroměstské náměstí), die Moderne ein.

Zunächst einmal denkt man sich wohl wenig, wenn man direkt bei der barocken St.-Nikolaus-Kirche (Kostel svatého Mikuláše), dort wo die Pařížská einmündet, den winzigen Brunnen mit den Delphinen (Kašna s delfíny) bemerkt. Der steht hier seit 1906 und war damals als eine Art optischer Übergang von der modernisierten Pařížská und dem Ring gedacht.

Als Architekten der Brunnenanlage traf man eine sehr konventionelle Wahl. Rudolf Kříženecký war ein Spezialist für Neo-Renaissance und damit geradezu prädestiniert, etwas zu entwerfen, dass sich ganz und gar in das traditionelle Umfeld einpasste. Er gab den drei zu einer Einheit zusammengefügten Brunnenbecken die Form eines dreiblättrigen Kleeblatts und lehnte dessen Gestaltung an die geschwungenen Barockformen der Kirche an.

In der Mitte des Brunnens setzte man eine Skulptur mit drei ineinander verschlungenen Delphinen – die dann ja auch dem Brunnen den Namen gaben. Sie wurden lange dem bekannten Bildhauer Jan Štursa (dem wir u.a. schon hier und hier begegneten) zugeschrieben. In letzter Zeit gibt es Zweifel daran. Möglicherweise sind sie auch ein Werk des Malers, Bildhauers und Dramatikers František Hnátek. Angeblich war dem Rat der auf dem Höhepunkt seiner großen Karriere befindliche Štursa zu teuer gewesen und so entschied man sich für den weniger bekannten/teueren (aber dennoch talentierten) Hnátek, heißt es.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich beide Bildhauer zu einem eher modernen Stil hin bewegt. Štursa experimentierte mit dem Kubismus, Hnátek mit dem Symbolismus. Wer immer hier am Werke war, die Delphine sind jedoch immer noch sehr historistisch und konventionell gehalten. Im Grunde entspricht auch das Trio der Meeressäuger ziemlich vollständig den Konventionen des Barock.

Aber schon sechs Jahre später zog die Moderne kraftvoll ein. Was wahrscheinlich kaum jemand unter den sich hier drängenden Touristen bemerkt. Weil in der Nische in der er sich befindet, auch gerne allerlei Unrat abgelegt wurde, beschloss man 1912 den Brunnen zu umzäunen. Damit beauftrage man einen der damaligen „Stars“ des Kubismus, Josef Chochol (dessen Bauwerke wir u.a. bereits hier und hier vorstellten). Ganz schön viel Prominenz für solch ein winziges, nur wenige Zentimeter hohes Zäunchen! Chochol schuf nun ein aus typisch geometrischen Formen zusammenegsetztes Gitterwerk, das durch oktagone Steinpfosten getragen wird. Klein, aber fein, und typisch kubistisch ist das Ganze. Der Kubismus wurde bald eine Art tschechischer Nationalstil. Und wer in der Altstadt nach dem Beginn ebendieses Kubismus‘ sucht, der sollte diesen kleinen Zaun um diesen kleinen Brunnen nicht übersehen. (DD)

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