Jung und originell

Kleinbrauereien sind der große Trend in Prag. Das ist eine gute Nachricht für alle, die das Besondere lieben. Ständig findet man Dinge, die man noch nicht ausprobiert hat. So zum Beispiel die Andělský pivovar, die so heißt, weil sie in der Lidická 337/30 in Anděl liegt, einem sich gerade voll hip gentrifizierenden Ortsteil von Prag 5.

Und die Andělský pivovar (Anděl-Brauerei) verkörpert den modernen Neu-Lokalismus des Viertels in archetypischer Weise – experimentierfreudig und tendenziell an ein junges Publikum gerichtet. Ende 2018 weihte man die Braugaststätte ein, die dann im Januar 2019 richtig eröffnete. Gemanagt wird der Laden von Milan Rejholec und Jan Macek. Ins Team dazu geholt hat man sich natürlich auch einen spitzenmäßigen Braumeister, nämlich Adam Roudnický, der schon in der leider seit 2019 geschlossenen, aber damals hoch-innovativen Altstadt-Kleinbrauerei U Dobřenských (wir berichteten hier) sein enorm großes Brauertalent gezeigt hatte.

Das ganze Team ist, wie das Publikum recht jung, was aber niemanden (wirklich: niemanden!), der ein paar winzige Jahre mehr auf dem Buckel hat, von einem Besuch abhalten sollte. Die Braugaststätte, die einen kleinen Barraum, einen großen Bierkeller mit altem Kellergewölbe und im Sommer einen Biergarten hat, ragt durch Originalität aus der sowieso schon recht vielfältigen Kleinbrauereiszene der Stadt heraus. Schon die blitzblanken Braukessel im Schaufenster stimmen den Trinkwilligen auf das ein, was da kommt.

Neben den gut gemachten tschechischen Klassikern ležák (Lager) und polotmavé (Halbdunkel) gibt es vor allem höchst experimentelle Biere. Zwei sieht (schmecken geht leider nicht per Internet; noch nicht…) man oben im großen Bild – rechts das im Augenblick bei jungen Leuten trendige Pale Ale, das hier in der ultrahopfigen Variante als BrutALE 12° daherkommt, links das leicht fruchtige Lavendel-Bier. Klingt gewöhnungsbedürftig, schmeckt aber überraschend natürlich und nicht süßlich. Keine Bedenkenträgerei, einfach trinken! Die meisten Gäste halten sich die Maxime und die Zapfhähne sind ständig in Betrieb ob der Nachfrage.

Lobend hat Braumeister Roudnický letztens in der Presse erwähnt, dass diese Freude am Experiment („Weltunikate!“) auch etwas damit zu tun habe, dass die Eigner ihm grundsätzlich freie Hand für seine Kreativität ließen: „Die Besitzer der Brauerei lassen mir freie Hand, also überlege ich mir Specials und konsultiere möglicherweise nur die Zutaten oder den Stil des Bieres. Und dann sorge ich natürlich dafür, dass das hier gebraute Bier für die notwendige Zeit in den Tanks reift.“ Man sieht es hier, dass sich Mut zur Innovation und zur freien Hand für Kreativität unternehmerisch lohnt!

Ja, und natürlich ist es so, dass derjenige, der gut trinkt, zum Ausgleich wenigstens nicht schlecht essen soll. Die kleine Speisekarte bietet vielseitig Passendes. Da findet man die tschechischen Klassiker (z.B. Gulasch), Essen für die Jugend (spezielle Burger) und Internationales (Bulgur-Risotto). Der Hammer ist das kleine Angebot an Nachtischen. Die sind in der Regel mit Bier zubereitet – mit was sonst? Jedenfalls ist das Lebkuchen-Bier-Eis, das hier abgebildet ist (es gibt übrigens auch ein Lebkuchenbier!) ein Gaumenschmaus.

Das, zusammen mit dem rund einem halben Dutzend Biersorten, die man probieren sollte, verlangt nach einem Körper mit gutem Fassungsvermögen. Da beruhigt schon das Motto, das die Gaststätte auf ihren Bierdeckeln verbreitet: „Pivo dělá hezká těla!“ Auf Deutsch reimt sich das leider nicht so schön wie im tschechischen Original, aber die Botschaft stimmt – oder, man will zumindest fest glauben, dass sie stimmt: „Bier macht schöne Körper!“ (DD)

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