Brutalistische Konsumwelt

Schön finden muss man sie tatsächlich nicht, aber irgendwann kommt der Moment, wo man sich einer gewissen Faszination nicht entziehen kann. Die Rede ist von der Architektur des realsozialistischen Brutalismus, der vor allem in den 1970er Jahren auch in Prag seine Spuren hinterließ (frühere Beiträge hier, hier und hier).

Die brutalistische Ästhetik sorgt immer wieder für Diskussionen. Alles abreißen? Oder als Kulturgut schützen? Soll man Werke einer Kunstepoche verschwinden lassen, weil man (zurecht) ihren historischen Kontext nicht mag? Das sind schwierige Fragen. Im April 2019 kam jedenfalls das tschechische Kulturministerium – nachdem es zuvor des öfteren entsprechende Forderungen abgelehnt hatte – zum Schluss, dass eines der prominentesten Gebäude dieses Stils in der Prager Innenstadt zum geschützten Denkmal erklärt werden solle.

Es handelt sich um das von dem Architektenehepaar Věra und Vladimír Machonin entworfene Einkaufszentrum Kotva (das tschechische Wort für „Anker“) am náměstí Republiky 656/8.

Zwischen 1972 und 1975 wurde der monumentale Bau errichtet. Dazu hatte man sogar (was in den Zeiten des Kommunismus eher unüblich war) eine schwedische Baufirma angeheuert. Es handelte sich um ein Prestigeobjekt, das der ganzen Welt die angeblich gloriose Konsumwelt des Realsozialismus vorgaukeln sollte. Deshalb musste das Projekt auch ohne jede Verzögerung in Angriff genommen werden.

Das hatte natürlich Folgen: Historiker und Denkmalschützer bedauern bis heute, dass dabei archäologische Spuren früherer Phasen der Besiedlung des Areals (darunter eine Burg des Ordens der Deutschherren, eine Barockkirche und spätere Bürgerhäuser) dem Gebäude ohne weitere Untersuchung zum Opfer fielen. Aber man wähnte sich damals in Eile. So steht das Kotva jetzt am Rande des Platzes der Republik (Náměstí Republiky) mit seinen historischen Häusern (meist Jugendstil), zu denen es zumindest ein kraftvolles ästhetisches Kontrastprogramm liefert.

Und tatsächlich entfacht der Bau eine geradezu bezwingende Wirkung, wenn man plötzlich davorsteht. Die Ästhetik des puren Stahls, Glas‘ und vor allem Betons, die man zur gleichen Zeit im Westen ebenfalls finden konnte, wurde in der realsozialistschen Welt noch einmal heroisiert und ideologisiert als Fanal des Fortschritts- und Gestaltungswillens. Kühn hat das Architektenpaar das ganze Gebäude aus zahlreichen verschachtelten Hexagonen zusammengesetzt. Die vorderen stehen dabei „freischwebend“ auf Pfeilern, die nach oben ausfächern. Die gleiche Pfeilerkonstruktion setzt sich auch innen fort.

Von außen definieren eine mit unregelmäßigen vertikalen Linien versehene graphit-schwarze Metallhülle und in ebenso schwarze Stahlrahmen gefasste Glasfenster das Erscheinungsbild des Gebäudes. Beton ist außen nur an wenigen Stellen zu sehen. Alleine diese Gestaltungsmerkmale machen das Kotva zu einer Besonderheit.

Ansonsten kommt das Gebäude mit extrem wenig ornamentalen Elementen aus. Fast verloren und ein wenig unpassend zum Gesamtbild wirkt da schon das Seerosenmotiv in Bronze, das den Eingang zur Passage schmückt (Bild rechts).

Innen setzt sich vor allem die niedrige Decke von der hohen Luftigkeit moderner Kaufhausbauten ab. Ansonsten war das Kotva damals „State of the Art“. Es gab sogar zwei Rolltreppenschächte mit je fünf Rolltreppen, die ein problemloses und bequemes Bewegen zwischen den Stockwerken ermöglichte.

Und natürlich wollte man damals der Welt gegenüber zeigen, das das Land in Sachen Konsumgüter das Weltniveau erreicht hatte. Es war ein umfangreiches Alles-unter-einem-Dach-Angebot vogesehen. Das gelang Dank der unvermeidlichen Versorgungslücken in der damaligen Planwirtschaft wohl nicht immer so recht. Seit der Samtenen Revolution von 1989 und der Einführung der Marktwirtschaft bestehen diese Probleme nicht mehr. Allerdings hat das Kotva heute eher den Charakter eines Einkaufzentrums mit Schwerpunkt auf Luxusgüter und weniger den eines klassischen Warenhauses. Und das ist die Ironie der Geschichte: Die feine kapitalistische Warenkultur kontrastiert nun auf seltsame Weise mit der strengen sozialistischen Architektur, die sie umgibt. (DD)

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