Brutaler Verfall

Der oft als Brutalismus bezeichnete ultramodernistische Baustil der 1960er und 1970er Jahre, der gerade in Prag äußerst kühne Konstruktionen aus rohem Beton und Stahl hervorgebracht hat, findet nach einer langen Zeit allgemeiner Verachtung in letzter Zeit immer mehr Liebhaber. Einge Gebäude stehen bereits unter Denkmalschutz. Und der Abriss von Gebäuden (wir berichteten hier) ist oft heftig umstritten. Wenig regt sich hingegen, wenn ein langsamer und allmählicher Verfall einsetzt. Ein solches Trauerspiel kann man bei dem Kaskadenbrunnen im Folimanka Park in Prag 2 am netten Flüsschen Botič beobachten.

Dabei wäre ein Aufschrei angebracht, denn der Brunnen ist Teil eines der hochkonzentriertesten Ensembles an brutalistischer Baukunst in ganz Prag. Sie liegt, wie man oben im großen Photo erkennen kann, zwischen der 1972 bis 1976 nach den Plänen des Architekten Jiří Siegel erbauten Sporthalle Folimanka (Sportovní hala Folimanka), die wir bereits hier besprachen, und der 1973 eröffneten Nusle-Brücke (früherer Beitrag hier), die damals noch nach dem stalinistischen Kommunistenchef Klement Gottwald benannt war.

Beide Gebäude gelten als Meisterwerke des Brutalismus in Prag und der Brunnen, der beide optisch ein wenig verbindet, entstand zur gleichen Zeit in den Mitte-1970ern. Möglicherweise war auch hier Architekt Siegel der Gestalter und Planer.

Der an einem Abhang liegende Brunnen bestand ursprünglich aus sechs rechteckigen Becken (einige eher Rinnen) aus Stahlbeton, aus denen Wasser von einem zum anderen floss.Unter dem fünften (unteren) Becken befindet sich ein Tank und ein Maschinenraum, der der Bewässerung des Parks dient, in dem es auch noch andere Brunnen zu sehen gibt. Etwas, so finde ich, stört der Eingangsbereich des Maschinenraums die Ästhetik des Brunnens, aber das ist wohl Geschmacksache. Auch jeden Fall handelt es sich um ein kolossales Werk.

Im Jahr 1981 wurde das Ganze noch einmal künstlerisch aufgemöbelt. Der Restaurator und Bildhauer Čestmír Mudruňka, ein Schüler des berühmten Bildhauers Karel Pokorný (siehe auch hier), fügte dem obersten Becken einen Ausguss/Wasserspeier aus Bronze in Blumenform hinzu. Kurz darauf folgten Čenda und Pepina – eine lebensgroße Statue eines Jungen, der im unteren Becken steht und zur lebensgroßen Statue eines Mädchens aufblickt, das auf dem Ausguss eines anderen Beckens (die Stelle sieht man im Bild rechts) sitzt. Die Gruppe mit den beiden Kindern stammte von dem Bildhauer Bohumil Zemánek, der (was damals gewagt war) stark von der amerikanischen Pop-Art beeinflusst war. Das Statuenensemble war zwar nicht brutalistisch im eigentlichen Sinne, gefiel aber den Leuten als besonders niedlich.

Die beiden Figuren waren stets recht populär, obwohl (oder weil?) sie eigentlich in ihrer niedlichen Art, zu dem Rohbeton-Brutalismus des Brunnens im Widerspruch standen.Aber anscheinend dann doch nicht bei allen Mesnchen. Schlechte Menschen gibt es immer wieder.

Denn die Figuren und der Brunnen wurden immer wieder Opfer von Übergriffen durch Vandalen. 2005 wurde zuerst der Junge Čenda, im Jahr darauf das Mädchen Pepina abmontiert. Sie verbringen nun ein tristes Dasein in einem Depot von Prag 2, was inzwischen auch für den Wasserspeier gilt. In dieser Zeit machten sich auch weitere Verfalls bemerkbar. Wasser floss nicht mehr.

Die Pflanzenwelt überwucherte den Beton und trug zur weiteren Erosion bei. 2006 das unterste Becken wegen Baufälligkeit abgerissen. Und natürlich können Sprayer es nicht lassen, den Kaskadenbrunnen immer wieder recht kunstlos zu verunstalten.

Was heute noch zu sehen ist, könnte das Herz des Brutalismusfans immer noch höher schlagen lassen, denn die Grundidee der Anlage ist immer noch zu erkennen – ohne die Skulpturen möglicherweise sogar noch deutlicher. Aber der Verfall und die Überwucherung nehmen zu. Man würde die Kaskaden gerne wieder in Betrieb sehen. Aber dazu wird es wohl nicht kommen. Eine – wahrscheinlich recht teure – Restaurierung ist jedenfalls von der Stadtregierung von Prag 2 nicht geplant. Man sieht das Ende langsam, aber brutal kommen, wenn nicht in näherer Zeit ein Umdenken erfolgt. Vorher sollte man sich noch einmal auf den Weg über dem Brunnen begeben, um die wohl brutalistschste Aussicht der Stadt zu genießen, wie man sie oben auf dem großen Photo sieht. (DD)

An der Quelle des Brutalismus

Prag – das ist nicht nur Altstadt. Es ist auch ein Paradies für diejenigen, die den in den 1960er/1970er Jahren in Ost und West aufkommenden Architekturstil lieben, der kühne Konstruktionen in Stahl, rohem Beton und Glas formte, und den man heute liebevoll Brutalismus nennt. Wenn man herausfinden will, wo der in Prag seinen Ursprung hatte, dann fange man bei der Suche bei den Gebäuden des Verbands der Projektateliers (Budovy Sdružení projektových ateliérů) in der Vyšehradská 2075/51ff an, die sich in der Neustadt, ganz nahe beim Karlsplatz und dem mittelalterlichen Emmauskloster, befinden

In den 1960er Jahren hatte sich das kommunistische Regime so gefestigt, dass man sich Lockerungsübungen zutraute. Zu den Betonköpfen durften sich nun vorsichtig einige Avantgardisten gesellen, die Abseits der stalinistischen Vorgaben kreative Projekte in Sachen Stadtplanung realisieren wollten. Designer und Architekten mussten sich allerdings in dem 1948 (dem Jahr der Machtübernahme der Kommunisten) gegründeten staatlichen (Einheits-)Verband Stavoprojekt (Bauprojekt) als Zwangsmitglieder organsieren. Dort war man immer noch recht eingeengt, und so wagten 1966 einige Reformer die Gründung einer neuen Dachvereinigung, eben des Verbands der Projektateliers. Weil es ihr Metier war und sie ein Beispiel für ihr Können liefern wollten, nahmen sie schon 1967 den Bau eines eigenen Gebäudes für Architekturbüros in Angriff. Die Pläne dazu entwickelten die beiden späteren Stararchitekten Karel Prager (wir stellten ihn u.a. hier und hier vor) und Jiří Kadeřábek.

Das Resultat sieht man heute. Es handelt sich um drei aus Rechteckformen zusammengesetzte, ineinandergreifende vierstöckige Gebäude. Dafür verwendete man eine vom Architekten und Designer Ladislav Richtr entworfene Stahlkonstruktion aus I-Trägern, die speziell für das Gebäude von den Stahlwerken Vítkovice in Frýdek-Místek hergestellt wurden. In diese Konstruktion wurden die von Prager gestalteten Hängefassaden aus viel Glas und Stahl eingepasst.Die oberen Stockwerke ragen auf Kragträgern freitragend weit über den Sockelbau hervor, was auch heute noch ausgesprochen kühn konstruiert wirkt. Ursprünglich waren vier Gebäude geplant, aber 1968 wandelten sich die Zeiten, als die Armeen des Warschauer Pakts den Prager Frühling gewaltsam beendeten. 1969 konnte eines der Architektenbüros (Karel Pragers Atelier Gama) schon provisorisch einziehen. Der vierte Block wurde aber gestoppt. Als der Gebäudekomplex 1973 fertiggestellt und 1974 eröffnet wurde, war der bis dato recht unabhängig agierende Verband der Projektateliers schon längst in das städtische Projektinstitut für Bauwesen (Projektový ústav výstavby Prahy) eingegliedert worden, das 1971 eingerichtet wurde.

Da es aber auch in den Zeiten der repressiven Normalisierung kein Zurück in die Zeiten des stalinistischen Zuckerbäckerstils gab und die Kommunisten eine „progressive“ Fassade wahren wollten, wurden dennoch viele moderne Projekte weitergeführt und realisiert. Prager, Kadeřábek, Věra und Vladimír Machonin, Jan Šrámek, Karel Filsak und etliche andere Modernisten arbeiteten im Projektinstitut mit und 1972 durfte Prager sogar das neue Parlamentsgebäude (heute Neues Gebäude des Nationalmuseums) entwerfen. Tatsächlich fing erst in den späteren 1970er Jahren die Architektur des Brutalismus in Prag an, so richtig an Boden zu gewinnen.

Und das passend gestaltete Gebäude in der Vyšehradská war so etwas wie die Keimzelle des Ganzen. Um die Kreativität der Designer, Planer und Architekten zu anzuregen, legte man um das Gebäude sogar einen kleinen Park mit viel Grün an. Die Zeit des Brutalismus (nicht die der Kreativität) neigte sich allerdings Mitte der 1980er Jahre dem Ende entgegen und kurz darauf war es 1989 auch mit dem Kommunismus vorbei. Und damit auch mit dem Projektinstitut, das 1990 aufgelöst wurde. Heute residert hier neben einigen kleineren Planungsbehörden und einigen Mietbüros vor allem seit 2017 das Zentrum für Architektur und Stadtplanung (Centrum architektury a městského plánování, auch CAMP genannt), eine Art Nachfolgeorganisation des Verbandes der Projektateliers, in dem avantgardistisches Denken selbstredend eine (auch politisch gefahrlose) Selbstverständlichkeit ist.

Der Gebäudekomplex liegt ein wenig eingezwängt zwischen dem Kloster und einem Häuserblock an der vom Karlsplatz wegführenden Na Moráni, der noch aus dem späten 19./frühen 20. Jahrundert stammt. Der wäre abgerissen worden, hätte man den vierten Block des Projektgebäudes realisiert. Insbesondere zum Kloster bildet das Ganze den maximalen ästhetischen Kontrast, aber man hat die Höhenproportionen immerhing so bemessen und angepasst, dass die mittelalterliche Anlage nicht dominiert und optisch unterjocht wird.

Zudem ist es in diesem Sinne für das ästhetische Zusammenwirken der beiden Gebäude fast ein „Glücksfall“, dass der Turm der Klosterkirche in den 1960er Jahren im modernen Stil wiedererbaut worden war, nachdem er 1945 einem Bombenangriff zum Opfer gefallen war. Bei Sonnenlicht spiegelt sich der neue Turm dekorativ in der Glasfassade des Projektatliers.

Natürlich kam ein für Kreative entwickeltes Gebäude nicht ohne Kunst am Bau aus. Hier kommt übrigens das Lieblingsmaterial aller Brutalisten, der Rohbeton, eher zum Tragen als bei dem äußerlich mehr durch seine Glasfassaden auffallenden Gebäude selbst. Das fängt mit dem abstrakt bemusterten Reliefband an, das die Sockel der drei Hauptgebäude und die gleich hohen Dachränder der verbindenden Zwischengebäude umläuft. Sie sind ein Werk des bekannten akademischen Bildhauers Miloslav Hájek, einem Schüler des an der Akademie für Kunst, Architektur und Design Prag (Vysoká škola umělecko-průmyslová) lehrenden Bildhauers Josef Wagner (wir erwähnten ihn bereits hier).

Wagner, obwohl als eher klassischer Realist kein „Brutalist“, hatte auch noch einen anderen Schüler, der an der künstlerischen Ausgestaltung der Projektateliers mitwirkte – und dies con gusto im Sinne des Brutalismus. Miloslav Chlupáč stellte 1972 vor dem Gebäude auf Seite der Vyšehradská eine Art Grundstücksmauer oder -zaun (wer kann so etwas bei moderner Kunst erkennen?) auf. Palisaden (palisády) heißt das aus gegeneinander verschobenen, schräg positionierten Rohbetonpfeilern bestehende Mauerwerk, in dessen Zwischenräumen sich seltsame (geradezu organisch wirkende) Ausbeulungen befinden. So etwas wäre damals auch im Westen state of the art gewesen, muss man neidlos zugeben.

Vor Chlupáčs Palisaden wird einem endgültig bewusst, dass man sich bei diesem Ort an der wahren Quelle des Brutalismus (und, das sei der Fairness halber gesagt, anderer avantgardistischer Stilrichtungen) in Prag befindet. Ein must für die Freunde von Glas und rohem Beton! (DD)

Gigantomanie für Massenturnen

Noch im allmählichen Verfall strotzt dieses Gebäude nur so von dem gigantomanen Selbstbewusstsein, das zu seiner Entstehung beitrug. Geht man die Fassade entlang, so sieht man rohen Beton und Stahl in brutalistischer Manier kühn geformt. Das zunehmend zerbröselnde Material verleiht dem Ganzen den Eindruck eines Relikt einer längst vergangenen sozialistischen Zukunft.

Dieser erste Eindruck stimmt zwar, aber doch eben nicht ganz. Das große Stadion Strahov (Velký strahovský stadion) im Stadtteil Břevnov kann auf eine Geschichte zurückschauen, die lange vor der Machtergreifung der Kommunisten 1948 begann. Der nach außen getragene Eindruck sozialistischen Brutalismus ist das Ergebnis von größeren Umbauten in den Jahren 1962 bis 1972, die von den Architekten Zdeněk Kuna, Zdeněk Stupka und Oliver Honke-Houfek durchgeführt wurden, aber nicht das ganze Gebäude betrafen. In dieser Zeit war Brutalismus allerdings auch im Westen der letzte Schrei. Man muss diesen Stil nicht mögen, aber zumindest ist es schwer, von den aberwitzigen Treppenkonstruktionen der Ostseite nicht fasziniert zu sein.

Allerdings sind größere Teile des Stadions älter und lassen sich nicht in diese Kategorie pressen, was man erst bei genauerem Hinsehen bemerkt. Die südliche und die nördliche Seite wurden zum Beispiel in dieser Form in den Jahren 1938/39 (nach der Kriegsunterbrechung 1947/48 fortgesetzt) erbaut und basieren auf den Plänen der Architekten Ferdinand Balcárek und Karel Kopp. Man kann schön erkennen, dass es sich hier eindeutig um frühe funktionalistische Gebäude handelt.

Im Grunde sind Süd- und Nordflügel sogar recht konventionell gebaut, denn man behielt bei den Stützpfeilern für die großen Tribünen sogar den klassizistischen Säulenrhythmus bei. Alles ist geradlinig strukturiert; kein Experiment in Formbarkeit von Materie. Das war in den 1930er Jahren gerade bei Stadionbauten ein allgemein zu beobachtender Trend. Die Tatsache, dass aber auch hier schon Stahl und Beton verwendet wurden, sorgt dafür, dass die Unterschiedlichkeit der Stile nicht unmittelbar auffällt. Allerdings war auch diese Materialwahl nicht die ursprüngliche, denn die Bauspase von 1938/39 war nicht die erste gewesen.

Schon 1926 hatten die Planungen für das Stadion begonnen, für die sich der damalige Stararchitekt Alois Dryák (frühere Beiträge u.a. hier und hier) verantwortlich zeigte. Der Originalbau hatte an der Süd- und Nordseite noch Holztribünen, die dann eben in den 1930er Jahren durch die heute sichtbaren Betonbauten ersetzt wurden. An der Westseite kann man immer noch sehen, dass die Höhendimensionen des ersten Stadions deutlich geringer sind als die neueren Bauteile.

Auch die Ziegelbauweise deutete noch auf eine bescheidenere Außendarstellung hin. Was nicht heißen soll, dass das Stadion damals bescheiden in seinen Ausmaßen war. Im Gegenteil: Die Fläche des Stadions war damals wie heute gigantisch. Die Fläche umfasst in ihren Maßen mehr als sieben konventionelle Fußballfelder. In seiner Blütezeit konnte das Stadion fast 250.000 Zuschauer fassen.

Warum so groß? Nun, das Sportfeld wurde in der Zeit der Ersten Republik (1918-1939) vor allem vom Turnerbund Sokol (Falke) genutzt. Der diente nicht nur der Körperertüchtigung, sondern war in den Zeiten des Habsburgerreichs im 19. Jahrhundert eine durchaus politische Organisation, die sich dem Ziel der Selbstbestimmung Böhmen und der Tschechen verschrieben hatte. Dazu organisierte der Sokol immer wieder Turnfeste mit Massenbeteiligung und synchroner Gymnastik, was als demokratische Demonstration der Stärke gedacht war.

In der Republik waren diese Turnerfeste, die immer gigantischere AUsmaße annahmen, ein Teil der Staatsfolklore. Präsident Masaryk besuchte die Feste regelmäßig. Eine zeitlang wurde das Stadion sogar bisweilen Masaryk Stadion (Masarykův stadion) genannt. Auch hier blieben die Spiele im republikanischen Sinne politisch. 1938 standen sie unter dem Motto, dass man sich dem drohenden Krieg und den Nazis entgegenstellen wollte; die Spiele 1948 waren ein letztes Aufbäumen gegen die Diktatur der Kommunisten, die gerade die Macht ergriffen hatten.

Die Kommunisten nahmen an dem republikanischen und bürgerlichen Geist der Sokolnationalfeste natürlich Anstoß und verboten sie einfach, nachdem sie in den ersten Jahren noch versucht hatten, sie zu „übernehmen“. Allerdings passte das Massenturnen und die Synchronisation von Menschen im gleichen Rhythmus doch irgendwie in die ästhetische Werbemasche der neuen roten Herren. Also führten sie stattdessen eine ideologisch kompatible Variante der Feste ein, die Spartakiaden. Die nochmalige Vergrößerung des Stadions im brutalistischen Stil passte hier klar ins Konzept. Die Feste fanden alle vier Jahre Fest und beim Fest von 1985 kündigte man bereits frohgemut die Spiele von 1989 an. Aber da kam schon das Ende des Kommunismus durch die Samtene Revolution. Da war es wieder vorbei mit den Spartakiaden.

Der erste Präsident der demokratischen Tschechischen Republik, Václav Havel, ließ es sich 1994 nicht nehmen, das erste große Sokolfest zu eröffnen. Und nach dem Kommunismus gab es ja auch Grund zum großen Feiern. 1990 spielten hier die Rolling Stones vor 100.000 Menschen, darunter Václav Havel daselbst. Das Stadion war der Ort, wo man Spaß hatte.

Aber, schon damals bemerkte man das Abbröckeln des Betons. Es wurde immer riskanter, riesige Menschenmassen auf die Tribünen zu lassen. Die zugelassenen Sportevents (etwa Polo) wurden immer kleiner und es gab eine Diskussion, ob man das Stadion nicht abreißen sollte. Teile wurden immerhin 2003 mit Geldern der Stadt Prag für den Fußballverein AC Sparta Praha (Athletic Club Sparta Praha fotbal a.s.) renoviert, aber eben nur Teile. Es diente nun als Trainungszentrum. Seit 2014 gehört das Stadion der Stadt. Neben den Trainings gibt es dort nun einige Läden. Nur noch kleine Jugendsportveranstaltungen finden hier statt, meist mit nur wenigen hundert Zuschauern.

Vor dem Stadion steht ein Turm, den (wohl nicht nur) ich zunächst für einen organischen Teil des Ganzen hielt, weil er eine ebensolche Beton- und Stahl-Ausstrahlung hat wie das Stadion. Er hat aber nichts damit zu tun. Unter dem Stadion verläuft nämlich seit 1997 der Strahov Tunnel (Strahovský tunel), der eine schnelle Umfahrungsmöglichkeit für Autofahrer bietet, die sich nicht durch die enge Innenstadt quälen möchten. Der riesig dimensionierte Turm ist in Wirklichkeit nur ein Belüftungsschacht für den Tunnel – allerdings einer, der zu der Gigantomanie des Stadions passt. (DD)

Die Brücke der Kommunalpolitiker

Sie haben es geschafft, ihr Andenken zu erhalten. Denn es ist nicht anzunehmen, dass sich sonst noch jemand an die meisten von ihnen erinnern würde. Als die Brücke 1912 nach fünfjähriger Bauzeit eröffnet wurde, gab es darüber in der Öffentlichkeit durchaus Unmut und Kritik über den bei Politikern durchaus üblichen Willen zur Selbstdarstellung. Aber worum ging es eigentlich?

Es ging zunächst einmal um die Hlávka-Brücke (Hlávkův most), die von den damaligen Kommunalpolitikern anscheinend genutzt wurde, sich selbst Denkmäler zu setzen. Mit der Brücke sollte eine Anbindung des Zentral-Schlachthofes (heute ein riesiges Markt-Gelände) in Holešovice zum am östlichen Ufer der Moldau gelegenen und heute nicht mehr existierenden Bahnhof Těšnov im Stadtteil Karlin geschaffen werden . Sie kreuzte dabei die im Fluss gelegene Štvanice-Insel mit der schönen Elektrárna Štvanice (Wasserkraftwerk Štvanice). Das war eine sinnvolle Infrastrukturmaßnahme.

Die Brücke trägt ihren Namen nach dem bedeutenden Architekten, Kunstförderer und Wissenschaftsmäzen Josef Hlávka, über den wir schon hier berichteten. Und an der Realisierung waren etliche große Architekten und Bildhauer beteiligt, so dass man sagen darf, dass es neben der Karlsbrücke kaum eine andere Prager Moldaubrücke gibt, die so reich und hochwertig skulptural ausgeschmückt ist. Erbaut wurde sie von 1909 bis 1912 von dem Architekten Pavel Janák und dem Ingenieur František Mencl. Vor allem Janák gilt als einer der bedeutendsten Architekten des frühen 20. Jahrhundert und als einer der Pioniere des Kubismus, von dem man schon bei dieser noch einem historisierenden Jugendstil verpflichtenden Brücke Spuren erkennen kann. Zusammen mit dem Architekten Vlastislav Hofman sollte er dann später 1911 bis 1916 die erste vollständig kubistische Brücke, die Mánes-Brücke, erbauen.

Jánaks und Mencls Brücke reichte vom Ostufer zur Insel, wo sie mit der 1908 bis 1910 von dem Architekten František Prášil Stahlbrücke zusammenwuchs, die Altstadt und Insel verband, und die wiederum eine Fußgängerbrücke aus dem Jahre 1869 ersetzt hatte. Die neue Gesamtbrücke war mit 16 Metern Breite (die 1958 bis 1962 auf 28 Meter verbreitert wurde) allerdings den neuen verkehrstechnischen Bedürfnissen der Großstadt angepasst. Der Straßenbelag bestand übrigens ursprünglich aus Hartholz. Mit zunehmendem Autoverkehr wurde der aber zu einer Gefahrenquelle ersten Ranges (Rutschrisiko) und nach dem Zweiten Weltkrieg durch Asphalt ersetzt. Prášils Brücke fiel im Gegensatz zu der Jánakschen/Menclschen Brúcke 1962 sozialistischer Stadtplanung zum Opfer und wurde durch ein recht brutalistisch anmutendes Konstrukt des Architekten Stanislav Hubička (wir berichteten hier) ersetzt, das man im Bild oberhalb links sehen kann.

Nun aber doch zum Stein des Anstoßes, den Skulpturen. Kein Zweifel: an Kunst und Qualität sparte man hier nicht. Nur die besten unter den böhmischen Bildhauern wurden angeheuert, um die aus drei großen (über den Fluß) und vier kleinen Bögen (auf der Insel) bestehende Brücke kulturell aufzurüsten. Schon am Ufer bei Holešovice fährt man beim Auffahren zwischen gigantischen (jeweils 5 Meter hoch, 16 Tonnen schwer!) Allegorien auf die Humanität (kleines Bild links) und auf die Arbeit (rechts) hindurch – beide ein Werk des bekannten Bildhauers Jan Štursa, den wir u.a. schon hier erwähnten.

Auch gegen die überlebensgroßen Reliefs mit Aktdarstellungen (m/w) der beiden damaligen Starbildhauer Bohumil Kafka, und Ladislav Kofránek lässt sich künstlerisch und auch sonst nichts einwenden. Beide waren Schüler des großen Josef Václav Myslbek, dem wir die Reiterstatue des Heiligen Wenzel auf dem Wenzelsplatz verdanken – ein Nationalbildhauer, sozusagen! Kafka sollte später die riesige Reiterstatue des Hussitenführers Jan Žižka auf dem Nationaldenkmal am Vítkov erschaffen. Die Skulpturen machen die Brücke jedenfalls zusammen mit ihren klassischen Versatzstücken zu einem echten Kunstwerk. Man findet sie dort, wo die Brücke die Insel überquert. Es handelt sich um frühe Moderne vom besten!

Nein, es geht vielmehr um die 12 Portraitbüsten, die den Brückenverlauf zum Ostufer an beiden Seiten säumen. Jede mit medaillenförmiger Rahmung in Stein rund 2,5 Meter hoch. Sie sollten ursprünglich und eigentlich bedeutende zeitgenössische Personen aus Technik und Gesellschaft darstellen. Auch sie sind künstlerisch über jeden Zweifel erhaben. Schließlich waren sie das Werk der großen Bildhauer Josef Mařatka und Otto Gutfreund (auch ein Pionier des Kubismus!), die bis heute ihren Ehrenplatz in der Kunstgeschichte innehaben. Aber die Auswahl der Porträtierten kam dann doch für die Öffentlichkeit überraschend.

Fand man den Namensgeber der Brücke, Josef Hlávka, darunter? Fehlanzeige! Oder gar den Architekten Jának? Auch Fehlanzeige! Eigentlich hatten nur die Ratsherren, die das Projekt genehmigt hatten, beschlossen, dass sie selbst und einige ihrer Vorgänger den Ehrenplatz an der Brücke verdient hätten. Motto: Kommunalpolitiker ehren Kommunalpolitiker. Die Zeitgenossen wunderten sich. Aber immerhin lernen wir dadurch heute, während wir die große Porträtkunst Mařatkas bewundern, dass es einmal (zur Zeit des Brückenbaus) einen zweiten Stellvertretenden Bürgermeister namens Václav Kasalický (kleines Bild links) gab, der einen großen Schnäuzer trug. Eine bedeutsame Erkenntnis, das mit dem Schnäuzer! Bildung schadet ja nicht.

Tomáš Černý, den man auf der gegenüber liegenden Seite der Brücke bewundern kann, hatte einen kleineren Schnäuzer (dafür durch einen Spitzbart ergänzt), aber dafür hatte er es immerhin 1882 zum Ersten Bürgermeister gebracht. Das ist ja nicht nichts, um es mit der typisch tschechischen Doppelnegation auszudrücken. Aber inzwischen ist ja sowieso Gras über die ganze Angelegenheit gewachsen. Was bleibt, ist der künstlerische Wert der Skulpturen, der ja nie bestritten wurde. Auch ihn kann man am besten erschließen, wenn man die Brücke von der übrigens recht großen und sogar per Fähre (und natürlich über die Brücke) erreichbaren Štvanice Insel aus besichtigt, die sowieso mit ihren gepflegten Grünanlagen zum Spazieren einlädt.

Und am Ende ereignete sich in den frühen 1980er Jahren die vielleicht oder vielleicht auch nicht günstige Schicksalsfügung, dass zwei der Büsten irreparabel zerstört waren. Das bot die Chance zu einer gewissen Wiedergutmachung. Der Bildhauer František Häckel wurde damit beauftragt, neue Büsten anzufertigen. Und so sind – wenngleich verspätet – Hlávka und Jának doch noch zu Ehren gekommen. Ihre beiden Büsten, von Häckel in Dampfbeton gestaltet, befinden sich seit 1984 an prominentester Stelle an der flussabwärts gewandten Seite der Brücke. Ästhetisch sind sie gut eingepasst. Auf dem Bild links sieht man den gabelbärtigen Hlávka links und den glatzköpfigen Jának rechts oberhalb eines Brückenpfeilers – wo sie auch hingehören. (DD)

Jakobsleiter in Kobylisy

Roher Beton und Stahl. Brutalistisch ragt der Turm 26 Meter in die Höhe. Nähert man sich von der Ferne, weiß man nicht, ob es sich bei ihm und dem dazugehörigen Gebäude nicht doch um eine Sendestation oder ähnliches handelt. Tatsächlich haben wir es aber mit einem besonders interessanten modernen Kirchenbau zu tun.

Es handelt sich um die Kostel U Jákobova žebříku (Kirche zur Jakobsleiter) in der U Školské zahrady 1 im Stadtteil Kobylisy (Prag 8), die Gemeindekirche der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (Českobratrská církev evangelická) in diesem Stadtteil. Ihr auf den ersten Blick merkwürdiges oder zumindest unkonventionelles Aussehen (das durch die architektonische Öde drumherum noch einmal herausgehoben wird) verdankt sie den zwei Bauphasen, die sie in ihrer spannenden Geschichte durchlief.

Als eigenständige Kirchengemeinde gibt es die in Kobylisy erst seit 1939. Das ehemalige Dorf war nach seiner Eingemeindung im Jahre 1922 stark gewachsen. In den 60er und 70er Jahren wurden zusätzlich große Plattensiedlungen erbaut, Nun wurde auch die seit den 50er Jahren als Gotteshaus genutzte ehemalige Schreinerei zu klein. Ein Ausbau wurde vom kommunistsichen Staat nicht genehmigt. Im Gegenteil: Das Areal sollte ebenfalls mit Plattenbauten überzogen werden. Es gelang der Gemeinde, die Behörden, die in dieser Zeit eine gewisse Entspannung des Verhältnisses zu den Kirchen suchten, zu überzeugen, dass ein neues Grundstück zur Verfügung gestellt wurde. Dank einer Teilfinanzierung aus dem Ausland seitens des Hieronymus-Vereins war der Bau 1968 gesichert.

So wurde die Kirche nun in den Jahren 1968 bis 1971 von dem renommierten Schweizer Architekten Ernst Gisel erbaut. Es handelte sich um ein modernes rechteckiges Gebäude, dessen funktionalistischer Stil durch die Holzarchitektur über dem ersten Stock unkonventionell aufgelockert wurde. Wie bei modernen evangelischen Kirchen üblich, fungierte der Bau nicht nur als bloßes Gotteshaus, sondern auch als soziales Zentrum mit Übernachtungsmöglichkeiten für Besucher. Ursprünglich hieß das Gebäude Heiliggeistkirche, der aber 1997 in Kirche zur Jakobsleiter geändert wurde. Der nunmehr gewählte Name der Kirche bezieht sich auf die im Alten Testament überlieferte Traumvision Jakobs in Genesis 28, 11-19, in der eine in den Himmel führende Leiter erscheint, auf der Engel auf- und absteigen.

Die schlechte Bauqualität (bedingt durch sozialistische Mangelwirtschaft) ließ die Kirche schon in den 80er Jahren leicht baufällig werden. Zudem stießen sich viele Gemeindemitglieder daran, dass die Kirche optisch durch nichts an eine Kirche erinnerte. Im Jahr 2000 ließ man die beiden tschechischen Architekten Radovan Schaufler und Jakub Roskovec die Kirche umfassend renovieren und umbauen. Ihre große Neuerung war der Turm mit zwei Glocken, der ein wenig durch seinen Stahlaufbau an das Motiv einer Leiter erinnerte. Architektonisch war dies eher ein Rückgriff auf den sozialistischen Brutalismus als der Ursprungsbau. Aber er passte und ließ die Kirche etwas kirchlicher aussehen, die nunmehr von vielen Architekturkritikern als ein besonderes Meisterwerk der Moderne in Prag hervorgehoben wird. (DD)

Brutalismus und Sport

Dass der Brutalismus als Architekturstil gut zum Thema Sport passen könnte, hatte man schon in den Zeiten des Sportunterrichts in der Schule unterschwellig geahnt. Aber beim Anblick dieses Gebäudes wird es zur Gewissheit. Die Rede ist von der Sporthalle Folimanka (Sportovní hala Folimanka).

Und dann steht das Ding auch noch direkt bei einem anderen gigantomanischen Werk des Brutalismus, der 1973 eröffneten Nusle-Brücke (früherer Beitrag hier), die damals noch nach dem stalinistischen Kommunistenchef Klement Gottwald benannt war. Kurz: Wer hier im Folimanka Park in Vinohrady am netten Flüsschen Botič ein wenig spazieren geht, kommt als Freund dieses Stils voll auf seine Kosten.

Der Brutalismus: Nachdem irgendwann der stalinistische Zuckerbäckerstil auch bei den Kommunisten „out“ war, fand man in den kommunistischen Ländern in den 1970er Jahren wieder zu einem architektonischen Formalismus zurück, der unter Stalin ein geradezu todeswürdiges Verbrechen war. Mit Beton, Stahl und Glas wollte man in abstrakter und funktionalistischer Manier den kühnen sozialistischen Gestaltungswillen ausdrücken, ohne die frühere Volkstümelei zu pflegen. So etwas gab es zu dieser Zeit auch im Westen, sollte der Fairness halber hinzugefügt werden.

In diesem Geist wurde in den Jahren 1972 bis 1976 die Folimanka-Sporthalle nach den Plänen des Architekten Jiří Siegel erbaut. Sie sollte primär der Pflege des Basketballsports dienen. Dafür war Spiegel der richtige Mann, denn er war nicht nur ein geschulter Architekt mit einem Hang zu sportbezogenen Gebäuden (z.B. das Skiresort Poustevnik in Pec pod Sněžkou, Riesengebirge), sondern auch selbst Basketballspieler der Weltklasse, gehörte er doch 1948 zur tschechoslowakischen Olympiamannschaft in diesem Sport.

Heraus kam dabei ein geradezu archetypischer Brutalismusbau mit quadratischem Grundriss (40x40m) und einer nach oben sich abschrägenden Fassade, die mit schwarzem Schiefer und in Stahl gefasstem verdunkeltem Glas besteht. Das Ganze wirkt schon ein wenig düster und eben brutal.

Selbst der nicht unter kommunistischer Herrschaft aufgewachsene Mensch wird bei näherem Hinschauen dann doch gemeinsamkeiten mit dem eigenen, westlichen Erfahrungshorizont finden. Denn wir befinden uns ja stilistisch in den 1970er Jahren. Und in dieser Zeit galt in Ost und West gleichermaßen, dass guter Geschmack in Sachen Farbe ein bürgerliches Vorurteil sei und der emanzipatorischen Entwicklung der Menschen im Wege stünde. Gerade als Kontrast zu dem grau-schwarzen Schiefer der Fassade konnte das eulenförmige Logo, dass sich der Designer Karel Pekárek für das Gebäude ausdachte nur in der systemübergreifenden Modefarbe der Zeit gehalten sein, einem quietschfarbenen Orange.

Das setzt sich auch andernorts fort. Etwa an der Beschriftung oberhalb der Eingangstore oder an deren Öffnungsgriffen. Auch im Inneren soll das ganze Wegweisersystem in dieser geschmackvollen Farbe gestaltet sein – ein wahres Retrovergnügen für jeden, der dieses Zeit erlebt hat. Innen ist das seit 1992 als Denkmal registrierte Gebäude zahlreichen Änderungen und Modernisierungen unterzogen worden, aber immerhin ist wohl die eigentliche Halle im Originalzustand.

Aber auch außen hat man sich um Kunstsinn bemüht. Vor dem Haupteingang steht zum Beispiel – wenngleich zum Schutz vor Vandalismus (der unter Sportfans im Bannkreis des Brutalismus möglicherweise besonders gedeiht) ein wenig eingezäunt, eine Skulptur. Die Statue eines Basketballspielers ist das Werk des Bildhauers Zdeněk Němeček. Sie wurde im Jahr 1977 hier aufgestellt, also ein Jahr nach Eröffnung der Halle. Obwohl der Schluss naheläge, handelt es sich bei der schlaksigen Gestalt wohl nicht um ein Portrait des Erbauers Jiří Siegel aus der Zeit als Spieler in der Nationalmannschaft.

Die Sporthalle dient vor allem als Heimspielstätte des USK Praha (Univerzitní Sportovní Klub Praha), einem der erfolgreichsten tschechischen Basketballteams. 14 Mal gewann er den Meistertitel des Landes; einmal sogar den FIBA Europapokal der Pokalsieger. Aber auch Judo oder Gymnastik werden hier betrieben. Deshalb steht eine kleine Bronzeskulptur mit dem Titel Gymnastka (Gymnastin) neben dem Gebäude auf dem Folimanka Park. Sie ist das Werk des Bildhauers Václav Frydecký. Das sich grazil verrenkende Mädchen steht hier seit 1981. (DD)

Mordor wird Geschichte

Mordor nennen die stets zu hintersinnigem Humor bereiten Prager das Gebäude bisweilen, weil es eine menschenleere Öde zu werden scheint, wie Saurons Reich in Herr der Ringe. Andere nennen es Štrougalova – nach dem kommunistischen Ministerpräsidenten Lubomír Štrougal, der im Januar 1980 das Zentrale Telekommunikationsgebäude (Ústřední telekomunikační budova) feierlich eröffnete.

Damals war es das größte seiner Art in der Welt und man war richtig stolz darauf.

Nun scheint es, dass es zu jenen Bauwerken des sogenannten realsozialistischen Brutalismus ist, das bei der Dauerdebatte, ob man diese Art moderner Kolossalarchitektur in rohem Beton, Glas und Stahl als Denkmal schützen (Beispiel hier) oder abreißen (hier) soll, wohl im Jahre 2022 den Kürzeren ziehen wird. Das Gebäude, das den Stadtteil Žižkov (Prag 3) in diesem Gebiet optisch mitprägte, ja fast ein Wahrzeichen war, wird dann wohl verschwinden.

Es handelt sich um einen Gebäudekomplex in der Olšanská Straße, der aus großen quaderförmigen Hochhäusern besteht, aus denen der sehr charakteristische Sendeturm mit seiner kühnen, nach oben sich entfaltenden Dachkonstruktion (großes Bild) herausragt. Der höchste Punkt liegt immerhin in 96 Meter Höhe. Über 72.000 Quadratmeter Nutzfläche stehen im Gebäude zur Verfügung. Das machte es zum damals größten Gebäude in der Tschechoslowakei überhaupt. Zu besten Zeiten konnten hier 2500 Menschen arbeiten, denen mehrere Kantinen und sogar ein Kino geboten wurden.

Entworfen wurde der Komplex von einem ganzen Architektenkollektiv, bestehend aus František Cubr, Zdenĕk Pokorný, Josef Hruby, František Štráchal und Vladimír Oulík, die allesamt sich bereits eine internationale Reputation als Meister funktionalistischer Baukunst erworben hatten. Die Bauarbeiten fanden zwischen 1972 bis 1979 statt und wurden von einer schwedischen Baufirma durchgeführt. Das war nicht unüblich in der Spätphase des Kommunismus, wie man am Beispiel des einen brutalistischen Gebäudes sehen konnte, das in Prag tatsächlich unter Denkmalschutz gestellt wurde, nämlich dem Einkaufszentrum Kotva in der Innenstadt (früherer Beitrag hier).

In den 1990er Jahren gehörte das Gebäude der staatlichen Telefongesellschaft SPT Telecom, danach der privaten Telefonica O2 und heute der von O2 abgespaltenen Telekommunikations-Firma CETIN des tschechischen Milliardärs und Investors Petr Kellner. 1998/99 wurden Teile der Gebäude neu und wärmedämmend mit Alumnium und Glas verkleidet. Das Ganze wurde so kostengünstiger, was Heizkosten anging. CETIN will das Gebäude jedoch 2022 trotzdem verlassen. Das Material erodiert, die Wartung ist zu teuer und die Technik entspricht nicht mehr den Bedürfnissen heutiger Telekomunternehmen. Schon jetzt stehen große Teile leer und öde da – Mordor eben. Kurz: Mit dem Auszug von CETIN wird das Gebäude abgerissen. 2019 gab es einen Architekturwettbewerb, wer denn das hier entstehende New Žižkov Centre – ein großer Wohn- und Bürokomplex – bauen soll. Gewonnen hat ihn die in London lebende tschechische Meisterarchitektin Eva Jiřičná (früherer Beitrag hier).

Man kann und soll dem gigantischen Technizismus ausstrahlenden Sendeturm von „Mordor“, der den Stadtteil überragt und in seiner Art auch einzigartig ist, nachtrauern, wenn er denn 2022 Geschichte wird. Aber so entwickeln sich Städte halt. Gebäude kommen und gehen und neue kommen. Eva Jiřičná hat jedenfalls versprochen, dass der neue Hochhäuserkomplex wieder eine weit sichtbares Wahrzeichen werde, das zur Umgebung passe und fügte hinzu: „Wenn ein hohes Gebäude schön ist, zerstört es keine Stadt.“ In anderen Worten: Der Trauer über den Verlust des Alten, folgt die Vorfreude auf das Neue. (DD)

Luxus oder Fremdkörper?

Wer von der Letná Höhe den Ausblick über die Moldau auf die ganze Altstadt genießt, wird den Anblick meist eher als optische Dissonanz wahrnehmen. Die Rede ist vom berühmten Hotel InterContinental direkt am Ufer des Flusses (Pařížská 43/30). Als das einzige Gebäude im Stile des in der kommunistischen Ära beliebten Brutalismus an dieser Stelle, fällt es schon ein wenig als Fremdkörper im Stadtbild auf.

Zumindest hat man für den Bau keine älteres Gebäude von historischem Wert abgerissen. An der Stelle, wo heute das Hotel steht, war durch einen Bombenangriff im Jahr 1944 eine riesige Lücke gerissen worden, die im Zuge eines durchaus durchdachten und an die Umgebung angepassten Plans gefüllt wurde. Das Hotel entstand in den Jahren 1968 bis 1974 basierend auf den Entwürfen der Architekten Karel Filsak, Karel Bubeníček und Jaroslav Švec. Sie entwickelten eine aus verschiedenen rechteckigen Quadern zusammengesetzte Struktur, die aus Stahl und Beton besteht – wie es in der Zeit nicht nur im kommunistischen Bereich üblich war.

Es verfügt über 372 Zimmer, etliche Luxussuiten und Tagungssäle und auch noch je ein Restaurant im oberen Bereich und im Erdgeschoss, die eine fantastische Aussicht über Altstadt und/oder Moldau bieten.

Im Foyer sind leider nur noch wenige Reste der ursprünglichen Skulpturengruppe unter dem Titel „Zauberwald“ zu sehen – ein Werk des Bildhauers Miloslav Hejný, das einst das obere Restaurant schmückte. Mit ihren Schnitzereien aus dunklem Holz sollte es ein wenig an afrikanische Volkskunst erinnern. Das InterContinental war das erste internationale Luxushotel in Prag, und sollte deshalb ein wenig exotische Atmosphäre ausstrahlen. Auch nach westlichen Maßstäben der Zeit war es in jeder Hinsicht „state of the art“.

Obwohl es sich um einen für die Zeit typisches Gebäude handelt, bei dem Beton dominiert, hatten die Planer immerhin versucht, das Ganze in die Umgebung einzupassen. Die Höhe übersteigt nicht die der alten Gebäude in diesem Teil der Altstadt. Die rechteckigen Betonelemente wurden vertikal strukturiert, um mit der von Säulen und Pilastern beschmückten Architektur drumherum zu harmonieren. Dunkle Kacheln verstärken den Effekt ein wenig. Ganz mag das nicht gelungen sein, aber das Hotel ist nicht das Produkt eines völlig rücksichtslosen Brutalismus, wie er sonst oft in kommunistischen Zeiten üblich war. Ein Abriss stand nie ansatzweise zur Debatte.

Nach dem Ende des Kommunismus wurde das Gebäude 1992 bis 1995 von dem Architekten Roman Koucký außen renoviert und behutsam der neuen Zeit angepasst. 2002 erfolgte eine Renovierung im Innenbereich, die etwas größere Veränderungen zur Folge hatte, um den gewachsenen Ansprüchen der Gäste gerecht zu werden. Nachts wird das Gebäude sehr geschickt an der Außenfassade beleuchtet, um den Eindruck einer vertikalen Strukturierung durch Säulen noch einmal verstärken soll. Schaut man dann von der anderen Seite der Moldau herüber, wirkt es fast schon richtig schön. (DD)

Die besondere Metrostation

Die Metrostation Vyšehrad weist mindestens zwei Besonderheiten auf. Die eine beeindruckt zunächst einmal wenig: Im Gegensatz zu den meisten anderen Stationen gibt es keinen mittleren Bahnsteig für beide Gleise, sondern je zwei Bahnsteige links und rechts, die mit einem kleinen Tunnel verbunden sind. Die andere Besonderheit hängt damit zusammen. Station Vyšehrad ist nämlich die einzige Station mit schöner Aussicht.

Ein Grund, warum die Bahnsteige nach außen verlegt wurden, ist genau der: Man kann nun hinausschauen. Deshalb ist die Station Vyšehrad die einzige in Prag, in der man nicht durch düsterte Gänge aus Beton und Kacheln laufen muss, sondern durch eine helle und luftige Konstruktion mit großen Außenfenstern.

Verantwortlich war dabei der Architekt Stanislav Hubička, der dabei geschickt die umgebende Landschaft und Architektur einband. Die Station steht direkt am Rande des steil abfallenden Tals des kleinen Flusses Botič im Nusle-Tal. Auf der anderen Seite geht es zum Stadtteil Vinohrady wieder ebenso steil hinauf. Das erlaubt eine herrliche Aussicht unter anderem auf eine der schönsten Barockkirchen der Stadt, der Kirche St. Marien und Karl der Große (Kostel Nanebevzetí Panny Marie a sv. Karla Velikého na Karlově), die gegenüber emporragt.

Nicht nur wegen ihrer Steillage, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass die Metro von der Station direkt und unmittelbar in den Tunnel unterhalb der hohen Nusle-Brücke (früherer Beitrag hier) führt, musste sie als einzige Station oberirdisch gebaut werden. Brücke und Station gehen quasi fließend ineinander über. Das gelang so, weil beide „in einem Guss“ zusammen von Hubička entworfen und in den Jahren 1973/74 erbaut wurden.

Obwohl dem brutalistischen Stil der Zeit verpflichtet (also Geschmacksache), hat Hubička – auch mit einigen Aussichtsplattformen – dafür gesorgt, dass der Kontrast zwischen der Orgie von Stahl, Beton und Glas und der sie umgebenden alten Stadt interessant und spannungsreich bleibt. Architektonisch gehört Station Vyšehrad jedenfalls zu den interessantesten des Prager Metro-Systems. (DD)

Babies am Fernsehturm

Auweia! Ist das nicht gefährlich? Konnten die Eltern nicht aufpassen? Da krabbelt doch ein kleines Baby senkrecht einen 216 Meter hohen Turm hinauf! Keine Sorge: Das Baby ist nicht echt, sondern Kunst und eines von 10 Babies, die sich bemühen, den Fernsehturm Žižkov (Žižkovská televizní věž) irgendwie zu verschönern.

Der Turm, den die Kommunisten noch 1985 errichten ließen, war unter Pragern lange umstritten. Zum einen, weil dafür ein Teil eines jüdischen Friedhofs zerstört worden war (früherer Beitrag hier), zum anderen, weil es sich um ein monumentales Werk des realsozialistischen Brutalismus handelt. Und über den und seinen Drang zu Kolossalem in Beton und Stahl gehen die Meinungen stets auseinander. Unter Denkmalschutz stellen oder abreißen? Die Kulturbehörden unterliegen da dem Wechselbad der Gefühle. Die öffentliche Debatte offenbart tiefe Meinungsgräben. Und deshalb findet man gleichermaßen Beispiele für Abriss oder Denkmalschutz bei brutalistischen Gebäuden.

Im Falle des Fernsehturms hat man nie ernsthaft diskutiert, ob er abgrissen werden solle. Irgendwie ist das meilenweit sichtbare Gebäude der beiden Architekten Václav Aulický und Jiří Kozák doch zu faszinierend und auch aus dem Stadtbild Prags auch nicht mehr wegzudenken. Man betrachtet die Sache, die man eh nicht mehr ändern kann, mit Humor, etwa als man es 2009 zum zweithässlichsten Gebäude der Welt kürte. Aber an die echte oder vermeintliche Hässlichkeit denkt niemand, der erst einmal oben ist, wo er den Turm selbst nicht sieht, dafür aber die perfekteste Aussicht über Prag überhaupt genießen kann!

Ein paar Fakten zum Turm: 2200 Tonnen Material stecken in dem Turm drin. Drei Röhren führen 97 Meter in die Höhe zu den öffentlich zugänglichen Aussichtsplattformen – in einer ist eine Treppe für die Sportlichen, in der anderen ein Personenlift für die nicht so Sportlichen und in der dritten Röhre befindet sich ein Lastenaufzug. Die in gleichen Winkeln zueinander konstruierten großen Kabinen der Aussichtsebene sind miteinander verbunden. Es gibt dort einen Filmraum (wo eine Dokumentation über den Turm läuft), ein Restaurant, ein fast immer lange im voraus ausgebuchtes Ein-Zimmer-Hotel, eine meteorologische Station und den Fernsehtransmitter.

Doch nun zu den Babies, die im Tschechischen Miminka genannt werden: Sie sind das Werk von David Černý, jenem anarchischen enfant terrible der Prager Kunstszene, über dessen Werke wir schon unter anderem hier, hier, hier und hier berichteten. Mit den 2.60 Meter hohen und 3.50 Meter langen Babies, die statt Gesichtern einen eingedrückten Barcode haben, hatte der Künstler schon seit 1994 experimentiert als er sie im Museum of Contemporary Art in Chicago ausstellte. Aber erst im Jahre 2000 kam man auf die Idee, 10 der Babies auf dem Fernsehturm herumkrabbeln zu lassen, wo sie sich wirklich ein wenig gruselig ausnehmen. Letztlich machten sie den Turm aber noch beliebter unter Einheimischen und Touristen.

Wer sich die Babies mal genau aus der Nähe anschauen möchte, muss übrigens nicht eine waghalsige Kletterpartie unternehmen. Drei originalgroße bronzene Kopien befinden sich im öffentlichen Raum neben dem Kampa Museum auf der anderen Seite der Moldau (früherer Bericht hier). Die erlauben den gefahrlosen Blick aus der nächsten Nähe. So gefahrlos, dass man oft sogar echte Kleinkinder beobachten kann, die darauf herumklettern und von ihren Eltern geknipst werden..

Eigentlich sollten die Babies am Turm nur vorübergehend herumkrabbeln. Man fand sie aber schnell so putzigschaurig, dass man beschloss, sie dort zu belassen. Allerdings erwies sich das Fiberglass, aus dem die 190 Kilogramm schweren Säuglinge hergestellt worden waren, als nicht sonderlich erosionsbeständig angesichts der rauen Wetter und Winde, die meist um solch hohe Gebäude herum vorherrschen. Deshalb wurden sie 2017 bis zum Sommer 2019 abgenommen und durch neue Babies ersetzt. Die sehen genauso aus, sind aber aus stabilerem Material, weshalb sie mit 250 Kilogramm auch ein wenig schwerer sind als die alten. Somit gegen Wind und Wetter gefeit, werden die Kleinen nun wohl für längere Zeit den Fernsehturm zieren. (DD)