Wenig frequentiert, aber ästhetisch ansprechend

Die Metrostation Radlická wurde am 26. Oktober 1988 eröffnet. Sie liegt an der Metrolinie B (gelb) im Südwesten Prags. Die von der Architektin Hana Labounková entworfene Station (Baubeginn 1984) hat etliche Besonderheiten aufzuweisen.

Da ist zunächst einmal der Name. Sie gehört nämlich zu den wenigen vor 1989 gebauten Metrostationen, die imer noch ihren ursprünglichen Namen tragen. Viele andere Stationen insbesondere im südlichen Verlauf der Linie B trugen nämlich zuerst nicht den lokalen Ortsnamen, sondern waren dem sozialistischen Brudervolk (wie die Station Anděl, die ursprünglich „Moskva – Praha“ hieß) oder kommunistischen Parteigranden (etwa bei der Metrostation Roztyly, die zunächst nach dem stalinistischen Bürgermeister Václav Vacek benannt war) gewidmet. Das war bei der Radlická nicht der Fall. Rein geographisch nach dem sie umgebenden kleinen Ortsteil Radlice (in Prag 5) benannt, blieb den Nutzern das Erlernen eines neuen Namens nach der Samtenen Revolution erspart. Radlická blieb Radlická – bis heute.

Vielleicht hatten die kommunistischen Machthaber in ihrer historischen Endphase die Station nicht mehr als wichtig genug empfunden, um sie als ideologische Bannerträgerin zu nutzen. Sie ist nämlich die am wenigsten frequentierteste Station im Prager Metro-System. In der morgentlichen Rush Hour steigen im Durchschnitt nur rund 2400 Menschen hier ein und aus. Der Grund ist wohl, dass es in der Umgebung es recht wenig große Wohnzentren und -blöcke gibt. Sieht man die Station von außen, würde man das alles kaum glauben. Denn die Anlage und der Vorplatz sind außergewöhnlich großzügig gestaltet. Der Eingangsbereich wurde an einen Hang gebaut und der Vorplatz liegt etwas vertieft, so dass fast der Eindruck eines großen rechteckigen Amphitheaters ensteht. Betritt man dann drinnen die Lobby, stellt man fest, dass sie relativ klein ist. Es gibt auch nur eine Lobby, während es bei anderen Stationen zwei (d.h. eine an jedem Ende) gibt.

Womit wir bei den Maßen der Station Radlická sind. Es fängt schon damit an, dass sie eine vergleichsweise geringe Tiefe hat. Lediglich 11,5 Meter geht es zum Bahnsteig hinunter. Die Metrostation Vinohrady mit ihrer rekordverdächtigen Rolltreppe liegt zum Beispiel ganze 53 Meter tief unter der Erde, also beinahe das fünffache! Deshalb wurde sie sich nicht wie ein unterirdischer Tunnel gebaut, sondern im „Tagebau“ ausgegraben. Eine Rolltreppe gibt es auch nicht, aber immerhin einen Lift. Die Gesamtlänge der Station beträgt 251 Meter, wovon etwas über 100 Meter den 10,16 Meter breiten Bahnsteig ausmachen, der Rest wird für verschiedene technische Einrichtungen verwendet. Der Bau wurde von der 1971 gegründeten, damals staatlichen (aber seit 1992 privatisierten) Bau- und Infrastrukturfirma Metroprojekt durchgeführt.

Und dann ist da noch die ästhetische Dimension, die man bei manchen Stationen in der Phase zu Ende des Kommunismus mal gerne beiseite ließ, was aber hier nicht der Fall war. Die ungewöhnliche Hügellage inspirierte wohl zu einer ihr angepassten Gestaltung. Die Station setzt sich durchaus von anderen der Zeit ab.

Außen handelt es sich ein Werk des sozialistischen Brutalismus. Besonders die großen Treppen zeugen von dem stil-typischen Formwillen in rohem Beton. Zusätzlich wurden farblich kontrastierende Keramik-Kacheln angebracht, die ein wenig auf den ersten Blick wie Ziegel wirken. Das nimmt dem ganzen ein wenig die Wuchtigkeit und lässt es weniger brutalistisch erscheinen als es (technisch gesehen) ist.

Auf dem Vorplatz findet sich eine stilistisch einwandfrei dazu passende abstrakte Skulptur in Granit und Bronze. Der Name der Skulptur lautet Beziehung von Technik und Natur (Plastika Vztah přírody a techniky) darstellen, wobei eine Art Zwiebel aus Bronze den Aspekt der Natur symbolisiert, während die sie umrahmenden kantigen Granitblöcke die Technik repräsentieren. Die Natur scheint sich dabei von den Fesseln der Technik zu befreien. Die Plastik ist das Werk des vielseitige Malers und Bildhauers Zdeněk Hošek, der nicht nur abstrakte Sujets beherrschte, sondern auch realistische Statuen anfertigte, wie etwa sein Denkmal des berühmten Komponisten Antonín Dvořák (1982) in dessen Geburtsort Nelahozeves – sein vermutlich bekanntestes Werk.

Drumherum befinden sich halbkreisförmig angeordnete Sitzbänke. Wer bei gutem Wetter sich hier hinsetzt, bekommt wegen der Lage in einer Senke und der leichten Begrünung oberhalb wenig von der etwas einfaltslosen Architektur der Umgebung mit, sondern könnte meinen, man befinde sich in einer bebauten Insel im der Natur. Was nicht ganz falsch ist, den von hier aus kann man, sobald man die unmittelbare Umgebung verlassen hat, tatsächlich schöne Wanderungen durch die bergige Landschaft machen (um etwa das hier zu sehen). Es handelt sich um einen touristischen Geheimtipp.

Gehen wir hinein. Auffallend ist die meist in Türkistönen gehaltene Verkachelung, wobei die Kacheln stark glänzen. Das lässt zum Beispiel die sehr kleine Lobby etwas größer und luftiger aussehen. Wie überhaupt in der Station Radlická gerne mit Lichteffekten gearbeitet wurde. Ästhetisch verstärkt wird der Effekt durch ein dreifarbiges Kachel-Mosaik (Bild rechts), das über dem Treppenaufgang installiert ist. Gestaltet wurde dieses Mosaik von dem Designer und Bildhauer Alexius Appl, der schon an der skulpturalen Gestaltung der ebenfalls zur Linier B gehörenden Metrostation Palmovka (1987) mitgewirkt hat. Farblich ist das Mosaik mit der Bekachelung der Lobby abgestimmt. Sicher, man darf hier keine künstlerische Sensation erwarten, aber insgesamt ist die Station recht ansprechend gestaltet. Das gilt auch für den Bahnsteig unterhalb. Dort reflektiert sich eine geschickte gelbfarbene Beleuchtung – man sieht sie im großen Bild oben – in den ebenfalls türkisen Kacheln. Die zwischen den Leuchtkörpern befindlichen Lamellen bieten einen optsichen Kontrats dazu. Sie sind allerdings nicht nur ein passend gestalteter Teil der künstlerischen Gestaltung, sondern dient auf in ausgeklügelter Weise der Lärmreduzierung.

Ach ja, seit Beginn des Jahrtausends wurden in der Umgebung zahlreiche Bürogebäude gebaut, darunter die regionale Filiale der Bank ČSOB im Jahr 2006. Seit 2008 ist die Station auch an die Linien 7 und 21 der Prager Straßenbahn angeschlossen. Es tut sich etwas. Vielleicht wird sie irgendwann ihren Status als am wenigsten frequentierte Metrostation hinter sich lassen. (DD)

Eine Treppe nach Nirgendwo

Sie gehört zur Linie A (grün) und ist rund: die Metrostation Strašnická. Es ist nicht nur die ungewöhnliche Form, die sie von anderen Metrostationen abhebt. Es gibt dort zum Beispiel auch eine Treppe nach Nirgendwo.

Ihren Namen hat sie von dem Ort, den sie mit dem Rest von Prag verbindet, dem Stadtteil Strašnice (Prag 10). Da der Eingang ganz nahe bei dem kleinen alten Ortskern des Stadtteils liegt, der Staré Strašnice (Alt-Straschnitz) heißt, trug die Station ursprünglich den Namen Starostrašnická, was aber bald geändert wurde.

Erbaut wurde die Station nach den Plänen des Architekten Vlastimil Jakl, der sich die im Stil des Brutalismus (Rohbeton und viel Stahl) erbaute runde Struktur für das Gebäude ausdachte. Die Bauarbeiten begannen 1982 (nachdem 1981 die Tunnel gegraben waren) und die Eröffnung erfolgte im Juli 1987. Der Bau erfolgte nicht unterirdisch, sondern oberirdisch durch eine offene Baugrube.

Diese Bauweise war auch zweckmäßig, da die Ganze Station nur 7,5 Meter tief unter der Erde gelegen ist (Vergleich: Die ebenfalls an Linie A gelegene Station Náměstí Miru liegt 53 Meter tief). Vom Südeingang führte zunächst auch nur eine Treppe hinunter, aber kein Aufzug und keine Rolltreppe. Angesichts der geringen Tiefe war das kein Problem für denjenigen, der wenigstens noch ein wenig lauffähig war, aber behindertenfreundlich war es gewiss nicht. Im Februar 2004 wurde das aber geändert. Seither läuft an einer Seite der Treppe (von oben die linke) ein schräger fahrender offener Aufzug, dessen Standfläche so groß ist, dass auch Kinderwägen oder Rollstühle darauf bequem Platz finden können.

Die Treppe mit dem Aufzug führt von einem Vestibül mit Ticketverkauf (sichbar im Bild links), öffentlichem WC, einem kleinen Backwarengeschäft, einem Blumenladen und einem Kiosk herunter. Das Vestibül unterstreicht mit der strahlenförmigen Struktur der Stahlträger und der Beleuchtung die runde Gebäudeform des gesamten Gebäudes.

Obwohl das Gebäude der Station Strašnická im Vergleich zu anderen Metrostationen recht klein dimensioniert ist, wird dadurch ein einigermaßen ansehnlicher Raumeffekt erzielt.

Urspünglich war am Nordende noch ein Vestibül mit einem zweiten Eingang geplant. Dazu hätte man aber eine Reihe Häuser abreißen müsssen, was selbst unter dem Kommunismus nicht so einfach war. Die Pläne wurden erst einmal vorläufig verschoben.

1990, ein Jahr nach dem Fall des Kommunismus, erfolgte eine Re-Evaluation des Projekts, die zu dem Schluss kam, dass man die Idee gänzlich und endgültig fallen lassen sollte. Was man auch tat. Allerdings hatte man am Ende des Bahnsteigs zu diesem Zeitpunkt vorsorglich schon eine Treppe eingebaut. Die gibt es immer noch, aber sie ist versperrt und führt im Grunde so sehr ins Nirgendwo, wie der berühmte Zug von Christian Anders. Unabsichtlich haben somit die ursprünglichen Planer um Architekt Jakl die Station zu etwas ganz besonderem gemacht. Was man da unten ebenfalls nicht sieht, sind die zwei Tunnel mit Abstellgleisen hinter dem Gleisende, die die Station zu einem wichtigeren Knotenpunkt im Metrosystem machen, als man angesichts der geringen Größe des Gebäudes vermuten möchte.

Obwohl die Gesamtgestaltung wieder einmal eine reine Geschmacksfrage ist, hatten sich die Planer immerhin um ein wenig ästhetische Gestaltung bemüht. Die Glasreliefs, die der Maler und Glaskünstler Karel Vaňura im Vestibül anbrachte, sind theoretisch noch da, wurden aber durch den Kiosk vollständig überbaut und sind somit nicht mehr sichtbar. Auch die künstlerische Gestaltung des Gleisbereichs ist eher karg. Die Ausschmückung der Wände hinter den Gleisen sind bei der Linie A meist mit recht bunten Aluminium-Dekorationen ausgestattet (wir zeigten das bereits hier). In der Station Strašnická begnügte man sich mit einer sehr zurückhaltenden, aus vertikalen Streifen bestehenden Struktur aus sogenanntem Hourdis (eine Art Tonhohlplatten) in glänzendem Rotbraun. Sonderlich aufregend ist das Ganze nicht und die dunkle Farbe der Platten lässt den Raum unten etwas düster erscheinen. (DD)

Hotel für den Klassenfeind

In der leichten postmodernen Glasfassade des erst 2018 entstandenen Büroblocks Main Point spiegelt sich der solide Rohbeton des berühmten Panorama Hotels im Stadtteil Pankrác (Prag 4). Das wiederum gehört zu den bekanntesten Meisterwerken des späten realsozialistischen Brutalismus in Prag, der ja bekanntlich (nach langem Verpöntsein) immer mehr Freunde unter den Architekturliebhabern findet.

Es steht hier seit 1983, als es nach vierjähriger Bauzeit feierlich eröffnet wurde. Auch diejenigen, die sich mit dem Baustil nicht anfreunden konnten, übernachteten hier bald gerne, weil man von hier aus alles sehen kann, was man von Prag sehen muss – von der Burg bis zur Altstadt. Damals war dieses Vergnügen noch ungetrübter, denn das in der Milevská 1695/7 gelegene Gebäude mit seinen 24 Stockwerken und 79 Metern Höhe war erst das zweite Hochhaus hier in der Umgebung. Und das erste, das 1977 errichtete und rund 220 Meter entfernte Bürohaus City Empiria, versperrte nicht die Sicht zu den touristischen Highlights der Stadt. Heute nennt man die Hochebene von Pankrác gerne das „Prager Manhattan“, in dem es von Hochhäusern nur so wimmelt. Obwohl sie architektonisch oft höchsten avantgardistischen Ansprüchen genügen, gibt es dennoch Traditionalisten, die das Ganze für eine Stadtverschandelung halten und es gibt Versuche, Prag deshalb seines Status‘ als Unesco-Kulturerbe zu berauben – was aber bisher gottlob keinen Erfolg hatte, zumal Pankrác recht weit außerhalb der alten Stadtteile liegt.

Die Pläne für das Hotel Panorama wurden von den mährischen Architekten Alois Semela, Vlado Alujevič und František Antl entworfen, die allesamt Spezialisten für Hotelgebäude waren. Semela hatte zum Beispiel schon beim Bau des berühmt-legendären Hotels Continental in Brno (eröffnet 1964) planerisch mitgewirkt. Auftraggeber war die Prager Niederlassung der staatlichen Hotelkette Interhotel, die sich mit guten Viersterne-Hotels vor allem an eine zahlungs- und devisenkräftige Kundschaft aus dem westlichen Ausland wandte. Der Klassenfeind wurde im Kommunismus dann doch ein wenig besser untergebracht als das eigene Proletariat. So etwas gab es übrigens auch in der „DDR“. Die Durchführung des Bauprojekts oblag übrigens einer Baufirma aus der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, die ja bekanntlich damals ihren eigenen (und lockereren) sozialistischen Weg ging und nicht einmal zum Warschauer Pakt gehörte. Kurz: Vom offiziellen Klassenstandpunkt aus betrachtet war das Panorama Hotel möglicherweise nicht so linientreu wie man es hätte erwarten können. Aber was tut man nicht alles für das Geld der Kapitalisten!

Das Gebäude besteht im wesentlichen aus einem zwei-etagigen Sockelbau mit Rezeption, Restaurants, Foyer, etc., auf den ein unten etwas verbreiteter Turmbau steht, in dem sich die rund 440 Zimmer befinden. Es handelt sich um eine klassisch brutalistische Stahlkonstruktion mit dicken Rohbetonplatten. Bemerkenswert ist, dass ansonsten die Optik störende funktionale Nebenbaustrukturen wie Belüftungsschacht oder Garage irgendwie in das ästhetische Konzept integriert wurden. Das links abgebildete Tiefgaragenareal wurde zum Beispiel (tiefergelegt) begrünt und gleichzeitig kühn mit Rohbeton ummauert. Damit entstand die witzige Idee, dass man das Hotel von vorne über eine kleine Fußgängerbrücke erwandert. Es handelt sich um eine geradezu spielerisch-leichte Variante brutalistischer Architektur.

Innen soll es immer wieder zu stilistischen Anpassunngen gekommen sein, so dass es nicht mehr ganz so aussieht wie dereinst 1983. Das heißt, dass einige der künstlerischen Ideen, die hier verwirklicht wurden, nicht mehr so deutlich sichtbar sind. Die Inneneinrichtigung eines Hotels muss sich schließlich entwickeln und modernisieren. Aber Spuren der damals übrigens nicht nur im sozialistischen Osten populären brutalistischen Ästhetik kann man immerhin außen bewundern.

So findet man direkt neben dem Haupteingang eine aus Rohbeton gegossene Reliedarstellung des Emblems des Hotels (mit zwei Erdhälften, die die Internationalität des Hotel betonen und einem leuchtenden Stern). Die Skulptur ist das Werk der beiden Bildhauer Slavoj Nejdl und Osvald Špelina. Seit dem Jahr 1992 steht das Panorama Hotel übrigens unter Denkmalschutz. (DD)

Bei den Nilpferdbadewannen

Hroší lázeň – auf Deutsch: Nilpferdbadewanne – nannte der offenbar mit Humor gesegnete Bildhauer Josef Klimeš seine Kreation, eine Kombination von Großskulptur und Treppe, die das Herz eines jeden Freundes des brutalistischen Stils der 1970er/1980er Jahre höher schlagen lassen muss. Roher Beton in Fülle – und das ohne ein unnötig ablenkendes Umfeld! Denn drumherum sieht man auch sonst nichts anderes als Beton.

Auf den ersten Blick könnte der Spaziergänger, den es in das graue Gewirr von Eisenbahngleisen, Auffahrten und Zubringern zur Barrandov Brücke (Barrandovský most) verschlagen hat, denken, dass es sich um Stützpfeiler mit einer Aufhängung für eine dann doch nicht gebaute weitere Zubringertrasse handelt. Aber es handelt sich in der Tat um echte Kunst am Bau. Und hier, auf dem östlichen Ufer der Moldau gibt es in Sichtweite noch ein zweites Exemplar, das recht ähnlich aussieht und deshalb auch Hroší lázeň II heißt (Bild links). Man muss sich allerdings auf komplizierten Wegen am Rand der dicht befahrenen Schnellstraße dahin durchkämpfen. Echte Nilpferde dürften weder in Hroší lázeň I noch in Hroší lázeň II jemals gebadet haben, aber man muss zugeben, dass die Bezeichnung irgendwie doch den Nagel auf den Kopf trifft.

Die hiesige Ufer-Schnellstaße, die hier mit Zubringern des Prager Autobahnrings zusammentrifft, führt durch ein sehr schmales Terrain, denn der Uferstreifen wird eng durch die steil aufsteigenden Barrandov-Felsen begrenzt. Deshalb ist hier auch solch ein dichtes Gewirr von Straßen auf allen Ebenen (plus einer am Ufer fahrenden Eisenbahn). Und natürlich alles in rohem Beton, der die wachsende Zahl der Anhänger des einstmals verschrienen Brutalismus nur so verzücken muss (ansonsten ist das natürlich immer noch nicht unbedingt jedermanns Ästhetik).

Das war natürlich der angesagte Baustil als die Barrandov Brücke erbaut wurde. Sie wurde nämlich in den Jahren 1978 bis 1988 nach den Plänen des Architekten Karel Filsak (dem wir u.a. das berühmte Hotel Intercontinental in der Altstadt verdanken) gebaut. Auf dem Bild rechts kann man die Brücke von den Stufen von Hroší lázeň II aus schön begutachten. Die Brücke aus Spannbeton ist insgesamt 352 Meter lang und bis zu 55 Meter breit. Sie besteht aus zwei separaten Fahrbahnen mit je vier Fahrspuren, von denen die erst (südliche) schon 1983 eröffnet wurde. Sie verbindet die Stadtteile Barrandov (Westufer) und Braník (Ostufer). Weil das ganze Arrangement auch den Verkehr zum Autobahnring hin- und wegleitet, herrscht hier heftigster Autoverkehr. 2017 sollen hier 142.000 Autos am Tage im Durchschnitt über die Moldau gefahren sein. Die Brücke gilt als hoffnungslos überlastet.

Wie dem auch sei: nach der Eröffnung im Jahre 1988 wurden hier die beiden Nilpferdwannen (die der Volkmund auch manchmal als „Krmítko pro slony“ bezeichnet, auf Deutsch: Elefantenfutterstelle) als Kunstwerke aufgestellt, wobei die architektonisch in die Brückenkonstruktion intergriert sind. Neben ihrem Status als Kunstwerk dienen sie auch als Überdachung von Treppenaufstiegen. Wer unbedingt im Zubringerchaos die Straße wechseln oder eine der bewachsenen Verkehrsinseln aufsuchen möchte, kommt von hier aus auf das „Erdgeschoss“ und kann andernort wieder aufsteigen. Und zwar in unterschiedlicher Weise.

Bei Hroší lázeň II ruht die eigentliche „Wanne“ auf einem Treppenhaus, das um eine Ecke führt. Im Zwischendeck hat man eine Blicknische gelassen, die – vor allem am Umfeld gemessen – eine schöne Aussicht auf die Felslandschaft des gegenüber liegenden Ufers erlaubt (Bild links). Das ist schon fast Illusionskunst. Man muss sich ein wenig die Ohren zuhalten, damit man den Verkehrslärm nicht hört, aber dann konnte man an eine Idylle glauben – aber nur von diesem Blickwinkel aus.

Biegt man um die Ecke und geht herunter, dann verliert sich die Illusion. Man befindet sich zwischen Betonwänden am Straßenrand und kann sich auf einem kleinen Bürgersteig langsam auf den Weg machen.

Eine Unterführung weiter steht man vor Hroší lázeň I. Der sieht ähnlich aus, aber die Wanne ist nicht in die Treppe intergiert. Die Wanne schwebt geradezu frei auf einem umfänglichen Rundpfeiler, der längs geriefelt ist. Dadurch, so könnte man als Phantasiebegabter meinen, spielt das Ganze auf klassisch-antike Säulen mit ihren Kanneluren an. In dieser Weise freischwebend wirkt die Wanne noch brutalistischer als die von Hroší lázeň II, obwohl bei doch ungefähr gleich groß konstruiert sind. Die Treppe hinauf auf den Zubringer führt jetzt nicht durch ein Treppenhaus, sondern diagonal an der Säule vorbei unter der Wanne (die hier Regendach wird) hindurch.

Die beiden Nilpferdbadewannen konnten übrigens froh sein, dass sie erst 1989 hier aufgestellt wurden. In dem Jahr endete ja bekanntlich auch der Kommunismus. Das hatte die Umbenennung der ursprünglich nach dem ehemaligen kommunistischen Staatspräsidenten Antonín Zapotocký damals Antonín Zapotocký Brücke (most Antonína Zápotockého) benannten Brücke zur Folge. Nilpferdbadewannen sind eine viel zu lustige Idee, als dass man sie mit einem verstorbenen Stalinisten in Verbindung bringen sollte. Neben einer politisch neutralen Barrandov-Brücke dürften sich die grundsätzlich demokratie-freundlichen Nilpferde, so sie sich doch einmal hierhin zu einem erfrischenden Bade einfinden sollten, erheblich wohler fühlen.

Wie dem auch sei, so sehr sie von der Straßenperspektive auch ein wenig aussehen mögen, als ob hier ein Stück Zubringer unvollendet geblieben wäre, so sehr beeindruckt der Blick von unten (links wieder Hroší lázeň II). Man sieht, wie sehr der Bildhauer versucht hat, dass sein Kunstwerk inmitten der gigantischen Brücken- und Zubringerarchitektur immer noch optisch herausragend wirkt. Es ist die schiere Wucht des Betons, die man hier bewundern kann. Das Ganze erinnert ein wenig an einen alten Schiffsrumpf, wobei dieser Eindruck durch die Abdrücke der Holzverschalungen, die für den Guss verwendet wurden, noch einmal verstärkt wird.

Man soll aber bei dieser Gelegenheit nicht annehmen, das der Bildhauer, Josef Klimeš, nur ein Mann für’s Grobe war, der Gigantomanie in Beton goß. Vielmehr konnte er auch anders. Nämlich durchaus figürliche und feine Darstellungen (Beispiel hier). Kurz: Er war ein vielseitiger Künstler. Hier hatte er sich eben – wie es ein guter Künstler tun muss – über den Kontext seines Werkes (der nun einmal eine Betonbrücke ist) Gedanken gemacht, und dies durchaus sehr passend mit mit augenzwinkernder Phantasie realisiert. Es nur schade, dass die Barrandov-Brücke nicht so prominent und bekannt ist wie die Karlsbrücke, sondern eher abgelegen. Deshalb sehen sich wohl nur wenige Touristen je die beiden Nilpferdbadewannen an. Nur hartgesottene Brutalismus-Fans verirren sich hierher.

Komplett ist die Beschreibung der beiden Wannen aber noch nicht, wenn man sich nicht mit dem gegenüber liegenden Ufer befasst. Dort in Braník ist das Gewirr der Zubringer etwas geringfügiger wirr als drüben in Barrandov, aber eben immer noch recht komplex. Und so kann man im Vorbeifahren mit der Ufer-Straßenbahn die Skulptur Rovnováha (Balance/Gleichgewicht) bewundern – ebenfalls ein Werk von Klimeš. Der Titel des Werkes ist natürlich nicht so lustig wie der der „Nilpferdbadewannen“, aber doch recht sinnfällig. Leider ist sie von einer Werbetafel am Wegesrand etwas verstellt. Die Skulptur besteht wieder aus einer Säule mit Kanneluren (wie Hroší lázeň I). Darauf befindet sich aber keine Wanne, sondern ein auf dem „Rücken“ liegender Betonhalbkreis, der aber an einer Seite unregelmäßig „ausflattert“. Das erweckt den Eindruck eines schwer zu stabilisierenden Gleichgewichts. Die Möglichkeiten, die uns Stahl und Beton geben, um schwierige Gleichgewichte zu meistern, werden also recht augenscheinlich gemacht. Auch hier ließ der Künstler seinen Hintersinn walten. (DD)

Schlichter Brutalismus am Rande des Waldes

Der Beginn der Bauzeit der Prager Metro fiel in die Zeiten als der Kommunismus schon die Anzeichen jenes wirtschaftlichen Schwächelns aufwies, das ihn 1989 schließlich zu Fall brachte. Bei den prestigeträchtigeren Stationen im Innenstadtbereich verband man den (nicht nur) in den sozialistischen Ländern beliebten Beton-und-Stahl-Brutalismus immerhin noch mit zum Teil originellen künstlerischen Gestaltungen (wir präsentierten u.a. Beispiele hier und hier), um vielleicht auch vor ausländischen Besuchern Eindruck zu schinden.

Daher lohnt sich eine Fahrt mit der 1974 in (Teil-) Betrieb genommenen Linie C (rot) zu der Metrostation Roztyly, die in ihrer Kunstlosigkeit ein genaueres Bild der damaligen Lage widerspiegelt. Sie wurde 1980 am Rande der sogenannten Südstadt (Jižní město), der in den 1970er Jahren erbauten größten Plattenbausiedlung der Tschechoslowakei, eröffnet. Und dann hatte sie das Pech, dass das einzige auffällige Kunstwerk 1989 aus nachvollziehbaren Gründen spurlos entfernt wurde. Ursprünglich hieß sie nämlich nicht Roztyly, sondern Primátora Vacka (Oberbürgermeister Vacek). Damit gedachten die Kommunisten ihrem 1960 verstorbenen Genossen und Gründungsmitglied Václav Vacek, der erst 1945, dann aber vor allem von 1946 bis 1954 Prag als Bürgermeister in das (damals strikt stalinistische) realsozialistische System überführte. In der Metrostation ehrte man ihn mit einer großen Büste des Bildhauers Miloš Zet, der durchaus bedeutende Kunst schuf. Aber der dadurch Geehrte war dann 1989 doch zurecht aus Zeit und Gnade gefallen.

Und so können wir heute ein recht schmuckloses Gebäude bewundern. Es handelt sich um einen simplen rechteckigen Bau, der an den Längsseiten je einen Ein- bzw. Ausgang hat. Entworfen haben die Station der Architekt Vladimír Uhlíř (der in der Innenstadt mit der Station Florenc ein repräsentativeres Werk geschaffen hatte, wie wir hier zeigten) und seine Kollegin Daniela Marková-Dolejšová. Ganz ohne ästhetische Ausgestaltung wurde die Station jedoch nicht belassen. Wie an vielen Stationen der Linie C im äußeren Stadtbereich, verwendete man dazu abstrakte Keramikstrukturen auf den Wandflächen hinter den beiden Gleisen. Es handelt sich um unregelmäßie Streifen aus konkaven und konvexen Halbröhren aus Keramik.

Ein ähnliches Thema setzt sich außen fort, wo in der oberen Hälfte ein nunmehr sehr regelmäßiges Halbröhrenmuster als Band rund um das Gebäude gezogen wurde, um den Rohbeton, aus dem das Gebäude besteht, ein wenig zu überdecken. Von außen bietet die Station sowieso aufgrund ihrer Lage ein kontrastreiches Bild. Während auf der nördlichen Seite ein eintöniges Gewerbegebiet zur ebenso eintönigen Plattensiedung überleitet, betritt man vom Südausgang nach wenigen Metern ein ausgedehntes Waldgebiet. Pure Natur, die als Naherholungsgebiet bei den wanderfreudigen Pragern außerordentlich beliebt ist. Deshalb wird die Station auch oder gerade an Wochenenden reger genutzt als man es von der Südstadtlage und ihrem Image erwarten könnte – im Sommer wie im Winter, als die Aufnahmen zu diesem Beitrag entstanden. (DD)

Brutalistisches Zollamt

Der Brutalismus scheint als Architekturstil umso mehr Anhänger zu finden, desto mehr er in unseren Städten der Abrissbirne anheimfällt. Der ungebremste Gestaltungswille in den rohen Materialien Beton, Stahl und Glas, der sich städteplanerisch in den 1960er und 1970er Jahren in Ost und West Bahn brach, war nie jedermanns Geschmack. Und manches der Gebäude war so, dass man nie wusste, ob man beim Anblick fasziniert oder erschaudert sein sollte. Schon wegen dieses prickelnden Gefühls sollte man diesen Stil nicht verschwinden lassen.

Manche Gebäude nach brutalistischer Manier findet man per Zufall. So ging es mir. Wer in Prag ein zu verzollendes Päckchen aus dem Ausland empfängt, muss selbiges meistens beim Postamt von Košíře (Plzeňská 290/139, Praha 5) abholen, wo im dritten Stock praktischerweise auch das örtliche Zollamt residiert. Man muss also nicht lange herumirren, um alles abzuwickeln. Steigt man, wie ich es vor einiger Zeit eben wegen einer solchen Postsendung tun musste, an der Straßenbahnhaltestelle Klamovka aus, um dorthin zu gelangen, sieht man schon von weitem eine wahre Orgie in gewellter Metallverschalung, Glasfenstern und Beton.

Alles sieht hier schon ein wenig abgenutzt aus und passt sich somit der Umgebung in diesem nicht sonderlich prachtvollen Teil von Prag an. Von weitem erinnert einen das Gebäude an die Aufbauten eines großen modernen Ozeanriesen. Die schräge Vorderseite scheint dabei dem Seewind zu trotzen. Die blaue oder manchmals auch dunkelrotte Metallverschalung und die durchgehenden Fensterfronten strukturieren das Gebäude vor allem in den mittleren Stockwerken horizontal.

Die Verschalung des den brutalistischen Stil geradezu definierenden Rohbetons findet sich in Prag ansonsten noch bei dem etwas bekannteren Einkaufszentrum Kotva, das in den Jahren 1972 bis 1975 von dem Architektenpaar Věra Machoninová und Vladimír Machonin erbaut worden war (wir berichteten hier). Allerdings hatte man im Kotva kein Wellblech für die Verschalung verwendet, sondern eine besondere Metalllegierung. Aber das Kotva steht ja auch in der mondänen Neustadt. Für das abgelegenere und ärmere Košíře reichte anscheinend auch billigeres Material.

Innen herrscht schiere Funktionalität. Die Post- und Zollbürokraten arbeiten in nüchternen und schmucklosen Büros. Die Räume für größere Öffentlichkeiten, also die Wartesäle und die Schalterhalle im Erdgeschoss sind, wie häufig in derartigen Gebäuden, ausgesprochen niedrig. Das wirkt schon ein wenig niederdrückend. Man merkt, dieser Bau soll nicht zum beeindruckten Verweilen einladen, sondern eine reibungs- und ablenkungsfreie Regularität bürokratischer Abläufe unterstreichen. Immerhin hat man sich im Eingangsbereich zu ein wenig Ornamentik in bunter Bekachelung hinreißen lassen – in den modischen Violetttönen, wie sie damals beliebt waren.

Das Gebäude entstand in den Jahren 1980 bis 1983. Entworfen haben es die Architekten Jindřich Malátek und vor allem auch Václav Aulický, dem wir u.a. den Fernsehturm Žižkov (Žižkovská televizní věž, siehe auch hier) und den leider inzwischen abgerissenen Transgas-Bau (wir berichteten hier) verdanken – beides für Aficionados des Brutalismus geradezu Krönungen der Schöpfung. Dieses Bauwerk wirkt – trotz der „Kunst am Bau“, die sich davor befindet (großes Bild oben, Bild rechts) weniger avantgardistisch und experimentell als die beiden zuvor genannten Gebäude. Nicht als spektakuläres, sondern eher als typisches und (immer noch) alltagstaugliches Werk des Brutalismus muss man es wohl bezeichnen. (DD)

Brutalismus unter Denkmalschutz?

Wer Brutalismus mag und es dabei nicht brutal genug haben kann, der wird dieses Gebäude mögen. In der Na Moráni 360/3 in Prag 2 und ganz nahe beim Palacký Platz und ein klein wenig weniger nahe beim Karlsplatz befindet sich das Haus der Metrostav (Dům Metrostav).

Metrostav war die 1971 gegründete staatliche Firma, die ab 1974 die Prager Metro baute und eigentlich zunächst nur für diesen Zweck ins Leben gerufen worden war. Staatlich ist sie heute nicht mehr, denn 1991 begann der Privatisierungsprozess als Aktiengesellschaft. Das funktionierte auch gut und reibungslos. Heute ist Metrostav eine der größten Baufirmen des Landes und operiert mit Tochterfirmen erfolgreich international. Und seit 2009 befindet sich hier in der Na Moráni auch nicht mehr das Hauptquartier der Firma, das nach Prag 8 umgezogen ist. Heute befinden sich hier zahlreiche Firmenbüros und die Zentrale einer politischen Partei.

In dem von Historismus und Kubismus geprägten Umfeld des Palacký Platzes nimmt sich das Gebäude zumindest als deutlich wahrnehmbarer Kontrast aus. Entworfen haben es die beiden Architekten Aleš Moravec und František Novotný, letzterer ein Spezialist für Glasarchitektur, was beim Metrostav-Haus ja durchaus zum Tragen kommt. Es wurde in den Jahren 1977 bis 1989 fertiggestellt. Das Jahr der Fertigstellung, das zugleich Jahr des Endes des Kommunismus war, ist in Fließen gelegt oben an der Fassade groß lesbar.

Hätte man erst dann mit der Planung begonnen, wäre die Stadt real-sozialistischer Brutalistik ärmer. Es hängt vom jeweiligen subjektiven Geschmack ab, wie man das findet. Der Brutalismus gehört aber zur Geschichte und bei den in Prag immer wieder aufflammenden öffentlichen Debatten darüber, ob man solche Gebäude unter Denkmalschutz stellen oder abreißen soll, ist Augenmaß gefragt.

Ob man das Metrostav nun schön findet oder nicht: Es erweist sich zweifellos bei näherem Hinschauen durchaus als ein originell gestaltetes Haus aus, das die Botschaft des Brutalismus geradezu archetypisch präsentiert: Zeigen, dass man mit rohem Beton, Glas und viel Stahl faustischen Gestaltungswillen ausdrücken will. Die Architekten haben dafür gesorgt, dass das Stahlgerippe jedenfalls außen sichtbar bleibt und die Fassade geometrisch strukturiert. Und dann ist da noch der wie eine grobe Parodie einer Apsis wirkende Vorbau (Bild oberhalb links)… Der rot bemalte Stahl kontrastiert mit den kleinen grünlichen Fließen. Die Fenster sind in unterschiedlich große Abschnitte unterteilt, was irgendwie beunruhigend wirkt.

Mit der hübschen und strikt funktionalistischen Uhr auf dem Giebel wurde ein fast schon versöhnliches Zeichen inmitten des Rein-Brutalismus hinzugefügt. Wie gesagt: Alles nicht jedermanns Geschmack. Aber schon ein architektonisches Zeitdokument aus der Zeit als der Kommunismus die Ästhetik bestimmte. Immerhin gab es im Mai 2020 einen veröffentlichten Vorschlag von Architekten der Fakultät für Architektur der Technischen Hochschule in Prag (České vysoké učení technické v Praze, Fakulta architektury; auch FA ČVUT abgekürzt) eingebracht, das Haus der Metrostav als Denkmal zu schützen. Man davon ausgehen, dass damit eine spannende Diskussion eröffnet wurde. (DD)

Reine Rechtslehre am Einkaufszentrum

Er gilt als der Vater der modernen österreichischen Verfassung. Bei seinem Namen denkt man eigentlich gleich an Österreich: Hans Kelsen. Da staunt man doch, wenn man plötzlich entdeckt, dass der Rechtsgelehrte in Wirklichkeit vor genau 140 Jahren, am 11. Oktober 1881 hier in Prag geboren wurde.

Nun gut, als er geboren wurde, gehörte Prag ja irgendwie zur österreichischen Reichshälfte der Doppelmonarchie. Trotzdem gilt: Mit drei Jahren verließen er und seine Familie Böhmen und die eigentliche akademische Karriere Kelsens nahm dann in Wien ihren Anfang. Kelsen gilt als der führende Vertreter des modernen Rechtspositivismus. Er nannte seine juristische und rechtsphilosophische Theorie Reine Rechtslehre, die die Autonomie des Rechts gegenüber Moral oder vorstaatlichen Werten (Naturrecht) postulierte. Liberale Kritiker wie Friedrich August von Hayek haben ihm vorgeworfen, eine solch moralfreie Theorie des Rechts leiste leicht Unrechtsregimen Vorschub. Das hätte er von sich gewiesen, denn für ihn war wissenschaftliche Jurisprudenz die Ableitung einer Rechtssystematik von einer Grundnorm. Die war für ihn nicht Gegenstand der Wissenschaft, wohl aber von moralischen Überzeugungen. Er betonte stets, dass für ihn demokratische Grundnormen vorzuziehen seien. Die Verfassung Österreichs verdankt ihm bis heute wesentliche Impulse, etwa die Etablierung des unabhängigen Verfassungsgerichts.

Für die Demokratie setzte er sich so sehr ein, dass er 1933 seinen Lehrstuhl in Köln verlassen musste, weil ihn die Nazis verfolgten. Er floh nach Wien, dann 1936 in seine Geburtsstadt Prag, wo ihn die Nazis bald einholten. 1940 landete er in den USA, wo er bis zu seinem Tod 1974 als hochgeachteter Jurist wirkte. Hier in Prag, wo er geboren wurde, wollte man seiner dann auch gedenken und so wurde 2014 in Gegenwart des Bürgermeister von Prag 1, Oldřich Lomecký, eine Gedenktafel zu seinen Ehren eingeweiht. Um es vorsichtig zu sagen: Die Tafel (großes Bild oben) und die Lokation wirken leider ein wenig lieblos. Es handelt sich um eine bloße Blechtafel mit der Aufschrift, dass der große Rechtsgelehrte hier dereinst geboren wurde. Das Ganze befindet sich in der unansehnlichen Ecke eines Nebeneingangsbereichs eines Kaufhauses. Nur wenigen Menschen, die hier vorbeikommen, dürfte die Plakette überhaupt auffallen.

Dass das Umfeld so aussieht, wie es aussieht, dafür können die Initiatoren der Plakette allerdings nichts. Denn das eigentliche Geburtshaus wurde schon lange zuvor abgerissen. Heute steht hier eben das Einkaufszentrum Máj (Obchodní dům Máj) in der Národní 63/26, Ecke Spalená, am Rande der Altstadt (Prag 1), das in den Jahren von 1972 bis 1975 von den Architekten John Eisler, Miroslav Masák und Martin Rajniš erbaut wurde. Der Koloss aus Stahl, Beton und Glas gilt als ein typisches Werk des sozialistischen Brutalismus und wurde als solches gefeiert. Das war damals verständlich, da es im kommunistischen Ostblock überhaupt nur sehr wenige große Einkaufszentren gab. Um dieses hier aufzubauen, musste man auch schwedische Baufirmen anheuern. Heute ist hier immer noch ein recht hochwertiges Einkaufzentrum, das einer britischen Lebensmittelkette gehört, die den tschechischen Namen Máj (dt.: Mai) in My umnannte, wohl um ein internationaleres Publikum anzulocken. (DD)

Brutalismus neben Jugendstil

Wer vom Prager Hauptbahnhof (hlavní nádraží) als einem Meisterwerk des Jugendstils schwärmt, darf über den Brutalismus der späteren Bauphase nicht schweigen. Der hat sicher auch seine Fans, aber möglicherweise nicht ganz so viele.

In den 1970er musste man große Verkehrsprobleme lösen. Auch in den Zeiten des Kommunismus nahm der Autoverkehr zu. Den konnte man nicht durch die engen Altstadtgassen jagen. So verband man die Vergrößerung des Bahnhofs mit dem Bau einer neuen Verkehrsachse und eines Metro-Systems (U-Bahn). Mit dem Bau der Metrostation am Bahnhof begann man 1967 nach den Entwürfen des Architekten Jiří Trnka. Nun zunächst plante man eigentlich eine Straßenbahnverbindung zum Bahnhof, die eigentlich unter demselben kurz mal untertauchen sollte. Deshalb ist die heutige Metrostation ungewöhnlich wenig tief gelegen. Zudem gehört sie zu den wenigen Stationen, die keinen einzigen mittleren Bahnsteig, sondern zwei äußeren neben den Gleisen haben (andere Ausnahme hier). Wie dem auch sei: Irgendwann im Laufe der Planung beschloss man doch eine regelrechte U-Bahn und die Station wurde, obwohl sie 1972 bereits fertiggebaut war, erst 1974 – nun als erste Metrostation – eröffnet.

Über der Metrostation baute man zwischen 1972 und 1979 nach den Entwürfen des Architektenteams Josef Danda, Jan Bočan, Zdeněk Rothbauer, Julie Trnková, Alena und Jan Šrámek eine neue große Bahnhofsvorhalle für den Hauptbahnhof. Das flache, im Stil des sozialistischen Brutalismus mit viel rohem Beton, Stahl und Glas gebaute Gebäude fraß sich nun vom alten Bahnhofbau in den davor gelegenen Park (dem Vrchlického sady) hinein und verkleinerte ihn. Der alte Bahnhof war nun optisch ein wenig von der Innenstadt abgeschnitten. Und auch verkehrstechnisch, denn nun gab es keine direkte Straßenbahnverbindung mehr, sondern nur die Metro unter dem neuen Gebäude.

Den flachen Vorbau nutzte man gleich, um das Problem der Umführung des Autoverkehrs zu lösen. Über dem Gebäude verläuft seither die sogenannte Nord-Süd-Magistrale. Die breite Straße führt den Verkehr an der Altstadt vorbei (was grundsätzlich sinnvoll ist). Im Süden verläuft sie zu der 1973 eröffneten Nusle-Brücke und den dahinter liegenden Autobahnverbindungen; nach Norden setzt sie sich auf Betonpfeilern etliche Kilometer fort. Das ist in der Tat eine städteplanerische Scheußlichkeit. Für Fußgänger ist das Areal kaum sicher begehbar. Die Staatsoper ist fast abgeschnitten. Die beiden hübschen Stadtteile Altstadt und Vinohrady wurden brutal voneinander getrennt. Überall verschlimmern Betonauffahrten und auf dem Gebäude befindliche Parkplätze das Stadttbild.

Natürlich hatten sich die Architekten, die ja unter bestimmten Sachzwängen standen, bemüht, der neuen Halle auch einige ästhetisch interessante Komponenten hinzuzufügen. Die Deckenlampen im (nur in den 1970ern) schön empfundenen Orange, die man noch innen bewundern kann, waren stilistisch der letzte Schrei als sie anmontiert wurden – nicht nur in der kommunistischen Welt.

Auch war galt der Beton-Brutalismus, den man auch innen überall sieht, damals durchaus Avantgarde. Nach der Samtenen Revolution 1989 und dem Ende des Kommunismus wurden auch die Geschäfts- und Ladenbereiche behutsam umgestaltet, um sie ästhetisch ansprechender zu machen. Trotzdem wird die Bahnhofshalle der 1970er insgesamt von den meisten Besuchern nicht gerade als als ästhetische Augenweide empfunden. Der Brutalismus hat gerade in Prag durchaus einige äußerst interessante Gebäude hervorgebracht (Beispiele hier und hier). Die Sachzwänge – insbesondere die Integration der Magistrale – haben aber den Bahnhofsvorbau zu einem problematischeren Fall werden lassen.

Auch außen hat man sich – etwa bei den Luft- und Aufzugschächten mit ihren Stahl- und Glaskuppeln (siehe großes Bild oben) – schon Gedanken über eine ästhetischere Gestaltung gemacht. Das konnte am Ende aber nicht verhindern, dass das städteplanerische Dilemma zwischen der Notwendigkeit einer Magistrale und der dadurch aber entstandenen Zerschneidung der Stadt und der optischen Zurücksetzung des schönen alten Jugendstil-Bahnhofs nicht aufgelöst wurde.

Ab und zu diskutiert die Prager Lokalpolitik darüber, wie man das Problem lösen könnte. Die sicherlich ansprechendste Lösung wäre es, die Magistrale in einen Tunnel zu verlegen, den Vorbau abzureißen und den Park wieder zu vergrößern. Das würde aber nicht nur viel, sondern sehr viel Geld kosten und möglicherweise für lange Zeit schwere Verkehrsprobleme durch Sperrungen hervorrufen. Davor schreckt man zurück. So wird uns die brutalistische Bahnhofshalle noch eine Zeit erhalten bleiben. (DD)

Brutalismus ohne Tristesse

Das heute Cube genannte Gebäude hieß nicht immer so. Als Meisterwerk des immer beliebter werdenden Brutalismus der 1970er Jahre wurde es in den Zeiten des Kommunismus gebaut, wo man Englisch – die Sprache des westlichen „Klassenfeinds“ – in der Regel nicht so gerne verwendete.

Zur Geschichte: Im Jahre 1974 wurde der Messepalast (Veletržní palác) in Holešovice (Prag 7), eines der schönsten Gebäude des Funktionalismus der 1920er Jahre, das heute heute Teile der Nationalgalerie beherbergt (wir berichteten hier), durch ein Feuer schwer beschädigt und musste über viele Jahre hinweg repariert werden. Und während dieser Zeit war es natürlich auch nicht mehr nutzbar.

Zu diesem Zeitpunkt residierte in diesem Gebäude die staatliche Außenhandelsgesellschaft Koospol. Die brauchte natürlich schnell ein neues Gebäude, das auch innerhalb von drei Jahren fertiggestellt wurde. Und im Jahre 1977 wurde dann das entsprechende neue Gebäude in der heutigen Evropská 423/178 im Stadtteil Vokovice (Prag 6) unter dem Namen Gebäude der PZO Koospol (Budova PZO Koospol) feierlich eröffnet. Die Abkürzung PZO steht dabei für „podnik zahraničního obchodu“ – Unternehmen für Außenhandel. Koospol hatte eine neue und modernere Heimat gefunden.

Die Pläne für das Gebäude stammten von den Architekten  Stanislav Franc, Jan Nováček und Vladimír Fencl. Alle drei eroberten sich durch den Bau einen Platz in der jüngeren Architekturgeschichte des Landes und empfahlen sich für weitere Projekte. Insbesondere Franc sollte zum Beispiel 1989 mit dem preisgekrönten (und nicht mehr brutalistischen) Gebäude des Hotel Atrium (heute Hilton) zu den bekannteren modernen Architekten in Prag aufsteigen. Nováčeks bekanntestes Gebäude (neben dem Cube) ist das Kulturhaus (Dům kultury) in Vsetín. Fencl spezialisierte sich auf Observatorien, etwa das neue Gebäude der Sternwarte Ondřejov Anfang der 1980er Jahre, später folgten internationale Projekte für Sternwarten, eine komplexe Gebäudeart, für die er mittlerweile als Spezialist galt.

Das Koospol-Gebäude wurde übrigens nach Vollendung der Planung in nur 18 Monaten von der österreichischen Firma Beton- und Monierbau (BuM) fertiggestellt. Kern des realiserten Entwurfs war – wie der heutige Name korrekt suggeriert – ein großer Kubus mit Hängefassaden aus viel Glas. Dieser steht wiederum auf einem kleineren Sockelbau aus klassischem Rohbeton, wie es sich für ein Werk des Brutalismus gehört. Der Kubus, dessen Flächenmaße 58×58 Meter betragen, ragt frei durch Kragträger unterstützt über den Sockel (ähnlich wie wir es hier schon gesehen haben). Der Sockel wiederum steht auf einem langen rechteckigen und niedrigen (zweietagigen) Beton/Stahl-Gebäude (was man gut auch dem kleinen Bild rechts erkennen kann). Das ganze wird recht kolossal, wenngleich die Architektur natürlich nicht jedermanns Geschmack ist – Brutalismus ist und bleibt irgendwie umstritten

Der eigentliche Clou ist, dass dieser untere Gebäudeteil von der Straßenseite aus kaum sichtbar ist. Und genau das trägt zu dem überwältigenden optischen Eindruck des Gebäudes als „freischwebenden“ Kubus bei. Der untere Teil nebst funktionalen Nebengebäuden wie zum Beispiel dem Parkhaus und die technischen Fazilitäten, sind in einer Art riesigen Wanne tiefergelegt (ein wenig wie ein Senkgarten), die mit kleinen Grünflächen aufgelockert sind.

Deshalb betritt man den Haupteingang über einen langen Betonsteg, der auf tragenden Sockeln ruht. Man erkennt ihn auf dem kleinen Bild links.

Kühne Treppenkonstruktionen führen von hier aus auch in diesen unteren Teil – wo man wiederum ein wenig von der lauten Straße abgeschirmt ist. Sogar Bänke (teilweise sogar durch den Steg überdacht!) zum Genießen der relativen Ruhe gibt es hier.

In einer der kleinen Grünflächen findet man einen großen, passend aus rohem Stahlbeton in Form einer zwiebelartigen Blüte entworfenen Fontanenbrunnen, der – wenn in Betrieb mit sprühendem Wasser – eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Logo von Koospol haben sollte. Er ist so ein wenig das Wahrzeichen des ganzen Gebäudes. Das wirkt auch heute noch ganz ansprechend.

Allerdings hat man sich in der Endphase des Kommunismus den enormen Wasserverbrauch nicht mehr leisten wollen oder können. Die Wasserfontäne wurde schon bald abgeschaltet. Durch Nichtbenutzung und Vernachlässigung nahmen Röhren und Pumpen irgendwann immer mehr Schaden und schon bald wurde die gesamte Wassertechnik abgebaut – und natürlich nie wieder neu eingebaut. Im Grunde haben wir hier jetzt keinen Brunnen mehr, sondern eher eine Skulptur aus Beton. Als solche „neu erfunden“ macht sie sich allerdings auch recht hübsch.

Es handelte sich beim Koospol-Gebäude sicher um ein modernes Bürogebäude mit allem Drum und Dran, wie etwa Konferenzsäle oder Cafeterien. Aber mit dem Ende des Kommunismus kam auch das Ende der Nutzung durch Koospol. Neue, nunmehr mehr oder weniger echt kapitalistische Akteure wie T-Mobile oder die Citibank zogen ein, was naturgemäß größere Umbauen nötig machte.

Die wurden dann erstmals von 1997 bis 1999 von den Architekten Darek Dupal und Vladimír Bidlo von dem Architekturbüro Atelier A.b.d.durchgeführt, wobei wohl einiges von der alten originalen Innenarchitektur der Innenarchitekten Jindřiška Radová und Pravoslav Rada – sehr zum Bedauern vieler Fans des Brutalismus – verloren ging. Das war der notwendige Presi er Modernisierung.Es gab noch einmal 2010/11 eine weitere Renovierung mit etwas geringfügigeren Umbauten, ebenfalls von Atelier A.b.d. geplant und durchgeführt wurden.

Es handelt sich schließlich um ein Nutzgebäude, bei dem sich die Ausgestaltung doch bisweilen an die ökonomischen Bedürfnisse anpassen muss. Und die Farge ist ja immer, ob und was an eienr Originalausstattung schützenswert ist. In Prag gibt es ja immer wieder politische Diskussionen, ob brutalistische Gebäude bestehen dürfen, abgerissen werden dürfen oder gar unter Denkmalschutz gestellt werden müssen. Wir berichteten hier schon über einen Abriss, und hier über ein geschütztes Gebäude. Über das Cube, das (noch?) nicht unter Denkmalschutz steht, wird zur Zeit keine Diskussion geführt.

Das hat vielleicht etwas mit dem Umstand zu tun, dass die heutigen Eigner keinerlei Grausamkeiten zu planen scheinen, sondern – im Gegenteil! – das Gebäude wie geschniegelt in Schuss halten. Brutalismus ist ja bekanntlich eine Architekturform, die bei Vernachlässigung eine besonder depressive Aura entwickelt.

Das ist beim Cube/Koospol definitiv nicht der Fall. Dazu trägt sicher auch die Lage oberhalb des herrlichen Naturschutzgebietes Divoká Šárka (Wilde Šárka), über das wir u.a. bereits hier berichteten. Von der ihm zugewandten Seite aus dürfte man sich in den Büros einer atemberaubend schönen Aussicht erfreuen. Solch eine Luxuslage will gepflegt sein, aber sie zieht im allgemeinen auch finanzstarke Mieter an, die sich diese Pflege leisten wollen und können. Und so ist es in diesem Fall auch. Jedenfalls umgibt das Cube trotz seiner Ursprünge in finsterer Zeit keineswegs mir die Atmosphäre von Tristesse, die sonst das Erbe des Kommunimus so umgibt. (DD)