Bei den Nilpferdbadewannen

Hroší lázeň – auf Deutsch: Nilpferdbadewanne – nannte der offenbar mit Humor gesegnete Bildhauer Josef Klimeš seine Kreation, eine Kombination von Großskulptur und Treppe, die das Herz eines jeden Freundes des brutalistischen Stils der 1970er/1980er Jahre höher schlagen lassen muss. Roher Beton in Fülle – und das ohne ein unnötig ablenkendes Umfeld! Denn drumherum sieht man auch sonst nichts anderes als Beton.

Auf den ersten Blick könnte der Spaziergänger, den es in das graue Gewirr von Eisenbahngleisen, Auffahrten und Zubringern zur Barrandov Brücke (Barrandovský most) verschlagen hat, denken, dass es sich um Stützpfeiler mit einer Aufhängung für eine dann doch nicht gebaute weitere Zubringertrasse handelt. Aber es handelt sich in der Tat um echte Kunst am Bau. Und hier, auf dem östlichen Ufer der Moldau gibt es in Sichtweite noch ein zweites Exemplar, das recht ähnlich aussieht und deshalb auch Hroší lázeň II heißt (Bild links). Man muss sich allerdings auf komplizierten Wegen am Rand der dicht befahrenen Schnellstraße dahin durchkämpfen. Echte Nilpferde dürften weder in Hroší lázeň I noch in Hroší lázeň II jemals gebadet haben, aber man muss zugeben, dass die Bezeichnung irgendwie doch den Nagel auf den Kopf trifft.

Die hiesige Ufer-Schnellstaße, die hier mit Zubringern des Prager Autobahnrings zusammentrifft, führt durch ein sehr schmales Terrain, denn der Uferstreifen wird eng durch die steil aufsteigenden Barrandov-Felsen begrenzt. Deshalb ist hier auch solch ein dichtes Gewirr von Straßen auf allen Ebenen (plus einer am Ufer fahrenden Eisenbahn). Und natürlich alles in rohem Beton, der die wachsende Zahl der Anhänger des einstmals verschrienen Brutalismus nur so verzücken muss (ansonsten ist das natürlich immer noch nicht unbedingt jedermanns Ästhetik).

Das war natürlich der angesagte Baustil als die Barrandov Brücke erbaut wurde. Sie wurde nämlich in den Jahren 1978 bis 1988 nach den Plänen des Architekten Karel Filsak (dem wir u.a. das berühmte Hotel Intercontinental in der Altstadt verdanken) gebaut. Auf dem Bild rechts kann man die Brücke von den Stufen von Hroší lázeň II aus schön begutachten. Die Brücke aus Spannbeton ist insgesamt 352 Meter lang und bis zu 55 Meter breit. Sie besteht aus zwei separaten Fahrbahnen mit je vier Fahrspuren, von denen die erst (südliche) schon 1983 eröffnet wurde. Sie verbindet die Stadtteile Barrandov (Westufer) und Braník (Ostufer). Weil das ganze Arrangement auch den Verkehr zum Autobahnring hin- und wegleitet, herrscht hier heftigster Autoverkehr. 2017 sollen hier 142.000 Autos am Tage im Durchschnitt über die Moldau gefahren sein. Die Brücke gilt als hoffnungslos überlastet.

Wie dem auch sei: nach der Eröffnung im Jahre 1988 wurden hier die beiden Nilpferdwannen (die der Volkmund auch manchmal als „Krmítko pro slony“ bezeichnet, auf Deutsch: Elefantenfutterstelle) als Kunstwerke aufgestellt, wobei die architektonisch in die Brückenkonstruktion intergriert sind. Neben ihrem Status als Kunstwerk dienen sie auch als Überdachung von Treppenaufstiegen. Wer unbedingt im Zubringerchaos die Straße wechseln oder eine der bewachsenen Verkehrsinseln aufsuchen möchte, kommt von hier aus auf das „Erdgeschoss“ und kann andernort wieder aufsteigen. Und zwar in unterschiedlicher Weise.

Bei Hroší lázeň II ruht die eigentliche „Wanne“ auf einem Treppenhaus, das um eine Ecke führt. Im Zwischendeck hat man eine Blicknische gelassen, die – vor allem am Umfeld gemessen – eine schöne Aussicht auf die Felslandschaft des gegenüber liegenden Ufers erlaubt (Bild links). Das ist schon fast Illusionskunst. Man muss sich ein wenig die Ohren zuhalten, damit man den Verkehrslärm nicht hört, aber dann konnte man an eine Idylle glauben – aber nur von diesem Blickwinkel aus.

Biegt man um die Ecke und geht herunter, dann verliert sich die Illusion. Man befindet sich zwischen Betonwänden am Straßenrand und kann sich auf einem kleinen Bürgersteig langsam auf den Weg machen.

Eine Unterführung weiter steht man vor Hroší lázeň I. Der sieht ähnlich aus, aber die Wanne ist nicht in die Treppe intergiert. Die Wanne schwebt geradezu frei auf einem umfänglichen Rundpfeiler, der längs geriefelt ist. Dadurch, so könnte man als Phantasiebegabter meinen, spielt das Ganze auf klassisch-antike Säulen mit ihren Kanneluren an. In dieser Weise freischwebend wirkt die Wanne noch brutalistischer als die von Hroší lázeň II, obwohl bei doch ungefähr gleich groß konstruiert sind. Die Treppe hinauf auf den Zubringer führt jetzt nicht durch ein Treppenhaus, sondern diagonal an der Säule vorbei unter der Wanne (die hier Regendach wird) hindurch.

Die beiden Nilpferdbadewannen konnten übrigens froh sein, dass sie erst 1989 hier aufgestellt wurden. In dem Jahr endete ja bekanntlich auch der Kommunismus. Das hatte die Umbenennung der ursprünglich nach dem ehemaligen kommunistischen Staatspräsidenten Antonín Zapotocký damals Antonín Zapotocký Brücke (most Antonína Zápotockého) benannten Brücke zur Folge. Nilpferdbadewannen sind eine viel zu lustige Idee, als dass man sie mit einem verstorbenen Stalinisten in Verbindung bringen sollte. Neben einer politisch neutralen Barrandov-Brücke dürften sich die grundsätzlich demokratie-freundlichen Nilpferde, so sie sich doch einmal hierhin zu einem erfrischenden Bade einfinden sollten, erheblich wohler fühlen.

Wie dem auch sei, so sehr sie von der Straßenperspektive auch ein wenig aussehen mögen, als ob hier ein Stück Zubringer unvollendet geblieben wäre, so sehr beeindruckt der Blick von unten (links wieder Hroší lázeň II). Man sieht, wie sehr der Bildhauer versucht hat, dass sein Kunstwerk inmitten der gigantischen Brücken- und Zubringerarchitektur immer noch optisch herausragend wirkt. Es ist die schiere Wucht des Betons, die man hier bewundern kann. Das Ganze erinnert ein wenig an einen alten Schiffsrumpf, wobei dieser Eindruck durch die Abdrücke der Holzverschalungen, die für den Guss verwendet wurden, noch einmal verstärkt wird.

Man soll aber bei dieser Gelegenheit nicht annehmen, das der Bildhauer, Josef Klimeš, nur ein Mann für’s Grobe war, der Gigantomanie in Beton goß. Vielmehr konnte er auch anders. Nämlich durchaus figürliche und feine Darstellungen (Beispiel hier). Kurz: Er war ein vielseitiger Künstler. Hier hatte er sich eben – wie es ein guter Künstler tun muss – über den Kontext seines Werkes (der nun einmal eine Betonbrücke ist) Gedanken gemacht, und dies durchaus sehr passend mit mit augenzwinkernder Phantasie realisiert. Es nur schade, dass die Barrandov-Brücke nicht so prominent und bekannt ist wie die Karlsbrücke, sondern eher abgelegen. Deshalb sehen sich wohl nur wenige Touristen je die beiden Nilpferdbadewannen an. Nur hartgesottene Brutalismus-Fans verirren sich hierher.

Komplett ist die Beschreibung der beiden Wannen aber noch nicht, wenn man sich nicht mit dem gegenüber liegenden Ufer befasst. Dort in Braník ist das Gewirr der Zubringer etwas geringfügiger wirr als drüben in Barrandov, aber eben immer noch recht komplex. Und so kann man im Vorbeifahren mit der Ufer-Straßenbahn die Skulptur Rovnováha (Balance/Gleichgewicht) bewundern – ebenfalls ein Werk von Klimeš. Der Titel des Werkes ist natürlich nicht so lustig wie der der „Nilpferdbadewannen“, aber doch recht sinnfällig. Leider ist sie von einer Werbetafel am Wegesrand etwas verstellt. Die Skulptur besteht wieder aus einer Säule mit Kanneluren (wie Hroší lázeň I). Darauf befindet sich aber keine Wanne, sondern ein auf dem „Rücken“ liegender Betonhalbkreis, der aber an einer Seite unregelmäßig „ausflattert“. Das erweckt den Eindruck eines schwer zu stabilisierenden Gleichgewichts. Die Möglichkeiten, die uns Stahl und Beton geben, um schwierige Gleichgewichte zu meistern, werden also recht augenscheinlich gemacht. Auch hier ließ der Künstler seinen Hintersinn walten. (DD)

Schlichter Brutalismus am Rande des Waldes

Der Beginn der Bauzeit der Prager Metro fiel in die Zeiten als der Kommunismus schon die Anzeichen jenes wirtschaftlichen Schwächelns aufwies, das ihn 1989 schließlich zu Fall brachte. Bei den prestigeträchtigeren Stationen im Innenstadtbereich verband man den (nicht nur) in den sozialistischen Ländern beliebten Beton-und-Stahl-Brutalismus immerhin noch mit zum Teil originellen künstlerischen Gestaltungen (wir präsentierten u.a. Beispiele hier und hier), um vielleicht auch vor ausländischen Besuchern Eindruck zu schinden.

Daher lohnt sich eine Fahrt mit der 1974 in (Teil-) Betrieb genommenen Linie C (rot) zu der Metrostation Roztyly, die in ihrer Kunstlosigkeit ein genaueres Bild der damaligen Lage widerspiegelt. Sie wurde 1980 am Rande der sogenannten Südstadt (Jižní město), der in den 1970er Jahren erbauten größten Plattenbausiedlung der Tschechoslowakei, eröffnet. Und dann hatte sie das Pech, dass das einzige auffällige Kunstwerk 1989 aus nachvollziehbaren Gründen spurlos entfernt wurde. Ursprünglich hieß sie nämlich nicht Roztyly, sondern Primátora Vacka (Oberbürgermeister Vacek). Damit gedachten die Kommunisten ihrem 1960 verstorbenen Genossen und Gründungsmitglied Václav Vacek, der erst 1945, dann aber vor allem von 1946 bis 1954 Prag als Bürgermeister in das (damals strikt stalinistische) realsozialistische System überführte. In der Metrostation ehrte man ihn mit einer großen Büste des Bildhauers Miloš Zet, der durchaus bedeutende Kunst schuf. Aber der dadurch Geehrte war dann 1989 doch zurecht aus Zeit und Gnade gefallen.

Und so können wir heute ein recht schmuckloses Gebäude bewundern. Es handelt sich um einen simplen rechteckigen Bau, der an den Längsseiten je einen Ein- bzw. Ausgang hat. Entworfen haben die Station der Architekt Vladimír Uhlíř (der in der Innenstadt mit der Station Florenc ein repräsentativeres Werk geschaffen hatte, wie wir hier zeigten) und seine Kollegin Daniela Marková-Dolejšová. Ganz ohne ästhetische Ausgestaltung wurde die Station jedoch nicht belassen. Wie an vielen Stationen der Linie C im äußeren Stadtbereich, verwendete man dazu abstrakte Keramikstrukturen auf den Wandflächen hinter den beiden Gleisen. Es handelt sich um unregelmäßie Streifen aus konkaven und konvexen Halbröhren aus Keramik.

Ein ähnliches Thema setzt sich außen fort, wo in der oberen Hälfte ein nunmehr sehr regelmäßiges Halbröhrenmuster als Band rund um das Gebäude gezogen wurde, um den Rohbeton, aus dem das Gebäude besteht, ein wenig zu überdecken. Von außen bietet die Station sowieso aufgrund ihrer Lage ein kontrastreiches Bild. Während auf der nördlichen Seite ein eintöniges Gewerbegebiet zur ebenso eintönigen Plattensiedung überleitet, betritt man vom Südausgang nach wenigen Metern ein ausgedehntes Waldgebiet. Pure Natur, die als Naherholungsgebiet bei den wanderfreudigen Pragern außerordentlich beliebt ist. Deshalb wird die Station auch oder gerade an Wochenenden reger genutzt als man es von der Südstadtlage und ihrem Image erwarten könnte – im Sommer wie im Winter, als die Aufnahmen zu diesem Beitrag entstanden. (DD)

Brutalistisches Zollamt

Der Brutalismus scheint als Architekturstil umso mehr Anhänger zu finden, desto mehr er in unseren Städten der Abrissbirne anheimfällt. Der ungebremste Gestaltungswille in den rohen Materialien Beton, Stahl und Glas, der sich städteplanerisch in den 1960er und 1970er Jahren in Ost und West Bahn brach, war nie jedermanns Geschmack. Und manches der Gebäude war so, dass man nie wusste, ob man beim Anblick fasziniert oder erschaudert sein sollte. Schon wegen dieses prickelnden Gefühls sollte man diesen Stil nicht verschwinden lassen.

Manche Gebäude nach brutalistischer Manier findet man per Zufall. So ging es mir. Wer in Prag ein zu verzollendes Päckchen aus dem Ausland empfängt, muss selbiges meistens beim Postamt von Košíře (Plzeňská 290/139, Praha 5) abholen, wo im dritten Stock praktischerweise auch das örtliche Zollamt residiert. Man muss also nicht lange herumirren, um alles abzuwickeln. Steigt man, wie ich es vor einiger Zeit eben wegen einer solchen Postsendung tun musste, an der Straßenbahnhaltestelle Klamovka aus, um dorthin zu gelangen, sieht man schon von weitem eine wahre Orgie in gewellter Metallverschalung, Glasfenstern und Beton.

Alles sieht hier schon ein wenig abgenutzt aus und passt sich somit der Umgebung in diesem nicht sonderlich prachtvollen Teil von Prag an. Von weitem erinnert einen das Gebäude an die Aufbauten eines großen modernen Ozeanriesen. Die schräge Vorderseite scheint dabei dem Seewind zu trotzen. Die blaue oder manchmals auch dunkelrotte Metallverschalung und die durchgehenden Fensterfronten strukturieren das Gebäude vor allem in den mittleren Stockwerken horizontal.

Die Verschalung des den brutalistischen Stil geradezu definierenden Rohbetons findet sich in Prag ansonsten noch bei dem etwas bekannteren Einkaufszentrum Kotva, das in den Jahren 1972 bis 1975 von dem Architektenpaar Věra Machoninová und Vladimír Machonin erbaut worden war (wir berichteten hier). Allerdings hatte man im Kotva kein Wellblech für die Verschalung verwendet, sondern eine besondere Metalllegierung. Aber das Kotva steht ja auch in der mondänen Neustadt. Für das abgelegenere und ärmere Košíře reichte anscheinend auch billigeres Material.

Innen herrscht schiere Funktionalität. Die Post- und Zollbürokraten arbeiten in nüchternen und schmucklosen Büros. Die Räume für größere Öffentlichkeiten, also die Wartesäle und die Schalterhalle im Erdgeschoss sind, wie häufig in derartigen Gebäuden, ausgesprochen niedrig. Das wirkt schon ein wenig niederdrückend. Man merkt, dieser Bau soll nicht zum beeindruckten Verweilen einladen, sondern eine reibungs- und ablenkungsfreie Regularität bürokratischer Abläufe unterstreichen. Immerhin hat man sich im Eingangsbereich zu ein wenig Ornamentik in bunter Bekachelung hinreißen lassen – in den modischen Violetttönen, wie sie damals beliebt waren.

Das Gebäude entstand in den Jahren 1980 bis 1983. Entworfen haben es die Architekten Jindřich Malátek und vor allem auch Václav Aulický, dem wir u.a. den Fernsehturm Žižkov (Žižkovská televizní věž, siehe auch hier) und den leider inzwischen abgerissenen Transgas-Bau (wir berichteten hier) verdanken – beides für Aficionados des Brutalismus geradezu Krönungen der Schöpfung. Dieses Bauwerk wirkt – trotz der „Kunst am Bau“, die sich davor befindet (großes Bild oben, Bild rechts) weniger avantgardistisch und experimentell als die beiden zuvor genannten Gebäude. Nicht als spektakuläres, sondern eher als typisches und (immer noch) alltagstaugliches Werk des Brutalismus muss man es wohl bezeichnen. (DD)

Brutalismus unter Denkmalschutz?

Wer Brutalismus mag und es dabei nicht brutal genug haben kann, der wird dieses Gebäude mögen. In der Na Moráni 360/3 in Prag 2 und ganz nahe beim Palacký Platz und ein klein wenig weniger nahe beim Karlsplatz befindet sich das Haus der Metrostav (Dům Metrostav).

Metrostav war die 1971 gegründete staatliche Firma, die ab 1974 die Prager Metro baute und eigentlich zunächst nur für diesen Zweck ins Leben gerufen worden war. Staatlich ist sie heute nicht mehr, denn 1991 begann der Privatisierungsprozess als Aktiengesellschaft. Das funktionierte auch gut und reibungslos. Heute ist Metrostav eine der größten Baufirmen des Landes und operiert mit Tochterfirmen erfolgreich international. Und seit 2009 befindet sich hier in der Na Moráni auch nicht mehr das Hauptquartier der Firma, das nach Prag 8 umgezogen ist. Heute befinden sich hier zahlreiche Firmenbüros und die Zentrale einer politischen Partei.

In dem von Historismus und Kubismus geprägten Umfeld des Palacký Platzes nimmt sich das Gebäude zumindest als deutlich wahrnehmbarer Kontrast aus. Entworfen haben es die beiden Architekten Aleš Moravec und František Novotný, letzterer ein Spezialist für Glasarchitektur, was beim Metrostav-Haus ja durchaus zum Tragen kommt. Es wurde in den Jahren 1977 bis 1989 fertiggestellt. Das Jahr der Fertigstellung, das zugleich Jahr des Endes des Kommunismus war, ist in Fließen gelegt oben an der Fassade groß lesbar.

Hätte man erst dann mit der Planung begonnen, wäre die Stadt real-sozialistischer Brutalistik ärmer. Es hängt vom jeweiligen subjektiven Geschmack ab, wie man das findet. Der Brutalismus gehört aber zur Geschichte und bei den in Prag immer wieder aufflammenden öffentlichen Debatten darüber, ob man solche Gebäude unter Denkmalschutz stellen oder abreißen soll, ist Augenmaß gefragt.

Ob man das Metrostav nun schön findet oder nicht: Es erweist sich zweifellos bei näherem Hinschauen durchaus als ein originell gestaltetes Haus aus, das die Botschaft des Brutalismus geradezu archetypisch präsentiert: Zeigen, dass man mit rohem Beton, Glas und viel Stahl faustischen Gestaltungswillen ausdrücken will. Die Architekten haben dafür gesorgt, dass das Stahlgerippe jedenfalls außen sichtbar bleibt und die Fassade geometrisch strukturiert. Und dann ist da noch der wie eine grobe Parodie einer Apsis wirkende Vorbau (Bild oberhalb links)… Der rot bemalte Stahl kontrastiert mit den kleinen grünlichen Fließen. Die Fenster sind in unterschiedlich große Abschnitte unterteilt, was irgendwie beunruhigend wirkt.

Mit der hübschen und strikt funktionalistischen Uhr auf dem Giebel wurde ein fast schon versöhnliches Zeichen inmitten des Rein-Brutalismus hinzugefügt. Wie gesagt: Alles nicht jedermanns Geschmack. Aber schon ein architektonisches Zeitdokument aus der Zeit als der Kommunismus die Ästhetik bestimmte. Immerhin gab es im Mai 2020 einen veröffentlichten Vorschlag von Architekten der Fakultät für Architektur der Technischen Hochschule in Prag (České vysoké učení technické v Praze, Fakulta architektury; auch FA ČVUT abgekürzt) eingebracht, das Haus der Metrostav als Denkmal zu schützen. Man davon ausgehen, dass damit eine spannende Diskussion eröffnet wurde. (DD)

Reine Rechtslehre am Einkaufszentrum

Er gilt als der Vater der modernen österreichischen Verfassung. Bei seinem Namen denkt man eigentlich gleich an Österreich: Hans Kelsen. Da staunt man doch, wenn man plötzlich entdeckt, dass der Rechtsgelehrte in Wirklichkeit vor genau 140 Jahren, am 11. Oktober 1881 hier in Prag geboren wurde.

Nun gut, als er geboren wurde, gehörte Prag ja irgendwie zur österreichischen Reichshälfte der Doppelmonarchie. Trotzdem gilt: Mit drei Jahren verließen er und seine Familie Böhmen und die eigentliche akademische Karriere Kelsens nahm dann in Wien ihren Anfang. Kelsen gilt als der führende Vertreter des modernen Rechtspositivismus. Er nannte seine juristische und rechtsphilosophische Theorie Reine Rechtslehre, die die Autonomie des Rechts gegenüber Moral oder vorstaatlichen Werten (Naturrecht) postulierte. Liberale Kritiker wie Friedrich August von Hayek haben ihm vorgeworfen, eine solch moralfreie Theorie des Rechts leiste leicht Unrechtsregimen Vorschub. Das hätte er von sich gewiesen, denn für ihn war wissenschaftliche Jurisprudenz die Ableitung einer Rechtssystematik von einer Grundnorm. Die war für ihn nicht Gegenstand der Wissenschaft, wohl aber von moralischen Überzeugungen. Er betonte stets, dass für ihn demokratische Grundnormen vorzuziehen seien. Die Verfassung Österreichs verdankt ihm bis heute wesentliche Impulse, etwa die Etablierung des unabhängigen Verfassungsgerichts.

Für die Demokratie setzte er sich so sehr ein, dass er 1933 seinen Lehrstuhl in Köln verlassen musste, weil ihn die Nazis verfolgten. Er floh nach Wien, dann 1936 in seine Geburtsstadt Prag, wo ihn die Nazis bald einholten. 1940 landete er in den USA, wo er bis zu seinem Tod 1974 als hochgeachteter Jurist wirkte. Hier in Prag, wo er geboren wurde, wollte man seiner dann auch gedenken und so wurde 2014 in Gegenwart des Bürgermeister von Prag 1, Oldřich Lomecký, eine Gedenktafel zu seinen Ehren eingeweiht. Um es vorsichtig zu sagen: Die Tafel (großes Bild oben) und die Lokation wirken leider ein wenig lieblos. Es handelt sich um eine bloße Blechtafel mit der Aufschrift, dass der große Rechtsgelehrte hier dereinst geboren wurde. Das Ganze befindet sich in der unansehnlichen Ecke eines Nebeneingangsbereichs eines Kaufhauses. Nur wenigen Menschen, die hier vorbeikommen, dürfte die Plakette überhaupt auffallen.

Dass das Umfeld so aussieht, wie es aussieht, dafür können die Initiatoren der Plakette allerdings nichts. Denn das eigentliche Geburtshaus wurde schon lange zuvor abgerissen. Heute steht hier eben das Einkaufszentrum Máj (Obchodní dům Máj) in der Národní 63/26, Ecke Spalená, am Rande der Altstadt (Prag 1), das in den Jahren von 1972 bis 1975 von den Architekten John Eisler, Miroslav Masák und Martin Rajniš erbaut wurde. Der Koloss aus Stahl, Beton und Glas gilt als ein typisches Werk des sozialistischen Brutalismus und wurde als solches gefeiert. Das war damals verständlich, da es im kommunistischen Ostblock überhaupt nur sehr wenige große Einkaufszentren gab. Um dieses hier aufzubauen, musste man auch schwedische Baufirmen anheuern. Heute ist hier immer noch ein recht hochwertiges Einkaufzentrum, das einer britischen Lebensmittelkette gehört, die den tschechischen Namen Máj (dt.: Mai) in My umnannte, wohl um ein internationaleres Publikum anzulocken. (DD)

Brutalismus neben Jugendstil

Wer vom Prager Hauptbahnhof (hlavní nádraží) als einem Meisterwerk des Jugendstils schwärmt, darf über den Brutalismus der späteren Bauphase nicht schweigen. Der hat sicher auch seine Fans, aber möglicherweise nicht ganz so viele.

In den 1970er musste man große Verkehrsprobleme lösen. Auch in den Zeiten des Kommunismus nahm der Autoverkehr zu. Den konnte man nicht durch die engen Altstadtgassen jagen. So verband man die Vergrößerung des Bahnhofs mit dem Bau einer neuen Verkehrsachse und eines Metro-Systems (U-Bahn). Mit dem Bau der Metrostation am Bahnhof begann man 1967 nach den Entwürfen des Architekten Jiří Trnka. Nun zunächst plante man eigentlich eine Straßenbahnverbindung zum Bahnhof, die eigentlich unter demselben kurz mal untertauchen sollte. Deshalb ist die heutige Metrostation ungewöhnlich wenig tief gelegen. Zudem gehört sie zu den wenigen Stationen, die keinen einzigen mittleren Bahnsteig, sondern zwei äußeren neben den Gleisen haben (andere Ausnahme hier). Wie dem auch sei: Irgendwann im Laufe der Planung beschloss man doch eine regelrechte U-Bahn und die Station wurde, obwohl sie 1972 bereits fertiggebaut war, erst 1974 – nun als erste Metrostation – eröffnet.

Über der Metrostation baute man zwischen 1972 und 1979 nach den Entwürfen des Architektenteams Josef Danda, Jan Bočan, Zdeněk Rothbauer, Julie Trnková, Alena und Jan Šrámek eine neue große Bahnhofsvorhalle für den Hauptbahnhof. Das flache, im Stil des sozialistischen Brutalismus mit viel rohem Beton, Stahl und Glas gebaute Gebäude fraß sich nun vom alten Bahnhofbau in den davor gelegenen Park (dem Vrchlického sady) hinein und verkleinerte ihn. Der alte Bahnhof war nun optisch ein wenig von der Innenstadt abgeschnitten. Und auch verkehrstechnisch, denn nun gab es keine direkte Straßenbahnverbindung mehr, sondern nur die Metro unter dem neuen Gebäude.

Den flachen Vorbau nutzte man gleich, um das Problem der Umführung des Autoverkehrs zu lösen. Über dem Gebäude verläuft seither die sogenannte Nord-Süd-Magistrale. Die breite Straße führt den Verkehr an der Altstadt vorbei (was grundsätzlich sinnvoll ist). Im Süden verläuft sie zu der 1973 eröffneten Nusle-Brücke und den dahinter liegenden Autobahnverbindungen; nach Norden setzt sie sich auf Betonpfeilern etliche Kilometer fort. Das ist in der Tat eine städteplanerische Scheußlichkeit. Für Fußgänger ist das Areal kaum sicher begehbar. Die Staatsoper ist fast abgeschnitten. Die beiden hübschen Stadtteile Altstadt und Vinohrady wurden brutal voneinander getrennt. Überall verschlimmern Betonauffahrten und auf dem Gebäude befindliche Parkplätze das Stadttbild.

Natürlich hatten sich die Architekten, die ja unter bestimmten Sachzwängen standen, bemüht, der neuen Halle auch einige ästhetisch interessante Komponenten hinzuzufügen. Die Deckenlampen im (nur in den 1970ern) schön empfundenen Orange, die man noch innen bewundern kann, waren stilistisch der letzte Schrei als sie anmontiert wurden – nicht nur in der kommunistischen Welt.

Auch war galt der Beton-Brutalismus, den man auch innen überall sieht, damals durchaus Avantgarde. Nach der Samtenen Revolution 1989 und dem Ende des Kommunismus wurden auch die Geschäfts- und Ladenbereiche behutsam umgestaltet, um sie ästhetisch ansprechender zu machen. Trotzdem wird die Bahnhofshalle der 1970er insgesamt von den meisten Besuchern nicht gerade als als ästhetische Augenweide empfunden. Der Brutalismus hat gerade in Prag durchaus einige äußerst interessante Gebäude hervorgebracht (Beispiele hier und hier). Die Sachzwänge – insbesondere die Integration der Magistrale – haben aber den Bahnhofsvorbau zu einem problematischeren Fall werden lassen.

Auch außen hat man sich – etwa bei den Luft- und Aufzugschächten mit ihren Stahl- und Glaskuppeln (siehe großes Bild oben) – schon Gedanken über eine ästhetischere Gestaltung gemacht. Das konnte am Ende aber nicht verhindern, dass das städteplanerische Dilemma zwischen der Notwendigkeit einer Magistrale und der dadurch aber entstandenen Zerschneidung der Stadt und der optischen Zurücksetzung des schönen alten Jugendstil-Bahnhofs nicht aufgelöst wurde.

Ab und zu diskutiert die Prager Lokalpolitik darüber, wie man das Problem lösen könnte. Die sicherlich ansprechendste Lösung wäre es, die Magistrale in einen Tunnel zu verlegen, den Vorbau abzureißen und den Park wieder zu vergrößern. Das würde aber nicht nur viel, sondern sehr viel Geld kosten und möglicherweise für lange Zeit schwere Verkehrsprobleme durch Sperrungen hervorrufen. Davor schreckt man zurück. So wird uns die brutalistische Bahnhofshalle noch eine Zeit erhalten bleiben. (DD)

Brutalismus ohne Tristesse

Das heute Cube genannte Gebäude hieß nicht immer so. Als Meisterwerk des immer beliebter werdenden Brutalismus der 1970er Jahre wurde es in den Zeiten des Kommunismus gebaut, wo man Englisch – die Sprache des westlichen „Klassenfeinds“ – in der Regel nicht so gerne verwendete.

Zur Geschichte: Im Jahre 1974 wurde der Messepalast (Veletržní palác) in Holešovice (Prag 7), eines der schönsten Gebäude des Funktionalismus der 1920er Jahre, das heute heute Teile der Nationalgalerie beherbergt (wir berichteten hier), durch ein Feuer schwer beschädigt und musste über viele Jahre hinweg repariert werden. Und während dieser Zeit war es natürlich auch nicht mehr nutzbar.

Zu diesem Zeitpunkt residierte in diesem Gebäude die staatliche Außenhandelsgesellschaft Koospol. Die brauchte natürlich schnell ein neues Gebäude, das auch innerhalb von drei Jahren fertiggestellt wurde. Und im Jahre 1977 wurde dann das entsprechende neue Gebäude in der heutigen Evropská 423/178 im Stadtteil Vokovice (Prag 6) unter dem Namen Gebäude der PZO Koospol (Budova PZO Koospol) feierlich eröffnet. Die Abkürzung PZO steht dabei für „podnik zahraničního obchodu“ – Unternehmen für Außenhandel. Koospol hatte eine neue und modernere Heimat gefunden.

Die Pläne für das Gebäude stammten von den Architekten  Stanislav Franc, Jan Nováček und Vladimír Fencl. Alle drei eroberten sich durch den Bau einen Platz in der jüngeren Architekturgeschichte des Landes und empfahlen sich für weitere Projekte. Insbesondere Franc sollte zum Beispiel 1989 mit dem preisgekrönten (und nicht mehr brutalistischen) Gebäude des Hotel Atrium (heute Hilton) zu den bekannteren modernen Architekten in Prag aufsteigen. Nováčeks bekanntestes Gebäude (neben dem Cube) ist das Kulturhaus (Dům kultury) in Vsetín. Fencl spezialisierte sich auf Observatorien, etwa das neue Gebäude der Sternwarte Ondřejov Anfang der 1980er Jahre, später folgten internationale Projekte für Sternwarten, eine komplexe Gebäudeart, für die er mittlerweile als Spezialist galt.

Das Koospol-Gebäude wurde übrigens nach Vollendung der Planung in nur 18 Monaten von der österreichischen Firma Beton- und Monierbau (BuM) fertiggestellt. Kern des realiserten Entwurfs war – wie der heutige Name korrekt suggeriert – ein großer Kubus mit Hängefassaden aus viel Glas. Dieser steht wiederum auf einem kleineren Sockelbau aus klassischem Rohbeton, wie es sich für ein Werk des Brutalismus gehört. Der Kubus, dessen Flächenmaße 58×58 Meter betragen, ragt frei durch Kragträger unterstützt über den Sockel (ähnlich wie wir es hier schon gesehen haben). Der Sockel wiederum steht auf einem langen rechteckigen und niedrigen (zweietagigen) Beton/Stahl-Gebäude (was man gut auch dem kleinen Bild rechts erkennen kann). Das ganze wird recht kolossal, wenngleich die Architektur natürlich nicht jedermanns Geschmack ist – Brutalismus ist und bleibt irgendwie umstritten

Der eigentliche Clou ist, dass dieser untere Gebäudeteil von der Straßenseite aus kaum sichtbar ist. Und genau das trägt zu dem überwältigenden optischen Eindruck des Gebäudes als „freischwebenden“ Kubus bei. Der untere Teil nebst funktionalen Nebengebäuden wie zum Beispiel dem Parkhaus und die technischen Fazilitäten, sind in einer Art riesigen Wanne tiefergelegt (ein wenig wie ein Senkgarten), die mit kleinen Grünflächen aufgelockert sind.

Deshalb betritt man den Haupteingang über einen langen Betonsteg, der auf tragenden Sockeln ruht. Man erkennt ihn auf dem kleinen Bild links.

Kühne Treppenkonstruktionen führen von hier aus auch in diesen unteren Teil – wo man wiederum ein wenig von der lauten Straße abgeschirmt ist. Sogar Bänke (teilweise sogar durch den Steg überdacht!) zum Genießen der relativen Ruhe gibt es hier.

In einer der kleinen Grünflächen findet man einen großen, passend aus rohem Stahlbeton in Form einer zwiebelartigen Blüte entworfenen Fontanenbrunnen, der – wenn in Betrieb mit sprühendem Wasser – eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Logo von Koospol haben sollte. Er ist so ein wenig das Wahrzeichen des ganzen Gebäudes. Das wirkt auch heute noch ganz ansprechend.

Allerdings hat man sich in der Endphase des Kommunismus den enormen Wasserverbrauch nicht mehr leisten wollen oder können. Die Wasserfontäne wurde schon bald abgeschaltet. Durch Nichtbenutzung und Vernachlässigung nahmen Röhren und Pumpen irgendwann immer mehr Schaden und schon bald wurde die gesamte Wassertechnik abgebaut – und natürlich nie wieder neu eingebaut. Im Grunde haben wir hier jetzt keinen Brunnen mehr, sondern eher eine Skulptur aus Beton. Als solche „neu erfunden“ macht sie sich allerdings auch recht hübsch.

Es handelte sich beim Koospol-Gebäude sicher um ein modernes Bürogebäude mit allem Drum und Dran, wie etwa Konferenzsäle oder Cafeterien. Aber mit dem Ende des Kommunismus kam auch das Ende der Nutzung durch Koospol. Neue, nunmehr mehr oder weniger echt kapitalistische Akteure wie T-Mobile oder die Citibank zogen ein, was naturgemäß größere Umbauen nötig machte.

Die wurden dann erstmals von 1997 bis 1999 von den Architekten Darek Dupal und Vladimír Bidlo von dem Architekturbüro Atelier A.b.d.durchgeführt, wobei wohl einiges von der alten originalen Innenarchitektur der Innenarchitekten Jindřiška Radová und Pravoslav Rada – sehr zum Bedauern vieler Fans des Brutalismus – verloren ging. Das war der notwendige Presi er Modernisierung.Es gab noch einmal 2010/11 eine weitere Renovierung mit etwas geringfügigeren Umbauten, ebenfalls von Atelier A.b.d. geplant und durchgeführt wurden.

Es handelt sich schließlich um ein Nutzgebäude, bei dem sich die Ausgestaltung doch bisweilen an die ökonomischen Bedürfnisse anpassen muss. Und die Farge ist ja immer, ob und was an eienr Originalausstattung schützenswert ist. In Prag gibt es ja immer wieder politische Diskussionen, ob brutalistische Gebäude bestehen dürfen, abgerissen werden dürfen oder gar unter Denkmalschutz gestellt werden müssen. Wir berichteten hier schon über einen Abriss, und hier über ein geschütztes Gebäude. Über das Cube, das (noch?) nicht unter Denkmalschutz steht, wird zur Zeit keine Diskussion geführt.

Das hat vielleicht etwas mit dem Umstand zu tun, dass die heutigen Eigner keinerlei Grausamkeiten zu planen scheinen, sondern – im Gegenteil! – das Gebäude wie geschniegelt in Schuss halten. Brutalismus ist ja bekanntlich eine Architekturform, die bei Vernachlässigung eine besonder depressive Aura entwickelt.

Das ist beim Cube/Koospol definitiv nicht der Fall. Dazu trägt sicher auch die Lage oberhalb des herrlichen Naturschutzgebietes Divoká Šárka (Wilde Šárka), über das wir u.a. bereits hier berichteten. Von der ihm zugewandten Seite aus dürfte man sich in den Büros einer atemberaubend schönen Aussicht erfreuen. Solch eine Luxuslage will gepflegt sein, aber sie zieht im allgemeinen auch finanzstarke Mieter an, die sich diese Pflege leisten wollen und können. Und so ist es in diesem Fall auch. Jedenfalls umgibt das Cube trotz seiner Ursprünge in finsterer Zeit keineswegs mir die Atmosphäre von Tristesse, die sonst das Erbe des Kommunimus so umgibt. (DD)

Scheinpyramide

Blickt man drunten vom Tal des kleinen Baches Brusnice hinauf, wirkt das Gebäude tatsächlich wie eine kolossale Pyramide. Schließlich heißt es ja auch Hotel Pyramida. Nur, dass der erste Eindruck trügt. Es ist keine echte Pyramide, sondern in dieser Hinsicht eher eine optische Täuschung. Und „Pyramida“ hieß es ursprünglich auch nicht.

Aber, dass es kolossal ist, darauf kann man sich einigen. Es handelt sich um ein Meisterwerk des besonders, aber nicht nur in sozialistischen Ländern in den 1960er bis 1980er Jahren modischen Stil des Brutalismus . Kühne Konstruktionen aus Stahl, Glas und rohem Beton waren angesagt. In den letzten Jahren gibt es unter Prager Städteplanern immer wieder Diskussionen, ob es diese Gebäude verdienen, unter Denkmalschutz gestellt zu werden, oder ob man sie als Fremdkörper in einer historisch gewachsenen Stadt abreissen soll. Manche stehen nun unter Schutz (Beispiel hier), andere fielen der Abrissbirne zum Opfer (hier). Und jedes Mal gab es vorher intensive politische Diskussionen.

Das heutige Hotel Pyramida blieb von solchen Diskussionen bisher verschont, nicht nur, weil selbst Kritiker des Brutalismus nicht wollen können, dass eine letztlich doch eine Stück Geschichte (wenn auch nicht das beste) Stilrichtung nicht gänzlich aus dem kulturellen Gedächtnis verschwinden sollte. Vor allem sind es zwei Gründe, die wohl das Pyramida weitgehend unumstritten sein lassen: Erstens: Obwohl fußläufig vom Burgbezirk gelegen (was es bei Touristen beliebt macht), stört es aufgrund seiner Lage an keiner Stelle das historische Stadtbild. Zweitens: Obwohl in den Zeiten des Kommunismus gebaut, entspricht das Hotel grundsätzlich auch heute noch allen modernen Standards, die man für ein gehobenes Etablissement dieser Art erwarten kann.

Warum? Nun, wie wir wissen, waren, um es mit Orwell zu sagen, im Kommunismus alle gleich, aber manche gleicher. Und dieses Gebäude war zunächst einmal den erheblich Gleicheren zugedacht worden. Das erkennt man schon am ursprünglichen Namen des Komplexes in in der Bělohorská 125/24 im jenseits der Burg gelegenen Stadtteil Břevnov (Prag 6): Dům rekreace ROH. In anderen Worten, es handelte sich um das exklusive Gäste- und Freizeithaus des offiziellen kommunistischen Gewerkschaftsverbandes ROH (Revoluční odborové hnutí; zu Deutsch: revolutionäre Gewerkschaftsbewegung) der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik.

Deren Funktionäre sollten bei ihren Erholungs- und Dienstaufenthalten im schönen Prag nahe den Touristenzentren einen Aufenthalt genießen, der alle Annehmlichkeiten bot: Swimming Pools, Tagungsräume, Säle, Sportmöglichkeiten, Saunen, Läden, Friseursalons, Kino, Theater, feine Restaurants, moderne Technik (die in den wenigen früheren Privilegiertenunterkünften bisweilen fehlte), schöne Aussicht – eben so wie es sich für die Avantgarde der Arbeiterklasse geziemte. Nachdem eine Kommission den geeigneten Ort in Břevnov festgelegt hatte, gab es 1967 eine Ausschreibung in Form eines Architekturwettbewerbs für den besten Entwurf des Gebäudes. Die meisten eingereichten Entwürfe waren stilistisch dem Brutalismus verpflichtet, was angesichts der Größe des Projektes nicht erstaunt.

Am Ende setzte sich der Entwurf des Architekten-Ehepaars Neda Cajthamlová und Miloslav Cajthaml. Dabei gab es durchaus veritable Konkurrenz, etwa das Architekten-Ehepaar Věra und Vladimír Machonin, das durch den Entwurf für das Prager Einkaufszentrum Kotva (wir berichteten hier) berühmt wurde. Deren Entwurf – ein Rundbau mit gekrümmten Wänden, war vielleicht noch avantgardistischer, aber technisch schwerer (und teuerer!) zu realisieren. Also bekamen die Cajthamls den Zuschlag, deren Ideen auch originell, aber vor allem auch noch technisch handhabbar zu sein schienen.

Das Gebäude, das die Cajthamls entwarfen, bestand aus einem Gebäudekern mit dreieckigem Grundriss von dem sich drei Arme nach außen bewegen. Deren Stockwerke weichen nach oben hin immer weiter zurück. Das vermittelte von weitem den optischen Eindruck, es handle sich um eine Pyramide, deren Spitze ein wenig abgeflacht ist. Eine echte Pyramide hätte keine drei Arme, die herausragen, sondern natürlich vier gleiche dreieckige Seiten, die auf einem quadratischen Grund stehen. Aber weil der optische Effekt oberflächlich dem einer Pyramide gleicht, erklärt es sich von selbst, warum man heute vom Pyramida spricht.

Die Umsetzung dauerte sehr lange. 1979 begann eine erste Bauphase, 1983 eine zweite. Anfang 1987 konnte man eröffnen. Aber es war ja mit allen den Einrichtungen und den 610 Betten ein sehr großes Projekt gewesen. Als Gewerkschaftszentrum hatte es allerdings ausgedient. Im März 1990 löste sich der ROH auf. Die Zeit der staatlichen Einheitsgewerkschaften war vorbei; freie Gewerkschaften ersetzten sie nun. Das Gebäude wurde zur Privatisierung freigegeben. Davor renovierte der Architekt Jaroslav Procházka das Gebäude, um es den Standards eines 4-Sterne-Hotels anzupassen, unter anderem durch die Vergrößerung der Räume, deren Zahl von 610 auf 336 sank. Dabei bezog er das Ehepaar Cajthaml mit in die Planungen ein. Das garantierte die Erhaltung des Gesamtcharakters des Gebäude, das im selben Jahr unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Als Hotel, das heute der Hotelkette Orea gehört, erfreut sich das Pyramida immer noch großer Beliebtheit, weil es schließlich neben dem üblichen Hotelluxus – Dank der Tatsache, dass es mal ein Bau für die Privilegierten des Kommunismus war – auch noch ein ungewöhliches Kulturangebot bietet, dass auch von den Bewohnern der Umgebung angenommen wird. Dazu gehört neben dem Kino vor allem das Theater (Divadlo Dlabačov), das übrigens in den 1990er Jahren einmal kurz dem grandiosen Puppenduo Spejbl und Hurvinek übergangsweise eine Bühnenheimat bot. Und auch sonst macht das Hotel durchaus etwas her – auch innen, wie die schöne geschwungene Treppe im Foyer zeigt, die ausgesprochen leicht gegenüber dem Brutalismus der äußeren Gesatlt kontrastiert. Auf jeden Fall scheint das Hotel in keine Weise abrissgefährdet zu sein. (DD)

 

Kühne Rampe

Die erste Phase des Baus des Prager Metrosystems fand in den 1970/1980er Jahren statt, als (nicht nur) in den kommunistischen Ländern der Brutalismus in der Architektur wilde Blüten trieb. Roher Beton und Stahl und gigantomane Konstruktionen – immer mehr Menschen finden, dass das durchaus seinen eigenen Charme hat. Und von allen brutalistischen Metrostationen in Prag ist die von Opatov möglicherweise die brutalistischste.

Schon die Umgebung stimmt, denn wir befinden uns hier beim vorletzten U-Bahnhof der Linie C (rot) in südlicher Richtung. Da ungefähr beginnt die berühmt-berüchtigte Südstadt (Jižní město), die in den 1970ern erbaute größte Plattenbausiedlung der damaligen Tschechoslowakei, die man oben bei der Bushaltestelle über der Metro schon in der Ferne sehen kann (Bild links). Klar, dass solch ein riesiges Bevölkerungskonglomerat auch in Sachen Verkehr gut angebunden sein will. Die Planungen begannen einigermaßen Parallel zum Siedlungsbau. Und deshalb wurde schon am 7. November 1980 die neue Metrostation für die Großsiedlung eingeweiht. Die Station entstand nach den Plänen der Architekten Jiří Navrátil und Michal Flašar, wobei letzterer mehr für die Innenarchitektur zuständig war.

Die Station wurde entsprechend auch recht großzügig auf Massenandrang konzipiert. Dennoch hat sie nur ein Vestibül und ist – wie die meisten Stationen in den Vororten – nicht sonderlich tief gelegen, nämlich nur 11 Meter unter Oberfläche. Man vergleiche das mit den 53 Metern Tiefe bei der deutlich zentraler gelegenen Station Vinohrady! Ein Grund, warum sie aber auch so wenig tief unter der Ede liegt, ist die Tatsache, dass man sie in eine kleine Talsenke eingebaut hat, die sogar ein wenig mit Rasen und einigen Bäumen begrünt ist, Das hat unter anderem zur Folge, dass Passanten, die die Station vom Erdgeschoss aus verlassen, die umliegende Siedlung kaum sehen. Auch von der obeen Ebene aus sieht man sie zunächst wie in der Ferne.

Bei dem Gebäude handelt es sich eigentlich um ein flaches und eingeschossiges Rechteck aus Beton, Stahl und Glas. Von außen, d.h. von der grünen Talsenke aus, wirkt es aber optisch wie ein zweigeschossiges Gebäude mit einer leichten Stahl- und Glasdachkonstruktion (Bild links). Das ist aber in dieser Form eine optische Täuschung, denn es handelt sich um die überdachten Haltestellen des Busbahnhofs von Opatov. Die Metrostation ist nämlich mehr als eine Metrostation, sondern ein richtiger Verkehrsknotenpunkt. Dank er versenkten Position konnte eine große Zubringerstraße (die Chilská) darübergeleitet werden. Und zu ihr gehört der große Busbahnhof – einer der zentralen der Umgebung. Und alles findet auf zwei Ebenen statt – unten die Metro, oben Straßenverkehr und unzählige Bushaltestellen.

Da es sich um eine vielgenutzte Station handelt, gibt es auch viele Verbindungen zwischen den Ebenen, sowohl Treppen als auch Rolltreppen. Das ist natürlich nicht besonderes. Anders steht es um die enorme spiralförmige Rampe, die als Gehweg zwischen der Metro- und der Busebene genutzt werden kann, und die breit genug ist, dass z.B. mehrere Kinderwagen nebeneinander fahren können. Die rotgestrichene Rampe ist nicht nur nützlich, sondern auch ein kühnes Meisterwerk in brutalistischer Formgebung aus rohem Beton. Das große Bild oben vermittelt eine Idee davon. Leider mindern Sprayereien den kolossalen Eindruck, aber gottlob nur ein wenig.

Das Innere der Metrostation wurde in den Jahren 2019/20 kostspielig renoviert, wobei auch Teile der alten Interieurs ausgewechselt wurden. Aber zumindest die Bahnsteige sind weitgehend authentisch geblieben. Die Gestaltung ist allerdings recht schlicht und wenig bemerkenswert. Ähnliches findet sich auch in anderen Stationen der Zeit, etwa in Roztyly. Die Wände sind mit Kacheln aus jugoslawischem Travertin in zwei verschiedenen Brauntönen bedeckt. Aus dem dunkleren Braunton wurde eine Art horizontaler Mittelstreifen geformt. Wer fragt, was denn die Besonderheit der Station Opatov ist, wird sicher nicht mit „die Kacheln“ antworten, sondern die beeindruckende Rampe nach oben nennen.

Ach ja: Als die Station Ende 1980 feierlich eingeweiht wurde, hörte sie noch nicht auf den Namen „Opatov“. Ihr ursprünglicher Name war „Družby“, was soviel wie Partnerschaft oder Freundschaft bedeutet, und im damaligen Kontext des Kommunismus als Kürzel für die „Tschechoslowakisch-Sowjetische Freundschaft“ stand, die ja ganz unverbrüchlich sozialistische Brüdervölker verband – notfalls mit Gewalt, wie im Jahre 1968. Kein Wunder, dass man den Namen 1990 umänderte. Nun ist sie ganz politisch neutral nach dem umgebenden Prager Ortsteil Opatov benannt. (DD)

Brutalismus mit Scheinkacheln

Der in geradezu surreale Form gegossene rohe Beton und die farblich dem Zeitgeschmack entsprechende blaue „Verkachelung“ erfreuen das Herz eines jeden Freundes brutalistischer Architektur.

Wir stehen vor dem Teplotechna-Gebäude in der Ječná 243/39a in der Prager Neustadt, das nicht jedem Vorübergehendem sofort als Besonderheit auffällt. Man schaue genau hin: Der rohe Beton ist echt, die Keramikkacheln sind es nicht. Die sehen nur so aus. In Wirklichkeit sind es eigens für das immerhin sechsstöckige Gebäude hergestellte Leichtmetallplatten, die mit einer damals neu entwickelten Emailletechnik beschichtet wurden. Die Täuschung ist gelungen! Diese Technik war ein Markenzeichen der darauf spezialisierten Firma Teplotechna, die auf feuerfeste Bautechnologien spezialisiert war. Auch im Kommunismus legten damals Firmen anscheinend auf ein wenig Eigenwerbung wert.

Hier in diesem Büro hatte die Firma nämlich auch ihr Prager Büro. Zusätzlich war (bzw. ist noch) im Erdgeschoss ein Restaurant und in den Obergeschossen ein Hostel untergebracht. Erbaut wurde das Ganze von 1974 bis 1984 von der Architektin Věra Machoninová, die zu den Star-Architektinnen des tschechoslowakischen Brutalismus gehörte, wie wir hier bereits berichteten. Die oben gezeigten feinen Betonstreben und zwei riesige Erker strukturieren dabei die Fassade.

Wirklich ungewöhnlich wird das Gebäude aber durch die scheinbare Verkachelung, deren Wirkung noch durch die surreal wirkenden Betonmuster (großes Bild oben) unterstrichen wird. Dazu hatte die Architektin den renommierten Bildhauer Miloslav Chlupáč herangezogen. Der Beton und die Kacheln geben dem Haus in Form und Farbe das richtige und authentische Feeling der 1970er Jahre – und zwar irgendwie systemübergreifend, denn so etwas wäre in dieser Zeit auch im Westen als avantgardistisch durchgegangen. Und ein wenig in die 1980er weist das Ganze ja auch. Denn wie es bei den Sonnenbrillen der Fall war, die in dieser Zeit Mode wurden, hat man die Glasfenster der oberen Stockwerke silbrig beschichtet. So kann man dann das historistische Gebäude der gegenüberliegenden Straßenseite sich in der Fassade spiegeln sehen. Der Kontrast könnte größer nicht sein. (DD)