Brutalismus vor dem Abriss

Das hier abgebildete Gebäude wird es in Bälde nicht mehr geben. Bis zuletzt hatten sich Denkmalschützer und Modernisierer harte öffentliche Debatten geliefert, was damit zu tun sei. Ende 2017 entschied das tschechische Kulturministerium, dass der Transgas-Bau abgerissen werden und einem neuen Bürokomplex weichen dürfe. Das wird wohl bald umgesetzt. Die Frage ist tatsächlich interessant: Was tut man mit Gebäuden, die mustergültig die Ästhetik der Zeit des Kommunismus in den 1970er wiederspiegeln. Wie ordnet man den Stil ein, den man im Fachjargon bisweilen Brutalismus nennt?

Man kann sagen was man will, aber das Transgas an der Vinohradská 325/8 in Prag 2 ist zweifellos das brutalistischste aller brutalistischen Gebäude, das man sich vorstellen kann. Brutalbrutalismus, sozusagen. Purer kalter Stahl und Beton mit viel Glas wurden zu einem Ensemble zusammengefügt, das den technischen Utopismus und Fortschrittsglauben des Kommunismus in eine protzig daherkommende architektonische Sprache übersetzen sollte.

Das Gebäude selbst sollte einem technischen Großprojekte dienen, mit denen die damalige Regierung noch einmal richtig Eindruck schinden wollte. 1970 hatte sich die Sowjetunion verpflichtet, über eine 1030 Kilometer lange Pipeline via Prag Mitteleuropa mit Gas zu beliefern. Hier in der Stadt und unweit des Wenzelsplatz sollte eine Art Verteilerstation mit Verwaltung erbaut werden.

Das besorgte in den Jahren 1972 bis 1978 einer der damaligen Stararchitekten der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik, Václav Aulický. Für das Gebäude mussten etliche Wohnhäuser aus dem späten 19. Jahrhundert abgerissen werden. Das Gebäude wurde an einen Hang gebaut. Der Hochhausteil für die Verwaltungszwecke steht noch einmal überhöht über dem vorderen Teil und man sieht unten noch die riesigen Röhren einmünden (links), durch die einst das Gas ankam.

Der untere und vordere Teil wiederum besteht aus einem flachen, mit groben Steinwürfeln geschmückten rechteckigen Bau, der auf einem großen runden Sockel (mit Treppenhaus drinnen) ruht. Von der Vinohradská aus betrachtet sieht gerade dieser vorgeschobene Teil, das ehemalige Kontrollzentrum der Gasleitung, schon irgendwie bezwingend aus.

Die Geländer der äußeren Treppen und Passagen sind großen Gasleitungen oder -röhren nachempfunden und unterstreichen die technizistische Botschaft mit wahrhaft brutalistischem Nachdruck. Man sieht es auf dem kleinen Bild links. Über Schönheit lässt sich bekanntlich nicht streiten, aber auf jeden Fall ist hier ein echter Stilwille erkennbar. Es ist schon ein sehr ungewöhnliches Beispiel für brutalistische Architektur.

Ähnliches gilt für den nunmehr stillgelegten Brunnen aus Beton, den der Architekt und Photograph Ivo Loos entworfen hatte, und der hinter dem Haupthaus steht (Bild rechts). Der einer längs halbierten Gasleitungsröhre nachempfundene Ausguss ließ dereinst das Wasser in ein flaches tropfenförmiges Betonbecken ein.

Vor einigen Jahren kaufte ein Investor das Gebäude, das schon seit längerem nicht mehr seinem ursprünglichen Zweck dient. Die Neuigkeit, dass er das Gebäude abreißen wolle, löste Diskussionen aus. Denkmalschützer argumentierten, dass ja etliche Bauwerke des Brutalismus (etwa das nahegelegene Neue Nationalmuseum) in Tschechien unter Denkmalschutz stünden, und das es sich um einen (auch im Westen existierenden!) internationalen Stil handle, der gerade im Transgas seinen vollendeten und eigentlich sehr originellen Ausdruck gefunden hätte.

Dagegen standen die Befürworter des Abrisses, die in dem Bau nicht nur ein Relikt kommunistischer Ideologie sahen, sondern nicht ganz unbegründet darauf hinwiesen, dass es sich im Kontext des Umfeldes um einen ausgesprochenen Fremdkörper handle. Zudem sei das Gebäude von zweifelhaftem ästhetischen Wert. Das mit dem neuen Bürokomplex beautragte Architekturbüro Jakub Cigler versicherte zudem, dass sich das neue Gebäude mit Grünanlagen und Restaurants gut in die Umgebung des Nationalmuseums und des Wohnumfelds einfügen werde, und eine städteplanerisch „tote Ecke“ wieder mit sozialem Leben erfüllen wolle.

Die Befürworter des Abrisses haben sich nun durchgesetzt. Und jetzt, da das Transgas schon länger leer steht und langsam verfällt und vergammelt, fällt es schwer, sich beim Anblick ästhetische Argumente für seinen Erhalt zu imaginieren. Aber das mag in dieser Situation natürlich ein wenig unfair klingen. Wie dem auch sei: Es lohnte sich jetzt auf jeden Fall, das Transgas noch einmal zu photographieren, bevor es nicht mehr da ist. (DD)

Nachtrag Juli 2019: Unten ein Foto vom beginnenden Abriss (das Kontrollzentrum):

Photo vom 5. November 2019 – es ist fast vorbei …

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