Derb, raffiniert, Černý

„Kontrovers“ ist noch das mildeste, was manche Kritiker meinten, als sie aufgestellt wurden. Man kann sie natürlich auch komisch finden. Aber so ist das halt, wenn man den Bildhauer David Černý mit seinen Skulpturen den öffentlichen Raum ausschmücken lässt. Langweilig wird es jedenfalls nie. Beispiele brachten wir schon u.a. hier, hier und hier.

Die Statue der Pinkelnden Figuren (Čůrající postavy), die hier auf der Kleinseite vor dem Kafka-Museum 2004 aufgestellt wurden, hat jedenfalls den Ruhm des Künstlers als anarchisches enfant terrible der tschechischen Kunstszene verfestigt. Es handelt sich um ein kinetisches Kunstwerk, das zwei unbekleidete Männerfiguren von 2,10 Metern Höhe zeigt, die einander gegenüber stehen. Die Hüften bewegen sich ständig seitlich hin und her, die Penisse hingegen bewegen sich auf und ab, während sie einen Strahl Wasser ablassen. Beide stehen in einem kleinen Becken oder Brunnen, der in der Form der Landkarte Tschechiens gestaltet ist. Kurz: Sie bepinkeln Tschechien.

Černý erklärte die Sache so: Je weiter man in Europa nach Osten gehe, desto mehr würden die Männer in der Öffentlichkeit urinieren und würden auch weniger Alkohol dafür brauchen als ihre westlicheren Gegenparts. Im Westen gäbe es mehr Brunnen, die niedliche pinkelnde Figuren zeigten, hier im Osten habe man halt lebende Männer. „Das Bedürfnis ist auch eine Geste der Aggression und des Brandings des Territoriums.“

Ob diese Erklärung damals die Gemüter besänftigte, weiß ich nicht. Auch nicht, ob der Künstler das damit überhaupt bezweckte. Inzwischen ist das Ganze einer der populärsten Touristenmagneten auf der ganzen Kleinseite geworden. Das hat die Kritik abebben lassen und sowieso nimmt man in Tschechien die Dinge am Ende doch meist heiter.

Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Pinkelnden Figuren nicht nur ein derber Scherz sind, sondern auch durchaus raffiniert. Die Bewegungen der Hüften und der Penisse lassen sich wohl so per SMS koordinieren, dass die beiden Männer eingegebene Botschaften ins Wasser pinkeln können. Eine clevere Idee! Beim letzten Besuch hatte ich mein Mobilphon vergessen und es deshalb nicht nachprüfen können. Aber jeder Leser dieses Blogs kann ja selbst einmal hingehen und es ausprobieren und schon einmal vorweg über einen Text sinnieren, der der Würde des Kunstobjekts gerecht wird. (DD)

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