Das Museum als realsozialistischer Fremdkörper

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Hinter dem Wenzelsplatz an der großen Hauptverkehrsader der Wilsonova steht ein merkwürdiges Ensemble von Gebäuden. Neben dem Jugenstilbahnhof ein klobiges Parkhaus. Dann kommt die feine neuklassizistische IMG_0366.JPGStaatsoper und dann der historistische Pomp des alten Nationalmuseums. Und zwischen den beiden wiederum ein Gebäude von eher umstrittener Ästhetik – das Neue Gebäude des Nationalmuseums (Nová budova Národního muzea). Auf dem Bild rechts sieht man, wie es sich an der Staatsoper stößt. Es sorgt endgültig dafür, dass dieser Teil Prags zwar kulturell interessant, aber optisch extrem (oder spannend?) dissonant ist.

Dabei hatte der Architekt des ursprünglichen Baus, Jaroslav Rössler, der es 1938 als Domizil der Prager Börse konzipierte, durchaus die harmonische Eingliederung des Gebäudes in seine Umgebung geplant. Die Architektur war zwar im Kern modern und funktionalistisch, doch die Dimension und die geschickte „klassische“ Fassadengliederung waren dazu angetan, sie zwischen den beiden Tradionsbauten der Oper und des alten Museums nicht wie ein Fremdkörper aussehen zu lassen. Von diesem Bestreben bemerkt der Betrachter nach dem späteren Um- und Erweiterungsbau heute IMG_9318nicht mehr viel. Innen in der Vorhalle des alten Gebäudeteils kann man aber noch die schlichte quasi-klassizistische Struktur erkennen, die heute übrigens (nachdem die Kommunisten sie entfernen ließen) mit dem Original der Masaryk-Statue geschmückt ist, die man vor der Burg stehend findet (siehe früheren Beitrag hier).

1972 beschloss die kommunistische Regierung, dass das seit 1946 zum tschechoslowakischen Parlament umfunktionierte Gebäude kräftig erweitert werden sollte. Der Architekt Karel Prager (siehe auch hier), der einem in kommunistischen Zeiten präferierten IMG_9316Brachialmodernismus (auch Brutalismus genannt) frönte, umformte das Rösslersche Gebäude teilweise von oben und an mehreren Seiten mit einer neuen und überdimensionalen Glas- und Stahlkonstruktion, die zwar auch originell sein mag, aber im Umfeld arg brutalistisch daherkommt. Entsprechend umstritten bleibt das Ganze bis heute.

Nach der Auflösung der Tschechoslowakei suchte sich Tschechien ab 1993 einen anderen Ort für sein Parlament IMG_9317und der Bau wurde für einige Zeit Sitz von Radio Free Europe, das aber inzwischen weiter außerhalb der Innenstadt residiert. Rechtzeitig zum Begin der Renovierung des alten Nationalmuseums (das über Jahre geschlossen sein wird), eröffnete man hier 2015 dessen Neues Gebäude. In dem durch die sozialistische Erweiterung etwas unübersichtlich gewordenen Gebäude befindet sich in einem der oberen Stockwerke unter dem Titel Arche Noah eine Dauerausstellung zur Artenvielfalt, ein Museumsshop und eine Cafeteria, aber vor allem im Erdgeschoss viel Platz für große Wechselausstellungen. Die sind meist von hoher Qualität und werden – realsozialistische Ästhetik hin, realsozialistische Ästhetik her – vom Publikum gerne und viel angenommen. (DD)

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