Held mit Löwe und antiken Anleihen

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Stolz steht er neben der Karlsbrücke auf einem der Pfeiler am Ufer der Kleinseite – mit seinem goldenen Schwert. Ritter Bruncvík ist zwar nur eine Sagengestalt aus einem alten Ritterroman, aber er kann sich rühmen, den Löwen zum Wappentier der Böhmen gemacht zu haben. Er fand nämlich, dass der bisherige Adler nicht würdig genug sei, und zog in die Welt, um einen echten Löwen zu IMG_5465finden, der als Vorbild für ein neues Wappen dienen sollte. Die Reise führte ihn durch viele Länder und er erlebte unzählige phantastische Abenteuer. Bei deren Schilderung hat der uns unbekannte Sagenautor aus dem frühen 15. Jahrhundert kräftig Ideen aus verschiedenen griechischen Sagen und Mythen abgekupfert. Bruncvík begegnet deshalb unter anderem Zyklopen (aus der Odyssee) und kann mit Mühen einen neunköpfigen Drachen töten, dessen Köpfe immer wieder nachwachsen (erinnert stark an die Hydra bei Herakles). Solche Anleihen an die Antike waren damals aber voll im Trend und strenge Copyright-Gesetze gab es noch nicht. Neu ist, dass der Held mit der Tötung des neunköpfigen Monsters einem Löwen das Leben rettet, der fortan sein getreuer Kumpan wird und ihn nach Böhmen begleitet, wo er es dann IMG_5464zum allseits beliebten Wappentier bringt.

Die Geschichte ist so schön, dass sie schnell einen Ehrenplatz in den Herzen der Böhmen einnehmen konnte. Schon um 1500 errichtete der berühmte Steinmetz Matěj Rejsek an der heutigen Stelle eine große Statue des Helden und Löwenfreundes im gotischen Stil. Die wurde aber 1648 in der Endphase des Dreißigjährigen Krieges von den Schweden durch Kanonenkugeln arg demoliert. Bruchstücke von Sockel und Torso befinden sich heute im Prager Lapidarium (eine Nebenstelle des Nationalmuseums). Die lassen aber nur noch vage erahnen, wie die Statue im Detail aussah.

Die Künstler des Historismus im 19. Jahrhundert (hier in seiner neogotischen Ausprägung) verfügten aber über genügend Selbstbewusstsein, um die Lücken im IMG_5466Wissen um die Gestaltung mit eigenen Nachempfindungen zu füllen. 1886 ließ der Bildhauer Ludvík Šimek den alten Ritter wieder am alten Platz auferstehen, mitsamt seines Löwen, der ihm zu Füßen liegt. Der Ritter sieht jetzt noch echter als echt aus – so wie das Mittelalter unserer Kindheitsimagination!

Und am meisten fällt natürlich das goldene (naja, in diesem Fall wohl vergoldete) Schwert auf, das der Sandsteinritter in seiner Hand hält. Das soll Bruncvík am Ende seines Heldenlebens in einen Sockel der Karlsbrücke eingemauert haben (andere Varianten der Legende besagen, er habe es in die Moldau geworfen). Es soll angeblich wieder als unbesiegbare Wunderwaffe auftauchen, wenn Böhmen wirklich in Gefahr ist. Leider ist das halt nur eine Legende, denn bei der Besetzung durch die Nazis 1938, der Machtübernahme der Kommunisten 1948 oder der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 war das Schwert nicht zur Stelle als man es hätte brauchen können. Die Liebe der Tschechen zu ihrem Bruncvík hat dieses bedauerliche Schwertversagen nicht gemindert. (DD)

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