Eklektik mit Hubertus

Heute ist der 30. Mai und damit der Tag des Heiligen Hubertus. Hier in der Na Švihance 1476/1 im Stadtteil Vinohrady kniet er reumütig vor dem Hirschen mit dem Kreuz im Geweih, den Gott ihm geschickt hat, damit er endlich seiner mordgierigen Jagdfreude abschwöre und zum frommen Menschen werde. Dem Rat folgte Hubertus bekanntlich, was ihm immerhin am Ende sogar den Bischofstitel von Lüttich einbrachte. Reue und Einkehr lohnen sich also.

Das dreistöckige Haus an dessen Fassade sich der Hubertus in Stuck auf Höhe des ersten Stockes unter einem kleinen Baldachin befindet, ist ein Meisterwerk des Historismus in seiner eklektischen Ausprägung. In anderen Worten: Es wurden in phantasiereicher Mischung verschiedene historische Stile miteinander kombiniert. Erbaut hat das Gebäude direkt neben dem Rieger Park (Riegrovy sady) in den Jahren 1907/08 der Architekt Alois Zima, dessen bekanntestes Gebäude in Prag wohl die ebenfalls historistische Hussitenkirche aus dem Jahr 1927 in Dejvice ist. Die Aussicht über den Park dürfte von den oberen Stockwerken aus umwerfend sein.

Müsste man es typisieren, wäre Zimas Haus hier ein Beispiel für Neogotik-Neorenaissance-Neobarock. Aber das wäre natürlich viel zu akademisch gedacht, denn es ging wohl nicht um die Reinheit des Stils, sondern um einen besonders einmaligen und überwältigenden optischen Gesamteindruck, um eine romantsiche Imagination von Vergangenheit. Und das ist Zima sicherlich gelungen.

Der knieende Hubertus mit dem Hirschen ist eindeutig im Barockstil gehalten und er kommt dem Prag-Kenner auch irgendwie doch schon recht bekannt vor. In etwas abgewandelter Form (z.B. spiegelverkehrt) scheint er nämlich dem wohl berühmtesten Hubertus-Abbild in Prag nachempfunden zu sein, der vom Bildhauer Ferdinand Maximilian Brokoff um 1723 geschaffenen Skulptur am Haus zum goldenen Hirschen (dum u zlatého jelena) auf der Kleinseite, die wir bereits in diesem früheren Beitrag hier vorgestellt haben.

Aber Barock ist eben nicht das Einzige, was Zima in die Gestaltung des Hauses gepackt hat. Die Turmaufbauten und die über dem Hubertus befindliches Sonnenuhr lehnen sich an an spätmittelalterliche Architektur an, sind also auf sehr romantische Art neogotisch gehalten. Der Giebel zur Na Švihance hin sowie zahlreiche Ornamente rund um die Erker zitieren wiederum die böhmische Renaissance.

Und überall kreuchen und fleuchen auf der Fassade ganz im Stil gotischer Kirchenausstattung seltsam groteske Tiere und Ungeheuer herum. Dazu zählt der Drache, den man oberhalb rechts sieht, aber auch eine Reihe putziger Krähen oder Raben, die sich überall verteilen. Kurz: Das ist mal wieder eines jener schönen Häuser in Prag, vor denen man lange verweilen kann, um immer wieder etwas Neues zu entdecken. (DD)

Stundenhotel im Windsor-Stil

Heute büffeln hier Schüler. Die hätte man zu anderen Zeiten wohl eher von diesem Haus, dessen Name „Miramare“ auf der Fassade prangt, ferngehalten, um die Moral junger unschuldiger Menschen nicht sündigen Versuchungen auszusetzen. Denn der Ort in der Na Výsluní 150/6 in Prag-Strašnice, wo sich heute die Weiterführende und höhere Berufsschule für Kunst und Handwerk (Střední škola a vyšší odborná škola umělecká a řemeslná; kurz: SOU) befindet, war vor Zeiten einmal als ein eher verruchter Ort verschrien.

So war es natürlich zunächst nicht geplant. Der recht stattliche, an ein Schloss erinnernde Bau im Stil der englischen Windsor-Gotik, entstand im Jahre 1907 nach Plänen des Architekten Josef Domek. Auftraggeber war ein Friseur namens Jan Švec, der beim Schneiden, Föhnen und Rasieren anscheinend so fleißig war und so viele Prominente als Kunden hatte, dass er genügend Geld für diese Rieseninvestition aufbringen konnte. Villa Miramare nannte er das geradezu gigantische Bauwerk. Name und Baustil waren inspiriert vom berühmten Castello di Miramare, dem bei Trieste gelegenen Schloss von Maximilian von Habsburg, der 1867 als Kaiser von Mexiko sein Leben ließ. Die Namensgebung hier in Prag dürfte weniger etwas mit Mexiko zu tun gehabt haben, sondern mit der Tatsache, dass Maximilian zwischen 1854 und 1861 ein zupackender Kommandant der k.k. Kriegsmarine war, der sich als großer Modernisierer erwies, und als solcher nicht nur bei der Marine, sondern generell im Habsburgerreich überaus populär war (mehr jedenfalls als bei den Mexikanern, die ihn hinrichteten).

Es handelte sich nicht um eine Privatvilla, sondern es sollte ein Luxushotel daraus werden. So ganz klappte das nie. 1909 baute man um. Der Architekt Josef A. Smolík fügte einen Weinkeller und ein Restaurant mit Sommerveranda hinzu. 1921 wurde von einem Architekten namens A. Dvořák noch ein Ausflugslokal mit Bar angebaut. Mit dieser zusätzlichen geschäftlichen Fokussierung versuchte man anständige Gelegenheitsausflügler als Kunden zu gewinnen. Denn der Hotelbetrieb hatte inzwischen eine etwas andere Richtung genommen. In der Umgebung waren zahlreiche Militärs stationiert und nach dem Ersten Weltkrieg auch Teile der Handelsmarine, die über Moldau und Elbe in Hamburg den territorial zur Tschechoslowakei gehörenden Moldauhafen als einzigen Meereszugang nutzte (ab 1953 gab es in Strašnice sogar den Sitz der Československá námořní plavba – Tschechoslowakischen Ozeanschiffereigesellschaft). Kurz: Die Art des Hotelbedarf war bei dieser Zielgruppe spezieller Art. Rundherum galt es bald als ein Stundenhotel, wo sich sittenlose Herren mit käuflichen Damen verabredeten. So heißt es jedenfalls. Auf jeden Fall blieb es als Image hängen und die entsprechende Infotafel des (übrigens ausgezeichneten!) Strašnicer Kulturwanderwegs hat es in einer sehr bildlichen Nachstellung (Bild oberhalb rechts) recht plastisch präsentiert.

Es gab in der Folge noch einige Umbauten. So wurde zum Beispiel 1937 eine Kegelbahn eingebaut. Aber die Blüte des Hotels und Restaurants ging allmählich vorüber. 1938 wurde rund 100 Meter entfernt unterhalb des auf einer Anhöhe liegenden Miramare ein neues Restaurant im funktionalistischen Stil erbaut, das Kunden abwarb – vor allem die verbliebenen „Anständigen“. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ebenfalls in der Nähe ein modernes Großhotel gebaut, das heute Fortuna City heißt. Das Militär reduzierte sich in der Umgebung auch, was den entsprechenden Bedarf an Stundenhotelkapazität minderte. Der Pleitegeier kreiste oben in der Luft…

1948, im Jahr der kommunistischen Machtergreifung, übernahm die Stadtregierung das Gebäude. Das tat dem Gebäude, das doch recht beindruckend war, nicht sonderlich gut. 1957 wurden einige Teile, darunter ein großer Saal, abgerissen. 1979 fúhrte der Machinenbaukonzern ČKD größere Umbauten durch, um hier eine Ausbildungsstätte für Lehrlinge einzurichten, die im Jahr darauf eröffent wurde. Dabei gingen innen viele und außen manche feine schnörkelige Architekturdetails zu Bruch. Immerhin war aber der Grundstein zu einer anderen Nutzung des Gebäudes gelegt. So, wie es nun war, konnte hier nach wenigen Umbauten 1997 ein anderer Bildungsbetrieb einziehen, nämlich die bereits erwähnte Kunst- und Handwerksschule SOU. Ja, die Nachkriegszeit hat dem Gebäude übel mitgespielt und manches schöne Detail ging verloren, seitdem es als (Stunden-) Hotel ausgedient hat. Aber mit seinen Zinnen und nach nunmehr sorgfältiger Renovierung kann man sich dem Bann des Bauwerks nicht entziehen, das zu den bemerkenswertesten Windsorstil-Häusern der Stadt gehört. (DD)

PS: Die Urenkelin von Jan Švec, Jana Garbová, die hier noch bis zum Einzug der ČKD 1980 wohnte, hat 2016 in einem Beitrag energisch bestritten, dass ihr Urgroßvater hier ein Stundenhotel betrieben oder auch nur unsittliches Treiben erlaubt hätte. Er sei ein großer Patriot, engagierter Stadtrat und anständiger Mensch gewesen. Die üblen Gerüchte seien erst in den 1950er Jahren entstanden – vermutlich als Folge von Fernsehsendungen, die so etwas verbreiteten. Die Mehrheit der Lokalhistoriker scheint sich dem nicht anzuschließen – möglicherweise, weil die Geschichte vom Stundenhotel ganz klar die lustigere Story ist, selbst wenn sie nicht unbedingt die wahre ist. Wie heißt es so schön am Ende des Western-Films The Man Who Shot Liberty Valance? „When the legend becomes fact, print the legend.“ Jedenfalls: Aus diesem Streit halten wir uns schön heraus. (DD)

Park mit Landgut

Am Anfang standen Weinberge, die Kaiser Karl IV. im 14. Jahrhundert anlegen ließ. 1654 wurde auf der Höhe ein großes Gehöft im barocken Stil errichtet. Damit war die Grundlage für eine der schönsten Parkanlagen in Prag geschaffen, dem Park Santoška in Smíchov (Prag 5).

Im Jahre 1719 schenkte Prinz Adam Franz Karl von Schwarzenberg, der Oberstallmeister Kaiser Karls VI. (von dem er 1732 irrtümlich bei einer Jagd erschossen wurde), das Gehöft samt Ländereien seinem Rechtsconsulenten Dr. Franz Wilhelm Sonntag zum Dank für verschiedene juristische Verdienste, wozu unter anderem ein Rechtsgutachten gehörte, das zur Heiligsprechung des böhmischen Nationalheiligen Nepomuk führte. Unter Sonntag wurde auf dem Gelände ein Landschaftsgarten angelegt, der hübsch mit Skulpturen des berühmten böhmischen Barockbildhauers Ignaz Franz Platzer ausgestattet war, von denen auf dem Areal nur noch die Statue der Göttin Flora (Bild oberhalb links) übrig ist.

Nach seinem Besitzer Sonntag hieß das Gut ursprünglich Sontoška, was sich über die Zeit zu Santoška abschliff. Der Park ist an einen steilen Hang gebaut. Tritt man unten von der Straße Na Václavske durch das ebenfalls mit Statuen (Putten) von Platzer geschmückten Toreingang in den Park, muss man zur obersten Punkt bei der Straße Nad Santoškou einen Höhenunterschied von 200 Meter zu 266 Metern über dem Meeresspiegel überwinden. Mit 5,64 Hektar bietet der Park reichlich Auslauffläche für Mensch und Hund.

Besonders im Sommer dürfte man den schönen, sehr alten und daher sehr üppigen Baumbestand zu schätzen wissen. Zugleich galt der Park früher auch als Wasserressource. Für das Jahr 1768 ist überliefert, dass die nahegelegene Apotheke U černého orla (Zum Schwarzen Adler) in der Kleinseite das hiesige Quellwasser teuer als Heilwasser in Fläschchen verkaufte.

1813 ging das Areal an die 1879 in den Ritterstand erhobene Familie Daubek. Die ließ das alte barocke Gehöft 1868 abreißen und durch die heute hier befindliche neogotische Villa (siehe großes Bild oben) ersetzen, die heute gemeinhin Landgut Santoška (usedlost Santoška) genannt wird. Das Familienwappen der Ritter von Daubek ist noch oben auf der Fassade sichtbar. Insbesondere Eduard Ritter von Daubek machte sich um den Park und seine Pflege verdient. 1890 erweiterte er ihn um den nahegelegenen, heute ein wenig vom separierten Felsengarten (Sady Na Skalce), den er 1894 der Stadt schenkte.

1907 wurden Landhaus und Park von der Gemeinde Smíchov (die erst 1922 Teil Prags wurde) gekauft. Ein öffentlicher Park mit einem kleinen Restaurant im Haus entstand. 1933 und 1935 wurden größere Umbauten im Garten lanciert. Ein richtiges Wegenetz gehörte dazu. Kleinere Wirtschaftsgebäude, die zum Landgut gehörten, verschwanden. Im Landhaus residieren seit 1953 ein Kindergarten und eine Grundschule, nachdem das Restaurant geschlossen und zunächst durch ein Lehrlingsheim ersetzt wurde. Deshalb ist das Gebäude normalerweise nicht öffentlich zugänglich. Aber es gibt ja immer noch den schönen Park mit seinen schönen Kastanienbäumen, Eschen und Ahornbäumen, der zum Spazierengehen einlädt. (DD)

Windsor in Prag

Wer nach dem Brexit ein Stück fast echtes England sehen möchte, der gehe hier hin, um sich dieses kleine „Schloss Windsor“ in Prag anzuschauen, das sogenannte Lustschloss des Statthalters (Místodržitelský letohrádek). Britischer geht’s nimmer.

So sah es hier natürlich nicht immer aus, denn die Anfänge des Gebäudes gehen bis in Zeiten zurück als es die Windsor-Gotik noch nicht gab – und schon gar nicht als böhmische Imitation. Die Ursprünge des Schlosses gehen in das Jahr 1266 zurück, als König Otakar II. im Areal einen Wildpark anlegte, der unter dem Namen Stromovka heute ein öffentlicher Park ist. Dazu gehörte natürlich auch ein entsprechendes Schloss, das dementsprechend damals noch als Jagdschloss bezeichnet wurde. Und noch heute kann man die schöne Aussicht auf die Natur von hier oben bewundern.

Der böhmische König Vladislav II. aus dem polnischen Herrschergeschlecht der Jagiellonen baute in den Jahren 1495 bis 1502 das Schlösschen im neogotischen Stil um. Möglicherweise sah es da dem heutigen Gebäude schon ein wenig ähnlicher als heute. Es folgte eine neuerliche Umgestaltung in den Jahren 1580 bis 1594, diesmal im Stil der Renaissance. Die schwedische Belagerung im Dreissigjährigen Krieg überlebte das Schloss 1648, weil sich einer der schwedischen Generäle hier niederließ. Aber das Gebäude erlitt schwere Schäden als 1744 die Preußen im Zuge des Österreichischen Erbfolgekriegs das Jagdschloss mit Artillerie beschossen. Danach stand es meist leer und verfiel allmählich.

Das änderte sich als der frühere königliche Finanzminister Johann Rudolph Chotek von Chotkow in seiner neuerlichen Eigenschaft als Staatsminister und Oberstburggraf in Böhmen, die er 1802 bis 1805 innehatte, sich der Sache annahm. Er wandelte 1804 den Wildpark in eine Parkanlage für die Bürger um und leitete 1805 den abermaligen grundlegenden Umbau des Schlosses ein. Da er als „Statthalter“ des Königs agierte, heißt das Schloss seit her so, wie es eben heute heißt: Lustschloss des Statthalters. Der Umbau erfolgte nach den Plänen der Architekten Antonio Palliardi und Georg Fischer nunmehr in jenem Windsor-Stil, der in dieser Zeit als der vollendete Ausdruck von Burgenromantik in Mode war.

Mit der Gründung der Ersten Republik im Jahre 1918 wurde es seiner bisherigen königlichen Bestimmungen entledigt. Eine zeitlang diente es der YWCA (Christian Youth Women Association) unter der Schirmherrschaft der Präsidentengattin Alice Garrigue Masaryková als Sommerrefugium. Das endete mit der Nazi-Besetzung 1939. Das Gebäude wurde von der Gestapo requiriert. Nach der Befreiung 1945 übernahm der Staat es und übergab es ein Jahr später der Zeitschrift- und Zeitungsabteilung des Nationalmuseums als Archiv. Und dieser Funktion dient es heute immer noch. Bei jedem Spaziergang durch den Stromovka-Park gehört das Lustschlösschen jedenfalls zu den Highlights. (DD)

Synagoge und Museum

Die Maisel-Synagoge in der Maiselova 63/10 im alten Judenviertel von Josefov kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Sie wurde in den Jahren 1590 bis 1592 – in der Blütezeit der Renaissance – erbaut. Von dem Ursprungsbau sieht man heute allerdings nichts mehr.

Beginnen wir mit dem Erbauer: Mordechai Maisel, der der Synagoge und auch der Straße, an der sie liegt, den Namen gab. Der war zu Ende des 16. Jahrhunderts Rabbiner und Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Zudem war er Bankier und kaiserlicher Hofjude. Als solcher war er der Finanzier Kaiser Rudolfs II., der recht spendabel war und ohne Maisels Geldspritzen wahrscheinlich wohl erbärmlich bankrott gegangen wäre. Der Kaiser schätzte ihn darob sehr und Maisel durfte nun sogar eine eigene Fahne führen – ein Privileg sondergleichen, das sonst kaum je Juden zuteil wurde.

Gleichzeitig gab ihm der Kaiser auch das Privileg, privat eine Synagoge bauen zu dürfen. Die Maisel-Synagoge wurde die größte Synagoge in der Stadt. Seinen Reichtum nutzte er für soziale und kulturelle Zwecke. Als Mäzen förderte er nicht nur den Bau der Maisel Synagoge, sondern auch die Talmudschule in der Klausen-Synagoge oder die Prager Beerdigungsbruderschaft. Er blieb den Menschen als Wohltäter in Erinnerung.

1689 brach das Große Feuer in der Altstadt aus, das von Agenten des französischen Königs gelegt worden war, der so die Habsburger ein wenig triezen wollte. Dem fiel auch Maisels Synagoge zum Opfer, die 1691 in völlig neuem, barocken Gewand neu aufgebaut wurde. Sie wurde dabei ein wenig verkleinert. Das führte im 19. Jahrhundert dazu, dass sie nun zu klein war. Der Architekt J.M. Wertmüller erweiterte und veränderte den Bau in den Jahren 1862 bis 1864. Schließlich, in den Jahren 1895 bis 1905 vergrößerte der jüdische Architekt Alfred Grotte (der 1943 von den Nazis ermordet wurde) die Synagoge nochmals und brachte sie in jene Gestalt, wie wir sie heute kennen. Das Resultat war nunmehr ein neo-gotisches Gebäude – eine Art Rückgriff auf eine imaginäre frühere Geschichte, die das Gebäude eigentlich (als ursprüngliches Renaissancebauwerk) nicht hatte.

Als die Nazis 1939 in Prag einmarschierten, beschlagnahmte sie das Gebäude und machten es zu einem Lager für „arisierten“ (das heißt: von ihnen gestohlenen) jüdischen Besitz. Die Nazi-Tyrannei endete 1945 und einige Jahre darauf (1955) wurde die nunmehr säkularisierte Synagoge Teil des Jüdischen Museums und zwar zunächst als Depot. Nach einer umfassenden Renovierung wurde 1965 eine Dauerausstellung mit jüdischen Kunstschätzen aus Böhmen und Mähren eröffnet, die bis 1988 Bestand hatte. Es erfolgte eine neuerliche Renovierung und seit 1996 beherbergt die Synagoge eine Ausstellung über die Geschichte der Juden in Böhmen vom 10. bis zum 18. Jahrhundert. Sie passt sich großartig in die Architektur des Gebäudes ein, wie man oberhalb rechts am Beispiel des prachtvollen neogotischen Toraschreins sehen kann, der u.a. einen Tora-Mantel aus dem späten 17. Jahrhundert enthält.

Eine besondere Rolle spielt bei der Ausstellung die Judenemanzipation. Hier denkt man zuvörderst an das Toleranzpatent Kaiser Josephs II. von 1782, dass die schwere Besteuerung der Juden, die Beschränkung der Gewerbefreiheit und die Wohnpflicht in Ghettos beendete. Aus Dank bekam eine Büste des aufgeklärten Kaisers 2015 einen Ehrenplatz auf einem Bücherregal direkt neben dem Eingang. Die Büste ist das Werk der Bildhauerin Michaela Absolonová.

Das imposante Äußere der Synagoge wurde 2014/15 einer Renovierung unterzogen, bei der vor allem die Farben aufgefrischt wurden. Man kann also eine kleine, aber sehr informative Ausstellung mit vielen wertvollen Ausstellungsstücken (wie die Buchausgabe heiliger Schriftrollen rechts, die 1530 gedruckt wurden) in einem sehr passenden und ansprechenden Ambiente genießen. (DD)

(Fast) echtes britisches Schloss

„My home is my castle“, sagt bekanntlich der Brite. Genau das dachte sich wohl auch der Grundbesitzer Vladimír Židlický, der – obwohl Ur-Böhme – um 1880 dieses Schlösschen in der Hloubětínská 13/3 in Prag 9 erbauen ließ, das so übermäßig britisch aussieht, dass es als Drehort für einen alten Edgar-Wallace-Film der 1960er Jahre hätte dienen können, wenn nicht der Eiserne Vorhang derartiges verunmöglicht hätte.

Das Schloss von Hloubětín (Zámek Hloubětín) steht auf alten Fundamenten, die sich auf das 13. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, doch weiß man über die alte Burg, die 1648 in der Endphase des Dreissigjährigen Kriegs von den Schweden dem Erdboden gleichgemacht worden war, fast gar nichts. 1848 erwarb der Jurist František Sedláček, das Land und begann eine neogotische Villa darauf zu erbauen. Die erwarb Židlický Ende der 1870er Jahre, um das Gebäude so richtig neuzugestalten. Die einstöckige schlossartige Villa mit zinnenbewehrtem Turm und kleinen Kaminen, die ebenfalls mit Zinnen versehen sind, ist in wundervollster romantischer Windsor- oder Tudorgotik gehalten.

Besonders beeindruckend wird es, wenn man sich dem ummauerten Areal von der Rückseite, dem Ufer der Rokytka (einem Nebenfluss der Moldau), nähert. Dort hat Židlický oben auf einem der für die Gegend typischen Schieferfelsen einen kleinen neogotischen Aussichtsturm am Rande des ebenfalls im englischen Stil angelegten Landschaftsparks des Schlosses errichten lassen, der sich heute immer noch ausgesprochen pittoresk ausnimmt. Der Mann hatte sich da ein kleines Paradies geschaffen!

Die Umgebung von Hloubětín einem Ortsteil von Prag 9 im Osten der Stadt, ist heute ein wenig von Plattenbauten verschandelt, aber das Schloss trägt wenigstens dazu bei, dass der innere Kern des Ortes immer noch wie eine dörfliche Idylle mitten in der Stadt wirkt. Es steht passend direkt neben der Dorfkirche zum Heiligen Georg (Kostel svatého Jiří), ein frühgotischer Bau, die erstmals 1217 urkundlich erwähnt wurde, und der noch über Reste seines Kirchhofs mit einigen schönen Grabdenkmälern verfügt. Das Ganze bildet zusammen mit einigen alten erhaltenen Häusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert ein hübsches Ensemble.

Zwischen den Weltkriegen gehörte das Schloss der örtlichen jüdischen Gemeinde. Die Nazis enteigneten die Gemeinde umgehend und unter den Kommunisten gab es selbstredend keine Restitution. Ab 1969 war es ein Zentrum der kommunistischen Jugendorganisation der Pioniere. Nach der Samtenen Revolution von 1989 wurde das Areal samt Schloss dann doch endlich restituiert. Die jüdische Gemeinde verpachtete es aber gleich an eine gynäkologische Klinik, die hier heute noch residiert. 2005 machte der Ort Geschichte als hier die erste Babyklappe Tschechiens eingerichtet wurde. Das Areal ist, da eine Klinik, nur begrenzt betretbar. (DD)

Štulcs Spuren auf dem Vyšehrad

Der Nationalfriedhof auf dem Vyšehrad, über den wir in unserem letzten Beitrag berichteten, gehört zu den großen Sehenswürdigkeiten Prag. Seine Entstehung im Jahre 1869 verdankt er vor allem einem Mann, dem Domprobst Václav Štulc. Dessen Spuren kann man auf dem Gelände des alten Burgbergs des Vyšehrad, wo der Legende nach die Stadt Prag ihren Anfang nahm, auch außerhalb des Friedhofs kaum übersehen.

Das fängt schon einmal mit dem großen Denkmal an, das hier im Jahre 1910 auf Wunsch eines seiner Nachfolger als Probst vor der Probstei errichtet wurde. Das Werk des Bildhauers Štěpán Zálešák zeigt den streitbaren und tatkräftigen geistlichen als Halbfigur auf einem großen geformten Sandsteinsockel mit prismischen Pylonen, versehen mit einer Inschrift, die Štulc als den großen Erwecker des „verblaßten Vyšehrad“ feiert.

Von seinem Sockel aus, kann er gleich ein anderes seiner Werke überblicken. Den der kleine Park an der Nordseite des Areal, in dem er steht (und von wo aus man eine herrliche Aussicht auf Prag genießen kann), wurde von ihm angelegt. Wie alles, was Štulc anpackte, ging es auch bei der Anlage dieses Parks um die Stärkung tschechischen National- und Geschichtsbewusstseins. Heute heißt der Park Štulc-Park (Štulcovy sady), aber Štulc selbst hatte ihn als Garten des Heiligen Wenzel eingerichtet. In der Mitte stellte er die originale Barockstatue des Nationalheiligen auf, die gerade 1879 vom Wenzelplatz entfernt worden war und 1912 von der großen Reiterstatue ersetzt wurde, die heute dort steht (siehe früheren Beitrag hier).

Heilige mit böhmisch-patriotischem Hintergrund wie Wenzel spielten auch in Štulcs literarischen Schaffen eine Rolle – etwa bei seinen Biograpien der Heiligen Kyrill und Method (Žiwot swatých Cyrilla a Methodia, apostolů slowanských, 1857). Daneben gab es Bücher mit programmatischen Titeln wie Vlasť a cirkev, čili, Může-li vlastencem býti katolík (Vaterland und Kirche; oder: Der Patriot kann katholisch sein, 1870). Mit dem Habsburgerregime geriet er ob seiner in Wort und Schrift hervorgebrachten Plädoyers für mehr nationale Selbstbestimmung der Böhmen im Reich regelmäßig in Konflikt. Im April und Mai 1863 saß er wegen aufrührerischer Reden sogar im Gefängnis.

Und noch etwas hinterließ er der Nachwelt auf dem Vyšehrad: Das schöne Neue Probsteihaus (Nové proboštství) in der Štulcova 89/4 direkt neben Park und Denkmal.

Das dreigeschossige Gebäude ist ein Meisterwerk der Neogotik und wurde in den Jahren 1872-74 auf Štulcs betreiben von dem auf Historismus spezialisierten Architekten Josef Niklas erbaut. Das sehr zierliche Gebäude fällt durch seinen Erker über dem Eingang auf und die hübschen bunten Glasfenster, die dazu gehören.

Angeblich, so meinte Štulc, habe an der Stelle des Hauses dereinst die in alten Chroniken erwähnte frühmittelalterliche Kirche des Heiligen Clemens befunden, von der sich aber keinerlei Spuren mehr finden. Deshalb wurde die Kapelle, die sich in der Probstei befindet, ebenfalls dem Heiligen Clemens geweiht. Die Fassaden lehnen sich mit ihrem feinen Maßwerk an den englischen Stil der Tudorgotik an.

Das raffinierte und fast unversehrt erhaltene neugotische Palastgebäude mit reichhaltigen Innendetails entspricht seiner Lösung in seiner Umgebung und war bis 1948 Sitz der Vyšehrad-Priester. Ab dann diente es den Bedürfnissen der Stadtverwaltung von Prag 2 und als Festsaal. In den Jahren 1993-94 wurde es überholt, kürzlich wurde eine neue Dachbedeckung auf das gesamte Gebäude gelegt. (DD)

Kirche mit zwei Heiligen von Rang

Wie kaum eine andere Kirche prägt sie das Stadtbild von Vinohrady. Sie ist schon von weitem Dank städteplanerisch sorgfältig erdachter Sichtachsen in all ihrer Pracht zu sehen: Die Kirche der Heiligen Ludmilla (Kostel sv. Ludmily). Stattliche 60 Meter ragen die beiden Türme in den Himmel. Der vor ihr liegende Náměstí Míru (Friedensplatz) trägt mit seiner offenen Gestaltung mit zu dieser Wirkung bei.

Es handelt sich ein veritables Stück neogotischer Architektur. Der Architekt Josef Mocker war zu Ende des 19. Jahrhundert der „Star“ unter den Vertretern dieses Stils. Er wurde bestellt, wenn es darum ging, Gebäude der großen Zeit Karls IV. im Mittelalter zu restaurieren oder einfühlsam zu rekonstruieren – der Veitsdom oder Burg Karlštejn seien genannt. Dabei gab er – willentlich oder unwillentlich – den betreffenden Gebäuden meist eine eigene künstlerische Note. Das, was wir heute als das mittelalterliche Prag bewundern, ist in Wirklichkeit oft mehr das Werk Mockers als originales Mittelalter.

In den Jahren 1888 bis 1892 konnte er mit der Ludmilla-Kirche erstmals ein vollständig eigenes Projekt realisieren. Der Prager Bischof Franziskus von Schönborn weihte sie noch im Jahr der Fertigstellung. Es handelte sich um ein Ereignis von besonderer Bedeutung, denn der Bau der Kirche sprach auch die nationalen Gefühle der Tschechen in Vinohrady an, denn es war mit der Heiligen Ludmilla nicht nur eine böhmische Nationalheilige Namenspatronin geworden. Die Kirche birgt zugleich auch Reliquien von ihr. Mehr noch: Es befinden sich dort auch noch zusätzlich die Reliquien ihres Enkels, des Heilige Wenzel, der einen noch größeren Status als tschechischer Nationalheiliger innehat. Für die Tschechen war St. Ludmilla nun so etwas wie „ihre“ Kirche.

Das hat mich zunächst ins Grübeln versetzt. Beide Heilige liegen doch komplett in der Burg begraben – Ludmilla in der Georgsbasilika und Wenzel im Veitsdom. Wie könne sie denn dann gleichzeitig hier sein? Pater Leitgöb von der Deutschsprachigen Katholischen Pfarrei in Prag (siehe auch hier) klärte mich inzwischen auf. Wenn dem/der betreffenden Heiligen eine besonders wichtige neue Kirche gewidmet wird, kann der Kirche, in der er oder sie ursprünglich beerdigt wurde, erlaubt werden, das jeweilige Grab zu öffnen. Dann kann ein kleines (aber wirklich nur kleines) Stückchen des heiligen Körpers entnommen werden, das dann meist beim Altar der neuen Kirche eingemauert wird. So wird es bei der Ludmilla-Kirche gewesen sein. Und dass es gleich zwei Heilige dieses Ranges waren, unterstreicht die Bedeutung, die man damals dieser Kirche beigemessen hat.

Bei der Kirche selbst handelt es sich um eine typisch gotische dreischiffe Konstruktion mit Querschiff. Erwähnenswert ist noch das Portal, über dem sich das kunstvolle Relief der Heiligen Ludmilla und des Heiligen Wenzel, die neben einer Darstellung des Christus Pantokrator knieen – eine Skulptur des berühmten Bildhauers Josef Václav Myslbek, der bekanntlich auch die große Reiterstatue des Wenzel auf dem Wenzelsplatz geschaffen hat.

Die Gemeinde Vinohrady (die erst 1922 Teil Prags wurde) war reich und konnte sich einen Architekten und einen Bildhauer der Spitzenklasse leisten.

Und obwohl das Äußere Erscheinungsbild eher schlicht und wenig überladen gestaltet ist, lohnt es sich, einige Details anzuschauen, etwa die lustigen Wasserspeier neben dem Portal. Das links abgebildete Exemplar hat die Gestalt einer Eule, die gerade loszufliegen scheint – eine originelle Variante.

Auch das Innere besticht dadurch, das Mocker und seine Mitkünstler sich nicht den in neogotischen Gotteshäusern manchmal deutlich werdenden Hang zum überbordenden Pomp einließen. Beim Betreten wirkt zunächst einmal nur die feingliedrige architektonische Struktur der gotischen Spitzbögen. Erst auf den zweiten entdeckt man die Fülle an Ornamentik und Ausstattung in der Kirche.

Darüber hinaus beeindrucken die (dem gotischen Gesamtbild der Kirche sehr gut angepassten) Wandmalereien im Jugendstil, die von dem Maler Jan Jobst stammen. Und dann sind da noch die bunten Kirchenfenster, zu denen damals berühmte Maler wie Adolf Liebscher oder František Ženíšek die Entwürfe beigesteuert hatten (etwa die Darstellung der Namenspatronin Ludmilla im großen Bild oben), oder die neogotischen Schnitzereien der Seitenaltäre des Bildhauers Jan Kastner, dessen Darstellung der Heiligen Kyrill und Methodius wir links sehen.

Und das sind nur einige der berühmten Künstler, die an der Ludmilla-Kirche mitgewirkt haben.

Als in kommunistischen Zeiten die Metro genau unter der Kirche entlang erbaut wurde, schloss man die Kirche übrigens im Jahre 1974. Als man mit der Metro fertig war, ließ man sie 1980 gleich geschlossen, um sie zu renovieren. Nur einen kleinen Teil öffnete man 1984 für die Abhaltung von Gottesdiensten. Erst 1992 – der Kommunismus war seit drei Jahren bereits Geschichte – wurde sie wieder vollständig und feinstens restauriert den Gläubigen zur Verfügung gestellt, wobei man dabei gleich einen neuen Hauptaltar bewundern konnte. (DD)

Held mit Löwe und antiken Anleihen

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Stolz steht er neben der Karlsbrücke auf einem der Pfeiler am Ufer der Kleinseite – mit seinem goldenen Schwert. Ritter Bruncvík ist zwar nur eine Sagengestalt aus einem alten Ritterroman, aber er kann sich rühmen, den Löwen zum Wappentier der Böhmen gemacht zu haben. Er fand nämlich, dass der bisherige Adler nicht würdig genug sei, und zog in die Welt, um einen echten Löwen zu IMG_5465finden, der als Vorbild für ein neues Wappen dienen sollte. Die Reise führte ihn durch viele Länder und er erlebte unzählige phantastische Abenteuer. Bei deren Schilderung hat der uns unbekannte Sagenautor aus dem frühen 15. Jahrhundert kräftig Ideen aus verschiedenen griechischen Sagen und Mythen abgekupfert. Bruncvík begegnet deshalb unter anderem Zyklopen (aus der Odyssee) und kann mit Mühen einen neunköpfigen Drachen töten, dessen Köpfe immer wieder nachwachsen (erinnert stark an die Hydra bei Herakles). Solche Anleihen an die Antike waren damals aber voll im Trend und strenge Copyright-Gesetze gab es noch nicht. Neu ist, dass der Held mit der Tötung des neunköpfigen Monsters einem Löwen das Leben rettet, der fortan sein getreuer Kumpan wird und ihn nach Böhmen begleitet, wo er es dann IMG_5464zum allseits beliebten Wappentier bringt.

Die Geschichte ist so schön, dass sie schnell einen Ehrenplatz in den Herzen der Böhmen einnehmen konnte. Schon um 1500 errichtete der berühmte Steinmetz Matěj Rejsek an der heutigen Stelle eine große Statue des Helden und Löwenfreundes im gotischen Stil. Die wurde aber 1648 in der Endphase des Dreißigjährigen Krieges von den Schweden durch Kanonenkugeln arg demoliert. Bruchstücke von Sockel und Torso befinden sich heute im Prager Lapidarium (eine Nebenstelle des Nationalmuseums). Die lassen aber nur noch vage erahnen, wie die Statue im Detail aussah.

Die Künstler des Historismus im 19. Jahrhundert (hier in seiner neogotischen Ausprägung) verfügten aber über genügend Selbstbewusstsein, um die Lücken im IMG_5466Wissen um die Gestaltung mit eigenen Nachempfindungen zu füllen. 1886 ließ der Bildhauer Ludvík Šimek den alten Ritter wieder am alten Platz auferstehen, mitsamt seines Löwen, der ihm zu Füßen liegt. Der Ritter sieht jetzt noch echter als echt aus – so wie das Mittelalter unserer Kindheitsimagination!

Und am meisten fällt natürlich das goldene (naja, in diesem Fall wohl vergoldete) Schwert auf, das der Sandsteinritter in seiner Hand hält. Das soll Bruncvík am Ende seines Heldenlebens in einen Sockel der Karlsbrücke eingemauert haben (andere Varianten der Legende besagen, er habe es in die Moldau geworfen). Es soll angeblich wieder als unbesiegbare Wunderwaffe auftauchen, wenn Böhmen wirklich in Gefahr ist. Leider ist das halt nur eine Legende, denn bei der Besetzung durch die Nazis 1938, der Machtübernahme der Kommunisten 1948 oder der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 war das Schwert nicht zur Stelle als man es hätte brauchen können. Die Liebe der Tschechen zu ihrem Bruncvík hat dieses bedauerliche Schwertversagen nicht gemindert. (DD)

Turm nach Mocker-Art

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Keine Frage: Der Pulverturm (Prašná brána) ist das eindrucksvollste Stadttor Prags und zugleich eines der schönsten Meisterwerke der Spätgotik in der Stadt. Durch sein Tor führten dereinst im Mittelalter die Krönungsprozessionen der böhmischen Könige. IMG_3563Erbaut wurde er 1475 anstelle eines kleineren Wehrturms aus dem frühen 13. Jahrhundert, der zu diesem Zeitpunkt völlig verfallen war. Mit dem Bau des deshalb zunächst Neuer Turm (Nová věž) genannten Gebäudes beauftragte König Vladislav II. Jagiello den Baumeister und Steinmetz Matěj Rejsek. Er markiert die Grenze der Altstadt zur Neustadt und liegt (von der Altstadt gesehen) am Ende der Celetná.

IMG_3565Zum Namen Pulverturm kam er erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Da wurde er zu einem Pulverlager umfunktioniert. Für die Preußen, die im Zuge des Siebenjährigen Kriegs 1757 Prag unter Artilleriebeschuss nahmen, mag er dadurch zum strategischen Ziel geworden zu sein. Jedenfalls wurde der Turm arg beschädigt und dem Verfall überlassen. 1799 entfernte man, um „Steinschlag“ zu verhindern, die meisten Ornamente und Skulpturen an der Außenseite.

Der Jammer hatte ein Ende als man den Neogotik-Spezialisten unter den Prager Architekten, Josef Mocker (siehe  u.a. diesen früheren Beitrag) damit beauftragte, den Bau gründlich zu renovieren, was dieser in den Jahren 1875–1886 auch tat. Mocker IMG_3567war ein Bewunderer der Architektur der Zeit Karls IV., weshalb seine Turmkonstruktionen grundsätzlich immer ein wenig aussahen wie der Altstädter Turm an der Karlsbrücke. Das erkennt man an dem großen Walmdachaufsatz mit den vier kleinen Ecktürmchen. Durch die Dachkonstruktion wurde der Turm viel höher als er es ursprünglich gewesen waren. Ob diese Veränderung heute den Test des Denkmalschutzes bestanden hätte? Die Frage ist heute müßig. Auf jeden Fall ist der Turm dank Mocker richtig bombastisch geworden. Satte 65 Meter ist er nun hoch. Der Wandelgang für die eine atemberaubende Aussicht suchenden Touristen liegt immerhin in 44 Meter Höhe, wofür immerhin 186 Stufen bewältigt werden müssen (nach Zahlung eines kleinen Eintrittsgeldes). IMG_3566Josef Mocker hat sich und der Neogotik jedenfalls mit diesem Turm ein großes Denkmal gesetzt.

Mocker sorgte auch dafür, dass die gotische Ornamentik und ihr Skulpturenreichtum durch Renovation und vor allem durch eigene Nachempfindung wieder zu ihrem Recht kam. Unzählige Heiligenfiguren und (golden) beflügelte Engel schmücken die Fassaden ebenso wie das Stadtwappen Prags (rechts).

Es lohnt sich, sich die opulente Außengestaltung einfach einmal länger und näher anzuschauen, IMG_3568weil man auch (ganz im Sinne der Gotik) viele skurrile Details findet, meist Darstellungen der mittelalterlichen Baumeister. Und an der zum Gemeindehaus gerichteten Seit sieht man ebenfalls noch den kleinen Erker, der im Mittelalter als Toilette genutzt wurde. Keine Angst, von dort aus drohen aber heute keine unangenehmen Überraschungen mehr.

Und dann sind da noch oberhalb des Torbogens die Statuen vier historisch besonders bedeutender Könige Böhmen des Mittelalters – jeweils zwei auf jeder Seite. Auf der Neustadtseite sind dies die Könige Ottokar II. aus dem Haus der Přemysliden (1253–1278) und Karl IV. (1345–1378), der als der größte und „Vater des Vaterlands“ unter ihnen IMG_3562gilt (kleines Bild unten links).  Auf der Altstadtseite sindIMG_3564 es Georg von Podiebrad (1458–1471), der einzige Hussitenkönig (unten rechts), und der Erbauer des Tors, Vladislav II. Jagiello (1471–1516.

In den Jahren 1905 bis 1911 verband man durch einen im Jugendstil gehaltenen Übergang den Turm mit dem gerade neu erbauten Gemeindehaus Obecní dům (früherer Beitrag hier) angebaut.

Der Turm wurde selbst in kommunistischen Zeiten gut in Schuss gehalten. 1961 bis 1963 erfolgte eine gründliche Renovierung der Gebäudestruktur. Nach der Samtenen Revolution restaurierte man 1992 auch die Bildhauerarbeiten, Skulpturen und Ornamente außen an der Fassade. (DD)