Ort der Erinnerung

Dass die alte Synagoge von Michle (Michelská synagoga) heute keine Synagoge mehr ist, sondern eine christliche Kirche, macht sie zu einem der vielschichtigen Prager Erinnerungsorte für das Grauen der Nazizeit. Die Menschen, die hier beteten wurden ermordet und ihre Gemeinde ausgelöscht – unwiederbringlich.

Das Gebäude in der U michelského mlýna 124/27 am Ufer des kleinen Flusses Botič im Stadtteil Michle (Prag 4) ist schon sehr alt. Noch erhaltene Mauerreste, die man vor Jahren bei Renovierungsarbeiten fand, deuten darauf hin, dass hier bereits im Mittelalter ein kleiner Bauernhof oder möglicherweise ein Weingut stand. Wann es dann in eine Synagoge umgewandelt wurde, ist nicht so richtig bekannt, aber es dürfte nicht vor 1730 gewesen sein. Sicher historisch dokumentiert ist die Synagoge und das Gemeindeleben erst im 19. Jahrhundert. Sie diente den verstreuten kleinen jüdischen Gemeinden in Ortsteilen Michle, Nusle, Vršovice und Podolí als Gebetshaus.

Ende des 19. Jahrhundert wurde das Gebäude, das nacheinander im Stil der Renaissance und des Barock umgebaut worden war, noch einmal gründlich neugestaltet. Dabei knüpfte man ein wenig an das Ursprungsgebäude an und so sieht man hier heute ein schlichtes neogotisches Gebetshaus. Als 1939 die Nazis in das neue Protektorat Böhmen und Mähren einmarschierten, begann der Holocaust. Es gab danach keine jüdische Gemeinde mehr.

Die Synagoge von Michle blieb allerdings eine der wenigen in den Prager Vororten, die nicht von den Nazis zerstört wurde. Dahinter steckte keine Milde der Nazis, sondern das Ganze war ein Teil des perfiden Plans, der vor allem die jüdischen Kulturstätten in der Altstadt rettete. Die Nazis planten nämlich, in Prag ein großes Museum einer untergegangenen Rasse einzurichten, in dem sie ihre Mordtaten in kuturhistorischem Gewand für die Nachwelt zelebrieren wollten. Dazu stahlen sie u.a. überall im Land wertvolle Torah-Rollen, die sie dann in Michle deponierten. Das sicherte das Überleben der Synagoge.

Nach dem Krieg bewahrte man die Rollen, die nun in den Besitz des Jüdischen Museums im alten Prager Judenviertel übergingen, zunächst einmal weiter hier auf – nicht zuletzt in der trügerischen Hoffnung, sie zu restaurieren, zu konservieren und ggf. zurückzuerstatten. Die Kommunisten, die 1948 die Macht ergriffen, hatten kein sonderliches Interesse an solch einer Aufarbeitung und die Rollen begannen allmählich in der von hoher Luftfeuchtigkeit geprägten Umgebung am Fluss zu verrotten. Inzwischen waren sie sowieso in den Besitz von Artia geraten, eine von den Kommunisten eingerichtete Staatsfirma für Kulturim- und export, die gerne enteignete, d.h. gestohlene Kulturgüter gegen gute Devisen an des Klassenfeind im Westen verhökerte. Glücklicherweise bekamen Mitglieder des Londoner Memorial Scrolls Trust, einer Institution, die soviel wie möglich von der früheren jüdischen Kultur im Europa retten will, von der Sache Wind. Man verhandelte mit den Kommunisten und konnte 1963 rund 1500 Torah-Rollen erwerben und nach London bringen, wo sie in der Westminster Synagoge untergebracht wurden, die dafür sogar ein Museum einrichtete. Der Trust stiftet ab und an für jüdische Gemeinden in aller Welt Torah-Rollen aus der Sammlung als Leihgaben.

Für die Synagoge in Michle war das allerdings zunächst einmal keine gute Entwicklung, denn sie stand nun nutzlos leer und verfiel langsam. Das Blatt wendete sich erst 1975. In diesem Jahr erwarb die Tschechoslowakische Hussitische Kirche (Církev československá husitská) – eine 1920 gegründete reformerischen Kirche, die beanspruchte, so etwas wie eine Nationalkirche zu sein – das Gebäude. Die Kirche nahm sich in dieser Zeit vieler alter Synagogen außerhalb Prags an, für die es keine jüdische Gemeinde mehr gab (Beispiele hier und hier).

Die Übernahme durch die Hussitische Kirche ging mit einigen kleineren baulichen Veränderungen einher. Die Glasfenster erhielten christliche Motive und das Symbol des Kelches ist allgegenwärtig. Es steht bei allen reformerischen Kirchen als Symbol für den von der katholischen Kirche als ketzerisch erachteten Laienkelch. Die Hussiten ergänzten den Kelch oft gerne mit dem slawischen Patriarchenkreuz, was man im Bild rechts gut erkennen kann.

Die Erinnerung an die Synagoge und die damit verbundene jüdische Kultur hält man aber geschichtsbewusst und mit Verantwortungssinn wach. Es gibt eine kleine Infotafel. In einem kleinen Garten neben dem Gebäude wurden einige alte jüdische Grabsteine aus dem 1964/65 unter den Kommunisten zerstörten jüdischen Friedhof von Libeň (wir berichteten darüber hier), die man gerettet hatte, aufgestellt. So unscheinbar das Gebäude auf den ersten Blick auch wirken mag, es leistet seinen Beitrag zur Erinnerungskultur. Die Torah-Rollen, die hier einst gelagert waren, dienen überall in den Synagogen der Welt als Mementos an die Schrecken der Nazizeit und als Warnung, dass sich so etwas nie wieder wiederholen darf. (DD)

Romanisches Juwel in Podolí

Sie ist ein Stück Mittelalter in einem ansonsten baulich stark vom 20. Jahrhundert geprägten Umfeld: Die kleine Kirche des Heiligen Erzengels Michael (Kostel svatého Michaela archanděla) im Stadtteil Podolí (Prag 4), die an der Moldau unter den Felsen von Braník und des Vyšehrad gelegen ist.

Die heutige katholische Gemeindekirche stammt aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts und wurde im Jahre 1222 erstmals urkundlich erwähnt. Sie gehörte damals wohl zum (königlichen) Kapitel des Vyšehrad. Pfarrkirche für Podolí wurde sie erst 1856. Als kleine Ruheoase abseits der Touristenströme entpuppt sie sich bei näherem Hinsehen als ein kleines Juwel früher mittelalterlicher Sakralarchitektur, das auch von den künstlerischen Entwicklungsstufen, die in den Jahrhunderten danach kamen, nicht unberührt blieb, und von ihnen bereichert wurde.

Das fing im 14. Jahrhundert mit einer leichten Gotisierung der spätromanischen Kirche an. Im 17. Jahrhundert – es war die Zeit des Barocks – gab es mehr Neuerungen , etwa der Hauptaltar mit einem Altarbild des Erzengels Michael, dem Namensgeber der Kirche. Draußen im Kirchhof wurde ein Glockenturm aufgebaut, dessen oberer Teil als Holz mit Schindeldach ist. Drinnen hängt eine ältere Glocke aus dem Jahr 1482, die 1993 um zwei zusätzliche neue aus dem Hause der bekannten Glockengießerwerkstatt Tomášková-Dytrychová (siehe auch hier) ergänzt wurde

Im 19. Jahrhundert gab es noch einmal etliche Veränderungen. Der Kirchhof wurde 1885 geschlossen und ein neuer Friedhof etwas oberhalb der Kirche eingerichtet. Man findet aber noch viele erhaltene Grabsteine, sodass diese Kirche authentischer wirkt als viele andere Gemeindekirchen, deren Friedhöfe schon in den 1780er Jahren (aufgrund einer Verordnung Kaiser Josephs II.) aufgelöst wurden. 1887 führte man Umbauarbeiten durch, die auf eine Re-Romanisierung abzielten. Das heutige, im Kern neo-romanische Erscheinungsbild geht auf diesen Umbau zurück. Dazu gehört auf das Mosaik des Malers und Restaurators Bohumil Jaroš über dem westlichen Eingang, das den Erzengel Michael darstellt.

In den Zeiten des Kommunismus fiel sie der allgemein üblichen Vernachlässigung anheim, bis sich zu Ende das Blatt wendete. 1980 wurde Jan Rosůlek Pfarrer der Gemeinde. der war ausgebildeter Architekt und Verfechter des modernen Avantgardismus. Er hatte schon in der Ersten Republik der Gruppe Devětsil angehört, einer Architekten- und Künstlervereinigung, die sich einem progressiven Kunstverständnis verschrieben hatte. Rosůlek, ein Bruder der Schauspielerin Marie Rosůlková, hatte sich 1947 zum Priester weihen lassen (nachdem er eine zeitlang der Religion abgeschworen hatte). Danach war er zahlreichen Drangsalierungen und Berufsbeschränkungen durch die Kommunisten ausgesetzt, bevor er 1980 immerhin die kleine Pfarre in Podolí übernehmen durfte. Er nutze die Gelegenheit, die Kirche mit ein wenig moderner Avantgarde anzureichern. Dabei sind insbesondere die 1988 eingesetzten Buntglasfenster nach Entwürfen des Malers Antonín Klouda zu erwähnen. Die Glasmosaike – oberhalb links ein Ausschnitt eines Bildes des Gekreuzigten – verliehen dem Kirchenraum einige kräftige neue Farbtupfer.

Die Kirche als solche besteht aus einem schlichten, geradezu archaisch wirkenden einschiffigen Bau. Wenn es von der östlich vorbeigehenden Straße Pod Vyšehradem so aussieht, als ob sie zwei Schiffe hätte, dann liegt das nur daran, dass die Fassade eines Anbaus dem östlichen Abschluss des Schiffes mit dem Altarraum gleicht.

Das ist eines von vielen Dingen, die die äußere Gestaltung der Erzengel-Michaels-Kirche ausgesprochen abwechslungsreich erscheinen lassen. (DD)

Glockenturm im Dorfensemble

Es trägt auch dazu bei, das der kleine Stadtteil Střešovice seinen geradezu dörflichen Charakter bewahrt hat: Das Střešovicer Glöckentürmchen (Střešovická zvonička). Das steht am Rande der Nad Hradním Vodojemem, der kleinen Hauptstraße des nördlichen Teils des alten Dorfkerns (Staré Střešovice), die an einer Seite von einer schmalen Grünanlage gesäumt wird.

Auch wenn sie ein wenig mittelalterlich daherkommt, ist die kleine Kapelle mit der Glocke eher neuzeitlicheren Datums. Im Laufe des 19. Jahrhunderts war die Bevölkerung des damals noch nicht zu Prag gehörenden Ortes Střešovice, der zuvor nur aus vereinzelten Gehöften bestanden hatte, stark gewachsen und es wurde in den Jahren 1889 bis 1891 die bereits hier beschriebene St. Norbert Kirche (Kostel sv. Norberta) für die nun recht ansehnliche katholische Gemeinde gegründet (wir berichteten hier). Die Kirche thront nun stattlich über der Ortschaft. Im Zuge des Kirchenbaus wurde dann zur gleichen Zeit auch das kleine Glockenturm erbaut. Warum, konnte ich nicht herausfinden, denn die Kirche hatte ja Glocken. Und für einen Kampanile steht das Türmchen zu weit entfernt.

Der einfache quadratische Grundriss und die Laterne mit der Glocke auf dem Dach folgen in etwa den Konventionen der Romanik des frühen Mittelalters – was mit der neoromanischen Architektur der Norbertkirche korrespondiert. Allerdings hat der Erbauer für Fenster und Eingang gotische Spitzbögen gewählt, die einer späteren Epoche des Mittelalters entstammen. Der Innenraum, den man durch ein Gitter einsehen kann, ist schmucklos, da das Gebäude keine tiefere sakrale Funktion hat. Wenn man schräg nach oben hineinschaut, sieht man das Glockenseil zur Glocke hinauf laufen. Die Glocke selbst ist funktionstüchtig und in der Laterne von außen sichtbar.

Die Umgebung ist, wie gesagt, sehr dörflich. Allerdings sind einige der hübschen alten Häuser an dem kleinen Dorfplatz, an dem der Turm steht, in den späten 1980er Jahren abgerissen – darunter die kleine Gaststätte U Zvoničky (Zum Glockentürmchen). Hier in der Umgebung entstand damals eine Art kleines Botschaftsviertel. Insbesondere die Botschaften einiger kleinerer lateinamerikanischer sozialistischer „Bruderstaaten“ fanden hier ihren Platz. Da diese Länder keine großen Protzbauten brauchten bzw. sie sich nicht leisten konnten, entstanden hierdurch gottlob keine stadtplanerischen Fremdkörper. Der dörfliche und idyllische Charakter blieb erhalten und es gibt sogar wieder – an einem wenige Meter entfernten Ort – eine Dorfgaststätte.

Der kleine Glockenturm war jedoch in kommunistischer Zeit etwas heruntergekommen (etwas anderes war nicht zu erwarten). 1997 bildete sich eine örtliche Bürgerinitiative, die den Wiederaufbau betrieb. Im Oktober 2001 kam es zur feierlichen Einweihung des repararierten Gebäudes. Leider war das Ganze unsachgemäß und mit falschen Materialien durchgeführt worden .Kurz darauf begann aiuch schon die Farbe zu bröckeln, dann sog sich die Mauer mit Feuchtigkeit voll und bröckelte auch. Schon 2006 wurde der Turm noch einmal in einem zweiten Anlauf renoviert (diesmal richtig) und die Grünanlage drumherum neu gestaltet. Dadurch gehört der Glockenturm nun zu einem dörflichen Gesamtensemble, das sich ausgesprochen hübsch ausmacht und zu den Geheimtyps für Ausflügler gehört. (DD)

Die einzige Norbertkirche Tschechiens

Kaum eine Kirche úberragt die Umgebung so sehr wie die St. Norbert Kirche (Kostel sv. Norberta) in Střešovice (Prag 6). Die nach einem Schutzpatron des Bieres benannte Kirche liegt auf einem Berg gegenüber der Prager Burg, der im Süden vom Tal des Baches Brusnice und im Norden vom Šárecký potok (Šárka-Bach) und dem Šárka-Tal umgeben ist. Das Gebäude ist zur weithin sichtbaren Landmarke geworden.

Erbaut wurde die an der Ecke Norbertov/Sibelova gelegene Kirche in den Jahren 1889 bis 1891 von dem Bauunternehmer Jaroslav Kuchta nach Entwürfen des Architekten František Rožánek. Es handelt sich um eine dreischiffige Kirche im Stil der Neoromanik. In den Bau wurden neben der Apsis eine Trauerkapelle und Leichenhalle integriert. Die idyllische ummauerte Parkanlage, die die Kirche umgibt, war urspünglich für kurze Zeit ein Kirchhof. Kirche und (damals noch) Friedhof waren für die katholische Gemeinde von Střešovice gedacht, eine damals noch außerhalb Prags gelegene Ortschaft, die erst 1922 eingemeindet wurde. Střešovice hatte im 19. Jahrhundert eine solche Bevölkerungsentwicklung durchlebt, dass der Bau einer großen Kirche unabdinglich wurde. Vorher gab es hier nur eine Gehöfte und kleinere Weinberge. Dass man in einer Zeit, da Neogotik (in Erinnerungs an Böhmens Größe unter Karl IV.) in Mode war, stilistisch eine Nachempfindung der Romanik für die Gestaltung des Gotteshauses wählte, mag etwas mit dem berühmten Namensgeber der Kirche zu tun haben, der zur Glaubenstradition und Geschichte des Ortes wie angegossen passt.

Denn dass sie dem Heiligen Norbert gewidmet wurde, war wohl kein Zufall. Der aus dem rheinischen Xanten stammende Heilige war nämlich der Gründer des Ordens der Prämonstratenser, der 1143 das auf der Anhöhe gegenüber liegende Kloster Strahov gegründet hatte – ein Meilenstein in der böhmischen Kulturgeschichte. Und Střešovice war ursprünglich ein Teil des Klosterbesitzes und noch der Bau der neuen Kirche 1889/91 wurde vom Abt des Klosters, Zikmund Antonín Starý, initiiert. Das verband den Ort mit dem Heiligen, dessen Reliquien im Kloster aufbewahrt sind. Dorthin waren sie aus Magdeburg überführt worden, wo der heilige 1134 gestorben war. Es waren die Wirren des Dreissigjährigen Krieges in Magdeburg, die die Umbettung 1627 ratsam erscheinen ließen. Das wiederum ermöglichte es, dass bei der Einweihung der Kirche in Střešovice problemlos einige Kleinteile der Reliquien des Klosters für den Altar der Kirche transferieren konnte – was der Kirche zu einem wahren Norbert-Heiligtum schlechthin machte. Darin hat sie sowieso ein Monopol, denn obwohl der gute Norbert der Schutzheilige des Biers und der Braukunst ist und sogar eine tschechische Biersorte nach ihm benannt ist, gibt es seltsamerweise im ganzen Land keine andere Kirche, die nach ihm benannt ist. Es gibt nur eine handvoll kleiner Kapellen, wie etwa diese in Strakonice. Verstehe einer die Tschechen…!

Zwei der drei Glocken, die der Glockengießer Arnošt Diepold gegossen hatte, wurden 1916 für die Produktion von Waffen im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen. Und den neuen Glocken, die man nach dem Krieg goss, widerfuhr dasselbe Schicksal im Zweiten Weltkrieg. Den heutigen Glocken bleibt dieses Schicksal hoffentlich erspart. Die wurden eigentlich 1611 für die St. Georgskirche im mittelböhmischen Jevany gegossen und wurden 2001 hier installiert; 2006 folgte eine zusätzliche neue Glocke, die in Passau gegossen wurde. Betritt man das ummauerte Areal der Kirche und geht den Weg zum Portal entlang, fallen rechts und links zunächst einmal die schöne Statue der Madonna aus dem Jahr 1872 und rechts das steinerne Kreuz mit einem bronzenen Jesus aus dem Jahr 1894 mit einer Gedenkinschrift auf dem Sockel auf.

Innen ist die Kirche nur während der Gottesdienste zu besichtigen, aber man kann durch ein Gitterfenster im Eingangsbereich hineinschauen (siehe links). Es ist recht neu. Auffallend ist das große Altarkreuz. Zwischen 1950 und 2003 stand an seiner Stelle ein Altar, den man aus dem Strahovkloster (das die Kommunisten aufgelöst hatten) entnommen hatte, der aber nach dem Ende der kommunistischen Tyrannei wieder zurückging. Danach wurde eine neue Lösung gefunden. Ein Besuch der recht stattlichen Kirche (unter den neoromanischen Kirchen Prags dürfte nur die Kirche der Heiligen Kyrill und Method, über die wir hier berichten, im Stadtteil Karlín größer sein) sei empfohlen, schon alleine, weil die noch recht dörfliche Umgebung einen besonderen Reiz hat. Und weil man man kaum einen besseren Ort findet, um den Heiligen Norbert zu feiern, dem sonst hierzulande sonst keine Kirche zuteil wurde. (DD)

Eklektik mit Hubertus

Heute ist der 30. Mai und damit der Tag des Heiligen Hubertus. Hier in der Na Švihance 1476/1 im Stadtteil Vinohrady kniet er reumütig vor dem Hirschen mit dem Kreuz im Geweih, den Gott ihm geschickt hat, damit er endlich seiner mordgierigen Jagdfreude abschwöre und zum frommen Menschen werde. Dem Rat folgte Hubertus bekanntlich, was ihm immerhin am Ende sogar den Bischofstitel von Lüttich einbrachte. Reue und Einkehr lohnen sich also.

Das dreistöckige Haus an dessen Fassade sich der Hubertus in Stuck auf Höhe des ersten Stockes unter einem kleinen Baldachin befindet, ist ein Meisterwerk des Historismus in seiner eklektischen Ausprägung. In anderen Worten: Es wurden in phantasiereicher Mischung verschiedene historische Stile miteinander kombiniert. Erbaut hat das Gebäude direkt neben dem Rieger Park (Riegrovy sady) in den Jahren 1907/08 der Architekt Alois Zima, dessen bekanntestes Gebäude in Prag wohl die ebenfalls historistische Hussitenkirche aus dem Jahr 1927 in Dejvice ist. Die Aussicht über den Park dürfte von den oberen Stockwerken aus umwerfend sein.

Müsste man es typisieren, wäre Zimas Haus hier ein Beispiel für Neogotik-Neorenaissance-Neobarock. Aber das wäre natürlich viel zu akademisch gedacht, denn es ging wohl nicht um die Reinheit des Stils, sondern um einen besonders einmaligen und überwältigenden optischen Gesamteindruck, um eine romantsiche Imagination von Vergangenheit. Und das ist Zima sicherlich gelungen.

Der knieende Hubertus mit dem Hirschen ist eindeutig im Barockstil gehalten und er kommt dem Prag-Kenner auch irgendwie doch schon recht bekannt vor. In etwas abgewandelter Form (z.B. spiegelverkehrt) scheint er nämlich dem wohl berühmtesten Hubertus-Abbild in Prag nachempfunden zu sein, der vom Bildhauer Ferdinand Maximilian Brokoff um 1723 geschaffenen Skulptur am Haus zum goldenen Hirschen (dum u zlatého jelena) auf der Kleinseite, die wir bereits in diesem früheren Beitrag hier vorgestellt haben.

Aber Barock ist eben nicht das Einzige, was Zima in die Gestaltung des Hauses gepackt hat. Die Turmaufbauten und die über dem Hubertus befindliches Sonnenuhr lehnen sich an an spätmittelalterliche Architektur an, sind also auf sehr romantische Art neogotisch gehalten. Der Giebel zur Na Švihance hin sowie zahlreiche Ornamente rund um die Erker zitieren wiederum die böhmische Renaissance.

Und überall kreuchen und fleuchen auf der Fassade ganz im Stil gotischer Kirchenausstattung seltsam groteske Tiere und Ungeheuer herum. Dazu zählt der Drache, den man oberhalb rechts sieht, aber auch eine Reihe putziger Krähen oder Raben, die sich überall verteilen. Kurz: Das ist mal wieder eines jener schönen Häuser in Prag, vor denen man lange verweilen kann, um immer wieder etwas Neues zu entdecken. (DD)

Stundenhotel im Windsor-Stil

Heute büffeln hier Schüler. Die hätte man zu anderen Zeiten wohl eher von diesem Haus, dessen Name „Miramare“ auf der Fassade prangt, ferngehalten, um die Moral junger unschuldiger Menschen nicht sündigen Versuchungen auszusetzen. Denn der Ort in der Na Výsluní 150/6 in Prag-Strašnice, wo sich heute die Weiterführende und höhere Berufsschule für Kunst und Handwerk (Střední škola a vyšší odborná škola umělecká a řemeslná; kurz: SOU) befindet, war vor Zeiten einmal als ein eher verruchter Ort verschrien.

So war es natürlich zunächst nicht geplant. Der recht stattliche, an ein Schloss erinnernde Bau im Stil der englischen Windsor-Gotik, entstand im Jahre 1907 nach Plänen des Architekten Josef Domek. Auftraggeber war ein Friseur namens Jan Švec, der beim Schneiden, Föhnen und Rasieren anscheinend so fleißig war und so viele Prominente als Kunden hatte, dass er genügend Geld für diese Rieseninvestition aufbringen konnte. Villa Miramare nannte er das geradezu gigantische Bauwerk. Name und Baustil waren inspiriert vom berühmten Castello di Miramare, dem bei Trieste gelegenen Schloss von Maximilian von Habsburg, der 1867 als Kaiser von Mexiko sein Leben ließ. Die Namensgebung hier in Prag dürfte weniger etwas mit Mexiko zu tun gehabt haben, sondern mit der Tatsache, dass Maximilian zwischen 1854 und 1861 ein zupackender Kommandant der k.k. Kriegsmarine war, der sich als großer Modernisierer erwies, und als solcher nicht nur bei der Marine, sondern generell im Habsburgerreich überaus populär war (mehr jedenfalls als bei den Mexikanern, die ihn hinrichteten).

Es handelte sich nicht um eine Privatvilla, sondern es sollte ein Luxushotel daraus werden. So ganz klappte das nie. 1909 baute man um. Der Architekt Josef A. Smolík fügte einen Weinkeller und ein Restaurant mit Sommerveranda hinzu. 1921 wurde von einem Architekten namens A. Dvořák noch ein Ausflugslokal mit Bar angebaut. Mit dieser zusätzlichen geschäftlichen Fokussierung versuchte man anständige Gelegenheitsausflügler als Kunden zu gewinnen. Denn der Hotelbetrieb hatte inzwischen eine etwas andere Richtung genommen. In der Umgebung waren zahlreiche Militärs stationiert und nach dem Ersten Weltkrieg auch Teile der Handelsmarine, die über Moldau und Elbe in Hamburg den territorial zur Tschechoslowakei gehörenden Moldauhafen als einzigen Meereszugang nutzte (ab 1953 gab es in Strašnice sogar den Sitz der Československá námořní plavba – Tschechoslowakischen Ozeanschiffereigesellschaft). Kurz: Die Art des Hotelbedarf war bei dieser Zielgruppe spezieller Art. Rundherum galt es bald als ein Stundenhotel, wo sich sittenlose Herren mit käuflichen Damen verabredeten. So heißt es jedenfalls. Auf jeden Fall blieb es als Image hängen und die entsprechende Infotafel des (übrigens ausgezeichneten!) Strašnicer Kulturwanderwegs hat es in einer sehr bildlichen Nachstellung (Bild oberhalb rechts) recht plastisch präsentiert.

Es gab in der Folge noch einige Umbauten. So wurde zum Beispiel 1937 eine Kegelbahn eingebaut. Aber die Blüte des Hotels und Restaurants ging allmählich vorüber. 1938 wurde rund 100 Meter entfernt unterhalb des auf einer Anhöhe liegenden Miramare ein neues Restaurant im funktionalistischen Stil erbaut, das Kunden abwarb – vor allem die verbliebenen „Anständigen“. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ebenfalls in der Nähe ein modernes Großhotel gebaut, das heute Fortuna City heißt. Das Militär reduzierte sich in der Umgebung auch, was den entsprechenden Bedarf an Stundenhotelkapazität minderte. Der Pleitegeier kreiste oben in der Luft…

1948, im Jahr der kommunistischen Machtergreifung, übernahm die Stadtregierung das Gebäude. Das tat dem Gebäude, das doch recht beindruckend war, nicht sonderlich gut. 1957 wurden einige Teile, darunter ein großer Saal, abgerissen. 1979 fúhrte der Machinenbaukonzern ČKD größere Umbauten durch, um hier eine Ausbildungsstätte für Lehrlinge einzurichten, die im Jahr darauf eröffent wurde. Dabei gingen innen viele und außen manche feine schnörkelige Architekturdetails zu Bruch. Immerhin war aber der Grundstein zu einer anderen Nutzung des Gebäudes gelegt. So, wie es nun war, konnte hier nach wenigen Umbauten 1997 ein anderer Bildungsbetrieb einziehen, nämlich die bereits erwähnte Kunst- und Handwerksschule SOU. Ja, die Nachkriegszeit hat dem Gebäude übel mitgespielt und manches schöne Detail ging verloren, seitdem es als (Stunden-) Hotel ausgedient hat. Aber mit seinen Zinnen und nach nunmehr sorgfältiger Renovierung kann man sich dem Bann des Bauwerks nicht entziehen, das zu den bemerkenswertesten Windsorstil-Häusern der Stadt gehört. (DD)

PS: Die Urenkelin von Jan Švec, Jana Garbová, die hier noch bis zum Einzug der ČKD 1980 wohnte, hat 2016 in einem Beitrag energisch bestritten, dass ihr Urgroßvater hier ein Stundenhotel betrieben oder auch nur unsittliches Treiben erlaubt hätte. Er sei ein großer Patriot, engagierter Stadtrat und anständiger Mensch gewesen. Die üblen Gerüchte seien erst in den 1950er Jahren entstanden – vermutlich als Folge von Fernsehsendungen, die so etwas verbreiteten. Die Mehrheit der Lokalhistoriker scheint sich dem nicht anzuschließen – möglicherweise, weil die Geschichte vom Stundenhotel ganz klar die lustigere Story ist, selbst wenn sie nicht unbedingt die wahre ist. Wie heißt es so schön am Ende des Western-Films The Man Who Shot Liberty Valance? „When the legend becomes fact, print the legend.“ Jedenfalls: Aus diesem Streit halten wir uns schön heraus. (DD)

Park mit Landgut

Am Anfang standen Weinberge, die Kaiser Karl IV. im 14. Jahrhundert anlegen ließ. 1654 wurde auf der Höhe ein großes Gehöft im barocken Stil errichtet. Damit war die Grundlage für eine der schönsten Parkanlagen in Prag geschaffen, dem Park Santoška in Smíchov (Prag 5).

Im Jahre 1719 schenkte Prinz Adam Franz Karl von Schwarzenberg, der Oberstallmeister Kaiser Karls VI. (von dem er 1732 irrtümlich bei einer Jagd erschossen wurde), das Gehöft samt Ländereien seinem Rechtsconsulenten Dr. Franz Wilhelm Sonntag zum Dank für verschiedene juristische Verdienste, wozu unter anderem ein Rechtsgutachten gehörte, das zur Heiligsprechung des böhmischen Nationalheiligen Nepomuk führte. Unter Sonntag wurde auf dem Gelände ein Landschaftsgarten angelegt, der hübsch mit Skulpturen des berühmten böhmischen Barockbildhauers Ignaz Franz Platzer ausgestattet war, von denen auf dem Areal nur noch die Statue der Göttin Flora (Bild oberhalb links) übrig ist.

Nach seinem Besitzer Sonntag hieß das Gut ursprünglich Sontoška, was sich über die Zeit zu Santoška abschliff. Der Park ist an einen steilen Hang gebaut. Tritt man unten von der Straße Na Václavske durch das ebenfalls mit Statuen (Putten) von Platzer geschmückten Toreingang in den Park, muss man zur obersten Punkt bei der Straße Nad Santoškou einen Höhenunterschied von 200 Meter zu 266 Metern über dem Meeresspiegel überwinden. Mit 5,64 Hektar bietet der Park reichlich Auslauffläche für Mensch und Hund.

Besonders im Sommer dürfte man den schönen, sehr alten und daher sehr üppigen Baumbestand zu schätzen wissen. Zugleich galt der Park früher auch als Wasserressource. Für das Jahr 1768 ist überliefert, dass die nahegelegene Apotheke U černého orla (Zum Schwarzen Adler) in der Kleinseite das hiesige Quellwasser teuer als Heilwasser in Fläschchen verkaufte.

1813 ging das Areal an die 1879 in den Ritterstand erhobene Familie Daubek. Die ließ das alte barocke Gehöft 1868 abreißen und durch die heute hier befindliche neogotische Villa (siehe großes Bild oben) ersetzen, die heute gemeinhin Landgut Santoška (usedlost Santoška) genannt wird. Das Familienwappen der Ritter von Daubek ist noch oben auf der Fassade sichtbar. Insbesondere Eduard Ritter von Daubek machte sich um den Park und seine Pflege verdient. 1890 erweiterte er ihn um den nahegelegenen, heute ein wenig vom separierten Felsengarten (Sady Na Skalce), den er 1894 der Stadt schenkte.

1907 wurden Landhaus und Park von der Gemeinde Smíchov (die erst 1922 Teil Prags wurde) gekauft. Ein öffentlicher Park mit einem kleinen Restaurant im Haus entstand. 1933 und 1935 wurden größere Umbauten im Garten lanciert. Ein richtiges Wegenetz gehörte dazu. Kleinere Wirtschaftsgebäude, die zum Landgut gehörten, verschwanden. Im Landhaus residieren seit 1953 ein Kindergarten und eine Grundschule, nachdem das Restaurant geschlossen und zunächst durch ein Lehrlingsheim ersetzt wurde. Deshalb ist das Gebäude normalerweise nicht öffentlich zugänglich. Aber es gibt ja immer noch den schönen Park mit seinen schönen Kastanienbäumen, Eschen und Ahornbäumen, der zum Spazierengehen einlädt. (DD)

Windsor in Prag

Wer nach dem Brexit ein Stück fast echtes England sehen möchte, der gehe hier hin, um sich dieses kleine „Schloss Windsor“ in Prag anzuschauen, das sogenannte Lustschloss des Statthalters (Místodržitelský letohrádek). Britischer geht’s nimmer.

So sah es hier natürlich nicht immer aus, denn die Anfänge des Gebäudes gehen bis in Zeiten zurück als es die Windsor-Gotik noch nicht gab – und schon gar nicht als böhmische Imitation. Die Ursprünge des Schlosses gehen in das Jahr 1266 zurück, als König Otakar II. im Areal einen Wildpark anlegte, der unter dem Namen Stromovka heute ein öffentlicher Park ist. Dazu gehörte natürlich auch ein entsprechendes Schloss, das dementsprechend damals noch als Jagdschloss bezeichnet wurde. Und noch heute kann man die schöne Aussicht auf die Natur von hier oben bewundern.

Der böhmische König Vladislav II. aus dem polnischen Herrschergeschlecht der Jagiellonen baute in den Jahren 1495 bis 1502 das Schlösschen im neogotischen Stil um. Möglicherweise sah es da dem heutigen Gebäude schon ein wenig ähnlicher als heute. Es folgte eine neuerliche Umgestaltung in den Jahren 1580 bis 1594, diesmal im Stil der Renaissance. Die schwedische Belagerung im Dreissigjährigen Krieg überlebte das Schloss 1648, weil sich einer der schwedischen Generäle hier niederließ. Aber das Gebäude erlitt schwere Schäden als 1744 die Preußen im Zuge des Österreichischen Erbfolgekriegs das Jagdschloss mit Artillerie beschossen. Danach stand es meist leer und verfiel allmählich.

Das änderte sich als der frühere königliche Finanzminister Johann Rudolph Chotek von Chotkow in seiner neuerlichen Eigenschaft als Staatsminister und Oberstburggraf in Böhmen, die er 1802 bis 1805 innehatte, sich der Sache annahm. Er wandelte 1804 den Wildpark in eine Parkanlage für die Bürger um und leitete 1805 den abermaligen grundlegenden Umbau des Schlosses ein. Da er als „Statthalter“ des Königs agierte, heißt das Schloss seit her so, wie es eben heute heißt: Lustschloss des Statthalters. Der Umbau erfolgte nach den Plänen der Architekten Antonio Palliardi und Georg Fischer nunmehr in jenem Windsor-Stil, der in dieser Zeit als der vollendete Ausdruck von Burgenromantik in Mode war.

Mit der Gründung der Ersten Republik im Jahre 1918 wurde es seiner bisherigen königlichen Bestimmungen entledigt. Eine zeitlang diente es der YWCA (Christian Youth Women Association) unter der Schirmherrschaft der Präsidentengattin Alice Garrigue Masaryková als Sommerrefugium. Das endete mit der Nazi-Besetzung 1939. Das Gebäude wurde von der Gestapo requiriert. Nach der Befreiung 1945 übernahm der Staat es und übergab es ein Jahr später der Zeitschrift- und Zeitungsabteilung des Nationalmuseums als Archiv. Und dieser Funktion dient es heute immer noch. Bei jedem Spaziergang durch den Stromovka-Park gehört das Lustschlösschen jedenfalls zu den Highlights. (DD)

Synagoge und Museum

Die Maisel-Synagoge in der Maiselova 63/10 im alten Judenviertel von Josefov kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Sie wurde in den Jahren 1590 bis 1592 – in der Blütezeit der Renaissance – erbaut. Von dem Ursprungsbau sieht man heute allerdings nichts mehr.

Beginnen wir mit dem Erbauer: Mordechai Maisel, der der Synagoge und auch der Straße, an der sie liegt, den Namen gab. Der war zu Ende des 16. Jahrhunderts Rabbiner und Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Zudem war er Bankier und kaiserlicher Hofjude. Als solcher war er der Finanzier Kaiser Rudolfs II., der recht spendabel war und ohne Maisels Geldspritzen wahrscheinlich wohl erbärmlich bankrott gegangen wäre. Der Kaiser schätzte ihn darob sehr und Maisel durfte nun sogar eine eigene Fahne führen – ein Privileg sondergleichen, das sonst kaum je Juden zuteil wurde.

Gleichzeitig gab ihm der Kaiser auch das Privileg, privat eine Synagoge bauen zu dürfen. Die Maisel-Synagoge wurde die größte Synagoge in der Stadt. Seinen Reichtum nutzte er für soziale und kulturelle Zwecke. Als Mäzen förderte er nicht nur den Bau der Maisel Synagoge, sondern auch die Talmudschule in der Klausen-Synagoge oder die Prager Beerdigungsbruderschaft. Er blieb den Menschen als Wohltäter in Erinnerung.

1689 brach das Große Feuer in der Altstadt aus, das von Agenten des französischen Königs gelegt worden war, der so die Habsburger ein wenig triezen wollte. Dem fiel auch Maisels Synagoge zum Opfer, die 1691 in völlig neuem, barocken Gewand neu aufgebaut wurde. Sie wurde dabei ein wenig verkleinert. Das führte im 19. Jahrhundert dazu, dass sie nun zu klein war. Der Architekt J.M. Wertmüller erweiterte und veränderte den Bau in den Jahren 1862 bis 1864. Schließlich, in den Jahren 1895 bis 1905 vergrößerte der jüdische Architekt Alfred Grotte (der 1943 von den Nazis ermordet wurde) die Synagoge nochmals und brachte sie in jene Gestalt, wie wir sie heute kennen. Das Resultat war nunmehr ein neo-gotisches Gebäude – eine Art Rückgriff auf eine imaginäre frühere Geschichte, die das Gebäude eigentlich (als ursprüngliches Renaissancebauwerk) nicht hatte.

Als die Nazis 1939 in Prag einmarschierten, beschlagnahmte sie das Gebäude und machten es zu einem Lager für „arisierten“ (das heißt: von ihnen gestohlenen) jüdischen Besitz. Die Nazi-Tyrannei endete 1945 und einige Jahre darauf (1955) wurde die nunmehr säkularisierte Synagoge Teil des Jüdischen Museums und zwar zunächst als Depot. Nach einer umfassenden Renovierung wurde 1965 eine Dauerausstellung mit jüdischen Kunstschätzen aus Böhmen und Mähren eröffnet, die bis 1988 Bestand hatte. Es erfolgte eine neuerliche Renovierung und seit 1996 beherbergt die Synagoge eine Ausstellung über die Geschichte der Juden in Böhmen vom 10. bis zum 18. Jahrhundert. Sie passt sich großartig in die Architektur des Gebäudes ein, wie man oberhalb rechts am Beispiel des prachtvollen neogotischen Toraschreins sehen kann, der u.a. einen Tora-Mantel aus dem späten 17. Jahrhundert enthält.

Eine besondere Rolle spielt bei der Ausstellung die Judenemanzipation. Hier denkt man zuvörderst an das Toleranzpatent Kaiser Josephs II. von 1782, dass die schwere Besteuerung der Juden, die Beschränkung der Gewerbefreiheit und die Wohnpflicht in Ghettos beendete. Aus Dank bekam eine Büste des aufgeklärten Kaisers 2015 einen Ehrenplatz auf einem Bücherregal direkt neben dem Eingang. Die Büste ist das Werk der Bildhauerin Michaela Absolonová.

Das imposante Äußere der Synagoge wurde 2014/15 einer Renovierung unterzogen, bei der vor allem die Farben aufgefrischt wurden. Man kann also eine kleine, aber sehr informative Ausstellung mit vielen wertvollen Ausstellungsstücken (wie die Buchausgabe heiliger Schriftrollen rechts, die 1530 gedruckt wurden) in einem sehr passenden und ansprechenden Ambiente genießen. (DD)

(Fast) echtes britisches Schloss

„My home is my castle“, sagt bekanntlich der Brite. Genau das dachte sich wohl auch der Grundbesitzer Vladimír Židlický, der – obwohl Ur-Böhme – um 1880 dieses Schlösschen in der Hloubětínská 13/3 in Prag 9 erbauen ließ, das so übermäßig britisch aussieht, dass es als Drehort für einen alten Edgar-Wallace-Film der 1960er Jahre hätte dienen können, wenn nicht der Eiserne Vorhang derartiges verunmöglicht hätte.

Das Schloss von Hloubětín (Zámek Hloubětín) steht auf alten Fundamenten, die sich auf das 13. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, doch weiß man über die alte Burg, die 1648 in der Endphase des Dreissigjährigen Kriegs von den Schweden dem Erdboden gleichgemacht worden war, fast gar nichts. 1848 erwarb der Jurist František Sedláček, das Land und begann eine neogotische Villa darauf zu erbauen. Die erwarb Židlický Ende der 1870er Jahre, um das Gebäude so richtig neuzugestalten. Die einstöckige schlossartige Villa mit zinnenbewehrtem Turm und kleinen Kaminen, die ebenfalls mit Zinnen versehen sind, ist in wundervollster romantischer Windsor- oder Tudorgotik gehalten.

Besonders beeindruckend wird es, wenn man sich dem ummauerten Areal von der Rückseite, dem Ufer der Rokytka (einem Nebenfluss der Moldau), nähert. Dort hat Židlický oben auf einem der für die Gegend typischen Schieferfelsen einen kleinen neogotischen Aussichtsturm am Rande des ebenfalls im englischen Stil angelegten Landschaftsparks des Schlosses errichten lassen, der sich heute immer noch ausgesprochen pittoresk ausnimmt. Der Mann hatte sich da ein kleines Paradies geschaffen!

Die Umgebung von Hloubětín einem Ortsteil von Prag 9 im Osten der Stadt, ist heute ein wenig von Plattenbauten verschandelt, aber das Schloss trägt wenigstens dazu bei, dass der innere Kern des Ortes immer noch wie eine dörfliche Idylle mitten in der Stadt wirkt. Es steht passend direkt neben der Dorfkirche zum Heiligen Georg (Kostel svatého Jiří), ein frühgotischer Bau, die erstmals 1217 urkundlich erwähnt wurde, und der noch über Reste seines Kirchhofs mit einigen schönen Grabdenkmälern verfügt. Das Ganze bildet zusammen mit einigen alten erhaltenen Häusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert ein hübsches Ensemble.

Zwischen den Weltkriegen gehörte das Schloss der örtlichen jüdischen Gemeinde. Die Nazis enteigneten die Gemeinde umgehend und unter den Kommunisten gab es selbstredend keine Restitution. Ab 1969 war es ein Zentrum der kommunistischen Jugendorganisation der Pioniere. Nach der Samtenen Revolution von 1989 wurde das Areal samt Schloss dann doch endlich restituiert. Die jüdische Gemeinde verpachtete es aber gleich an eine gynäkologische Klinik, die hier heute noch residiert. 2005 machte der Ort Geschichte als hier die erste Babyklappe Tschechiens eingerichtet wurde. Das Areal ist, da eine Klinik, nur begrenzt betretbar. (DD)