Zum Nikolaustag: Der andere Nikolaus

Heute ist der 6. Dezember. Der Tag des Heiligen Nikolaus von Myra! Den kennt jeder als Patron der Schiffbrüchigen, Schnapsbrenner, Pfandleiher, glücklicher Ehen, der Wiedererlangung gestohlener Gegenstände und als Gabenbringer für Kinder . Ein anderer Heiliger Nikolaus ist hingegen unverdient vergessen. Nutzen wir also diesen Tag, um ihn vorzustellen: Den Heiligen Nikolaus von Tolentino!

Dessen Statue steht nämlich mitten auf der weltbekannten Karlsbrücke (Karlův most), die zu beiden Seiten mit einer Galerie von insgesamt 30 überlebensgroßen Heiligenstatuen gesäumt ist. In normalen Jahren kommen also Millionen von Touristen an seinem steinernen Abbild vorbei. Ist ihnen klar, dass das ein Nikolaus ist; und wenn ja, welcher? Im riesigen Heiligenpantheon der katholischen Kirche gibt es halt viele Namensdopplungen.

Ja, die „Heiligenparade“ der Karlsbrücke! Ob der Heilige Adalbert, der Heilige Augustinus, der Heilige Nepomuk (der ja hier von der Brücke geschubst wurde) und viele mehr – alle Heiligen mit Rang und Namen sind da. Dass es da der Heilige Nikolaus von Tolentino (bei dem es keinen biographischen Bezug zu Prag gibt) geschafft hat, auf die Brücke zu kommen, und der ansonsten uns heutzutage doch unendlich bekanntere Heilige Nikolaus von Myra nicht, ist natürlich schon bemerkenswert (obwohl der Fairness halber gesagt werden muss, dass in Prag zwei Barockkirchen nach dem guten Nikolaus von Myra benannt sind – hier und hier).

Vielleicht hat er das ja auch verdient, dass er in Prag aus dem Schatten des Nikolaus von Myra treten durfte, um auch einmal einen Platz an der Sonne zu bekommen. Als eine Art Schutzpatron der Veganer – das sind die, die auch ihren Hunden und Katzen das Fleisch entziehen – könnte er vielleicht sogar in diesen öko-bewegten Zeiten noch echt trendy werden. Denn die Legende besagt, dass er – der sich stets um die Kranken gekümmert hatte – dereinst selbst schwer erkrankt war. Damit er wieder genese, ordnete sein Prior an, dass er das Fleisch zweier Rebhühner essen möge. Da Nikolaus aber ein Gelübde abgelegt hatte, nie mehr Fleisch zu essen, weigerte er sich. Als er nach energischem Drängen des Vorgesetzten dann doch die Lippen an das zarte Fleisch setzte, erwachten die Vögel zu Leben und flogen davon. Wenn es denn so war, war es eindeutig ein Wunder. Und Wunder sind der erste Schritt zur Heiligsprechung. Trotzdem brauchte die Kirche von 1325 (Einleitung des Verfahrens zur Heiligsprechung) bis 1447 (endgültige Heiligsprechung) um das durchzuführen. Gerüchte besagen, dass der Schutzheilige dieses Verfahren der Heilige Bürokratius gewesen sei.

Verstehe es, wer will. Der 1255 dem Augustiner-Eremitenorden beigetretene Nikolaus, der 1270 seine Priesterweihe empfing und ab 1275 im italienischen Tolentino (daher der Name!) wirkte, tat sich jedenfalls auch sonst mit vielen guten Taten hervor. Der strenge Asket kümmerte sich aufopferungsbereit vor allem um die Armen und die Kranken im Orte. Nicht, dass das nicht honoriert wurde. Eine der Erklärungen, warum er 1708 auf der Karlsbrücke aufgestellt wurde (und nicht der andere Nikolaus), ist, dass im 17. und 18. Jahrhundert der Nikolaus aus Tolentino möglicherweise viel bekannter und populärer war, als der aus Myra. Letzterer verdankt seine heutige Popularität wahrscheinlich der Tatsache, dass man ihn fälschlich mit dem Weihnachtsmann bzw. mit seiner amerikanischen Version, dem Santa Claus verwechselt, der aber seinen Ruhm wiederum nur von dem eines wunderbegabten Rentiers namens Rudolph ableitet (Kaufempfehlungen hier und hier), das zu ehren auf der Karlsbrücke leider völlig verabsäumt wurde.

Der Heilige Tolentino-Nikolaus (von der Kleinseite aus ist er die fünfte Statue auf der rechten Seite), den wir auf der Karlsbrücke bewundern können, ist ein Werk des Bildhauers Hieronymus Kohl, der ebenfalls im Jahre 1708 auch die Statue des Heiligen Augustinus (Bild rechts) für die Karlsbrücke fertigstellte. Beide Statuen sind aus lokalem Sandstein gemeißelt.

Kohl gehörte neben Johann und Ferdinand Maximilian Brokoff zu den bekannteren Bildhauern des Barock in Prag. Von ihm stammt unter anderem auch der berühmte Bärenbrunnen (Medvědí kašna) im Park des 14. Oktober (náměstí 14. října) im Stadtteil Smíchov (Prag 5). Noch berühmter ist möglicherweise der sogar nach ihm benannte Kohlbrunnen (Kohlova kašna) hoch oben auf der Burg im zweiter Innenhof, den er im Jahre 1686 hier erbaute.

Kohl stellt den Heiligen Nikolaus von Tolentino mit seinem traditionellen Attribut dar, einer Lilie. Die Blume steht in der christlichen Ikonographie für Reinheit und Unschuld. Vor ihm kniet ein kleines Kind, das einen Brotkorb auf seinen Schultern trägt. Kohl spielte damit auf den Einsatz des Heiligen für die Armen an. In Tolentino, wo natürlich auch die Hauptkirche, die Basilica di San Nicola (mit dem Grab des 1305 Verstorbenen) nach ihm benannt ist, wird an seinem Gedenktag übrigens auch Brot gesegnet, was unter anderem gegen Gicht helfen soll. Durch Kohls Bildsprache hebt er sich klar von den Darstellungen des Nikolaus von Myra (auch in Prag, wie wir auch hier zeigten) ab. Wenn der Unterschied dem Leser nun klar ist, hat dieser Beitrag seinen Beitrag geleistet.

Ach ja: Wer den Nikolaus von Tolentino feiern will, der tue das denn doch bitte nicht am heutigen Gedenktag des Nikolaus von Myra. Der Gedenktag des „anderen Nikolaus“ ist am 10. September (sein Todestag). Nichts hindert einen daran, ihn an diesem Tag für seine guten Taten zu preisen. Nur Geschenke gibt es in der Regel dabei nicht. (DD)

Der Weltmissionar auf der Karlsbrücke


Das ist フランシスコ・ザビエル. Den kennen wir als den Heiligen Franz Xaver. Aber er hat als Erster versucht, die Japaner zum Christentum zu bewegen. Damit ging er in die Geschichte ein und sicherte sich seinen Platz als Statue auf der Prager Karlsbrücke. Sein kirchlicher Gedenktag ist heute, am 3. Dezember.

Francisco de Jasso y Azpilicueta (so hieß er eigentlich in voller Länge) wurde 1506 in der Nähe von Pamplona in Spanien geboren und wuchs in Zeiten hinein, in der die katholische Kirche schwere Sinnkrisen durchmachte und im Protestantismus christliche Konkurrenz bekam. Zusammen mit Ignatius von Loyola gehörte er zu den Gründern des Jesuitenordens, der sich für ein kirchliches Reformprogramm zur Erneuerung und Stärkung der katholischen Kirche. Und zu diesem Reformprogramm gehörte die Mission außerhalb der alten, europäischen Welt. Und die Liste der potentiell missionierbaren Länder wurde immer größer, nachdem Kolumbus 1492 mit Amerika (das er für Indien hielt) angefangen hatte. Franz Xaver fokussierte sich sogleich auf das bevölkerungsreiche Asien. Nachdem sich 1540 die Jesuiten in Portugal etabliert hatten, machte er sich im Jahr darauf ins indische Goa auf, das damals portugiesische Kolonie war. Dort betrieb er erfolgreich Mission, nicht nur vor Ort, sondern etwa unter den Perlenfischern Südindiens, von denen er rund 30.000 bekehrt haben soll. Dasselbe machte er ab 1545 im Malaiischen Archipel. Im Jahr darauf musste er aber zurück nach Goa, weil sich die Bekehrung vieler Bewohner als zu oberflächlich erwiesen hatte. Also kriegten die noch einmal eine Vertiefungslektion.

Nächste Station: Japan. Das Land hatte man möglicherweise schon 1543 entdeckt, aber erst im Jahre 1547 erweckte das bei Franz Xaver Missionsgelüste. Er bereitete zwei Jahre lang eine Expedition vor (u.a. indem er von in Indien weilenden Japanern die Sprache fließend lernte und selbige dabei missionierte) und segelte 1549 mit Ordensbrüdern los. Er arbeitete hartnäckig und mit Erfolg. Schon bald wurde in Yamaguchi die erste Gemeinde gegründet. Weitere folgten. Er schien in den Augen vieler Japaner recht überzeugend zu sein, aber er erkannte, dass die Konversion eines Landes am besten funktionierte, wenn man den Herrscher bekehrte. 1551 zog er als armer Bettelmönch in die Hauptstadt Kyoto, um dort den Kaiser zu treffen. Der ließ ihn aber gar nicht erst vor. Nachdem er aber trotzdem bei der Bekehrung des einfachen Volkes einige Fortschritte gemacht hatte, überließ er 1552 das Land talentierten Mitarbeitern und machte sich an das ganz große Projekt: die Missionierung Chinas. Da kam er allerdings nicht weit. Der Kaiser ließ ihn gar nicht erst ins Land. Franz Xaver saß auf der vorgelagerten Insel Shangchuan Dao fest, wo ihn nach einiger Zeit ein tödliches Fieber dahinraffte.

Sein Leichnam wurde nach Goa geschafft, wo er bis heute in einem gläsernen Glasschrein in der Klosterkirche aufgebahrt ist und Wallfahrer anlockt. Nun ja, nicht vollständig, denn Teile wurden als Reliquien in der Welt verteilt – etwa der Unterarm nach Rom. Vor allem aber verteilte sich sein Ruhm gleichmäßig und auf hohem Niveau in der Welt. Schon 1619 wurde er selig- und 1622 heiliggesprochen, was relativ schnell ging. Vor allem wurde er aber zum Inbegriff des christlichen Weltmissionars schlechthin. Dazu trug auch bei, das unzählige Briefe von ihm aus seinen Missionen erhalten sind, die teilweise schon zu Lebzeiten (erstmals 1545) veröffentlicht wurden, und die ihn als einen sehr modernen Typ des Missionars präsentieren – einer, der nicht herablassend die Botschaft den „Wilden“ vermittelte, sondern sich auf die Eigenarten, Gebräuche und Vorlieben der Menschen in fernen Ländern liebevoll einließ. Seine Sprachbegabung und Bildung halfen dabei. Da macht es wenig, dass sein „größtes Werk“, die Missionierung Japans, nicht lange Bestand hatte. Unter den Tokugawa-Shogunen schloss sich Japan 1641 völlig von der Welt ab. Als unheimliche Vorankündigung hatte man schon 1614 damit begonnen, die Christen im Lande, die als Fremdländisch betrachtet wurden, gnadenlos zu verfolgen und hinzurichten. Die Missionare waren ab 1630 vertrieben. Aber ihr Mentor Franz Xaver blieb – wohl zurecht – weiterhin als der große Verbreiter des Glaubens im Gedächtnis der Weltkirche haften.


Diese Bedeutung Franz Xavers als Weltmissionar ist auch der Kern der Darstellung des Heiligen auf der Karlsbrücke. Die stammt aus dem Jahre 1711. Gestaltet wurde sie von dem Bildhauer Ferdinand Maximilian Brokoff, der sich 1709 mit seiner Gestaltungsidee bei der Ausschreibung für die Anfertigung der Statue gegen den Entwurf von Johann Georg Heintsch durchgesetzt hatte. Heintsch durfte den Heiligen dann 1710 zum Trost auf dem Giebel der in Sichtweite befindlichen Kirche zum Allerheiligsten Salvator (Kostel Nejsvětějšího Salvátora), über die wir hier berichtet haben, in Stein verewigen. Siehe kleines Bild links.

Aber zurück zur Karlsbrücke: Wie in den Zeiten des Barock schon üblich, wird Franz Xaver in der Brokoffschen Fassung auf der Karlsbrücke gar nicht mehr im Kontext seiner realen Missionstätigkeit in Teilen Asiens dargestellt, sondern als Weltsymbol. Die Gestalt des Heiligen ist umgeben mit allegorisch dargestellten Bewohnern von Weltgegenden, in denen er weder je war oder je missioniert hatte. Anders gesagt: Bei den Figuren, die ihn umgeben, handelt es sich primär um Allegorien der Weltkontinente oder -kulturen. So sehr Franz Xavers Rang als Pionier der außereuropäischen Mission unumstritten ist, so sehr verfremdet diese allegorische Darstellung die Realitität und die eigentliche Qualität des Missionswerks des Heiligen. Franz Xaver hatte tiefen Respekt vor fremden Kulturen und sein Missionsansatz war nicht der einer Unterwerfung. Für seine Zeit hatter er ein sehr modernes und universalistisches Bild vom Christentum. Das Brokoffsche Denkmal repräsentiert hingegen das Verständnis von Mission als Vorstufe einer Art Kolonisierung von inferioren Kulturen. In zürnender Poste erhebt der Heilige das Kreuz über den fremden Völkern. Fast sieht es aus, als ob er mit dem Kreuz zuschlagen wolle.

Direkt um ihn herum befinden sich demütig zu ihm aufschauen Allegorien für Asien und für die Bekehrten (mit einer Bibel), die man auf dem Bild zweiten kleinen Bild oben sehen kann. Aber diese Gruppe der Adoranten mit dem Heiligen steht nochmals auf einer Steinplatte, die von etwas kleineren Personifizierungen von Kontinenten getragen wird. Die gebeugten Figuren ähneln – wohl bewußt als künstlerische Anspielung – sogenannten Atlanten, die sonst zur Stützung von Balkonen und Erkern in der Architektur verwendet werden. Besonders die Figur des Afrikaners erinnert dabei eindeutig an die eines Sklaven (Kleines Bild rechts). Vorne findet man eine mit zwei Katana-Schwertern ausgestattete Figur eines (mutmaßlichen) Japaners (Bild oberhalb links).

Immerhin war diese Sicht der Mission in Böhmen schon damals nicht unhinterfragt. Man betrachte zum Beispiel die Statue des Heilige vor dem Jesuitenkolleg in der Stadt Kutná Hora, die 1708/09 – also fast gleichzeitig – von dem Bildhauer Franz Baugut geschaffen wurde. Auch hier wird grob dem ikonographischen Kanon gefolgt, der vorsieht, dass Franz Xaver in Mantel und Chorhemd gekleidet zwischen allegorischen Darstellungen fremder Länder steht. Nur schaut der Heilige hier nicht streng auf die Menschen herab, sondern verzückt in den Himmel, göttliche Inspiration suchend. Die beiden lebensgroßen (also nicht verkeinerten) Allegorie des Orients neben dem Sockel sehen selbstbewusst aus und scheinen aufrichtig vom Glauben beseelt, was die Hand auf der Brust signalisiert. Auch scheint der Künstler die tatsächlichen Missionsgebiete des Heiligen symbolisieren (wie man sich sie halt damals so vorstellte). Sie schauen nicht servil zu dem Heiligen hoch und er nicht herablassend auf sie herab wie bei Brokoff. Sie unterwerfen sich nicht einem (heiligen) Menschen, sondern erkennen das göttliche Wirken, dass ihnen der Heilige als Mittler Gottes weitergab. Mission als Vorstufe der Unterwerfung – ein wirklicher Konsens darüber bestand in diesen Zeiten offenbar dann doch nicht. Zweifellos ist Brokoffs Statue mit seiner dramatischen Stufung eine der künstlerisch wertvollsten Barockdarstellungen des Heiligen Franz Xaver überhaupt. Dem Heiligen selbst hätte aber möglicherweise die Version von Kutná Hora besser gefallen. (DD)

Adalbert ohne Ruder

Immer wieder überwältigend, die Karlsbrücke bei Nacht! Dieser Anblick ermuntert mich mal wieder, eine der vielen schönen Statuen auf der Brücke näher vorzustellen. Vor dem Hintergrund des beleuchteten Kleinseitner Brückenturms ragt die Figur des Heiligen Adalbert (in Tschechien Vojtěch genannt) empor.

Erschaffen wurde die Statue im Jahre 1709 von den Brüdern Michael Johann und Ferdinand Maximilian Brokoff, den Söhnen des ebenso berühmten Bildhauers Johann Brokoff. Es handelt sich um ein Werk des Hochbarock – wie es bei den meisten Statuen der Karlsbrücke der Fall ist. Insbesondere Ferdinand Maximilian Brokoff sicherte sich durch seine Statuen auf der Brücke eine Reputation, die ihm später viele Aufträge sicherte. Was man heute sieht, ist nicht das Original, das irgednwann durch Wind und Witterung bedroht war, sondern eine exakte Kopie aus dem jahr 1973, angefertigt von den Bildhauern und Restauratoren Vojtěch (Vater) und Karel Hořínek (Sohn). Das dennoch recht gut erhaltene Original kann man in den Kasematten auf dem Vyšehrad bewundern (früherer Beitrag hier).

Der gute Adalbert ist so etwas wie ein Prager Lokalheiliger. Er war im Jahr 982 einer der ersten Bischöfe von Prag geworden und hatte das erste Mönchskloster, das Kloster Břevnov, gegründet, das zum böhmischen Zentrum christlicher Bildung und Kultur wurde. 997 war er allerdings wieder andernorts unterwegs, diesmal im heutigen Baltikum, um dort die Pruzzen zu missionieren. Die waren wohl noch nicht richtig reif für die Sache und wollten nicht bekehrt werden. Stattdessen erschlugen sie ihn – mutmaßlich mit einem Ruder und durchbohrten ihn sicherheitshalber noch eimal mit Spießen. Schon im Jahr 999 wurde der Märtyrer des Glaubens heilig gesprochen.

Der böhmische Herzog Břetislav I. überführte im Zuge eines Krieges mit Polen die Gebeine aus der Kathedrale im polnischen Gniezno nach Prag. Seither ruht er im Prager Veitsdom (Katedrála sv. Víta) und wird von den Tschechen als einer ihrer großen Heiligen verehrt. Wie die meisten Statuen auf der Karlsbrücke, war die des Heiligen Adalbert auch eine Stiftung. Kaum lesbar steht auf dem von Putten geschmückten Sockel, dass sie vom Ratsherrn und Altstädter Bürgermeister Marcus de Joanelli gespendet wurde. Der Heilige ist übrigens nicht mit seinen üblichen Attributen, dem Ruder und den Spießen, mit denen er getötet wurde, dargestellt. Das würde ihn ja eher mit dem Baltikum verbinden. Stattdessen genügt die Bischofsmütze und ein Buch, was daran erinnert, dass er als Prager Bischof die christliche Gelehrsamkeit im Lande vorangetrieben hatte. (DD)

Im Türkenkerker

Verzweifelt schauen sie aus ihrem engen Kerker heraus. Ob sie jemals befreit werden von ihrem schrecklichen Los?

Der besondere Reiz der Karlsbrücke (Karlův most; früherer Beitrag hier) , die ja bekanntlich im 14. Jahrhundert erbaut wurde, liegt nicht zuletzt in den Heiligenfiguren, die vor allem seit dem frühen 18. Jahrhundert auf beiden Seiten aufgestellt wurden. Und diese Statuengruppe ganz nah bei den Altstädter Türmen ist unter ihnen wohl die eindrucksvollste. Die im Gefängnis leidenden Gefangenen sind unschuldige Christen, die in die Hände der Türken geraten sind, was 1714, als der Bildhauer Johann Brokoff die Skulptur anfertigte, so im wesentlichen der Sammelbegriff für alle Muslime – also auch die arabischen – war.

Aber die Rettung ist nahe, denn drei Heilige nehmen sich ihrer an. Und die sind das Thema der Skulptur. Einer von ihnen ist der Heilige Johannes von Matha, der tatsächlich um 1198 auszog, um in Marokko von den „Heiden“ (die gewiss keine Türken waren) christliche Gefangene freizukaufen. Dabei half ihm später der Heilige Felix von Valois, der deshalb auch seine wohlbegründete Präsenz auf dem Sockel zeigt. Zusammen begründeten die beiden Franzosen dann den Trinitarierorden.

Etwas aus der Reihe – möglicherweise als Proporz-Böhme – fällt der Heilige Iwan, ein Einsiedler, der unweit von Prag bei Burg Karlštejn (genauer gesagt: hier) in einer Höhle seinem Eremitendasein frönte. Dabei lebte er nur von Pflanzen, die er im Walde fand, und der Milch einer Hirschkuh, die ihn – auf göttliche Fügung – begleitete. Die Hirschkuh und die goldenen Insignien weltlichen Besitzes liegen ihm hier zu Füßen. Von Muslimen in Gefangenschaft gehaltene Christen hat er allerdings nicht befreit – wohl aus Mangel an günstigen Gelegenheiten in den böhmischen Wäldern. Aber seine Frömmigkeit rechtfertigt in jedem Falle die Präsenz auf einem der Denkmalssockel auf der Karlsbrücke. Und bei so einer großen Sache musste ja auch irgendwie ein Böhme mit dabei sein.

Aber sind es wirklich die Heiligen, die den Betrachtern am meisten auffallen? Natürlich nicht, denn dazu ist der Türke mit seinem großen Turban und dem Schwert vor dem Kerker zu beeindruckend. Das Krummschwert ist aus Metall und nicht aus Stein. Seit der Errichtung wurde der Säbel immer wieder gestohlen und danach auch immer wieder ersetzt. Als das Denkmal errichtet wurde, wurde es von aufgebrachten Pragern immer wieder mit Exkrementen und Dreck beworfen. Denn, dass der muslimische Wächter eben wie ein Türke aussieht, war eine politische Aussage. Der Große Türkenkrieg (1683-1699) lag ja noch nicht lange zurück als die Statuengruppe errichtet wurde. Der sehr zeitgenössische Türke mit Turban war daher das personifizierte Feindbild schlechthin.

Ganz authentisch ist er in einer Hinsicht nicht. Da gleicht er mehr einem Tschechen. Er scheint nämlich Hundebesitzer zu sein. Und Hunde gelten im Islam als unrein, weshalb das Ganze nicht so recht zu passen scheint. Allerdings, so meinen einige islamische Rechtsgelehrte, dürfen sie als Wachhunde eingesetzt werden und sich so nützlich machen. Das macht der Hund vor der kleinen Zelle der Gefangenen mit Verve, wie man auf dem großen Bild oben sehen kann. Wenn der Türke den Hund allerdings nach der Arbeit mit zu sich nach Hause nimmt und als Schoßtier behandelt, ist es mit seiner Glaubensfestigkeit nicht weit her. (DD)

Brückenmuseum

Die Karlsbrücke ist die älteste erhaltene Brücke Prags. Bis tief ins 19. Jahrhundert war sie sogar die einzige steinerne Brücke, die über die Moldau führte. Dass der möglicherweise größte Touristenmagnet der Stadt eine überaus interessante Geschichte hinter sich hat, versteht sich von selbst. Die kann man sich zu Gemüte führen, wenn man das gleich neben dem Brückentor des Altstädter Ufers das Brückenmuseum besucht.

Schon das ursprünglich mittelalterliche, später aber barockisierte Gebäude, in dem das Museum beherbergt ist, weist einen historischen Bezug auf die Brücke auf. Es handelt sich nämlich um den Palast der Kreuzherren mit dem Roten Stern, eines Laienordens, der im 13. Jahrhundert von der heiligen Agnes von Böhmen gegründet worden war. Dem Orden und seiner Geschichte ist übrigens ein Raum im Museum gewidmet (kleines Bild links).

Wie dem auch sei, dem Orden oblag auch die Betreuung der Brücke die hier hinüberführte. Steigt man in den zugänglichen Kellerraum herab, kann man die Reste jener Brücke erkennen, die ursprünglich nur wenige Meter flussaufwärts der heutigen Brücke lag. die zwischen 1158 und 1172 erbaute Judithbrücke. Die war eigentlich die erste Steinbrücke gewesen und hatte eine im 10. Jahrhundert erbaute Holzbrücke abgelöst. Sie wurde allerdings 1342 durch eine Hochwasserkatastrophe zerstört. Auf dem großen Bild oben sieht man einen der 20 Bögen, auf denen sie dereinst ruhte.

Im sehr interaktiv und didaktisch modern konzipierten Museum kann man nun an Modellen und Videos lernen, wie die Brücke dann stattdessen als Karlsbrücke nur wenige Meter daneben (und weiterhin vom Orden betreut) ab 1357 auf Geheiß von Karl IV. errichtet wurde. Man kann aktiv nachvollziehen, wie die Steinmetze die Steine zurechtmeißelten oder die Kräne funktionierten. Weiter geht es mit den Skulpturen, die Brückentürme und Brücke selbst schmücken. Riesig ist das Museum nicht, aber die viele interessante Information erfordert doch ein wenig Zeit, die man sich aich auch nehmen sollte.

Eine Sammlung von Stichen mit Ansichten aus verschiedenen Jahrhunderten runden das Bild ab und zeigen auch, wie sich die Brücke über die Zeit veränderte. Man muss jetzt nur noch den Blick aus dem Fenster genießen, der eine herrliche Aussicht auch die Brücke bietet. Wenn man sich sonst noch eine Belohnung gönnen will, kann man ja in das kleine Museumscafé gehen, wo in einem besonders schnuckelig und schön gestalteten Barockraum leckerer Kuchen und Kaffee serviert wird. (DD)

Moderne Nationalheilige

Heute ist ein nationaler Feiertag in Tschechien. Man feiert die beiden Heiligen Kyrill und Method, die dereinst im 9. Jahrhundert die Slawen christlich missioniert hatten und dabei auch in einigen Regionen des heutigen Tschechiens wirkten.

Kein Wunder, dass sie sich auch unter den vielen in Stein gemeißelten Heiligen auf der Karlsbrücke befinden. Den Touristenmassen, die sich tagein und tagaus über die Brücke wälzen, fällt wohl nur selten auf, dass die beiden Slawenaposteln unter den vielen Heiligen eine künstlerische Sonderstellung einnehmen. Während die allermeisten anderen Heiligen in der Zeit des Barock (beginnend mit der Statue des Heiligen Nepomuk 1683) er- und aufgestellt wurden, ist die Statuengruppe von Kyrill und Method ein Werk der Moderne des 20. Jahrhunderts.

Dass das nicht jederman sofort auffällt, liegt am Künstler, dem Bildhauer Karel Dvořák, der 1928 den Auftrag für die Erstellung bekam, den er 1938 vollendete. Dvořák (wir erwähnten ihn u.a. bereits hier und hier) bemühte sich in dieser Schaffensperiode darum, die Formensprache des Barock und der Renaissance mit den künstlerischen Mitteln des modernen Kubismus und Funktionalismus auszudrücken. Deshalb sehen die beiden Heiligen von weitem tatsächlich ein wenig wie Barockstatuen aus. Erst bei näherer Betrachtung sieht man, dass sie moderner sind.

Aber wie kam es, dass auf der seit Barockzeiten bereits dicht mit Heiligen bevölkerten Karlsbrücke 1938 überhaupt noch Platz für die beiden modern gestalteten Heiligen war? Nun, an dieser Stelle stand natürlich zuvor eine andere Statue, nämlich die des Gründers des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola. Die war ein Werk aus dem frühen 18.Jahrhundert, geschaffen von dem Barockmeister Ferdinand Maximilian Brokoff.

Dann kam die Große Flut von 1890, die der Karlsbrücke schwere Schäden zufügte, und den armen Ignatius zerstörte und wegspülte. Als man nach einer längeren Schockstarre darüber nachdachte, die Lücke im Skulpturenreigen zu schließen, hatten sich die Zeiten geändert. Nicht mehr die Habsburger regierten, sondern es gab nun die Tschechoslowakische Republik. Ignatius war ein Symbol der Gegenreformation, was für die Tschechen mit Zwangskatholisierung und habsburgischer Fremdherrschaft gleichgesetzt wurde. Den wollte man nun nicht mehr aufstellen. Kyrill und Method spielten hingegen die der Nationalmythologie der Republik eine positive und tragende Rolle.

Und genauso nationalmythologisch hat Dvořák sie hier auch präsentiert. Mit hoch erhobener Hand segnet Method das slawische Volk; etwas darunter überreicht Kyrill ein Buch (wahrscheinlich die Bibel) und das Modell einer Rotunde (die Bauform der ersten böhmischen Kirchen). Das slawische Volk, das da die Gaben von Glauben, Zivilisation und Bildung empfängt, ist in der Form von drei allegorischen Frauengestalten dargestellt. Sie repräsentieren die drei Teile der damaligen Tschechoslowakei – Böhmen, Mähren und die Slowakei. Man könnte fast meinen, die Skulpturengruppe wäre zum heutigen Nationalfeiertag geschaffen worden.

Idyllischer Teufelsbach

Die schöne Kampa-Insel auf der Kleinseite, die man beim Weg über die Karlsbrücke überquert, ist eigentlich eine künstliche Insel. Das ist sie seit dem 12. Jahrhundert; genauer gesagt: Der Kanal, der sie vom „Festland“ trennt, wurde im Jahr 1169 erstmals urkundlich erwähnt. Erst seit dem 19. Jahrhundert trägt er den legendenträchtigen Namen Teufelsbach (Čertovka), der sich auf eine alte Sage über eine dort lebende Teufelsfrau beziehen soll oder auf den Namen eines nahegelegenen Hauses, das „Haus der Sieben Teufel“ heißt. Man weiß es anscheinend nicht so genau. In den Jahrhunderten zuvor hatte man ihm prosaischere Namen wie etwa Strouha Malá (Kleiner Graben) gegeben.

Das Inselareal, das er von der Kleinseite abtrennte, war ursprünglich Besitz des Malteserordens, der in der Nähe immer noch seinen Sitz hat (früherer Beitrag hier). Im 16. Jahrhundert gehörte  der Familie Rožmberk (Rosenberg) der größte Teil des Areals, später wurde es von der Stadt übernommen. Kurz zuvor hatte man auf dem Gelände, das zuvor ausschließlich Garten- und Ackerland war, mit der Bebauung begonnen, und zwar hauptsächlich im Norden der Insel, während der südlichere Teil bis heute eher idyllisch grün anmutet.

Über 740 Meter Länge erstreckt sich die Čertovka. Das Wasser wird etwas unterhalb der Brücke der Legionen (früherer Beitrag hier) in den Kanal abgeleitet, wobei der Anfangsbereich heute über 40 Meter so überbaut und verrohrt ist, dass man ihn gar nicht mehr erkennen kann. Das Wasser kommt plötzlich unter einem Fußgängerüberweg zum Vorschein.

Insgesamt acht kleine Brücken führen über den Kanal zum „Festland“. Und nur wenige Meter flussabwärts der größten von ihnen, der Karlsbrücke, kann man sehen, wie das Wasser wieder in die Moldau zurückfließt.

Warum baute man diesen Kanal überhaupt? Primär ging es den Erbauern des Kanals wohl darum, einen ruhigen, aber stetigen Antrieb für Mühlen zu schaffen. Eine Unzahl von Mühlen sind seit dem 12. Jahrhundert überliefert, aber nur zwei von ihnen haben bis in die heutige Zeit überlebt. In der Nähe des Anfangs des Kanals liegt zum Beispiel die Huťský mlýn (Hüttenmühle) mit ihrem schönen Wasserrad. Sie wurde 1293 erstmals erwähnt. Heute befindet sich darin ein gemütliches Café.

Schon wunderschön von der Karlsbrücke aus sichtbar befindet sich die  Velkopřevorský mlýn (Großpriormühle), die 1597-1600 auf den Fundamenten einer früheren mittelalterlichen Mühle erbaut wurde und ursprünglich auch den Maltesern gehörte, aber im 18. Jahrhundert endgültig von der Stadt (Kleinseite) übernommen wurde. Sie bietet einen besonders malerischen Anblick, egal ob man sie von der Karlsbrücke (großes Bild oben) oder von der Rückseite aus betrachtet. Es gab früher noch mehr Mühlen, nicht nur am Kanal, sondern etwa auch an der Moldau selbst (etwa das Gebäude des heutigen Kampa-Museums, früherer Beitrag hier).

Ein Spaziergang entlang des Čertovka-Kanals bietet also viel für das Auge. Grünanlagen und üppiger Baumbewuchs an den Ufern wechseln sich mit engen mittelalterlichen Gassen und pittoresken Barockhäusern. Gerade in diesem Teil des Graben versteht man, warum man Čertovka und Kampa-Insel so oft und gerne als das Venedig Prags bezeichnet. Irgendwie hat er so gar nichts Teuflisches, dieser Teufelsbach… (DD)



Held mit Löwe und antiken Anleihen

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Stolz steht er neben der Karlsbrücke auf einem der Pfeiler am Ufer der Kleinseite – mit seinem goldenen Schwert. Ritter Bruncvík ist zwar nur eine Sagengestalt aus einem alten Ritterroman, aber er kann sich rühmen, den Löwen zum Wappentier der Böhmen gemacht zu haben. Er fand nämlich, dass der bisherige Adler nicht würdig genug sei, und zog in die Welt, um einen echten Löwen zu IMG_5465finden, der als Vorbild für ein neues Wappen dienen sollte. Die Reise führte ihn durch viele Länder und er erlebte unzählige phantastische Abenteuer. Bei deren Schilderung hat der uns unbekannte Sagenautor aus dem frühen 15. Jahrhundert kräftig Ideen aus verschiedenen griechischen Sagen und Mythen abgekupfert. Bruncvík begegnet deshalb unter anderem Zyklopen (aus der Odyssee) und kann mit Mühen einen neunköpfigen Drachen töten, dessen Köpfe immer wieder nachwachsen (erinnert stark an die Hydra bei Herakles). Solche Anleihen an die Antike waren damals aber voll im Trend und strenge Copyright-Gesetze gab es noch nicht. Neu ist, dass der Held mit der Tötung des neunköpfigen Monsters einem Löwen das Leben rettet, der fortan sein getreuer Kumpan wird und ihn nach Böhmen begleitet, wo er es dann IMG_5464zum allseits beliebten Wappentier bringt.

Die Geschichte ist so schön, dass sie schnell einen Ehrenplatz in den Herzen der Böhmen einnehmen konnte. Schon um 1500 errichtete der berühmte Steinmetz Matěj Rejsek an der heutigen Stelle eine große Statue des Helden und Löwenfreundes im gotischen Stil. Die wurde aber 1648 in der Endphase des Dreißigjährigen Krieges von den Schweden durch Kanonenkugeln arg demoliert. Bruchstücke von Sockel und Torso befinden sich heute im Prager Lapidarium (eine Nebenstelle des Nationalmuseums). Die lassen aber nur noch vage erahnen, wie die Statue im Detail aussah.

Die Künstler des Historismus im 19. Jahrhundert (hier in seiner neogotischen Ausprägung) verfügten aber über genügend Selbstbewusstsein, um die Lücken im IMG_5466Wissen um die Gestaltung mit eigenen Nachempfindungen zu füllen. 1886 ließ der Bildhauer Ludvík Šimek den alten Ritter wieder am alten Platz auferstehen, mitsamt seines Löwen, der ihm zu Füßen liegt. Der Ritter sieht jetzt noch echter als echt aus – so wie das Mittelalter unserer Kindheitsimagination!

Und am meisten fällt natürlich das goldene (naja, in diesem Fall wohl vergoldete) Schwert auf, das der Sandsteinritter in seiner Hand hält. Das soll Bruncvík am Ende seines Heldenlebens in einen Sockel der Karlsbrücke eingemauert haben (andere Varianten der Legende besagen, er habe es in die Moldau geworfen). Es soll angeblich wieder als unbesiegbare Wunderwaffe auftauchen, wenn Böhmen wirklich in Gefahr ist. Leider ist das halt nur eine Legende, denn bei der Besetzung durch die Nazis 1938, der Machtübernahme der Kommunisten 1948 oder der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 war das Schwert nicht zur Stelle als man es hätte brauchen können. Die Liebe der Tschechen zu ihrem Bruncvík hat dieses bedauerliche Schwertversagen nicht gemindert. (DD)

Karl als Turmfigur (mit Sohn Wenzel)

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Karl IV. begleitet uns schon seit einigen Tagen. Zuletzt ging es um die Statue aus dem 19. Jahrhundert, die neben der 1357 erbauten Karlsbrücke am Altstadtufer steht. Schaut man von dort aus aber nach oben, dann erkennt man die einzige skulpturale quasi-zeitgenössische Darstellung des Kaisers – ein Werk von kunsthistorischer Bedeutung, das IMG_9504man leicht übersehen kann. Sie befindet sich über dem Torbogen auf Höhe des zweiten Stockwerks des Altstädter Brückenturms (kleines Bild links). Der Turmbau wurde noch zu Lebzeiten Karls im Jahre 1370 begonnen und 1380 (zwei Jahre nach seinem Tode) fertiggestellt.

Da war bereits sein Sohn Wenzel IV. an der Macht. Naja, das mit der Nummerierung ist erklärungsbedürftig, weil die in Touristenführen üblichen Bezeichnungen „Karl IV.“ und „Wenzel IV.“ im Zusammenhang mit den Turmfiguren irreführend sind. Auf der Rangebene Wenzels IV. war Karl IV. eigentlich Karl I. Klar? Anders erklärt: Als deutscher Kaiser war Karl tatsächlich Karl IV., während Wenzel hingegen Wenzel I. gewesen wäre, hätte es auf dem deutschen Kaiserthron noch einen zweiten Wenzel gegeben. So blieb er als Kaiser unnummeriert. Als König von Böhmen war Wenzel allerdings die Nummer IV. (Wenzel, auf Tschechisch Vacláv, ist der böhmische Traditionsname schlechthin!). IMG_9502Einen Karl gab es aber vorher in Böhmen noch nicht, weshalb Kaiser Karl IV. als Böhmenkönig eigentlich Karl I. war (obwohl das in den Touristenführern immer unterschlagen wird). Die I. als Nummer bekam er, weil es im Gegensatz zu „Wenzel“ im Deutschen Kaiserreich, später in Böhmen noch einen zweiten Karl gab – den Habsburgerkaiser Karl VI., der von 1711 bis 1740 als böhmischer König den Namen Karl II. führte. Puh, da sieht man, welche Probleme Ämterhäufung mit sich bringt. Darüber Dinge sollte man intensiv nachdenken, wenn man den Altstädter Turm hinaufblickt.

Wie dem auch sei: Wenzel -/IV. sitzt deshalb rechts von Karl. IV./I. Zwischen beiden deutschen Kaisern/böhmischen Königen steht salbungsvoll der Heilige Veit, nach dem der von Karl erbaute Veitsdom auf der Burg benannt ist. Ebenfalls erkennbar sind zwei Wappen, wobei das mit dem Adler für das Reich und der Löwe für Böhmen stehen.

Wer genau hinguckt, wird übrigens feststellen, dass der Bildhauer nebenan stehenden Statue aus dem 19. Jahrhundert (siehe vorheriger Beitrag) sich beim Gesichtsausdruck Karls recht genau an die mittelalterliche Vorgabe oben auf dem Turm gehalten hat. (DD)

Über den Dächern von Prag – Der Kleinseitner Brückenturm

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Jeder Pragbesucher hat ihn schon einmal gesehen, aber wohl kaum einer bestiegen, den größeren Kleinseitner Brückenturm, der zusammen mit dem  kleineren und wesentlich älteren Judith-Turm am IMG_2822Ende der Karlsbrücke ein etwas ungleiches Tor zur Kleinseite bildet. Er steht an der Stelle eines älteren romanischen Turms, der ursprünglich mit dem Judith-Turm zusammen den Zugang zur gleichnamigen Judithbrücke, dem Vorgänger der Karlsbrücke, bildete. Er ist ein schönes Beispiel für die nach hussitische Prager Spätgotik. Georg von Podiebrad ließ ihn bewusst in Anlehnung an den Altstädter Brückenturm von Peter Parler  bauen.

Turm1Heute wird er vom Museum der Hauptstadt Prag verwaltet. Hat man die Kasse und den Souvenirshop passiert, kann man an einigen Schautafeln über die Geschichte des Turmes vorbei hinauf zur Galerie steigen, die früher von der Turmwache genutzt wurde, um eventuelle Feuersbrünste frühzeitig zu erkennen. Und tatsächlich, man hat einen fantastischen Ausblick auf die ganze Stadt, auf Kleinseite, den Burgkomplex, Petrin, die Moldau, Alt- und Neustadt, Vyšehrad bis zum Vitkov und der Letná-Höhe. Turm4 (2)

Am schönsten aber ist es, auf das rote Dächermeer direkt unter einem zu blicken. Da entdeckt man manch schöne Dachterrasse, auf der man sich auch gerne sonnen würde. Und ganz in Ruhe kann man beobachten, wie die Touristenmassen sich über die Karlsbrücke wälzen – eine Sache, die bis 1989 die Geheimpolizei vom benachbarten Judithturm auch schon mit boshafter Akribie betrieb. Allerdings nicht ganz so im interesselosen Wohlgefallen, wie wir heute.

Turm8Dass man oben auf der Galerie fast keinen Touristen findet, kann auch daran liegen, dass kaum einer der einschlägigen Stadtführer erwähnt, dass man den Turm besteigen kann und zwar ganzjährig. (Hier die Öffnungszeiten) Ein guter Tipp für alle, die rüstig und schwindelfrei sind, mitten im Trubel den Massen zu entkommen und einfach sensationelle Ausblicke zu genießen. (LSD)

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